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Erschienen im Jahre 1982 in der Zeitschrift »emotion«.

Orgonomischer Funktionalismus - Wilhelm Reichs Forschungsmethode (1982)

Bernd Senf

Die Vielfalt der Gebiete, auf denen Wilhelm Reich grundlegende Forschungen betrieben hat, erscheint auf den ersten Blick mehr als verwirrend. Allein die Tatsache, dass er in Bereichen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, zu umwälzenden Erkenntnissen gekommen sein will, ist für viele schon Grund genug, ihn von vornherein als wissenschaftlichen Laien einzustufen und nicht ernst zu nehmen oder ihn gar als Spinner abzutun. Auf der anderen Seite deutet immer mehr darauf hin, dass die herrschenden Wissenschaften mit ihren traditionellen Forschungsmethoden und mit ihrer Aufspaltung in einzelne Disziplinen gegenüber der grundlegenden Erklärung und Bewältigung lebensfeindlicher Tendenzen nicht nur hilflos sind, sondern sogar mit zu ihrer Verstärkung beitragen. Meine These ist die, dass für Reich die Aufdeckung grundlegender Zusammenhänge über die Zerstörung des Lebendigen überhaupt nur dadurch gelingen konnte, dass er mit einer grundsätzlich andersartigen Forschungsmethode an die Untersuchung von Mensch, Natur und Gesellschaft herangegangen ist als die herrschenden Wissenschaften. Ich will im folgenden versuchen, das Besondere der Reichschen Forschungsmethode herauszuarbeiten, nicht nur, um den Forschungsprozess von Reich selbst in seinem inneren Zusammenhang besser verständlich werden zu lassen; sondern auch, um zu sensibilisieren gegenüber dem erkenntniszerstörenden Charakter herrschender Wissenschaften. Die bewusste und kreative Anwendung der Reichschen Forschungsmethode scheint mir eine wesentliche Grundlage zu sein für die Entwicklung einer emanzipatorischen Wissenschaft, die mit dazu beitragen kann, das Lebendige aus der Herrschaft des Erstarrten zu befreien und die mit dieser Herrschaft verbundenen destruktiven Tendenzen auf den verschiedensten Ebenen umzukehren.

I. Vorläufer der funktionellen Denkmethode

Reich hat sich erst relativ spät systematisch zu seiner Forschungsmethode geäußert, und zwar in einem 1945 geschriebenen Aufsatz über „Orgonomischen Funktionalismus“, der in seinem 1949 erschienenen Buch „Ether, God and Devil“ abgedruckt ist (*1). Ansätze zu methodischen Betrachtungen finden sich schon in früheren Veröffentlichungen: einmal im Rahmen des Artikels „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse“ (*2), danach in dem Aufsatz über „Dialektischer Materialismus in der Lebensforschung“ (*3) und schließlich im Rahmen der Veröffentlichung über seine biophysikalischen Grundlagenforschungen zur Biogenese („Die Bione“) (*4). Während er bis dahin seine sexualökonomischen und biophysikalischen Forschungen noch als konkrete Anwendung der dialektisch- materialistischen Erkenntnismethode im Bereich der Erforschung des Lebendigen verstand, gab er seiner Forschungsmethode später den Namen „Orgonomischer Funktionalismus“ - dies nicht zuletzt deshalb, um sich gegenüber den ideologischen Verdrehungen und der politischen Praxis des Stalinismus abzugrenzen, durch die der ursprünglich emanzipatorische Gehalt der marxistischen Theorie (und ihrer erkenntnistheoretischen Grundlage: des dialektischen Materialismus) vollständig ins

Gegenteil verkehrt worden war und wodurch jeder marxistische Begriff mit diesen Entstellungen in Verbindung gebracht wurde. Bis zuletzt hat Reich nicht für sich in Anspruch genommen, eine prinzipiell neue Forschungsmethode entwickelt oder als erster angewendet zu haben. Vielmehr betont er, dass die seinen Forschungen zugrundeliegende Erkenntnismethode mindestens in Ansätzen schon von anderen verwendet wurde:

„Obgleich die funktionelle Denktechnik hier zum erstenmal systematisch beschrieben wird, wurde sie doch von vielen Forschern mehr oder minder bewusst angewendet, ehe sie die starren Grenzen in der Naturforschung endgültig in Form der Orgonomie überwand. Ich möchte nun die wichtigsten Namen nennen, deren Träger ich viel zu danken habe: De Coster, Dostojewski, Albert Lange, Friedrich Nietzsche, Lewis Morgen, Charles Darwin, Friedrich Engels, Semon, Bergson, Freud, Malinowski unter

anderen. Wenn ich früher sagte, ich hätte mich in einen „neuen Denkbereich“ hineingestellt gefunden, so ist das nicht so aufzufassen, als ob der energetische Funktionalismus „fertig“ gewesen (wäre) und auf mich nur gewartet hätte; oder dass ich mir die Denktechnik von Bergson oder Engels einfach hätte aneignen und auf mein Problemgebiet glatt anwenden können. Die Formung der Denktechnik war selbst ein Stück Arbeit, die im Kampf meiner praktischen Tätigkeit als Arzt und Forscher gegen die mechanistischen und mystischen Deutungen des Lebendigen geleistet werden musste. Ich habe also nicht etwa eine „neue Philosophie“ entwickelt, die neben anderen oder in Zusammenarbeit mit anderen Lebensphilosophien das Lebendige menschlichem Begreifen nahe zu bringen versucht. Nein, es liegt überhaupt keine Philosophie vor, wie mancher meiner Freunde glaubt. Es geht vielmehr um ein Denkwerkzeug, das man gebrauchen lernen muss, wenn man das Lebendige erforschen und handhaben will. Es fallen die Denkgesetze und Wahrnehmungsfunktionen zusammen, die man beherrschen muss, wenn man Kinder und Jugendliche lebenspositiv in diese Welt hineinwachsen lassen will; wenn man das Menschentier wieder in Einklang mit seiner natürlichen Konstitution und mit der

umgebenden Natur bringen will

Gegensatz zu Mechanismus und Mystizismus) als Kompass in dieser Welt, wie der Schutz der

Verkehrssicherheit gute Bremsen und tadellos arbeitenden Signalapparate fordert“ (*5)

Der Schutz des Lebendigen fordert das funktionelle Denken (im

II. Funktionalismus - Aufspüren gemeinsamer Funktionsprinzipien

Worin besteht das Wesentliche der „funktionellen Forschungsmethode“, die von Reich zunächst mehr intuitiv und später immer systematischer angewendet wurde und ihn auf den verschiedensten Gebieten zu umwälzenden Erkenntnissen führte? Ich will versuchen, dieses Wesentliche dadurch herauszuarbeiten, dass ich die Forschungen Reichs, die ich an anderer Stelle inhaltlich ausführlich skizziert habe (*6), noch einmal unter methodischem Gesichtspunkt betrachte. Der inhaltliche Zusammenhang der Forschungen wird dabei als bekannt vorausgesetzt. Ohne seine Kenntnis dürften die folgenden Ausführungen nur schwer verständlich sein.

Ein wesentliches Prinzip der funktionellen Forschungsmethode besteht darin, unterschiedliche Erscheinungen der beobachteten Realität auf gleiche tieferliegende Wurzeln, auf „gemeinsame Funktionsprinzipien“ (CFP = Common Functioning Principle) zurückzuführen. Am deutlichsten lässt sich diese Vorgehensweise mit dem Bild eines Baumes veranschaulichen: So sehr sich jeder einzelne Zweig von anderen Zweigen unterscheidet, so sehr entspringen sie doch alle gemeinsamen tieferliegenden Ästen, die sich - wenn man immer tiefer geht - schließlich zurückführen lassen auf einen gemeinsamen Stamm.

Abb. 1 will diesen Zusammenhang schematisch darstellen. Die Zweige a und b haben bei oberflächlicher

Abb. 1 will diesen Zusammenhang schematisch darstellen. Die Zweige a und b haben bei oberflächlicher Betrachtung auf der 1. Ebene nichts miteinander zu tun. Erst bei tiefergehender Betrachtung zeigt sich, dass sie auf der 2. Ebene einem gemeinsamen Ast entspringen. So sehr a und b auf dieser Ebene miteinander verbunden sind, so wenig verbindet sie scheinbar mit den Zweigen c - h. Diese Beziehungen offenbaren sich erst bei noch tiefergehender Betrachtung: Auf der 3. Ebene wird deutlich, dass a/b und c/d auf eine gemeinsame tieferliegende Wurzel zurückzuführen sind, und auf der 4. Ebene schließlich ergibt sich eine noch tiefere gemeinsame Wurzel aller Zweige a - h.

Wenn es sich bei den tieferliegenden Wurzeln jeweils um gemeinsame Funktionsprinzipien handelt, die allen daraus abgeleiteten Erscheinungen zugrunde liegen, dann lassen sich die unterschiedlichen Erscheinungen in ihrem Zusammenhang ganz anders verstehen, als wenn die tiefere Wurzel unbekannt wäre: Das, was bei oberflächlicher Betrachtung als zusammenhanglos erscheint, wird durch die Aufdeckung gemeinsamer Wurzeln aus einem tieferen Zusammenhang heraus verständlich. Die funktionelle Denkmethode leugnet nicht die Unterschiede der einzelnen Erscheinungen, aber sie sucht vor allem nach den tieferliegenden gemeinsamen Funktionsprinzipien, die den unterschiedlichen Erscheinungen zugrunde liegen. Reich schreibt zu dieser Methode:

„Der Unterschied grundsätzlicher Natur zwischen Orgonomischem Funktionalismus und allen anderen Denkmethoden besteht darin, dass der lebendige Organismus nicht nur direkt verknüpft, sondern überdies nach einer gemeinsamen, dritten und tieferen Funktionsbeziehung sucht. Es folgt nun einfach und logisch aus dieser Verknüpfung zweier Funktionen über ein drittes und gemeinsames Funktionsprinzip:

1. Sämtliche existierenden Funktionen werden im Fortschritt der Erkenntnis einfacher und nicht komplizierter. Hier befindet sich der Orgonomische Funktionalismus in scharfem Widerspruch zu allen anderen Denkmethoden. Für den Mechanisten und den Metaphysiker wird die Welt um so komplizierter, je weiter das Wissen über Tatsachen und Funktionen fortschreitet. Dem Funktionalisten werden die Naturprozesse einfacher, heller und durchsichtiger.

2. Mit dem Verknüpfen im gemeinsamen Funktionsprinzip ergibt sich automatisch eine Forschungsrichtung, die nach Erkenntnis noch einfacherer und noch umfassenderer Funktionsprinzipien

Wir können entscheiden, ob wir das Besondere, oder das Allgemeine, das Unterscheidende

oder das Gemeinsame, die Abartung oder das Grundsätzliche untersuchen wollen. Die Abartung hat ihre

drängt

eigenen Funktionsgesetze, die sie von den anderen Abartungen unterscheidet. Gleichzeitig gehorcht die

Abartung dem allgemeinen Funktionsprinzip ihres Ursprungs

“ (*7)

„Die mechanistische Denkweise bevorzugt das Unterscheidende, übersieht gewöhnlich das Gemeinsame, und wird daher starr und scharf trennend. Die funktionelle Denkweise ist zunächst einmal

am Gemeinsamen interessiert, da die Betrachtung des Gemeinsamen tiefer und weiter führt

Gemeinsame ist immer auch dasjenige, das auf gemeinsamen Ursprung hinweist. Die Erforschungen gemeinsamer Funktionen verschiedener Erscheinungen ist daher stets auch historische und genetische Forschung.“ (*8)

Das

Diese Denkweise zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamten Forschungen von Reich. Ich will versuchen, diesen Faden in groben Zügen nachzuzeichnen.

III.

Reichs Forschungsprozeß unter methodischem Gesichtspunkt

1)

Panzerung - gemeinsame Wurzel neurotischer Erkrankungen

In seinen charakteranalytischen Forschungen hat sich Reich schon in den 20er Jahren für die gemeinsame Wurzel interessiert, die den unterschiedlichen neurotischen Erkrankungen zugrunde liegen könnte.

neurotischen Erkrankungen zugrunde liegen könnte. Zwar unterscheidet er in der Charakteranalyse im einzelnen

Zwar unterscheidet er in der Charakteranalyse im einzelnen die Erscheinungsformen und die Entwicklungsbedingungen unterschiedlicher Charakterformen (hysterischer Charakter, Zwangscharakter, phallisch-narzisstischer Charakter, masochistischer Charakter), aber er arbeitet gleichzeitig das Gemeinsame dieser unterschiedlichen Erscheinungsformen heraus: die charakterliche Panzerung. So unterschiedlich die Ausdrucksformen der einzelnen Charakterstrukturen sind und so unterschiedlich auch ihre individuelle Entwicklungsgeschichte, gemeinsam ist ihnen allen eine mehr oder weniger starke charakterliche Erstarrung. Im Charakterpanzer entdeckte Reich demnach das gemeinsame Funktionsprinzip der unterschiedlichen neurotischen Erkrankungen (Abb. 2).

Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Vegetotherapie entdeckte er weiter, dass den unterschiedlichen charakterlichen Panzerungen unterschiedliche körperlich- muskuläre Panzerungen entsprechen, die er begrifflich in sieben Segmente einteilte:

Augen-, Mund-, Hals-, Brust-, Zwerchfell-, Bauch- und Beckensegment. Das gemeinsame Funktionsprinzip der unterschiedlichen Segmentpanzerungen sieht er in der chronischen Kontraktion der entsprechenden Muskeln, die bei der Blockierung

eines bestimmten emotionellen Ausdrucks jeweils funktionell zusammenwirken. Die unterschiedlichen charakterlichen Erstarrungen sind demnach in jeweils ganz bestimmten Bereichen des Körpers als muskuläre Panzerungen verankert. Die einzelnen Charaktertypen lassen sich entsprechend auch durch die jeweilige Struktur der körperlichen Panzerung umschreiben: Jeder Charakterstruktur entspricht eine jeweils spezifische Struktur und Tiefe der Segmentpanzerung (Abb. 3).

Struktur und Tiefe der Segmentpanzerung (Abb. 3). 2) Körperpanzer, Psychosen und psychosomatische Krankheiten

2)

Körperpanzer, Psychosen und psychosomatische Krankheiten

Aus der gemeinsamen Wurzel der Segmentpanzerungen ließen sich nicht nur die unterschiedlichen Formen neurotischer Erkrankung, sondern auch die Psychosen ableiten. Nach Reich sind Psychosen funktionell identisch mit einer sehr starken Blockierung des Augensegments bei gleichzeitig relativ geringer Blockierung der übrigen Segmente. Daraus ergibt sich auch, dass der Übergang zwischen Neurosen und Psychosen fließend ist - wie überhaupt alle Übergänge zwischen den unterschiedlichen Charakterformen. Die konkrete Charakterstruktur eines bestimmten Menschen ist insoweit immer ein Zusammenwirken verschiedener Teile der körperlichen Panzerung und ihrer jeweiligen Stärke und Tiefe. Die Vielfalt der neuro- tischen und psychotischen Krankheitsbilder wird damit nicht geleugnet, aber durch die Reduzierung auf wenige gemeinsame Grundelemente wird diese Vielfalt durchsichtiger und verständlicher, sowohl was ihre Entstehungsgeschichte anlangt als auch ihre Therapie.

Aus der gemeinsamen Wurzel der körperlichen Panzerungen hat Reich schließlich auch ein grundlegendes Verständnis psychosomatischer Krankheiten ableiten können:

Die therapeutischen Erfahrungen, dass sich bei Auflösung der Panzerungen Stauungsängste in Lust verwandelten, ließ zunächst die gemeinsame energetische Wurzel von Lust und Angst deutlich werden: Strömung biologischer Energie, das eine Mal durch muskuläre Panzerung gestaut und ins Innere des Organismus strömend, das andere Mal frei strömend zur Körperoberfläche und in die Genitalien. Vor diesem Hintergrund wurde auch verständlich, dass bei einer bestimmten Struktur der Panzerung die Organe in den blockierten Bereichen von der Zufuhr biologischer Energie mehr oder weniger abgeschnitten sind und entsprechend eine Unterfunktion entwickeln, während die von den Stauungen betroffenen Organe eine Überfunktion hervorbringen. Die Vielfalt unterschiedlicher psychosomatischer Krankheiten ist damit

ebenfalls aus der Struktur der charakterlichen und körperlichen Panzerungen prinzipiell ableitbar (Abb. 4). Das gilt nicht nur für funktionelle Störungen, sondern auch für die ins Organische umschlagenden Störungen, die von der herrschenden Medizin zum großen Teil gar nicht als psychosomatische Krankheiten eingestuft werden.

nicht als psychosomatische Krankheiten eingestuft werden. Zusammenfassend lassen sich demnach aus der gemeinsamen

Zusammenfassend lassen sich demnach aus der gemeinsamen Wurzel charakterlicher bzw. körperlicher Panzerung die unterschiedlichsten Formen von Neurosen, Psychosen und psychosomatischen Krankheiten (mit funktionellen bzw. organischen Störungen) aus einem inneren Zusammenhang heraus verstehen

Störungen) aus einem inneren Zusammenhang heraus verstehen Während Reich ausgehend von den Neurosen zu deren

Während Reich ausgehend von den Neurosen zu deren gemeinsamen Funktionsprinzip, der charakterlichen und körperlichen Panzerung, vorgedrungen ist - sozusagen von einzelnen Verästelungen zur Wurzel -, konnte er umgekehrt von der Wurzel aufsteigend neue Äste und Zweige erschließen (Psychosen, psychosomatische Krankheiten), die bis dahin einem zusammenhängenden Verständnis nicht zugänglich waren. Vieles wurde dabei von ihm nur in den Grundlagen entwickelt, aber aus diesen Grundlagen lässt sich ein fundamental anderes und tieferes Verständnis der heute vorherrschenden Krankheiten entwickeln, als es die herrschende Medizin und Psychiatrie mit ihrem zersplitterten Detailwissen und mit ihrer Blindheit gegenüber ganzheitlichen Zusammenhängen des Lebendigen bis heute haben entwickeln können.

3)

Triebunterdrückung - gemeinsame Wurzel der Panzerungen

Die schichtweise Auflösung der charakterlichen bzw. körperlichen Panzerung mit Hilfe der Charakteranalyse bzw. der Vegetotherapie ließ für Reich immer deutlicher werden, dass sich die Panzerungen aus einer Kette von Konfliktverdrängungen ergeben hatten. An der Wurzel der Panzerung handelte es sich regelmäßig um Konflikte zwischen den lebendigen Triebbedürfnissen eines Menschen (meist schon in der frühen Kindheit bzw. schon im Mutterleib) und einer triebfeindlichen Umwelt. Als wesentlich für die Herausbildung autoritärer Charakterstrukturen hatte sich z.B. die Unterdrückung kindlicher Sexualität in der kindlich-genitalen Phase ergeben. Diese Beobachtung bildete für Reich den Einstieg in die Untersuchung der Rolle der autoritären Kleinfamilie und in die Auseinandersetzung mit der herrschenden Familienideologie und Sexualmoral. Dabei schälte sich für ihn immer klarer heraus, dass die autoritäre Kleinfamilie einen wesentlichen sozialen Bezugsrahmen darstellt, innerhalb dessen die Sexualität von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unterdrückt wird. Das Resultat dieser Unterdrückung besteht nicht nur in individueller Erkrankung, sondern gleichzeitig und untrennbar damit verbunden in der Hervorbringung ängstlicher und an die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse angepasster Individuen.

4)

Patriarchat, Faschismus und Stalinismus

Die ethnologischen Forschungen von Malinowski über die Trobriander Gesellschaft beinhalteten für Reich den Nachweis, dass die autoritäre Kleinfamilie und die damit zusammenhängenden Mechanismen der Sexualunterdrückung nicht in allen Gesellschaften existiert haben und also auch nicht naturnotwendig, sondern gesellschaftlich bedingt sind. Im „Einbruch der Sexualmoral“ versucht Reich herauszuarbeiten, dass ein Zusammenhang besteht zwischen der Herausbildung gesellschaftlicher und ökonomischer Herrschaftsverhältnisse einerseits und der Herausbildung von Sexualunterdrückung und sexueller Zwangsmoral andererseits. Die patriarchalische Struktur der Gesellschaft ist demnach die gemeinsame Wurzel aller triebfeindlichen, repressiven Gesellschaften. In ihnen wurden die ökonomisch begründeten Herrschaftsverhältnisse in der historischen Entwicklung zunehmend dadurch abgesichert, dass sie sich über den Mechanismus der Triebunterdrückung als „Selbstbeherrschung“ in den Charakterstrukturen der Massenindividuen verankerten. Der Panzerung auf individueller Ebene (als Charakter- und Körperpanzer) entspricht also auf der sozialen Ebene das Patriarchat. Das gemeinsame Funktionsprinzip von beiden ist die Unterdrückung natürlicher Triebbedürfnisse.

Vor diesem Hintergrund hat sich Reich zunächst in der „Massenpsychologie des Faschismus“ mit der Frage auseinandergesetzt, warum große Teile der Bevölkerung in der größten Krise des Kapitalismus sich nicht gegen dieses System aufgelehnt, sondern den Faschismus als Massenbewegung getragen haben. Er bringt diese Erscheinung in Zusammenhang mit der charakterstrukturell tief verankerten Freiheitssehnsucht der Massenindividuen bei gleichzeitiger Angst vor einer revolutionären Umwälzung und der Angst vor der Auflehnung gegenüber gesellschaftlichen Autoritäten. Aus dieser unbewussten Angst entspringt die Sehnsucht nach einem starken Führer und einer starken Nation, mit denen sich die durch Triebunterdrückung psychisch gebrochenen Massenindividuen identifizieren und

dadurch ihre eigene Kleinheit kompensieren können. Die Triebunterdrückung, vermittelt durch die weit über das Kleinbürgertum hinaus wirkenden kleinbürgerlichen Lebensformen, insbesondere durch die in der autoritären Kleinfamilie durchgesetzte Sexualfeindlichkeit, interpretiert Reich als einen wesentlichen hemmenden Faktor, der - trotz zugespitzter Krise des Kapitalismus - die Befreiung der Massen aus den Herrschaftsstrukturen blockiert hat.

der Massen aus den Herrschaftsstrukturen blockiert hat. Auch die Frage, warum sich in der Sowjetunion -

Auch die Frage, warum sich in der Sowjetunion - trotz erfolgter Umwälzung in den politischen Machtverhältnissen und in den Eigentumsverhältnissen nach der Oktoberrevolution - die Emanzipation der Massen nicht hat durchsetzen können, bringt Reich in Zusammenhang mit dem Scheitern der „Sexuellen Revolution“. Das Unvorbereitetsein der politischen Führer ebenso wie der Massen auf die Probleme, die sich nach Jahrtausenden sexueller Unterdrückung durch eine Aufhebung sexueller Zwangsmoral ergeben, haben die Durchsetzung sexualreaktionärer Tendenzen möglich gemacht. Auf diese Weise wurden autoritäre charakterliche Strukturen wieder verfestigt und damit massenpsychologisch der Boden bereitet, auf dem sich der Stalinismus entwickeln konnte. Das Scheitern der revolutionären Bewegungen durch Faschismus und Stalinismus wird demnach unter massenpsychologischem Gesichtspunkt auf das Wirken eines beiden Systemen zugrunde liegenden gemeinsamen Funktionsprinzips zurückgeführt: der Verfestigung patriarchalischer Strukturen und sexualfeindlicher Zwangsmoral, die in den Massen charakterstrukturell eine tiefe und unbewusste Angst verankerten, die äußeren Herrschaftsverhältnisse und damit verbunden auch die eigenen Lebensformen radikal umzuwälzen: die Angst vor der Freiheit bei gleichzeitiger tiefer Sehnsucht nach der Freiheit. Ohne eine solche in den Massenindividuen verankerte Struktur hätten sich nach Reich weder Faschismus noch Stalinismus durchsetzen können.

Abb. 7 stellt noch einmal zusammenfassend dar, welche Erscheinungen sich aus dem tieferliegenden gemeinsamen Funktionsprinzip der Triebunterdrückung ergeben: Auf der individuellen Ebene die Panzerung, aus der die unterschiedlichen Formen der Biopathie (Neurosen, Psychosen, psychosomatische Krankheiten) hervorgehen; auf der sozialen Ebene das Patriarchat, das den Erscheinungen des Faschismus ebenso zugrunde liegt wie denen des Stalinismus. (Wegen der gemeinsam zugrunde liegenden Wurzel spricht Reich später von „schwarzem Faschismus“ und „rotem Faschismus“.)

