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Gescheiterte Moderne? Zur Ideologiekritik des Postmodernismus

Gescheiterte Moderne?

Zur Ideologiekritik des Postmodernismus

Herausgegeben von Hermann Kopp und Werner Seppmann

Neue Impulse Verlag

Die deutsche Bibliothek ñ CIP Einheitsaufnahme Ein Titeldatensatz f¸r diese Publikation ist bei der Deutschen Bibliothek erh‰ltlich. ISBN 3-910080-36-7

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Inhalt

Vorbemerkung der Herausgeber

7

Andr·s Gedˆ Die Philosophie der Postmoderne im Schatten von Marx

11

Erich Hahn Postmoderne ƒsthetisierung ñ Konzept und Realit‰t

36

Hans Heinz Holz Irrationalismus ñ Moderne ñ Postmoderne

67

Hartmut Krauss Das umstrittene Subjekt der ´Post-Moderneª

93

Morus Markard Von der abstrakten Negation zur konkreten Bejahung. Postmoderne Gedankenarbeit als Entpolitisierung von Psychologiekritik

122

Thomas Metscher Zivilgesellschaft und postmodernes Bewufltsein

145

Werner Seppmann ´Gescheiterte Moderneª? Das ´Postmoderne Denkenª als Krisenideologie

176

Robert Steigerwald Postmoderne ist neue Melodie zu altem Text

191

Gottfried Stiehler Der Mensch Schˆpfer und Geschˆpf seiner Verh‰ltnisse ñ wider die ãDekonstruktionõ des Subjekts

211

Vorbemerkung der Herausgeber

Als Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre das sozialistische Lager zusammenbrach, war das ´postmoderne Denkenª, in den fr¸hen Achtzigern auf einer modephilosophischen Welle ins Feuil- leton und in die Seminare geschwappt, schon fast wieder in der Versenkung verschwunden. Der unerwartete ´Epochenbruchª aber bescherte ihm ein triumphales Comeback. Schien er doch post- moderne Glaubenss‰tze ñ dafl die Aufkl‰rung unwiderruflich gescheitert, alles Hoffen auf historische Vernunft vergeblich sei ñ auf dramatische Weise zu best‰tigen. Die postmodernen Theore- me fanden neue Anh‰nger nicht zuletzt unter solchen Menschen, die zuvor sehr linearen Vorstellungen vom historischen Progrefl angehangen hatten ñ und nun, angesichts der bitteren R¸ckschl‰- ge, nachhaltig entt‰uscht waren, sich gar ge t‰uscht glaubten. Da auch die Alltagspraxis im Risikokapitalismus wenig Anlafl f¸r optimistische Zukunftserwartungen bot, liefl man sich von der Be- hauptung, es gebe ´keinen Emanzipationshorizont mehrª (Lyotard), gerne ¸berzeugen. Zumal der postmoderne Diskurs die zivilisatorischen Wider- spr¸che, die soziokulturellen Paradoxien und Pathologien ja nicht leugnet. Ja, er geriert sich geradezu als kritisches Gewissen einer aus den Fugen geratenen ´Moderneª. Doch erhalten in der post- modernen Vorstellungswelt diese Widerspr¸che eine Aura des Unvermeidlichen. Die Menschen in der ´Postmoderneª m¸ssen sich, so G. Vattimo, mit der ´Verwindungª (Heidegger) begn¸gen, sich mit der ´Einsichtª der Zirkularit‰t ihres Lebens zufrieden geben. Nicht nur in diesem Punkt hat das Diskurs-Denken die Stichworte und Weltanschauungsschablonen Nietzsches adaptiert:

´Nietzsche hat mit seinem Nihilismus den Gedanken der ‹ber- windung prinzipiell aus den Angeln gehoben, denn wenn es keine Gr¸nde und keine Wahrheit gibt, dann kann man auch nicht unter Berufung auf sie dergleichen wie ‹berwindung predigen, vielmehr mufl man sich dann umgekehrt mit dem Gedanken einer Wieder- kehr des Gleichen vertraut machen.ª (W. Welsch) Nietzsche soll als Vorbild f¸r eine Haltung dienen, der es darum geht, das ´Da-

seinª in seiner Endlichkeit auszuhalten ñ und es zu akzeptieren, weil ´man der Modernit‰t gerade da nicht entkommt, wo man sie durchschautª (G. Figal) und die Schaffung eines ´wirklich Neuenª (Vattimo) nicht mehr gelingen kˆnne. Trotz allen ´herrschaftskri- tischenª und ´subversivenª Gehabes: die bestehenden Verh‰ltnisse gelten den postmodernen Vordenkern als un¸berwindbar. Jeder Hinweis auf einen kritikw¸rdigen Aspekt der soziokulturellen Ent- wicklung wird postwendend mit einer intellektuellen Geste resi- gnativer Anpassung kompensiert. W‰hrend der postmoderne Diskurs von sich behauptet, er arti- kuliere die Lebensanspr¸che des Subjekts in einer feindlichen Umwelt und ergreife Partei f¸r die Rechte von Randgruppen, lenkt er zugleich von den Ursachen kultureller Fremdbestimmung ab. Es gebe ´zum Kapitalismus keine globale Alternativeª, betont Lyotard, und entlastet so, wie andere Postmodernisten auch, die herrschenden Verh‰ltnisse. Dieser legitimatorische Effekt hat sein Fundament in den theoretischen Axiomen des postmodernen Denkens, die bezeichnenderweise nicht systematisch entwickelt werden, sondern ihr Profil aus der Ablehnung kritischer und selbst- reflexiver Theorietraditionen gewinnen. Der intellektuelle Kampf richtet sich gegen fortschritts- und emanzipationsorientiertes Den- ken (an erster Stelle nat¸rlich den Marxismus, auch wenn das nicht immer offengelegt wird) und seine methodologischen Prinzipien:

Statt nach Zusammenh‰ngen, Ursachen und Wirkungen zu fra- gen, soll die Welt als nicht erkennbar angesehen, soll von einer prin- zipiellen Ununterscheidbarkeit von Wahrheit und L¸ge ausgegan- gen werden. Schon das Streben nach objektiver Erkenntnis wird als ´totalit‰reª Anmaflung denunziert. Den Postmodernisten gilt die soziale Welt als in eine Vielzahl von Systemen und ´Diskursenª zersplittert. ´Wenn man unter Postmoderne das Fehlen einer ein- heitlichen Weltbeschreibung, einer f¸r alle verbindlichen Vernunft oder auch nur einer gemeinsamen Einstellung zur Welt und zur Gemeinschaft versteht, dann ist genau dies das Resultat der struk- turellen Bedingungen, denen die moderne Gesellschaft sich selbst ausliefert.ª (N. Luhmann) Der Postmodernismus ist so zwar eine bemerkenswerte Reak- tion auf eine die zivilisatorischen Grundlagen bedrohende ´Ero- sionskriseª (O. Negt); aber auf Grund seiner Unf‰higkeit, sie gedanklich zu durchdringen, auch eines ihrer Symptome. Er ist spontaner Reflex, der den Oberfl‰chenph‰nomenen der ´Dezen-

trierungª, der Beliebigkeit und Zusammenhanglosigkeit verpflich- tet bleibt. Durch die ´Dekonstruktionª (also die systematische Zertr¸mmerung) kritischer Reflexionsformen bleibt der ´post- moderneª Auflehnungsversuch nur das kraftlose Symbol eines subjektivistischen ´Protestesª gegen die selbstzerstˆrerischen Kon- sequenzen der herrschenden Vergesellschaftungsbedingungen. Die ´postmoderneª Konzentration auf die ´Diskontinuit‰tª und die ‹berbewertung des ´Besonderenª sowie die Verabsolutierung von ´Wahrnehmungª und Beschreibung f¸hren zu einer Denkhaltung, die sich mit dem Augenschein zufrieden gibt. Momentaufnahmen, zeitdiagnostische Feststellungen werden mit geschichtsmetaphysi- scher Tendenz verallgemeinert. Damit lenkt der Postmodernismus von den Gr¸nden f¸r die Zerrissenheit der Welt ab, immunisiert gegen konsequentes Fragen und ´fundiertª die im Alltag verbreite- ten Formen der Resignation und schicksalsergebenen Selbstgen¸g- samkeit. ´Mit der Einsicht in den Zusammenhangª, schreibt Marx 1868 an Kugelmann (und gibt uns damit einen Hinweis auf die soziale Funktion der postmodernistischen Verfahren), ´st¸rzt, vor dem praktischen Zusammensturz, aller theoretische Glauben an die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zust‰nde. Es ist also absolutes Interesse der herrschenden Klassen, die gedankenlose Konfusion zu verewigen.ª Nun bietet die intellektuelle Kultur, die sich als ´postmodernes Denkenª bezeichnet oder als solches identifizieren l‰flt, auf der Oberfl‰che gewifl ein buntes und vielf‰ltiges Bild. Inhaltliche Positionen, die von einigen Theoretikern als elementar angesehen werden, finden bei den Repr‰sentanten anderer Strˆmungen kei- ne Akzeptanz (durch ihre unterschiedlichen Zugangsweisen zum Thema ´Postmodernismusª tragen die Autoren unseres Sammel- bandes diesem Umstand Rechnung). Und gewifl gibt es in den postmodernen Diskursen auch wichtige Hinweise auf die sozio- kulturellen Widerspruchsentwicklungen und bedenkenswerte Pro- blematisierungen eingefahrener Denkmuster (zu denen auch die Illusionen traditionellen Emanzipationsdenkens gehˆren, etwa die Auffassung, dafl die Welt dem Menschen grenzenlos verf¸gbar sei!). Doch die ´etwas subtilere Sicht der Dingeª (T. Eagleton) wird durch die radikale Ablehnung aller Denkprinzipien, die eine notwendige Kritik an illusorischen Fortschrittsvorstellungen oder an einem le- bensfremden Objektivismus erst fundieren kˆnnten, gleich wieder in Frage gestellt. Auch der gutgemeinte Versuch, die postmoder-

nen Redeinszenierungen ´als Kritik an der Zivilisation der moder- nen Industriegesellschaftª (R. Mocek) und als Durchgangsstadium

zu kapitalismuskritischen Positionen zu interpretieren, d¸rfte sich als Holzweg erweisen. Denn die Denkmuster des Postmodernis- mus sind so strukturiert, dafl die ´dekonstruiertenª Auffassungen ¸ber Kultur und Gesellschaft selten auch nur als Rohmaterial f¸r ein verst‰ndiges Gegenwartsbild nutzbar gemacht werden kˆnnen. Schliefllich darf die Differenzierung im Detail nicht ¸ber die Existenz eines harten Kerns von Pr‰missen und Basis¸berzeugun- gen hinwegt‰uschen, die als einigendes Band des Postmodernis- mus anzusehen sind. Eine praktikable Definition, die als erste An- n‰herung an das postmoderne Denken n¸tzlich sein kann, haben Sokal und Bricmont in ihrem Buch ´Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften miflbrauchenª an-

um eine intellektuelle Strˆmung, die

gekennzeichnet ist durch eine mehr oder minder explizite Ableh- nung der rationalistischen Tradition der Aufkl‰rung, durch theo- retische Abhandlungen, die von jedem empirischen Nachweis losgelˆst sind, und durch einen kognitiven und kulturellen Relativismus, der die Wissenschaft lediglich als ãErz‰hlungõ, als ãMythosõ oder als eine gesellschaftliche Konstruktion unter vielen betrachtet.ª Aufkl‰rung ¸ber den Postmodernismus als ein Konzept der Gegenaufkl‰rung tut not. Obwohl sein Einflufl zur¸ckgegangen ist, sind seine intellektuellen Ablagerungen weiterhin wirksam:

Das Spiel mit unmittelbaren Erfahrungselementen (was etwa die Dominanz des ´Virtuellenª betrifft, die Kompaktheit der Manipu- lationsapparate oder die Notwendigkeit einer ´biegsamenª Psyche) korrespondiert mit Alltagserfahrungen. Doch werden seit einiger Zeit auch vermehrt wieder kritische Fragen gestellt, ist der Kreis der Menschen grˆfler geworden, die bereit sind, sich mit ihren Le- bensverh‰ltnissen auseinanderzusetzen. Denn so feinmaschig der Schleier aus verzerrenden Weltbildern, Falschinformationen und selektiven Realit‰tswahrnehmungen auch gewebt sein mag: Die Lebenspraxis produziert immer wieder neue Erfahrungen, die nicht bruchlos in verbreitete Interpretationsschablonen passen. Solche Widersprucherfahrungen sind es, die, unter g¸nstigen Umst‰nden, Anlafl zu selbst‰ndigem Denken werden.

geboten: ´Es handelt sich

Andr·s Gedˆ

Die Philosophie der Postmoderne im Schatten von Marx

´Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu geb‰rende

Weltgott.ª

Danton in Dantons Tod von Georg B¸chner

I

Die begrifflichen Konturen der Postmoderne sind fast so verwor- ren wie die der Moderne, der sie sich gegen¸berstellt. Foucault, der als einer der Propheten der Postmoderne gilt, ‰uflerte in einer sp‰ten Selbstreflexion, er verstehe nicht recht, welche Bedeutung dem Wort ãModerneõ zur Zeit nach Baudelaire zukomme und wel- ches Problem den sogenannten Postmodernen oder Poststruktu- ralisten gemeinsam sei 1 ; auch manche Kritiker der Postmoderne beklagen sich ¸ber die Unbestimmtheit des Terminus und des mit ihm gekennzeichneten Ph‰nomens 2 . Die Affirmationen und Ne- gationen von Bef¸rwortern und Gegnern der Postmoderne, die Verve der Auseinandersetzungen um sie lassen dennoch eine Ten- denz durchblicken, der zwar Ambiguit‰t und falscher Schein als Wesensmerkmale anhaften, die aber mit diesen und trotz dieser begreifbar und definierbar ist. Die Konturen der Postmoderne scheinen weniger verworren und unbestimmt als die der Moderne, insofern die gesellschaftli- chen Zusammenh‰nge und Inhalte der ersteren als Gegenwarts- ph‰nomene eher wahrzunehmen sind; sie scheinen aber zugleich auch verworrener und unbestimmter, insofern der Begriff der Post- moderne lediglich Abstrakt-Negatives besagt; sogar die elementa- re Bedeutung des Terminus ñ dafl die Postmoderne auf die Mo- derne folgt ñ wird von seinen Vork‰mpfern nicht immer festgehal- ten. Lyotard zufolge ´kann ein Werk nur dann modern werden, wenn es erst postmodern ist. So verstanden ist der Postmodernis- mus nicht das Ende des Modernismus, sondern sein Entstehungs- zustand, und dieser Zustand ist wiederkehrend.ª 3 Der Begriff der

Postmoderne ¸bernimmt die Ambiguit‰t des Begriffs der Moder- ne, indem selbst das Verh‰ltnis von Postmoderne und Moderne in Ambiguit‰t schwebt: Die eigentliche historische Stellung der Post- moderne ist gegen ihr ahistorisches Geschichtsverst‰ndnis und ge- gen ihr illusion‰res Selbstverst‰ndnis zu erschlieflen. Was ist die Moderne, zu welcher sich die Postmoderne so defi- nitiv-undeutlich und entschieden-zwiesp‰ltig bestimmt? Diese Un- deutlichkeit und Zwiesp‰ltigkeit r¸hren unter anderem daher, dafl sich in den universellen Negationen und partiellen Behauptungen der Postmoderne zwei wesensverschiedene Typen des philosophischen Moderne-Begriffs bzw. zwei divergierende Typen des Verh‰ltnisses der Postmoderne zur Moderne verschr‰nken. Sind beide einem Konzept ñ dem der Postmoderne ñ subsumiert, so wird zwar die Disparit‰t beider nicht ganz aufgehoben, der gesellschaftlich-historische und philosophische Inhalt ihrer Unterschiede jedoch verschleiert. Dabei werden Diskontinuit‰ten durch den Anschein einer bruchlosen Kontinuit‰t verdeckt, und es kommt der Anschein von Br¸chen auf, wo Kontinuit‰t vorherrscht. Der eine Typus des Moderne-Begriffs gestaltete sich im klassi- schen b¸rgerlichen Denken, insbesondere in der Aufkl‰rung: die- se Moderne war durch ihren Gegensatz zu den ãAltenõ und dem Alten 4 ñ der feudalen Gesellschaft und ihrer Geistigkeit ñ, durch die Affirmation von Vernunft, Geschichte und Philosophie gekenn- zeichnet. Der andere Typus entstand im Prozefl des ‹bergangs zum sp‰tb¸rgerlichen Denken 5 und beharrte in diesem. Als Gegenpol erst zum klassischen Gedankengut, sp‰ter zugleich und ¸berwie- gend zum Marxismus, war diese Philosophie der Moderne 6 vom Zerfall der Einheit der Vernunft, Geschichte und Philosophie, von der Auflˆsung und Zersplitterung dieser Kategorien gepr‰gt; sie betrachtete die Moderne als Attribut der verkl‰rten b¸rgerlichen Gesellschaft, die sie mit einer positivistisch entleerten und enthis- torisierten Rationalit‰t identifizierte, und/oder sie verstand die Moderne als lebensphilosophisch mythisierten Verfall, als Geschick der Dekadenz. W‰hrend des ‹bergangs vom klassischen b¸rgerli- chen Denken zum sp‰tb¸rgerlichen bildete sich jene Tradition der Kritik an der Moderne als Aufkl‰rung heraus, die sich dann im Kontext des philosophischen Krisenbewufltseins entfaltete, mit einer Zeit-Diagnose und Zeit-Kritik verwob, welche die Moder- ne (im Sinne des zweiten Typus) vertrat und zugleich die Moder- ne schlechthin zu ¸berwinden schien.

II

Der zweite Typus des Moderne-Begriffs setzte bei Chateaubriand und dem sp‰teren Friedrich Schlegel, bei Donoso CortËs, Comte und Renan an. Das Bewufltsein der Zwiesp‰ltigkeit dieser Moder- ne formulierte Nietzsche als philosophische Attit¸de, indem er eine neue Phase in der Geschichte des zweiten Typus des philosophi- schen Moderne-Begriffs, im Prozefl der Zersetzung und Auflˆ- sung der Vernunft-, Geschichts-und Philosophie-Konzeption ini- tiierte. Nietzsche radikalisierte die Gleichsetzung von Moderne und Krise: Er setzte die Krise der Moderne, wobei er sich zur Moderne bekannte und sie zugleich kritisierte (‰hnlich behandelte er auch die Dekadenz). ´Wir Moderneª 7 galt ihm nicht nur als stilistische Wendung, sondern auch als Ausdruck der positiven Seite jener Am- bivalenz im Bewufltsein der Moderne, deren andere ñ ¸berwie- gende ñ Beziehung, die Kritik an der Moderne, dadurch erg‰nzt und bekr‰ftigt wurde. Die Entblˆflung, Zur-Schau-Stellung und Vivisektion des modernen Menschen, der modernen Welt, des mo- dernen Geistes, der modernen Seele war st‰ndiges Motiv in Nietz- sches Werk. In ãEcce Homoõ, seiner philosophischen Autobiogra- phie, schrieb er ¸ber sein Buch ãJenseits von Gut und Bˆseõ, was nicht nur f¸r dieses Werk gilt: Es ist ´in allem Wesentlichen eine Kritik der Modernit‰t , die modernen Wissenschaften, die modernen K¸nste, selbst die moderne Politik nicht ausgeschlossen, nebst Fin- gerzeigen zu einem Gegensatz-Typus, der so wenig modern als mˆglich ist, einem vornehmen, einem jasagenden Typusª 8 . Nietz- sche definierte die Moderne ´als den physiologischen Selbst-Wi- derspruchª 9 ; neben der Verhˆhnung und Verdammung der ´roman- tischen Attit¸de des modernen Menschenª 10 , zun‰chst aber des ´ Plebejismus des modernen Geistesª 11 , blieb bei ihm der Gedanke der Zweideutigkeit der modernen Welt aufrechterhalten. 12 Die sp‰teren Lesearten des Krisenbewufltseins der Moderne ent- nahmen Nietzsche ihre Hauptformeln, ihre Metaphern, selbst ihre Extreme: die relativierende Kritik an der Vernunft und Wissen- schaft, die Bilder der modernen Verd¸sterung (´die W¸ste w‰chstª) und auch die schockierenden Imperative: ´Wir m¸ssen die L¸ge, den Wahn und Glauben, die Ungerechtigkeit heiligenª 13 , ´Man lernt es, zuletzt seinen Abgrund liebenª 14 . Die Gebilde des Krisen- bewufltseins der Moderne sind zeitweilig vielleicht auch ohne Nietzsches Einflufl entstanden ñ wie etwa Yorck von Wartenburgs

