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Paul Zindel Totgesagte leben gut die detektive #2 s&c 07/2008 Quentins und Indias Mitschüler Timmy
Paul Zindel
Totgesagte
leben gut
die detektive #2
s&c 07/2008
Quentins und Indias Mitschüler Timmy kommt bei einem
Schulausflug ums Leben. Obwohl auf den ersten Blick alles
auf einen tragischen Unfall hindeutet, sind sich die beiden
Detektive sicher: Hier geht es um Mord! Schon bald führt
eine brandheiße Spur sie nach Los Angeles. Doch was sie
dort erwartet, lässt sie an ihrem Verstand zweifeln …

ISBN: 3-7855-4416-2 Original: Hawke mysteries #2: The Surfing corpse Aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitta Merschmann Verlag: Loewe Erscheinungsjahr: 2002 Umschlaggestaltung: Silvia Christoph & Andreas Henze

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Paul Zindel

Paul Zindel Totgesagte leben gut Aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitta Merschmann

Totgesagte leben gut

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitta Merschmann

Paul Zindel Totgesagte leben gut Aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitta Merschmann

Die Deutsche Bibliothek-CIP-Einheitsaufnahme Zindel, Paul:

Totgesagte leben gut / Paul Zindel. Aus dem Amerikan. übers, von Brigitta Merschmann.

– Bindlach: Loewe, 2002

-1. Aufl

(Die Detektive) Einheitssacht.: The surfing corpse ‚dt.‘ ISBN 3-7855-4416-2

Der Umwelt zuliebe ist dieses Buch auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.

ISBN 3-7855-4416-2 -1. Auflage 2002 ©2001 by Paul Zindel Die Originalausgabe ist in den USA und Kanada bei Hyperion unter dem Titel P.C. Hawke mysteries #2: The Surfing corpse erschienen. Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung von Hyperion. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitta Merschmann. © für die deutsche Ausgabe 2002 Loewe Verlag GmbH, Bindlach Umschlagillustration: Silvia Christoph Umschlaggestaltung: Andreas Henze Gesamtherstellung: GGP Media, Pößneck Printed in Germany

www.loewe-verlag.de

Inhalt

Inhalt Picknick im Grünen 7 Wo ist die Leiche? 20 Eine lustige Witwe 25 Dreck am

Picknick im Grünen

7

Wo ist die Leiche?

20

Eine lustige Witwe

25

Dreck am Stecken

33

Verschwunden

42

Hollywood ruft

52

Gespräch mit dem Jenseits

62

Familienbande

66

Der

Untote

78

Der kalte Hauch

87

Unheimliche Begegnung

94

Verschwörungstheorie

100

Im Herzen der Finsternis

110

119

Kein Entkommen

125

Am Abgrund

131

Steinreich!

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Aus den Akten des Schreckens von Quentin Marlon:

Totgesagte leben gut Fall #2

FALL #2 BEGANN UNGEFÄHR SO:

Habt ihr schon mal von den Potem- kin’schen Dörfern gehört? Vor langer, langer Zeit ließ ein Russe namens Potemkin ein komplet- tes künstliches Dorf erbauen. Lau- ter hübsche Fassaden, die bei den Besuchern den Eindruck erwecken sollten, alles sei in schönster Ordnung, obwohl das genaue Gegen- teil zutraf. Aber denkt bloß nicht, dass dieser Potemkin ein Einzelfall war. Im Leben begegnet man allen möglichen Potemkin’schen Dörfern. Vor einigen Jahren beispielsweise hat David Copperfield, der berühmte Magier, die Freiheitsstatue ver- schwinden lassen – oder doch nicht? Die breite Masse zu täuschen ist manchmal gar nicht so schwer. „Ja und?“, werdet ihr fragen. Nun ja, wenn man Detektiv ist – so wie ich, Quentin Marlon, und meine Freundin und Kollegin India Riggs –, ist es immens wichtig, die Illusion von der Wahrheit zu trennen. Aus eben- diesem Grund kommen wir immer wie-

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der auf die Potemkin’schen Dörfer zurück. Ein Beispiel: Man ist über- zeugt, jemand sei tot und begraben. Man trauert, vergießt vielleicht sogar ein paar Tränen, aber dann geht das Leben wieder seinen ge- wohnten Gang. Und eines Tages sieht man plötz- lich den Toten eine Straße überque- ren, quasi als wandelnder Leichnam. Genau so ist es India und mir er- gangen – wir sahen einen Toten durch die Gegend spazieren. Wie stets ist dies die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit – wenn manchmal auch schwer zu sagen ist, was denn nun eigentlich die Wahr- heit ist, euer Quentin Marlon

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Picknick im Grünen

Picknick im Grünen Vor sechs Wochen fing alles an, auf einem völlig normalen Schulausflug an einem

Vor sechs Wochen fing alles an, auf einem völlig normalen Schulausflug an einem völlig normalen Herbsttag – wobei man hinsichtlich unserer Schule, der Westside School, eigentlich prinzipiell nicht von Normalität sprechen kann. Die Westside ist eine teure Privatschule, deren Schüler entweder reich oder berühmt sind oder ein Stipendium krie- gen, das eigens für schräge Vögel erfunden wurde. Wir sind wohl der bunteste Haufen privilegierter, begabter, abgefahrener und durchgedrehter Kids von ganz New York. Und wenn man bedenkt, dass die Stadt etwa acht Millionen Einwohner hat, will das etwas heißen. Die anderen Westside-Kids würden beschwö- ren, dass nicht sie, sondern India und ich die schrä- gen Vögel sind. „Wo sie auftauchen, gibt es Tote“ – so erzählt man sich an unserer Schule. Und ich muss zugeben, in gewissem Sinne stimmt es sogar. Aber glaubt mir, das ist nicht unsere Schuld. Konnten wir denn etwas dafür, dass sich eine re- nommierte Wissenschaftlerin am Museum für Na- turgeschichte hatte umbringen lassen? War es ein

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Vergehen zu bemerken, dass eine der Puppen im Schaufenster des Kaufhauses Bloomingdale’s in Wahrheit eine geschickt zurechtgemachte Leiche war? Wir sind eben aufmerksam – na schön: neugie- rig – und lassen uns kein X für ein U vormachen. Wir wollen, dass die Gerechtigkeit siegt. Aber sind wir deshalb schon schräg, frage ich euch? Nehmt zum Beispiel nur Cubby Katz. Ja, bitte nehmt ihn – und uns damit eine Last von den Schultern. Stellt euch vor: Er bewahrt seine abge- schnittenen Finger- und Fußnägel in einem Glas im Kühlschrank auf, damit er geklont werden kann, sollte er von einem Lkw überrollt werden. Das ist euch nicht abgedreht genug? Na, dann versucht es doch mal mit Kendra Morgenstern. Kendras Hamster starb, nachdem er drei Jahre lang im Koma gelegen hatte. Ihr würdet bestimmt sa- gen: „Jetzt reiß dich zusammen, begrab das arme Tier und lass es in Frieden ruhen.“ Aber nein. Kendra hat das Teil ausstopfen lassen, das Ergebnis in ihrem Zimmer aufgestellt und einen kleinen Altar davor errichtet. Ich schätze, man sollte sie für ihre unverbrüchliche Zuneigung zu ihrem Liebling bewundern. Aber wenn ihr mich fragt – ich finde es geradezu abstoßend und pervers. Es erübrigt sich wohl zu erwähnen, dass Kendra nicht viel Besuch kriegt.

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Dann ist da noch Timmy Warner. Oder zumin- dest war er da, bis wir unseren alljährlichen Schul- ausflug unternahmen. Am Morgen des 29. Septem- ber fuhren wir in Begleitung einiger Eltern, die uns beaufsichtigen sollten, mit dem Bus gen Westen zum Delaware-Naturschutzgebiet. Der Rest unse- rer Aufpasser bildete in Minitransportern und BMWs die Nachhut. Timmy saß neben India im Bus; sein untersetzter, muskelbepackter Körper versperrte ihr den Weg zum Mittelgang. India blickte immer wieder Hilfe suchend zu mir und verdrehte die Augen. Timmys Gesellschaft war ihr alles andere als willkommen – während er neuerdings eine Vorliebe für sie gefasst zu haben schien. Man sollte meinen, ein halbwegs gut aussehen- der Typ wie Timmy wäre in der Lage, zumindest eine unverfängliche Verabredung mit India anzu- leiern. Eine Kontaktanzeige, die ihn beschreiben würde, könnte ungefähr so aussehen: „Viel Hirn und noch mehr Muskeln – ein Supertyp, ziemlich erfolgreicher Jungschauspieler und Werbedarsteller, Mitglied zahlreicher Vereine …“ Das beweist, wie irreführend Kontaktanzeigen sind. Timmy war zwar all das – aber er war auch oberflächlich, selbst- süchtig und kaltherzig. Kurz und gut, ein Analpha- bet in Sachen Sozialkontakte. Wenigstens ließ India sich nicht vom Glanz sei-

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ner Miniberühmtheit blenden – dem nicht viele unserer Klassenkameradinnen widerstehen würden. Meine Theorie ist, dass Timmy die arme India aus ebendiesem Grund so hartnäckig umwarb: Man will ja immer das haben, was man nicht kriegen kann, oder? Wie dem auch sei, eins musste der Neid ihm lassen: Timmy war als Kleindarsteller recht groß im Geschäft – obwohl mir seine Interpretation von Tarzan in dem Snickers-Werbespot nicht wirklich gefiel. Andererseits bin ich kein Insider – kann ja sein, dass die Snickers-Fans darauf abfahren. Timmys Mum hatte ihn dazu gedrängt, Schau- spieler zu werden, so wie zuvor schon seine ältere Schwester Marina, die große blaue Kulleraugen und ein Gesicht wie ein Pfannkuchen hatte. Mari- na Warner war früher auch auf die Westside School gegangen, bis sie eines Tages urplötzlich das Hand- tuch warf und von der Bildfläche verschwand. Später erfuhren wir, dass sie nach Kalifornien gegangen war, um sich ganz auf ihre Schauspielkar- riere konzentrieren zu können. Hin und wieder sah man ihr Pfannkuchengesicht im Hintergrund eines Kinofilms. Ich wusste jedoch, dass es ihr in Los Angeles nicht besonders gut ging. Eine Mutter zu haben, die um jeden Preis Hol- lywood erobern will, ist normalerweise keine gute Voraussetzung dafür, geistig völlig gesund zu blei-

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ben. Die Warners bildeten da keine Ausnahme. Marina hatte schon damals Unmengen von glück- lich machenden Drogen eingeworfen, aber wer konnte schon sagen, wie kaputt Timmy war – er verbarg es wohl nur besser als seine Schwester. Wie ihr mittlerweile wohl erraten habt, konnte ich den Typ nicht ausstehen, und da war ich nicht der Einzige. Zwar verabredete er sich oft mit Mäd- chen, die ihn aus der Ferne angehimmelt hatten, aber das hielt nie lange. Er hatte auch nicht viele Freunde – eigentlich gar keine, um genau zu sein – , und wie wir bald herausfinden sollten, konnte ihn nicht einmal seine eigene Mutter leiden. Da saß er nun also und ging India gehörig auf die Nerven. Ich spielte mit dem Gedanken, ihm zu sagen, er solle Leine ziehen, entschied mich jedoch dagegen, weil die Fahrt sich ihrem Ende näherte. Außerdem war India ein großes Mädchen und brauchte keinen Beschützer. Mann, war die geladen, als sie aus dem Bus stieg! „Herzlichen Dank für die Hilfe!“, zischte sie, als wir unsere Rucksäcke mit dem Proviant schnappten. Wir folgten unserer furchtlosen An- führerin, Miss Conlan, auf einen Wanderweg. Auf einem Schild am Rand des Pfads stand:

Heaven-Falls-Grillplatz 700 Meter. Der Weg führte einen steilen Berg hinauf. Auf der linken Seite, durch die Lücken zwischen den Bäumen, erblick-

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ten wir einen atemberaubenden Wasserfall. Der Delaware River umtoste die Klippen und ergoss sich dann im freien Fall 150 Meter in die Tiefe, wo er in einem felsigen Becken aufgefangen wurde. An einer Seite des Wasserfalls führte eine Über- laufrinne aus Beton nach unten und mündete in einem Gebäude mit der Aufschrift Delaware- Wasserkraftwerk. „Mir tut jeder arme Fisch Leid, der sich in die- ser Überlaufrinne verfängt“, bemerkte ich. „Die Turbinen im Werk zermahlen ihn schneller zu Fischmehl, als man Fischstäbchen sagen kann.“ India schaute nicht einmal hin. „Spar dir deine Ablenkungsmanöver, Quentin!“, fuhr sie mich an. „Wieso hast du mich nicht aus den Klauen dieses Neandertalers gerettet?“ „Wer bin ich denn – etwa dein Ritter? Ich dachte, es sei besser, sich rauszuhalten.“ „Na, jedenfalls war’s die Hölle, die ganze Fahrt von diesem Typ bequatscht zu werden.“ India stöhnte. „Trotzdem – irgendwie ist es komisch:

Man braucht nur etwas Zeit mit einem Menschen zu verbringen, und schon entdeckt man Gemein- samkeiten.“ So ist India – sie muss immer alles analysieren. Aber genau das macht sie zu einer so großartigen Detektivin. Sie hat ein Gespür dafür, was in den Leuten vorgeht. Allerdings konnte ich mir beim

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besten Willen nicht vorstellen, welche Gemein- samkeit sie und Timmy haben könnten – außer der Luft, die sie atmeten. „Wenn es um Geld geht, haben wir beide Prob- leme mit unseren Eltern“, fuhr sie fort. „Mum und Dad klagen ständig, dass es vorne und hinten nicht reicht.“ Sie trat nach einem Kieselstein. „Die Le- benshaltungskosten in New York fressen sogar all ihre Ersparnisse auf.“ „Hast du sie etwa um eine Taschengelderhö- hung gebeten oder so?“, fragte ich. „Alle anderen an der Schule kriegen mehr als ich!“, ereiferte sich India. Anscheinend hatte ich voll ins Schwarze getroffen. „Du kennst mich, Quentin – ich bin die ungekrönte Königin der Sonderangebote, oder? Es ist nicht so, dass ich das Geld mit vollen Händen ausgebe.“ „Nein, nein“, bestätigte ich. „Du hast eine Vor- liebe für Schnäppchen.“ „Genau.“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber nein, angeblich müssen sie das Geld zusammenhalten, um das Dach reparieren zu lassen!“ India und ich sitzen gern oben auf ihrem Dach. Wegen der Teerdachpappe nennen wir es unseren Asphaltstrand. Die Riggs bewohnen ein altes Haus in der 70. Straße, und das Dach ist einer der cools- ten Plätze, die man sich vorstellen kann. Von dort hat man eine tolle Aussicht auf den Central Park;

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man kann Inlineskater beobachten, Frisbee-Spieler, Leute, die Kinderwagen schieben, und jede Menge tobsüchtige Irre. Wie gesagt, das Dach ist einmalig; aber ich muss zugeben, es könnte eine neue Dachpappe gebrau- chen. „Also hab ich mich letzte Woche hingesetzt und die Löcher in meinen Socken zugenäht“, fuhr sie fort. „Du hast die Löcher gestopft, nicht zugenäht, stellte ich richtig. Die Kreuzworträtsel in der New York Times sind doch zu etwas nütze, wenn man seinen Freunden mit kleinen Klugscheißereien auf den Wecker fallen möchte. „Quentin, halt die Klappe, ja?“ „Netter Wasserfall, oder?“, sagte ich, um das Thema zu wechseln. India schaute sich zum ersten Mal um. „Mann! Das ist Wahnsinn hoch drei.“ Inzwischen hatten wir die Anhöhe erklommen, auf der sich der Grillplatz befand, deshalb hatte ich keine Gelegenheit mehr, India eingehender nach Timmy und seinen Problemen auszufragen. Aber das machte nichts. Ich sollte schon sehr bald mehr erfahren. Hier oben gab es Volleyballnetze, ein eher arm- seliges Fußballfeld und ein paar anscheinend häufig benutzte Feuerstellen.

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„Also gut, Leute“, verkündete Miss Conlan durch ihre batteriebetriebene Flüstertüte. „Wir essen in einer Stunde. Danach steht eine Wande- rung zum Wasserfall auf dem Programm. Wer möchte jetzt Volleyball spielen?“ India und ich scherten uns nicht um Miss Con- lans Zeitplan, sondern packten gleich unseren Pro- viant aus. Wir hatten Hunger, und außerdem woll- ten wir nach dem Aufstieg verschnaufen. Die meis- ten anderen beteiligten sich an dem langweiligen Volleyballspiel. Die Stars des Jahrgangs saßen im Kreis, tauschten den neuesten Klatsch aus oder machten ein Nickerchen in der Sonne. Mehrere Mädchen pinselten wahre Miniatur-Meisterwerke auf ihre künstlichen Nägel. Und drei notorische Verlierertypen rannten herum wie Wahnsinnige und spielten Fangen mit einer Baseballmütze, die sie einem Klassenkameraden geklaut hatten. „Wie kindisch“, bemerkte India und mampfte ihre Teigtasche mit Avocado-Füllung. Ich hatte gerade die Hälfte meines Tomaten- Mozzarella-Sandwiches vertilgt, als wir plötzlich aus der Richtung der Eichen und Sträucher links von uns Timmys Kreischstimme hörten. „Hände weg!“, brüllte er. „Das ist mein Geld, nicht deins! Wann kriegst du das endlich in deinen Betonschädel?“ India und ich erstarrten. Wir hörten auf zu es-

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sen, um nur ja nichts zu verpassen. An einem Tag in der Pampa geht doch nichts über einen kleinen verbalen Schlagabtausch, den man belauschen kann. „Sprich nicht in diesem Ton mit mir! Zeig ge- fälligst ein bisschen mehr Respekt!“, erwiderte eine Frauenstimme. „Oje“, zischte India. „Das ist seine bescheuerte Mutter.“ Mrs Warner gehörte zu den Aufpassern, die sich uns angeschlossen hatten, obwohl sie zu den ande- ren Eltern passte wie die Faust aufs Auge. Sie zog sich schlampig an, trug vorzugsweise indianische Ponchos vom Flohmarkt und Overalls aus dem Supermarkt – so demonstrativ, als wolle sie damit eine Botschaft verkünden. Außerdem nahm sie kein Blatt vor den Mund, lachte zu laut und gab ständig mit Timmy und seiner Schwester an, die nach ihren Worten eines Tages weltberühmte Filmstars sein würden. „Ich fasse es nicht, dass Timmy so mit ihr spricht“, murmelte India. „Ja, ganz schön unverschämt“, bestätigte ich. „Aber neu ist das nicht.“ „Wieso sollte ich dir Respekt zeigen?“, konterte Timmy bitter. „Du bist eine geldgierige alte Hexe, sonst nichts!“ „Und du bist durch und durch undankbar!“,

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erwiderte Mrs Warner mit tränenerstickter Stimme. „Wer war’s denn, der dich überhaupt erst in Kon- takt mit dem Showgeschäft gebracht hat?“ „Wenn du eine richtige Mutter wärst, dann würdest du dich neidlos freuen, dass dein Sohn gutes Geld verdient!“, schoss er zurück. „Während ich in Lumpen herumlaufe? Und was ist mit deiner Schwester? Meinst du nicht, du soll- test ihr hin und wieder unter die Arme greifen?“ „Marina kann selbst für sich sorgen“, sagte Timmy. „Ich muss in erster Linie an meine eigene Zukunft denken.“ „Ich denke doch auch an deine Zukunft! Ist dir eigentlich bewusst, was für einen Eiertanz ich auf- führen musste, um einen Stipendiatenplatz an der Westside für dich zu kriegen?“, fauchte Mrs War- ner. „Ich habe den Platz an der Westside aufgrund meiner schulischen Leistungen bekommen“, stellte Timmy richtig. „Und wenn ich Geld von meinem Treuhandkonto abheben wollte, würde die Schule es erfahren. Dann wäre dieses mickrige Stipendium im Nu Vergangenheit.“ Ihre Stimmen wurden leiser. Offenbar entfernten sie sich über den Wan- derweg in Richtung Wasserfall. Danach hörten wir nichts mehr, weil Miss Con- lan uns entdeckte. „Esst ihr zwei etwa schon?“, fragte sie missbilligend. „Schluss mit dem Faulen-

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zen, wir brauchen euch für das Volleyballspiel!“ India und ich protestierten zwar, aber Miss Conlan akzeptierte kein Nein. Zwischen den Ballwechseln schaute ich mich immer wieder um und wartete, dass Timmy und seine Mum zum Vorschein kamen. Stattdessen sah ich, wie sich einer unserer Streber, Ernie Singer, einen Weg durch das Gebüsch schlug und ihnen folgte. „Merkwürdig“, dachte ich. Ob es Ernie immer noch wurmte, dass Timmy ihn letzte Wo- che in seinem Spind eingeschlossen hatte? Ich lach- te leise, als ich mir vorstellte, wie Ernie ihn in den Fluss stieß, um seinen Rachedurst zu stillen. Nein, eher unwahrscheinlich. Ernie war nur etwa halb so groß und stark wie Timmy. Vermutlich trieb ihn bloß die Neugier, den Warners hinterherzugehen – falls er das überhaupt tat. Eine noch größere Neu- gier als India und mich. Alle gemeingefährlichen Athleten des Jahrgangs gehörten zur A-Mannschaft und India und ich wie gewöhnlich zum B-Team. Wir verloren zwei Vol- leyballpartien in Folge – haushoch. Die dritte Nie- derlage gab uns schließlich den Gnadenstoß, und wir konnten uns wieder unserer Verpflegung zu- wenden. Der Jahrgang spaltete sich in die üblichen Cli- quen auf – die Sport-Asse besetzten das eine Ende des Grillplatzes, die Spinner das andere. India und

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ich ließen uns an den Tischen dazwischen nieder. Walter Wenke zwängte sich zwischen uns. Wal- ter ist ein spindeldürrer Junge, der jedoch alle Jahre wieder an unserer Schule den Wettbewerb im Tor- tenessen gewinnt. Heute zückte er ein besonders widerliches Sandwich – zwei mit Fleisch belegte Weißbrotscheiben, aus denen fette Majonäse quoll. Es sah aus, als ob das Sandwich BSE hätte. „Igitt, Walter, tu dieses eklige Ding weg!“, stieß India hervor. „Schon vom bloßen Anblick kann einem schlecht werden. Wie kriegst du so was nur runter?“ „Das ist Zunge!“ Walter zuckte fröhlich die Achseln, als wäre damit alles geklärt. Ungerührt futterte er drauflos, nahm einen riesigen Bissen und verteilte große Kleckse Majo auf dem Holztisch. Das ist typisch Walter: Er hat die Ess-Manieren eines vom Hungertod bedrohten Steinzeitmen- schen. „Mir ist der Appetit endgültig vergangen“, stöhnte India. „Vielen Dank, Walter.“ Erfreulicherweise habe ich durch langjährige Er- fahrung mit Schulkantinen gelernt zu essen, ohne meine unmittelbare Umgebung wahrzunehmen. Ich hatte gerade mein Sandwich verspeist und wollte aufstehen, als wir alle einen Schrei hörten. Er war so durchdringend und schrill, dass mir das Blut in den Adern gefror. Dabei kam er aus

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einiger Entfernung – vom Fluss her. Noch ehe wir losrennen konnten, hörten wir einen zweiten Aufschrei – die Stimme identifizier- ten wir sofort als die von Mrs Warner. „Timmy! Oh Gott, Timmy! Hilfe! Er ist in den Fluss gefal- len! Oh mein Gott!“ Noch ein Schrei folgte, diesmal ein lang gezo- gener Klageruf. Alle starrten zum Wasserfall. „Da ist er!“, stieß India hervor. Wir sahen Timmy, wie er, mit den Armen um sich schlagend, von den Stromschnellen zum Wasserfall getrieben wurde. Wie auf Kommando stürzten wir los, ka- men aber nicht weit. Es war zu spät, um noch et- was auszurichten. Starr vor Entsetzen beobachteten wir, wie Timmy Warner laut schreiend in den Ab- grund stürzte.

