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Kurt David

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©Verlag Neues Leben, Berlin 1966 7. Auflage, 1976 Lizenz Nr. 303 (305/151/76) LSV 7503 Einband: Hans Baltzer Typografie: Gerhard Christian Schulz Schrift: 10 p Garamond-Antiqua Fotomechanischer Nachdruck im Rotationsverfahren:

(52) Nationales Druckhaus VOB National, 1055 Berlin Bestell-Nr, 641.146 2 DDR 5,80 M

Nachdruck im Rotationsverfahren: (52) Nationales Druckhaus VOB National, 1055 Berlin Bestell-Nr, 641.146 2 DDR 5,80 M

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Die Furcht vor der aufgehenden Sonne

Sie nennen mich Chara-Tschono, Schwarzer Wolf, und ich ging an einem Morgen flußaufwärts, wie ich an vielen Morgen flußaufwärts gegangen bin, und ich watete wie an vielen Morgen zuvor durch das taufrische Gras und träumte von den Fischen, die ich zu fangen wünschte. Es ließ sich gut davon träumen, in der Frühe, in der Stille, die unberührt zwischen Büschen und Gräsern im Tale ruhte. Manchmal strich ein Windhauch über Zweige und Halme, dann zitterten sie, scheu, wie ein Mädchen nach erstem Kuß. Der Strom dampfte. Ein Vogel schrie. Irgendwo knackte ein Ast. Bald erreichte ich jenen Platz, an dem vor langer Zeit der Sturm eine stolze Zeder aus dem Steilufer gerissen hatte. Auf ihrem Stamm lief ich über den Fluß, fast bis zu der Stelle, wo der Wipfel ins Wasser tauchte. Hier hockte ich mich hin, warf meine Angelschnur in den blauen Kerulon und träumte wieder von den Fischen, die ich zu fangen wünschte. Ich war glücklich. Am jenseitigen Ufer stand ein Reiher im seichten Wasser, grau und reglos, hinter ihm ebenso stumm und starr der schwarzgrüne Wald, aus dem die Sonne gekommen war. Schaute ich mich um, sah ich unser Ordu; feine Rauchsäulchen stiegen pfeilgerade in den Himmel. Und während die Pferde noch verschlafen herumstanden, sich den Tau aus den Mähnen schüttelten, stampften die Rinder schon über saftige Weiden, gefolgt von Schafen, die, Leib an Leib gedrängt, hinter ihnen herblökten. Und dann hatte ich den ersten Fisch gefangen, und dann den zweiten und den dritten, und als ich den vierten aus dem

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Wasser zog, lächelte ich meinem entflohenen Traum vom reichen Fange nach. Ich war nun noch glücklicher. Mit dem Dolch tötete ich die Tiere, fädelte sie auf ein Leder- riemchen und hing sie an einen starken Ast. Dort baumelten sie nun leblos in der Sonne, und selbst im Tode waren sie noch schön. Der einsame Reiher am anderen Ufer stieß einen krächzen- den Laut aus. Sein Kopf war dabei vorgeschnellt, wütend, gierig. Dann stieg er hastig aus dem seichten Wasser, stelzte aufge- regt durch die roten Lilien, die im Waldschatten blühten. Ich drehte mich um und blickte zu unserem Ordu. Dort war das Zelt meines Vaters, waren die Jurten der anderen, dort war ein Ulmenwäldchen, daneben eine dunkle Schlucht und hinter der Schlucht ein Hügel, von dem aus man in die unendliche Steppe sehen konnte. Noch bevor der Reiher zu einem der Wipfel flog, hatte ich die Schar Reiter entdeckt, die schreiend und mit den Speeren drohend den Hügel hinabjagte. Ich glaubte sogar sie lachen zu hören. Ja, sie lachten. Die Sonne schien in ihre Gesichter; denn sie ritten der Sonne entgegen, und das Morgenlicht machte sie glänzen. Sie lachten wirklich. Ich hörte es jetzt deutlich. Vielleicht lachten sie über die Frauen und Kinder, die sich ängstlich in Jurten verkrochen, die in Sträucher huschten, jammerten und zeterten, oder über die alten Männer, die ratlos umherstanden, oder über die Burschen, die ihre Herden in die Steppe trieben und mit ihnen flüchteten. Sie lachten, die fremden Reiter, höhnisch und spöttisch. Und ich, ich war nun nicht mehr glücklich. Wohl hingen die Fische noch an dem Ast, leblos und blank, doch die Steppe dröhnte unter den Hufen der vielen Reiter, die Steppe bebte und zitterte, und der Tau fiel von den Gräsern. Die fremden

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Krieger schossen mit ihren kleinen Pferden aus einer Wolke gelben Staubes, umritten die Jurten, lachten, stachen zu, schrien, Rauch stieg auf, und plötzlich verließ ein einzelner Reiter das Ordu, jagte zum Fluß. Ein wilder Schrei! Und sofort galoppierten die Verfolger hinter ihm her, als gälte es, nur den einen zu fangen, ihn, der allein mit seinem Schatten und seiner Angst zum Strom ritt. „Temudschin“, rief ich und: „Hierher!“ „Die Tai-Tschuten, Tschono!“ Sein Pferd scheute und stürzte. Er rollte den Uferhang hinab und sprang in den Fluß. Auch ich sprang in den Fluß. Und nun schwammen wir beide zum anderen Ufer, tauchten und schwammen, tauchten immer wieder, weil wir die Pfeile der Verfolger fürchteten. Aber die schossen nicht. Ich sah, wie sie die Pferde ins Wasser trieben, nur ein Stück, und wie sie wieder lachten, und das Bündel toter Fische sah ich am Ast und in der Sonne. Der Himmel schaute so sanft herab, als wäre nichts geschehen. Getrennt erreichten wir den Wald, drangen in das Dickicht, schlüpften durch Gestrüpp und Büsche, überkletterten zer- schmetterte Baumriesen, und bald entdeckte ich, daß Temud- schin nicht mehr in meiner Nähe war. Wir hatten einander verloren. Ich horchte. Kein Tai-Tschute, kein Temudschin. Nur die kleinen Vögel hüpften von Zweig zu Zweig, flatterten im Geäst, und manch- mal traf ein Sonnenfinger ihr buntes Gefieder. Ich hätte gern solch ein Vögelchen in die hohle Hand genommen, um mich der Wärme zu erfreuen; denn ich fror in dem schattigen Wald, und ich zitterte in den nassen Kleidern, blutete an Händen und Füßen. Und die Wunden im Gesicht brannten, die Wunden von den Dornen. Hungrig war ich auch. Ich dachte an die gefange- nen Fische und an das Glück. Warum jagen uns die Tai- Tschuten und tun, als gehörten ihnen unsere Weiden und der Fluß?

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Später erreichte ich einen Fels, von dem Wasser fiel. Hier wuchs frisches Gras und wilder Lauch, den ich aß, Beeren fand ich, saftig und kühl. Und die Kleider trocknete ich auf den warmen Steinen, die Wunden wusch ich im kalten Wasser. Erst als die Dämmerung in den Wald fiel und die Vögel verstummten, wagte ich, zurück zum Flusse zu gehen. Ein paar heimgekehrte Möwen weinten leise in den Wipfeln. Und am Kerulon loderten die Feuer der wachenden Tai-Tschuten. Ich sah die Pferde und roch den Duft gebratener Hammel. „Du kannst ruhig zu ihnen gehen, Chara-Tschono“, sagte eine Stimme hinter mir. „Temudschin!“ „Geh, geh – ich bin an deinem Unglück schuld. Die Tai- Tschuten wollen den einen fangen, um über alle herrschen zu können.“ Ich dachte: Und der eine bist du, Temudschin, Sohn des Jessughei, der Tausende Mongolen vereinte, der die Tataren schlug und ihren Häuptling gefangennahm. Als dein Vater siegreich in sein Ordu kam, warst du geboren worden, und er gab dir den Namen des gefangenen Tataren-Häuptlings:

Temudschin, das Stählerne Messer; denn du warst der Erstge- borene, und der Brauch verlangte, daß du einen Namen erhieltest, der an das größte Ereignis bei deiner Geburt erinnerte. Viele Jahre später rächten sich die Tataren an deinem Vater, indem sie ihn zu einem Gastmahl luden, das ihm verboten war abzulehnen; sie mischten Gift unter seine Speisen, und da er es unterließ, den Gastgeber zuvor kosten zu lassen, starb er. Nach dem Tode deines Vaters, Temudschin, verließen die anderen Stämme dein Ordu; denn sie wollten keinem Knaben gehorchen, auch wenn er der Sohn eines großen Häuptlings war. Und Targutai, das Oberhaupt der Tai- Tschuten, war der erste, der sich mit seinen Leuten von deiner Mutter und dir trennte. „Ich werde nicht allein zurückgehen, Temudschin. Wenn sie

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den einen wollen, um über alle herrschen zu können, sollten dann nicht wir alle uns zusammenschließen, um den einen zu schützen?“ „Ich habe eine traurige Mutter, neun Pferde und sechs Ham- mel. Hast du heut morgen das höhnische Lachen der Tai- Tschuten gehört, Tschono? Sie lachten über unsere Armut.“ Drüben am Fluß brannten noch immer die Feuer der Wachen, tranken Targutais Männer gegorene Stutenmilch und sangen, scherzten und feierten wie vor der Tür eines Käfigs, hinter der sie Temudschin wußten. „Wir sollten ausbrechen, bei einem Nachbarstamm Hilfe holen, Temudschin, vielleicht zu den Chungiraten gehen, wo deine Braut wartet. Ihr Vater, der gewaltige Dai-Setschen, wird deine Bitte nicht abschlagen.“ „Man wird nicht geachtet, Tschono, wenn man als Bettler in ein anderes Ordu kommt.“ Das Mondlicht drang durch das Walddach, und es war kühl, als wir zurück in das Dickicht krochen, um ein Lager für die Nacht zu suchen. Ich träumte wieder von meinen Fischen und davon, wie ich sie meinem Vater in die Jurte brachte. Er sagte in meinem Traum: „Oh, blauer Kerulon, du Spiegel des Himmels, du bist der reichste von allen Flüssen, du stillst unseren Durst und vertreibst unseren Hunger.“ Auch von Temudschin träumte ich. Zu ihm kam ein weißer Falke, den der Himmel mit Nahrung sandte. Schuld an diesen Träumen war der Hunger, und der Hunger war es, der uns am Morgen nach Norden führte, um dem Waldkäfig, dessen Weite noch keiner durchschritten hatte, zu entrinnen. Doch auch hier wachten die Tai-Tschuten, brannten ihre Feuer. Sie feierten schon jetzt ihren Sieg über den gefangenen Temudschin, obgleich sie Temudschin noch nicht gefangen hatten. Sie brauchten nicht einmal in den Wald einzudringen; denn sie wußten, daß Temudschin von selbst erschöpft in ihre Hände laufen würde. Und jene Plätze, die für

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eine Flucht geeignet waren, hielten sie besetzt. So irrten wir tagelang und lange Nächte durch den Wald zum Süden, Westen und wieder zum Norden, und da wir annahmen, die Tai-Tschuten würden öfter ihre Plätze wechseln, wiederhol- ten wir diese Märsche. Nach Osten brauchten wir uns nicht zu wenden, denn dort schien sich der Wald bis zur aufgehenden Sonne auszudehnen. „Bereust du nun, Chara-Tschono, daß du geblieben bist, wo wir meinetwegen hungern und Qual leiden?“ „Wir hungern, weil uns die Tai-Tschuten in den Wald gejagt haben, wir leiden Qual, weil sie dich fangen wollen, also leiden wir nicht deinetwegen, sondern wegen der Tai-Tschuten, Temudschin!“ Es gibt einen Flecken am Kerulon, wo der Wald über das Westufer hinausgedrungen ist und in die Steppe hineinlangt. „Wenn wir über den Fluß sind“, sagte Temudschin, „erreichen wir die Unendlichkeit unseres Landes. Sie wird uns schützen und unsichtbar machen.“ Nach zwei Tagen kamen wir zu diesem Flecken und durch- schwammen wieder den Fluß, ruhten auf einer kleinen Insel, aus der Birken wuchsen, überquerten die andere Hälfte des Stromes und stiegen ermattet ans Ufer. Noch bevor wir in das Walddickicht der Westseite schlüpfen konnten, wurden wir von einer Schar Tai-Tschuten überwältigt und gefesselt. Und dann jagten Targutais Männer mit uns durch die Steppe, den sonnenheißen Tag und den langschattigen Abend. Sie hatten uns quer vor ihre Sättel gelegt und in den Hüften festgebunden. Das Los aller Gefangenen ist das Leid und die Ungewißheit. Mein Kopf hing so weit herab, daß er vom Stiefel und Steigbü- gel des Tai-Tschuten getroffen wurde, wenn der es nur wollte. Ich vermochte nicht mehr zu denken, ich sah nur noch das vorbeifliegende Gras, schmeckte Staub und Blut, auch die Fische hatte ich nun vergessen. Sie führten uns in die Palastjurte Targutais. Der Häuptling

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hockte vor einer Schüssel voll Hammelfleisch und warf Stückchen um Stückchen in seinen breitet Mund. Das Fett glänzte an seinen Fingern, und es glänzte in seinem schwarzen Bart, der die Oberlippe fast verdeckte. Er achtete nicht auf uns, sondern aß und aß, trank aus einer silbernen Schale kühle Stutenmilch, knackte mit den Fingern, worauf ein Diener mit einem Porzellanschälchen getrockneter Früchte herbeieilte. Die Wächter huschten lautlos über seidene Teppiche oder warteten stumm im Halbdunkel auf die Zeichen ihres Oberhauptes. Targutai wischte das Fett von den Händen ins Kopfhaar, womit das Ende der Mahlzeit angedeutet war. Er hob nur ein klein wenig den Kopf, so daß er unsere Füße betrachten konnte, und sagte mit heiserer Stimme: „Sind dem trotzigen Temudschin nun schon vier Beine gewachsen, um wie seine Hammel auf meinen Weiden grasen zu können?“ Und Temudschin antwortete: „Ist denn Targutai, der einst mit dem Stamme meines Vaters verbunden war, inzwischen so alt geworden, daß er einen Hammel von zwei Freunden nicht mehr unterscheiden kann?“ Der herbeispringende Wächter zog zornig das Schwert, aber Targutai hob die Hand: „Laßt das! Ich liebe die Klugheit, weil sie schärfer ist als das Schwert. Der hier vor mir steht, ist ein echter Jessughei, sein Haar ist schwarz, seine Augen glühen, seine Worte sind bedacht. Er ist wie ein wildes Pferd. Wenn man es gefangen hat, ist es störrisch und läßt sich nicht reiten. Also muß man es zähmen, erniedrigen, quälen und hungern lassen. Schließt ihn in den Kang und gebt mir den Schlüssel. So wird er am ehesten begreifen, daß ich von nun an nicht nur über meine Tai-Tschuten, sondern auch über ihn und seine Tiere und Weiden herrsche. Sein Ordu ist auch mein Ordu, und sein Wille hat sich meinem Willen unterzuordnen.“ Nun war wohl ich an der Reihe, der ich am Morgen in der Stille fischen gegangen war und dem er bis jetzt keinen Blick und kein Wort zugeworfen hatte. „Ich hatte nur den einen

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befohlen zu fangen“, sagte der Tai-Tschuten-Häuptling. „Da du aber mit dem einen die Nacht und den Tag geteilt hast und er dich Freund nennt, werde ich auch dich in den Kang schließen lassen. Weil du kein Sohn eines Häuptlings bist, wirst du mir schon morgen früh, wenn der erste Sonnenstrahl meine Jurte berührt, sagen, ob du mir dienen oder durch mich sterben willst. Dein Leben ist gering, dein Tod wird keinen erzürnen. Also wirst du nur ein Blatt sein, das der Wind vom Baume reißt. Und wer vermißt an einem Baum ein einzelnes Blatt?“ „So gering mein Leben sein mag, Targutais Worte machen es wertvoll!“ „Du fürchtest den Tod nicht?“ „Solange ich Targutai sehe – nein!“ Ein Wächter hieb mir die Peitsche über den Kopf. „Stellt zu den beiden anstatt eines tüchtigen Kriegers den einäugigen und einfältigen Pferdejungen, damit sie erkennen, daß sie für mich nicht mehr als hungrige Steppenratten sind.“ Sie stießen uns aus der Palast Jurte. In dieser Nacht war der Himmel ohne Wolken, und das helle Mondlicht ließ die Sterne erblassen. Es fiel auf das Ordu der Tai-Tschuten und auf unsere hölzernen Halsjoche, die wir im Nacken trugen. Wir standen auf einem Platz nahe dem Zelt von Targutai und so weit voneinander entfernt, daß wir uns nicht verständigen konnten, ohne daß es der Pferdejunge, der zwischen uns auf und ab ging, gehört hätte. Hin und wieder huschten Gestalten durch die Mondschatten der Jurten und verschwanden in Targutais Zelt. Meine Furchtlosigkeit, mit der ich dem Tai-Tschuten- Oberhaupt begegnet war, reichte nicht weit in die Nacht hinein. Der schmähliche Kang drückte auf meinen Mut und auf meine Hoffnung, denn ich war gewohnt, offen zu kämpfen. Ich hatte Wölfe und Steppenantilopen erlegt, Elche und Bären bezwun- gen, und nie hatte mich Furcht beschlichen, auch nicht, wenn ich zu unterliegen drohte; denn dann hatte ich den Stolz in den

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Augen des Tieres gesehen, der mir neue Kraft verlieh. Aber Targutai hatte nur den Kang für mich, Fesseln und beleidigen- de Worte. Dafür sollte ich ihm dienen? Unsere Alten sagen:

Wer Fremden dient, hat täglich Fleisch und Milch, aber muß er nicht immer um sein Leben fürchten? In Targutais Zelt sangen sie, feierten den Sieg über Temud- schin und lachten so dröhnend wie an jenem Morgen, als sie in unser Ordu am Kerulon eindrangen. Einmal brachte ein Diener dem einäugigen Pferdejungen eine gekochte Hammelkeule und eine große Schale voll Milch. Er schlürfte und schmatzte, daß es weit zu hören war. Den weißen Keulenknochen warf er vor Temudschins Füße. Am Fluß wieherten die Pferde, und am anderen Ufer heulten die feigen Wölfe. Auch die Steppennacht kennt eine Stunde, wo sie stillzuste- hen scheint, so still, als wollte sie in die Ewigkeit hinübergle i- ten, die Schlafenden nie mehr aus ihrem Schlafe entlassen, die Wachenden nie mehr durch das Ende der Nacht erlösen. Alles scheint stillzustehen, der Wind hat sich niedergelegt, nur der Mond geht über Wälder, Flüsse und Wiesen, tastet Büsche und Jurten ab. Ich spürte, daß gleich etwas geschehen werde. Und da rannte Temudschin schon los, raste gegen den einäugigen Pferdejungen und rammte ihm das hölzerne Joch gegen den Hals. Der Wächter fiel ins Gras, Temudschin und ich flohen zum Fluß. Ein Hund bellte im Lager. Ein Kind weinte. Und vor uns schreckte ein Nachtvogel auf, flog schreiend über den Strom. Wir stiegen in das Wasser des Onon und wateten durch das Schilf, bis uns der mondhelle Flußspiegel am Kinn erreichte. Ich dachte: Mit dem Kang im Nacken und den gefesselten Händen gibt es keine Flucht. Stumm standen wir im Wasser, froren, hätten gern miteinander gesprochen, mußten aber schweigen, weil die Luft rein war und das Wasser unsere

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Worte hinein ins Ordu der Tai-Tschuten getragen hätte. Zum erstenmal fürchtete ich die aufgehende Sonne, denn sie würde mir nicht den Morgen mit seiner Stille, den taunassen Gräsern und den Träumen vom Fischfang bringen, sondern den Tod, wenn ich nicht bereit war, Targutai zu dienen. Temudschin zu töten würden sie hingegen nicht wagen. War der Sohn Jessug- heis nicht mehr am Leben, würde ein anderer Häuptling sich zu seinem Erben erklären, den Tod Temudschins rächen und die Mörder unterwerfen. Viele gab es, die auf vornehmere Herkunft verweisen konnten als Targutai. Aus dem Ordu kamen Reiter. Am Flusse teilten sie sich und ritten das Ufer ab, suchten, stachen mit den Speeren in die Sträucher und entfernten sich. Einer jedoch war zurückgeblieben. Sein Pferd tänzelte am Ufer im Mondschein, schnaubte und tänzelte erneut. Der Mann vermochte es kaum zu beruhigen. Er schaute auf das Wasser und in das Schilf. Plötzlich sagte er: „Siehst du, Temudschin, gerade deines Trotzes wegen haßt man dich!“ Der Mann ritt nicht denen am Ufer nach, die inzwischen im Steppennebel verschwunden waren, sondern zurück ins Ordu. „Komm“, flüsterte Temudschin. Wir stiegen aus dem Fluß und schlichen zu der Jurte, vor der der Mann sein Pferd absattelte. Unbemerkt gelangten wir in das Zelt und krochen unter einen Haufen Schafwolle. Inzwischen waren die Tai-Tschuten vom Fluß und aus der Steppe zurückgekehrt und durchstöberten die Jurten. Sie kamen auch in unser Zelt. Als sie den Haufen Schafwolle entdeckten, meinte einer: „Da ist niemand. Wer sollte es bei der Hitze unter der Wolle aushalten?“ Sie sagten dann noch, daß sie am Morgen erneut suchen wollten. „Weit können sie sowieso nicht sein. Gehen die beiden in die Steppe, fressen sie die Wölfe, gehen die beiden in den Fluß, um ihn zu durchschwimmen, verschluckt sie das Wasser. Nein, mit dem Kang gibt es keine Flucht unter diesem Himmel. Oder hat einer unter euch schon

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mal ein Geschichtchen davon gehört?“ Sie schwiegen. „Also: Legen wir uns nieder, und ihr werdet sehen, noch ehe die Sonne wieder hinter Targutais Jurte versinkt, werden die zwei in unserem Ordu sein, reumütig wie entlaufene Kamele, die nirgendwo etwas zu saufen bekommen haben.“ Als die Tai-Tschuten das Zelt verlassen hatten und bald darauf das Ordu wieder in der nächtlichen Stille lag, hörte ich Temudschin aus der Schafwolle kriechen. Ich tat das gleiche. Er stieß den Mann, der sich auf seine Kissen niedergelassen hatte, an die Schulter und sagte leise: „Oelön Eke läßt dich grüßen, lieber Sorgan-Schira, Mutter Wolke denkt gern an dich zurück!“ „Temudschin!“ „Und mein Freund ist auch bei mir, Sorgan-Schira. Komm hervor, Chara-Tschono, zeig ihm den Schmuck, den uns Targutai um den Hals gelegt hat.“ Der Mann preßte die Hände auf seine Augen, als wollte er nicht wahrhaben, was man jetzt von ihm verlangen würde. „Du hast doch nicht vergessen, Sorgan-Schira“, flüsterte Temudschin, „wie ich mit deinen Kindern, als ich selbst noch Kind war und ihr im Ordu meines Vaters lebtet, auf dem Eise des Kerulon gespielt hab?“ „Nein, beim Ewig blauen Himmel, nein, ich vergaß es nie!“ „Dann zerschlag unsere Kangs, Sorgan-Schira!“ „Und wenn sie euch wieder fangen? Sie werden mich als Asche in alle Winde wehen lassen. Nein, ich vermag’s nicht!“ Ich schaute ratlos zu Temudschin. Was war nun zu tun? Doch Temudschin lächelte. „Gut, Sorgan-Schira, aber wenn Targutai hört, daß du mich am Fluß gesehen hast, wird er sich da nicht wundern, daß du es ihm nicht gesagt hast, auch nicht, als sie hier in deine Jurte kamen?“ Sorgan-Schira zerschmetterte die beiden Kangs, kochte uns ein doppelt gesäugtes Lamm, füllte ein paar Schläuche mit

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Pferdemilch und gab uns Pfeile und Bogen. „Der Himmel möge euch unsichtbar machen und euren Pferden Flügel verleihen, damit nicht nur ihr, sondern auch ich die Sonne wiedersehe.“ „Meine Mutter Oelön Eke wird es Euch danken, und ich werde es nie, nie vergessen, Sorgan-Schira.“ Im Jurtenfeuer knackte das Kangholz. Der Mann gab uns noch zwei strohgelbe Stuten mit weißen Mäulern. „Reitet und sucht eure Mütter“, sagte er. Und wir sprangen auf die sattellosen Pferde, jagten hinaus in die Steppe, peitschten die Tiere vor Freude und rauften ihre Mähnen. „Temudschin!“ schrie ich. „Chara-Tschono!“ schrie er. Die Morgensonne küßte unsere Gesichter. Wir lachten, riefen abermals: „Temudschin“ und „Chara-Tschono“, riefen es vor Lust und Übermut und erreichten endlich am späten Nachmit- tag den Hügel, hinter dem unser Ordu lag und über den an jenem Morgen die Tai-Tschuten dröhnend gesprengt waren. Wir hielten an, schauten in die nahe Schlucht, auf das Ulmen- wäldchen, die saftigen Weiden und den blauen Kerulon, der schweigend am Walde entlangfloß. Dort, wo die runden Filzjurten gestanden hatten, leuchtete das Gras bleich, gelb und tot. „Mutter Wolke wird mit meinen Brüdern und dem übrigen Ordu zum Berge Burkan-Kaldun gezogen, sein“, sagte Temudschin, „denn er hat schon einmal mein Leben beschützt, und auf seinem Gipfel ist man dem Himmel am nächsten.“ Also ritten wir weiter dem Flusse nach, ritten durch die halbe Nacht, durchquerten das Walddickicht und gelangten zu dem Berge, an dessen Fuß wir die Unsrigen wiederfanden.

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Der eine und der andere Dolch

Meine Eltern waren arme Hirten, die um ein krankes Schaf mehr bangten als um einen ihrer Söhne; nicht daß sie ihre Söhne nicht liebten, sondern weil ein verendetes Schaf den Hunger und ein toter Sohn nur Schmerz und Trauer bedeutete. Mein Vater hatte Jessughei gedient, an dessen Kriegen gegen die Nachbarstämme teilgenommen, wenn es das Oberhaupt gefordert hatte oder wenn sie von Feinden überfallen worden waren. Aber er hatte nie willkürlich getötet, sich nie an der Beute bereichert und sich immer an die Worte der Alten und deren Sitten gehalten. Man nannte ihn manchmal den Schweig- samen. Auch heute nennt man ihn noch den Schweigsamen. Das Schweigen hatte er an den Ufern des Kerulon beim Fischen und in den Wäldern um den Burkan-Kaldun beim Jagen gelernt. Nach den Kriegen kehrte er gern heim zum Fluß und zum Berg, weil er die Einsamkeit liebte und das Leben achtete. Als ich, sein Ältester, in die Jurte trat und erzählte, was mir und Temudschin bei den Tai-Tschuten widerfahren war, küßte er meine Augen, ging zur Truhe und entnahm ihr einen kleinen Dolch, der in ein seidenes Tuch geschlagen war. Schweigend verließen wir das Zelt. Über dem Ordu streckte sich das Grau des Morgens und verdrängte die Nacht, schob sie hinaus in die Steppe, wo der Mond schon hinter den spitzen Gräsern versank. Um den Gipfel des Burkan-Kaldun krochen Nebel; der Wald auf der Nordseite des Berges stand noch schwarz in der weichenden Finsternis. Wir kletterten auf einem schmalen Pfad, und es war schön, dem aufblühenden Morgen entgegen- zugehen. Am tiefsten empfand ich es, ich, der ich heut den Sonnenaufgang, zu dem mich mein Vater führte, nicht zu

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fürchten brauchte. Auf dem Gipfel beugte ein sanfter Wind die Gräser. Wir ließen uns schweigend auf einem Gesteinsblock nieder, schauten über den Wald hinweg bis zu dem breiten roten Streifen hinter den schwarzen Bäumen, aus dem die Sonne wuchs. Danach setzten wir die Mützen ab, hingen unsere Leibriemen um den Hals und verneigten uns dankend vor der glühenden Feuerkugel. Als das geschehen war, wickelte mein Vater den kleinen Dolch aus dem Seidentuch, legte ihn in meine geöffneten Hände und sagte feierlich: „Ich jagte einst mit dem alten Jessughei jenseits des Kerulon im Dickicht. Wir waren zwölf Männer, die ihn begleiteten, hatten das Wild aufzustöbern und einzukreisen. Das Töten aber war unserem Oberhaupt vorbehalten, so lautete sein Befehl, den wir achteten, nicht nur der Strenge wegen, mit der er verkündet worden war. Obwohl Jessughei gut zu jagen verstand und mit dem Pfeil immer die Stelle traf, die er vorher bezeichnet hatte, mißglückte ihm an jenem Morgen der Schuß auf einen mächtigen Bären, und auch der zweite Pfeil traf das Tier nicht ins Herz, worauf es, gereizt und wütend, auf Jessughei losstürzte. Während die anderen elf Begleiter vor Schreck erbleichten und nicht wußten, ob sie den Befehl brechen durften, schoß ich meinen Pfeil ab, noch ehe der Bär unser Oberhaupt umklammern konnte. Ich traf gut und hieb dem Tier sofort mein Messer neben den Pfeil in den Leib.“ „Und Jessughei, Vater, was tat er, was sagte er?“ „Ja, was tat und sagte er, Chara-Tschono! Damals wartete ich genauso auf seine Antwort wie du heut auf die meine. Was wäre geschehen, wenn er behauptet hätte, selbst imstande gewesen zu sein, das Tier zu überwältigen? Niemand hätte gewagt, ihm zu widersprechen. Und wer kennt sich schon in den Launen eines Oberhauptes aus? Er hätte auch sagen können, ich hätte an seiner Tapferkeit gezweifelt, an seinem Mut – und überhaupt, wie konnte ich seinem Befehl nicht

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gehorchen? Doch Jessughei war weise und sagte: ‘Elf von euch folgten meinem Befehl, der mich das Leben gekostet hätte, einer folgte ihm nicht und rettete mich vor dem Tode. Wenn ich dem einen jetzt danke und ihn beschenke, danke ich ihm dann seinen Ungehorsam? Denkt selbst darüber nach, und ihr werdet erkennen, was ich euch rate!’ Und da, Chara-Tschono, überreichte mir Jessughei diesen kostbaren Dolch.“ Die Strahlen der Sonne sprühten wie Feuer in den Edelstei- nen und warfen grelle Lichtpünktchen in das Gesicht meines Vaters. Über uns kreisten lautlos zwei Falken, stießen plötzlich zum Fluß hinab und hinein in einen Schwarm Möwen. Weiße Federn trudelten traurig und einsam über dem Wasser, fielen in das Blau des Kerulon und schaukelten davon. Mein Vater sagte: „Trag diesen Dolch zu Temudschin, danke ihm, daß er dir durch seine List das Leben gerettet hat. Möge er aber auch so weise werden wie sein Vater Jessughei.“ Auf unserem Abstieg begegneten wir am Fuße des Berges einer Kamelkarawane chinesischer Kaufleute, die ins Ordu zog. Kinder verließen schreiend die Jurten und Weiden, rannten den fremden Männern entgegen, verstummten vor den farbigen Gewändern der Händler und bestaunten die hochbela- denen Kamele, die große Ballen und Kisten ins Lager trugen. Sofort war die Karawane auch von den Hirten und Jägern und deren Frauen umringt; denn die Kisten und Ballen bargen wundersame Dinge: seidene Teppiche mit bunten Ornamenten, brokatene Kleider und kostbare Stoffe, Pfeilköcher aus Elfenbein, Kampfschilde und Dolche, Schmuck und Süßigkei- ten. Ich stand mit meinem Vater in der Menge und lauschte den geschmeidigen Worten, mit denen die Kaufleute ihre Waren anboten, beobachtete, wie sie Süßigkeiten an die Kinder verteilten, ohne dafür etwas zu fordern, und ich sah, wie bald darauf die ersten Ordu-Bewohner in ihre Jurten liefen und mit

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Fellen zurückkamen, wie sie Schafe brachten, Pferde und Häute, ja einer führte den Kaufleuten sogar einen mächtigen Yak vor, der begutachtet und gegen verschiedene Sachen eingetauscht wurde. Noch immer hielt ich den in das Seidentuch gewickelten Dolch in der Hand und suchte Temudschin unter den Leuten. Ich fand ihn nicht, ich fand nur seine Mutter, Mutter Wolke. Die Weißhaarige kniete mit einer großen Schüssel voll Salz neben einem Händler. Das Salz hatte sie von einem nahen See geholt. Mutter Wolke erhielt für das Salz drei Trinkschalen. Sie beklopfte mit den Fingernägeln das hauchdünne Porzellan, hielt die Gefäße gegen die Sonne, während der Händler zufrieden im Salz wühlte und es durch die Finger rieseln ließ. Dann sah ich Temudschin. Er stand vor seiner Jurte, allein und ernsten Gesichtes, schaute herüber zu den Kaufleuten, mit verschränkten Armen stand er da, blickte auf die Händler, als wolle er sie aus dem Ordu jagen, ihnen die Waren wegnehmen. „Es ist gut, daß du kommst“, sagte Temudschin zu mir, ohne mich anzusehen. „Ich wollte dir einen…“ „Sei still, Chara-Tschono, zerstöre nicht meine Gedanken, schau lieber mit mir zu den Händlern, und ich werde dir erklären, was mir ihre glatten Gesichter verraten.“ Und nach einer Pause meinte Temudschin: „Da wäre zunächst dort drüben bei dem weißen Kamel der Kaufmann mit den Teppi- chen. Er hat keine Zähne, kein Haar, aber ein rosiges Gesicht. Seine Finger krallen sich gierig in das Wolfsfell, das man ihm anbietet. Sag, Tschono, könnte der Händler einen Wolf töten?“ „Nein, der nicht!“ Ich mußte lachen. „Siehst du, aber er gibt unseren Jägern nur so viel für das Fell, wie ihm genehm ist. Neben ihm sitzt der Kaufmann mit den bunten Stoffen, der mit der Narbe auf der Stirn. Könnte er ein wildes Pferd zureiten?“ „Nein, der nicht!“ Und wieder mußte ich lachen.

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„Siehst du, aber er lächelt geringschätzig über unsere Hirten, weil sie nur in Zelten leben, von Weide zu Weide ziehen mit den Herden und er aus einer großen Stadt kommt, die aus Steinen und Mauern gebaut ist, wie mir mein Vater immer gesagt hat. Und sieh dir den nächsten an, Chara-Tschono, den mit den blitzenden Ringen am Finger und den zusammenge- kniffenen Katzenaugen. Seine Ringe sind mehr wert als unser Ordu. Kann er schießen, mit dem Pfeil treffen?“ „Er wird es nicht können; denn er hat Begleiter, die es für ihn tun und ihn schützen.“ „So ist es. Meine Mutter reichte ihm das Salz und wollte vier Trinkschalen. Wie ich sehe, hat sie nur drei erhalten. Warum? Weil er sie nicht achtet, weil die Händler wie die Elstern sind, gierig und schlau, weil sie glauben, uns betrügen zu können, uns, die wir nicht in den steinernen Städten wohnen, uns, die wir nicht in kostbaren Kleidern gehen.“ Temudschin ging in seine Jurte und kam mit zwei Bögen sowie einer Handvoll Pfeile zurück. Erschrocken fragte ich: „Was willst du tun?“ „Ihnen zeigen, Chara-Tschono, was wir können, und unseren Leuten zeigen, was die nicht können. Das wird die einen herabdrücken und die anderen aufrichten!“ Wir drängten uns durch die Menge, bis zu dem Händler, der Temudschins Mutter nur drei statt vier Trinkschalen gegeben hatte. „Ich hätte eine weiße Stute für Euch“, sagte Temudschin. Und der Händler: „Was wünscht Ihr dafür einzuhandeln, junger Herr?“ „Nichts!“ „Nichts? Das ist ungewöhnlich, ich zahle gern meinen Preis.“ „Ihr könnt doch reiten, nicht wahr?“ Der Händler lächelte. „Meint Ihr, wir wären zu Fuß aus dem Reiche Chin gekommen?“ Ich holte die Stute und führte sie zu dem Händler. Sie war

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ein gutgewachsenes Tier, unruhig, breitbrüstig und langmäh- nig. Einige Ordu-Bewohner lachten spöttisch, andere blickten aus verwunderten Gesichtern und warteten, was Temudschin mit dem Händler vorhatte. „Ihr könnt also dieses Pferd haben“, sagte Temudschin, „wenn Ihr mit ihm zum Fluß hinunter und wieder zurück ins Ordu reitet.“ Der Händler betrachtete mißtrauisch die Stute und sagte schroff: „Ich bin kein Nomade, also reite ich mit Sattel!“ „Wir können beides, Händler“, antwortete Temudschin, „aber Ihr sollt einen Sattel haben, denn wir wollen Euch nicht benachteiligen!“ Wir rissen die Stute ins Gras, warfen uns auf ihre Beine, drehten ihr Schwanz und Ohren fest, daß sie vor Schmerz schnaubte und wieherte, und sattelten das Pferd. „Ihr wollt mich betrügen“, schrie der Händler. „Ich seh schon, es ist eine Stute, die keiner zu reiten vermag!“ „Er lügt! Er lügt!“ riefen einige Ordu-Bewohner. „Er will uns beleidigen! Er lügt, der Händler!“ Temudschin ließ die Hirten und Jäger in ihrem Zorn gewäh- ren. Dann gebot er Ruhe: „Ihr habt unsere Antwort gehört? Ich würde nicht wagen, von Euch etwas zu verlangen, das ich nicht selber imstande wäre zu tun! Das widerspräche unseren Sitten und wäre gegen die Gesetze unserer Väter, Händler!“ „Gut, ich reite, zuvor müßt Ihr mir jedoch beweisen, daß Eure Worte wahr sind.“ Temudschin sprang sofort in den Sattel der Stute, sprengte hinüber zum Kerulon, galoppierte entlang des Ufers, und obwohl das Tier manchmal plötzlich stehenblieb, hochsprang, mit den Beinen ausschlug, sich wütend in den Staub warf und störrisch den Kopf senkte, gelang es ihm nicht, den Reiter abzuschütteln. Temudschin hatte nicht ein einziges Mal den Boden mit den Stiefeln berührt. Die Hirten und Jäger schrien vor Freude, sangen, klatschten, riefen: „Er ist ein echter Jessughei, unser Temudschin, ein echter Jessughei!“ Trium-

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phierend blickten wir alle zu dem Händler, der diesen kühnen Ritt bedrückt verfolgte, aber es dann trotzdem nicht ablehnte, das Pferd zu besteigen; denn es war zwar ein wildes, doch ein edles Tier, das er gern besessen hätte, zumal die Möglichkeit bestand, es geschenkt zu bekommen. Ich hielt die Stute fest, als sie der Händler bestieg. Große Stille ringsum, selbst die Kinder blickten andächtig und erwartungsvoll. „So“, sagte der Kaufmann zu mir, „nun laß mich allein mit ihr!“ Ich sprang zur Seite. Und das Pferd jagte davon, nein, es sprang davon, es sprang durch die Luft, machte einen wilden großen Satz, fiel auf die Knie, und der Händler flog über den Kopf des Tieres in das Gras. Fröhlich trabte das Pferd reiterlos zum Fluß. Die Ordu-Bewohner lachten. Aber der Händler, getrieben von dem Wunsch, die Stute zu erhalten – vielleicht war er sogar etwas tapferer, als Temudschin wahrhaben wollte –, bestieg ein zweites Mal das Pferd. Er stürzte abermals, nämlich in dem Augenblick, als sich das Tier plötzlich seitwärts zu Boden fallen ließ und wild mit den Beinen um sich schlug. „Ihr könnt es noch einmal versuchen“, meinte Temudschin, und ich holte die Stute zurück. Und ich sagte: „Die Stute verdient es, Händler!“ „Ein Teufelspferd ist das!“ Er spuckte und ging, den Staub von den Kleidern klopfend, zu seinen Waren. „Vielleicht ist einer unter euch, der sich aufs Bogenschießen versteht“, fragte Temudschin die übrigen Kaufleute. „Wer die vorher bezeichnete Stelle trifft, bekommt die Stute.“ Es meldete sich keiner. Abermals lachten viele Ordu-Bewohner, und einige ließen auch von den Tauschgeschäften ab, bei denen sie meist übervorteilt wurden. Andere allerdings sahen den davonzie- henden Kaufleuten etwas wehmütig nach; denn sie hatten sich

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noch ein gutes Geschäft erhofft. Zu ihnen sagte Temudschin:

„Laßt sie ziehen. Sie werden überall erzählen, wie sie in unserem Ordu behandelt worden sind. Also werden diejenigen, die nach ihnen kommen, nicht so großartig hier einziehen und über uns geringschätzig lächeln, nur weil wir in Filzjurten wohnen und von Weideplatz zu Weideplatz wandern. Wir aber werden jeden, der nicht mehr als wir selber sein will, freund- lich empfangen, mit ihm handeln und gute Gastgeber sein!“ Temudschin führte mich zu seiner Jurte, der junge Temud- schin, den sie heute einen „echten Jessughei“ genannt hatten. „Du bist vorhin zu mir gekommen, und ich hab dich nicht reden lassen. Was gibt es, Tschono?“ „Mich schickt mein Vater zu dir“, sagte ich und wickelte den Dolch aus dem Seidentuch. „Hier, Temudschin, sein Geschenk, weil du mich und uns durch deine List vor Targutai gerettet hast. Und mein Vater sagte, du mögest so weise werden wie Jessughei, den er achtete und vor dem sicheren Tode gerettet hat.“ „Ich weiß“, antwortete Temudschin, „bei der Jagd auf einen Bären. Mutter Wolke hat es mir erzählt und immer wieder erzählt. In der Begebenheit steckt Weisheit, Tschono!“ Draußen brach der Wind auf, donnerte in den Filzwänden der Jurte. Dunkle Wolken schluckten das Sonnenlicht. Donner murrte hinter den Wäldern. „Der Dolch meines Vaters“, sagte Temudschin leise. „Ein wertvolles Geschenk. Es trifft meinen Namen, Chara-Tschono, ‘Stählernes Messer’.“ Temudschin stand auf und ging zu einer mit rotem Leder überzogenen Truhe. Auch er entnahm ihr einen in Seide gehüllten Dolch. „Dieses Messer hat ebenfalls eine Vergan- genheit, Tschono. Es gehörte jenem tatarischen Temudschin, den mein Vater gefangennahm und dessen Namen ich trage. Von diesem Häuptling ist nichts geblieben als dieses Messer. Da du mein erster Freund bist, schenke ich es dir, Chara-

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Tschono, freilich nicht, ohne dich jetzt zu fragen, ob du mein Freund sein möchtest und ich für immer der deine sein soll!“ „Du nanntest mich schon vor Targutais wütenden Augen einen Freund, Temudschin!“ Der Sturm fetzte den Vorhang am Jurteneingang beiseite. Wir sahen nun den Fluß und den Wald, über den der Sturm herfiel. Eine Zeder brach krachend und fiel in den Strom. Blitze zerschnitten den Himmel, fielen wie Feuerpfeile in den Wald, und der Donner rollte um den Burkan-Kaldun, erschüt- terte die Erde, raste brüllend durch unser Ordu. „Gut“, antwortete Temudschin, „dann wollen wir einander schwören, daß keiner den anderen verläßt, daß wir uns immer die Treue halten werden. Brichst du den Schwur, töte ich dich mit dem Dolch meines Vaters, den du mir schenkst, breche ich den Schwur, tötest du mich mit dem Dolch des tatarischen Temudschins, den ich dir schenke. Ist das gerecht und unserem Brauche würdig, Tschono?“ „Es ist gerecht, Temudschin!“ Wir tauschten die Dolche. Als ich zur Jurte meines Vaters lief, fiel Regen. Zunächst waren es nur einzelne große Tropfen, die auf die Zeltdächer trommelten. Doch bald regnete es heftiger und dann so stark, daß der Kerulon anschwoll und mächtig und schäumend dahinschoß. Dort, wo der Fluß eine kurze Strecke durch die offene Wiese lief und eine Biegung machte, schwappte das braune Wasser über das Ufer. Manchmal leuchteten Schaum- kämme wie graue Strähnen auf. Chara-Tschono hat nun einen Freund, dachte ich, einen Freund, der ein Sohn Jessugheis ist. Der Regen machte mir nichts aus. Nun nicht mehr, da ich geschworen hatte, ein Freund zu sein. Es war wieder etwas von dem Glück in mir, das ich an jenem Morgen beim Fischen empfunden hatte. Und der Donner? Den Donner empfand ich wie das dumpfe Schlagen vieler Pauken.

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Mein Vater saß auf seiner Filzmatte in der Jurte und besserte einen Stiefel aus. Ich überbrachte ihm die Kunde, die mich so froh machte. Meine Augen glänzten vor Glück. Aber mein Vater hörte meine Worte, ohne mich anzusehen. Er schwieg, mein Vater, er schwieg und hantierte weiter an dem Stiefel.

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Zu zweit auf einem Pferd

Nun ging ich wieder hinunter zum Kerulon, um zu fischen, so wie an den vielen glücklichen Morgen zuvor, ehe uns die Tai- Tschuten gefangengenommen hatten. Manchmal war Temud- schin bei mir. Dann fischten wir beide. Oder beide gingen wir auf die Murmeltierjagd und kamen erst nach Sonnenuntergang zurück. Unseren kahlschwänzigen Braunen mit dem gewölbten Rücken hatten wir dann so hoch mit Murmeltieren beladen, daß er unter der Last schwankte, wenn wir müde ins Ordu zogen. Die Beute teilten wir. Saß ich allein am Fluß, dachte ich an das Schweigen meines Vaters, mit dem er die Nachricht, ich sei Temudschins Freund geworden, aufgenommen hatte. Das Schweigen der Alten ist weise und wohlbedacht. Bei meinem Vater brauchte es weder Zustimmung noch Ablehnung zu bedeuten. Er ließ sich immer Zeit, bevor er etwas sagte; denn einen entsprungenen Hammel kann man wieder einfangen, aber Worte nicht. Trotz allem: Ich dachte über sein Schweigen mehr nach, als ich es mir erklären konnte. Eines Tages raubten die Tai-Tschuten unsere acht Pferde, darunter den silbergrauen Wallach und die feurige weiße Stute, die wilde und edle, die den Kaufmann abgeworfen hatte. Das geschah vor unseren Augen und zu der Stunde, wo die Sonne am höchsten stand. Noch ehe wir unsere Bogen fassen und unsere gefiederten Pfeile auflegen konnten, waren die tai- tschutischen Räuber in der Steppe verschwunden. „Ich will hinterher!“ sagte einer der Brüder Temudschins. Und Temudschin fragte: „Wie?“ Und dann schwiegen wir alle, blickten hinaus in die gelbe Ebene, in die Weite, in die Unendlichkeit, aber wir hatten keine Pferde mehr. Bis auf eins, mit dem einer im Walde jagte, waren

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die acht Pferde alle unsere Pferde gewesen. So warteten wir auf das eine, das einzige Pferd, das unser Ordu noch besaß, und standen unter der grellen Sonne, die mit den Dieben nach Westen floh und uns in der Dämmerung zurückließ. „Wie sie heut unsere Pferde geraubt haben, treiben sie mor- gen unsere Schafe fort“, sagte Temudschin. „Und danach unsere Frauen und die Kinder!“ sagte ich. „Und nachdem sie unsere Frauen und Kinder geraubt haben“, bemerkte Temudschins Bruder, „werden sie unsere Jurten niederbrennen, und wir Männer werden erschöpft und hungrig in den Wäldern liegen und zusehen.“ „Aber keine Sklaven werden“, sagte Temudschin. „Lieber will ich wie ein Tier leben und verenden als ein Sklave sein; denn das Tier ist frei und steht über dem Sklaven.“ So standen wir in der Dunkelheit, redeten, und redeten uns immer tiefer in die Traurigkeit hinein, und vor den Jurten hockten die Frauen und klagten mit uns, die Kinder weinten, die Hammel blökten, als schickten sie den Pferden einen wehmütigen Gruß hinterher. Der Mond ging auf. Wir saßen an den Feuern und horchten. Der Jäger kam zurück, mit dem einzigen Pferd, das uns verblieben war. In dem Gesicht des Mannes sahen wir das Glück eines reichen Tages. Er hatte nämlich gut gejagt, und als wir ihm erzählten, was uns widerfahren war, hatte er solch ein Gesicht wie wir und sicher auch unsere Gedanken. Zu zweit ritten wir in die Steppe. Temudschin und ich, und beide auf einem Pferd, das müde war. Temudschin saß vorn und sagte: „Hör zu, Chara-Tschono! Als ich heut morgen mit dir am Fluß saß und fischte, dachte ich: Hundertmal so viele Pferde und Männer müßte ich in unserem Ordu haben, hundertmal soviel, wie wir jetzt zählen, dann wären wir bald tausendmal soviel, wie wir heut Pferde und Männer in unserem Ordu sind. Verstehst du das, Freund?“

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„Nein, Temudschin, nicht ganz!“ „Auch nicht, wenn ich dir sage, daß Tausende Männer Zehntausende Pfeile bedeuten?“ „Dann würden uns die Tai-Tschuten keine Pferde mehr stehlen und uns nicht mehr demütigen.“ „So ist es, Chara-Tschono. Targutai wäre dann für uns nicht mehr als ein Stück Schafsmist. Und wer verteidigt schon ein Stück Schafsmist? Wer setzt sein Leben dafür ein? Aber, lieber Freund, das war am Morgen, als ich das dachte, jetzt ist es Abend, und wir sitzen zu zweit auf einem Pferd, auf dem einzigen, das wir besitzen, und begegneten wir jemandem, er würde sich schütteln vor Lachen, er würde spotten und uns verhöhnen: Der Sohn Jessugheis zu zweit auf einem Pferd! Du siehst, Chara-Tschono, was der Morgen herbeisehnt, kann der Abend lächerlich machen!“ Wir durchquerten einen schmalen Bach. Ich sagte: „Es ist wahr, in deinem Satz steckt Sinn, Temudschin. Aber kehrt man ihn um – was der Abend lächerlich macht, kann der andere Morgen erfüllen –, so entbehrt er auch nicht des Sinnes!“ „Tschono!“ rief Temudschin freudig und schlug auf das Pferd ein. „Der Sinn deines Satzes gefällt auch mir besser als der meine. Sag mir, wendest du die Dinge immer so, bis sie dir gefallen?“ „Ich wende sie nicht, bis sie mir gefallen, Temudschin, ich durchdenke sie nach allen Seiten, wie es mein Vater mich gelehrt hat.“ Die Nacht war kühl, das Gras feucht. Manchmal reichte es bis zu den Steigbügeln und streifte unsere Stiefel. Da der Mond schien, war es leicht, die Grasspur des silbergrauen Wallachs und der anderen Pferde zu verfolgen. Wir ritten drei Tage und drei Nächte, und wir gingen hin und wieder zu Fuß, um das Pferd zu schonen. Nach diesen drei Nächten gelangten wir zu einer Pferdeherde und ein paar Jurten. Ein Bursche saß vor einer Stute, die er melkte. Wir

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fragten ihn nach den Tai-Tschuten. Er antwortete: „Heute früh vor Sonnenaufgang haben sie acht Pferde mit einem silbergrauen Wallach darunter hier vorbei getrieben. Ich will euch den Weg zeigen.“ Der Bursche ging nicht einmal zu seiner Jurte zurück, sondern warf seinen ledernen Melkeimer und das Melkmaß in die Steppe, lachte freundlich, führte zwei frische Pferde heran, die wir bestiegen, während er auf einen flinken Falben sprang. „Du reitest mit uns?“ fragte ich. „Die Not eines Mannes ist immer die gleiche“, antwortete er uns. „Mein Vater heißt Nachu baiyan. Ich bin sein einziger Sohn und heiße Boghurtschi!“ Abermals ritten wir drei Tage und drei Nächte, und nach diesen drei Nächten erreichten wir ein großes, umfriedetes Lager der Tai-Tschuten. „Ich seh den Wallach“, sagte Temudschin, „du hast uns gut geführt, Boghurtschi.“ Der Wallach und die anderen Pferde grasten in einer großen Hürde. „Los, Tschono, bei hellem Sonnenschein und vor unseren Augen wurden sie uns gestohlen, also holen wir sie uns vor ihren Augen und bei hellem Sonnenschein zurück!“ „Und ich?“ fragte Boghurtschi. „Du bleibst hier, Gefährte!“ sagte Temudschin. „Ich bin hergekommen, um euch zu helfen. Warum soll ich hier stehenbleiben?“ Also jagten wir alle drei in die Herde hinein und trieben unsere Pferde in die Steppe. Die verwirrten Tai-Tschuten hatten für einen Augenblick wie gelähmt vor ihren Zelten gestanden. Vielleicht hatten sie uns nur nachts oder auch gar nicht erwartet. Und wir waren bei hellem Sonnenschein gekommen, wie Gäste, wie Freunde. Sie verfolgten uns. Aber der Abstand war sehr groß, und im Galopp wechselten

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wir auf die ausgeruhten Pferde. Plötzlich löste sich aus der Schar der Verfolger ein einzelner Krieger, ein Tai-Tschute, der einen Schimmelhengst ritt und mit ihm über die Steppe zu fliegen schien. Jedesmal, wenn ich mich umdrehte, war er größer geworden. Der Reitwind fetzte den weißen Schaum vom Maul des Tieres. „Ich schieße mich mit ihm“, schrie Boghurtschi. „Ich schieße mich mit ihm“, schrie Temudschin, „willst du meinetwegen Schaden leiden, wo es unsere Pferde sind, die sie raubten?“ Temudschin ließ sich zurückfallen. Der Tai-Tschute hielt sein Stocklasso mit der ledernen Schlinge bereit. Temudschin schoß. Der Pfeil traf. Und der Schimmelhengst war ohne Reiter. Temudschin schlug auf sein Pferd, daß es vor Schmerz schrie und losraste. So gelangten wir bald in die Dämmerung, die uns schützte und unseren Weg unsichtbar machte. Ich sagte zu Temudschin: „Dieser Streich wird mit dem Wind über die Steppe wehen, Freund, er wird in den Jurten erzählt werden, sie werden überall deine List und Kühnheit besingen, Temudschin. Und sie werden an deinen Vater Jessughei denken.“ „Gut, Tschono, aber hätten wir unsere Pferde ohne Boghurt- schi bekommen?“ „Nein, er wies uns den Weg und gab uns seine Pferde!“ „Also wollen wir mit ihm teilen, Chara-Tschono. Wieviel Pferde willst du, Boghurtschi?“ „Ich habe mich euch angeschlossen, weil ich sah, daß ihr in Not wart. Soll ich euch etwa dafür etwas von eurem Besitz abverlangen? Mein Vater heißt Nachu baiyan, der Reiche. Ich bin Nachu baiyans einziger Sohn. Der Hausrat, den mir mein Vater bereitgestellt hat, ist für mich reichlich genug. Ich will nichts haben. Was wäre es für ein Dienst, den ich euch erwiesen habe, wenn ich etwas dafür nehmen wollte?“ Das

