Sie sind auf Seite 1von 28

Lerneinheit 4a: Kommunikationspolitik und Medienrecht in Deutschland bis zur Wiedervereinigung 1989

Zum Inhalt dieser Lerneinheit

Was bedeutet eigentlich Kommunikationsfreiheit? Welche Rolle spielt sie für ein demokratisches Gemeinwesen? Wie ist sie zu gewährleiste n? Kann es
Gründe für eine Reglementierung der öffentlichen Kommunikation geben? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Kommunikationspolitik und das
Medienrecht. Und diese Fragen durchziehen auch diese sowie die nächste Lerneinheit.

In dieser Lerneinheit soll zunächst einmal geklärt werden, was unter Kommunikationsfreiheit zu verstehen ist. Hier gibt es durchaus unt erschiedliche
Auffassungen. Gerade in Deutschland wurden zwei unterschiedliche Varianten von Kommunikationsfreiheit praktiziert: einerseits ein
marxistisch-leninistisches Modell in der DDR, andererseits ein bürgerlich-liberales in der Bundesrepublik Deutschland. Im ersten Schrit t werden die
unterschiedlichen Auffassungen von Kommunikationsfreiheit erläutert.

Im nächsten Schritt soll die Durchsetzung der Prinzipien der Kommunikationsfreiheit nach 1945 geschildert werden. Da unsere heutige Med ienstruktur
zum großen Teil noch auf die Medienpolitik der Weltkriegsalliierten zurückgeht, interessieren zunächst die maßgeblichen medienpolitisch en
Weichenstellungen der vier Siegermächte. Dabei wird der Schwerpunkt der Darstellung auf der Medien- und Kommunikationspolitik der Westa lliierten
liegen.

Im letzten Lernschritt dieser Lerneinheit wird zunächst die föderale Struktur des bundesdeutschen Medienrechts erläutert, um dann die w ichtigsten
pressepolitischen Entscheidungen sowie die Rundfunkentwicklung bis in die 1970er Jahre hinein zu schildern.

1. Kommunikationsfreiheit

Wenn Sie diesen Lernschritt durchgearbeitet haben, dann sollten Sie die Bedeutung des Begriffs Kommunikationsfreiheit, wie er in der Bu ndesrepublik
aufgefasst wird, verstanden haben. Zudem sollten Sie die Gründe für gänzlich andere Auffassungen von Kommunikationsfreiheit nachvollzie hen können.
Denn auch die DDR beanspruchte, Meinungs- und vor allem Medienfreiheit durchgesetzt zu haben.

Grundlagenliteratur zum Lernschritt

BAMBERGER (1986), BRANAHL (1992), FECHNER (2000), KEPPLINGER (2000), RONNEBERGER (1978), SCHIWY/SCHÜTZ (1994), TONNEMACHER (1996).

1.1 Was ist unter Kommunikationsfreiheit zu verstehen?

Die Kommunikationsfreiheit nach bundesrepublikanischem Verständnis ist im Grundgesetz Artikel 5, Absatz 1 festgehalten. Darin steht:
"Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quel len
frei zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zens ur
findet nicht statt."

Diese verfassungsrechtlich gesicherte Kommunikationsfreiheit umfasst drei Freiheitsgarantien:

1. die jedem Individuum zustehende Meinungsfreiheit, also das Recht, seine Meinung frei zu äußern und zu verbreiten;

2. die jedem Individuum zustehende Informationsfreiheit, also das Recht, sich aus allen zugänglichen Quellen zu unterrichten, und schließlich;

3. die Freiheit der Medien (Presse, Radio, Fernsehen und Film).

Während die Meinungs- und die Informationsfreiheit vor allem das Individuum schützen, dienen die "Medienfreiheiten" in erster Linie dem Schutz der
freien Meinungsbildung.

Zusätzlich enthält Artikel 5 ein Zensurverbot: Die Veröffentlichung eines Geisteswerkes darf nicht einer behördlichen Vorprüfung und Ge nehmigung
unterliegen.

1.2 Was bedeutet Meinungsfreiheit?

Die Meinungsfreiheit ist - so die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen - ein Menschenrecht, das jedem Mensche n zusteht. In
der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland wird es unter den Grundrechten geführt. Es handelt sich hier einerseits um ein individuelles
Freiheitsrecht, das der Entfaltung der Persönlichkeit dient. Andererseits hat dieses Grundrecht immense politische Bedeutung. Es ist - so das
Bundesverfassungsgericht 1958 im sogenannten "Lüth-Urteil" -

"für eine freiheitlich-demokratische Staatsordnung schlechthin konstituierend, denn es ermöglicht erst die ständige geistige
Auseinandersetzung, den Kampf der Meinungen, der ihr Lebenselement ist. Es ist in gewissem Sinn die Grundlage jeder Freiheit überhaupt. "

Unter Meinungsfreiheit fällt nicht nur die Verbreitung von Meinungen (im Sinne von Beurteilungen von Sachverhalten), sondern ebenfalls die Weitergabe
von Informationen und Tatsachenbehauptungen aller Art, zu allen Themen und Sachgebieten. Sie ist also als umfassende Rede- und Mitteilungsfreiheit
zu verstehen.

Die Meinungsfreiheit ist allerdings nicht grenzenlos. Strafrechtlich relevante Äußerungen (z.B. ehrverletzende Beleidigungen und Rechtsextremismus)
werden von ihr nicht gedeckt, ebenso stößt sie - vor allem bei medialer Verbreitung - auf Grenzen, wenn die Persönlichkeitsrechte (z.B. die
Privatsphäre) oder der Jugendschutz gefährdet werden. Dies erklärt auch die Existenz der Bundesprüfstelle, die Filme daraufhin untersucht, ob sie
jugendgefährdend sind. Dies betrifft beispielsweise Formen der Darstellung von Gewalt und pornografische Inhalte.

1.3 Was bedeutet Informationsfreiheit?

Wie die Meinungsfreiheit ist auch die Informationsfreiheit zunächst ein Individualrecht. Jeder Staatsbürger hat das Recht, sich aus all gemein zugänglichen
Quellen ungehindert zu informieren. Dabei sind unter "allgemein zugänglichen Quellen" vor allem Presse, Druckerzeugnisse, Hörfunk, Fern sehen und Film
zu verstehen. So ist es beispielsweise in der Bundesrepublik nicht zulässig, das Hören von ausländischen Rundfunksendern oder die Einfu hr ausländischer
Presse zu untersagen. In nationalsozialistischen Zeiten hingegen, aber auch in der DDR wurde die Informationsfreiheit beschränkt.

Informationsfreiheit ist nicht nur ein Individualrecht, sondern darüber hinaus wichtig für die freie Meinungsbildung und das Funktionie ren einer
Demokratie. Denn erst der Zugang zu vielfältiger Information ermöglicht die freie Meinungsbildung des Individuums und in einem zweiten Schritt die
gesellschaftliche Willensbildung.

1.4 Was bedeutet Medienfreiheit?

Die dritte Kommunikationsfreiheit neben Meinungs- und Informationsfreiheit, die Medienfreiheit, wird im Artikel 5 Absatz 1 des Grundges etzes
folgendermaßen gefasst: "Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet." Damit sind die
Pressefreiheit (inkl. Filmfreiheit) und die Rundfunkfreiheit festgelegt.

Da aber Medienrechtler unter Rundfunk und Presse nicht das Gleiche verstehen wie Kommunikationswissenschaftler, stellt sich die Frage, was juristisch
unter Presse und Rundfunk zu verstehen ist.

Was verstehen Juristen unter "Presse"?

Unter den Begriff Presse fallen - so BRANAHL (1992: 22) - medienrechtlich alle Produkte mit geistigem Sinngehalt, die vervielfältigt werden und für
die Öffentlichkeit bestimmt sind. Damit sind - aus juristischer Perspektive! - auch Bücher, Broschüren, Flugblätter, Plakate, ja sogar Filme sowie
kommerziell vertriebene Videobänder, CDs, CD-Roms oder Disketten als "Presse" aufzufassen. Ihre Herstellung und Verbreitung fällt in de n Schutzbereich
der Pressefreiheit.

Was verstehen Juristen unter Rundfunk?

Rundfunk wird von FECHNER (2000: 184) definiert als "jede an eine Vielzahl von Personen gerichtete Übermittlung von Gedankeninhalten durch
physische, insbesondere elektromagnetischer Wellen. Maßgeblich ist zum einen die Darbietung für einen unbestimmten Personenkreis und zum
anderen der technische Verbreitungsweg." Die Übermittlung kann sowohl drahtlos oder per Kabel erfolgen. Es ist unerheblich, ob lediglich akustische
Signale (Hörfunk) oder visuell wahrnehmbare Signale übertragen werden (Fernsehen). Das heißt, sowohl Hörfunk als auch Fernsehen fallen unter den
Begriff des Rundfunks.

Darüber hinaus gelten heute auch Übertragungen, die nur mit Hilfe eines zusätzlichen Decoders empfangen werden können, als Rundfunk, d.h. alle
Formen des Digitalen Fernsehens, das Pay-TV sowie der Videotext.
Was ist Pressefreiheit?

