KOLUMNE

Piraten
Es musste ja so kommen. Nachdem wir dank Alinghi zur Seefahrernation wurden, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Piraten irgendwann auftauchen; und so treiben nun die Freibeuter ihr Wesen vom Matter Horn bis Bad Horn. Piraten in der Schweiz, wo wohl eher die Räuber Rinaldo Rinaldini oder Hotzenplotz beheimatet sein müssten. Und doch sind sie da, kommen aus der Tiefe des Netz-Ozeans und kämpfen ureidgenössisch für die moderne Allmend, das Internet. Mit ihrem Kampf z. B. gegen das Monopol des geistigen Eigentums, gegen Sekten à la Apple, gegen Zensur, für einen transparenten Staat und für eine repressionsfreie Drogenpolitik positionieren sie sich links-liberal. Eigentlich. In Deutschland laufen sie von Wahlsieg zu Wahlsieg und schon sehen die ersten Kaffeesatzleser in ihnen die «neuen» Grünen. Warum nicht, nachdem sich die alten Grünen zu einer hundskommunen Partei gemausert haben, die im Schachern den traditionellen Parteien in nichts nachstehen. Natürlich wird den Piraten vorgeworfen, dass sie viele Themen aussparen, wie beispielsweise die Wirtschaftspolitik, dass man sie deswegen nicht ernst nehmen könne. Als ob die rot-grün-blauschwarze Wirtschaftspolitik nicht auch ein hilfloses Stochern in dunklen Bankwelten wäre. Wie es sich für echte Piraten gehört, ist der Ton oft machistisch, sexistisch, rassistisch. Da kann es schon mal vorkommen, dass ein Basis-Pirat eine Piratin als «zu hübsch» bezeichnet, als dass diese in der Politik ernst genommen werden könnte. Ok, im deutschen Merklin-Land ist das ja noch irgendwie nachvollziehbar. Einer anderen wurde empfohlen, sich mal «richtig hart» rannehmen zu lassen, damit sie sich entspanne. Hand aufs Herz: Haben wir von «echten» Piraten eine andere Sprache erwartet? Nein, nicht alle Seemänner sind Freddy Quinn kompatibel und mit dem Sinn für verklausulierte Botschaften programmiert. Eher überrascht, dass Korsaren auch Rassisten sein können und so nicht unserem malerischen Multi-KultiBild der Totenkopf-Armada entsprechen: Hat doch unlängst ein Pirat getwittert, dass er sich auf keinem Fall von «irgendeinem Ausländer» im Altenheim pflegen lassen würde. Also doch nichts vom Pirat als sympathischem Nerd, sondern auch nur eine Partei, die vom basisdemokratischen Mob, der seiner Frustration freien Lauf lässt, vor sich hergetrieben wird? Die nahe Zukunft wird es weisen. Immerhin: Auf solche und ähnliche Vorwürfe reagierten die deutschen Seeräuber mit dem Hinweis, in jeder Partei gäbe es rund 10 Prozent Idioten. Dabei hätte man doch meinen mögen, dass diese Jung-Partei gern übertreibt! Und die Freibeuter im Wallis? Die Segel sind
Hermann Anthamatten anthamatten.h@rhone.ch

gesetzt, die Kommandobrücke besetzt. Sie wollen sich auf die Bürger, den Staat und die Firmen fokussieren: Rechte der Bürger sollen geschützt, der Staat transparenter, die Firmen kontrolliert werden. Wenn der Chef-Pirat sagt, es sei besser, der Staat anstatt der Bürger solle überwacht werden, kann man dem mit gutem Gewissen zustimmen. Und die Entflechtung von Kirche und Staat harrt schon lange einer laizistischen Lösung. Etwas bizarr wirds, wenn sich die Piraten in der politischen Mitte wähnen, als ob da nicht schon genug Gewurstel wäre, oder wenn Sätze wie «Nicht der Politiker, sondern das Volk macht die Meinung» fallen. Solche Phrasen erinnern fatal an das rechte Geseire, das uns seit Jahren um die Ohren fliegt, dass wir es nicht mehr hören mögen, vor allem, wenn wirs mit den realen Taten der rechtsnationalen Volkspartei abgleichen. Ja, auch die Piraten müssen sich entscheiden: Öl oder Sand im Getriebe der Macht. Wir warten gespannt auf the Pirates of Wallis, Episode 2.
Hermann Anthamatten ist FachhochschulDozent und Autor/Regisseur