Wo ist die Leiche?

laut schreiend in den Ab- grund stürzte. Wo ist die Leiche? Die Luft war erfüllt von

Die Luft war erfüllt von den Schreien verängstigter Kids und den aufgeregten Rufen der Aufsichtsper- sonen. India und ich liefen über den Pfad zurück zum Parkplatz, einige andere folgten uns. Wir rechneten uns aus, dass Timmy flussabwärts in diese Richtung getrieben würde.

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Noch während wir liefen, wusste ich, dass es kaum eine Chance gab, ihn zu retten. Entweder war er gegen die Felsen geschleudert worden oder – noch schlimmer – in der Überlaufrinne gelandet und in die Stahlturbinen des Wasserkraftwerks ge- saugt worden. Ich erreichte das Flussufer als Erster, gerade noch rechtzeitig, um einen Blick auf ein gelbes T- Shirt und eine blaue Designerjeans zu erhaschen, bevor Timmy im Tunnel des Kraftwerks ver- schwand. „Neiiin!“, hörte ich mich schreien – na gut, es war mehr ein hysterisches Kreischen. Ich konnte nicht anders. Es war das Entsetzlichste, was ich je- mals erlebt oder mir vorgestellt hatte. Am aller- schlimmsten war, sich auszumalen, wie Timmy zwischen die rotierenden Metallklingen geriet. Bei diesem Gedanken gaben meine Beine unter mir nach. „Armer Timmy“, sagte ich nur, als India und die anderen mich einholten. „Hast du ihn gesehen?“, fragte sie angstvoll. „Er kam die Überlaufrinne runter“, krächzte ich und konnte es selbst kaum glauben, obwohl ich es mit eigenen Augen gesehen hatte. „Nein!“, schrie India. Fast alle hatten Tränen in den Augen, einige schluchzten offen. Timmy War- ner mochte zwar nicht der beliebteste Schüler an

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der Westside gewesen sein, doch niemand wünsch- te ihm ein solches Ende. Wir hätten es nicht mal unserem ärgsten Feind gewünscht. Marty Connors, der Langstreckenläufer unserer Klasse, lief los, um einem Angestellten des Natur- parks Bescheid zu sagen. Obwohl dieser sofort Rettungsmannschaften anforderte, wussten wir alle, dass es zu spät war. Schweigend erklommen wir wieder die Anhö- he. Dort krümmte sich Timmys Mutter auf dem Boden – ein schreiendes, von Kummer überwältig- tes Häufchen Elend. „Wie konnte das geschehen?“ India schluckte tapfer die Tränen hinunter. Wir standen einfach nur da, wie betäubt vor Schreck und Entsetzen. „Vielleicht war er leichtsinnig, hat den Angeber gespielt oder so“, sagte ich. „Ihr müsst ihn retten!“, schrie Mrs Warner. „Oh mein Junge, mein armer Junge!“ „Sie müssen sich beruhigen, Meryl“, redete Miss Conlan ihr zu. „Die Rettungshelfer suchen schon nach ihm. Sie tun, was sie können.“ „Er ist tot, nicht wahr? Mein Junge ist tot!“ Mrs Warner sackte wieder in sich zusammen, von ei- nem Weinkrampf geschüttelt. „Was ist passiert, Meryl?“, fragte Miss Conlan. „Können Sie uns das sagen?“ „Wir standen … wir standen am Flussufer … da,

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wo die Stromschnellen anfangen … die zum Was- serfall führen …“ Sie brach immer wieder ab, um krampfhaft Luft zu holen. „Er hat Steine in den Fluss geworfen … ich sagte, er solle nicht so nah rangehen, aber er lachte nur …“ Sie verzog das Gesicht und schniefte, um die Tränen zurückzuhal- ten. „Und dann … dann ist er ausgerutscht. Oh Gott, mein Junge!“ Mehr konnte sie nicht sagen. Sie verlor völlig die Fassung, warf sich hin und her, riss an ihren Haaren und schlug sich wild schluchzend ins Ge- sicht. Einer der Väter, ein bekannter Herzchirurg, fischte ein Pillendöschen aus seiner Tasche und gab ihr zwei Tabletten. „Es wird ihr gleich besser ge- hen“, erklärte er. Ein Angestellter des Naturparks näherte sich auf seinem Motorrad, stieg ab und winkte Miss Conlan zu sich. Sie besprachen sich leise, dann schlug Miss Conlan die Hand vor den Mund. Zum Glück war Mrs Warner zu weggetreten, um es mitzubekom- men. Als ich aufschaute, entdeckte ich Ernie Singer halb hinter einer dicken Eiche verborgen. Er starrte die ganze Zeit auf Meryl Warner, und sein Gesicht drückte Angst aus, ja, richtige Panik. „Bin gleich wieder da“, sagte ich zu India und ging zu ihm. „Hey, Ernie. Du bist so blass. Fühlst du dich schlecht?“

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„Nein, schon gut.“ Er wandte den Blick ab. „Komm schon, Ernie, ich hab gesehen, dass du den beiden gefolgt bist. Was hast du beobachtet? Was ist mit Timmy passiert?“ „Weiß ich doch nicht! Ich bin abgehauen, be- vor er ins Wasser fiel.“ „Aber du hast etwas beobachtet“, drang ich in ihn. „Oder gehört. Das merk ich dir an, Kumpel.“ „Ich hab keine Ahnung …“ Ich seufzte ungeduldig. „Mensch, Ernie! Timmy ist gerade ums Leben gekommen! Ist dir nicht klar, was die Leute denken werden?“ „Was denn?“ Seine Augen traten hervor. „W- was werden sie denn denken?“ „Du hattest doch was gegen Timmy, oder nicht? Hast du ihn vielleicht ins Wasser geschubst?“ „Ich war nicht mal in seiner Nähe!“, schrie er. „Sie war es, nicht ich!“ „Was willst du damit sagen, Ernie?“ „Sie haben gestritten, so war’s. Sie hat ihn ge- schubst. Ich hab gesehen, wie er ihr ins Gesicht geschlagen hat, aber dann musste ich niesen. Tim- my hat mich gehört, deshalb bin ich schnell verduf- tet.“ „Und wie lange dauerte es da noch, bis er ins Wasser fiel?“ „Keine Ahnung. Fünf Minuten vielleicht.“ Ich schaute ihm in die Augen. „Ist dir bewusst,

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was du da andeutest?“ „Ich sage bloß, dass sie gestritten haben. Was weiß ich – vielleicht hat sie ihn noch einmal ge- schubst, und er stand zu dicht am Wasser. Ich weiß nicht, was ich denken soll!“ Er riss sich von mir los und lief zu den anderen hinüber. India kam zu mir. „Von da drüben wirkte eure Unterhaltung etwas merkwürdig“, stellte sie fest. „Das war sie auch“, erwiderte ich. „So merk- würdig, dass es merkwürdiger gar nicht geht.“

Eine lustige Witwe

dass es merkwürdiger gar nicht geht.“ Eine lustige Witwe Ich hatte jede Menge Stoff zum Nachdenken.

Ich hatte jede Menge Stoff zum Nachdenken. Nach meinem kurzen Gespräch mit Ernie Singer war viel passiert. Timmys nahezu zerfetzte Klamotten wurden gebracht. Zwecks Identifizierung hatte man die Fetzen aus den Turbinen gepflückt, und bei ihrem Anblick bekam Mrs Warner den nächsten hysteri- schen Anfall. Sie wurde ruhig gestellt und mit der Ambulanz zur Beobachtung ins Milford- Bezirkskrankenhaus gebracht. Timmys Leiche wurde nicht gefunden – nicht

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das kleinste Fitzelchen. Die Polizei ging davon aus, dass sie in tausend Stücke gerissen worden war und man sie deshalb wohl auch niemals finden würde. Noch eine andere Sache erweckte mein Interes- se: Als wir von Heaven Falls aufbrachen, fehlte der Rucksack von Timmy Warner. Ernie schwor Stein und Bein, dass Timmy den Rucksack nicht bei sich gehabt hatte, als er mit seiner Mutter am Fluss war. Und wir hatten alle gesehen, wie er ihn aus dem Bus geholt und zum Picknickplatz mitgenommen hatte. Er hatte ihn auch auf dem Rücken, als India und ich Zeuge der Auseinandersetzung zwischen ihm und seiner Mutter geworden waren. Wo steckte also das Ding? Polizei und Parkangestellte vermuteten, dass der Rucksack mit Timmy zusammen in die Tiefe ge- stürzt war. Früher oder später würde er auftauchen – es sei denn, jemand hatte ihn gestohlen. Zu die- ser Jahreszeit sei der Park überfüllt mit Besuchern, und leider hatte so mancher bestimmt keine Skru- pel, Dinge mitgehen zu lassen, die nicht ihm ge- hörten. Durchaus möglich. Aber irgendetwas sagte mir, dass dies nicht die richtige Erklärung war. India spürte einen kalten Hauch am Kopf und im Na- cken, wie immer ein untrügliches Zeichen, dass etwas nicht stimmte. Ich gebe ja zu, ich bin von Natur aus misstrauisch, aber diesmal war ich sogar

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überzeugt, dass direkt vor unserer Nase irgendwel- che Manipulationen gelaufen waren, von denen wir nichts wussten. Zwei Stunden nach dem schrecklichen Vorfall stiegen wir endlich wieder in den Bus, um die lan- ge Heimfahrt anzutreten. Timmys leerer Platz dep- rimierte uns. India saß diesmal neben mir; Mary Beckinsall, meine Nachbarin auf der Hinfahrt, wechselte gegen Bestechung zu Miss Conlan – für eine Tüte Schokobonbons, die India noch in ihrem Rucksack hatte. Aber India und ich sprachen während der Fahrt nicht viel. Wir dachten nicht daran, unsere Theo- rien in Hörweite unserer Klassenkameraden zu diskutieren. Die anderen hätten uns für abgebrüht gehalten, wenn wir jetzt schon Spekulationen über die näheren Umstände von Timmys Ableben ans- tellten.

Halloween in New York muss man selbst erlebt haben – sonst glaubt man nicht, dass es so etwas tatsächlich gibt. Traditionell findet ein megaver- rückter Umzug statt, der in der 6. Avenue in Greenwich Village startet und im Washington- Square-Park endet. Die Kostüme sind so bunt, schillernd und schrill wie im Karneval von New Orleans. Letztes Jahr zum Beispiel hatte sich eine Frau auf Stelzen als fünf Meter großer Hummer

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verkleidet. Es gab einen 18 Meter langen Feuer speienden Drachen, und die Bruderschaft der Ak- ropolis fuhr auf einem Wagen, der wie die Frei- heitsstatue aussah. Mehrere Leute in unserem Alter hatten sich als Brezel kostümiert; ein Model trug einen gigantischen Hut, auf dem ein echter Pudel saß. Aber der Umzug ist erst der Anfang: Überall steigen Partys, und auf den Straßen wimmelt es von Monstern, Außerirdischen und Vampiren. Für die drei Partys, zu denen wir eingeladen waren, hatten India und ich uns Kostüme im Part- nerlook ausgedacht. Wir wollten alle drei Feste nacheinander abklappern, ich als bereits ertrunke- ner Leonardo DiCaprio in „Titanic“, India als hundertjährige Kate Winslet am Schluss des Films. India, wie gewöhnlich knapp bei Kasse, hatte ihr Kostüm selbst geschneidert. Ich für meinen Teil hatte billig eingekauft, war mit dem Ergebnis je- doch hoch zufrieden. Meine bläuliche Gesichtsfar- be wirkte total realistisch, ganz zu schweigen von der verblüffenden Ähnlichkeit zwischen Leonardo und mir – haha. Auf jeden Fall war es nicht mal mehr eine Woche bis Halloween, und je näher das Fest rückte, umso öfter dachten wir alle an Timmy Warner, der in diesem Jahr nicht mehr dabei sein würde. Wie die Angestellten des Naturparks prophezeit hatten, wurde Timmys Leiche nie gefunden. Daher

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hatte man ihn am 20. Oktober, drei Wochen nach dem Unfall, für tot erklärt. Für den 25. war ein Gedenkgottesdienst in der West-Side-Memorial- Kapelle angesetzt. Ich war schon ein oder zweimal dort gewesen, jedoch anlässlich der Beerdigung älterer Verwandter, nicht wegen eines Jungen in meinem Alter. Ein paar Bankreihen waren reserviert für die Kids und Eltern, die an dem Ausflug teilgenommen hatten. Nicht, dass alle Timmy so gern gehabt hät- ten – aber ihr wisst ja, wie das ist: Wenn jemand so jung stirbt, noch dazu unter solch entsetzlichen Umständen, neigt man dazu, das Schlechte zu ver- gessen und sich nur an das Gute zu erinnern. India bildete da keine Ausnahme. Obwohl oder gerade weil sie Timmy verabscheut hatte, zerfloss sie jetzt vor Reue und Bedauern. „Vielleicht hätte ich mich doch mit ihm treffen sollen“, schniefte sie, als wir uns einen Weg durch die Menge zu unseren Plätzen bahnten. „Er fand mich so nett … und ich hab ihn immer nur abgewiesen.“ „India – er war ein Volltrottel, hast du das ver- gessen?“, sagte ich so einfühlsam wie möglich. „Es ist nicht schlimm, dass du ihn nicht leiden konn- test.“ „Ich hätte nicht so gemein zu ihm sein dürfen“, beharrte sie. „Ich hätte ein wenig Glück in sein kurzes Leben bringen können … ich hätte nur Ja

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zu sagen brauchen …“ „Hast du den Verstand verloren?“, konterte ich. Ich seufzte, als wir unsere Plätze einnahmen. Im Moment war es noch zu früh, um mit logischen Argumenten gegen diese Art der Geschichtsverfäl- schung anzugehen. „Er war nur einsam“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Armer Timmy. Er wollte ja bloß dazu- gehören. Er konnte sich keine teuren Klamotten leisten, im Gegensatz zu den meisten anderen an unserer Schule … Damit kann ich mich identifizie- ren …“ „Er war ganz und gar nicht schlecht angezo- gen“, flüsterte ich. „Die geschredderte Jeans war von Armani, habe ich gesehen.“ „Das war bestimmt seine einzige Hose. Er hat sie sicher jeden Tag getragen.“ „Quatsch. Er hatte einen Haufen Knete“, wi- dersprach ich. „Von all den Werbespots, in denen er mitgemacht hat.“ „Ja, aber er durfte das Geld nicht anrühren, wenn er sein Stipendium nicht verlieren wollte, hast du das vergessen? Wer weiß – vielleicht war die Hälfte seiner Erfolgsstory erstunken und erlo- gen. Ehrlichkeit war nie seine Stärke.“ Die Orgel begann, Timmys Lieblingssongs von den Bee Gees zu spielen. Das Musikprogramm entsprach genau der Vorliebe Mrs Warners, stets

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das Unpassende zu tun. „Wo ist seine Mum?“, flüsterte ich. „Hat schon irgendwer sie gesehen?“ Ich wandte mich an die Kids im näheren Umkreis, aber die zuckten nur die Achseln oder schüttelten den Kopf. Doch dann ging ein Raunen durch den Saal – eine Welle, die vom rückwärtigen Teil der Kapelle nach vorn schwappte. Die Trauergäste fuhren he- rum und starrten auf die Gestalt in Schwarz, die den Saal betreten hatte. Laut schluchzend schritt sie durch den Mittelgang zum Altar. Zwar sah sie Timmys Mum ähnlich, doch es war eine völlig neue, komplett verwandelte Mrs Meryl Warner, die da ihren großen Auftritt hatte. „Was sagt man dazu!“, murmelte India erstaunt – ein Echo der allgemeinen Stimmung im Saal. Mrs Warner steckte in einem glamourösen schwarzen Designerkleid aus Seide – wenn man mich fragt, eher ein Abendkleid als eine Trauergarderobe. Da- zu trug sie große Diamantohrringe, und an ihrem Arm hing eine Krokodilledertasche, die hunderte von Dollars gekostet haben musste. „Wer ihr wohl das Haar gemacht hat?“, fragte India leise. „Der Schnitt stammt definitiv von ei- nem Starfriseur, da gehe ich jede Wette ein.“ Dazu muss man Folgendes wissen: Meryl War- ner, wie wir sie kannten, war eine ausgelaugte Frau Anfang 40, die ausschließlich geschmacklose Kla-

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motten aus irgendwelchen Ramschläden trug. Mit dieser neuen Version hatte niemand gerechnet – auch wir nicht. „Sie muss auf eine Goldader gestoßen sein oder so“, bemerkte India. „Vielleicht hat sie eine Erbschaft gemacht“, gab ich zu bedenken. „Du meinst …?“ „Ich wüsste nur zu gern, wen Timmy als Erben seines Treuhandfonds eingesetzt hat.“ „Willst du damit sagen, was ich vermute?“, frag- te India. „Ich will gar nichts sagen.“ Ich zuckte die Ach- seln. „Aber du musst doch zugeben, dass es merk- würdig ist.“ Merkwürdig ist das falsche Wort.“ India ver- schränkte die Arme vor der Brust. „Es ist so, als wollte sie allen anderen Eltern sagen: ‚Glotzt ruhig – jetzt bin ich eine von euch, und es ist mir egal, was ihr darüber denkt!‘“ „Hey, wie wär’s, wenn die detektive etwas aktiv würden?“ „Etwa jetzt gleich?“ „Hmmm, ich schätze, du hast Recht. Das wäre mangelnder Respekt Timmy gegenüber“, sagte ich. „Eben. Aber wie wär’s mit gleich nach der An- dacht?“ „Abgemacht.“

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Dreck am Stecken

Dreck am Stecken

Es ist schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass eine Mutter ihr eigenes Kind getötet haben soll. Die traurige Tatsache ist allerdings, dass so etwas hin und wieder durchaus vorkommen kann. Das Auftauchen von Timmys Mum in der Kapelle in einer Aufmachung, als wäre sie ein Hollywood- Star, mochte zwar an sich nichts zu bedeuten ha- ben, reichte jedoch aus, um India und mich zum Nachdenken zu bringen. Nach der Andacht standen Grüppchen aus Schülern und Eltern im spätherbstlichen Sonnen- schein draußen vor der Kapelle. Alle redeten über Timmy und vor allem über Mrs Warner, die un- mittelbar nach der Andacht in einer achttürigen Limousine davongefahren war. „Ich finde, wir sollten ihr einen Besuch abstat- ten, und zwar jetzt gleich“, sagte India, als die Li- mousine sich in den Verkehr einfädelte und ver- schwand. „Wissen wir denn überhaupt, wo Timmy ge- wohnt hat?“, fragte ich. Mir ging auf, dass zumin- dest ich nicht die geringste Ahnung hatte. Er hatte nie eine Party gegeben, vermutlich deshalb, weil seine Schauspielergagen in seinem Treuhandfonds auf Eis lagen und er es sich nicht leisten konnte.

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Wie dem auch sei – falls er doch Partys gegeben hatte, war ich nicht eingeladen gewesen. „Ich habe keinen blassen Schimmer.“ India zuckte die Achseln. „Wir könnten einen seiner Freunde fragen.“ „Ja? Wen denn zum Beispiel?“ „Hmmm. Gute Frage.“ „Vielleicht finden wir ihn im Telefonbuch?“, schlug ich vor. „Ja, klar, lass uns loslegen!“ „Äh, geh du schon mal vor“, sagte ich zu ihr. „Ich muss erst noch was anderes erledigen.“ India folgte meinem Blick. Ernie Singer stand etwas abseits, tief in seine Gedanken versunken. „Verstehe“, sagte India. „Wie wär’s, wenn du Timmys Adresse nachschlägst, und ich kitzle die interessanten Infos aus Ernie heraus?“ „Es war meine Idee“, empörte ich mich. India verzog das Gesicht. „Okay, du hast ge- wonnen. Wenn du fertig bist, treffen wir uns an der Ecke Columbus Avenue, 62. Straße, dann können wir zusammen zum Haus der Warners ge- hen.“ India lief los, um ein Lokal mit einem vollstän- digen Telefonbuch von Manhattan zu finden. Ich wandte mich meiner Beute zu. Ernie schaute mit ängstlichen Augen zu mir hoch, als ich mich vor ihm aufbaute.

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„Was ist?“, fragte er, dabei war ihm wohl so ziemlich klar, was ich wollte. Nach seinem Ge- sichtsausdruck zu urteilen, hatte er entweder ein extrem schlechtes Gewissen, oder er verheimlichte uns eine wichtige Information. „Raus mit der Sprache, Ernie“, sagte ich. „Was verschweigst du? Früher oder später wirst du es ohnehin sagen müssen, das weißt du so gut wie ich.“ „Wer sagt das?“, fragte er streitlustig. „Du kannst deine Geschichte natürlich auch je- derzeit der Polizei erzählen. Wie ich höre, gibt es im Revier ein paar überaus kuschelige Arrestzellen für Verdächtige …“ „Für Verdächtige?“ Schweißperlen traten auf Ernies Stirn und rannen über seine Pickel. „Wovon sprichst du überhaupt? Ich hab dir doch schon ge- sagt, was ich da oben auf dem Wanderweg gehört und gesehen habe!“ „Den Rest auch noch, Ernie“, forderte ich ihn auf. Ernies Widerstand zerbröckelte wie ein altba- ckener Keks. „Na ja“, begann er so leise, dass nur ich ihn hören konnte, „wie gesagt, sie haben über Timmys Geld gestritten.“ „Und?“ „Sie wollte, dass er ihr das Treuhandvermögen überschreibt … und er sagte, nein, die Anwälte

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würden es verwalten, und die hätten ihm geraten, das Geld ja vor ihr in Sicherheit zu bringen.“ „Aha …“ „Und dann …“ Er verstummte. „Du sagtest, dass du dann niesen musstest“, half ich ihm auf die Sprünge. „Ja, aber nicht gleich … zuerst sagte Timmy noch etwas über eine Police.“ „Eine Police?“ Ich spitzte die Ohren. „Was für eine Police?“ „Eine Versicherung, glaube ich. Eine Lebens- versicherung, die seine Mum für ihn abgeschlossen hatte … oder so ähnlich. Ich stand doch zu weit weg, um alles verstehen zu können!“, verteidigte sich Ernie. „Klar, Ernie – aber du hast doch normalerweise ein erstklassiges Gehör.“ „Hm, danke“, sagte er, unschlüssig, ob ich es ernst meinte. „Jedenfalls hat Timmy so was gesagt wie: ‚Du wärst glücklicher, wenn ich tot umfiele.‘“ „Aha … Und weiter?“ „Na ja, sie hat es heftig abgestritten, aber er hat es ihr immer wieder vorgeworfen. Ich glaube, er hat die Versicherungspolice in ihrer Schublade gefunden oder so und war deshalb ziemlich aufgebracht.“ „Und?“ „Und … da musste ich eben niesen. Wirklich! So war’s!“

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„Na schön, Ernie“, sagte ich und seufzte. „Ich glaube dir. Vielen Dank.“ Ich wandte mich zum Gehen. „Hey!“, rief er. „Was ist mit der Polizei?“ „Ach, ja. Überlass das nur mir, einverstanden?“ Ich streckte den Daumen hoch, und er zeigte mir lächelnd die Zähne. Rostfreier Stahl – seine neue Zahnspange. Dann ging ich India suchen. Eine halbe Stunde später, als ich India gerade über mein Gespräch mit Ernie ins Bild gesetzt hat- te, hielt unser Taxi auch schon vor dem Wohnhaus der Warners – ein zwölfstöckiges Gebäude aus der Vorkriegszeit, das bessere Tage gesehen hatte. „Was sagt man dazu“, murmelte ich – einer meiner Standardsprüche in letzter Zeit. „Passt nicht so ganz zu der Limousine, wie?“ „Eigentlich überhaupt nicht“, erwiderte India und bezahlte den Taxifahrer. Dann standen wir nebeneinander auf dem Gehweg und betrachteten die Fassade. Sagen wir es wohlwollend: Es war keines von den Gebäuden, die sich einen Portier leisteten. Dafür gab es im Eingangsbereich eine hohe Wand mit Klingelknöpfen, an denen India mit dem Fin- ger entlangfuhr, bis sie Warner 12c fand. Sie läutete, und dann warteten wir darauf, dass sich Timmys Mutter über die Gegensprechanlage meldete. Aber niemand antwortete. Wir läuteten noch

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zweimal, ohne Ergebnis. „Vielleicht sollten wir beim Hausmeister klingeln“, schlug ich vor. In Häusern wie diesem weiß der Hausmeister in der Regel über alles Bescheid, aber leider war auch er gerade nicht greifbar – vielleicht machte er Mit- tagspause. Also gingen India und ich wieder nach draußen und lehnten uns an die Hauswand. India wirkte besorgt. „Was ist los?“, fragte ich

sie.