5) Freie Triebentfaltung und Selbstregulierung Der reaktionären These von der individuellen und gesellschaftlichen

5)

Freie Triebentfaltung und Selbstregulierung

Der reaktionären These von der individuellen und gesellschaftlichen Notwendigkeit von Triebverzicht (die auch vom späten Freud und der sich daran orientierenden Psychoanalyse vertreten wurde) hat Reich die revolutionäre These von der prinzipiellen Möglichkeit freier Triebentfaltung entgegengestellt. Während der späte Freud zu der Auffassung kam, dass ein gewisser Triebverzicht notwendige Voraussetzung jeder Kultur sei und dass der „natürliche Destruktionstrieb“ des Menschen durch gesellschaftliche Normen in soziale Bahnen umgelenkt werden müsse, gelangte Reich zu der These, dass die überall durchbrechenden destruktiven Tendenzen Folge der Unterdrückung natürlicher Triebbedürfnisse sind. Er untermauerte diese These zunächst von zwei Seiten her: durch therapeutische Erfahrungen und durch Aufarbeitung entsprechender ethnologischer Forschungen. Auf diese Weise gelang es ihm, der Realität einer auf Triebunterdrückung beruhenden Gesellschaft und durch Triebunterdrückung gepanzerter Individuen konkrete Ansätze einer freien Gesellschaft und freier Individuen entgegenzustellen und damit die wissenschaftliche Grundlage einer konkreten Utopie der Befreiung zu schaffen. Die Entwicklung dieser konkreten Utopie und ihre Ableitung aus dem gemeinsamen Funktionsprinzip freier Triebentfaltung soll im folgenden in groben Zügen nachgezeichnet werden.

a) Individuelle Selbstregulierung: Psychische und körperliche Gesundheit

Die therapeutischen Erfahrungen von Reich auf der Grundlage von Charakteranalyse und Vegetotherapie hatten ergeben, dass unsoziale (z.B. brutale) Verhaltensweisen erst die Folge einer Unterdrückung natürlicher Triebbedürfnisse waren. Im Prozess der allmählichen Auflösung der charakterlichen und körperlichen Panzerungen brachen tatsächlich erst einmal in der Therapie die destruktiven Impulse hervor, die bis dahin nur mühsam und unter großem Energieaufwand hinter der Fassade sozialer Angepasstheit niedergehalten worden waren. Bei gründlicher und noch tieferer Auflösung der Panzerungen, bei Wiedergewinnung der vegetativen Beweglichkeit und Lebendigkeit, stellte sich jedoch regelmäßig heraus, dass die Patienten zu ihrer Lebensgestaltung keiner äußeren Zwangsmoral bedurften (die sie nur krank gemacht

hatte), sondern im Gegenteil immer mehr aus sich heraus eine neue und gesundere Lebensorientierung fanden. Das freie Strömen der sexuellen Energien in einem nicht chronisch gepanzerten Organismus („Orgastische Potenz“) bildete demnach die Grundlage dessen, was Reich als „charakterliche Selbstregulierung“ bezeichnet hat und was für ihn Ausdruck psychischer Gesundheit war. Auf der körperlichen Ebene findet dies seinen Ausdruck in körperlicher Gesundheit (Abb. 8).

dies seinen Ausdruck in körperlicher Gesundheit (Abb. 8). Das Prinzip der individuellen Selbstregulierung auf der

Das Prinzip der individuellen Selbstregulierung auf der Grundlage orgastischer Potenz bildet sozusagen das gesunde Gegenstück zur individuellen Panzerung, die nach Reich immer mit orgastischer Impotenz einhergeht. Die Forschungen von Malinowski über die Trobiander-Gesellschaft haben Reichs These von der prinzipiellen Möglichkeit individueller Entwicklung und sozialen Zusammenlebens auf der Grundlage freier sexueller Entfaltung von der ethnologischen Seite her untermauert. Das Resultat freier Triebentfaltung ist demnach nicht - wie von konservativer und reaktionärer Ideologie immer wieder behauptet - ein soziales Chaos, sondern umgekehrt ein gesellschaftliches Zusammenleben ohne biopathische Massenerkrankung, d.h. ohne Neurosen, Psychosen, psychosomatische Krankheiten und ohne Brutalität.

b) Soziale Selbstregulierung: Arbeitsdemokratie und Matriarchat

So wie Reich auf der individuellen Ebene die charakterliche und körperliche Selbstregulierung als gesundes Gegenstück zur individuellen Panzerung entdeckt hat, so ergibt sich für ihn auf gesellschaftlicher Ebene eine soziale Selbstregulierung, die ohne Zwangsmoral und ohne autoritäre gesellschaftliche Strukturen auskommt, als gesundes Gegenstück zur patriarchalischen und zwangsmoralisch abgesicherten Herrschaftsstruktur. Für die soziale Selbstregulierung, die sich in einer nicht-patriarchalischen (d.h. matriarchalischen) und sexualbejahenden Gesellschaft ergeben würde, hat er den Begriff „Arbeitsdemokratie“ geprägt. - Abb. 9a stellt noch einmal die freie Triebentfaltung als das gemeinsame Funktionsprinzip der individuellen wie der sozialen Selbstregulierung dar.

6)

Die Bedeutung der individuellen und sozialen Sexualökonomie

Ob sich in einer Gesellschaft bzw. den Individuen Erscheinungen entwickeln, wie sie in Abb. 7 aus der Triebunterdrückung abgeleitet sind oder solche, wie sie in Abb. 9a auf die freie Triebentfaltung zurückgeführt werden, hängt also von der individuellen bzw.

sozialen Sexualökonomie, d.h. von der individuellen bzw. gesellschaftlichen

d.h. von der individuellen bzw. gesellschaftlichen Regulierung der natürlichen Triebenergie ab. Insofern ist

Regulierung der natürlichen Triebenergie ab. Insofern ist die gemeinsame Wurzel aller dieser unterschiedlichen Erscheinungen eine energetische: Der Unterschied ergibt sich daraus, ob die im Menschen wirkende natürliche Triebenergie sich frei entfalten kann oder ob sie in ihrer Entfaltung unterdrückt wird. Abb. 9b stellt das Zurückführen der unterschiedlichen Erscheinungen auf diese gemeinsame energetische Grundfunktion dar.

auf diese gemeinsame energetische Grundfunktion dar. Solange Reich noch keine genauere Vorstellung über das

Solange Reich noch keine genauere Vorstellung über das Wesen der Triebenergie hatte, bezeichnete er seine Forschungsmethode zunächst als „energetischen Funktionalismus“, was nichts anderes meint als das Zurückführen unterschiedlicher Erscheinungen auf immer tieferliegende gemeinsame Grundfunktionen der Triebenergie. Nachdem er die Funktionsgesetze der Triebenergie aufgedeckt und ihr den Namen „Orgonenergie“ gegeben hatte, nannte er seine Forschungsmethode entsprechend „Orgonomischer Funktionalismus“.

7)

Naturwissenschaftliche Erforschung der Triebenergie

a) Funktionelle Identität von Lust und Angst

Die Erkenntnis von der fundamentalen Bedeutung der Triebenergie führte Reich immer tiefer in die naturwissenschaftliche Erforschung dieser Energie. In seinen Experimenten über die elektrische Funktion von Sexualität und Angst Mitte der 30er Jahre fand er heraus, dass Lust verbunden ist mit einem Strömen der Körperflüssigkeit an die Körperoberfläche und in die Genitalien bei gleichzeitigem Anstieg der elektrischen Spannung in diesen Bereichen. Angst geht umgekehrt einher mit einem Strömen der Flüssigkeit ins Innere des Körpers und mit einem Abfallen der elektrischen Spannung an der Körperoberfläche. Auf diese Weise ließ sich experimentell untermauern, was Reich schon vorher in seiner charakteranalytischen Praxis herausgearbeitet hatte: Dass die orgastische Erlebnisfähigkeit nur dann gegeben ist, wenn zu dem Strömen der Körperflüssigkeit in die Genitalien (die zur Erektion führt) eine energetische Aufladung hinzukommt. Ohne eine solche energetische Aufladung der Haut und speziell der Genitalien werden - selbst bei erektiver Potenz - keine Erregungen empfunden und bringt der „Orgasmus“ entsprechend keine (oder nur eine sehr geringe) energetische Entladung mit sich („orgastische Impotenz“). Die schon früher von Reich entwickelte „Orgasmusformel“

„mechanische Spannung - energetische Aufladung – energetische Entladung - mechanische Entspannung“

fand darin eine experimentelle Bestätigung. Die Beobachtung, dass Lust funktionell identisch ist mit Expansion und energetischer Aufladung und Angst mit Kontraktion und Spannungsabfall an der Körperoberfläche, ließ Reich vermuten, dass es sich hierbei um ein allgemeines Funktionsprinzip des Lebendigen handeln könnte. Sie bildete den Einstieg in seine Untersuchung von Einzellern, bei denen er funktionell identische Prozesse von Expansion und Kontraktion sowie von chronischer Panzerung als Folge bestimmter Reize beobachtete.

b) Pulsation und Erstarrung

Die plasmatische und energetische Pulsation bildet demnach ein allgemeines Funktionsprinzip des Lebendigen und damit aller seiner unterschiedlichen Erscheinungsformen. In der Blockierung der Pulsation liegt entsprechend das allgemeine Funktionsprinzip aller bioenergetischen Störungen des Lebendigen („Biopathien“) (Abb. 10).

c) Bione - Übergang zwischen Nicht-Leben und Leben

Die Entdeckung, dass Einzeller nicht nur aus der Teilung schon lebender Zellen hervorgehen, sondern sich auch aus den Zerfallsprodukten faulenden Gewebes und sogar toter Substanzen spontan organisieren können, brachte für Reich den Durchbruch in der Aufdeckung noch tieferliegender Funktionsprinzipien der Natur. Die „Bione“ als bläschenartige, energiegeladene und pulsierende Zerfallsprodukte und als energetische Grundlage für die Entstehung neuen Lebens ergaben sich als

verbindende gemeinsame Wurzel der lebenden und der nicht-lebenden Substanz (Abb. 11). Die von der herrschenden Naturwissenschaft vorgenommene Trennung in belebte und unbelebte Natur wurde mit der Entdeckung der Bione, die Reich als fließende Übergänge zwischen Leben und Nicht-Leben und als elementarste stoffliche Träger der biologischen Energie interpretierte, aufgehoben.

der biologischen Energie interpretierte, aufgehoben. Aus der Erforschung der Bione und ihrer verschiedenen

Aus der Erforschung der Bione und ihrer verschiedenen Übergangsformen ließen sich u.a. wesentliche Kriterien für eine Unterscheidung zwischen Leben und Nicht-Leben gewinnen: Während die bläschenartigen Zerfallsprodukte zunächst innerlich unbewegt sind, entwickeln sie mit zunehmender Verschmelzung zu größeren Gebilden allmählich eine innere Bewegung bzw. Pulsation, die begleitet ist vom Auftreten energetischer Strahlungsphänomene. Pulsation und bioenergetische Strahlung sind demnach untrennbar miteinander verbunden. Abb. 12 stellt den Zerfallsprozess und den Prozess der Neuorganisation noch einmal schematisch dar.

den Prozess der Neuorganisation noch einmal schematisch dar. Der Unterschied zwischen Leben und Nicht-Leben liegt also

Der Unterschied zwischen Leben und Nicht-Leben liegt also nicht in erster Linie im Unterschied der stofflichen Substanz begründet, sondern im Funktionieren oder Nicht- Funktionieren der biologischen Energie und der damit untrennbar verbundenen Pulsation in einem Organismus. (Im Zusammenhang mit dieser Entdeckung nannte Reich diese Energie erstmals „Orgonenergie“.)

d) Der Doppelcharakter des Lebendi gen: Die Entdeckung der Orgonenergie Aus dem Studium der Bione

d) Der Doppelcharakter des Lebendigen: Die Entdeckung der Orgonenergie

Aus dem Studium der Bione hat Reich demnach die Grundlagen gewonnen für die Entdeckung des Doppelcharakters des Lebendigen, d.h. für die Tatsache, dass lebendige Prozesse immer eine Einheit von stofflicher Substanz und bioenergetischen Antrieb bilden. Darüber hinaus gelang ihm in diesem Zusammenhang die Aufdeckung weiterer wesentlicher Funktionsgesetze der Orgonenergie: Eine Beobachtung bestand darin, dass die über die stoffliche Hülle der Bione hinausgehenden Orgonenergiefelder sich bei Annäherung der Bione wechselseitig erregten und zu einer verstärkten Anziehung der Bione führten, bis hin zur Verschmelzung zu einer größeren Einheit. Daran zeigte sich, dass sich zwischen zwei „orgonotischen Systemen“ ein orgonotischer Kontakt aufbauen konnte, ohne dass sich die Systeme in ihrer stofflichen Hülle berühren mussten (Abb. 13).

in ihrer stofflichen Hülle berühren mussten (Abb. 13). Wenn die in den Bionen wirkende Orgonenergie das

Wenn die in den Bionen wirkende Orgonenergie das gemeinsame Funktionsprinzip aller lebenden Organismen ist, dann wirken diese Funktionsgesetze entsprechend auch in und zwischen allen Lebewesen. Von daher wird die sexuelle Anziehungskraft oder der emotionelle Kontakt zwischen Menschen von einer tieferen - orgonenergetischen - Ebene her verständlich. Es wird weiter verständlich, dass dieser Kontakt in dem Masse gestört ist, wie sich der Einzelne gegen das freie Strömen und Pulsieren dieser Energie im Organismus durch charakterliche und körperliche Panzerungen blockiert hat. Schließlich wird verständlich, warum allein der mechanische Körperkontakt (z.B. Streicheln, Küssen, Zusammen-Schlafen) nicht unbedingt zur sexuellen Erregung führt, wenn nicht ein orgonotischer Kontakt hinzu kommt. Die Entdeckung des orgonotischen Kontakts als Voraussetzung wechselseitiger

Erregung bedeutet demnach eine noch tiefere Untermauerung der Unterscheidung zwischen orgastischer Potenz und orgastischer Impotenz. Sie lässt auf einer tieferen energetischen Ebene verständlich werden, warum der emotionale Kontakt z.B. zwischen Mutter und Kind beim Stillen Voraussetzung einer gesunden Entwicklung des Kindes ist und warum dieser Kontakt um so mehr gestört ist, je mehr die Mutter körperlich - vor allem im Brustsegment - gepanzert ist. Entsprechendes gilt für die Bedeutung des Augenkontakt oder auch des Kontakts über die Hände beim Streicheln. Das gilt darüber hinaus ganz allgemein für die gesamte emotionelle Ausstrahlung, d.h. die mehr oder weniger blockierte Lebendigkeit, mit der ein Kind in seiner sozialen Umgebung konfrontiert wird. Je weniger lebendig die soziale und natürliche Umwelt eines Kindes, um so weniger können sich orgonotische Kontakte aufbauen und um so mehr entwickeln sich gegenüber dieser lustfeindlichen Umwelt Rückzugstendenzen, die sich in Form charakterlicher und körperlicher Panzerungen verankern und zu Störungen der natürlichen bioenergetischen Funktionen des Organismus führen.

e) Das orgonomische Potentialgesetz

Ein weiteres energetisches Funktionsprinzip, das Reich bei der Erforschung der Bione entdeckt hat, ist das „orgonomische Potentialgesetz“: Kommen zwei orgonotische System mit unterschiedlichem Energiepotential in Kontakt miteinander, so entsteht ein Energiefluss vom schwächeren zum stärkeren System (Abb.14):

vom schwächeren zum stärkeren System (Abb.14): Das stärkere System entzieht dem schwächeren Energie.