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sagte Boghurtschi, bevor wir in die Jurte seines Vaters traten. Der Alte hatte geweint. Wir sahen es an seinen geröteten Augen. Und er tadelte Boghurtschi, weil er fortgegangen war, ohne ihm den Grund zu sagen. „Meine Frau haben die Tai- Tschuten erschlagen“, sagte der Alte. „Ich fürchtete, nun auch den Sohn verloren zu haben.“ „Zwei Freunde kamen in ihrer Not zu mir, Vater“, sagte Boghurtschi, „und ich habe mich ihnen angeschlossen.“ „Dafür tadele ich dich nicht, Boghurtschi, ich tadelte dich, weil du gegangen bist, ohne mir etwas zu sagen. Deshalb die Sorge um dich. Dagegen freut es mein Herz, daß du den beiden geholfen hast.“ „Und wenn er jetzt mit uns geht, Nachu baiyan“, fragte Temudschin. „Was sagt Ihr dann?“ „Nimmt Temudschin, der Sohn Jessugheis, Leute?“ „Ja.“ Temudschin sah zu mir herüber. Vielleicht dachte er an unser nächtliches Gespräch, in dem er gesagt hatte: Hundert- mal so viele Pferde und Männer müßte ich in unserem Ordu haben, hundertmal soviel, wie wir jetzt zählen, dann wären wir bald tausendmal soviel, wie wir heut Pferde und Männer in unserem Ordu sind. „Dann gehe mit ihnen“, sagte Nachu baiyan. „Achtet aufein- ander, laßt einander später nie mehr im Stich!“ Boghurtschi schlachtete ein Schaf, tat es in einen Ledersack und packte es auf den Falben. Nachdem wir in Nachu baiyans Zelt noch einige Krüge Stutenmilch getrunken und etliche weise Geschichten von dem Alten gehört hatten, die er besonnen und mit klugen Augen erzählte, machten wir uns auf und ritten gemächlich zurück zum Burkan-Kaldun. Tags sahen wir viele Blumen in der Steppe; denn wir jagten nun nicht mehr mit zusammengekniffenen Augen durchs Land, und unsere Pfeile galten keinem Verfolger, sondern hier und da einem Haselhuhn oder einem Steppenfuchs. Auch die Nächte waren schön, die sternenvollen Nächte, in denen mancher

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Vogel uns im Schlafe rief oder erschrocken über die langen Gräser schwirrte. In den Bächen lag der Mond und zitterte sanft. So ritten wir Stunde um Stunde, schwiegen, schwiegen auch nicht, begegneten oft nur der Stille und den roten und gelben Blumen, die unseren Weg schmückten. Die weißen Filzjurten schauten uns schon entgegen, als Temudschin zu mir sagte: „Zu zweit ritten wir in die Steppe, zu zweit auf einem Pferd, Chara-Tschono, und wie kommen wir zurück?“ „Zu dritt und mit vielen Pferden, Temudschin!“ „Der Sinn deines Satzes war also doch besser als der meine, und ich werde nun nicht mehr zu dir sagen, daß du die Dinge wendest, bis sie dir gefallen, sondern daß du sie so scharf durchdenkst, bis sie uns nutzen.“ Und an Boghurtschi gewandt, sagte Temudschin: „Das ist unser Ordu. Noch ist es klein, noch bist du der einzige, Boghurtschi, der von außerhalb zu uns gekommen ist, aber du bist wie mein Freund Chara-Tschono einer der ersten, die zu meinen Vertrauten zählen werden; denn unser Ordu wird wachsen und einmal das ganze Tal am Burkan-Kaldun ausfüllen; wir werden einst die edelsten Rosse besitzen und die besten Krieger in den Kampf führen.“ Danach trennten wir uns. Temudschin ging zu Mutter Wolke. Boghurtschi baute seine Jurte auf, die ihm der Vater mitge- geben hatte, und ich ging zu unserem Zelt, um meinen Vater zu küssen. „Ihr habt die Pferde wieder?“ „Ja, Vater, durch Temudschins List.“ „Durch Temudschins List“, wiederholte er. „Seine Kühnheit scheint der seines Vaters zu gleichen, und bald wird man überall unter dem Ewig blauen Himmel von ihm reden. Sein Ruhm wird Leute in das Ordu ziehen, seine List wird die Häuptlinge, die sich nach Jessugheis Tod von ihm trennten, zurückzwingen. Aber wird er auch so besonnen sein wie sein Vater Jessughei? Oder vielleicht den zuerst gedachten Gedan-

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ken für den besten halten, ohne den zweiten und dritten zu erwägen?“ Er nahm die Feuerzange und legte getrocknete Dungstücke in die Glut. Er tat dies so bedächtig, wie er gesprochen hatte. Und seine Gedanken verlangten nach keiner Antwort; denn schon sagte er: „Als du, Tschono, mit Temudschin den Dolch getauscht hast, nahm ich dein Bündnis auf Leben und Tod mit Jessugheis Sohn schweigend hin. Ich hatte dir aufgegeben, Temudschin den Dolch als Dank zu bringen, aber ich hatte dir nicht geraten, dein Leben in die Hände eines Häuptlingssohnes zu legen, von dem du nicht weißt, wie er es leben wird, wenn er einmal Gewalt über viele hat und sein Ordu gewachsen sein wird. Und sein Ordu wird wachsen. Er wird die Macht seines Vaters zurückerobern.“ „Hast du nicht Jessughei gedient, Vater?“ „Ja, ich diente ihm, weil ich ihn verehrte, ich gehorchte ihm, weil er weise war, aber ich hätte ihn auch verlassen können, wenn ich es für richtig befunden hätte. Die Treue zu dem Häuptling steht nicht über der Treue zu den Gesetzen der Alten. Kannst du aber Temudschin jemals verlassen, wo ihr euch geschworen habt, eine Brust, ein Hals und ein Kopf zu sein? Auf den Tod geschworen? Im Tod seid ihr gleich, Chara- Tschono, aber im Leben? Im Leben ist er Oberhaupt – und was bist du? Eine Freundschaft kann man nur unter gleichen schließen, nicht, wenn einer höher und der andere tiefer steht.“ „Du mißtraust ihm, Vater?“ „Nein, aber ich lehre dich das, was mir das Leben erzählt hat.“ Über dem Feuer brodelte und dampfte das Wasser. Mein Vater schüttete Tee und Salz hinein, er rührte und sog den feinen Duft in die Nase, goß Milch hinzu, rührte wieder und lächelte ein wenig. Danach brachte er große Fladen getrockne- ten Schafskäses und ein Schälchen gerösteter Hirsekörner. Er verneigte sich, schaute zum Dachkranz auf, wo die Mur-

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meltierfelle hingen, und hieß mich essen. Vom Fluß her wehte kühle Luft ins Zelt. Die Räder eines Karrens knarrten durch unser Ordu. Und die Mädchen trugen in Krügen das Wasser des Kerulon in ihre Jurten. Wir legten uns auf die Felle; mein Vater lag rechts vom roten Feuer, ich links, und unsere Gesichter, die sich vom Zeltdunkel hell abhoben, hatten wir einander zugewandt. Mein Vater sagte: „Du hast mich gefragt, Tschono, ob ich ihm mißtraue, und ich sagte dir: Nein! Trotzdem will ich dir eine Geschichte erzählen, die ich mit meinen Augen gesehen und mit meinen Ohren gehört habe und die so wahr ist wie alle meine Worte, die ich an dich weitergebe. Temudschin hatte drei Brüder, und als sie der Kindheit kaum entwachsen waren, gingen sie zum Fluß, um zu angeln. Sie machten sich, am Ufer sitzend, Haken zurecht und angelten schäbige und verkrüppelte Fische. Selbst Nadeln bogen sie zu Haken und angelten damit Dschebuge- Fische und Äschen. Ein Schleppnetz knüpften sie und schöpf- ten damit kleine Fische und versorgten so zum Dank auch ihre Mutter. Eines Tages, als Temudschin, Chasar, Bekter und Belgutai, die vier Brüder also, miteinander dasaßen, ging ein glänzender Sochosun-Fisch an die Angel. Aber Bekter und Belgutai nahmen ihn Temudschin und Chasar mit Gewalt fort. Als Temudschin und Chasar heimkehrten, sprachen sie zur Mutter: ‘Ein glänzender Sochosun-Fisch hat in die Angel gebissen und ist uns von unseren Brüdern Bekter und Belgutai fortgenommen worden!’ Darauf sagte die Mutter: ‘Ach was, laßt doch den Streit. Warum seid ihr Brüder so zueinander? Wo ihr außer dem Schatten keinen Gefährten habt und außer dem Schweif keine Peitsche und euch eigentlich immer sagen müßtet: WIE RÄCHEN WIR DIE SCHMACH, DIE UNS DIE TAI- TSCHUTEN ANGETAN HABEN – wie könnt ihr da so uneinig sein?’ So sprach die Mutter. Und darauf meinte Temudschin: ‘Neulich erst haben sie uns

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schon einmal eine Lerche weggenommen, die wir mit dem Pfeil erlegt hatten. Jetzt haben sie uns wieder beraubt. Wie können wir da miteinander zusammenleben?’ Mit diesen Worten stießen sie die Tür auf, stürmten hinaus und davon. Bekter saß auf einem Hügel, die Pferde mit dem silbergrauen Wallach hütend. Da schlich sich Temudschin von hinten heran, und Chasar schlich sich von vorn heran. Als sie, ihre Pfeile herausziehend, herankamen, erblickte sie Bekter und sprach:

‘Ihr solltet euch sagen: DIE SCHMACH, DIE UNS DIE TAI- TSCHUTEN ANGETAN HABEN, können wir nicht ertragen, wie können wir sie rächen? – Warum behandelt ihr mich da wie eine Wimper im Auge, wie einen Span im Munde? Wo ihr keinen anderen Gefährten habt als den Schatten und keine andere Peitsche als den Schweif, warum nährt ihr da solche Gedanken? Zerstört mir aber meinen Herd nicht und tötet mir nicht den Belgutai!’ So sprach er und erwartete sie, mit untergeschlagenen Beinen dasitzend. Temudschin und Chasar aber erschossen Bekter von vorn und hinten und gingen fort. Als sie zur Jurte kamen und eintraten, erkannte die Mutter an der Miene der beiden Söhne, was sie getan, und sprach: ‘Ihr Mörder! Der eine ist geboren mit einem schwarzen Blutklum- pen in der Hand, als er aus meinem heißen Schoße herauskam! Der andere hier gleicht einem Chasar-Hund, der nach der eigenen Nachgeburt schnappt. Wie der Chablan-Tiger seid ihr, der am Felsrand dahinrast, wie ein Löwe, der seinen Grimm nicht unterdrücken kann, wie eine Riesenschlange, die ein Tier verschlingen will, wie ein Falke, der auf seinen Schatten stößt, wie ein Hecht, der lautlos seine Beute verschluckt, wie ein Kamelhengst, der sein Füllen in die Ferse beißt, wie ein Wolf, der im Regensturm sich auf sein Opfer stürzt, wie eine Mandarinente, die ihre eigene Brut frißt, wenn sie nicht folgen kann, wie ein Tiger, der beim Zupacken nicht fehlt, wie ein Barus-Tier, das blindlings anstürmt! Wo ihr außer dem

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Schatten keinen Gefährten habt und außer dem Schweif keine Peitsche, wo ihr die von den Tai-Tschuten angetane Schmach nicht verwinden dürftet und sagten müßtet: An wem können wir uns rächen? Da sagt ihr, wie können wir miteinander leben!, und handelt so zueinander!’ So sprach sie und schmähte ihre Söhne, indem sie die Sprü- che aus der Vorzeit gebrauchte und die Worte der Alten. Nein, ich mißtraue ihm nicht, Chara-Tschono, aber ich wollte auch nicht versäumen, dir zu berichten, was meine Augen gesehen und meine Ohren gehört haben. Richte dein Leben so ein, daß du einmal nicht dort weinen und leiden mußt, wo du selbst die Schuld trägst.“ In dieser Nacht starb mein Vater. Ich hatte es erst am Morgen gemerkt, daß er nicht mehr lebte. Er war so ruhig gestorben, wie er immer gesprochen hatte. Die blauen Lippen lagen nun stumm beieinander. Ich trug ihn aus der Jurte. Und der Tote lächelte.

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Der Hinkende Bock

Von diesem Morgen an trug ich den himmelblauen Rock meines Vaters. Er hatte es so bestimmt. Also trug ich den Rock und auch die Gedanken meines Vaters. Das eine war einfach, das andere schwer, zudem wohnte ich jetzt allein in meiner Jurte; denn meine Mutter war uns vor Jahren gestorben, und meine Brüder waren bei einem Überfall getötet worden. Man kann allein jagen, allein fischen, allein durch die Wälder streifen, aber kann man allein leben? Wenn der Elch allein bleibt, wird er böse. Wenn ein Baum in der Steppe allein steht, steht er auch allein gegen die tobende Gewalt des Sturmes. So war ich froh, Temudschin zum Freunde zu haben, auch wenn ich die Worte meines Vaters wie den himmelblauen Rock immer bei mir trug. Inzwischen waren Temudschins Streiche mit dem Wind über die Steppe geweht, so, wie ich es vor Tagen prophezeit hatte. Junge Ohren hören derlei Dinge gern, und junge Köpfe träumen davon; denn wer war nicht tapfer, wenn er den Wald zum Bruder, nicht kühn, wenn er die Steppe zur Schwester hatte? Zuerst kamen zwei, dann drei und an einem anderen Tage sogar vier in unser Lager. Sie brachten Pferde, Schafe und Jurten mit, Hausrat und Waffen, Frauen und Kinder. Und es kamen auch welche, die nichts mitbrachten als ihre Träume und den Gehorsam, mit dem sie Temudschin dienen wollten. „Wir wollen zum Sohne Jessugheis“, sagten sie. Oder: „Unsere Väter schicken uns. Sie dienten Jessughei, also dienen auch wir seinem Sohn!“ Und andere wieder sagten: „Wir hörten von Temudschins List und seiner Kühnheit. Da auch uns die Tai-Tschuten bestehlen, wollen wir zu euch und unsere Kraft mit der euren

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verbinden.“ Temudschin nahm sie freundlich auf, alle, auch jene, die nichts mitbrachten als den Gehorsam. Er wies ihnen gute Zeltplätze an, gab ihnen Gerätschaften, wenn sie keine hatten, zeigte ihnen die Fischplätze und sorgte so für Ordnung und Einigkeit. Und dann ritt er eines Tages nach Süden, zu den Chungira- ten, wo seine Braut Borte ihn erwartete. Im Alter von neun Jahren war Temudschin mit seinem Vater bei diesem Stamme gewesen, bei Dai-Setschen, dem Häuptling der Chungiraten, der ihm seine Tochter versprochen hatte. Jetzt wollte er sie heimholen. In den Tagen seiner Abwesenheit hatten sich Boghurtschi und ich um die Jäger und Hirten zu kümmern, die neu zu unserem Ordu stießen. Es kamen nun nicht mehr so viele, doch einer kam an jedem Tag. Manchmal dachte ich: Dem alten Streich ist die Kraft ausgegangen, und Temudschin müßte einen neuen hinzufügen, damit sein Ordu weiter wachse. Als ich eines Morgens wieder fischen ging und schon eine Weile am Ufer zugebracht hatte, ohne daß ein Fisch an die Angel gegangen wäre, hörte ich hinter mir leise Schritte im Gras. Aber sooft ich mich auch umwendete, ich vermochte niemanden zu entdecken. Vielleicht hatte ich mich getäuscht, und die Schritte waren nur die behutsamen Sprünge einer Antilope gewesen. Ich fischte weiter. Plötzlich platschte ein schwerer Stein in den Strom. Ich erschrak, riß die Schnur aus dem Fluß. Hinter mir lachte einer. „Die Gedanken des Schwarzen Wolfes sind schwer! Wer erschrickt, denkt schlecht!“ Ich blickte in gelbe Augen. Der Hinkende Bock stand vor mir. So nannten wir einen alten Mann, der in unserem Ordu lebte. Er war sehr häßlich, trug drei Zöpfe und einen Bart, in den er Roßhaar geflochten hatte.

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„Was wollt Ihr von mir, Alter?“ Er lachte wieder. „Die Filzwände deiner Jurte haben Ohren, Chara-Tschono.“ „Und?“ „Temudschin wird bald mit dem Schwert reden!“ „Ihr sagt mir nichts Neues, Alter!“ „Temudschin wird bald den Tai-Tschuten die Brüste leeren!“ „Ihr sagt mir immer noch nichts Neues, Alter!“ „Aber wenn ich dem Temudschin erzähle, was dir dein Vater, bevor ihn der Tod packte, zugeflüstert hat – und das war eine lange Geschichte, Chara-Tschono –, dann…“ „… dann?“ „Dann wird er dich töten, mit dem Schwurdolch!“ „Geschwätz, Alter!“ „O doch, er wird dich töten. Er braucht scharfe Schwerter und spitze Pfeile, wenn er die Tai-Tschuten vernichten will. Und du bist ein stumpfes Schwert, und deine Gedanken sind stumpfe Pfeile. Dein Vater hat dich Zweifel gelehrt und damit deinen Körper geteilt, aber Temudschin braucht deinen ganzen Körper. Ich frage dich: Kann man mit einem halben Körper leben, mit einem halben Schwert siegen, mit einem halben Bogen schießen?“ „Ich habe meinem Vater nicht geantwortet, Alter!“ „Und seine Gedanken? Sind sie nicht da unter dem blauen Rock und quälen dich wie eine schlimme Krankheit?“ „Gewiß, ich trage sie bei mir und versuche sie zu ordnen, Alter.“ „Also verschwendest du einen Teil deiner Kraft an falsche Gedanken.“ Ich schwieg, weil ich nicht wußte, was ich darauf antworten sollte. Der Alte humpelte ein paar Schritte durchs Gras, aufgeregt wie ein erschreckter Reiher stelzte er am Ufer hin und her, blieb wieder vor mir stehen und spielte an einem seiner schwarzen Zopfe, starrte mich mit seinen gelben

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Katzenaugen an und sagte: „Ich werde Temudschin die Kunde von deiner schlimmen Krankheit bringen, die in dir frißt, damit er nicht eine Natter nährt, die ihn eines Nachts im Schlafe erwürgt!“ „So dürft Ihr nicht von mir reden, Alter!“ „Nein? Wie dann, Chara-Tschono?“ „Temudschin weiß, daß ich qualvolle Nächte in den Wäldern mit ihm teilte, als wir uns vor den Tai-Tschuten verkriechen mußten, daß ich bei ihm blieb, obwohl sie mir nichts antun wollten, daß ich vor Targutai sein Freund blieb und nicht in Targutais Dienste trat, obgleich mir der Tod für den Sonnen- aufgang zugedacht worden war.“ „Das geschah, bevor dir dein Vater seine Gedanken einblies und deinen Körper in zwei Hälften spaltete!“ „Laßt mich! Ihr schwätzt. Temudschin mag selbst urteilen. Er wird nicht auf einen hören, der in der Dunkelheit wie ein Schakal um die Jurten schleicht und von dem lebt, was andere vor die Tür werfen.“ Der Hinkende Bock machte eine zornige Handbewegung, riß den Mund weit auf, doch die Worte stockten in seinem Hals. Er krächzte irgend etwas, drehte sich um und humpelte zurück durchs Gras, vorbei an Büschen und hinein ins Ordu. Die Kinder liefen davon, als sie ihn sahen, sie liefen immer davon, wenn sie ihn erblickten, und die Männer und Frauen zogen finstere Gesichter, wenn er plötzlich auftauchte; denn er gehörte zu denen im Ordu, die glaubten, sich bei Temudschin einschmeicheln und empordienen zu können, wenn sie ihm allerlei Nachrichten überbrachten. Am Abend saß ich allein vor meiner Jurte, auch am nächsten und übernächsten saß ich allein, wartete auf Temudschins Rückkehr von den Chungiraten und darauf, wie er sich dem Alten gegenüber verhalten werde. Meine Gedanken waren schwer, obgleich ich nicht glauben wollte, daß Temudschin dem giftigen Geflüster des Hinkenden Bocks mehr vertraute als

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meinem Schwur.

Temudschin kehrte in der Frühe des anderen Tages mit seiner Braut Borte heim. Er ritt an der Spitze eines großen Gefolges, das der Vater der Braut, der große Dai-Setschen, seiner Tochter mitgegeben hatte. Das waren Freundinnen und Freunde, Dienerinnen und Gefährtinnen. Feierlich ritt der Zug in gemäßigtem Schritt durch unser Tal, durch das Grün der Wiesen, vorbei an blühenden Büschen, unter dem zarten Blau unseres mächtigen Himmels, dem wir zum Dank, wie unsere Väter es getan hatten, Opfer brachten. Das Mädchen ritt hinter Temudschin. Es trug ein rotes Kleid von leuchtender Seide, das bis zu den Knöcheln hinabreichte und wie rotes Blut über den weißen Leib des Schimmels lief. Ich ritt mit Boghurtschi dem Zug entgegen. „Das ist meine Borte!“ sagte Temudschin. In den Büschen schrien die Vögel, und als wir am Ufer des Kerulon entlangritten, begleitete uns eine Schar Möwen. Borte war nicht so schön wie eine Blume, aber von schöner Gestalt. Als wir das Ordu erreicht hatten und die Bewohner den Ankommenden zujubelten, sie umringten und begrüßten, sagte Temudschin: „Allein ritt ich fort, und mit meiner Borte kehrte ich zurück. Sie wird von nun an in unserem Ordu leben.“ Für Borte wurden die Zelte errichtet; denn nach altem Brauch hatte sie, die reiche Tochter eines reichen Häuptlings, das Recht, eigene Zelte zu bewohnen. Temudschin wies ihr den schönsten Platz im Ordu an, nahe dem Fluß auf einem Hügel mit schlanken Birken. Das Fest der Hochzeit feierten wir drei Tage und Nächte. So hatte es Temudschin bestimmt. Wir saßen auf dem Hügel, und an den Hängen saßen die Jäger und Hirten. Bortes Dienerinnen verteilten kleine Geschenke, und Temudschin zeigte den

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Versammelten einen weiten großen Zobelpelz, den er vom Brautvater als Morgengabe erhalten hatte. „Er ist mehr wert, dieser Mantel, als unser ganzes Ordu“, erklärte er, „und ich werde dieses kostbare Geschenk dem Oberhaupt der Keraiten bringen, dem Toghrul-Chan; denn er war der Freund meines Vaters, und wer mit meinem Vater Freundschaft geschlossen hat, ist doch so gut wie mein Vater.“ Boghurtschi flüsterte mir zu: „Du siehst, Temudschin ist klug. Das Kostbarste verschenkt er, und er wird dafür eines Tages mehr erhalten, als zehn oder hundert solcher Zobelpelze wert sind.“ „Du hast recht, Boghurtschi“, antwortete ich, „unser Temud- schin denkt mit seinen Gedanken und Plänen über unsere Tage und Nächte hinaus.“ Während die Burschen auf ihren schnellen kleinen Pferden um den Hügel galoppierten oder hinaus in die Steppe sprengten und zurückjagten, um den Namen „Schnellster Reiter“ kämpften und ihre gefiederten Pfeile von den dahinfliegenden Hengsten und Stuten verschossen, beobachtete ich den Hinkenden Bock, den Alten, wie er unter der Menge saß und sich vor Freude über die Jungen und ihre Spiele den schwarzen Bart mit den Roßhaarfäden kraulte. Am zweiten Tag des Festes wußte ich, daß der Alte, solange ich mit Temudschin und seinen Brüdern, mit Borte und Boghurtschi gemeinsam auf dem großen bunten Teppich vor dem Zelt auf dem Hügel saß, nicht kommen würde, um sein Geflüster anzubringen. So richtete ich es unter einem Vorwand am dritten Tage der Hochzeit ein, anderswo meinen Platz zu nehmen, an einer Stelle, von der aus ich sowohl den Alten als auch Temudschin und seine Leute gut beobachten konnte. Ich war sicher, daß der Hinkende Bock jetzt die Nähe von Temudschin suchen werde. Das geschah auch. Und das geschah so, daß sich der Alte, wie eine tückische Schlange sich dahinwindend, den Hang hinaufmühte; immer

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wieder ein Stück vorwärtsschleichend und immer wieder eine Pause machend, so daß es außer mir keinem auffiel, wie er durch die Menge rutschte, kroch und schlüpfte. Mich hatte er allerdings gesehen, später, als er fast am Ziele war. Er lächelte mir aus seinem Katzengesicht zu, ein Lächeln freilich, das ich am liebsten erschlagen hätte. Das alles dauerte viel länger, als ich es zu berichten vermag; denn der ganze Vormittag war vergangen, ehe sich der Alte dem Temudschin genaht und den langen Hang hinaufgequält hatte. Nun war er gerade oben angekommen, als Temudschin aufstand und den Hang hinabstieg, mit zwei silbernen Krügen voll Stutenmilch, die er dem Sieger des Pferderennens über- reichte. Die Menge schrie, feierte den Jüngling, feierte das edle Pferd, über dessen Kopf unser Temudschin die eine Kanne Milch goß zum Zeichen der Lobpreisung. Der Alte saß wie verwaist und meinem spöttischen Blick ausgesetzt auf dem Hügel; denn Borte war mit ihrem Gefolge Temudschin nachgegangen und schenkte dem Jüngling, der nun den Namen „Schnellster Reiter“ trug, drei Murmeltierfelle. Temudschin bestieg das Pferd aller Pferde und rief über die Menge: „Sagt mir, was ist für einen Mann die höchste Lust?“ Ein Bursche antwortete: „Ein freier Schritt, ein heller Tag und unter dem Sattel ein schnelles Pferd sowie auf der Faust ein Falke, der den schnellfüßigen Hasen jagt.“ Und ein anderer schrie: „Unsere Feinde vernichten, ihre reichen Chane auf die Nase fallen sehen und um Gnade winseln hören, ihre Pferde und ihre Habe wegnehmen und das Wehklagen ihrer verwöhnten Frauen hören.“ „Du bist der Antwort am nächsten gekommen“, sagte Te- mudschin. „Ich will euch sagen, worin die höchste Lust des Mannes liegt. Die höchste Lust und Freude für den Mann ist es, Empörer zu zähmen, Feinde zu besiegen, sie mit der Wurzel auszurotten und sich all dessen zu bemächtigen, was sie besitzen; zum Weinen zu bringen die Augen ihrer Weiber und

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ihnen die Tränen über Wangen und Nase strömen zu lassen; ihre Rösser mit dem wiegenden Gang und dicken Hinterteil zu besteigen; aus Bauch und Nabel ihrer lieblichen Gemahlinnen ein Schlafkissen und Ruhepolster zu machen, ihre rosigen Wangen zu betrachten und zu küssen und ihre süßen roten Lippen wie Jujube-Blüten zu saugen.“ Die Männer rissen ihre Schwerter aus den Scheiden, stießen sie gen Himmel, und die Speere stachen sie in die Erde, was Tod dem Feinde hieß. Und sie schrien und umringten das Pferd, auf dem Temudschin saß, und ich war unter ihnen und lobte mit ihnen unseren Temudschin. Er aber forderte sie auf, wieder zu schweigen, und sie schwiegen gehorsam, und er sagte: „Seid nicht so unmäßig laut, wie wenn unser Ordu nach Tausenden Kriegern und Pferden zählte. Noch sind wir gering an Zahl, und eure Freude kann schon in der Nacht zur Trauer umschlagen, wenn die räuberischen Tai-Tschuten mit Targutai und seiner Übermacht in unser Lager eindringen.“ Die Versammelten zerteilten sich, gingen erneut den Spielen nach, tranken kalten Milchwein aus Krügen. Inzwischen war der hinkende Alte wieder am Fuße des Hügels angelangt und versuchte sich Temudschin zu nähern. Er umkreiste ihn wie eine Katze, schaute kriecherisch zu dem breitschultrigen Sohn Jessugheis auf und gierte nach einem Blick, der sich mit seinen gelben Augen treffen sollte. Ich stellte mich hinter den dicken Stamm einer Ulme, nicht, weil ich Temudschins Zorn fürchtete, sondern um dem Hinkenden Bock die Gelegenheit zu geben, sein giftiges Geflüster anzubringen, ohne sich von mir beobachtet zu fühlen. Ich weiß nicht, wie viele Worte es gewesen sein mögen, die er Temudschin ins Ohr gespuckt hatte; vielleicht waren es fünf, mehr als zehn können es nicht gewesen sein; denn den Hinkenden traf ein Schlag von Temudschin, der so mächtig war, daß der Alte ins Gras stürzte und dort zwischen den

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langen Halmen wie ein gefangener Fisch zappelte. Sofort verließ ich die Ulme und lief mit der Menge zu dem Fleck, wo sich das zugetragen hatte. Temudschin sah mich, lächelte und sagte, ohne meinen Namen zu nennen und auf den Hinkenden Bock weisend:

Dieser, der sich hier vor Schmerz windet wie eine getroffene Natter, wollte zwischen mir und einem meiner Freunde böse Zwietracht säen. Also mißachtet er mich und meinen Freund und will mir einreden, daß ich nicht weiß, was es heißt, ein Freund zu sein und einen Freund zu haben.“ „Wir machen ihn nieder!“ forderte ein Jüngling und zog das Schwert. Temudschin hielt ihn zurück und sagte: „Willst du mir das Fest meiner Gemahlin Borte zuschanden machen, indem wir den Wein mit Blut vermengen? Schickt ihn in das Dickicht des Waldes. Dort kann er mit den Tieren flüstern und zischen und kriechen wie eine Schlange. Vergeßt ihn, so wie ich ihn schon vergessen habe.“ Und während sie ihn aus dem Ordu jagten, umarmte mich Temudschin. „Verzeih mir die acht Worte, die bösen, falschen, schlechten, die acht Gifttropfen, die er mir ins Ohr geträufelt hat, ehe ich ihn niederschlug!“ Am Abend saß ich noch eine Zeitlang mit Temudschin auf dem warmen Teppich vor Bortes Zelt. Der Sommer war nun schon alt und kühl, aber wir hatten heiße Gesichter vom Wein. Als sich Temudschin zu seiner Gemahlin Borte legte, stieg ich den Hügel hinab, ging durch die Zeltreihen zu meiner Jurte, und ich dachte an meinen toten Vater und seine Worte. Es war warm unter den Fellen, als ich die Augen schloß, und mein Herz war froh.

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Die vier fremden Reiter

Die Sonne schien nun nicht mehr so warm, und der Wind wehte die toten Blätter von den Bäumen. Der Wald lichtete sich. Der Fluß stieg an und trug das welke Laub auf seinem Rücken zum Norden. Wir waren zurückgekehrt vom Schwar- zen Wald an der Tula, wo wir Toghrul-Chan den kostbaren Pelz übergeben und ihn an seine Freundschaft zu Jessughei gemahnt hatten. Das Fest war vorüber, das Spiel der Jünglinge vorbei, und der eine oder andere schaute an manchem Abend zu dem Hügel, wo Bortes Zelte standen und Temudschins Glück wohnte. Mit dem Sommer ging auch der Kumys zur Neige. Und die Frauen klagten wie die Männer; denn die Stutenmilch hatte sie lustig gemacht, und ein Tag ohne sie war wie ein Tag ohne Sonne. So sangen sie an den Abenden in den Jurten ihre Lieder:

Scheint die Steppe grün, und die langen Halme stehen saftig im Wind, schäumt der Kumys in Kannen und Krügen, schäumt und fließt bei Festen in Strömen. Scheint die Steppe gelb, und die langen Halme stehen welkend im Wind, schäumt kein Kumys in Kannen und Krügen, schäumt und fließt nicht mehr in Strömen. Aber wir träumen, träumen vom grünen Schein der Steppe und wie die saftigen Halme stehen werden im Wind. Dann schäumt wieder Kumys in Kannen und Krügen, schäumt und fließt bei Festen in Strömen.

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Ich ging morgens nun nicht mehr nur fischen, sondern vor allem jagen, weil die Zeit nahte, wo die Wölfe noch hungriger und ihre Felle noch kostbarer wurden. Eines Tages ritt ich mit Temudschin und Boghurtschi, der sich inzwischen wohl fühlte in unserem Ordu, hinaus in die Steppe, die jetzt so gelb war, wie es das Lied beschrieb, und so dürr und unwirtlich, daß uns der Staub in die Augen biß. Der Reitwind blies ins Gefieder der Adler, die wir mit flaumigen Eulenfedern geschmückt hatten und die auf unseren mit Leder überzogenen Fäusten hockten. Die Sonnenkugel rollte mattrot durch die Nebelschwaden. Ein See blitzte auf. Kiebitze schrien. Jagten wir durch eine Schlucht, stießen Murmeltiere ihre Warnpfiffe aus, und danach schwirrten Zwergtrappen aus welken Grasbüscheln. Wir ritten lange und weit in die Steppe hinein, weiter als sonst, viel weiter, und wir begegneten keinem, außer den Tieren, die vor uns flohen, und außer den Nebelfeldern, die wir im schnellen Galopp zerfetzten. Bei einem Bach, den der Frühfrost mit einer dünnen Eishaut überzogen hatte, fanden wir die ersten Wolfsspuren, breitpfotig und großschrittig. Ein paar ausgebleichte Knochen lagen im Gras. Wir hielten an, stiegen von den Pferden und gingen zu Fuß weiter. Am Oberhang eines steinigen Berges ließen wir uns nieder, nahmen den Adlern die kleinen, mit einer Silberkrone verzierten Hauben ab, damit sie jetzt sahen, was unsere Augen nicht zu sehen vermochten. Als der letzte Nebelschleier zum Himmel schwebte und zerriß, vergoldete die Sonne unsere Steppe. Da lag sie uns zu Füßen, geheimnisvoll und unüberschaubar; denn dort, wo sie den Himmel berührte, war sie nicht zu Ende, sondern dort begann sie von neuem.

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Wie lange wir so schweigend gesessen hatten, wußte ich nicht, aber wir erwachten aus unseren Gedanken, als die Adler ihre Schwingen spreizten, ihre Schnäbel öffneten und ihre Augen wie erstarrt auf einen Punkt richteten. Wir gaben sie frei. Ihr mächtiger Flügelschlag zerzauste das klirrende Gras, peitschte den Staub, und sie rauschten zu Tal, hinab, hinein, hinaus in die Steppe. Sie schwebten wie über einen goldenen Teppich, warfen drei Schatten darauf, die lautlos unter ihnen dahinglitten. Wir sprangen in die Sättel, jagten den Adlern nach, überquer- ten den Bach, dessen Eishaut inzwischen zerschmolzen war. Adler und Wölfe kamen näher. Die Wölfe heulten, die Adler schlugen zu. Staub loderte. Federn trieben und wirbelten in der Staubflamme. Wir saßen ab, stülpten blitzschnell den Adlern ihre Leder- hauben wieder über den Kopf, wetzten ein bißchen getrockne- tes Schaffleisch um ihre Krummschnäbel und erwürgten den alten und den jungen Wolf, zogen ihnen die Felle ab und ließen die Kadaver als Lockspeise liegen. Als der halbe Tag vorüber war, hatten wir sieben Felle. Das war viel und außergewöhnlich, aber da wir weiter als sonst in die Steppe geritten waren, hatten wir uns sowieso reichere Beute erhofft. Wir wollten gerade die Pferde wenden, um unser Ordu noch vor Sonnenuntergang zu erreichen, da sprengten vier Reiter in die Schlucht, Männer mit spitzen Filzhüten, wie wir sie selber trugen; auch ihre Röcke waren so lang, farbig und gut wie die unsrigen. Bogen hatten sie und die Köcher voll Pfeile. Sie hielten an. Zwanzig Schritt vor uns. Die Leiber ihrer schweißnassen Pferde glänzten. Der auf dem Schimmel schrie: „Was treibt ihr hier?“ „Das seht ihr an unseren Adlern und Wolfsfellen“, antworte- te Temudschin.

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„Dann gehört die Schlucht und das Land dahinter zu eurem Ordu?“ „So ist es!“ „Und wem gehört das Ordu?“ „Temudschin!“ „Und wo ist Temudschin?“ „Im Zelt seiner Gemahlin.“ Sie flüsterten miteinander, lachten, und der Mann auf dem Schimmel fragte: „Er hat geheiratet?“ „Könnte er sonst im Zelt seiner Gemahlin sein?“ „Und wie weit ist es bis zu seinem Ordu?“ „Ihr seid unhöflich, Fremder!“ antwortete Temudschin. „Ihr stellt uns Fragen über Fragen, als wäret ihr in eurem Ordu und hättet das Recht, uns zu verhören! Ihr seid aber auf unserem Gebiet, also ist es uns erlaubt, euch zu fragen, wer ihr seid und woher ihr kommt.“ „Das mag sein“, sagte der andere gleichgültig, „aber unser Oberhaupt hat uns gesandt zu fragen, und es hat uns nicht gesandt zu antworten. Also halten wir uns daran.“ „Wenn es so ist, weiß euer Oberhaupt auch, daß wir euch nicht als Gäste empfangen werden. Und Kundschafter behan- deln wir so, wie ihr sie behandelt und wie es das Gesetz der Steppe seit alters her vorschreibt.“ „Wir sind vier!“ „Womit ihr sagen wollt, daß wir nur drei sind! Ich weiß es, Fremder!“ „Also?“ „Bleibt ruhig! Nehmt weder eure Hände von den Zügeln der Pferde noch eure Blicke von uns. Tut ihr es doch, lasse ich meinen Adler von der Faust fallen, fällt er von meiner Faust, werden euch, noch bevor der Adler das Gras berührt hat, vier Pfeile treffen und eure Rücken durchbohren!“ „Ihr wollt uns täuschen“, sagte der Mann auf dem Schimmel. „Als wir in die Schlucht ritten, haben wir keinen außer euch

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gesehen.“ „Wenn ihr so furchtlos seid, wie ihr vorgebt, dreht euch um. Die Wahrheit meiner Worte wird euch von den Pferden werfen!“ Sie berieten sich. Steif und starr saßen sie in den Sätteln, rührten keine Hand und kein Auge. Nur die Pferde schüttelten ihre Köpfe wegen der lästigen Fliegen, die um Maul und Nüstern krochen. Und sie berieten sich lange, die Fremden. Anfangs sprachen sie leise miteinander, wurden dann aber lauter, und wir hörten, daß sie sich stritten. Ihr Anführer hatte nämlich verlangt, daß sich nur einer umschaue, aber keiner wollte der eine sein. Auch wir saßen erwartungsvoll auf den Pferden und er- forschten aufmerksam in den fremden Gesichtern die Gedan- ken; denn die kleine Überlegenheit, die uns Temudschin mit seiner List verschafft hatte, konnte durch die geringste Unachtsamkeit verloren sein. Drehten sie sich wirklich um, mußten wir die Bogen gespannt und die Pfeile aufgelegt haben, noch bevor die Kundschafter triumphierend über uns herfallen konnten. Sie stritten noch. Und je länger sie stritten, desto größer wurde für uns die Gefahr, den entscheidenden Augenblick nicht zur rechten Zeit zu erkennen. „Wir sehen, ihr seid nicht so furchtlos, wie ihr vorgegeben habt“, sagte Temudschin, und er sagte es wohl, um sie anzusta- cheln und zu reizen, damit sie doch noch ihre Köpfe nach hinten drehten. Sie schwiegen, schwiegen und rührten sich nicht. Temudschin befahl ihnen, die Bogen, Pfeile und Schwerter seitwärts ins Gras zu werfen. Und sie warfen Schwerter, Pfeile und Bogen gehorsam ins Gras. Temudschin befahl ihnen, uns zehn Schritt entgegenzukom- men und von den Pferden zu steigen.

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Und sie kamen uns gehorsam zehn Schritt entgegen, und während sie gehorsam von den Pferden stiegen, jagten wir mitten in sie hinein wie der Sturm; mit Geschrei preschten wir dazwischen, faßten nach den Zügeln und rissen die Pferde mit, schlugen die Pferde und hörten hinter uns den Ruf: „Das war Temudschin! Temudschin! Das kann nur Temudschin gewesen sein!“ Als wir aus der Schlucht waren und die Hufe in der offenen Steppe donnerten, ritten wir eine Zeitlang nach Westen, dann nach Süden und erst nach Osten, als uns die vier, die sicher mit großen Augen auf dem Hügel lagen, nicht mehr wahrnehmen konnten. Das Ordu erreichten wir jetzt bei Dunkelheit und nicht vor Sonnenuntergang, wie es unser Wunsch gewesen war. Temudschin lud uns in sein Zelt. Die alte Magd Choacht- schin kniete vor dem Feuer. Er schickte sie hinaus, die Weißhaarige, die gute Alte, und sagte ihr, sie solle doch zu Mutter Wolke gehen und sie ein wenig unterhalten. Draußen brach der Wind auf, rüttelte an unserem Zelt. Aus dem Feuer sprühte Glut. „Wir haben sie mit List geschlagen und ihnen die vier Pferde weggenommen“, sagte Temudschin, aber es klang nicht froh. Und ich fügte hinzu: „Sie werden ihrem Oberhaupt nichts berichten können; denn ein Mann ohne Pferd in der Steppe ist ein toter Mann.“ „Und was haben wir gewonnen?“ fragte Boghurtschi. „Nichts“, antwortete Temudschin. Und ich sagte zu ihnen: „Nein, gewonnen haben wir nichts. Man schickt Späher und Kundschafter in unsere Nähe, aber wir wissen nicht ihre Namen und woher sie kommen. Wir haben zwar unser Leben gerettet, aber wir wissen nicht, ob wir morgen noch leben werden; denn wer Kundschafter und Späher schickt, kommt eines Tages selber.“ „Du hast recht, Chara-Tschono.“

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„Vielleicht waren es doch Tai-Tschuten?“ „Nein, Boghurtschi“, sagte Temudschin und meinte, wenn es Tai-Tschuten gewesen wären, hätten sie ihn sofort erkannt. Wir hockten eine Weile schweigend auf unseren Fellen und hörten auf den Wind. Am Flußufer brachen Äste. Der Strom rauschte, und sein Wasser klatschte gegen die Felsen. „Wir senden vier Männer vor das Ordu“, sagte Temudschin. „Sie mögen es umreiten, am Tage und in der Nacht, und wenn der Feind anrückt, sollen sie uns warnen. Geschieht das rechtzeitig, werden wir Zeit finden, uns in das Walddickicht zurückzuziehen. Und in die Schluchten des heiligen Burkan- Kaldun ist uns noch keiner gefolgt.“ „Du willst vor dem Feind fliehen, Temudschin?“ „Du willst mit ihm kämpfen, Boghurtschi?“ „Bis zur letzten Jurte, bis zum letzten Pfeil, so lange, wie meine Augen sehen und meine Hände voller Kraft sind!“ „Sie werden mit einer Übermacht kommen, Boghurtschi“, sagte ich. „Ich habe das Lachen, das höhnische Lachen der Tai- Tschuten noch in den Ohren, als sie unser kleines Ordu überfielen.“ „Ich bin zu Temudschin gekommen, um zu kämpfen, nicht um zu fliehen“, antwortete Boghurtschi. „Kämpfen will ich und – wenn es sein müßte – sterben!“ „Und wenn es nicht sein müßte?“ Temudschin neigte seinen breitschultrigen schweren Körper zu Boghurtschi hinüber. Sie stießen fast mit den Köpfen aneinander. „Gehört es nicht zum Kampf, wenn wir ihnen geschickt ausweichen? – wenn wir ihnen den leeren Platz zurücklassen, die gelben Flecke, wo unsere Jurten gestanden haben? Oder sollen wir sterben, sollen unsere Frauen und Kinder niedergemacht werden und unsere Jurten und Zelte verbrennen, weil wir schwächer sind und trotzdem kämpfen wollten? Während die einen um uns trauern und die anderen sich freuen, wird der Wind unsere Asche in den Kerulon treiben. Aber was haben wir davon, Boghurtschi?

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Deine Gedanken sind übereilt und ohne Sinn. Wenn wir tot sind, wer wird uns rächen?“ Temudschin hatte sich in Zorn geredet, aber er hatte wahr gesprochen, und er sprang erregt auf, sagte: „Komm, Chara- Tschono!“ Wir ließen Boghurtschi mit seinen übereilten Gedanken allein und traten vor das Zelt, gingen über den Platz und zwischen den Jurten, den weißen langen Reihen, die hell gegen den finsteren Wald standen. Kein Mond schien, und um den Burkan-Kaldun raste der Sturm, dröhnte in Schluchten und Wipfeln. Temudschin bestimmte die vier Männer, die das Ordu in einem weiten Kreis umreiten sollten. Und er sagte ihnen:

„Meldet ihr uns den Feind zu spät, seid ihr am Tode eurer Frauen und Kinder schuld, und eure Jurten und Zelte und Karren werden in Rauch aufgehen. Meldet ihr uns den Feind früh genug, werdet ihr eure Frauen und Kinder drüben in den Steinhöhlen des Burkan-Kaldun wieder umarmen können.“ Dann ließ Temudschin einige Boten kommen, denen er aufgab, in die Zelte zu gehen und den Bewohnern zu sagen, was kommen würde und wie sie sich zu verhalten hätten, wenn das Zeichen gegeben werde. Als wir in das Zelt zurückkehrten, sagte Boghurtschi, der einsam am Feuer saß, halblaut: „Verzeih mir, Temudschin, ich habe in der Stille überlegt und gefunden, daß deine Worte bedacht und meine unbedacht waren. Verzeiht mir, Temud- schin und Chara-Tschono, ich habe meinen Eifer über eure Gedanken erhoben.“ Temudschin reichte Boghurtschi eine Schale heißen Tees, und auch mir reichte er eine, und so tranken wir aus den weißen Porzellanschälchen heißen Tee, aus jenen Schalen, die Mutter Wolke damals für Salz bei dem reichen Händler eingetauscht hatte. Temudschin saß versonnen vor dem Feuer, schlürfte den Tee,

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schwieg und schwieg, und vielleicht hatte Boghurtschi eine Antwort von ihm erwartet; denn er war noch so traurig wie zuvor. Aber ich sah, auch Temudschin war niedergeschlagen. Vorsichtig fragte Boghurtschi: „Nimmst du, Temudschin, meine Reue nicht an, die aus tiefem Herzen kommt?“ Erschrocken blickte Temudschin auf. „Aber, Boghurtschi, ich hatte dir schon verziehen, als du meine lange Rede still entgegengenommen hast. Warum ich jetzt so traurig bin, ist dies: Ich sorge mich um meine Borte!“ Er setzte die Teeschale auf ein buntbemaltes Schränkchen. „Überlegt: Der Mann auf dem Schimmel fragte mich in der Schlucht: ‘Wo ist Temudschin?’“ „Das fragte er“, meinte Boghurtschi. „Und ich antwortete: Im Zelt seiner Gemahlin!“ „So war es, Temudschin“, bestätigte ich. „Und was taten sie?“ „Sie lachten und flüsterten miteinander!“ „Ja, Chara-Tschono, sie lachten und flüsterten miteinander, und der Mann auf dem Schimmel sagte, indem er falsch lächelte: ‘Er hat geheiratet?’“ „Worauf du gesagt hast: ‘Könnte er sonst im Zelt seiner Gemahlin sein?’“ „Ja, das habe ich gesagt, Chara-Tschono!“ „Und erst dann fragten sie“, bemerkte Boghurtschi, „wie weit es bis zu unserem Ordu wäre.“ „Sie wollen mich töten und Borte mir rauben“, sagte Temud- schin. „Aber es waren doch keine Tai-Tschuten“, meinte Boghurt- schi. „Du hast es gesagt, Temudschin.“ „Nein, Tai-Tschuten waren es nicht; denn die Tai-Tschuten wollen nur mich, um über euch herrschen zu können und um sich zu erheben über alle, die meinem Vater untertan waren, aber die vier waren, wie ich jetzt fest glaube, von den Merki- ten. Meine Oelön Eke, Mutter Wolke, ist eine Merkitin. Mein

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Vater Jessughei raubte sie eines Tages, als sie noch ein Mädchen war, und vermählte sich später mit ihr. So sollte es mich nicht wundern, wenn heute die Merkiten kämen, um mir meine Gemahlin, die Borte, zu rauben und mich zu töten. Nur so vermag ich die Fragen der Kundschafter in der Schlucht zu verstehen.“ Wir trennten uns. Der Sturm hatte nachgelassen, als ich zu meiner Jurte schritt.

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Der schwarze Zobelpelz

Über Nacht war Schnee gefallen und ab Mittag Regen, feiner, dünnfädiger Regen, der den Schnee wieder schmelzen ließ. Die beladenen hochrädrigen Karren standen verlassen in Pfützen. Von den Filzplanen rann Wasser, von den Bäumen tropfte es, von den Jurtendächern, und die Schafe standen dicht beieinan- der und blickten stumpfsinnig zum Wald. Keiner aus dem Ordu ging zur Jagd, und keiner ging zum Fluß, um zu fischen. Wir warteten, und wir waren gezwungen zu warten, weil wir die Herden nicht vorzeitig in den Wald treiben konnten. Jene Wächter, die wir hinaus vor das Lager gesandt hatten und die sich mit anderen abwechselten, meldeten nichts, und sie zuckten mit den Schultern oder sagten, die Steppe wäre leer und gelb, nur die Wölfe und Schakale strichen durch den Regen und lauerten ihren Opfern auf. So warteten wir auch am zweiten und dritten Tag. Am vierten befahl Temudschin den Wächtern, einen noch größeren Kreis um das Lager zu reiten und die Ebene mit ihren Tälern und Schluchten gründlich abzusuchen. Es regnete nun nicht mehr, aber es schien auch keine Sonne; denn die dicken Wolken hingen tief und trieben langsam über das Lager am Kerulon, sie verhüllten den Burkan-Kaldun, der sonst so stolz auf uns herabschaute. Am fünften Tag trabten die Wächter ermattet und erschöpft auf ihren Pferden ins Ordu. Schon von weitem ließen sie erkennen, daß sie nichts gesehen hatten, obwohl sie in alle Himmelsrichtungen geritten waren und alle Schluchten und Täler abgesucht hatten. Darauf luden einige Männer und Frauen ihre Sachen wieder von den Karren, schleppten sie in Jurten und Zelte und sagten:

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„Wer weiß, was Temudschin sich eingebildet hat. Vielleicht sind die vier fremden Reiter, denen er begegnet ist, wegen Diebstahl von ihrem Stamm ausgeschlossen worden und räubern jetzt allein in der Steppe, verbreiten Angst und Verwirrung.“ Temudschin aber riet ihnen, die Sachen auf den Karren zu lassen, die Herden zusammenzuhalten und weiter bereit zu sein. Sie glaubten ihm nicht. Als am sechsten Tag noch immer nichts geschah, luden auch die anderen Männer und Frauen ihre Truhen und Geräte wieder von den Karren, und sie lebten nun alle wieder so im Ordu, wie es vor sechs Tagen gewesen war: Sie gingen fischen, sie gingen jagen, sie versorgten die Herden. Nur die Wächter ritten weiter, wie es Temudschin befohlen hatte, draußen um das Lager. Ich fragte Temudschin: „Wartest du noch immer?“ „Ja, ich warte.“ „Und wie lange willst du noch warten?“ „Bis sie da sind, Chara-Tschono.“ Ich wunderte mich jetzt selbst, daß er noch immer so fest davon überzeugt war, nachdem unsere Wächter sechs Tage nichts bemerkt und nicht einmal ein paar Späher der Merkiten entdeckt hatten. Also lag um uns die leere Steppe, und er wartete doch. Wortkarg und verschlossen stand er unter uns, mißbilligte das Verhalten der Männer und Frauen, die seine Warnung nicht mehr achteten. Einmal, als ich mit ihm schwei- gend durchs Ordu ging, trafen wir einen Jüngling, der vor seiner Jurte saß und ein lustiges Liedchen sang. Die um ihn saßen, lachten, auch das Mädchen, dem das Liedchen galt. „Was soll das!“ schimpfte Temudschin, packte den Jüngling beim Haar, zog ihn zu sich herauf und sagte: „Wenn der Wolf heult, schweigt die Nachtigall!“ Die Leute liefen ängstlich auseinander.

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Am achten Tag brüllte die Steppe auf. Von drei Seiten flogen die Merkiten heran, in großen Scharen, und sie kamen, ohne daß wir gewarnt worden wären. Brennende Fackeln warfen sie in die Zelte, Jurten und Karren. Pfeile schwirrten wie Vogel- schwärme durchs Lager. Rauch stieg auf, Flammen blitzten aus den hölzernen Dachkränzen. Schreie. Die Herden rannten brüllend auseinander. Ich jagte mit Temudschin und Boghurtschi zum Wald des Burkan-Kaldun. „Wo ist Borte?“ rief Temudschin. Auch ihr Zelt brannte, aber wir sahen sie nicht, und wir sahen auch nicht das Pferd, das Temudschin für sie hatte bereitstellen lassen. „Wo ist Borte?“ rief Temudschin ein zweites Mal. Aber keiner antwortete. Als wir uns in einer Schlucht sammelten, und wir waren wenige, fragte Temudschin ein drittes Mal: „Wo ist Borte?“ Jetzt sagte er es leise, und keiner sah ihn an. Wir schauten hinunter zum Ordu. Eine Rauchwand lag hinter dem Lager und wälzte sich hinaus in die offene Steppe. Karren mit gebrochenen Achsen lagen schräg im Gras und brannten. Die Merkiten schleppten unsere Frauen zu ihren Pferden, zerrten sie aus eingestürzten Zelten und schlugen auf sie ein. Zu Boghurtschi sagte Temudschin: „Siehst du nun, Freund, daß die Merkiten mit neunmal soviel Männern gekommen sind, wie unser Ordu an Männern zählt? Weißt du nun, daß unsere 33 Pfeile, die wir auf einmal abschießen können, mit 297 Pfeilen, die sie auf einmal abschießen können, beantwortet worden wären?“ Boghurtschi nickte. „Wären wir nicht hierher geflüchtet“, sagte Temudschin, „lägen wir jetzt dort zwischen den Zelten wie jene, die nicht auf mich hörten. So aber sind wir ihnen ausgewichen und haben unser Leben gerettet. Also werden wir noch eines Tages

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stark sein und uns gegen sie wenden, und ich werde alle jene töten lassen, die uns hier überfallen und unsere Frauen geraubt haben.“ Darauf zogen wir mit Temudschin tiefer in das Dickicht des Berges und ließen nur einige Späher zurück, die die Bewegun- gen der Merkiten weiter beobachten sollten. Am Mittag des nächsten Tages hatten wir den Steinernen Wolf erreicht, eine große Höhle, die unser ganzes Ordu aufgenommen hätte, wäre man Temudschins Rat gefolgt. Hier blieben wir. Als uns die Späher meldeten, die Merkiten hätten dreimal den Berg umritten, mit der Absicht, Temudschin zu fangen, und wären nun wieder nach Norden abgezogen, sagte Temud- schin vor uns allen: „Durch den Burkan-Kaldun ist mir mein Leben wie das einer Laus bewahrt worden. Auf den Kaldun bin ich entkommen, um mein Leben zu schonen und, mit einem Pferd auf dem Pfade des Elches mich durchwindend, mir eine Hütte aus Weidenruten zu bauen. Durch den Burkan-Kaldun ist mein Leben beschützt worden. Ich habe große Angst ausge- standen. Den Burkan-Kaldun aber will ich jeden Morgen durch Opfer ehren, jeden Tag will ich ihn anbeten. Meine Kinder und Kindeskinder sollen dessen eingedenk sein!“ So stiegen Temudschin, Boghurtschi und ich auf den Gipfel des Burkan-Kaldun. Wir entledigten uns der Gürtel, legten die Mützen ins Gras und fielen neunmal auf die Knie, dankten dem Ewig blauen Himmel. Unten im Ordu beweinten die alten Frauen ihre geraubten Töchter. Der Rauch war verweht, aber die Asche noch warm. Temudschin suchte Borte; obwohl er wußte, daß er sie nicht finden würde, suchte er, suchte in den verbliebenen Jurten und Zelten, fand sie aber doch nicht. Bald fiel wieder Schnee. Diesmal blieb er liegen und deckte die zerbrochenen Karren, verbrannten Jurten und toten Schafe zu. Auch der Kerulon erstarrte unter dem Eis, so daß wir mit Axt und Angel fischen gehen mußten. Doch die Beute war

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gering. Unsere Pferde magerten ab. Wir alle litten Hunger. Der Winter war lang. Schneestürme rasten brüllend durchs Tal. Wir saßen dann in den Jurten dicht beieinander, still und traurig. Jetzt sang auch keiner mehr im Ordu; denn die Kälte und der Hunger hatten uns die Lieder aus den Herzen gerissen. Wenn wir sprachen, sprachen wir vom Frühling, wenn wir träumten, träumten wir vom Frühling. Und einmal, es mochte um die Mitte des Winters sein, sagte Temudschin: „Heute leiden wir, denkt aber wie ich an morgen, an den Tag, wo wir uns an den Merkiten rächen werden.“ Wir sahen ihn verwundert an, und es waren nicht wenige, die ihm nicht glaubten. „Erkläre uns das näher“, sagte Boghurtschi. Und Temudschin meinte: „Erinnert ihr euch, was ich sagte, als ich meine Braut Borte heimgeführt hatte? Ich zeigte euch damals den großen, schwarzen Zobelpelz, den mir mein Brautvater als Morgengabe überreicht hatte, und ich sagte euch, dieser kostbare Zobelpelz, dieser Mantel ist mehr wert als unser Ordu zusammengenommen. Und ich sagte weiter, daß ich diesen kostbaren schwarzen Pelz dem Oberhaupt der Keraiten, dem Toghrul-Chan, bringen würde; denn er war der Freund meines Vaters, und wer mit meinem Vater Freund- schaft geschlossen hat, ist doch so gut wie mein Vater. Und ich habe damals mit Chara-Tschono dem Keraiten-Chan, der, wie ihr wißt, sein Lager im Schwarzen Walde an der Tula hat, diesen fürstlichen Mantel aus Zobel überbracht. Und ich habe dem Keraiten-Chan gesagt: In früheren Tagen hast du mit meinem Vater Jessughei Freundschaft geschlossen. Da bist du also wie mein Vater, und so bringe ich dir als Wahlsohn das Geschenkkleid meiner Hochzeit.“ „Und was antwortete der Keraiten-Chan?“ fragte Boghurt- schi. „Zum Dank, so sagte er, für den schwarzen Zobelpelz, will ich dir einmal dein Volk, das sich von dir getrennt hat, wieder zuführen. Zum Dank für den Zobelpelz will ich dir dein

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zerstreutes Volk wieder zusammenbringen. Ich will dir anhangen wie die Brust am Halse. Das also hat er mir verspro- chen. Und deshalb sagte ich vorhin: Heute leiden wir, denkt aber wie ich an morgen, an den Tag, wo wir uns an den Merkiten rächen werden.“ Meine Jurte war erhalten geblieben, doch ich war nicht mehr allein, sondern teilte meinen Herd mit Temudschin, der alles, alles verloren hatte, seine Mutter Wolke, seine Gemahlin Borte, sogar die alte weißhaarige Magd Choachtschin hatten die Merkiten verschleppt. Der Winter währte noch lange, und je länger er währte, desto mehr litten wir. Am schlimmsten waren wohl die Nächte, die endlosen Nächte ohne Mond, ohne Vogelschrei, ohne Glück, in denen wir wachten und in unser Feuer starrten. Der Schneesturm schlug zu, erbarmungslos warf er sich gegen die Jurte, zerfetzte mit seinen Eiszähnen den Filz, hieb gegen die Zeltstäbe, die wir mit nackten Händen umklammerten und stützten. In solchen Augenblicken vermochten wir uns nur selten anzuse- hen; denn wir hatten Gesichter wie wilde Tiere. Und war dem Schneesturm endlich der Atem ausgegangen, heulten die gierigen Wölfe im Ordu, witterten Beute in den verwehten Jurten und fielen über die Schlafenden her, die der Hunger ermattet hatte. Temudschin und ich knieten mit den Dolchen in den Fäusten auf den Fellen und horchten. Einmal schob eine große graue Wölfin ihren zottigen Schädel furchtlos durch den Zeltvorhang und blieb stehen, schaute ins Feuer, schaute zu Temudschin, schaute zu mir, als hätte sie nichts Böses im Sinn. Wir aber hockten wie erfroren vor der Bestie. Sie stand zur Hälfte draußen und zur Hälfte drinnen, hob den mächtigen Kopf und stieß ihr schauderhaftes Geheul gegen die verrußte Decke des Zeltes. Sie tatzte einen Schritt näher, behutsam und lautlos. Das Feuer blitzte in ihren Augen, und ihr neugieriger Blick galt auch mehr dem Feuer als uns.