Nachdem nun erklärt wurde, was Medienrechtler unter Presse und Rundfunk verstehen, stellt sich die Frage, wie Juristen die Freiheit von Presse und
Rundfunk kodifizieren: Was ist zunächst in der Bundesrepublik unter Pressefreiheit zu verstehen?

Im Unterschied zur Weimarer Republik


wird Pressefreiheit nicht nur als eine auf die Presse ausgedehnte individuelle Meinungsfreiheit beschrieben. Das Bundesverfassungsgeric ht hat
Pressefreiheit weiter interpretiert. Ihm zufolge schützt Artikel 5 des Grundgesetzes die Presse in ihrer Gesamtheit als eine im demokra tischen Staat
unentbehrliche Institution.

Grund dafür ist die besondere Aufgabe der Presse in einer Demokratie, vom Gesetzgeber meist "öffentliche Aufgabe" genannt. 1966 umriss das
Bundesverfassungsgericht anlässlich der Spiegelaffäre diese Aufgabe im sogenannten Spiegelurteil.

Die Presse erfüllt die ihr angetragene öffentliche Aufgabe, indem sie

1. den öffentlichen Kommunikations- und Meinungsbildungsprozess in Gang setzt und einen "Meinungsmarkt" (RICKER 2000: 147) etabliert;

2. durch das Angebot an Meinungen dem Einzelnen die Meinungsbildung erleichtert und somit die Voraussetzung für die gewissenhafte Ausübung
staatsbürgerlicher Rechte und die gesellschaftliche Willensbildung schafft;

3. als Vermittler zwischen den Bürgern und den Trägern staatlicher Zuständigkeit fungiert, so dass - im Idealfall - eine politische Willensbildung
"von unten" gefördert wird;

4. als Kontrolleur gegenüber dem Staat und seiner ausführenden Organe agiert.
Resümierend hielt das Bundesverfassungsgericht im Spiegelurteil fest: "Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene
Presse ist Wesenselement des freiheitlichen Staates." Unabhängigkeit vom Staat und Vielfalt innerhalb des journalistischen Gesamtangebots soll
die Presse-, aber auch die Rundfunklandschaft kennzeichnen.

Was ist Rundfunkfreiheit?

Wie die Pressefreiheit (siehe vorherige Seite) ist auch die Rundfunkfreiheit als eine dem Gemeinwesen dienende Freiheit zu verstehen. Das
Bundesverfassungsgericht hat in zahlreichen Urteilen die Wichtigkeit eines unabhängigen, staatsfreien, verschiedenste gesellschaftliche Thematiken und
unterschiedlichste Meinungen repräsentierenden Rundfunks betont (siehe Rundfunkurteile). Dennoch bezieht sich die Rundfunkfreiheit nicht nur auf die
(politische) Berichterstattung, sondern auf das gesamte Programm, d.h. ebenso auf Unterhaltungssendungen und Musikprogramme.

Anders als bei der Presse kann in Deutschland nicht jeder zum Rundfunkveranstalter werden. Dies war zum einen ordnungspolitischen Überl egungen, zum
anderen der Knappheit an Frequenzen geschuldet (siehe Anfänge des Hörfunks). Auch heute noch muss ein privater Rundfunkanbieter eine Lizenz bei
einer Landesmedienanstalt einholen (siehe Kontrolle des Privatfunks).

Wie werden Rundfunkfreiheit und Pressefreiheit zusätzlich gestützt?

Damit den Medien eine unabhängige und kritische Berichterstattung möglich wird, steht die Produktion und Verbreitung medialer Inhalte u nter einem
besonderen Schutz. Für Journalisten besteht eine ausgedehnte Informationsfreiheit. Denn die Landespressegesetze verfügen eine Auskunftspflicht für
staatliche Stellen und Körperschaften des öffentlichen Rechts gegenüber Journalisten.

Darüber hinaus besteht der sogenannte Informantenschutz. "Vertrauliche Informationen" zu erhalten ist für einen kritischen Journalismus unabdingbar.
Deshalb müssen Mitarbeiter bei Presse und Rundfunk ihre Informanten in einem möglichen Strafverfahren nicht nennen, ihnen steht ein in der
Strafprozessordnung fixiertes Zeugnisverweigerungsrecht zu. Dieses Sonderrecht dient der Sicherung der journalistischen Informationsbeschaffung. Es
wird ergänzt von dem besonderen Schutz des Redaktionsgeheimnisses. Darüber hinaus gelten für Redaktionen weitgehende Beschlagnahme- und
Durchsuchungsverbote. Denn die Staatsanwaltschaften sollen nicht über diese Wege an vertrauliche Materialien gelangen und dabei Informantenschutz
und den Schutz des Redaktionsgeheimnisses aushebeln.

Überprüfen Sie anhand der folgenden Animation doch einmal, ob Sie nun die Bestandteile der Kommunikationsfreiheit auf unterschiedlichen Ebenen
voneinander unterscheiden können! Um die Grafik vollständig zu sehen, verbreitern Sie einfach das Inhaltsfenster!
1.5 Herrschaftsformen und gesellschaftliche Kommunikation

Bislang wurde dargelegt, was in der Bundesrepublik unter Kommunikationsfreiheit verstanden wird. Zur Bedeutung von Kommunikationsfreihe it in
anderen politischen Systemen sind damit noch keine Aussagen gemacht. Die Rahmenbedingungen, innerhalb derer die gesellschaftliche Wille nsbildung
stattfindet, und die Struktur der öffentlichen Kommunikation hängen stark von der herrschenden politischen Ordnung ab. Nach HÄTTICH (1969: 23ff.)
sind grundsätzlich drei Kriterien entscheidend, um eine politische Ordnung zu beschreiben.

Kriterien politischer Ordnungen

Dies ist zunächst die Herrschaftsstruktur. Herrschaft kann monistisch oder pluralistisch angelegt sein, d.h. es gibt in einer Gesellschaft entweder nur
ein Herrschaftszentrum mit Letztentscheidungsbefugnis oder mehrere.

Zweitens lassen sich politische Ordnungen in Bezug auf den Prozess der politischen Willensbildung unterscheiden. Die öffentliche Diskussion im
Vorfeld von wichtigen gesellschaftlichen Entscheidungen kann entweder durch einen Wettstreit der unterschiedlichsten Auffassungen erfol gen oder zentral
von einem (meist monistischen) Herrschaftszentrum gelenkt werden. D.h. die politische Willensbildung ist entweder monopolisiert, oder sie erfolgt
konkurrierend.

Schließlich ist noch entscheidend, in welchem Ausmaß die politischen Herrschaftszentren gesellschaftliche, ja sogar private Angelegenhe iten zu regeln
suchen. Von einer partiellen Repräsentation (=Reichweite der Politik) spricht man, wenn bestimmte gesellschaftliche Sachverhalte von der
Herrschaftsausübung ausgespart werden. Wenn hingegen grundsätzlich jeder Sachverhalt zum Gegenstand herrschaftlicher Entscheidung wird, ist von
einer totalen
Repräsentation die Rede. Dann lösen z.B. (politische) Willensbekundungen, die in der Privatsphäre geäußert werden, herrschaftliche Rege lungs- und
Sanktionsmaßnahmen aus.

Die Art der Herrschaftsstruktur, Willensbildung und Repräsentation bildet die Grundlage für eine Typologie der politischen Ordnungen. Dabei sind zwei
reine Typen und sechs Mischtypen erkennbar.
Typologie politischer Ordnungen und ihre Mischformen

Die beiden reinen Typen (blaue Quader in der Grafik) lassen sich mit folgenden Merkmalen beschreiben: Monistische Herrschaftsstruktur m it
monopolisierter Willensbildung und totaler Repräsentation bzw. pluralistische Herrschaftsstruktur mit konkurrierender Willensbildung un d partieller
Repräsentation. Beispiele für den ersten Typ bilden Theokratien wie z.B. das afghanische Taliban-Regime oder totalitäre Diktaturen wie z.B. der
nationalsozialistische Staat in Deutschland. Beispiele für den zweiten Typ sind verschiedene Formen liberaler Demokratie. KEPPLINGER (2000:118)
resümiert:

"In einem politischen System mit monistischer Herrschaftsstruktur, monopolisierter Willensbildung und totaler Repräsentation besitzen d ie
Massenmedien nach innen eine Steuerungsfunktion, nach außen eine Repräsentationsfunktion. Sie sind deshalb von der Exekutive
weisungsabhängig, der Berufszugang für Journalisten ist staatlich kontrolliert, Nachrichten werden zentral durch eine Monopol-Agentur
verbreitet. In einem politischen System mit pluralistischer Herrschaftsstruktur, konkurrierender Willensbildung und partieller Repräsen tation
nehmen die Massenmedien keine staatlichen Funktionen wahr. Sie sind deshalb von der Exekutive weisungsunabhängig, der Zugang zum
Journalistenberuf ist offen, Nachrichten aus dem Ausland können frei beschafft werden."