Sentenz: ´Der moderne Mensch, d. h. der Mensch seit der Renais- sance, ist fertig zum Begrabenwerdenª 15 ñ, diese Gebilde variierten dann aber grˆfltenteils unter Nietzsches Wirkung, wie etwa Sim- mels Satz von der Tragik der modernen Kultur. Auch Max Webers Konzept der Moderne war von Nietzsches Impulsen gepr‰gt, so sehr Webers geistige Statur und Habitus sich auch von denen Nietz- sches unterschieden. Das Neue des Moderne-Begriffs von Max Weber bestand da- rin, dafl er die positivistischen und lebensphilosophischen Elemente des Konzepts der Moderne in einer Auffassung verkn¸pfte; er leite- te das lebensphilosophische Geschick der Moderne von der Ver- wirklichung der positivistischen Moderne her und baute eine sozi- ologische und historische Konzeption um diesen Begriff. Selbst der enorm grofle Einflufl des Weberschen Begriffs der Moderne konnte aber die wiederholten Trennungen der positivistischen und lebens- philosophischen Motive bzw. Deutungen nicht vereiteln. Es re- produzierten sich die Divergenzen und Gegens‰tze zwischen der Spenglerschen Kritik an der Moderne, seiner Prophezeiung des Sturzes des faustischen Menschen, und Talcott Parsonsí Auffassung von der Stabilit‰t der modernen b¸rgerlichen Gesellschaft ameri- kanischen Musters oder zwischen der Philosophie Heideggers, die die neuzeitliche Wissenschaft und Technik der ãSeinsvergessenheitõ beschuldigt, und dem Kritischen Rationalismus Poppers, der f¸r (im positivistischen Sinne) moderne Rationalit‰t und die moder- ne ãoffene Gesellschaftõ eintritt. Als Baudrillard in den sp‰ten sechziger Jahren, noch vor der Mode der Postmoderne, einen kurzen Inbegriff des Konzepts der Moderne entwarf, muflte er resigniert feststellen, dafl die Moder- ne ´weiterhin ein verworrener Begriff istª. Seine Konzeption er- hob diese Verworrenheit zum Prinzip der Moderne: ´die Moder- ne ist kein soziologischer Begriff, kein politischer Begriff, sie ist eigentlich kein historischer Begriffª; ´da die Moderne kein Begriff der Analyse ist, gibt es keine Gesetze der Moderne, es gibt lediglich Charakterz¸ge der Moderne. Es gibt auch keine Theorie, aber eine Logik der Moderne und eine Ideologie.ª Nach Baudrillard ´ist die Moderne, an eine historische und strukturelle Krise gebunden, nur das Symptom. Sie analysiert nicht diese Krise, sondern dr¸ckt sie aus, zweideutig, in rastloser Flucht nach vorne Sie verwandelt die Krise in einen Wert, in eine widerspr¸chliche Moral 16 In dieser Ambi- guit‰t erlischt auch der Unterschied zwischen den beiden Typen

des Moderne-Begriffs: der zweite, dekadente Typus der Moderne subsumierte sich den ersten. Baudrillards Darstellung liefl die ma- teriellen Prozesse der modernen Epoche durch den Ideologie-Be- griff des sp‰tb¸rgerlichen Denkens verschlingen 17 . Das Moderne- Konzept m¸ndete derart in der negativen These: ´die Moderne ist keine Dialektik der Geschichteª 18 . In den sp‰ten sechziger Jahren wurde diese These von der Flut der Mode des philosophischen Strukturalismus getragen; sie war aber auch damals keine differen- tia specifica des philosophischen Strukturalismus, sondern ein den Moderne-Konzepten von Nietzsche und Max Weber, Spengler und Parsons, Heidegger und Popper gemeinsames Moment, heutzuta- ge gilt sie als Leitidee der Philosophie der Postmoderne. 19 Die Philosophie der Postmoderne steht im Kontext dieses sp‰t- b¸rgerlichen Begriffs der Moderne 20 : In ihrer Absage an die Auf- kl‰rung beschwˆrt sie vor allem Nietzsche und Heidegger herauf, verkn¸pft sie die Konsequenzen des Poststrukturalismus und der hermeneutischen Philosophie mit denen des Pragmatismus James- scher Pr‰gung 21 . ´Nietzsche und die ãlibidinˆse ÷konomieõ traten an die Stelle der geschichtlichen Dialektik und der politischen ÷konomie. Geschichte wurde wieder eine der Geschichten, und Logos wich vor dem Mythos zur¸ck. Die installierten Kategorien ñ die Produktion von Begierde, die Schizophrenie, Dekodierung, Deterritorialisierung ñ wurden zu einer Philosophie des Endes der Geschichte entwickelt.ª 22 Die von Raulet beschriebene franzˆsische ñ poststrukturalisti- sche ñVariante der Philosophie der Postmodeme ist ein Ergebnis allgemeiner, nicht nur oder ¸berwiegend nicht franzˆsischer Vor- g‰nge und Prozesse im sp‰tb¸rgerlichen Denken: sie nahm nicht nur Nietzsches und Heideggers Lebens- und Seinsphilosophie, bzw. den Pragmatismus, sondern auch Wittgensteins sp‰teres Werk und Daniel Bells Theorie der postindustriellen Gesellschaft auf. 23 Nach Lyotard gehˆren zum Kontext der Postmoderne: ´Die ãsprachliche Wendeõ der westlichen Philosophie (die letzten Werke von Hei- degger, das Eindringen der englisch-amerikanischen Philosophie ins europ‰ische Denken, die Entwicklung der Sprachtechnologi- en); in Wechselbeziehung mit diesen der Verfall universalistischer Diskurse (der metaphysischen Doktrinen des modernen Zeitalters:

der Erz‰hlungen des Fortschritts, des Sozialismus, des ‹berflus- ses, des Wissens); die M¸digkeit ãder Theorieõ und die sie beglei- tende elende Erschlaffung (neues dieses und neues jenes, post-die-

ses und post-jenes, usw.).ª 24 In dieser Darstellung, in der die objek- tiv-reellen sozialen und geschichtlichen Wandlungen ins Negativ- Philosophische sublimiert sind, erscheinen auch die geistigen Zu- sammenh‰nge enthistorisiert und entsubstantialisiert, die Forde- rung der Postmoderne ñ die Absage an eine rationale Erkenntnis von Totalit‰t(en) ñ erh‰lt den Schein der Feststellung von einzel- nen Tatsachen, die das Walten des Fatums suggerieren. In der Philo- sophie der Postmoderne wird das positivistische Verfahren dem lebensphilosophischen Heraufbeschwˆren des Unvern¸nftigen sub- sumiert. Es entspricht diesem Zusammenhang, dafl Lyotard die Postmodeme als ein philosophisch-antiphilosophisches Konglome- rat darstellt, das auch dem Empiriokritizismus Platz gew‰hrt. Die Philosophie der Postmoderne ist ein internationales Ph‰- nomen der sp‰tb¸rgerlichen Geistigkeit (in welchem der franzˆsi- sche poststrukturalistische Nietzscheanismus nur eine der Kom- ponenten ist); in diese Philosophie m¸nden unterschiedliche Strˆ- mungen der Gegenwartsphilosophie ein 25 , um sich dann als diver- gierende Mˆglichkeiten der Postmoderne wieder zu trennen. Diese in die Philosophie der Postmoderne m¸ndenden bzw. deren Hin- tergrund bildenden Richtungen und Bestrebungen akzeptieren nicht immer alle Thesen der Postmoderne, bisweilen miflbilligen sie extreme Varianten des postmodernen Rausches der Irratio. Diese sonst abweichenden, ja sich widersprechenden Inhalte und Tendenzen begegnen sich in der Zur¸cknahme und ´Dekonstruk- tionª 26 der Ideen von Geschichte und Vernunft, von Totalit‰t, Ge- setzm‰fligkeit und Gesamtgesellschaft 27 , im ´Mifltrauen gegen Metaerz‰hlungen´ 28 , in der Verk¸ndigung von Posthistoire, Post- rationalit‰t und Postphilosophie .

III

Die Philosophie der Postmoderne wendet sich im zweifachen Sinn gegen Geschichte und Geschichtlichkeit: Zum einen siedelt sich die Postmoderne im Nachgeschichtlichen an, zum anderen ist sie ge- willt, den Geschichtsbegriff , die geschichtliche Anschauung und Er- kenntnis, zu entleeren und abzusetzen, zu zerstˆren und aufzulˆ- sen, sie behauptet also den Posthistoire-Gedanken als Zeitdiagnose (bzw. Prophetie) und als These einer negativen Geschichtsphilosophie und Erkenntnistheorie . In den heutigen ƒuflerungen der Postmoder- ne steht die Zeitdiagnose im Vordergrund; es kommt der Schein

auf, die Feststellung der nachgeschichtlichen Situation habe das nachgeschichtliche Denken zur Folge. Lyotard definiert die Post- moderne als Zustand durch das Unmˆglich-Werden der ãgroflen Erz‰hlungõ, deren Subjekt verschmolzen sei 29 : Die Posthistoire wird hier dem leeren Raum zugeordnet, der durch eine doppelte Ne- gativit‰t ñ die des Schwundes des Geschichts- und Erkenntnis- Subjekts und die des Verlustes des historischen Wissens ñ umschrie- ben ist. ´Die Postmoderne charakterisiert sich nicht nur als Neuig- keit im Vergleich zur Moderne, sondern auch als Auflˆsung der Kategorie des Neuen, als Erfahrung des ãEndes der Geschichteõ ª, schreibt Vattimo; ihm zufolge kennzeichne sich ´das Ende der Ge- schichte in der postmodernen Erfahrungª nicht nur durch die zu- nehmende theoretische Fragw¸rdigkeit des Begriffs der Geschicht- lichkeit, die Auflˆsung der Idee der Geschichte als eines einheitli- chen Prozesses, sondern auch dadurch, dafl ´sich in der konkreten Existenz wirkliche Zust‰nde heranbilden ñ sowohl die Bedrohung durch die Atomkatastrophe, als auch und vor allem die Technik und das Informationssystem ñ, die ihr eine Art der real nicht-his- torischen Unbeweglichkeit verleihenª 30 . Der Zeitdiagnose der Post- moderne liegt die Posthistoire-These einer negativen Philosophie zugrunde: Eben von dieser These her wird den jeweiligen Zust‰n- den Nachgeschichtlichkeit zugeschrieben. Der Unterschied zwi- schen beiden Momenten hebt sich auf im nietzscheanischcn Idea- lismus der Interpretation. Findet man, wie etwa nach Foucault, hinter einer Interpretation immer nur eine andere Interpretation, jedoch nie eine objektive Realit‰t 31 , so reduziert man die Geschichte lediglich auf ein Interpretationsmuster, das die Signatur der Mo- derne sei; die Dekonstruktion, Zerbrˆckelung und der Abbau dieser Geschichte sollen hingegen die Postmoderne verk¸nden. Die Posthistoire-These, durch welche die Postmoderne ihr eigent¸mliches Wesensmerkmal zu bestimmen vermeint, galt erst seit den dreifliger Jahren des 19. Jahrhunderts als Charakteristik oder als Prognose der Moderne, der etablierten b¸rgerlichen Ge- sellschaft. Der Gedanke von einem nachgeschichtlichen Zustand umschrieb schon in Tocquevilles Darstellung die universelle Pers- pektive der kapitalistischen Ordnung. Nach Tocquevilles Voraus- sage rufe die ãGleichheitõ eine Situation hervor, welche ´die Ge- sellschaft mehr station‰r machen werde, als sie es in unserem Wes- ten jemals warª 32 . Diese Prognose beruhte auf seinen Eindr¸cken von der amerikanischen Demokratie, besonders auf seiner Beob-

achtung, dafl durch die st‰ndige Erneuerung des Sekund‰ren, durch die bewegliche und wechselnde Oberfl‰che, die Unantastbarkeit des Wesentlichen verh¸llt wird und hinter der groflen Mobilit‰t menschlicher Handlungen ´die sonderbare Festigkeit gewisser Prin- zipienª liegt. ´Die Menschen bewegen sich rastlos, der menschli- che Geist scheint aber fast unbeweglich.ª 33 Es offenbart die unbe- absichtigte Achtung des liberalen Kritikers der Revolutionen ñ der zu jener Zeit noch lebendigen b¸rgerlich-revolution‰ren Vergan- genheit vom Ende des 18. Jahrhunderts und der schon geahnten, obschon als vermeidbar betrachteten proletarisch-revolution‰ren Zukunft ñ vor diesen Revolutionen, dafl Tocqueville das Zu-Ende- Kommen der Geschichte aus der Unmˆglichkeit (oder zumindest der Unwahrscheinlichkeit) weiterer Revolutionen ableitete. Diese Posthistoire-Perspektive war in Ambiguit‰t befangen, ebenso wie Tocquevilles ganze Geschichtsanschauung und Zeitdia- gnose, aus der sie folgte: Sie war Verheiflung und Trost, Hoffnung auf das Ausbleiben der die b¸rgerliche Gesellschaft bedrohenden neuen ´groflen intellektuellen und politischen Revolutionenª 34 , und sie war zugleich Angstbild, Vision des Vorherrschend-Werdens der fatalen ãGleichheitõ. Die Verheiflung und die Hoffnung konnten aber diese Vision nicht kompensieren, da die Annahme, Revolutionen seien k¸nftig unwahrscheinlich, vom Bewufltsein des unaufhaltba- ren, schicksalhaften Umsichgreifens der ãGleichheitõ herr¸hrte. Toc- quevilles Impressionen, die den Posthistoire-Gedanken authentifi- zierten, gestalteten sich auf Grund einer l¸ckenhaften, in manchen Z¸gen eher skizzierten als koh‰rent aufgebauten geschichtsphilo- sophischen Konzeption. Letzten Endes waren durch diese Konzep- tion sowohl die Selektion und die Deutung seiner amerikanischen Beobachtungen, das Mafl und die Hierarchie ihrer Geltung als auch die Pr‰missen des Posthistoire-Gedankens bestimmt: die Miflbilli- gung der an ´die individuelle Anstrengung der Vernunftª appellie- renden Philosophie von Bacon und Descartes bis Voltaire, die Ansicht, der zufolge die Demokratie, die nivellierende ãGleichheitõ, allgemeinen Ideen zustrebe, der Geschichte und der historischen Erkenntnis aber abgeneigt sei. Schon zur Zeit seiner Entstehung galt der Posthistoire-Gedanke als ãKulturkritikõ der Demokratie (nur der Terminus ãKulturkritikõ ist sp‰teren Datums, das Ph‰nomen trat bereits um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert auf), und die- ser anf‰nglichen und rudiment‰ren ãKulturkritikõ waren auf impli- zite Weise Tendenzen des ãnegativen Denkensõ 35 immanent.

Bei Tocqueville blieb aber der Zusammenhang der Posthistoire- Idee mit dem ãnegativen Denkenõ, mit der Umwertung und dem Zerfall der Begriffe von Rationalit‰t , Geschichte und Philosophie im Kontext des ãnegativen Denkensõ noch fragmentarisch und meistens latent, wie auch diese philosophischen Pr‰missen und Konsequen- zen seiner Auffassung ñ ohne ausgepr‰gte Fragestellungen und Durchf¸hrung ñ im Zwielicht des halb Geahnten, halb Konzipier- ten schwebten. In der Genesis des Positivismus und der Lebens- philosophie verflocht sich aber der Posthistoire-Gedanke mit der Destruktion und der Umdeutung dieser Begriffe; solche Destruk- tion und Umdeutung enthielten ñ selbst wenn sie im Hintergrund der Auffassung verborgen waren ñ die Voraussetzungen eines Ab- bruchs und Endes der Geschichte, der Restriktion und Ausschal- tung der Geschichtlichkeit. In den Konzeptionen von Comte, Cournot und Nietzsche zeichneten sich die philosophischen Kon- turen der Posthistoire-Idee ab. Das ãpositiveõ ñ ´allein ganz normaleª ñ Stadium gilt, Comtes Auffassung zufolge, als die ´endg¸ltige Einrichtung der menschli- chen Vernunftª, als ´endg¸ltiger Zustand der rationalen Positivi- t‰tª 36 , womit und wodurch die Geschichte sich eigentlich ab- schlieflt 37 . In der Comteschen Vereinigung von ãOrdnungõ und ãFortschrittõ dominierte die unbeweglich-statische ãOrdnungõ: ´Das positivistische Dogma setzt ¸berall eine strenge Unver‰nderlich- keit in der grundlegenden Ordnung voraus, deren spontane oder k¸nstliche Ver‰nderungen immer sekund‰r und vor¸bergehend sind.ª 38 Comte band diese unwandelbare und endg¸ltige ãOrdnungõ an eine vˆllig ahistorische Vernunft (obschon sich seine fr¸hen Schriften ñ von Saint-Simons Ideen angeregt ñ gewissermaflen f¸r die Geschichtlichkeit der Erkenntnis interessierten). Die Rationa- lit‰t als Element des ãpositiven Glaubensõ reduzierte sich auf das gedankliche Fixieren ãst‰ndiger Relationenõ, die in der ´Aufeinan- derfolge und ƒhnlichkeit beobachtbarer Erscheinungenª zu kon- statieren seien. Das ãmetaphysische Stadiumõ ¸berwindend, ver- schlofl sie sich programmatisch der Erforschung von Ursachen. Sie b¸flte ihre Universalit‰t und ihre revolution‰r-kritische Bestim- mung ein 39 ; entleert und erstarrt, wurde sie der ãuniversellen Reli- gionõ subsumiert. ´Das grundlegende Dogma der universellen Re- ligion besteht in der festgestellten Existenz einer unwandelbaren Ordnung, der die Ereignisse aller unterworfen sindª 40 : Die positi- vistische Philosophie ñ der gemeinsame Inbegriff der degradierten

Vernunft und des ãsubjektiven Prinzipsõ, das den Primat des ãHer- zensõ verk¸ndete ñ repr‰sentierte an sich den nachgeschichtlichen und auflergeschichtlichen Zustand, den sie in der Welt zu definie- ren bzw. eher herzustellen vermeinte. Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde die Posthistoire-These von Cournot expressis verbis formuliert (und auf sein Diktum beriefen sich bei ihrer Neufassung des Nachge- schichtlichkeits-Gedankens sowohl Hendrik de Man als auch immer wieder Arnold Gehlen). Infolge des Fortschritts der Zivilisation ñ so Cournots Posthistoire-Satz ñ ´tendiert das politische System zur Stabilit‰t, mindestens in dem Sinne, dafl die politischen Ursachen der Instabilit‰t sich verringern oder verschwindenª, f¸hrt die Ge- schichte der Menschheit zu einem ´Schluflzustandª, wo nicht mehr die politischen und religiˆsen Institutionen, sondern ´die Elemente der eigentlichen Zivilisationª entscheidend sind, wo ´der Gesell- schaft das Streben eigen ist, sich, wie der Bienenkorb, nach quasi- geometrischen Bedingungen einzurichtenª. 41 In Cournots Post- histoire-These schwangen zwar auch Reminiszenzen der Vernunft- Utopien des klassischen Zeitalters mit ñ verhiefl doch der nach- geschichtliche Zustand das Ende der Kriege und Eroberungen, der Reichs-Gr¸ndungen und -Zerstˆrungen, der Aufstiege und Un- terg‰nge von Dynastien ñ, sie hatte aber die Eind‰mmung und Aushˆhlung des klassisch-b¸rgerlichen Historismus zu ihrem ¸ber- greifenden Moment. Die Vernunft-Utopie schlug in die Aussage von einer unmittelbar bevorstehenden, im Pr‰sens formulierbaren Posthistoire-Verfassung der b¸rgerlichen Gesellschaft um, wobei sich jene Utopie in eine Prognose des nachgeschichtlichen Zustan- des verwandelte, die Vernunft aber sich auf das Wissen von quasi- geometrischen Regeln beschr‰nkte. Cournot konstatierte und tadelte ´die Revolten der niedrigeren Klassen, die unf‰hig sind, etwas zu organisierenª; die Posthistoire-These erhoffte und verhiefl, dafl jene Revolten ´nur fl¸chtige Stˆrungen erzeugen kˆnnenª und dafl der ´Fortschritt der allgemeinen Vernunftª die ´eitlen Utopienª in Verruf bringt. 42 Die ersehnte nachgeschichtli- che Stabilit‰t soll nicht dem spontanen Gang der Zivilisation oder der Wirkung der Ideen ¸berlassen werden: ´Bei jeder Revolte gegen die Gesetze der unerbittlichen Natur m¸ssen die Klassen wie auch die Individuen f¸r ihre Verstˆfle mit der Erschwerung jener Last bestraft werden, der sie sich entziehen wollten.ª 43 Wird Cournots nachgeschichtliche Vorstellung von Zeit zu Zeit

in Erinnerung gebracht und zitiert, so gilt Nietzsches Posthistoire- ldee ñ mit und hinter ihr die ‹berwindung von Geschichte und Geschichtlichkeit ñ die pragmatisch-instrumentalistische Deutung und Absetzung der wissenschaftlichen Rationalit‰t, die lebensphi- losophische Antiphilosophie ñ als unmittelbarer Bezugspunkt des Ahistorismus im sp‰tb¸rgerlichen Denken; diese Momente treten zutage oder reproduzieren sich auch in solchen Varianten der phi- losophischen Dekadenz, die Nietzsches Erbe nicht ¸bernehmen. Nach Cournots Posthistoire-Begriff sollte die (im Grunde positi- vistisch umgedeutete) Rationalit‰t das nachgeschichtliche Endsta- dium herbeif¸hren. Nietzsches Vision sah die Geschichte zu- sammen mit der Vernunft zum Untergang, zum Sturz in den Ab- grund, bestimmt. Waren auch weder ihre Geschichtskonzepte noch ihre Posthistoire-Vorstellungen identisch ñ Cournots szientistischer Glaube an den Fortschritt konnte sp‰ter sogar den Anschein ha- ben, er sei der Widerpart von Nietzsches tragischer Weltbetrach- tung ñ, so verkn¸pften dennoch die Banden einer substantiellen Entsprechung die beiden Auffassungen, die ohne Kontakt miteinander, in unterschiedlichen historischen Situationen und geistigen Traditionszusammenh‰ngen entstanden. In Nietzsches Ambiguit‰t der Verdammung und Billigung des historischen Erkennens, des Gef¸hls und Sinnes, des erkenntnis- theoretischen Relativismus unter Berufung auf die Geschichte und des Verzichts auf die Geschichte wurde Geschichte zweifach zu- r¸ckgenommen: Zum einen versank sie als ãmetaphysischerõ Be- griff im Perspektivismus, im Absoluten der Interpretation ñ das auch die St‰tte des Unterganges der Kategorien Wirklichkeit und Erkenntnis, Ursache und Gesetz, Subjekt und Geist war ñ, zum anderen k¸ndete Nietzsches Zeitkritik das Ende der Geschichte und des Menschen an. Der Posthistoire-Gedanke waltete als st‰n- diges Motiv in Nietzsches Werk. Seit der ãGeburt der Tragˆdieõ und den ãUnzeitgem‰flen Betrachtungenõ haben ihn die Wieder- herstellung des tragischen Mythos, der Gedanke der unaufhebba- ren Spannung zwischen Leben und Geschichte in Bann gehalten. Er polemisierte gegen das ´‹bermafl von Historieª, das ´nicht mehr erlaubt, unhistorisch zu empfinden und zu handelnª; er war ge- willt, ´die Gegenmittel gegen das Historischeª, ´ das Unhistorische und das ‹berhistorischeª, aufzufinden. 44 In der Zarathustra-Vision wurde die Geschichte durch Gottes Tod, den Verfall des in den Abgrund st¸rzenden Menschen und das Prinzip der ewigen

Wiederkehr des Gleichen aufgehoben. ´Der Mensch ist etwas, das ¸berwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu ¸berwinden?ª 45 In Zarathustras Posthistoire-Mahnung erschien die ganze Geschich- te des Menschen als Schwingen eines Seils, ´gekn¸pft zwischen Tier und ‹bermenschª, ja, der Mensch sei ´ein Seil ¸ber einem Ab- grundeª 46 . In Nietzsches letztem Brief an Jacob Burckhardt schlug in den Paroxysmus des Wahnsinns um ñ ´dafl im Grund jeder Name in der Geschichte ich binª 47 ñ, was fr¸her die Illusion des Ich gewe- sen war, das geglaubt hatte, die Geschichte seinem irrationalen Willen zu unterwerfen, sie im tragischen Mythos zum Abschlufl zu bringen und in einen tragischen Mythos zu verwandeln. Der Posthistoire-Gedanke kulminierte bei Nietzsche im philosophischen Setzen des Nihilismus und der nihilistischen ‹ber- windung dieses Nihilismus: Der Zwiespalt, in dem der Nihilismus zum absoluten Prinzip gesteigert wurde, war das Novum von Nietz- sches philosophischer Einstellung. An diese Attit¸de (und nicht unbedingt an die spezifischen Inhalte der Nietzscheschen Auffas- sung dieser Ambiguit‰t) lehnten sich ñ aus unterschiedlichen Be- weggr¸nden und mit divergierendem geistigen Charakter ñ nicht nur Spengler und Ernst J¸nger, Klages und Heidegger, sondern auch Adorno und Arnold Gehlen an; sie wird heutzutage in Dani- el Bells oder Peter L. Bergers neokonservativer Kritik an der Mo- derne und Deleuzes, Lyotards oder Foucaults ãpoststrukturalisti- scherõ Nietzsche-Renaissance 48 heraufbeschworen. In der Philo- sophie der Postmoderne bringt die Zur¸cknahme der Geschichte und der Ratio den Nihilismus und seine nihilistische ‹berwin- dung mit sich. ´Die traditionelle Vernunft war Geschichte, die Geschichte selber. Und heutzutage sind wir schon nicht mehr in der Geschichte.ª 49 Gelten Vernunft und Geschichte als Medien der puren Negativit‰t ñ einer Negativit‰t ohne Dialektik ñ, so wird ihrem Verfall, ihrem Sturz in das Nichts ñ dem vollendeten Nihil ñ der Anschein der ‹berwindung des Nihilismus verliehen.