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Und noch einen Schritt ging sie auf uns zu, so behutsam und leise wie den anderen, so zögernd und unentschlossen wie den ersten. Auf ihrem Fell schmolz der Schnee und verwandelte sich in unzählige glitzernde Wasserperlen, die nun, da sie wuchsen und wuchsen, vom Pelz rollten. Aber sie rollten auch in ihre weitgeöffneten Augen, und so sah es jetzt aus, als weine die große graue Wölfin. Plötzlich schüttelte sie sich. Und in dem Moment fuhren wir mit den Dolchen ins Feuer und schleuderten ihr die Glut entgegen. Sie sprang in den Funkenregen hinein, machte einen Satz gegen die Zeltdecke, drehte sich auf den Hinterbeinen und schlüpfte winselnd nach draußen. So erwarteten wir Nacht für Nacht kniend oder hockend den Morgen, legten uns erst schlafen, wenn wir unsere Jurte wieder ausgebessert hatten und die Sonne über die schwarzen Zedern am Fluß geklettert war. Nachmittags jagten wir im Dickicht; doch auch die Tiere litten Hunger, waren scheuer als sonst und hatten sich in die Tiefe des Waldes zurückgezogen, wo sie wie wir in ihren Verstecken auf die besseren Tage warteten oder verendeten. Oft kehrten wir ohne Beute heim. Es gab Tage, an denen wir kein Wort wechselten. Ich, der ich sowieso etwas von der Schweigsamkeit meines weisen Vaters geerbt hatte, sorgte mich mehr um Temudschin, der nun nicht mehr vom Morgen redete und auch nicht mehr von der Rache gegen die Merkiten. Manchmal schien es mir, als läge der Überfall so weit zurück, und mein Freund sei inzwischen derart geschwächt, daß er den Frühling herbeisehnte, um am Leben zu bleiben, aber nicht, um gegen den Feind loszuschlagen; denn in der bitteren Not werden die Wünsche kleiner. Jeden Tag schnitt Temudschin eine Kerbe in den Senkrecht- stab der Jurte und vermerkte das Steigen der Sonne. Schien sie zwei oder gar vier Tage nicht, sprang am fünften der goldene

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Finger ein schönes Stück nach oben und über die alte Kerbe weit hinaus, den Raum bis zum Zeichen des Frühlings verkür- zend, das mein Freund als Stern ins Holz geritzt hatte. Als ich Temudschin eines Tages fragte, ob er immer noch gedenke, zu Toghrul-Chan im Schwarzen Walde an der Tula zu reiten, um an das Versprechen zu gemahnen und ihn vor allem zu bitten, uns gegen die Merkiten Hilfe angedeihen zu lassen, rötete sich das Gesicht Temudschins vor Zorn. Er sprang auf, packte die Feuerzange, warf sie wieder hin und sagte: „Ich denke daran, Chara-Tschono, und ich habe immer daran gedacht, auch als der Schneesturm brüllte, der Wolf heulte, die Jurte schwankte, die Zeltstäbe brachen und der Hunger unsere Worte im Hals erdrückte. Schneide ich mit dem Messer meine Kerben in den Senkrechtstab, töte ich in Gedanken einen Merkiten, und jedes Stück, das die Sonne höher steigt, ist ein Stück des Wegs zu meiner Gemahlin Borte, die mehr als wir ertragen muß; denn der Wind treibt ihre Klagen an mein Ohr, und die Flocken des Schnees sind ihre gefrorenen Tränen, die sie auf fremden Kissen aus Seide und Brokat weint. Wie könnte ich da, lieber Chara-Tschono, nicht mehr an das denken, was ich mir geschworen habe, als das Unglück uns niederzwang?“ Der Frühling kam spät in diesem Jahr. Und das dicke Eis des Kerulon taute nur langsam. Als es aber dann doch krachend zersprang und der Donner im Tal widerhallte, liefen wir alle hinunter zum Fluß, schauten in die gelbbraune Flut, wie sie peitschte und spritzte, stieg und fiel, mächtig um sich schlug, wie sie das Eis zermalmte, alles mit sich riß, was schwächer war. Und wir blickten dem davonschwimmenden Eise nach, still und nachdenklich, als nähme es auch das Leid der vergangenen Monate mit, hinauf nach Norden, wo die Merki- ten ihre Lager hatten. Bald erwachte auch wieder das Gras, und das Gras wuchs auch aus der grauen Asche der verbrannten Jurten und Zelte.

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Auf den zerbrochenen Karren saßen die kleinen bunten Vögel und sangen. Unsere abgemagerten Pferde weideten im Ufergras, das schon dicht und fett in der Sonne stand. Dann kam der Morgen, an dem wir zum Schwarzen Walde an der Tula aufbrachen. Es war ein lieblicher Tag, als wir zum erstenmal wieder hinaus in die Steppe ritten. Der Toghrul-Chan empfing uns in seiner weiten Jurte, die mit prächtigen Teppichen ausgelegt war und in der niedrige rote Tischchen standen, um deren Beine sich vergoldete Ranken schlangen. Durch den Dachkranz fiel der Sonnenschein auf das braune Gesicht des Oberhauptes der Keraiten. Er blickte würdig, und bevor es gestattet war zu sprechen, tranken wir alle eine Schale Milch. Er setzte sich. Und danach setzten auch wir uns. Temudschin sagte: „Von den drei Merkiten-Stämmen sind wir unversehens überfallen und unserer Frauen und Kinder beraubt worden. Wir kommen mit der Bitte: Oh, mein fürstli- cher Vater, verschaffe uns unsere Frauen und Kinder wieder.“ Der Chan antwortete: „Habe ich es dir neulich nicht gesagt? Als ihr mir den Zobelpelz brachtet, sagtet ihr, da ich zur Zeit des Vaters mit ihm Freundschaft geschlossen hätte, sei ich wie der Vater. Also bist du, Temudschin, mein Wahlsohn. Und als ich mir den Pelz anlegen ließ, sagte ich: Zum Dank für den Zobelpelz, deinem Hochzeitsgeschenk, will ich dir dein zerstreutes Volk wieder zusammenbringen. Zum Dank für den schwarzen Zobelpelz will ich dir dein Volk, das sich von dir getrennt hat, wieder zuführen. Ich will dir anhangen wie die Brust am Halse. Habe ich nicht so gesagt? So komme ich jetzt auf jene Worte von mir zurück. Zum Dank für den Zobelpelz will ich dir deine Gemahlin Borte wieder verschaffen, und wenn ich alle Merkiten vernichten müßte. Zum Dank für den Zobelpelz will ich dir deine Gemahlin Borte wieder zurückho-

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len, und wenn wir sämtliche Merkiten erschlagen müßten! Schicke du dem jüngeren Bruder Dschamucha eine Botschaft. Der jüngere Bruder Dschamucha wird bei dem Flüßchen Chorchonach weilen. Ich werde von hier mit zwanzigtausend ins Feld ziehen, als linker Flügel. Der jüngere Bruder Dscha- mucha soll auch mit zwanzigtausend ins Feld ziehen, als rechter Flügel. Der Zeitpunkt für unser Unternehmen soll von Dschamucha bestimmt werden.“ Temudschin umarmte das Oberhaupt der Keraiten und sagte:

„Ich danke dir, Toghrul-Chan, dir, der du der Vater meiner Wahl bist. Dein Versprechen hat mich am Leben erhalten, als der Schneesturm brüllte, der Wolf heulte, die Jurte schwankte, die Zeltstäbe brachen und der Hunger unsere Worte im Hals erdrückte.“ Wir ritten zurück. Das rote Feuerkraut loderte bereits aus den langen Gräsern, und die warmen Frühlingswinde hatten die Erde schon wieder getrocknet und rissig gemacht. Unser Weg war weit. An den Nachmittagen legten wir uns erschöpft in den Schat- ten eines Berges und ruhten, um für die Nacht frisch zu sein. Jedes Jahr fand ich die Steppe von neuem schön. Ich liebte sie, liebte sie mit ihren wogenden Halmen, den zarten Blumen, die der warme Wind zärtlich streifte, mit den Kiebitzen, die so wehmütig klagten, den Feldhühnern und Kolkraben, den Adlern, die stolz und reglos auf einem Stein saßen, als wären sie selber aus Stein, und mit den flinken Zieselmäusen, die pfeifend umherhuschten und in ihre Löcher schlüpften. Während wir im Schatten eines Berges ruhten, lauschte ich gern den unzähligen Stimmen der Steppe. Sie erzählten so viel; denn jede Stimme war Leben und jedes Leben bedroht, also klagten die Stimmen oder jubelten, schrien vor Freude oder stöhnten vor Schmerz. Temudschin hatte mir einmal erzählt, daß er als Kind bei den Chungiraten erzogen worden sei und

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dort Leute kennengelernt habe, die imstande waren, geheim- nisvolle Schriftzeichen zu verstehen. Er nannte es Lesen. Ich vermag nicht zu lesen und nicht die geheimnisvollen Schrift- zeichen zu verstehen, aber die unzähligen geheimnisvollen Laute, die die Steppe erfüllen, weiß ich richtig zu deuten. Meist ruhten wir so lange, bis der große Stern am Abend aus dem Grase stieg, blaßgrün oder violett, doch jedesmal mischte sich ein rötliches Blitzen in sein Funkeln, als träfe ihn ein letzter Sonnenschimmer. Zu dieser Stunde brachen wir gewöhnlich auf und ritten in die Nacht. Nach Tagen gelangten wir wieder in unser Ordu und trugen die gute Botschaft unter dessen Bewohner. Temudschin, der noch in meiner Jurte wohnte, sagte: „Willst du, Chara-Tschono, dem Dschamucha die Nachricht von seinem älteren Bruder Toghrul bringen?“ Ich schlug es nicht ab, denn auch ich wünschte von Herzen, daß mein Freund seine liebliche Gemahlin Borte bald zurück- bekam. „Dann reite zu Dschamucha, sage ihm, was der Toghrul- Chan bestimmt hat. Sage ihm auch, von den drei Merkiten- Stämmen bin ich heimgesucht, mein Bett ist mir geräumt, und von meiner Brust ist mir die Hälfte fortgerissen worden.“ Temudschin gab mir seine Brüder Chasar und Belgutai mit. Wie der Wind jagten wir durch die Täler und über die Hügel, durch die Schluchten und über die Pässe, hin zu Dschamucha, und überbrachten ihm die Botschaft, worauf er antwortete:

„Daß dem Freunde Temudschin sein Bett geräumt wurde, habe ich erfahren, und das Herz schmerzte mir. Ich habe erfahren, daß ihm die Hälfte von der Brust fortgerissen wurde, und meine Leber schmerzte mir. Um unsere Rache auszutragen, wollen wir die drei Merkiten-Stämme, Uduyt, Uwas und Cha’at, vernichten und unsere Borte retten. Jetzt weilt der eine Häuptling, Tochto’a, auf der Kamelhengststeppe Bu’ura ke’ere, dieser Mann, der beim Klopfen des Sattelfilzes in

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Furcht gerät, weil er es für den Ton der Pauke hält. Dair usun, der zweite Häuptling, weilt jetzt auf der Insel Talchun zwi- schen den Flüssen Orchon und Selengge, dieser Mann, der hochschreckt, wenn nur die bedeckelten Köcher wackeln und klirren. Und Cha’atai darmala, ihr dritter Häuptling, weilt jetzt in der Eislochsteppe, dieser Mann, der in den Schwarzen Wald hetzt, wenn nur das Salzkraut im Winde weht. So wollen wir also geradenwegs quer über den Kilcho-Fluß mit einem Floß aus Borstengras hinübersetzen und vordringen. Wir wollen bei jenem schreckhaften Tochto’a oben in die Dachluke einsteigen und ihm seinen Hauptzeltträger umstoßen. Seinen heiligen Zeltträger wollen wir durchbrechen und sein ganzes Volk rauben, bis der Platz leer ist.“ Dschamucha machte eine Pause, trank einen Schluck Milch- tee und sagte dann weiter: „Sprich, Chara-Tschono, zu dem Freunde Temudschin und zu meinem älteren Bruder Toghrul- Chan so: Ich, Dschamucha, habe hier die weithin sichtbare Yakflagge geweiht. Meine mit der Haut eines schwarzen Stiers bespannte Pauke mit sattem Klang habe ich gerührt. Meinen schwarzen Renner habe ich bestiegen. Mein festes Wams habe ich angetan, meine harte Lanze ergriffen. Meine Pfeile mit Pfirsichbaumrinde habe ich eingekerbt. So wollen wir gegen die Merkiten in den Kampf ziehen, und zwar sogleich. Wiederhole, Chara-Tschono!“ Als das geschehen war, sagte er: „Wir wollen es so ausma- chen: Wenn mein älterer Bruder Toghrul-Chan ins Feld rückt, passiert er den Freund Temudschin an der Front des Burkan- Kaldun, und wir machen als Treffpunkt die Onon-Quelle aus. Ich aber rücke von hier ins Feld den Onon-Fluß aufwärts und habe Leute des Bruders hier bei mir. Dann wollen wir, eine Zehntausendschaft aus dem Volke des Bruders und ich von hier mit einer Zehntausendschaft, das macht zwei Zehntau- sendschaften, den Onon-Fluß hinaufziehen und uns mit euch an der Onon-Quelle vereinigen.“

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Dschamucha schenkte einem jeden von uns einen lederbezo- genen Panzer und ein Krummschwert für Temudschin.

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Die Rache

Wir saßen am Ufer. Das war am Morgen des Tages, an dem Toghrul-Chan mit seinen zweimal zehntausend Kriegern am Burkan-Kaldun eintreffen wollte. So hatten wir es einander versprochen. Die Pferde waren gesattelt; zwischen Sättel und Pferderük- ken hatten wir das Fleisch gelegt, unsere Köcher waren voll Knochenpfeile, Schwerter, Lanzen und Messer geschärft. Die wenigen Karren standen beladen auf dem Platz, um sie herum die alten Frauen, die hofften, ihre Töchter bald wiederzube- kommen. Sooft wir auch hinüber zur Steppe sahen, Toghrul-Chans Leute sahen wir nicht. Als die Sonne zum zweitenmal untergegangen war und wir noch immer wartend dasaßen, meinte Temudschin so leise zu mir, daß es die anderen nicht zu hören vermochten: „Das ist Toghrul-Chans Preis für die Hilfe, die er uns angedeihen läßt. Er stammt nicht aus so vornehmem Geschlecht wie ich, aber er hat jetzt die Macht und will mir mit seiner Unpünktlichkeit sagen, daß er trotz seiner geringeren Herkunft über mir steht.“ Ich dachte an die Worte meines toten Vaters, der gesagt hatte: Eine Freundschaft kann man nur unter gleichen schlie- ßen, nicht, wenn einer höher und der andere tiefer steht. Und ich sagte zu Temudschin: „Dann ist es doch so: Er, der geringerer Herkunft ist, aber die Macht hat, hilft dir, der vornehmerer Herkunft ist, aber keine Macht mehr hat.“ „So ist es, Chara-Tschono!“ „Und weshalb hilft er dann, Temudschin?“ „Weil auch er dabei gewinnt!“ „Aber auch du gewinnst dabei. Muß er da nicht fürchten, daß deine Macht zunimmt?“

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„Sicher! Aber er wird immer darauf bedacht sein und darauf achten, daß meine Macht nicht über die seine hinauswächst und daß meine Macht die seinige stützt.“ „Das kann ein Wunsch sein, Temudschin!“ „Das wird ein Wunsch bleiben, Chara-Tschono!“ Temud- schin sprang auf, trat an den Fluß und blickte zu den hohen Bäumen auf. Ich folgte ihm, trat wieder an seine Seite. Schweigend gingen wir am Ufer entlang, stiegen durch das hohe Gras und über die Steine. Möwen glitten tief am dunklen Walde hin, kreischten und ließen sich auf einem Felsen mitten im Kerulon nieder. Ich sagte zu Temudschin: „Du hast mit guten Worten zu Toghrul-Chan gesprochen, und er sprach ebenfalls mit guten Worten zu dir. Ich wundere mich heut, daß eure Worte nicht mit euren Gedanken übereinstimmen. Erkläre mir das, Freund!“ Temudschin blieb stehen und sah mich an. Er lächelte. Und in diesem Lächeln entdeckte ich eine Spur von Mitleid. „Du hast recht, Chara-Tschono, nur“, er zögerte, ging mit mir ein paar Schritte, blieb plötzlich erneut stehen und sagte: „Mit den Worten ist es doch so: Wenn neue Gedanken geboren werden, sterben manchmal die inzwischen alt gewordenen Worte.“ Mich fror mit einemmal; obwohl die Sonne schien, fror mich. Das Entsetzen hatte mir das Blut aus dem Gesicht gesogen. Temudschin sah mich erstaunt an. „Was hast du, Chara-Tschono?“ „Nichts!“ Und das „nichts“ war so schnell aus meinem Munde ge- sprungen, daß ich es bereits bereute, als ich die Lippen noch nicht wieder geschlossen hatte. Ich wollte widerrufen, aber ich hatte nicht den Mut. Ich wollte meinen Freund fragen, aber meine Zähne öffneten sich nicht mehr. Die Furcht hielt sie zusammen. Zum erstenmal war es geschehen, daß ich Temud-

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schin meine Gedanken nicht offenbarte. Toghrul-Chans mächtiges Heer strömte erst am dritten Tag nach dem vereinbarten in unser Tal am Burkan-Kaldun. Temudschin, Boghurtschi und ich standen zwischen den schlanken Birken, wo Bortes Zelte gewesen waren. Es war erhebend zu sehen, wie die riesigen Scharen der Krieger das Tal füllten, das weite Tal mit seinen Schluchten und Hügeln. Zwanzigtausend Männer! Zwanzigtausend Pferde! Zwanzigtausend Schwerter! Und die Zwanzigtausend Lan- zen, die hoch über Männer, Pferde, Schwerter hinausragten, wogten wie die dürren Stengel des Steppengrases hin und her. Ich weiß nicht, was Temudschin beim Anblick dieser Macht dachte, doch ich schaute in seine Augen, die unablässig auf die Krieger gerichtet waren: Die Augen glänzten, sie glänzten so hell und feurig, wie ich es noch nie bei meinem Freund bemerkt hatte. Aber er sagte nichts, schlug nur plötzlich auf sein Pferd ein und ritt Toghrul mit frohem Gesicht entgegen. Wir ritten hinterher. „Ich grüße meinen Wahlvater, der mit seinem mächtigen Heer gekommen ist!“ Und Toghrul-Chan antwortete: „Ich grüße meinen Wahlsohn, dem ich seine liebliche Gemahlin Borte wieder verschaffen will.“ Temudschin tadelte den Toghrul-Chan mit keinem Wort wegen der dreitägigen Verspätung. Die Keraiten entzündeten viele, viele Feuer, schnitten Fleisch in lange Streifen und rollten es auf Stäbchen, die sie über die Flammen hielten. Aus großen Kesseln rauchte der heiße Tee. Die Krieger sangen und tanzten und scherzten. Als die Dämmerung ins Tal fiel, befahl Toghrul-Chan die Feuer wieder zu löschen, die Pferde vom Fluß zurückzuführen und aufzusitzen. Dumpf und drohend klang der Schlag der Pauken.

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Tausende Pferde wieherten. Peitschen klatschten. Und die langen Reihen der hochrädri- gen Karren rollten hinaus in die dunkle Steppe. Der Mond schien. Ich ritt neben Boghurtschi und Temudschin an der Seite des Keraiten-Oberhauptes. Gegen Mitternacht erreichten wir den Onon und am Morgen seine Quelle, wo Dschamucha mit den zwei Zehntausendschaf- ten auf uns wartete und sich mit uns vereinte. Vor Dschamuchas blauem Zelt, das in einem zartgrünen Lärchenwäldchen stand, hockten stumme Wächter, die Krummschwerter in der Hand und die Augen auf uns gerichtet. „Will uns mein jüngerer Bruder nicht empfangen?“ fragte Toghrul-Chan. Ein Krieger huschte ins Zelt. Und nachdem wir so eine Weile gewartet hatten, kam Dschamucha endlich zu uns, sah uns vorwurfsvoll an und sagte: „Haben wir nicht miteinander vereinbart, daß wir auch bei Schneesturm oder Regen nicht zu spät zum Treffpunkt kommen wollten? Gilt dem Monghol ein Ja als Eid oder nicht? Wer die Vereinbarung nicht einhielte, den wollten wir aus der Reihe schließen. So hatten wir es ausgemacht, Brüder!“ „Ich habe wie du, Dschamucha“, entgegnete Temudschin, „drei Tage auf deinen treuen Bruder gewartet, also gilt dein Vorwurf nicht mir!“ Dschamucha blickte zu seinem älteren Bruder, und der Toghrul-Chan sagte: „Dafür, daß wir drei Tage zu spät am Sammelplatz gestanden haben, soll uns Bruder Dschamucha strafen und schelten dürfen.“ Wir gingen ins Zelt, aßen fettes Fleisch von einem wilden Schwein und tranken Kumys dazu. Je mehr Trinkschalen wir zum Munde führten, desto geringer wurde Dschamuchas Ärger über die dreitägige Unpünktlichkeit; vielleicht hatte ihm sein älterer Bruder Toghrul auch insgeheim ein Zeichen gegeben,

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die Vorwürfe zu unterdrücken; denn Dschamucha sagte freundlich: „Wir sollten, da es Temudschins Rachefeldzug ist, auch unserem Temudschin den Oberbefehl über die Heere zugestehen, damit er das Unternehmen seinem Sinne nach leiten kann.“ Der Toghrul-Chan verbeugte sich und sagte, dies wären auch seine Überlegungen gewesen, und er fragte Temudschin, wie er darüber dächte. Obgleich Temudschins Augen wieder solch einen Glanz und solch ein Feuer ausstrahlten wie zu der Stunde, als die zwan- zigtausend Krieger ins Tal am Burkan-Kaldun geströmt waren, glaubte ich zu wissen, daß seine Gedanken nicht nur froh waren. Er dachte wohl: Dschamucha will mir, dem Sohne Jessugheis, den Oberbefehl zugestehen, obwohl seine Vorfah- ren nur Hammelherden über die Weiden trieben, während meine edlen Vorfahren reiche Pferde- und Rinderherden besaßen. Ein niederer Mann wagt also einem höheren Mann zu sagen, daß er ihm den Oberbefehl zugestehe, und das vermag der niedere Mann nur zu sagen, weil er im Augenblick die Macht hat und der höhere Mann aus edlem Geschlecht seiner Hilfe bedarf. Doch Temudschin entschied, wie auch ich in seiner Lage entschieden hätte; er nahm die versteckte Beleidigung hin, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Und dann: Er erniedrigte sich selbst noch vor ihnen, weil sie das wohl gern hörten, und meinte: „Gut, ich nehme an! Aber werde ich auch erfolgreich sein, wo ich noch nie über viermal zehntausend Krieger geherrscht und ein so großes Heer in den Kampf geführt habe?“ Toghrul-Chan und Dschamucha taten nun das, was ich erwartet und Temudschin sicher erhofft hatte: Sie lachten schrecklich. Daß sie aber seine Worte ernst genommen hatten, ging aus Dschamuchas Antwort hervor: „Keine Furcht! Sie ist unbegründet, lieber Freund! Sollte die Schlacht gegen die

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Merkiten eine Wende nehmen, die uns allen schaden könnte, greifen ich und mein älterer Bruder sofort ein, und der Ewig blaue Himmel wird uns unterstützen.“ Temudschin nickte. Und seine Augen glänzten abermals. Er stand auf. Und er war jetzt plötzlich ein ganz anderer Temudschin als jener, der soeben noch kleinmütig vor den Oberhäuptern der Keraiten gesessen hatte. Mein Freund warf mir einen stolzen Blick zu, der zu sagen schien: Da ist sie, meine Gelegenheit, von der ich immer geträumt habe. Während Toghrul und Dschamucha weiterhin reichlich gegorene Stutenmilch tranken, sich umarmten, küßten und ihren Dienern befahlen, einige der schönsten Mädchen aus dem Heerlager ins Zelt zu führen, damit die Stammeshäupter sich mit ihnen vergnügen konnten, schritt Temudschin aufrecht nach draußen. Einen Augenblick nur stand er mit uns in dem jungen Lärchenwäldchen, in das schräger Sonnenschein fiel. Kein Wort sagte er über das Gespräch in Dschamuchas Zelt, dem wir schweigend beigewohnt hatten. Er tat, als hätte es nicht stattgefunden, als wäre er nicht erniedrigt worden, als hätte man ihm nur aufgetragen, den Oberbefehl zu überneh- men. Inzwischen verbreiteten Toghruls und Dschamuchas schnelle Boten die Kunde im Lager, daß der Sohn Jessugheis die Schlacht leiten werde und daß alle seinen Befehlen zu gehor- chen hätten. Temudschin schickte kleinere Gruppen von Spähern zum Norden und zwei größere Abteilungen an das Ufer des Kilcho- Flusses, um Flöße zu binden. „Bei Tag Flöße binden?“ widersprach ein Anführer der Keraiten. „Wir sind gewohnt, es in der Dunkelheit zu tun. Bei Tag werden uns die Zobelfänger und Fischer am anderen Ufer erkennen und unsere Absicht mit dem Ruf ‘Der Feind kommt’ ins Hinterland tragen.“

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„Und dann?“ fragte Temudschin. „Dann wird am Abend, wenn wir mit der Hauptmacht an der Floßstelle erscheinen, am jenseitigen Ufer des Kilcho-Flusses, schon die Hauptmacht der Merkiten bereitstehen und uns vom festen Ufer aus von den Flößen schießen, mit denen wir nicht ausweichen können.“ „Du sprichst das aus“, entgegnete Temudschin, „was den Merkiten-Feinden ich zu denken aufzwinge, also ist mein Plan gut; denn ich werde zur Floßstelle nur eine Zehntausendschaft entsenden. Und während diese eine Zehntausendschaft die merkitische Hauptmacht dort auf sich zieht und bindet, sie in einen hitzigen Kampf verwickelt, werde ich mit meiner Hauptmacht von 25.000 Kriegern plötzlich in ihrem Rücken erscheinen und sie zerschmettern.“ „In ihrem Rücken?“ fragte der Anführer. „Ja, in ihrem Rücken. Schon im nächsten Augenblick reite ich nämlich an der Spitze der 25.000 nach Osten. Bei Anbruch der Dunkelheit aber schwenke ich nach Norden ein und erreiche gegen Mitternacht den Kilcho an einer Stelle, wo kein Merkite uns erwarten wird. Du hingegen wirst mit deiner Zehntausendschaft erst am Abend zur Floßstelle aufbrechen; denn dein Weg ist kürzer als der meine. Die restlichen 5000 Krieger lasse ich als Schutz hier im Lager. Hast du verstan- den?“ Der Anführer lächelte und sagte: „Dein Plan macht mir Freude! Und meine Krieger wird er erheitern. Es wird ihnen Spaß machen, den Feind so zu täuschen.“ Nun ordnete Temudschin die 25.000 Krieger so: eine Zehn- tausendschaft am linken Flügel, eine Zehntausendschaft am rechten Flügel. An jeder Flanke ritten 2500 Krieger auf besonders schnellen Rossen und schirmten weit auseinanderge- zogen das Heer gegen Überraschungsangriffe ab. Unter einer heißen Sonne wälzte sich dieser donnernde Strom von Kriegern in östlicher Richtung, und bald hing die

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Sonnenkugel wie verwelkt hinter den Staubwolken. „Der Wind bläst nach Norden!“ rief Temudschin mir zu. „Meine Borte wird diesen Staub auf ihrer Zunge schmecken und wissen, daß ich der Sturm bin, der ihn aufrührt.“ Oh, ich wußte, daß er sie noch liebte, obschon die Trennung länger gewährt hatte als das Beisammensein. Stolz ritt er auf seinem Schimmel neben mir. Seinen dunkelroten Wollumhang öffnete der Reitwind, daß er aussah wie Flügel, und mir schien, als flöge mein Freund zu seiner Borte, sorglos und leicht. Die Sonne ging unter, und die Dämmerung kam uns entge- gen, färbte uns gelb, dann grau, später schwarz, und wir schwenkten ein nach Norden. Noch vor Mondaufgang überquerten wir den Kilcho-Fluß, ohne einem Merkiten begegnet zu sein. Temudschin befahl auszuschwärmen. In der Tiefe hatten wir elf Reihen gestaffelt. So rückten wir nach Westen vor, geordnet und kampfbereit, mit Temudschin an der Spitze. Pappelhaine, dürr und hoch, flitzten lautlos an uns vorbei, Hügelketten erhoben sich und verschwanden wieder unter den Pferdeleibern. Bald schien der Mond so hell, daß wir die unzähligen Reiter wie gespenstische Schatten über die Steppe jagen sahen. Noch schwiegen die Männer, wie die Schatten schweigen, aber der grollende Donner der Hufe rollte uns weit voraus, dröhnte schon in merkitische Ohren. In der Ferne glühten Feuer auf! Das Lager! Die Zelte! „Peitscht die Pferde!“ schrie Temudschin. Und durch die Reihen lief der Ruf: „Peitscht die Pferde!“ „Werft euch in die Mähnen!“ rief Temudschin. Und durch die Reihen lief der Ruf: „Werft euch in die Mähnen!“ Ein tausendfaches „Uhuuu! – Uhuuu!“ stieg heulend zum nächtlichen Himmel; dem Sturme nacheifernd, fielen wir wie der Sturm über die Merkiten her.

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Streitäxte blitzten im Mondlicht. Krummschwerter sausten nieder. Reiter stürzten. Pfeile zischten wie Schlangen. Rosse brachen unter den Kriegern zusammen und fielen ins Gras, brüllten ihren Schmerz in die Schlacht. An der Floßstelle tobte der Kampf. Während die eine Zehntausendschaft vom jenseitigen Ufer die Merkiten-Hauptmacht fesselte, stießen wir in ihren ungedeckten Rücken und zwangen sie, die Schlacht nach zwei Seiten zu führen, wodurch sie derart zersplittert und ge- schwächt wurde, daß die Unseren vom jenseitigen Ufer jetzt unter geringeren Verlusten über den Kilcho setzen konnten. Temudschin, der unser Übergewicht erkannte und die baldige Niederlage der Merkiten voraussah, befahl einer Zehntausend- schaf, sich von der Floßstelle zu lösen und die Pferde auf das weite Lager im Hinterland zu lenken. Mit dem Ruf: „Borte! Borte!“ sprengte er uns verwegen voraus und drückte seine Leber auf die schwarze Mähne seines Schimmels, um sich vor den Pfeilen des Feindes zu schützen. Noch erhellte nur das bleiche Mondlicht die Ebene, die Jurten und Zelte, die Krieger und fliehenden Herden, aber dann warfen wir das Feuer in die Luken und Karren, und die Flammen fraßen schnell den Filz und die Zeltstangen. Funken- bündel sprühten in den Himmel und fielen wie glühender Regen wieder herab. Heiße Luft hüllte uns ein. Der Rauch entriß unseren Augen Tränen. Der Mondschein verblaßte. Obwohl die Merkiten wenig Männer im Lager zurückgelas- sen hatten, durchbohrten viele Pfeile die Leiber unserer Krieger, abgeschossen von den tapferen Frauen, die bei den brennenden Jurten knieten oder sich in Karren und Büschen versteckt hatten. Sie starben wie ihre kühnen Männer, und das Blut war so rot wie das Feuer und so rot wie Temudschins wollener Umhang, der jetzt einer Flamme gleich hinter ihm wehte, wenn er

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plötzlich aus dem Gewühl wieder auftauchte und kämpfend seine Borte rief. Als sich der Schlachtenlärm verringerte und nur noch die Sterbenden schrien, die Verwundeten stöhnten, die Verspreng- ten rachedrohend in die Steppe galoppierten, fand Temudschin endlich seine Borte. Sie wohnte in der Jurte eines Mannes namens Tschilger, eines Bruders des Merkiten-Häuptlings Tochto’a. Tochto’a selbst aber war der Gefangenschaft entgangen. Tschilger, der nun vor Temudschin stand, jammerte und sagte reumütig: „Die schwarze Krähe hat nach ihrem Los Fellfetzen als Nahrung, dabei aber begehrt sie Wildgans und Reiher zu speisen. So bin auch ich, der einfache Tschilger, für die Frau Borte entbrannt und zum Unheil für das ganze Merkiten-Volk geworden. Ich habe das Unglück über mein eigenes schwarzes Haupt gebracht. Ein gemeiner Vogel wie der Bussard hat nach seinem Los Mäuse und Feldmäuse zur Nahrung, dabei aber begehrt er Schwäne und Reiher zu fressen. So habe auch ich, der einfache Tschilger, mir die heilige, edle, schöne Gemahlin Borte verschafft und bin damit zum Unheil für alle Merkiten geworden.“ Borte saß mit einem neugeborenen Knaben im Arm auf den Kissen und schluchzte. Ihre Kleider hingen zerfetzt an ihrem schlanken Leib herab, und ihr Haar sah ungeordnet aus. Temudschin kniete vor ihr nieder, küßte sie und sagte: „Der hier steht“, und er zeigte auf den Merkiten Tschilger, „und der jetzt unserer Liebe beiwohnen soll, zetert und jammert, da ich ihn töten lassen werde, ich, der hier kniet, weint und glänzende Augen hat, weil er das Lieblichste wiedergefunden hat, was ihm von jenem da geraubt worden ist. Oh, meine Borte!“ Sie umarmten sich. Ich wandte mich ab, damit meine Augen das Glück nicht berührten. Aber gerade bei dieser zärtlichen Begegnung, in der sich

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Temudschins langes Sehnen erfüllte, sprang Tschilger an mir vorbei. Tückisch wie ein Schakal, lautlos wie ein Wolf, falsch wie eine Schlange. Doch mein Schwert tötete ihn. Und er starb wie ein Schakal, wie ein Wolf, wie eine Schlange. Da Temudschin nicht wußte, ob der Erstgeborene in Bortes Schoß sein Sohn war, sagte er behutsam: „Er soll Dschutschi heißen – der Gast!“ Und an mich gerichtet, sagte er: „Schicke einen Boten zu Toghrul und Dschamucha. Er soll ihnen so sagen: Was mir fehlte und was ich suchte, habe ich gefunden. Wir wollen nicht mehr weiterreiten und nicht den Versprengten in die Steppe nachhetzen, sondern den Rest der Nacht hier lagern.“ Am Morgen befahl Temudschin aus den Gefangenen jene dreihundert Merkiten herauszufinden, die unser Ordu am Burkan-Kaldun überfallen und unsere Frauen und Kinder geraubt oder getötet hatten. Er ließ sie hinrichten, drüben am Fluß, wo die hohen Pappeln standen. Danach gebot er, die Frauen und Mädchen mitzunehmen, die zu Gattinnen taugten, und die Männer zu behalten, die zu Dienern an der Tür paßten. So hatten wir Sklaven wie die anderen reichen Stämme. Nun wachten Diener vor der Tür des Temudschin, wie sie vor den Türen des Toghrul und des Dschamucha wachten und wie es dem Sohn Jessugheis zukam. Als die Frauen und Männer ausgewählt waren und sich alle um ihn versammelten, sprach Temudschin von einem Hügel zur Menge: „Von meinem fürstlichen Wahlvater und meinem Freund Dschamucha, diesen beiden also, bin ich als Gefährte unterstützt worden. Von Himmel und Erde wurde mir die Kraft gestärkt. Vom mächtigen Himmel bin ich gezeichnet, von der Mutter Erde bin ich hierhergebracht. Mit Mannesrache haben wir den Merkiten ihre Brüste leergemacht und ihnen ihre Leber zerrissen. Ihr Bett haben wir ihnen geräumt, und die übrigge-

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blieben sind, haben wir geraubt. Nachdem wir das Merkiten- Volk dermaßen zersprengt haben, wollen wir zurückkehren.“

Bereits in der Frühe des nächsten Tages verließen wir das Lager am Kilcho-Fluß, um uns wieder an die Quelle des Onon zu begeben. Mächtige schwarzgehörnte Yaks zogen die schweren Karren, auf die die Beute geladen war, Krieger hielten die geraubten Pferde- und Schafherden zusammen, trieben sie in dem Zug des großen Heeres über die blühende Steppe, und brach ein wilder Hengst mit seinen Stuten aus, jagten sie ihm hinterher und fingen ihn mit dem Stocklasso wieder ein. Hinter den Yakkarren liefen die Gefangenen, die Männer und Jünglinge, die Frauen und Mädchen. Lediglich die Kinder saßen auf den zweirädrigen Wagen; eingeklemmt zwischen Ballen und Kisten, schaukelten sie im Trott der Yaks herüber und hinüber. Es war heiß und staubig, und die meisten der Kinder schliefen. Unter den Gefangenen, die hinter den Karren herliefen und mehr auf deren Räder starrten als zu ihren Gefährten, fiel mir ein Mädchen auf, das als letzte in der Reihe ging. Barfüßig trippelte es über die warme Erde. Es schien auch noch nicht so müde und traurig zu sein wie die anderen Gefangenen, und seine lebhaften Augen blickten durchaus nicht nur auf die Karrenräder; nein, sein Kopf bewegte sich in einem fort; mal schaute es dem Vordermann in den Nacken, gleich darauf einem unserer Wächter furchtlos ins Gesicht, und danach blickte es in den blauen Himmel – als habe ihm dieser blaue Himmel zugeflüstert: Die Erde ist trotz des Leids, das du ertragen mußt, schön! –, bückte sich plötzlich und pflückte im Gehen eine langstielige rote Feuerlilie, brach den Stengel und steckte sich die Blüte ins schwarze Haar. Um sie besser beobachten zu können, ritt ich näher zu ihr

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heran. Sie hatte mich auch sofort entdeckt, und nun war ich ihren unerschrockenen Blicken ausgesetzt. Sie unterschieden sich nicht von jenen, die sie dem Wächter, dem Vordermann und dem Himmel zugeworfen hatte. So ritt ich eine Zeitlang still an ihrer Seite. Insgeheim freute ich mich, wenn sie plötzlich den Kopf drehte, zu mir hochsah und mich aus ihren tiefbraunen Augen anschaute. Auf ihren schwarzen Lidern lag der feine gelbe Staub, auch auf den Zöpfen, die lang über das freudlose Kleid aus grobem Leinen hinabhingen, und später lag der feine gelbe Staub sogar im Kelch der roten Feuerlilie. „Bleib stehen!“ sagte ich. Mißtrauisch gehorchte sie. Ich füllte eine Schale voll Milch und reichte sie vom Pferd herab. Sie griff danach, zögerte plötzlich, als fürchte sie, die Milch könne Gift enthalten. Aber dann trank sie doch und gab mir die leere Schale wortlos herauf. Fast glaubte ich, ein zaghaftes Lächeln in ihrem Gesicht erkannt zu haben, als sie davonrann- te, um sich ihren Gefährten, die uns nun etwas voraus waren, wieder anzuschließen. Ich sah ihr noch eine Weile nach und erfreute mich an ihrem sanften Gang und den weichen Schrit- ten. Am Abend erreichten wir die Quelle des Onon. Temudschin ließ sich das Zelt des Merkiten-Häuptlings Tochto’a errichten. Er wollte es von nun an immer bewohnen. Nachdem die Beute verteilt und der Sieg gefeiert worden war, zog Toghrul-Chan mit seinem Heer zurück zum Schwar- zen Walde an der Tula. Dschamucha aber blieb mit uns und seinen Kriegern am Onon; denn Temudschin sagte: „Ich erinnere mich gern des Freundschaftsbundes, der weit in unsere Kindheit reicht. Als ich elf Jahre alt war, hast du mir, lieber Dschamucha, den

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Spielknöchel eines Rehes geschenkt, und ich gab dir zum Tausch einen Spielknöchel, der aus Kupfer gegossen war. Und damit haben wir unsere Freundschaft besiegelt.“ „So war es“, erwiderte Dschamucha, „und im Frühling, lieber Temudschin, habe ich mir damals singende Pfeile geschnitzt, indem ich mir aus den Hörnern eines zweijährigen Rindes Spitzen zurechtschnitt, die ich durchlöcherte und an die Pfeilschäfte leimte. Solche Pfeile schenkte ich dir, worauf du mir zum Tausch und zum Zeichen der Freundschaft Pfeile mit kostbaren Zypressenholzspitzen gabst.“ „Auch das war so“, antwortete Temudschin, „und heute, lieber Dschamucha, möchte ich diese alte Freundschaft endlich erneuern, indem ich dir jetzt diesen goldenen Gürtel anlege, der vor der Schlacht dem Merkiten-Oberhaupt Tochto’a gehörte. Ferner schenke ich dir das Pferd dieses Merkiten-Häuptlings, eine Stute mit schwarzer Mähne und edlem Schweif, die mehrere Jahre nicht gefohlt hat.“ „Dann wollen wir es so wie in unserer Kindheit halten“, antwortete Dschamucha, „und so gebe ich auch dir zum Tausch jetzt den goldenen Gürtel des Merkiten-Häuptlings Dair usun und dessen Pferd, einen Schimmel, der wie ein gehörntes Widderlamm aussieht.“ Am Abend sah ich wieder das schöne Mädchen. Es ging zur Quelle des Onon und schöpfte Wasser.

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Das Mädchen Goldblume

Wir blieben nicht im Quellgebiet des Onon, sondern wanderten mit den Herden stromabwärts und fanden fruchtbare Weiden am Ostufer. Sie liefen vom Fluß hinüber zu einem See. Dahinter schoß der Wald in die Höhe und wuchs einen Berg hinauf, der wie ein Kamelrücken aussah. Schien der volle Mond, ruhte unser Ordu dunkel zwischen dem hell schim- mernden See und dem silbrigen Fluß. Wir nannten es daher das Schwarze Herz. Mehrere Tagesritte entfernt lagerte Targutai mit seinen Tai- Tschuten am Westufer desselben Flusses. Das war zwar weit, aber doch näher, als es unser Ordu im Tal des Burkan-Kaldun gewesen war. Der Ruhm Temudschins hatte sich verbreitet, und überall in den Jurten und Zelten sprach man von dem Sohne Jessugheis, der das Werk des Vaters fortsetzen werde. Natürlich hatte auch Targutai vom Sieg Temudschins über die Merkiten erfahren und davon, daß Temudschin an der Spitze der Keraiten geritten war und Dschamucha mit seinen Kriegern in unserem Ordu lebte. Wir waren um vieles mächtiger geworden, wenngleich noch nicht so mächtig wie die Tai- Tschuten. Dennoch reichte unser Ruhm aus, Targutai wissen zu lassen, daß er nun nicht mehr lachend und uns verhöhnend das Lager überfallen konnte. Manchmal sandte der Tai-Tschute einzelne Späher, verklei- det als friedfertige Jäger, die vorgaben, sich verirrt zu haben, oder die erzählten, daß sie einem anderen Stamme angehörten und rein zufällig an unserem Ordu vorübergeritten seien. So geschickt sie uns zu täuschen versuchten – und wenn Temud- schin auch ihre Lügen gläubig lächelnd entgegennahm, traute er doch keinem von ihnen. Aber er widersprach ihnen nicht, sondern behandelte sie wie Gäste, beschenkte sie wie Freunde,

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lud sie zum Mahl, trank mit ihnen. Sogar jagen ging er mit den tai-tschutischen Spähern und richtete es so ein, daß ihnen das beste Wild zugetrieben wurde. Das wunderte die verkleideten Jäger Targutais manchmal derart, daß sie in der Trunkenheit plötzlich fragten: „Wie kommt es, daß das Oberhaupt der Tai- Tschuten uns oft die kostbaren Pelze und besten Pferde wegnimmt, wo er unser Freund ist, während Temudschin uns schöne Gewänder anlegt und edle Pferde schenkt, wo er nicht unser Freund ist?“ Darauf gab Temudschin keine Antwort. Mochten sie sich an seinen Geschenken berauschen, nicht an seinen Worten; denn er war listig und wußte, ein Geschenk wirkte mehr als tausend Worte. Nachdem er die Späher so freundlich behandelt hatte, trafen ganze Gruppen bei uns ein, die vorher mehr oder weniger mit Targutai befreundet gewesen waren, und baten, bleiben zu dürfen. Mein Freund nahm sie auf, und er machte keinen Unter- schied zwischen ihnen und jenen, die schon länger im Lager lebten. So vergrößerte sich von einem Sonnenaufgang zum anderen die Zahl der Zelte und Jurten, Männer und Frauen, Pferde und Hammel im Ordu des Schwarzen Herzens, welches das größte war, das wir je besessen hatten. Obwohl seine Macht also ständig wuchs, hörten wir aus Temudschins Mund nichts, das auf die kommende Zeit gemünzt war. Kein Wort über Targutai, kein Schimpf mehr über die Stämme, die nach Jessugheis Tod das Lager von Temudschins Mutter Wolke verräterisch verlassen hatten. Wenn wir abends um das Feuer saßen, trugen die Alten Heldengeschichten vor, die Sagen der Väter und Großväter. Und in den Sagen war die Rede von einem jungen Helden, der einst kommen, alle Mongolenstämme zusammenführen und sie vereinen werde. Dann werde Friede herrschen zwischen allen Menschen, die in Jurten leben, das Blutvergießen werde

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ein Ende haben, die Frau werde nicht mehr vom Manne getrennt werden und das Kind nicht von der Mutter, und die Pferdeherden werden durch die Steppe stampfen, und es werde kein Mangel sein an Milch und Fleisch. Das alles geschähe durch die Kraft des Ewig blauen Himmels, sagten sie; denn er wäre es, den sie verehrten, dem sie Dankopfer brächten, also würde er ihnen den jungen Helden zur Ehre senden. Boghurtschi, der jüngste und feurigste unter uns, rief einmal aus: „Er ist schon da! Temudschin, heißt er, Temudschin – das Stählerne Messer!“ Temudschin aber schwieg, und die übrigen sagten auch nichts, obgleich viele gern etwas gesagt hätten; denn mancher dachte wie Boghurtschi. Doch in der Runde am Feuer saß Dschamucha, und es konnte nicht gut in seinen Ohren klingen, wenn man den einen Häuptling vor seinen Augen in die Höhe hob und den anderen nicht erwähnte. Also ließen sich die Alten einen großen Schafsknochen bringen, einen schönen weißen Schulterknochen, von einem soeben geschlachteten Hammel. Sie wollten nach Brauch und Ordnung das Orakel befragen, um den Namen des kommenden großen Helden zu erfahren. Den Knochen legten sie ins Feuer. Stille. Der Knochen schwelte. Der Schamane Göktschu, der zu deuten, lesen und schreiben vermochte und der als einziger in der Lage war, das Rätsel zu lösen, wendete von Zeit zu Zeit andächtig den Knochen. Wir anderen starrten auf den Zauberpriester und waren neugierig, was er uns sagen würde; denn es geschah zuweilen, daß der Knochen platzte und das Geheimnis nicht gelüftet werden konnte. So war es an den Abenden zuvor gewesen. Diesmal schien es zu gelingen. Der Knochen knackte. Risse taten sich auf, dünne und starke, kurze und lange; quer und hoch liefen sie durch den Schulterknochen. Der Schamane nahm ihn aus der Glut, drehte ihn mit der

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Dungzange und legte die Fingerspitzen der linken Hand gegen seine Schläfe. So dachte er eine Weile nach und glitt mit seinen Augen über das Gewirr der Fäden. Plötzlich flüsterte er: „Dsch – dsch – – –!“ Alle blickten wir jetzt auf seine Lippen. Vom Fluß ertönte das Knarren einer Trauerente. „Dsching – dsching – – –“, sagte der Schamane. Wir rückten dichter an ihn heran. Und wieder knarrte die Trauerente. „Dsch – ing – gis – – – ja, gis!“ „Dschingis?“ fragte ein Alter und hob die weißen Brauen. „Dschingis!“ antwortete der Zauberpriester. „Es ist wahr, der Knochen sagt: Dschingis-Chan – das heißt: DER GANZ RICHTIGE HERRSCHER! So wird einst der Name des Helden lauten.“ Und jeder von uns sprach den Namen nach. „Dschingis- Chan“, flüsterten wir. Und immer und immer: „Dschingis- Chan.“ Auch Temudschin sagte es, und Dschamucha sagte es; er war nun wohl zufrieden, daß im Knochen nicht zu lesen gewesen war: Temudschin. „Und wer wird es sein, der so heißen soll? Wo ist er?“ fragte Boghurtschi. Der Schamane antwortete feierlich: „Das verrät der Knochen nicht. Vielleicht ist der Held schon unter uns und weiß es nur noch nicht, daß er einst diesen Namen tragen wird.“ „Und wie soll er es erfahren?“ wollte der feurige Boghurtschi wissen. „Der Himmel wird ihm ein Zeichen geben, vielleicht in der Gestalt eines weißen Falken, der sich auf seinem Zeltdach niederläßt!“ „Temudschin!“ rief Boghurtschi, „wer anderes könnte es sein als er? Also wird Temudschin einst DER GANZ RICHTIGE HERRSCHER sein; er wird Dschingis-Chan heißen!“

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Dschamucha stand sofort auf und ging zu seinem Zelt, ohne noch ein Wort zu uns gesprochen zu haben. Temudschin aber meinte: „Den einen, Boghurtschi, hast du verletzt, dem anderen nicht geholfen! Deine lauten Gedanken sind wie ein einrädriger Karren, den man zwar beladen, aber nicht fortbewegen kann!“ Nun stand auch Boghurtschi auf und verließ das nächtliche Feuer, nicht erzürnt wie Dschamucha, sondern beschämt, weil er wohl einsah, daß er nicht richtig gesprochen hatte.

Am anderen Tag lief ich ganz in der Frühe zum See. Ich wollte fischen, ich wollte nach langer Zeit wieder fischen und die Stille genießen nach den lauten Wochen; denn ich hörte noch immer das Geschrei Tausender Krieger, sah noch immer lodernde Brände, traurige Augen, Verletzte und Tote. Dort wo der Berg, der die Gestalt eines Kamelrückens hatte, den Himmel berührte, flammte die Sonne auf. Ich schaute hin, und mir schmerzten die Augen. Die glühende Scheibe hüpfte über die Gipfelfelsen, und das rötliche Licht floß über den Wald, den See und die Büsche und ins Tal des Schwarzen Herzens. Da lag er nun vor mir, der Sommermorgen mit seinen langen Gräsern. Das Schilf klirrte, als ich es mit den Armen zerteilte, die Vögel schrien ängstlich, als sie meinen Schritt vernahmen. Lächelnd suchte ich mir eine Stelle, die für den Fang geeignet war. Aber ich fing keine Fische an diesem Morgen. Sosehr ich mich auch mühte und sooft ich auch den Platz wechselte, kein Fisch ging an die Angel. Der See schwieg wie ein Spiegel, in den ich schweigend hineinblickte. Nur der sanfte Wind ritzte Striche und Bogen in das stumme Antlitz. Ich beachtete nun meine Schnur nicht mehr, sondern ließ sie im Wasser hängen und schaute dorthin, wo meine Augen etwas

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fanden, was sie erfreute: eine im Sonnenlicht glitzernde Libelle, die auf der Spitze eines Schilfstengels schaukelte, einen buntgefiederten Rohrsänger, der im Flug nach Insekten schnappte, oder einen Fischadler, der über dem See kreiste. So in Gedanken versunken und den Dingen lauschend, die mich umgaben, erschrak ich plötzlich, als das steife Borsten- gras raschelte. Schritte näherten sich. Schnelle Schritte. Vögel flatterten auf. Wilde Enten tauchten. Hinter mir zerteilte jemand das Schilf, wie ich es mit meinen ausgestreckten Armen zerteilt hatte. Noch bevor ich ihn zu sehen vermochte, sah ich zwei Krüge, die auf mich zukamen, zwei schöne Krüge, die leer an ausgestreckten Armen baumel- ten und das Gesicht des Kommenden verdeckten. Bald darauf aber erkannte ich das Gesicht. Es war das Merkiten-Mädchen aus dem Zug der Gefangenen, jenes Mädchen, dem ich vom Pferde eine Schale voll Milch gereicht hatte. Heut trug es keine rote Feuerlilie im Haar. Als es mich entdeckte, fielen die Arme mit den Krügen herab, und das Schilf schloß sich vor mir. „Komm her“, sagte ich. Sie rührte sich nicht. Ich ging ihr einige Schritte entgegen und bog das Schilfrohr auseinander, so daß wir uns jetzt von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. Das Mädchen lächelte. „Ich komme!“ sagte sie und ging auf mich zu. Sie trug noch immer das freudlose graue Kleid, und barfüßig war sie auch noch. „Du fängst Fische?“ Ich nickte. „Und wieviel hast du schon gefangen?“ „Keinen.“ „Keinen? Ich habe oben am Kilcho immer Fische gefangen!