Das politische System der Bundesrepublik ist gekennzeichnet durch:

1. eine pluralistische Herrschaftsstruktur (es herrscht Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Jurisdiktion. Gemäß dem föderalistischen
Prinzip liegen zahlreiche Kompetenzen - z.B. die Kulturhoheit - bei den Ländern);

2. eine konkurrierende Willensbildung, die z.B. durch ein Mehrparteiensystem und Medienfreiheit gewährleistet wird;
3. eine partielle Repräsentation (Trennung von Kirche und Staat, Tarifautonomie, Schutz der Privatsphäre).

1.6 Was wurde in der DDR unter Kommunikationsfreiheit verstanden?

Bisher ist zunächst einmal das bundesrepublikanische Modell vorgestellt worden. In der DDR herrschte ein anderes Verständnis von
Kommunikationsfreiheit, obgleich Artikel 27 der DDR-Verfassung die individuelle Meinungsfreiheit und die Medienfreiheit garantierte:

"Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht, den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß seine Meinung frei und
öffentlich zu äußern ... Die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens ist gewährleistet."

Interpretation

Entscheidend ist die Formulierung "den Grundsätzen der Verfassung gemäß", denn zu diesen Grundsätzen zählte die uneingeschränkte Anerke nnung der
führenden Rolle der SED und das Prinzip des demokratischen Zentralismus - Grundsätze, die eine monistische Herrschaftsstruktur mit
monopolisierter Willensbildung förderten. Presse, Hörfunk und Fernsehen wurden in den Dienst des Staates bzw. der SED gestellt, eine St aats- und
Parteinähe war ausdrücklich angestrebt: "Sozialistische Pressefreiheit" sei - so die Fachzeitschrift Theorie und Praxis der Sozialistischen Journalistik
1974 - "die Freiheit der Arbeiterklasse, ihre Presse ungehindert herausgeben zu können und sie als kollektiven Agitator, Propagandisten und Organisator
der sozialistischen Ideologie voll entwickeln zu können." (Zit. n. HOLZWEIßIG 1989:11)

Sobald sich die Presse, aber auch andere Massenmedien, überwiegend in den Händen der Arbeiterklasse (respektive SED) befanden und - ang ewiesen von
der SED - eine sozialistische Linie verfolgten, herrschte diesem Verständnis zufolge Presse- bzw. Medienfreiheit. Meinungsvielfalt, was auch die
Berechtigung von abweichenden Meinungen impliziert, oder gar Privateigentum an Medienbetrieben wurde als Gefährdung der "sozialistischen
Pressefreiheit" aufgefasst.

Die Meinungsfreiheit wurde darüber hinaus durch den Paragrafen 106 des Strafgesetzbuches der DDR eingeschränkt. Dort wurde "staatsfeindliche
Hetze" sehr weit gefasst, so dass dieser Paragraf eine Handhabe gegen Regimekritiker bot.

Informationsfreiheit
wurde in der DDR-Verfassung nicht erwähnt. In der Folge wurde der Grundsatz der Informationsfreiheit nicht verletzt, wenn die Einfuhr w estlicher
Zeitungen und Zeitschriften verboten wurde.

1.7 Zusammenfassung

In diesem Lernschritt wurden zunächst die drei im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland festgelegten Elemente der Kommunikationsfr eiheit
erläutert: die Meinungsfreiheit, die Informationsfreiheit und die Medienfreiheit. Während Meinungs- und Informationsfreiheit vor allem das Individuum
schützen, dienen die "Medienfreiheiten" in erster Linie dem Schutz der freien Meinungsbildung.

In einer freiheitlich-liberalen Demokratie spielen Medien im Prozess der politischen Willensbildung eine wesentliche Rolle, indem sie d ie in einer
Gesellschaft bestehenden Meinungen bündeln und darstellen. Auf diese Weise sind sie zum einen dem einzelnen Gesellschaftsmitglied bei d er (politischen)
Meinungsbildung behilflich. Zum anderen unterstützen sie den gesellschaftlichen Willensbildungsprozess und kommunizieren dessen Resulta te an die
Träger staatlicher Zuständigkeit. Darüber hinaus üben Medien gegenüber staatlicher Herrschaft eine Kontrolle aus, indem sie politische Maßnahmen (u.U.
auch Willkürmaßnahmen) transparent machen. All diese politischen und gesellschaftlichen Aufgaben der Medien werden auch als "öffentlich e Aufgabe"
bezeichnet.

Das, was unter dem Begriff Kommunikationsfreiheit verstanden wird, ist von der jeweiligen politischen Ordnung bestimmt. Herrschaftsstru kturen können
entweder pluralistisch oder monistisch sein, die politische Willenbildung kann entweder konkurrierend oder monopolisiert erfolgen, und ein Staat kann
entweder eine partielle oder die totale Repräsentation gesellschaftlicher Angelegenheiten beanspruchen. Staaten mit pluralistischer Her rschaftsform,
konkurrierender Willensbildung und partieller Repräsentation streben in der Regel unabhängige Medien an, Staaten mit monistischer Herrs chaftsstruktur,
monopolisierter Willensbildung und totaler Repräsentation sehen Medien als Instrumente ihrer Politik, die mediale Informationsweitergab e wird
kontrolliert.

Die Verfassung der DDR gewährte zwar formell Meinungsfreiheit, erwähnte aber Informationsfreiheit nicht. Medienfreiheit herrschte in de r DDR nach
dortigem Verständnis, weil die Massenmedien hauptsächlich in Händen der Arbeiterklasse (genauer: der SED) waren und unbeeinträchtigt al s kollektiver
Agitator, Propagandist und Organisator im Sinne der sozialistischen Ideologie fungieren konnten.

1.8 Check

LE 4a Check 1

Leitfragen zum Lernschritt "Kommunikationsfreiheit"

Welche Rechte sind im Artikel 5 des Grundgesetzes festgeschrieben? Was umfassen diese Rechte jeweils im einzelnen?

Welche besonderen Rechte haben Journalisten und warum?

Nach welchen Kriterien lassen sich politische Ordnungen systematisieren und in welchem Zusammenhang stehen diese mit der
Kommunikationskontrolle?

Worin unterschieden sich die Auffassungen von Kommunikationsfreiheit in der Bundesrepublik und in der DDR?

2. Kommunikationspolitik in Deutschland von 1945 bis 1949

Wenn Sie diesen Lernschritt durchgearbeitet haben, dann sollten Sie wissen, was Kommunikations- und Medienpolitik ist und wie sie von d en Alliierten in
Deutschland nach 1945 betrieben wurde. Dabei werden Sie erkennen, dass die Strukturen, die die Alliierten setzten, noch heute unser Med iensystem
prägen.

Grundlagenliteratur zum Lernschritt

BAUSCH (1980a), GLOTZ/PRUYS (1981), HURWITZ (1972), KOPPER (1992), KOSZYK (1999) KOSZYK (1986), KUTSCH (1999), LIEDTKE (1982),
PÜRER/RAABE (1996), SCHWARZKOPF (1999), TONNEMACHER (1996).

2.1 Was ist eigentlich Kommunikations- und Medienpolitik?

Kommunikations- und Medienpolitik werden häufig synonym verwendet. Streng genommen ist Medienpolitik aber nur ein Teilbereich der
Kommunikationspolitik. Unter Kommunikationspolitik versteht man:

"die Gesamtheit der Aktivitäten staatlicher Institutionen oder gesellschaftlicher Organisationen, die sich auf die Regelung des Prozess es der
gesellschaftlichen Kommunikation richten" (GLOTZ/PRUYS 1981: 117)

Kommunikationspolitik bezieht sich also auf die Regelung der Kommunikation zwischen Individuen ebenso wie auf die Regelung der
Medienkommunikation. Medienpolitik hingegen bezieht sich ausschließlich auf die staatlichen oder gesellschaftlichen Maßnahmen zur Gestaltung der
massenmedialen Kommunikation. In dieser Lerneinheit werden wir uns schwerpunktmäßig mit der Medienpolitik befassen.

Aufgabe und Ziel der Medienpolitik in einem freiheitlich-demokratischen Staat ist die Erhaltung der Informations-, Meinungs- und
Medienfreiheit als Grundlage für eine freie politische Willensbildung.

2.2 Wer machte nach dem Zusammenbruch des Naziregimes Presse- und Rundfunkpolitik?

1944 und 1945 marschierten die Alliierten in Deutschland ein. In den befreiten Gebieten wurden NS-Presseunternehmen und Rundfunksender umgehend
geschlossen (Blackout-Phase). Um die deutsche Bevölkerung dennoch zu informieren und der mündlichen Verbreitung von Gerüchten entgegen zu
wirken, gründeten die Alliierten eigene Mitteilungsblätter und nahmen vor allem die noch funktionsfähigen Radiostationen in Betrieb. Rundfunk und
Presse lagen also zunächst in den Händen der Alliierten bzw. ihrer Presseoffiziere. Erst in einem dritten Schritt übergaben sie die Ges taltung des
Rundfunkprogramms in deutsche Hände und überließen die Herausgabe von Zeitungen und Zeitschriften Deutschen, soweit sie eine Lizenz von den
Alliierten erhalten hatten.