„Irgendwas stimmt hier nicht“, sagte sie. „Ich spüre den kalten Hauch am Kopf.“ Indias Skalp irrt sich nie. „Meinst du, wir sollten hier warten?“, fragte ich. „Keine Ahnung.“ Sie biss sich auf die Unterlip- pe und starrte in die Ferne. Dann fuhr sie plötzlich zu mir herum. „Wohin könnte Timmys Mum di- rekt nach der Andacht gefahren sein – außer nach Hause?“ „Auch keine Ahnung.“ „Eben – es gibt keinen Friedhof, auf dem er be- erdigt ist, und nach einer Totenmesse geht man normalerweise ja auch nicht auf die Piste, um zu feiern.“ „Und?“ Ihre Augen leuchteten auf. „Denk daran, was Ernie dir erzählt hat. Was ist, wenn sie Timmy umgebracht hat und jetzt mit dem Geld von der Versicherung nach Mexiko oder in ein anderes

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Land verduftet ist, um sich dem Arm des Gesetzes zu entziehen?“ Ich räusperte mich. „Hört sich nach ziemlich wilder Spekulation an. Es ist zwar eine interessante Theorie, aber ich weiß nicht recht …“ „So abwegig ist es doch gar nicht, oder? Ich ge- he jede Wette ein, dass sie bereits mit einer prallen Geldtasche die Stadt verlassen hat und …“ „India“, sagte ich, „falls du Recht hast und sie sich tatsächlich mit ihrem Blutgeld nach Mexiko verzogen hat, dann können wir nicht mehr viel tun.“ India runzelte die Stirn. „Ja, stimmt.“ „Warum bleiben wir nicht noch eine Weile hier und schauen, ob sie noch kommt?“, fragte ich. „Du meinst, wir sollen einfach so hier herums- tehen und Däumchen drehen?“ „Na ja, wir könnten uns auch ins Café gegenü- ber ans Fenster setzen und einen Happen essen. Hey, wo wir schon mal dabei sind: Wir sollten überprüfen, ob es tatsächlich eine Versicherungspo- lice gibt – und ob die Prämie bereits ausbezahlt wurde.“ „Gute Idee. Wie wär’s, wenn wir Jesus darauf ansetzen?“ Indias Vorschlag hatte nichts mit Religion zu tun; sie sprach von unserem Freund und Compu- terguru Jesus Lopez. Er wohnt an der Ecke 73.

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West und Riverside Drive und bewegt sich in sei- nem Rollstuhl schneller und geschickter fort als die meisten Kids in seinem Alter auf ihren zwei Bei- nen. Zwar ist er erst dreizehn, doch schon jetzt der beste Hacker, dem ich je begegnet bin. Eine Versi- cherungspolice aufzustöbern ist für Jesus ein Klacks. „Na klar“, sagte ich zu India. „Ruf ihn an.“ Sie zog Ihr Handy heraus – man beachte, dass sie nicht zu arm ist, um über ein Handy zu verfü- gen, das übrigens ihre Eltern bezahlen – und wählte Jesus’ Nummer. „Hey, du“, sagte sie in den auf- klappbaren Hörer. „Hast du Lust und Zelt, für uns eine kleine Sache zu erledigen?“ India informierte Jesus rasch, was wir brauchten. Dann überquerten wir die Fahrbahn und gingen ins Green Kitchen, wo wir Sandwiches und Salat be- stellten. Wir hatten kaum die letzten Krümel ver- tilgt, als Indias Handy die „Ode an die Freude“ von Beethoven spielte. Ich schnappte mir das Handy, bevor India es an sich reißen konnte. „Hallo?“ „Hi, Ich hab den Namen der Versicherungsge- sellschaft für euch“, sagte Jesus. Niemand hackt so effektiv wie er, und das ist kein bloßes Kompli- ment. „Es ist die Northeast Versicherung, und die Versicherungsprämie beläuft sich auf – haltet die Luft an – drei Millionen Dollar!“

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Ich verschluckte mich fast. „Wie viel, hast du gesagt?!“ „Du hast mich genau verstanden, Kumpel. Ach ja, ganz zufällig verwaltet dieselbe Gesellschaft auch den Treuhandfonds des Jungen. Und nur damit ihr Bescheid wisst: Das Geld fällt an seine Schwester, nicht an seine Mutter.“ „Wie viel ist denn in dem Treuhandfonds?“

„250.“

„250000?“

„Genau.“ „Mensch!“ Timmy hatte als Schauspieler offen- bar mehr drauf, als ich gedacht hatte. India und ich bezahlten die Rechnung und stürzten nach draußen. Die Northeast lag drüben in der Madison Avenue, Ecke 23. Straße. Der Nach- mittag schritt voran, und wir wollten mit unseren Nachforschungen nicht bis morgen nach der Schu- le warten. Mrs Warner hatte Dreck am Stecken, und wenn wir diesem Fall auf den Grund gehen wollten, dann mussten wir uns sputen.

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Verschwunden

Verschwunden Das Gebäude der Northeast-Versicherung ist eines der Wahrzeichen von New York, die man auf je-

Das Gebäude der Northeast-Versicherung ist eines der Wahrzeichen von New York, die man auf je- der Postkarte mit dem Motiv der nächtlichen Sky- line findet. Es sieht etwa so aus wie ein aufgestellter Bleistift mit glänzend goldener Spitze. Es gibt sogar einen Werbespot mit Filmaufnahmen aus den Zwanzigerjahren von den Bauarbeiten. Wie auch immer – der springende Punkt ist, selbst wenn man in Manhattan aufwächst, geht man so gut wie nie in eins jener Gebäude, bis man eines Tages einen ganz speziellen, abwegigen Grund dafür hat. Oder aber man bekommt Besuch von außerhalb, mit dem man jede Touristenattraktion abklappern muss. Wir fuhren mit dem Aufzug in den 43. Stock. Nachdem man uns unverschämt lange im Emp- fangsbereich hatte warten lassen, wurden wir in das Büro von Mr Clement Hall geführt, des für die Warner-Police zuständigen Versicherungsagenten. Mr Hall sah aus, als wäre er einer Vorabendserie im Fernsehen entsprungen. Ein attraktiver Barbie- mann – mit perfektem Hollywoodlächeln und so

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blauen Augen, dass er einfach gefärbte Kontaktlin- sen tragen musste. Seine Frisur war mit Gel model- liert und hätte selbst einem Tornado standgehalten. Er hatte den klangvollen Bariton eines ausgebilde- ten Sprechers, und ohne den Hauch eines Akzents oder Dialekts. „Hi, Kids.“ Sein Lächeln wurde noch strahlen- der. „Setzt euch doch. Was kann ich für euch tun?“ Ich hasse es, wenn die Leute uns mit „Kids“ ansprechen und es so klingt, als ob sie „Babys“ sag- ten. Ich hasste den Typ überhaupt. Ich wusste jetzt schon, dass er uns nicht ernst nehmen würde, und dabei hatte er uns noch nicht einmal angehört. Dennoch sprang ich kopfüber ins kalte Wasser. „Wir sind hier wegen der Lebensversicherung, die Meryl Warner auf ihren Sohn Timmy abgeschlos- sen hat.“ Seine Miene verdüsterte sich und wurde richtig- gehend bekümmert. „Ah, ja. Welch entsetzliche Tragödie.“ Im ersten Moment fragte ich mich, was er wohl meinte – den Tod Timmys oder den Verlust von mehreren Millionen für die Gesellschaft. Doch dann fuhr er fort: „Ein viel versprechender junger Mann, wie ich höre. Ich bin ihm zwar selbst nie begegnet, aber ich habe nach dem Unglück mit Mrs Warner gesprochen. Sie war furchtbar mitge-

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nommen – begreiflicherweise.“ „Hmmm“, grunzte ich. India sagt mir immer wieder, ich soll nicht ständig grunzen. Aber ein unverbindliches Grunzen kann im Gespräch ein Vorteil sein. In diesem Falle beispielsweise fasste Mr Hall es als eine Beileidsbekundung auf. „Habt ihr Kids Timmy denn gut gekannt?“, erkundigte er sich. Jedes Mal, wenn er „Kids“ sagte, ballte ich un- willkürlich die Fäuste. „Ziemlich gut“, erwiderte India. „Mr Hall, wir sind hier, weil wir glauben, dass es bei der ganzen Sache nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.“ Sein Blick wirkte zwar erschrocken, aber seine Stimme war nach wie vor beherrscht. „Nicht mit rechten Dingen zugegangen? Seid ihr … habt ihr irgendwelche … ich meine, wie kommt ihr dar- auf?“ Ich erzählte von dem Streit, den wir mitgehört hatten, und auch, was Ernie Singer uns berichtet hatte. Außerdem erwähnte ich Mrs Warners Auf- machung und Haltung während der Andacht. Hall nickte langsam, schien jedoch unbeeind- ruckt. „Seht mal“, sagte er, als habe er es mit zwei Schwachsinnigen zu tun, „ich verstehe ja, wie sehr euch das, was passiert ist, erschüttert haben muss. Es hat immer etwas Unnatürliches an sich, wenn ein junger Mensch, der bei bester Gesundheit ist,

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ums Leben kommt. Und dann noch so plötzlich und unter so entsetzlichen Umständen. Da ist es völlig normal, dass junge, fantasievolle Menschen das Allerschlimmste befürchten.“ „Haben Sie denn kein Wort von dem verstan- den, was wir gesagt haben?“, fragte ich und hoffte, dass meine Wut sich nicht auf meinem Gesicht spiegelte. „Doch, natürlich“, gab Hall zurück, ganz der überlegene Erwachsene. „Ihr wollt andeuten, dass eine Mutter ihr eigenes Kind des Geldes wegen aus dem Weg geräumt hat, nicht wahr?“ Seine Art, sich auszudrücken, nahm mir den Wind aus den Segeln. „Na ja … hm, ja“, sagte ich. „Ich schätze, darauf wollten wir hinaus.“ „Ein wenig extrem, findest du nicht auch? Und ein wenig voreilig obendrein.“ „Aber – sie hat eine Lebensversicherung im Werte von drei Millionen Dollar auf ihren Sohn abgeschlossen! Halten Sie das nicht auch für ziem- lich ungewöhnlich?“ „Es ist ganz und gar nicht ungewöhnlich, dass ein Elternteil eine Police über mehrere Millionen Dollar auf ein Kind abschließt, das über das Poten- zial verfügt, ein großes Einkommen zu erwirtschaf- ten. Wir haben hier mit Kids zu tun, die ein einzi- ges Mal öffentlich Gitarre gespielt haben, und schon denken die Eltern, ihr kleiner Liebling sei

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auf dem Weg, ein berühmter Rockstar zu werden. In der heutigen Zeit kann man mit einer Million Dollar kaum noch alle Autos einer Familie finan- zieren. Ihr würdet staunen, wie viele Eltern über- zeugt sind, den nächsten Michael Jordan oder die nächste Britney Spears in die Welt gesetzt zu ha- ben. Und eins ist so sicher wie das Amen in der Kirche – Teenager und ihre Eltern haben laufend Zoff wegen dem Geld. Hier im Büro hat es sogar schon Faustkämpfe gegeben. Ich kann mir un- schwer vorstellen, dass es auch bei den Warners Streitigkeiten und Konflikte gegeben hat. Unge- wöhnlich ist das beileibe nicht.“ Er legte mir die Hand auf die Schulter – ich hät- te sie ihm am liebsten abgebissen. India schaltete sich ein. „Vielleicht interessiert es Sie, dass Mrs Warner schon jetzt ihren Lebensstil komplett umgestellt hat. Zur Andacht ist sie in einer goldfarbenen Limousine und in teuren Designer- kleidern aufgetaucht. Sie hat zwar hoch dramatisch geschluchzt, sah dabei aber erstaunlich frisch aus.“ Hall schenkte India ein trauriges Lächeln. „Nicht selten schlägt der Kummer über den Verlust eines Kindes den Eltern schlicht und ergreifend aufs Gemüt. Es scheint absurd, aber mittels ausgedehn- ter Shoppingtouren betäuben doch viele Leute ihren Schmerz.“ India lehnte sich zurück und begann, an der

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Armlehne des Stuhls herumzuspielen. Ich merkte, dass er sie mit seiner Theorie herumgekriegt hatte. Egal. Diesen Kerl würden wir sowieso niemals da- zu bringen, auf uns zu hören. „Sicher“, fuhr Hall fort, „wir haben die Prämie für Mrs Warner unverzüglich ausbezahlt, das ist wahr. In der Regel warten wir, bis die Leiche ge- funden und die Todesursache offiziell vom Leichen- beschauer festgestellt wurde. Aber in diesem speziel- len Fall haben gut 40 Zeugen Timmys Ableben be- stätigt; alle haben gesehen, wie er durch die Über- laufrinne in die Turbinen befördert wurde. Die Kleider, die er getragen hatte, waren völlig zerfetzt.“ Bei Halls Worten standen mir wieder die ent- setzlichen Bilder des Ausflugs vor Augen. Seine Erklärung für Mrs Warners Verhalten ergab ohne Zweifel einen gewissen Sinn. „Hört zu – sollte sich tatsächlich herausstellen, dass es Mord war, dann würde sich dies zum Nut- zen unserer Firma auswirken“, fuhr Hall fort. „Wir würden die drei Millionen Dollar zurückfordern. Ihr könnt mir ruhig glauben, dass wir nicht so ohne weiteres Prämien auszahlen. Gäbe es das geringste stichhaltige Indiz für Versicherungsbetrug, dann wäre uns sehr daran gelegen, Näheres zu erfahren. Aber eure Verdächtigungen sind eben genau das:

reine Verdächtigungen. Ohne konkreten Anhalt- spunkt können wir nicht tätig werden.“

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Er brachte uns zur Tür. „Jedenfalls vielen Dank, dass ihr zu uns gekommen seid. Wir wissen euer Engagement zu schätzen. Und es war mir ein Ver- gnügen, euch kennen zu lernen.“ Kaum standen India und ich im Flur, da fiel die Bürotür auch schon ins Schloss. „Igitt, ich brauche dringend eine heiße Du- sche.“ India schüttelte sich. „Was für ein aalglatter Schleimbeutel!“ Als wir um die Ecke bogen, prallten wir fast ge- gen einen jungen Mann in grauem Anzug. „Oh – pardon“, sagte er. „Ich habe zufällig mitbekommen … wisst ihr, solltet ihr tatsächlich einen Mörder überführen, dann gäbe es eine Belohnung in Höhe von 25000 Dollar.“ „Wie bitte?!“ India fuhr herum. „25000 Dollar“, wiederholte der Typ. „Das ist Standard – die Belohnungsklausel ist Bestandteil aller Verträge, die wir hier abschließen. Das ist es uns wert – eine Maßnahme, um den Versiche- rungsbetrug einzudämmen.“ „25000!“ India machte große Augen. „Komm, Quentin – wir haben noch viel Arbeit vor uns!“ Wir fuhren mit der U-Bahn zurück. Inzwischen war es nach sechs, und das Abteil war überfüllt mit schwitzenden Feierabendpendlern. Wir konnten kaum atmen, geschweige denn reden. Als wir end- lich an der 86. Straße, Ecke Lexington der drang-

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vollen Enge entkamen, wurde es bereits dunkel. „Mittlerweile müsste Mrs Warner zu Hause sein“, sagte India und lief los. Ihr blondes Haar breitete sich hinter ihr aus wie ein Fächer. „Wir müssen ihr auf den Zahn fühlen, Quentin. Wenn sie ein schlechtes Gewissen hat, werden wir es merken. Wir werden es ihr vom Gesicht ablesen.“ Wir bogen in die Straße ein, die zu Mrs War- ners Block führte – und blieben wie angewurzelt stehen. Vor dem Gebäude stand ein riesiger Um- zugstransporter. Zwei große, stämmige Typen war- fen gerade die Hecktüren zu und schoben die Me- tallrampe hoch. „Quentin!“, stieß India hervor. „India, wenn das Mrs Warners Krempel ist, dann solltest du schleunigst deine eigene Hellseher- Hotline aufmachen. Komm!“ Wir rannten los und winkten den beiden Ty- pen, die bereits vorn ins Führerhaus stiegen. „War- ten Sie! Warten Sie!“, riefen wir. Aber es war zu spät. Der Motor sprang an, und der Transporter fädelte sich in den Verkehr ein. Wir rannten ihm über die Fahrbahn nach – aber der Wagen kam gerade noch bei Grün über die Ampel, und wir mussten stehen bleiben, um nicht von den Taxis überrollt zu werden, die in beiden Richtungen über die York Avenue brausten. „Mist!“, keuchte India und stützte ihre Hände

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in die Seiten, um wieder zu Atem zu kommen. „Vielleicht hatte es ja gar nichts mit Mrs Warner zu tun“, gab ich zu bedenken. „Komm mit“, sagte sie. „Wir sehen nach.“ Wir läuteten bei Mrs Warner, doch wie schon zuvor reagierte niemand. Dann probierten wir es noch einmal beim Hausmeister. Eine mollige Me- xikanerin kam mit einem Wischmopp in der Hand an die Tür. „Ja?“, fragte sie lächelnd. „Madam, können Sie uns sagen, wer den Um- zugstransporter bestellt hat?“ „Oh, das war Mrs Warner“, sagte sie beküm- mert. „Arme Frau.“ „Sie zieht aus?“ „Sie ist schon heute Nachmittag abgereist“, er- klärte die Hausmeisterin. „Sie geht nach Kalifor- nien – Los Angeles.“ „Kennen Sie ihre neue Adresse?“, erkundigte sich India. „Sorry.“ Die Frau zuckte mit den Achseln. „Sie sagt, sie weiß noch nicht, wo sie bleibt. Ich glaube, sie will in der Nähe ihrer Tochter sein. Das Mäd- chen hat’s mit den Nerven.“ „Das hier ist unsere Telefonnummer.“ India kritzelte sie auf einen Zettel. „Sollten Sie erfahren, wo Mrs Warner demnächst wohnen wird, könnten Sie es uns dann bitte wissen lassen?“ Die Hausmeisterin schaute uns misstrauisch an.

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„Seid ihr Freunde von Timmy?“ „Genau“, sagte ich. „Gute Freunde.“ „Er und seine Mutter sind nicht gut miteinander ausgekommen.“ Die Mexikanerin beugte sich vor. „Sie haben immer gestritten, fast jeden Tag. Haben gebrüllt, geschrien … ich glaube, er hat sogar Ge- genstände an die Wand geschmissen. Er hatte furchtbare Wutanfälle.“ „Wirklich?“, fragte ich. „Worüber haben sie sich denn gestritten?“ „Ach, ich weiß gar nichts“, sagte die Frau. „In diesen alten Häusern kann man nicht viel hören. Aber gebrüllt und geschrien haben sie oft. Wart ihr auch bestimmt Freunde von Timmy?“ „Oh, ja“, beteuerte India. „Er hat uns erzählt, seine Mum hätte es auf sein Geld abgesehen oder so ähnlich.“ „Ja, das hab ich auch gehört.“ Die Hausmeiste- rin lächelte bedauernd. „Ich glaub nicht, dass sie viel Freude an ihm hatte. Aber jetzt hat sie Geld – Geld wie Heu. Nur schade, dass sie keinen Sohn mehr hat. Nur diese Hollywood-Tochter.“ Sie schüttelte den Kopf und fing an, im Foyer zu wi- schen. India gab mir ein Zeichen, dass es Zeit für uns war zu gehen. „Und?“, fragte ich auf dem Weg zur U-Bahn. „Hast du Lust auf eine kleine Stippvisite nach Los

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Angeles?“ India schaute mich empört an. „Was soll das heißen, ob ich Lust habe – ich bin praktisch schon dort!“

Hollywood ruft

habe – ich bin praktisch schon dort!“ Hollywood ruft Die Erlaubnis zu kriegen, Knall auf Fall

Die Erlaubnis zu kriegen, Knall auf Fall zum ande- ren Ende des Kontinents zu fliegen und dort scheinbar ins Blaue hinein auf Verbrecherjagd zu gehen, war leichter, als ihr vielleicht denkt. Zu- nächst mal sind unsere Eltern selbst überzeugte Globetrotter – bis auf Indias Mum, die Gerichts- medizinerin ist und sich tagtäglich mit etlichen Leichen in ihrem Labor vier Stockwerke tief unter der Erde vergräbt. Zudem wissen unsere Eltern, dass wir in der La- ge sind, auf uns selbst aufzupassen. Wenn sie nicht da sind, müssen wir ja auch allein klarkommen. India und ich sind außerdem schon selbst viel un- terwegs gewesen – wir waren auf Borneo, im Kon- go, in Neuguinea und auf den Faröer Inseln, um nur einige der etwas exotischeren Ziele zu nennen. Insofern erschien uns ein Ausflug in den Großs- tadtdschungel von Los Angeles vergleichsweise

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harmlos. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Westside School erklärte sich auf Bitten unserer Eltern einverstan- den, uns für eine Woche vom Unterricht zu be- freien, allerdings mit der Auflage, den Stoff und die Hausaufgaben in eigener Regie nachzuholen. Un- sere Schule geht großzügig um mit solchen Aus- nahmeregelungen. Im vergangenen Jahr hatte He- len Kazan zwei Monate Urlaub bewilligt bekom- men, um mit einer Musicaltruppe, die „Cats“ ein- studiert hatte, in Japan auf Tournee zu gehen; wir waren also durchaus kein Einzelfall. Mein Vater trat uns sogar einen Teil der Bonuspunkte ab, die er als Vielflieger von der Fluggesellschaft erhält. Er rief meinen Onkel Dave an – den jüngeren Bruder meiner Mum, der in Los Angeles lebt und Werbe- spots dreht – und fragte ihn, ob wir ein paar Tage bei ihm unterschlüpfen könnten. Onkel Dave ist ziemlich cool; es machte ihm nicht das Geringste aus, dass alles so schnell gehen musste. Er erklärte sich sofort bereit, uns am Flughafen abzuholen und uns bei sich unterzubringen. So kam es, dass India und ich am folgenden Donnerstagmorgen in einer Boeing 737 gen Wes- ten flogen, um nach der Lösung unseres Rätsels zu suchen – oder, genauer gesagt, nach Mrs Meryl Warner und ihrer merkwürdigen Tochter Marina. Mein Ziel war es, einen Mordfall aufzuklären –