IV

Was sich im b¸rgerlichen Denken als Beschr‰nkung und/oder Re- lativierung der Geschichte, als Verbreitung des Ahistorismus und Antihistorismus, als Absage an die Kategorie der Rationalit‰t und/ oder ihr positivistisches Verwelken widerspiegelte, und sich in der Posthistoire-These, letztlich im Verk¸nden oder Implizieren des

philosophischen Nihilismus und der nihilistischen Philosophie, manifestierte, war in der historischen Realit‰t die Wende der Bour- geoisie, ihr Rollenwechsel, das unwiderrufliche, in den sozialen Auseinandersetzungen entscheidende In-Erscheinung-Treten der Arbeiterklasse. Auf dieselbe Realit‰t reflektierte der Marxismus vom Klassenstandpunkt des Proletariats durch die materialistisch- dialektische Erneuerung von Geschichtsbegriff, Rationalit‰tsidee und Philosophiekonzeption. Diese materialistisch-dialektische Erneuerung hielt die Einheit, in die das klassische b¸rgerliche Denken jene Begriffe unter dem Primat der Rationalit‰tsidee verkn¸pfte, nicht aufrecht (der Pri- mat des Vernunftbegriffs verlieh der Geschichtskategorie und dem Philosophiekonzept sowie ihrer Einheit mit der Rationalit‰tsidee selbst in materialistischen Auffassungen eine idealistische F‰rbung). Marxí und Engelsí Kritik an Hegel begegnete in dieser Hinsicht ihrer Auseinandersetzung mit der klassischen b¸rgerlichen ÷ko- nomie, besonders mit Ricardos Theorie. Hegel drang im rationa- len Begreifen der Geschichte und in der Historisierung der Ratio bis zur ‰uflersten Grenze der Mˆglichkeiten der b¸rgerlichen Phi- losophie vor, die idealistische Dialektik von Vernunft, Geschichte und Philosophie beruhte jedoch auf dem absoluten Primat der Vernunft; die ahistorische Anschauung des Kapitalismus war in Ricardos politischer ÷konomie durch die abstrakte Rationalit‰t des homo oeconomicus vermittelt, der sie die Geschichte subsu- mierte. Die nietzscheanischen und heideggerianischcn Interpretationen, die Marx zum Denker der Posthistoire umstilisieren mˆchten, un- terstellen Marx einen den Lehren von Saint-Simon und Hegel ent- nommenen Begriff der allm‰chtigen Vernunft 50 oder erkl‰ren die materialistisch-dialektische Umgestaltung und Ausdehnung der Idee der Geschichtlichkeit, den Gedanken einer ¸ber den Kapita- lismus hinausgehenden Geschichte ñ die Aufhebung sowohl des klassischen b¸rgerlichen Historismus als auch des Utopismus ñ zur Posthistoire: die ´revolution‰re Ver‰nderungª der ´Klassen-Gesell- schaftª bedeute bei Marx das Ende der Geschichte. ´Die Notwen- digkeit, dieses Ende aus der Eigenart des Kapitals und seiner Kri- sen zu beweisen, ist die Hauptabsicht der marxistischen Wissen- schaft. Es ist das Ende der Geschichte ª Die materialistische Dialektik stellt dem klassischen b¸rgerli- chen Denken nicht die Subjektivierung oder Mythisierung des Ge-

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schichtsbegriffs (bzw. seiner Entwertung zugunsten des auflerge- schichtlichen Mythos), nicht den Abbau und die Aushˆhlung der Rationalit‰tsidee, nicht den Lehrsatz vom Ende der Philosophie- geschichte entgegen. Die Kategorien von Rationalit‰t, Geschichte und Philosophie liegen im Marxismus nicht als membra disiecta nebeneinander, die als Begriffstr¸mmer die Postmodeme verk¸n- den, das Kommen eines historischen und geistigen Nihils sugge- rieren. In dem ihr eigenen neuen Kontext wandelt die materialisti- sche Dialektik diese Kategorien um, gestaltet sie ihre neue Ein- heit. In dieser neuen Einheit gilt das Begreifen der Geschichte, vor allem der Materialit‰t der Geschichte von Gesellschaft und Natur, als bestimmend. Vernunft der Geschichte und Geschichte der Ver- nunft fallen hier, anders als im dialektischen Vernunft-Idealismus, nicht zusammen. Die ãobjektive Logikõ des nicht-teleologischen Gesamtprozesses der menschlichen Geschichte besteht auch nicht in der den jeweiligen Handlungssubjekten zugeschriebenen (oder in der von ihnen als solche verstandenen) Rationalit‰t ihrer Moti- ve, sondern gehˆrt der begriffenen Geschichte an. Auf Grund dieser Rationalit‰t der begriffenen Geschichte sind objektive Bestimmtheit, historische Mˆglichkeit, Stufe und Begrenzung des rationalen Han- delns zu entschl¸sseln und ist nach der Geschichte der die Wirk- lichkeit erfassenden Erkenntnisrationalit‰t zu fragen und zu forschen. Die Neugestaltung des Rationalit‰tsbegriffs im Rahmen des dialektisch-rationalen Begreifens der Geschichte (wobei die Ge- schichte des gesellschaftlichen Menschen die Geschichte der Natur voraussetzt und sie fortsetzt) ermˆglichte es Marx, den Rationali- t‰tsbegriff in der theoretischen Darstellung der kapitalistischen ÷konomie analytisch-kritisch anzuwenden 52 ; einerseits in der Blofl- stellung des den b¸rgerlichen Produktionsverh‰ltnissen anhaften- den falschen Scheins sowie auch der unlˆsbar scheinenden Span- nungen zwischen diesem falschen Schein und den Wesensbestim- mungen dieser Produktionsverh‰ltnisse ñ in diesem Sinne konsta- tierte Marx die ´Irrationalit‰t des Ausdrucksª in der Theorie, aber auch ´die Irrationalit‰t der Sache selbstª 53 ñ, andererseits in der Dar- stellung des Widerspruchs zwischen dem, was sich als Notwendi- ges und Rationales aus dem Stand der Produktivkr‰fte ergebe, und den Schranken der kapitalistischen Form der Produktion. In Marxí Idee der revolution‰ren Umw‰lzung der Gesellschaft treffen sich wie in einem Knotenpunkt das rationale Begreifen der Geschichte ñ selbst Resultat und Bestandteil der Erkenntnisrationalit‰t ñ und

der Gedanke von der Notwendigkeit eines die Gesellschaftstotali- t‰t umgestaltenden rationalen Handelns. Ist die neue Einheit der Kategorien Geschichte, Rationalit‰t und Philosophie die Folge des Bruchs mit dem Vernunft-Idealismus, so kann die materialistische Dialektik im Zusammenhang dieser Einheit nicht nur die idealistischen Ans‰tze einer immanent-ge- setzm‰fligen Weltgeschichte ñ von Vico ¸ber Voltaire und Con- dorcet bis zu Hegel ñ und einer Geschichte und Geschichtlichkeit der Vernunft ñ von Leibniz bis zu Hegel ñ in sich aufheben, son- dern auch solche Inhalte und Probleme des Vernunft-Idealismus von ihrem eigenen Standpunkt aus begreifen und erˆrtern, um- st¸lpen und neuformulieren, die die ãaktive Seiteõ des Erkennt- nisprozesses idealistisch deuteten: das Objektivieren des Wissens, den objektiven Geist, das Apriori. In der neuen Einheit von Ge- schichte, Rationalit‰t und Philosophie wird die Rationalit‰t in der Dialektik des historischen Prozesses der Realit‰t (die Praxis inbe- griffen) und der Geschichte der Widerspiegelung, der geistigen Aneignung dieser Realit‰t, aufgefaflt, versteht sich die Philosophie weder als Symptom und Argument des kulturellen Relativismus noch als philosophia perennis, sondern als Moment der Geschicht- lichkeit jener Rationalit‰t, als eine eigentliche Art wissenschaftlicher Erkenntnis. Besinnt sich die philosophische Theorie der materia- listischen Dialektik auf ihre eigenen Voraussetzungen und Be- stimmtheiten, Ergebnisse und Mˆglichkeiten, Schwierigkeiten und Grenzen, reflektiert sie ihre eigene Geschichtlichkeit und Ratio- nalit‰t, ihre Stellung im historischen Prozefl der Gesellschaft und der Erkenntnis, so wird sie der Dialektik ihrer selbst bewuflt und nimmt sie diese erkannte Dialektik ihrer selbst in ihren theoreti- schen Gehalt auf.

V

Von den lebensphilosophischen Ans‰tzen der Romantik ¸ber Kier- kegaard bis zur ãnegativen Dialektikõ, von Nietzsche ¸ber Spengler und Ernst J¸nger bis zu Heidegger und Foucault bildet das ãnegati- ve Denkenõ einen historischen Zusammenhang, eine geistige Tra- dition: die Philosophie der Postmodeme steht in einem Kontext, der teils Marx vorausging, teils mit Marx gleichzeitig war, teils sich parallel zum Marxismus entwickelte. Marxí Denken entfaltete sich in Auseinandersetzung mit fr¸hen lebensphilosophischen Bestre-

bungen (etwa mit Max Stirners Philosophie des ãEinzigenõ oder mit Bakunins Beschwˆrung des irrationalen Lebens gegen wissen- schaftliche Erkenntnis und objektiv begr¸ndete Politik). Blieb der Konflikt zwischen Marx und Nietzsche in ihren Ideengef¸gen im- plizit, aber auch impliziert, so hatten und haben Marxismus und Nietzscheanismus diesen Kampf auszutragen. Es gehˆrt zu den Pa- radoxien der Philosophie der Postmoderne, dafl sie sich jenseits von Marx verortet 54 , ihre Zeitdiagnosen aber Konstellationen zu beschreiben vermeinen, die diesseits von Marx plaziert sind, wo- bei diese angeblichen R¸ckf‰lle ersehnt und zugleich betrauert wer- den, die antiromantische Geste der k¸hnen Fortschrittskritik eine neuromantische Nostalgie verh¸llt. Adornos ãnegative Dialektikõ, obwohl zun‰chst von Nietzsche gepr‰gt, hielt eine R¸ckkehr zur Attit¸de der Junghegelianer f¸r mˆglich und erstrebenswert. Fou- cault konstatierte einen R¸ckfall der historischen Situation auf das Jahr 1830, wobei dieses Urteil auf Denkinhalten Nietzsches und des Nietzscheanismus beruhte, das heiflt auf dem lebensphiloso- phisch-krisenmythischen Bewufltsein der Zeit nach 1871 und 1917. Gegner und Kritiker hegen wider die Philosophie der Postmoder- ne den Argwohn, dafl sie zur Pr‰moderne zur¸ckkehre 55 , und die- se Vermutung scheint nicht unbegr¸ndet, insofern die Posthistoire in der PrÈhistoire eine St¸tze finden will, die Postrationalit‰t an die Pr‰rationalit‰t appelliert, die Postphilosophie im pr‰philoso- phischen Mythos 56 nach einem Halt sucht. Die Postmoderne ist dennoch ein ãmodernesõ Ph‰nomen: Sie ist an die Verfallsphase und -perspektive der b¸rgerlichen Gesell- schaft gebunden als deren falsches Bewufltsein, zum ãZeitgeistõ des Krisenmythos hypostasiert 57 ; die Neigung zur Pr‰moderne, zur PrÈhistoire, zur Pr‰rationalit‰t erwacht immer wieder in diesem Bewufltsein. Nicht der fundamentale Bestand der Philosophie der Postmoderne ist das Novum ñ Nietzsche und Heidegger gelten als die Philosophen der Postmoderne 58 ñ, sondern die Konstellation, in der diese andauernde Tendenz der sp‰tb¸rgerlichen Geistigkeit neue Kraft gewinnt und mit dem Reiz der Neuigkeit zutage tritt. Dieses Novum ñ der heutige Krisenzustand der b¸rgerlichen Ge- sellschaft, samt den sozialen Entwicklungen infolge der Umw‰l- zung der Technik, der ˆkologischen Spannungen, der Bedrohung durch einen thermonuklearen Krieg, des ungleichm‰fligen und widerspr¸chlichen, nicht-linearen Ganges der Klassenk‰mpfe usw. ñ befindet sich in der Geschichte einer Gesellschaftstotalit‰t, deren

Hauptkoordinaten und fundamentale Bewegungsgesetze Marx er- schlofl bzw. deren Werdegang auf Grund der Marxschen Theorie zu eruieren ist. ´In der Lawine gibt es entweder nur oder keine Decadenceª 59 , so Ernst J¸ngers Maxime. An anderer Stelle schrieb er: ´Der Un- tergangsstimmung, wie sie sich in unseren Tagen entwickelt, fehlt jedes Gegengewicht.ª 60 Diese postmodernen Maximen scheinen dem Diktum Paul ValÈrys verwandt, der als Repr‰sentant der Moderne gilt: ´Und wir sehen jetzt, der Abgrund der Geschichte sei grofl genug f¸r alle.ª 61 Die gegenw‰rtige historische Situation ist aber nicht blofl eine Lawine, obschon in ihr die Mˆglichkeit von Lawinen liegt, sie ist nicht blofl ein Abgrund, obschon es in ihr die Lockung und die Realit‰t geschichtlicher Abgr¸nde gibt; denn ¸ber den Abgr¸nden treffen gegens‰tzliche Sturmbˆen auf- einander, und unter den Abgr¸nden vollziehen sich tektonische Verschiebungen in der Tiefe der sozialen Wirklichkeit. Dieselbe Krise, die in der Philosophie der Postmoderne mystifiziert und in dieser mystifizierten Gestalt als Beweis gegen Marx und den Mar- xismus vorgef¸hrt wird, erweckt aufs neue das Interesse f¸r Marx und den Marxismus. 62 Verkl‰rt die Philosophie der Postmoderne den Abgrund der Post- histoire, des Postrationalen, Postphilosophischen zur Zeitsignatur und zum Urgebilde von Geschichte, Erkenntnis und Philosophie schlechthin, so vertritt Marxí Denken das rationale Begreifen der Geschichte, die historische Betrachtung der Vernunft, die Daseins- berechtigung und Existenz der wissenschaftlich-theoretischen Phi- losophie: Es ist der Antipode zum neuen Aufzug des Nihilismus. Den Leitgedanken dieses Nihilismus Nietzschescher Provenienz und Pr‰gung formulierte Gottfried Benn Anfang der vierziger Jahre:

´Es wurde geb¸flt durch die Trennung von Ich und Welt, die schi- zoide Katastrophe, die abendl‰ndische Schicksalsneurose: Wirk- lichkeit. Ein qu‰lender Begriff, und er qu‰lte alle, die Intelligenz unz‰hliger Geschlechter spaltete sich an ihm. Ein Begriff, der als Verh‰ngnis ¸ber dem Abendland lastete, mit dem es rang, ohne ihn zu fassen, dem es Opfer brachte in Hekatomben von Blut und Gl¸ck, und dessen Spannungen und Brechungen kein nat¸rlicher Blick und keine methodische Erkenntnis mehr in die wesenhafte Einheitsruhe pr‰logischer Seinsformen abzukl‰ren vermochte.ª 63 Dieser philosophische Wirklichkeitsverlust und Wirklichkeits- verdacht sind das gemeinsame Ergebnis von Lebensphilosophie und

Positivismus, das durch Heideggers Seinsphilosophie nur dem Anschein nach ¸berwunden, dem Wesen nach jedoch radikalisiert wird. Scheint die Anfechtung derãSeinsvergessenheitõ den Wirk- lichkeitsverlust zu beklagen, so verabsolutiert sie ihn, erkl‰rt ihn f¸r unwiderruflich und endg¸ltig. Das letzte Ergebnis der Philo- sophie der Postmoderne (das etliche Bef¸rworter derselben nicht anstreben, sondern vermeiden wollen) ist die abstrakt-pure Nega- tivit‰t, die unwiderstehliche Macht des Prinzips des Bˆsen. Es scheint ein Chaos zu walten, aus dem keine Welt mehr entstehen kann 64 ; das Nichts, dieser schon veraltete Weltgott, scheint als trun- kener Tyrann zu herrschen. Das Ergebnis ist endg¸ltiger Verlust ohne jede Entsch‰digung ñ der Verlust von Erkenntnis und Wahr- heit, von Wandel und Ausweg. Wird etwas behauptet, so statt der zur¸ckgenommenen Dialektik die ãDekonstruktion õ und die ãEksta- se õ 65 , statt der zur¸ckgenommenen Vernunft die Unvernunft, statt der zur¸ckgenommenen Objektivit‰t das Fatum, statt des zur¸ck- genommenen rationellen philosophischen Wissens das Schweigen 66 , in dem nur die ferne Stimme der heiligen Botschaft zu hˆren, das Wort des Mythos, des Glaubens zu vernehmen sei 67 . Angesichts des postmodernen Nihilismus tritt Marxí materia- listische Dialektik als die philosophische Wiedergewinnung der Realit‰t zutage. Ihrem Selbstverst‰ndnis nach geht die Philosophie der Post- moderne ñ infolge der Verwindung von Geschichte, Rationalit‰t und wissenschaftlicher Philosophie ñ ¸ber Marx hinaus: Die Post- moderne versteht sich als eo ipso postmarxistisch. Als latenter oder genannter Gegenstand der postmodernen Kritik an der ãklassi- schen Rationalit‰tõ gelten Marx und der Marxismus. Es gibt zwar Bestrebungen, Marx der Postmoderne einzuverleiben, ihn zum Denker der ãDekonstruktionõ umzudeuten 68 , in der Philosophie der Postmoderne ¸berwiegt aber die Tendenz, Marx und den Mar- xismus der ãklassischen Rationalit‰tõ unterzuordnen und samt dieser f¸r veraltet zu erkl‰ren: Was der Philosophie der Postmoderne abhanden gekommen scheint, ist ´die Mˆglichkeit, die Zukunft zu antizipieren und zu gestaltenª 69 ñ also die Daseinsberechtigung marxistischer Erkenntnis und Handlung. Die Negativit‰t der Phi- losophie der Postmoderne verneint das Denken von Marx, vor al- lem die materialistische Dialektik und die Idee der revolution‰ren Umw‰lzung der Gesellschaft; diese negative Beziehung zu Marx gehˆrt zu ihrer Wesensbestimmung. Die Philosophie der Postmo- derne ist im Schatten von Marx angesiedelt; sie vermag diesen

Schatten weder abzuwenden noch aus ihm herauszutreten. Die Tat- sache, dafl die Philosophie der Postmodeme in ihrer Auseinander- setzung mit der materialistischen Dialektik die Geschichte und die Rationalit‰t schlechthin ãdekonstruiertõ, die Moderne ablehnt, in- sofern der erste historische Typus des Begriffs der Moderne die Idee der rationellen Aneignung der Natur und der Wandlung der Gesellschaft war, best‰tigt ex negativo, dafl die philosophische The- orie der materialistischen Dialektik im Gang der menschlichen Erkenntnis und Emanzipation tief verwurzelt ist.

Fussnoten

1 Vgl. M. Foucault: Structuralisme et poststructuralisme; entretien avec

G. Raulet. In: ders.: Dits et Ècrits 1954-1988. Tome IV. Paris, 1994.

pp. 446 f. ñ Der Name ãPostmoderneõ ist ´denkbar ungl¸cklich. Er taugt fast nur zu Miflverst‰ndnissen, Diskreditierungen, Vorbeireden an der Sprache.ª (W. Welsch: Vielheit ohne Einheit? Zum gegenw‰r- tigen Spektrum der philosophischen Diskussion um die ãPostmoder-

neõ. Franzˆsische, italienische, amerikanische, deutsche Aspekte. In:

Philosophisches Jahrbuch, 94. Jg., 1987, l. Halbband, S. 111)

2 ´Die Termini ãModernismusõ und ãPostmodernismusõ bleiben historisch und systematisch ungewifl und undefinierbar.ª (A. Huys- sen: From Counter-culture to Neoconservatism and Beyonds: Stages of the Postmodern. In: Social Science Information, No. 3, 1984, p. 615) ñ Vgl. u. a. auch B. Schmidt, Postmodernism as Aggressive and Conflict-avoiding Dialectics. In: ebendort, pp. 589 ff. ñ B. Schmidt:

Postmoderne ñ Strategie des Vergessens. Ein kritischer Bericht. Darmstadt und Neuwied, 1986

3 J.-F. Lyotard: Reponse ‡ la question: quíest-ce que le postmodernis- me? In: Critique, N 419, 1982. p. 365

4 Vgl. W. Krauss, Der Streit der Altertumsfreunde mit den Anh‰ngern der Moderne und die Entstehung des geschichtlichen Weltbildes. In:

Antike und Moderne in der Literaturdiskussion des 18. Jahrhunderts. Hrsg. von W. Krauss und H. Kortum. Berlin, 1966 ñ H. R. Jaufl:

Literaturgeschichte als Provokation. Frankfurt am Main, 1970.

S. 11 ff.

5 Zum Bruch zwischen klassischer und sp‰tb¸rgerlicher Philosophie vgl. M. Buhr/R. Steigerwald: Verzicht auf Fortschritt, Geschichte, Erkenntnis und Wahrheit. Zu den Grundtendenzen der gegenw‰rti- gen b¸rgerlichen Philosophie, Berlin und Frankfurt am Main, 1981 ñ

M. Buhr: Zum Verh‰ltnis von klassischer und sp‰tb¸rgerlicher

Philosophie, in: Philosophie in weltb¸rgerlicher Absicht und wissen- schaftlicher Sozialismus. Hrsg. von M. Buhr und H. J. Sandk¸hler.

Kˆln, 1985.

6

Die k¸nstlerisch-‰sthetische Moderne stellt ein selbst‰ndiges Problem dar, das in diesem Aufsatz nicht behandelt wird; sie h‰ngt zwar mit dem Werdegang des philosophischen Begriffs der Moderne zusam- men, ist aber auf diesen weder zur¸ckzuf¸hren noch aus diesem abzuleiten; vgl. u. a. H. Eisler: Materialien zu einer Dialektik der Musik. Leipzig, 1976. S. 151 ff.

