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Tagträume

Den Stoff, aus dem die Tagträume sind, kennen wir alle. Es ist der Südseeurlaub mit Sonne, Palmen
und leisem Meeresrauschen, die Liebesnacht in den Armen eines starken attraktiven Mannes
beziehungsweise einer wunderschönen und aufregenden Frau oder auch die Rachephantasie, die
einem ewig nörglerischen Vorgesetzten eine rechte Blamage gönnt. Jeder Spielfilm und jeder
Unterhaltungsroman ist eine Art Tagtraum, der uns von einer spannenderen Gegenwelt erzählt.
Der nüchterne Philosoph Immanuel Kant beschrieb Wachträume als eine Gemütskrankheit, die nach
einer Flucht aus der Wirklichkeit süchtig macht. Sigmund Freud beschrieb sie als Ersatzbefriedigung
der Unglücklichen. Der Glückliche braucht keine Phantasie von einer besseren Welt.
Moderne Untersuchungen belegen, dass Wachphantasien uns nicht hindern, zugleich mit beiden
Beinen auf dem Boden der Tatsachen zu stehen. Wer es schafft, am Tage seinen Träumen freien Lauf
zu lassen, erholt sich von Stress und monotonen Arbeitsanforderungen. Er gönnt sich sozusagen eine
seelische Erholungspause. Außerdem schult er seine Kreativität. Manche Neuerung in der Arbeitswelt
fand ihren Ausgangspunkt in der stillen Frage: "Wie wäre es, wenn ein Roboter die Teile stanzen
würde? Wie wäre es, wenn unsere Autos sich selbst zusammenbauen würden oder wenn ich mein
Büro zusammenklappen und bei einer Bergwanderung unterwegs auf einer Alm aufbauen könnte?"
Der letztgenannte Traum ist heute mit Notebook und Handy realisierbar. Nicht selten lieferten
Tagträume von einer besseren Welt Anstöße tatsächliche Verbesserungen.
Das wahrscheinlich berühmteste Beispiel eines Tagtraumes stammt von dem englischen Politiker
Thomas Morus (1477-1535), der sich das Bild einer gerechten Gesellschaft ersann, die Wohlstand und
Glück für alle garantiert. Er verpflanzte sie auf eine imaginäre Insel "Utopia" (zu deutsch: Nirgendwo).
Seitdem sind zahllose Versuche unternommen worden, Gesellschaftsutopien in die Wirklichkeit zu
übertragen. Sie haben dazu beigetragen, dass heute der gesellschaftliche Reichtum auf breitere
Schultern verteilt wird als zu Morus’ Zeiten.
Tagträume und Nachtträume weisen verschiedene Unterschiede auf. Tagträume sind beispielsweise
folgerichtiger strukturiert als die spontanen Phantasien während des Schlafs. Der Tagträumer
vermeidet in aller Regel unmotivierte, bizarre Sprünge. Seine Bilder sind weniger verschlüsselt. Meist
weiß er sehr genau, welchen heimlichen Wunsch er in seiner Phantasiereise gestaltet.
Darüber hinaus sind die wachen Träume denen des Schlafs in Manchem auch sehr ähnlich. Sie
beschäftigen sich beide mit dem, was eine Person stört oder was Sie vermisst. In den Träumen
kümmern sich Menschen mehr oder weniger unbewusst um ihre ureigensten Bedürfnisse. An
ereignisarmen Tagen verbringen wir bis zu vierzig Prozent der Zeit im Land unserer Phantasie. Das ist
keine Zeitverschwendung, sondern - wie medizinische Studien belegen - eine Form seelischen
Krafttankens für kommende Belastungen.

Tagträume trösten, beruhigen und stärken die Seele. Sie helfen über Phasen der Depression und
Niedergeschlagenheit hinweg. Wer tagträumt, ist besser gegen Wutanfälle und andere spontane
Ausbrüche, die er später bereuen könnte, geschützt. Es genügt, eine Rachephantasie zu ersinnen und
im Detail auszuleben.
Tagträume liefern Ansätze für Problemlösungen. Befragungen zeigen, dass die Wirklichkeitsflucht
geringer ist als vielfach angenommen. Die meisten Tagträume beschäftigen sich mit der Gegenwart
und nahen Zukunft. Sie kreisen um Wünsche, die einen engen Bezug zu den realen Frustrationen des
Träumers haben. Wir denken uns positive Gegenentwürfe aus – Situationen mit viel Gefühl und
möglichst geringem Risiko eines Scheiterns.
In einer Untersuchung von Jerome Singer stellte sich heraus, dass Tagträumer im Schnitt die
gesünderen Menschen sind und ihren Alltag besser bewältigen als andere. Wem das gelegentliche
Abtauchen in phantastische Welten verwehrt bleibt, langweilt sich schnell und ist daher anfälliger für
Ablenkungen der Außenwelt. Phantasiearme Mitbürger unterliegen leichter der Verführung durch
Drogen, Risikospiele und andere schnelle Befriedigungen.
Tagträume sind eine Fundgrube der Selbsterkenntnis, da wir in der Phantasie gern unsere
Lieblingsrollen spielen: der Draufgänger, der kraftvolle Liebhaber, die Femme fatale, der von allen
bewunderte selbstlose Helfer, das verkannte Genie, der angehimmelte Star, der künftige
Nobelpreisträger ... In welcher Rolle sehen Sie sich am liebsten? Was ist Ihnen also wichtig?
Anerkennung, Reichtum, Erotik, Schönheit, Klugheit?
Die häufigsten Geschichten drehen sich um Liebe, Erfolg und Abenteuer. Geborgenheit, Anerkennung
und Ausbruch aus der Alltagsroutine sind folglich die wichtigsten Motive der Phantasie.
In Tagträumen können wir Krisen und frühere Fehler wieder durchspielen und andere Abläufe der
Geschehnisse ersinnen. Selbst wenn es nicht mehr möglich ist, Fehlentscheidungen zu korrigieren –
das Umprogrammieren des Unterbewusstseins auf andere Verhaltensweisen schützt uns davor, die
gleichen Irrtümer noch einmal zu begehen. Außerdem sehen wir unser ideales Ich agieren. Wir sehen
uns so, wie wir gern sein möchten. Damit unterstützen wir gewünschte Verhaltensänderungen. Wir
sehen uns in Gedanken schon einmal so handeln, wie wir morgen in der Realität handeln wollen.
Tagträume bauen Luftschlösser. Aber jedes Schloss aus Mörtel und Stein musste erst einmal in der
Phantasie eines Baumeisters entworfen sein, bevor es errichtet werden konnte.
gekürzt und leicht geändert aus: Frank-Uwe Maaß/Frank Naumann: Was Träume uns raten. Verlag Gesundheit Berlin 1999.
im Internet unter: http://www.egonet.de/ego/0300/art5.htm (Stand: 24.02.2009)

Aufgaben:

1. Lies den Text und unterstreiche alle Synonyme (ersetzende Wörter) und
Metaphern (sprachlichen Bilder) für das Wort „Tagtraum“!

2. Welche unterschiedlichen Ansichten über Tagträume werden im Text


vorgestellt?
Schreibe sie stichwortartig aus dem Text heraus!

3. Welcher Ansicht würdest Du am ehesten zustimmen und welche lehnst Du am


meisten ab? Begründe deine Meinung!

4. Hast Du eigene Gedanken über Tagträume, die Du im Text nicht wiederfindest?


Formuliere sie als Satz!