Das stärkere System entzieht dem schwächeren Energie. Anders als alle bis dahin bekannten Energieformen unterliegt die Orgonenergie demnach einem Funktionsgesetz, bei dem sich bestehende Potentialunterschiede in der Tendenz nicht ausgleichen, sondern umgekehrt - bis zu einem bestimmten Sättigungsgrad hin - ver- stärken. Erst jenseits des Sättigungsgrads kommt es zu Entladungsvorgängen, die die aufgebauten Potentialdifferenzen tendenziell wieder abbauen. Die Entdeckung dieses Funktionsprinzips wurde für Reich fundamental u.a. für das energetische Verständnis der Immunabwehr und der Krebskrankheit. Die Blutkörperchen sind in seiner Auffassung ebenfalls orgonotische Systeme. Sind sie orgonotisch stark geladen, dann sind sie in der Lage, orgonenergetisch schwächeren Fremdkörpern (z.B. Bazillen) die Energie zu entziehen und sie auf diese Weise abzutöten, noch ehe sie sich im Körper in einem bedrohlichen Ausmaß vermehren. Orgonotisch schwach geladene Blutkörperchen können hingegen den Fremdkörpern keine ausreichende energetische Abwehr entgegensetzen. Nach Reich ist aber die

orgonotische Stärke des Blutes ein Ausdruck der bioenergetischen Stärke des Gesamtorganismus, die zusammenhängt mit dem Grad und der Struktur der charakterlichen und körperlichen Panzerung. Je stärker die emotionale Blockierung, um so schwächer also auch das Immunabwehrsystem des Körpers gegenüber äußeren Krankheitserregern, aber auch gegenüber Krankheitserregern, die aus inneren Zerfallsprozessen des Organismus heraus entstehen, wie die von Reich entdeckten T- Bazillen, denen er entscheidende Bedeutung für die Entstehung von Krebs beimisst.

8)

Funktionelles Verständnis der Krebskrankheit

Die Beobachtung, dass energetisch starke Bione bzw. Blutkörperchen den T-Bazillen die Energie entziehen und sie abtöten, während die T-Bazillen in energetisch schwachem Blut überleben und sich stark vermehren, wurde für Reich zur entscheidenden experimentellen Grundlage für die Entschlüsselung der Krebskrankheit. Am Beispiel der Reichschen Krebsforschung wird besonders deutlich, wie fruchtbar die Herausarbeitung tieferliegender gemeinsamer energetischer Funktionsprinzipien bei der Erforschung unterschiedlicher Gebiete sein kann. Die Beobachtungen, die Reich im Zusammenhang mit den Bion-Experimenten beim Zerfall faulenden, d.h. auch bioenergetisch geschwächten Gewebes gemacht hatte, bildeten für ihn die Grundlage für das Verständnis von Zerfallsprozessen in bioenergetisch geschwächtem Gewebe. Reich kam es weniger auf die Unterschiede zwischen pflanzlichem und tierischem Gewebe an als vielmehr auf das gemeinsame Funktionsprinzip, das beiden Bereichen zugrunde liegt: So wie sich beim Zerfall pflanzlichen Gewebes aus den Zer- fallsprodukten neue Einzeller bilden, die sich aus dem Gesamtverband des ursprünglichen Organismus herausgelöst haben und stürmisch vermehren, so interpretiert Reich die Krebszellen als Ergebnis des bionösen Zerfalls von bioenergetisch geschwächtem tierischem Gewebe. Auch sie sind aus der Gesamtfunktion des Organismus herausgelöst und vermehren sich schnell. Ein Unterschied liegt darin, dass die Krebszellen in der stofflichen Hülle des Organismus eingebunden bleiben und durch ihre stürmische Vermehrung, d.h. durch das Wachstum des Krebsgeschwürs, den Organismus zerstören. (Abb. 15a symbolisiert das gemeinsame Funktionsprinzip der Entstehung von Krebszellen und Einzellern (Amöben).)

der Entstehung von Krebszellen und Einzellern (Amöben).) Sowohl das Verständnis des inneren Zerfallsprozesses aus

Sowohl das Verständnis des inneren Zerfallsprozesses aus bioenergetisch geschwächtem, d.h. auch emotional blockiertem Gewebe als auch das Verständnis der geschwächten Immunabwehr gegenüber den dabei entstehenden T-Bazillen waren nur möglich durch Anwendung der funktionellen Forschungsmethode. Indem der Zerfall

pflanzlichen Gewebes und der Zerfall tierischen Gewebes auf gemeinsame energetische Funktionsprinzipien zurückgeführt wurden, konnten die beim Zerfall pflanzlichen Gewebes (in der Bionforschung) aufgedeckten energetischen Funktionsge- setze entsprechend übertragen werden auf den Zerfall tierischen Gewebes (in der Krebsforschung). Auf diese Weise konnte ein Verständnis der Entstehung von Krebszellen entwickelt werden, obwohl beim lebenden Menschen der Zerfallsprozess absterbender Gewebe ebenso wie die Bildung von Krebszellen einer unmittelbaren mikroskopischen Beobachtung nicht zugänglich sind. Zur Erläuterung seiner Forschungsmethode schreibt Reich in diesem Zusammenhang:

„Bei der Erforschung der Krebsbiopathie gewann die funktionelle Betrachtungsweise eine wertvolle Bestätigung. Eine Krebszelle im tierischen Gewebe ist sehr verschieden von einer Amöbe im Grasaufguss. Die mechanistische Krebsforschung behauptet, die Amöbe stamme aus Keimen in der Luft und die Herkunft der Krebszelle kenne man nicht. „Amöbe“ und „Krebszelle“ blieben derart zwei scharf unterschiedene Bereiche, beide ohne Anfang und ohne Ende oder Übergang zu anderen Bereichen. Dem orgonomischen Funktionalismus dagegen bot sich ein reiches Feld der Forschung beim Vergleich von Krebszelle und Amöbe dar. Die Gemeinsamkeiten sind weit reicher als die Unterschiede. Krebszelle und Amöbe entwickeln sich durch natürliche Organisation aus Bionen oder Energiebläschen. Die Krebszelle ist die Amöbe des tierischen, und die Amöbe ist die Krebszelle des pflanzlichen Gewebes. Durch die Verknüpfung von Amöbe und Krebszelle im lebendigen Gewebe, das durch Degeneration in Bione zerfällt, ist eine funktionelle Beziehung hergestellt, die der Erforschung der Krebszelle, und damit der Krebserkrankung, die vorher verschlossenen Türen weit öffnet.“ (*9)

Die genaue Erforschung der Zerfallsprozesse faulenden pflanzlichen Gewebes und die Zurückführung auf eine tieferliegende Wurzel des energetischen Funktionierens hat es für Reich also ermöglicht, aus dieser Wurzel heraus einen anderen, auf dem gleichen energetischen Funktionsprinzip beruhenden Prozess zu verstehen, selbst wenn dieser - wie bei der Bildung der Krebszelle - einer direkten Beobachtung unzugänglich ist. Abb. 15 b soll die Richtung eines solchen Forschungsprozesses symbolisieren: Zunächst Zurückführen eines Astes auf eine tieferliegende Wurzel, danach aus der Wurzel heraus Erschließen eines neuen Astes, der der gleichen Wurzel entspringt. Ohne Zurückführung der Äste auf ein gemeinsames Funktionsprinzip wäre ein solcher Forschungsprozess nicht möglich. Insbesondere solche Äste, die einer unmittelbaren Beobachtung nicht zugänglich sind, bleiben ohne Anwendung der funktionellen Forschungsmethode einem tieferen Verständnis verschlossen. Aber auch dort, wo unmittelbare Beobachtung möglich ist, bringt die Zurückführung auf tieferliegende gemeinsame Funktionsprinzipien eine zunehmende Vereinfachung im Verständnis der daraus abgeleiteten Erscheinungen anstelle einer immer größeren Komplizierung. Vielleicht ist durch die vorangegangenen Ausführungen etwas deutlicher geworden, was Reich mit den eingangs zitierten Formulierungen meint, wenn er von der Verknüpfung zweier Funktionen über ein drittes und gemeinsames Funktionsprinzip schreibt:

„1. Sämtliche existierenden Funktionen werden im Fortschritt der Erkenntnis einfacher, und nicht komplizierter 2. Mit dem Verknüpfen im gemeinsamen Funktionsprinzip ergibt sich automatisch eine Forschungsrichtung, die nach Erkenntnis noch einfacherer und noch umfassenderer Funktionsprinzipien drängt.“

9)

Atmosphärische Orgonenergie und Orgon-Akkumulator

Wir sind in der Nachzeichnung dieses Forschungsprozesses schon relativ weit fortgeschritten. Und dennoch bildeten die bis dahin geleisteten Forschungen nur die Grundlage für die Aufdeckung noch tieferliegender Funktionszusammenhänge der Natur, bei der schließlich auch die Abgrenzung zwischen belebter und unbelebter Natur immer mehr überwunden wurde und sich das gesamte Naturgeschehen immer mehr aus einheitlichen orgonenergetischen Grundfunktionen heraus verstehen ließ. Ich will diesen Forschungsprozess unter methodischem Gesichtspunkt weiter skizzieren:

Die Bion-Forschung war für Reich nicht nur die gemeinsame Wurzel für das Verständnis von Zerfallsprozessen pflanzlicher und tierischer Gewebe bzw. von Zerfallsprozessen toter Substanzen und der daraus entstehenden Bildung neuen Lebens („Biogenese“). Sie bildete darüber hinaus den Einstieg in die Entdeckung der Orgonenergie in der Atmosphäre, d.h. einer Energie, die zwar identisch ist mit der in lebenden Organismen wirkenden und von den Bionen ausgestrahlten Triebenergie, die aber auch ohne die stoffliche Hülle eines lebenden Organismus existiert und den gesamten Raum in unterschiedlicher und wechselnder Konzentration ausfüllt (atmo- sphärische bzw. kosmische Orgonenergie). Die Entdeckung der atmosphärischen Orgonenergie war Reich dadurch gelungen, dass er versucht hatte, die von den SAPA- Bionen ausgehende Strahlung in Metallkästen zu isolieren und genauer auf ihre physikalischen Eigenschaften hin zu untersuchen. (SAPA-Bione waren solche, die als Zerfallsprodukte aus dem Glühen und anschließenden Quellen von Sandkörnern entstanden und eine besonders hohe Strahlungsintensität besaßen.) Dabei fielen ihm im Dunkelraum bestimmte energetische Erscheinungen auf, die sich u.a. in bestimmten und für ihn mit der traditionellen Physik unerklärlichen Leuchterscheinungen zeigten. Neben bläulich leuchtenden Schwaden, die sich strömend durch den Raum bewegten, entdeckte er in ihrer Intensität pulsierende Lichtpunkte, die sich auf einer sogenannten „Kreiselwelle“ bewegten (Abb. 16). (Die Form der Kreiselwelle sollte sich später als die Grundbewegung der Orgonenergie und der von ihr bewegten Materie herausstellen.)

und der von ihr bewegten Materie herausstellen.) Das Erstaunliche war, dass sich diese Leuchterscheinungen -

Das Erstaunliche war, dass sich diese Leuchterscheinungen - wenngleich schwächer - auch innerhalb von Metallkästen ohne SAPA-Bion-Präparate ergaben, nicht aber innerhalb von Kästen mit Isolatorwänden. Bestanden die Wände aus wechselnden Schichten von Isolator und Metall (mit der innersten Schicht aus Metall und der äußersten aus Isolator), so wurden die Leuchterscheinungen um so stärker, je mehr wechselnde Schichten verwendet wurden. Mit diesen Beobachtungen war das Prinzip des Orgon-Akkumulators entdeckt. Die gleiche Energie, die von SAPA-Bionen ausgestrahlt wurde und die identisch war mit der in lebenden Organismen wirkenden Triebenergie, ließ sich mit Hilfe des Orgon-