7

Vgl. F. Nietzsche: Jenseits von Gut und Bˆse. Vorspiel einer Philoso- phie der Zukunft. In: ders.: Werke. Hrsg. von K. Schlechta. M¸n- chen. 1969. Band II. S. 682, 714 ñ F. Nietzsche: Nachgelassene Fragmente 1881-1882. In ders.: Werke. Kritische Gesamtausgabe. Hrsg. von G. Colli und M. Montinari. Band V/2. Berlin-New York, 1973. S. 537

8

F. Nietzsche: Ecce homo. Wie man wird, was man ist. In: ders.:

Werke. Hrsg. von K. Schlechta. Band II. S. 1141 ñ ´Denn was die Moderne ist, das h‰ngt ja davon ab, als was wir sie verstehen wollen. Entweder wir verstehen sie streng aus sich selbst, also radikal- emanzipatorisch, dann verstehen wir sie zu Tode, dann ist Selbstauf- hebung der Aufkl‰rung unvermeidliches Resultat ihrer Dialektik. Das

hat Nietzsche mit vollendeter Klarheit gesehen

Wenn wir solche

Selbstaufhebung nicht wollen, dann d¸rfen wir die Moderne nicht aus

sich selbst verstehen

ª

(R. Spaemann: Philosophie und modernes

Bewufltsein. In: Neue Z¸rcher Zeitung, 4. 2. 1983)

 

9

F. Nietzsche: Ecce homo. In: ders.: Werke. Hrsg. von K. Schlechta. Band II. S. 1018

10

F. Nietzsche: Aus dem Nachlafl der Achtzigerjahre. In: ebendort, Band III. S. 529

11

F. Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. In:

ebendort, Band II. S. 775

 

12

´ Gesamt-Einsicht: der zweideutige Charakter unsrer modernen Welt ñ eben dieselben Symptome kˆnnen auf Niedergang und auf St‰rke deuten.ª (F. Nietzsche: Aus dem Nachlafl der Achtzigerjahre. In: ebendort, Band III. S. 624)

13

F. Nietzsche: Nachgelassene Fragmente 1882-1884. In: ders.: Werke. Kritische Gesamtausgabe. Hrsg. von G. Colli und M. Montinari. Band VI1/1. Berlin-New York, 1977. S. 13

14

Ders.: Nachgelassene Fragmente 1884-1885. In: ebendort, Band Vll/3. Berlin-New York, 1974. S. 90

15

Briefwechsel zwischen Wilhelm Dilthey und dem Grafen Paul Yorck von Wartenburg 1888-1897. Halle/Saale, 1923. S. 83

16

J. Baudrillard: Art. ãModernitÈõ. In: Encyclopaedia universalis, vol. II. Paris, 1968. p. 139

17

Nach Baudrillard ´ ist die Moderne lediglich ein ungeheurer ideologischer Prozefl ª. (Ebendort, p. l4l)

18

Ebendort

19

Hier geht es um die Philosophie der Postmoderne und nicht um das Verh‰ltnis zwischen k¸nstlerischer Moderne und Postmoderne. Zwar ist das Eigent¸mlich-K¸nstlerische in diesem Verh‰ltnis auf das Philoso- phische kaum zu reduzieren, Problem und Begriff der Postmoderne

erweisen sich aber vor allem als zeitdiagnostisch-philosophisch. Sollte der Terminus ãPostmoderneõ auch zun‰chst mehr in der amerikani- schen Literaturbetrachtung angewandt worden sein und trat die Losung ãPostmoderneõ zuweilen als ¸berwiegend k¸nstlerische (etwa in der Architektur) zutage, so stellte sich jedoch im Reflektieren auf das Verh‰ltnis zwischen k¸nstlerischer Moderne und Postmoderne der zeitdiagnostisch-philosophische Inhalt heraus. Zum Konzept der Postmoderne in divergierenden Perspektiven vgl. u. a. M. Kˆhler:

ãPostmodernismusõ: Ein begriffsgeschichtlicher ‹berblick. In:

Amerikastudien/American Studies, Nr. 1, 1977 ñ G. Hoffmann/

A. Hornung/R. Kunow: ãModernõ, ãPostmodernõ and ãContemporaryõ

as Criteria for the Analysis of 20 th Century Literature. In: ebendort ñ

I. Hassan: The Dismemberment of Orpheus. Toward a Postmodern

Literature, New York, 1971 ñ ders.: The Right Promethean Fire. Imagination, Science, and Cultural Change, Urbana/Ill., 1980 ñ

E. Beaucamp: Die Zukunft liegt in der Vergangenheit. In: Frankfurter

Allgemeine Zeitung, 14. 6. 1980 ñ P. B¸rger: Das Altern der Mo- derne. In: Adorno-Konferenz 1983. Hrsg. von L. von Friedeburg und

J. Habermas. Frankfurt am Main, 1983 ñ J. Culler: On Deconstruc-

tion. Theory and Criticism after Structuralism. Ithaca, 1982 ñ P. Spe- dicato: Nel corso del testo, nel corpo del tempo. In: Postmoderno e

letteratura. Percorsi e visioni della critica in America. A cura di P. Carravetta e P. Spedicato, Milano, 1982 ñ Ch. Norris: The Contest of Faculties. Philosophy and Theory after Structuralism, London and New York, 1985 ñ Umfrage: Was bedeutet ãpostmodernõ. In: Forum, Heft 379-380, 1985 ñ Kultur der Moderne I-III, In: Neue Z¸rcher Zeitung, 5. 12. 1986, 12. 12. 1986, 19. 12. 1986 ñ Die unvollendete Vernunft. Moderne versus Postmoderne. Hrsg. von D. Kamper und

W. van Reijen. Frankfurt am Main, 1987

20 Zu jener Zweideutigkeit der Postmoderne, die sich daraus ergibt, vgl.

C. Pasquinelli: Alla ricerca del moderno. In: Sulla modernit‡.

Problemi del Socialismo, n. 5/1986, pp. 11 ff. ñ ´Die Postmodeme ist ñ vorgreifend und pauschal gesagt ñ zwar nach-neuzeitlich, aber keineswegs post-modern, sondern radikal-modern. In ihr kommt es zur exoterischen Einlˆsung der einst esoterischen Gehalte der Moderne.ª (W. Welsch: Vielheit ohne Einheit?, S. 111)

21 Vgl. R. Rorty: Der Spiegel der Natur: Eine Kritik der Philosophie. Frankfurt am Main, 1981 ñ ders.: Le cosmopolitisme sans emancipati- on (en reponse ‡ Jean-Francois Lyotard). In: Critique, N 456, 1985

22 G. Raulet: The Agony of Marxism and the Victory of the Left. In:

Telos, Nr. 55, 1983. p. 183 ñ vgl. auch ders.: Gehemmte Zukunft. Zur gegenw‰rtigen Krise der Emanzipation. Darmstadt und Neuwied, 1986. S. 122 ff.

23 Vgl. u. a. W. Welsch: Postmoderne und Postmetaphysik. Eine Konfrontation von Lyotard und Heidegger. In: Philosophisches Jahrbuch, 92. Jahrgang, 1985, l. Halbband, S. 118

24 J.-F. Lyotard: Le diffÈrend. Paris, 1983. p. 11

25 Lyotards Aussage nach ´kˆnnen unter dem Wort Postmoderne die

gegens‰tzlichsten Perspektiven vereinigt werdenª. (J.-F. Lyotard:

Histoire universelle et diffÈrences culturelles. In: Critique, N 456,

1985. p. 546)

26 Der Begriff der ãDekonstruktionõ geht auf Heideggers Forderung der ãDestruktion der Metaphysikõ zur¸ck; bei Derrida ist die ãDekonstruk- tionõ eine poststrukturalistische, textdeutend-sprachkritische Variante der Heideggerschen ãDestruktionõ. Nach Culler besteht die Dekonst- ruktion eines Diskurses darin, dafl ´man zeigt, wie der Diskurs die Philosophie, die er behauptet, oder die hierarchischen Gegens‰tze, auf die er sich verl‰flt, unterminiert, indem man im Text die rhetorischen Verfahren identifiziert, die den angenommenen Grund des Argu- ments, den Schl¸sselbegriff oder die Schl¸sselpr‰misse hervorbrin- gen.ª (J. Culler: On Deconstruction, p. 86) Die ãDekonstruktionõ in Derridas Interpretation ñ wie schon die ãDestruktion der Metaphysikõ bei Heidegger ñ richtet sich gegen den ãLogozentrismusõ; Derrida

trachtet, ´die souver‰ne Rationalit‰t des westlichen Denkens zu dekonstruierenª (Ch. Norris: The Deconstructive Turn. Essays in the Rhetoric of Philosophy. London and New York, 1983. p. 147). ñ Bei anderen Bef¸rwortern der Philosophie der Postmoderne nimmt die Dekonstruktion nicht unbedingt die Form der sprachlichen Textana- lyse an.

27 Vgl. M. Foucault: Von der Subversion des Wissens. Frankfurt am Main-Berlin-Wien, 1978. S. 126 ñ Th. Leuenburger/R. Schilling: Die Ohnmacht des B¸rgers. Pl‰doyer f¸r eine nachmoderne Gesellschaft. Frankfurt am Main, 1977. S. 17, 234

28 Vgl. J.-F. Lyotard: La condition postmoderne. Rapport sur le savoir. Paris, 1979. pp. 63 ff. ñ R. Rorty: Postmodenist Bourgeois Liberalism. In: The Journal of Philosophy, Vol. LXXX, l 983. p. 585

29 J.-F. Lyotard: La condition postmoderne, pp. 61 ff. ñ Zum Unter- schied zwischen den ãkleinen Geschichtenõ und der ãgroflen Geschich- teõ vgl. ders.: La diffÈrend, p. 223

30 G. Vattimo: La fine della modernit‡. Milano, 1985. p. 13

31 M. Foucault: Nietzsche, Freud, Marx. In: ders.: Dits et Ècrits, 1954- 1988, …d. par D. Defert et al., tome I: 1954-1969. Paris, 1994. p. 571)

32 A. de Tocqueville, De la dÈmocratie en Amerique, tome III. Paris,

1968. p. 419

33 Ebendort, pp. 417 ff.

34 Vgl. ebendort, p. 428.

35 Zum Konzept des ãnegativen Denkensõ vgl. u. a. M. Cacciari: Krisis. Saggio sul pensiero negativo da Nietzsche a Wittgenstein. Milano, 1976 ñ ders.: Pensiero negativo e razionalizzazione, Venezia, 1977

36 A. Comte: Discours sur líesprit positif. In: ders.: La science sociale. …d. par A. Kremer-Marietti. Paris, 1972. pp. 219 ff.

37 Zur Kritik an Comtes Posthistoire-Gedanken vgl. J. Moltmann: Der Mensch. Christliche Anthropologie in den Konflikten der Gcgen- wart. Stuttgart-Berlin, 1971. S. 48 f. ñ Die ãTheologie der Hoffnungõ Moltmanns ist nicht weniger, sondern nur auf andere Weise ahisto- risch als der Positivismus.

38

A. Comte: SystËme de politique positive ou TraitÈ de sociologie instituant la Religion de líHumanitÈ, tome 1. Paris, 1890. p. 54

39

Vgl. ebendort, p. 20

40

A. Comte: CatÈchisme positiviste. Paris, 1966. p. 66

41

A.

A. Cournot: åuvres complËtes, tome III: TraitÈ de líenchaÓne-

ment des idÈes fondamentales dans les sciences et dans líhistoire. Paris,

1982. p. 484

42

Ebendort, p. 427

43

Ebendort

44

F.

Nietzsche: Unzeitgem‰fle Betrachtungen. Zweites St¸ck: Vom

Nutzen und Nachteil der Historie f¸r das Leben. In: ders.: Werke.

Hrsg. von K. Schlechta. Band I. S. 276 ff.

45

F.

Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch f¸r Alle und Keinen.

In: ebendort, Band II. S. 279

46

Ebendort, S. 281.

47

F.

Nietzsche: Aus dem Nachlafl der Achtzigerjahre. In: ebendort,

Band III. S. 1351.

48

´Eine Strˆmung von Denkern, von denen Klossowski, Lyotard. aber auch etwa Foucault und Deleuze genannt sein mˆgen, zeichnet heute f¸r eine philosophische Umorientierung eines betr‰chtlichen Teils der franzˆsischen Intelligenz, der eine neue philosophische Prim‰rquel-

le entdeckt zu haben scheint: Nietzsches Nihilismus.ª (R. Heim:

Frankreichs Mythen-Forscher. In: Neue Z¸rcher Zeitung, 20.2.1981)

49

A. Gargani: Les passages de la raison humaine. In: Critique, N 452- 453, 1985. p. 77

50

Vgl. H. Lefebvre: Une pensÈe devenue monde. Peut-il abandonner Marx? Paris, 1980. pp. 33 f., 112 ff.

51

H. Boeder: Topologie der Metaphysik. Freiburg/M¸nchen, 1980.

S.

694

52

Vgl. u.a. T. I. Oiserman: Das Rationale und das Irrationale. In:

Woprossy filosofii, 2/1977 (russ.)

53

K. Marx: Theorien ¸ber den Mehrwert. In: K. Marx/F. Engels:

Werke, Band 26/3. Berlin, 1968. S. 509

54

´Wir sind jenseits von Marx (und vom Marxismus). Aber auch ohne Marx (und den Marxismus). Ich habe nie richtig verstanden, was selige Ausdr¸cke, wie etwa mit Marx jenseits von Marx, bedeuten kˆnnten. Wenn man mit Marx ist, wie macht man es, jenseits von

ihm zu sein? Wenn man jenseits von ihm ist, wie ist man dann in seiner Gesellschaft?ª (S. Veca: Le mosse della ragione. Scritti di filosofia e politica. Milano, 1980. p. IX)

55

´Foucaults ñ skeptische und k¸hne ñ Botschaft lautet: Die Postmo- derne mufl eine Pr‰moderne werden, oder sie wird gar nicht sein.ª (R. Schlesier: Humaniora. Eine Kolumne. In: Merkur, 41. Jg., 1987,

S.

822)

56

´Die Vernunft, so scheint es, verliert an Ansehen. Das Erbe der Aufkl‰rung schwindet, Heilslehren, die aus dem Ungesonderten schˆpfen, aus dem Vorbewuflten und aus einer ungeb‰ndigten Natur, wo Seele und Geist, Gef¸hl und Verstand noch nicht geschieden sind,

gewinnen an Autorit‰t, an ãalternativerõ Verbindlichkeit.ª (Mythen der Moderne. In: Neue Z¸rcher Zeitung, 16. 9. 1983)

57

Vgl. aus unterschiedlichen Gesichtspunkten: G. Hofmann: Was die Spatzen nicht von den D‰chern pfeifen. In: Die Zeit, Nr. 48, 1986 ñ

O.

Marquard: Die arbeitslose Angst. In: Die Zeit, Nr. 51, 1986 ñ

H.-E. Richter: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder. In: Die Zeit, Nr.4, 1987 ñ U. Greiner: Wahrheiten mit Verfallsdatum. In: Die Zeit, Nr. 9, 1987 ñ W. Sch‰fer: Die Krankheit der Vernunft. In: Die Zeit, Nr. 15, 1987

58

Vgl. G. Vattimo: La fine della modernit‡, pp. l0 f. ñ Vgl. auch Il pensiero debole. A cura di G. Vattimo e P. A. Rovatti. Milano, 1985 ñ ´F¸r mich war immer Heidegger der wesentliche Philosophª, sagte Michel Foucault in seinem letzten Interview. ´Mein ganzer philoso- phischer Werdegang war durch meine Heidegger-Lekt¸re bestimmt. Ich gebe aber zu, dafl Nietzsche ihn ¸berwogen hat. Ich kenne

Heidegger ungen¸gend, praktisch kenne ich weder Sein und Zeit, noch seine neulich herausgegebenen Sachen. Meine Nietzsche-Kenntnis ist viel besser als die, die ich von Heidegger habe: trotzdem ist es gewifl, dafl ich diese beiden grundlegenden Erfahrungen gemacht habe Ich habe aber nie etwas ¸ber Heidegger geschrieben und ¸ber Nietzsche lediglich einen ganz kleinen Artikel: dennoch las ich diese beiden Autoren am meisten.ª Und Foucaults lapidar gezogenes Fazit: ´Ich bin

einfach Nietzscheaner

ª

(M. Foucault: Le retour de la morale

[entretien avec G. Barbedette et A. Scala, 29 mai 1984]. In: ders.: Dits et Ècrits 1954-1988, tome IV: 1980-1988. Paris, 1994. pp. 703, 704 ) ñ

Zum Thema Nietzsche als Vorl‰ufer der Philosophie der Postmoderne vgl. auch I. Hassan: The Right Promethean Fire, pp. 93 ff., 144

59

E.

J¸nger: Maxima ñ Minima. Adnoten zum ãArbeiterõ. In: ders.:

Werke, Band 6. Stuttgart, o. J S. 335

60

Ders.: An der Zeitmauer. In: ebendort, S. 536

61

P.

ValÈry: La crise de líesprit. In: ders.: åuvres, vol. l. Paris, 1957.

p.

988

62

Vgl. u. a. die ‹berlegungen des (Marx-kritischen) Buches von

D.

McLellan: Karl Marx: The Legacy. London, 1983. p. 179

63

G.

Benn: Provoziertes Leben. In: ders.: Gesammelte Werke, Band. I:

Essays. Reden. Vortr‰ge. Wiesbaden, 1959. S. 337

64

Vgl. W. Wilde: Horizons of Assent. Modernism, Postmodernism. and

the Ironic Imagination. Baltimore and London, 1981. pp. 136 ff.

65

´Es ist nicht mehr die Dialektik am Werk, sondern die Ekstase.ª

(J.

Baudrillard: Les stratÈgies fatales. Paris, 1983. p. 59)

66

´Schweigen impliziert Entfremdung von Vernunft. Gesellschaft und Geschichte, eine Reduktion aller Verpflichtung in der geschaffenen Welt der Menschen, vielleicht eine Aufhebung jeder Gemeinschafts-

existenz. Sein radikaler Empirismus widersetzt sich den menschlichen

Systemen, er sprengt sie sogar

Schweigen entwirklicht die Welt.ª

(I.

Hassan: The Dismemberment of Orpheus , p. 13)

67

Vgl. J. M. Perl: Giving the Word back to God. in: The Times Literary Supplement, 25. 10. 1985. p. 1214

68 Vgl. R. Sch¸rmann: Anti-Humanism. Reflections on the Turn towards the Post-Modern Epoch. In: Man and World, Vol. 12, 1979. pp. 160 ff. ñ M. Ryan: Marxism and Deconstruction. A Critical Examination. Baltimore and London, 1982

69 C. Pasquinelli: Marxism in Crisis: The Decline of the Marxist Myth. In: Rethinking Marx. Ed. by S. H‰nninen and L. Pald·n. Berlin, 1984. p. 24 ñ In der geistigen Atmosph‰re der Philosophie der Postmoderne sei die ãKrise der Vernunftõ als ´die Liquidation des Marxismus und der zentralen Stellung der Arbeiterschaftª auszulegen. (Vgl. M. Vegetti, Potenza dallíastrazione e sapere dei soggetti. In: aut aut, n. 175-176, 1980. p. 5) ñ Zur marxistischen Antikritik an der Marx-Kritik dieser Art vgl. u. a. Mar x e i suoi critici. A cura di G. M. Cazzaniga. D. Losurdo, L. Sichirollo. Urbino, 1987

Erich Hahn

Postmoderne ƒsthetisierung ñ Konzept und Realit‰t

Dafl ‰sthetische ‹berlegungen in der postmodernen Philosophie eine gewichtige Rolle spielen, wird weder von ihren Protagonis- ten noch von Kritikern ¸bersehen. Wolfgang Welsch spricht von einer ´Geburt der postmodernen Philosophie aus dem Geist der modernen Kunstª. 1 F¸r Gerd Irrlitz ist die postmoderne Philoso- phie ein ‰sthetisches Konzept: ´In der Philosophie ãpostmoderner Befindlichkeitõ spielen Gedankeng‰nge ‰sthetischer Theoriebildung eine grofle RolleÖ Alle Analysen der neuen Situation gehen aus ‰sthetischen Reflexionen hervor.ª 2 Urspr¸ngliche Erwartungen, dafl gerade mit diesem Akzent ein kritisches oder emanzipatorisches Potential verbunden sein kˆn- ne, haben n¸chternen Erw‰gungen und realistischen Einsichten ¸ber die eher affirmative Funktion dieses Konzepts Platz gemacht. Die un¸berschreitbare Kluft zwischen derartigen Ambitionen post- moderner ƒsthetisierung und einer tats‰chlich widerst‰ndigen ƒs- thetik hat Werner Seppmann in einer umfassenden Studie belegt. 3 Terry Eagleton hat ¸berzeugend die prinzipiell ambivalente soziale Funktion des ƒsthetischen sowie seine unterschiedlichen Auspr‰- gungen ñ mindestens f¸r die Neuzeit ñ dargestellt. 4 Auch haben sich Anfang der neunziger Jahre mit starken Worten artikulierte Hoffnungen, dafl ƒsthetisches k¸nftig an die Stelle des Ethischen treten kˆnne, bislang nicht erf¸llt.

Im vorliegenden Beitrag soll einer anderen Frage nachgegangen werden, der nach dem Realit‰tsgehalt des postmodernen ƒstheti- sierungstheorems. Dazu sollen vor allem Verfahren betrachtet wer- den, mit denen Wolfgang Welsch dieses Theorem begr¸ndet. Auf Welschs Arbeiten muflte die Wahl fallen, weil sie nicht nur die im deutschen Sprachraum eingehendste, sondern auch die begrifflich ausgefeilteste Analyse dieses Gegenstandes darstellen. 5

1. Die ‰sthetisierte Wirklichkeit

Die von Welsch seit den achtziger Jahren immer wieder vorgetra- gene uns hier interessierende Grundthese lautet, dafl ´‰sthetisches Denken heute in besonderer Weise zum Begreifen unserer Wirk- lichkeit f‰higª ist, weil ´Wirklichkeitª sich immer mehr als ´nicht ãrealistischõ, sondern ã‰sthetischõ konstituiertª erweist. Die ´Grund- lagen dessen, was wir Wirklichkeit nennenª, sind ´fiktionaler Na- turª. 6 Wir leben in einer ´Zeit der ƒsthetisierungª. 7 Ein ´generel- ler ƒsthetisierungsbefundª ergibt sich. 8 Immer mehr Elemente in der Wirklichkeit werden ´‰sthetisch ¸berformt, und zunehmend gilt uns die Wirklichkeit im ganzen als ‰sthetisches Konstrukt.ª 9 ƒsthetisierungsprozesse in den unterschiedlichsten Dimensionen werden benannt: an der Oberfl‰che des gesellschaftlichen Lebens, in der Produktion, Lebensweise und Kommunikation, im Verhal- ten, Wahrnehmen und Bewufltsein, in Wissenschaft und Ethik und schliefllich im Denken, in Erkenntnis und Wahrheit. Die ´Leitin- stanz der Moderne, die Wissenschaftª hat eine ´epistemologische ƒsthetisierung ñ eine prinzipielle ƒsthetisierung von Wissen, Wahr- heit und Wirklichkeit ñ, verf¸gt, von der keine Frage unbetroffen bleibt. Diese epistemologische ƒsthetisierung ist das Verm‰chtnis der Wissenschaft.ª 10 Und auch die philosophische Pointe des An- satzes wird nicht verschwiegen: ´Wirklichkeit ist keine erkennt- nisunabh‰ngige, fest vorgegebene Grˆfle, sondern Gegenstand einer Konstruktion.ª 11 Gerhard Schulze, bekannt geworden als Schˆpfer des ´Erlebnisgesellschaftsª-Paradigmas, hat den gleichen Gedanken auf eine k¸rzere Formel gebracht: ´Vom weltbezoge- nen Subjekt zur subjektbezogenen Weltª. Das sei der grofle kultur- geschichtliche Einschnitt in der zweiten H‰lfte des 20. Jahrhun- derts. Bislang war die Welt das Gegebene, dem das Ich sich anzu- passen hatte. Das habe sich ´um 180 Grad gedreht ñ wenn ¸berhaupt noch etwas als gegeben betrachtet wird, dann das Ich.ª 12

Nun kann ¸berhaupt nicht in Abrede gestellt werden, dafl Welsch mit bestimmten ƒsthetisierungsbefunden sehr reale Tendenzen unserer gegenw‰rtigen sozialen Wirklichkeit registriert ñ und kri- tisiert. Insbesondere gilt das f¸r die von ihm als ´Oberfl‰chen‰s- thetisierungª bezeichnete Ausstattung und ´Ausstaffierungª der Wirklichkeit mit ‰sthetischen Elementen, die ´‹berzuckerung des Realen mit ‰sthetischem Flairª insbesondere im Urbanen. Dazu

z‰hlen jedoch auch Trends im Kunstbetrieb (Einf¸gung in Regeln der Unterhaltungsindustrie), in Medien und Kultur sowie in der Lebensweise (Dominanz vordergr¸ndiger ‰sthetischer Werte, Life- style, ãhomo aestheticusõ als Leitfigur). 13 Mir geht es um die philosophischen Verallgemeinerungen, um die Art und Weise, in der Welsch aus bestimmten Befunden zu den oben skizzierten Grundthesen gelangt.

