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Ritterspiegel

Ritterlichkeit

„Wir leben in einer großartigen Zeit, umgeben von einer Welt, die gerade lernt, Altes und Neues, Bekanntes und Unbekanntes, Fremdes und Eigenes in Harmonie miteinander zu verbinden.“

Wenn es uns gelingt, der tiefen Zerrüttetheit einer dualistischen Weltsicht zu entfliehen, erlangen wir zunächst schlicht das Bewusstsein. Das Bewusstsein deiner selbst ist dabei erst der Anfang. Bald schon gelangt, wer den geistlichen Weg der Ritterschaft betritt zu einem Bewusstsein der Dinge wie sie wirklich sind. Ritterschaft ist mehr wie eine geistliche Reise und weniger wie ein wertvoller Besitz, den zu verlieren man fürchten müsse. Macht nicht den Fehler, Rittertum mit Heldenmut zu verwechseln. Dies sind zwei Dinge, die zueinander stehen wie Glaube und Leben. Im Alltag jedes Menschen kommt Gutes und Böses zum Vorschein. Licht und Dunkelheit sind die Extreme, und Du musst entscheiden auf welches du dich zu bewegst.

„Junger Ritter lerne, Gott zu lieben und Frauen zu Ehren. Übe Ritterschaft und lerne Kunst, die dich zieret und in Kriegen sehr hoffieret.“ (Döbringer)

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Ritterschaft ist nicht das Ziel, sondern der Weg zum Ziel. Nicht die Abenteuer und Gefahren die unterwegs auf dich lauern, sondern die Art wie du mit ihnen umgegangen bist, werden darüber entscheiden ob man sich eines Tages an dich – als lobendes Beispiel einer dem Gemeinwohl dienenden ritterlichen Verfasstheit - erinnert, oder du auf ewig vergessen sein wirst. Das oberste Ziel eines Ritters besteht nicht darin zu kämpfen, oder sich eine gute Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen. Es besteht vielmehr, in der Überwindung des Bösen, mithin allen Unrechts, aller Schlechtigkeit und allen Leids. Licht und Finsternis, sind wie zwei Reiche, die in einem ständigen Kampf um das Leben der Menschen stehen. Wenn gute Menschen schweigen, wird das Böse siegen. Der große geistige Kampf unserer Tage, ist ein zähes Ringen um die Herzen der Menschen. Viele Menschen glauben, das Schwert sei dazu erfunden worden um andere Menschen zu töten. Dies ist jedoch nicht der wahre Zweck des Schwertes. Das Schwert ist nicht dazu da um Menschen zu töten, sondern vielmehr dazu, das Böse als solches zu überwinden, zu bekämpfen und zu besiegen, wo immer wir seiner habhaft werden. Darum ist das beste Schwert jenes, das du nicht ziehen musst, um

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den Sieg zu erlangen. Als erste große Erkenntnis gilt, das Bewusstsein über die geistige und materielle Beschaffenheit des Seins. Nichts ist völlig Materiell. Kein Geschöpf ist allein geistiger Natur. Darum geht etwas, wie ein gewaltiger Riss durch das Herz des Menschen. Dieser Riss begründet unsere Wahrnehmung von gut und böse und den aus dieser Wahrnehmung abgeleiteten Kategorien von moralisch gut und moralisch verwerflich.

Eine solche zweigliedrig strukturierte Wahrnehmung der Wirklichkeit, bezeichnen wir als dualistisches System oder als Dualismus. Im Dualismus allein, wirst du den großen Riss in deinem Herzen nicht Kitten und die aus ihm erwachsenden Sehnsüchte und Begierden nicht stillen können. In einem völlig auf die Einheit aller Dinge ausgerichteten Weltbild, - das Einige dem Dualismus entgegenzusetzen gedenken - verstehst du indessen das wahre Dasein der Wirklichkeit nicht, weil du das Bewusstsein für ihre wahren Natur verloren hast. Es geht in der hohen Kunst der ritterlichen Mystik – oder allgemein gesprochen: des Rittertums - nicht um die Frage wie du den Dualismus überwindest. Es geht darum zu erkennen, wie man trotz des real existenten Dualismus in dieser Welt

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so leben kann, als wäre er bereits überwunden, als wäre die Schlacht für das Gute endgültig und ein für allemal – und an all ihren einzelnen Schauplätzen - bereits entschieden.

Wichtig ist, zu bedenken, dass jede Betätigung auf der materiellen Ebene, eine geistige Auswirkung zeitigt, ebenso wie eine Aktivität auf der geistigen Ebene, eine materielle Auswirkung nach sich ziehen wird. Denn Geist und Welt, sind einander eben gerade nicht entgegengesetzt. Vielmehr durchdringen sie einander, und gehen teilweise ineinander auf. Deshalb formen deine Gedanken die Realität, bestimmen dein Handeln und beeinflussen das Umfeld in dem du lebst. Wenn unsere Gedanken eine solch immense Kraft, und eine enorme Bedeutung für unser Leben haben, wie wollten wir unsere Zeit damit verschwenden, schlechten und negativen Gedanken nachzuhängen? Vielmehr wird es weise und angezeigt sein, die Welt – unsere Welt – durch positive und gute Gedanken zum besseren zu verändern.

„Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt.“ (Jesus)

„Waffen

Gegenstände. Der Weg des Himmels

unheilbringende

sind

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hasst sie. Sie zu benutzen, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt, ist das der Weg des Himmels?“ (nach Laotse)

Es gibt eine Offenbarung des Himmels in jeder Kultur und in jedem Glaubenssystem. Ihre größte Verdichtung, findest du nicht in einer Religion, sei sie nun christlich oder fremdlich. Die größte Offenbarung des Königreichs der Himmel, die jemals stattgefunden hat, begegnet dir in der Person eines zu seinen Lebzeiten zunächst weitgehend unbekannten Wanderpredigers aus Galiläa: Jesus Christus. Seine Person, seine Lehre, und seine Taten strahlen indessen seit Jahrtausenden in einem göttlichen Licht, sodass dich alleine der Gedanke an ihn bereits transformiert. Dies ist eine edle Wahrheit, die jeder Ritter verinnerlichen muss, will er über das spirituelle Dasein eines geistigen Knappen hinauskommen. Dennoch soll jeder wahre Ritter sich seine geistliche Offenheit für jede Form der Regung dessen, was von Gott in jedem Menschen und in jeder Religion zum Vorschein kommt bewahren. Achte niemals gering, was anderen heilig ist. Denn keine größeren Verbrechen wurden jemals begangen, als zu Zeiten in denen das Heilige des Einen zum

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Spott des Anderen wurde. Deshalb halte ich beispielsweise nichts vom unreflektierten Kampfatheismus unserer Tage, bin aber dennoch bereit mir die Worte seiner Vertreter anzuhören, um die in ihnen enthaltene Wahrheit zu gegenwärtigen. Dies ist der goldene Weg, wie du mit jeder geistigen Bewegung die dir begegnet angstfrei, hassfrei und gerecht umgehen kannst:

Indem du mit dem Menschen redest und nicht mit dem Glaubenssystem, das aus ihm spricht. Menschen sind mehr als geistige Systeme, aber indem du ein System verachtest, verachtest du alle Wahrheit in ihm. Verachtest du die Wahrheit in ihren Kindern, dann verachtest du die Wahrheit selbst. Ein echtes, authentisches Leben, wäre so unmöglich. Alles was bliebe, wäre nichts als ein schaler Nachgeschmack und bitterer Abklatsch dessen, wozu du wirklich fähig bist. Echtes Leben braucht echte Wahrheit. Und echte, das heißt mithin ja eigene, wirkliche, ungeheuchelte, und eigenständige Erkenntnis derselben.