Akkumulators aus der Atmosphäre in stofflich ungebundener Form und unabhängig und außerhalb von lebenden Organismen konzentrieren. Spätere Untersuchungen mit der VACOR-Röhre (einer mit konzentrierter Orgonenergie angefüllten Vacuum-Röhre) zeigten, dass diese Energie auch unter Vakuumbedingungen vorhanden ist, woraus Reich den Schluss ableitete, dass nicht nur die Atmosphäre, sondern der gesamte Kosmos mit dieser Energie angefüllt sein könnte. Waren im Rahmen der Bion-Forschung die Funktionsgesetze der Orgonenergie innerhalb lebender Organismen (bzw. deren Vorformen) erforscht worden („Biophysik“), so ging es jetzt um das Erforschen der physikalischen Gesetzmäßigkeiten der Orgonenergie, die auch im Bereich der unbelebten Natur wirkt. Dabei ergab sich u.a., dass die Orgonenergie auch in stofflich bzw. plasmatisch ungebundener Form einer inneren Pulsation unterliegt, die lediglich innerhalb der stofflichen Hülle der Bione bzw. des Zellplasmas einen sichtbaren Bewegungsausdruck annimmt. Es zeigte sich weiterhin, dass auch bei der atmosphärischen Orgonenergie bis zu einer gewissen Sättigungsgrenze hin die Energie vom schwächeren zum stärkeren System hin fließt, dass sich also Potentialunterschiede verstärken. Das höhere Orgonpotential innerhalb eines Orgon-Akkumulators erklärt Reich u.a. mit dem orgonomischen Potentialgesetz:

Durch die Materialanordnung Isolator - Metall würde der Isolator sich mit Orgonenergie aus der Atmosphäre aufladen und das Metall die Energie in den Innenraum abstrahlen und dort ein gegenüber der Umgebung höheres Orgonpotential aufbauen. Der so entstandene Potentialunterschied entwickle dann aus sich heraus die Tendenz, sich bis zu einer bestimmten Sättigungsgrenze hin zu vergrößern. So wie die Bione bzw. die lebenden Organismen innerhalb ihrer stofflich-plasmatischen Hülle ein gegenüber der Umgebung höheres Orgonpotential aufbauen, so akkumuliert der Orgon-Akkumulator die gleiche kosmische Orgonenergie in plasmatisch ungebundener Form. Bione und Orgon-Akkumulator funktionieren demnach auf der Grundlage eines gemeinsamen Funktionsprinzips: der Akkumulation von Orgonenergie aus einem alle Materie durchdringenden und allen Raum ausfüllenden „Meer von Energie“: aus der kosmischen Orgonenergie (Abb. 17).

von Energie“: aus der kosmischen Orgonenergie (Abb. 17). 10) Radioaktivität und Übererregung von Orgonenergie

10)

Radioaktivität und Übererregung von Orgonenergie (ORANUR)

Die Entdeckung des Orgon-Akkumulators eröffnete die Möglichkeit, bioenergetisch geschwächte und deshalb kranke Organismen einer Bestrahlung mit konzentrierter atmosphärischer Orgonenergie auszusetzen. Während die charakteranalytischen und vegetotherapeutischen Erfahrungen es erlaubten, einen Zusammenhang zwischen der Struktur der Panzerung, der bioenergetischen Konstitution des Patienten und dem

Krankheitsbild herzustellen, war durch die Bion-Experimente die Grundlage geschaffen, um die bioenergetische Stärke des Blutes festzustellen (Reichscher Bluttest). Dadurch war es möglich, die Wirkung konzentrierter Orgonbestrahlung nicht nur anhand der Veränderung des Blutes zu verfolgen, sondern die teilweise spektakulären Heilerfolge aus dem dargestellten Zusammenhang heraus verständlich werden zu lassen. Ohne Kenntnis dieser Zusammenhänge hätten die Heilerfolge unverstanden bleiben müssen und wären allenfalls als „Wunderheilungen“ eingestuft worden. Die lebenspositiven Wirkungen, die sich in vielen Fällen bei Bestrahlung mit konzentrierter Orgonenergie ergaben, bildeten schließlich den Hintergrund für Reichs Hypothese, dass sich möglicherweise mit Orgonenergie die gesundheitsschädlichen Wirkungen radioaktiver Strahlung neutralisieren lassen. In dem dazu durchgeführten ORANUR-Experiment ergaben sich jedoch ganz unerwartete Zusammenhänge: Unter dem Einfluss geringer radioaktiver Strahlung geriet hochkonzentrierte Orgonenergie in einen Zustand hochgradiger Erregung („ORANUR-Effekt“), der - ausgehend vom Inneren des Orgon-Akkumulators - übergriff auf die atmosphärische Orgonenergie in der Umgebung. Die dabei auftretenden Krankheiten bei sich und seinen Mitarbeitern - so unterschiedlich die Krankheitsbilder im einzelnen waren - interpretierte Reich als Ausdruck eines gemeinsamen Funktionsprinzips: der Übererregung der organismischen Orgonenergie als Folge der Übererregung atmosphärischer Orgonenergie durch radioaktive Strahlung. Je nach Struktur der individuellen Panzerung wirke sich diese Übererregung bei den einzelnen Individuen unterschiedlich aus und treibe die Krankheitssymptome an der jeweils schwächsten Stelle des Organismus hervor. Durch das ORANUR-Experiment und die ihm zugrundeliegende funktionelle Forschungsmethode wurde ein grundlegender Zusammenhang zwischen radioaktiver Strahlung und Krankheit aufgedeckt: Über die bekannten schädlichen Wirkungen der radioaktiven Strahlung hinaus ergibt sich durch den ORANUR-Effekt eine Störung lebendiger Funktionen, gegen die es keinen wirksamen Strahlenschutz geben kann, weil nach Reich Orgonenergie (auch in ihrer Erscheinungsform als ORANUR) alle Materie durchdringt. Da sich der ORANUR-Effekt auch bei radioaktiver Niedrigststrahlung ergab, dürfte hierin eine funktionelle Erklärung für den von der herrschenden Wissenschaft bis heute geleugneten Zusammenhang zwischen radioaktiver Niedrigstrahlung und Krankheit liegen.

Abb. 18 will die gemeinsame Verwurzelung der Organismen und der Atmosphäre in den zugrundeliegenden energetischen Prozessen noch einmal darstellen: Die kosmische Orgonenergie (C)OR kann demnach zwei unterschiedliche Zustände (mit fließenden Übergängen) annehmen: den Zustand der natürlichen Pulsation (P)OR und den Zustand der Übererregung, den Reich ORANUR-Effekt nannte (*10). Eine Veränderung im Zustand der kosmischen Orgonenergie wirkt sich demnach sowohl auf die Atmosphäre als auch auf die darin lebenden Organismen aus. Die Bedeutung der Orgonenergie für das lebendige Funktionieren von Organismen hatte Reich bereits grundlegend erforscht. Die Bedeutung dieser Energie für die Regulierung atmosphärischer und klimatischer Prozesse sollte sich durch seine folgenden Forschungen immer mehr erschließen.

11) Radioaktivität und Erstarrung von Orgonenergie (DOR) Durch die Auswirkungen des ORANUR-Exper iments war für

11)

Radioaktivität und Erstarrung von Orgonenergie (DOR)

Durch die Auswirkungen des ORANUR-Experiments war für Reich deutlich geworden, dass zwischen den Bedingungen der atmosphärischen Orgonenergie und dem Wetter ein Zusammenhang bestehen könnte. Erste Anhaltspunkte dafür hatten sich schon in seinen früheren Forschungen ergeben, insbesondere im Zusammenhang mit der Untersuchung der physikalischen Eigenschaften des Orgon-Akkumulators. Dort hatte sich gezeigt, dass die objektiven Messwerte (Temperaturdifferenz zwischen innen und außen, verzögerte Entladungsgeschwindigkeit des Elektroskops im Akkumulator) bei ein und demselben Akkumulator bestimmten Schwankungen unterlagen, die ihrerseits den Wetterveränderungen jeweils um einige Zeit vorausgingen. Im Gefolge des ORANUR-Experiments hatten sich außerdem in der Umgebung des Laboratoriums auffällige Veränderungen des Klimas ergeben: Nach anfänglicher Übererregung der atmosphärischen Orgonenergie stellte sich ein Zustand ein, den Reich als Ausdruck einer tendenziellen Erstarrung der Atmosphäre und der in ihr lebenden Organismen beschrieb und dem er später den Namen DOR (= Deadly ORgone) gab.

und dem er später den Namen DOR (= Deadly ORgone) gab. Die kosmische Orgonenergie (C)OR könnte

Die kosmische Orgonenergie (C)OR könnte demnach nicht nur zwei, sondern drei unterschiedliche Erscheinungsformen annehmen: die der natürlichen Pulsation (P)OR, die der Übererregung (ORANUR) und die der Erstarrung (DOR). In Abb. 19 sind die

unterschiedlichen Zustände der Energie durch unterschiedliche Schwingungen symbolisiert (*10). Unter Einwirkung von Radioaktivität (symbolisiert durch den Blitz) verwandelt sich die natürliche Pulsation zunächst in ORANUR und später in DOR.

Die Beeinträchtigung der Lebensbedingungen durch die DOR-Atmosphäre in der Umgebung des Laboratoriums in Orgonon/Rangeley/Maine war derart gravierend, dass Reich sich veranlasst sah, einen Versuch zur Veränderung der atmosphärischen Bedingungen zu unternehmen. Für ihn waren die Krankheiten, die sich im Zusammenhang mit dem Auftreten der DOR-Atmosphäre ergeben hatten und die wiederum die unterschiedlichsten Krankheitsbilder hervorbrachten, Ausdruck eines gemeinsamen Funktionsprinzips: der energetischen Erstarrung der Atmosphäre und der davon ausgehenden tendenziellen Erstarrung der plasmatischen Pulsation lebender Organismen, d.h. beim Menschen zunehmender charakterlicher und körperlicher Erstarrung.

12)

Atmosphärische Orgonenergie und klimatische Prozesse

a) Auflösung der atmosphärischen Erstarrung

Bei dem Versuch, die energetische Erstarrung der Atmosphäre wieder aufzulösen und dadurch die ökologischen Lebensbedingungen wieder erträglich zu machen, kamen Reich einige frühere Beobachtungen zugute: Einmal die Beobachtung, dass Orgonenergie sich innerhalb von metallumbauten Räumen (also auch in Metallrohren) akkumuliert; zum andern die Beobachtung, dass zwischen Orgonenergie und Wasser eine relativ starke Anziehungskraft besteht. Die in einem Metallrohr konzentrierte Orgonenergie müsste sich demnach - durch eine Verbindung des Metallrohrs mit Wasser - in Richtung des Wassers anziehen lassen. Dadurch könnte ein gerichteter Energiefluss entstehen, der sich über die Länge des offenen Rohrs hinaus in der Atmosphäre fortsetzt und die erstarrte atmosphärische Energie wieder in Bewegung bringt. Diese Überlegungen bildeten die Grundlage für die Konstruktion des „cloudbusters“ (=Wolkenbrecher), einer Anordnung mehrerer meterlanger paralleler Metallrohre, die über Metallschläuche mit Wasser verbunden waren. Tatsächlich ließ sich mit diesem Gerät innerhalb kurzer Zeit die unerträgliche atmosphärische Erstarrung auflösen und die klimatische Selbstregulierung wiederherstellen. Die verblüffenden Ergebnisse dieses Versuchs bedeuteten eine weitere Bestätigung für die Fruchtbarkeit der funktionellen Forschungsmethode, mit der sich immer wieder neue Bereiche erschließen lassen, sofern die darin wirkenden Funktionen aus tieferliegenden gemeinsamen energetischen Funktionsprinzipien abgeleitet und verstanden werden.

Aus der Auflösung der atmosphärischen Erstarrung konnte Reich auch ein funktionelles Verständnis des Smog entwickeln. Smog ergibt sich nach diesem Verständnis dann, wenn in einer energetisch erstarrten Atmosphäre Schadstoffe und Wasserdampf (als Nebel) sich stauen. Smog ist demnach nur verständlich als Einheit aus stofflicher Substanz und energetischer Erstarrung der Atmosphäre. Die gesundheitsschädlichen Wirkungen des Smog bestehen entsprechend nicht nur in der Wirkung der Schadstoff-- Konzentration, sondern darüber hinaus auch in der Wirkung der energetischen

Erstarrung auf die Organismen. Aus dem energetischen Verständnis des Smog ergibt sich auch die Möglichkeit, Smog durch Auflösung der atmosphärisch-energetischen Erstarrung mit Hilfe des cloudbusters zu beseitigen.

b) Wolkenauflösen und Regenmachen

Die erfolgreiche Auflösung der atmosphärischen Erstarrung brachte Reich dazu, die Wirkung des cloudbusters auch bei normalen atmosphärischklimatischen Bedingungen zu testen. Tatsächlich gelang ihm auf diese Weise die Auflösung und die Bildung bzw. Vergrößerung und Verdichtung von Wolken, die Erzeugung von Regen sowie die Auflösung von Nebel. So spektakulär die Reichschen Wetterexperimente erscheinen, so einfach ist das ihnen zugrunde liegende Funktionsprinzip, das durch die For- schungsmethode des „orgonomischen Funktionalismus“ aufgedeckt werden konnte:

Wenn die Orgonkonzentration in der Atmosphäre unterschiedlich ist und wenn zwischen Orgonenergie und Wasser(dampf) eine Anziehungskraft besteht, dann wird verständlich, dass der in der Atmosphäre befindliche Wasserdampf von den Bereichen höherer Orgonkonzentration angezogen und zu Wolken verdichtet wird. Eine Wolke kann entsprechend aufgelöst werden, indem der cloudbuster auf das Zentrum der Wolke gerichtet und auf diese Weise ein Energiesog erzeugt wird, der das gegenüber der Umgebung höhere Orgonpotential abbaut. Dadurch verliert der Bereich, in dem sich vorher der Wasserdampf zu einer Wolke verdichtet hatte, seine besondere Anziehungskraft auf den Wasserdampf. Indem sich der Wasserdampf daraufhin gleichmäßig in der Atmosphäre verteilt, löst sich die Wolke auf. Umgekehrt ließ sich eine Wolke vergrößern und bis zum Abregnen verdichten, indem der bestehende orgonomische Potentialunterschied zwischen Wolke und Umgebung vergrößert wurde. Dies geschah unter bewusster Ausnutzung des orgonomischen Potentialgesetzes, das erstmals an den Bionen entdeckt worden war: Die Erkenntnis, dass Orgonenergie um so mehr vom stärkeren System angezogen wird, je größer der Potentialunterschied zu schwächeren Systemen ist, brachte Reich dazu, den cloudbuster in die nähere Umgebung der Wolke zu richten und von dort Orgonenergie abzusaugen. Auf diese Weise wurde der Potentialunterschied zwischen der Umgebung und der Wolke vergrößert und dadurch der Energiefluss von der Umgebung hin zur Wolke verstärkt. Indem das so vergrößerte Orgonpotential den Wasserdampf stärker anzieht und verdichtet, wächst die Wolke und regnet schließlich ab.