Zun‰chst und vor allem zur Behauptung des ‰sthetischen bzw. fik- tionalen Charakters der Wirklichkeit. Ich beginne mit der Wiedergabe einiger charakteristischer Ar- gumentationsketten aus dem Artikel Welschs von 1989: ´Zur Ak- tualit‰t ‰sthetischen Denkensª. Gest¸tzt auf ein Zitat von Jean Paul und eines von Adorno beginnt der Gedankengang mit der Behaup- tung, dafl das heute dominierende Denken ein ‰sthetisches Den- ken sei. Zum Beleg folgt eine Aufz‰hlung zeitgenˆssischer Den- ker: Lyotard, Derrida, Foucault, Vattimo, Cacciari, Kamper, Slo- terdijk, Goodman, Rorty, Feyerabend ñ ohne Ausnahme Repr‰- sentanten des postmodernen Denkens, eines Denkens also, dessen ‰sthetische Charakteristik kaum umstritten ist. Bewiesen wird also nicht die derzeitige Dominanz ‰sthetischen Denkens, sondern, dafl ‰sthetische Denker ‰sthetische Denker sind! Nach Darlegungen zum Charakter ‰sthetischen Denkens, auf die sp‰ter einzugehen ist, wird sodann die Eingangsbehauptung wieder aufgenommen und gefragt, warum ‰sthetisches Denken nicht nur in der Philosophie heute besondere Resonanz finde. Antwort: ´Wir scheinen in einer Zeit zu leben, in der Nietzsches These vom Fiktionscharakter alles Wirklichen zunehmend plausi- bel wird. Das liegt daran, dafl die Wirklichkeit selbst immer fiktio- naler geworden istÖ Meine These lauter, dafl ‰sthetisches Denken gegenw‰rtig das einzig realistische istª. Es allein vermag einer Wirk- lichkeit beizukommen, die ´wesentlich ‰sthetisch konstituiert istª. Ausschlaggebend f¸r die Verlagerung in der Kompetenz eines Denk- stils ´von einem logozentrischen zu einem ‰sthetischen Denken ist die Ver‰nderung der Wirklichkeit selbst.ª 14 ´Erl‰utertª wird dies sodann durch den Verweis auf die von Bau- drillard in seiner klassischen Schrift ´Agonie des Realenª (1978) gew¸rdigte amerikanische Fernsehserie ¸ber die Familie Loud, eine Reality-Show-Vorg‰ngerin von ´Big Brotherª! Wie Baudrillard ist Welsch von dem Kommentar eines Regisseurs begeistert, der sag-

te: ´Sie haben so gelebt, als ob wir nicht dabei gewesen w‰ren.ª 15 Welsch dreht die Aussage einfach um: die Menschen seien heute in so hohem Mafle ¸ber television‰re Prozesse sozialisiert, dafl sie sich in ihrem Alltag tats‰chlich so benehmen, als w‰re das Fernsehen dabei. ´Das Verhalten der Menschen ist durch und durch schon television‰r kodiert. Wirklichkeit Ö ist heute weithin ¸ber mas- senmediale Wahrnehmung konstituiert.ª 16 Die ´Ontologie der Medienª sei ´die Physik der Gesellschaftª. Im Zeitalter der Mikro- elektronik sei nicht nur technisch ´allenthalbenª die Software ent- scheidend, sondern Realit‰t selbst sei ´zur Software gewordenª. Die alten Kategorien von Sein und Schein greifen nicht mehr. ´Wo Wirklichkeit aus weichen M‰andern und ununterscheidbaren ‹berg‰ngen von Schein und Realit‰t oder Fiktion und Konstruk- tion besteht, da Ö ist nur noch ein ‰sthetisches Denken naviga- tionsf‰hig.ª 17 ƒhnlich in einer anderen Abhandlung. Die soziale Wirklichkeit sei, seit sie prim‰r durch Medien vermittelt und gepr‰gt werde, tiefgreifenden ´Entwirklichungs- und ƒsthetisierungsvorg‰ngenª ausgesetzt. Vor dem ´Wirklichkeitsspender Fernsehenª breche un- ser alter Realit‰tsglaube zusammen. Die ´television‰re Wirklich- keitª sei nicht mehr verbindlich und unentrinnbar, sondern w‰hl- bar, wechselbar, verf¸gbar, fliehbar ñ durch Zappen! Im ´Zapping und Switchen zwischen den Kan‰lenª ¸bt der Fernsehkonsument die ´Derealisierung des Realen ein, die auch sonst giltª. So zeige sich Wirklichkeit auf der sozialen Ebene zunehmend durch ‰sthe- tische Prozesse bestimmt, sie werde zu einer ´immer st‰rker ‰sthe- tischen Angelegenheit ñ ã‰sthetischõ hier nat¸rlich nicht im Sinn von Schˆnheit, sondern von Virtualit‰t und ModellierbarkeitÖª 18 An diesen Ableitungen f‰llt zun‰chst auf, dafl aus scheinbar all- t‰glichen Beobachtungen oder Erfahrungen durch ein Quidpro- quo weitgehende Verallgemeinerungen gezogen werden. Die Aus- gangsbehauptung bezieht sich auf die soziale Wirklichkeit. Aus der sozialen wird unversehens die television‰re Wirklichkeit. Attribu- te der letzteren werden wiederum durch Floskeln (´die auch sonst giltª) auf die Wirklichkeit schlechthin (das Reale) ¸bertragen. Aus der Virtualit‰t und Modellierbarkeit der television‰ren Wirklich- keit wird so die ƒsthetisierung der Wirklichkeit hergeleitet. Oder ñ im Fall ´Loud-Familyª ñ aus der medialen Inszenierung allt‰gli- cher Verhaltensformen wird die mediale Kodierung oder Soziali- sierung menschlicher Verhaltensweisen schlechthin. Und dieser

Trick gilt als hinreichend, um ihm die Behauptung der Konstitu- tion der Wirklichkeit ¸ber massenmediale Wahrnehmung folgen zu lassen. Reinhard Knodt hat in diesem Zusammenhang einmal von der Einebnung der ontologischen Unterschiede zwischen Realit‰t und Information gesprochen; die Realit‰t von Kommunikationsabl‰u- fen technifizierter Information wird mit derjenigen des realen Geschehens ontologisch gleichgesetzt. 19 Man braucht sich freilich nur die im ´Spiegelª abgedruckte Foto- grafie des ´Big-Brotherª-Container-Dorfes in Kˆln-H¸rth, die von einer schlichten Bretterwand umz‰unten und von der ´Restª- Realit‰t der 28 Kameras und des 120-kˆpfigen Produktionsteams abgetrennten 160 Quadratmeter Lebensraum der Darsteller dieser ´Reality-Showª vor Augen zu halten, um die ganze Kurzschl¸ssig- keit des Verfahrens zu erfassen. 20 Dafl mit diesen Einw‰nden die verhaltens- und wahrnehmungs- pr‰gende Macht heutiger Medien nicht in Abrede gestellt wird, ist banal. Aber nicht darum geht es. Die Erfahrungen der neunziger Jahre haben die Behauptung einer television‰ren Derealisierung des Realen ad absurdum gef¸hrt. Eher kˆnnte man von einer De- Mystifizierung der television‰ren ´Realit‰tª durch das Reale spre- chen. Die television‰ren Vermittlungen des Golfkrieges und der NATO-Aggression gegen Jugoslawien haben vielfach belegt, dafl es sehr reale Politiker und Journalisten sind, die Bilder, Kommen- tare und andere ´Realit‰tenª erzeugen oder gestalten ñ den Direk- tiven und Gratifikationen durchaus nicht nur anonymer Institu- tionen und Interessen folgend. Und so sehr diese Erfahrungen die unheilvollen manipulatorischen Potenzen moderner Medien de- monstriert haben, erwiesen hat sich ebenso die nicht hinweg zu manipulierende Kluft zwischen der television‰ren und der eigent- lichen, der objektiven Realit‰t historischer Gegebenheiten und Ereignisse. Die Grenzen medialer ´Modellierungenª und ´Kon- struktionenª, die Grenzen derartiger ƒsthetisierung erwiesen sich in Gestalt der praktischen Hindernisse und Schranken, auf die die wesentlich durch politisch gezielte und gesteuerte Massenkommu- nikation vermittelten realen Aktionen stieflen. Selbst gestellte prak- tische Ziele wurden in nicht geringem Ausmafl verfehlt. Unbeab- sichtigte Resultate wurden hervorgebracht. F¸r ein realen ƒsthe- tisierungen angemessenes Denken und zeitgem‰fle Theorie kann sich daraus nur ergeben, die tats‰chliche Dialektik zwischen ob-

jektiven und subjektiven Realit‰ten nicht einzuebnen, sondern zu markieren.

Es erscheint bei n‰herem Hinsehen fraglich, ob unsere Unterstel- lung, es gehe Welsch um die Begr¸ndung bestimmter Thesen auf dem Wege einer empirisch-induktiven Verallgemeinerung, seiner Vorgehensweise ¸berhaupt gerecht wird. Auch dieser Frage soll durch die Rekonstruktion einer Arbeit nachgegangen werden. Die Abhandlung ´ƒsthetisierungsprozesse ñ Ph‰nomene, Unter- scheidungen, Perspektivenª, die erweiterte Fassung seines Erˆff- nungsvortrages auf dem Kongrefl ´Die Aktualit‰t des ƒsthetischenª im September 1992 in Hannover, beginnt mit einem detaillierten und materialreichen ´Tableauª realer ƒsthetisierungsprozesse. Von der ´Oberfl‰chen-ƒsthetisierungª einzelner Erscheinungen ¸ber deren ´Universalisierungª und ´Fundamentalisierungª auf der ´ma- teriellen und sozialen Ebeneª der Wirklichkeit insgesamt gelangt Welsch schliefllich zu einem neuartigen, prinzipiell ‰sthetischen Wirklichkeitsbewufltsein, einer ´immateriellenª ƒsthetisierung, die die ´Seinsweise der Wirklichkeit und unsere Auffassung von ihr im ganzenª betrifft. 21 Im Fortgang der Argumentation wird dieses Tableau schliefllich durch eine weitere, die ´allereinschneidendste und am tiefsten rei- chendeª, die sogenannte ´epistemologischeª ƒsthetisierung er- g‰nzt. 22 Die Aneinanderreihung von ƒuflerungen prominenter Denker der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte der letzten zweihundert Jahre dient Welsch als Ausgangspunkt und Beleg f¸r die bereits erw‰hnte und in unz‰hligen Varianten immer wieder artikulierte Auffassung, dafl ´Wahrheit, Wissen und Wirklichkeit Ö zunehmend ‰sthetische Konturen angenommenª h‰tten. Erken- nen und Wirklichkeit seien ´ihrer Seinsart nachª ‰sthetisch. ´Wirk- lichkeit ist keine erkenntnisunabh‰ngige, fest vorgegebene Grˆfle, sondern Gegenstand einer Konstruktion.ª 23 Dafl auch in diesem Fall das begr¸ndende Verfahren darauf hin- ausl‰uft, ƒuflerungen bzw. Konzepte anzubieten, welche die vorab proklamierte Auffassung st¸tzen, sei hier ebenso nur angemerkt wie der Umstand, dafl die Auswahl der Zitate bisweilen auf frag- w¸rdige Weise erfolgt. Hinsichtlich Kant sind f¸r Welsch wenige Zeilen hinreichend, um zu der Feststellung zu gelangen: ´Seit Kant wissen wir um die ‰sthetischen Fundamente allen Erkennens, um eine prinzipielle Proto‰sthetik der Kognition.ª 24

Wesentlich ist vielmehr, dafl Welsch nach der Einf¸hrung dieser ´epistemologischen ƒsthetisierungª die Frage nach dem Verh‰ltnis der diversen ƒsthetisierungsarten zueinander aufwirft. Seine Ant- wort: die epistemologische ist die ´fundamentalste aller ƒsthetisie- rungenÖ, mit denen wir es heute zu tun haben.ª Sie sei der ei- gentliche ´Untergrundª, ´Folieª und ´Rechtsbeistandª aller aktu- ellen ƒsthetisierungsprozesse. ´Dadurch, dafl sich Erkennen und Wirklichkeit als im Grunde ‰sthetisch herausgestellt haben, sind wir generell f¸r ƒsthetisierungen bereit geworden.ª 25 Damit voll- zieht Welsch eine doppelte Umkehrung. Sowohl in bezug auf den Gang der Begr¸ndung als auch theoretisch-systematisch erlangt die Behauptung des grundlegend ‰sthetischen Charakters nicht dieser oder jener, sondern der Wirklichkeit schlechthin uneingeschr‰nk- te Priorit‰t. Sie nimmt den Charakter einer Setzung an. Die ‰sthe- tische Seinsweise wird ´als generelle Seinsweiseª verstanden. ´An die Stelle der klassischen ontologischen Kategorien von Sein, Wirk- lichkeit, Best‰ndigkeit, Realit‰t usw. treten jetzt ‰sthetische Zu- standskategorien wie Schein, Beweglichkeit, Bodenlosigkeit und Schweben.ª 26 Der eigenwilligen Einf¸hrung dieser Feststellung entspricht ihre Legitimation ñ wer das nicht so sieht, leidet unter Ged‰chtnisl¸- cken! Wenn die Menschheit diese Einsichten bislang nicht akzep- tiert, so liegt das schlicht an der Vergefllichkeit des normalen Men- schenverstandes. Gest¸tzt auf ein Nietzsche-Zitat meint Welsch:

´Wenn uns die Wirklichkeit f¸r gewˆhnlich nicht als erzeugt, son- dern als gegeben erscheint, so ist das die Folge eines habituellen und geradezu systematischen Vergessens unserer T‰tigkeitsantei- le.ª 27

Soweit ein erster Strang von Begr¸ndungsverfahren. Die Aktuali- t‰t und dominierende Rolle ‰sthetischen Denkens wird aus dem angeblich ‰sthetischen Charakter der Wirklichkeit selbst gefolgert. W‰hrend man zun‰chst den Eindruck gewinnen konnte, die ge- nerelle Behauptung des ‰sthetischen Charakters der Wirklichkeit sollte aus empirischen Pr‰missen abgeleitet und so begr¸ndet wer- den, sieht man sich plˆtzlich mit einer Umkehrung konfrontiert ñ das eigentlich Abzuleitende fungiert als unvermittelt gesetzter Grund f¸r empirische Erscheinungsformen des ƒsthetischen.

2. ƒsthetisches Denken

Eine zweite Argumentationskette ist auf die Begr¸ndung des ‰s- thetischen Charakters des Denkens selbst gerichtet. Unter ´‰sthe- tischem Denkenª versteht Welsch ausdr¸cklich nicht ein Denken, das sich auf ƒsthetisches als Gegenstand richtet, sondern ein Den- ken, welches ´als solches eine ‰sthetische Signatur aufweistª. Das aber meine in erster Linie, dafl ein Denken in besonderer Weise mit Wahrnehmung verbunden sei, ein Denken, f¸r das Wahrneh- mungen ausschlaggebend seien. 28 Und zwar sowohl Sinneswahr- nehmungen als auch Wahrnehmungen umfassenderer Art, das ´Gewahrwerdenª von Sachverhalten, Wahrnehmungen, die mit Einsichten, imaginativen ñ also auf Einbildung beruhenden ñ Momenten, mit Deutungen und Reflexionen verbunden seien. Sinnes- und Sinn-Wahrnehmungen werden unterschieden. Vier Schritte seien von ‰sthetischem Denken zu vollziehen: Ausgangs- punkt und Inspirationsquelle von allem ist eine schlichte Beobach- tung; darauf baut imaginativ eine generalisierende, wahrnehmen- de Sinnvermutung auf, die in einem dritten Schritt reflexiv aus- gelotet und gepr¸ft wird, woraus letztlich eine ´Gesamtsicht des betreffenden Ph‰nomenbereichs resultiert, die Konsolidierung der reflexiv erh‰rteten Wahrnehmung.ª 29 Eine ¸berraschende Bestimmung! Ist doch nur schwer nachzu- vollziehen, inwiefern f¸r die Akzeptanz solcher wie der hier aufge- z‰hlten gedanklichen Schritte die Bezeichnung ´‰sthetisches Den- kenª erforderlich ist. In der Erkenntnistheorie hat sich l‰ngst der Standpunkt durchgesetzt, dafl menschliches Erkennen rationale und sinnliche Elemente aufweist, die beide ebenso unterschiedene wie unverzichtbare Funktionen f¸r den Gesamtprozefl darstellen. Man braucht nur ein beliebiges philosophisches Wˆrterbuch aufzuschla- gen, um sich davon zu ¸berzeugen, dafl Anschauung, Empfindung, Wahrnehmung, Vorstellung, Einbildung, Deutung, Intuition, Ver- stehen, Reflexion als uneingeschr‰nkt legitime Elemente mensch- lichen Denkens gelten ñ ohne dafl deren zus‰tzliche Bestimmung als ´‰sthetisches Denkenª dazu f¸r erforderlich gehalten wird. Etwas anderes ist es, einen Denktypus zu kreieren, der ‰stheti- sche Implikationen aufweist. Mit Welschs Formulierungen: ist die ´Physiognomie einer Weltsicht, eines Ansinnens, eines Vorschla- gesª Ö rigid, weiblich, gek¸nstelt, elegant, dialektisch?ª ´Ein ‰sthetischer Denker sieht und hˆrt nicht blofl in umweltlicher

Orientierung, sondern er wittert eine Einsicht, ist einem schal schmeckenden Einfall gegen¸ber skeptisch, tastet das Gewebe eines Gedankens abÖ von anderen (Denkern - E.H.) gilt, dafl sie ihre Einsichten liebkosen, ¸berreizen oder hinter Gazeschleiern ver- h¸llen.ª 30 Hier f‰llt wiederum auf, dafl Welsch als Kronzeugen f¸r seine Bestimmungen ausschliefllich Denker aufruft, die im Gefol- ge von Nietzsche und Heidegger in der Tat ein in diesem Sinne ‰sthetisches Denken praktizieren. Der Zusammenhang dieses Denktypus mit den inhaltlich-philosophischen Positionen ihrer Vertreter d¸rfte allerdings aus der Betrachtung nicht ausgeschlos- sen werden. Das spricht jedoch keinesfalls gegen die Bezeichnung dieses Denkens als das, was es in der Tat ist ñ ‰sthetisch. Ob diese Bestimmung hinreichend ist, steht auf einem anderen Blatt. Der Punkt ist wiederum die unzul‰ssige Verallgemeinerung und Verabsolutierung. Wenn Welsch auf Seite 55 dieser Abhandlung dieses Konzept eines ‰sthetischen Denkens noch gegen ´refle- xionsfeindliche(n) Intuitionismus einerseits und Ö vermeintlich wahrnehmungsunabh‰ngige(n) Logizismus andererseitsª verstan- den wissen will, proklamiert und favorisiert er zwei Seiten sp‰ter die ´Verlagerung von einem logozentrischen zu einem ‰sthetischen Denkenª, die ñ wie wir bereits gesehen hatten ñ Hinnahme dieses Denktypus als ´eigentlich realistische(s)ª und kompetentes, weil der heutigen Wirklichkeit angemessenes Denken. Derartige ‹bertreibungen und Radikalisierungen werden der tats‰chlichen Rolle ‰sthetischer Momente im menschlichen Den- ken nicht gerecht. ƒsthetische Elemente kˆnnen eine ¸beraus wich- tige befˆrdernde oder hemmende Rolle spielen ñ selbstredend auch in der Wissenschaft. Otfried Hˆffe spricht ñ in Ansehung der Kant- schen ƒsthetik ñ von der ´Vermittlungsleistung des ƒsthetischenª. 31 Die Fruchtbarkeit, aber auch die Grenzen ‰sthetischen Denkens bei Marx und Adorno unterzieht Terry Eagleton einer Betrach- tung. Er vertritt die Auffassung, dafl Marxí Vorstellungen einer emanzipierten, kommunistischen, durch ‹berwindung des Pri- vateigentums ermˆglichten Gesellschaft durchaus als ‰sthetisches Ideal bezeichnet und verstanden werden kˆnnten. Allerdings kˆn- ne ein solcher Zustand nicht ´vorschnell durch eine Vernunft anti- zipiert werden, die sich ganz und gar dem Spielerischen und Poeti- schen, dem Gleichnis und der Intuition ¸berantwortetª. Es bed¸r- fe vielmehr statt dessen einer ´rigoros analytischen Rationalit‰tª, um die der Verwirklichung dieses Ziels im Wege stehenden Wi-

derspr¸che aufzulˆsen. Wenn ´eine ‰sthetische Existenz f¸r alle erreicht werden soll, darf das Denken nicht vorschnell ‰sthetisiert werden.ª Und genau das markiert die entscheidende Differenz von Marx zu Nietzsche und Heidegger ebenso wie zu den poststruktu- ralistischen Denkern, die sich ñ so Eagleton ñ fragen sollten, wem ihre Forderung, ´zugunsten von Tanz und Gel‰chterª auf die Wahr- heit zu verzichten, in einer Klassengesellschaft eigentlich von Nut- zen sein kˆnnte. 32 Auf andere Weise bemerkenswert die Fragestellung bei Ador- no. Einerseits sei die Frage durchaus angemessen, inwieweit f¸r Adornos Denkweise und Theorie das Pr‰dikat ´‰sthetischª zutref- fe. Der Stil, in dem Adorno schreibt, sei seine Art der Lˆsung des Widerspruchs zwischen Denken und Gegenstand, zwischen Spra- che und Ding, des immer wiederkehrenden Dilemmas selbst eines dialektischen Denkens, ´Heterogenit‰t gerade dann auszurotten, wenn es auf sie reflektiertª. Was ´diesen Widerspruch ¸berwindet, ist die bittere, widerborstige Praxis des Schreibens selbst, eines Diskurses, der fortdauernd in eine Krise gest¸rzt wird, der sich verdreht und auf sich zur¸ckwindet, der in der Struktur jedes Sat- zes eine ãschlechteõ Unmittelbarkeit des Gegenstandes zu vermei- den sucht und zugleich die falsche Identit‰t der BegriffeÖ Jeder Satz in seinen Texten Ö mufl Ö einen Gedanken in eben der Sekunde festhalten, in der er sich in seine Widerspr¸che auflˆst und verschwindet. Wie der Stil Benjamins ist auch der Adornos konstellatorischÖ Seine Sprache knallt gegen das Schweigen.ª 33 Gleichwohl war Adorno sich der Bedingtheit dieser Ausdrucks- weise bewuflt ñ wegen der Unverzichtbarkeit stringenten dialekti- schen Denkens zur Entschl¸sselung der kapitalistischen Realit‰t. ´Die gegebene Gesellschaftsordnung ist nicht nur eine der unter- dr¸ckerischen Identit‰t; sie ist zugleich von jener antagonistischen Struktur, der sich ein Begriff von Identit‰t kritisch zu widersetzen vermag.ª 34 Deshalb wendet er sich ausdr¸cklich gegen jeden Versuch, die Philosophie zu ‰sthetisieren. Die ƒsthetisierung der Theorie in Stil und Form (!) bedeutet f¸r Adorno keinesfalls eine ´Entleerung der Erkenntnisª. ´Die Affinit‰t der Philosophie zur Kunst berechtigt jene nicht zu Anleihen bei dieser, am wenigsten vermˆge der Intuitionen, die Barbaren f¸r die Pr‰rogative der Kunst haltenª (Adorno). 35