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falls ein Mord stattgefunden hatte – oder wenigs- tens die Verdachtsmomente zu entkräften. Leider hatte ich allmählich den Eindruck, dass Indias Ziel eher darin bestand, die 25000 Dollar der Versiche- rungsgesellschaft einzusacken. Kaum waren wir in der Luft, teilte sie mir auch schon mit, wofür sie ihren Anteil an der Beloh- nung ausgeben würde. „Ich werde nur noch in exklusiven Geschäften einkaufen“, erklärte sie. „Keine Secondhandläden mehr. Oh, und hast du diese neuen Kickboards mit Elektromotor gesehen? Ich sehe bereits vor mir, wie ich auf einem davon durch die Stadt düse!“ „India, die kosten mindestens 600 Dollar, es sei denn, du holst dir ein gebrauchtes Modell, von dem die Lenkstange abfällt.“ „Na und? Denk mal an all die Taxigebühren und U-Bahn-Fahrkarten, die ich einsparen werde. In ein paar Monaten hab ich das Geld wieder raus.“ „Ja, klar.“ Ich grinste. „Ich sehe ebenfalls schon vor mir, wie du dich im Schritttempo durch den Berufsverkehr schlängelst.“ Mein sarkastischer Unterton entging ihr. „Ge- nau! Die sind echt cool, findest du nicht auch?“ Ich musste zugeben, dass sie Recht hatte. Aber das Kickboard war noch nicht das Ende – India hatte gerade erst angefangen. „Und wir sollten eine Party geben – weißt du,

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sämtliche Leute von der Schule einladen, sogar die Vollspinner, die wir nicht ausstehen können – nur um ihnen zu zeigen, dass wir nicht nachtragend sind.“ „Diese Party … die soll bei dir zu Hause statt- finden, nehme ich an?“, fragte ich. „Wir mieten einen Club oder so. Ja, mit einem richtig tollen DJ!“ „Sollte sie ruhig in ihren Fantasien schwelgen“, dachte ich mir. Außerdem kannte ich India zu gut, um ihr abzunehmen, dass sie ihren Anteil an der Belohnung für die Leute von der Schule aus dem Fenster schmeißen würde. Sie würde im Gegenteil wie ein Habicht über ihren Schatz wachen und darauf aufpassen, dass ihm niemand zu nahe kam. Das Flugzeug landete, und India und ich schnappten uns unser Handgepäck. Wenig später traten wir aus dem Flughafengebäude in die strah- lende südkalifornische Sonne. „Holla!“, rief ich – einer meiner Lieblingsausru- fe. „Höchste Zeit, den Pullover in der Tasche ver- schwinden zu lassen.“ Auf dem Parkplatz wartete bereits Onkel Dave auf uns. Da er und India sich schon kannten – mein Onkel ist oft bei uns in New York zu Besuch –, fiel die Begrüßung der beiden herzlich aus. „Danke, dass du uns bei dir wohnen lässt, Da- ve“, sagte India, als Onkel Dave ihr den zum Bers-

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ten vollen Rucksack abnahm. „Kein Problem“, erwiderte er. „Ich freue mich auf die Zeit mit euch. Aber ich muss euch warnen, Los Angeles macht süchtig – ihr werdet nie wieder wegfahren wollen.“ Wie man sieht, ist mein Onkel Dave ein großer Fan von „L. A.“, wie die Bewohner ihre Stadt nennen. Das wäre wohl jeder, der beruflich seit zehn Jahren ausschließlich mit Schauspielern, Re- gisseuren, Drehbuchschreibern und Models aus Hollywood – wenn auch der zweiten und dritten Garde – zu tun hat. Er führt ein cooles Leben. Und er hatte Recht – ich hatte mich schon jetzt in die Stadt verguckt. Am Morgen hatten wir New York bei einer Temperatur von acht Grad Celsius verlassen. Hier waren wir von üppigen Palmen, von Eukalyptusbäumen und Orchideen umgeben, und es ging eine warme Brise. Sicher, draußen roch es nach Smog – aber Onkel Dave sagt, die Luft wird mit jedem Jahr besser, und wer bin ich, ihm da zu widersprechen? „Mannomann! Cool! Ein 65er Mustang Cab- rio!“, rief India, als sie Onkel Daves fahrbaren Un- tersatz zu Gesicht bekam. „Gehört der dir?“ „Eigentlich gehört er zum größten Teil noch meiner Bank“, witzelte Dave, als wir einstiegen und er das Verdeck hinunterklappte. „Aber ich darf ihn fahren, und das zählt letzten Endes.“

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Dave und der Mustang waren ein komisches Paar, wenn ihr mich fragt. Klar, sie sind etwa im gleichen Alter, aber darin erschöpft sich die Ähn- lichkeit auch schon. Der Mustang ist stromlinien- förmig, ein ziemlich heißes Teil, während Dave klein und pummelig ist. Die wenigen Haare, die ihm noch verblieben sind, trägt er zu einem Pfer- deschwanz zusammengebunden. Ich glaube, Daves Traum ist es, dass ihn eines Tages ein attraktives Model am Steuer seines Cab- rios sieht und irrtümlich für Eminem oder Brad Pitt hält. Aussichtslos – aber man kann es ihm nicht verü- beln, dass er es wenigstens versucht. Wie heißt es so schön in der New Yorker Lotto-Reklame: Nur wer mitmacht, gewinnt. „Wohin fahren wir zuerst?“, fragte ich, als wir auf die Ausfahrt des Flughafens zusteuerten. „Ich dachte, ich zeige euch erst mal den Rodeo Drive“, sagte Dave. „Das ist die Haupteinkaufsmei- le von Beverly Hills, sozusagen der Tempel des Konsums.“ „Klingt wie das Paradies“, schwärmte India. Seufzend legte sie den Kopf in den Nacken und ließ den Wind in ihrem Haar spielen. Mit ihrer Spiegelbrille und dem verzückten Lächeln sah sie bereits wie eine waschechte Kalifornierin aus. „Du willst uns wohl mit all den Verlockungen

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quälen, die wir uns nicht leisten können, wie?“, zog ich Dave auf. Noch nicht leisten können“, ergänzte India und biss sich auf die Unterlippe. Auf dem Weg durch Beverly Hills kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus – wir sahen Tommy Hilfiger, Louis Vuitton, Gucci. Das brach- te Onkel Dave auf die Idee, noch an den Häusern einiger Stars vorbeizufahren. An der Residenz von James Stewart (als er noch lebte), an der Playboy- Villa, an dem Anwesen der Streisand. „Ich dachte, zum Mittagessen führe ich euch zum Sunset Strip aus, wo sich manchmal die Stars blicken lassen.“ „Ich hab schon irgendwie Hunger“, sagte ich und nickte. „Tolle Idee!“, rief India. „Also abgemacht.“ Dave brachte den Motor auf Touren.

„Das Lokal gehört übrigens Leonardo DiCaprio“, erzählte Dave, als wir in unsere vegetarischen Tor- tillas bissen. Ich musste zugeben, dass das Hotel cool war. Die Stühle in der Lobby waren an der Decke auf- gehängt, sodass man darin schaukeln konnte. Im rückwärtigen Teil des Hotels befand sich ein Pool, wo die jungen, in der Mehrzahl europäischen Gäste ölig in der Sonne schmorten. Alles war von den

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zurzeit angesagtesten Designern entworfen. Dave meinte, das sei typisch für L. A., und wir sollten es erst einmal bei Nacht sehen – oder nein, bei nähe- rer Überlegung lieber nicht, dazu seien wir noch zu jung. Beim Mittagessen, während India immer wieder den Hals reckte, um irgendwelche Berühmtheiten zu entdecken, nannte ich Dave den Grund für un- sere Reise. Er schien fasziniert. Wahrscheinlich war ihm vorher nie richtig bewusst geworden, dass er es mit einem angehenden Detektiv zu tun hatte, wie er sich ausdrückte. „Und wo wohnt diese Mieze?“, fragte er und meinte damit Mrs Warner. Ich kann euch versi- chern, mir fiel es ungeheuer schwer, die Bezeich- nung „Mieze“ mit Mrs Warner in Verbindung zu bringen. Sie war allenfalls eine gemeine Hauskatze. „Das wissen wir noch nicht“, erklärte ich. „Wir warten auf einen Anruf von unserem Kumpel Je- sus.“ „Er verfolgt ihre Spur im Internet“, fügte India hinzu. „Wann wollte er sich denn bei euch melden?“, fragte Dave. „Er sagte, gegen sechs Uhr abends, New Yorker Ortszeit“, erwiderte ich. „Dann ist es ja bald so weit.“ Dave schaute zu der Designer-Wanduhr in Form einer Gondel.

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Und was sagt man dazu – wie aufs Stichwort läute- te Indias Handy. „Hi“, sagte sie und holte schnell Block und Bleistift aus der Seitentasche ihres Rucksacks. „In Ordnung, schieß los.“ Sie schrieb die Adresse auf. „Mensch, Jesus – du bist ein Genie!“, rief sie, dann legte sie auf. „Kompetent und schnell“, lobte Dave. „Mal se- hen, was ihr da habt.“ Er nahm den Block, um sich die Adresse anzusehen. „Hmm … in Toluca Lake, in der Nähe von Burbank. In der Richtung habe ich um fünf einen Dreh für einen Reklamespot. Wie wär’s, wenn ich euch dort absetze, und gegen sieben treffen wir uns wieder? Bis dahin müsste ich fertig sein.“ „Klingt gut“, erwiderte ich. Und so kam es, dass wir Toluca Lake mit unse- rer Anwesenheit beehrten, als die Sonne über den Hügeln von Hollywood unterging. Dave ließ uns vor einem alten Kino, das man zu einem Club für Live-Shows umgebaut hatte, raus. Wir hatten ver- einbart, uns um sieben im Restaurant gegenüber zu treffen. „Na schön.“ India studierte im Licht einer Stra- ßenlaterne den Stadtplan, den wir auf dem Weg erstanden hatten. „Nach dieser Karte sind wir nur drei Blocks von Mrs Warners Wohnung entfernt.“ „Gut. Dann mal los!“ Ich war so energiegeladen

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wie schon lange nicht mehr. Es geht doch nichts über einen Mordfall, um sich in Schwung zu bringen. Bald darauf standen wir vor dem Apartment- komplex, in dem Mrs Warner untergekrochen war. Das Gebäude war drei Stockwerke hoch und mit Balustraden ausgestattet, die sich über die ganze Länge der Front erstreckten und durch Treppen miteinander verbunden waren. Die Sträucher vor dem Haus und der untere Teil des Treppenauf- gangs waren mit bunten Lichtern dekoriert. „Sie wohnt in Apartment 214“, sagte India, nachdem sie ihren Notizblock konsultiert hatte. „Es muss als Übergangslösung gedacht sein, bis sie eine elegantere Bleibe in Beverly Hills gefunden hat“, bemerkte ich. Wir gingen die Treppe hoch zur Balustrade der ersten Etage und über den Gang, bis wir vor der Tür mit der Nummer 214 standen. Kein Geräusch war zu hören – nur das Zirpen der zahllosen Zika- den in den Sträuchern unter uns und das ferne Brausen der Autos auf dem Boulevard. „Sollen wir anklopfen?“, flüsterte India. „Keine Ahnung. Was meinst du?“ In ebendiesem Moment hörten wir einen Auf- schrei aus dem Apartment – unverkennbar Mrs Warner. Sie klang genauso wie an dem Nachmittag, als Timmy im Wasserfall den Tod gefunden hatte. „Timmy! Timmy, ich weiß, dass du es bist! Sag

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etwas! Timmy, bitte sprich mit mir! Timmy! Tim- myyyy!“

Gespräch mit dem Jenseits

mit mir! Timmy! Tim- myyyy!“ Gespräch mit dem Jenseits Ich weiß, normalerweise ist India diejenige, die

Ich weiß, normalerweise ist India diejenige, die eine Gänsehaut kriegt, aber ihr könnt mir glauben – in diesem Augenblick war jede einzelne Faser meines Körpers zu Eis erstarrt. Was in aller Welt geschah hinter dieser Tür? Warum rief Mrs Warner so verzweifelt nach ihrem Sohn? Ich für meinen Teil glaube nicht an Geister, aber Mrs Warner klang, als tue sie es. Wir brauchten beide einen Augenblick, um uns zu fangen. India schlich näher zur Tür und presste das Ohr dagegen. Das große Fenster neben der Tür war zwar mit einer dicken weißen Gardine verhan- gen, in der Mitte öffnete sich jedoch ein kleiner Spalt. Ich hielt mein Gesicht an die Scheibe und schirmte es mit den Händen ab. Nach wenigen Sekunden wurde die Szene in dem abgedunkelten Wohnzimmer scharf. Mrs Warner war am Telefon; sie schluchzte. „Oh mein Gott, ich werde noch verrückt!“, faselte sie erregt, ging dabei auf und ab und atmete schwer

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in den Hörer. „Willst du, dass ich den Verstand verliere, ist es das? Timmy, antworte mir! Ich weiß, dass du es bist!“ Schließlich gab sie es auf – mit einem lang gezogenen Aufschrei warf sie das Tele- fon gegen die Wand. Dann ließ sie sich auf die Couch fallen, jammerte zum Gotterbarmen und raufte sich die Haare. „Du meine Güte …“, flüsterte India. Ich winkte sie zu mir, damit sie sah, was ich sah. Durch den kleinen Spalt in der Gardine beobachteten wir, wie Mrs Warner sich wie ein Embryo auf dem Sofa zusammenrollte, stöhnte und weinte. Nach einer Weile beruhigte sie sich und hob das Telefon wieder auf. Sie drückte auf die Gabel, um zu sehen, ob es noch funktionierte. Befriedigt holte sie ein Telefonbuch von ungeheurer Dicke hervor und blätterte darin. Sobald sie gefunden hatte, was sie suchte, tippte sie eine Nummer ein und warte- te.

Ich spürte Indias Atem und hörte ihren Herz- schlag, als wir so dastanden, nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Wäre in diesem Moment einer der Nachbarn herausgekommen, wir hätten ohne Zweifel ziemlich Verdacht erregt. „Hallo“, hauchte Mrs Warner ins Telefon. Jetzt, da sie nicht mehr kreischte und tobte, konnten wir sie kaum verstehen. „Ich brauche einen Hausbe- such. Wie viel es kostet, ist mir egal.“

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India und ich blickten uns fragend an. „Na schön – wenn Sie es unbedingt wissen wol- len“, fuhr Mrs Warner fort. „Ich glaube, mein Sohn versucht, Kontakt zu mir aufzunehmen von … von der anderen Seite.“ „Hoppla“, zischelte India. Mrs Warner hörte kurz zu, dann sagte sie: „Eine spirituelle Sitzung? Also, wenn Sie der Ansicht sind, dass so eine Séance etwas bringt … aber braucht man dazu nicht eine größere Zahl von Teilnehmern?“ Sie hielt erneut inne. „Ist gut, ich werde darüber nachdenken … Wann könnten Sie hier sein? Ja, natürlich verstehe ich, dass es dunkel sein muss. Acht Uhr morgen Abend geht in Ord- nung. Ja. Vielen Dank.“ Sie beendete das Gespräch und ließ sich wieder auf die Couch fallen. Ich richtete mich auf, um meine Glieder zu strecken. Ohne es zu merken, hatte ich mich so lange in unnatürlicher Haltung vorgebeugt, dass mein linkes Bein eingeschlafen war. Ich schüttelte es und rempelte dabei aus Versehen India an, die noch durchs Fenster spähte. Prompt stieß sie mit dem Kopf gegen die Scheibe. Das Geräusch reichte aus, um Mrs Warner zu alarmieren. „Timmy, bist du das?“, rief sie, und ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie sie vom Sofa schnellte. „Timmy! Hör doch auf, mich zu quä- len!“

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Kurze Zeit später hörten wir Schritte hinter der Tür und stürzten zur Treppe – ich auf einem Bein hüpfend. Wir waren schon fast unten, als die Tür aufgerissen wurde. „Timmy! Ich weiß, dass du da bist!“, brüllte Mrs Warner in die Dunkelheit. „Geht’s auch ein bisschen leiser, Lady?“, rief jemand aus einem anderen Apartment. „Ich versu- che, mich auf den Fernseher zu konzentrieren!“ India und ich standen stocksteif an die Stuck- wand des Treppenaufgangs gepresst; wir wagten nicht zu atmen, geschweige denn uns zu rühren. Wir wussten, wenn Mrs Warner die Treppe hinun- terkam, würde sie uns entdecken. Aber uns blieb keine Wahl: Es war einfach zu riskant, Hals über Kopf loszurennen – Mrs Warner hätte uns in der Beleuchtung auf der Treppe und in den Sträuchern vor dem Haus sicher erkannt. Das Beste, was wir tun konnten, war, ganz ruhig abzuwarten. Von oben war leises Stöhnen zu hören. Ich stellte mir vor, wie Mrs Warner sich über die Brüs- tung beugte und nach dem Geist ihres toten Soh- nes Ausschau hielt, der über das Grundstück strich – eine verlorene, gequälte Seele, die umging, um die eigene Mutter heimzusuchen. Schließlich fiel die Tür knarrend ins Schloss, und India und ich konnten die Flucht ergreifen. Inzwischen hatte sich mein Bein erholt, und wir rannten so schnell wir konnten zu unserem Treff-

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punkt. Im Restaurant bestellten wir jeder zwei Burger und warteten auf Onkel Dave. Beim Essen gingen wir noch einmal durch, was passiert war. „Ich glaube, sie ist gaga“, lautete In- dias abschließendes Urteil. „Ja, total plemplem“, pflichtete ich ihr bei. „Aber meinst du, dass das schlechte Gewissen sie drückt? Oder sind es nur die Nachwirkungen der Tragödie am Wasserfall?“ „Es gibt noch eine dritte Möglichkeit“, bemerk- te sie. „Nämlich?“ „Vielleicht war sie immer schon verrückt oder dicht dran und hat es nur gut vor anderen ver- steckt. Das könnte auch erklären, warum sie Tim- my umgebracht hat. Vielleicht hat sie Verfol- gungswahn.“ „Schon möglich“, erwiderte ich. „Aber ich wet- te, morgen Abend nach der Séance wissen wir mehr.“ „Hoffen wir’s“, sagte India.

Familienbande

wissen wir mehr.“ „Hoffen wir’s“, sagte India. Familienbande Onkel Daves Dreh zog sich in die Länge.

Onkel Daves Dreh zog sich in die Länge. Als er

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endlich kam, hatten wir jeder noch einen Eisbecher zum Nachtisch verspeist und waren praktisch im Sitzen eingeschlafen. Wir hatten beide vergessen, wie sich die Zeitverschiebung auswirkte – für unse- re Körper war es drei Stunden später. Im Wagen schlief ich die ganze Strecke zu Da- ves Wohnung in Santa Monica tief und fest wie ein Murmeltier. Das weiß ich so genau, weil er mich wachrütteln musste, als wir dort ankamen. Ich schlafwandelte zum Bett und nahm meine unmit- telbare Umgebung erst wieder wahr, als ich am kommenden Morgen aufwachte. Onkel Daves Wohnung war luftig und sonnig und hatte einen Balkon, der auf eine ruhige Straße mit hohen Palmen hinausging. Aber nachdem ich das vorausgeschickt habe, muss ich leider hinzufü- gen, dass Onkel Dave als Hausmann eine Null ist. Im Auto hatte er geprahlt, wie gründlich er sauber gemacht hatte – und tatsächlich, er hatte Staub ge- wischt und die Böden gewienert und all das. Aber ich habe noch nie so viel Schrott auf einem Haufen gesehen, außer in meinem eigenen Zimmer. Überall lagen Videokassetten herum, Kameras, Ob- jektive, Filmrollen, Kabelrollen und natürlich Tro- phäen und Preise, die er für seine Arbeit erhalten hatte – im Jahre 1991 oder so. Hinzufügen muss man zu diesem Chaos nun noch jedes Buch und jede Zeitschrift, die Dave in den letzten zehn Jah-

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ren gelesen hat, und Werbeprospekte aus mindes- tens zwei Monaten … Ich glaube nicht, dass Dave jemals in seinem Leben etwas weggeworfen hat. Ich schätze, für ihn hat eben alles seinen Wert – so geht es mir auch oft. Aber damit meine Woh- nung in 20 Jahren nicht genauso aussieht, sollte ich mich lieber schleunigst ändern – sonst muss ich mir später noch eine Scheune als Lagerraum mieten. Nicht, dass es uns groß störte. India und ich würden hier nicht viel Zeit verbringen, außer um zu schlafen. Beim Frühstück in Daves sonnenüber- fluteter, mit allem möglichen Krempel voll gestopf- ter Küche planten wir unseren Tagesablauf. Mir war bereits klar, dass Dave uns in vielerlei Hinsicht eine große Hilfe sein würde. Zum einen verfügte er über die nötige Ausrüstung, um uns heute Abend für die Séance eine Videokamera zu leihen, damit wir jedes Indiz festhalten konnten, das uns von Nutzen sein konnte – sowie jeden Hinweis auf übernatürliche Phänomene. Dave war uns noch in einer anderen Beziehung behilflich; er hatte überall Zutritt, einschließlich der Studios von Sony, Paramount und Universal. Timmys Schwester Marina spielte eine kleine Rolle in einem Film, der gerade in den Universal Studios abgedreht wurde. Das wussten wir von Jesus, der im Internet eine Suche für uns gestartet hatte. Da wir keine Ahnung hatten, wo Marina wohnte, und

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ihre Nummer nicht im Telefonbuch stand, war dies die einzige Gelegenheit, mit ihr in Kontakt zu treten. Das Problem war, dass niemand ohne Erlaubnis das Gelände von Universal betreten durfte. Und genau hier kamen Daves Beziehungen ins Spiel. Ein Anruf von ihm genügte, um unsere Namen auf die Besucherliste zu setzen, auf Veranlassung eines Produzenten, der ihm noch eine Gefälligkeit schul- dete. Zu guter Letzt betätigte Dave sich auch noch als Chauffeur für uns – und glaubt mir, wenn man in L. A. nicht motorisiert ist, dann ist man völlig auf- geschmissen. Auf dem Weg zu den Universal Stu- dios gab Dave uns einen wertvollen Tipp. „Wisst ihr was? Für die Dauer eures Aufenthalts hier draußen solltet ihr euch Cityroller mieten.“ „Cityroller? Du meinst Vespas?“, hakte India nach. „Ja“, sagte Dave lächelnd. „Man kann sich damit ziemlich gut innerhalb der Stadt fortbewegen, und ihr wärt nicht mehr darauf angewiesen, dass ich euch mitnehme …“ „Meinst du das ernst?“, sagte India. „Klar. Solange ihr Roller mit einem Motor un- ter 50 Kubikzentimeter mietet und Helme tragt, kann euch eigentlich nichts passieren.“ „Cool!“, begeisterte sich India. „Ich hab mir

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schon immer einen Roller gewünscht, und ich bin noch nie selbst auf einem gefahren. Du, Quentin?“ „Einmal, auf den griechischen Inseln“, sagte ich. „Das war toll – da gab’s zwar außer ein paar Esels- karren nicht so viel Verkehr, aber hey – das Leben ist ein Abenteuer, oder?“ Auf diese Weise würden wir nicht mehr warten müssen, bis Dave mit seinem Job fertig war und uns abholte. Die Erfahrung von gestern, als ich im Restaurant eingeschlafen war, wollte ich nicht un- bedingt wiederholen. Wir stiegen etwa 700 Meter vor dem Eingang zum Studio am Lankershim Boulevard aus und mieteten zwei Roller samt Motorradhelmen. India nahm eine rote Maschine, ich eine schwarze. Dann erklärte Dave uns den Weg zu den Universal Stu- dios und fuhr zu seinem morgendlichen Dreh da- von. Der Grund, warum wir so darauf brannten, Ma- rina Warner zu befragen, war folgender: Timmy hatte nur zwei Angehörige zurückgelassen – und Mrs Warner war im Moment ja nicht allzu gut beieinander. Daher war Marina trotz ihres Rufs, nicht alle Tassen im Schrank zu haben, unsere ein- zige Chance, an Insiderinfos über Timmys Familie heranzukommen und zu erfahren, warum Mrs Warner nach Kalifornien übergesiedelt war. Der Wachmann am Tor von Universal gab uns