Während des Krieges war es den Alliierten nicht gelungen, sich auf eine gemeinsame "Informationskontrolle" in den befreiten Gebieten zu einigen. Das
heißt in heutiger Terminologie: eine gemeinsame kommunikations- und medienpolitische Linie war nicht festgelegt worden. Auf der Potsdamer Konferenz
von 1945 beschlossen die vier Siegermächte dann zumindest vier Grundsätze für ihre Deutschlandpolitik: Demokratisierung, Entmilitarisierung,
Entnazifizierung und Dezentralisierung. Diesen Zielen sollten auch die Medien in Deutschland dienen.

Potsdamer Konferenz

Foto der "großen Drei": Winston S. Churchill, Harry S. Truman und Josef Stalin
Quelle: Deutsches Historisches Museum (http://www.dhm.de/lemo/objekte/pict/Nachkriegsjahre_photoGrosseDrei/200.jpg; 23.01.2002)

Allerdings waren diese Grundsätze zum einen sehr vage - im Besonderen "Demokratisierung" wurde von den Westalliierten und der Sowjetuni on sehr
unterschiedlich interpretiert. Zum anderen hatten die Alliierten in den besetzten Gebieten schon medienpolitische Fakten geschaffen. Vo n einer
gemeinsamen Medienpolitik konnte also keine Rede sein; der Alliierte Kontrollrat, die gemeinsame "Regierung" der Alliierten in Deutschl and, blieb
medienpolitisch weitgehend bedeutungslos. Medienpolitik wurde auf der Ebene der einzelnen Besatzungszonen betrieben.

2.3 Pressepolitik in den Westzonen

Pressepolitik und Lizenzvergabe

Gemeinsam war den vier Alliierten der Plan, ein völlig neues Pressesystem aufzubauen. Im Besonderen die Westalliierten wollten ein Gege nmodell zur
gleichgeschalteten, propagandistischen NS-Presse etablieren. Doch schon aufgrund fehlender personeller Ressourcen mussten sie dabei mit deutschen
Journalisten kooperieren. Deshalb vergaben sie Lizenzen für das Herausbringen einer Zeitung oder einer Zeitschrift.

Lizenzurkunde

Quelle: WELKE (1994: 50)

Lizenzierungsmodelle / Zeitungen

Die Lizenz, eine Zeitung herauszugeben, erhielten in den westlichen Besatzungszonen unbelastete Deutsche. In der sowjetischen Besatzungszone
gingen Lizenzen an Parteien und Organisationen. Dort entstanden Parteizeitungen, wobei die KPD bei der Zuteilung von Lizenzen und Papier bevorzugt
wurde.

Die Westalliierten wählten unterschiedliche Modelle der Lizenzierung. Die US-amerikanischen Besatzungsoffiziere versuchten, Meinungsvielfalt zu
gewährleisten, indem sie an Personen unterschiedlicher politischer Couleur eine gemeinsame Zeitungslizenz vergaben (Panel-Modell) - und zwar pro Ort
nur eine Lizenz. Die Briten lizenzierten hingegen pro Ort mehrere partei-nahe Blätter. Die französische Lizenzierungspolitik schließlic h war recht
uneinheitlich. Sie folgte sowohl dem amerikanischen Panel-Modell, etablierte aber auch partei-nahe Blätter wie die Briten und sogar Parteizeitungen
wie die Sowjets.

Die erste Lizenzzeitung war die von den Amerikanern in Hessen bewilligte Frankfurter Rundschau. Es folgten zahlreiche heute noch existente Blätter,
darunter auch die am 6. Oktober 1945 gegründete Süddeutsche Zeitung, deren Anfänge in einer zeitgenössischen Wochenschau festgehalten sind:

Wochenschau 1945: Lizenzübergabe der Süddeutschen Zeitung

Quelle: "...wie die Erlaubnis Geld zu drucken". Bausteine der Demokratie (II): Die Lizenzpresse 1945-49. Ein Film von Heike Mundzeck. E ine Produktion
der "Multimedia"-Gesellschaft für audiovisuelle Information mbH. Im Auftrag des NDR © Norddeutscher Rundfunk 1986.

Und sehen Sie gleich noch einen Ausschnitt aus einer Wochenschau 1945 zum Druck der ersten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung:

Wochenschau 1945: Druck der ersten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung

Quelle: "...wie die Erlaubnis Geld zu drucken". Bausteine der Demokratie (II): Die Lizenzpresse 1945-49. Ein Film von Heike Mundzeck. E ine Produktion
der "Multimedia"-Gesellschaft für audiovisuelle Information mbH. Im Auftrag des NDR © Norddeutscher Rundfunk 1986.

Den Dezentralisierungsabsichten des Alliierten Kontrollrats folgend und bedingt durch Transportprobleme im zerstörten Deutschland, wurd en
Zeitungslizenzen nur für bestimmte Regionen ausgegeben. Insgesamt erteilten die vier Alliierten 155 Zeitungslizenzen (Berechnung nach (KOSZYK 1986:
472ff.) Die heute die deutsche Zeitungslandschaft kennzeichnende Regionalisierung ist in der Lizenzierungspraxis der Alliierten begründet.

Lizenzierung von Zeitschriften

Auch die Herausgabe einer Zeitschrift bedurfte einer Lizenz. So erhielt beispielsweise Axel Springer 1946 von den britischen Machthabern die Lizenz für
die Programmzeitschrift Hörzu und legte mit Hilfe dieser äußerst erfolgreichen Zeitschrift den Grundstock für sein Verlagsimperium.

Doch hatten Lizenzträger im Nachkriegsdeutschland mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Zunächst mussten sie sich hinsichtlich in haltlicher
Fragen mit ihren Lizenzgebern, den Presseoffizieren, arrangieren.

Ein Beispiel für solche Schwierigkeiten ist die Gründung der Illustrierten Stern. Von der Entstehung des Sterns erzählt Henri Nannen, der Lizenzträger und
langjährige Chefredakteur des Sterns, eine recht abenteuerliche Geschichte. 1948 wurde ihm zunächst von den Briten angeboten, die Jugendzeitschrift
Zick Zack
zu übernehmen. Nannen hatte allerdings Bedenken gegen Jugendzeitschriften. Als der für neue Zeitschriftenkonzepte nicht gerade offene Pressechef
Deneke im Urlaub war, ging Nannen zu dessen Vertreter Baker und versuchte, diesen für ein ganz anderes Zeitschriftenkonzept zu gewinnen .

Henri Nannen über die Entstehung des Stern

Quelle: "...wie die Erlaubnis Geld zu drucken". Bausteine der Demokratie (II): Die Lizenzpresse 1945-49. Ein Film von Heike Mundzeck. E ine Produktion
der "Multimedia"-Gesellschaft für audiovisuelle Information mbH. Im Auftrag des NDR © Norddeutscher Rundfunk 1986.

Selbst wenn eine Lizenz einer "Erlaubnis, Geld zu drucken" gleichkam (die Deutschen zeigten nämlich ein reges Interesse an Zeitungen un d Zeitschriften),
so war das Beschaffen von Redaktions- und Druckmaterialien (z.B. von Papier) im chaotischen Nachkriegsdeutschland ein Abenteuer.

Hierfür kann wiederum Henri Nannens Stern-Geschichte als Beispiel dienen. 14 Tage nach seinem Gespräch mit Baker erschien - nach der
Währungsreform - der erste Stern mit großem Erfolg. Als dann jedoch nach zwei Wochen der Pressechef Deneke aus dem Urlaub zurückkam, ärgerte er
sich über Nannens Eigenmächtigkeit und sperrte ihm kurz darauf die Papierzufuhr. Nannen sicherte die Herausgabe der nächsten zwei Numme rn, indem er
beim Axel-Springer-Verlag und bei der Kommunistischen Volksstimme Papier lieh. Danach wurde er, wie er erzählt, zum "Holzkaufmann". Um letztlich an
Papier zu kommen, erhandelte er sich Holz auf dem Schwarzmarkt, indem er es beispielsweise mit Hilfe alter Freunde gegen Schreibmaschin en tauschte,
oder durch die Organisation von Kohletransporten. Sehen Sie dazu den folgenden Videoausschnitt.

Henri Nannen über Papierknappheit und den Stern

Quelle: "...wie die Erlaubnis Geld zu drucken". Bausteine der Demokratie (II): Die Lizenzpresse 1945-49. Ein Film von Heike Mundzeck. E ine Produktion
der "Multimedia"-Gesellschaft für audiovisuelle Information mbH. Im Auftrag des NDR © Norddeutscher Rundfunk 1986.