Zu erw‰hnen ist schliefllich eine dritte Argumentation. Auch sie

verfolgt den Zweck, ‰sthetisches Denken nicht nur auszuzeichnen, sondern zu dem Denken der Gegenwart schlechthin hochzustili- sieren. Die Vorzugsstellung ‰sthetischen Denkens wird jetzt aus der Kongruenz von Pluralit‰t in der Kunst und Pluralit‰t in der Wirk- lichkeit abgeleitet. Und wiederum basiert die Konstruktion auf einer Mischung von Kurzschl¸ssen und ¸beraus einseitigen Ver- absolutierungen. Ausgangspunkt ist die These, Kunst sei eine ´exemplarische Sph‰reª von Pluralit‰t. Nicht ohne Grund verweist Welsch darauf, dafl die Geschichte der Kunst nicht in der Ersetzung, der Auslˆ- schung oder Vernichtung bestimmter historisch gepr‰gter Gestal- ten (der Werke, Stile, Strˆmungen etc.) durch andere besteht. Cha- rakteristisch sei vielmehr eine Koexistenz des Heterogenen, des radikal Verschiedenen. Kunstschˆpfungen vergangener Epochen vermˆgen immer wieder neue Generationen von Rezipienten zu faszinieren. Zumal moderne Kunst sei insofern ´geradezu eine Werkstatt und Schule vollendeter Pluralit‰t, das Nebeneinander hochgradig differenter Gestaltungenª. F¸r die Geschichte der Wis- senschaft und Erkenntnis sei demgegen¸ber charakteristisch, dafl z.B. bessere, effektivere Erkl‰rungen die ihnen vorangehenden weniger guten oder falschen ins Abseits stelle. 36 Dafl diese Sichtweise Vereinfachung enth‰lt, soll hier nicht interessieren. Wichtig ist der folgende gedankliche Schritt. Da Pluralit‰t unsere heutige ´Grundverfassungª darstelle, sei Kunster- fahrung und ein von ihr inspiriertes, an ihr orientiertes, ‰stheti- sches Denken ´in besonderer Weise wirklichkeitskompetentª. 37 F¸r die Gegenwart sei die Einsicht in den Elementarcharakter und die ´Un¸berschreitbarkeitª von Pluralit‰t wichtig und leitend gewor- den. Jedes Sprachspiel, jede Lebensform, jeder Weltentwurf und jedes Wissenskonzept sei ´im Grundeª spezifisch und partikular. An der Kunst habe diese Wirklichkeitseinsicht l‰ngst ein exempla- risches Demonstrations- und Schulungsfeld gehabt. Also kˆnne Kunsterfahrung geradezu als ´Exerzitium unserer heutigen Lage und ihrer Verbindlichkeitenª betrachtet werden. 38 Die Methode ist immer die gleiche. Typische Postulate post- moderner Weltsicht gelten als unumstˆflliche, keiner Begr¸ndung bed¸rftige Gewiflheiten, aus denen beliebige Weiterungen abge- leitet werden kˆnnen. Die Behauptung einer radikalen, un¸ber- schreitbaren Pluralit‰t z‰hlt zu derartigen Essentials. Un¸berschreit- barkeit kann im Kontext einer philosophischen Aussage aber nicht

anders verstanden werden, als dafl es ein ´Letztesª, ein Absolutum sei, dafl es nichts anderes gebe ñ nichts Allgemeines, nichts Einheitliches, nichts Gemeinsames, nichts Wiederholbares etc. Menschliches Handeln, Voraussicht, Zwecksetzung w‰ren unter dieser Voraussetzung undenkbar. Weder die ñ allerdings umfassen- der zu begr¸ndende ñ Pluralit‰t von Kunst und Kunsterfahrung soll also in Abrede gestellt werden noch die Beobachtung, dafl die gegenw‰rtige Wirklichkeit in bestimmter Hinsicht und in bestimm- ten Bereichen Tendenzen der Differenzierung aufweist, die ñ in bezug auf vorangegangene Gegebenheiten ñ als Verst‰rkung von Pluralit‰t bezeichnet werden kˆnnen. So wie diese gleiche Wirk- lichkeit Tendenzen aufweist, die auf Vereinheitlichung, Standar- disierung, Uniformierung, Monotonie hinauslaufen ñ auch im Be- reich der Kultur! Entschieden zu bestreiten ist das Postulat der ´Un¸berschreitbarkeitª des Einen wie des Anderen, die Annahme, es kˆnne jemals Pluralit‰t (oder Einheitlichkeit etc.) ohne ihren Gegensatz geben. Fragw¸rdig ist demzufolge auch diese Begr¸n- dung einer Dominanz ‰sthetischen Denkens gegen¸ber vergleich- baren Typen oder Arten menschlichen Denkens.

Fassen wir zun‰chst zusammen. Welschs ‹berlegungen zeichnet ein st‰ndiges Schweben ñ diesen Ausdruck proklamiert er be- kanntlich selbst f¸r ‰sthetisches Denken ñ in einer Art Dreieck aus. Selektive Beobachtungen realer ƒsthetisierungsprozesse dienen als Ausgangspunkt f¸r eine mafllose ‹berhˆhung des Platzes und der Funktion ‰sthetischen Denkens, die ihrerseits allerdings nur um den Preis fortw‰hrender Anleihen bei Essentials der Postmoderne durchgehalten werden kann. 39 Ein solches Vorgehen wird der tats‰chlichen Spezifik und der Rolle des ƒsthetischen im gesellschaftlichen Leben nicht gerecht. ƒsthetisches ist begrifflich schwer zu fassen. Es kann grob als ein komplexes Ph‰nomen charakterisiert werden, in dem eine Totali- t‰t menschlicher Vermˆgen synthetisiert ist. ƒsthetisches weist eine Vielzahl von Bestimmungen auf. 40 Wesentlich ist sein Verst‰ndnis als ´Subjektverhalten und Gegenstandsformª. In ´reinerª Form tritt ƒsthetisches als Produktion und Konsumtion von Kunstwerken, als Resultat kompositorischer Gestaltung ñ in Erscheinung. 41 Seit Immanuel Kant f¸hrt kein Weg um die Anerkennung und Ber¸ck- sichtigung des ƒsthetischen als Subjekt-Objekt-Beziehung. Als Form kultureller T‰tigkeit stellt ƒsthetisches ein Moment

des Gesamtprozesses der geistigen und praktischen Aneignung der Welt durch den Menschen dar. 42 Seine spezielle Analyse mufl auf diesen Gesamtprozefl bezogen bleiben. Das Instrumentarium, die wesentlichen Prinzipien und Kategorien, mit denen diese Analyse erfolgt, werden letztlich aus dieser Totalit‰t menschlicher Wirk- lichkeitsaneignung gewonnen. Bei Welsch begegneten wir st‰ndig der ´Brilleª postmoderner Philosophie, die zwar in starkem Mafle ‰sthetisch affiziert ist, jedoch keinesfalls als Produkt lediglich ‰sthetischer Analyse verstanden werden kann. Wie jede andere Philosophie ist sie gleichermaflen ein Resultat weltanschaulicher Verarbeitung epochaler Erfahrungen insgesamt. Diesem Gesichtspunkt soll im Folgenden hinsichtlich des spezi- ellen Ph‰nomens der ƒsthetisierung als gesellschaftlichem Prozefl nachgegangen werden.

3. ƒsthetisierung

Von ´ƒsthetisierungª kann in bezug auf buchst‰blich alles, auf die unterschiedlichsten Gegebenheiten, die Rede sein. Insofern kann als allgemeiner Ausgangspunkt einer Verst‰ndigung durchaus eine Art Minimaldefinition dieses Ph‰nomens durch Welsch dienen:

´ƒsthetisierungõ bedeutet ja grunds‰tzlich, dafl Nicht‰sthetisches ‰sthetisch gemacht oder als ‰sthetisch begriffen wird.ª 43 Wenn wir uns Dimensionen von ´Nicht‰sthetischemª zuwen- den, die da ‰sthetisch gemacht oder begriffen werden, beispiels- weise in Lebenswelt und Politik, so sind zun‰chst zwei Anmer- kungen erforderlich. Erstens bedeutet ƒsthetisierung in all diesen F‰llen eine sich st‰n- dig entwickelnde und ver‰ndernde Subjekt-Objekt-Beziehung. Einerseits kˆnnen ‰sthetische Elemente in dem betreffenden Be- reich sinnlich-wahrnehmbare Gestalt annehmen ñ deutlich in der Anreicherung der Architektur oder in der Ausstattung st‰dtischer Umwelt mit k¸nstlerischen Elementen, im Produkt-Design, in Verhaltensweisen (Lifestyling), dadurch, dafl politische Ereignisse als Unterhaltung inszeniert werden. Andererseits lebt diese ƒsthe- tisierung in der st‰ndigen Wechselwirkung mit Subjektivem, mit Erwartungen, Anspr¸chen, Bed¸rfnissen. Bernd Guggenberger charakterisiert diese Wechselwirkung f¸r den Bereich der Politik:

´Ö ‰sthetische Kategorien der Wahrnehmung und Beurteilung werden, gleichsam hinterr¸cks, politikbedeutsam. Vermeintlich

politische Bewertungen und Urteile transmutieren unterderhand in ‰sthetische. Wenn wir sagen, die Politik werde ã‰sthetisiertõ, so bedeutet das, dafl wir auf sie ‰hnliche Kriterien anwenden wie auf Gegenst‰nde und Situationen, denen wir uns auf der Suche nach ‰uflerem und innerem Wohlgefallen oder vielleicht auch nach Span- nung und Unterhaltung n‰hern: einem Film, einem Bild, einer Theaterauff¸hrung, einer Romanhandlung, einer Parklandschaft, einem BerggipfelÖ Der ‰sthetische Blick Ö verleitet dazu, politi- sche Fragen in Kategorien des Geschmacks zu behandelnª. Das Resultat ist vorprogrammiert. ´Politik und Publikumserwartung vereinigen sich zu einem quasi selbstreferentiellen System der ãorganisierten Verantwortungslosigkeitõ: Das aus der Sekund‰r- beobachtung gewonnene Bild der Publikumserwartung pr‰gt die politische Reaktion, und diese wirkt ñ verst‰rkend ñ auf die Erwartungen und Gestimmtheiten des Publikums zur¸ck ñ und keiner istís am Ende gewesen!ª 44 Zweitens w‰re genau zu pr¸fen, welcher Art das ƒsthetische ist, das auf das betreffende nicht‰sthetische Objekt ¸bertragen wird, bzw. sich im Resultat dieser ‹bertragung herauskristallisiert und welchen Modifikationen sowohl das jeweilige ƒsthetische als auch das ‰sthetisierte Nicht‰sthetische im Prozefl derartiger ‹berfor- mungen unterliegt. Eine generelle Antwort auf diese Fragen ist nur bedingt mˆglich. Gesichtspunkte kˆnnen benannt werden. Zun‰chst mufl bei der derzeitigen Inflation von ƒsthetisierun- gen davon ausgegangen werden, dafl ´‰sthetischª zwar letztlich am Modell ´k¸nstlerischª orientiert ist, dafl zugleich aber die ganze Breite von Konnotationen von ´‰sthetischª im Spiel ist: sinnen- haft, empfindungs- und wahrnehmungsbetont, subjektiv, symbo- lisch, versˆhnend, harmonisierend, poietisch oder autopoietisch, modellierbar, hedonistisch, kosmetisch, schˆn, sensibel, virtuell, kˆrperhaft, lustbetont, libidinˆs, spontan, unbestimmt, derealisiert, immaterialisiert, manipulierbar, auf Form, Oberfl‰che und Erschei- nung bezogen, auf das Eigene oder Besondere als Wert orientiert ñ um einige der in der Literatur auftretende Bestimmungen aufzu- greifen. Dafl eine derart weite Auslegung von ´‰sthetischª Kritik her- vorgerufen hat, ist verst‰ndlich, kann hier aber nur angemerkt wer- den. 45 Die Verbreitung dieser Auslegung im Feuilleton hat die Kritik bislang nicht verhindern kˆnnen.

F¸r die konkrete Analyse ergibt sich daraus, dafl nicht nur kritisch zu pr¸fen ist, welche Bedeutungselemente bei der gegebenen ƒsthe- tisierung im Spiel sind oder dominieren, sondern ebenso, welche Gestalt das jeweilige Bedeutungselement annimmt, welchen Wand- lungen es bei der Durchdringung des Nicht‰sthetischen unterliegt. Wenige Beispiele sollen das Problem verdeutlichen. Im Katalog zu einer M¸nchner Kunstausstellung wurde k¸rz- lich die Frage aufgeworfen, ob die postmoderne, allumfassende ƒsthetisierung unserer Lebenswelt nicht die ´Auferstehung eines vormodernen Neobarockª mit sich bringt. 46 ´Die bildende Kunst wurde zum Bestandteil der postmodernen ƒsthetisierung aller Le- bensbereiche, eines Verschˆnerungswahns und Stilisierungswillens, der rasant um sich greift. Auch im 18. Jahrhundert waren Bilder und Skulpturen weniger autonome Schˆpfungen als vielmehr Be- standteile eines viel umfassenderen Dekorationssystems, das den privaten und ˆffentlichen Lebensraum ebenso pr‰gte wie die Klei- dung, den Habitus, die Sprache und die Natur.ª 47 Auch ergibt sich die Frage, welche Konsequenzen f¸r Kunst sich aus der unaufhalt- samen ´Verschˆnerungª der Wirklichkeit ergeben, an der Kunst- schˆnes ñ im weitesten Sinne ñ nat¸rlich nicht unbeteiligt ist: ´Noch nie war die Welt so schˆn wie heute ñ abgesehen von der aus den Massenmedien ausgeblendeten Wirklichkeit. Schˆne Menschen, schˆne Dinge, schˆne Wohnungen, schˆne Landschaften, wohin das Auge reicht. In der telekommunikativen Informationsgesell- schaft, in der die massenmedialen Bilder des Schˆnen die Erfah- rung der Wirklichkeit verdr‰ngen, mufl sich die Kunst neu defi- nieren, da sie diese Bildwelt, ohne ihrer Wirkung zu schaden, nicht leugnen kann, sich andererseits aber auch gegen¸ber der ausgren- zenden Gewalt des schˆnen Scheins behaupten mufl, um weiterhin ihre Souver‰nit‰t und Existenz als Medium authentischer Erfah- rung sichern zu kˆnnen.ª 48 Ein anderes Beispiel. R¸diger Bubner sieht in der derzeitigen ƒsthetisierung der Lebenswelt mindestens st¸ckweise eine Erf¸l- lung avantgardistischer Vorstellungen von der ´direkten Verschmel- zung des Lebens mit der Kunstª in Erf¸llung gehen. ´Wo die ge- wohnten Dinge des Verbrauchs, ja die ‹berreste des Verbrauchs untransformiert aufs Podest gehoben werden, wie es die Pop Art auf den Spuren Duchampsí betrieben hat, sieht sich der Betrachter planm‰flig verwirrenden Kontexten ausgesetzt. ƒhnliches geschieht bei den surrealistischen Schocks, die sich in Happenings, allerlei

Performationen auf Pl‰tzen, Verpackung von Geb‰uden, Verwand- lung von Landschaften in Kulissen usw. fortsetzen.ª 49 Welsch be- tont demgegen¸ber wohl zu Recht eine Differenz zwischen Avant- garde und heutiger ƒsthetisierung. Jene wollten Nichtk¸nstleri- sches als kunstartig begreifen und so den Kunstbegriff erweitern. Heute werden umgekehrt traditionelle Eigenschaften der Kunst auf Wirklichkeit ¸bertragen, ´wird der Alltag mit Kunstcharakter voll- gepumpt.ª 50 Bernd Guggenberger geht noch weiter und sieht einen qualita- tiven R¸ckschritt. Die klassische Avantgarde (z.B. Dadaismus) habe sich als ´Vorhut der Zertr¸mmerungª von Gesellschaftlichem be- griffen. Heute m¸sse von einer ´Avantgarde resteverwertender Wiederaufbereitungª die Rede sein: ´Avantgarde der endlosen Ö Umdeutungen und Weiterentwicklungen der Kunstmotive von gestern Ö der K¸nstler, vom Nagelbild bis zum Tubenm‰nnchen, als Lieferant identifizierbarer Markenartikel. Mit solch fashionable ãcommodity artõ, mit der auf Ware reduzierten Kunst aber begibt die Gesellschaft sich gerade jener Erfahrung, welche, wie kaum eine andere, die Borniertheit ihres Funktionierens bewuflt zu machen und zu verstˆren vermˆchte.ª 51 ´ƒsthetisierungª kann also allein schon in Hinblick auf das ihr jeweils zugrundeliegende ƒsthetische hˆchst Unterschiedliches bedeuten. Zugleich ist damit ein entscheidender Aspekt der (gesellschaft- lichen) Bedingtheit des Ph‰nomens ´ƒsthetisierungª angesprochen. In dem Mafle, in dem ƒsthetisierung sich auch kraft relativ auto- nomer Dynamik von Kunst, Schˆnheit und anderen Bedeutungs- elementen des ƒsthetischen als ein immer dichterer Schleier ¸ber immer mehr Bereiche der ´Wohlstands-Lebensweltª legt, machen sich deren hˆchst reale ´aufler-‰sthetischeª Determinanten geltend. Gerhard Schulze ist vollkommen im Recht, wenn er die ƒstheti- sierung des Alltagslebens als Ausdruck und Moment eines umfas- senden Wandels der Lebensweise ñ der Tendenz einer ´Erlebnis- gesellschaftª ñ begreift und an Ver‰nderungen der Werbung ver- anschaulicht. Wolfgang Fritz Haug hatte Anfang der siebziger Jahre von einer ´doppeltenª Warenproduktion des Gebrauchswertes und seiner Erscheinung gesprochen und auf die Tendenz verwiesen, dafl die Erscheinung sich zum bloflen Schein verselbst‰ndigen kˆnne, dafl das ƒsthetische der Ware ñ ihre sinnliche Erscheinung und der Sinn

ihres Gebrauchswertes ñ sich ´von der Sacheª ablˆst. ´Das ‰stheti- sche Gebrauchswertversprechen der Ware wird zum Instrument f¸r den Geldzweck.ª 52 Gerhard Schulze registriert bereits eine neue Dimension, eine Verlagerung von der Betonung des Gebrauchswertes der Produkte als Mittelpunkt der Pr‰sentation hin zu der Betonung ihres ´Er- lebniswertesª. ´Design und Produktimage werden zur Hauptsache, N¸tzlichkeit und Funktionalit‰t zum Accessoire. Gerade in der Vermarktung von Brauchbarkeit, Derbheit und technischer Per- fektion wird die Nebens‰chlichkeit von Zwecken, die jenseits der unmittelbaren Erlebnisfunktion von Waren liegen, besonders deut- lich. ƒsthetik wird ironisch als Zweckm‰fligkeit verschleiertÖ Pragmatik als ƒsthetik, N¸chternheit als Berauschung, Sachbezo- genheit als KoketterieÖ Das Gel‰ndeauto ist mit verchromten Stoflstangen armiert, das derbe Schuhwerk mit empfindlichem verschiedenfarbigem Wildleder verarbeitet.ª 53 Bernd Guggenber- ger spricht verallgemeinernd von einer Werbung der ´dritten Ge- nerationª, die entdeckt hat, dafl in einer Gesellschaft, ´deren mate- rielle Bed¸rfnisse der Mehrheit kein Kopfzerbrechen bereiten, die Strategien der Absatzmehrung sich auf die immateriellen Sehns¸ch- te zu konzentrieren haben oder gar nur noch auf das libidinˆse Spiel mit den Logos als den ãSimulakrenõ im Sinne Baudrillards.ª Diese Werbung ist ´nur noch auf ƒsthetik und Spielpotenz der Marken- logosª angelegt. ´Camel gen¸gt die Andeutung von W¸stensand und Palmen, Marlboro die Farbe rot, Lucky-Strike das ikonomor- phe Scheibenauge.ª 54 Die postmoderne ƒsthetisierung der Lebenswelt erweist sich in dieser Hinsicht als ein wesentliches Element jenes ´Zirkel(s) von Manipulation und r¸ckwirkendem Bed¸rfnis, in dem die Einheit des Systems immer dichter zusammenschiefltª 55 , als entscheiden- der Faktor der Integration der Totalit‰t menschlichen Lebens in die ˆkonomischen und kulturellen Mechanismen der Herrschaft des Kapitals. Von daher bezieht sie ihre Impulse und Wirkungsbe- dingungen.

4. Ethik und ƒsthetik

Nicht wenige Verˆffentlichungen ñ bis in die Tagespresse hinein ñ und wissenschaftliche Begegnungen in den neunziger Jahren wa- ren der Beziehung von ƒsthetik und Ethik gewidmet. Von einer

ƒsthetisierung der Ethik war ñ und ist! ñ die Rede. Eine weitge- hende Inanspruchnahme ethischer Relevanz, einer ethischen Funk- tion wird f¸r die ƒsthetik proklamiert, von einem Ersatz mindestens traditioneller Ethik durch ƒsthetik ist die Rede.