„Der Ich-kann-nicht begegnete eines Tages Lehrmeister Je. Da fragte der Meister woran man wahre Meisterschaft im Allgemeinen zu erkennen vermöge. Der Ich-kann-nicht antwortete ihm, man müsse nur darauf hören was die

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Leute gerade sagten, denn die öffentliche Meinung sei ein guter Gradmesser für die Wirklichkeit. Der Meister dankte höflich und ging weiter. Als er gefragt wurde, ob die ihm gegebene Antwort der Wahrheit entspräche sagte der Meister: Je: Wenn Esel Pferden das Laufen beibringen, so kann man sich getrost auf die allgemeine Meinung verlassen. Wenn Pferde aber ohnehin bereits laufen können, und Esel nicht sonderlich gesprächig sind, solltest du dich stets selbst darum bemühen zu erkennen, was wirklich ist und was nicht.“

Grundsätzlich geht es nicht darum, was du weißt oder welches Zertifikat du erlangst, welche Ausbildung du abgeschlossen – oder nicht abgeschlossen - hast. Es geht darum was du tust und ob das Leben in dir von einer sich regenden, sich lebendig anfühlenden Art ist. Pulsierendes Leben ist gut und bringt Veränderung hervor. Veränderung ist ein Zeichen von Wachstum, unabhängig von dem Werturteil, das andere ihr beimessen. Richte dich in deiner Lebensgestaltung also nicht in erster Linie nach dem, was die Leute sagen, sondern was du selbst (zu) dir sagst. Es ist ein bedenkliches Leiden unserer Zeit, dass wir uns in vielen Bereichen davon abhängig

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gemacht haben, was die Zettelchen und Texte sagen, die irgendwelche vermeintlichen Autoritäten ausgestellt haben – mitunter anstatt auf die uns allen innewohnende Stimme der Vernunft und der Wahrheit zu hören, ja ohne an dieselbe auch nur zu denken. Ich will euch dies am Beispiel des in meinen Augen unsinnigsten Dokuments aller Zeiten verdeutlichen: der Geburtsurkunde. Ob du geboren wurdest oder nicht, darüber entscheidet doch kein Zertifikat, kein Zettel und auch kein souveräner Akt, staatlicher Entscheidungskraft! Glaubt dir jemand nicht, dass du geboren wurdest, obwohl du vor ihm stehst, wie sinnlos wäre es da Zeit damit zu verbringen diesen Menschen vom offensichtlichen Gegenteil zu überzeugen oder mit ihm über strukturelle Unsinnigkeiten von Zertifizierungen und öffentlichen Bescheinigungen zu diskutieren. In so einer frei ersonnenen Situation, wäre es wohl angemessen höflich zu bleiben, inne zu halten und für diesen verkehrten Menschen zu beten – oder ihn einfach mit guten Gedanken über ihn zu segnen. Wer nicht glaubt, dass du bist obwohl du offensichtlich bist, würde ja wohl auch nicht glauben dass du nicht bist wenn du nicht wärest. Es sei denn du hättest ein Zertifikat dafür! Ein solcher Mensch hätte zweifelsohne

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viel Gebet nötig. Das Grundproblem aber ist dies: Die Leute sagen „Dies und Das ist so“, weil der Staat – oder eine übergeordnete Autorität - den Wahrheitsgehalt dieses Dies und jenes Das behauptet. Gedenken wir dabei aber: In der staatlichen, irdischen Herrschaft geht es in erster Linie um Macht. Entweder der Macht Einzelner, oder – in entwickelteren Gesellschaften – um den Machterhalt politischer Systeme. Demgegenüber geht es im Glauben und in der Ritterschaft als geistlichem Weg gerade nicht um Macht, sondern um Ohnmacht. Nicht der ist ein geistlicher Lehrer, der über andere herrscht, sondern jener ist wert ein Meister genannt zu werden, der die Größe besitzt sein Selbst völlig uneigennützig abzulegen um anderen zu dienen. Wem also solltest du eher glauben: dem der über dich herrschen will, oder dem, der dir dienen will? Nützlich ist es gewiss, auf Zweiteren zu hören ohne das eigene Denken außer Kraft zu setzen oder die eigene Moral gering zu schätzen.

„Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten, und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So aber, soll es nicht sein unter euch. Sondern wer unter euch groß werden möchte, der

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soll

20,25-26)

zum

Diener

aller

werden.“

(Mt.

Der Weg der Ritterschaft ist kein Weg der einen wie auch immer gearteten Herrschaftsanspruch über andere legitimieren würde, sondern ein Weg der seine Ehre im Dienst an seinen Mitmenschen erweist. Die Geschichte des Rittertums zeigt, wie wichtig es sein kann dieses Faktum zu bedenken. Denn gerade im spätmittelalterlichen Dasein der Ritterschaft als erster Stufe des Adels, ging das Bewusstsein für die eigentlichen Werte und Tugenden des Rittertums weitgehend verloren. In den frühen Tagen der Ritterschaft, konnte jeder freie Mann, der sich Kraft seines Geschicks, seines Lebenswandels und seiner Tapferkeit im Kampf auszeichnete, das Recht erwerben, ein Ritter genannt zu werden. Rittertum war damals eher ein von heren Idealen und hartem Alltag geprägter, fortwährender Lebenswandel denn eine Art Titel oder Stand.

Gewiss, mögen vielleicht manche einwenden: ich möchte doch sowieso nicht über andere herrschen. Jede Wurzel des Egoismus, ist aber an sich bereits eine Form des herrschen Wollens über andere. Wann immer du also deine Interessen gegenüber den

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Interessen deines Mitmenschen durchsetzen möchtest, willst du in dem Sinne über ihn herrschen, dass er der Befriedigung deines inneren Verlangens nach Glück dienen soll. So machst du unbewusst jeden Menschen zu deinem Knecht, während du dich selbst in dir zum König über dein – und sein - Leben erhebst. Da dies ein geistiger Mechanismus in jedem Menschen ist, gleicht das Leben allzu oft einem Kriegszustand, in dem ein Reich gegen ein anderes Reich kämpft. Das „Ich- Reich“ in dir, begehrt so stets gegen die „Ich-Reiche“ in den Anderen auf.

So bilden sich im Leben mitunter auch Freundschaften und – oder - geistige Weggemeinschaften, die wohl eher großen diplomatischen Allianzen und politischen Bündnissen gleichen, denn einem echten Interesse am Wohlergehen des Mitmenschen entspringen würden. Die alles beherrschende Größe in solchen Beziehungen bleibt indessen alleine der selbstsüchtige Egoismus und so kommt es, wie es kommen muss – dass die Beziehungen auf lange Sicht gesehen Schaden nehmen, sowie das „Ich-Reich“ seine Interessen gefährdet oder einfach nur nicht erfüllt sieht. Dann bricht König Ego einfach wieder einen neuen Krieg mit den konkurrierenden „Ich-Reichen“ vom

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Zaun, um das Leben des Anderen erneut unter die eigenen selbstsüchtigen und bisweilen gar kurzsichtigen Interessen zu unterwerfen. Bedenken wir dabei wiederrum folgendes : Wer ist ein guter König, oder moderner gesprochen ein fähiger Staatsmann? Der, der dem Wohle des Volkes dient – oder der, der seinem eigenen Bauch, seinen eigenen Selbstsüchtigen Interessen dient?

„Unser Kampf, ist nicht gegen Mächte aus Fleisch und Blut, sondern gegen die geistigen Mächte dieser weltbeherrschenden Finsternis.“ (nach Paulus)

Wir durchleben eine lichte Zeit in einer finsteren Welt. Das Leben in dir, ist ewiges Licht - auch in deinen dunklen Stunden. Es gibt Probleme. Es gibt gewiss auch Schwierigkeiten. Aber es gibt auch Lösungen und Dinge, die dir wie von selbst von der Hand gehen. Wenn wir das Leben nüchtern betrachten, stellen wir fest, dass die Dinge nun einmal so sind und das ganze Leben einem ständigen Auf und Ab unterworfen zu sein scheint. Das Leben ist das Meer, und wir sind die Schiffe, die auf ihm kreuzen. Die Wahrheit bildet dabei Leuchttürme, die vor Untiefen warnen und den Weg in

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den sicheren Hafen aufzeigen. Das Leben eines Ritters, besteht, wie wir meinen, nicht in erster Linie im Kampf, sondern vor allem auch in dem nach dem Kampf folgenden Sieg – sei er nun faktischer oder moralischer Natur. So mag ein Ritter zwar in einer Schlacht unterliegen, und falls er sein Leben behält doch um die Ehre des faktischen Sieges gekommen sein, aber doch aufgrund seines Edelmuts und seines wackeren Eintretens für eine gerechte Sache der moralische Sieger bleiben. Und immerhin wäre ein solcher Sieg nicht gänzlich ungeehrt, zumal der Streiter so doch immerhin die Herzen der dem Kampf beiwohnenden Zuseher gewonnen hätte.

Der große Sieg um den es in der Ritterschaft geht, ist dabei immer auch der Sieg über sich selbst – über die eigenen Begierden, die eigenen allzu leidenschaftlichen Interessen, den Willen unbedingt zu gewinnen und die persönlichen Schattenseiten. Wer kennt das große Dilemma des menschlichen Lebens nicht? Obwohl der Mensch das Gute will, macht er doch immer wieder Fehler und bringt als Ergebnis einer oftmals guten Absicht gerade das Gegenteil dessen heraus, was ursprünglich intendiert wurde. Dies geht soweit, daß sogar große Heilige

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fassungslos anerkennen mussten: Zwei Herzen schlagen in des Menschen Brust. Eines zum Guten, und eines – zum Bösen. Licht und Finsternis scheinen im menschlichen Herzen zusammen zu kommen. Kein Mensch ist vollkommen gerecht. Keiner unfehlbar. Und ebenso ist kein Mensch gänzlich verwerflich, oder gänzlich ungerecht. Es kommt also allein darauf an, den Mut zu besitzen sich, sich selbst zu stellen. Sich selbst in die Augen zu sehen, und zu erkennen, in wessen Antlitz man dabei wirklich schaut. Wie ist es um das eigene Herz bestellt? Wie um das der anderen?

Bei alledem gilt der Grundsatz; Durch das Licht der Liebe Gottes in dir, überwindest du jeden Gegner und vertreibst alle Finsternis, wie wir am Beispiel einer Kerze erkennen können.