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Bei Sonnenschein, bei Regen und bei Wind und im Nebel; und im Winter, hörst du, im Winter, wenn wir das Eis aufbrechen mußten, fingen wir auch Fische. Immer hatten wir welche. Oben am Kilcho-Fluß!“ Und während sie das erzählte, war sie lustig über die großen Steine gesprungen, hatte zwischendurch einmal den linken Fuß ins Wasser getaucht und danach einmal den rechten Fuß, und nun glänzten überall die naßschwarzen Abdrücke ihrer Füße auf den Ufersteinen. „Vielleicht ist der See zu tief? Zu kalt?“ fragte sie. Ich zuckte mit den Schultern. Es machte mir viel Spaß, ihre Stimme zu hören. Betrachtete ich das Mädchen längere Zeit, blickte es weg, schaute über den blanken See, zum dunklen Wald oder den mächtigen Berg hinauf. „Du sprichst nicht gern?“ Statt zu antworten, lächelte ich ihr zu. Sie füllte ihre Krüge. „Setz dich doch zu mir“, sagte ich, weil ich fürchtete, sie würde mich jetzt wieder allein lassen. „Gern“, antwortete sie und stellte die beiden Krüge in den Sand. Sie ließ sich mir gegenüber auf einem blauen Stein nieder und saß nun mit dem Rücken zum See. „Wie heißt du?“ fragte ich leise. „Altan-Tschitschik, Goldblume!“ Den Ellbogen auf den Knien, den Kopf auf den Händen, so saß sie da, so hatte sie gesprochen. Unausgesetzt schaute sie aus ihren schmalen, tief braunen Augen zu mir. „Goldblume“, wiederholte ich, „ein schöner Name.“ „Und du, wie heißt du?“ „Chara-Tschono, der Schwarze Wolf.“ Über den Kamelrückenberg schoben sich ein paar dunkle Wolken. Der Seespiegel verblaßte. Warmer Wind wehte übers Borstengras. Drüben im Wald krächzte ein Häher. Goldblume lief zu den Krügen und sagte: „Ich muß das Wasser ins Ordu bringen; sie warten darauf.“

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„Und du kommst wieder?“ „Wenn du es willst?“ „Willst du es, Goldblume?“ Sie nickte und sprang mit den Kannen davon. Ein Sonnen- strahl fiel auf ihre nackten braunen Beine. Das Schilf raschelte. Ich hörte Goldblumes schnellen Schritt, der erst verstummte, als sie die offene Wiese erreicht hatte. Dann war ich wieder allein, in meinen Gedanken aber war ich zu zweit. Es ist schön, nicht für sich allein denken zu müssen. Alles, was ich von dieser Stunde an sah, glaubte ich mit Goldblume gemeinsam zu sehen: die Vögel, den Wald, den See, den Berg – und auch den kleinen grünen Käfer, der flink über den blauen Stein krabbelte, auf dem Goldblume eben noch gesessen hatte. Ich liebte sie so sehr, daß ich plötzlich fürchtete, ihr könne auf dem Weg ins Ordu irgend etwas zustoßen. Bei wem hatte sie unbeachtet im finsteren Türwinkel, auf dem Platz der Diener zu stehen? War er grob zu ihr, mißhandelte er sie, weil sie eine Gefangene war und von den Merkiten stammte? Es begann zu regnen, sacht und zag; ein ganz feines Klingeln stieg aus dem See. Ich warf meine Schnur wieder ins Wasser. Und jetzt fing ich auch Fische, prächtige Fische fing ich. Der Regen war warm, mein Gesicht heiß, und ich dachte, Goldblu- me wird es erfreuen, wenn sie meine vielen Fische sieht. Als es aufgehört hatte zu regnen, das Wasser nur noch an den Schilf Stengeln hinabrann und Sonnenschein die nassen Steine trocknete, legte ich mich ins Ufermoos, streckte mich und ließ die sanften Seewellen über meine Füße laufen. Das grelle Himmelslicht drückte mir meine Augen zu. Ich sah wieder die Gefangenen hinter den Yakkarren, unter ihnen Goldblume, die als letzte in der Reihe ging. Barfüßig trippelte sie über die warme Erde. Sie war auch noch nicht so müde und traurig wie die anderen, und ihre lebhaften Augen blickten nicht nur auf

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die Karrenräder; nein, ihr Kopf bewegte sich in einem fort, mal schaute sie dem Vordermann in den Nacken, gleich darauf einem unserer Wächter furchtlos ins Gesicht, und danach blickte sie in den blauen Himmel – und, als habe ihr dieser blaue Himmel zugeflüstert: Die Erde ist trotz des Leids, das du ertragen mußt, schön! –, bückte sie sich plötzlich und pflückte im Gehen eine langstielige rote Feuerlilie, brach den Stengel und steckte sich die Blüte ins schwarze Haar. Eine Zeitlang ritt ich still an ihrer Seite, auch jetzt in meinen träumenden Gedanken. Ich freute mich immer wieder, wenn sie plötzlich den Kopf drehte, zu mir hochsah. Auf ihren schwarzen Lidern lag der feine gelbe Staub, auch auf den Zöpfen, die lang über das freudlose Kleid hinabhingen, und später lag der feine gelbe Staub sogar im Kelch der roten Feuerlilie. Goldblume. Ich schlief ein und nahm sie mit in meinen Schlaf. Wodurch ich erwachte, weiß ich nicht zu sagen, wieviel Zeit vergangen war, auch nicht, aber etwas Wunderbares war geschehen: Goldblume lag an meiner Seite. Ich wagte mich kaum zu rühren, kaum zu atmen wagte ich; wirklich, sie lag da und hatte die Augen geschlossen, sie ruhte neben mir im weichen Moos, und sie war so schön, daß das zerschlissene und freudlose Kleid nichts von ihrer Schönheit zu rauben vermoch- te. Gern hätte ich ihre weichen Lippen geküßt, den kindlichen Hals und die zarten braunen Schultern, die durch das zerlöcher- te graue Leinen schimmerten. Aber ich wagte es nicht, weil ich nicht zerstören wollte, was mich so erschauern ließ und glücklich machte. Ich fürchtete schon, die Gier meines Blickes könne sie wecken und die Hast meiner Wünsche sie beleidigen. Also stand ich behutsam auf und entfernte mich leise. Ich suchte dürre Ästchen und Zweige für das Feuer, über dem ich die gefangenen Fische braten wollte. Der See hatte sich wieder geglättet und spiegelte das Schilf und die Bäume wider und die Vögel, die über ihn hinweg-

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schwirrten. Ein Distelfink flog vor mir auf. Ich lief zurück. Goldblume saß am sandigen Ufer und reinigte die Fische. Wir entzündeten ein Feuer. Und nachdem wir gegessen hatten, sagte sie lächelnd: „Ich habe vorhin gar nicht geschlafen!“ Wir lachten wie die Kinder, und sie sprang davon, durchs Schilf, über die Steine, durchs Wasser. Ich folgte ihr leise, so leise, wie man einer edlen Gazelle folgt. Als ich Goldblume eingeholt hatte, blickte sie scheu um sich, scheu und zitternd, und ich küßte ihre weichen Lippen, den kindlichen Hals und die zarten braunen Schultern. Sie glitt an mir herab, und wir fielen auf die Knie. Goldblume weinte vor Glück. Nur das Borstengras und der Himmel hörten, was wir uns versprachen. Als der Mond über den Berg kam, trug ich meine Goldblume ins Tals des Schwarzen Herzens und unter das Filzdach meiner Jurte.

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Die schneeweiße Kuh

Unsere Liebe war so heiß wie der Sommer. Anfangs hatte mich allerdings manchmal der Gedanke gequält, Goldblume könnte glauben, mir willig sein zu müssen, weil sie eine Gefangene war, eine Sklavin, die weder etwas wünschen noch abschlagen durfte, wenn sie nicht getötet werden wollte. Obgleich meine Überlegungen nicht so weit gingen, daß ich annahm, sie wäre nur in meine Jurte gezogen, um nicht mehr als Dienerin in dem Türwinkel bei einem anderen stehen zu müssen, so hätte mich doch eine Liebe, die einen auf niedriger Stufe Stehenden zwang, den auf höherer Stufe Stehenden zu lieben, unglücklich gemacht. Also erhob ich Goldblume zu meiner Gemahlin, und der eine war nun nicht mehr und nicht weniger. So gedieh unsere Liebe, wuchs und reifte, weil sie aus einem Leibe und einem Sinne bestand. Nachdem ein Jahr und ein halbes vergangen war, zogen wir am Tage der roten Scheibe, dem sechzehnten des ersten Frühlingsmonats, aus dem Tal des Schwarzen Herzens, um neue Weideplätze zu suchen. Temudschin ritt neben Dschamucha, Boghurtschi und ich folgten ihnen. Am dritten Tag sagte Dschamucha: „Laßt uns dicht am Berge lagern. Unsere Pferdehirten sollen zu den Zelten kommen können. Laßt uns dicht am Bache lagern. Unsere Schaf- und Lämmerhirten sollen zu ihrer Kehle kommen können.“ Temudschin blieb sofort schweigend stehen. Auch Boghurt- schi und ich blieben bei ihm, während Dschamucha weiter vor den Karren ritt. Als Mutter Wolke im langen Zuge vorüber- kam, forderte Temudschin sie auf zu warten und meinte: „Der Freund Dschamucha hat gesagt: ‘Laßt uns dicht am Berge lagern. Unsere Pferdehirten sollen zu den Zelten kommen

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können. Laßt uns dicht am Bache lagern. Unsere Schaf- und Lämmerhirten sollen zu ihrer Kehle kommen können.’ Wie soll ich, meine Mutter, diese Worte verstehen? Ich habe nichts darauf geantwortet und komme, dich danach zu fragen.“ Noch bevor Oelön Eke antworten konnte, sagte Temudschins Gemahlin Borte: „Freund Dschamucha hat immer als unbe- ständig gegolten. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo er unser überdrüssig ist. Was Freund Dschamucha eben gesagt hat, sind Worte, die auf uns gemünzt sind. Wir wollen nicht lagern, sondern uns von diesem Zuge richtig trennen und die Nacht hindurch weiterziehen. Das wäre das beste.“ Und Mutter Wolke sagte: „Deine Borte hat recht gesprochen, Temudschin. Dschamuchas Herkunft ist gering: Er hat nur Schafe und Lämmer und will uns vorschreiben, wo wir lagern sollen. Also weiß er nicht, was Brauch und Sitte ist; er will uns befehlen: Die Pferdehirten lagern am Berg, die Schafhirten am Bach, also will auch er sich trennen; denn mit Pferdehirten meint er unser Ordu, mit Schafhirten das seine. Es wird gut sein, lieber Sohn, wenn wir ohne ihn weiterziehen.“ „Wir werden aber weniger sein als bisher“, sagte Temud- schin. „und der Tai-Tschuten-Häuptling Targutai wird diese Schwächung gut zu deuten wissen, Mutter!“ Oelön Eke lächelte. Und Borte lächelte. Ich hatte den Ein- druck, die Frauen hatten schon lange die Trennung von Dschamucha erwogen; Borte meinte nämlich: „Wir werden mehr sein, Temudschin, viel, viel mehr; denn der geringe Dschamucha ist daran schuld, daß die höchsten und edelsten Vertreter der alten mongolischen Geschlechter uns fernbleiben. Sie wollen keinem Emporkömmling aus niederem Stande, sondern sie wollen dem Sohne Jessugheis dienen.“ „Dann trennen wir uns“, sagte Temudschin. Und so ritten die einen unter Dschamucha nach links, die anderen unter Temudschin nach rechts. Es schien kein Mond in dieser Nacht, und mir war, als verberge er sein Antlitz hinter

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den finsteren Wolken, um nicht sehen zu müssen, wie aus zwei Freunden zwei Feinde wurden.

Doch die beiden Frauen behielten recht. Die Kunde von der Trennung mußte noch schneller als der Wind über die Steppe durch Schluchten und Wälder, über Berge und Hügel gejagt sein; denn schon am Morgen stießen die ersten Hirten und Jäger zu uns. Ganze Sippen kamen in den folgenden Tagen, edle und geringe, Verwandte Temudschins und Bortes Brüder, einstige Freunde und viele Unbekannte, die jenen folgten, mit denen sie bisher zusammengelebt hatten und nun auch weiterhin zusammenleben wollten. Unter ihnen war ein gewisser Chortschi, der bei seiner Ankunft zu Temudschin sagte: „Wir, die wir von der Frau stammen, welche der heilige Bodontschar geraubt hat, kommen mit Dschamucha aus einem und demselben Mutterleib, einem einzigen Fruchtwasser. Wir hätten uns nie von Dschamucha trennen dürfen. Aber ein himmlisches Zeichen ist gekommen und hat mir vor meinen Augen dieses gezeigt: Es kam eine schneeweiße Kuh, umkreiste den Dschamucha und stieß nach seinem Jurtenkarren und stieß danach auch den Dschamucha und brach sich dabei eins von ihren beiden Hörnern ab, so daß sie nun ein schiefes Horn hatte. ‘Gib mir mein Horn wieder!’, so brüllte sie den Dschamucha an und stand da, wieder und wieder die Erde aufwirbelnd. Und dann kam ein hornloses weißes Rind und schleppte einen großen Zeltpfosten, der ihm oben auf dem Rücken angeschirrt war. Hinter Temudschin auf der großen Karrenspur kam es daher, brüllend und immer wieder brüllend: ‘Himmel und Erde haben miteinander beschlossen, daß Temudschin Herr des Reiches sein soll. Hier bringe ich ihm das Reich aufgeladen.’ Diese Vorzeichen haben sich meinen Augen gezeigt und sich mir offenbart. Temud- schin, wenn du Herr des Reiches wirst, wie wirst du mich für

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diese Wahrsagung erfreuen?“ Temudschin antwortete: „Wenn der Himmel mir wirklich das Reich unter meine Hand gibt, will ich dich zum Fürsten über zehntausend machen.“ Darauf sagte Chortschi: „Wenn du mich, einen Mann, der dir solche belangreichen Dinge gesagt hat, nur zum Fürsten über zehntausend machst, was habe ich davon für eine Freude? Wenn du mich zum Fürsten über zehntausend gemacht hast, gib mir dreißig Frauen und das Recht, sie mir aus den schön- sten und besten Mädchen des Reiches auszuwählen.“ Nach den Sippen suchten ganze Stämme mit ihren Oberhäup- tern unser Ordu auf und schlossen sich uns an. Wir wanderten dann zum Bache Sanggur, in die Bucht des Berges Gurelgu, da der Platz im alten Lager nicht mehr ausgereicht hatte. Als der Strom der Zuwanderer nachließ, befahl Temudschin die Zelte zu zählen. „13.000“, lautete die Antwort. Ich dachte an unser kleines Ordu am Burkan-Kaldun zurück und an die Nacht, in der ich mit Temudschin traurig zu zweit auf einem Pferd in die Steppe geritten war. ‘Tausendmal soviel Krieger müßte ich haben…’ Und nun waren es dreizehnmal tausend Krieger, dreizehntau- send. Am Abend dieses Tages luden die edlen Männer den Temud- schin in ihren Kreis. Sie hatten die feinsten Kleider angelegt, und das Feuer schien auf die roten, blauen, grünen und gelben Festgewänder aus glitzernder Seide, die Händler aus dem fernen Reiche Chin gebracht und gegen die Güter unseres Landes getauscht hatten. Die Männer aus würdigem Geschlecht waren fast alle älter als Temudschin, und einigen wuchsen schon weiße Haare, die lang an ihren braunen Gesichtern herabfielen, weiße Strähnen, die Zeichen der Klugheit. Ich saß mit Boghurtschi, dessen strahlende Augen schon zu sehen schienen, was jetzt geschehen würde, in der zweiten

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Reihe hinter den Edlen; denn wir waren zwar Temudschins engste Freunde, aber nicht aus vornehmem Geschlecht. „Wir wollen dich zum Chan machen“, sagten die Ehrwürd i- gen und Edlen. „Wenn du, Temudschin, Chan wirst, wollen wir als Spitze gegen die Feinde anreiten und ihre schönsten und besten Mädchen und Frauen und ihre Palastjurten, aus ihrem Staate und Volke die schönwangigen Frauen und Mädchen und die feinschenkligen Wallache wollen wir dir im Trabe anbrin- gen. Wenn du, Temudschin, das schlaue Wild jagst, wollen wir als erste es dir aus dem Kreise zutreiben. Die Leiber des Steppenwildes wollen wir dir, alles zusammen, dicht herantrei- ben. Die Hinterschenkel des Steppenwildes wollen wir dir, alles zusammen, dicht herantreiben. Wenn wir am Tage des Kampfes deinen Kommandos nicht gehorchen, dann reiße uns von unserem Besitz und von Gattin und Frauen und wirf unsere schwarzen Köpfe auf den Erdboden! Wenn wir an Tagen des Friedens deinen Bund verletzen, dann trenne uns von den Mannen und von unseren Frauen und Kindern und banne uns fort in herrenloses Land. Wir wollen dich ab heute zu unserem Chan machen, und wir geben dir heute den Titel Dschingis- Chan.“ Temudschin erhob sich von seinem mit einem weißen Pfer- defell bedeckten Sitz und antwortete: „Alle, die ihr hier versammelt seid, habt beschlossen, zu mir zu kommen und mich zum Chan zu wählen. Wenn der Himmel mich bewahren und mir helfen wird, so werdet ihr alle, meine ersten Anhänger, meine glücklichen Gefährten sein.“ Zum Zeichen des Dankes ließ Temudschin, von jetzt an Dschingis-Chan genannt, einen weißen Hengst in den Kreis führen, den er mit seinem Schwert in zwei Teile zerhieb. Nach diesem Dankopfer an den Ewig blauen Himmel traten die Köche vor und sagten: „Den Morgentrunk wollen wir nicht verkürzen, und den Abendtrunk wollen wir nicht versäumen.“ Und immer mehr Leute traten in den Kreis, huldigten dem

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jungen Chan, indem sie ihm ihre Kraft, ihre Geschicklichkeit und ihren Fleiß anboten. So sagte einer: „Ich will die zweijährigen Hammel als Suppe kochen und so am Morgen nicht zuwenig bieten und zur Nacht sie nicht zu spät bringen. Die gescheckten Schafe will ich hüten und den Karrenkorb immer füllen.“ Der nächste schwor: „Ich will dafür sorgen, daß die Achsen- bolzen der verschließbaren Karren nicht abfallen, daß die Karren auf dem Spurwege nicht zerbrechen. Und ich will den Jurtenkarren immer in Ordnung halten.“ Und ein anderer meinte: „Ich werde die Dienstleute in der Jurte beaufsichtigen.“ „Und ich“, rief ein kräftiger Jüngling, „werde den Anmaßen- den den Brustkorb zerquetschen.“ Danach drängte sich ein kleiner Mann durch die Menge. Er hieß Sube’etai ba’adur. Dieser sagte: „Wie eine Ratte will ich dir das Deine zusammenhalten. Wie eine schwarze Krähe will ich dir das, was noch draußen ist, zusammentragen. Wie eine Filzdecke will ich versuchen, dich mit zu bedecken. Wie ein Windschutzfilz will ich versuchen, für deine Jurte Schutz zu bieten.“ So feierten alle den jungen Chan, priesen seine List und seinen Mut, und der Kumys floß wieder in Strömen. Gegen Mitternacht wählte Temudschin aus den Tapfersten dreizehn Heerführer, unter ihnen Boghurtschi, der nun wie die übrigen zwölf eine Tausendschaft zu führen hatte. Boghurtschis Augen glühten. Er schrie: „Mein Chan und alle, die ihr um ihn versammelt seid, kommt zum Bache Sanggur:. Ich will euch zeigen, welchen Eid wir schwören!“ Und alle Edlen, Männer, Frauen und Kinder folgten Boghurt- schi, und alle versammelten wir uns am Bache Sanggur, gespannt, welchen Eid sich der feurige Boghurtschi ausgedacht hatte. Der Himmel war ohne Wolken und voller Sterne. Die bleiche

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Sichel des Mondes schaute auf uns hernieder. Gräser und Büsche standen still und trugen die Perlen des Taues. Die Versammelten schwiegen. Boghurtschi begab sich ans Ufer und trat mit dem Stiefel einen überhängenden Erdklumpen aus der Böschung in den Bach, wo er zerbröckelte, zerfiel und versank. Nur einen dunklen Schimmer hinterließ er im Wasser, der bald darauf fortgespült war. „So soll es jedem von uns geschehen, der diesen heiligen Eid verrät!“ sagte Boghurtschi. Er zog sein Schwert, und die anderen zwölf Heerführer taten ihm gleich. Dreizehn Klingen leuchteten im Mondlicht auf und schlugen gegen Dschingis- Chans erhobene Waffe. Danach brachte man einen bösen Jurtenhund, dem man, wie allen Jurtenbunden, die Ohren abgeschnitten hatte, damit sich die Wölfe nicht in ihnen festzubeißen vermochten. Boghurtschi schlug dem Tier den Kopf vom Leib und warf ihn in den Sanggur. Abermals sagte Boghurtschi: „So soll jedem von uns geschehen, der diesen heiligen Eid bricht.“ Und wieder schlugen die schweren Schwerter aneinander. In die feierliche Stille heulten ein paar Wölfe, drüben in den finsteren Schluchten des Berges Gurelgu. Dschingis-Chan sagte: „Der Schamane Göktschu, unser alter Zauberpriester, las einst am nächtlichen Feuer den Namen Dschingis-Chan aus einem Schafsknochen, und wir hörten am selben Feuer, daß ein Held kommen werde, um die zerspreng- ten Mongolen-Stämme wieder zusammenzuführen und zu einen. Und dann kam der kluge Chortschi in unser Lager und erzählte uns von der schneeweißen Kuh, und wir erfuhren durch das Maul eines herrenlosen weißen Rindes, daß Himmel und Erde beschlossen härten, Temudschin solle der Herrscher des kommenden Reiches sein. Also werde ich alle in Filzjurten lebenden Stämme zu einem einzigen Mongolen-Volke zusammenbringen. In der Steppe wird Ordnung herrschen,

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nach den langen Kriegen ewiger Friede sein. Und die Leute aus dem Reiche Chin, die Händler, die wie Elstern sind, gierig und schlau, werden uns nicht mehr betrügen können, und sie werden nicht mehr über uns lächeln können, weil wir nur in Zelten leben und ziehn von Weide zu Weide mit den Herden, und sie leben in großen Städten, die aus Steinen und Mauern gebaut sind.“ Die Menge jubelte dem Sohne Jessugheis zu, dem jungen Helden, der das Mongolenvolk einen und Ordnung und Frieden schaffen wollte. Plötzlich entdeckte Dschingis-Chan mich unter den Leuten. Seine Augen schienen zu sagen: Dich habe ich ganz vergessen! Verzeih mir! Gewiß, wir hatten in der letzten Zeit wenig miteinander zu tun gehabt, und das rührte wohl daher, daß sich der Kreis seiner Freunde vergrößert hatte und ich mit meiner Goldblume den Tag und die Nacht teilte. Vergessen kam ich mir aber nicht vor, benachteiligt auch nicht, und Vorwürfe hätte ich ihm sowieso nicht gemacht; denn ich achtete ihn, weil er gerecht und weise war, so, wie mein Vater Jessughei verehrt hatte. Also handelte ich wie mein Vater. Wie sollte ich mich da beklagen können? Dschingis-Chan schritt auf mich zu, ging durch die schmale Gasse der Versammelten, breitete seine Arme aus und sagte laut: „Chara-Tschono, verzeih mir, mein Freund!“ Die Menge verstummte sofort. Die Seide von Dschingis-Chans blauem Gewand raschelte, knisterte, als er mich umarmte. „Verzeih mir“, sagte er noch einmal. „Was, lieber Freund, soll ich dir verzeihen“, antwortete ich. „Wir sind Freunde, und ich glaube daran, du wirst nichts tun, was mir schaden oder mißfallen könnte, so wie ich nichts tun will, was dir mißfallen oder schaden könnte.“ „Hattest du nicht erwartet, daß ich auch dich zu einem mei-

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ner Heerführer über tausend Krieger mache?“ „Du wirst wissen, weshalb du es nicht getan hast!“ Dschingis-Chan wandte sich an die Menge und sagte: „Das ist Chara-Tschono, der Schwarze Wolf. Er ist schweigsam und geizt mit den Worten, spricht er aber, sind seine Worte so echt wie Gold; er kämpft wie ein Tiger, aber nach dem Kampf redet er nicht davon; er gehört in die erste Reihe meiner Gefährten, die mein Leben wie Sonnen bescheinen, aber er hält sich in der übrigen Menge auf und steht im Schatten, wo man ihn nicht sieht – und leicht vergißt. Ich will ihn zum Obersten über meine Leibwache machen, und sein Zelt soll immer meiner Palastjurte am nächsten sein.“ Da stand ich nun mit einemmal im Mittelpunkt, ohne Mittel- punkt sein zu wollen. Der Leibwache gehörten viele Jünglinge aus den vornehmen Geschlechtern an, ich aber war nur geringer Herkunft, und ich fühlte die vielen Augen auf mich gerichtet, freudige und auch neidvolle. Am liebsten wäre ich davongelaufen, hin zu meiner Jurte, hin zu meiner Goldblume, um mit ihr allein sein zu können. Obwohl in mir ein klein wenig Stolz aufflammte, daß mich Temudschin zum Obersten seiner Leibwache ernannt hatte, vermochte ich den Stolz und die Freude nicht zu zeigen. Ich verbeugte mich vor Dschingis-Chan, wie es der Brauch vorschrieb, und als ich wieder aufrecht stand, war er schon von mir gegangen und hatte sich erneut unter die Edlen begeben. Eine Weile darauf kam die Stunde, wo die Lustigkeit, welche der Kumys zu wecken vermag, in Lärm und Streit umschlägt, wo die geistreichen Worte im Weine ertrinken und durch hohle Rede abgelöst werden. Die Frauen schrien, die Männer brüllten, Krüge flogen durch die Luft, und ein wildes Handge- menge, begleitet von Fluch und Schimpf, rollte über den kostbaren Teppich, auf dem Dschingis-Chan mit den Edlen gesessen hatte. Später erfuhr ich, was vorgefallen war: Ein Koch hatte versehentlich nicht dem Range nach den Wein in

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die Schalen gefüllt, sondern der Gemahlin eines niederen Edlen vor der Gemahlin eines höheren Edlen eingeschenkt. Ich ließ den Lärm hinter mir und lief zu meiner Jurte, in der Goldblume schon ausgestreckt auf den Fellen lag. Sie lächelte, wie sie immer lächelte, wenn ich heimkehrte, und ich strich ihr über das lange schwarze Haar, dessen dicke Zöpfe sie nachts löste. Mit tausend Zärtlichkeiten hüllte ich sie ein. Durch den Dachkranz fiel schräges Mondlicht, und wie wir so dalagen, zählten wir die Sterne, die durch das Gitter des hölzernen Dachkranzes blinzelten. Heute waren es neun, und Neun war die Zahl unseres Glückes. Im Ordu verklang der Lärm. Die Jurtenhunde bellten, antworteten den Wölfen. Wo moch- te der Kopf des einen sein? Der Sanggur schwatzte durch die Nacht. Was dachte Dschingis-Chan? Was fühlte Dschamucha, da Temudschin nach seinem Weggang so mächtig geworden war? Ich stellte mir immer Fragen, bevor ich einschlief. Goldblume lag in meinen Armen und schlief. Über uns hing die helle Sommernacht, warm und schön, und von der Steppe her drang der Duft des würzigen Wermuts.

Nachdem Temudschin zum Chan erhoben worden war, ereignete sich etwas, was es bisher in der Steppe noch nie gegeben hatte: Dschingis befahl den dreizehn Heerführern, ihre Tausendschaften in Hundertschaften und die Hundertschaften wieder in Zehnergruppen aufzuteilen. Danach rief er die Heerführer und die ihnen unterstehenden Führer der Hundertschaften und Zehnergruppen zu sich und sagte: „Bisher war es doch so: Zehntausend Krieger waren zehntausend Krieger, die ungeordnet über den Feind herfielen und siegten, wenn der Feind weniger als zehntausend Krieger hatte. Ich aber will euch ein Mittel in die Hand geben, das uns gestattet, einen Feind zu zerschlagen, der doppelt so stark ist

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wie wir. Wie wollten wir sonst mit unseren dreizehntausend Kriegern die Tai-Tschuten vernichten, die dreißigtausend Mann zählen? Deshalb gab ich euch jetzt die Ordnung, in der jeder zehnte seine neun Kämpfer in den Kampf führt. Die neun Krieger werden zu einem Körper zusammenwachsen, und der zehnte wird ihr Kopf sein! Damit aber jeder Mann weiß, wo sein Platz in der Schlacht ist, habe ich ein Spiel erfunden, das euch erfreuen wird; ihr werdet kämpfen, ohne verwundet zu werden, es wird wie Krieg sein, ohne daß Krieg ist, aber dieses Spiel wird ein Heer aus euch machen, dem kein Feind wider- stehen kann!“ „Erklär uns das Spiel!“ rief Boghurtschi. Und auch die anderen Heerführer riefen es und brannten darauf, den Sinn des Spieles zu erfahren. Einer fragte: „Sollen wir die Tausendschaften schon immer aufstellen und in die Steppe führen, Chan?“ „Nein“, antwortete Temudschin. „Bevor wir das Spiel mit den Kriegern spielen, müßt ihr es in eurem Kopfe spielen können. Folgt mir!“ Ich wußte, wo wir hingingen; denn ich hatte in den Tagen zuvor beobachtet, daß Dschingis-Chan seine Zeit immer an ein und demselben Platz verbrachte. Das war am Bache Sanggur gewesen, unter einer mächtigen Zeder und auf einem Fleck mit feinem gelben Sand, den das Wasser herausgespült hatte. Obwohl keiner ahnte, was er dort tat, wußten viele, daß seine Diener damit beschäftigt waren, weiße, blaue, rote und grüne Steine zu suchen und unter die Zeder zu bringen. Dann hatte er wieder allein dagesessen, nachdenklich und mit den Steinen spielend. Dorthin führte er uns also. Aus dem gelben Sand hoben sich unzählige Steinchen ab, die in geordneten Reihen und Gruppen beieinander lagen. „Dreizehn Felder sind es“, sagte ein Heerführer erstaunt, „also sind es dreizehn Tausendschaften?“

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„Ja, so ist es“, antwortete Dschingis-Chan, „was ihr hier seht, sind dreizehntausend Steinchen. Und die dreizehntausend Steinchen sind unser Heer.“ Wir bildeten einen Kreis um den Chan und seine Steinchen, und er sagte, diese Darstellung im Sand hätte für die Heerfüh- rer den Vorteil, alle dreizehn Tausendschaften auf einmal überblicken zu können, was draußen in der Steppe nicht möglich wäre. „Dieser Raum ist also klein und besteht aus toten Gegenständen. Mit ihnen werden wir aber alle Kampfes- weisen durchführen, die wir nachher, wenn wir sie beherr- schen, auf die Lebenden übertragen wollen.“ Danach erklärte Dschingis-Chan die Gliederung einer Tau- sendschaft im Kampf. Er wies dabei auf eins der Steinfelder und sagte: „Die Tausendschaft wollen wir so aufstellen:

Hundert Mann breit, zehn Reihen tief. In die erste Reihe und an jede Flanke, hier durch blaue Steinchen angedeutet, stellen wir jene Reiter, die eiserne Platten als Rüstung tragen. So formiert, werden wir mit einer oder mehreren Tausendschaften, je nach Anzahl des zu bezwingenden Feindes, frontal den Feind angreifen. Die Zahl unserer Krieger muß bei diesem Frontalan- griff um ein vieles geringer sein als die des Feindes, der aber annehmen muß, dies wäre unsere ganze Streitmacht. Unsere frontal angreifenden Tausendschaften haben diese Aufgabe:

Nach kurzem Geplänkel und hitzigem Reizen öffnen sie die gepanzerte erste Reihe und lassen die hinteren, leichten, nur mit gegerbtem Leder geschützten Reiter und schnellen Pferde durch, die sich dann neunfach auf den weit überlegenen Gegner stürzen, ihn nur verwirren, zersprengen, zerteilen und aufspal- ten. Noch ehe der Feind seine Überlegenheit erkannt und sich neu geordnet und gesammelt hat, brausen unsere übrigen Tausendschaften, die verborgen im Hinterhalt gelegen haben, von allen Seiten heran und vernichten den verwirrten und bereits zermürbten Feind.“ „Mein Chan“, sagte Boghurtschi, „das hat es noch nie in der

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Steppe gegeben. Mit deiner Weisheit machst du unser Heer zum Schrecken aller jener, die dir nicht gehorchen wollen!“ Die anderen zwölf Heerführer stimmten Boghurtschi zu, und sie knieten alle vor den Steinfeldern, die ihre Tausendschaften darstellten. Und ein jeder von ihnen hatte das zu wiederholen, was Dschingis-Chan sie gelehrt hatte. Danach brachte er ihnen die Kampfesweise der Verteidigung bei, und auch hier durchbrach er die bisherige Ordnung, indem er befahl, künftig die Karrenburg nicht mehr in der Mitte der Stellung aufzustel- len, sondern an einem ihrer äußeren Flügel, damit der Feind diesen äußeren Flügel als Mitte betrachte und seinen Angriff darauf richte. „Er wird dann mit seiner Hauptmacht ins Leere stoßen, während wir ihn umgehen und in die eiserne Klammer nehmen!“ Bevor er sie entließ, sagte er strengen Tones: „Sagt den Kriegern das: Wer während der Schlacht plündert, wird sofort getötet; denn er schwächt die Kraft des Kampfes. Nach der Schlacht wollen wir die Beute gerecht verteilen. Dies ist mein erstes Gesetz, und ich erlasse es mit der Kraft des Ewig blauen Himmels, und es entspricht der Weisheit der Alten!“ Tags darauf lud Dschingis-Chan die Heerführer wieder zum Sanggur und ließ sich von jedem erzählen, was er ihn am Vortage gelehrt hatte, und er saß still unter der Zeder, sah zu, wie sie mit den Steinchen spielten und ihm das vorführten, was er ihnen vorgeführt hatte. Und er griff nur ein, wenn ihnen ein Fehler oder eine Ungenauigkeit unterlief. Entdeckte er bei einem Heerführer eine Schwäche, etwa die, daß er plötzlich im Vortrag stockte, zögerte, länger nachdachte als angebracht war, befahl er, den Vortrag von vorn zu beginnen. Und der Chan befahl das mit Ruhe und freundlichen Worten. Bald zogen die Tausendschaften, geordnet wie die Steinchen im gelben Sand, hinaus in die offene Steppe, um das neue Spiel zu erproben. Ich ritt neben Dschingis-Chan: Von einem sanften Hügel aus

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schauten wir den Scheingefechten zu. Die Tausendschaften übten das Aufstellen: hundert Mann breit, zehn Reihen tief. Sie übten das öffnen der ersten Reihe und das neunfache Vor- schnellen der Krieger, das Schwenken und das „In-die-Zange- nehmen“; sie spielten das Liegen im Hinterhalt und das plötzliche Auftauchen. Sie spielten und spielten und schrien begeistert. Dschingis-Chan sagte auf dem Hügel zu mir: „Davon habe ich als Kind bei den Chungiraten oft geträumt, Chara- Tschono!“ „Von diesem Spiel?“ „Nein, lieber Freund, nicht vom Spiel, sondern von dem, was nachher kommt!“ Ein leichter Wind wehte über das Schlachtfeld, auf dem es keine Verletzten und keine Toten gab. Nur Gefangene wurden eingebracht und abgeführt, aber die Gefangenen lachten, scherzten und sangen, hatten keinen Hunger und keinen Durst, und ihre Wächter ließen sie spätestens vor dem Ordu wieder frei. Dschingis-Chan fragte einen vorüberreitenden Krieger: „Wie gefällt dir das neue Spiel?“ „Gut“, schrie der Mann und hob seinen Rundschild über den Kopf. „Es ist spannender als die Jagd, mein Chan!“ „Ich sehe, du warst unter den Siegern?“ „Ja, mein Chan.“ „Und ich sehe noch, du führst eine Zehnergruppe an? Bist ihr Kopf, ihr Sinn, ihr Geist?“ „Ja, mein Chan!“ „Und du machst ihnen vor, was sie dir nachmachen sollen?“ „So ist es, mein Chan!“ „Komm her, Krieger!“ Der Jüngling sprengte den Hügel hinauf und saß vor uns ab. Dschingis-Chan riß von seinem Gewand einen Edelstein und überreichte ihn diesem Jüngling. „So wie dieser kostbare Stein

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blitzt, sollen deine Augen blitzen, wenn sie den Feind entdek- ken! Nimm ihn!“ „Oh, mein Chan, der Himmel beschütze dich und mehre deine Weisheit!“ Hinter ein paar Dornbüschen versank die Sonne und warf ihren roten Schein auf Tausende spielende Reiter, die wie ein weites blutrotes Feuermeer über die ebene Steppe rasten.

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Die zustechenden Schatten

Daß mich Dschingis-Chan zum Obersten über seine Leibwache ernannt hatte, brachte es mit sich, daß ich öfter als bisher in seiner nächsten Nähe sein mußte. Kamen Handelsleute ins Lager, die Dschingis-Chan geneigt war zu empfangen, so wurde ich hinzugezogen, trafen fremde Boten ein, hörte ich gemeinsam mit dem Chan ihre Nachricht, und auch seine neuen Gedanken und Pläne erfuhr ich meist als erster, weil er mich dann fragte, wie sie mir denn gefielen. In solchen Stunden erinnerte ich mich meines toten Vaters, der, wäre er von den ewigen Höhen wieder herabgestiegen, sich über Temudschins Weisheit gefreut hätte. Seine Befürchtungen schienen sich nicht zu bestätigen, denn der Chan war gerecht, streng und gut, und sein edles Ziel, alle in Filzjurten lebenden Stämme zu einem einzigen Mongolen-Volk zusammenzu- schließen, hätte auch mein Vater gutgeheißen. Zu den neuesten Ideen meines Freundes Temudschin gehörte die Einrichtung der schnellen Boten, die jedes bemerkenswerte Ereignis in unser Stammlager trugen oder Nachrichten an benachbarte Stämme überbrachten. Sie jagten in alle Himmels- richtungen, schnell wie die Pfeile, und so nannten wir sie auch die Pfeilboten. Die benachbarten Stämme waren durch Dschingis-Chan verpflichtet worden, diesen Kurieren jederzeit frische Pferde zu geben. Da er ihnen meist kleine Geschenke mit auf den Weg gab und sie auch in seiner Palastjurte gut bewirtete, bereitete es ihnen großes Vergnügen, für den Chan überall, wo sie auch hinkamen, Erkundungen zu sammeln, die sie ihm dann freudig berichteten und wofür sie reichlich belohnt wurden. Nur so war es möglich, daß mein Chan über alle Vorkommnisse in der Steppe schnell Bescheid wußte. An einem dieser heißen Sommertage meldete uns solch ein

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Bote, daß eine Gesandschaft aus dem Reiche Chin unterwegs wäre, die den neuen Chan besuchen wolle, um zu sehen, wie er residiere. „Soll ich diese hochmütigen Gesandten aus dem fremden Land empfangen? Soll ich das, Chara-Tschono?“ „Und warum solltest du sie nicht empfangen?“ „Sie nennen uns Barbaren, sie lachen über uns, weil wir in Zelten wohnen und mit den Herden durch die Steppe ziehen.“ „Das tun nur die Händler, Temudschin!“ „Und die Gesandten?“ „Die denken es, geben es aber nicht zu erkennen, weil sie klug sind. Empfange sie, Temudschin. Diese Gesandten schickt der Kaiser Tschang-tsung, und wenn der große Kaiser seine Gesandten in die Steppe schickt, dann wünscht er etwas von dir, und wenn er etwas von dir, dem Chan der Steppe, wünscht, kannst du auch etwas von ihm verlangen.“ Dschingis-Chan lächelte. „Ich werde sie empfangen, Chara- Tschono. Dein Rat gefällt mir, und es ist gut, daß sie zu mir kommen, nicht zu Targutai oder Dschamucha. Sage meiner Gemahlin Borte, sie soll sich schön machen, sage meiner Mutter, sie soll das prächtigste Gewand anlegen, und befiehl meinen Dienern und Köchen, die besten Speisen und Getränke bereitzuhalten.“ In der Frühe des nächsten Tages hatten die hohen Gesandten das Lager erreicht, sechzehn Männer, sechzehn kleine Männer, schmalgesichtig, mehr bleich als gelb und flink um sich schauend, dabei elegant auf den Pferden sitzend. Ich erwartete sie am Eingang der kleinen Allee, die zur Palastjurte führte und aus Opferaltären bestand, auf denen die Feuer loderten. Jeder Besucher, der zum Chan wollte, mußte zunächst diese Opferstraße durchlaufen, mußte durch die Feuer gehen, damit er von bösen Gedanken und schlechten Vorhaben gereinigt würde. Dschingis-Chan erhob sich nicht bei ihrem Eintritt, sondern

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blieb, sich leicht verneigend, auf seinem weißen Pferdefell sitzen und blickte jeden der sechzehn der Reihe nach an, beobachtete, wie er auf den ihm zugewiesenen Platz ging und sich dort niederließ. „Ich bin stolz“, sagte der Chan, „solch würdige Gesandte unter meinem Dach aus Filz empfangen zu dürfen. Ihr werdet meine Gäste sein, und wer mein Gast ist, ist mein Freund!“ Als Diener sich anschickten, die Trinkschalen zu füllen, eilten Borte und Temudschins Mutter herbei und schöpften selbst aus dem großen Weintrog, der an der Tür stand, und überreichten den chinesischen Gesandten die Schalen. Der Chan trank auf das Wohlergehen des großen Chin- Reiches. Danach trat der Sprecher, ein Mann in einem sonnen- gelben Gewand, vor und überreichte die Geschenke: Perlen- schnüre, goldene Ringe mit roten Steinen, Porzellanschalen sowie ein Kästchen, das aus Elfenbein geschnitzt war. Er erkundigte sich nach der Gesundheit des Chans, dem Befinden der Herden und danach, ob der Chan gedächte, auch den Winter hier an diesem Bache und in der Bucht dieses Berges zu verbringen oder ob er sich einen neuen Platz suchen werde. Einen neuen Platz suchen werde? Temudschin blickte kurz zu mir. Ich schüttelte den Kopf und wollte ihm damit sagen, daß kein Grund vorläge, dieser Frage wegen zornig zu werden; denn die Chinesen hatten sie sicher nicht gestellt, um ihre Geringschätzung gegenüber dem Nomadenleben auszudrücken. Schließlich waren sie Gesandte des Kaisers, die mit einem Auftrag zu uns gekommen waren, und nicht, um uns zu beleidigen. Als sie ihre Fragen gestellt hatten, warteten sie auf die Fra- gen des Chans. „Ich habe von Händlern gehört, in eurem Reich gäbe es große Häuser, die auf einem Flusse fahren können? Stimmt das?“ „Es stimmt, ehrwürdiger Chan“, antwortete der Sprecher,

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ohne daß ich in seinem Gesicht die geringste Bewegung bemerkt hätte, wenngleich ich mir vorstellen konnte, daß ihn diese Frage belustigte. „Ich habe von Händlern auch gehört, in eurem Reiche gäbe es Pfade und Wege, die über die Flüsse hinwegführen, ohne daß sie das Wasser berühren? Stimmt das auch?“ „Es stimmt, ehrwürdiger Chan. Diese Wege nennen wir Brücken; sie führen von einem Ufer zum anderen und können jede Last auf ihrem Rücken aushalten.“ „Und sie sind aus schweren Steinen?“ „Ja.“ „Und wer bewegt die Häuser auf den Flüssen? Wer schickt sie flußaufwärts?“ „Der Wind, ehrwürdiger Chan.“ „Der Wind“, wiederholte Temudschin und schaute ungläubig zu mir herüber. Diesmal konnte ich weder mit dem Kopfe schütteln, noch nicken; denn ich wußte auch nicht, ob das wahr wäre, was die Gesandten erzählten. Der Wind, sagten sie, der Wind! Da ich fürchtete, der Chan könnte über diese Antwort ungeduldig werden, sagte ich schnell: „Warum nicht der Wind, mein Chan? Ist es nicht auch der nützliche Wind, der unsere Lagerfeuer nährt? Warum sollte er also nicht auch die großen Häuser auf den Flüssen vorantreiben?“ Temudschin lächelte. „Ich habe gehört, meine edlen Gäste, in eurem Reiche sähe man nicht viel Reiter, nicht soviel wie bei uns in der Steppe, und die vornehmen Herrscher würden in goldenen Wagen getragen?“ „Es stimmt, ehrwürdiger Chan, was Ihr von den Händlern gehört habt“ „Es stimmt, daß sie getragen werden?“ „Ja.“ „Dann frage ich mich, warum tragt ihr die Wagen, wo sie doch Räder haben?“ „Diese Wagen haben keine Räder, Chan.“

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„Keine Räder?“ „Keine, ehrwürdiger Chan“, antwortete der Gesandte ruhig. „Was ist das schon für ein Wagen, der keine Räder hat? Sagt Ihr die Wahrheit?“ Ich sah das Unheil kommen. Temudschin war aufgesprun- gen. Ich gab ihm ein Zeichen, sich wieder zu setzen, ich bedeutete ihm, wieder zu lächeln, nur zu lächeln und freundlich zu sein. „Ich sagte die Wahrheit!“ betonte der Gesandte und war nun auch aufgestanden. Dschingis-Chan hörte auf mich und setzte sich wieder, lachte plötzlich, lachte und schüttelte den Kopf, lachte, daß es in der Palastjurte dröhnte. Erheitert meinte er: „Ich weiß doch, du sprichst nichts als die reine Wahrheit. – Bringt das Wild!“ rief er den Dienern zu. Und die Diener gingen hinaus, eilten nach den Köchen. Nachdem die Gesandten ihre Höflichkeitsfragen gestellt, der Chan seine Neugierde befriedigt hatte und das lange Mahl beendet war, trug der Sprecher der Chinesen die Botschaft seines Kaisers vor. Sein Herrscher wäre sehr beunruhigt, sagte er. Über seine Stirn liefen viele Falten des Kummers und der Sorge. Die Sonne erfreue ihn nicht mehr, weil ein großer Tatarenstamm aus der Steppe über die Nordgrenze des mächtigen Chin-Reiches eingefallen wäre, alles Land verwüste, die Menschen töte, die Gefangenen zu Sklaven mache und alles raube, was ihm gefiele. „Ich hörte bereits davon“, unterbrach Dschingis-Chan und lauschte interessiert weiter den Worten des Gesandten. Ich wußte, was in ihm vorging, als er diese Kunde vernahm; denn diese Tataren waren es gewesen, die seinen Vater Jessughei zu einem Mahle geladen und dabei hinterhältig vergiftet hatten. „Es ist das viertemal, daß sie unsere Nordgrenze überschrit- ten haben“, fuhr der Chinese fort, „und den Krieg in unser

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Reich tragen. Aber es ist auch so, ehrwürdiger Chan: Jedesmal, wenn unser glorreicher Kaiser Tschang-tsung seine tapferen Soldaten gegen die räuberischen Tataren schickt, weichen diese aus und ziehen sich in die weite Steppe zurück, in die wir ihnen nicht zu folgen vermögen. Also kommt es nie zum Kampf, und weil es nie zum Kampf kommt, erleiden die Tataren keine Verluste, so daß sie schon nach kurzer Zeit wieder in unser Land einfallen können, ohne fürchten zu müssen, dabei etwas zu verlieren.“ „Und was wünscht euer Kaiser von mir?“ fragte Dschingis- Chan. Der Gesandte ging auf die Frage zunächst nicht ein, sondern sagte: „Der Kaiser hat beschlossen, diesmal die Tataren streng zu strafen und…“ „… mit seinen Soldaten, die den Tataren nicht folgen kön- nen, weil die Steppe unendlich ist?“ Ich wunderte mich, daß Temudschin das tat, was die Gesand- ten nicht getan hatten: Er verspottete sie. Aber der Chan war so im Eifer, daß er mich nicht beachtete und dem Chinesen auf den Mund schaute. „Ich habe nur die Bitte meines Kaisers vorgetragen“, antwor- tete der Sprecher. Der Chan nickte freundlich, als wollte er seinen Spott unge- schehen machen. „Wie lautet die Bitte eures großen Kaisers, den ich achte?“ „Ihr sollt den Tataren den Rückweg abschneiden und sie vernichten!“ Der Chan stand auf und sagte feierlich: „Richtet eurem Kaiser das aus: Von alters her ist das böse Tatar-Volk das Feindesvolk gewesen, die Leute, welche meine Ahnen und meinen Vater ermordet haben. Jetzt wollen wir sie in die Zange fassen und zersprengen. Die Falten auf der Stirn eures Kaisers werden wir von ihm nehmen, und wir werden unserer Rache genügen!“ Sein schneller Entschluß wunderte mich nicht; denn die

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Gelegenheit war günstig, weil sich das Ersuchen der chinesi- schen Gesandten gut verbinden ließ mit der eigenen Absicht, einen mächtigen Gegner zu besiegen. Mich erstaunte lediglich, daß der Chan vom „bösen Tatar-Volk“ sprach, wo die Tataren doch aus vielen Stämmen bestanden, die verstreut in der Steppe lebten. Nicht alle konnten für den Mord an seinem Vater verantwortlich gemacht werden. Und die nicht verantwortlich waren, zählten doch auch zu Leuten, die in Filzjurten leben. Zum erstenmal lief über die Gesichter der Chinesen ein Lächeln. Sie dankten und verbeugten sich. Der Chan ließ ihnen Geschenke überreichen und wünschte ihnen Glück auf dem weiten Weg ins Reich Chin. Als sie gegangen waren, zurück durch die Allee mit den Altären, zurück durch das Opferfeuer, befahl Temudschin sofort einige der besten Boten zu sich. Eine Weile darauf jagten sie aus dem Lager, Hetzrufe aus- stoßend und die Pferde wild peitschend.

Am Tage des vereinbarten Treffs erschienen Toghrul-Chan mit seinen Kriegern und einige andere befreundete Stämme in unserem Hauptlager am Sanggur, um gemeinsam mit Dschin- gis-Chan gegen die Tataren zu ziehen. Der Toghrul, Oberhaupt der Keraiten, sagte, als er im Kreis der Edlen stand: „Es ist sehr richtig, daß ihr meinen Wahlsohn Temudschin zum Herrscher gemacht habt! Wie wolltet ihr Mongolen ohne Herrscher sein? Diesen Beschluß verletzt nicht wieder, euren Beschluß und eure Abmachung löst nicht wieder, euren Rockkragen zerreißt nicht wieder!“ Dschingis-Chans Gesicht blieb freundlich, obwohl Toghrul ihm eben zu verstehen gegeben hatte, daß er ein gleichberech- tigter Freund bleiben werde. Als es Abend geworden war, fragte Dschingis-Chan: „Und wo bleiben die Dschurkin mit Satscha beki und Taitschu an der

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Spitze?“ „Vielleicht hat sie ein Sturm zu Boden geworfen. Sie werden in einem Tal hinter ihren Pferden liegen und die Stille herbei- sehnen“, antwortete Toghrul. „Dann warten wir!“ Sie warteten sechs Tage, aber die Dschurkin trafen nicht ein. „Haben sie uns nicht ihr Wort gegeben, mit gegen die Tataren zu ziehen?“ „Sie haben es!“ antworteten die Edlen und faßten, zum Zeichen des Zorns, nach den Schwertern. „Dann werde ich ihre treulosen Köpfe in die Steppe werfen“, rief Dschingis-Chan. „Und jetzt reiten wir zu den Sieben Hügeln. Schickt die Boten sofort zum chinesischen Kanzler Ongging, damit er seine Soldaten in Marsch setzt und die Tataren über seine Grenze drängt, wo wir sie in die Zange nehmen wollen.“ Ich blieb zurück. Temudschin hatte es bestimmt und mir die Ordnung im Stammlager anvertraut. Meine Leibwächter schützten Bortes Zelte und die der alten Mutter Oelön Eke. Ging Borte mit Dschutschi und den zwei nach ihm geborenen Kindern zum Bach, hatte ihr ein Leibwächter in gemessenem Abstand zu folgen. Meist liefen sie zu der mächtigen Zeder, unter der die vielen bunten Steinchen lagen, die damals das Heer dargestellt hatten. Längst hatten die Tausendschaftsführer das neue Spiel in ihren Köpfen, und die Steinchen waren nun nicht mehr nötig, also konnten die Kinder mit ihnen spielen. Borte lehrte sie das Zählen. Und so zählte Dschutschi mit den roten Steinen, Tschagatai mit den blauen und Ugedei mit den weißen. Borte hingegen warf manchmal ein Steinchen in den nahen Bach. Vielleicht langweilte sie sich. Dies alles vermochte ich von meiner Jurte aus zu beobachten. Ich saß oft mit Goldblume an der Tür, den Vorhang hochge- rollt. Es waren stille Tage; denn Tausende Jurten standen leer, und in den übrigen wohnten die zurückgelassenen Frauen und

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Kinder. Männer waren gerade genug da, um die Herden ordentlich versorgen zu können, und natürlich waren auch die Schmiede im Lager, die ihre Eisen schlugen, und die Zimmer- leute, die Hürden bauten oder ausbesserten. Kein Regen fiel. Die Sonne trank aus dem Bache, und bald leuchteten die langen weißen Sandbänke aus dem Sanggur. Eines Tages kam ein Mann zu mir und sagte: „Man hat mich in der Nacht bestohlen! Meine Kleider sind fort! Hilf mir, Chara-Tschono!“ Was sollte ich tun, wo das Lager so groß und unübersichtlich war? „Hast du irgend etwas bemerkt, das geeignet wäre, mich auf die Spur zu bringen?“ „Nichts!“ Diebstahl war eine Seltenheit in unserem Ordu. Schwere Strafen standen auf dieses Verbrechen. Der Mann führte mich zu seiner Jurte, und wir ritten lange; denn sie befand sich am Rande des Lagers, dort, wo die Bucht des Berges Gurelgu aufhörte und der dichte Wald begann. Die Frauen klagten, die Kinder hielten sich an den weiten Röcken ihrer Mütter fest und hatten ängstliche Gesichter. Aber niemand hatte etwas gehört und niemand etwas gesehen. Da kam plötzlich eine Frau, weinend und schluchzend, und sie zeterte: „Mein Mann ist tot. Erschlagen liegt er in seiner Jurte, auf den blutigen Fellen, tot – und er ist nackt, und die Kleider sind fort, helft mir!“ Kaum hatte die Frau zu Ende gesprochen, als sogar drei Frauen erschienen und jammerten, auch ihre Männer wären erschlagen und ihrer Kleider beraubt worden. Und es kamen Stimmen auf, die sagten, der Führer der Leibwache sei nicht aus edlem Geschlecht und darum nicht fähig, das Lager zu schützen. Ich suchte mir ein paar Leute aus und ritt mit ihnen in den nahen Wald, weil ich annahm, Fremde könnten in der Nacht

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ins Ordu eingedrungen sein, die sich vor dem Erwachen des Tages ins Dickicht wieder zurückgezogen hatten. Aber wir fanden nichts, keine Spur und keinen Fremden. So kehrten wir bei Sonnenuntergang wieder heim, die Röcke von Dornen zerrissen; denn einen Pfad hatten wir nicht gefunden, so daß wir darauf angewiesen waren, den Wald zu Fuß, die Pferde führend, zu durchkämmen. Für die Nacht stellte ich Wachen zwischen den Zeltreihen auf und ließ einige große Feuer entzünden, die das Ordu erhellten. Goldblume brachte ich in eins der Zelte von Borte, wo sie durch die Leibwächter mit geschützt war. Als ich meine Jurte verließ, begegnete mir der alte Schamane Göktschu, jener Zauberpriester, der den Namen Dschingis- Chan aus dem Schafsknochen gelesen hatte. Ich fragte, ob ihm der Himmel ein Zeichen gegeben hätte, was uns verraten könnte, wie es zu den nächtlichen Überfällen gekommen war. „Sie haben auch den Koch Schiki’ur verprügelt“, antwortete der Schamane. „Und als er aus seinem Traum erwachte – er hatte schon geglaubt, zu den ewigen Höhen aufgestiegen zu sein –, da fror ihn, und siehe da: Auch er war nackt! Das geschah aber schon gestern.“ „Gestern? Warum hat man es mir nicht gemeldet?“ „Der Koch schämte sich, weil er betrunken war, und er sagte, daß er nur Schatten gesehen habe, die zuschlugen, nur Schat- ten, finstere Schatten, und deshalb habe er auch keine Laute vernommen; denn Schatten schweigen.“ „Das ist keine ordentliche Rede, sondern das Geschwätz einer Amsel, die zwar schön singt, die man aber nicht verste- hen kann.“ „Er war betrunken, Chara-Tschono, und wem der Wein in den Kopf steigt, dem fällt der Verstand in die Beine. So sagen wir doch?“ „Ich fragte dich nach den Zeichen des Himmels, Schamane!“ Wir setzten uns auf einen Stein, dicht am Bache, nahe der

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Zeder, unter der Borte tagsüber mit den Kindern gezählt hatte. Es begann zu regnen. Die Frauen und Männer verließen ihre Jurten, beugten ihre Köpfe nach hinten und freuten sich über die Tropfen, die großen warmen Tropfen, die ihnen nun ins Gesicht fielen. Der Schamane und ich gingen von dem Stein fort und hock- ten uns unter die Zeder. „Wenn die Nacht am verschwiegensten ist, sind die Zeichen des Himmels am nächsten“, sagte der Zauberpriester. „In solcher Stunde saß ich also vor meiner Jurte, lehnte mich gegen den noch warmen Filz und schloß die Augen. Plötzlich zog ein Rauschen durch die Luft und öffnete mir meine Lider. Ein schwarzer Nachtvogel mit roten Augen umkreiste mich, zweimal schwebte er um mein Jurtendach und flog dann weiter, tief und mit breiten Schwingen, die gegen den Mond wie zerfranstes schwarzes Tuch aussahen. Danach setzte er sich in den Dachkranz eines leeren Zeltes.“ „Wieso weißt du, daß dieses Zelt leer ist, Schamane?“ „Tausende Zelte sind leer“, antwortete er und blickte an mir vorbei, stierte auf einen Punkt in der Dunkelheit, als hole er von ihm seine Erinnerung. „Natürlich sind Tausende leer, aber wie weißt du, daß gerade dies eine unter den Tausenden unbewohnten und bewohnten leer steht?“ „Der schwarze Nachtvogel blieb sitzen. Bleibt aber ein Vogel sitzen, wenn Rauch durch den Dachkranz steigt?“ „Du hast recht! Und weiter, was geschah?“ „Er stieß dreimal einen Laut aus, den ich mir nicht zu deuten wußte. Der Vogel schrie: ‘Urki – urki – urki!’“ Wir blickten in den Regen, der vor dem Feuer in roten Fäden niederging. „Urki – urki“, wiederholte ich. „Will uns der Himmel nicht sagen, was es bedeutet?“ „Doch, er hat es mir heute schon gesagt, indem er mir diese

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Mütze auf den Weg warf.“ Ich erschrak. „Eine Dschurkin-Mütze, Dsch – urki – n –, also hat der göttliche Vogel ‘Dschurkin’ gerufen!“ „Nein, er rief ‘urki’, und der gütige Himmel fügte erst das ‘dsch’ und ‘n’ hinzu, als er die Mütze für mich auf den Weg legte.“ „Die Dschurkin-Leute sind mit ihrem Stamm nicht zum Treff gekommen, Schamane! Dschingis-Chan hat sechs Tage auf sie gewartet. Wie gelangt also eine ihrer Mützen in unser Ordu?“ Der Schamane schwieg, und wir blickten wieder in den Regen, der vor dem Feuer in roten Fäden niederging. „Führ mich zu der Jurte, auf der jener Nachtvogel gesessen hat.“ „Sie ist leer, Chara-Tschono, ich habe nachgesehen!“ Als der Schamane gegangen war, stieg ich auf die Zeder, wand mich in ihrem Geäst hoch und kletterte bis zu einer Stelle, von der aus ich einen großen Teil des Lagers überschau- en konnte. Hätte ich genügend Männer gehabt, wäre es leicht gewesen, alle leeren Jurten sofort zu durchsuchen, so aber konnte ich die wenigen, die ich hatte, nicht noch zersplittern und in Tausenden Zelten nachsehen lassen. Zum anderen wollte es mir nicht in den Sinn, daß das Dschurkin-Volk hinterhältig in unser Lager eingesickert sein sollte, um zu räubern und zu töten. Obwohl sie dem Chan gegenüber ihr Wort gebrochen hatten, brauchten sie noch nicht zum Feind geworden zu sein; denn für den Wortbruch hätten sie sicher ein paar gutgekleidete Gründe gefunden. So saß ich im Wipfel des Baumes, mit dem mich ein Riemen verband, damit ich nicht herunterstürzte, falls der Schlaf kommen sollte. Es regnete jetzt stärker. Wind kam auf. Die Feuer brannten heller. Die Zeder schwankte. Der Regen durchnäßte meine Kleider.