Pressefreiheit

Pressefreiheit herrschte im Nachkriegsdeutschland nur recht eingeschränkt. Denn es bedurfte nicht nur einer Lizenz, um ein Presseprodukt
herauszugeben, sondern es gab durchaus auch inhaltliche Vorschriften. Zwar wurde die Vorzensur noch 1945 zugunsten einer Nachzensur abgelöst,
dennoch durfte die Politik der Militärmachthaber nicht kritisiert werden. Erst seit Mai 1946 konnten auch die regionalen Maßnahmen der Militärmachthaber
kritisch beleuchtet werden. Besonderes Tabu-Thema blieb aber weiterhin die Deutschland-, genauer die Einheitsfrage. Denn Kritik an den
Entscheidungen des für ganz Deutschland zuständigen Alliierten Kontrollrates war nicht erlaubt.

Presseförderung

Trotz dieser Einschränkungen entwickelte die Presse in den Westzonen große Vielfalt. Insbesondere die Briten und Amerikaner stellten die Presse in
den Dienst der Demokratisierung und förderten die Meinungsvielfalt. Während die Briten den Deutschen große Freiräume zugestanden und da bei zuweilen
auch Kritik an ihrer Besatzungspolitik tolerierten, beaufsichtigten die Amerikaner ihre Presse schärfer. In der Presse sahen sie einen zentralen Träger der
"Reeducation" des deutschen Volkes.

Gemeinsames Ziel von Briten und Amerikanern war die Etablierung eines "neuen Journalismus". Entsprechend angelsächsischer Tradition wurde die
Trennung von Nachricht und Kommentierung durchgesetzt. Zudem investierten sie in die Journalistenausbildung - so geht die Gründung der
renommierten "Deutschen Journalistenschule" in München auf die Initiative der US-amerikanischen Machthaber zurück.

Nicht zuletzt um ein Vorbild für die Lizenzzeitungen zu schaffen, gründeten die Alliierten überregionale Zonenzeitungen. Es handelt sic h hier nicht um
Lizenzzeitungen, denn diese Blätter wurden direkt von den Alliierten verantwortet. Herauszustellen ist vor allem die Die Welt für die britische
Besatzungszone (die erst 1953 in den Springerverlag überging) und Die Neue Zeitung für die amerikanische Zone, deren Qualitätsjournalismus die
Lizenzzeitungen inspirieren sollte.

Generallizenz

In den Westzonen gelang es, eine starke, von den Deutschen sehr geschätzte Regionalpresse aufzubauen. Als 1949 für die Westzonen die Generallizenz
erteilt wurde, konnte die Lizenzpresse bestehen. Zwar strömten mit der Aufhebung der Lizenzpflicht die sogenannten "Altverleger", also Verleger, die
auch in der Zeit des Nationalsozialismus Zeitungen und Zeitschriften herausgebracht hatten, auf den Markt. Doch gelang es ihnen nicht, die Lizenzpresse
zu verdrängen. Bei einem Großteil unserer heutigen Zeitungen handelt es sich noch um Gründungen aus der Lizenzzeit.

Schauen Sie selbst nach, welche Zeitungen des Bundeslandes, aus dem Sie stammen, in der Lizenzzeit gegründet wurden. Wählen Sie einfach das Sie
interessierende Bundesland aus und vergrößern Sie das Exkursfenster, um die gesamte Tabelle betrachten zu können!

Baden-Württemberg Niedersachsen
Bayern Nord-Rhein-Westfalen
Berlin Rheinland-Pfalz
Brandenburg Saarland
Bremen Sachsen
Hamburg Sachsen-Anhalt
Hessen Schleswig-Holstein
Mecklenburg-Vorpommern Thüringen

2.4 Rundfunkpolitik

Gründung von Sendern durch die Alliierten

Schon vor Kriegsende hatten die Alliierten verschiedene Programme für die deutsche Bevölkerung konzipiert und nach Deutschland übertrag en. Die Briten
hatten den Deutschen Dienst der BBC errichtet und die Amerikaner "Voice of America". Seit September 1944 sendeten "Radio Production Uni ts" der
Westalliierten von Radio Luxembourg aus ein Programm für die deutsche Bevölkerung.

Kurz nach ihrem Einmarsch setzten die Alliierten - soweit möglich - den Rundfunk wieder instand und gingen auf Sendung. Bereits einige Tage vor der
bedingungslosen Kapitulation Deutschlands nahm Radio Hamburg als erste alliierte Rundfunkanstalt in Deutschland den Betrieb auf. Das Programm
wurde von britischen "Radio Production Units" in Kooperation mit einigen z.T. aus dem Exil kommenden Deutschen gestaltet. Um außerdem d ie
Bevölkerung im Westen der britischen Besatzungszone zu erreichen, sendete seit Anfang August das weitgehend zerstörte Kölner Funkhaus ebenfalls
das Programm von Radio Hamburg. Im September 1945 erhielt das Radio in der britischen Besatzungszone die Bezeichnung Nordwestdeutscher
Rundfunk (NWDR), ein großer, zonenübergreifender Sender mit zwei Funkhäusern (Hamburg und Köln) war entstanden.

In der US-amerikanischen Besatzungszone wurde zunächst Radio München (12.5.45, später Bayerischer Rundfunk) eingerichtet. Es folgten Radio
Stuttgart (3.6.45, später Süddeutscher Rundfunk), Radio Frankfurt (4.6.45, später Hessischer Rundfunk) und Radio Bremen (23.12.45). Mit vier
verschiedenen Rundfunkhäusern war in der amerikanischen Besatzungszone ein dezentralisierter Rundfunk entstanden.

Die französischen Machthaber richteten übergangsweise Radio Koblenz ein (14.10.45). 1946 gründeten sie einen zonenübergreifenden Sender , den
Südwestfunk mit Sitz Baden-Baden, dessen Programm auch von Radio Saarbrücken übernommen wurde.

In der Sowjetischen Besatzungszone entstanden der Berliner Rundfunk und der Mitteldeutsche Rundfunk mit Sitz in Leipzig.

Politische Differenzen zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion führten zum sogenannten "Ätherkrieg über Berlin". Um dem Programm
des sowjetisch beherrschten Berliner Rundfunks eine westliche Interpretation der politischen Situation entgegenzusetzen, gründete der N WDR eine
Zweigstelle in Berlin, und die Amerikaner riefen den Drahtfunk im amerikanischen Sektor Berlin (zunächst DIAS, später RIAS) ins Leben. Offiziell wurde
der RIAS als Dienststelle der Militärregierung geführt und mit Berufung auf den Vier-Mächte-Status der Stadt Berlin nie in deutsche Hän de übergeben.

Sehen Sie hier noch einmal eine Übersicht der Funkhäuser in den westlichen Besatzungszonen in der Reihenfolge ihrer Gründung:
Funkhäuser in den Besatzungszonen

Übergabe der Sender in deutsche Hände / Etablierung von Anstalten des öffentlichen Rechts

Nachdem die Alliierten 1945 die noch bestehenden Rundfunkanlagen übernommen und umgehend - zusammen mit wenig belasteten Deutschen - di e
Programme gestaltet hatten, stellte sich die Frage, wann und in welcher Form die Kontrolle über den Rundfunk in deutsche Hände übergebe n werden
könne.

In Bezug auf die Organisation des Rundfunks in Deutschland hatten die Alliierten unterschiedliche Vorstellungen. Die Amerikaner präferi erten einen
privatwirtschaftlich organisierten Rundfunk, die Briten einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk entsprechend ihrer BBC und die Franzosen zunächst einen
zentral organisierten, staatsnahen Rundfunk. Doch die Erfahrungen mit dem zentralistischen nationalsozialistischen Staatsfunk, der über wiegend der
Propaganda gedient hatte, ließ die Westalliierten darin einig werden, dass der Rundfunk in Deutschland künftig staatsfern organisiert werden müsse.
Darüber hinaus sollten die unterschiedlichsten gesellschaftlich relevanten Themen und Standpunkte im Rundfunk repräsentiert werden. Der
Rundfunk sollte ein ausgewogenes Programm entwickeln und Unparteilichkeit wahren.

Im Folgenden erläutert Ihnen der US-amerikanische Presseoffizier Edmund Schechter die Prinzipien der amerikanischen Rundfunkpolitik.

Schechter über amerikanische Rundfunkpolitik am 19.12.1947

Quelle: "Edmund Schechter über die amerikanische Rundfunkpolitik". Tondokumente T61. Auf dem Wege zur Republik 1945-49, I/4. Bayerische
Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.

Um diese Ziele zu gewährleisten, entschied man sich für das britische Modell der BBC. Die deutschen Sender erhielten die Rechtsform von "Anstalten
des öffentlichen Rechts". Damit ist weder der Staat noch ein privater Eigentümer Träger des Rundfunks, sondern die Allgemeinheit, die
Gesellschaft als Ganzes. Die Allgemeinheit finanziert diesen Rundfunk (über Gebühren) und ist auch einzige Kontrollinstanz. Die erste R undfunkanstalt, die
eine solche "Verfassung" erhielt, war am 1. Januar 1948 der bis dahin "britische" NWDR.