Entsprechend ließen sich bei wolkenfreiem Himmel dadurch Wolken bilden, dass erst einmal - durch häufiges kurzes Energieabsaugen aus wechselnder Richtung - Potentialunterschiede aufgebaut wurden. Auch Bodennebel, den Reich auf eine Gleichverteilung atmosphärischer Orgonenergie bei hoher Luftfeuchtigkeit zurückführte, ließ sich durch den Aufbau von Potentialunterschieden zu Wolken verdichten und dadurch auflösen.

Spätere Wetterexperimente von Reich haben gezeigt, dass sich mit dem cloudbuster die Strömung der atmosphärischen Orgonenergie, die in der Hauptrichtung von West nach Ost fließt, beeinflussen lässt - und als Folge davon die Richtung und Geschwindigkeit des Windes. Wind und Sturm werden von daher interpretiert als Ergebnis der Anziehungskraft, die von der atmosphärischen Orgonenergie auf die

Luftmassen ausgeht und die jede Strömung der atmosphärischen Orgonenergie in eine entsprechende Strömung der Luftmassen umsetzt. (Unabhängig davon können sich Luftmassen selbstverständlich auch als Folge von Temperatureinwirkung bewegen, z.B. als Aufwind.) Klimatische Prozesse sind demnach ebenfalls eine Einheit aus stofflicher Substanz (Luft, Wasserdampf) und orgonenergetischem Antrieb, besitzen also - wie alle lebendigen Prozesse - einen Doppelcharakter.

Abb. 21 stellt noch einmal dar, wie Wind, Wolken bzw. klarer Himmel dem gemeinsamen Funktionsprinzip pulsierender atmosphärischer Orgonenergie entspringen. Der Unterschied liegt im Strömen bzw. Nicht-Strömen sowie in der Gleichverteilung bzw. Ungleichverteilung der Orgonenergie in der Atmosphäre begründet.

der Orgonenergie in der Atmosphäre begründet. Wenn die klimatischen Prozesse in der Atmosphäre und die

Wenn die klimatischen Prozesse in der Atmosphäre und die Lebensprozesse in Organismen auf das gemeinsame Funktionsprinzip der kosmischen Orgonenergie zurückgehen, dann wird auch verständlich, wieso sich Wetterveränderungen in Veränderungen des körperlichen und emotionellen Empfindens niederschlagen.

13)

Kosmische Orgonenergie - gemeinsame Wurzel von Wetter und Emotionen

Da die energetischen Veränderungen in der Atmosphäre den Wetterveränderungen jeweils um einige Zeit vorausgehen, erklärt sich auch die Fähigkeit mancher Menschen, bevorstehende Wetterveränderungen zu fühlen. Vor dem Hintergrund der Entdeckung des Charakter- und Körperpanzers erklärt sich darüber hinaus, wieso die emotionellen und körperlichen Reaktionen auf Wetterveränderungen bei den einzelnen Menschen unterschiedlich sind. Abb. 22 symbolisiert noch einmal die energetische Verwurzelung der Emotionen und des Wetters im gemeinsamen Funktionsprinzip der kosmischen Orgonenergie. Veränderungen in der Pulsation dieser Energie (wie sie in Abb. 19 dargestellt sind) wirken sich damit notwendigerweise sowohl auf das Wetter als auch auf das emotionelle bzw. körperliche Befinden lebender Organismen aus.

14) Energetische Auflösung des Charakterpanzers Nachdem Reich das Auftreten von DOR in der Atmosphäre entdeckt

14)

Energetische Auflösung des Charakterpanzers

Nachdem Reich das Auftreten von DOR in der Atmosphäre entdeckt und die erstarrte Form der Orgonenergie in die pulsierende Form zurückverwandelt hatte, vermutete er einen entsprechenden funktionellen Zusammenhang zwischen pulsierender und erstarrter Orgonenergie im Organismus. Dass dem Charakter- bzw. Körperpanzer vom energetischen Standpunkt her - ebenso wie der atmosphärischen Erstarrung - erstarrte Orgonenergie (DOR) zugrunde liegt, ließ sich schließlich auch experimentell bestätigen:

Indem eine kleine Ausführung des cloudbusters (der sogenannte DOR-buster) auf gepanzerte Stellen des Organismus gerichtet wurde, kam es bei den Patienten zu einer Auflösung der Panzerungen und entsprechend heftigen (und teilweise unkontrollierten und gefährlichen) emotionellen Durchbrüchen. Die aus Triebunterdrückung entstandenen charakterlichen und körperlichen Panzerungen ließen sich demnach als eine Erscheinungsform erstarrter Orgonenergie (DOR) im Organismus verstehen. Die These von der Ableitung erstarrter Triebenergie aus ursprünglich lebendiger Triebenergie und die prinzipielle Möglichkeit, die erstarrte Form der Energie wieder zum Fliessen und Pulsieren zu bringen, konnte damit auf unmittelbar energetischer Ebene weiter untermauert werden.

unmittelbar energetischer Ebene weiter untermauert werden. Die aus der Triebunterdrückung hervorgehende Panzerung der

Die aus der Triebunterdrückung hervorgehende Panzerung der Organismen lässt sich demnach auf das noch tiefer liegende gemeinsame Funktionsprinzip der erstarrten Orgonenergie (DOR) zurückführen, das von Reich erstmals in ihrer Wirkung in der Atmosphäre entdeckt und auf rein energetischer Ebene in die pulsierende Form der Energie (P)OR zurückverwandelt wurde. Die Entdeckung der gemeinsamen energetischen Verwurzelung von Organismen und Atmosphäre im Funktionsprinzip der kosmischen Orgonenergie ermöglicht es, die aus der Erforschung des atmosphärischen DOR gewonnenen Funktionsprinzipien entsprechend auf lebende Organismen und

speziell auf den Menschen zu übertragen. Abb. 23 symbolisiert für dieses Beispiel die Richtung im Vorgehen der funktionellen Forschungsmethode.

15)

Kosmische Orgonenergie - gemeinsames Funktionsprinzip aller Naturprozesse

Die in den vorangegangenen Ausführungen verarbeiteten Forschungsergebnisse von Reich gehen schon um einiges über das hinaus, was Reich bei Abfassung seines Artikels über„ Orgonomischen Funktionalismus“ entdeckt hatte. Sie beinhalten aber bei weitem noch nicht alle Gebiete, die Reich mit dieser Methode erkenntnismässig durchdrungen und in denen er jeweils zu fundamentalen Einsichten gekommen ist. Es sei hier nur angedeutet, dass er unter Anwendung dieser Methode u.a. zu einem orgonenergetischen Verständnis der Entstehung von Wüsten, von Hurrikanen, von Planetenbewegungen, von Galaxien (und der damit verbundenen Entstehung von Materie aus kosmischer Orgonenergie) gekommen ist. Er hat darüber hinaus Ansätze zu einem orgonenergetischen Verständnis der Gravitation entwickelt, die die Grundlage für eine Aufhebung der Gravitation enthalten könnten. Auf diese Forschungen von Reich im einzelnen einzugehen, wird Aufgabe späterer Artikel sein. Die ungeheure Fülle von Erkenntnissen und die Aufdeckung immer tieferer Zusammenhänge des Naturgeschehens war nur möglich geworden durch konsequente Anwendung der funktionellen Forschungsmethode. Sie ließ für Reich gar keine andere Möglichkeit, als die traditionellen Grenzen zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen immer wieder zu durchbrechen und sein Erkenntnisinteresse durch diese starren und künstlichen Grenzen nicht „disziplinieren“ zu lassen. Nur so war es möglich, jenseits der künstlichen Trennungen die verbindenden gemeinsamen Funktionsprinzipien im Naturgeschehen (und im sozialen Geschehen) aufzuspüren und radikal die Wurzeln für die Herrschaft des Erstarrten über das Lebendige aufzudecken. Im Kapitel „Die Werkstätte des Orgonomischen Funktionalismus“ schreibt er zur Fülle seiner Entdeckungen:

„Die Darstellung eines Stücks der Werkstättenarbeit ist im Falle der Orgonomie besonders geboten. Es war immer zuviel, was sich in der Werkstätte abspielte und darbot: Ein Zuviel an Tatsachen, neuen Zusammenhängen, Korrekturen alter und unrichtiger Anschauungen, an Verbindungen der verschiedenen Zweige der naturwissenschaftlichen Spezialforschung. Demzufolge hatte ich mich oft gegen den Vorwurf zu verteidigen, dass ich mich wissenschaftlich nicht beschränkte, dass ich, „zuviel auf einmal“ unternommen hätte. Ich habe nicht zuviel auf einmal unternommen, und ich war nicht wissenschaftlich unbescheiden. Das Zuviel ist von niemandem so schmerzlich empfunden worden wie von mir selbst. Ich bin nicht den Tatsachen nachgegangen, sondern die Tatschen und Zusammenhänge strömten mir in Überfülle zu. Ich hatte Mühe, ihnen aufmerksam zu begegnen und sie säuberlich zu ordnen. Viele, sehr viele Tatsachen von großer Bedeutung gingen dabei verloren. Andere blieben unverstanden. Doch das Wesentliche und Grundsätzliche an der Entdeckung der kosmischen Energie scheint mir gesichert und so weit brauchbar geordnet zu sein, dass andere fortfahren können, am Gerüst zu bauen, das ich nicht vollenden konnte.“ (*11)

IV. Charakterstruktur und Erkenntnisprozess

Je tiefer Reich in der Erforschung des Lebendigen und der unbelebten Natur vordrang, um so mehr setzte er sich mit der Frage auseinander, wieso seine Forschungen von

Anfang an auf eine derartige Ablehnung bzw. Ignorierung gestoßen sind - und dies, obwohl er die Ergebnisse seiner Forschungen veröffentlicht und die verschiedensten Organisationen und Institutionen jeweils direkt davon unterrichtet hatte. Ihn hat auch immer mehr die Frage bewegt, warum die von ihm entdeckten Zusammenhänge nicht schon früher aufgedeckt worden sind bzw. warum sich ähnliche Ansätze in der Geschichte der Wissenschaft nicht haben durchsetzen können.