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Von hier oben sah ich auch Bortes Zelte. Und unter einem dieser Zelte lag Goldblume. Es schmerzte mich, sie allein zu wissen, in meinen Gedanken zu sehen, wie sie einsam auf den Kissen lag, ohne mich, und ohne daß jemand mit ihr sprach; denn die Ordnung verbot ihm, die Gemahlin des Oberhauptes anzureden. Auf den Lagerstraßen schritten die Wachen zwischen den Feuern auf und ab. Plötzlich wischte ein schwarzer Schatten über einen weißen Jurtenfilz, verschwand in der Dunkelheit, sprang wieder hervor, stach zu. Ein Wächter fiel zusammen. Noch einer stürzte lautlos auf die regennasse Straße, wand sich in einer blitzenden Pfütze und blieb dann reglos liegen. Hastig stieg ich von der Zeder. Und während ich herabstieg, sah ich durch die Äste immer noch die Jurten und immer mehr Schatten, die auftauchten, durch die Zeltreihen huschten, versanken. Das Lager schlief, und einige, die noch zu schlafen glaubten, waren schon tot. Ich sprang auf mein Pferd und rief der Leibwache zu: „Der Feind! Der Feind!“ Und nun scholl der Ruf durchs ganze Ordu. Reiter sausten an den Jurten vorbei, Pfeile zerfetzten den Filz. Schreie, Stöhnen, Rufe. „Es sind Dschurkins!“ rief jemand. Der es gesagt hatte, kippte vom Pferd. Hinter ihm brannte eine Jurte. Schafe brachen aus einer Hürde und flüchteten in die Finsternis. Zu einem regelrechten Kampf kam es nicht. Die Gefahr, einen eigenen Ordu-Bewohner zu töten, war größer als die Gewißheit, einen Dschurkin zu vernichten. Zudem wich der Feind überall aus, zog sich in die Dunkelheit zurück, wollte nur rauben, aber nicht erkannt werden. Da der Regen noch anhielt, kroch der Morgen nur zögernd über den Berg in die Bucht, grau und diesig. Die letzten

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Dschurkins flohen aus dem Lager. Geduckt hockten sie auf den Pferden, die Gesichter in die Mähnen gedrückt. Wir hatten zehn tote Männer zu beklagen, und fünfzig Män- nern waren die Kleider gestohlen worden, die Waffen und einiges andere von ihrer Habe. Ich schickte zwei kleine Gruppen aus dem Ordu in die Steppe: Die eine hatte den Dschurkins zu folgen, die andere dem heimkehrenden Dschingis-Chan entgegenzureiten, um ihm den Vorfall zu berichten. Beide Gruppen standen miteinander in Verbindung, und so mußte es einfach sein, die Dschurkin, deren Stamm sehr klein war, sofort in ihrem Versteck aufzu- stöbern und zu bestrafen.

Drei Morgen später traf Dschingis-Chan mit seinem siegrei- chen Heer wieder im Stammlager ein. Mit sich führte er die gefangenen Dschurkin und deren Häuptlinge Satscha beki und Taitschu. Wir versammelten uns auf dem Hauptplatz des Ordus. Hier wuchsen drei Eichen. Dschingis-Chan ritt auf seinem weißen Hengst unter jenen Baum, der in der Mitte stand, und sagte wütend: „Satscha beki und Taitschu! Ihr seid die Oberhäupter der Dschurkin. Als wir vor Tagen die Tataren, unsere alten Feinde, die unsere Ahnen und Väter ermordet haben, in die Zange nehmen wollten, sind wir von euch, den Dschurkins, auf die wir sechs Tage gewartet hatten, im Stich gelassen worden. Und jetzt sind sie, die Dschurkins, sich an die Sitten unserer Feinde haltend, als Feinde aufgetreten und haben in unserem Lager geplündert, einige Männer verprügelt und getötet. Ist es so, Satscha beki und Taitschu?“ „Es ist so, großer Chan!“ sagte Satscha. Und auch Taitschu sagte: „So ist es, großer Chan!“ „Und was haben wir früher ausgemacht und uns versprochen, Satscha und Taitschu?“

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„Wir sind unseren Worten nicht nachgekommen, Chan. Laß uns nach unseren Worten geschehen!“ „Es geschehe“, rief der Chan und zog sein schweres Krumm- schwert. In die Eiche fuhr der Wind. Ein Ast brach, trudelte herab. „Streckt eure Hälse, Verräter!“ Und die beiden streckten ihre Hälse. Das Schwert des Chans sauste zweimal nieder. Ein Wächter warf die Köpfe hinter die Eiche. „Die übrigen Dschurkin“, befahl Dschingis, „meßt am Rad- stift!“ Danach entfernte er sich und ritt als gefeierter Sieger zu den Zelten seiner Gemahlin Borte. Ein Yak zog einen hochrädrigen Karren zum Hauptplatz des Ordus. Die Gefangenen standen in fünf Reihen unter den Eichen, hinter ihnen unsere Krieger mit ihren Frauen und Kindern. Jene Frauen, deren Männer von den Dschurkins hinterhältig getötet und ihrer Kleider beraubt worden waren, weinten und stießen Zornrufe gegen die Gefangenen aus. Die Sonne schien durch das Blätterdach der Eiche. Und die Gefangenen hatten grüne Gesichter, auf denen manchmal ein goldener Sonnenfleck tanzte. Als die ersten zwei zum Karren geführt wurden, schwieg die Menge, verfolgte ihre Schritte und maß sie schon, obgleich sie noch nicht am Achsenstift standen. Plötzlich lachten die Leute spöttisch; denn diese Gefangenen waren so klein, daß sie das Maß des Todes nicht erreichten, als sie am Karren standen. Der himmlischen Ordnung nach wurden sie als Gefangene behal- ten, versklavt, unter den Stämmen aufgeteilt und zu Arbeiten herangezogen. Die nächsten zwei Dschurkin wurden über den Platz gesto- ßen. Der größere rief die Sonne an, fiel auf die Knie, winselte um Gnade, küßte die Stiefel des Wächters. Der aber packte ihn. Die Menge johlte. Sein Kopf reichte über den Achsenstift hinaus. Der Krieger enthauptete ihn. Die Zuschauer verstummten.

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Ich ging zu Dschingis-Chans Palast-Jurte. Lachend empfing er mich, er, der Sieger über die Tataren. „Der Tod meines Vaters ist gerächt, meine Mutter braucht nicht mehr zu weinen!“ Danach lobte er seine Heerführer, besonders Boghurtschi; Temudschin sagte: „Dieser ist wie ein Jurtenhund, hat im Kampf gerötete Augen, verbeißt sich in den Feind, und wenn er blutet, wird er noch wütender und verbreitet Angst und Furcht!“ Der Chan reichte mir eine Schale heißen Tees und fuhr erregt fort:

„Einmal sah ich, wie er mit seinem Wallach einen Hügel hinaufsprengte, hinter dem sich eine Gruppe tatarischen Volks verschanzt hatte. Der Wallach, müde und klapprig vom Kampf, hielt plötzlich am Hang an, trotzig den Kopf senkend, und fast wäre Boghurtschi des Todes gewesen, da zog er seinen Dolch und setzte die spitze Klinge auf die linke Halsseite des Pferdes. Blut spritzte hervor. Boghurtschi drückte seinen Mund auf die Wunde, sog sie aus, trank das heiße Pferdeblut, und der Wallach bekam Flügel, flog in die verschanzten Tataren, trampelte alles nieder.“ „Ich hörte“, sagte ich eine Weile darauf, „der chinesische Kanzler hat dir nach dem Siege einen Titel gegeben?“ „Ja, er ehrte unseren Sieg, indem er meinem Wahlvater den Titel Wang-Chan verlieh und mich von nun an Tschao-churi nennt. Der große Kaiser des großen Reiches Chin und ich sind Freunde geworden, und keiner hat für seine Grenze mehr zu fürchten!“ Temudschin lächelte ein wenig und ging zu einer der vielen Kisten, welche die mitgebrachte Beute enthielten. „Diese silberne Schale ist für dich und dieses kostbare Gewand für deine schöne Frau, Chara-Tschono. Meine Gemahlin lobt deine kleine Merkitin. Du hast sie, während die Dschurkin im Lager räuberten, in Bortes Zelte versteckt?“ „Ja, Temudschin.“

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„Da hast du recht getan; denn dein Leid wäre auch das meine. Die liebliche Borte sagt, deine- Frau könne so gehorsam schweigen?“ „Wie es die Ordnung vorschreibt, mein Freund.“ „Meine zärtliche Borte sagt auch, deine Frau kleide sich so, daß es dich und alle erfreue?“ „Sie liebt mich, Temudschin.“ „Gute Männer erkennt man an guten Frauen“, antwortete der Chan. „Wenn die Frau dumm und liederlich ist, ohne Verstand und ohne Ordnung, so sieht man in ihr die schlechten Eigen- schaften des Mannes. Wenn sie aber die Wirtschaft gut hält, Gäste und Boten freundlich empfängt und reichlich bewirtet, so erhöht sie die Geltung des Mannes und schafft ihm einen guten Ruf.“ Temudschin erhob sich, gab mir ein Zeichen zu folgen. An der Ostseite der großen Herrscherjurte schob er einen Vorhang aus Brokat beiseite. Wir betraten einen Raum, der mit himmel- blauer Seide ausgeschlagen war und in dem eine goldene Wiege stand. Auf dem weißen Deckbett glänzten unzählige Perlen, große und kleine, die wie Tautropfen schillerten. „Meine tatarische Beute“, sagte er leise, als läge schon das Neugeborene in der goldenen Wiege. Er stieß behutsam mit den spitzen Fingern gegen das kostbare Wunder, das nun zu schaukeln und zu wogen begann. „Wenn Borte geboren hat und das Geborene ein Knabe ist, wird er Tuli heißen!“ Ich sah das Glück in seinen Augen. Sie strahlten wie die Perlen auf dem weißen Bett. Als ich zu meiner Jurte ging, begegneten mir die Leute von den drei Eichen. Das Messen am Achsenstift hatte sein Ende gefunden.

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Mit Bogen und Schwert

Jeder Winter legte uns Reif ins Haar und machte uns älter, jeder Sommer zerbrannte in Kriegen und mehrte unsere Stärke. Während Dschingis-Chans jüngster Sohn Tuli, der in jener goldenen Tataren-Wiege unter dem perlenbestickten Bett geschaukelt worden war, noch zu Hause neben seiner Mutter den Herd bewahrte, zogen die anderen Söhne, Dschutschi, Tschagatai und Ugedei, schon an der Seite ihres Vaters in den Kampf und unterwarfen mit ihm Stämme und Völker, schlugen Rebellen und Widersacher, die sich dem Chan nicht beugen wollten. So viele wir auch bezwungen hatten, so groß das Reich geworden war, es gab noch genügend, die sich uns nicht anschlossen und der Einigung aller in Filzjurten lebenden Völker fernblieben. Im späten Frühling des Hühnerjahres 1 , wir lagerten wieder am blauen Kerulon, sprengte ein Pfeilbote ins Ordu: „Zum Chan! Sofort zum Chan!“ schrie er. Und ich begleitete ihn, der erhitzt vom Pferde gesprungen war und das Gesicht voller Steppenstaub hatte. „Was ist, Bruder?“ rief Temudschin und blickte in die ent- zündeten Augen des Pfeilboten. „Ihr steht vor mir, als hätten Euch tausend Geister gejagt!“ „Mein Chan“, stieß der Mann erregt hervor, „verzeiht, daß mein Mund, der Euch schon herrliche Botschaften überbracht hat, jetzt solch eine schlimme Nachricht sagen muß: Der einstige Freund Dschamucha ist von unseren Feinden zum Gur- Chan, zum obersten Herrscher in der Steppe, ernannt worden. Er hat die Tai-Tschuten mit Targutai um sich versammelt, die zersprengten Merkiten mit ihren drei Häuptlingen, die ver-

1 das Jahr 1201

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schiedenen Tatar-Völker und viele andere Stämme, die du geschont hast. Sie wollen dir Böses tun. Vergib mir, Chan, daß mein Mund eine so beleidigende Kunde sprechen muß.“ „Ruft die Edlen in mein Stammlager. Ich will mich mit ihnen beraten!“ sagte Temudschin. Danach schickte er die Leibwäch- ter vor die Tür, und auch die Diener schickte er hinaus, selbst den einen, der immer in seiner Nähe stand und mit einer Pfauenfeder die lästigen Fliegen vertrieb. „Borte aber soll auch gehen und meine Mutter ihr folgen.“ „Und ich, Temudschin?“ „Bleib, Chara-Tschono! Warst du nicht immer bei mir? Du weißt, gleich wird der nächste Bote erscheinen und eine noch ärgere Nachricht bringen. Du sollst sie hören dürfen. Das Herz wird uns schmerzen, weil Dschamucha einst unser Freund war.“ „Aber warum schickst du die Frauen hinaus, Temudschin, wo sie es waren, die dir als erste rieten, sich von Dschamucha zu trennen?“ Dschingis-Chan ließ sich auf seinem Sitz nieder. Er griff nach einer kleinen chinesischen Trinkschale, um deren Bauch ein roter Drache kroch und Feuer spie. Die Schale in der hohlen Hand wiegend, sagte Temudschin lächelnd: „Ich will nicht ein zweites Mal vor meiner Gemahlin Borte und meiner alten Mutter Wolke beleidigt werden, und zwar durch Dscha- mucha, der geringer Herkunft ist, während ich aus edlem Geschlecht stamme. Er, dessen Vorfahren einst nur Schafe und Hammel hüteten, will sich über mich, dessen Vorfahren riesige Pferdeherden besaßen, erheben. Ich verdamme ihn!“ Seine Finger umkrallten das feine Porzellangefäß, schlossen sich. Knackend zerbrach das dünne Schälchen. „Dschamucha!“ sagte er. „Dschamucha, du Freund meiner Kindheit, mit dem ich Geschenke tauschte.“ Des Chans Hand öffnete sich wieder, die Splitter fielen heraus und auf den bunten Teppich. Die Splitter waren so rot wie der zerdrückte Drache, und aus der

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Hand des Chans tröpfelte Blut. Ich kniete mich sofort zu ihm, drückte meinen Mund auf die Wunden und saugte sie aus. Nach einer Weile sagte er leise: „Der unmäßige Zorn und der Schmerz pochten gegen meine Adern. Nun ist er mit dem Blut gewichen, und ich bin ruhiger geworden, Chara-Tschono. Sieh nach, ob der zweite Bote schon im Ordu ist.“ Draußen schien die Sonne, verschönte das Tal, den Fluß und den Wald, aber nicht meine traurigen Gedanken. Die Wächter sahen mich fragend an, als sie mir mein Pferd zuführten. Schweigend bestieg ich den Braunen und ritt zum Kerulon, hin zu der breiten Lagerstraße, die am Ufer entlangführte und auf der jener Bote kommen mußte. In einer hohen Esche zankten sich Elstern, und ich hätte sie nicht bemerkt, wären die roten Beeren nicht plötzlich vor mir in den Sattel gefallen. Ich schaute hoch, und hinter mir sagte jemand ganz leise: „Tscho- no, mein Tschono!“ Oh, ich kannte diese Stimme. Nur die streitenden Elstern waren daran schuld gewesen, daß ich Goldblume, die mit den Wasserkrügen vom Fluß kam, nicht gesehen hatte. Sie stand in ihrem Kleid aus scharlachrotem Samt vor mir. „Wo ist der Glanz in deinen Augen, Tschono? Hat dir der Chan Böses gesagt?“ „Auch die Augen des Chans sind ohne Glanz, Goldblume.“ „Und die seiner Borte?“ „Auch sie!“ Ich hob Goldblume auf mein Pferd. „Dann sitzen wir nicht in den nächsten Tagen am Fluß? Fangen keine Fische, träumen keine Träume, schlafen nicht unter einem Dach, Tschono?“ „So wird es sein, Goldblume. Mehr zu sagen verbot mir der Chan!“ „Du hast alles gesagt, Tschono!“ Nun verlosch auch in ihren Augen der Glanz. Am Eingang des Ordus, dort, wo die ersten Jurten standen

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und die Steppe begann, erscholl ein Schrei, der noch schneller als der Reiter die Lagerstraße heraufbrauste. Die Menge rief:

„Platz! Ein Bote!“ „Ein Bote!“ „Ein Bote!“ Die Leute sprangen zur Seite. Staub quirlte auf. Peitschen- hiebe. Hetzrufe. Neugierige Blicke. Goldblume zurücklassend, jagte ich dem Pfeilboten voraus, um ihm den Weg zur Palastjurte des Herrschers zu zeigen. Doch der Jüngling ritt ein so schnelles Pferd, daß er mich überholte und ich nun Mühe hatte, ihm zu folgen. Gerade in dem Augenblick, als er seinen schwarzen Renner an der Gasse der Opferaltäre zum Stehen gebracht hatte, brach das Tier tot zusammen. Der Bote torkelte erschöpft durch das Spalier der reinigenden Feuer. An der Tür holte ich ihn ein. Der Wächter teilte den schweren blauen Vorhang. Wir standen vor dem Chan. „Er ist es!“ sagte ich zu Temudschin, da er uns den Rücken zuwandte. „Soll er sprechen?“ Dschingis-Chan nickte, ohne sich umzuwenden. Den Boten schüttelte das Fieber und die Angst. Er starrte auf den Rücken des Chans, auf den schwarzen Zopf, der reglos herabhing, und sagte: „Dschamucha hat heut nacht mit den Seinen das Ufer des Argun aufgesucht und dort einen Schwur zum Himmel geschickt und…“ „Deine Stimme zittert, Bote!“ unterbrach ihn Temudschin. „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Daß ich dir den Rücken zuwende, gilt nicht dir, sondern den Worten Dschamuchas, die du überbringen mußt. Sprich weiter, sprich, als wäre ich nichts als ein blauer Stein, den zu zerbrechen keiner vermag.“ „Oh, Chan, Dschamucha schwor mit seinen Leuten den höchsten Eid, den es in unserer heiligen Steppe gibt. Sie töteten einen Hengst, einen Stier und einen Widder; danach riefen sie den Himmel und die Erde an und gelobten einander, daß

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jedem, der diesen Eid bräche, so geschähe wie diesen Tieren.“ „Sprich schneller! Was taten sie weiter?“ „Sie hieben am Argun die mächtigen Bäume ab, stießen sie in den Fluß und schrien:…“ „… warum schweigst du, Bote?“ „Sie schrien bei jedem abgeschlagenen Baum, den sie in den Fluß stießen: Tod dem…“ „Sprich es aus!“ „Temudschin! – Mein Chan, daß mein Mund vor dir so beschmutzt wird, ist die Schuld des Dschamucha.“ „Hast du mir alle Worte überbracht?“ „Alle!“ „Du hältst wirklich keins in deinen Rockfalten verborgen?“ „Keins, mein Chan!“ Temudschin wandte sich jetzt um und sagte zu dem Boten:

Eine nicht überbrachte Kunde wäre schlimmer als die schmählichste Rede, die zu überbringen deine Pflicht ist!“ Als der Bote gegangen war, befahl Dschingis-Chan alle Heerführer zu sich. Weil sie erst gegen Mitternacht das Ordu erreichen konnten, blieb ich bei ihm. Wir saßen auf dem großen bunten Teppich, und da mein Freund nachdachte, schwieg ich, wie er schwieg, und da er mich nicht ansah, sah auch ich ihn nicht an, aber ich wußte, daß es ihn freute, wenn ich bei ihm war. Fortwährend starrte er auf die Ornamente des Teppichs. Vor seinen Augen schienen sie lebendig zu werden. Vielleicht stellte in seinen Gedanken der breite blaue Streifen, der am Rande entlanglief, den Onon dar, das weite gelbe Feld dahinter die Steppe, und vielleicht waren die roten Flecke darin Dschamuchas Heer, die grünen Targutais Krieger, die schwar- zen unsere Tausendschaften? Vielleicht war es auch nicht so; dann waren die Ranken nur Ranken, die Flecke nur Flecke, die buntgewebten Blumen nur schön. Trotzdem: Mir fiel auf, daß der Chan jedesmal zu diesem Platz auf dem Teppich zurück-

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kehrte, wenn er ihn einmal verlassen hatte und ein paar Schritte gegangen war. Nachdem wir eine sehr lange Zeit schweigend verbracht hatten, sah er mich plötzlich an und sagte: „So wunderlich die chinesischen Brücken aus schweren Steinen sein mögen, Chara-Tschono, für den Krieg taugen sie nicht. Was nutzt eine Brücke, über die auch der Feind gehen kann? Ich werde Dschamuchas Heer entgegenreiten und mit meiner Hauptmacht an der breitesten Stelle des Onon-Flusses übersetzen, indem ich eine lebende Brücke aus Tausenden zusammengebundenen Pferden baue; über die Rücken unserer Pferde werden wir ans andere Ufer stürmen, und noch ehe Dschamucha etwas bemerkt hat, wird meine Brücke wieder verschwunden sein.“ Ich antwortete Temudschin, daß mir sein Einfall mit der lebenden Brücke sehr gut gefiele, aber ich sagte nicht, daß mich seine Absicht, die Schlacht am linken Ufer des Flusses zu führen, erschreckte. Wohin sollten wir ausweichen, wenn wir Zurückgedrängt wurden? Einen Fluß im Rücken? Das sprach gegen alle Regeln des Kampfes, die wir bisher immer eingehal- ten hatten. Was hatte Temudschin also vor? Eine Unachtsam- keit von solcher Tragweite konnte seinen Plänen nicht zugrun- de liegen. Der Chan saß da und schwieg, und der Chan wußte genau, daß mich seine Absicht in Staunen setzte. Er schien auf meinen Einwand zu warten; denn er hatte es gern, wenn einer der nächsten Vertrauten in seinem Plan einen vermeintlichen Fehler entdeckte, den er eingebaut hatte, um den Feind zu täuschen. So tat ich ihm den Gefallen und sagte vorsichtig:

„Am linken Ufer des Onon-Flusses willst du die Schlacht führen, Temudschin?“ „Am linken, Chara-Tschono, mit dem Fluß im Rücken!“ Jetzt wußte ich es genau: „Mit dem Fluß im Rücken!“ hatte er gesagt. Er wollte mich wie den Feind in seine Falle locken, um die Richtigkeit seines vermeintlichen Fehlers bestätigt zu

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bekommen. Obwohl der nächste Satz schon in meinem Munde wartete, sagte ich eine Weile nichts. Vielleicht verführte es ihn dazu, mir noch einen Gedanken preiszugeben. Der Wächter meldete die Ankunft der Edlen. „Sie sollen warten!“ Mit einer wegwerfenden Handbewe- gung hatte das der Chan gesagt. Ihm lag jetzt mehr an meinen Worten als am Erscheinen der Oberhäupter; denn erst wenn seine Gedanken genau geprüft waren, trug er sie den Heerfüh- rern vor. „Warum sprichst du nicht, Chara-Tschono?“ Wir schauten uns in die Augen. „Sag mir die Wahrheit, Chara-Tschono, so wie früher, als ich noch kein Chan war!“ „Wenn du links des Onon-Flusses kämpfen willst, vermag ich, lieber Temudschin, nur einen fürstlichen Fehler zu entdecken!“ – So nannte er selbst die eingebauten Fehler. „Wieso das, wo du den ganzen Plan nicht kennst?“ Er stand erregt auf und lief zum Weintrog, schöpfte eine Schale voll, trank, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Weil du zu klug bist, solch einen Fehler zu begehen.“ „Und Dschamucha?“ Temudschin kam auf mich zu. „Wird Dschamucha diesen Fehler als fürstlich erkennen, oder wird er ihn für echt halten?“ „Ich weiß es nicht, weil ich deinen Plan nicht kenne!“ „Auch Dschamucha kennt ihn nicht, Chara-Tschono.“ Ein zweiter Wächter meldete die Ankunft der Heerführer. „Sie sollen warten!“ sagte er wieder. „Für diesen fürstlichen Fehler, Temudschin, ist nur eins von Bedeutung, nämlich: wann er erkannt wird.“ „So ist es.“ „Das auszurechnen, liegt in deinem übrigen Plan, der noch in deinem Kopfe eingeschlossen ist.“ „Auch das ist so, Chara-Tschono.“ Lächelnd begleitete er mich zur Tür, schob selbst den blauen Vorhang beiseite und

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entließ mich. Ich war noch nicht zwei Schritte gegangen, als er mich zurückrief und mir ins Ohr flüsterte: „Ersäufen werde ich sie alle, einfach ersäufen, und zwar im Onon, Chara-Tschono, im Onon-Fluß, auf dessen linkem Ufer wir kämpfen werden, hörst du, auf dem linken!“ „Mit dem Fluß im Rücken, ich weiß, Temudschin“, sagte ich lachend. „Nein, mit dem Gesicht zum Fluß!“ Nun lachten wir beide.

Diesmal erschien der Toghrul-Chan pünktlich mit seinem Heer am Kerulon und vor seinem Wahlsohn. Das Oberhaupt der Keraiten sagte: „Mein jüngerer Bruder Dschamucha hat sich über uns alle erhoben. Also werden wir sein Heer kleiner machen, damit künftig auch seine Worte kleiner werden. Er ist wie eine Schlange, die eine Ratte verschlungen hat. Sie wird dicker, aber nicht klüger.“ „Und schläfrig wird sie nach der Beute, nicht wahr, mein königlicher Vater?“ fügte Dschingis-Chan hinzu. Das war eine Anspielung auf Temudschins Plan, den ich inzwischen kannte und der vorsah, am linken Onon-Ufer ein großes Ordu aufzubauen, längs des Flusses und so in seiner Art, daß es unseren anderen Lagern glich. Alles sollte in diesem Ordu zu finden sein: Tausende Jurten und Zelte, in den Zelten und Jurten kostbare Kleider und Gefäße, reichliche Nahrung und Getränke, viel Getränke, berauschend und schmackhaft, Gold und Silber, und: Eßschalen mit Speisere- sten, als wären die Bewohner überrascht worden und hätten flüchten müssen; denn eins sollte es in diesem Lager nicht geben: Menschen. Und dann hatte der Chan noch bestimmt:

„An den Abenden sollen mehr Feuer im Lager brennen, als Sterne am Himmel glühen. Und genährt werden sollen die Feuer von jenen Kriegern, die wir dort zurücklassen, damit sie

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im rechten Augenblick das Scheingefecht gegen Dschamucha führen können.“ Während die eine Tausendschaft an der Stelle zurückblieb, wo das geheimnisvolle Lager entstehen sollte und der Fluß schmal war, ritten wir mit der Hauptmacht und Toghrul-Chans Heer nach Norden, um die größte Breite des Onons zu suchen. Späher meldeten uns, die Steppe wäre leer, und nirgendwo hätten sie etwas gefunden, was auf die Nähe von Dschamuchas und Targutais Kriegern hinwies. Dschingis-Chan befahl trotzdem, die Pferde sofort mit Riemen zusammenzubinden und in den Fluß zu treiben. Fünfundzwanzig Tiere nebeneinander, Leib an Leib, so trieben wir sie ins Wasser, verbanden sie mit den nächsten fünfund- zwanzig Pferden. Sie schrien und wieherten in die mondhelle Nacht, streckten und wanden die Hälse, und in ihren großen Augen blitzte die Angst und das Licht der bleichen Himmels- scheibe. Das Flußwasser sprühte, spritzte, klatschte, trat über die Böschung, je mehr Pferde wir in den Onon trieben und je weiter hinein in den Fluß sich unsere lebende Brücke schob. Als erster lief unser Chan über die Rücken der Pferde zum anderen Ufer. Ihm folgten die Tausendschaftsführer mit ihren Kriegern. Danach führten wir die Pferde wieder aus dem Fluß und befreiten sie von ihren Fesseln. Die Sonne ging auf. Das große Heer lag verstreut im tiefen Gras. Die meisten Männer schliefen. Erschöpft vom langen Ritt, ermüdet von der noch längeren Nacht, hockten sie in der morgendlichen Steppe. Doch der Chan ließ sie nicht ruhen, nicht, bevor alles so geschehen war, wie es sein Plan vorsah. Er versammelte die Heerführer um sich, die Tausendschaftsführer, die Hundert- schaftsführer; sogar die Führer der Zehnergruppen ließ er kommen. Sie schienen ihm besonders wichtig. Er ging auf einen zu und fragte: „Welche Reihe führst du an?“ „Die dreizehnte von links, mein Chan!“

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„Wer wird dich ersetzen, wenn man dich tötet?“ „Gambu!“ „Führ mich zu Gambu!“ Temudschin hetzte mit dem Zehnerführer durchs Gras, stieg über Schlafende, drängte sich durch Pferde und Männer. „Hier liegt Gambu; er schläft, mein Chan!“ „Weck ihn!“ „Gambu!“ schrie der Zehnerführer. Er stieß den Schlafenden mit dem Stiefel. Der Jüngling fuhr hoch, blickte erschrocken in das Gesicht seines Herrschers, glaubte noch zu träumen, als ihn die schnelle Frage traf: „Welche Reihe führst du an, wenn dein Zehnerführer getötet wird?“ „Die dreizehnte, mein Chan!“ „Die dreizehnte? Ich denke, die dreiunddreißigste?“ „Nein, die dreizehnte, die dreizehnte, mein Chan!“ „Von rechts also?“ „Von links, mein Chan, immer von links!“ „Schon gut, Gambu, die dreizehnte von links!“ Lächelnd schritt der Chan weiter. Nachdem er so eine Anzahl Zehnerführer und ihre Stellver- treter geprüft hatte, zogen die Tausendschaftsführer mit ihren Kriegern in die Steppe, hinein in die Mulden und auf die Plätze, die ihnen Dschingis-Chan angewiesen hatte. Dort, von Wachen geschützt, durften sie ruhen, einen Tag, zwei Tage, so lange, bis sie ein neuer Befehl erreichte. Wir blieben indessen auf einem Hügel mit verbranntem Gestein. Er war nackt und kahl, und nur ein dorniges Gestrüpp kletterte um die Hänge. Kein Baum und kein Strauch warfen Schatten. Temudschin verbot mir, eine Jurte für ihn aufzustel- len. „Haben meine Krieger ein Dach?“ sagte er, legte sich auf eine Filzmatte, sah eine Zeitlang in den Himmel, über den jetzt düstere Wolken jagten. Vier Leibwächter aus edlen Familien

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saßen bei ihm und bewachten seinen Schlaf. Mit einemmal begann es zu regnen. Aber der Chan schlief weiter, stülpte lediglich seinen Lederhelm über das Gesicht, und als der Regen stärker wurde, befahl ich den Wächtern, mit einem ausgebreiteten Leinentuch das Regenwasser von ihm abzuhalten. Bis zum Abend meldeten nach und nach die Boten der Heerführer, daß ihre Tausendschaften die vorgeschriebenen Plätze bezogen hätten. Auch Toghrul-Chan schickte solch eine Kunde. Und vom „Ordu ohne Menschen“ hörten wir, die davor liegenden Krieger hätten „mehr Feuer entzündet, als Sterne am Himmel glühten“. Aber Dschamucha kam nicht. „Er wird den Regen abwarten“, sagte Temudschin. „Und Targutai? Ist er nicht groß geworden im Regen?“ „Ich weiß, er raubte immer bei Unwetter, wie die Schakale und Wölfe. Doch jetzt, Chara-Tschono, ist Dschamucha sein Oberhaupt, also muß er warten, bis der Regen aufgehört hat.“ Als der Tag hell wurde und unser Hügel mit des Chans Gefolge wieder im Sonnenschein lag, ritten gleichzeitig drei Pfeilboten den Hang herauf. Der erste sagte: „Die Spitze von Dschamuchas Heer ist im Antilopental gesehen worden.“ Der zweite: „Er führt das ganze Volk mit, die Karren und Herden, Frauen und Kinder.“ Temudschin lachte. „Und du, was hast du zu melden?“ fragte er den dritten. „Ich sah Targutai mit seinen Tai-Tschuten am rechten Flügel von Dschamuchas Streitmacht reiten, einen Bach entlang, der diesseits des Berggürtels fließt. Auch er führt das ganze Volk mit.“ „Im Antilopental“, wiederholte Dschingis-Chan. Diese Nachricht bedeutete, daß uns Dschamucha immer noch am Kerulon vermutete und, da er Frauen und Kinder, Karren

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und Herden bei sich hatte, sein Stammlager am fruchtbaren Ufer des Onon errichten und zurücklassen wollte, um mit seinen Kriegern während des Feldzuges beweglicher zu sein. Da das Antilopental südlich unseres „Ordus ohne Menschen“ lag, bestand die Gefahr, daß Dschamucha den Onon über- schritt, ohne in unsere Falle gegangen zu sein. Er hätte dann unser Hauptlager am Kerulon ausgeraubt und wir das seine, aber die Schlacht wäre für uns verloren gewesen, und Dscha- muchas Ansehen als Gur-Chan hätte sich vergrößert. Schon jagten Dschingis-Chans Pfeilboten zum Süden, hinun- ter ins „Ordu ohne Menschen“, vor dem die Tausendschaft lag, die das Scheingefecht führen sollte. Sie erhielt den Befehl, ins Antilopental hinabzureiten, Dschamuchas und Targutais Übermacht anzugreifen und sich kämpfend in die Nähe des leeren Ordus zurückzuziehen, um den Feind in die Falle zu locken. Der Hauptmacht befahl Dschingis-Chan, sofort in die noch leeren Räume der Steppe zu stoßen, wobei das Oberhaupt der Keraiten, Toghrul, mit seinem Heer am rechten Flügel einzuschwenken hatte. Ich war neben Temudschin, und wir ritten langsam an der Spitze jener Tausendschaft, die links den Onon neben sich hatte und an dessen Ufer zum Süden vordrang. Manchmal begleiteten uns Möwen, die über den hellblauen Fluß und das gelbe Schilf schwebten. Die Schreie der vielen Wasservögel hörten wir nicht, da das Dröhnen Tausender Pferdehufe in unseren Ohren donnerte. Fische sah ich auch, Fische, deren Rücken blitzten, wenn sie durch die Wasseroberfläche stießen. Vielleicht saß Goldblume zu dieser Zeit am Kerulon, schaute dort in den Fluß, wie ich es hier tat, sah mein Gesicht, wie ich das ihre sah, und träumte von dem, was wir beide uns wünsch- ten. Am Abend ergraute der Strom. Träge zog der Staub mit uns dahin, und aus den Pferdemäulern flockte der Schaum. – Als

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Späher meldeten, das „Ordu ohne Menschen“ wäre nicht mehr weit, befahl der Chan zu halten und zu lagern. Noch sahen wir nicht die Feuer, noch hörten wir nicht den Lärm des Kampfes, aber die Boten meldeten, daß sich die Tausendschaft wie befohlen zurückzöge, den Feind in die Nähe des leeren Ordus locke und dabei schwere Verluste erlitte. Lauernd lagen wir im Gras, drückten uns an die warmen Pferdeleiber und warteten. Im Fluß versank die Mondsichel. Ein kühler Wind strich über das Ufer und raschelte im Schilf. Im Sumpf des Onon quakten Frösche. Plötzlich schwieg die Nacht. Dann schrie wieder ein Vogel. Eine Ente schnarrte im Borstengras. Stille. Ich legte mich auf den Rücken. Aus den Nüstern meines Wallachs wehte der heiße Atem über mein Gesicht. Ich schaute in den Himmel, der mir so unendlich wie die Steppe vorkam. Dort oben blühten die Sterne und hier unten die Blumen. Die Sterne! Wie viele würde Goldblume heut in unserem Dach- kranz zählen? „Es ist soweit“, flüsterte Temudschin und hatte das Ohr an die Erde gepreßt. Das Pferdegetrappel kam näher. Es drang von drei Seiten zu uns. Und es waren sieben Boten, die herangebraust kamen, sieben Jünglinge auf hitzigen Rossen. Dschingis-Chan erhob sich. „Dschamucha ist plündernd im ‘Ordu ohne Menschen’ eingezogen“, sagten sie. Und der Chan antwortete: „Er soll plündern. Ich habe ihm alles bereitlegen lassen an Kostbarkeiten, damit er sich daran berausche. Seine Krieger werden an der Beute erwürgen. Ich aber habe befohlen, daß in meinem Heer während einer Schlacht nicht geplündert werden darf. Heut werde ich euch zeigen, weshalb ich dieses Gesetz erließ.“ Temudschin sprang

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in den Sattel seines Schimmels und rief: „Auf die Pferde, Krieger. Zieht die Schwerter, Krieger! Reißt die Äxte heraus, Krieger!“ „Mein Chan“, einer der Pfeilboten näherte sich ihm, „wir haben dir noch nicht alle Nachricht überbracht.“ „Sprich!“ „Die Tausendschaft, mein Chan, die Dschamuchas Über- macht angriff und sich kämpfend in die Nähe des leeren Ordus zurückzog, weil du es befohlen hattest, gibt es nicht mehr. Tausend schwarze Köpfe liegen in der Steppe verstreut.“ „Ich hatte das so erwartet, Bruder, schon, als ich sie hin- schickte. Hast du noch etwas zu berichten?“ „Nein, mein Chan.“ „Dann sieh zum Himmel auf, Jüngling. Dorthin sind die tausend tapferen Krieger gegangen; sie sind zu den ewigen Höhen aufgestiegen und schauen mit den Sternen auf uns herab. Sprächen wir sonst von der Kraft des Ewig blauen Himmels? Vorwärts, Krieger!“ Die Steppe zitterte. Das Gras brach. Die Nachtvögel flohen erschrocken. Wie beim Spiel, das uns der Chan gelehrt hatte, brauste das Heer über die Ebene, heulend und grollend. Wie eine schwarze Woge rollte die mächtige Flut unter der Dunstglocke des Staubes, verschwand in Mulden, überspülte Hügel, näherte sich dem Feind, der raubend oder schlafend, trinkend oder speisend, im leeren Ordu saß. Wir kamen aus der finsteren Nacht und fielen im Morgen- grau im Lager ein. Noch bevor die Schlacht angefangen hatte, eine Schlacht zu werden, war sie entschieden. Die Toten trieben im Onon, die Ertrinkenden schrien, die Gefangenen flehten um Gnade. Während Toghrul-Chan dem geflohenen Dschamucha nach- setzte, jagte Dschingis-Chan die zersprengten Tai-Tschuten vor

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sich her und folgte ihnen bis hinunter ins Antilopental. Wie die sechszipflige Haut eines Yaks lag es vor uns, streckte sich bis zu den Höhen ringsum, von denen wir herabritten und hinein- schossen in das Gewühl der fliehenden Feinde. Plötzlich stürzte Temudschin vom Pferd. Ich warf mich auf ihn, deckte den Chan mit meinem Körper, schützte ihn vor den tai- tschutischen Pfeilen, die zischend über uns hinwegfuhren, ins Gebüsch oder gegen die Felsen schlugen. „Temudschin!“ rief ein Tai-Tschute. Und fünf andere Männer Targutais riefen sofort: „Ja, das war Temudschin!“ „Gebt ihm den Todesstoß!“ forderten sie und bedrängten die Leibwache. „Nieder mit Temudschin!“ Ich sah auf. Die Leibwächter des Chans kämpften mit den Rücken zur Felswand, an der wir lagen; sie kämpften mit Schwertern und blitzenden Äxten. Pferde rollten in den Abgrund, rissen Sieger und Besiegte mit. Furchtschreie loderten in den blauen Himmel, Mutschreie verhöhnten den Tod. Die Wächter schienen selber aus Stein zu sein, eins mit der Felswand in ihrem Rücken. Und zu ihren Füßen lag der Chan, den ich schützte, und erst jetzt bemerkte ich, daß ein Pfeil seinen Hals getroffen hatte. „Mein Chan, mein Freund“, stieß ich erschrocken hervor, sog das Blut aus der Wunde, trank den Tod aus seinen Adern und spie ihn ins Gras. So verharrten wir Stunde für Stunde vor dieser Wand aus Stein. Unten im Tal kämpften sie noch. Und als das Blut meines Freundes geronnen war, sagte er: „Innen sind mir meine Augen wieder hell geworden. Gib mir zu trinken, Chara- Tschono!“ Danach richtete er sich auf und lehnte sich mit dem Rücken an den warmen Fels. „Wo ist Dschamucha?“ „Ich weiß es nicht, Temudschin. Wir haben von Toghrul- Chan noch keine Kunde!“

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„Wo ist Targutai?“ „Auch das weiß ich nicht, Temudschin. Aber Boghurtschi, denke ich, wird ihn wie ein Hund mit heraushängender Zunge durch die Steppe hetzen und, wenn es sein müßte, ihm bis dorthin folgen, wo die Sonne untergeht und die Erde zu Ende ist.“ Der Chan lächelte. Ich nahm die inzwischen verwelkten Kräuter von seiner Wunde und streute frische darauf. „Du solltest dich legen, Temudschin. Es könnte geschehen, daß deinen Körper die Hitze überfällt und ihn schüttelt.“ „Willst du, daß der Feind von mir sagt: Dort oben liegt er?“ Sofort stand der Chan auf, krallte seine Finger in den rauhen Fels. Danach schaute er in die Sonne und fragte, ob seine Augen nun auch außen wieder hell wären. „Sie strahlen, Temudschin.“ „Siehst du, sie strahlen. Oh, Sonne“, sagte er feierlich und entledigte sich seines Gürtels, hing ihn um den Hals und verbeugte sich tief, wie er es immer tat, wenn er der roten Scheibe dankte. Im Antilopental trieben sie die Gefangenen zusammen. Wo sie sich sammelten, fielen schon die Schatten der Hügel auf sie. Ein einzelner Mann vom Volk des Feindes eilte zur Höhe, genau zu der Stelle, wo ich mit Dschingis-Chan stand. Schwert und Bogen hatte er weggeworfen, aber die Leibwache wollte ihn nicht durchlassen. „Er ist ein Tai-Tschute“, sagten die Leibwächter. „Wir töten ihn, Chan!“ „Laßt ihn zu mir“, befahl Temudschin, „ich will hören, was sein Mund mir zu sagen hat.“ „Ich heiße Dschircho’adai“, sagte der Mann, „ich war es, der mit einem Pfeil auf Euch geschossen hat, vom Berge herab habe ich geschossen.“ Die Wächter sprangen wütend herbei. „Laßt ihn ausreden“, mahnte der Chan.

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„Wenn ich jetzt dafür vom Herrscher getötet werden soll“, sagte Dschircho’adai, „dann werde ich eine Stelle Schmutz hinterlassen, gerade so groß wie ein Handteller. Wenn ich aber begnadigt werde, dann werde ich vor dem Herrscher gegen den Feind anstürmen, und ob ich das tiefste Wasser durchqueren und den festesten Stein zerstoßen müßte. Auf den Befehl ‘komm’ oder den Befehl ‘reize den Feind’ würde ich anstür- men, und ob ich einen blauen Stein in Trümmer stoßen oder einen schwarzen Stein in Stücke schlagen müßte.“ Der Chan bedeutete der Leibwache, von dem Manne zurück- zutreten. Er sagte: „Ein Krieger, der als Feind gehandelt hat, scheut sich und verbirgt, wen er getötet oder wem er geschadet hat, und er schweigt in seiner Rede darüber. Dieser hier aber verschweigt gerade nicht, wen er getötet oder wem er gescha- det hat, sondern teilt es mit. Solch ein Mann ist zum Gefährten geeignet. Du trägst den Namen Dschircho’adai. Weil du einen Pfeil auf mich geschossen hast, nenne ich dich Dschebe, Pfeil, und du sollst immer bei mir reiten!“ Nach dieser Begebenheit führte ein Hundertschaftsführer eine weinende Frau vom Feindesvolk zum Chan und sagte:

„Sie verlangt schreiend nach dir, Dschingis! Sie stand dort drüben unter der Zeder und rief fortwährend: ‘Temudschin, hilf mir! Wo ist Temudschin! Oh, Temudschin!’“ „Wie kannst du nach mir verlangen, ohne daß ich dich kenne?“ fragte der Chan. „Wer bist du, daß du mich rufen darfst, als wäre ich dein Freund?“ „Ich bin Sorgan-Schiras Tochter, Temudschin.“ Tränennaß fielen die Worte aus ihrem Mund. „Meinen Mann hatten deine Krieger ergriffen und wollten ihn erschlagen. Und da habe ich geweint und geschrien, und gerufen habe ich, Temudschin solle meinen Mann retten!“ „Dein Mann ist sofort frei! Ich werde einen Boten schicken!“ „Mein Mann ist tot! Du brauchst keinen Boten mehr zu schicken, Temudschin. Sie haben ihn erschlagen, weil du

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meinen Schrei nicht gehört hast!“ Die Tränen liefen ihr über Nase und Wangen und am Halse hinab, drangen durch das Kleid, machten es schwarzfleckig und so häßlich wie die weinende Frau mit dem wirren wilden Haar, das feucht von ihrem Gesicht hing. „Ich möchte mit dir weinen“, sagte der Chan, „aber als du mich riefest, lag ich selbst verwundet an diesem Stein, meine Augen sahen nichts, meine Ohren hörten nichts. Wie sollte ich dir da helfen?“ Inzwischen hatte sich auch der Alte jener Stelle genaht, zögernd und gesenkten Hauptes. Dschingis-Chan empfing ihn mit den Worten: „Ich möchte mich freuen, dich endlich zu sehen, lieber Sorgan-Schira. Das schwarze Holz an meinem und meines Freundes Hals hast du damals in der traurigen Nacht auf die Erde geworfen, das schwere Schandkragenholz an unserem Rockkragen hast du uns damals abgenommen. Das war ein großer Dienst von dir. Doch nun ist deiner Tochter dieses Unglück widerfahren. Aber bin ich denn daran schuld? So viele in den letzten Jahren zu mir gekommen sind, du warst nicht darunter.“ Sorgan-Schira wagte nicht aufzusehen und antwortete leise:

„Wenn ich die Sache übereilt hätte und schon früher gekom- men wäre, dann hätte Targutai mein zurückgelassenes Weib und Kind, die Herde und den Vorrat zu Asche gemacht und zerstreut. Das sagten wir uns, Temudschin, und deshalb sind wir erst heute gekommen, um uns dir anzuschließen.“ Der Chan lehnte immer noch an der Felswand. Die Sonne im Gesicht, die Hände ins rauhe Gestein gekrallt, so stand er, bleich und fahl, und da Sorgan-Schira den Chan während seiner Rede nicht angeschaut hatte, sagte Temudschin ärger- lich: „Wenn man seinen Worten nicht nachblicken kann und lieber auf seine Stiefel als ins Gesicht seines Freundes sieht, sind die Worte nicht ordentlich und ihr Sinn nicht tief genug gewesen. Obwohl ich den Schmerz mit dir und deiner Tochter

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teile, muß ich die Schuld, daß ihr Gatte getötet worden ist, von mir weisen.“ „Bin ich aufgenommen, Temudschin?“ fragte der Graukopf. „Ja.“ „Magst du einen in deinen Reihen, der zögert, weil er alt ist und seine Gedanken mit ihm alt geworden sind, der schlecht sieht und daher manches zu spät erkennt, der nur noch mäßig hört, weil seine Ohren in seinem langen Leben zuviel gehört haben? Magst du so einen, Temudschin?“ Sorgan-Schira blickte nun furchtlos zu der grauen Felswand, an der Dschin- gis-Chan lehnte. „Ich achte das Alter“, sagte Temudschin, „aber nicht allein deshalb nehme ich dich auf, sondern weil es mich ohne dich nicht mehr gäbe.“ Zufrieden verließ der Alte mit seiner traurigen Tochter den Hügel, stieg in der Rinne hinab, die das Wasser der Vorzeit gegraben hatte, und verschwand hinter den Büschen und später in der Menge. Der Chan verlangte ein Pferd. Ich redete auf ihn ein, bat ihn, hier die Nacht zu verbringen, den Morgen zu erwarten, aber kein Pferd zu besteigen, da er zuviel Blut verloren habe und zum Reiten noch zu schwach sei. Ohne auf mich zu hören, ging er dem Wallach entgegen, den ein Wächter heranführte. Ich sah, wie er sich mühen mußte zu gehen, ich sprang zu ihm, wollte ihm in den Sattel helfen. Mürrisch wies er mich ab. Und dann stürzte er, stürzte auf die Steine, und der Wallach trabte davon, und der Chan lag bewegungslos da; wieder floß das Blut aus dem Hals, und aus dem Mund floß es, und ich kniete bei ihm, sog zum zweitenmal die Wunde aus und spie den Tod ins Gras. Nun war er ganz still, der Chan. Er sah die Sonne nicht untergehen, die Sterne nicht erwachen, er hörte nicht, wie mir Boghurtschi meldete, daß er siebzig tai-tschutische Häuptlinge, unter ihnen Targutai, gefangengenommen habe, er hörte auch

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nicht, wie Toghrul-Chans Boten die Kunde brachten, daß es nicht gelungen wäre, Dschamucha zu fangen. Ich befahl, eine Jurte aufzustellen. Wir betteten den Chan auf seine Filzmatte, und ich blieb bei ihm, die lange Nacht hindurch blieb ich, wachte wie draußen die Wächter, deren Schritte gleichmäßig auf dem Geröll der Steine klirrten. Als der Mond sich ins Gestänge des Dachkranzes schob, fing Temudschin an zu reden. Sein Kopf schien zu brennen, sein Körper zu frieren. „Kennst du mich?“ fragte ich meinen Freund. Er antwortete nicht. Starr blickten seine trüben Augen durch das hölzerne Gitter in den Mondhimmel. So verrann diese Nacht mit wirren Träumen, die der Chan aus heißem Munde und über zitternde Lippen stammelte; er sprach von Häusern, die der Wind auf Flüssen hinauf- und hinabtrieb, von Wagen ohne Räder, in denen Herrscher saßen, fremde Herrscher, von Städten aus Stein, umgeben von Mauern aus Stein, die man nicht forttragen konnte wie Jurten und Zelte, von fernen Palästen sprach er, mit goldenen Säulen und goldbele gten Dächern, von blühenden Gärten und Orangenhai- nen, fremden Häuptlingen und Königen, die er träumend verlachte, von zahlreichen Göttern, die ich nicht kannte, die er aber ausrotten wollte, von Goldstücken, groß wie Kamelköpfe, von Edelsteinen, größer als Yakaugen, von Türmen und Bergen, so hoch, daß man weit das Land überschauen konnte, und von vielem anderen sprach er; denn es war eine lange, lange Nacht mit langen Träumen, kranken Träumen, die der Chan aus heißem Munde über zitternde, frierende Lippen stieß. Als das Grau des frühen Morgens das fahle Changesicht erhellte, bewegte Temudschin zum erstenmal wieder den Kopf, sah mich, erkannte mich und sagte leise: „So wie es nur eine Sonne und einen Mond am Himmel gibt, darf es nur einen Chan, nur einen Herrscher auf Erden geben!“

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Ich erschrak über diesen Gedanken, und je länger ich nach- dachte, desto mehr noch erschrak ich über das Ausmaß seiner Folgen. In der Kette seiner nächtlichen, mir so wirr erschiene- nen Träume war dies das letzte Glied, und obwohl es wach und nicht träumend hinzugefügt worden war, paßte es zu den übrigen. Vorsichtig, meine Überlegungen prüfend, fragte ich: „Du warst weit weg in dieser Nacht, Temudschin. Du hast von Dingen gesprochen, die ich nicht kenne. Die fremden Händler haben davon erzählt, wenn sie ihre Waren bei uns tauschten, aber ich kenne sie nicht. Ich hatte dir den Tod aus der Wunde gesogen, die wirren, fremden Träume habe ich dir nicht nehmen können!“ Er sah mich erstaunt an. „Was aus meinem von Kälte und Hitze geschüttelten Munde gekommen ist, weiß ich nicht, Chara-Tschono, aber ich träume immer von Dingen, die ich nicht kenne, weil ich mich danach sehne, sie kennenzulernen. Und ich träume nie von Dingen, die mich schon umgeben, sondern nur von jenen, die mich einst umgeben sollen. Ist das nicht das Wesen aller Träume, Chara-Tschono?“ Ich hatte keine Antwort darauf und schwieg eine Weile. Durch den hochgerollten Zeltvorhang sah ich das Antilopental wie eine riesige grüne Matte, auf der die Gefangenen hockten, umgeben von Wachen und Feuern. Und die bunten Vögel waren wieder da, flatterten zwitschernd in den Büschen, schraubten sich in die Lüfte, sangen über dem Tal, jetzt sangen sie wieder, wo der Lärm des Kampfes vorüber war. „Du fragst nicht nach Dschamucha, Temudschin?“ „Über meine Träume hatte ich ihn fast vergessen! Was ist mit ihm?“ „Er ist dem Toghrul-Chan entkommen.“ Temudschin lächelte. „Entkommen! Je größer mein Reich wird, desto kleiner wird das Reich meiner Feinde! Wohin will Dschamucha eines Tages ausweichen?“

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„Du zürnst also dem Toghrul-Chan nicht?“ Temudschin schüttelte den Kopf, griff nach dem Pelz und zog ihn bis hinauf ans Kinn, als fröre ihn. „Hat mir mein Wahlvater nicht immer in tiefer Not geholfen und beigestan- den?“ Mit einem spöttischen Lächeln fügte Dschingis-Chan hinzu: „Ist Dschamucha nicht sein Bruder, Chara-Tschono?“ Sonnenschein fiel nun ins weite Tal, leuchtete in die Schluchten und Falten der Hügel. Krieger trieben die erbeute- ten Herden zum Bach, die Pferde und Hammel, und Hunde hetzten kläffend um die Rudel, hielten sie zusammen. „Und was ist mit Targutai?“ fragte der Chan. „Boghurtschi hat ihn mit seinen neunundsechzig anderen Häuptlingen gefangengenommen, Temudschin.“ „Boghurtschi“, sprach der Chan, „tausend solcher Boghurt- schis, und meine Träume wären keine Träume mehr!“ Mich ärgerte, daß er wieder von seinen Träumen zu reden begann. Ich faßte nach seiner Stirn. Aber sie war nicht mehr so heiß wie in der Nacht. „Wenn du die siebzig Häuptlinge von hier aus sehen willst, Temudschin, sie liegen unten am Rande eines Birkenwäldchens.“ „Zeig sie mir, Chara-Tschono!“ Ich stützte seinen Kopf und Rücken, richtete ihn auf, und nun sah er mit mir durch den Zelteingang, hinab ins Tal und hinüber zu dem Birkenwäldchen. „Siehst du, Chara-Tschono, erst hat Targutai mich und dich gefangengehalten, und jetzt haben wir ihn und seine Oberhäupter. Wir entkamen, aber sie werden nicht entkommen. Schick mir gleich einen Boten!“ Während ich den Boten holte, dachte ich, Temudschin fürchte plötzlich, auch diese tai-tschutischen Häuptlinge könnten vielleicht fliehen. Und der Bote war gerade erst eingetreten, als der Chan hervorstieß: „Eil zu Boghurtschi und sage ihm, ich hätte befohlen, die siebzig Tai-Tschuten sofort hinrichten zu lassen.“ Danach verlangte er, daß ich ihn erneut stütze, damit er hinab ins Tal schauen könne. „Ich will sehen,

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wie sie mein Befehl erschreckt.“ Unser Reiter jagte über die Steine, riß das Geröll mit sich, verschwand hinter Felsen, tauchte neben Sträuchern wieder auf, verschwand abermals und erreichte endlich das Tal, so daß wir ihn nun nicht mehr aus den Augen verlieren konnten. Er sprengte über die ausgestreckte grüne Matte, und außer uns wußte keiner, welche Kunde er bei sich führte, und schon gar nicht wußten es die siebzig Tai-Tschuten-Häuptlinge, die am Rande des zärtlichen Birkenwäldchens saßen. Vor der Jurte des Boghurtschi wehte die Stammfahne mit den Yakschwänzen. „Noch einen Pfeilschuß weit, und er steht vor meinem besten Heerführer!“ sagte der Chan. Und als er es gesprochen hatte, stieg der Bote schon von seinem schwarzen Renner, lief ins Zelt, und als er wieder heraustrat, war Boghurtschi bei ihm und rief nach einigen Kriegern, die im Grase lagen. Über das Antilopental wanderte ein Wolkenschatten. Grau waren jetzt die Birkenstämmchen, grau war der Bach und die Büsche. Doch dann stürzte wieder das grelle Sonnenlicht auf das zärtliche Wäldchen aus Birken, und da erhoben sich auch die Gefangenen; denn Boghurtschi war mit seinen Leuten bei ihnen angelangt. Für einen Augenblick stand alles still:

Boghurtschi wie die Gefangenen, die Krieger wie die Birken. Als die Krieger die Gefangenen einkreisten, geriet der Haufen in Unordnung. „Roll den Zeltvorhang herunter, Chara-Tschono“, meinte der Chan und legte sich zurück auf den Filz. Seine Stirn war naß. Er sagte: „Laß mir die Brühe von einem doppelt gesäugten Lamm bringen.“ Schweigend lief ich nach draußen. Vor dem Birkenwäldchen lag ein großer, großer Schatten. Aber der war nicht von den Wolken, nicht von den Bäumen; denn es war Mittag, und die Scheibe des Lichtes stand senkrecht über dem Antilopental.

