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Harmonisierung mit Hindernissen


Bei den Stipendien haben immer noch die Kantone das Sagen
Dass in der Schweiz die Kantone über stützt die Bestrebungen zu einer Vereinheit-
Stipendien für Studierende entscheiden, lichung der Stipendien, wie Nils Heuberger von
führt teilweise zu grossen Ungleichhei- der zuständigen Projektstelle der EDK erläutert.
Die EDK lässt momentan eine «interkantonale
ten. Zwar sind in letzter Zeit vermehrt Vereinbarung» ausarbeiten, die zumindest ver-
Bemühungen für eine Harmonisierung bindliche Mindeststandards im Stipendienwesen
des Stipendienwesens erkennbar. Doch enthalten soll. Die Vereinbarung soll laut Heu-
es sind noch Hindernisse zu überwinden. berger ab Anfang 2008 von den Kantonen ratifi-
ziert werden. Heuberger betont aber auch, eine
Ein Studium zu absolvieren, braucht nicht nur gewisse Flexibilität unter den Kantonen sei er-
Energie und Durchhaltewillen, sondern vor allem wünscht. Kantone, die keine eigene Hochschule
auch eines: Geld. 1650 Franken, so hat das Bun- hätten, wiesen wegen der hohen Zahl an Aus-
desamt für Statistik (BfS) errechnet, braucht der wärtsstudierenden einen grösseren Kreis von Be-
durchschnittliche Schweizer Student im Monat. zügern auf und müssten entsprechend darauf
Dieses Geld kommt zum grössten Teil von den reagieren können.
Eltern der Studierenden und aus Einkommen aus Ein solcher Kanton ist zum Beispiel Graubün-
einem Nebenerwerb. Die Unterstützung durch den. Während in Zürich nur knapp 2 Prozent der
die öffentliche Hand ist zweitrangig: 2005 er- Studenten ein Stipendium erhalten, sind es in
hielten nur 16 Prozent der Studenten in der Graubünden gut 9 Prozent. «Unsere Studenten
Schweiz ein Stipendium oder Darlehen, um ihre haben weitere Wege und höhere Aufwendungen
Ausbildung zu finanzieren. Für diese Bezüger für ihre Unterkunft», begründet Hermann Laim,
stellen die Beiträge allerdings eine wichtige Ein- Departementssekretär im Bündner Erziehungs-
nahmequelle dar. departement, diesen Unterschied. Dieser Um-
stand und die laut Laim «angespannte Finanz-
Unterschiedliche Systeme lage» des Kantons führen dazu, dass die Bündner
Zuständig für die Vergabe von Stipendien an Per- Stipendienbezüger im Schnitt gut 5000 Franken
sonen in Ausbildung sind in der Schweiz die Kan- pro Jahr erhalten. In Zürich, am anderen Ende
tone. Weil nicht nur die Mindest- und Maximal- der Skala, ist der Betrag fast doppelt so hoch.
beiträge von Kanton zu Kanton verschieden sind, Allerdings, erläutert Hermann Laim, hat die
sondern auch das Berechnungssystem, kann es Bündner Regierung gerade die Botschaft zu einer
zum Teil zu erheblichen Unterschieden kommen. Totalrevision des Stipendiengesetzes verabschie-
In einer Berechnung von Fallbeispielen der Zeit- det, welche die Gesamtausgaben für Stipendien
schrift «Beobachter» aus dem Jahr 2005 zeigte deutlich erhöht und die Empfehlungen für Min-
sich, dass die Stipendien in gewissen Kantonen destanforderungen des Bundes übernimmt.