Eine Kerze ist an sich ein unscheinbares und unbedeutendes Ding. Und dennoch birgt sie eine große Macht. Die Kerze ist, wie jedermann leicht ersichtlich, ein Trägermedium des Lichts. Wird sie entzündet, so mag es im Raum noch so dunkel sein – das Licht, das sie trägt besiegt die Finsternis vollständig. Zündest du eine Kerze an, so verschwindet das Dunkel um den Raum der Kerze, weil das Licht

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da ist. Geht die Kerze aus, ist das Dunkel wieder da, weil das Licht verschwunden ist. Dies ist das Mysterion von Sein und Nicht-Sein. Bedenke, dass das Eine immer schon im Anderen enthalten ist. Auf das menschliche Leben bezogen bedeutet dies, dass die Wurzel dessen was du bist, in anderen Menschen entspringt, gleichwie die Wurzel dessen was Andere sein können in deinem eigenen Herzen verborgen liegt. Was Andere in dein Leben hineinlegen – und seien es nur unscheinbare Gedanken oder Ideen -, wird Auswirkungen auf dich haben. Und was du an Gedanken, Träumen, Visionen in das Leben deiner Mitmenschen legst, wird ebensolche Auswirkungen auch auf deren Leben haben. Deshalb ist es gut, selbst so wie die Kerze zu sein. Licht spendet Leben und gibt Freude. Finsternis verhüllt die Gefahr. Gedenke: Es gibt Zeiten in denen du leuchten musst, und Zeiten in denen du nicht-leuchten musst. Dies ist das Mysterion des menschlichen Lebens.

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Wandlung

Veränderung

Transformation

„Veränderung ist ein Kennzeichen von Leben. Still steht nur der Tod“

Wie einfach wäre alles, wenn alles immer gleich bliebe! Dann wäre Nicht- Handeln wahres Nicht-Handeln, weil nichts zu tun übrig wäre, und nichts nicht schon getan wurde. Wäre aber nichts nicht schon getan worden, wäre es gerade dann nicht notwendig im Nichts nicht schon alles zu tun, nur um etwas zu sein? Liegt also das Ziel der Nicht-Welt im Nicht-Nichts, folglich im Alles oder wenigstens im Etwas? Wie oft begegnen uns Menschen, die am Liebsten keinerlei Veränderung in ihrem Leben sehen würden, nur um der vermeintlichen Sicherheit des Augenblickes wegen. „Sicher ist nur der Tod“ heisst es dann oft. Menschen werden geboren, Menschen leben und Menschen sterben. Nicht der Tod oder die Niederlage an sich ist das Schreckliche, sondern aus Angst davor kein unbeschwertes Leben führen zu können, das ist die wahre Tragödie. Indessen heisst es dazu in der Schrift:

“Siehe ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden (…)“ (Kor.15,51)

Wenn

aufgelöst

nun

die

werden

Schrift,

kann,

die

nicht

so

uns

hier

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große und herrliche Dinge verheisst, wie wollen wir da zweifeln und sagen der Tod sei die einzige Konstante des Lebens und alles sei ihm unterworfen? Wie wir sehen, werden wir eben nicht alle sterben, indessen aber alle verwandelt werden am Tag an dem die letzte Posaune erklingt und der Herr uns in sein neues, heiliges Jerusalem einziehen lässt. Ungewiss ist freilich, ob wir nun bei denen sind die entschlafen, oder bei denen die verwandelt werden, aber ich sage dir: Nichts ist unsicherer als der eigene Tod! Blick auf die jahrtausende währende Ewigkeit die schon vergangen ist, und die grenzenlose Unendlichkeit die noch vor uns liegt: Was macht es da ob wir nun heute, morgen oder erst in vielen Jahren sterben? Und wenn nicht einmal sicher ist, ob wir überhaupt sterben – oder einfach nur transformiert werden – wozu sich da mit Grübeleien über dies und das und wann welches Ereignis eintreten könnte, belasten? Oder warum unglücklich werden, nur weil ein gewisses Ereignis, dessen Präsenz wir uns mehr als alles andere wünschen eben gerade nicht gegenwärtig ist? Die Schrift sagt weiters, bei Gott sind tausend Jahre wie ein Tag und ein Tag wie tausend Jahre. Willst du also, dass dir nichts nah oder fern ist – meint Eckehardt – so halte dich nur getrost zu

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Gott, in dem die Fülle aller Dinge leibhaftig wohnt. Wie einfach und wie schwer ist dieses Mysterion! Wie oft lassen wir unseren Geist von äußeren Gegebenheiten fortragen. Wie oft werden wir müde, und die Abhängigkeit von äußeren Umständen lässt uns das Herz schwer werden? Wie oft vermissen wir die Anwesenheit einer geliebten Person – oder das Geliebtwerden durch sie? Eckehardt meint dazu: „Die Quelle allen Leids, sind Liebe und Leidenschaft“. Und wie wahr sind die Worte des Meisters! Denn indem du Zuneigung und Liebe zu einer bestimmten Person oder einer bestimmten Sache, vielleicht auch einer Situation empfindest – siehe wie sehr vermisst du sie wenn sie nicht gegenwärtig oder nicht anwesend ist? Niemand vermisst was er nicht mag oder verachtet, aber jeder vermisst was oder wen er gern hat. Gleichzeitig gilt:

Welch besseres Heilmittel für alles Leid kann es geben – als eben Liebe und Leidenschaft?

„Denn der HERR, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifernder Gott.“ (5.Mose 4,24)

Die alten Meister lehrten, dass der Himmel von Feuer umgeben ist. Gerade so ein Mensch soll ein wahrer Ritter

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sein, dass er dort mutig voranschreitet und gerade da Land einnimmt, wo andere furchtsam zurückweichen. Nicht umsonst predigte Mose vor dem Volk von Israel als sie aufbrachen um das Land, das der Herr ihnen zum Erbteil verheissen hatte einzunehmen, davon, dass der Herr unser Gott ein verzehrendes Feuer und ein eifernder Gott ist. 40 Jahre musste Israel durch die Wüste wandern, weil sie es nicht gewagt hatten das Land im Vertrauen auf den Herrn einzunehmen, als sich die erste Gelegenheit dazu bot. Darum lerne aus dem Beispiel der Geschichte:

Ist ein Entschluss einmal gefasst, tritt mutig daran diesen auch umzusetzen. Sei kein Zögerer und kein Zauderer, fürchte weder die Pforten der Hölle noch den eisigen Hauch des Todes im Rücken. Willst du die Mysterien der Ritterschaft ergründen, so wisse und verinnerliche die edlen Wahrheiten von Tapferkeit, unbezwingbarem Mut und unendlicher Kühnheit. Wenige, schlecht ausgerüstete Männer konnten immer schon viel erreichen, wenn nur der Mut in ihren Herzen einem unauslöschlichen Feuer glich, das zu bezwingen dem Gegner unmöglich war. Und schwand der Mut der wenigen auch dahin, so gelang vielen von ihnen was von allen für unmöglich gehalten wurde, wenn sie sich nur an ihren Entschluss

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klammerten und Entmutigung und Furcht zum trotz das Unwagbare wagten, den unpassierbar scheinenden Weg beschritten und dem Leben allen Widernissen zum Trotz den Sieg abgerungen haben. Habt ihr nie gelesen von Hanniball, der die Weltmacht Rom bezwang indem er die unpassierbaren Gipfel der Alpen überwand? Oder von David der in jungen Jahren und klein von Wuchs Goliath mit nichts anderem als einer einfachen Steinschleuder niederrang – und so seinem ganzen Volk den Sieg schenkte? Was will ich künden von Gideon, der allein das Schwert des Herrn als unsichtbaren Gefährten an seiner Seite hatte und gerade deshalb so Großes erwirkte.? Der mutvoll seinen Mut verlor, aber im festen Vertrauen auf die göttliche Gnade und eingedenk der Herrlichkeit des HERRN im Glauben und im Kampf erstarkte. Dessen Mut sich ebenso kraftvoll erneuerte und der es wagte tausende seiner Gefährten und Kriegsleute zurückzulassen und mit Wenigen – mit diesen glücklichen Wenigen – seinem ganzen Volk Frieden schenkte für 4 Dekaden, das sind 40 Jahre.