1)

Erforschung des Orgasmus - Voraussetzung für die Entdeckung der Lebensenergie

In seinem „Orgonomischen Funktionalismus“ kommt Reich zu der These, dass seine Entdeckungen in den verschiedensten Bereichen nur möglich waren auf dem Weg über die grundlegende Erforschung und das grundlegende Verständnis der Funktion des Orgasmus. Und dass es genau dieser Weg war, vor dem die Wissenschaftler aufgrund ihrer eigenen gepanzerten Charakterstruktur und den damit verbundenen Sexualängsten immer wieder zurückgeschreckt sind. Reich schreibt dazu:

„Ich habe in Wirklichkeit nur eine einzige Entdeckung gemacht: Die Funktion der orgastischen Plasmazuckung. Sie stellt den Küstenstrich dar, von dem aus sich alles weitere ergab. Die Überwindung des menschlichen Vorurteils, sich mit der biophysikalischen Emotion zu befassen, die ihn am tiefsten und nachhaltigsten bewegt, war weit schwieriger als die im Vergleich dazu einfache Beobachtung der Bione oder die ebenso einfache und selbstverständliche Tatsache, dass die Krebsbiopathie auf allgemeiner Schrumpfung und Fäulnis des Lebensapparats beruht Als erstaunlich erschien mir stets nicht, dass das Orgon existiert und funktioniert, sondern dass man es im Verlauf von zwanzig Jahrhunderten so gründlich übersah und wegdisputierte, wo es von einzelnen

lebensnahen Forschern gesichtet und beschrieben wurde

Werkstättenarbeit bestand darin, dass ich zu begreifen hatte, weshalb die Menschen im allgemeinen und die Naturforscher im besonderen vor der so grundsätzlichen Erscheinung der orgastischen Zuckung zurückschrecken. Ein weiteres Stück Werkstättenarbeit, die mit viel Schmutz, Staub und Abfallspänen einherging, bestand darin, den bitteren Hass zu merken, zu spüren, zu begreifen und zu überstehen, der sich meiner Orgasmusforschung überall bei Freund und Feind in den Weg stellte. Ich glaube bestimmt, dass die Biogenese, die Ätherfrage, die Lebensfunktion und die, „menschliche Natur“ längst von vielen wissenschaftlichen Arbeitern erobert worden wären, wenn diese Kernfragen der Natur nicht nur einen Zugang gehabt hätten: den über das Problem der orgastischen Plasmazuckung.“ (*12)

Ein sehr wesentliches Stück meiner

2)

Unbefangenheit gegenüber sexuellen Problemen

Das Vordringen zum gemeinsamen Funktionsprinzip aller Neurosen wäre nicht möglich gewesen ohne die Entdeckung, dass alle Neurosen mit einer Störung der orgastischen Potenz einhergehen. Zu dieser Entdeckung konnte Reich nur gelangen durch ein sehr sensibles Eingehen auf die sexuellen Probleme seiner Patienten. Dort, wo sich die meisten Psychoanalytiker mit sehr oberflächlichen Informationen und Eindrücken begnügten, ging Reich bei seinen Patienten in der Besprechung sexueller Fragen bis ins Detail. Nur dadurch konnte ihm auffallen, dass sich z.B. hinter der Fassade einer erektiven Potenz eine mehr oder weniger starke Störung der sexuellen Erlebnisfähigkeit verbergen konnte. Nur dadurch konnte sich auch die Frage entwickeln, was zu einer Erektion hinzukommen muss, damit sie als lustvoll und der Orgasmus als Befriedigung und Entspannung erlebt wird. Alle diese Fragen von Reich hätten sich nicht entwickeln können bzw. wären nicht weiter verfolgt worden, wenn er durch seine eigenen

Sexualängste blockiert gewesen wäre.

3)

Sensibilität gegenüber lebendigen und erstarrten Ausdrucksformen

Diese Fragen bildeten aber den Einstieg in die Entwicklung einer Therapie, die zum Ziel hatte, die Stauungen sexueller Energie und die ihr zugrunde liegenden Verdrängungen aufzulösen. Die Entwicklung der Widerstands- und Charakteranalyse war wiederum nur möglich durch Reichs sehr sensible Wahrnehmung erstarrter Ausdrucksformen bei seinen Patienten. Was anderen aufgrund ihrer eigenen Erstarrung gar nicht als besonderes Problem auffiel, wurde von Reich unmittelbar als eine Störung der leben- digen Ausdrucksfähigkeit empfunden. Die tendenzielle Auflösung charakterlicher und körperlicher Panzerungen bei hunderten von Patienten und die genaue Beobachtung in der Veränderung ihrer emotionellen und körperlichen Ausdrucksfähigkeit sowie ihrer sexuellen Erlebnisfähigkeit gaben Reich immer mehr Anhaltspunkte dafür, wie sich ungepanzertes Lebendiges ausdrücken könnte. Die Entwicklung der Vegetotherapie, die dadurch mögliche Auflösung der körperlichen Panzerungen, die Entdeckung der dabei frei werdenden vegetativen Erregungswellen und schließlich die Entdeckung des Orgasmusreflexes bei Auflösung aller Panzerungen führten immer tiefer hinein in das Verständnis der Ausdrucksformen des Lebendigen. Alle diese Entdeckungen waren nur möglich, indem Reich seine Patienten bei der Wiedergewinnung ihrer lebendigen Ausdrucksmöglichkeiten und bei den damit verbundenen emotionellen Durchbrüchen unterstützte. Hätte er selbst aufgrund eigener Verklemmungen Angst gegenüber diesen Durchbrüchen und Ausdrucksformen entwickelt, so hätte er einen solchen Prozess bei seinen Patienten entweder vorzeitig abgeblockt oder ihn erst gar nicht eingeleitet. Die vegetative Lebendigkeit und Beweglichkeit des Forschers war hier also Voraussetzung für die Freilegung der mehr oder weniger verschütteten Ausdrucksformen des Lebendigen in den Patienten.

4)

Das Ernstnehmen von subjektiven Empfindungen

Für den Forschungsprozess von Reich war darüber hinaus wesentlich, dass er die von den Patienten geäußerten subjektiven Eindrücke und Empfindungen, auch wenn sie sich nicht gleich in ein bekanntes Erklärungsmuster einordnen ließen, sehr ernst nahm. Er deutete sie als Ausdruck einer wenn auch verzerrten Wahrnehmung objektiv vorhandener energetischer Prozesse, deren Wurzel es zu erforschen galt. Wenn die Patienten im Verlauf der Vegetotherapie z.B. immer wieder von aufkommenden und sich verstärkenden Strömungsempfindungen berichteten, die an das Empfinden elektrischer Ströme erinnerten, so war diese Äußerung für Reich ein wichtiger Hinweis auf das Wirken von möglicherweise elektrischer Energie im Zusammenhang mit Emotionen. Das Ernstnehmen dieser subjektiven Empfindungen bildete die Grundlage für seine Experimente über die elektrische Funktion von Sexualität und Angst, bei denen sich die veränderten subjektiven Empfindungen in der entsprechenden Veränderung objektiver Messwerte wiederfanden. Diese Experimente brachten eine weitere objektive Untermauerung der These von der funktionellen Identität bei gleichzeitiger Gegensätzlichkeit von Lust und Angst. Wären die Strömungsempfindungen von vornherein als irreal oder als Einbildung abgetan worden,

so hätte sich aus einer solchen Haltung des Forschers heraus gar nicht die Fragestellung entwickeln können, die schließlich zur Grundlage der Experimente wurde.

5)

Skepsis gegenüber unhinterfragten Erklärungsmustern

Ein weiterer Wesenszug der Reichschen Vorgehensweise bestand darin, dass Reich sich nicht von vornherein mit gängigen Erklärungsmustern zu bestimmten Phänomenen zufrieden gab, wenn er in der Erklärung irgendwelche Lücken, logische Widersprüche oder Ungereimtheiten entdeckte. Auch wenn die Erklärung als allgemein akzeptiert galt, war dies für ihn kein Grund, sie nicht dennoch auf ihre Voraussetzungen, auf ihre innere Logik bzw. auf ihre empirische Untermauerung hin genauer zu überprüfen. Ohne eine solche Haltung wäre ihm niemals die Entdeckung der Biogenese gelungen. Sie war nur dadurch möglich, dass er sich im Zusammenhang mit der Erforschung des Bewegungsausdrucks von Einzellern nicht mit der gängigen Erklärung der Biologen bezüglich der Herkunft der Einzeller abfand. Für ihn war fraglich, ob sich die in Heuaufgüssen tummelnden Einzeller nur aus der Vermehrung schon vorhandenen Lebens gebildet haben können oder ob hier nicht - durch bislang unbekannte Prozesse - neues Leben entstanden war. Diese Frage bildete den Einstieg in die genauere mikroskopische Untersuchung des Zerfallsprozesses von faulendem Gras, in deren Verlauf Reich erstmals auf den bläschenartigen Zerfall von Gewebe stieß und auf die Übergangsformen der „Bione“ als bioenergetisch geladene Vorformen neuen Lebens. Als sich die Bione auch beim Zerfall toter Substanzen feststellen ließen, war der fließende Übergang zwischen Nicht-Leben und Leben aufgedeckt und die von der mechanistischen Wissenschaft vollzogene Trennung zwischen beiden Bereichen aufgehoben.

6)

Organempfindung als Werkzeug der Naturforschung

Bei der Untersuchung der von den Bionen ausgehenden Strahlung hat sich Reich zunächst sehr stark von seinen subjektiven Sinneseindrücken leiten lassen: Die Erfahrung, dass er bei längerer mikroskopischer Beobachtung der Bione immer wieder in starke emotionelle Erregung geriet, sobald die Bione eine Pulsation und ein bläuliches Leuchten annahmen, war für ihn ein deutlicher Hinweis auf das Wirken einer starken Energie, die in Zusammenhang steht mit lebendigen und emotionellen Prozessen. Bei der Beobachtung toter Substanzen hatte sich für Reich eine derartige spontane emotionelle Erregung nicht eingestellt. Die subjektiven Empfindungen waren hier wieder Voraussetzung dafür, dass Reich ein starkes Interesse an der genaueren Untersuchung der Bione und der von ihnen ausgehenden Energie entwickelte. Dass es sich hierbei um lebendige Energie handelte, konnte er nur spüren, weil sich unmittelbar auf der bioenergetischen Ebene und auf der Ebene der plasmatischen Pulsation so etwas wie eine Resonanz zwischen dem Untersuchungsobjekt und dem Organismus des Forschers ergab. Eine solche Resonanz ist nur dann möglich, wenn die plasmatische Pulsation des Forschers nicht durch charakterliche und körperliche Panzerung blockiert ist, d.h. wenn er seine vegetative Lebendigkeit und Beweglichkeit bewahrt bzw. wiedergewonnen hat. Es waren immer wieder subjektive Eindrücke, es war immer wieder das Ein-Fühlen in das von lebendigen Energien getriebene Untersuchungsobjekt, das für Reich den Einstieg bildete in die genauere Erforschung und Objektivierung der zugrundeliegenden

Funktionszusammenhänge: Bei der Entdeckung der atmosphärischen Orgonenergie waren es die Leuchterscheinungen im Innern eines Orgon-Akkumulators und das subjektive Gefühl von Wärme, Kribbeln und Strömen, das durch die Energie im Akkumulator ausgelöst wurde. Ein gepanzerter Organismus, der sich gegenüber dem Strömen und Pulsieren der Energie im eigenen Körper blockiert hat, hätte gegenüber diesen Energien entweder gar nichts empfunden oder - bei schon vorhandener starker Energiestauung - Angst entwickelt. Aus beidem wäre keine Motivation entstanden, den Metallkasten des Orgon-Akkumulators und die in ihm wirkenden energetischen Prozesse genauer zu untersuchen. Tatsächlich hat es immer wieder Personen gegeben, die - nachdem sie auf Orgonbestrahlung mit Angst reagiert hatten - sich panikartig von der weiteren Erforschung dieser „unheimlichen Energie“ abwandten und irrationalen Hass gegenüber der Orgonforschung entwickelten. Eine Abtrennung der eigenen Emotionalität gegenüber dem untersuchten Objekt hätte demnach von vornherein den von Reich beschrittenen Weg der Forschung unmöglich gemacht und den Durchbruch zu fundamental neuen Erkenntnissen über die Funktionsgesetze des Lebendigen verhindert.

7)

Verzerrte Wahrnehmung des gepanzerten Organismus

Voraussetzung für die lebendige und unverzerrte Wahrnehmung lebendiger Prozesse ist allerdings die eigene vegetative Lebendigkeit und plasmatische Beweglichkeit des Forschers. Nur so kann der von einem lebenden Organismus ausgehende „Ausdruck“ (im wörtlichen Sinn als plasmatische Bewegung zu verstehen!) einen unverzerrten „Eindruck“ beim Beobachter erzeugen. Hierzu schreibt Reich:

„Wenn unsere „Eindrücke“ von den Bewegungen des Lebendigen ihren „Ausdruck“ konkret wiedergeben; wenn die Grundfunktionen des Lebendigen in allem Lebendigen identisch sind; wenn die Empfindungen Resultate von Emotionen und die Emotionen realen plasmatischen Bewegungen entstammen, dann müssen unsere Eindrücke objektiv richtig sein. Das setzt natürlich voraus, dass unser Empfindungsapparat nicht zersplittert, gepanzert oder anderswie gestört ist.“ (*13)

Der Versuch der Objektivierung bestimmter Zusammenhänge kann also immer nur der zweite Schritt innerhalb des Forschungsprozesses sein, nachdem vorher auf der Ebene des subjektiven Empfindens und der subjektiven Wahrnehmung bestimmte Fragestellungen und Hypothesen sich herausgebildet haben. Die Entwicklung der Fragestellungen und Hypothesen und damit die Richtung des Forschungsprozesses ist demnach wesentlich bestimmt durch die Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit, d.h. durch die Charakterstruktur des Forschers. Reich:

„Genauso wie alle Empfindungen und Reaktionen des Lebendigen seinen Organempfindungen und Ausdrucksbewegungen entstammen und entsprechen; so wie das Lebendige sich seine Vorstellungen von der Umwelt nach den Eindrücken bildet, die es vom Ausdruck der es umgebenden Welt hat, so sind alle Empfindungen, Reaktionen und Vorstellungen des gepanzerten Organismus von seinem eigenen Bewegungs- und Ausdruckszustand bestimmt.“(*14)