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Die schöne Chulan

Still lag der Chan in den folgenden Tagen auf seiner weichen Matte, er genas nur zögernd, aber er sprach auch nicht mehr in seinen nächtlichen Träumen. Obgleich das zehrende Fieber gewichen war, zwang ihn die Schwäche, die Jurte nicht zu verlassen. Außer mir und der Leibwache wußte niemand, daß sich der Chan nicht auf den Beinen zu halten vermochte. Streng war er darauf bedacht, daß es keiner erfuhr, da er fürchtete, die Nachricht könne zu den feindlichen Stämmen laufen und sie ermutigen, über ihn herzufallen. Manchmal mußte ich ihn zur Tür des Zeltes führen, dann sah er durch den schmalen Schlitz des Vorhanges hinab ins Tal der Antilopen, auf die zurückkehrenden Tausendschaften, die Gefangenen und das Volk des Feindes, die Frauen und Kinder. Doch die Heerführer empfing er nicht, wenngleich sie darauf brannten, ihm ihre Siege zu melden. Nicht einmal seine Söhne ließ er durch die Wachen, auch nicht den Toghrul-Chan, seinen Wahlvater, der, wie mir Temudschin lächelnd sagte, nur kommen wolle, ihm mit breiter Rede auseinanderzusetzen, auf welche Weise dem Dschamucha die Flucht gelungen sei. Durch vorzügliche Speisen und kräftige Getränke, die ich dem Chan nach seinen Wünschen zubereiten ließ, genas der Herrscher allmählich, und so kam der Tag, an dem er allein zur Tür laufen konnte, ohne daß es ihm allzuviel Mühe bereitet hätte. Er rief mich. Nun knieten wir beide hinter dem Vorhang und blickten durch den Schlitz. Temudschin wies auf ein Zelt aus Leopar- denfell, das neben einem Felsplateau unter uns am Hange stand und mit seinen grellen Farben zu uns herauf schaute. „Was soll das? Wem gehört es? Wessen Zelt darf kostbarer

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sein als das meine?“ Temudschin riß wütend den Vorhang beiseite und trat aus der Jurte. Das Sonnenlicht blendete ihn. Schützend legte er die Hand über seine Augen. „Gestern war das Zelt noch nicht da“, sagte ich. „Wache!“ rief der Chan. Und als der Wächter vor ihm stand, fragte Temudschin: „Wer bewohnt dieses Zelt?“ „Wir wissen es nicht, mein Chan. Erst in der Nacht wurde es hier aufgestellt.“ „Und welcher meiner Wächter hat es erlaubt?“ „Wir hatten keinen Grund, es zu verbieten, mein Chan. Die Vorschrift lautet: Der Platz um deine Jurte, der weder betreten noch bewohnt werden darf, hat zwei Pfeilschüsse weit zu sein. Das Zelt aus Leopardenfell ist aber drei Pfeilschüsse weit. Daran hielten wir uns.“ Temudschin sah wieder hinab auf das geheimnisvolle Zelt. Keiner verließ es, keiner betrat es. Ihm schlossen sich ein paar kleinere, gewöhnliche Filzzelte an, deren Ausgänge in die Büsche liefen. Ruhiger geworden, sagte Dschingis-Chan zu dem Wächter: „Sieh sofort nach, was es mit dem Zelt auf sich hat!“ Der Mann verschwand, und wir gingen in unsere Jurte, wo sich Temudschin wieder auf der Matte niederließ. Es schien ihn zu beunruhigen, daß um ihn herum Dinge geschahen, von denen er nichts wußte und die er nicht angeordnet hatte; denn er sagte zu mir: „Ich will morgen einige Heerführer empfangen und mir ihre Berichte anhören.“ Inzwischen war der Wächter zurückgekehrt und wartete am Eingang. In seinen Augenwinkeln fand ich ein feines Lächeln, das er gehorsam zu verbergen suchte und das sofort erlosch, als ihn der Chan aufforderte zu sprechen. Es schien ihm Freude zu bereiten, dem Herrscher zu sagen: „Das Zelt aus Leopardenfell, mein Chan, bewohnt ein Mädchen mit seinen Dienerinnen. Es ist so schön, daß ich glaube, noch nie solch ein schönes Mädchen unter den schönsten gesehen zu haben. Auf seinem

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schlanken Leib schillert ein Gewand aus weißem Brokat. Eine Göttin scheint es zu sein, die auf blauen und roten Kissen von Seide ruht. Sie lächelte nur, mein Chan. Und über sie spannt sich ein Himmel von goldenem Tuch, den vier schwarze, mit Schlangenköpfen verzierte Säulen tragen. Verzeih mir, mein Chan, daß ich deine kostbare Zeit mit meiner langen Rede verkürzt habe, aber der Anblick dieses schönen Mädchens hat mich verwirrt.“ Der Wächter verbeugte sich und trat einen Schritt zurück. Dschingis-Chan lächelte mir zu und sagte dann dem Jüngling:

„Deine prachtvolle Rede, Wächter, ließ meine Augen alles sehen; mir war, als schaute ich auf eines der deutlichen bunten Bilder, welche die chinesischen Händler immer bei sich führen. Nur etwas hast du dabei vergessen: Wer ist das Mädchen? Wem gehört es? Wer stellte seine Jurte hier am Hange auf?“ Einen Schritt vortretend, sagte der Jüngling: „Ich fragte das Mädchen, mein Chan, aber statt zu antworten, lächelte es.“ „Fragtest du nach dem Namen des Vaters?“ „Ich fragte, Chan, aber sie nannte ihn mir nicht, sondern erkundigte sich nach deinem Wohlergehen.“ „Nach meinem Wohlergehen?“ „Ja, mein Chan.“ Temudschin erhob sich und lächelte mir abermals zu. Sein bleiches Gesicht hatte sich jetzt wieder gerötet. Er griff in die Tasche, holte einen zierlichen Ring hervor und steckte ihn dem Jüngling auf den Finger. „Mit Worten, Wächter, hast du mir ein schönes Bild gemacht. Es erinnerte mich an etwas, was ich in den letzten Tagen, als ich ermattet daniederlag, wohl schon vergessen hatte. Mag dich der Ring an jene Kunde gemahnen, die mich so sehr erfreut hat.“ Am anderen Morgen empfing Dschingis-Chan die tapfersten Heerführer, hörte ihre Siegesberichte und erfuhr, daß das schöne Mädchen die Tochter eines Merkiten-Häuptlings war, der sie dem Oberhaupt der Mongolen zum Zeichen seiner

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Ergebenheit gesandt hatte. „Und wo sitzt dieser Häuptling, der aus Furcht vor mir seine Tochter schickt?“ „Am Rande der nördlichen Steppe, Temudschin“, antwortete Muchuli, einer der engsten Vertrauten des Chans. „Er sitzt dort im Wald, schrickt bei jedem Flügelschlag eines Adlers zusammen, fährt hoch, wenn ein Windstoß seine Jurte schüt- telt, und wartet, tags wie nachts die Götter rufend, daß dir seine Tochter gefallen möge.“ „Sie soll schön sein, Muchuli?“ „Sie ist schön, Temudschin. Wenn es der Merkiten- Häuptling gewagt hätte, dir eine Tochter mit Hundegesicht zu senden, wäre er von uns schon niedergemacht worden.“ Plötzlich dachte ich an Goldblume, und vielleicht fürchtete ich für Temudschins Gemahlin Borte, als ich halblaut sagte:

„Und wenn sie zu schön ist, lieber Freund?“ Betroffen sah mich der Chan an, las in meinen Augen, suchte den Sinn meiner Worte zu deuten. Eine ganze lange Zeit starrte er mich so an, unter dem Schweigen der Heerführer und der Edlen, von denen einige wohl das dachten, was ich zu sagen gewagt hatte. „Sehen wir nach, wie schön sie ist“, bemerkte Temudschin, lud mich und mehrere seiner besten Freunde ein, ihm zu folgen. Wir stiegen den Hang hinab. Schon draußen ergötzte er sich an den weichen Leopardenfellen, strich mit der Hand darüber, bestaunte die kunstvolle Art, mit der sie zusammenge- fügt und zu einem Zelt hergerichtet worden waren. Und noch mehr lobte er die Farben, die rosettenartigen schwarzen Flecke auf gelbem Grund, der in der Sonne schimmerte. Eine stumme Dienerin öffnete den grünen Vorhang. Da lag sie, die schöne Merkitin, eine Stammesschwester meiner Goldblume. Hingeschmiegt auf seidene Kissen, roten und blauen, lächelte sie scheu dem Chan entgegen. Und ein wenig Furcht bebte in ihrem Lächeln, die aber sofort in Glück

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umschlug, als der Chan niederkniete und flüsterte: „Wie nennt man dich?“ „Chulan, mein Herrscher!“ „Chulan!“ Er küßte ihre Fingerspitzen, strich über die schma- len Hände wie draußen über das Leopardenfell. „Chulan“, sagte er wieder, ganz, ganz leise sagte er: „Chulan.“ Mit schlangenhafter Anmut wanden sich ihre Arme um seinen Nacken. Trunken vor Wonne, liefen seine Finger, die großen breiten Finger an den großen breiten Händen über den schil- lernden weißen Brokat, der sich um ihren geschmeidigen Leib spannte. Sie hielt die Augen geschlossen, vielleicht, um uns nicht zu sehen, die wir, der Vorschrift gehorchend, hinter dem Chan standen und uns nur entfernen durften, wenn er es befahl. Betreten schauten die Edlen auf den bunten Teppich oder an den Himmel aus goldenem Tuch, unter dem die Liebe seufzte. Der Chan hatte uns vergessen. Als er der kleinen Chulan die knisternde Seide vom Leibe streifte und die glänzenden Brüste hervorsprangen, sagte Muchuli tadelnd: „Laß uns gehen und warte die Nacht ab, Temudschin. Du handelst gegen Brauch und Sitte.“ Aber der Herrscher hörte nicht. Schräg fiel der Sonnenschein auf die Liebenden und raubte ihnen vor unseren Augen die Würde und die Schönheit. Noch einmal flehte Muchuli: „Mein Chan, was Ihr uns antut, schickt sich nicht. Eure Väter würden erröten und Euch vorwerfen, unter die Tiere gegangen zu sein!“ Diese Worte waren so ungewöhnlich hart, daß ich für einen Moment glaubte, der Chan würde sich umwenden und schrei- en: „Werft ihn den Hang hinab, hinter meine Augen mit ihm.“ Aber Temudschin schwieg selbst jetzt, schwieg wohl vor Entzücken und umschlang seine Chulan, als wollte er sie immer festhalten. Sosehr auch ich sein Benehmen als unschick- lich empfand, sosehr versuchte ich, mir seine ungestüme Liebe zu erklären. Da war Borte, die er verehrte und schützte, die ihm

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aber im Alter von neun Jahren anverlobt worden war. Hatte er sie geliebt? Ich wußte es nicht, und vielleicht hatte er es auch nicht gewußt und wußte erst jetzt, da die kleine Chulan in seinen Armen lag, wie unmäßig das Glück sein kann. Als wir mit ihm das Zeit aus Leopardenfell verließen, schwieg der Herrscher. Und schweigend stiegen wir den Hang wieder hinauf. Die Sonne hatten wir im Rücken. Während unsere Wangen noch vor Scham glühten, glühten die seinen noch vor Wonne und Erregung. Oben angekommen, verließen ihn die Edlen wortlos. Und so saß ich dann allein mit ihm, allein in der Jurte, vor der untergehenden Sonne. Wir blickten uns nicht an, und wir redeten nicht miteinander; denn seine Gedanken weilten noch bei Chulan, und seine Augen schauten noch immer das Glück der vergangenen Stunde. Ich war froh, als ein Bote unser Schweigen zerbrach und meldete, Boghurtschi ritte soeben ins Tal und führe eine Schar gefangener Tataren mit, die er draußen in der Steppe aufgestö- bert habe. „Sie waren ohne Anführer und von Dschamucha, dem sie sich vor Tagen angeschlossen hatten, im Stich gelassen worden. Sie haben sich ohne Kampf dem Boghurtschi ergeben und wollen dir dienen, mein Chan. Was soll mit ihnen gesche- hen? So fragt der Heerführer.“ „Tataren? Meßt sie am Radstift. Die über ihn hinausreichen, metzelt nieder, die anderen zerstreut unter mein Volk. Sie sollen die Ziegen und Schafe hüten, wie es die bösen Jurten- hunde tun!“ Der Bote rannte fort. „Hol ihn zurück, Chara-Tschono!“ Als ich nach draußen lief und nach dem Boten schrie, dachte ich: Wie gut, er hat es sich noch einmal überlegt; denn das Gesetz der Steppe schreibt vor: Den Feind, der sich kampflos ergibt und unterwirft, tötet man nicht! Es wäre das erstemal gewesen, daß der Chan diese Ordnung verletzte.

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Wieder stand der Bote vor uns. Ich lächelte ihm zu, wie wenn ich sagen wollte: Nun erhältst du bessere Kunde! „Jüngling, ich ändere meinen Befehl“, sagte der Chan freundlich. „Melde dem kühnen Boghurtschi, die Götter hätten mir heut den schönsten Tag meines Lebens geschenkt. Also will ich ihn nicht mit dem bösen Tatarenblut beflecken. Das Messen am Radstift soll morgen geschehen!“ Als sich der Vorhang hinter dem Boten erneut geschlossen hatte, sagte ich: „Schwert gegen Schwert, Pfeil gegen Pfeil, Messer gegen Messer, so lautet das Gesetz der Steppe, Temudschin. Warum erhebst du aber jetzt das Schwert gegen jene, die es weggeworfen haben? Weshalb willst du die töten, die für dich leben und in den Kampf ziehen wollen?“ „Es sind Tataren, Chara-Tschono. Haben sie nicht meinen Vater vergiftet?“ „Ihre Väter waren es, Temudschin.“ „Tataren!“ schrie der Chan. „Genügt es nicht, daß sie einen Namen tragen, der mir Tränen in die Augen treibt?“ Ich wollte sagen: „Es genügt nicht“, aber ich wagte nicht, es zu sagen, und meinte deshalb leise: „Hassen wir den Wolf, weil er Wolf heißt, fürchten wir den Schakal, weil wir ihn Schakal nennen, Temudschin?“ Seine Finger wühlten in der Silberschale voll Fleischstück- chen, die vor ihm stand, wählten und wühlten und ließen die Klümpchen wie Worte ins Gefäß zurückfallen, weil sie ihm untauglich schienen. Der Mund stand offen, eine dunkle Höhle mit blutigen Zähnen, blutig wie seine Fingerspitzen, die immer noch die rohen Fleisch-Stückchen aufhoben und wieder fallen ließen. Ich reichte ihm eine schlankhalsige Kanne mit Stutenmilch. Er trank. Danach strich sein Handrücken über den Bart, und seine Fingerspitzen tauchten abermals ins Fleisch. Und plötzlich flog ein roter Würfel in die Mundhöhle. Temudschin sagte: „So weise dein Gleichnis sein mag, Chara-Tschono,

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mein Herz bleibt ihm verschlossen.“ Er warf seinen Wollum- hang über und ging zum Ausgang der Jurte. Ich fragte, ob ich seine Rückkehr erwarten solle oder mich niederlegen dürfe, um zu schlafen. „In der Nacht, mein Freund“, sagte Temudschin, „in der Nacht herrschen die Frauen über uns, auch über die Chane und Fürsten. Wie könnte ich also antworten, ohne zu lügen, Chara- Tschono?“ Draußen ergriff ihn der Mond mit seinen Silberhänden und geleitete ihn den Hang hinab. Vor Chulans Zelt knisterte ein Feuer, beschien die schwarzgelben Felle, die von hier oben wie der gekrümmte Rücken eines Leoparden aussahen, der tot im Grase lag, tot oder schlafend, ohne Kopf, ohne Beine. Manch- mal blies der Wind in das Fell und plusterte es auf. Ich hockte mich vor die Tür. Die Stille hatte Augen und Ohren. Wächter standen wie stumme Steine im Gras, Jurten wie umgestülpte Trinkschalen. Über den bleichen Himmel krochen Wolken, Wolkenpferde, die wild über den Mond sprangen, Krieger, die mit erhobenen Schwertern am Mond vorbeizogen. Ein Nachtvogel kreiste schweigend über dem Tal der Antilopen, und ich verfolgte ihn, flog mit ihm über Büsche und Feuer, Bach und Zelte; auch über das Dach aus Leopardenfell schwebte er und errötete von den heißen Flammen und den noch heißeren Worten. Als er das Tal verließ, nahm er mich und meine Gedanken mit; denn er flatterte hinüber zum Kerulon, über Steppe und Wald, hin zu der steinigen Höhe, von der aus mich mein toter Vater immer sehen konnte. Und dann stand ich vor ihm, gekleidet in das blaue Gewand, das ich am Morgen seines Todes angelegt hatte. Er freute sich, daß ich gekommen war, aber er senkte sein Haupt, als ich ihm sagte, weshalb ich gekommen war. Was sollte er sagen? Mein Vater hatte alles gesagt, in den Tagen, da er im Leben weilte, und in der Nacht, ehe ihn die Götter holten. Also schwiegen

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wir; er hatte immer gern geschwiegen, und obwohl wir nichts sagten, währte die Nacht länger, viel länger als zehn andere Nächte. Ich mußte eingeschlafen sein. Als ich erwachte, schaute ich in Temudschins Gesicht. Es lächelte müde. Und die Sonne verdeckte er mit seinem Rücken. Gegen Mittag ritt ich an seiner Seite zu den gefangenen Tataren. Unterwegs sagte ich zu Temudschin: „Hat dir auch die Nacht dein Herz nicht geöffnet, mein Freund?“ „Nein, Chara-Tschono; denn in der Nacht erschien mir mein toter Vater.“ „Und was sagte er?“ „Nichts! Ich sah ihn im Kreise der lachenden Tataren, die ihn zum Mahl geladen hatten.“ Wir kamen an dem Birkenwäldchen vorüber, wo die Tai- Tschuten-Häuptlinge hingerichtet worden waren. Satte Geier flogen aus dem schwarzen Gras, schwebten in die Bäume und hockten träge auf den schwankenden Ästen. „Während dir heute nacht dein Vater erschien, begegnete ich dem meinen“, sagte ich. „Ich stand vor ihm auf der steinigen Höhe, von der aus er mich immer sehen kann, Temudschin.“ „Und was sagte er?“ „Nichts! Aber ich hörte noch einmal seine Worte, die er sprach, als ich mit dir und Boghurtschi die geraubten Pferde zurückgeholt hatte. Ich lobte nämlich deine List, worauf er meinte: ‘Seine Kühnheit scheint der seines Vaters zu gleichen. Aber wird er auch so besonnen sein wie sein Vater Jessughei? Oder wird er vielleicht den zuerst gedachten Gedanken für den besten halten, ohne den zweiten und dritten zu erwägen?’ So sprach er damals, Temudschin.“ „Ritten wir in dieser Zeit nicht zu zweit auf einem Pferd in die Steppe, Chara-Tschono?“ „Zu zweit!“ Er lachte. „Und heut besitzen wir zehnmal zehntausend

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Pferde und noch mehr Männer und Zelte. Wen haben wir also noch zu fürchten?“ Temudschin trieb seinen Schimmel an. „Vielleicht den Haß“, rief ich. „Wenn du jene tötest, die sich kampflos ergeben haben, wer wird sich dir nach ihnen noch kampflos unterwerfen?“ Aber er hörte mich nicht mehr, und er wollte wohl auch meine Worte nicht mehr hören; denn er war davongeritten, und nun schlug ich auch auf meinen Braunen ein, und so gelangten wir zu den Tataren. Dschingis-Chan sagte: „Wir haben ausgemacht, euch alle am Achsenstift zu messen.“ Die Gefangenen sprangen entsetzt auf. Ihr Sprecher schrie: „Oh, großer Chan, wir haben die Schwerter weggeworfen, bevor wir zu dir kamen, die Pfeile haben wir zerbrochen, ehe wir uns fangen ließen. Achtest du das Gesetz nicht mehr?“ Mit einer unwilligen Handbewegung gab der Chan dem Boghurtschi das Zeichen. Ein hochrädriger Karren rollte heran. Mein Pferd tänzelte. Ich wich zurück, wollte mich abwenden, damit meine Augen das Unrecht nicht zu schauen brauchten. „Fangt an!“ schrie der Chan. Plötzlich stieg der Tataren-Sprecher, ein hochgewachsener Jüngling mit rötlichem Haar und schwarzem Rock, auf einen Stein, riß seinen Dolch aus dem Ärmel und rief beschwörend:

Brüder! Nehmt eure Messer und jeder zum Sterben einen Feind als Kopfkissen!“ Danach stürzte er sich auf seinen Wächter und hieb ihm den Dolch ins Herz, und er tötete auch den nächsten, wie alle seine Brüder jetzt ihren Wächter töteten, der vor Schreck erst im Tode nach seinem Schwerte griff. Für einen Augenblick saß mein Chan wie gelähmt auf sei- nem Schimmel, dann riß er sein Pferd herum und entfernte sich einen Pfeilschuß weit von dem Gewühl. Ich blieb, wie es die Ordnung befahl, an seiner Seite. Und ich sprach mit meinem Braunen, damit ich mit meinem Chan nicht zu sprechen

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brauchte. Inzwischen waren die letzten Tataren durch die herbeigeeil- ten Krieger Boghurtschis niedergemacht worden. Schwarzes Gras umgab die Toten, und in den Blüten der Steppenblumen hing Blut. Der Himmel bekam Flecke. Am Karren lag der Jüngling mit dem rötlichen Haar. Er hatte den Mund offen, und ich dachte: Aus diesem Mund schrie der Schwur, und unter dem schwarzen Rock, mit dessen Zipfeln nun der Wind spielt, schweigt das Herz, aus dem der Haß gebrochen ist. Siebenund- achtzig Krieger hatten wir verloren, erstochen von einundsech- zig tatarischen Messern. Still ritten wir zu unserem Hügel zurück. Der Chan lachte nicht mehr. Kurz vor der Jurte sagte Temudschin zu mir: „Auf deine Worte habe ich nicht gehört, Chara-Tschono, aber dein Schweigen und deine traurigen Augen will ich nicht mehr vergessen.“ Über dem Tal brüllte ein Gewitter. Die Sonne war vom Himmel gefallen. Der Sturm schlug mit Fäusten gegen Zelte und Jurten. „Der Himmel zürnt mir“, sagte der Chan und beugte demütig sein Haupt. Als es zu regnen begann und der Sturm mit dem Donner davongerollt war, wusch sich der Chan im Regen und pries die Götter. Danach stieg er den Hang wieder hinab, watete durch die nassen Gräser und schlüpfte ins Zelt seiner schönen Chulan. Ich dachte an seine Worte. Ob er sie mitgenommen hatte? Es ärgerte mich, daß ich an ihnen zweifelte; denn ich hatte nie an seinen Worten gezweifelt, so, wie er sie nie gebrochen hatte. Am Morgen wählte er aus seinen Heerführern drei Gesandte, die er zu jenem Merkiten-Häuptling schickte, der ihm seine Tochter Chulan geschenkt hatte. Er gab ihnen kostbare Gefäße, Ringe, Gold und Silber mit und sagte: „Meldet dem Vater meiner Chulan, daß ich ihn und seinen Stamm achte. Seine Freude soll die meine sein!“

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„Er ist ein Merkite, unser Feind!“ meinte einer der Heerfüh- rer. „Du täuschst ihn, mein Chan? Eine List?“ fragte ein anderer Heerführer verwundert. „Wir sollen höflich lächeln und dabei auskundschaften, wie stark er ist? Meinst du es so?“ Temudschin erwiderte, seine Worte seien so echt wie das Gold und er wünsche nicht, daß man aus ihnen etwas anderes höre, als er gesagt habe. Erstaunt verließen die Heerführer das Tal der Antilopen. Das Lächeln, welches mir Temudschin zuwarf, sahen sie nicht mehr, und sie hätten es wohl auch nicht zu deuten gewußt. Ich aber lächelte zurück.

Nachdem der Herrscher viele glückliche Nächte unter dem Dach aus Leopardenfell verbracht hatte, ritt eines Tages ganz in der Frühe ein Pfeilbote zu uns herauf. Er kam vom Kerulon, aus unserem Stammlager, und sagte: „Deine Gemahlin Borte läßt dir sagen, es ginge ihr gut und die Edlen sowie dein Volk befänden sich wohlauf. Auf hohem Baume horstet der Adler, aber bisweilen, während er sich sorglos auf die Sicherheit des Baumes verläßt, wird von einem geringeren Vogel das Nest zerstört, und Eier und Junge werden gefressen.“ Der Chan erbleichte. Er befahl sofort, die Tausendschaften zu sammeln, Zelte und Jurten abzubrechen und die Karren zu beladen. „Morgen wollen wir heimkehren!“ sagte er. Danach wandte er sich an mich: „Du hast Bortes Kunde gehört, Chara-Tschono. Sie erschreckt mich, diese Kunde, weil mir meine Gemahlin damit sagt, daß ich die schöne Chulan zur Frau genommen habe. Wie soll ich jetzt vor meiner Borte erscheinen können, wenn du nicht vorausreitest und ihr erklärst, daß sie meine mir in früher Jugend anverlobte Gemahlin bleibt, meine Borte, die mir von meinem edlen Vater zugeführt wurde? Auch wäre es beschä-

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mend, wenn unsere Zusammenkunft im Beisein der Chulan und der neu unterworfenen Stammesfürsten unfreundlich würde. Nimm Muchuli mit und sprecht in meinem Namen mit Borte. Ihre Antwort bringt mir auf meinem Heimzug entgegen; sie wird mich beschweren oder erleichtern.“ Am Abend des nächsten Tages standen Muchuli und ich vor Borte. Obwohl wir erschöpft und unsere Lippen vor Durst aufgesprungen waren, bot sie uns keinen Trunk an. Ich erzählte ihr, was uns der Chan aufgegeben hatte. Sie antwortete nicht. Einige Augenblicke saßen wir verlegen vor der Frau unseres Herrschers. Sollten wir Temudschin ihr Schweigen überbrin- gen? Uns befiel Angst. Es mußte etwas geschehen, bevor sie uns wegschickte. Und da begann Muchuli die Rede des Chans auszuschmücken. Ich staunte, wie gut es ihm gelang, wie seine Worte zu Blumen wurden. Er sprach lange, und Temudschin hätte sich wohl gewundert über den verzauberten Sinn seiner Rede. Borte lächelte mitleidig und sagte: „Dann ist sie also nicht nur seine Geliebte, wie es gefangene Fürstinnen immer gewesen sind?“ „Nein“, antwortete Muchuli, „um ferne Völker zu beherr- schen, nahm er Chulan zur Gemahlin.“ 2 Um ferne Völker zu beherrschen? Das ist die Wahrheit nicht, dachte ich und war froh, daß mein Mund diese Worte nicht gesprochen hatte. Borte sah auf und meinte: „Richtet dem Chan das aus: Mein Wille und der Wille des Volkes sind der Macht unseres Herrschers unterworfen. Mit wem der Chan sich befreunden oder verbünden will, ist sein Wille. Es gibt im Schilf viele Schwäne und Gänse, und mein Herrscher wird selber wissen,

2 Gemahlin bedeutet hier nur Nebenfrau, so, wie Dschingis -Chan in seinem Leben viele Nebenfrauen gehabt hat, Borte aber blieb weiterhin immer seine Hauptgemahlin.

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wieviel Pfeile er verschießen will, bis seine Finger ermüden. Aber man sagt auch: will denn ein unberittenes Pferd, daß man es sattelt, will denn die erste Frau, daß ihr Mann sich eine zweite nimmt? Zuviel ist nicht gut, aber vielleicht ist zuwenig auch schlimm? Möge sich der Herrscher nur zu einem neuen Weibe auch ein neues Zelt geben lassen.“ Borte erhob sich und ging auf Muchuli zu. „Du hast dich sehr gemüht, den finsteren Rauch aus meiner Jurte zu verjagen. Kann man das aber mit schönen Worten?“ „Fürstin, unser Herrscher…“ Sie war schon gegangen. Nur der blaue Vorhang zitterte noch.

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Der Hochzeitskrieg

In den Wintern erstarrten die Kriege. Nur selten ritt ein Pfeilbote über die vereiste Steppe oder durch die erfrorene Wüste. Keine Händler kamen, keine Späher, aber die Wölfe fielen über uns her, als könnte auch winters in der Steppe nicht Friede sein. Im letzten Feldzug hatte ich einen Knaben gefunden, ein weinendes Kind, das unter den Gefangenen umherirrte und Vater wie Mutter suchte. Ich hob ihn auf mein Pferd, damit er die Menge überschauen konnte. Aber so viele Gesichter ängstlich zu uns heraufsahen, die seiner Eltern waren nicht darunter. Brüllend und schluchzend krallten sich seine kleinen Hände in die schwarze Mähne meines weißmäuligen Braunen; denn nun blieben uns nur noch die Toten, doch sie zeigte ich ihm nicht. Ich setzte ihn vor meinen Sattel und ritt mit ihm in unser Ordu. Er wandte sich nie um, und als ich ihn fragte, wie er heiße, schwieg er. Drei Tage hatte er in unserer Jurte mehr geweint als gegessen. Doch das war lange her, und nun saß er im Winter mit uns am Feuer und hörte schon auf seinen neuen Namen, den ihm Goldblume gegeben hatte: Tenggeri, Himmel. Sie freute sich mit mir, daß sich der Kummer des Kleinen in Glück verwandelt hatte. Und dann sagte sie auch an einem solcher Abende: „Ich werde nun nicht mehr so allein sein, während du dem Chan dienst.“ Und ich sagte: „Der Winter ist lang, Goldblume, und schön ist er, weil ich immer bei dir sein kann.“ „Es ist wahr, daß der Winter lang ist“, wiederholte sie, „und weil du immer bei mir sein kannst, ist der Winter schön, aber werde ich denn immer und immer wieder den Frühling und den Sommer fürchten müssen, erschrecken, wenn die Blumen

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aufbrechen, traurig sein, wenn die singenden Vögel heimkeh- ren, weinen, wenn der Schmied die stumpfen Schwerter schärft und auf die glühenden Pfeilspitzen schlägt, wenn die abgema- gerten Pferde wieder fett werden?“ Ich antwortete, daß der Chan gesagt habe, es würde nur noch einen Feldzug geben. „Wird er meine Furcht geringer machen, den Sommer schö- ner“, fragte Goldblume, „nur, weil es der letzte sein soll?“ Und wieder antwortete ich, daß der Chan gesagt habe, wenn das Reich geschaffen wäre, würde Ordnung in der Steppe herrschen, und alle Stämme würden zu einem einzigen Volke vereint und freundlich zueinander unter dem Dach des Ewig blauen Himmels wohnen. „Also diene ich meinem Chan, Goldblume, damit er dieses edle Ziel erreiche; denn nachher wird immer Sommer sein, Sommer und Frühling, und du wirst nicht mehr traurig sein müssen, wenn die singenden Vögel heimkehren, nicht mehr weinen, wenn die Blumen aufbre- chen.“ So war unsere Rede an einem dieser Abende im Winter. Tenggeri schlief. Als wir uns zu ihm legten, dachte ich schon an die glückli- chen Sommer, von denen ich gesprochen hatte, die noch so weit waren und im Gedanken so nahe: Hoch stand das Gras, blau schimmerte der Fluß. Möwen und Reiher waren in der Luft. Und der Knabe saß neben mir, und das Bündel blitzender Fischleiber baumelte an einem Ast. Am anderen Ufer huschten leise Gazellen durchs Dickicht. Ein Häher rief, ein zweiter antwortete. Stille. Plötzlich zerteilte sich das Schilf, Schritte, Goldblume kam mit den Krügen… Draußen vor dem Ordu winselte ein Wolf. Ich schaute über das Feuer. Der Wind streute Schnee durch die Ritzen der Filze. Fort war der Sommertraum. Ich schloß die Augen und sah den Chan, den bleichen, fahlen Temudschin mit der Wunde am Hals,

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hörte seine wirren Träume, die er über fiebrige Lippen stieß, aus heißem Munde, Träume von Häusern, die der Wind auf Flüssen hinauf- und hinabtrieb, von Wagen ohne Räder, in denen fremde Herrscher saßen, von Städten aus Stein, die man nicht forttragen konnte wie Jurten und Zelte, von fernen Palästen, goldenen Säulen, goldenen Dächern, blühenden Gärten und Orangenhainen, Träume, von fremden Häuptlingen und Königen, die er verlachte, von Göttern, die ich nicht kannte, von Goldstücken, groß wie Kamelköpfe, von Edelstei- nen, größer als Yakaugen, von Türmen und Bergen, so hoch, daß man weit das Land überschauen konnte, und von vielem anderen sprach er, und immer sprach er, und immer träumte er, und leise, als ob es keiner hören dürfe, sagte er: „So, wie es nur eine Sonne und einen Mond am Himmel gibt, darf es nur einen Chan, nur einen Herrscher auf Erden geben.“ Vielleicht hatte ich geschrien, vielleicht hatte ich selber geträumt, träumend gebebt und gezittert, denn Goldblume sagte: „Was ist dir, Tschono?“ „Ein Wolf schlich sich wohl in meinen Schlaf“, sagte ich. Sollte ich ihr erzählen, wovon Dschingis-Chan im Fieber geredet hatte? Nie mehr waren seitdem solche Worte aus seinem Munde geflossen.

An einem dieser Wintermorgen lief ich mit Tenggeri über das Eis des Flusses. Der Wald stand erstarrt und wie erfroren. Kein Wind wehte, und der Sonnenschein blitzte im Schnee. Neben mir stapfte der Knabe, andächtig vor Jagdlust und mit munte- ren Augen. Ich hatte ihm einen kleinen Dolch geschenkt und einen mittleren Bogen, den er schon zu spannen vermochte. „Wenn wir einen Wolf schießen“, sagte ich, „bekommst du das Fell, Tenggeri!“ „Warum nur einen Wolf?“ Er blieb stehen, schob sich die kleine Zobelfellmütze aus der Stirn und sah mich tadelnd an.

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„Wölfe können wir jede Nacht haben. Sie kommen bis ins Lager, Vater!“ „Und was willst du erlegen?“ „Einen Bären!“ „Einen Bären!“ Obgleich ich versucht hatte ernst zu bleiben, schien er ein bißchen Spott in meinen Augen entdeckt zu haben. Ärgerlich stapfte Tenggeri weiter, und er hatte jetzt einen Schritt, als wollte er ganz allein auf Bärenjagd gehen. Bis zu den Knien versank das Kerlchen manchmal im Schnee, und die einzige Spur, die hier weit und breit zu finden war, hinterließen wir selber. „Zur Bärenjagd braucht man einen Speer, eine Axt und ein großes Schwert“, sagte ich. „Und wir haben nur Pfeile und Messer mit, Tenggeri!“ Er antwortete nicht. Wir gelangten zu einem Fleck, in dem der Winterwind eingebrochen war, und stiegen über entwurzelte Baumriesen. Eine Tanne hatte die andere erschlagen, und nun lagen die Tannen und Zedern kreuz und quer und reckten ihre steifen Äste in das Himmelsblau. „Hat denn noch niemand einen Bären mit einem Pfeil er- legt?“ fragte der Knabe. „Doch, aber das ist gefährlich und so selten, wie wenn einer einen Adler mit einem Speer oder Schwert tötet.“ „So! Und mit einem Messer? Kennst du einen, der einen Bären mit einem Messer getötet hat?“ „Ja, mein Vater hat es getan, Tenggeri.“ Und ich erzählte ihm die Geschichte, die sich zwischen Jessughei und meinem Vater zugetragen hatte. Danach schwieg er eine Weile. Vielleicht ahnte er jetzt etwas von der Gefahr, die im Kampf mit einem Bären steckte. So liefen wir weiter, still und auf Spuren achtend, und dann sagte ich: „Ich werde dich zu einer Quelle führen, Tenggeri, zu einer Quelle mit reinem Wasser, die hier im Walde sprudelt,

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zwischen Gestein und Fels, und die wir die heilige Quelle nennen, weil sie uns von den Göttern geschenkt wurde. Wer…“ „… du hast keine Axt mit, um das Eis aufzubrechen, Vater!“ „Brauch ich denn eine, Tenggeri, wo das Wunderwasser immer fließt?“ „Immer?“ „Winters wie sommers, Tenggeri.“ „Sie gefriert nie und nie und nie?“ Er blieb stehen und sah mich mißtrauisch an. „Nie, Tenggeri. Eis und Schnee können ihr nichts anhaben. Wer hundertmal in ihr badet, wird kräftig und gesund und kann später auf Bärenjagd gehen.“ „Hundertmal?“ Ich ärgerte mich, eine so genaue Zahl angegeben zu haben; dabei hatte ich sie nur genannt, weil Tenggeri gerade bis hundert zu zählen vermochte. Aber hätte ich ihm keine Zahl genannt, sondern gesagt, man müsse viele Male in der Quelle baden, um kräftig zu werden, so hätte er bestimmt gefragt: Wie viele Male? Also blieb ich dabei und sagte noch einmal: „Ja, hundertmal, Tenggeri.“ „Und wievielmal hast du schon in der Wunderquelle geba- det?“ „Ich weiß es nicht! Jedesmal, wenn ich vorüberkomme, bade ich, und ich bin schon oft an ihr vorübergekommen.“ „Und alle, die Bären jagen, haben in ihr erst baden müssen?“ „Viele, Tenggeri“, wich ich aus, „aber das Wasser heilt auch Kranke und schließt Wunden.“ Wir hatten den Windbruch nun verlassen und drangen ins Dickicht ein. Das erste Tier, dem wir begegneten, war ein flinker Zobel, der durchs Unterholz jagte. In eine Wolke von herabgefallenem Schnee gehüllt, floh er in die nahe Schlucht. Die Zweige zitterten noch. Tenggeri hatte vor Schreck ganz vergessen, einen Pfeil

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aufzulegen. Aber ich tadelte ihn nicht, sondern hoffte, daß er jetzt seine Absicht, einen Bären zu jagen, von selbst aufgeben und in seinen Wünschen etwas bescheidener werde. Es beruhigte mich, daß Bären in der Tiefe des Waldes lebten und hier, wo wir uns befanden, nur selten auftauchten, zumal sie jetzt ihren Winterschlaf in den Höhlen hielten. Als die Sonne über den Wipfeln stand, hatten wir die Quelle erreicht. Sie lag zwischen drei mächtige Felsen gebettet, die wie große spitze Hüte zu den Bäumen aufragten und ohne Schnee waren. Schwarz standen sie da und glänzten vor Nässe, sie schienen von dem Wunderwasser warm zu sein, dessen Brodem an den steinernen Wänden emporquoll. Sogar Käfer gab es, mitten im Winter bunte Käfer, die auf der Sonnenseite der Steine hin und her krabbelten. „Blumen!“ rief Tenggeri. „Und Gras, Vater, richtiges langes Gras, und wieder zwei Blumen!“ „Du siehst, es ist eine Wunderquelle, Tenggeri. Ringsum herrscht der grimmige Winter mit Schnee und Kälte, und sie, die Quelle der Götter, liegt wie eine Insel ewigen Sommers mit Gras und Blumen darin.“ Wir legten unsere Kleider ab und stiegen in das warme Wasser. Tenggeri schrie auf vor Freude, klatschte in die Hände, tauchte, lachte, und manchmal waren wir so weit voneinander getrennt, daß ich sein Gesicht im milchigen Brodem nur undeutlich zu erkennen vermochte. „Sind hier auch Fische drin, Vater?“ „Nein, Tenggeri!“ „Und warum nicht?“ „Ich weiß es nicht, Tenggeri.“ Gerade als wir das Wasser verlassen wollten, schob sich ein mächtiger Bär durch den Dunstschleier; träge und plump trottete er über die Steine, hob den zottigen Kopf, schnüffelte und stieß ein Gebrüll gegen die Felsen, daß es drohend und dröhnend widerhallte. Reglos standen wir im Wasser.

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Die Bestie lief am Rande der Quelle auf einem schmalen Plateau auf und ab, unruhig und unentschlossen. „Unsere Messer, Vater!“ „Still! Rühr dich nicht von der Stelle!“ „Und die Bogen, Vater!“ „Du sollst ruhig bleiben, Tenggeri, ganz ruhig.“ Ich versuch- te behutsam dorthin zu gelangen, wo unsere Kleider und Waffen lagen. Mit kleinen Schritten, immer das Tier beobach- tend, immer steif bleibend, ging ich auf den Platz zu. Plötzlich blieb der Bär stehen, stellte sich auf die Hinterbeine und schaute durch den Brodem zu mir herüber. Wir starrten uns fest in die Augen. Von der Felswand klatschte mir ein eiskalter Tropfen in den Nacken. Ich zuckte zusammen, und ich hatte es natürlich nicht gewollt; und schon schlug das Tier mit der rechten Tatze ins Quellwasser. Es sprühte und spritzte, und der Bär schüttelte sich, jaulte und trat einen Schritt zurück, als scheue er dieses Wasser. „Können Bären schwimmen, Vater?“ „Ja“, antwortete ich, und ich dachte, wenn du wüßtest, mein Sohn, daß Bären die tiefsten und breitesten Flüsse mühelos durchqueren, wenn du das wüßtest! Aber irgendwie schien das Tier vor diesem Wasser der Götter, das nicht mehr als ein kleiner Teich war, zurückzuschrecken, denn sonst wäre die Bestie, aus dem Winterschlaf aufgeschreckt und gierig vor Hunger, schon längst in den Quell gesprungen, und wie das für uns ausgegangen wäre, wagte ich nicht, zu Ende zu denken. Steif wie ein Pfeil stand Tenggeri im Wasser. Daß er nicht schrie, nicht weinte, lag wohl daran, daß der Bär, wie alle Bären, so gutmütig aussah, so dumm und hilflos um sich schaute, tolpatschig ab und zu mit der Pfote ins Wasser schlug und mit all seinen Bewegungen die Gefahr verdeckte. Über uns schrie ein Geier. Die braune Bestie hob den Kopf und schickte ein wütendes

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Geheul zum Himmel. In dem Moment griff ich nach den Messern und Bögen, die auf den Steinen am Rande des Wassers lagen. Der Bär sprang herbei. „Vater! Vater!“ Die Bogen brachen, die Pfeile splitterten. Nur die Messer vermochte ich zu halten, und als ich die Mitte des Tümpels wieder erreicht hatte, wußte ich: Der Bär springt nicht nach; also fürchtet er sich vor dem warmen Wasser der Wunderquel- le. Jetzt weinte Tenggeri. Ich umarmte den Knaben und sagte: „Nun brauchst du keine Furcht mehr zu haben. Sagte ich dir nicht: Ringsum herrscht der grimmige Winter mit Schnee und Kälte, und sie, die Quelle der Götter, liegt wie eine Insel ewigen Sommers mit Gras und Blumen darin?“ „Aber der Bär, Vater, der Bär?“ „Auch er ist, wie der Winter, machtlos gegen den Götter- quell, Tenggeri. Das Wasser schützt uns!“ Der Knabe hörte auf zu weinen. „Und wann geht er fort, Vater?“ „Wenn er wieder müde wird, Tenggeri, denn wir haben ihn aus seinem langen Schlaf aufgeschreckt“, antwortete ich, ohne selbst ganz daran zu glauben. Aber was sollte ich ihm sonst sagen? Der Bär hatte sich inzwischen auf die Steine gelegt und blickte ganz friedlich zu uns herüber, mit schläfrigen Augen; fast schien es, als habe er gehört, was ich zu Tenggeri gesagt hatte, und wolle sich nun danach richten. „Und wenn er den Abend und die Nacht hierbleibt, Vater? Was dann?“ „Dann bleiben wir auch den Abend und die Nacht hier! Das Wasser ist warm und gesund, Tenggeri.“ Auch das war nicht die ganze Wahrheit, die ich da sagte; denn wenn man zu lange

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in dem Wunderwasser blieb, schwächte es einen. Die Bestie hatte die Augen nun völlig geschlossen. Sollte ich es wagen, sie im Schlaf zu erstechen? Was sollte werden, wenn der Bär hier auf den warmen Steinen seinen Winterschlaf fortsetzte? Es wäre uns nicht gelungen, den Quell zu verlassen, ohne daß er es gemerkt hätte. „Ich töte ihn, Tenggeri!“ sagte ich. Und eigentlich hatte ich hinzufügen wollen: Ich versuche es! Aber weshalb sollte ich dem Knaben noch mehr Angst einflößen? „Warte noch, Vater!“ Leib an Leib standen wir im Wasser, Tenggeri bis zum Hals, ich bis zur Hüfte. Manchmal setzte ich mich auf den heißen Grund; denn der kleine Teich lag nun schon im Schatten der drei großen Felsen, und die Luft wurde kühl. Nach einiger Zeit nahm ich die zwei Dolche und watete vorsichtig zu der Bestie, die immer noch am Rande auf den Steinen lag und, wie es mir vorkam, schlief. Freilich, ich wußte auch, daß schlafende Bären alles wahrnehmen, was um sie herum geschieht, aber solange ich mich im Quellwasser aufhielt, war die Gefahr nicht groß. Zudem hatte auch mein Vater einen Bären mit einem Dolch getötet, noch dazu einen, der bereits durch Jessugheis Pfeilschuß verletzt und daher besonders wütend gewesen war. Es galt das Herz des Tieres zu treffen, und zwar mit dem ersten Messerhieb. Nur daran hatte ich zu denken, an nichts sonst, nur daran, nur an das Herz. Als ich mich dem Bären bis auf einen Schritt genähert hatte, zog ich lautlos die Dolchhand aus dem Wasser. Die Bestie riß den Kopf hoch. Seine furchtbaren Augen! Seine schrecklichen Zähne! Sein Geheul! Ein Schatten flog über mich hinweg. Meine Hand mit dem Dolch erstarrte. Zwischen den Schul- terblättern des Bären steckte ein Speer. Eine Gestalt sprang

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vom Felsen und rammte einen zweiten Speer in den Leib des Raubtieres. Blut rann, viel Blut, und der zottige Kopf des Tieres fiel auf die warmen Steine, und die bösen Augen starrten leblos in den blanken Winterhimmel. Die fremde Gestalt am Rande der Quelle lachte. Eigentlich war es mehr ein Kichern, und der Fremde war ein hageres Männlein, umhüllt mit Fellen und Lumpen. „Du kennst mich nicht mehr, Chara-Tschono?“ Nein, ich kannte ihn nicht, wie er so vor mir stand, wenn mich auch seine Stimme an irgend etwas erinnerte. Aber das Gesicht! Von ihm war nicht mehr zu sehen als die Augen, zwei dunkle Pünktchen, die heraussahen aus einem wilden Gestrüpp von Bart- und Kopfhaar und Fellzotteln, die von der Mütze herabhingen. „Du wirst mich gleich kennen, gleich, Tschono!“ Wieder erscholl das Kichern, und dann ging das Männlein ein paar Schritte auf dem Felsplateau, und das Männlein hinkte und humpelte, und ich wußte jetzt, wer es war: Der Hinkende Bock! „Na?“ „Ja, jetzt kenn ich Euch, Alter! Daß Ihr lebt!“ „War es nicht gut?“ „Doch, ich danke Euch, Alter.“ Inzwischen war Tenggeri ebenfalls aus dem Wasser gestie- gen und fragte: „Wer ist er, Vater?“ Ich wußte nicht gleich, was ich sagen sollte, ohne den Alten zu beleidigen, und meinte: „Ich kenn ihn von früher, mein Sohn. Vor vielen Jahren war er einmal in unserem Ordu und…“ „…da hat er etwas Schlechtes getan und wurde von Temud- schin in den Wald geschickt“, unterbrach mich der Alte. „Und jetzt?“ fragte Tenggeri. „Jetzt geht er mit uns zurück ins Ordu“, sagte ich. Der Alte umarmte mich.

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So stapften wir wieder durch den Schnee. Das Bärenfell hatten wir mit Lederriemen zusammengebunden und zogen es hinter uns her. Ich dachte: Zu zweit sind wir in den Winterwald gegangen, und fast wären wir nicht mehr heimgekehrt; jetzt sind wir drei, und einer ist so glücklich wie der andere.