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unsere Besucherpässe und beschrieb uns den Weg zu Set 17, der sich am entgegengesetzten Ende des Geländes befand. Wir fuhren an den Kulissen von „Psycho“ und „Der Weiße Hai“ vorbei. Ein Set war eine perfekte Nachbildung von Greenwich Village in New York; ein anderer stellte eine me- xikanische Plaza dar; ein dritter sah aus wie eine Südseeinsel, komplett mit einer blauen Lagune, Palmen und Fischerbooten. „Ist ja echt Wahnsinn!“ India hielt an. Ich glaube, wir waren die Einzigen weit und breit, die nichts mit dem Filmgeschäft zu tun hat- ten. Ein buntes Durcheinander aus Schauspielern, Drehbuchautoren, Beleuchtern und Assistenten, Regisseuren und Produzenten, Machern und Mäd- chen-für-alles kreuzte unseren Weg, als wir lang- sam zu dem Set des Films namens „Strandschön- heiten in Babylon“ rollten, in dem Marina eine winzige Rolle übernommen hatte. Schon am Titel konnte man erkennen, dass der Streifen kein ernsthafter Kandidat für den Oscar sein würde. Aber was soll’s, Marina war ein kleines Licht und musste wohl über jede Rolle froh sein, die sie krie- gen konnte. Besser als nichts, wie man so schön sagt. Wir fanden sie in einem kleinen Wohnwagen vor dem Set, wo man ihr einen Badeanzug anpass- te, der meiner bescheidenen Meinung nach viel zu klein für sie war. Dennoch wirkte sie recht über-

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zeugend als Strandschönheit, trotz ihres Pfannku- chengesichts. „Marina Warner?“, sagte India. Marina drehte ihren blondierten Kopf in unsere Richtung und warf uns einen fragenden Blick zu. „Kennen wir uns?“, fragte sie atemlos, fast ängstlich. „Wir kommen aus New York“, erklärte ich. „Wir sind Freunde von Timmy.“ Marinas rechte Hand schoss zu ihrem Hals; un- verhüllte Furcht stand auf ihrem Gesicht. Sie wandte sich an die Kostümbildnerin. „Wartet kurz auf mich, ja?“ Sie führte uns hinaus. „Gehen wir in meinen Wohnwagen, da können wir ungestört reden“, sagte sie. Rasch ging sie voran zu einem noch kleineren Wohnwagen. Innen war er in drei oder vier winzi- ge Kabinen unterteilt – die übliche Unterbringung von Statisten. Wir drei zwängten uns in Marinas Kabuff. Sie schloss die Tür hinter uns und setzte sich auf den einzigen vorhandenen Stuhl, der vor einem Schminktisch mit beleuchtetem Spiegel stand. „Ihr kanntet also Timmy“, begann sie, faltete die Hände und schniefte – eine leidlich gute Imita- tion echten Kummers. „Und ihr seid hergekom- men, um mir euer Beileid auszusprechen?“ „Hm, nicht nur“, erwiderte ich. „Wir besichti-

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gen die Studios zusammen mit meinem Onkel und haben zufällig gehört, dass du hier bist. Wir wollten dir sagen, wie furchtbar, furchtbar Leid uns tut, was passiert ist.“ „Oh, ja – es ist niederschmetternd“, stieß sie mit zitternden Lippen hervor. „Wir waren an jenem Tag dort“, fügte India hinzu. „Es war grässlich. Deine Mum … sie war, na ja, am Boden zerstört.“ „Oh, sie ist völlig am Ende“, pflichtete Marina ihr bei und nickte langsam. „Es hat sie richtig fertig gemacht.“ „Ja“, sagte ich. „Wir haben uns gefragt, ob das wohl der Grund dafür ist, warum sie … mir nichts, dir nichts ihre Siebensachen gepackt und hierher gekommen ist.“ „Ja, sicher.“ Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Sie wollte bei mir sein. Nicht, dass wir uns sehr nahe stünden oder so – aber schließ- lich bin ich die einzige Angehörige, die ihr geblie- ben ist.“ „Es muss ein furchtbarer Schock für dich sein, sie in diesem Zustand zu sehen“, sagte India. „Ich mache mir ernstlich Sorgen um sie. Ich überlege, ob sie nicht … ihr wisst schon, ärztliche Hilfe braucht. Vielleicht sollte sie mal eine Weile ausspannen.“ „Du meinst … man sollte sie in eine Klinik

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einweisen?“, fragte ich. Marina zuckte die Achseln und seufzte. „Ich weiß nicht – was meint ihr denn?“ India und ich wechselten einen Blick. „Das wä- re eventuell keine schlechte Idee“, sagte ich zö- gernd, nicht ganz sicher, worauf Marina hinaus- wollte. „Ich müsste mir natürlich einen Rechtsbeistand nehmen, um sie einweisen zu lassen“, fuhr Marina fort. „Aber zuerst müsste ich sie zu einem Arzt schleppen und … Zeugen müssten eine Einschät- zung ihres Geisteszustands vorlegen.“ Sie warf uns einen hoffnungsvollen Blick zu. „Hmmm …“ Ich blieb bewusst unverbindlich. „Ich weiß, dass du früher selbst Probleme hattest.“ Ich drückte mich vorsichtig aus, weil ich sie zwar aus der Reserve locken, nicht aber verschre- cken wollte. Marina senkte den Blick; diesmal verlor sie tat- sächlich die Fassung. „Ich … ich war eine Woche in einer geschlossenen Anstalt, wenn ihr es unbe- dingt wissen wollt.“ Sie fing an zu weinen. „Meine Mum hat mich dorthin geschickt … um mich dar- an zu hindern … na ja … mir selbst wehzutun.“ „Oh“, sagte India. Die Unterhaltung geriet ins Stocken. Wir wussten beide nicht, was wir sagen sollten, und warteten darauf, dass Marina fortfuhr. Aber sie hörte nicht auf zu weinen.

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„Ging es darum … war es ein Problem, dass du Schauspielerin werden wolltest?“, fragte ich schließlich. „Nein! Im Gegenteil! Sie hat mich zu allen möglichen Castings mitgeschleift!“ Marinas Aus- bruch kam so überraschend, dass wir zwei uns ge- gen die mit Kostümen behängte Wand drückten. „Sie wollte früher selbst ins Showgeschäft einstei- gen, hat es aber nicht geschafft. Nur einmal durfte sie eine tanzende Zigarettenschachtel darstellen, das war’s dann auch schon. Dann ist Dad ausgezogen, und sie war pleite, deshalb hat sie Timmy und mir eingeredet, wir müssten unbedingt Schauspieler werden – nur um Geld für sie zu verdienen!“ Marina brach erneut in Tränen aus und barg das Gesicht in den Händen. „Geld, Geld, Geld, das ist alles, was sie jemals interessiert hat – wir nie! Und jetzt ist Timmy tot!“ Noch mehr Tränen – ein wahrer Sturzbach – und anhaltendes Schweigen von India und mir. „Tut mir Leid …“ Marina schniefte. „Ich kann nicht mehr darüber reden – es tut einfach … zu weh. Aber danke, dass ihr vorbeigekommen seid.“ Das war als Signal für uns gemeint. Ich warf In- dia einen Blick zu und erkannte, dass sie nicht be- reit war, es dabei zu belassen. Ich ebenso wenig. „Marina“, begann ich sanft, „wusstest du, dass deine Mum eine Lebensversicherung über drei

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Millionen Dollar auf Timmy abgeschlossen hatte?“ „Wie bitte?“, stieß Marina mit schockierter Miene hervor. „Eine Lebensversicherung? Davon hatte ich keine Ahnung!“ Frei nach Shakespeare: „Die Dame, wie mich dünkt, gelobt zu viel.“ Ich hatte das starke Gefühl, dass Marina mehr von der Lebensversicherung wusste, als sie zugab. „Natürlich sind wir ebenso besorgt wie du, was die Verfassung deiner Mum betrifft“, sagte India. „Wir haben gehört, dass sie heute Abend eine Séance veranstaltet, um Kontakt mit Timmy auf der anderen Seite herzustellen.“ Marina schaute auf. „Eine Séance? Seid ihr si- cher?“, fragte sie. Ihr Pfannkuchengesicht wurde völlig ausdruckslos, ich spürte jedoch, dass sie scharf nachdachte. „Wirklich …?“ „Sie hat sich deswegen noch nicht bei dir ge- meldet?“, fragte ich nach. „Bei mir? Nein. Wieso sollte sie?“, entgegnete Marina. „Sie weiß, dass ich nicht abergläubisch bin oder so. Ich glaube nicht an Geister. Hab ich noch nie getan, nicht mal als Kind. In meinen Augen sind es die Menschen, die einem Angst machen sollten.“ „Da muss ich dir Recht geben“, sagte ich. „Tja, es war nett, euch zu treffen“, sagte Marina und entließ uns damit ein zweites Mal. „Danke, dass du dir die Zeit genommen hast,

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mit uns zu reden“, erwiderte ich. „Und … viel Glück mit deiner Karriere.“ „Tut mir so Leid, was du durchmachen musst.“ India umarmte Marina. Als wir zu unseren Rollern zurückgingen, fragte ich: „Was hältst du von ihr?“ „Sie verbirgt etwas, das steht fest“, erwiderte In- dia. „Meinst du, sie wird zu der Séance aufkreuzen?“ „Schon möglich.“ „Schade, dass wir nicht wissen, wo sie wohnt – sonst könnten wir sie beobachten.“ „Wir wissen es.“ Triumphierend hielt India ih- ren Notizblock in die Höhe. Darauf war eine Ad- resse gekritzelt: 203401/2 Driftwood Alley, Venice Beach. „Woher hast du die?“, fragte ich verblüfft. „Von einem Umschlag abgelesen, der auf ihrem Schminktisch lag. Als ich sie zum Abschied umarmt habe.“ „Und ich dachte schon, du hättest dein Herz für das arme kleine Filmsternchen entdeckt. India, du bist derart hinterhältig!“ „Bin ich nicht!“ Sie grinste. „Du hättest dasselbe getan, wenn es dir eingefallen wäre.“ Da musste ich ihr allerdings Recht geben.

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Der Untote

Der Untote

India und ich fanden beide, dass der nächste Schritt unserer Nachforschungen darin bestehen sollte, Marinas Wohnung auszukundschaften. Wir hatten natürlich nicht vor, bei ihr einzubrechen – aber man kann ja nie wissen. Manche Leute sind von Natur aus so vertrauensselig, dass sie ihre Tür nicht abschließen oder ihre Fenster einen Spalt offen stehen lassen. Wenn das nicht eine Einladung an Amateurdetektive ist, dann weiß ich nicht. Abgesehen davon gab es sowieso keine anderen Spuren, die wir bis zu der Séance um acht Uhr verfolgen konnten. Deshalb beschlossen wir, die weite Fahrt zum Ozean anzutreten und uns un- terwegs die Wahrzeichen von Los Angeles anzu- sehen. Also, wenn ihr noch nie auf einem Moped oder einem Roller gefahren seid, lasst euch eins gesagt sein – die Großstadt ist auch in dieser Hinsicht kein Vergleich zu einer menschenleeren griechischen Insel. Im Windschatten der vorbeifahrenden Autos wurde ich seitwärts in die angrenzende Spur gezo- gen. Aber als wir in Richtung Hollywood Hills bretterten, konnte ich Indias Freudenschreie hören. Ihr Haar flatterte wild um ihren Helm. Wir waren in L. A., wir konnten tun und lassen,

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was wir wollten, wir waren motorisiert – kurz und gut, das Leben war herrlich. Wir gelangten ohne Unterbrechung oder Stau zu den Hollywood Hills. Die Straße wurde schmal, ließ den Smog und den Lärm der Stadt hinter sich und schlängelte sich an den Villen der Stars und Börsenmakler vorbei – Villen, direkt an die Klip- pen gebaut, mit Blick auf den gigantischen Moloch aus Straßen und Wolkenkratzern unter ihnen. Unsere Roller tuckerten mühsam die Hügel hi- nauf, der Weg nach Hollywood selbst war dann aber das reine Vergnügen – wir bretterten um Kur- ven und Biegungen der gewundenen Straße und brüllten uns im Fahrtwind die Seele aus dem Leib. Unser Weg führte uns über den Hollywood Boulevard, wo wir die Fußabdrücke der Stars vor dem Mann’s Chinese Theater bewunderten. Ich zeigte India die Fußabdrücke von Steve McQueen, aber sie interessierte sich mehr für Mel Gibson. Wir schauten hinauf zu dem weltberühmten Holly- wood-Schriftzug über uns in den Hügeln, wo wir eben noch gewesen waren, und mir fiel ein, dass ich einmal von einer Schauspielerin gelesen hatte, die vom Buchstaben D in den Tod gesprungen war. „Ist es nicht himmlisch?“, fragte India. „Könn- test du dir vorstellen, hier zu leben? Ich schon.“ „Logo.“ Es ging doch nichts über solch eine Tour auf eigene Faust, unterwegs in einem Fall,

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den man zu lösen gedachte. Wir passierten den Stadtteil Fairfax mit seinen Cafés und Flohmärkten und bogen in den Sunset Boulevard. Von dort führte eine Straße in schnur- gerader Linie nach Westen, bis hinunter zum Pazi- fischen Ozean. Als wir den Strand erreichten, war es fast zwei Uhr, und wir hatten einen Bärenhunger. Wir hol- ten uns Hotdogs und setzten uns am Venice Boardwalk, der Promenade, auf eine Bank. Von dort sahen wir dem Kuriositätenkabinett zu, das an uns vorüberzog – Breakdancer mit den ausgeflipp- testen Frisuren auf Inlinern, Skateboarder, die auf ihrem Brett einen Handstand machten, vor sich hinbrabbelnde, gestikulierende Irre, Typen mit Ganzkörpertätowierung, Gaffer und Penner. Etli- che Straßenkünstler tummelten sich hier – Panto- mimen, Feuerschlucker, Clowns auf Stelzen, Leier- kastenmänner, Sänger, Bands, Einradfahrer, Stepp- tänzer – was immer das Herz begehrte. Mein Blick hing gebannt an einem Einradfahrer, der sich in Schwindel erregendem Tempo um die eigene Achse drehte. „Hey, das muss ich irgend- wann auch mal ausprobieren.“ „Aber sicher doch“, sagte India lachend. Wir blieben noch eine Weile und schauten dem lebhaften Treiben zu. Dann fiel mir wieder ein, warum wir hier waren. „Glaubst du wirklich, Mrs

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Warner hat Timmy getötet?“, fragte ich. „Wir wissen beide, dass sie es getan hat, Quen- tin – deswegen sind wir ja hier.“ „Beweise, dass sie eine Mörderin ist, haben wir nicht“, widersprach ich. „Genau das ist der sprin- gende Punkt. Rein theoretisch könnte Timmy auch ohne Fremdeinwirkung abgestürzt sein.“ „Sie hat zu große Schuldgefühle, um unschuldig zu sein. Und wenn wir uns in Marinas Abwesen- heit deren Wohnung ansehen wollen, sollten wir uns lieber beeilen. Sie könnte jederzeit auftau- chen.“ India schlang die Eiswaffel hinunter, die sie nach dem Hotdog erstanden hatte, und stand auf. India hat einen Stoffwechsel, der es ihr erlaubt, alles zu essen, ohne auch nur ein Gramm zuzu- nehmen. Sie ist das einzige Mädchen, das ich ken- ne, das nicht ständig darüber redet, dass sie mindes- tens fünf Pfund abnehmen muss – und glaubt mir, das ist eine ihrer erfrischendsten Eigenschaften. „Also mal sehen … wo wohnt Marina noch gleich?“, sagte sie, holte ihren Notizblock heraus und schaute sich die Adresse an. Dann ging sie zu jemandem hinüber, der ganz offen auf der Prome- nade Gras rauchte, und fragte ihn nach dem Weg. Der Typ, ganz offensichtlich seiner Sinne nicht mächtig, musterte den Zettel, nickte, als sei er der Schlüssel zu allen Geheimnissen dieser Welt, und zeigte schließlich nach Südosten.

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„Danke“, sagte India. „Okay, Quentin, packen wir’s an. Aber ich warne dich – später gehen wir noch Wellenreiten.“ „Wellenreiten?“ „Du willst doch nicht etwa die Chance verpas- sen, an einem kalifornischen Strand zu surfen?“, fragte sie, die Hände in die Hüften gestemmt. „Sieh dir die Surfer an! Bei der Brandung da drau- ßen muss es ein Supergefühl sein, auf dem Brett zu stehen!“ Ich schaute aufs Meer. Etwa ein Dutzend Leute in Neoprenanzügen kreuzten auf dem Wasser. Ich muss zugeben, es sah cool aus. Immerhin bin ich ein ganz anständiger Skateboarder, und ich bin auch schon Snowboard gefahren, ohne mir den Hals zu brechen. Ein Brett ist schließlich ein Brett, oder? „Abgemacht“, sagte ich. „Aber werd bloß nicht sauer, wenn ich den Dreh schneller raushabe als du.“ „Ja, klar, so weit kommt’s noch“, frotzelte sie. „Wir wissen doch beide, wer hier der bessere Sportler ist.“ Wir stiegen auf unsere Roller und fuhren lan- deinwärts, durch ein Labyrinth aus engen Gassen, gesäumt von hübschen kleinen Bungalows, die in allen erdenklichen Farbkombinationen gestrichen und mit kleinen Extras versehen waren, zum Bei-

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spiel mit Wänden aus Glasbausteinen, mit Wein- spalieren und Hecken in Tiergestalt. Nachdem wir mehrmals im Kreis gefahren waren, fanden wir schließlich die Driftwood Alley und Marinas Be- hausung – ein Bungalow in Pink und Mintgrün, Teil einer Dreiergruppe, die rings um einen klei- nen Trinkbrunnen angeordnet war. Wir stellten unsere Roller ab und gingen zur Haustür, die ebenso wie das Fenster daneben ver- schlossen war. Aber dank des Sonnenscheins, der durch die Jalousien der rückwärtigen Fenster herein- strömte, konnten wir ins Innere des Hauses schauen. Es schien, als lebte Marina Warner allein – es stand nur ein Name an der Türklingel. Und wie es aussah, besaß sie auch nicht viel. Die wenigen Mö- belstücke erweckten den Eindruck, als habe Marina sie sorgfältig aus dem Sperrmüll gefischt, den ande- re Leute an die Straße gestellt hatten; ein rissiger Plastiktisch mit bunt zusammengestellten Stühlen, ein zerfranstes Futonschlafsofa, Plastikkisten, voll gestopft mit Büchern und Kleidern. Offenbar reichten die Minirollen, die sie gele- gentlich an Land zog, nicht aus, um ihr ein wenig Luxus zu ermöglichen. Aber vielleicht könnte sie sich ja jetzt mit dem Geld aus Timmys Treuhand- fonds mehr leisten. Ein Detail fiel mir besonders ins Auge: Auf dem Küchentisch standen mehrere Plastikröhrchen aus der

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Apotheke. „Ein nervöses Mädchen“, murmelte ich. „Wie bitte?“ India kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. „Sieh dir mal all diese Pillendöschen an.“ „Deine Psyche wäre vermutlich auch nicht so sonderlich gefestigt, hättest du eine Mutter wie Mrs Warner“, kommentierte sie. „Tja, ich glaube nicht, dass wir hier noch ir- gendwas herauskriegen“, sagte ich und schaute über meine Schulter. Mir war allmählich unwohl dabei, vor Marinas Haus herumzulungern. Die Straße war alles andere als verlassen. In eini- ger Entfernung wässerte eine Frau ihren mit Kak- teen und Aloepflanzen eingefassten Rasen. Eine andere Frau ging mit ihrem Minihund Gassi. Zwei Kids warfen sich einen Gummiball zu. „Ich finde, wir sollten von hier verduften.“ „Ganz meine Meinung“, pflichtete India mir bei. „In der Nähe der Eisdiele habe ich einen Surf- brettverleih gesehen. Auf ins große Abenteuer!“

Zwanzig Minuten später wateten wir in den eiskal- ten Pazifik; wir trugen Neoprenanzüge und hatten Surfbretter unter dem Arm. Wenn ihr noch nie ein Surfbrett getragen habt, lasst euch eins sagen – die Dinger sind schwer wie Sandsäcke! Deshalb war ich auch heilfroh, als wir endlich weit genug drau- ßen waren, um die Bretter aufs Wasser zu legen

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und zu paddeln. „Wir hätten vielleicht doch lieber Stunden nehmen sollen“, sagte India, als sie die anderen Surfer so mühelos durch die Wellenberge gleiten sah. Aus der Nähe wirkten diese viel höher als vom Strand aus. „Wir kriegen schon noch heraus, wie’s geht“, versicherte ich ihr, dabei war ich längst nicht so zuversichtlich. „Wir beobachten einfach die ande- ren und machen es ihnen nach.“ Leichter gesagt als getan. Keiner der anderen Surfer war Anfänger, so viel stand fest. Ich lag bäuchlings auf meinem Brett und sah zu, wie einer nach dem anderen auf sein Brett stieg und über die Wellen glitt. Es nützte nichts, noch länger zu warten. Ich klammerte mich an beiden Seiten des Bretts fest, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Als sich unter mir eine Welle aufbaute, stand ich schnell auf. „Hollaaa!“, brüllte ich und wedelte mit den Armen, um aufrecht stehen zu bleiben. Im Nu rutschte das Brett unter mir weg und schoss in die Luft, während ich vom Wasser verschluckt wurde. Als ich wieder an die Oberfläche kam, trieb mein Brett in fünf Meter Entfernung auf den Wel- len, und mir wurde klar, dass es mich hätte köpfen können. Ich schwamm hin und zog mich mühsam wieder hoch. Die ganze Zeit hörte ich India la-

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chen. „Haha! Warum probierst du es nicht selbst aus?“, brüllte ich. „Jetzt pass mal gut auf!“, sagte sie selbstgefällig. Sie drehte ihr Brett zum Strand, dann peilte sie eine Welle an, die noch ein ganzes Stück höher war als die, die mich abgeworfen hatte. Eins muss der Neid India lassen – sie schaffte es tatsächlich, sich etwa zehn Sekunden oben zu halten, bevor sie kopfüber im Wasser landete. „Nicht schlecht“, sagte ich anerkennend, als sie zu mir zurückpaddelte. India schlug die Augen nieder und mimte die Bescheidene. Wir ließen uns treiben und warteten auf die nächste Welle. Plötzlich bemerkte ich, wie India an mir vorbeistarrte. „Äh, Quentin“, sagte sie und ließ den Gegenstand ihres Interesses nicht aus den Au- gen. „Sieh dir mal den blonden Schwarzenegger da drüben an.“ Ich drehte mich um. Etwa 15 Meter von uns entfernt saß ein untersetzter Typ mit etwas länge- ren platinblonden Haaren und schwarzem Haaran- satz auf seinem Brett und wartete auf eine Welle. „Ja, und?“, fragte ich. „Quentin, wem sieht er ähnlich?“ Ich blinzelte gegen die untergehende Sonne, um den Typ genauer unter die Lupe zu nehmen. „Er kommt mir schon irgendwie bekannt vor.“ „Nimm den Bart und die blonden Haarsträhnen

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weg. Stell ihn dir mit kurzen dunklen Haaren und glatt rasiert vor. Also, wem sieht er ähnlich?“ „Oh … mein Gott“, murmelte ich. „Alles klar?“ India paddelte zu mir heran. „Er ist es“, sagte sie. „Es ist Timmy Warner.“

Der kalte Hauch

es“, sagte sie. „Es ist Timmy Warner.“ Der kalte Hauch India und ich winkten dem Typ

India und ich winkten dem Typ und riefen Tim- mys Namen. Aber der Wind blies in die falsche Richtung, und die Brandung war zu laut. Falls er uns hörte, ließ er sich nichts anmerken. Also versuchten wir, auf unseren Brettern in seine Nähe zu gelangen, doch der Ozean türmte sich zu immer höheren Wellenbergen auf – und da wir keine geübten Surfer waren, hatten wir keine Möglichkeit, die Brandung zu unserem Vorteil zu nutzen. „Wir sollten uns lieber von einer Welle zum Strand tragen lassen und dort auf ihn warten“, sagte ich zu India. „Guter Vorschlag“, pflichtete sie mir bei. Das nahm allerdings mehr Zeit in Anspruch, als wir gedacht hatten. Vermutlich hätten wir unser Ziel schneller erreicht, wenn wir gepaddelt wären. Als wir endlich Grund unter den Füßen hatten,

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zogen wir unsere Bretter auf den Strand und hiel- ten Ausschau nach Timmys Klon. Aber wo war er? „Er muss hier doch irgendwo sein.“ India be- schattete ihre Augen mit der Hand. Inzwischen stand die Sonne tief am Himmel und beschien uns wie ein Scheinwerfer. Äußerst ungünstig, wenn man jemanden observieren will. Im Umkreis tummelten sich etwa ein halbes Dutzend Surfer, die jedoch keine blonden Haare zu haben schienen. Ich drehte mich zu India um. Hinter ihr auf dem Parkplatz stand unser Mann und verstaute sein Brett im Kofferraum eines brandneuen roten Ge- ländewagens. „Da ist er!“, schrie ich und zeigte auf ihn. Wir liefen beide los. „Hey, kommt sofort zurück!“, brüllte der Typ, der uns die Neoprenanzüge und die Bretter ver- mietet hatte. „Lasst gefälligst die Sachen hier!“ Wir rannten einfach weiter. Es war keine Zeit für Erklärungen. Der blonde Typ, der aussah wie Timmy, stieg in den Geländewagen und ließ den Motor an. Mit quietschenden Reifen setzte er zurück und fuhr rasend schnell auf die Ausfahrt zu.