Der Herr dein Gott ist ein verzehrendes Feuer – was für ein herrliches Evangelium. Dies wisse, wer den Weg wahrer Ritterschaft beschreiten will: das

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Herz eines Ritters, ist wie kostbares Gold, das im Feuer geläutert wurde. Nach Luther gehören diese 3 Elemente zum wahren Studium aller Theologie – und mithin auch zum Erleben jeder ritterlichen Mystik - hinzu: Oratio (Gebet), Meditatio (geistige, reflektierte Arbeit) und Tentatio (Anfechtung). Diesen drei Elementen gemein, ist ihr eines, feuriges Wesen. Durch Oratio – das Gebet sammelst du deinen Geist im Herrn deinem Gott, und lernst so gleichwohl angesichts des Höllenfeuers ruhig und in stiller Anbetung versunken vor den Toren des Himmels zu verweilen. So wird es dir, wenn du in das Feuer der Anfechtung, die großen Probleme des Lebens – die Tentatio - kommst, gehen wie Schadrach, Meschach und Abed-Nego im Feuerofen. Obschon das Feuer um sie wütete und ein feindlicher König ihren Tod wollte, so wandelten diese Männer Gottes unbeschadet in eben diesem schrecklichen Inferno umher. Und die Flammen, so sehr sie auch geschürt wurden, konnten sie nicht verletzen noch versengen, weil Gott mit ihnen war. Die Meditatio schließlich, die reflektierte, geistige Arbeit, wird deinen Geist schulen und dich Ruhe finden lassen selbst in einfachen, alltäglichen und somit – wie man sagen

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– unaußergewöhnlichen Dingen.

muss

doch

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gänzlich

Erkenntnis

Erlerne die Wege vieler Tätigkeiten und Berufe, wie Musashi, einer der heidnischen Schwertmeister lehrte, denn dies gehört zum einen wahren Weg des Schwertes notwendigerweise hinzu. Willst du die Meisterschaft erlangen, so ist gänzlich unbedeutend und nebensächlich wie und wodurch du sie erlangst. Mag sein, dass einer geboren wird, und er hat durch göttliche Gnade Kenntnis von allen Dingen und sieht nicht nur das Unwesentliche, sondern das Wesentliche aller Dinge und vermag es allen Dingen kraft seiner natürlichen Vernunft auf den Grund zu gehen. Mag sein, dass ein anderer sein ganzes Leben lang die großen Klassiker von Mystik und Weisheihtsliteratur studiert und doch am Ende seines Lebens nicht halb so viel erkennt, wie Ersterer. Mag sein, dass einer die Meisterschaft erlangt indem er tagein tagaus einen Besen schwingt oder am Ufer eines Flusses dem Spiel des Wassers folgt. Was zählt ist dieses: Dass die Vorsehung letzlich in allen ihren Kindern zur Vollendung kommt. Darum: Ob du auch täglich die Techniken mit dem Schwerte übst, oder Verse zur Erbauung schmiedest, oder auch einfach deinen alltäglichen Geschäften und Verrichtungen nachgehst: Tue alles so, dass du in

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diesem Tun dein Alles findest. Sieh alle Dinge an, als hinge das Wohlergehen der ganzen Welt an ihnen. Erst dann ist dein Tun wahres Tun und dein Streben wahres Streben und eine Nichtverstrickung in die innerweltlichen Gegebenheiten und Abläufe. Es gibt nichts Großes, das du nicht im Kleinsten finden könntest und nichts Kleines, dass dir nicht im Größten und Höchsten wieder begegnete. Gott selbst offenbarte sich in verzehrendem Feuer, gleich wie in einem unscheinbaren, leisen Säuseln. In Wolkensäulen und Feuersäulen, im Engel des HERRN ebenso wie in der Anwesenheit eines stillen, unmerklichen Friedens. Sieh das von Gott in allen Dingen. Wie wollte uns da auch nur irgendetwas nichtig oder unbedeutend erscheinen? ER dessen Thron in unzugänglichem Lichte steht, will dir doch auch an diesem Tag und in diesem deinem Leid oder dieser deiner Freude begegnen und nahe sein. Wenn du diese Wahrheit in dir gegenwärtigst, wird selbst der größte Kampf und das hitzigste Gefecht zu einem stillschweigenden Akt der Demut und des Gebets, dem du in heiterer Gelassenheit begegnen kannst.

Von den Rittern des Templerordens wird gesagt, sie durften erst Angesichts einer dreifachen Übermacht – und wenn kein

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Unschuldiger in Gefahr war – den Rückzug antreten. Eben dies ist das Mysterion vom beherzten Rückzug von einem Kampf, wenn die Situation für den Moment ausweglos scheint. Es ist keine Schande sich zurückzuziehen, zu erholen und neue Kräfte zu sammeln, wenn die Situation es erfordert. Munenori meint dazu, dass es keinen großen Unterschied macht, ob du gegen einen oder gegen tausend Männer kämpfst. Wenn du einen besiegen kannst, dann gewiss auch einen zweiten oder einen dritten und so weiter. Wenn du also gegen 4 Männer ebenso gewinnen und kämpfen kannst, wie gegen einen, so auch gegen tausend. Kannst du aber tausend Männer nicht bezwingen, wozu sich dann noch mit Einem abmühen, wo doch am Ende alles kämpfen und mühen sinnlos wird? Darum meint Sun-Tsu: Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft. Und Munenori sagt weiters: Der erste Schlag ist ein sicherer Weg den Kampf zu verlieren. Unser HERR lehrt uns im Evangelium: Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. Gemeint ist: Wer seine Probleme mit Gewalt lösen zu können meint, der wird dem Geist der Gewalt erliegen, von ihm fortgerissen werden, in große Schwierigkeiten kommen und am Ende nicht viel mehr sein als ein lebender Toter oder ein toter

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Lebender, ebenso wie ein Mann, der von heftigen Gefühlswallungen im Kampf bewegt wird, und sich diesen ungestüm hingibt in ernste Schwierigkeiten geraten kann. Das Wesen wahrer Ritterschaft liegt nicht im Kämpfen oder Siegen, - schon gar nicht im unbedingt Kämpfen oder siegen wollen - sondern in einem Geist der heiteren Gelassenheit oder einem Nichtanhaften des Geistes, wie man auch sagen könnte. Wenn du in deinem Leben auch

oft mit Dingen konfrontiert bist, die dir persönliches Leid zu verursachen scheinen, so sei getrost und nimm die Dinge so an, als hättest du sie ohnehin immer schon so haben wollen. Denn dadurch verlieren die schändlichen

Problemgeister

Schmerzverursacher in ihnen ihre Macht über dich. Eckehardt meint dazu, dass der edle Mensch – und was anderes denn der edle Mensch will der Ritter sein – mit allen Dingen so umgehen kann, dass er weiß, dass diese Dinge ihm eben zum Besten für ihn möglichen gereichen. „Denen die Gott lieben, werden alle Dinge zum Guten mitwirken, denen die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ (Röm. 8,28) sagt der Apostel. Manch einer fragt, wenn er diese Zeilen liest, ängstlich:

und

Aber bin auch ich bei den Berufenen? Gilt auch mir diese Verheißung des

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Evangeliums? Ja mein Freund – ich sage dir, nur wer den großen Geist des Lebens, das von Gott in allen Dingen liebt wird wahrhaft den Weg des Rittertums beschreiten können. Wisse dies – dass alle Dinge die du siehst und die du nicht siehst – erschaffen wurden weil Gott sie berief da zu sein und eben so zu sein wie sie sind. Würde Gott dich nicht berufen haben, sie gewiss, du könntest keine Sekunde daran zweifeln ob Gott dich berufen habe oder nicht, weil du nicht wärst und nicht sein wolltest. Aber ob er dich auch dazu berufen hat ihn zu lieben, magst du einwenden, sei doch eine andere Frage. Und eben so ist es. Darum wenn du Gott liebst, sei gewiss dass dir als edlem Menschen die volle Gnade und Barmherzigkeit Gottes gilt. Und liebst du ihn nicht, wie wolltest du verkehrter Mensch dies Büchlein lesen oder auch nur ein Wort dessen was hier geschrieben ist verstehen? Denn die Liebe zu Wahrheit und Erkenntnis, gleichen der liebenden Suche nach dem Worte Gottes, das doch die völlige Wahrheit ist. Sei eingedenk des Faktums, dass der Mensch in eben zweifacher Natur ins Dasein tritt. Zum einen dem, was die Schrift den alten Menschen nennt. Dies ist der vollkommen verkehrte alte Mensch, der durch Sünde und Bösartigkeit verderbt

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ist, ein schaler Abklatsch dessen wozu du als Ebenbild Gottes eben berufen bist. Und das zweite ist, der edle Mensch – oder wie die Schrift sagt: der neue Mensch. Wir nennen dies die himmlische Natur oder das Christusbewusstsein. Als Ritter sei dir dessen stets bewusst, dass du ein neuer Mensch in altem Kleide bist, gewappnet und bereit, ebenso umfehdet wie umstritten. Jage dem Ziel nach, wie einer, der am Ende eines Laufes den Siegeskranz erhalten will! Sei nüchtern, rein und untadelig in geistigen Dingen, allezeit so lebend das du jederzeit jedermann Rechenschaft geben kannst über den festen Grund deiner Hoffnung und Überzeugung, für die du allezeit einzutreten bereit bist, in treuer Widergabe der alten Überlieferungen in denen du unterwiesen wurdest, bereit die Wahrheit selbst, gegen all ihre Widersacher zu verteidigen. Eben darum vernachlässige deine Bildung, und dein Wissen über die mystische Gesamtwirksamkeiten, die Gnadengaben des Geistes, die heiligen und sakralen Dinge, wie die grundlegenden Zusammenhänge in innerweltlichen Angelegenheiten nicht. Prüfe dich selbst, ob du ein Mensch von weitem oder beschränktem Horizont bist und unternimm die nötigen Schritte hin zum heren Ziel, ein Mensch offenen

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Herzens und überfliessenden Geistes zu werden.