Dabei ist zun‰chst zweierlei zu unterscheiden: die moralische Funk- tion der Kunst ist das eine, moralische Implikationen des ƒstheti- schen sind das andere. Dafl Kunst in das moralische und ethische Leben der Gesell- schaft einzugreifen vermag ñ affirmativ, kritisch, emanzipatorisch, subversiv, entzweiend, versˆhnend, befreiend, t‰uschend ñ unter- liegt keinem Zweifel. Davon zeugen die Geschichte der Kunst und die Konflikte, von denen sie begleitet ist. Vorauszusetzen ist, dafl diese Einfluflnahme von Kunst auf Moral im Rahmen des weiten Feldes der Kunst auf ¸beraus unterschiedliche Weise, oft indirekt oder im Nachhinein und nicht selten entgegen den Absichten des K¸nstlers erfolgt. Auch darf eine derartige Wirkung von Kunst nicht als abstrakt monokausaler Prozefl vorgestellt werden, dessen allei- niger Ausgangspunkt der K¸nstler bzw. das Werk ist. Vielmehr kreuzen sich auf vielfach vermittelte Weise Gegebenheiten der je- weiligen historischen Situation mit der Position und Perspektive der Produzenten wie der Rezipienten von Kunst. Moralische Implikationen des ƒsthetischen sind schwieriger zu verorten. In einem elementaren Sinne ist gewifl nicht in Abrede zu stellen, dafl ƒsthetisierungsprozessen in dem vorstehend skiz- zierten Sinne objektiv eine moralische Qualit‰t anhaftet. Sie kˆn- nen mit menschlicher Sinngebung, persˆnlicher Selbstfindung oder mit Entscheidungen ¸ber Wertorientierungen einhergehen. Sie vollziehen sich in einem dichten sozialen Beziehungsfeld. Sie for- dern zu Reaktionen, zur Nachahmung, zum Widerspruch heraus. Und auch sie kˆnnen sowohl Affirmation befˆrdern als auch Kri- tik, Widerstand, Protest. Im Rahmen der erw‰hnten Debatten wurden f¸r die Annahme derartiger Potentiale unterschiedliche theoretische Begr¸ndungen erˆrtert. ï Aus der Sicht der neuzeitlichen Aisthesis-Tradition ñ der pri- m‰ren Fundierung von ƒsthetischem in Sinnlichkeit und Wahr- nehmung ñ wurden sie mit der Gegebenheit des menschlichen Kˆrpers in Zusammenhang gebracht. In der ´¸ber seine Materiali- t‰t und Passivit‰t gegebenen Verschr‰nkung des Kˆrpers mit der

Weltª liege der ´genuine Charakter der Ethik begr¸ndetª. Und verstanden wurde dieser Ansatz nicht selten als ausdr¸ckliche Al- ternative zu dem herkˆmmlichen Bem¸hen, Aisthesis oder ƒsthe- tik vorgegebenen ethischen Zielsetzungen, Normen oder Werten unterzuordnen bzw. den Menschen vermittels ‰sthetischer Bildung vervollkommnen zu wollen. 56 ï Einen ‰hnlichen und zugleich anderen Ansatz verfolgt Terry Eagleton. Auch f¸r ihn entsteht die neuere ƒsthetik als ´Diskurs ¸ber den Kˆrperª. Er lagert jedoch diese Idee in ein historisches Gesamtkonzept ein und begreift dieses ƒsthetische als Moment konkreter geschichtlicher Totalit‰t. So gelingt es ihm, die reale Widerspr¸chlichkeit, das Offene des ƒsthetischen hinsichtlich sei- ner sozialen und ethischen Funktion zu erfassen. ´Das ƒsthetische ist ñ gleichzeitig das Geheimnis der menschlichen Subjektivit‰t Ö und der Entwurf menschlicher Energie als eines radikalen Selbst- zwecks, also einer unerbittlichen Feindschaft gegen alles vorm‰ch- tige oder instrumentelle ‰sthetische Denken. Es verweist auf die kreative Hinwendung zu einem sinnlichen Kˆrper ebenso, wie es in diesen Kˆrper ein Gesetz subtiler Unterdr¸ckung einschreibt. Es repr‰sentiert einerseits eine emanzipatorische Bem¸hung um konkrete Besonderheit und andererseits eine ebenso blendende wie tr¸gerische Form universeller Allgemeinheit.ª Auf diesem Hinter- grund versteht Eagleton den Marxismus als revolution‰re Anthro- pologie; ´Marx ist zutiefst ã‰sthetischõ in seiner ‹berzeugung, dafl die Praxis der menschlichen Sinne und F‰higkeiten ein absoluter Selbstzweck istÖ Ziel des Marxismus ist es, dem Kˆrper die ge- stohlene Macht zur¸ckzugeben. Doch nur durch die Aufhebung des Privateigentums kˆnnen die Sinne wieder zu sich selbst gelan- gen.ª 57 Marxí Haltung zur Beziehung von ƒsthetik und Moral sei ambivalent. Einerseits mˆchte Marx die Moral ‰sthetisieren. Er ´will sie nicht mehr als eine Reihe ¸berhistorischer Normen begreifen, sondern zum Problem einer lustvollen Verwirklichung historischer Kr‰fte um ihrer selbst willen machen.ª Andererseits aber ¸bernimmt der Marxismus Kants ´streng anti-‰sthetisches Sollenª. ´Die Kraft dieses Pflichtbegriffs ist Ö in den tragischen Berichten von jenen sozialistischen K‰mpfen zu sp¸ren, in denen M‰nner und Frauen mutig ihr eigenes Gl¸ck aufgeopfert haben zugunsten dessen, was sie sich als das grˆflere Gl¸ck anderer erhofften.ª 58 ï Wolfgang Welsch ist bem¸ht, den Ansatzpunkt einer Ethik ´inmitten der ƒsthetikª zu finden, indem er den Prozefl und die

Struktur der menschlichen Wahrnehmung einer subtilen Analyse unterzieht. Wahrnehmungsverhalten werde stets durch bestimmte ´Imperativeª gesteuert ñ seien es Imperative der N¸tzlichkeit und Zutr‰glichkeit, die auf das blofle ‹berleben zielen oder solche, die fordern, sich ¸ber das rein Sinnliche zu erheben und einer hˆhe- ren, der ´eigent¸mlich ‰sthetische(n) Lust eines reflexiven Wohlge- fallens zu folgen. Besonders der letztere, der sogenannte ´elevato- rischeª Imperativ ñ das ´Gebot einer ‹bersteigerung des Grob- Sinnlichen zugunsten des Reflexivsinnlichenª, der Schritt von ´kru- der Sinnlichkeit zu sublimer ƒsthetik als Aufstieg aus dem Reich der N¸tzlichkeit und Heteronomie in die Sph‰re der Freiheit und Autonomieª ñ kˆnne als Zugang zu ´gelingendemª Leben gelten. 59 ï Einen breiten Raum in dem hier in Rede stehenden Diskurs nahmen und nehmen Bem¸hungen um eine ´ƒsthetik der Exis- tenzª, d.h. um die Rezeption von Foucaults sp‰ten Schriften ein. Wilhelm Schmid interpretiert Foucaults Konzept einer ´Lebens- kunst als Basis oder Ort einer ´gesteigerte(n) Sensibilit‰t f¸r das, worauf es ankommtª. 60 Das Subjekt soll vermittels bestimmter Techniken und Praktiken eine Art ethischer Selbstkonstitution voll- ziehen ñ in seiner Beziehung zu anderen. Es gehe darum, sich durch Wahl und Entscheidung immer wieder allen Vorgaben zu entzie- hen und die ´Mˆglichkeit des Andersseinsª zu bewahren oder zu erarbeiten. Politisch sei diese Sensibilit‰t, weil von der individuel- len Erfahrung getragen, das ´Intolerableª nicht hinnehmen, son- dern ´Ver‰nderungen zu wollenª. 61 ´Lebenskunstwerke, ja gene- rell Dinge zwischen Leben, Kunst & Welt stacheln zum Wider- stand an. Lebenskunst als Real Life ist der Stˆrfall in einer Zeit, da sich der globalisierte Mainstream alles Widerst‰ndige einverleibtª, heiflt es im Editorial zu einem diesem Thema gewidmeten auf- wendigen Band der Zeitschrift ´Kunstforumª. 62 In ihm findet sich auch ein Beitrag von Wilhelm Schmid, in dem dieser unter der ‹berschrift ´Ethik der Selbsterfindungª an- gibt, wie man ´in zwˆlf Schritten zur ƒsthetik der Existenzª gelan- gen kann ñ wenigstens zu ihrem Verst‰ndnis! 63 Und es kann kei- nem Zweifel unterliegen, dafl dieses Konzept in dieser oder jener Form in Prozessen kultureller Selbstverst‰ndigung betr‰chtlichen Einflufl erlangt hat. Konzeptionelle Debatten zur ´documenta Xª, zur ´Generation Golfª, zur ´Tugend der Orientierungslosigkeitª, zum ´Lifestyle-Kapitalismusª oder zur ´Erlebnisgesellschaftª legen davon Zeugnis ab.

Mehrere Probleme sind bei der Pr¸fung derartiger Ans‰tze zu einer ƒsthetisierung des Ethischen ñ bzw. einer Ethisierung des ƒsthetischen ñ allein auf der theoretisch-methodischen Ebene nicht zu ¸bersehen. Zum einen unterliegt ñ explizit oder implizit ñ das jeweilige Ethi- sche einem konzeptionellen Wandel. Es geht ñ in der Regel ñ um den Entwurf einer anderen Ethik. Im Zusammenhang mit der Re- zeption der Foucaultschen ´ƒsthetik der Existenzª z.B. war davon der Rede, dafl Moral ´als Suche nach einer persˆnlichen Ethikª an die Stelle von ´Moral als Gehorsam gegen¸ber einem Regelko- dexª trete. 64 Zu bedenken ist auch, dafl mit der ƒsthetisierung von Ethischem eine deutliche Reduktion des Anspruchs bzw. der Reichweite von Moral verbunden sein kann. Christoph Menke vertritt beispiels- weise in dieser Debatte die Meinung, dafl das Verh‰ltnis von ƒsthe- tischem und Ethischem eher als eines der wechselseitigen Erg‰n- zung als eines der Austauschbarkeit angesehen werden sollte. Das Wesen des modernen ƒsthetischen bestehe gerade in der Freiheit von ethischer Verantwortung, in der Erˆffnung eines unbedingten Spielraumes f¸r Experimente mit sich und der Welt einschliefllich des Risikos von Gleichg¸ltigkeit gegen¸ber ethisch-politischer Verantwortung. Das ´Guteª des ƒsthetischen sei die Mˆglichkeit selbstbewuflter Distanz gegen¸ber einer zu stark verbindlichen und verpflichtenden Moral. Ergo kˆnne ‰sthetisches Wahrnehmen und Darstellen zwar als Moment, nicht aber als Modell gelingenden Lebens angesehen werden. 65 Auf prinzipielle Grenzen einer zur Ethik hochstilisierten ƒs- thetik macht Martin Seel aufmerksam. ƒsthetisches kˆnne durchaus als Element einer Individualethik, nicht aber als Fundament von Ethik schlechthin gelten. Das Problem der Gerechtigkeit beispiels- weise sei keinesfalls allein auf der Ebene einer Individualethik, ohne Sozialethik, lˆsbar. Insofern sei es abwegig, alle Fragen gelingen- den Lebens unter den Gesichtswinkel der ƒsthetik zu stellen. ´Auch die beste ãƒsthetik der Existenzõ w‰re nur eine halbe ãEthik der Existenzõª. 66 Dafl Kunst f¸r Gesellschaftliches zu sensibilisieren vermag, steht aufler Zweifel. Und auch, dafl sinnliche Wahrnehmung oder Er- fahrung als solche einen Ansatz zu dem Vermˆgen, Umwelt diffe- renziert zu verarbeiten, in sich bergen kˆnnen. Ob dies allerdings gleichermaflen f¸r ƒsthetisches in seiner ganzen Vielfalt zutrifft,

ist ebenso fraglich wie der von Welsch immer wieder gezogene Schlufl von derartigen Differenzierungschancen auf die ethische Haltung der ´Gerechtigkeit gegen¸ber dem Heterogenenª. 67 Und zu fragen w‰re, ob die unvermeidliche Konsequenz einer auf ´An- erkennung des Heterogenenª reduzierten und insofern abstrakten Ethik der Gerechtigkeit nicht die Akzeptanz und Hinnahme auch solcher Heterogenit‰ten ist, an denen soziale Gerechtigkeit ihre deutliche Grenze findet. ‹berhaupt ist davon auszugehen, dafl die Proklamation ethi- scher Implikationen von Kunst oft eine Reaktion nicht auf andere Vorstellungen von Kunst, sondern auf eine andere Ethik, auf die in der Gesellschaft gegebenen Vorstellungen von Pflicht, Verantwor- tung, Ehre oder Gl¸ck darstellen. Die aktuelle St‰rke des ƒstheti- schen ist die un¸bersehbare Schw‰che des Ethischen. Schliefllich: Kunst und Moral, ƒsthetisches und Ethisches sind gleichermaflen legitime, unverzichtbare und durchaus selbst‰ndi- ge Arten der geistigen bzw. praktisch-geistigen Aneignung der Welt durch den Menschen. Beide erf¸llen ihre sozialen Funktionen nicht in einer isolierten Intimbeziehung miteinander, sondern als Mo- ment der gesellschaftlichen und historischen Dynamik insgesamt. Und worum es hier vor allem geht ñ ethische Ph‰nomene sind nicht das Produkt ‰sthetischer Gegebenheiten allein, sondern das Re- sultat des Zusammenwirkens einer Vielzahl von Faktoren, Resul- tat praktisch-geistiger Verarbeitung der Erfahrungen geschichtli- cher Totalit‰t. Insofern ist die isolierte Betrachtung tats‰chlicher oder vermeintlicher Wechselwirkungen zwischen ƒsthetik und Ethik viel zu eng, um dem ganzen reichhaltigen und widerspr¸ch- lichen Prozefl sozialer Wirksamkeit von ƒsthetischem und von Ethischem gerecht zu werden. Beispielsweise stellen die Selbstre- flexionen moderner K¸nstler ein an ethischen, historischen und weltanschaulichen Positionen geradezu ¸berquellendes Reservoir f¸r die Selbstverst‰ndigung der Menschheit ¸ber diese Epoche und sich selbst dar ñ ohne dafl da kategoriale Erˆrterungen ¸ber die Beziehungen zwischen ƒsthetik und Ethik stattf‰nden.

5. ƒsthetisierung als Strategie

Wir hatten ƒsthetisierungsprozesse als Subjekt-Objekt-Beziehung bezeichnet. Schematisch kˆnnten subjektive (Einstellungen, Erwar- tungen, Bed¸rfnisse usw.) und objektive (‰uflerliche Merkmale der

gesellschaftlichen Umwelt des Menschen, aber auch sozialer Ge- wohnheiten bzw. Verhaltensweisen und nicht zuletzt zwischen- menschlicher Beziehungen) Faktoren unterschieden werden, die sich in st‰ndiger Wechselwirkung befinden, ineinander ¸bergehen oder sich wechselseitig substituieren. Als letztlich aktives Moment in dieser Beziehung ist die subjektive Seite anzusehen. Die ihrer- seits keine autonome Gegebenheit, kein ´Letztesª darstellt, son- dern, wie sich hinsichtlich der Ph‰nomene ´Erlebnisgesellschaftª und ´Werbungª herausgestellt hatte, eher als eine Art Resultante aus dem konkret-historischen Zusammenwirken sozialˆkonomi- scher, kultureller und anderer Faktoren verstanden werden mufl. Besonders akzentuiert in Erscheinung tritt das aktive Moment der subjektiven Seite bei den Bem¸hungen um eine ƒsthetisie- rung der Ethik bzw. um die zuletzt erw‰hnte ´ƒsthetik der Exis- tenzª. Christoph Menke schrieb, dafl Foucault den von ´Nietzsche geforderten Zusammenhang von ƒsthetik und Ethikª in einer ´nor- mativen Theorie individueller Existenzª reformuliert h‰tte. Nietz- sches Absicht sei es gewesen, der ‰sthetischen Freiheit dadurch eine ethisch-politische Bedeutung zuzusprechen, dafl sie als ´Modell gelebter Freiheitª von der Kunst abgelˆst und ins Leben ´¸bertragen wird. 68 Werner Seppmann spricht von der postmodernen ´Gleich- setzung von ‰sthetischem Erleben und individualistischer ãSelbst- befreiungõª. 69 Den diesbez¸glichen aktuellen Bem¸hungen ein nor- matives oder appellatives Element zuzusprechen, erscheint um so notwendiger, als ihre Front gegen traditionelle Ethik ihnen den Nimbus des ´Antinormativenª zu verleihen scheint. Man mufl allerdings noch einen Schritt weiter gehen und da, wo ein derartiger Ansatz in die Dimension des Politischen bzw. der politischen Weltanschauung ¸bergeht, von ƒsthetisierung als ´Strategieª, als mehr oder weniger bewuflte Absicht, als Programm oder Credo sprechen. Zu verweisen w‰re auf Walter Benjamins Kritik der ƒsthetisierungstendenzen des Faschismus und Thomas Manns Kritik am ƒsthetizismus Nietzsches. Auf den Punkt bringt Benjamin dieses aktive Moment, wenn er davon spricht, dafl der Faschismus eine ƒsthetisierung der Politik ´betriebenª habe. Mit der durch faschistische Ideologen betriebenen Apotheose des Krie- ges habe die Selbstentfremdung der Menschheit jenen Grad er- reicht, der sie ihre eigene Vernichtung als ‰sthetischen Genufl ers- ten Ranges erleben lasse. 70 Womit zugleich die objektiven Bedin- gungen f¸r den Erfolg einer derart ´betriebenenª ƒsthetisierung

angedeutet werden: Massenstimmungen und -dispositionen, die aus der gegebenen historisch-sozialen Situation resultieren. Drei wesentliche Unterschiede zwischen dieser und allen ande- ren in diesem Beitrag erw‰hnten Typen oder Arten von ƒsthe- tisierung sind zu betonen. Erstens handelt es sich um bewuflte Bestrebungen einer historisch reaktion‰ren Gruppierung zur Sta- bilisierung ihrer Macht und zur Durchsetzung ihrer Ziele. Zweitens erstreckt sie sich auf das Ganze der Gesellschaft. ´Die umfassende ƒsthetisierung der Gesellschaft fand ihren grotesken Hˆhepunkt f¸r kurze Zeit im Faschismus, der sich pompˆs ausstaffierte mit Mythen, Symbolen und orgiastischen Schauspielen, mit einer re- pressiven Expressivit‰t, mit Appellen an die Leidenschaft, an ein rassistisches Gesp¸r, an instinkthafte Urteile, an die Erhabenheit des Selbstopfers und an den Pulsschlag des Blutes.ª 71 Damit ist bereits das dritte Merkmal angesprochen ñ diese Art ƒsthetisie- rung ist von einer irrationalen Weltanschauung inspiriert und ge- tragen. Sie dient deren Vermittlung. Das ƒsthetische wird absichts- voll als Ersatz, als Korrektur der Vernunft eingesetzt. Nietzsches Philosophie ñ schrieb Thomas Mann ñ sei von ´ei- nem einzigenª, ´radikal ‰sthetische(n)ª Grundgedanken durchdrun- gen: Bewufltsein und Erkenntnis, Wissenschaft und Moral gelten ihm als ´Todfeinde und Zerstˆrerª der Kultur, deren Quellen und Bedingungen er in der Kunst und in Instinkten sieht. Nietzsches tragisch-ironische ´Weisheitª setzt der Wissenschaft ´aus k¸nstleri- schem Instinktª Grenzen und wird als Damm gegen ´den Optimis- mus der Vern¸nftler und Weltverbessererª verstanden, ´die vom Erdengl¸ck aller, von Gerechtigkeit fabeln und dem sozialistischen Sklavenaufstand vorarbeitenª. 72 Auch J¸rgen Habermas betont die Differenz zwischen ‰sthetischer Erfahrung schlechthin und einem ƒsthetizismus dieser Pr‰gung. Bei Nietzsche schlage die Anerken- nung ‰sthetischer Erfahrungen als ´Moment der Vernunftª um in die Hypostasierung des ƒsthetischen zum ´Anderen der Vernunftª. 73

6. ƒsthetisierung als Zeitsignatur

Anliegen des Beitrages war eine kritische Pr¸fung postmoderner Deutungen des Ph‰nomens ´ƒsthetisierungª. Mein Eindruck ist, dafl dieser Ansatz der Realit‰t gegenw‰rtiger ƒsthetisierungspro- zesse nicht gerecht wird. Die Behauptung einer allumfassenden ƒsthetisierung wird als flankierendes Argument f¸r die postmo-

derne Leugnung einer objektiven Realit‰t instrumentalisiert. Letz- tere dient ihrerseits als Begr¸ndung jener Behauptung. Einzelne Befunde werden willk¸rlich ontologisiert. ƒsthetisierung wird als autonomer Prozefl verstanden, ihrer historischen und gesellschaftli- chen Bedingungen und Determinanten entkleidet. Welsch bemerkt ausdr¸cklich, dafl die gegenw‰rtige ƒsthetik-Konjunktur nicht ñ wie etwa die Konjunktur der Ethik ñ auf ´externeª Faktoren (Nord- S¸d-´Gef‰lleª, ÷kologie, Arbeitslosigkeit, Gen-Technologie) zu- r¸ckzuf¸hren sei, sondern auf einen ´internen Faktor des Ratio- nalisierungsprozessesª, die ƒsthetisierung der Wahrheit als ´Leit- kategorie wissenschaftlicher Rationalit‰tª. 74 Die Unangemessenheit dieser Deutungsmuster erhellt aus der methodischen Fragw¸rdigkeit der sie tragenden Begr¸ndungsver- fahren. Gegen sie sprechen aber auch reale Zusammenh‰nge und Abh‰ngigkeiten. Als ´Motorª daf¸r, dafl ƒsthetisierung sich als ´markante Zeit- geistspur durch alle sozialen Daseinsfelderª zieht, sieht Bernd Gug- genberger die ´fortschreitende Entgrenzung von Kultur und Waren- welt an. 75 Mit der ‹bers‰ttigung des Marktes seitens des materiel- len Warenwertes gewinnt der symbolische Warenwert an Bedeu- tung. Kunst unterliegt tendenziell und in zunehmendem Mafle der gleichen ˆkonomischen Logik wie die Wirtschaft und wird ñ vor allem ¸ber die Werbung ñ f¸r die Erfordernisse der Reprodukti- onsprozesse in Dienst genommen. 76 Wirtschaft ihrerseits versteht sich als Kulturfaktor ñ nicht zuletzt in Gestalt der allabendlichen widerw‰rtig-aufdringlichen TV-Selbstanpreisung als Finanzier der Unterhaltungsindustrie. Das Eindringen des ÷konomischen in das Symbolische und die Nutzbarmachung des Symbolischen f¸r den Profit ist ein wesentliches Merkmal des Kapitalismus in seiner Sp‰t- phase. 77 In dieser Hinsicht kˆnnte man die postmoderne ƒsthetisierung als Niederschlag dieser ˆkonomisch-kulturellen Konstellation in der Lebensweise einer bestimmten Schicht bzw. in den auf die Gestaltung des eigenen Lebens gerichteten Denk- und Verhaltens- weisen, den Gewohnheiten und Dispositionen ihrer Repr‰sentan- ten ansehen. ´In den hochentwickelten Industriel‰ndern lockt ein un¸bersehbares Angebot materieller und kultureller G¸ter den potentiellen Kunden mit den beiden wichtigsten Kaufargumenten einer ‹berfluflgesellschaft: einmal mit der Aussicht, sich durch den Besitz des Exklusiven von der grauen, anonymen Masse abzuhe-

ben und zu profilieren, dann aber auch mit dem Versprechen un- gewohnter Erfahrungen, heftiger Empfindungen und ¸berraschen- der Gen¸sse. Die Produkte, die solches verheiflen, werden immer kurzlebiger, ihr Erfolg h‰ngt immer mehr von ihrem Neuigkeits- wert, ihren modischen Attributen und ihrem durch eine allgegen- w‰rtige Werbung aufgebauten Image ab.ª 78 Reich an Beobachtun- gen und Diagnosen zu diesen Aspekten ist die aktuelle Debatte um die ´Generation Golfª. Der ´Jugendstil des Jahres 2000 (ist) eine ganz logische Antwort auf die durch Medien, Konsum und Musik vollkommen k¸nstlich gewordene Auflenseite der Wohlstandsge- sellschaft, deren Dinge und Produkte zu immer feiner justierten sozialen Signalen wurden. Alles ist Botschaft in dieser Welt, nichts dient allein dem Verbrauch.ª 79 Wohlstandsgesellschaft, Konsumkultur ñ die diesen Erscheinun- gen immanente Schichtspezifik kann nicht stark genug akzentuiert werden. Die Verflochtenheit dieser Seiten lifestyle-kapitalistischer Kultur mit der entsprechenden ÷konomie darf einerseits ihre Besonderung, ihre Exklusivit‰t nicht in den Hintergrund geraten lassen. Jenseits dieses Lebensstils vollzieht sich der materielle Stoff- wechsel zwischen Gesellschaft und Natur nach den ihm eigenen Gesetzen, dominieren andere Bed¸rfnisse, Gewohnheiten und Zw‰nge den Alltag nicht unbetr‰chtlicher Bevˆlkerungsgruppen. Andererseits ist die Grenze zwischen diesen Segmenten gegenw‰r- tiger Gemeinwesen keineswegs undurchl‰ssig. Solche wie die skiz- zierten Muster pr‰gen die Anspr¸che, Erwartungen und Normen nicht nur derjenigen, die sich ein Leben nach diesen Maflst‰ben leisten kˆnnen. Hinzu kommt die Einbettung dieser ´Lebensweltenª in eine his- torische Gesamtsituation, die durch akute und latente, auch wohl verdr‰ngte Krisensymptome gezeichnet ist. Das Lebensniveau ist ñ f¸r viele ñ hoch, aber anf‰llig, fragil. Keine Existenz ist sicher. Und die ˆkonomischen Fundamente ‰hneln unterschwellig jenem Zu- stand eines ´Schwebensª, das Welsch als Kennzeichen ‰sthetischen Denkens reklamiert. Auch das ´Spielerischeª des ƒsthetischen fin- det reale Entsprechungen. Die Rede ist von ´annÈes folles, die wir erleben, jenen verr¸ckten Jahren rund um eine Bingo-Bˆrse, in der Fantasie mehr gilt als Substanzª. 80 ´Der ‹berbau (die Finanz- m‰rkte - E.H.) spielt mit der Basis (der Realwirtschaft - E.H.) va banque. Und weil es sich um ein globales Spiel handelt, sind auch die Risiken global.ª 81