India und ich sprangen auf unsere Roller und traten wie verrückt auf die Kickstarter. Ich weiß

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auch nicht, was wir uns dabei dachten – dass wir mit dem Kerl im Verkehr auf dem Highway Schritt halten könnten? Es kam nie zu einer Verfolgungsjagd. Der Ge- ländewagen bog links ab nach Norden. Wenige Sekunden später kamen wir an der Ausfahrt an, wurden jedoch von dem rasend schnellen Verkehr in Richtung Süden an Ort und Stelle festgenagelt. Timmy – oder wie auch immer er hieß – war längst spurlos verschwunden. „Wohin wollt ihr zwei mit meinen Neoprenan- zügen!?“, fragte der Typ von der Vermietung und packte uns beide an der Schulter. „Gerade ist ein Mann weggefahren, der so aus- sah wie Elvis!“, sagte ich – das Erste, was mir in den Sinn kam. „Wir wollten nur sehen, ob er es wirklich ist.“ „Klar“, erwiderte der Kerl unbeeindruckt. „Na, dann legt jetzt mal schön ab und holt euch eure Kaution zurück.“ Leise schimpfend marschierte er mit uns zum Laden. In unseren normalen Straßenkleidern gingen wir noch einmal zum Strand. Die Dämmerung brach herein, und nun kamen auch die letzten Surfer an Land. Wir näherten uns einem von ihnen, einem großen, dürren Typ mit langen schwarzen Haaren, Bart und einem goldenen Ohrring. „Hey!“, rief ich ihm zu.

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„Ja?“ Er frottierte sein nasses Haar mit einem Handtuch. „Kennst du zufällig den Typ, der vorhin hier stand – der mit den blonden Haaren und dem ro- ten Geländewagen?“ „Wen, Humphrey? Flüchtig. Nicht gut.“ India schaltete sich ein. „Wie lange surft er schon hier?“ „Nicht sehr lange.“ Der Typ zog ein T-Shirt über den Kopf und schlüpfte in ein Paar Turnschu- he. „Vielleicht ein, zwei Monate … oder auch kür- zer. Er tauchte einfach eines Tages auf. Wer seid ihr überhaupt?“ „Ich heiße India. Und dies ist Quentin.“ „Nero“, sagte der Typ und schüttelte erst ihr, dann mir die Hand. „Und was wollt ihr von Humphrey?“ „Er sieht aus wie ein Freund von uns aus dem Osten. Hat aber den falschen Namen“, sagte India. „Solltest du mehr über ihn erfahren, dann würden wir gern nochmal mit dir reden. Bist du oft hier?“ „Fast immer“, erwiderte Nero. „Ich würde euch ja eine meiner Visitenkarten geben, aber die sind alle nass geworden“, witzelte er und zog das leere Innenfutter seiner Tasche heraus. „Danke, Kumpel“, sagte ich. „Wir müssen jetzt weiter. Bis später irgendwann.“ Wir setzten die Helme auf und starteten unsere

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Roller. Kurze Zeit später waren wir auf dem Weg nach Santa Monica. „Meinst du wirklich, es war Timmy?“, rief ich, um den Motorenlärm zu übertönen. „Wenn er es nicht war, warum ist er dann vor uns weggelaufen?“ „Weglaufen kann man es wohl nicht unbedingt nennen“, erwiderte ich. „Kann ja auch sein, dass er einfach keine Lust mehr hatte zu surfen und es Zeit für ihn war, nach Hause zu kommen.“ „Na ja, direkt gelaufen ist er nicht – er hatte es nach außen hin nicht mal besonders eilig. Aber der Zeitpunkt seines Abgangs war … wie soll ich sa- gen, ein merkwürdiger Zufall?“ „Man hat Timmys Leiche nie gefunden“, sin- nierte ich. „Nur die zerfetzten Klamotten. Seine Mum ist offenbar von seinem Tod überzeugt, sonst hätte sie nicht die Hellseherin angerufen, um eine Séance zu bestellen. Aber was ist, wenn sie Un- recht hat? Was, wenn er noch lebt?“ „Quentin?“ „Ja?“ An einer roten Ampel ließ India ihre Maschine neben meine rollen, hob den Sichtschutz an ihrem Helm und schaute mir in die Augen. „Ich spüre den kalten Hauch“, sagte sie. „Er ist es.“ Während Onkel Dave sich mit den Burritos – einer Art gefüllter Teigtaschen – abplagte, die er

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unbedingt zum Abendessen für uns zaubern wollte, rief ich Clement Hall von der Northeast- Versicherung an, um ihn über unsere bisherigen Nachforschungen zu informieren. „Sicher erinnere ich mich an dich!“, sagte er gut gelaunt mit seiner volltönenden Schauspielerstim- me. „Wie geht’s euch beiden? Schon über den Verlust eures Freundes hinweggekommen?“ „Hm … eigentlich sind wir uns gar nicht mehr so sicher, ob er wirklich tot ist.“ In der Leitung war es lange still. „Wie war das?“, fragte er dann. „Wir glauben Timmy gesehen zu haben – quicklebendig, gesund und munter und so weiter – hier in Los Angeles“, erklärte ich. „Ihr seid in Los Angeles?“, erwiderte er ver- blüfft. „Ihr seid nicht … ihr seid doch nicht bloß deshalb dorthin geflogen, um Mrs Warner zu fol- gen, oder?“ „Keineswegs“, log ich. „Aber wir sind hier zu- fällig auf einen Typ gestoßen, der Timmy verblüf- fend ähnlich sieht. Mit anderen Worten, es liegt ein Versicherungsbetrug vor.“ „Verstehe.“ In Mr Halls Stimme lag jetzt eine gewisse Schärfe. „Hör zu. Ich will euch Kids ja nicht entmutigen, aber ich finde, ihr solltet das Geld eurer Eltern nicht dafür verschwenden, quer durchs Land zu reisen, nur um einem Phantom

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nachzujagen.“ „Es ist kein Phantom! Sind Sie denn gar kein bisschen daran interessiert zu erfahren, ob Ihre Ge- sellschaft für nichts und wieder nichts mehrere Mil- lionen Dollar hingeblättert hat?“ „Doch, natürlich.“ Mr Hall hatte zu seiner ge- wohnten Gelacktheit zurückgefunden, jetzt war wieder nachsichtige Toleranz angesagt. „Na, dann erzähl mal. Wie lautet deine Theorie? Ist das Ganze Teil eines großen Versicherungsschwindels, den Mrs Warner eingefädelt hat? Residiert sie in einem Märchenschloss, wo sie ihren angeblich verstorbe- nen Sohn im Schrank versteckt?“ Er lachte. „Hör zu, mein Junge“, fuhr er dann fort – Mann, war der nervtötend! „Du musst uns schon mehr bieten, wenn du erwartest, dass wir Ermitt- lungen wegen Versicherungsbetrugs einleiten. Überleg doch mal – als ihr zu mir ins Büro kamt, habt ihr Mrs Warner des Mordes beschuldigt, wenn ich mich recht entsinne. Jetzt hingegen behauptest du, dass ihr Sohn am Leben ist. Na, welches von beidem darf es denn jetzt sein?“ „Wir wissen auch nicht genau, was hier gespielt wird“, gab ich zu. „Andererseits wissen wir, dass es in diesem Fall nicht mit rechten Dingen zugeht. Mrs Warner verhält sich extrem verdächtig; sie steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ihre Tochter ist total hektisch und aufgeregt – Sie kön-

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nen es mir ruhig glauben, Mr Hall – wir haben Timmy gesehen. Wir haben das alles nicht erfun- den.“ Hall seufzte vernehmlich. „Also gut“, sagte er in unerträglich herablassendem Ton. „Wie der Zufall es will, wird unsere Gesellschaft eine Zweigstelle an der Westküste eröffnen. Es wäre demnach nicht undenkbar, dass ich nach L. A. fliege. Aber ihr müsst schon mit harten Fakten aufwarten, um mich dazu zu bringen, hier alles stehen und liegen zu lassen und mich noch einmal mit dem Fall Warner auseinander zu setzen. Sonst muss ich euch leider bitten, mich nicht wieder anzurufen.“ Und mit diesen Worten legte er einfach auf.

Unheimliche Begegnung

diesen Worten legte er einfach auf. Unheimliche Begegnung „Was für ein Mistkerl“, murmelte ich, als ich

„Was für ein Mistkerl“, murmelte ich, als ich den Hörer auflegte. Dann berichtete ich India von dem Gespräch. „Was bildet der sich ein!“, schimpfte sie. „Er will Fakten, also kriegt er Fakten“, sagte ich. „Und wir kriegen 25 Riesen!“ „Die Burritos sind fertig!“, rief Dave aus der Küche. „Wer hat hier Hunger?“

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Ich muss sagen, nichts regt so sehr den Appetit an wie ein langer Tag, angefüllt mit erfolgreichen wie auch frustrierenden Nachforschungen. India und ich mampften Daves Burritos, bis wir keinen Bissen mehr hinunterbekamen. Dave saß grinsend da – ganz der stolze Küchen- chef. „Na dann“, sagte er, als wir fertig waren, „wohin kann ich euch heute Abend bringen?“

Dave setzte uns einen Block von Mrs Warners Haus entfernt ab und fuhr weiter, um einen Freund zu besuchen. Wir hatten vereinbart, ihn über Indias Handy anzurufen, wenn er uns abholen sollte. In- dia und ich legten das letzte Stück zu Fuß zurück. Schon von der Straße aus konnten wir sehen, dass Mrs Warner die Vorhänge zugezogen hatte. Dahinter flackerten jedoch Kerzen. „Sieht so aus, als wären wir gerade rechtzeitig gekommen“, be- merkte ich und bedeutete India, mir die Treppe hinauf zu folgen. Ich ging mit Onkel Daves Kamera zum Fenster und holte den Spalt zwischen den Vorhängen mit dem Zoom heran. India bezog Posten an der Tür. „Alles klar, sie sind da drin“, flüsterte ich. „Sieht so aus, als wären es drei Personen – Mrs Warner, Marina und die Hellseherin, schätze ich.“ „Was machen sie denn?“ „Sie sitzen rings um einen Tisch und berühren

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sich an den Händen.“ „Klingt nach einer Séance wie aus dem Lehr- buch.“ India presste ihr Ohr an die Tür. „Kannst du hören, was sie sagen?“ Sie horchte angestrengt. „Sie ruft ihn. Immer und immer wieder – sie bittet ihn, zu ihr zu spre- chen.“ Durch den Sucher der Kamera sah ich, dass Mrs Warner die Augen geschlossen hatte. Dennoch strömten Tränen über ihre Wangen. Ihr Mund bewegte sich, und sie beugte sich vor, das Gesicht nach oben gereckt. Dann riss sie urplötzlich Augen und Mund auf. Ich brauchte das Ohr nicht an die Tür zu pressen, um den wilden Aufschrei zu hören. Ich bin sicher, der ganze Stadtteil hörte ihn. „Er ist es!“, flüsterte India aufgeregt. „Komm her, und hör es dir an.“ Ich ließ die Kamera einen Moment im Stich und presste ebenfalls das Ohr an die Metalltür, und was ich hörte, trieb mir Angstschauer über den Rücken. Es war Timmys Stimme – sie hallte durch den Raum. Irgendwie klang sie merkwürdig verzerrt, aber es gab keinen Zweifel, dass es Timmy war. „Warum, Mum?“, sagte die Stimme. „Warum hast du das getan? Warum hast du mich getötet? War- um? Warum? Warum?“

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Mrs Warner schrie erneut auf. Ich stürzte rech- tzeitig zum Fenster, um sie in der Mitte des Zim- mer stehen zu sehen, wo sie sich verzweifelt die Haare raufte. Angst und Hysterie flackerten in ih- rem Blick. „Raus!“, schrie sie. „Alle raus hier, jetzt gleich! Lasst mich allein! Ich kann es nicht mehr ertragen! Geht weg, sage ich!“ Marina und die Hellseherin, eine hoch gewach- sene Afroamerikanerin mit einem Turban, stolper- ten bereits rückwärts zur Tür. Ich schnappte mir die Kamera und zog India mit mir. Das Problem war nur: Wohin? Am hinteren Ende der Balustrade öffneten sich bereits Türen – dorthin konnten wir nicht. Die Treppe hinunter? Marina und die Hellseherin wür- den vermutlich diesen Weg nehmen. Damit blieb nur noch ein Fluchtweg übrig – die Stufen hinauf ins nächsthöhere Stockwerk. Ich rannte immer zwei Stufen auf einmal nehmend hinauf; India war mir dicht auf den Fersen. Auf halber Höhe spähten wir über das Geländer aus Beton, um zu sehen, was passierte. In diesem Moment wurde die Tür des Apartments aufgeris- sen, und heraus kam die Hellseherin. Leise schimp- fend eilte sie die Balustrade entlang. Marina war die Nächste. Sie versuchte immer noch, Mrs Warner zu beruhigen, wirkte jedoch selbst ziemlich verstört. So plötzlich Timmys

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Stimme zu hören, war ihrer emotionalen Stabilität wohl ebenfalls abträglich gewesen. Kurz darauf drehte sie sich auf dem Absatz um und lief die Treppe hinunter. Mrs Warner blieb erst in der Tür stehen, dann zog sie sich in die Dunkelheit der Wohnung zurück. „Was machen wir jetzt?“, fragte India. „Wem folgen wir?“ Die Hellseherin war nirgends zu entdecken. Sie musste am Ende der Balustrade um die Ecke gebo- gen sein, um eine Treppe an der Rückseite des Gebäudes zu nehmen. Dafür sahen wir Marina, die die erleuchtete Rasenfläche überquert hatte und sich nun an der Straße suchend umblickte. „Komisch“, dachte ich. Warum ging sie nicht zu ihrem Wagen? Ob sie zurückkommen wollte, wenn ihre Mum sich beruhigt hatte? Und wenn ja – wonach hielt sie in der Dunkelheit Ausschau? Nur wenig später erhielt ich die Antwort auf diese Frage. Zwei Scheinwerfer kamen rasch näher. Ein Auto hielt neben Marina, sie öffnete die Tür und stieg ein. „Ein roter Geländewagen!“, stieß India hervor. Tatsächlich – der Wagen sah genauso aus wie das Fahrzeug, in dem unser Timmy-Doppelgänger noch vor wenigen Stunden am Strand das Weite gesucht hatte. Wir sprinteten die Treppe hinunter – gerade

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noch rechtzeitig, um den Geländewagen mit quiet- schenden Reifen in die Nacht entschwinden zu sehen. „Das Kennzeichen!“, schrie India. Ich hob die Kamera und versuchte, das Num- mernschild mit dem Zoom heranzuholen. Aber eins könnt ihr mir glauben – ein bewegliches Ziel bei 100 km/h mit dem Zoom zu erfassen, ist nicht leicht. „Hast du die Nummer?“, bestürmte mich India. „Die beiden letzten Buchstaben sahen aus wie SC. Wir müssen Jesus später bitten, sich darum zu kümmern. Auf jeden Fall können wir jetzt ziemlich sicher sein, dass der Typ, den wir beim Wellenreiten gesehen haben, Timmy war. Der Geländewagen kam von der Straße hinter dem Gebäude, und ich gehe jede Wette ein, dass Timmy alle Zeit der Welt hatte ‚aus dem Jenseits‘ zu seiner Mutter zu sprechen und sich anschließend in sein Auto zu setzen.“ „Dann sollten wir uns vielleicht mal an der Rückseite von Mrs Warners Apartment umsehen“, schlug India vor. „Volltreffer.“ Genau in diesem Moment ertönten zwei Schüs- se aus dem Apartment – und das Glas von Mrs Warners vorderem Fenster zersprang in eine Milli- on Scherben.

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Verschwörungstheorie

Verschwörungstheorie

Die Tür zum Apartment stand noch offen. Vor- sichtig stiegen wir über die Glassplitter hinweg und spähten hinein. Wir wussten ja nicht, welche Ge- fahr drohte, wenn wir auch nur einen Schritt wei- tergingen. Aus dem abgedunkelten Zimmer drangen die Geräusche eines Handgemenges. Ersticktes Schluchzen. Stöhnen. Dann sah ich zwei schemen- hafte Gestalten am Boden miteinander ringen. Eine musste Mrs Warner sein. In der anderen erkannte ich an dem flatternden Umhang die Hellseherin. Ich dachte mir, dass sie wohl um die Waffe kämp- ften. Statt wie ein williges Ziel in der Tür stehen zu bleiben, ging ich rasch zu ihnen und entriss ih- nen die Pistole. Wütend schrie Mrs Warner auf. „Lasst mich in Ruhe! Ich will nicht mehr leben! Warum lasst ihr mich nicht einfach sterben?“ „Verständige den Notruf!“, befahl die Hellsehe- rin, die einen ausgeprägten karibischen Akzent hat- te. „Sie ist verrückt geworden! Na los, Junge! Mach schon!“ India wählte die Nummer, während ich dem Medium half, Mrs Warner zu bändigen und auf den Boden zu drücken. Ein ganz schönes Stück

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Arbeit, kann ich euch sagen. Ich hätte nie gedacht, dass eine Frau ihrer Größe und ihres Gewichts so wild um sich schlagen und treten könnte. „Sie hat versucht, sich das Hirn aus dem Kopf zu schießen“, stieß die Hellseherin hervor. „Wär ich nicht zurückgekommen, um mein Geld zu ho- len, die ganze Bescherung würde jetzt an der Wand kleben!“ Wir hörten das Heulen der Sirenen, das sich langsam näherte. Schon bald waren die Sanitäter im Apartment, mit Spritzen bewaffnet, gaben Mrs Warner ein Beruhigungsmittel, verschnürten sie und schnallten sie auf eine Bahre für den Transport in die nächstgelegene psychiatrische Klinik. Wir beantworteten ihre Fragen nach bestem Wissen und Gewissen, und sie sagten uns, wir sollten im Apartment warten, bis die Polizei eintraf und unse- re Aussage aufnehmen konnte. Der Name der Hellseherin war Mama Pearl Cox; sie stammte aus Jamaica. „Ich wusste gleich, dass die Lady meschugge ist, als sie mich anrief“, sagte Pearl zu mir. „Ich hab ihr gesagt, sie kann ihren Sohn nicht aus seinem Wassergrab zurückho- len, aber sie wollte nicht auf mich hören.“ „Mrs Cox …“, begann India. „Nenn mich Mama Pearl, Schätzchen, alle sagen Pearl zu mir.“ „Mama Pearl“, sagte India, „was ist während der

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Séance geschehen?“ „Wer seid ihr denn eigentlich?“, wollte sie von uns wissen. Allmählich fragte sie sich wohl, was wir hier machten. „Wir waren Freunde des toten Jungen“, erklärte ich. „Ist es Ihnen gelungen, Kontakt zu Timmy auf- zunehmen?“, fragte India. „Kleines, ich habe die Gabe, mit den Toten zu sprechen“, sagte Mama Pearl und nickte langsam. „Aber diesmal war es anders.“ „Was meinen Sie mit anders?, erkundigte ich mich. „Es war zu früh.“ Mama Pearl runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Nicht so, wie wenn die Toten wirklich sprechen. Ich war erschrocken. Und wenn die Toten sprechen, gibt es auch kein solches Echo … es ist leiser, wie aus weiter Ferne. Diese Stimme war zu kräftig – schlechte Elektro- nik, nehme ich an.“ „Mama Pearl, warum sind Sie zurückgekom- men?“, fragte India. „Sie war so außer sich, dass sie vergessen hat, mich zu bezahlen. Und wenn etwas schief geht, wollen manche Leute später überhaupt nicht be- zahlen, versteht ihr? Also hab ich kehrtgemacht und bin zurück – und da hielt sie sich die Waffe direkt an den Kopf!“ Sie zeigte mit dem Finger auf

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ihre linke Schläfe, um die Dramatik zu steigern. „Die braucht kein Medium, die braucht ein Beru- higungsmittel.“ Endlich erschien die Polizei, die so tat, als hätten wir sie in der Mittagspause gestört. Unverzeihlich. Wir wiederholten unsere Geschichte – wobei wir natürlich unsere Theorie ausließen, dass Timmy ermordet worden war, und ebenso unsere jüngste Erkenntnis, dass er lebte und frohgemut in Venice Beach surfte. Mama Pearl verabschiedete sich, nachdem sie 200 Dollar in bar von Mrs Warners Schreibtisch genommen hatte: ihre Gebühr für die Séance. Sie hinterließ sogar eine Quittung für Mrs Warner, wenn – und falls -sie aus dem Krankenhaus entlas- sen wurde. Als die Polizei mit India und mir fertig war, tra- ten wir wieder auf die Balustrade. „Was denkst du?“, fragte India. „Wie ich schon sagte, ich glaube, Timmy war hier, in Fleisch und Blut“, erwiderte ich. „Und ich glaube, dass Marina mit ihm unter einer Decke steckt, was immer er auch vorhat.“ „Und wie hat er seine Stimme in den Raum übertragen?“, hakte India nach. „Komm mit, India.“ Ich ging voran zum ande- ren Ende der Balustrade, wo Mama Pearl Cox nach Mrs Warners hysterischem Anfall um die Ecke ge-

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bogen und verschwunden war. Der Gang führte längs der Schmalseite des Gebäudes zur Rückseite und setzte sich dort fort. Wir zählten die Fenster und standen bald an der Rückseite von Mrs War- ners Apartment. Außer zwei kleineren Fenstern mit Karovorhän- gen gab es hier noch einen Entlüftungskasten. India beugte sich zu der Öffnung hinunter und sagte:

„Halloooo!“ Drinnen antwortete einer der Polizisten: „Hallo! Wer ist da? Wer war das?“ India zwinkerte mir zu. „Tja, ich schätze, die Frage hätten wir geklärt.“ Wie ein Laser tastete ihr Blick Entlüftungsschlitze und Fensterbank ab. „Hey – sieh mal!“ Sie zog etwas aus den Schlitzen und zeigte es mir. Es waren mehrere lange blonde Haare. Humphreys Kopfschmuck – oder vielmehr der von Timmy! „Tja, India“, sagte ich, „scheint so, als hätten wir gerade einen hieb- und stichfesten Beweis für das Leben nach dem mutmaßlichen Tode gefun- den.“