Mit dem Frühlingswind traf die Nachricht bei uns ein, Toghrul- Chans Sohn Sengun habe einen neuen Freund erworben:

Dschamucha. Temudschin belächelte die Botschaft und meinte: „Unser letzter Feind sucht Gefährten. Da hat er einige kleine Rest- stämme um sich geschart und will sich jetzt über den dummen Sengun, dem der Mut so fremd ist wie dem Hammel die Tapferkeit, ins Herz des Toghrul-Chan zwängen, um dessen Heer gegen uns hetzen zu können.“ Ich aber mußte an die getöteten Tataren denken. Solch eine Tat gebiert den Haß. Wie leicht konnte der Haß Dschamucha zu Hilfe eilen. Wenige Tage darauf ritten wieder Boten ins Lager und meldeten, Dschamucha und Sengun säßen bei dem weißhaari- gen Oberhaupt der Keraiten und sprächen mit böser Zunge über Temudschin, redeten dem Toghrul ein, daß der Mongolen- Chan, nachdem er so viele Stämme niedergezwungen habe, nun auch bald das Volk der Keraiten überfallen und unterwer- fen werde. „Er wird es nicht glauben“, rief der Chan, „denn als wir vor Jahren unsere Freundschaft ausmachten, beschlossen wir so:

Wenn man uns beide mit Neid verfolgt und wir von einer gezähnten Schlange zum Zwist gereizt werden sollten, wollen wir uns auf einen Zwist nicht einlassen, sondern nur glauben, wenn wir uns selber mit Zahn und Mund gesprochen haben. Wenn wir von einer Schlange mit großen Zähnen gebissen

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werden sollten, wollen wir ihren Biß nicht annehmen, sondern nur glauben, wenn wir mit Mund und Zunge alles geklärt haben.“ Einer der Edlen, die im Kreis um den Chan saßen, meinte:

„Dschamucha ist des Toghruls Bruder. Hast du es vergessen, Temudschin? Wird nicht etwas von den bösen Worten, die er und Sengun in die Ohren des Oberhauptes flüstern, haftenblei- ben?“ „Und hat er ihn bei der Schlacht am Onon und danach im Antilopental nicht entkommen lassen?“ rief ein anderer Edler. Dschingis-Chan verließ seinen Sitz, und auch die Edlen erhoben sich, warteten, wie ihr Herrscher entscheiden würde. Er schritt über den weichen Teppich seiner Palastjurte und sprach im Gehen: „Ich bedenke, was ihr da sagt, aber genügen denn eure Worte, reichen sie, damit ich dem Vater meiner Wahl mißtraue? Wo wir immer einen gemeinsamen Feind hatten, sollten wir jetzt wie Feinde zueinander sein? Wo ich durch ihn groß und mächtig geworden bin, will er jetzt, daß ich durch ihn wieder alles verliere? Er ist alt, und das Alter ist klug, also wird er nicht beflecken, worauf einst die Sonne der Steppe geschienen hat. Gleich morgen werde ich meinem fürstlichen Vater eine frohe Botschaft überbringen lassen:

Mein ältester Sohn Dschutschi, der uns an die erste große Schlacht, erinnert, als wir am Kilcho-Fluß gegen die Merkiten gekämpft haben, soll des Toghrul-Chans Tochter zur Gemahlin erbitten, während ich einem seiner Enkel meine Tochter anbiete.“ Ich stand mit den Wachen am Eingang zum Palastzelt und schaute in die Gesichter der Edlen, von einem zum anderen, und viele ihrer Gesichter gefielen mir nicht. Sie tuschelten, während der Chan mit den Boten sprach; ihre Zöpfe flogen hin und her, ihre Arme fuhren erregt auf und nieder, und ihre Seidengewänder stießen aneinander, raschelten, rieben sich und verdeckten geräuschvoll ihre leisen Gespräche. Plötzlich

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öffnete sich der Kreis der Edlen wie ein Fächer, und so standen sie abermals ehrerbietig vor ihrem Herrscher, und einer sagte für alle: „Schick die Boten noch nicht weg, Temudschin!“ „Was ist? Neue Zweifel?“ Dschingis-Chan blickte mißtrau- isch in die Runde. „Wir haben beraten und gefunden, daß deine Botschaft an den Toghrul-Chan, dein ältester Sohn Dschutschi wolle bei ihm seine Tochter zur Gemahlin erbitten, Dschamucha und Sengun veranlassen wird, dem Oberhaupt der Keraiten einzureden, du träfest für deinen Sohn diese Wahl nur, damit er nach dem Tode deines Wahlvaters die Erbschaft antreten könnte.“ „Das ist nicht wahr!“ schrie Temudschin. „Aber du bringst dem Dschamucha wie dem Sengun mit deiner Botschaft den letzten Beweis für ihre bösen Flüsterei- en.“ So einleuchtend auch mir die Worte der Edlen erschienen, Dschingis-Chan hörte nicht und schickte die Boten sofort los. Die folgenden Tage verbrachten wir alle mit Warten und Temudschin mit Schweigen. Einmal aber kamen chinesische Händler ins Ordu, mit herrli- chen Teppichen, goldenen Gefäßen, goldenen Sesseln und einer vergoldeten Sänfte, die sie vor das Zelt des Herrschers stellten und zum Kauf anboten. Die Menge drängte sich um die Waren, bestaunte sie mit gierigen Blicken, betastete sie mit wollüstigen Fingern. Ein Händler schrie: „Zurück da, ihr Gaffer. Ist das vielleicht etwas für euch, die ihr mehr Wünsche als Hammel habt?“ Die Kaufleute lachten und schoben die Leute von den Waren weg. „Ihr schlaft unter einem ärmlichen Filz und wollt vielleicht aus goldenen Schalen trinken, wie?“ Wieder erscholl das Hohnge- lächter. „Macht eurem Chan Platz; ihm und den Seinen bieten wir die Kostbarkeiten an!“ „So?“ Dschingis war hervorgetreten. „Ihr meint also, ich kaufe von jenen, die meine tapferen Krieger beleidigen und

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ihre Armut verspotten?“ „Ehrwürdiger Chan“, der Händler fiel auf die Knie, „wir wollen…“ „Schweig, Schlange!“ Und an die Menge gewandt, rief der zornige Chan: „Jagt sie aus dem Ordu, peitscht sie, prügelt sie, wenn sie nicht schnell genug in ihre verfluchte Stadt zurückge- hen wollen, in das finstere Gemäuer der Ratten. Ich hasse sie, ich hasse alle, die hinter den Mauern wohnen und auf uns herabblicken, geringschätzig und hochmütig, als wären wir Steppenmäuse!“ Und die Menge verfuhr, wie es der Chan befohlen hatte. Und der Chan verteilte die Waren der Händler an seine Leute. Ein andermal begleitete ich ihn in dieser Zeit zum Fluß. Er fragte mich nach meinen Gedanken über den Toghrul. Und ich antwortete: „Als wir gegen die Merkiten zogen, hat er dich drei Tage warten lassen, Temudschin. Und du sagtest damals zu mir: ‘Das ist Toghrul-Chans Preis für die Hilfe, die er uns angedeihen läßt. Er stammt nicht aus so vornehmem Ge- schlecht wie ich, aber er hat jetzt die Macht und will mir mit seiner Unpünktlichkeit sagen, daß er trotz seiner geringeren Herkunft über mir steht.’ Darauf antwortete ich dir: ‘Dann ist es doch so: Er, der geringerer Herkunft ist, aber die Macht hat, hilft dir, der vornehmerer Herkunft ist, aber keine Macht mehr hat.’“ „So war es auch, Chara-Tschono!“ „Genau das hast du damals geantwortet, worauf ich dich wieder fragte: ‘Und weshalb hilft er dann, Temudschin?’“ „‘Weil auch er dabei gewinnt!’ sagte ich.“ „‘Aber auch du gewinnst dabei. Muß er da nicht fürchten, daß deine Macht zunimmt?’ So sprach ich zu dir, lieber Temudschin. Und was antwortetest du?“ „Ich weiß es heut nicht mehr, Chara-Tschono.“ „Du hast gesagt: ‘Aber er wird immer darauf bedacht sein und darauf achten, daß meine Macht nicht über die seine

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hinauswächst und daß meine Macht die seinige stützt.’“ Der Chan sah mich erstaunt an. Wir waren inzwischen am Ufer angelangt, stiegen durch das hohe Gras und über die Steine. Möwen glitten tief am dunklen Walde hin, kreischten, ließen sich auf einem Fels mitten im Kerulon nieder. Es war wie zu der Zeit, als wir auf den Toghrul-Chan warteten, und das war auch hier am Fluß gewesen. „Wenn ich damals so gesprochen habe, muß ich dann heut noch so denken, wo uns die vielen Jahre zu einem Kopf, einem Leib und einem Sinn gemacht haben?“ Das aufziehende Gewölk warf einen Schatten in sein rotes Gesicht. Der Strom dunkelte, und der Chan hüllte sich in seinen Wollumhang, als fröre ihn. Wir gingen zurück. Die Hirten führten die Herden zum Fluß. Im Schein der untergehenden Sonne erröteten die Pelze der Schafe. Ein alter Mann hockte am Feuer; neben ihm lag ein toter Hammel, abgeledert und fett. Der Alte schob die glatten heißen Steine durch das Maul des Tieres, lud den Herrscher, sich dreimal verbeugend, zum Mahle ein. Aber Temudschin schüttelte abweisend den Kopf. Er sagte zu mir: „Heut ist der letzte Tag. So habe ich es mit den Boten vereinbart. Sollten sie, nachdem die Sonne in den unendlichen Wald gefallen ist, nicht vor mir stehen, werde ich sie strafen.“ „Es kann ihnen etwas zugestoßen sein, Temudschin.“ Er überhörte meinen Einwand und sagte schroff: „Ich werde ihnen ihre Stiefel mit glühendem Sand füllen und sie ihnen um den Hals hängen lassen.“ In diesem Augenblick rasten die schnellen Rosse der Boten schon die Lagerstraße herauf. Ich folgte dem Chan in seine Palastjurte. Die Edlen traten ein. Borte kam. Dschutschi stand hinter seinem Vater.

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Stille. Die Finger des Herrschers trommelten dumpf auf die beiner- nen Löwenköpfe, die mit weit geöffneten Rachen aus den Armlehnen des Sitzes sprangen. Der Chan schaute an die Decke des Zeltes, auch als die Boten eintraten. „Das Oberhaupt der Keraiten hat uns vier Worte für dich mitgegeben…“ „… vier ganze Worte?“ Sein Kopf schnellte vor. „Vier gute Worte, Chan. Hier sind sie: ‘Kommt das Verlo- bungsmahl essen!’“ Temudschin stürzte zu den Boten, umarmte sie, weinte vor Freude und sagte: „Ich schäme mich jetzt, daß in den Tagen des Wartens auch in mir Zweifel gewesen sind. Gleich morgen wollen wir zu meinem fürstlichen Vater reiten.“ Also verließ am anderen Tag eine kleine Karawane unser Stammlager. Wir waren zehn Mann, und auf den Ersatzpferden führten wir Geschenke mit. Zunächst suchten wir die am Wege liegenden Ordus auf, die uns gehörten, und später auch jenes, in dem Mutter Wolke lebte, die wieder geheiratet hatte. „Es ist gut, Temudschin“, sagte Oelön Eke, „daß du auf deinem Ritt zum Schwarzen Walde an der Tula bei uns eingekehrt bist; denn wir haben schlimme Nachricht für dich.“ „Auch wir hatten zuerst schlimme Nachricht“, erwiderte Dschingis-Chan lächelnd, „aber seit gestern abend wissen wir, Mutter, daß mein Wahlvater Toghrul nicht auf die Zwietracht säenden Worte des Sengun und Dschamucha gehört hat. Er lud uns zum Verlobungsmahl ein, und da sind wir aufgebrochen, mit Freude und Geschenken.“ Oelön Eke führte uns ins Hauptzelt. Drin wartete Temud- schins Stiefvater Munglik, und zwei Pferdeburschen waren bei ihm, junge Männer in abgerissenen Kleidern. Mutter Wolke sagte: „Du hast mich vorhin nicht verstanden, Temudschin. Daß du mit den Deinen zum Verlobungsmahl geladen bist, wußten wir, wie du es weißt, und das war gestern abend. Aber

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daß man dich bei diesem Mahl töten will, hinterhältig, wie man deinen Vater getötet hat, das erfuhren wir soeben durch diese beiden Pferdeburschen.“ Und Stiefvater Munglik sagte: „Erzählt dem Chan, wie es sich zugetragen hat.“ „Es war so“, begann der eine. „Wir kamen gestern an Togh- ruls Hauptzelt vorüber. Dort wuschen einige Frauen und Mädchen die Kannen und Krüge, und während sie die Kannen und Krüge wuschen und putzten, schwätzten sie wie die Amseln, und wir hörten, wie sie sagten, Dschamucha, Sengun und Toghrul hätten soeben beschlossen, den Temudschin zum Verlobungsmahl einzuladen und ihn dabei festzunehmen.“ „Und dann hörten wir“, berichtete der andere Pferdebursche, „wie die eine Frau sagte: ‘Wie würde wohl ein Mann belohnt werden, der da hinginge und Temudschin diese Worte hinter- brächte, die hier durch den Jurtenfilz gekrochen sind und nicht für unsere Ohren bestimmt waren.’“ „Und da seid ihr zu mir gekommen?“ fragt Dschingis-Chan. „Nein“, erwiderte der erste, „obwohl wir erschraken, übereil- ten wir nichts und prüften also die Worte nach, indem wir uns in der Dunkelheit noch einmal zum Hauptzelt schlichen. Mein Freund verwickelte die Wächter in ein nützliches Gespräch über die Hufkrankheit der Pferde, und ich lehnte mein Ohr an die Wand der fürstlichen Filze und hörte diese böse Unterhal- tung:

Sengun: ‘Wir werden für dich, Vater, dem Temudschin die Hände festhalten und seine Füße festbinden.’ Toghrul: ‘Wie kann ich mein Kind, meinen Wahlsohn ver- stoßen! Ist es recht, Arges gegen ihn zu planen, wo er bisher uns eine Stütze war? Wir würden vom Himmel nicht begün- stigt werden.’ Dschamucha: ‘Lieber Sengun, mit dir werde ich, was du auch zu tun gedenkst, zusammengehn bis ans äußerste Ende und bis in die äußerste Tiefe!’

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Sengun: ‘Und du, mein Vater?’ Toghrul: ‘Mein Haar ist weiß, ich bin alt, laßt mich in Ruhe sterben.’ Sengun: ‘Dann tun wir’s allein.’ Dschamucha: ‘Ja, allein tun wir’s.’ Und hier muß ich einfügen: Sie schrien jetzt den alten Chan an, beschimpften ihn, daß der Filz zitterte und Toghrul sie anflehte, doch leiser zu sein. Und als es wieder still im Hauptzelt wurde, meinte der Alte mit zitternder Stimme:

‘Wenn ihr es etwa könnt, dann tut es! Ihr müßt es wissen.’“ „Und da seid ihr zu mir geritten?“ fragte wieder Temudschin. „Nein“, antwortete der zweite Pferdebursche, „noch immer nicht, mein Chan. Denn nun trat Sengun aus dem Zelt und rief nach drei Jünglingen. Später trugen sie in großen Tüchern Erde heraus, schleppten sie weit fort und…“ „… eine Wolfsgrube?“ unterbrach ihn Dschingis-Chan. „Sa ist es! Über ihr wird dein Thron stehen, verziert mit Edelsteinen und goldener Lehne, und kaum daß du auf ihm Platz genommen hast, wirst du mit dem Thron in die grauen- hafte Tiefe stürzen und ihr spöttisches Lachen nicht mehr hören. Das Licht deiner strahlenden Augen wird verlöschen wie die Glut der falschen Steine!“ „Ich will euch ein Amt geben“, sagte der Chan, „ihr könnt mit uns reiten!“ Und Vater Munglik meinte: „Wir werden dem Toghrul eine Botschaft senden: ‘Es ist Frühling, und unsere Pferdeherden sind noch zu mager. Wir werden sie erst auffüttern.’ Das wollen wir ihnen als Vorwand sagen.“ Dschingis-Chan mahnte zur Eile. Es war möglich, daß die Flucht der Pferdeburschen bemerkt worden war. Dann würde der Feind wissen, daß sein Plan verraten war und zuschlagen, ehe wir selbst den Platz des Kampfes bestimmen konnten. Durch die finstere Nacht peitschte dicker Regen. Wir warfen all jene Sachen in die Steppe, die unsere Flucht erschwerten;

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auch die Sättel ließen wir zurück, die Schläuche voller Getränke, die Ledersäcke voller Speisen. Wechselten wir auf die frischen Pferde, töteten wir die ermüdeten, damit sie unseren etwaigen Verfolgern nicht in die Hände fielen. Der Chan sprach nicht, der Chan lag nur in der Mähne seines Schimmels, und wenn dieser langsamer wurde, setzte er ihm die Spitze seines Dolches auf den Hals. Rasteten wir, banden wir uns die Zügel um die Beine, schliefen wir ein, erwachten wir erst, wenn die Pferde das Gras ringsum gefressen und uns ein Stück über die Steppe geschleift hatten. Am dritten Tag brannte die Sonne auf uns hernieder. Am vierten ritten wir an der Schattenseite des Gebirges Mao- undur entlang und stießen auf eine große Pferdeherde, welche die Hirten mit wilden Schreien an den Bergen vorbeitrieben. „Was ist, warum flieht ihr?“ rief der Chan. „Der Feind ist da!“ schrien die Hirten, die Temudschin nicht erkannten. „Als wir unsere Wallache im frischen Grase weideten, sahen wir hinten den gelben Staub des Feindes. Der Himmel schien auf uns zuzurollen.“ „Und wie groß ist der Abstand zwischen euch und dem Feind?“ fragte Dschingis-Chan. „Einen Tag! Oh, Herrscher, jetzt erkennen wir dich!“

Die Boten schossen hinab zum Kerulon. Wir wichen indessen nach Osten aus, bis zu der Stelle, wo sein Heer Temudschin erwartete. Gerade als wir unsere noch vom Anmarsch erschöpften Tausendschaften zum Kampf aufstellten, stachen die kerait i- schen Heeresspitzen wie unendlich lange Lanzen in unsere Reihen, zerbrachen die in vielen Schlachten erprobte Ordnung. Dem Feind war die Überraschung gelungen. Dschingis-Chan feuerte unsere Krieger mit dem Rufe an:

„Noch nie hat der Gegner unsere Rücken gesehen! Hetzt ihn!

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Reizt ihn! Tötet!“ Und ein Heerführer rief: „Ich will vor dem Freunde kämp- fen! Du, o Chan, verfüge, daß später meine verwaisten Kinder versorgt werden!“ Und so schrie ein jeder seinen Mut hinaus und warf sich auf die Übermacht. Schon am Nachmittag gab es keine einheitliche Linie mehr. Sosehr wir uns mühten, die Ordnung wiederherzustellen, es gelang nicht; denn auch die unseligen Berge und Hügel erschwerten den Kampf. Einmal wehte unsere Stammesfahne von einem Hügel hinter dem Feinde, und danach war sie wieder verschwunden, und der Feind blies von diesem Hügel mit seinen Trompeten. Als die Dunkelheit wie ein schwarzes Tuch herniederfiel und Tote und Lebende einhüllte, verließen die Keraiten das Schlachtfeld. Sie verließen es als erste, und wir hätten meinen können, wir hätten sie besiegt. Der Chan sagte: „Da sind wir nun noch auf dem Platz, aber haben wir denn gesiegt? Meine Augen schwimmen in Wasser, aber weint man, wenn der Feind geschlagen ist?“ Wir zogen uns zur Nacht in die Bergschluchten zurück, sammelten die Überlebenden, und als ich Temudschin melden mußte, daß auch sein Sohn Ugedei und sein kühner Heerführer Boghurtschi auf dem Schlachtfeld geblieben wären, sagte er:

„Sie waren im Kampf immer am liebsten zusammen; so sind sie auch zusammen gestorben, weil sie sich nicht trennen wollten.“ Doch später nahte sich uns ein einzelner Reiter. Es war Boghurtschi. Vor ihm lag Ugedei, ohnmächtig und aus Mund und Nase blutend. Boghurtschi erzählte: „Mir wurde mein Pferd erschossen, so daß es stürzte. Ich floh zu Fuß. Als ich zu Fuß kam, hatten die Keraiten gerade kehrtgemacht und hielten bei Sengun, dem ein Pfeil die rote Wange durchschlagen hatte. Bei dieser Verwirrung entdeckte ich ein Packpferd, dem war

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die Last schief gerutscht. Wie es so dastand, habe ich ihm die Last losgeschnitten und bin auf seinem Packsattel fortgeritten und fand Ugedei wie tot im Grase liegend.“ Ich wunderte mich, daß der Chan seinen schwerverwundeten Sohn Ugedei nicht umarmte und den tapferen Boghurtschi nicht lobte, sondern schweigend über ihre Ankunft hinweg- ging, still auf einem Fels saß, nicht schlief, nicht trank und auch keine Speise zu sich nahm. Die Heerführer redeten auf ihn ein, sofort aufzubrechen und keine Schlacht mehr anzunehmen. Der Chan schaute sie vorwurfsvoll an. „Weiß ich es nicht selber? Aber wird nicht durch die Steppe sofort die Nachricht laufen: Dschingis auf der Flucht?“ „Was tut es, wenn wir gestärkt wiederkommen?“ sagte ich. „Ist es nicht besser, wir ziehen uns zurück, als daß wir hier alle sterben, unsere Frauen und Kinder zu Sklaven werden und der Feind triumphiert?“ „Du sagst, was ich selber sagen möchte, Chara-Tschono. Kann ich aber den unterworfenen Stämmen trauen? Werden wir sie nicht wieder verlieren, so wie uns schon jetzt einige verlorengegangen sind, weil uns der Himmel nicht begün- stigt?“ Trotz seiner heißen Rede, in der auch er uns sagte, woran wir selber dachten, rückten wir am Morgen aus den Bergen, lösten uns von den Keraiten, ließen lediglich einige Späher hinter uns, die durch den Frühnebel jagten und den Feind irreführen sollten. Doch die Keraiten folgten uns, und da wir ihnen die frucht- baren Weidegebiete kampflos überließen, suchten auch sie nicht die Schlacht, sondern schlichen lautlos in unserem Rücken durch die Steppe, wie ein Rudel Wölfe, das auf den rechten Augenblick lauert. So blieb der Abstand immer gleich. Als wir am Tungge-Bach anlangten, befahl der Chan mehre-

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re Pfeilboten zu sich, die folgende Botschaft auswendig zu lernen und dem Toghrul-Chan zu bringen hatten: „Ich lagere östlich vom Tungge-Bach. Das Gras hier ist gut gewachsen, und unsere Pferde haben Muskeln bekommen. Ich habe meinem Wahlvater etwas zu sagen und fordere ihn auf zu reden: Durch welchen Ärger bist du dazu gekommen, mich so zu erschrecken? Wenn du jemand schrecken willst, warum schreckst du nicht deine üblen Söhne aus dem tiefen Schlaf? Den Stuhl, auf dem ich immer sitze, hat man niedrig gemacht, den Rauch, der nach oben steigt, hat man zerstreut. Warum hast du mich so erschreckt? Mein Vater, ob du von einem außenstehenden Manne aufgereizt worden bist, ob du von einem quer stehenden Manne aufgehetzt worden bist? Was haben wir beide vereinbart? Haben wir nicht auf den Roten Hügeln des Dschorchalchun-Gebirges zueinander gesagt:

Wenn wir von einer gezähnten Schlange gereizt würden, wollten wir darauf nicht eingehen, sondern erst glauben nach einer Schlichtung durch Zahn und Mund? Wenn einem Karren mit zwei Deichseln die eine zerbricht, kann sein Rind ihn nicht mehr ziehen. Bin ich nicht eine solche zweite Deichsel von dir? Wenn einem zweirädrigen Karren sein anderes Rad zerbricht, kann er nicht weiter. Bin ich nicht ein solches zweites Rad von dir? Mein Vater, was hast du mir jetzt vorzuwerfen? Schicke mir einen Boten und sage mir den Grund deines Ärgers!“ Die zweite Botschaft Dschingis-Chans ging an Sengun. Sie lautete: „Ich bin ein mit Kleidern geborener Sohn, du bist ein nackt geborener Sohn. Unser Vater hat für uns beide gleichmä- ßig sorgen wollen. Aus Furcht, daß ich dazwischengeschoben werden könnte, hast du, Sengun, mich mit deinem Haß verfolgt. Jetzt laß das Herz unseres Vaters nicht Kummer leiden, sondern heitere ihn auf, abends und morgens, wenn du ein- und ausgehst. Mache dem Herzen unseres Vaters keinen Kummer und entfremde ihn dir nicht, indem du von deinem früheren Gedanken nicht lassest und weiter darauf sinnst, noch

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zu Lebzeiten des Vaters Herrscher zu werden! Schicke mir Botschaft, Sengun, ich warte am Ufer des Tungge-Baches!“ Auf die Antworten brauchten wir diesmal nicht lange zu warten. Die Boten brachten nur Schweigen mit und waren froh, daß sie nicht getötet worden waren. Als es wieder hell wurde, sahen wir, daß die Keraiten die Kriegsfahne in den Steppenbo- den gerammt hatten. Hoch wehte sie über dem tiefen Gras, und ich lag zwischen den Blüten, vor denen Goldblume sich fürchtete. Aber auch für mich hatte der Frühling traurige Augen, wenngleich ich Goldblume davon nichts sagte. Temudschin lief mit einigen Heerführern über die Wiese und besprach sich mit ihnen. Die sonst so aufrechten Rücken, gestreckt von Siegen, waren nun gebeugt, als trügen sie all die Toten der letzten Jahre durch die Steppe. Am Bach ließen sich die Feldherren nieder, inmitten der schönen Blumen und weichen Gräser und nahe einer alleinstehenden Tanne, die ihre dunklen Äste wie große grüne Hände über sie ausbreitete. Während der Chan mit den Heerführern redete, schaute er manchmal zu der bösen Botschaft, die jenseits des Tungge- Baches im Winde flatterte. Keine Fahne hatte ihn bisher verwirrt, kein Krieg bedrückt, aber jetzt schaute er unsicher zu dem Tuch des Feindes, und danach redete er wieder heftig auf die Heerführer ein. Als wir erfuhren, daß Chulans Vater mit seinem Stamm abgezogen wäre und hinterlassen hätte, daß er lieber ruhig in den nördlichen Wäldern leben wolle als unruhig in den Reihen Dschingis-Chans, schrie mich Temudschin an: „Hab ich ihn nicht deinetwegen damals verschont? Die rebellischen Tataren sind stumm, weil ich sie tötete, die verräterischen Merkiten aber lassen mich im Stich, weil ich sie am Leben ließ!“ Ich vermochte nicht so schnell zu antworten. Zudem war mir der Sinn seiner Rede nicht hell genug. Der Chan starrte mich wütend an. Seine Augen quollen hervor, am Hals zuckte die Narbe.

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„Du schweigst, wo du dich verteidigen müßtest?“ Ruhig antwortete ich: „Ich schwieg, weil der hitzige Zorn deine Worte wählte, aber ist der Zorn denn ein Kind der Klugheit? Du sagst, die verräterischen Merkiten hätten dich im Stich gelassen weil du sie am Leben ließest! Ist das nicht zu einfach gedacht? Wenn man alle tötet, kann keiner mehr weglaufen. Das ist wahr. Aber wer wird danach noch zu dir kommen, Temudschin?“ „Trotzdem werde ich sie alle umbringen und werde damit jene erschrecken, die noch bei mir sind.“ Er schaute wieder zu der Keraiten-Fahne. „Alle?“ „Alle!“ „Die Steppe wird schreien, Temudschin!“ Ich wich einen Schritt zurück. „Töte ihr Oberhaupt; denn das beging den Verrat, töte aber nicht die vierhundert merkitischen Krieger, die ihrem Oberhaupt gehorchten, wie es das Gesetz der Steppe befiehlt.“ „Zwei werde ich übriglassen: meine schöne Chulan und ihren Lieblingsbruder“, antwortete er und beleidigte mich, indem er so tat, als hätte ich meine Worte zu einem harten Stein gesprochen. Am Abend brachten die Unseren den wieder eingefangenen Merkiten-Stamm zum Bache Tungge. Der Chan befahl, längs des Wassers viele Feuer vorzubereiten und um sie herum niedrige Pfähle in die Erde zu schlagen. An die Pfähle wurden die Gefangenen gefesselt, die nun dasaßen wie Wächter. Danach flackerten die Feuer auf. Dschingis-Chan sagte: „Da ihr mir als Lebende nicht dienen wolltet, werdet ihr mir jetzt als Tote einen großen Dienst erweisen! Das Feuer wird eure erkalteten Leiber erwärmen, und der Feind wird denken, ich sei es, der mit seinen Leuten noch am Bache sitzt. Indessen aber sind wir fortgeritten, und der Vorsprung einer Nacht wird ausreichen, um unsere Spuren

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zu verwischen.“ Temudschin trat hinter das merkitische Oberhaupt und tötete es, ohne daß ein Laut den Abend berührte. „So macht es mit allen, denn der Feind soll nicht gewarnt werden“, sagte er. Und dann taten die hinter den Pfählen stehenden Krieger, wie ihnen befohlen, und vielleicht zitterte dem einen oder anderen doch die Hand, wenn er daran dachte, daß man auch ihn als Gefan- genen töten könnte, weil er seinem Oberhaupt gehorcht hatte. Der Chan rief mich: „Chara-Tschono!“ Aber ich gab keine Antwort; denn ich war zu der einzelnen hohen Tanne gegangen, damit meine Augen nicht länger sehen mußten, was meine Gedanken verurteilten. Im Wasser des Baches loderten die vielen Feuer. Nun floß er wie Blut dahin und sprang wie Blut über die spitzen Steine. Abermals rief mich der Chan: „Chara-Tschono!“ Und abermals gab ich keine Antwort. Meine Lippen preßten so fest aufeinander, als könnte ich sie ein Leben lang nicht mehr öffnen. Der Chan rief nicht ein drittes Mal. Um jedes Geräusch zu vermeiden, brach das Heer in kleinen Gruppen auf. Ich blieb noch eine Zeitlang an der einsamen Tanne, und ich war nicht allein, wenn ich mich auch nicht zu denen begab, die der Herrscher zurückgelassen hatte, damit sie die Feuer nährten und den Feind bis zum Morgen hin täusch- ten. So viele Gedanken auch in mir waren, ich fand keinen, der die Last von mir nahm. Als ich meinen Braunen bestieg und zu der langen Glutkette am Ufer schaute, wo die vierhundert Toten wie schlafende Krieger hockten, dachte ich: Schwer ist es, mein Vater, so zu leben, wie du gelebt hast! Am Morgen hatte ich den Chan eingeholt, und die Sonne zeigte uns eine Ebene ohne Gras, ohne Blumen, ohne Wasser. Verdurstete Salzbüschel zitterten hungrig im Wind. Die lehmige Erde hatte tausend Sprünge und Runzeln, und aus mancher Mulde schaute eine Pfütze wie ein blindes Auge, trüb

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und bleich, überspannt mit einer Haut gelben Staubes. Während wir so dahinritten, beachtete mich Temudschin nicht, und er sagte auch nicht mehr zu mir, dem Obersten seiner Leibwache, tue das und tue jenes, sondern gab seine Befehle jetzt meinem Stellvertreter. Nachdem wir mehrere Tage durch die Einöde gezogen waren, in der es nichts zu jagen gab als Ratten, versammelte der Chan seine besten Freunde um solch einen Tümpel mit stinkendem Wasser. Sie schöpften aus der Pfütze und stillten den Durst, und Temudschin sprach den Schwur, daß ein jeder, der seine Reihen verließe, wie dieses Wasser werden solle. Ich stand abseits; denn er hatte mich nicht gerufen. Unsere Späher meldeten, daß die Keraiten mit Toghrul die Verfolgung aufgegeben und unsere Spur verloren hätten. Also war geschehen, was der Chan beabsichtigt hatte, und da wir zwei Tage darauf den Baldschuna-See erreichten, war auch die Not der Einöde überwunden. Dieser See lag vor uns, als wäre der blaue Himmel herabge- fallen. Plötzlich erschien Dschingis-Chans Bruder Chasar, den wir mit seinem gesamten Ordu erwartet hatten, damit er uns helfe. Doch er führte nur noch wenige Leute bei sich; denn die Keraiten hatten ihn überrascht und vernichtend geschlagen, ihm Frauen und Kinder geraubt, so daß auch er hungernd durch die Ebene ohne Gras und Wasser geirrt war. „Ich lebte von roher Tierhaut und Sehnen“, sagte Chasar als er seinen Bericht beendet hatte. Sosehr uns alle diese Niederlage bedrückte, Temudschin erhob als erster wieder sein Haupt und sagte lachend: „Chasar, wir werden dem Toghrul in deinem Namen eine Botschaft schicken, über die er erfreut sein wird.“ „Du lachst, wo er meine Frauen und Kinder gefangenhält, Bruder?“ „Ich lache über die List, Chasar, die mir eben die Götter

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eingegeben haben. Rufe zwei deiner Getreuen; ihnen will ich sagen, was sie meinem Wahlvater melden sollen.“ Chasar winkte zwei Männer heran, die Chali’udar und Tschachurchan hießen. Ihre Röcke waren zerfetzt, ihre Gesichter eingefallen. Aus entzündeten Augen blickten sie auf den Chan, der sagte: „Reitet zum Toghrul, der einmal der Vater meiner Wahl war, und sagt ihm folgende Worte, als habe sie Chasar gesprochen: ‘Nach meinem älteren Bruder Temudschin habe ich ausgeschaut, aber seine Sicht verloren. Ich bin seiner Spur nachgegangen, habe aber seinen Weg nicht finden können. Ich habe auch nach Temudschin gerufen, aber meine Stimme ist nicht von ihm gehört worden. Ich schlafe, die Sterne über mir und den Erdboden als mein Kopfkissen. Meine Weiber und Kinder sind in deiner Hand. Wenn ich eine Gewähr und Hoffnung von dir bekomme, will ich mich dir unterwerfen.’ So sollt ihr, Chali’udar und Tschachurchan, zu ihm sprechen, und ihr müßt es so tun, als habe dies mein Bruder Chasar gesagt. Mich und die Meinen hingegen dürft ihr weder gefunden noch gesehen haben, damit beim Toghrul der Eindruck entsteht, die kahle Einöde hätte uns alle zu den ewigen Höhen geschickt, von denen es keine Rückkehr gibt.“ Die beiden ritten sofort los. Die Versammelten priesen des Chans List, und obwohl ich es nicht zu erkennen gab, stimmte ich ihnen zu.

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Der Cha-Chan

Am Baldschuna-See erholten sich die Pferde, und auch wir brauchten nicht mehr von stinkendem Lehmwasser und mageren Steppenratten zu leben; denn im Schilf wimmelte es von Enten und Gänsen und Schwänen. Noch ehe die Boten zurückkamen, schlossen sich uns einige Stämme an, die dem Toghrul davongelaufen waren, weil er sie, trunken vom Siege, ausgeraubt oder die Beute mit ihnen nicht geteilt hatte. Auch Dschamucha war nicht mehr im Lager der Keraiten. Kundschafter meldeten, daß es zwischen ihm und Toghrul zu Zwistigkeiten gekommen sei, da der eine mehr als der andere sein wolle. Trotz dieses Zerwürfnisses war das Heer der Keraiten uns zahlenmäßig überlegen, so daß wir auch jetzt eine offene Schlacht hätten fürchten müssen. Doch da kamen eines Tages die Boten zurück. Wir erkannten schon von weitem den Chali’udar und den Tschachurchan, aber in ihrer Mitte ritt ein fremder Reiter. Als sie so nahe waren, daß sich vor ihren Augen unser großes Lager ausbreitete, riß der Fremde sein Pferd herum und floh. Tschachurchan legte einen Pfeil auf und schoß dem goldgesattelten schwarzen Wallach in den Hinterbacken, worauf das Pferd sich hinsetzte. Chasars Leute fingen den fremden Mann und brachten ihn vor den Chan. Lachend sagte Chali’udar: „Er heißt Iturgen, und der alte Toghrul schickt ihn dir, Chasar, als Bürgen, womit er sagen will, daß er deine Unterwerfung annimmt!“ „Temudschin!“ rief Iturgen entsetzt aus. „Du lebst?“ Dschingis-Chan bedeutete Chasar mit einer Kopfbewegung, daß er über den Mann verfügen solle, und Chasar enthauptete den Keraiten, ohne ein Wort mit ihm gewechselt zu haben. Danach erzählten Chali’udar und Tschachurchan, der Togh-

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rul hätte sein goldenes Zelt zum Zeichen des Sieges über Temudschin aufgeschlagen, bereite die Unterwerfung der restlichen Feinde und das Festmahl vor, das den Krieg beenden sollte, „Er ist völlig unvorbereitet und glaubt euch alle bei den Göttern.“ „Nun gut“, sagte Dschingis-Chan, „mein Wahlvater beant- wortete am Tungge-Bach meine Botschaft mit der Fahne des Krieges. Also hat er mich verstoßen. Da er mich verstoßen hat, wandte ich eine Kriegslist an. Also werde ich ihn einkreisen und fangen, wenn er bei dem Festmahl sitzt und sich wie ein eingebildeter Reiher gebärdet. Den dummen Sengun wollen wir gleich erschlagen, wo wir ihn treffen; denn er ist an allem schuld; den alten Toghrul aber bringt zu mir, damit ich noch ein wenig mit ihm schwätzen kann; denn ich will sehen, wie er zittert!“ Kommandos erschallten. Die Krieger sprangen in die Sättel. Die Nachhut brach die Zelte ab. Staub stieg auf. Die Ordnung achtend, ritt ich rechts neben dem Herrscher, mein Stellvertreter links, und die übrigen Wächter umgaben uns wie ein Fächer, der, je nach Lage, weit geöffnet oder dicht geschlossen werden konnte. Um die Pferde zu schonen, ritten wir anfangs langsam, so gemächlich, daß die gescheckten Yakschwänze fast reglos an den Lanzenschäften herabhingen. Temudschin unterhielt sich mit meinem Stellvertreter, mich hingegen bedachte er noch immer mit kaltem Schweigen und vermied es sogar, mich anzusehen. Aber ich litt nicht darunter, sondern schwieg, wie er schwieg; denn nicht ich hatte gegen das Gesetz der Steppe verstoßen. Als wir wieder unseren alten Lagerplatz am Tungge-Bach erreichten, starrten nur noch die vierhundert niedrigen Pfähle aus dem Gras, sie erhoben sich wie vierhundert Schwurfinger über die Blumen, die ringsum blühten und, da es heißer Mittag

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war, ihre Köpfe traurig senkten. Auf den großen grünen Händen der einzelnen Tanne hockten die Geier und verfolgten unseren Zug. Am nächsten Abend gelangten wir zum Lager der Keraiten und umzingelten es, wie der Chan befohlen hatte. Tag wie Nacht wurde gekämpft, und in den Nächten brannte der Himmel, und an den Tagen verlosch die Sonne hinter dem Dach des Rauches, das der Wind über die Steppe schob. So verlief alles, wie es der Herrscher geplant hatte. Als sich aber am dritten Tage die Feinde endlich ergaben und Dschingis-Chan mit seiner Leibwache bis ins goldene Zelt des Oberhauptes der Keraiten vorgedrungen war, ohne Toghrul und Sengun zu finden, rief Temudschin: „Wo ist der, der einmal mein Vater war? Hat er sich unterm Filz verkrochen und bebt am ganzen Leibe? Ich habe Botschaft für ihn, welche mir die Götter mitgegeben haben!“ Niemand wußte eine Antwort. Und abermals sprach Temudschin: „Und sein Sohn, wo steckt er? Ich will ihm seine Zunge herausreißen, damit sie nie mehr Zwietracht sät.“ Da trat ein Mann von den Gefangenen vor und sagte zu Dschingis-Chan: „Ich heiße Chadach ba’atur. Drei Nächte und drei Tage habe ich mit meinen Leuten gekämpft und gedacht:

Wie kann ich den Mann greifen und dem Tode ausliefern, den ich einmal als meinen rechtmäßigen Herrscher angesehen habe? Ich habe also nicht vermocht, ihn dir, Dschingis-Chan, preiszugeben, sondern habe den Kampf hingezogen, um ihm die Möglichkeit zu bieten, sein Leben zu retten und sich weit zu entfernen, worauf er mit seinem Sohne geflohen ist. Wenn ich jetzt dafür getötet werden soll, will ich sterben. Wenn ich aber von Dschingis-Chan begnadigt werde, will ich ihm meine Kraft weihen!“ Temudschin, beeindruckt von diesen ehrlichen Worten, antwortete: „Wer seinen rechtmäßigen Herrscher nicht

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preiszugeben vermag, sondern weiterkämpft, daß jener sein Leben retten und sich weit entfernen kann, ist das nicht ein Mann? Das ist ein Mann, der zum Gefährten taugt!“ Nachdem die erbeuteten Frauen, Kleider, Waffen, goldenen Weingeräte, Schalen und Becher verteilt worden waren und der Chan seine Getreuesten reichlich beschenkt hatte, blieben wir noch eine lange Zeit hier am Gebirge Abdschi’a kodeger. Temudschin begann sein Heer neu zu ordnen und erließ einen Befehl, wonach alle jene hinzurichten waren, die ihm in der Zeit der Niederlage nicht gehorcht oder ihm nicht treu geblie- ben waren, nun aber, nach dem großen Sieg, wieder zu ihm hielten. Die ersten zwei Männer, die getötet und in eine Schlucht geworfen wurden, waren Heerführer, die sich geweigert hatten, damals in der Einöde bei dem stinkigen Lehmwasser den Eid zu schwören; denn sie hatten den Glauben an den Sieg verloren. Danach brachten die Krieger mehrere gefesselte Hundertschaftsführer zum Abgrund und stießen sie mit der aufgehenden Sonne im Gesicht in die Tiefe. Da der Chan einen „schreienden Tod“ angeordnet hatte und nicht den „lautlosen“, bei dem die Münder mit Erde und Gras gestopft wurden, hörten wir tags wie nachts das qualvolle Sterben, und wir sollten es hören; denn der Herrscher hatte gesagt: „Es fahre in eure Glieder! Erschrecken sollen jene, die da glauben, es gäbe außer mir noch einen, dem sie dienen könnten. Aber das ist ebenso- wenig möglich, wie man zwei Schwerter in eine Scheide stecken kann!“ Verlassen wie ein Jurtenhund hockte ich vor Dschingis- Chans Zelt. Selbst mein Stellvertreter mied mich, seit sie die Ungehorsamen in den Abgrund warfen. In den Nächten zerrte die Angst an mir. In meinen Träumen floh ich zu Goldblume und Tenggeri und mit ihnen hinauf zum Norden, in die stillen weiten Wälder, an die reinen blitzenden Bäche, wo Goldblume und ich nicht mehr den Frühling und Sommer fürchten mußten,

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wo wir uns freuen durften, wenn die singenden Vögel heim- kehrten. Doch dann ging wieder die Sonne auf, und die Krieger führten die nächsten zur Schlucht. Sie stießen auch meine Träume mit in den Abgrund; denn der helle Tag sagte mir:

Fliehn willst du? Vielleicht gelänge es dir, allein zum Norden zu entkommen. Aber allein darfst du nicht fliehen, denn Goldblume wartet im Hauptlager am Kerulon. Also mußt du zunächst zu ihr, und dann erst kannst du zum Norden. Doch das ist unmöglich. Der Chan hat dir inzwischen den Weg zum Lager zerschnitten. Eines Morgens sagte Temudschin: „Schickt mir den, der rechts von meiner Tür am Zelteingang sitzt.“ Den? Ich stand auf und gehorchte. Für die Furcht blieb mir keine Zeit. Ich schluckte sie hinunter. Mochte sie in den Eingeweiden wühlen, aber nicht in meinem Gesicht zu sehen sein. „Du hast mich rufen lassen?“ Temudschin saß in einem goldenen Sessel vor einer mit blauer Seide bespannten Wand. „Ja“, sagte er und knackste mit den Fingerknöcheln, worauf Wächter und Diener das Zelt verließen. „Ja, ich habe dich rufen lassen!“ Vor der himmelblauen Wand wirkte sein gelbes Kleid wie eine zerknitterte Sonne. „Warum bist du gekommen?“ fragte er leise. „Weil…“, meine Worte stockten. Erst jetzt begriff ich, weshalb er gesagt hatte: ‘Ja, ich habe dich rufen lassen!’ „Weil?“ Er lehnte den Kopf zurück und stieß an die blaue Seide. Der Himmel zitterte. „Warum sollte ich nicht kommen, mein Chan?“ wich ich ihm aus. Nun schien er zu überlegen. In diesem Augenblick erst bemerkte ich, daß mir die Wächter den Gürtel, die Mütze und das Schwert nicht abgenommen hatten. Das machte mich etwas sicherer, obgleich ich wußte, daß der Chan hin und wieder diese Zeichen der Würde einem Verurteilten selbst wegnahm.

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„Du fragst: ‘Warum sollte ich nicht kommen, mein Chan’“, begann er von neuem, „aber bist du denn immer gekommen, wenn ich dich rief?“ „Nein!“ „Und muß man nicht immer kommen, wenn der Chan ruft?“ Ich sann nach. Eine Falle? „Eigentlich steckt in deiner Frage schon die Antwort. Was also bleibt mir? Sage ich ja, rette ich vielleicht mein Leben, sage ich nein, wirfst du es vielleicht in den Abgrund!“ Dschingis-Chan erhob sich. „Hast du denn nicht schon nein gesagt? Zweimal habe ich dich am Tungge-Bach gerufen, zweimal hast du nicht gehört, obwohl ich dich unter der Tanne stehen sah.“ Er setzte sich wieder. „Hast du denn gehört, als ich mit dir über die Merkiten sprach? Wie zu einem Stein habe ich gesprochen, wie zu einem harten Stein.“ Er sprang erneut auf, lief wütend vor der blauen Wand aus Seide hin und her, blieb stehen, wandte den Kopf und schrie:

„Muß ich auf dich hören, wenn mir als Chan deine Worte nicht gefallen? Bin ich nicht auch dein Herrscher?“ Ein Bote kam ins Zelt und meldete, der Toghrul und sein Sohn Sengun wären einem Stamm in die Hände gefallen, den sie vor Jahren ausgeraubt hätten. „Sie wurden hingerichtet. Toghruls Kopf ließ der Häuptling in Silber fassen und so auf der Rücklehne seines Thrones anbringen, daß der Tote nach Osten schaut.“ Als der Bote gegangen war, meinte Dschingis-Chan feierlich:

„Nun liegt das Reich der Steppe vor mir. Alle, die in Filzjurten wohnen, zählen zu meinem Volk! Dir aber, der du am längsten an meiner Seite warst, will ich das sagen: Jene, die nur einmal meinen Ruf nicht hörten, starben in der Schlucht, dir, der du zweimal meinen Ruf nicht hörtest, schenke ich das Leben, weil mir soeben die entscheidende Botschaft überbracht worden ist.

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Das Amt, das ich dir einst anvertraute, nehme ich von dir, damit nicht einer vor meiner Tür steht, der seine Ohren schließt, wenn ich ihn rufe! Gehe zu einem Zehnerführer und trete unter ihm in die Reihe!“ Ich verneigte mich wie vor einem Fremden. Draußen in der hellen Sonne dachte ich: Eine Freundschaft kann man nur unter gleichen schließen, nicht, wenn einer höher und der andere tiefer steht. So hatte es mein Vater damals gesagt. Und ein andermal bemerkte er, daß das Wesen der Freundschaftsliebe auch in Rede und Gegenrede bestehe; nur durch sie könne die Wahrheit gefunden und geachtet werden. Wie aber, überlegte ich, kann man einem Freund sein, der die Gegenrede erschlägt, weil er als Chan das Schwert führt und den goldenen Zügel in der Hand hält? Das dachte ich, als ich durch die langen weißen Zeltreihen des Lagers ging, und ich kam zu dem Schluß: Als Jüngling hattest du einen Freund, aber nicht die Weisheit deines Vaters. So verlorst du jetzt als Mann das eine, um das andere zu finden. Das alles geschah an jenem Tage, wo die Nachricht eintraf, Toghrul und Sengun seien tot. Einer jedoch war übriggeblieben: Dschamucha. Da ich nicht mehr in der Nähe des Chans weilte, erfuhr ich auch nicht mehr seine Gedanken und Absichten, bevor sie unter den Kriegern bekannt waren. Mich wunderte es nur, daß wir, nachdem die Keraiten-Macht zerschlagen war, immer noch am Abdschi’a kodeger lagerten und noch immer nicht zum blauen Kerulon heimkehrten. Doch dann rückte plötzlich das Heer aus. Dschamucha hatte sich mit dem Häuptling der Naimanen, dem Baibuka-Taiang, verbunden. Meine Tausendschaft, in der ich nun diente, blieb als Rückendeckung in einer Mulde am Königsfelsen. Nach dem Sieg nahm sie die Gefangenen auf, unter ihnen einen naimanischen Heerführer, dem noch die Angst im Gesicht

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zuckte und der erzählte, wie sein Häuptling Taiang während des Kampfes voller Entsetzen den Dschamucha gefragt habe:

‘Wer sind diese Männer, welche die unsrigen verfolgen wie Wölfe die Schafe?’ Und Dschamucha habe geantwortet: ‘Es sind die vier Hunde des Temudschin, die mit Menschenfleisch aufgefüttert sind; er hat sie an eine eiserne Kette gelegt; sie haben kupferne Stirnen, gemeißelte Zähne, Pfriemen als Zungen und Herzen aus Eisen. Statt Pferdepeitschen haben sie krumme Säbel. Sie trinken den Tau, reiten auf dem Wind und fressen in Schlachten das Menschenfleisch. Jetzt sind sie von der Kette losgelassen; der Speichel rinnt ihnen aus dem Maul, so freuen sie sich. Diese vier Hunde sind: Dschebe, Boghurtschi, Dschelme und Ssubutai.’ Darauf fragte Baibuka-Taiang: ‘Wer ist es dort hinten, der wie ein hungriger Habicht nach vorn stürmt?’ ‘Das ist Temudschin selber’, antwortete Dschamucha, ‘von Kopf bis Fuß in eiserne Panzer gehüllt; er ist wie ein hungriger Habicht herbeigeflogen. Siehst du ihn herunterstoßen? Du hast gesagt, Taiang, daß, sobald der Mongole herkommt, von ihm wie von einem Schaf nur Hufe und Hörner übrigbleiben werden. Und nun, was sagst du nun?’ So erzählte also der naimanische Heerführer von der Schlacht, und als er geendet hatte, bat er um einen Dolch und sagte kniend: „Mein Häuptling Baibuka-Taiang fiel im Kampf. Wie soll ich da weiterleben?“ Dann stieß er sich das Messer in die Brust und starb, ohne daß sich seine blauen Lippen noch einmal geöffnet hätten. Was Dschamucha anbelangte, so widerfuhr ihm die Gnade des Chans, einen Tod zu erhalten, bei dem kein Blut floß. Temudschin ließ ihn erwürgen. Das Steppenreich war geschaffen.