Wer bist du und wer ist Gott? Wie wollen wir diese Fragen angemessen beantworten? Sieh dich als den Fluss und Gott als die Quelle. Du bist wie das kleine Hölzchen und Gott ist wie der Strom, der dich hinführt wo es gerade gut für dich ist, und wo du eine wesentliche Erkenntnis für dein Leben und deine Entwicklung machen kannst. Gott ist aber auch, wie der See in den du als Fluss mündest, denn die Schrift sagt: „Denn aus ihm, und durch ihn und zu ihm hin sind alle Dinge.“ (Röm. 11,36) Insofern du also als Mensch Kreatur, d.h. Geschöpf bist, so wisse dass dein Urgrund, und dein Ziel gleichsam in Gott verborgen liegen. Wie schöpft man denn in unserer Welt? Indem man Einiges aus Vielem nimmt. Und insofern das Einige immer nur durch das Viele sein kann, so kann auch das Geschöpf nicht anders als denn durch den Schöpfer sein. Und dies in zweifacher Hinsicht: Ohne den, der es schöpft bliebe das Wenige immer im Vielen verborgen, noch ohne den Willen und das Vermögen es selbst zu sein. Und das Viele liegt, als Potential der Möglichkeit des Wenigen und am Wenigen selbst völlig unbeeindruckt still da. Erst wenn einer kommt, und

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etwa einen Becher in das Wasser taucht, so wird das Wenige es selbst und das Viele erhält seinen Bezug dazu. Und doch ist der, der das Wasser geschöpft hat unberührt von demselben, und steht nur durch sein Sosein als Schöpfender in Beziehung zu dem was geschöpft wurde und dem, woraus es geschöpft wurde. Gleichzeitig ist Gott aber, wenn wir wie ein Becher gefüllt mit heiligstem Wasser der Gottheit sind, auch wie das Wasser selbst – sowohl in der Vielheit der Quelle als auch der Einfachheit des geschöpften. Gott in dir, und du in Gott, Gott in mir und ich in Gott, Gott in allen und alles in ihm. Dies ist das große und heilige Mysterion der unio mystica, der Vereinigung mit dem Göttlichen, die wahre Ganzheit in Vielheit und Einheit gleichermaßen, nach denen der wahre Mystiker je und je von neuem, und gänzlich an das Gegenüber seiner Sehnsüchte – dem Geist des Lebens selbst, dem allmächtigen Gott - hingegeben strebt.

„Barmherzigkeit

will

ich,

und

nicht

Schlachtopfer.“

Dereinst sprach der wahre Meister:

„Wenn ihr aber erkannt hättet, was das heißt: ‚Barmherzigkeit will ich, und nicht Schlachtopfer’, so hättet ihr die

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Schuldlosen nicht verurteilt.“ In alten Zeiten wurde gesagt, dass, als das Böse auf der Erde zunahm, Gott selbst eine heilige Ritterschaft eingesetzt und auserkoren hätte, der Finsternis zu wehren und ihrem Treiben Einhalt zu gebieten. Und in der Tat schreibt der Apostel – obschon wir die genannte

Überlieferung so nicht in der heiligen Schrift wiedergegeben finden - dazu, der Herr selbst hat das Schwert der weltlichen Obrigkeit eingesetzt, nicht zum Schrecken für das gute Werk, sondern für das Böse. Freilich wurde gerade durch das Schwert, und jene die es führten, viel Böses getan und schreckliche Handlungen gewirkt. Doch Abusus, non tolit usus, meine Freunde. Der Missbrauch, hebt den richtigen Gebrauch nicht auf. Das vollkommene Schwert, lehrt Munenori, ist jenes, das du nicht mehr ziehen musst um den

So ist es die hohe und

Sieg zu erringen

heilige Berufung der wahren Ritterschaft, zu siegen ohne zu kämpfen, dem Guten zum Sieg zu verhelfen, ohne sich den Mitteln der Finsternis zu bedienen. „Lasst euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse durch das Gute“. Die heiligste und vornehmste Pflicht der Ritterschaft besteht darin, das Böse – mithin alles Unrecht, alles Leid, alle Schlechtigkeit zu bekämpfen – wo

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immer und wann immer wir ihm gewahr werden. Der größte Kampf beginnt dabei immer in unserem eigenen Herzen. „Mehr als alles bewahre dein Herz“ heißt es dazu in der Schrift „Denn in ihm entspringt die Quelle deines Lebens.“ So rein die Quelle ist, so hoch ist auch das Potential an Reinheit und Untadeligkeit, dass der Fluss den sie speist in sich birgt. Und wo wir dies alles bedenken: Wie wollten wir da nicht täglich – je eher, je besser - danach streben, eine besser Version unserer selbst zu werden?

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Gegenwärtigkeit

Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht wie in der Erbitterung, wie in der Erbitterung an dem Tage der Versuchung in der Wüste, wo eure Väter mich versuchten, indem sie mich auf die Probe stellten, und sie sahen meine Werke vierzig Jahre. Deshalb zürnte ich diesem Geschlecht und sprach: Allezeit gehen sie irre mit dem Herzen. Sie aber haben meine Wege nicht erkannt.“ (Hebr. 3, 7-

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Wie bei keiner anderen Betätigung, ist es wesentlich im Kampf mit dem Schwerte gegenwärtig zu sein. Das heisst: Ganz im Augenblick zu verweilen. Sich nicht ablenken zu lassen von behände geführten Aktionen des Gegners, von der umher stehenden johlenden Menge der Zuseher oder anderen Äußerlichkeiten. Munenori nennt diese Haltung ein Nicht-anhaften lassen des Geistes. Dieses Prinzip funktioniert in zwei Richtungen: Ein Befangensein von einem zukünftig zu erzielenden Treffer, oder ein Befangensein von einem vergangenen Fehler oder einem bereits erzielten Treffer. Beide Vorstellungen ziehen deine Aufmerksamkeit vom Augenblick – wo sie doch am notwenidgsten und unmittelbarsten sein sollte - ab, und lassen dich im Freikampf langsam und

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träge werden. Oft unterscheidet die Dauer eines Augenschlags zwischen Sieg und Niederlage. Ebenso erkennen wir, dass im Glauben und im Leben das unmittelbare Verharren im Augenblick eine Tugend von unschätzbarem Wert sein kann. „Heute wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht“ ermahnt uns die Schrift mit allem dringlichen Ernst. Die Anrede Gottes an den Menschen fand nicht vor tausenden Jahren statt, gefolgt von einer allmächtigen und allgegenwärtigen Stille. Gottes Anrede an uns erfolgt vielmehr gerade Heute. Hier und jetzt möchte Gott zu uns sprechen. Im Hier und Heute kannst auch du Gottes Stimme hören, und dem König der Könige im Thronsaal deines Herzens nahe sein. Seid nicht wie jene, schreibt der Apostel, die Gottes Langmut und Güte auf die Probe stellen. Wie oft geschieht es in unserem Leben, dass wir eine gute Gelegenheit verpassen, nur weil wir mit unseren Gedanken gerade da und dort herumstreifen, während das Leben uns vor unmittelbare Situationen und Begegnungen stellt. Wie oft erleiden wir Schaden, weil wir im Geiste abwesend sind und keinen Sinn für die kostbare Schönheit des Augenblicks haben? Deshalb ereilt manche der Zorn Gottes, weil sie durch ihre Abwesenheit vom Jetzt sich selbst

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der Segnungen der Himmelswelt berauben, die uns doch heute unmittelbar offen stehen.

„Allezeit gehen sie irre mit dem Herzen“ bedeutet im Schwertkampf getroffen zu werden und am Ende dem Gegner zu unterliegen. Wenn du deinen Geist anhaften lässt, wirst du während der Gegner auf dich einficht nicht in der Lage sein ihm hier in genau dem richtigen Moment zu begegnen, sondern langsam aber doch in die Defensive geraten und ein leichtes Ziel für deinen Gegner werden. Auch auf der geistlichen Welt wirst du so immer und immer wieder getroffen, weil deine Gedanken um eine wünschenswerte Zukunft oder ein schönes Erlebnis in der Vergangenheit kreisen. Weil diese Momente des Glücks dir dann im Alltag weit entfernt scheinen, beginnst du dich nach deren Gegenwart zu sehnen, und wirst so automatisch unglücklich mit dem, was sich gerade ereignet oder – anders ausgedrückt – was du momentan hast. Und kommen die Momente dann wieder, bist du in ihnen zwar eine Zeit lang glücklich, denkst aber fortwährend wieder an dieses oder jenes was noch unbedingt zu tun wäre. Und wieder verstellst du dir so den Blick für das Wesentliche des Moments. Immer an etwas anderes denken, und

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mit etwas anderem befasst sein als das, was momentan gerade geschieht ist somit also ein sicherer Weg unglücklich zu werden.