„Jesus? Ich bin’s, India.“ „Hey, wo steckt Quentin?“ „Er ist hier – am selben Apparat.“ Wir benutz- ten Onkel Daves Büro, um beide gleichzeitig mit unserem geschätzten Computergenie sprechen zu

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können. „Cool. Wo brennt’s, Leute?“ „Hier unten passieren die seltsamsten Dinge, Je- sus“, begann India. „Ein Beispiel: Entweder lebt Timmy, oder er ist ein Geist, der sich einen neuen Namen zugelegt hat. Er spukt unter dem Namen Humphrey.“ „Wie bitte?“ „Ja – und er und seine Schwester wollen ihre Mutter verrückt machen. Du weißt schon, sie be- wusst in den Wahnsinn treiben“, fügte ich hinzu. „Sie versuchen, ihr nach allen Regeln der Kunst Schuldgefühle einzuflößen“, erklärte India, um ein wenig psychologische Analyse ins Spiel zu bringen. „Oh, übrigens haben wir einen Teil des Kenn- zeichens von Timmys Geländewagen“, sagte ich. „Du musst für uns eine Adresse ausgraben, wo wir ihn aufstöbern können.“ „Hört sich gut an – ich bin dabei“, erwiderte Je- sus. „Wartet mal – seid ihr auch sicher, dass dieser Typ euer Freund Timmy ist? Bei unserem letzten Gespräch wart ihr noch überzeugt, er sei Fischfutter.“ „Wir haben ihn beim Wellenreiten gesehen“, erklärte India. „Wir sind ihm danach zwar gefolgt, aber er ist uns entwischt. Wir hatten nur Roller.“ Manchmal drückten mich Gewissensbisse, wenn ich mit Jesus über derlei Details redete. Meine

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Hoffnung war, dass er eines Tages die Chance ha- ben würde, selbst ein auf seine Bedürfnisse zuge- schnittenes cooles Auto zu fahren – obwohl er in- zwischen zumindest einen motorisierten Rollstuhl mit allen möglichen Schikanen sein Eigen nennt. Aber wie es dazu kam, ist eine andere Geschichte und ein anderer Fall. „Und was habt ihr sonst noch?“, wollte Jesus von uns wissen. „Wir haben ein paar Haare von Timmy an der Rückseite des Gebäudes gefunden, in dem Mrs Warner wohnt“, berichtete India. „Ein Indiz dafür, dass er sie bewusst fertig machen will.“ Ich setzte Jesus rasch über die Séance ins Bild. „Danach ist Timmy schnell verduftet und hat heimlich Marina in seinem Wagen abgeholt. Sie sind zusammen weggefahren. Das war kurz bevor Mrs Warner sich erschießen wollte.“ „Soll das ein schlechter Witz sein? Hey, hört mal, Leute – passt bloß auf euch auf. Dieser Fall scheint gefährlich zu werden.“ India und ich sahen einander an. Wir wussten, dass er Recht hatte. „Wir sind vorsichtig, Jesus, aber melde dich bei uns“, sagte ich. „Hier laufen jede Menge Leute herum, die versuchen, sich ge- genseitig ein Grab zu schaufeln. India und ich müs- sen nur noch herausfinden, wer wen genau unter die Erde bringen will – bevor sie anfangen, unser

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Grab auszuheben.“

Nachdem wir das Gespräch mit Jesus beendet hat- ten, lehnte ich mich auf Onkel Daves Sofa zurück. „Probieren wir es doch nochmal bei Mr Hall“, schlug ich vor. „Vielleicht lässt er sich jetzt ja über- reden, nach LA zu kommen und den Fall neu auf- zurollen.“ India tippte Halls Nummer ein. Erst als wir die Ansage seines Anrufbeantworters hörten, fiel uns wieder ein, dass es in New York jetzt ein Uhr nachts war. Trotzdem hinterließ India ihm eine Nachricht. Sie berichtete kurz, was sich in der Zwischenzeit ereignet hatte, und schloss mit den Worten, dass Hall schleunigst nach L. A. kommen müsse, wenn seine Versicherungsgesellschaft nicht um einen Millionenbetrag geprellt werden wollte. „So“, sagte sie, als sie auflegte, „das müsste rei- chen.“ Ich gähnte. „Wenn du Geld für eine Wette hät- test, dann würde ich 20 Dollar darauf setzen, dass er nicht reagiert.“ „Sehr bald werde ich in Geld förmlich schwimmen“, konterte sie und lächelte selbstgefäl- lig. „Die Wette gilt, Quentin“

Um fünf Uhr früh – Ortszeit – rief Jesus zurück, mit drei Adressen in L. A., deren Bewohner einen

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roten Geländewagen mit den Buchstaben SC im Kennzeichen fuhren. „Oh Mann, entschuldige, dass ich dich aus dem Schlaf gerissen habe! Ich hat- te den Zeitunterschied völlig vergessen!“ „Schon gut, Jesus“, murmelte ich schläfrig in den Hörer von Indias Handy. „Ich wecke India und verkünde ihr die frohe Botschaft.“ „Müssen wir denn unbedingt so früh schon raus?“, grummelte sie und rieb sich die Augen. „Wir müssen heute Morgen mehrere Adressen überprüfen“, sagte ich. „Und Onkel Dave hat um elf einen Dreh im Zentrum. Danach sind wir auf unsere Roller angewiesen – bis zum späten Nach- mittag.“ „Ach so.“ Allmählich begriff India. „Na gut, du weckst ihn.“ „Ich?“ „Er ist schließlich dein Onkel.“ Dave war alles andere als erfreut. Er ist kein Frühaufsteher. Aber dafür ein toller Kumpel. Auf der Suche nach dem Besitzer des roten Geländewa- gens chauffierte er uns durch alle möglichen Stadt- viertel. Die ersten beiden Adressen waren Sackgassen. Der erste Wagen gehörte einem Arzt für plastische Chirurgie; der zweite befand sich im Besitz eines Mannes, dem außerdem ein Schrottplatz gehörte, der von einem Rudel Menschen fressender Schä-

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ferhunde bewacht wurde. Nach diesem kleinen Abenteuer, das auszumalen ich eurer Fantasie über- lasse, hatte Onkel Dave genug. Er fuhr zurück zu seiner Wohnung und lud uns dort aus. „Den Rest könnt ihr von hier aus allein schaf- fen“, sagte er. „Die letzte Adresse auf eurer Liste ist im Stadtteil Pacific Palisades, nördlich von hier direkt an der Küste, und dorthin könnt ihr bequem mit euren Rollern fahren. Ich bin gegen vier heute Nachmittag zurück, wenn ihr mich dann noch braucht, stehe ich wieder zu eurer Verfügung.“ Wir verabschiedeten uns, stiegen auf unsere Roller und nahmen den Pacific Coast Highway. Pacific Palisades ist eine wohlhabende Gemeinde in den Bergen. Unsere Suche führte uns zu einer ru- higen, von Bäumen gesäumten Straße mit niedri- gen Häusern im Ranchstil und teuren Autos in jeder Einfahrt. Vor einem Haus am Ende der Stra- ße stand ein roter Geländewagen. Wir parkten unsere Roller und läuteten an der Tür. Zu unserem großen Entsetzen öffnete Marina, die bei unserem Anblick fast in Ohnmacht fiel. Eine mürrische Stimme rief aus dem Haus: „Wer ist da?“ Und plötzlich stand er selbst in der Tür. Aus dieser kurzen Distanz konnten weder blonde Haare noch Bart über seine wahre Identität hinwegtäu- schen. Das Einzige, was hier für tot erklärt werden konnte, waren unsere letzten Zweifel bezüglich

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Timmy Warners angeblichem Dahinscheiden.

Im Herzen der Finsternis

Warners angeblichem Dahinscheiden. Im Herzen der Finsternis Der höchst lebendige Le ichnam starrte uns erst

Der höchst lebendige Leichnam starrte uns erst verständnislos an, dann trat ein strahlendes Lächeln auf sein Gesicht. „Hallo, Leute! Ihr habt wohl ge- dacht, ihr seht mich nie wieder, was?“ India und ich standen da, stumm und starr wie die Standbilder, die die Rasenflächen von Beverly Hills schmücken. Marina hatte sich ins Innere des Hauses verzogen, während Timmy fortfuhr, uns zu erstaunen. „Kommt doch rein“, sagte er lachend und öff- nete die Tür einladend. „Möchtet ihr Kaffee? Kei- ne Sorge, ich kann euch alles erklären.“ Ich schaute mich nach India um, als er vor uns ins Haus ging. Fast rechnete ich damit, dass Marina urplötzlich aus der Küche geschossen käme, be- waffnet mit einem meterlangen Fleischermesser oder gar einer Machete. Als sie dann im Wohn- zimmer zu uns stieß, trug sie stattdessen ein Tablett mit Kaffeetassen, einem Milchkännchen, Zucker- dose und zwei kleinen Flaschen Mineralwasser. Es war, als hätten sie mit Besuch gerechnet.

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„Ihr zwei seht richtig schockiert aus“, bemerkte Timmy, leise in sich hineinlachend. Trotz dieser Heiterkeit machte er auf mich den Eindruck, als überlege er fieberhaft. „Du sagtest etwas von einer Erklärung“, hakte India nach. Wir nahmen auf einer Couch Platz, behielten jedoch die Haustür im Auge. „Wir vermuten schon seit einer ganzen Weile, dass der Wasserfall dir nicht den Garaus gemacht hat“, sagte ich. „Wie ihr seht, bin ich noch da“, erwiderte Timmy. „Was wird hier denn nun gespielt?“, wollte In- dia wissen. „Ich habe meinen Namen geändert.“ Timmys Tonfall war noch genauso blasiert und gestelzt wie in seinem ersten Leben. „Ich fange hier draußen ein neues Leben an. Mein Name ist jetzt Humphrey Meadows. Sozusagen mein Künstler- name.“ „An dem Teil der Geschichte sind wir nicht interessiert“, sagte ich. „Wir wollen wissen, warum du alle in dem Glauben gelassen hast, du seist tot. Wir haben einen Gedenkgottesdienst für dich ab- gehalten. Sämtliche Leute von der Westside waren da. Viele von den Kids hatten Albträume. Die Schule musste sogar Psychologen kommen lassen.“

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Timmy setzte sich uns gegenüber in einen Korbstuhl. „Das tut mir alles ja sehr Leid, aber die Inszenierung war eigentlich nur für meine Mutter gedacht.“ „Sie hat dich ins Wasser gestoßen, nicht wahr?“, fragte ich. „Sie wollte dich wegen der Versiche- rungsprämie töten. So weit sind wir schon im Bil- de.“ Marinas Hände zitterten, als sie sich eine Tasse Kaffee einschenken wollte. India und mir war un- schwer am Gesicht abzulesen, dass wir nichts an- rühren würden, was sie uns von ihrem Tablett an- bot. Timmy antwortete nicht gleich. Als er schließ- lich doch sprach, schien es ihm schwer zu fallen, die richtigen Worte zu finden. „Mum ist hochgra- dig labil“, sagte er. Marina nickte, während sie von ihrer Tasse nippte. Timmy fuhr fort: „Ganz gleich, was sie mir antun wollte, ich weiß, dass sie es im Grunde nicht so gemeint hat. In unserer Familie gab es etliche Fälle von Geistesgestörtheit. Meine Großmutter beging Selbstmord. Die meisten War- ners leiden unter schweren Depressionen. Ich glau- be, es liegt nur daran, dass wir alle Künstler sind. Aber wie dem auch sei, ich musste zu ihrem Schutz aussteigen. Wenn sie wüsste, dass es mich noch gibt, dass ich keineswegs tot bin, wie sie meint, dann könnte sie sich etwas antun.“

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Ich beschloss, diese Info erst einmal auf mich wirken zu lassen. India hingegen sah aus, als wollte sie ihm an die Kehle springen. Ich versuchte es mit einem Täuschungsmanöver. „Meinst du nicht, sie würde sich darüber freuen, dass du noch am Leben bist?“ Timmy senkte den Blick, als spiele er eine Rolle in einem Melodram. „Nach all dem Kummer – der Schuld, die sie in einem unbedachten Moment des Zorns auf sich geladen hatte – fürchte ich, dass sie den Schock nicht überstehen würde. Meine Angst ist, dass sie völlig abstürzt. Im Moment versuchen Marina und ich, sie in eine Anstalt einweisen zu lassen, wo sie die Pflege bekommt, die sie braucht.“ Er hielt kurz inne, um sich eine Träne aus dem Augenwinkel zu wischen. „Bitte nehmt doch eine Tasse Kaffee. Marina hat ihn gerade frisch gekocht. Oder wenigstens ein Glas Wasser.“ „Timmy, für wie dumm hältst du uns eigent- lich?“, fragte India. Timmy wirkte zutiefst gekränkt. „Was soll das heißen, India? Warum traust du mir nicht? Ich ha- be dich immer bewundert und dich immer mit Respekt behandelt.“ India warf mir einen Blick zu. Sie kennt mich so gut, dass sie genau weiß, was ich denke. Auch diesmal waren wir stillschweigend einer Meinung. „Wie hast du überlebt, Timmy?“ Ich beschloss,

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zunächst die Antwort auf diese Frage zu bekom- men. „Ziemlich viele von uns haben gesehen, wie du mit dem Wasserfall in die Tiefe gestürzt bist und zur Überlaufrinne geschwemmt wurdest. Die Tur- binen hätten dich zerfetzen müssen.“ „Stimmt“, erwiderte Timmy. „Ich hatte wahn- sinniges Glück, in mehrfacher Hinsicht. Zunächst mal habe ich mir nicht den Kopf an einem der Fel- sen angestoßen, als ich ins Wasser fiel …“ „Als du hineingestoßen wurdest“, berichtigte ich. „Richtig. Und ebenso war es pures Glück, dass ich den Sturz überlebt habe. Unten waren ja auch viele Felsen, aber ich fiel Gott sei Dank in einen tiefen Trichter. Früher, in der Westside- Tauchermannschaft, bin ich sechs bis sieben Meter tief getaucht, das war also kein Problem für mich. Als ich dann um die Biegung zu der Überlaufrinne geschwemmt wurde, konnte ich mich an einem Ast festhalten, der halb aus dem Wasser ragte. Ich musste zwar kämpfen, konnte mich aber ans Ufer retten.“ „Und die Kleiderfetzen, die man später gefun- den hat?“, fragte India. „Ich habe meine Jeans und mein Shirt ins Was- ser geworfen. Die Strömung war stark, deshalb war es nur logisch, die Klamotten auszuziehen.“ „Mir ist eingefallen, dass du bei den Pfadfindern warst. Du hast viel Zeit in den Wäldern verbracht“, sagte ich. „Außerdem warst du immer schon sehr

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selbstständig – also hast du in diesem Moment be- schlossen, von der Bildfläche zu verschwinden, dich zum Lagerplatz zu schleichen und deinen Rucksack und trockene Klamotten zu holen.“ „Genau.“ Timmy schien dankbar, dass ich mit- denken konnte. „Und anschließend bist du untergetaucht und hierher gekommen“, sagte India. Ich merkte ihr an, dass sie ihm immer noch liebend gern links und rechts eine geknallt hätte. „Wohin sollte er denn sonst gehen?“, rief Mari- na. Jetzt, da India und ich zu verstehen schienen, hatte ihr Zittern aufgehört. „An wen sollte er sich sonst wenden, nachdem unsere Mutter ihm das Leben nehmen wollte?“ „Wie ich schon sagte – hätte sie gewusst, dass ich noch lebe, wer weiß, was sie getan hätte“, er- gänzte Timmy. „Warum bist du nicht einfach zur Polizei ge- gangen?“, erkundigte ich mich. „Du wusstest, dass sie es wegen der Versicherungsprämie getan hatte – warum hast du sie beschützt?“ Timmy seufzte schwer. „Ihr versteht das nicht. Sie ist unsere Mum. Trotz allem lieben wir sie. Wir wollen ihr Bestes, und das heißt, dass sie behandelt werden muss. Sie braucht Ruhe und ärztliche Hilfe – kein Gefängnis.“ India schüttelte den Kopf, als wollte sie laut

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schreien. Timmy und Marina wussten ja nicht, dass wir gestern Abend Zeugen der Séance gewesen waren. Wir hatten Timmys Stimme gehört und seine Haare in den Lüftungsschlitzen an der Rück- seite des Hauses gefunden. Wir wussten, dass er und Marina ihre Mum gezielt um den Verstand bringen wollten. Sie legten es offenbar darauf an, dass Mrs Warner für verrückt erklärt wurde oder, besser noch, dass sie sich eine Kugel durch den Kopf schoss. Wenn sie tot war, würde Marina das ganze Geld erben und es mit Timmy teilen kön- nen. „Tut mir nur einen Gefallen, ihr zwei“, sagte Timmy fast flehend, als wir aufstanden. „Behaltet für euch, dass ich noch lebe, einverstanden?“ „Wie bitte?“, fragte India, die nicht glauben konnte, was sie da hörte. Ich warf ihr einen war- nenden Blick zu, zum Zeichen, dass sie sich zu- rückhalten sollte. „Unserer Mum zuliebe – keine Cops, bitte“, sagte Timmy mit ernster Miene. „Lasst Marina und mich die Angelegenheit auf unsere Art regeln. So- bald wir sicher sind, dass Mum die Betreuung kriegt, die sie braucht, erzählen wir der Polizei alles. Versprochen.“ Marina fing wieder an zu zittern und warf uns ängstliche Blicke zu. „Klar, Timmy“, erwiderte ich. „Wir haben Ver-

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ständnis für deine Situation.“ Ich hatte größte Lust hinzuzufügen: Ja, Mann, du willst Zeit gewinnen, um das Geld in die Hände zu kriegen und über die Grenze nach Mexiko zu verduften. „Wir sind ein- fach froh, dass du noch lebst.“ Timmy sah mir fest in die Augen. Ich wusste, dass er herausbekommen wollte, ob ich aufrichtig war oder nicht. Es war wichtig, ihn davon zu über- zeugen, dass wir ihn nicht für einen Psychopathen hielten. „Großartig“, sagte Timmy. „Wir können euch nicht genug danken.“ „Ja“, hauchte Marina mit versagender Stimme. „Kein Problem“, zischte India durch die Zähne. Sie kniff mir so fest in die Hand, dass ich fast aufge- schrien hätte. „Viel Glück mit ihr – mit eurer Mum“, sagte ich, während ich India praktisch aus dem Haus schleifte. „Hey, India“, rief Timmy noch, als wir auf un- sere Roller stiegen und unsere Helme aufsetzten. „Was ist?“ „War schön, dich zu treffen. Ruf mich an, wenn du mal wieder hier in der Gegend bist.“ „Ja … klar …“ India winkte matt. Dann gab sie Gas und bretterte die Straße hinunter. Ich brauchte zwei Blocks, um sie einzuholen. „Toller Abgang“, sagte ich. „Aber hättest du nicht

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auf mich warten können?“ „Und was jetzt?“, fragte India, ohne auf meine Frage einzugehen. „Ich würde sagen, wir gehen auf der Stelle zur Polizei.“ „Jetzt noch nicht“, erwiderte ich. „Vorher will ich nochmal diesen Hall anrufen. Wenn wir ihn einweihen, ist er mir nichts, dir nichts in L. A.“ India grinste, als die Ampel auf Grün sprang. „Quentin, die Belohnung gehört uns, gar keine Frage!“ Kluge Köpfe sind wohl durch Telepathie mitei- nander verbunden, denn als wir Onkel Daves Wohnung betraten, wartete bereits eine Nachricht von Mr Hall auf dem Anrufbeantworter: „Eine Mitteilung an Quentin Marlon und India Riggs:

Gestern Nacht habe ich eure Nachricht abgehört. Jetzt ist es ein Uhr mittags, und ich bin gerade in Los Angeles eingetroffen. Bitte ruft mich so schnell wie möglich über mein Handy an – die Nummer lautet 937-222-2726.“ Natürlich wählte ich die Nummer auf der Stelle. Mr Hall meldete sich, und ich bombardierte ihn gleich mit den Fakten. Aber die Verbindung war mies, außerdem wollte er die Einzelheiten nicht am Telefon durchgehen. „Hör zu“, sagte er, „ich bin zu Hause bei dem Vertreter unserer Gesellschaft in L. A. Ich möchte, dass er bei unserem Gespräch dabei ist. Wir werden anschließend gemeinsam

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überlegen, wie wir reagieren.“ India teilte den Ap- parat mit mir wie ein siamesischer Telefonzwilling. „Wir waren gerade bei Timmy“, rief India in den Hörer. „Er ist quicklebendig!“

Stille.