„Das ungepanzerte Lebendige empfindet und begreift die Ausdrucksbewegungen anderer ungepanzerter Organismen klar und einfach mittels der eigenen unwillkürlichen Mitbewegungen und Organempfindungen. Das gepanzerte Lebendige dagegen kann keine Organempfindungen wahrnehmen, oder es vermag sie nur verzerrt wahrzunehmen und verliert derart den Kontakt mit dem Lebendigen und

das Verständnis für seine Funktionen.“(*15)

Ein gegenüber seiner eigenen Lebendigkeit abgepanzerter Forscher wird also auch keine unmittelbare Empfindungsfähigkeit gegenüber lebendigen Prozessen in anderen Menschen oder in anderen Lebewesen besitzen. Er wird umgekehrt sogar Angst und Hass gegenüber spontanen Äußerungen des Lebendigen entwickeln, weil die davon ausgehenden orgonotischen und plasmatischen Erregungen in einem gepanzerten Organismus nicht frei strömen und pulsieren können, sondern an den Panzerungen abprallen, sich aufstauen und als Angst oder Hass erlebt werden. Entsprechend wird der gepanzerte Forscher eine Forschungsrichtung einschlagen, die der Untersuchung lebendiger Prozesse aus dem Weg geht bzw. die das lebendige Untersuchungsobjekt erst abtötet oder in erstarrte Strukturen zwingt, bevor sie es untersucht. Zur fundamentalen Bedeutung der lebendigen Empfindungsfähigkeit im Forschungsprozess schreibt Reich:

„Die Empfindung ist, funktionell gesehen, ein Abtasten der Wirklichkeit. Die langsam tastenden welligen Bewegungen tierischer Fühler oder Tentakel veranschaulichen, was gemeint ist. Die Empfindung bildet das große Rätsel der Naturwissenschaft. Der Funktionalismus weiß daher den Wert der Empfindung richtig und hoch einzuschätzen. Indem er die Empfindung als ein Werkzeug betrachtet, ist er um ihre Reinheit besorgt, wie ein Tischler um seinen Hobel. Der Funktionalist wird seine ordnende Verstandestätigkeit stets in Einklang mit seinem Empfinden halten.“ (*16)

„Solche Betrachtungen und Standpunkte in der Naturforschung (und das emotionelle Leben des Menschen ist gewiss ein Stück Naturforschung) sind dem Chemiker, dem Physiker alter Schule, dem Astronomen und dem Techniker fremd. Sie kennen den Empfindungsapparat nicht, mit dem sie die Welt abtasten. Sie vermögen ihre Handlungen nur durch das Experiment zu kontrollieren, und das Experiment ohne Organempfindung hat, wie wir wissen, die mechanistische Naturwissenschaft in den entscheidenden Naturfragen nirgends hingeführt.“ (*17)

8)

Herrschende Wissenschaft und Zerstörung des Lebendigen

Die Abpanzerung gegenüber den eigenen Empfindungen und die damit verbundene Starrheit in der Charakterstruktur und in der Denkstruktur bringen es mit sich, dass der Wissenschaftler die eigene Starrheit in das untersuchte Objekt hineinprojiziert und das Untersuchungsobjekt in seine eigene starre Denkstruktur hineinpresst. Dabei werden alle diejenigen Eigenschaften und Funktionszusammenhänge des betrachteten Objekts herausgefiltert bzw. durch die Untersuchungsmethode zerstört, die sich nicht mit dem erstarrten Denk- und Wahrnehmungsapparat erfassen bzw. vereinbaren lassen. In bezug auf die Konstruktion toter Apparate mag sich bei diesem Vorgehen ein „technischer Fortschritt“ ergeben, aber gegenüber der Funktionsweise lebendiger Prozesse bleibt diese - von den lebendigen Emotionen abgetrennte - Vorgehensweise des Forschers blind. Sie kann nur einen toten Perfektionismus entwickeln, der der Erforschung und Entfaltung lebendiger Prozesse in keiner Weise gerecht wird. Reich:

„Der typische mechanistische Physiker denkt nach den Prinzipien des Maschinenbaus, dem er wesentlich zu dienen hat. Eine Maschine hat perfekt zu sein. Daher muss das Denken und Handeln des

Physikers „perfekt“ sein. Der Perfektionismus ist ein wesentliches Kennzeichen des mechanistischen

Denkens. Es lässt keine Fehler zu. Unsicherheiten, schwebende Situationen sind unerwünscht

Maschinen gleicher Art sind bis aufs feinste Detail gleich. Abweichungen sind als Unexaktheiten angesehen. Doch dieses Prinzip führt, auf Vorgänge in der Natur angewendet, mit Sicherheit in die Irre.

Alle

Die Natur ist unexakt. Die Natur operiert nicht maschinell, sondern funktionell. Daher verfehlt der Mechanist die Natur immer dort, wo er seine mechanistischen Prinzipien anwendet. Es gibt eine gesetz- liche Harmonie der Naturfunktionen, die alles Seiende durchsetzt und beherrscht. Doch diese Harmonie

und Gesetzlichkeit ist nicht die Zwangsjacke der mechanistischen Technik, die der mechanistische Mensch seinem Charakter und seiner Zivilisation aufgezwungen hat. Die mechanistische Zivilisation ist

eine Abweichung vom Naturgesetz; mehr, sie ist eine Perversion der Natur

“(*18)

„Die Naturvorgänge kennzeichnen sich durch Mangel jeder Art von Perfektionismus bei voller Gesetzmäßigkeit ihrer Funktionen. In einem natürlich gewachsenen Wald funktioniert zwar ein einheitliches Wachstumsprinzip. Doch es gibt nicht zwei Bäume und an den hunderttausenden Bäumen nicht zwei Blätter die einander photographisch treu gleich wären. Der Bereich der Variation ist unendlich weiter als der Bereich des Uniformen. Obwohl das einheitliche Naturgesetz nicht nur im Grund aller Natur, sondern in jedem einzelnen und kleinsten Detail funktioniert und aufzuspüren ist, gibt es nichts, das auf Perfektionismus zurückgeführt werden könnte. Die natürlichen Vorgänge sind bei aller Gesetzlichkeit ungewiss. Perfektionismus und Unsicherheit schließen einander aus.“ (*19)

„Da das funktionelle Denken die Bewegtheit aller Prozesse kennt, ist es selbst bewegt und stets reich an Entwicklungsvorgängen. Das mechanistische Denken dagegen ist seinem Wesen nach starr und wirkt daher erstarrend auf das Objekt seiner Forschung, seiner Erziehung, seiner Heilung, seiner sozialen Anstrengung. Wir sprechen dem Konservativen nicht den guten Willen, sondern die Fähigkeit ab, die lebendige Wirklichkeit zu lenken. Der Mechanist kann nicht anders als konservativ oder rückschrittlich sein. Er mag von seinen Haltungen und Absichten denken, was er will: Es liegt im Wesen seines Denkens, Entwicklungen zu übersehen, das Lebendige misszuverstehen oder zu hassen und daher Ersatz in starren Prinzipien zu suchen. Es liegt im Wesen des Lebendigen, zu funktionieren und daher jeder Erstarrung feindlich zu sein.“ (*20)

Mit den hier nur grob skizzierten Überlegungen formuliert Reich ein radikal anderes Verständnis von Wissenschaft, als es dem herrschenden Wissenschaftsbegriff entspricht. Während in der herrschenden Wissenschaft das Kriterium der Objektivität obersten Stellenwert besitzt, ergibt sich aus den Reichschen Überlegungen und Forschungen, dass sich hinter der scheinbaren Abtrennung der Emotionalität vom Erkenntnisprozess tatsächlich ein Abtöten der lebendigen Wahrnehmungsfähigkeit des Forschers verbirgt; und dass die damit verbundene emotionelle und erkenntnismässige Erstarrung es notwendig mit sich bringt, lebendige Prozesse gar nicht oder nur verzerrt wahrzunehmen. Sowohl durch die Forschungsmethode als auch die Anwendung der so gewonnenen Forschungsergebnisse wird auf diese Weise das Lebendige tendenziell zerstört. Hinter dem Schleier von scheinbarer Objektivität und Ausschaltung aller subjektiven und emotionellen Einflüsse auf den Forschungsprozess verbirgt sich in Wirklichkeit eine im Kern lebensfeindliche Tendenz der herrschenden Wissenschaft: Die emotionelle Starre der Wissenschaftler wirkt sich verheerend auf den Forschungsprozess aus, wenn es darum geht, das Lebendige in seinen Funktionsgesetzen und in seinen Störungen zu verstehen und die sozialen Bedingungen so zu gestalten, dass sich Lebendiges entfalten kann. Dieses stille Wirken des emotionellen Faktor, der Charakterstruktur des Forschers auf den Forschungsprozess hinter dem Schleier scheinbarer Objektivität, gilt es zunächst einmal zu erkennen.

Die Emotionalität lässt sich gar nicht vom Erkenntnisprozess abtrennen. Wo dies gefordert wird, handelt es sich in Wirklichkeit um ein Abtöten lebendiger Ausdrucks-, Empfindungs- und Denkfähigkeit mit der Folge, dass die emotionelle Starre die Richtung des Erkenntnisprozesses entscheidend prägt: nämlich immer weiter weg von der Erforschung und vom Verständnis der Grundfunktionen des Lebendigen.

9)

Orgonomischer Funktionalismus und Befreiung des Lebendigen

Worauf es demnach im Sinn einer lebenspositiven Wissenschaft und Forschung ankommt, ist die Erhaltung bzw. Wiedergewinnung lebendiger Wahrnehmungsfähigkeit, d.h. vegetativer Beweglichkeit und Lebendigkeit im Fühlen und Denken. Reich hat mit seinen Forschungen und mit der Herausarbeitung seiner Forschungsmethode, dem Orgonomischen Funktionalismus, wesentliche Grundlagen gelegt, um die lebensfeindlichen Tendenzen der herrschenden Wissenschaft in ihrem Kern zu verstehen und ihnen eine lebenspositive, emanzipatorische Wissenschaft und Praxis entgegenzusetzen. Die bewusste Aneignung und kreative Anwendung von Reichs funktioneller Forschungsmethode scheint mir - neben dem Prozess der charakterlichen und körperlichen Selbstveränderung - eine wichtige Voraussetzung zu sein, um in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung die lebendigen Tendenzen zu stärken und mit dazu beizutragen, das Lebendige aus der Herrschaft des Erstarrten zu befreien.

Anmerkungen:

(*1)

W. Reich: Orgonomischer Funktionalismus, Teil 1 (1945), erstmals erschienen in englischer

(*2)

Übersetzung in W. Reich: Ether, God and Devil, Orgonon/Rangeley/Maine 1949, danach in W. Reich: Ether, God and Devil / Cosmic Superimposition, (Farrar, Straus and Giroux) New York 1972; teilweise in deutscher Originalfassung abgedruckt in W. Reich: Ausgewählte Schriften - eine Einführung in die Orgonomie, (Kiepenheuer und Witsch) Köln 1976. Die weiter unten folgenden Quellenangaben beziehen sich auf diese deutsche Ausgabe. W. Reich: Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse (1929), 2. Aufl. (Sexpol-Verlag)

(*3)

Kopenhagen 1934, Neudruck (Verlag 0) Graz 1975 Dialektischer Materialismus in der Lebensforschung, in: Zeitschrift für Politische Psychologie und

(*4)

Sexualökonomie, Bd. 4, 1937 Wilhelm Reich / Roger du Teil / Otto Hahn: Die Bione - Zur Entstehung des vegetativen Lebens,

(*5)

Oslo 1938 W. Reich: Ausgewählte Schriften, a.a.O., S. 30f

(*6)

Siehe hierzu meine Artikel über „Die Forschungen Wilhelm Reichs“ (I, II, III, IV) in „emotion“

(*7)

1/1980, 2/1981 und 3/1981 W. Reich: Ausgewählte Schriften, a.a.O., S. 313

(*8)

a.a.O., S. 314f

(*9)

a.a.O., S. 314

(*10)

Reich selbst macht begrifflich keinen Unterschied zwischen dem, was ich hier als kosmische

(*11)

Orgonenergie (C)OR bzw. als pulsierende kosmische Orgonenergie (P)OR bezeichnet habe. In beiden Fällen spricht er von „OR" als kosmischer Orgonenergie, die aus der natürlichen Pulsation in die übererregte Form des ORANUR übergehen kann. Mir scheint es aber zur Herausarbeitung der funktionellen Beziehungen klarer, zwischen kosmischer Orgonenergie (C)OR als gemeinsamer energetischer Wurzel einerseits und ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen andererseits zu unterscheiden. (P)OR wäre demnach die natürlich pulsierende, ORANUR die übererregte und DOR die erstarrte Form der kosmischen Orgonenergie (C)OR. W. Reich: Ausgewählte Schriften, a.a.O., S. 27

(*12)

a.a.O., S. 27f

(*13)

W. Reich: Ether, God and Devil / Cosmic Superimposition, a.a.O., S. 54

(*14)

a.a.O., S. 55

(*15)

a.a.O., S. 60

(*16)

W. Reich: Ausgewählte Schriften, a.a.O., S. 306

(*17)

a.a.O., S. 307

(*18)

a.a.O., S. 294

(*19)

a.a.O., S. 295

(*20) a.a.O., S. 315