Demgegenüber ist das Glück etwas, das so einfach zu haben und dennoch so unendlich wertvoll – und schwer zu behalten - ist. Versuche einmal einen Schritt von der Beschäftigtheit deines Geistes zurück zu machen, und du wirst ein tiefes Glücksgefühl empfinden. Dieses Glücksgefühl rührt daher, dass der Geist Gottes immer schon in der Gegenwart am Wirken ist. Wenn dich nun nichts von der Wahrnehmung dieses Wirkens abhält, weil deine Aufmerksamkeit im Augenblick kulminiert ist, wird dein Herz wie von selbst freudig auf dieses Wirken Gottes reagieren. Die großen Mystiker beschreiben diese Reaktion – oder besser gesagt den geistigen Schritt der Notwendig ist um diese Reaktion des Herzens zu erleben, als den im Herzen gesammelten Intellekt. Und in der Tat kann die Vorstellung deinen Intellekt nach hinten, in Richtung deines Herzens kippen zu lassen, dir ein gutes Hilfsmittel dabei sein, um diese Gegenwart Gottes unmittelbar zu erleben. Unmittelbar bedeutet dabei, ohne dass eine weitere Zwischeninstanz wie ein Geistlicher, eine Kirche oder

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eine spezifische Aktivität deinerseits notwendig wäre. Sei einfach mit deinem Bewusstsein dort wo du bist – im Jetzt – und so wird alles nicht nur ganz leicht getan, es wird dir so auch möglich sein nichts, was notwendig ist, ungetan bleiben zu lassen.

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Zielgerichtetheit

„… und die selbe Kunst ist ernst ganz und rechtfertig, und geht auf das aller Näheste und Kürzeste Gefecht und gerade zu Recht wenn einer einen Hauen oder Stechen wollte, und das man ihm dann (- wie wenn man ihm) einen Faden oder eine Schnur an seinen Ort oder die Schneide seines Schwertes bünde und leite oder zöge den selben Ort oder die Schneide auf eine Blösse hin.“ (aus H. Döbringers Fechtbuch)

Neben der unmittelbaren Gegenwart im Herzen des Augenblicks, ist der feste Blick auf das Ziel eine weitere Tugend, in der der Ritter sich fleißig üben soll und in der er nicht nachlassen darf. Eine alte Weisheit besagt, dass der halbe Sieg schlicht darin besteht, anzufangen. Allzu oft lassen wir ein Werk nur deshalb ungetan, weil wir nicht die Kraft oder den Mut finden es zu beginnen. So tragen viele Menschen ihre Ideen ein Leben lang mit sich herum, ohne jemals eine davon zu ihrem Ende zu bringen, nur weil sie sich nie dazu entschließen konnten, mit der Umsetzung der guten Idee ernsthaft zu beginnen. Dabei reicht es freilich nicht, sich nur halbherzig oder lau an die Verwirklichung der Idee zu machen, sonst gleicht man einem Schiff dem auf halbem Weg der Wind aus den Segeln genommen wird, oder einer Öllampe die

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nur halb mit Brennstoff befüllt war. In jedem Fall scheint es, um erfolgreich ein Ziel zu erreichen, notwendig zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes im Herzen für diese Idee zu brennen. So sagt auch Spurgeon, der große englische Prediger sinngemäß, daß die Leute eher bereit sind gemeinsam mit jemandem der Feuer und Flamme auch für die unsinnigsten Dinge wäre unterzugehen, als einem Zauderer bei der sinnvollsten Beschäftigung beizustehen. Zu Beginnen ist – wie wir sehen - eben immer nur der halbe Sieg. Die andere Hälfte des Sieges besteht darin, das Ziel fest vor Augen zu haben, und sich so entschieden wie nötig und so eifrig als möglich an die Erreichung desselben zu machen. Entschlossenheit erkennen wir am einfachsten, an ihrer unzögerlichen, feurigen und direkten Art. Ein fest entschlossener Mensch sieht nicht ängstlich nach links und rechts, oben oder unten, oder fragt danach was er denn nur als nächstes tun – oder besser nicht tun - solle. Im Gegenteil: er sieht in allen Dingen die ihm begegnen nichts anderes als Möglichkeiten. Möglichkeiten sein Ziel zu erreichen. Möglichkeiten seinen Weg zu berichtigen. Potentiale, die es zu entfalten, und Chancen, die es zu nutzen gilt.

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Der feste, auf das Ziel gerichtete Blick, gleicht dabei einem Navigationspunkt der uns hilft den Kurs auf dem Weg zum Ziel zu halten und Abweichungen gegebenenfalls zu berichtigen. Viele Menschen machen sich frohen Mutes auf, um ihre Träume und Visionen Realität werden zu lassen, machen aber den Fehler sich von Problemen und begangenen Fehlern komplett entmutigen zu lassen. Sie gleichen dann Pilgern, die auf halben Wege frustriert niedersinken, noch ehe sie das Ziel ihrer Pilgerschaft auch nur im Entferntesten erreicht haben. In der heiligen Schrift heisst es dazu einmal sinngemäß: Siebenmal fällt der Gerechte und steht doch wieder auf, aber der Gottlose stürzt nieder im Unglück (vgl. Spr. 24,16). Wir alle haben die Wahl uns entweder von Gottlosigkeit, oder von Gott selbst leiten zu lassen, der doch unsere grösste Hoffnung, als Ritter und als Menschen ist. Eine Hoffnung, die selbst über die Grenzen von Tod und Leben hinaus bestehen bleibt. Eine Hoffnung, die stärker ist als alles in der Welt, und die von ihrem Wesen her alle Hoffnungslosigkeit, ja auch selbst alle Mutlosigkeit überwindet und uns dabei hilft, die Träume und Visionen die der Herr selbst in unser Herz gelegt hat, auch zu erreichen.

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Die Frage ist nur: Worauf bleibt dein Blick gerichtet? Auf die Probleme, Sorgen und Nöte des menschlichen Lebens? Oder auf Gott, der eine Lösung für jedes Problem und jede Schwierigkeit hat – und der auch dir beistehen möchte? Wenn du also von den diversen Problemen des Lebens überwunden zu werden drohst, gedenke deines Ziels in den Himmeln, und deiner Träume auf Erden. So wird sich dein Mut und deine Kraft schnell erneuern, und du wirst – so oft du auch gefallen und gescheitert sein magst – doch wieder aufstehen, und dich erneut an die Verwirklichung deiner Träume und Visionen machen können.

Gott ist der Gott der Auferstehung. Und die Kraft in der er wirkt, ist Auferstehungs-kraft. Es ist ein natürlicher Prozess, dass unser Leben aus Höhen und Tiefen, Erfolgen und Rückschlägen besteht. Das Leben gleicht eben bisweilen eher einer Reise bei rauer See, denn einem gemütlichen Spaziergang bei strahlendem Sonnenschein. Auch unser Herr selbst, in der Stunde da er verraten ward, empfand Angst und Hoffnungslosigkeit. Doch indem er sich dem Willen des Vaters willig unterwarf, erneuerte sich sein Mut und seine Kraft und er ging

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tapfer und ungehindert seinen Weg, nahm das Kreuz auf sich – um uns eine ewige Hoffnung auf eine ebenso ewige Erlösung zu erwerben. Dies alles ist uns zum Beispiele geschehen, damit wir aus den Tugenden Christi lernen können, der als ein Lamm ohne Fehl und Makel auf Erden lebte, die Jünger unterwies und uns allen leuchtende, von überzeitlicher Gültigkeit seiende Beispiele an Gerechtigkeit, Edelmut und Tapferkeit gegeben hat, die uns zeigen sollen, was für Menschen wir werden müssen, wollen wir wahrer Ritterschaft für würdig befunden werden.

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Tugendhaftigkeit

Weisheit

„Mein Mund soll Weisheit reden, und was mein Herz sagt, soll verständig sein.“ (Psalm 49,4)

Weisheit und Verstand sind wertvolle Tugenden, kostbarer als Gold und seltener zu finden als gemeinhin angenommen wird. Weisheit ist indessen mehr als die Ansammlung von Informationen, oder die Kenntnis vieler unterschiedlicher Wege und Wahrheiten. Laotse sagte dazu: „Der Gelehrte ist nicht weise, der Weise nicht gelehrt.“ Und in der Tat mag Gelehrsamkeit zwar jenen offenstehen, die tagein, tagaus diverse Lehren studieren, Weisheit aber ist die Fähigkeit aus kleinen Dingen große Erkenntnisse zu gewinnen, und dazu in der Lage zu sein diese anschaulich – und mit einer gewissen heiteren Gelassenheit – weiterzugeben. Weisheit scheint mir, ist nichts anderes als die Verbindung von Lebenserfahrung, Liebe und Logik. So kommt es, dass eine Mutter gegenüber ihrem Kind eine Position der Weisheit einnehmen kann, die oft die größte Gelehrsamkeit als Narretei erscheinen lässt: Weil sie ihr Kind mehr als alles liebt, und darum vom Leben ihm gegenüber mit Weisheit,

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Erkenntnis und Zuneigung gesegnet wird. Wo andere nichts sehen, sieht sie alles. Wo andere alles sehen, sieht sie nichts. Und eben darum ist es durchaus weise, vom Beispiele der Mutter zu lernen, die Mütter zu ehren, zu achten und zu versuchen selbst ein Mensch zu werden, dem die Tore zu Weisheit und Erkenntnis weit offenstehen.