Aufbau von Rundfunkanstalten des öffentlichen Rechts

Wenngleich die Bezeichnungen z.T. variierten, im Aufbau ähnelten sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Sie besitzen bis he ute grundsätzlich
drei Organe - Intendant, Rundfunkrat und Verwaltungsrat -, die den Rundfunk kontrollieren.

An der Spitze einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt steht ein Intendant, der die Rundfunkanstalt nach außen vertritt. Innerhalb der
Rundfunkanstalt hat er die letzte Entscheidungsbefugnis und trägt die Verantwortung für Programm, Personal, Verwaltung und Wirtschaftsführung.
Dabei muss er stets die Interessen der Allgemeinheit vertreten. Der Intendant wird vom zweiten zentralen Organ, dem Rundfunkrat, gewählt (je nach
Anstalt alle vier bis sechs Jahre).

Der Rundfunkrat ist zuständig für die gesellschaftliche Kontrolle des Programms. Er setzt sich zusammen aus ehrenamtlichen Vertretern der
gesellschaftlich relevanten Gruppen. Dies sind i.d.R. neben Landtagsabgeordneten Vertreter von Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Arbeitgeber,
Wohlfahrtsverbände, Naturschutzverbände etc. Die Rundfunkräte (heute je nach Rundfunkanstalt zwischen 17 und 77) sind wie der Intendant dem
Interesse der Allgemeinheit verpflichtet. Sie sind daher nicht weisungsgebunden, doch hat sich in der Praxis eine weitgehende Fraktioni erung der
Rundfunkräte in ein SPD-nahes und ein CDU/CSU-nahes Lager (so genannte „Freundeskreise“) entwickelt.
Der Verwaltungsrat ist im Wesentlichen zuständig für die wirtschaftliche Kontrolle des Rundfunks, also Haushalt und Finanzplanung. Er überwacht
die Geschäftsführung des Intendanten. Er besteht ebenfalls aus ehrenamtlichen Vertretern, die vom Rundfunkrat gewählt werden. Auf der n ächsten Seite
folgt eine Grafik, die Ihnen den Aufbau einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt noch einmal im Überblick zeigt.

Aufbau öffentlich-rechlticher Rundfunkanstalten

Kontinuität alliierter Kontrolle im Rundfunkbereich

Nachdem erste Länderparlamente 1946/47 gewählt waren, es also auf Länderebene wieder deutsche (Landes-) Regierungen gab, wurden sie von den
Westalliierten aufgefordert, Rundfunkgesetze zu verabschieden. Darüber hinaus sollten diejenigen Länder, die sich eine Rundfunkanstalt "teilten",
Staatsverträge
abschließen, also Verträge zwischen Bundesländern, die die Rechtsgrundlage für eine gemeinschaftliche Rundfunkanstalt bilden. Betroffen waren davon
die NWDR-Länder: Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Hamburg sowie die SWF-Länder: Baden, Württemberg-Hohenszoll ern
(damals noch nicht vereint zu Baden-Württemberg) und Rheinland Pfalz.

Bei den Abschlüssen der Staatsverträge kam es zu erheblichen Auseinandersetzungen zwischen den Alliierten und den Ländervertretungen. Denn die
deutschen Parlamentsvertreter forderten mehr staatlichen Einfluss auf den Rundfunk - z.B. das Wahlrecht für den Intendanten, eine stärk ere Vertretung in
den Rundfunkräten oder das Budgetrecht für die Rundfunkanstalten. Damit wären die Rundfunkanstalten in personelle, programmliche und fi nanzielle
Abhängigkeit von der Landespolitik geraten. Letztlich hatten sich die Idee und Vorzüge der Staatsferne des Rundfunks bei deutschen Politikern noch
nicht durchgesetzt.

Die Auseinandersetzungen mit den Alliierten kulminierten schließlich in einem alliierten Vorbehaltsrecht. Auch nach Gründung der Bundesrepublik
bedurften Veränderungen im Rundfunkbereich (z.B. die Gründung neuer Sendeanstalten oder eine Veränderung der Verfügungsgewalt über
Sendeanstalten) bis 1955 der Zustimmung der Alliierten. Sie behielten sich das Recht vor, deutsche Maßnahmen, die Presse- und Rundfunkf reiheit
bedrohten, wieder aufzuheben (BAUSCH 1980a: 240).

Rundfunkpolitik in der sowjetischen Besatzungszone

Als erste alliierte Militärregierung übergab die sowjetische Militäradministration den Rundfunk in deutsche Hände. Am 21. Dezember 1945 wurde die
Verantwortung für den Rundfunk an die "Deutsche Zentralverwaltung für Volksbildung" (DVV) übertragen. Sie übte fortan die Rundfunkaufsi cht aus,
unterstand allerdings weiterhin den Weisungen der sowjetischen Militäradministration. Zentrale Führungspositionen wurden dabei KPD-Funk tionären
übertragen, so stand z.B. der KPD-Journalist Paul Wandel an der Spitze der DVV.

Meinungsvielfalt
entwickelte sich im Rundfunk der sowjetischen Besatzungszone nur sehr begrenzt. Die DVV war kommunistisch geprägt, und v.a. im als Leit medium
angesehenen Berliner Rundfunk kamen Nichtkommunisten kaum zu Wort.

Nur die im Laufe des Jahres 1946 eingerichteten Landessender besaßen gewisse Freiräume. Die Funkhäuser in Schwerin (für Mecklenburg-Vor pommern),
in Leipzig und Dresden (für Sachsen), in Weimar (für Thüringen), in Halle (für Sachsen-Anhalt) und verspätet in Potsdam (für Brandenbur g) konnten in
ihrer Lokal- und Regionalberichterstattung eigene Akzente setzen. Allerdings unterstanden auch sie der Aufsicht der DVV, und es war dem linientreuen
Berliner Rundfunk vorbehalten, Fragen von "übergeordneter" Bedeutung zu behandeln (KUTSCH 1999: 71).

Wenngleich die verschiedenen Funkhäuser suggerieren mögen, dass auch in der sowjetischen Besatzungszone eine dezentrale Rundfunkstruktu r entstand,
so täuscht dieser Eindruck. Aufgrund der vorrangigen Stellung der DVV und des Berliner Rundfunks, dessen Sendungen zum großen Teil von den anderen
Sendern übernommen wurden, war der Rundfunk in der sowjetischen Besatzungszone deutlich zentralistischer als in den Westzonen. Mit der Gründung
der DDR verstärkte sich dies nochmals (siehe auch Medienlenkung in der DDR).

2.5 Zusammenfassung

Nach dem Zusammenbruch des Naziregimes betrieben die vier Siegermächte die Kommunikations- und Medienpolitik für Deutschland. Die im
Wesentlichen nur auf die eigene Zone bezogene Medienpolitik wurde durch die vier deutschlandpolitischen Grundsätze Demokratisierung,
Entmilitarisierung, Entnazifizierung und Dezentralisierung bestimmt.

Im Bereich der Presse vergaben die Westalliierten Lizenzen an unbelastete Deutsche, die sowjetischen Machthaber an Parteien und Organis ationen. Dabei
wurden Zeitungslizenzen nur für bestimmte Regionen vergeben (lediglich die vier von den Alliierten herausgegebenen Zonenzeitungen ersch ienen
überregional). In der Folge entstand ein weitgehend dezentralisiertes Zeitungsnetz.

Obgleich die Lizenzpresse der Westzonen keine gänzlich "freie Presse" war (immerhin gab es neben dem durch das Lizenzsystem beschränkte n Zugang zur
Presse auch Nachzensur und Tabuthemen), so erfreute sie sich doch großer Beliebtheit. Auch nach dem Erlass der Generallizenz 1949, die es allen
Deutschen ermöglichte, Presseerzeugnisse herauszubringen, konnten sich die Lizenzzeitungen auf dem Markt behaupten.

Im Bereich des Rundfunks waren die medienpolitischen Entscheidungen der Alliierten ebenso wegweisend wie für die deutsche Presselandsch aft. Die
Radiostationen der Alliierten wurden in Rundfunkanstalten umgewandelt, die zum großen Teil heute noch Bestand haben: Bayerischer Rundfu nk,
Hessischer Rundfunk und Radio Bremen existieren noch unter den alten Bezeichnungen; der NWDR besteht heute als WDR und NRD weiter; Südw estfunk
und Süddeutscher Rundfunk fusionierten 1998 zum Südwestrundfunk SWR; Radio Saarbrücken wurde wegen des Sonderstatus des Saarlandes erst 1957
als Saarländischer Rundfunk eingegliedert.

Neben einer dezentralen Rundfunkstruktur blieb vor allem die (staats- und wirtschaftsferne) öffentlich-rechtliche Organisationsform des Rundfunks (mit
Intendant, Rundfunkrat und Verwaltungsrat) bestehen.

In der sowjetischen Besatzungszone entwickelte sich eine geringere Meinungsvielfalt in Rundfunk und Presse. Dies lag zum einen an der D ominanz der
KPD (später SED) im zentralen Berliner Rundfunk, zum anderen an ihrer Bevorzugung bei der Verteilung von Lizenzen und Papier.