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Nun zogen wir endlich hinab zum Kerulon, und ich freute mich, nach langer Zeit wieder bei Goldblume und Tenggeri sein zu können. Aber hier blieben wir nicht. Noch ehe der Fluß fror und der Schneesturm im Tale brauste, wanderten wir mit dem Ordu hinauf zum Onon. Am Ufer dieses Stromes sollte das große Hauptlager entstehen, inmitten der unendlichen Weiden, die jetzt durch keinen Feind mehr gefährdet waren. So saß ich in diesem Winter wie einst mit Goldblume und Tenggeri ums Feuer. Und wieder streute der Wind den Schnee durch die Ritzen der Filze. Ich sagte nicht mehr, der Winter ist lang und schön, weil ich bei dir sein kann, Goldblume, sondern ich sagte: „Diesmal wirst du nicht mehr traurig sein müssen, wenn die singenden Vögel heimkehren, nicht mehr weinen, wenn die Blumen aufbrechen.“ Sie küßte mich, und in ihren Augen leuchtete schon der Frühling. Im darauffolgenden Sommer des Tigerjahres 3 berief Dschin- gis-Chan einen großen Kuriltai der in Filzjurten wohnenden Völker ein, zu dem die Edlen des Reiches und deren Frauen geladen waren. Aus der Mitte des riesigen Ordus am Onon erhob sich das größte aller Zelte, schwanenweiß wie die davor wehende Stammfahne mit Falke und Rabe. Neun 4 vergoldete Säulen trugen die gewölbte Decke des Palastes, der ringsum mit rotem Brokat ausgeschlagen war. Der breite, überdachte Eingang blickte wie ein schwarzes Auge zum Süden, und an den aufgepflanzten Feldzeichen mit den Yakhörnern an der Spitze wehten die schwarzen Roßschweife. Noch war das Zelt leer; nur die Handwerker schufen am Thron; ihre geschickten Hände legten Edelsteine, flochten goldene Ranken für den Sitz ihres Herrschers. Ich hingegen gehörte zu jenen Tausenden Männern, die vor

3 Das Jahr 1206 4 die mongolische Glückszahl

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dem Ordu Tausende Stuten molken, Goldblume zu jenen Tausenden Frauen, die Tausende Kühe molken. Während aus dem einen der schäumende Kumys entstand, brannte man aus dem anderen den feurigen Arjak. Am Tage der Wahl legten die Edlen vor den Palast einen schwarzen Filz, auf dem sich der Chan niederließ. Dann erschien Göktschu, jener alte Schamane, der damals „Dschingis“ aus dem Schafsknochen gelesen hatte. Er trat vor Herrscher und Volk, breitete die Arme aus. Ehrfürchtig schauten wir zu ihm auf; denn er war der Heilige, der nachts, wenn wir schliefen, in den Himmel ritt, mit den Geistern sprach, der zu hungern vermochte, um die Götter milde zu stimmen, der die grimmigste Kälte ohne Murren ertrug und sich sogar ohne Kleider in den Schnee setzte. Göktschu also sagte: „Der Ewig blaue Himmel hieß mich, dem Volke der Mongolen zu sagen, daß Temudschin, genannt Dschingis- Chan, zum Cha-Chan 5 erhöht werden solle!“ „Wir wollen, wir bitten und befehlen, daß du Herr und Gebieter über uns alle sein sollst!“ riefen die Edlen. „Unser Dschingis-Cha-Chan!“ Die Menge raste. Die Edlen faßten den schwarzen Filz an den vier Enden, hoben ihn in die Höhe und trugen den Herrscher zu seinem Thron. Neben ihm saß Borte, zu seinen Füßen die Söhne und Töchter sowie Mutter Wolke und Stiefvater Munglik. Etwas abseits vom Thron hatten die Nebenfrauen des Cha-Chans Platz genommen, unter ihnen die schöne Chulan mit einem Knaben im Arm. Der Sonnenschein fiel auf prächtige Gewänder und in stolze Gesichter. Temudschin erhob sich und sagte: „Unser neues Reich ist groß geworden, Krieger! Es erstreckt sich vom Schingan- Gebirge im Osten bis zu den Bergen des Altai im Westen, vom

5 Herrscher aller Herrscher

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See des Baikal im Norden bis hinein in die Wüste Gobi im Süden. Einunddreißig Völker mit zwei Millionen Menschen gehorchen meinem Wort. Ein Volk ist darunter, das 400.000 zählt. Das einem edlen Kristall gleiche Volk der Mongolen, das trotzig und tapfer, ungeachtet aller Leiden und Gefahren, zu mir hielt und mit Gleichmut die Freude und das Leid ertrug, ist das erhabenste von allem, was sich auf Erden bewegt. Es hat mir bis zum Ziele meines Strebens in jeder Gefahr die größte Treue erwiesen, und ich will, daß es fortan den Namen ‘Himmelblaue Mongolen’ trage,“ Ungeheurer Jubel lief durch die Versammelten. Der Chan stand auf und ging zu einem der vielen großen Kessel voll Pferdefleisch. Mit seinem Messer stach er in das beste Stück und brachte es Boghurtschi, der, wie die übrigen Heerführer, in der Gasse lodernder Opferfeuer stand. Das wiederholte sich noch einige Male; denn nach altem Brauch zeichnete der Chan eine Reihe seiner Feldherren so aus. Danach gebot der Herrscher Ruhe und sagte: „Wenn ihr wollt, daß ich euer Herr sein soll, seid ihr dann auch alle bereit und entschlossen zu tun, was ich euch befehle; zu kommen, wenn ich euch rufe, zu gehen, wohin ich euch sende, und jeden zu töten, den ich euch bezeichne?“ „Wir sind es, Cha-Chan“, schrien die Edlen und Heerführer; nur ihnen galt diese Frage. „Dann wird Ordnung herrschen und Friede sein!“ Er erhob seinen goldenen Becher über die Köpfe, und alle Edlen erhoben ihre Becher und das Volk die Krüge, und so schmück- te die Freude den Sommer, die Männer, die Frauen und Kinder. Musik erklang. Pauken, Trompeten, Hörner, dazwischen das feine Schellengeläut Hunderter Glöckchen. Die Männer tanzten vor dem Chan, die Frauen vor Borte. Ein weißbärtiger alter Hirt drängte sich zum Thron und bat, ein Lied singen zu dürfen. „Ruhe!“ forderte Temudschin, und sofort war der Lärm wie

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erschlagen. Der Alte sang, sang mit brüchiger Stimme ein Lied, das von seinem einzigen Schaf erzählte. Und das Schaf war ihm eines Tages entlaufen, das einzige Schaf. In den Wald war es gegangen, ins Dickicht geflohen, und er hatte fünf Bäche durchwaten und acht Hügel überschreiten müssen, immer das einzige Schaf suchend. Er fand es. In einer Hecke hatte es sich niedergelegt und verkrochen. Aber an dem Strauch waren Dornen wie eiserne Pfeilspitzen. Und als er in die Hecke drang und das Schaf schon gepackt hatte und rückwärts schon heraus wollte, schlug ihm ein Dorn in sein Auge und löschte das Licht. „Aber mein Schaf“, schloß der alte Hirt das Lied, „mein einziges Schaf hatte ich wieder!“ Dschingis-Chan warf dem Einäugigen einen goldenen Gürtel zu. Gebeugt verschwand der Mann in der Menge. Ich sah ihm lange nach. Bevor er in seine Jurte schlüpfte, drehte er sich mißtrauisch um, als fürchte er verfolgt zu werden. Indessen wirbelte das Fest weiter. Pauken, Trompeten, Hörner und dazwischen das feine Schellengeläut. Der Herrscher rief „Ha-Hi!“ Und alle tranken. Der Herrscher rief „Kchu-kchu!“ Und alle stießen ihre Schwerter in den Himmel. Die Sonne lachte. Auch der Chan lachte. Und Borte. Und die Söhne. Das Volk tanzte. „Ha-Hi!“ „Kchu-kchu!“ Manchmal erkannte Temudschin einen unter den Versam- melten. Dann schrie er: „He, warst du es nicht, der mir am Kilcho sein Pferd gab, als das meine sich zum Sterben nieder- setzte?“ „Ja, mein Cha-Chan!“ Sofort umtanzten die anderen den Geehrten und klatschten zu seinem Lob in die Hände. Am dritten Tag des Festes erscholl abermals des Chans

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Stimme über den weiten Platz vor seinem Palast: „Ich will ein Gesetz schaffen; denn bisher war keine Ordnung in der Steppe. Die Kinder hörten nicht auf die Lehren der Väter, die jüngeren Brüder gehorchten nicht den älteren, der Mann hatte kein Vertrauen zu seiner Frau, und die Frau folgte nicht den Befehlen des Mannes, die Untergebenen ehrten die über ihnen Stehenden nicht, und die über ihnen Stehenden erfüllten nicht ihre Pflicht gegenüber den Untergebenen; die Reichen unter- stützten nicht die Oberhäupter, und so gab es nirgends Zufrie- denheit. Das Geschlecht also war ohne Ordnung und ohne Verstand, daher gab es überall Mißvergnügte, Lügner, Diebe, Empörer und Räuber. Als Dschingis-Chan sich zeigte, kamen alle unter seinen Befehl, und er will über sie nach festem Gesetz herrschen, damit Ruhe und Glückseligkeit in die Steppe kommt!“ Danach winkte er einen Jüngling heran, den ich bisher noch nie gesehen hatte. Der Herrscher sagte zu dem Fremden: „Du bist der weise Tatatungo, und wie du mir gezeigt hast, ver- magst du jene Worte, die ich spreche, mit einem Stäbchen in eine Tafel zu ritzen. Von jetzt an sollst du immer um mich sein und meine Worte aufschreiben, denn ich will eine Jassa 6 aufstellen, die für alle, die nach mir kommen, unwandelbares Gesetz sein soll. Wenn die Nachfahren, die bis zu 500, bis zu 1000, ja bis zu 10.000 Jahren geboren und meinen Platz einnehmen werden, die Sitten und Gesetze Dschingis-Chans bewahren und nicht verändern, so wird ihnen der Himmel Hilfe und Segen spenden. Sie werden lange leben und die Freuden des Lebens genießen. Wenn sie aber die Jassa nicht streng halten, so wird das Reich erschüttert werden und zerbrechen. Wieder wird man nach Dschingis-Chan rufen, aber ihn nicht mehr finden.“ Das Fest währte einen Sommer lang. Und als es vorüber war, versammelte der Cha-Chan die

6 Gesetzessammlung

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Nachtwachen um sich und sagte zu ihnen: „Ihr, meine alter- grauten Wächter, die ihr in bewölkten Nächten um meine Dachlukenjurte lagertet, daß ich friedlich und ruhig schlum- mern konnte, und die ihr mich damit auf diesen Thron gebracht habt, ihr, meine flinken Wächter, die ihr ohne Säumen auf eurem Posten waret, wenn die Birkenhölzer auch nur die schwächste Bewegung zeigten, ihr sollt die ‘Alten Nachtwa- chen’ heißen. Aber jetzt, wo der Himmel mir bestimmt hat, über alle Völker zu herrschen, befehle ich, aus den Tausend- schaften und Hundertschaften weitere zehntausend Mann für meine persönliche Wache auszusuchen. Diese Männer, die um mich sein werden, sollen groß, stark und geschickt sein und Kinder von Edlen, Häuptlingen und Heerführern. Aus diesen zehntausend wählt wieder tausend als ständige Leibwache für meinen Palast.“ Das Oberhaupt der Schamanen, Göktschu, flüsterte dem Chan etwas zu. Das war außergewöhnlich, obgleich uns nicht entgangen war, daß der Heilige in letzter Zeit viel in der Palastjurte aus und ein ging. Die Leute im Ordu zischelten, er beeinflusse den Chan, was ihm seinem Amte nach nicht zukäme. Ich wollte mich gerade aus der Menge entfernen, als jemand laut rief: „Was ist das für ein Brauch, wenn Göktschu schon Ratschläge gibt, bevor sich Dschingis-Cha-Chans nächste Angehörige geäußert haben?“ Der Schamane reckte den rötlichen Hals und sagte: „Wenn es der Himmel so will?“ „Sind nicht unsere Bräuche auch vom Himmel bestimmt?“ antwortete der Mann aus dem Volk, und die Menge drückte und schob, als wolle sie ihren Sprecher nach vorn drängen, damit ihn der Herrscher auch gut höre. Der Cha-Chan aber schwieg. Da wandte sich Göktschu wieder an Dschingis und sagte:

„Solange Chasar lebt, ist deine Herrschaft nicht gesichert; denn

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der Himmel hat entschieden: Zuerst soll Dschingis über die Völker herrschen, und dann wird sein Bruder Chasar der Herrscher sein!“ „Was ist das für eine Rede?“ schrien einige Leute. Doch der Herrscher schwieg noch immer. Ich beobachtete ihn genau, sah, wie sich die Narbe am Hals dunkel färbte, wie sie zuckte und wie der Chan versuchte, gleichgültig über die Köpfe hinwegzuschauen. Der Gesandte des Himmels lächelte. Er schien den Herrscher ebensogut zu kennen wie ich, und er schien auch zu wissen, daß es nur noch eines Satzes bedurfte, um Temudschin eine Entscheidung aufzuzwingen. Und da sagte der Schamane: „Hast du, großer Chan, gesehen, wie dein Bruder Chasar deine liebliche Nebenfrau, die schöne Chulan, an der Hand hielt und…“ „Wache!“ brüllte Temudschin. Die Menge duckte sich erschrocken. Wie ein gewaltiger Hieb war der Befehl auf sie niederge- saust. Zögernd hoben die Leute wieder die Köpfe, neugierig, was der Chan anordne. „Nehmt Chasar Mütze und Gürtel und bringt ihn gefesselt zum Verhör!“ Der Gesandte des Himmels kniff die Augen ein wenig zu- sammen und schaute triumphierend zu dem Manne, der ihn vorhin getadelt hatte. Während die Wächter den gefesselten Chasar herbeischlepp- ten, ritt Mutter Wolke auf einem weißen Kamel vor den Palast, und als sie den Chasar am Boden sah, zerschnitt sie ihm die Fessel, riß den Wachen seine Mütze und den Gürtel aus den Händen und gab beides ihrem Sohne zurück. Danach ließ sich die Alte mit untergeschlagenen Beinen nieder, öffnete ihren Rock und nahm die welken Brüste heraus. Oelön Eke sagte: „Seht ihr sie? Das sind jene Brüste, an denen ihr gesogen habt! Was hat Chasar getan? Temudschin pflegte diese meine eine Brust zu leeren. Chasar aber leerte meine beiden Brüste und gab mir damit Ruhe. Daher hat mein

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fähiger Temudschin die Gaben des Geistes bekommen, und mein Chasar hat das Geschick im Bogenschießen und die Kraft bekommen, und damit pflegte er die im Pfeilgefecht Entkom- menen durch Pfeilschuß unter deine Botmäßigkeit zu zwingen und die aufgescheucht Entflohenen durch Weitschuß zu unterwerfen. Und jetzt, wo ihr die Feinde zur Strecke gebracht habt, könnt ihr den Chasar nicht mehr sehen! Er ist wohl nicht mehr nötig?“ „Mutter!“ sagte Temudschin, als wolle er ihren Zorn dämp- fen. „Der Schamane hat…“ „Sei still! Der Schamane flüstert! Haben die Götter aber befohlen leise zu sprechen, wenn es um Wahrheit geht?“ Göktschu trat einen Schritt zurück. Der Chan starrte ihn an. Borte sagte: „Was ist das für eine Ordnung, Temudschin, daß nicht einmal deine Brüder ihres Lebens sicher sind? Was bist du für ein Cha-Chan, wenn du auf den Schamanen hören mußt. Wenn er jetzt schon so wenig Angst vor dir hat, was wird er erst tun, wenn du stirbst? Wer wird da noch deinen Söhnen gehorchen? Hast du das Reich für dein Geschlecht oder für ihn geschaffen?“ Der Herrscher befahl, das Volk zurückzudrängen; wir sollten wohl den unfreundlichen Wortwechsel nicht hören. Doch die Wächter wandten nicht zuviel Kraft auf, um den Befehl durchzuführen; denn auch sie lauschten dem Streit, der sich vor dem Palast zutrug. Für einen Augenblick vermochte ich in dem Gewühl nicht zu erkennen, was vor dem Eingang des großen Zeltes geschah. Einer schrie: „Oh, Chan, seit der Zeit, als die mächtige Erde so groß war wie ein Klumpen, als Meer und Strom so groß waren wie ein Bach, bin ich dein Gefährte gewesen!“ Und der Herrscher rief, ich wußte nicht, zu wem: „Du lügst! Du bist gekommen, als du Angst hattest, nicht zu kommen! Ich aber habe dich empfangen, dir kein böses Wort gesagt und dich

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auf deinen Ehrenplatz gesetzt. Ich habe deinen Söhnen hohe Ämter und Würden verliehen, aber du hast sie nicht Beschei- denheit und Unterordnung gelehrt! Über meine Söhne und Brüder wollte sich Göktschu erheben! Mit mir selbst wollte er in Wettstreit treten! Und du hast mir bei dem Lehmwasser unbedingte Treue geschworen. Jetzt willst du sie aufsagen? Was soll das? Wer das, was er am Morgen gesprochen hat, am Abend wieder auflöst und das, was er am Abend gesprochen hat, am nächsten Morgen wieder auflöst, dem wird gesagt werden, daß er sich schämen muß!“ Die Menge wogte hin und her, und ich stürzte, und mit mir fielen andere, und als ich wieder aufrecht stand und zum Palasteingang schaute, hatten die Wächter den Gesandten des Himmels schon zu Boden gestoßen und ihm das Rückgrat zerbrochen. „Er liegt da und rührt sich nicht“, sagte jemand. Dann schleppten sie den toten Priester zu einer leeren Jurte, öffneten die Dachluke und verschlossen fest die Tür. Am anderen Morgen sagte der Cha-Chan zu uns: „Weil der Oberschamane Göktschu, der einstige Gesandte des Ewig blauen Himmels, meinen Brüdern Faust- und Fußstöße gegeben hat und weil er unter meinen Brüdern ohne Grund Verleumdungen anstiftete, wurde er vom Himmel nicht gern gesehen und ihm sein Leben samt seinem Leib genommen.“ Temudschin öffnete die Jurtentür, und wir schauten alle der Reihe nach hinein, und die Leiche des Priesters war nicht mehr da. Also war der Heilige über Nacht durch die Dachluke in den Himmel geritten. So sagten wir. So sagten alle, die in die leere Jurte geschaut hatten. Aber alle waren auch durch die leere Jurte beunruhigt. Wir blickten auf das niedergedrückte Gras, in dem Göktschu gelegen hatte, und wir blickten in den weiten Himmel, wo Göktschu jetzt war und zu uns herniederschaute. Die Jurte schwieg wie alle Jurten. In der kalten Asche spielte der Wind.

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Das Volk sah fragend zu seinem Herrscher. Sosehr die Leute das Verhalten von Göktschu mißbilligt hatten, sowenig vermochten sie sich vorzustellen, wie sie ohne Oberpriester leben sollten. Ein alter Mann fragte den Cha-Chan: „Wenn der eine tot ist, muß da nicht ein neuer kommen?“ Und eine Frau jammerte: „Wer wird uns raten, wenn wir in Not sind? Wer wird unsere Bitten zu den Göttern tragen?“. So und ähnlich fragten viele den Dschingis. Und er hörte geduldig ihre Worte. Am Abend desselben Tages rief der Herrscher das Volk vor das Palastzelt und meinte: „Ich habe eure Bitte vernommen. Da sie auch meinen Wunsch ausdrückt, ernenne ich heut den greisen Ussun zum Oberhaupt aller Schamanen. Er soll von nun an immer in weißen Kleidern gehen, auf einem weißen Pferd reiten und einen Ehrenplatz einnehmen. Die Götter sind also wieder mit uns und wir mit ihnen!“ Tief gerührt verneigte sich die Menge.

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Tausend Katzen – zehntausend Schwalben

Es war ein glückliches Jahr gewesen, eins der Sonne und des Mondes und der Liebe. Wir hatten von der Stille getrunken, die uns so ungewohnt umring. Und je länger sie währte, desto mehr argwöhnten wir, sie könne plötzlich zusammenstürzen. So saß ich nun im Winter abermals mit Goldblume und Tenggeri am Feuer in der Jurte. Und wieder und wieder streute der Wind den Schnee durch die Ritzen der Filze. Wir erzählten vom Frühling, vom Sommer, vom Herbst, von den schönen Tagen, in denen wir fischen oder jagen gegangen waren, in denen Tenggeri das Reiten gelernt hatte, das Schießen mit dem Bogen und das Scheren der Schafe. Sogar zur Rebhuhnjagd hatte ich ihn mitgenommen. Und ich erinnerte mich gern, wie stolz er im Sattel gesessen und wie geschickt er den Falken auf seiner kleinen Faust getragen hatte. Und dann träumten wir in unseren Reden vom kommenden Jahr. Man darf träumen, wenn man vom Guten träumt, und man darf sich träumend wünschen, was keinem schadet. Also sehnten wir uns nach einem Jahr, das sein sollte wie das vergangene, und so wollten wir etwas haben, ohne daß jemandem etwas genommen worden wäre. Nein, unsere Seelen waren rein, und wir blickten ehrfürchtig zu den Göttern auf, stellten nachts Schälchen voller Speisen vor die Jurte, opferten ihnen, damit sie unsere Sehnsucht erfüllten. Und auch dieser Frühling verblühte still und zärtlich. Der Cha-Chan hatte lediglich einige kleinere Abteilungen ausgesandt, bestehend aus jungen Kriegern, die irgendwelche Aufstände in den unterworfenen Stämmen niederschlugen. Das waren keine Feldzüge, sondern Strafexpeditionen gegen Ungehorsame, die versucht hatten, das Reich der Steppe zu verlassen, um sich dort anzusiedeln, wo kein Dschingis über

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ihnen herrschte. Unser Ordu erfuhr nur selten etwas von diesen Kämpfen, so daß es in Ruhe lebte und die Gesetze des Cha- Chans achtete, die neuen Gesetze, welche Tatatungo in eiserne Tafeln geritzt hatte. Als ich eines Morgens mit Tenggeri den Onon abwärts ritt, um einen guten Platz fürs Fischen zu suchen, wies mich der Knabe darauf hin, daß uns zwei Reiter folgten. Ich antwortete:

„Das Ufer ist lang, und Fische gibt es so viel wie Sterne am Himmel, mein Sohn.“ Ja, ich sagte, mein Sohn, und er sagte, mein Vater. Nie hatte ich mit ihm darüber gesprochen, daß ich ihn auf dem Schlachtfeld wie eine Blume zwischen den Toten geborgen und mitgenommen hatte. Vor uns erhob sich ein Hügel, und als wir ihn wieder hinab- ritten, stiegen wir von den Pferden, legten ihnen die Fußfesseln an und ließen sie grasen. Ein paar Enten flogen auf. Wind wehte. Wir warfen die Schnüre in den Fluß. Tenggeri hatte Glück. Lachend zog er einen bärtigen Wels ans Ufer. Wasser und Schlamm spritzten. Der Knabe packte den mächtigen Fisch, und noch ehe ich herbeieilen und helfen konnte, hatte er ihn getötet. Plötzlich flüsterte Tenggeri: „Die Reiter, Vater!“ Ich wandte mich um, mehr neugierig als erschrocken. Oben auf dem Hügel standen sie, steif saßen sie in den Sätteln, schauten zu uns hernieder und dann über den Fluß und dann in den Himmel und danach abermals zu uns. Dort, wo sie mit den Pferden warteten, reichte das Gras bis zu den Steigbügeln. Sie sprangen ab, die beiden Männer, und sie setzten sich nun in das tiefe Gras, und jetzt ragten nur noch zwei Filzhüte über die Halme. Beugte der Wind die grünen Stengel, starrten vier Augen aus braunen Gesichtern in die kleine Bucht, wo wir hockten. „Wer sind sie?“ fragte Tenggeri. Ich zuckte mit den Schul-

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tern. „Sind sie aus unserem Ordu, Vater?“ Auch das wußte ich nicht. Unser Stammlager war viel zu groß, als daß man jeden hätte kennen können. „Von dort oben kann man doch gar nicht fischen, Vater!“ sagte der Knabe. „Nein, von dort oben kann man nicht fischen. Sei still!“ und schon ärgerte ich mich. Daß ich so gereizt geantwortet hatte, kam daher, weil ich mir selbst Gedanken machte, was die beiden am Ufer und in unserer Nähe wollten, wenn sie nicht Fische fingen. Ich schaute also nicht mehr zu ihnen hinauf, sondern beobachtete meine Schnüre. Kein Fisch ging mehr an die Angeln. Auch nicht bei Tenggeri. Ich blickte zwar auf die Schnüre, sah aber statt ihrer die Männer auf dem Hügel. Meinem Sohn erging es wohl ebenso. Und wie soll man Fische fangen, wenn man nicht aufmerksam ist? „Komm, Vater, wir reiten noch ein Stück flußabwärts!“ sagte Tenggeri. Und ich sagte: „Ja, hol die Pferde!“ Und beide dachten wir:

Wenn sie uns wieder folgen, wissen wir, daß sie unsertwegen am Ufer sind. Der Fluß lief neben uns her, und die weißen Wolken kamen auf uns zu. „Sieh dich nicht um, Tenggeri!“ „Ich weiß schon, Vater!“ Vielleicht machte es dem Knaben sogar Spaß, daß sie uns verfolgten. Knaben macht so etwas meist Spaß. Sie sind wie junge Wölfe, die sich vor ihrem Bau balgen, beißen und immer siegen, weil es ein Spiel ist. Wir durchschritten ein schmales Gebüsch aus Wasserpap- peln, und in der Mitte sagte ich: „Nun kannst du dich umdre- hen, mein Sohn!“ „Sie sind noch auf dem Hügel, Vater!“ „Ach.“

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„Ja, wirklich.“ Ich lächelte, und mit einemmal fielen all die schrecklichen Vermutungen wieder von mir ab. Fröhlich galoppierte ich mit meinem Braunen unter den schattigen Pappeln dahin, und manchmal klatschte mir ein Zweig ans Gesicht oder streifte meine Ohren. Hinter dem Gebüsch saßen wir ab. Wieder flogen ein paar Enten aus dem Schilf. Wieder wehte Wind. Wieder warfen wir unsere Schnüre in den Strom. Von hier vermochten wir den Hügel nicht zu sehen, auf dem die zwei noch saßen oder nicht mehr saßen. An dieser Stelle hatte Tenggeri kein Glück. Nur einige winzige Köderfische zog er aus dem Wasser. Sicher dachte er noch immer an die Fremden und ärgerte sich, daß sie uns nicht mehr gefolgt waren. Gegen Mittag entzündeten wir ein Feuer und brieten unser Mahl. Den ledernen Sack mit Kumys hatten wir ins Wasser gelegt, damit die Milch kalt bleibe, und dann aßen wir die gerösteten Fische und tranken die kalte Milch dazu. „Ich möchte wissen, Vater“, begann Tenggeri, „weshalb sie uns bis zum Hügel gefolgt sind und danach nicht mehr.“ Manchmal sprechen Kinder das aus, was Erwachsenfe nicht einmal gern denken. Ich tat gleichgültig und sagte: „Vielleicht sind sie uns gar nicht gefolgt, und es gefiel ihnen auf dem Hügel, und daß er in unserer Nähe war, Tenggeri, war Zufall.“ Über den Strom segelte eine einzelne Möwe, stieg steil in die Höhe, so hoch, als wolle sie in ein Wölkchen beißen. „Da sind sie wieder, Vater!“ flüsterte Tenggeri. Im Pappelgehölz standen die beiden Reiter. Auf ihren Ge- sichtern tanzten Zweigschatten, und die fremden Männer bemühten sich nicht einmal, vor unseren Augen unentdeckt zu bleiben. Sie lehnten jeder an einem dünnen Stamm, und da der Wind durch das Gebüsch fuhr, bogen sich die beiden mit den

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dünnen Stämmen zur Seite und wieder zurück, zur Seite und wieder zurück. „Zieh die Schnüre ein!“ sagte ich zu Tenggeri und stieß mit dem Stiefel das Feuer in den Fluß. Auf blauem Grund trieb die schwarze Asche in einen Strudel, kreiste und kreiste. Am jenseitigen Ufer jagten Hirten Zehntausende Pferde stromaufwärts. Hunde bellten, böse bellende Hunde, die durch den Staub schossen und mit heraushängenden Zungen um die Herden rasten. Lassos pfiffen pfeilschnell über die Mähnen. Schreie. Kommandos. „Warum treiben sie die Pferde zum Ordu, Vater?“ „Der Chan wird’s so befohlen haben, Tenggeri“, sagte ich traurig, und die beiden Reiter lehnten immer noch an den Stämmen. Ein furchtbarer Schreck, kalt wie ein Mondstrahl im Winter, schüttelte mich. Fast glaubte ich zu wissen, weshalb uns die zwei verfolgt hatten, da öffnete sich das Gebüsch, und Goldblume ritt auf uns zu. „Der Herrscher sammelt das Heer“, sagte sie und sprang in die Wiese. „Laß uns fortreiten, Tschono, fort in die tiefen Wälder, und gleich, Tschono.“ „Zu spät, Goldblume, dort drüben in dem Gebüsch haben zwei Pappeln vier Ohren und vier Augen.“ Und Tenggeri sagte leise: „Schon seit dem Morgen beobach- ten sie uns, Mutter!“ Eine Trompete schrie. Das Zeichen des Cha-Chans. Alle Hirten, Jäger und Krieger hatten sich sofort ins Ordu zu begeben. So ritten wir wieder flußaufwärts, und die zwei Wächter waren einen knappen Pfeilschuß weit hinter uns. Wir schwie- gen, obwohl wir viel zu sagen gehabt hätten. Da hatte ich am Morgen, als die zwei Reiter auftauchten, gedacht, sie gälten nur mir, weil mir der Chan mißtraute, weil er vielleicht glaubte, auch ich wolle fliehen und mich dort ansiedeln, wo kein Dschingis herrschte, und daß er fürchtete, andere könnten mir

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folgen, denn die Achtung und Bewunderung für Temudschin wurde mehr und mehr von der Furcht ausgelöscht. Aber ich hatte nicht gedacht, daß sie die Vorboten eines neuen Feldzu- ges sein sollten; denn in solchen Tagen schickte der Herrscher überall seine Wächter aus, wo Hirten hüteten, Jäger jagten und Fischer fischten, um sie rechtzeitig zurückholen zu können, falls das Trompetensignal sie nicht erreichte. Vor dem Palastzelt stand der Ausrufer des Cha-Chans und erklärte den Versammelten immer wieder, daß dem Herrscher von den Göttern gesagt worden sei: „So, wie es nur eine Sonne und einen Mond am Himmel gibt, darf es nur einen Chan, nur einen Herrscher auf Erden geben!“ Und dann sagte der Ausrufer: „Also läßt euch Dschingis mitteilen, daß er auszie- hen wird, um den ersten Staat außerhalb des Steppenreiches zu unterwerfen. Es ist das Land der Tanguten und nennt sich Hsi- Hsia.“ Danach entnahm der Ausrufer einer großen hölzernen Kiste herrliche Stoffe, goldene und silberne Gefäße, kostbare Schnitzereien aus Elfenbein und Ebenholz, und rief den Leuten zu, das alles gäbe es reichlich im Lande Hsi-Hsia; jeder, der dort hinkäme, brauche sich nur zu nehmen, was ihm gefalle. In dieser Nacht schlief ich kaum. Auch Goldblume lag wach und fragte, wie groß denn die Erde wäre und wieviel Herrscher sie habe. Ich antwortete, die Erde läge zwischen zwei großen Meeren, aus dem einen steige am Morgen die Sonne, in das andere versinke sie am Abend. „Im Osten und Südosten liegt das mächtige Reich Chin hinter einer großen Mauer, im Westen ist das Dach der Welt, Goldblume; auf ihm thront das Reich Kara- Chitan. Die Berge sind dort so hoch, daß sie den Himmel berühren. Und im Süden liegt Hsi-Hsia.“ „Sagen aber nicht die Kaufleute, es gäbe mehr Länder als Finger an den Händen?“ „Ja, die Kaufleute, Goldblume. Ob es wahr ist, weiß ich nicht. Lügen nicht auch Kaufleute manchmal?“

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„Nicht nur Kaufleute, Tschono!“ Ich mahnte sie, leiser zu sprechen, und ich berichtete ihr, was ich so lange verschwiegen hatte, erzählte von des Chans fiebrigen Träumen, als er verwundet daniederlag, von den Träumen, die ihn so weit weggeführt hatten und die nun keine Träume mehr waren. „Diesmal ist es zu spät zu fliehen“, flüsterte Goldblume. „Ja, diesmal!“ Und ich küßte ihr weiches Haar, die heißen Lippen und den kindlichen Hals. Der Sommermond legte den schwarzen Schatten der Dachluke auf unsere Leiber, und wir waren so bleich, so mondbleich wie Tote. Lange lagen wir so, lange. Als das Mondlicht verlosch, brachen die ersten Tausend- schaften auf. Die Jurte zitterte. Wir schmeckten den Staub, der durch die Luke gefallen war. Dann regnete es. Es war schön, wie die kühlen Tropfen auf unsere nackten Körper fielen, auf die heiße und mondbleiche Haut, und erst viel, viel später schloß ich den Dachkranz. Über dem Onon brüllte der Donner, in den Filzritzen zuckten die Lichter der roten Blitze. Bäume rauschten, Äste brachen, Schafe klagten. Und am Morgen schien wieder die Sonne. Liebe Goldblume, dachte ich. In endlosen Reihen knarrten die hochrädrigen Karren aus dem Stammlager, und als auch wir losritten, begleitete mich Goldblume zum Ausgang des Ordus, ritt mit Tenggeri an meiner Seite, und dann schluckte mich wie tausend andere die gelbe Wolke, die wie eh und je mit uns über die Steppe rollte. Es wurde Nacht und wieder Tag und wieder Nacht und abermals Tag, und wenn wir rasteten, erzählten die Hundert- schaftsführer den Kriegern, Hsi-Hsia bestünde aus steinernen Städten, und auf den Flüssen führen Häuser, die der Wind bewege, und Paläste gebe es mit goldenen Säulen und goldbe- legten Dächern, und um die Paläste lägen Gärten mit wunder-

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samen Bäumen, an denen Früchte reiften, die köstlich schmeckten, aber auch Türme wüchsen dort aus den Städten, höher als die höchsten Bäume; sie wären wie steinerne Rohre und trügen vergoldete Kuppeln, von denen aus man das ganze weite Land übersehen könne. In den Augen der meisten Krieger strahlte der Glanz, ich jedoch dachte an des Chans Träume, die er, wie ich nun wußte, an die Heerführer, Hundertschaftsführer und Edlen weitergege- ben hatte. So waren meine Augen ohne Glanz und meine Gedanken voller Kummer. Noch ehe wir die Grenze erreicht und das Gebirge über- schritten hatten, flohen einzelne Gruppen aus dem Heer, oft Leute von unterworfenen Stämmen, die, wie Chulans Vater mit seinen Leuten, sagten, daß sie lieber ruhig in Wald oder Steppe leben wollten als unruhig in den Reihen Dschingis-Chans. Sie nutzten die Schluchten und Felsenfelder aus, um zu entkom- men. Aber sie entkamen nicht, genausowenig wie Chulans Vater mit seinem Stamm am Tungge-Bach. Keiner entkam. Die Zehnerführer hafteten mit ihrem Kopf für ihre neun Krieger. In meiner Tausendschaft zählte ich zweiundsiebzig, die wieder eingefangen wurden. Wie viele es in anderen Tausendschaften gewesen waren, wußte ich nicht. Unseren zweiundsiebzig Geflohenen banden die Führer der Zehnergruppen die Füße mit Stricken zusammen und hängten sie an die Schweife ihrer Pferde. Zunächst ritten wir langsam, so daß das Schreien der Gequälten langsam mit uns über die Steppe zog. Unter dem Spottgelächter vieler Krieger flehten die Verurteilten um einen schnellen Tod, und der schnelle Tod griff nur zu bei einem schnellen Ritt, aber die Zehnerführer wollten das Schreien, wie der Chan an der Schlucht es gewünscht hatte; denn solange sie das Schreien an einem Strick hinter sich herzogen, floh keiner. Dann kam der Galopp, er kam, wenn die Bewußtlosigkeit einsetzte. Und bald darauf glitten nur noch leere Stricke durch Sand und Steine.

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Auf dem Scheitel des Gebirges versammelte der Cha-Chan sein Heer und stieg auf einen Fels. Dschingis sagte: „Ihr, meine treuen Kriegsführer, jeder dem Monde gleich an der Spitze des Heeres! Ihr Schmucksteine meiner Krone! Ihr, der Erde Mittelpunkt! Ihr, wie Steine Unbeugsame! Und du, mein Heer, das mich wie eine Mauer umgibt und wie ein Schilffeld gereiht ist, hört meine Worte: Lebt einträchtig wie die Finger einer Hand und seid zur Zeit des Überfalls wie ein Falke, der auf seinen Raub stößt; zur Zeit des Spiels und der Erheiterung schwärmt wie die Mücken, und zur Zeit der Schlacht fahrt auf den Feind wie ein Adler auf seine Beute.“ Ssubutai, der Heerführer, antwortete: „Was wir vermögen oder nicht, wird die Zukunft lehren; ob wir es ausführen oder nicht, mag der Schutzgeist des Herrschers wissen!“ Und dann sagte der Cha-Chan wieder: „Dort unten liegt das weite Tal und das weite Land namens Hsi-Hsia. Wir werden es zerschlagen und zertrümmern, weil ich die Städte mit ihren reichen Händlern hasse, und ich bin der erste Cha-Chan, der euch über die Grenze führt, hinein in ein fremdes Land, das wir unterwerfen wollen. Sie haben uns verachtet und auf uns herabgesehen, weil sie in festen Häusern wohnen, und wir ziehen mit unseren Herden von Weide zu Weide. Sie haben die Preise bestimmt, die sie für unsere Felle, unsere Tiere, unser Salz gegeben haben. Nun werden sie jammern und sagen:

‘Warum achtet ihr unsere Grenze nicht?’ Und wir werden antworten, daß auch der Adler die Grenze nicht achtet und wir wie Adler sind. Denkt daran: Es darf nur einen Herrscher auf Erden geben, und ich will es sein, der zum Erschütterer des Erdkreises wird. Meinen Namen sollen sie mit Furcht nennen, gleich, wohin ich euch bringen werde. Und so werden wir eines Tages am Ufer des letzten Meeres stehen und sagen: Was hinter uns liegt, gehört uns, von der aufgehenden bis zur untergehenden Sonne! Vorwärts!“ Trompeten erklangen.

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Pauken dröhnten. Das Gebirge versank im Rauch, und wir stießen in die grüne Ebene. Es war ein eigenartiger Feind, dem wir begegneten. Er hatte nur wenige Reiter, und dann standen wir plötzlich einem Heer gegenüber, das zu Fuß ging. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Die feindlichen Krieger standen wie dichtes Gras beieinander und marschierten uns entgegen, mit Lanzen und Schwertern und Bogen und Streitäxten. In unserem Heer kamen auf einen Krieger vier Ersatzpferde. Mit Gelächter fielen unsere Tausendschaften über die Hsi- Hsia-Kämpfer her, warfen ihre Fangseile, zogen die Schlingen und schleiften sie zu Tode. Die Tanguten flohen nach allen Seiten, und unsere Pferde trampelten sie nieder, Ort für Ort konnten wir ohne große Verluste nehmen. Sosehr wir uns über die zu Fuß gehenden Krieger gewundert hatten, noch mehr wunderten wir uns, als plötzlich nach Tagen, tief im Innern des Landes, eine Festung in den Himmel ragte, gelb, dick und mächtig. Vergoldete Türmchen schillerten im Sonnenlicht, vergoldete Dächer blinkten, auf den breiten Mauern mit Schießscharten liefen buntgekleidete Menschen hin und her, und die breiten eisernen Tore schauten uns stumm an. Die Heerführer drängten darauf, die sonderbare Stadt, hinter deren geheimnisvollen Mauern alles das zu sein schien, was ihnen der Cha-Chan versprochen hatte, sofort zu stürmen. Dschingis aber schwieg. Gleichgültig lag ich bei meinem Braunen im Grase und schaute zu den schlanken Türmen und geschwungenen Dächern hinüber; aus dem Gebälk flatterten Vögel, aus Rohren stieg grauer Rauch, und manchmal schob sich ein Kopf aus einer Öffnung, als wolle einer nachsehen, ob wir noch da seien. Einige Tausendschaften griffen an. Wie winzige Mäuse, die um eine Jurte kriechen, wirkten die

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Krieger an den Mauern. Die Verteidiger schütteten irgendeine heiße Flüssigkeit aus Eimern herab, und danach war es immer still an der Stelle, und die Pferde brachen zusammen, und die Männer krümmten sich wie Würmer im Staub. Am dritten Tag lehnten Unsere lange Leitern an die gelben Mauern, sprangen von den Pferden in die Sprossen, aber noch ehe sie oben angelangt waren, hatten die Tanguten die Leitern mit eisernen Haken hochgezogen und stürzten die Krieger in die Tiefe. So schlugen alle unsere Attacken fehl, und der Cha-Chan befahl, die Stadt auszuhungern. „Mein Heer“, sagte Dschingis, „soll wie ein eiserner Ring um die Festung liegen, mit dem wir die Tanguten erdrosseln wollen!“ Ich zählte die Tage nicht, in denen wir untätig herumlagen, aber ich hörte immer wieder die Hundertschaftsführer sagen:

„Jede Stunde, die ihr in Geduld verbringt, ist für uns eine Stunde näher zum Sieg, für den Feind näher zum Tod!“ Das sagten sie oft, und das sagten sie deshalb, weil viele unter uns murrten; denn wir waren heiße Kämpfe und schnelle Siege gewohnt, doch nicht untätiges Warten vor einem uneinnehmba- ren Hindernis, das trotzig in der Sonne leuchtete. Dschingis-Chans weißes Zelt stand unter einer Eiche. Die Krieger flüsterten, er hätte es bereits vier Tage nicht verlassen. Ich war einer der wenigen, die wußten, was das zu bedeuten hatte, aber ich war lediglich neugierig, worin die List bestehen würde, die er sich diesmal ausdachte. Schon am nächsten Morgen erfuhren wir es. Der Herrscher hatte dem Tanguten-General in der Festung die Botschaft überbringen lassen, daß er bereit wäre, die Belagerung sofort aufzuheben, wenn man ihm zehntausend Schwalben und tausend Katzen aus der Stadt brächte. Unsere Boten berichteten, wie sie von den Tanguten ausgelacht worden seien und wie man ihnen gesagt habe, solche sonderba-

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ren Forderungen könnten nur Nomaden aus der Steppe stellen, die keine festen Häuser bewohnen und nur von rohem Fleische lebten. Und dann hatten die Hsi-Hsia-Leute gesagt: „Ihr habt wohl keine Katzen in euren Ordus? Und Schwalben? Schwal- ben nisten natürlich nicht in Jurten.“ Also brachten die Tanguten am Mittag die tausend Katzen und zehntausend Schwalben in Säcken zur Mauer; denn solch einen Tribut wollten sie gern zahlen, wenn dadurch die bittere Belagerung aufgehoben wurde. Aber sie kannten unseren Cha-Chan nicht. Er ließ den Katzen und Schwalben etwas Baumwolle an die Schwänze binden, und diese Baumwolle hieß er anzünden, und dann rasten die Katzen zurück in die Winkel und Löcher der Stadt, und die Schwalben flogen zurück unters Gebälk in die Nester, aus Furcht, aus wilder Angst und auch aus Gewohnheit, sie flohen und flohen, legten Feuer unter die geschwungenen grünen Dächer, Feuer in die Türmchen mit Kuppeln, und aus den Öffnungen der Häuser, durch die sich vordem Köpfe geschoben hatten, züngelten nun Flammen, überall Flammen. Jetzt stürmten wir die Festung. Die schweren Stadttore zerkrachten. Mauern zerbröckelten und stürzten ein. Glutbündel schossen in den blauen Sommer- himmel. Menschen hetzten brennend durch schmale Gassen; mit erhobenen Händen flehten sie die Götter an, knieten nieder, schrien, weinten, und über ihren Köpfen heulten die Fangseile unserer Krieger, die die lebenden Fackeln hinter ihren Pferden herschleiften. Paläste fielen zusammen, und aus den Trümmern ragten die glühenden goldenen Säulen, um die der Rauch kroch. Wer die Waffen streckte, starb. Wer nicht die Waffen streckte, wurde erschlagen. Wer keine Waffen besaß, erwürgt. Am Leben blieben Handwerker und schöne Frauen. So hatte es der Cha-Chan befohlen, der Erschütterer des Erdkreises, der

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nun in seinem gelben Seidengewand, begleitet von seinem Gefolge, durch Straßen und Gassen ritt, vorbei an Ruinen und Toten, über Asche und Schutt. Er lächelte, rief seinen Kriegern lobende Worte zu, und er lächelte immer wieder, und er sagte immer wieder zu den Kriegern: „Nehmt, was euch gefällt, reißt die goldenen Säulen nieder; denn nach uns werden hier nur noch Eulen und Fledermäuse hausen!“ Ich saß auf den Stufen, die in einen Palast geführt hatten, aber ich saß nicht da wie ein Sieger, sondern wie einer, der weinen wollte, schreien und weinen. Doch ich vermochte weder das eine noch das andere; denn meine Tränen waren versiegt und meine Worte verbrannt. Und der Cha-Chan lachte; und Dschingis lachte auch, als sie aus einem zerfallenen Haus einen alten Mann herbeischleppten und vor den Chan führten, weil der gerade in der Nähe war. „Er hat sich vor dir und deiner Macht versteckt!“ sagten die Krieger. „Er hat Angst“, sagte der Chan vom Pferde herab. „Ich habe es gern, wenn der Feind zittert. Bist du ein Handwerker?“ Der Alte blieb stumm. Er hatte ein erdbraunes Gesicht und sah weise aus, und die Augen hielt er geschlossen, als ertrüge er das grelle Sonnenlicht nicht mehr. „Bist du einer, der Bilder zu malen vermag?“ fragte Dschingis. Der Mann schwieg. Wie aus Stein stand er da; nur der Wind bewegte ein wenig den langen welligen Bart. „Vielleicht ein Gelehrter?“ Der Alte hob bedächtig sein Haupt, öffnete die Augen einen Spalt und sagte mit ruhiger Stimme: „Ich bin kein Handwerker, kein Gelehrter und keiner, der Bilder zu malen versteht. Wäre ich eins von den dreien, wollte ich es unter Euch nie mehr sein!“ Die Wächter zogen die Schwerter. Der Chan hob die Hand und sagte: „Laßt ihn schwätzen.“ Der alte Mann, weder Wächter noch Chan beachtend, fuhr ruhig fort: „Meine Frau habt ihr geschändet, meine fünf Brüder

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erschlagen, meine zwei Schwestern erdrosselt, meine drei Söhne abgeschlachtet. Also will ich…“ „… schon gut, Alter“, unterbrach Dschingis, „wenn die Gemsen und Hirsche zur Strecke gebracht sind und nur ein Hase übriggeblieben ist, warum soll man ihn nicht freilassen!“ „… also will ich“, begann der Mann von neuem, wieder des Chans Worte nicht achtend, „da meine Hände schon welk und kraftlos sind, Euch, die Ihr den Zorn der Götter in unsere Stadt gebracht habt, ins Antlitz spucken.“ Und er spie und spie, und dann brach er zusammen unter den Hieben der Wächter. Der wütende Dschingis ritt mit seinem weißen Roß mehrmals über den Alten, und die Hufe zerstampften das Stück Himmel im Staub; denn der Mann trug einen langen blauen Rock. Wie mein Vater. Wie ich. So saß ich auf den steinernen Stufen, die einst zu einem Palast geführt hatten. Mein Gesicht vergrub ich vor Scham in meinen Händen, und meinen Vater hörte ich die Worte sprechen, die er mir in der Nacht seines Todes gesagt hatte:

„Ich hatte dir aufgegeben, Temudschin den Dolch als Dank zu bringen, aber ich hatte dir nicht geraten, dein Leben in die Hände eines Häuptlingssohnes zu legen, von dem du nicht weißt, wie er es leben wird, wenn er einmal Gewalt über viele hat und sein Ordu gewachsen sein wird.“ Oh, Vater, siehst du mich? Schwur und Herz sind mir zertrümmert worden. Am Abend fiel die Sonne in die Ruinen. Der Himmel blutete. Die Krieger sangen, tranken die scharfen Getränke der Hsi- Hsia-Bewohner, sielten sich trunken auf erbeuteten Teppichen, hielten goldene und silberne Becher in den Fäusten und tanzten auf Goldblechen, die sie von Dächern, Kuppeln und Wänden gerissen und auf die Straßen gelegt hatten. Der Cha-Chan ließ sie gewähren, obgleich in seiner Jassa geschrieben stand: „… sich nicht öfter als dreimal im Monat zu betrinken. Zweimal wäre besser, einmal lobenswert, und überhaupt nicht – aber wo fände man einen solchen Menschen!“ So feierten sie viele Tage

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und Nächte auf dem Feld von Asche, Gestein, Schutt und entseelten Leibern, schwankten grölend durch die zerfallenen Gassen, schlüpften wie Tiere in finstere Höhlen oder stiegen in die ausgebrannten Türme, als wollten sie auch noch den Himmel mit Schwertern und Lanzen unterwerfen. In einer dieser berauschten Nächte floh ich. Mein Vater hatte mich gerufen. Ich jagte mit meinem Braunen über die stille Ebene, führte ein Ersatzpferd mit und einen Riemen voll Glöckchen, die ich einem Pfeilboten abgenommen hatte. Warum sollte ich mich nicht auch einer List bedienen, wo ich ihrer so viele erlebt hatte? Den klingenden Glöckchen eines heiligen Pfeilboten hatten alle aus dem Wege zu gehen. Also sprengte ich das Gebirge hinauf, und als ich es über- querte, hörte ich noch einmal die fürchterlichen Worte des Herrschers, die er von hier oben verkündet hatte: „Der Feind wird jammern und sagen, warum achtet ihr unsere Grenze nicht, und wir werden antworten, daß auch der Adler die Grenze nicht achtet und wir wie Adler sind. Denkt daran: Es darf nur einen Herrscher auf Erden geben, und ich will es sein, der zum Erschütterer des Erdkreises wird. Meinen Namen sollen sie mit Furcht nennen, gleich, wohin ich euch bringen werde. 7 Und so werden wir eines Tages am Ufer des letzten Meeres stehen und sagen: Was hinter uns liegt, gehört uns, von der aufgehenden bis zur untergehenden Sonne!“ Meine hellklingenden Glöckchen vollbrachten Wunder. Ritt ich tags an einem Ordu vorüber, reichten mir die Frauen Krüge mit Milch und Schälchen mit Fleisch, ritt ich nachts an den Wachen eines Lagers in der Steppe vorbei, riefen sie mir zu:

„Die Götter mögen deinem Roß breite Flügel verleihen, heiliger Bote!“

7 Zu diesem Zeitpunkt stand Dschingis -Chan erst am Anfang seiner Eroberungszüge. In den darauffolgenden Jahren verwüstete er mit seinen Reiterheeren alle alten Kulturen in den ihn umgebenden großen Reichen.

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So gelangte ich, ohne aufgehalten worden zu sein, bei mil- dem Mondlicht in Goldblumes Jurte. Sie schlief nicht, obgleich die Sterne schienen. Goldblume sagte: „Ich wußte es, lieber Tschono!“ So hatte ein Herz gefühlt, was das andere schmerzte.

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Drei immergrüne Zedern

Wir brachen sofort auf, und wir schauten uns nicht mehr um, als das Ordu hinter uns zurückblieb. Die Jurte hatten wir am Platz gelassen. Anfangs ritten wir langsam, damit uns keine mißtrauischen Ohren hörten. In dieser Nacht erinnerte ich mich an die vergangenen Jahre. Wie große Steine standen sie am Weg und unterm Mond. Und in den ersten Stein am Weg hätte ich, könnte ich wie Tatatungo schreiben, geritzt: Die Furcht vor der aufgehenden Sonne; in den zweiten: Der eine und der andere Dolch; in den dritten: Zu zweit auf einem Pferd; in den vierten: Der Hinkende Bock; in den fünften: Die vier fremden Reiter; in den sechsten: Der schwarze Zobelpelz; in den siebenten: Die Rache; in den achten: Das Mädchen Goldblume; in den neunten: Die schneeweiße Kuh; in den zehnten: Die zustechenden Schatten; in den elften: Mit Bogen und Schwert; in den zwölften: Die schöne Chulan; in den dreizehnten: Der Hochzeitskrieg; in den vierzehnten: Der Cha-Chan; in den fünfzehnten: Tausend Katzen – zehntausend Schwalben. Aber nun ritt ich auf einen neuen Stein zu, und der war noch ohne Inschrift. In ihn hätte ich gern eine Sonne, einen Mond, eine Flamme, einen Baum und einen Fluß geritzt; denn ich wünschte mir das Glück und die Stille, wie sie mein Vater geliebt hatte, der jedesmal nach den Kriegen zum blauen Kerulon heimgekehrt war, wo ihn Strom und Wald das Schweigen und die Ehrfurcht lehrten. Am Morgen verschwanden Erinnerungen und Steine aus meinen Gedanken, und wir ritten nun schnell und immer schneller, peitschten die Pferde, flogen über die baumlose Steppe mit ihren ausgetrockneten Gräben und kahlen Hügeln.

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Bleichende Knochen im Gras. Erschrockene Raben. Kein Hirt, kein Jäger, und keiner, der uns verfolgte. In der Nacht ritten wir wieder langsamer. Tenggeri saß zusammengesunken im Sattel und schlief. Goldblume fragte nicht, wie weit es zu den nördlichen Wäldern wäre, und es war gut, daß sie nicht fragte; denn auch ich wußte es nicht. Als sich die Sonne aus den feuchten Gräsern erhob, stiegen wir erschöpft von den Pferden und legten uns nieder. Ich träumte von Wäldern und Flüssen, und dann zitterte die Steppe ringsum, erst sanft und immer anschwellend, später so stark, daß ich aus meinem Traum stürzte und plötzlich drei Hirten sah, die mit ihren Schafen an uns vorüberzogen. Sie hatten uns sicher bemerkt, wenngleich sie nicht zu uns sahen oder gar zu uns herankamen. Das Land wurde nun fruchtbarer. Wir wichen den grünen Mulden und Tälern aus, damit wir auf kein Ordu stießen. In der fünften Nacht war der Himmel bedeckt. Kein Stern wies uns den Weg zum Norden. Es war eine schlimme Finsternis, in der wir einsam beieinanderhockten, ohne schlafen oder einen Pfeilschuß weit reiten zu können. In der Ferne schlichen Wölfe winselnd über die Ebene, und Tenggeri saß mit Bogen und aufgelegtem Pfeil neben mir. „Dort, Vater, das Gras, es bewegt sich!“ flüsterte er. Und ich antwortete: „Der Wind, Tenggeri, nur der Wind liebkost die Halme!“ Traurig ließ er den Bogen auf die Knie sinken. Ein Paar glühender Wolfsaugen wären ihm lieber gewesen. Von der Angst, die in Goldblumes und meinen Adern klopfte, sagten wir dem Knaben nichts. So sprachen wir mit ihm, wo wir lieber geschwiegen hätten, und scherzten, obwohl uns die Furcht würgte. „Werden wir uns wieder eine Jurte bauen?“ fragte er. Und Goldblume erwiderte: „Eine viel schönere, Tenggeri,

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und eine viel größere.“ „Am Fluß?“ „Am Fluß, mein Sohn“, antwortete ich, „auf einem kleinen Hügel, wo Birken wachsen, Blumen blühen und die Zedern nicht weit sind.“ Er legte den Bogen hin, als habe er die Wölfe vergessen. „Du liebst die Zedern, Vater?“ „Ja, Tenggeri.“ „Und warum?“ „Weil sie immer grün sind, stolz und schön; und dann, mein Sohn: Zedern sterben nicht, sie wachsen aus Vergangenem ins Künftige, sie leben wie stumme Riesen unter uns, sind Zeugen der Zeiten. Und wenn sie der Wind zerzaust, beginnen sie zu erzählen wie die weißbärtigen alten Männer. Wer ihnen lauscht, wird weise, mein Sohn.“ „Und dort, Vater, wo wir jetzt hinreiten, sind Zedern?“ „Unendlich viel, Tenggeri.“ „Jetzt lieb ich sie auch, Vater.“ „Wer die Wahrheit liebt, liebt auch die Zedern, mein Sohn“, sagte ich. Es begann zu regnen, sacht und leis. Die Pferde schnaubten, stampften, schüttelten sich. Ich schob dem schlafenden Tenggeri die kleine schwarze Zobelmütze ins Gesicht. Manchmal bohrte der Mond ein Loch durch die Wolken und steckte seinen Lichtpfahl in die Steppe. Dann war es wieder finster, und ich vermochte nur noch Goldblumes Gesicht zu erkennen. Wir saßen da, und wir lehnten nicht aneinander, und wir standen oft auf, damit wir nicht einschliefen. Meine Unruhe wuchs. „In dieser Nacht, Goldblume, verlieren wir, was wir in der ersten Nacht gewonnen haben.“ „Müssen nicht aber auch die Verfolger warten, bis der Him- mel wieder ohne Wolken ist, Tschono?“ „Nein“, antwortete ich, „die Steppe ist so groß, daß die

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Wolken nicht ausreichen, um den ganzen Himmel zu bedek- ken!“ Der Morgen dämmerte. Wieder schlugen wir auf die Pferde ein. Meinem weißmäuligen Braunen spritzte das Blut aus dem Maul. Den Zügel hatte ich längst losgelassen, und ich krallte meine Finger in die schwarze Mähne. „Tenggeri! Peitsch ihn!“ rief ich. „Er fliegt, Vater!“ Der Knabe lachte. Ein Bach. Wasser spritzte auf. Steine und Staub und ein paar Salzsträucher. Eine Schar fetter Geier stob auseinander. „Der Wald! Der Wald! Der Wald!“ schrie ich. „Am Himmel!“ sagte Tenggeri. „Am Himmel!“ sagte auch Goldblume. Ja, am Himmel hing der Wald; wehmütig und hoffend schau- ten wir zu ihm auf. Luft und Sonne malten ihn dunkel auf das zarte Blau am Horizont. Es war ein unendlicher Wald, der dort wogte und schwankte. Die Bäume wuchsen aus einem dünnen silbernen Streifen, der zwischen Wald und Steppe lag. Und ich erinnerte mich an die Worte der Alten, die gesagt hatten, der Himmel spiegle nur wider, was die Erde trägt. So jagten wir unter der Sonne dahin, immer den Wald vor Augen, und wir sprengten durch die lange Nacht, und in der Stunde des nächsten Mittags war der Wald wieder da, aber so fern wie gestern. Nein, größer war er nicht geworden. „Drei Zedern, Vater!“ Wir hielten an. Die Bäume standen an einem breiten Bach, und Tenggeri sagte: „Soll ich fischen?“ Des Knaben Antlitz war bedeckt von gelbem Staub. Er sah krank aus, müde, hungrig. Seine Augen waren gerötet. „Fang Fische, Tenggeri!“ Goldblume lächelte müde. Wir hatten lange nichts gegessen. Und die Pferde bluteten, daß es mich schmerzte.

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In einer Mulde am Wasser entzündeten wir ein Feuer. Nach längerer Zeit fing Tenggeri einen Fisch und später noch einen. „Hier bleiben wir nicht!“ sagte der Knabe. „Zedern sind da, aber wenig Fische!“ Und dann setzten wir uns um das Feuer und aßen die Fische. Die untergehende Sonnenscheibe schwebte über dem Step- pengras, und die drei immergrünen Zedern färbten sich rot. Als die Mulde am Bach im Abendschatten dunkelte, schlief Goldblume ein. Der Knabe lag mit seinem Kopf auf ihrer Brust, und im Schlaf wirkten die bleichen Gesichter wie die Köpfe von Toten. Das Feuerchen glimmte noch. Der Bach schwatzte. Die Blumen schlossen ihre Kelche. Ich stieg aus der Mulde, und aus der Sonnenkugel kamen zehn Reiter mit Lanzen und Schwertern und Äxten. Schnell ritten sie näher und näher. Und ich schaute noch einmal zu den drei Zedern auf und gelobte: Zedern sterben nicht, sie wachsen aus Vergangenem ins Künftige, sie leben wie stumme Riesen unter uns, sind Zeugen der Zeit. Und wenn sie der Wind zerzaust, beginnen sie zu erzählen wie die weißbärtigen alten Männer. Wer ihnen lauscht, wird weise! Also ging ich zurück in die Mulde und setzte mich zu meiner Goldblume und zu meinem Tenggeri. Sie schliefen noch immer. Und als die Reiter von den Pferden sprangen, schloß auch ich die Augen.

E N D E

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Quellennachweis

Dieses Buch wurde frei nach den historischen Unterlagen gestaltet. Originalzitate kürzte der Verfasser oder paßte sie seiner Diktion an, ohne ihren Sinn zu verändern.

Folgende Bücher wurden benutzt:

Die geheime Geschichte der Mongolen

(Aus einer mongolischen Niederschrift des Jahres 1240) Übersetzt von Erich Haenisch, 2. Auflage

Leipzig

1948

Tschingis-Chan und sein Reich

(Persische Miniaturen)

Prag

1964

Tschingis-Chan und sein Erbe

von Michael Prawdin

Stuttgart

1938

Sturm im Tuchla-Tal

von Iwan Franko

Berlin

1955

Die sieben Rosse Bahadurs

von Miloslav Fàbera

Prag

1956

Weltgeschichte Band 3

Berlin

1963

Am Hofe des Großkhans

von Marco Polo

Leipzig

1949

Geld und Wirtschaft in China unter der Mongolenherrschaft

von Herbert Franke

Leipzig

1949

Geschichte der Mongolen

von Johann de Plano Carpini

Leipzig

1930

Reise in das Innere Asiens

von Wilhelm von Rubruk

Leipzig

1925

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Kühles Grasland Mongolei

von Walter Bosshard

Berlin

1938

Die Mongolei, Amdo und die tote Stadt Chara-Choto

von P.K. Koslow

Leipzig

1955

Wo man mit Ziegeltee bezahlt

von M.W. Pewzow

Leipzig

1953

Auf unbetretenen Pfaden

von E.M. Mursajew

Leipzig

1956

Die Mongolen in Iran

von B. Spuler

Berlin

1955

13.000 Kilometer durch die Mongolei

von P. Poucha

Leipzig

1960

Außerdem standen dem Autor eine Reihe mongolischer Quellen zur Verfügung; denn er reiste durch das Land, vom blauen Kerulon bis zu den Bergen des Altai, von der Wüste Gobi bis in die nördlichen Wälder.

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