Wahrheit

„Heilige sie in der Wahrheit, dein Wort ist Wahrheit.“ (Joh. 17,17)

Die Wahrheit ist alles, was uns am Ende bleiben mag und ein Licht, daß alle Finsternis vertreibt. Im Hohepriesterlichen Gebet, betete der Herr für seine Jünger, daß der allmächtige Vater im Himmel sie in der Wahrheit heiligen möge. Wahrheit ist mithin also eine Quelle der Heiligkeit, nach der jeder Ritter streben und ernstlich begehren soll. Die Wahrheit ist einer der stärksten Verbündeten des Guten, und führt beinahe von selbst zu Weisheit und Gerechtigkeit. Wollen wir also unsere heilige Mission alles für alle zum Besseren zu führen erfüllen, so werden wir wohl daran tun, allezeit die Wahrheit zu sprechen, möge es auch unseren eigenen Tod bedeuten.

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Gerechtigkeit

„Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit, der du mich tröstest in Angst; sei mir gnädig und erhöre mein Gebet!“ (Ps. 4,2)

Die Welt ist krank an Ungerechtigkeit. Schlechten Menschen geht es gut, während guten Menschen die schlimmsten Dinge widerfahren. Der Mensch hat es immer schon verstanden, seinen Mitmenschen die schlimmsten und abscheulichsten Dinge anzutun, ohne den Funken eines schlechten Gewissens dabei zu haben. Aus großer Kraft, und großen Möglichkeiten folgt daher immer auch große Verantwortung mit der jeder Einzelne in Wahrheit weise umgehen soll. Das Reich Gottes ist ein Reich der Gerechtigkeit. Darum sind all jene Freunde Gottes, die als gerechte Menschen befunden werden können.

Auch wir selbst sind indessen selbst die ungerechtesten Richter wenn es um andere, und die barmherzigsten Liebenden wenn es um uns selbst geht. Dies ist die Quelle jeder Ungerechtigkeit und jeder Schlechtigkeit im Herzen des Menschen. Eben darum heisst es in der

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Schrift: „Darum hüte dich, oh Mensch – jeder der da richtet, denn worin du den anderen richtest, verurteilst du dich selbst“. (vgl. Röm. 2,1) Den anderen anzusehen, als eine weitere Emanation unserer selbst, und ihm eben jene Liebe entgegenzubringen, die wir uns selbst gegenüber aufbringen möchten, ist der goldene Weg zu barmherziger Gerechtigkeit und aufrichtiger Nächstenliebe, die jeder Ritter allezeit im Herzen tragen soll, um jenen ein leuchtendes Beispiel an Liebe und Mitgefühl zu werden, die noch in der Dunkelheit ausharren und auf den Tag ihrer Erlösung warten.

Barmherzigkeit

„So spricht der HERR der Heerscharen:

Fällt zuverlässigen Rechtsspruch und erweist Güte und Barmherzigkeit einer dem anderen!“ (Sach.7,9)

Merke auf wer diese Worte liest! Gottes Gnade gilt denen, deren Herzen erfüllt ist von Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, Güte und Barmherzigkeit! Erweise denen Barmherzigkeit, denen niemand Barmherzigkeit widerfahren lässt, so wird dein Licht leuchten vor den Menschen und sie werden deinen Herrn preisen. Ein Ritter ist als Gefolgsmann

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des Höchsten, dazu verpflichtet sich für dessen Ruhm und Herrlichkeit einzusetzen, wo immer er eine Möglichkeit findet den Namen des Herrn zu preisen und sich selbst als Mittel jener Gnade zu verstehen, die einem Ritter sowohl zur Würde als auch zur Ehre gereicht. Lasst uns hinzutreten zum Thron der Gnade, und als seine Botschafter bis an die Enden der Erde ziehen, allezeit also das Banner des Friedens, der Freigibigkeit und der Gerechtigkeit führend, zu Ruhm und Ehre unseres Heilands, des ewigen Königs, Jesus Christus! Indem wir Barmherzigkeit üben, empfehlen wir uns selbst, und nötigen auch unseren Gegnern ein mildes Urteil über uns ab, um der Sache der Gerechtigkeit würdigere Diener zu werden, willens auch persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen um den Samen des Friedens und der Gerechtigkeit in die Herzen der Menschen zu säen. So wie Camelot ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit war, so wie das neue Jerusalem ein ebensolches Friedensreich wird, so soll auch der Friede des Höchsten allezeit in unseren Herzen regieren, und unser Handeln als ein guter Wegweiser leiten. Eben dies, ist notwendig, wollen wir der Sache der Ritterschaft dienen und dieses Anliegen

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der

weiterführen.

Gerechtigkeit

in

unserer

Friedfertigkeit

Zeit

„Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Mt. 5,9)

Gottes Reich ist ein Reich des Friedens. Darum ist es auch gegenwärtig in denen, deren Herzen von Frieden und in Liebe gehegten guten Absichten regiert werden. Solche Menschen, sind wahrlich Kinder Gottes und ihre Ausstrahlung alleine, schafft Ruhe und Ausgeglichenheit. Gottes Kind zu sein, bedeutet indessen nichts anderes als ein Erbe des Himmelreichs zu sein, ein Mitteilhaber an himmlischen Mysterien und großartigen Geheimnissen.

„Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird gesät in Frieden für die, die Frieden stiften.“ (Jak. 3,18)

Im Leben kommt alles, das ein Mensch sät, auch wieder zu ihm zurück. Eben darum wird ein Mensch des Friedens, auch selbst mit Frieden und Gerechtigkeit gesegnet werden. Auch wenn die äußeren Umstände seines Lebens Wellen schlagen und vom Sturm des Schicksals aufgewühlt und durcheinandergeworfen zu werden

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drohen, so kann nichts den Frieden in deinem Herzen rauben, wenn du mit Gott als der Quelle himmlischen Friedens und übernatürlicher Gerechtigkeit durch Glauben, Hingabe und Treue fest verbunden bleibst. So wird dir zu Teil, wie Luther schreibt: Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei, aus aller Not, die uns auch hat betroffen.

Starkmut

„Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben.“ (2.Mose 15,2)

Es wird in unserer Zeit viel Unsinn über den Glauben geschrieben und gesagt. An allen Ecken und Enden wird Glaube, Friedfertigkeit und Wahrheitsliebe mit Schwäche assoziiert. Würden schwache Menschen singend zur eigenen Hinrichtung ziehen können? Würde ein schwacher Mensch das Martyrium auch nur annähern ertragen? Und doch ist eben der still und unschuldig leidende, der frohen Mutes auch dem Tod entgegenblickt und nicht vor seiner Gegenwart zurückschreckt das Ideal der Christenheit. Und so soll auch uns, nicht der schwächende Zweifel, sondern

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die stärkende Zuversicht zum Allmächtigen leiten, dem doch nichts unmöglich ist, und der denen die ihn bitten, freudig gibt.

Glaube

Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein.“ (Mt.17,21)

Der Glaube setzt uns in Beziehung zur geistlichen, unsichtbaren Wirklichkeit. Er ist wie ein Schlüssel, der die Macht hat uns die Tore des Himmelreichs aufzuschließen und den Segen Gottes durch uns fließen zu lassen. Der Glaube kann passiver oder aktiver Natur sein, und im Leben des Menschen je eigene Früchte hervorbringen. Eine dieser Früchte ist die große und herrliche unio mystica, das Bewusstsein und das Erleben der Verbundenheit mit dem großen göttlichen Geist, der in allen Dingen weht und wirkt. In Wahrheit ist nichts völlig getrennt voneinander. Alles steht zu allem immer in Bezeihung. Alles ist eins. Die Einheit ist unser alles. Diese Alleinheit aller Dinge ist es, die dem Weisen die Wiesheit, dem Heiligen die Heiligkeit und dem Ritter alle Ritterlichkeit schenkt. Sie ist die Wurzel

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und die Quelle aller Tugenden und Ziel allen Lebens. Alles in allem eines in Gott. Eben dies ist das große Mysterion des Lebens. Alles in allem auf ewig vereint. Welch unfassbares Geheimnis! Welch heilige Wahrheit.