2.6 Check

LE 4a Check 2

Leitfragen zum Lernschritt "Kommunikationspolitik 1945-49"

Auf welche Bereiche beziehen sich die Kommunikations- und die Medienpolitik jeweils?

Was ist unter dem Begriff "Lizenzpresse" zu verstehen und wodurch war sie gekennzeichnet?

Welche Organisationsform wurde in den westlichen Besatzungszonen für den Rundfunkbereich gewählt und warum? Welcher Aufbau wurde
festgelegt?

Wie unterschied sich die Presse- und Rundfunkpolitik in der sowjetischen Besatzungszone?

Welchen Einfluss hatte die Medienpolitik der Alliierten auf die Medienlandschaft und den Journalismus in der Bundesrepublik?

3. Kommunikationspolitik in Deutschland zwischen 1949 und 1989

Wenn Sie diesen Lernschritt durchgearbeitet haben, überblicken Sie die unterschiedlichen medienrechtlichen Kompetenzen von Bund und Län dern.
Darüber hinaus wissen Sie über die zaghaften Versuche des Bundes, den Konzentrationstendenzen auf dem Pressemarkt entgegenzuwirken, Bes cheid und
kennen die wichtigsten Meilensteine der Fernsehentwicklung in der Bundesrepublik.
Grundlagenliteratur zum Lernschritt

BAMBERGER (1986), BAUSCH (1980a), BAUSCH (1980b), BRANAHL (1992), DILLER (1999), FECHNER (2000), KOPPER (1992), PÜRER/RAABE (1996),
RONNEBERGER (1978), RONNEBERGER (1986), SCHWARZKOPF (1999), STUIBER (1998), TONNEMACHER (1996).

3.1 Föderale Struktur des Medienrechts

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland stattet den Bund mit vergleichsweise geringen medienpolitischen Kompetenzen aus. Ihm ste hen
allenfalls Rahmenkompetenzen wie die Regelung des Urheberrechts oder Wettbewerbsrechts zu.

Rundfunk

Hinsichtlich des Rundfunks besitzt der Bund zwar gemäß Artikel 73 Absatz 7 Grundgesetz die ausschließliche Befugnis auf dem Gebiet der
Fernmeldehoheit. D. h. die Kompetenzen für die technische Seite des Rundfunks liegen eindeutig beim Bund. Hingegen fällt alles, was die
Veranstaltungen von Rundfunkprogrammen anbelangt, in die Kompetenz der Bundesländer, weil sie Träger der Kulturhoheit sind. Heute bildet
der Rundfunkstaatsvertrag zwischen den Bundesländern in seiner aktuellen Fassung vom April 2005 die entscheidende Rechtsgrundlage für den
Rundfunk.

Mit dem Aufkommen des privaten Rundfunks entstand neuer medienrechtlicher Regulierungsbedarf. Um die Lizenzierung und die Aufsicht neu
entstandener Sender zur regeln, haben die Länder seit 1984 Landesrundfunk- bzw. Landesmediengesetze verabschiedet, die oft auch als
Privatfunkgesetze bezeichnet werden.

Doch musste diese klare Abgrenzung der Kompetenzen zwischen Bund und Ländern erst durch das Bundesverfassungsgericht festgeschrieben we rden.
Denn Anfang der 1950er Jahre versuchte der Bund beharrlich, seine Rundfunkkompetenz zu stärken: Die Adenauer-Regierung verfolgte das Zi el, die
Rechtsaufsicht über den Rundfunk dem Bund zu unterstellen und landesweite Sender zu gründen. Diesen Absichten setzte allerdings das
Bundesverfassungsgericht mit seinem "Fernsehurteil" aus dem Jahr 1961 endgültig ein Ende. Denn das Verfassungsgericht bekräftigte nochmals, dass die
Veranstaltung von Rundfunk den Ländern zustehe. Der Bund könne allenfalls wegen seiner Zuständigkeit für auswärtige Angelegenheiten (GG Artikel 73
Absatz 1) Auslandsrundfunk veranstalten.

Presse

Was die Presse anbelangt, so ist der Bund nur für die Rahmengesetzgebung zuständig. Ein Presserahmengesetz des Bundes existiert allerdi ngs bis heute
nicht.

Die Erstellung konkreter Pressegesetze fällt in die Kompetenz der Länder. Trotz länderspezifischer Unterschiede stimmen die Landespressegesetze in
den folgenden Punkten weitgehend überein:

Öffentliche Aufgabe der Presse

Sorgfaltspflicht der Presse

Die Presse ist verpflichtet, alle Nachrichten vor ihrer Verbreitung mit der nach Umständen gebotenen Sorgfalt auf Wahrheit und Herkunft zu
prüfen. Das Sorgfaltsgebot kann demnach auch als Verpflichtung zur Recherche bzw. Gegenrecherche gedeutet werden.

Informationsrecht der Presse bzw. die Auskunftspflicht von Behörden

Regelungen zur Veröffentlichung amtlicher Schriftstücke

Hierbei handelt es sich um eine Einschränkung der Auskunftspflicht. Die Pressegesetze regeln, wann Behörden der Auskunftspflicht nicht
nachkommen müssen (z.B. um ein schwebendes Justizverfahren nicht durch Veröffentlichungen zu beeinflussen).

Impressums-Vorschriften

Im Impressum muss ein Verantwortlicher genannt werden. Bei periodischen Presseerzeugnissen wird meist ein verantwortlicher Redakteur
genannt.

Regelungen für Gegendarstellungen

Gegendarstellungen können von Personen, Organisationen oder Institutionen abgefasst werden, die von einer Veröffentlichung direkt betro ffen
sind. Sie dürfen aber ausschließlich auf Tatsachenbehauptungen, nicht auf Meinungsäußerungen antworten. Die Landespressegesetze regeln
den Umgang mit Gegendarstellungen.

3.2 Pressekonzentration

Der Bund nahm allenfalls bei der Bekämpfung der Pressekonzentration seine Kompetenz, den Rahmen für die Presse zu setzen, wahr. Sein Ei ngreifen in
den 1960er und 1970er Jahren war den großen Konzentrationstendenzen auf dem Pressemarkt geschuldet.

Nachdem 1949 die Altverleger zunächst auf den Pressemarkt geströmt waren, stieg die Zahl der Presseorgane drastisch an. Beispielsweise verdreifachte
sich die Zahl der Zeitungen im ersten Jahr nach Aufhebung der Lizenzpflicht durch die Generallizenz. Die scharfe Konkurrenz auf dem Pressemarkt führte
dazu, dass zahlreiche Presseunternehmen kooperierten oder gar fusionierten, um den Konkurrenzdruck etwas zu mindern. Seit der zweiten H älfte der
1950er Jahre war eine starke Konzentration auf dem Pressemarkt festzustellen.

Im Besonderen der konservative Springerkonzern, der dank seiner 1952 gegründeten BILD-Zeitung etwa ein Drittel aller in Deutschland verkauften
Zeitungen herausbrachte, schien ein Meinungsmonopol zu entwickeln.

Daraufhin wurde von der Bundesregierung 1967 die Günther-Kommission eingesetzt. Sie sollte die Folgen der Konzentration für die Meinungsvielfalt
untersuchen.

Die Günther-Kommission kam zu dem Ergebnis, dass die Meinungsvielfalt und damit die Pressefreiheit in der Bundesrepublik noch nicht
beeinträchtigt, aber zumindest bedroht sei. Die Vielfalt sei bei einem Marktanteil eines Presseunternehmens von 20 Prozent der Gesamtauflage
gefährdet und von 40 Prozent unmittelbar beeinträchtigt. Damit stellte der Marktanteil des Springer-Verlags zwar eine gewisse Bedrohung für die
Pressefreiheit dar, aber noch keine tatsächliche Beeinträchtigung.

Herauszustellen ist, dass die Günther-Kommission ihren Berechnungen ein Marktanteilsmodell zugrunde gelegt hatte, das heute - in modifizierter Form
- auch zur Konzentrationsbeschränkung im Bereich des privaten Rundfunks angewendet wird (siehe auch das aktuelle Zuschaueranteilsmodell).
Im Anschluss an den Bericht der Günther-Kommission ergriff der Bund einige Maßnahmen gegen die Pressekonzentration:

Von 1975 bis 1994 existierte eine vom statistischen Bundesamt veröffentliche Pressestatistik, die alle relevanten Daten (Umsätze, Erlöse,
Auflagen, Beteiligungsverhältnisse) offen legte.

Der Bund bringt seit 1970 Medienberichte heraus (zuletzt 1998), die fortlaufend über die Lage und Entwicklung von Presse und Rundfunk
berichten.

1976 wurde die Pressefusionskontrolle geschaffen. Zusammenschlüsse von Presseverlagen sind seitdem durch das Bundeskartellamt zu
genehmigen, wenn ein gemeinsamer Jahresumsatz von mindestens 25 Millionen Mark (knapp 13 Millionen Euro) erzielt wird. Dies stellt eine
Verschärfung des Kontrollrechts für Presseunternehmen dar.