doppelt so hoch ausfallen können wie in angren-
zenden Kantonen. Erschwerend kommt hinzu, Der Bund will nicht harmonisieren
dass Stipendien in jenem Kanton beantragt wer- Nils Heuberger von der EDK stellt fest, dass sich
den müssen, in dem sich der «stipendienrecht- die Stipendiengesetze der Kantone bei kantona-
liche Wohnsitz» befindet. Dieser entspricht im len Revisionen in der letzten Zeit stärker angegli-
Normalfall dem Wohnsitz der Eltern, wie Ivo chen haben. Damit sei zumindest teilweise eine
Talew, Chef des für Stipendien zuständigen Amts Harmonisierung erreicht worden. Bedauerlich sei
für Jugend und Berufsberatung im Kanton Zü- allerdings, dass der Bund im Rahmen der Neu-
rich, erklärt. Studierende, die am selben Ort woh- gestaltung des Finanzausgleichs (NFA) die Chan-
nen und dieselbe Hochschule besuchen, können ce zu einer Harmonisierung nicht wahrgenom-
so sehr unterschiedliche Beiträge erhalten – je men habe. Als Folge der NFA unterstützt der
nachdem, ob die Eltern im Kanton Zürich oder Bund die Kantone nur noch bei den Stipendien im
im Kanton Graubünden wohnen. Tertiärbereich, also bei den Hochschulen. Dafür
Die Forderung nach einer Harmonisierung hätte er dort die Kompetenz, die Harmonisierung
des Stipendienwesens liegt deshalb auf der Hand. mit einem Rahmengesetz voranzutreiben. Ent-
Sie wurde bereits in den achtziger Jahren von der gegen dem Wunsch der EDK, so Nils Heuberger,
Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) erhoben. enthalte das Gesetz nun aber kaum harmonisie-
Getan hat sich bisher aber nur wenig. Jüngst hat rende Elemente.
sich der Schweizerische Wissenschafts- und Tech- Auch Virginia Suter vom Wissenschaftsrat be-
nologierat (SWTR) des Themas angenommen dauert das fehlende Engagement des Bundes für
und in einer Publikation gefordert, die Stipendien eine Harmonisierung. Trotzdem ist sie zuversicht-
zu vereinheitlichen – und die Beiträge gesamthaft lich, dass sich im Schweizer Stipendienwesen bald
zu erhöhen. Es herrsche ein «Reformstau», kon- einiges tun wird. «Es sind viele positive Zeichen
statiert der SWTR und verlangt die Einführung für eine Veränderung da», meint sie. Nebst der
eines Stipendienwesens, «das auf die Bedürfnisse EDK, welche sich mit ihrer Projektstelle stärker
der Wissensgesellschaft» ausgerichtet ist. um das Thema kümmere, seien auch verschie-
«Es gibt keinen Grund, die Stipendien nicht zu dene hängige Motionen auf Bundesebene ein An-
harmonisieren», hält Virginia Suter, wissenschaft- zeichen dafür, dass man sich des Problems anneh-
liche Mitarbeiterin beim Wissenschaftsrat, fest. men wolle.
Es gehe hier um den Gerechtigkeitsgedanken:
«Alle Studierenden sollen dieselben Bedingun- Gegen eine Schlechterstellung
gen antreffen.» Suter ist zudem überzeugt, dass es Eine deutlich pessimistischere Einschätzung gibt
schlicht ineffizient ist, mit 26 verschiedenen Ivo Talew vom Zürcher Amt für Jugend und Be-
Reglementen zu arbeiten. rufsberatung ab. Nicht zuletzt, weil er befürchtet,
dass sich sein Kanton, der sehr hohe Beiträge aus-
«Gewisse Flexibilität erwünscht» bezahlt, bei einer Harmonisierung nach unten
Auch die EDK, in der die Erziehungsdirektoren orientieren müsste. «Wir wollen nicht ohne Not
der Kantone zusammengeschlossen sind, unter- unsere Leute schlechter stellen», meint er. Eine
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substanzielle Vereinheitlichung der Stipendien


wäre nur über die NFA möglich gewesen. Da dies
nun nicht geschehen sei, schätze er die Chancen
für eine Harmonisierung als «sehr gering» ein.
Nico Luchsinger