Mäßigkeit

„So wendet alle Mühe daran und erweist in eurem Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis und in der Erkenntnis Mäßigkeit und in der Mäßigkeit Geduld und in der Geduld Frömmigkeit und in der Frömmigkeit brüderliche Liebe und in der brüderlichen Liebe die Liebe zu allen Menschen.“ (2.Petrus 1,5-7)

Erkenntsis, Mäßigkeit und ein tugendhaftes, beispielgebendes und Dinge veränderndes Leben stehen in einer unmittelbaren Beziehung zueinander, wie die heilige Schrift uns mit den Worten des Apostels Petrus lehrt. Auf der geistigen Welt, sind alle Dinge zugleich eine Wurzel, und eine Frucht anderer Dinge und Gegebenheiten. Gedanken führen zu Gefühlen, Gefühle führen zu Taten, Taten schaffen oder verändern die Realität. Eben so verhält es sich auch mit der Tugend. Die Tugend an sich, iust ein Wert auf den zu allen Zeiten viel

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zu oft vergessen wurde. Aber was ist die Tugend eigentlich? Müßten wir statt Tugend nicht eigentlich das Wort „ehrenhaftes Handeln“ oder dergleichen bezeichnen? Doch ehrenhaftes Handeln oder Gerechtigkeit allein wären zu wenig. Sie würden die Welt als solche nicht verbessern, sondern mancherorts sogar nach und nach weiter und weiter verschlechtern. Die einige Macht, die der Welt auf Dauer geistliche Heilung bringen kann, ist Liebe. Liebe hat die Macht geistliche Wunden zu heilen. Liebe hat die Macht, unseren Kindern und Kindeskindern eine lichte, helle und vor allem friedliche Zukunft zu erschaffen. Insofern wir nicht auf der Ebene der eigenbrötlerischen Selbstliebe stehen bleiben, sondern lernen von der Liebe zu uns selbst, langsam aber sicher zur Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern, und sodann zur Liebe zu allen Menschen durchzudringen. Der Weg dahin führt über Mäßigkeit, Geduld und Frömmigkeit. Analog zu Thomas von Aquin meine ich:

Tugendhaftigkeit ohne Mäßigkeit, führt zu Grausamkeit. Wann immer Einzelne versucht haben die größtmögliche Tugendhaftigkeit von sich und anderen einzufordern, ohne dabei maßvoll und zurückhaltend geblieben zu sein, wurden sie allzu ernst und gnadenlos gegenüber anderen. Mäßigkeit bedeutet

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indessen, sich der eigenen Schwäche, Fehlerhaftigkeit und Gemütlichkeit bewusst zu werden, und eben diese auch seinen Mitmenschen zuzugestehen. Aber, da wo die Gerechtigkeit, oder das Gute an sich zu Gunsten von unmenschlichen Gräueln verdrängt werden, muß der ritterlich gesinnte Mensch beginnen Widerstand zu leisten. Es kommt im Leben nicht so sehr darauf an, voll und ganz auf die Einhaltung spezifischer Prinzipien und Glaubenssätze zu drängen, als vielmehr sein Leben in Mäßigkeit und Angemessenheit zu führen. Angemessenheit ist, wie mir scheint, ja nichts anderes als Mäßigkeit nach außen hin., denn sie bedeutet eine Situation nach Länge und Gewicht ihrer zugehörigen Elemente zu beurteilen, und danach eine diesen Größen entsprechende – also angemessene - Handlung zu unternehmen. Mäßigkeit bedeutet weiters, nicht die Extreme zu suchen, sondern den von Aristoteles gelehrten Weg der goldenen Mitte zu gehen, ohne nach links oder rechts von diesem herunterzufallen.

„Darauf dich verlasse, alle Dinge haben Länge und Masse.“ (Lichtenauer)

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Güte

„Danket dem HERRN, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ (1.Chronik 16,34)

Gottes Güte währt ewiglich! Diese Worte, die auf König David zurückgehen, sind uns eine großartige Verheißung und ein herrliches Evangelium zugleich. Sie versetzen uns als Menschen in den Zustand der Gnade, weil wir durch sie Gott erkennen wie er wirklich ist: ein gnädiger Vater und ein barmherziger Freund. Danket dem HERRN, schreibt der König Israels. Ewige Güte meint eine Güte – und eine Gutheit – die niemals endet. Nicht einen Tag lang wirst du ohne die Güte Gottes sein müssen. Rufe nur zum HERRN in deiner Not und er wird dich erretten. Wo wir doch so einem guten König und Herrn, Vater und Gott dienen dürfen, wollen wir auch unser inneres Wesen von seiner Herrlichkeit erleuchten lassen – und versuchen seine Gutheit in die Welt zu tragen. Eben so ein Mensch soll ein wahrer Ritter sein, daß die Worte „Heller als der Tag strahlt Gott“ durch sein Leben, sein Wesen, seine Person und seine Handlungen erkennbar seien. Strahle und leuchte also auch du, auf dem Weg der dir beschieden ist!

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Demut

„Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ (Phil. 2,3-4)

Wie leicht ist es doch, die eigenen Interessen zu sehen und umsetzen zu wollen, wie schwer dagegen oft, die Wünsche und Bedürfnisse unserer Mitmenschen zu erkennen und zu achten. Wahre Demut besteht nicht darin, sich in gekünstelter Vergrämung über den Zustand der Welt oder dies und das negativ über andere zu äußeren. Demut besteht viel eher in einem Gott hingegebenen Herz, das bereit ist andere Menschen eben als Menschen zu sehen. Das heisst zu erkennen, daß kein Mensch vollkommen gut, und ebenso wenig vollkommen schlecht ist. Hochmut sagt:

Platz da, jetzt komme ich! Und wie sollte der Herr einem solchen Menschen, dessen eigene Interessen seine opberste Priorität darstellen, nicht widerstehen? Demut sagt: Ich trete mal einen Schritt zur Seite, jetzt kommst du. Und warum sollte Gott einen solchen Menschen, der seinen Nächsten so liebt wie sich selbst – nicht segnen?

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Hoffnung

„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ (Röm. 15,13)

Hoffnung ist keine Fähigkeit, die der Mensch aus sich selbst heraus entwickeln könnte. Hoffnung ist vielmehr wie ein himmlischer, übernatürlicher Schatz, der unser Glück und unseren Frieden mehrt. Sie ist wie eine Gabe an eine Person, die von einer Sekunde auf die andere die ganze Welt verändern kann. Hoffnung ist mitunter, wie ein zartes Pflänzchen und mitunter droht sie unter den Rädern eines ungünstigen Schicksals zertreten zu werden. Und doch, gelingt es auch in diesen Momenten sich an ihr festzuhalten, Woraufhin die Hoffnung – wie in gleißendes himmlisches Licht gehüllt – zu leuchten, zu strahlen und zu wachsen beginnt und kurz darauf wie ein prächtiger machtvoller Baum dasteht, der alle Probleme und Sorgen von uns fernhält. Und der uns Kraft gibt, auch in schwierigen Zeiten durchzuhalten. Darum: das größte Geschenk, daß die Ritterschaft der Welt machen kann – ist die Hoffnung. Und der Weg hin zu einer ewigen Hoffnung,

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die nicht den Grenzen von Raum und Zeit unterworfen bleibt, ist der Glaube an – und das Evangelium von – Jesus Christus!

Liebe

„Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1.Joh. 4,16)

Gott ist die Liebe! Und wir vermögen es in ihm zu bleiben. Er umgibt uns, wie ein ewiges Schild. Er ist die Kraft des Lebens. Er begegnet uns in jeder einzelnen Sekunde unseres Lebens und möchte uns nahe sein. Dies ist eine der großen und heiligen Lehren des christlichen Glaubens, über die der Mensch gar nicht oft genug denken und meditieren kann. Wie sehr wollte ich, dass auch mein Leben immer mehr und mehr von Gottes heiliger Liebe, ja – von Gott selbst durchdrungen werden. Und eben dies ist die Konsequenz der Liebe Gottes: ein Herz das Gott wieder liebt. Liebe zu Gott ist nicht die Bedingung um ihm begegnen zu dürfen, sondern die Folge aus einer Begegnung mit ihm. Und die Liebe ist unsere größte, stärkste und heiligste Waffe gegen alle Finsternis. So groß die Finsternis auch

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sein möge, niemand und nichts ist so fern, daß ihn (oder sie) Gott nicht mehr mit seiner Liebe erreichen könnte. In Zeiten der Not denke nur an folgenden Segen – den ich als letzte Weisheit der Ritterschaft in diesem Büchlein mitgeben möchte;

Möge die Liebe Gottes dich umgeben, als dein himmlischer Schild. Ein Schild an dem alle Pfeile der Finsternis abprallen, wie von einer undurchdringlichen Mauer. Ein Meer des Lichts, das um dich weht. Möge Gottes Herrlichkeit wie eine Krone auf deinem Haupte strahlen, und dir Autorität geben, über alle Macht des Feindes, so daß er dir nicht mehr Schaden kann. Möge Gottes Kraft, wie ein Schwert in deiner Hand sein, das dir hilft alle Dunkelheit zu überwinden. Mögen die Engel des Himmels deine Begleiter sein, und dir in deinen Kämpfen und Anfechtungen beistehen. Und möge die Kraft der Auferstehung Jesu dir den Sieg schenken. Allezeit, Überall., Immerdar. Eins in Einem, eins von Einem, eins mit Einem, Eins, Immer, ewiglich.

Amen.

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