Ferner bot die Bundesregierung finanzielle Hilfen an. Sie stützte kleine und mittlere Presseunternehmen durch zinsgünstige Darlehen und räumte
der gesamten Presse Gebühren-Vergünstigungen beim Postzeitungsdienst ein.

Allerdings zeigten diese Maßnahmen wenig Wirkung. Die Konzentration auf dem Pressemarkt schritt weiter voran - wenngleich etwas verlang samt. Heute
sind vor allem Verflechtungen über verschiedene Medientypen hinweg als problematisch einzustufen. Der Bertelsmann-Konzern hält z.B. an zahlreichen
Verlagen und Privatsendern große Anteile.

Setzte sich diese Entwicklung fort, wären Meinungskartelle denkbar, die mit Hilfe mehrerer Mediengattungen die gesellschaftliche Willen sbildung massiv
beeinflussen, ja manipulieren könnten.

3.3 Rundfunkentwicklung in den 1950er und 1960er Jahren

Die Alliierten hielten bis 1955 ihre Vorbehaltsrechte hinsichtlich des Rundfunks aufrecht. Nicht zuletzt deshalb wurde auch nach der Gr ündung der
Bundesrepublik am Modell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks festgehalten.

Gründung und Eingliederung neuer Landesrundfunkanstalten

Doch gab es bei den Sendern kleinere Veränderungen. 1953 erfolgte die Gründung des Senders Freies Berlin (SFB), einer "deutschen"
öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, weil der RIAS weiterhin in US-amerikanischer Hand verblieb. 1955 spaltete sich der NWDR in NDR und WDR. Der
NDR behielt den Hauptsitz Hamburg, der WDR ging im Januar 1956 in Köln auf Sendung. Darüber hinaus erhielt die Bundesrepublik im Zuge d er 1955
erfolgten Eingliederung des Saarlandes eine weitere öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, den Saarländischen Rundfunk (SR). Damit hatte die
bundesdeutsche Rundfunklandschaft Konturen angenommen, die sich bis zur Einführung des privaten Rundfunks 1984 kaum mehr ändern sollten .

Gründung der ARD

Zwischen den Rundfunkanstalten der Westzonen hatte sich bereits seit 1946 eine Zusammenarbeit angebahnt. 1950 schließlich bildeten sie die
Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (seit 1954 ARD abgekürzt). Sie sollte laut
Satzung die gemeinsamen Interessen der Rundfunkanstalten wahrnehmen und gemeinsame Fragen rechtlicher, technischer, betriebswirtschaftl icher und
programmlicher Art behandeln. Die Geschäftsführung der ARD übernahm jeweils für ein Jahr eine der angeschlossenen Anstalten, wobei die
Geschäftsführung in der Regel um ein weiteres Jahr verlängert wird. Der Intendant dieser Anstalt war bzw. ist dann gleichzeitig Vorsitz ender der ARD.
Momentan (Stand: Oktober 2006) nimmt diese Funktion Prof. Dr. Thomas Gruber, Intendant des Bayerischen Rundfunks wahr.

Die ARD war 1950 auch in Hinblick auf die (Wieder-) Einführung des Fernsehens gegründet worden. Da die finanziellen Mittel, die für den Aufbau
des neuen Mediums nötig waren, nicht von einer Rundfunkanstalt alleine aufgebracht werden konnten, entschied man sich für ein
Gemeinschaftsprogramm, zu dem jede Anstalt gemäß ihrer Größe Programminhalte liefern sollte. Weihnachten 1952 wurde schließlich - zunächst noch
allein vom NWDR getragen - der regelmäßige Sendebetrieb aufgenommen. Erste Fernseh-Highlights waren 1953 die Krönung der englischen Königin
Elisabeth II. und die Fußball-WM von 1954, die Deutschland gewann.

Jubelszenen, nachdem Deutschland das Enspiel gegen Ungarn mit 3:2 gewonnen hatte

Quelle: www.webpolitik.de/ plotz/wmbraze.jpg (28.05.2002)

Da kleine Rundfunkanstalten wie Radio Bremen und der Saarländische Rundfunk finanzielle Probleme bekamen, neben dem Hörfunk auch noch d as
kostspielige Fernsehen zu finanzieren, einigte man sich 1959 mit Hilfe eines Staatsvertrages auf einen Finanzausgleich zwischen den
Landesrundfunkanstalten. Kleine Anstalten werden seitdem von den größeren innerhalb der ARD (v.a. WDR, NDR und dem 1998 fusionierten SW R)
unterstützt.

ZDF-Gründung

Nachdem das Fernsehen in den 1950er Jahren immer beliebter wurde, konnte nach langen Kompetenz-Querelen 1961 die Einführung eines zweit en
Fernsehprogramms beschlossen werden. Die Bundesländer einigten sich per Staatsvertrag, eine gemeinsame Rundfunkanstalt des öffentlichen
Rechts, das in Mainz ansässige Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), zu gründen. Das ZDF ging schließlich am 1. April 1963 auf Sendung.
ZDF-Bildschirm 1963

Quelle: HICKETHIER (1998: 216)

Gründung der dritten Fernsehprogramme

Anfang der 1960er Jahre entstanden Pläne, weitere regionale Fernsehprogramme zu etablieren, die sich vorrangig Regionalem, Information und
Bildung widmen sollten. Die sogenannten "Dritten Fernsehprogramme" wurden entwickelt, wobei der Bayrische Rundfunk mit seinem "Dritten" als
erster startete. Seit dem 22. September 1964 strahlte er das Bayrische Fernsehen aus. Die übrigen Länder folgten, obgleich manche Lände r wegen der
hohen Kosten nur ein gemeinschaftliches Drittes Programm ausstrahlten. Damit waren Mitte der 1960er Jahre die Strukturen des öffentlich -rechtlichen
Fernsehens gefestigt.

3.4 Zusammenfassung

In der Bundesrepublik Deutschland obliegt nur die Fernmeldehoheit und die Presserahmengesetzgebung dem Bund. Das Veranstalten von
Rundfunkprogrammen und die konkrete Rundfunkgesetzgebung - sei es durch Staatsverträge oder Landesrundfunkgesetze - liegt in der Kompetenz der
Länder. Ebenso sind sie für die Erstellung von Pressegesetzen zuständig.

Als Ende der 1950er Jahre die Pressekonzentration zunahm, versuchte der Bund (begründet durch seine Rahmenkompetenz für das Pressewesen ) der
Konzentrationswelle mit verschiedenen Maßnahmen entgegenzuwirken. Er etablierte regelmäßige Statistiken (Pressestatistik und Medienberi cht), die über
Beteiligungsverhältnisse und strukturelle Vielfalt innerhalb der Medienlandschaft Auskunft geben. Darüber hinaus verschärfte er mit der
Pressefusionskontrolle die Kontrolle bei Fusionen im Pressebereich. Das Bundeskartellamt muss selbst bei vergleichsweise kleinen
Unternehmenszusammenschlüssen zustimmen.

Im Rundfunksektor differenzierten sich in den 1950er und 1960er Jahren die Struktur der Anstalten und das Programmangebot aus. Der NWDR spaltete
sich in WDR und NDR, SFB und SR kamen hinzu. Dieser Differenzierung steht der Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Anstalten zur ARD
entgegen. Das Programmangebot erweiterte sich vor allem durch die Einrichtung eines gemeinsamen ARD-Fernsehens. Ihm folgte Anfang 1963 das ZDF
und seit 1964 die Dritten Programme.

3.5 Check

LE 4a Check 3
Leitfragen zum Lernschritt "Kommunikationspolitik 1949-89"

Was ist unter einer "förderalen Struktur des Medienrechts" zu verstehen?

Welche Maßnahmen wurden gegen die Pressekonzentration unternommen und warum?

Wodurch ist die Entwicklung des Rundfunkbereiches in den 50er und 60er Jahren gekennzeichnet?

7. Gesamt-Check Lerneinheit 4: Kommunikationspolitik

LE 4a Gesamtcheck

5. Case Study LE 4a

Beschreiben Sie die unterschiedlichen Aufgaben, die dem Rundfunk zu Zeiten der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Besat zungszeit von
den politischen Machthabern zugeschrieben wurden. Nehmen Sie dabei sowohl auf die drei folgenden Audios Bezug als auch auf die relevant en Passagen
in den Lerneinheiten 2 (Kommunikationskontrolle) und 3 (Kommunikationspolitik).

Verwenden Sie nicht mehr als 5000 Zeichen!

Zur Verfügung gestellte Materialien:

Ansprache des Reichsrundfunkkommissars Hans Bredow 1924

Quelle: Tondokumente (T82) zu STAMMEN (1994)

Goebbels vor Rundfunkmitarbeitern am 25.03.1933

Quelle: Tondokumente (T72) zu HAMPEL (1985)

Edmund Schechter über amerikanische Rundfunkpolitik am 19.12.1947

Quelle: Tondokumente (T61) zu WEBER (1985)