India in den Hörer. „Er ist quicklebendig!“ Stille. „Mr Hall?“, hakte India verblüfft nach. „Haben Sie

„Mr Hall?“, hakte India verblüfft nach. „Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?“ „Ja …“ Es schien, als hätte Hall einen Schock erlitten. „Ist das nicht ausgeflippt?“, fragte India. Ein geräuschvolles Räuspern war zu hören. „Bitte keine Details am Telefon“, fuhr Mr Hall schließlich fort. „Die Hälfte des Sunset Strip be- steht aus Läden für Spionagebedarf. Hier draußen ist alles verwanzt, von Telefonen bis zu den Ti- schen in den Restaurants. Könnt ihr zwei nicht herkommen? Wir haben zwar schon mal die Poli- zei und das FBI benachrichtigt, müssen aber erst noch wissen, was ihr uns mitzuteilen habt. Wir brauchen eine Art Rückversicherung.“ „Wo sind Sie?“, fragte ich. „In Topanga Canyon“, sagte Mr Hall. „Kurz vor Carbon Beach. Wisst ihr, wo das ist?“

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„Ja.“ Dad hatte mich ein paarmal dorthin mit- genommen, um Fossilien zu sammeln – Old To- panga Road, landeinwärts, praktisch in der Pampa. „Seid ihr motorisiert?“, fragte Hall. „Mein Onkel ist gerade nicht da, sonst würde er uns fahren.“ India nahm das Telefon an sich. „Wenn wir beweisen können, dass Timmy noch lebt, kriegen wir doch die Belohnung, oder?“ „Ja, natürlich“, erwiderte Mr Hall. Ich war wie- der dran, als er fortfuhr: „Ich muss in der Nähe des Telefons bleiben, könnte aber einen Wagen schi- cken …“ „Wir haben Roller.“ „Gut“, sagte Mr Hall. „Wir erwarten noch etli- che Anrufe, deshalb kann ich nicht selbst kommen. Die Hausnummer ist 1401 – ganz am Ende der Topanga Road in der Nähe des Coast Highway. Die Abzweigung kommt gleich hinter einer Tank- stelle.“ „Kein Problem“, sagte ich. „Ihr wisst ja, wie kurvenreich der Canyon ist, also fahrt vorsichtig.“ „Wird die Belohnung nur zwischen Quentin und mir aufgeteilt?“, fragte India. Mr Hall schwieg einen Moment. „Keine Sorge, India“, sagte er dann. „Ihr zwei seid die Einzigen, die wir im Visier haben.“

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„Toll.“ „Wir warten auf euch. Ruft an, wenn ihr euch verfahrt“, sagte Hall noch und legte dann auf. „Halleluja!“, jubelte India und machte das Sie- geszeichen. „Endlich hat er gerafft, dass wir das Ganze nicht nur erfunden haben. Ihr 25000 Dollar, wir kommen!“ Inzwischen war es vier Uhr nachmittags. „Dave müsste in einer halben Stunde nach Hause kom- men“, sagte ich. „Vielleicht sollten wir lieber auf ihn warten.“ „Soll das ein Witz sein?“, platzte India heraus. „Timmy und seine Schwester werden nicht einfach dasitzen und darauf vertrauen, dass wir den Mund halten.“ Was sollte ich dazu sagen? Sie hatte Recht. Ich hinterließ Dave eine Nachricht, dass wir in unse- rem Fall einen Durchbruch erzielt hätten und ich ihn später anrufen würde. Wir nahmen den Highway Richtung Malibu Beach, und schon bald fuhren wir die steile, kurvi- ge Straße den Canyon hinauf. Ein warmer Wind blies uns ins Gesicht, als wir langsam aufwärts kletterten und die Motoren unse- rer Roller gegen den Sog der Schwerkraft kämp- ften. Die Sonne warf lange Schatten vor uns auf die Straße; zu beiden Seiten der Fahrbahn standen dichte Sträucher und Bäume, zwischen die sich

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einzelne Häuser gedrängt hatten, manche imposant und herrschaftlich, andere bescheiden. Viele stan- den unmittelbar am Rand der Klippe und boten einen Blick auf den Pazifik, über dem gerade die Sonne unterging. Bald führten uns die Serpentinen so weit lan- deinwärts, dass wir den Ozean nicht mehr sehen konnten. Die Sonne war gerade hinter dem Hori- zont verschwunden, als wir zu dem Briefkasten von Nummer 1401 kamen. Wir bogen in eine Schot- terstraße ein, die nach einigen Metern im Schatten der Bäume verschwand. „Ich spüre den kalten Hauch, Quentin“, sagte India, als wir nach einer Wegbiegung das Tempo drosselten. „Mir kommt das alles auch reichlich komisch vor“, sagte ich. „Er ist Knall auf Fall hergekom- men. Merkwürdig – schließlich hat er uns bisher kein Wort geglaubt, obwohl wir mit Engelszungen auf ihn eingeredet haben. Und wenn die Versiche- rung tatsächlich hier in L. A. einen Vertreter hat, warum hat er uns vorher nichts davon gesagt?“ „Genau. Vielleicht sollten wir lieber umdrehen und nach Hause fahren“, schlug India vor. „Nein“, sagte ich nach kurzem Zögern. „Wir wissen, dass hier etwas faul ist, und es ist an Hall, den nächsten Schritt zu tun.“ Wir schalteten unsere Scheinwerfer ein, und ich

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folgte India durch den Wald. Nach einiger Zeit kamen wir in ein offenes Gelände, das sich über fünfhundert Meter längs der Klippen des Canyons erstreckte, dann mündete die Schotterstraße schließlich in eine kreisförmige Auffahrt vor einer kleinen Garage. Hinter der Garage erhob sich ein Haus im Ranchstil, das auf die steile Canyonwand hinausging. Eine Seite des weitläufigen Hauses be- stand aus einer großen beleuchteten Veranda auf Pfählen unmittelbar am Abgrund. Das Haus selbst wirkte, als hätte es bessere Tage gesehen und über einen längeren Zeitraum leer gestanden. Ein schwarzes Chevy-Cabrio von einer Auto- vermietung war vor der Garage geparkt. Dagegen gelehnt stand – Mr Hall. „Hallo!“, rief India, als wir von unseren Rollern sprangen. „Sie warten schon auf uns. Toll!“ „Ja.“ Mr Hall kam lächelnd auf uns zu. „Schön, euch zwei zu sehen.“ Wir schüttelten uns die Hände. „Und – habt ihr die Beweise mitgebracht?“, erkundigte er sich. „Bitte sehr.“ India reichte ihm den Plastikbeutel mit Timmys Haaren. „Nur diese Haare?“, fragte Hall. „Ich weiß nicht, ob die allein als Beweis ausreichen.“ Wir erzählten ihm rasch, was seit unserer An- kunft in L. A. alles passiert war – inklusive des Kaf- feekränzchens mit Timmy und Marina am Morgen.

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„Also … wisst ihr, wo sie wohnen? Habt ihr die Adresse?“ „Na klar.“ India holte ihren Notizblock heraus und zeigte sie ihm. Er riss das Blatt mit der Adresse ab und steckte es in seine Jackentasche, zusammen mit dem Beu- tel, der die Haare enthielt. „Gut … gut“, sagte er und nickte nachdenklich. „Ich werde ihnen sehr bald einen kleinen Besuch abstatten. Aber zuerst möchte ich euch mit meinem Partner in L. A. be- kannt machen.“ Er führte uns auf die in helles Licht getauchte Veranda, ging geradewegs zum Geländer und starr- te in die Schlucht des Canyons. Dann bedeutete er uns, zu ihm zu treten. Wir beugten uns über die Brüstung und blickten auf Kakteen, Beifuß und die schimmernden Wipfel der Zedernzypressen weit unten in der Tiefe. „Kann ja sein, dass ich blind bin“, sagte India, „aber was soll da unten sein?“ „Noch nichts“, erwiderte Mr Hall. „Aber es dauert nicht mehr lange.“ Er wandte sich um und rief: „Komm raus und leiste uns Gesellschaft, Lieb- ling.“ Die Tür zum Haus öffnete sich, und heraus trat – Meryl Warner! India und ich waren wie vor den Kopf geschla- gen. Als wir uns wieder zu Hall umdrehten, war

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der glänzende Lauf einer Pistole auf uns gerichtet. „Versteht ihr jetzt?“, sagte Mr Hall. „Leider werdet ihr zwei es sein, die gleich unten auf dem Grund des Canyons liegen.“

Kein Entkommen

unten auf dem Grund des Canyons liegen.“ Kein Entkommen Hall lächelte teuflisch. Unsere Verblüffung schien ihn

Hall lächelte teuflisch. Unsere Verblüffung schien ihn extrem zu belustigen. Alle einzelnen Elemente des Falles ergaben jetzt einen Sinn. Bedauerlicher- weise schien damit aber auch das Aus für India und mich gekommen. „Meryl und ich kennen uns schon sehr, sehr lange, müsst ihr wissen.“ Hall ging zu ihr hinüber, hielt jedoch die Waffe auf uns gerichtet. „Ja“, sagte ich und zwang mich, laut und deut- lich zu sprechen, um ihn nicht wissen zu lassen, wie verängstigt ich war. Solange ich redete, dachte ich mir, würden wir am Leben bleiben. „Uns kam es gleich merkwürdig vor, dass die Versicherung so schnell die Prämie auszahlte, obwohl es keine Lei- che gab.“ „Nicht unbedingt“, erwiderte Hall. „Sie müssen unauffällig nachgeholfen haben“, sagte ich.

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„War es Liebe auf den ersten Blick, als Mrs Warner zu Ihnen ins Büro kam, um die Versiche- rung abzuschließen?“, fragte India. Hall sah aus, als lasse er sich diese Frage auf der Zunge zergehen, weil sie angenehme Erinnerungen in ihm weckte. „Meryl und ich haben uns kennen gelernt, als wir etwa in eurem Alter waren. Wir waren lebenshungrige Teenager, so wie ihr zwei, aber etwas zu naiv. Uns wurden die Chancen nicht nachgeschmissen wie euch, und wir haben sie uns auch nicht erkämpft. Mein Fehler war es, ins Versi- cherungsgeschäft einzusteigen …“ „Kein besonders stimulierendes Tätigkeitsfeld, kann ich mir vorstellen“, bemerkte ich. „Und las- sen Sie mich raten – Meryls Fehler war es, einen Verlierer zu heiraten und die Mutter zweier un- dankbarer, selbstsüchtiger Kinder zu werden.“ Hall lachte. „Du kannst hervorragend formulie- ren, Kleiner.“ Mrs Warner starrte dumpf auf den Boden, unfä- hig, India oder mich anzusehen. Ich hatte den Ein- druck, dass sie ein Beruhigungsmittel genommen oder zu viele Wodkas gekippt hatte. Ich sah an Indias Gesichtsausdruck, dass sie fieberhaft nach einem Ausweg aus dieser Situation suchte. Ich für meinen Teil konnte nur beharrlich weiterreden. „Die Lebensversicherung war Ihre Idee, nicht wahr?“, fragte ich Hall.

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„Volltreffer“, sagte Hall selbstgefällig. „Zunächst konnte ich nicht viel ausrichten, aber schon nach meinem ersten Gespräch mit Meryl und Timmy wusste ich, dass gute Aussichten bestanden. Zwi- schen ihnen gab es keinerlei Gemeinsamkeiten.“ „Auf Timmy konnte man sich nicht verlassen“, sagte ich. „Er wollte das Geld aus seinem Treuhandfonds nicht mit ihr teilen. Er behandelte sie wie eine Dienstbotin, direkt vor meinen Augen. Seinen höchsteigenen Blitzableiter.“ „Da sind Sie wieder mit ihr ausgegangen?“, fragte India. „Wie in alten Zeiten?“ Hall schlang den Arm um Meryl, als halte er ei- ne große Stoffpuppe. „Wir haben uns ein paarmal zum Mittagessen getroffen oder haben Ausflüge nach New Jersey gemacht. Manchmal sind wir auch einfach nur herumgefahren.“ „Er hat Sie dazu gekriegt, Timmy in den Fluss zu stoßen, um ihn zu töten?“, wandte India sich plötzlich an Mrs Warner. „Was für eine Mutter sind Sie eigentlich?“ Mrs Warner schauderte unwillkürlich, sah je- doch nicht auf. Angewidert schüttelte India den Kopf. „Jedenfalls ist es Ihnen nicht geglückt“, sagte ich. „Timmy ist quicklebendig, und er wird Sie nicht ungestraft davonkommen lassen. Er hat Sie ja

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bereits terrorisiert, und ich habe das Gefühl, dass das erst der Anfang war.“ Hall räusperte sich. Im hellen Licht des Voll- monds, der über dem Bergkamm im Norden auf- gegangen war, lächelte er – ein grausames, gespens- tisches Lächeln. „Wir machen uns keinen Kopf wegen Timmy. Sobald wir mit euch fertig sind, begleichen wir auch unsere Rechnung mit ihm und Marina.“ Mrs Warner begann zu wimmern, als hätte sie noch einen Rest mütterlicher Gefühle übrig, zu- mindest für das Pfannkuchengesicht. Sie wollte etwas sagen, doch Hall schnitt ihr das Wort ab. „Ist doch so, oder, Meryl?“ Hall drehte die Waffe hin und her. Im Licht der Verandalampen konnte ich sehen, dass es ein Kleinkaliber war. Damit konnte er problemlos je- manden töten, wenn die Kugel in den Kopf oder ins Herz traf. „Und wir haben Ihnen gesagt, wo die beiden sind“, stellte ich fest. „Genau.“ Hall lachte leise. „Das bedeutet, dass die zwei es wohl nicht mehr erleben werden, in Mexiko oder wohin auch sonst Sie verschwinden wollen, einen Tequila Sunrise mit Ihnen zu trinken“, fuhr ich fort. Hall nahm die Hand von Meryls Schulter und kam auf mich zu. „Mrs Warner, vermutlich wird irgendwem ir-

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gendwann auffallen, dass Ihre Kinder – diploma- tisch ausgedrückt – früher und unter mysteriöseren Umständen abtreten als andere Leute. Merken Sie denn nicht, wie wahnwitzig das alles ist? Sie wer- den nicht damit durchkommen. Mein Onkel ist auf dem Weg hierher, ich habe ihm die Adresse gege- ben. Er kann jeden Augenblick hier eintreffen.“ Hall lachte. „Netter Trick. Ihr zwei seid genau- so habgierig und arrogant wie Meryls Kinder. Das Einzige, was euch interessiert, ist im Grunde die Belohnung. Ich bin sicher, euer Onkel hat längst durchschaut, dass ihr ihn und alle anderen nur aus- nutzt – so wie Timmy und Marina.“ Langsam hob er den Arm, bis die Pistole direkt auf mich gerichtet war. Dann packte er den Griff mit beiden Händen, kniff die Augen zusammen und zielte. Ihr wisst vielleicht, dass kurz bevor man stirbt das ganze Leben blitzschnell an einem vorüber- zieht. Tja, ich kann euch zwar nicht jede einzelne Momentaufnahme beschreiben, die in dieser Se- kunde vor meinem inneren Auge aufblitzte, aber eines kann ich definitiv sagen: Für meinen Ge- schmack waren es nicht annähernd genug Bilder. Die Aussicht, bald eine Kugel im Kopf zu haben, brachte mich dazu, schneller zur Seite zu springen, als ich es unter normalen Umständen jemals ge- schafft hätte. Dann ging alles sehr schnell. Ich warf

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mich auf den Boden der Veranda. Zeitgleich stieß India einen durchdringenden, ohrenbetäubenden Schrei aus, für den ich ihr wahnsinnig dankbar war. Noch während ich auf die Seite rollte, sah ich, wie Halls Kopf herumschnellte. In diesem Augenblick hörten wir Motorenge- heul – Timmys roter Geländewagen schoss aus dem Wald heraus und raste über die schnurgerade Piste längs der Klippe auf die Veranda zu. Hall schien nicht zu wissen, was er tun sollte – ich dagegen schon. Ich umklammerte seine Fuß- knöchel und zog und zerrte mit aller Kraft. Es war, als versuchte man eine Kuh umzuwerfen, aber schließlich stürzte Hall, und die Waffe flog durch die Luft – leider geradewegs in Mrs Warners Hän- de. Doch India und ich brauchten keine Extraein- ladung. Wir sprangen von der Veranda, bevor Timmy den Geländewagen schleudernd zum Ste- hen brachte und dabei eine mächtige Staubwolke aufwirbelte. Die panzerähnliche Kühlerhaube des Wagens prallte mit voller Wucht gegen die Veran- da, und die ganze Plattform schwankte wie bei einem Erdbeben. Mrs Warner wollte Hall die Waffe in die Hand drücken, ließ sie jedoch fallen. Im Scheinwerfer- licht lag Hall da wie erstarrt. Als India und ich durch die Staubwolke zu unseren Rollern rann- ten, wachte er jedoch auf und kroch über die Ve-

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randa, um die Waffe an sich zu nehmen. Die Tü- ren des Geländewagens wurden aufgestoßen, und Timmy und Marina sprangen heraus. Ich rechnete schon damit, dass sie Schwerter oder Sushi-Messer zücken und versuchen würden, uns aufzuspießen, aber Timmy schien uns gar nicht zu bemerken. Stattdessen steuerte er auf Hall zu. Dieser war in- zwischen aufgestanden und richtete die Waffe auf den anstürmenden Timmy. „Neiiin!!!!

Am Abgrund

auf den anstürmenden Timmy. „ Neiiin!!!! “ Am Abgrund Mrs Warners Aufschrei hallte von den Wänden

Mrs Warners Aufschrei hallte von den Wänden des Topanga Canyon wider wie der Schrei eines ver- wundeten Coyoten. India und ich saßen bereits auf unseren Rollern und versuchten verzweifelt, die Maschinen zu starten. Timmy sprang auf Hall zu wie ein Löwe auf seine Beute. Hall taumelte und landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Bo- den. Aus der Pistole löste sich ein Schuss, aber er ging ins Leere. Timmy drehte Halls Handgelenk, bis dieser die Waffe fallen ließ, und Marina hob sie auf. „Timmy, hör mir zu“, ächzte Hall, als sie im

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Sand neben der Veranda über den Boden rollten. Sie befanden sich jetzt sehr nahe am Rand der Klippe. „Es ist genug Geld für uns alle da!“ India und ich schafften es endlich, unsere Ma- schinen anzulassen. Ich hatte Angst, dass uns Mari- na jetzt, da sie eine Waffe hatte, hinterherjagen würde wie ein wild gewordener Pfannkuchen. „Ihr wolltet mich töten!“, brüllte Timmy, ließ für einen kurzen Augenblick von Hall ab, der unter ihm lag, und sah seine Mutter an. „Ihr beide!“ Hall ergriff die Gelegenheit und rammte seine Faust in Timmys Magengrube. Timmy schrie auf, ließ sich auf den Boden fallen und hielt sich heu- lend vor Schmerz den Magen. Zuletzt sah ich noch, wie Hall sich auf Marina stürzte und nach der Waffe griff. Timmy stolperte mit schmerzver- zerrtem Gesicht hinterher. Staub hüllte uns ein, als India und ich Gas ga- ben. Wir bretterten auf dem Schotterweg dicht an der Klippe Richtung Wald. Sekunden später hör- ten wir Schüsse – erst zwei, dann noch einmal drei. Wir fuhren, so schnell wir konnten, hörten jedoch kurz darauf einen Wagen und wurden bald vom gleißenden Schein starker Scheinwerfer eingefan- gen. Ich konnte nur hoffen, dass wir bald den Wald erreichen und einen Pfad oder eine Schneise finden würden, auf die uns kein Auto folgen konnte. „Schneller!“, schrie ich nach vorn zu India.

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„Gib Gas!“ „Das hier ist kein Rennwagen!“, brüllte India, ohne sich umzudrehen. Das Auto kam immer näher. „Wir müssen etwas tun!“, rief ich. „Ja!“, schrie India. „Nicht sterben!Der Wagen holte auf. Zwei- oder dreimal, als wir um eine scharfe Kurve bogen, dachte ich, dass ich ins Schleudern kommen und entweder gegen einen Felsen prallen oder über den Rand der Klip- pe in die Schlucht stürzen würde. Irgendwie schaff- ten India und ich es jedoch, trotz der Geschwin- digkeit und der Fliehkraft die Roller unter Kont- rolle zu halten. Das Auto hinter uns war nicht Timmys Gelän- dewagen; das erkannte ich am Motorengeräusch. Dies war ein ganz normales Auto. Ich vermutete, dass es Halls Mietwagen war – ziemlich übel. Wäre es Timmy gewesen, so hätte zumindest die Möglich- keit bestanden, dass er uns nicht töten wollte. Wohlgemerkt, die Möglichkeit. An diesem Punkt war ich mir ganz und gar nicht mehr sicher, wo Timmy und Marina standen. Demgegenüber war ich mir über Halls Absich- ten absolut im Klaren. Er wollte unseren Tod – wofür unter anderem sprach, wie er jetzt fuhr. „India! Er will uns von der Straße abdrängen!“, brüllte ich, während ich die Führung übernahm.

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„Aaahhhhh!“, kreischte sie. Kurz vor einer Kurve signalisierte ich ihr, sich extrem links zu halten. In den Sträuchern direkt an der Klippe kamen wir zum Stehen. Mit angehaltenem Atem beobachteten wir die Reaktion unseres Verfolgers. Halls erster Impuls war, uns nach links zu folgen. Dann riss er das Steuer herum – genau da, wo die Straße eine scharfe Kurve beschrieb. Der Mietwagen durchbrach die verrostete Leitp- lanke und stürzte in die dunkle Schlucht. Wenig später war eine Explosion zu hören. Das Echo klang wie ein Donnerschlag, der von den Sand- steinwänden widerhallte. Der Flammenschein er- hellte den Himmel, weckte für einen Sekunden- bruchteil den Eindruck, es sei Tag – und wir wuss- ten, Hall war tot.

India schluchzte und rieb sich den Ellbogen, so, als hätte sie sich bei unserem Ausweichmanöver ver- letzt. „Irgendwas gebrochen?“, fragte ich. „Nein. Mir geht’s gut. Und dir?“ Ich befühlte meine Arme und Beine. „Alles in Ordnung, glaube ich.“ „Und was machen wir jetzt?“, fragte India. Sie stand mitten auf der Straße und starrte zu dem Haus an der Klippe. Die Veranda mit ihrer Festbeleuch-

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tung sah aus wie ein gigantischer Kronleuchter. Ich war zu benommen, um zu antworten, fing mich jedoch recht schnell, als ich sah, wie der rote Geländewagen von der Veranda zurücksetzte, wendete und in unsere Richtung fuhr. „Ich schätze, wenn Timmy uns beseitigen will“, murmelte ich, „ist dies seine große Chance.“ Aber Timmy fuhr uns nicht über den Haufen. Er hielt neben uns, stieg aus und spähte über den Rand der Klippe hinunter zu dem brennenden Autowrack. Dann wandte er sich uns zu. „Alles in Ordnung mit euch, Leute?“, fragte er. „Oh, ja“, sagte India. „Könnte nicht besser sein.“ „Uns geht’s gut“, bestätigte ich. „Prima. Meine Schwester ist bei Mum geblie- ben. Ich habe Marina aufgetragen, die Polizei zu rufen“, erklärte er kopfschüttelnd. „Es ist zu viel passiert.“ „Da bin ich ganz deiner Meinung“, sagte ich. „Übrigens eine gute Idee, dass ihr beide uns hier- her gefolgt seid – das war’s dann, oder?“ Einen Moment lang schien Timmy sogar zu be- dauern, was passiert war. Dann sagte er: „Ja, wir sind euch gefolgt. Ihr habt euch so verdächtig be- nommen, so unecht – wir dachten, ihr würdet un- serer Mum eventuell erzählen, was wir vorhaben.“ „Und ob wir das getan haben“, fauchte India.

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„Wir haben Hall angerufen und ihn informiert“, sagte ich. „Da wussten wir noch nicht, dass er ein Verbrecher ist.“ „Oh.“ Timmy starrte auf das brennende Auto- wrack. „Na ja, Ende gut, alles gut.“ „Hast du ’ne Schraube locker?“, fuhr India ihn an. Vor allem seine Mitleidlosigkeit schien sie in Rage zu bringen. „Ist dir eigentlich klar, dass Mr Hall soeben ums Leben gekommen ist? Begreifst du nicht, dass du zum Teil die Schuld an diesem gan- zen heillosen Schlamassel trägst? Wärst du gleich zur Polizei gegangen und hättest gesagt: Hey, Leu- te, ich habe nur vorgetäuscht, dass ich bei dem Sturz ums Leben gekommen bin – dann hätte nie- mand sterben müssen.“ „Na ja“, erwiderte Timmy, „ich lebe noch. Meine Schwester und meine Mum sind am Leben. Euch beiden geht es gut. Vier von fünf – das ist kein schlechter Schnitt.“ „Sehr lebendig ist deine Mutter nicht“, wider- sprach India. „Du hast sie in einen Zombie ver- wandelt.“ „Wir werden professionelle Hilfe für sie in Ans- pruch nehmen“, sagte Timmy, „wie ich heute Morgen bereits sagte. Ich weiß zwar nicht, was Hall ihr gegeben hat, aber meine Mum ist nicht sie selbst, seit sie ihm begegnet ist.“ „Timmy“, sagte ich, „hör auf zu schauspielern.

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Du wolltest deine Mutter in den Tod treiben. Wir standen während der Séance draußen vor der Tür. Wir haben dich gesehen. Wir haben gehört, wie du durch den Entlüftungsschacht gesprochen hast. Wie kannst du dich nur selbst ertragen? Du bist ein skrupelloser Lügner!“ „Ja“, fiel India ein, „es gibt zwar Gesetze gegen Mütter, die ihre eigenen verrückten Kinder um- bringen wollen, aber genauso gibt es Gesetze gegen Muttermord!“ Timmys Gesicht wurde hart. „Ihr könnt nicht das Geringste beweisen.“ „Da liegst du leider falsch“, sagte ich, als ich auch schon Motorenlärm von der Küstenstraße hörte. Scheinwerferlicht blitzte zwischen den Bäu- men auf. „Das ist der Wagen von Onkel Dave, Timmy – das heißt, die Polizei wird bald haben, was wir Amateurdetektive einen lebenden Beweis nennen – dich.“

Steinreich!

einen lebenden Beweis nennen – dich.“ Steinreich! Ich schätze, dass in dem Moment, als Mr Halls

Ich schätze, dass in dem Moment, als Mr Halls Wagen am Grund des Canyons explodierte, ein paar 100 Leute, die in den Häusern an der Topan-

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ga-Klippe lebten, zum Telefon stürzten und die Polizei verständigten. Auch Onkel Dave hatte von seinem Handy aus den Notruf alarmiert, sodass es am Canyon bald nur so von Streifenwagen wim- melte, deren Blaulichter blinkten wie Discolicht. Während die Warners einzeln in getrennten Strei- fenwagen weggebracht wurden, nahm Police Chief Kyle Storm, Leiter des Polizeidistrikts Malibu, In- dia und mich ins Gebet. Chief Storm kam mir ir-