Auch der Bereich der Politik bietet Anschauungsmaterial zu dem Ineinandergreifen realer Niedergangserscheinungen und deren ‰s- thetischer ‹berformung. Die immer engere Nachbarschaft von Politik und Show-Gesch‰ft, das Umsichgreifen politischer Simu- lation, demonstrative Ersatzhandlungen ñ ´Als-obª oder Symbol- Politik 82 , die werbe- und medientechnische Erzeugung politischer Prominenz, die Auslieferung von Politik an Marketing und Star- kult 83 , die fast zur Regel gewordene Realisierung politischer Er- eignisse als Inszenierung, die politische ´Kunst der wahren L¸geª 84 ñ all das korrespondiert mit der krisenhaften Zersetzung traditio- neller Muster und Grundlagen von Politik. Der Umschichtung oder Auflˆsung sozialer Strukturen und Interessen entspricht die Belie- bigkeit, die Austauschbarkeit politischer Prinzipien und Program- me, die Verwechselbarkeit von Parteien, das politische ´Marodie- renª 85 , das ´postmoderne Potpourriª von Projekten und Identit‰- ten, das Ph‰nomen der ´Gelegenheitsvernunft, einer Vernunft, die jede Gelegenheit f¸r sich zu nutzen weifl.ª 86 Freilich kommen nicht nur aktuelle empirische Zusammenh‰nge dieser Art in Betracht. Diese m¸ssen vielmehr mit tieferliegenden Wandlungen und epochalen Ersch¸tterungen, mit Generationser- fahrungen und zerschlissenen Idealen zusammengedacht werden:

der Krise des Fortschrittsoptimismus, des Zusammenbruchs sozi- alistischer Systeme, des Mifltrauens in die Potenzen politischer Gestaltung. ´Nun ist es ein ehernes Gesetz der b¸rgerlichen Le- bensform, dafl das ƒsthetische in dem Mafle in den Vordergrund r¸ckt, in dem das Politische zur¸cktritt.ª 87 Nicht zuletzt ist der Blick auf den weltanschaulichen Zeitgeist zu richten, wenn Tendenzen einer ƒsthetisierung des Lebensge- f¸hls objektiv-realistisch aufgehellt werden sollen: die Ahnung der Mˆglichkeit einer Selbstauslˆschung der menschlichen Gattung, der Vertrauensschwund in die Zuverl‰ssigkeit wissenschaftlicher Rationalit‰t und die Krise des Glaubens an eine beliebige Be- herrschbarkeit der Natur. Mit diesen Bemerkungen ging es nicht um eine allseitige Wer- tung der skizzierten Tendenzen, nicht um eine generelle Bestands- aufnahme des derzeitigen zivilisatorischen Niveaus und auch nicht um die umfassende Erkl‰rung heutiger ƒsthetisierung. Auch wenn gewichtige historische Vergleiche daf¸r sprechen, dafl die ƒstheti- sierung der Politik nicht gerade in Zeiten eines historischen Auf- bruchs oder Neubeginns um sich greift. Dafl kritische gesellschaft-

liche Zust‰nde keinesfalls nur ‰sthetische Reflexe hervorbringen, sondern auch und sogar vorrangig in anderen Dimensionen des gesellschaftlichen Bewufltseins und Handelns Ausdruck finden, die unmittelbarer mit gegebenen Interessen, Positionen, Interessen und Zielen verbunden sind, steht aufler Zweifel. Worum es ging, war, die konkrethistorische Bedingtheit der postmodernen ƒsthetisierung zu umreiflen. Deutlich werden soll- te zugleich, dafl ƒsthetisierung als Subjekt-Objekt-Relation sich stets auf bestimmte Seiten der betreffenden ´nicht-‰sthetischenª Erscheinung bezieht, deren wesentliche Beschaffenheit aber nicht beseitigt. Politik hˆrt nicht auf, Politik zu sein, wenn sie ƒstheti- sierungen unterliegt.

Fuflnoten

1

Wege aus der Moderne, Hrsg. Wolfgang Welsch, Weinheim 1988 S.41

2

Gerd Irrlitz, Postmoderne-Philosophie, ein ‰sthetisches Konzept, in:

Weimarer Beitr‰ge, Heft 3, 1990, S. 357f

3

Werner Seppmann, Das Ende der Gesellschaftskritik? Kˆln 2000

4

Terry Eagleton, ƒsthetik, Stuttgart-Weimar 1994 (im Folgenden abgek¸rzt ãEagletonõ)

5

´Wolfgang Welsch ist gewifl der f¸hrende Repr‰sentant postmoder- nen Denkens, einer postmodernen Philosophie im geeinten Deutsch- landÖ Schliefllich ist Welsch auch maflgeblicher Vertreter einer neuen ƒsthetik.ª Werner Jung, Von der Mimesis zur Simulation. Eine Einf¸hrung in die Geschichte der ƒsthetik, Hamburg 1995, S.209

6

Wolfgang Welsch, ƒsthetisches Denken, Stuttgart 1993 (im Folgen- den abgek¸rzt ãƒDõ), S.7

7

ƒD S.13

8

Wolfgang Welsch, Grenzg‰nge der ƒsthetik (im Folgenden abgek¸rzt ãGrzgõ) S.20

9

Grzg S.9f

10

Wolfgang Welsch, Vernunft, Frankfurt am Main 1996, S.508

11

ebenda, vgl. Grzg S.52,95

12

Gerhard Schulze, Was wird aus der Erlebnisgesellschaft? in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung ãDas Parla- mentõ 17. M‰rz 2000, S.3

13

Grzg S.10ff

14

ƒD S.57

15

Jean Baudrillard, Agonie des Realen, Merve Verlag Berlin 1978

16

ƒD S.58

17

ƒD S.59

18

Grzg S.16f

19

Reinhard Knodt, ƒsthetische Korrespondenzen, Stuttgart 1994, S.21f

20

Der Spiegel Nr. 9 v. 28.2.2000, S.117

21

Grzg S.17

22 Grzg S.45

23 Grzg S.52, 95

24 Grzg S.46f

25 Grzg S.55

26 Grzg S.69, 71

27 Wolfgang Welsch, Vernunft, a.a.O. S.496, vgl. Grzg S.82f

28 ƒD S.46

29 ƒD S.49.51

30 ƒD S.47

31 Otfried Hˆffe, Immanuel Kant, M¸nchen 1983, S.269

32 Eagleton S.239

33 Eagleton S.351f

34 Eagleton S.365

35 Eagleton S.372

36 ƒD S.69f

37 ƒD S.71

38 ebenda

39 Auch Werner Jung hebt die Begr¸ndungsschw‰chen Welschs hervor. Er betont dar¸ber hinaus die Tendenz zu einer affirmativen Sichtwei- se. ´Wenn Ö alles ‰sthetisch verfaflt ist, dann sind am Ende alle Katzen grau, dann vermag auch die Einsicht davon zu allem anderen, blofl nicht zu Toleranz und Liberalit‰t zu f¸hren, sondern eher zur Gleichg¸ltigkeit und zur Abstumpfung. Ist es daher nicht weitaus konsequenter, angesichts der medialen Strukturierung und ‹berfor- mung unseres Wahrnehmungsapparates vˆllig auf einen so traditionel- len Begriff wie den der Kritik, der immer einen Beobachterstand- punkt von auflerhalb annehmen mufl ñ eine grunds‰tzliche Aufge- kl‰rtheit ¸ber allererst noch aufzukl‰rende Verh‰ltnisse ñ zu verzich- ten und statt dessen frisch-frˆhlich die Akzeptanz und Affirmation zu vertreten? Werner Jung, Von der Mimesis zur Simulation, a.a.O.,

S.215

40 Thomas Metscher, ƒsthetik und Mimesis. in: Mimesis und Ausdruck, dialectica minora 13, Kˆln 1999, S.20. ´Ö wenn das ƒsthetische so nachdr¸cklich immer erneut zum Thema wird, dann liegt das wohl auch an einer gewissen Unbestimmtheit seiner Erscheinung, die es in einer ganzen Reihe unterschiedlicher Verbindungen Gestalt anneh- men l‰flt. Zu ihnen gehˆren u.a. Freiheit und Gesetzm‰fligkeit, Spontaneit‰t und Notwendigkeit, Fremdbestimmung und Autono- mie, Partikularit‰t und Universalit‰t.ª Eagleton S.3

41 Vgl. Thomas Metscher, ƒsthetik und Mimesis, a.a.O. ´Das eigentliche ‰sthetische Ph‰nomen ist das Totalit‰tserlebnis des ganzen Menschen vom Ganzen des Lebens, der dynamische Prozefl, in dem das schˆpfe- rische oder das rezeptive Subjekt mit der Welt, dem wirklichen, gelebten Leben eins und einig ist, und nicht etwas das objektive, versachlichte, vom Subjekt sich ablˆsende Kunstwerk.ª Arnold Hauser, Soziologie der Kunst, M¸nchen 1988, S.4

42 Vgl. Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen ÷konomie,

Berlin 1953, S.22; Vgl. Thomas Metscher, Kunst als sozialer Prozefl, Kˆln 1977, S.151

43 Grzg S.20f

44 Bernd Guggenberger, Die politische Aktualit‰t des ƒsthetischen, Eggingen 1992 (im Folgenden abgek¸rzt ãGuggenbergerõ), S. 19, 27,

39

45 Vgl. Karl Heinz Bohrer, Die Grenzen des ƒsthetischen. in: Die Aktualit‰t des ƒsthetischen, Hrsg. Wolfgang Welsch, M¸nchen 1993,

S.48ff

46 Neal Benezra u.a. Beauty Now. Die Schˆnheit der Kunst am Ende des 20.Jahrhunderts. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit. S.13

47 ebenda S.230

48 ebenda S.14

49 R¸diger Bubner, ƒsthetische Erfahrung, Frankfurt am Main 1989,

S.149

50 Grzg S.12

51 Guggenberger S.14

52 Wolfgang Fritz Haug, Kritik der Waren‰sthetik, Frankfurt am Main 1971, S.17

53 Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft, Frankfurt/Main; New York, 1993, S.13

54 Guggenberger S.12f

55 Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid-Noerr, Bd.5, Frankfurt am Main 1987, S.145

56 Ethik der ƒsthetik, Hrsg. Christoph Wulf, Dietmar Kamper und Hans Ulrich Gumprecht, Berlin 1994, S.VII

57 Eagleton S.9, 210

58 Eagleton S.240

59 Grzg S.112ff, 123

60 Wilhelm Schmid, ƒsthetik der Existenz, in: Frankfurter Rundschau 2.6.1992, S.16

61 Wilhelm Schmid, Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst, Frankfurt 1992, S.81

62 Paolo Bianchi, Real Life, in: Kunstforum, Bd. 143, Januar-Februar 1999, S.39

63 Schritte oder Aspekte einer ´ƒsthetik der Existenzª nach Schmid sind ñ in Stichworten: 1. Wahrnehmungsvermˆgen, 2. experimentelle Existenz, 3. parrhesiastische Existenz, 4. Beziehung zu anderen, 5. Beziehung zur Aktualit‰t, 6. ph‰nomenales Selbst, 7. Urteilskraft im Prozefl der Erfahrung, 8. Kleine Klugheit, 9. asketische Arbeit f¸r ein Leben in Freiheit, 10. Koh‰renz der Existenz, 11. Existenz nach Auflen, 12. Konzept f¸r alle Subjekte. Wilhelm Schmid, Ethik der Selbstfindung, in: Kunstforum Bd. 143, a.a.O., S.50f

64 Von der Freundschaft. Michel Foucault im Gespr‰ch. Merve Verlag Berlin, S.136

65 Vgl. Christoph Menke, Unbequeme Kunst der Freiheit, in: Frankfur- ter Rundschau, 5.5.1992, S.16; Christoph Menke, Das Leben als Kunstwerk gestalten? in: Initial, 4/91, S.383ff

66

Martin Seel, Das gute Leben, in: Frankfurter Rundschau, 16.6.1992,

S.18

67 Grzg S.119, 126ff

68 Christoph Menke, Die Tragˆdie und die Freigeister, in: Andreas Steffen (Hrsg.), Nach der Postmoderne, D¸sseldorf 1992, S.259f

69 Werner Seppmann, Das Ende der Gesellschaftskritik, a.a.O. S.236

70 Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenh‰user, Frankfurt 1991, Band I,2, S.469

71 Eagleton S.383

72 Thomas Mann, Leiden und Grˆfle der Meister, Frankfurt am Main 1982 S.849

73 J¸rgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, Frank- furt am Main 1988, S.119f

74 Grzg S.106

75 Guggenberger S.10

76 Florian Rˆtzer (Hrsg.) Digitaler Schein. ƒsthetik der elektronischen Medien, Frankfurt am Main 1991 S.25f

77 Eagleton S.383

78 Sandro Bocola, Die Kunst der Moderne, M¸nchen 1994 S.578

79 Gustav Seibt, Aussortieren, was falsch ist, in: Die Zeit, 2.3.2000 S.37

80 Roger de Weck, Der Manager-Wahn, in: Die Zeit, 13.4.2000, S.1

81 Mario M¸ller, Die Macht der Spieler, in; Die Zeit, 10.12.1998, S.30

82 Guggenberger S.18ff

83 Thomas Macho, Haider und die Zukunft, in: Die Zeit, 9.3.2000,

S.46

84 Franz Schandl, Klartext statt Kontext, in: Junge Welt, 21.10.1999

85 Franz Schandl, Politisches Marodieren ist Programm, in: Junge Welt,

20.10.1999

86 Franz Schandl, Leuchten und blenden, in: Junge Welt, 19.10.1999

87 Gustav Seibt, Aussortieren, was falsch ist, a.a.O.

Hans Heinz Holz

Irrationalismus ñ Moderne ñ Postmoderne

Mitten im zweiten Weltkrieg, als die deutschen Armeen an der Wolga und am Fufle des Kaukasus standen, hat Georg Lukacs die Arbeit an dem Buche aufgenommen, das dann den Titel ´Die Zer- stˆrung der Vernunftª tragen sollte ñ sozusagen ein Handbuch des Antifaschismus, ein klassisches Buch der Verteidigung des Erbes, das der Marxismus an Aufkl‰rung und Rationalismus anzutreten hat. Das Buch l‰flt sich lesen als fortlaufender Kommentar zu einer Linie der deutschen weltanschaulichen Tradition seit der Roman- tik ñ Ernst Bloch nannte sie die ´Unheilslinieª ñ, und dieser Kom- mentar ist in der Auseinandersetzung marxistischer Philosophen mit dem Irrationalismus nach 1945 fortgesetzt worden. 1 Immanuel Kant hatte mit einem groflartigen Wort die Aufkl‰rung als den ´Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unm¸n- digkeitª bezeichnet. 2 Seitdem haben die anti-aufkl‰rerischen Bem¸- hungen derer, die den Menschen in Unm¸ndigkeit halten wollen, nicht nachgelassen; und die Verteidigung des M¸ndigkeitsanspruchs der Aufkl‰rung ist stets eine Hauptfront des ideologischen Klas- senkampfs gewesen und geblieben.

Konservativismus und Innerlichkeit

Die Argumentationsmuster der Gegenaufkl‰rung haben sich seit zweihundert Jahren kaum ver‰ndert; sie sind nur immer flacher geworden, und nat¸rlich haben sie sich dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Problemlage und der gesellschaftlichen Anta- gonismen angepaflt. Ewige Ordnungen des Seins ñ von Gott ge- setzte, als Naturkonstanten beschriebene ñ seien es, die das mensch- liche Leben und Zusammenleben bestimmen und sich dem Ein- griff des Menschen, der Gestaltung durch das historische Subjekt entziehen. Solche Ordnungen werden durch Offenbarungsschrift und Propheten verk¸ndet und verb¸rgt oder intuitiv vom Indivi- duum erfaflt. Logische Deduktion, vern¸nftige Konstruktion und

dialektische Entwicklung gelten als ´schlechte Vern¸nfteleiª. Der objektivistischen Hinnahme des Bestehenden und der konservati- ven Anpassung entspricht dann die Verlagerung von Subjektivit‰t und Freiheit in die Innerlichkeit des Ich: Konzentration der Welt- beziehungen im Brennpunkt der privaten Selbsterfahrung, Selbst- verwirklichung als Kunstprodukt einer egozentrischen Kreativi- t‰t. Psychologismus und ƒsthetizismus sind die Kehrseite der kon- servativen Ordnungsideologien; nur scheinbar richten sie sich auf Freiheit und Herrschaftsverweigerung, in Wirklichkeit schl‰gt ihr Aufbegehren um in die Unterwerfung durch die Flucht aus der ˆffentlichen Verantwortung in das unantastbare Reich der indi- viduellen Seele und Seligkeit. Es ist kein Zufall, dafl die neuen Irrationalismen aller Art sich wieder der Philosophie Nietzsches zugewandt haben, bei dem diese psychologisierenden und ‰stheti- sierenden Tendenzen mit groflem Pathos vorgetragen wurde. Nietzsche erhob den irrigen und irref¸hrenden Anspruch, sei- ne Zerstˆrung der Vernunft sei eben die Bekundung der echten kritischen Vernunft, er berief sich auf die Freigeister der Aufkl‰- rung, auf Voltaire zumal. Weil angeblich eine radikale Kritik jede objektive Wahrheit zersetze und allein das gelten lasse, was die St‰r- kung der eigenen Kraft und des Lebens bewirke, kˆnnen aus die- ser Kritik sowohl Herrschaftsordnung wie Innerlichkeit gerecht- fertigt werden. Wahrheit, sagt Nietzsche, ´ist ein Wort f¸r den Willen zur Machtª. Und ´alles, was bisher Wahrheit hiefl, ist als die sch‰dlichste, t¸ckischste, unterirdischste Form der L¸ge erkannt; als der heilige Vorwand, die Menschheit zu verbessern, als die List, das Leben selbst auszusaugen, blutarm zu machen.ª 3 Die Welt zer- f‰llt nun in ein Chaos von Individuen, die ihre Selbstverwirkli- chung erstreben (was immer sie darunter verstehen mˆgen), und in dieser Krise des Nihilismus, in der die objektive Wahrheit, die Ziele der Menschheitsentwicklung und die Gesetze der Geschich- te unglaubw¸rdig gemacht werden, stellt sich die ‰lteste und pri- mitivste aller Ordnungen wieder her: Die Herrschaft des St‰rks- ten. ´Der Wert einer solchen Krisis ist, dafl sie reinigt und so zu einer Rangordnung der Kr‰fte den Anstofl gibt: Befehlende als Befehlende erkennend, Gehorchende als Gehorchende. Es gibt nichts am Leben, was Wert hat, aufler dem Grade der Macht ñ gesetzt eben, dafl Leben selbst der Wille zur Macht ist.ª 4 Es braucht uns hier nicht zu interessieren, dafl Nietzsches pr‰- faschistische Lebens- und Machtphilosophie hervorgegangen ist aus

der verzweifelten, aber unbew‰ltigten, weil unpolitischen Kritik daran, dafl das B¸rgertum sein eigenes Programm der Aufkl‰rung nicht einzulˆsen vermochte. 5 Seine heutigen Adepten lesen Nietz- sche nicht historisch-kritisch, sondern als Leitfaden f¸r ihr eigenes Weltverst‰ndnis, Nachfahren jener Nietzsche-Gemeinde, die einst die Schwester des Philosophen, Elisabeth Fˆrster-Nietzsche (selbst um den Preis von Textf‰lschungen) aus den Lesern seiner Schrif- ten formierte.

Neue Nietzsche-Rezeption

Nehmen wir als Beispiel f¸r die Indienstnahme Nietzsches durch eine geschichtsfeindliche Ideologie eine Gruppe von Autoren, die 1980 in einem Sonderband von Rowohlts ´Literaturmagazinª den Auftakt zur deutschen ´post-histoireª gaben, indem sie Nietzsche mit den gleichsam geheimwissenschaftlichen Mitteln einer ge- schichtsphilosophischen Hermeneutik wieder verf¸gbar machten, nachdem die Entlarvung der Klitterung durch die Schwester Elisa- beth Fˆrster-Nietzsche entlarvt und destruiert worden war. 6 Dafl die neue Aneignung nicht minder eine Klitterung ist, hat Geheim- wissenschaftler bei ihren Geisterbeschwˆrungen noch nie gestˆrt. Die Absicht des Verlegers war wohl anf‰nglich, der ¸ber Frank- reich in Deutschland in Gang gesetzten ´Wiederkehr Nietzschesª kritisch zu begegnen. Was dabei herausgekommen ist (in 16 Auf- s‰tzen damals vor allem j¸ngerer Autoren), zeugt von der Faszina- tion Nietzsches und ist ein Beleg f¸r den, wie der Herausgeber J¸rgen Manthey schrieb, ´Paradigmenwechselª, in dem Marx durch Nietzsche abgelˆst werden sollte. 7 Nietzsche gegen Marx auszuspielen gehˆrte allerdings schon zur pr‰faschistischen ideologischen Strategie in Italien wie in Deutsch- land. Immerhin ist diese Alternative nach den Erfahrungen mit dem Nietzsche-Gebrauch durch die Nazis auch provokant. Es bedarf schon einer besonderen Eingestimmtheit unserer Zeit dazu, solche Revitalisierungen mˆglich zu machen ñ die Summe negativer Er- fahrungen, Folgen der allgemeinen Krise der b¸rgerlichen Gesell- schaft, die ihren Niederschlag finden in der Skepsis gegen¸ber der technischen und ˆkonomischen Entwicklung, im Unbehagen an der Massengesellschaft und vor allem ihren ‰ufleren Erscheinungsfor- men, in Unsicherheit angesichts der steigenden politischen und kulturellen Anspr¸che der ehemaligen Kolonialvˆlker, in entt‰usch-

ten Hoffnungen aus der Zeit der 68er-Bewegung, im Umschlag von der Utopie zur Resignation und damit verbunden im Zweifel an der Mˆglichkeit einer besseren Welt. All dies waren Auslˆser f¸r den R¸ckzug in eine Subjektivit‰t, die bei Nietzsche eine Politur ihres angeschlagenen Selbstbewufltseins zu finden vermochte. Charakteristisch daf¸r ist der Aufsatz von Bernhard Lypp, weil er auf den Kernpunkt, das Verh‰ltnis zur Geschichte, eingeht. Der Mythisierung der Historie durch die Romantik, die in der Erinne- rung den Ursprung als das Wesen suchte, und der Rationalisie- rung der Geschichte durch Hegels Dialektik der Vernunft (allerdings adornitisch miflverstanden als Fortgang des Bewufltseins vermit- tels Negationen) setzt Lypp Nietzsches ƒsthetisierung der Geschich- te entgegen, die in jeder historischen Gestalt oder Konstellation eine aus der Fantasie zu geb‰rende Interpretation des Daseins er- blickt. Er schreibt: ´Kulturelle Symbolsysteme sind Auslegungen und Interpretationen menschlichen Daseins. Ihre Funktion besteht zun‰chst und vor allem darin, das Dasein des Menschen mit einem Horizont von Fiktionen und Illusionsbildungen zu umgeben, durch den wirkliche Handlungen garantiert und der Spielraum mˆgli- cherweise erweitert ist.ª Es ist, als habe es Marx nie gegeben, und sein Name kommt unter den drei Arten der Geschichtsauffassung auch gar nicht vor. Nietzsche wird zum Alibi, um Marx zu ver- dr‰ngen (und nebenbei wird Vaihinger beerbt!). Das ist ein Pro- gramm. Denn der Historiker soll ´auf jegliche Vorstellung konti- nuierlicher Entwicklung historischer Erfahrungª verzichten, er m¸sse ´sich neben die Formen wissenschaftlicher Rationalit‰t stel- lenª, um in der ´Optik des K¸nstlersª ´die Konsistenz wissenschaft- licher Projektionen auf das menschliche Dasein systematisch fremd zu machenª. Da wird Geschichte der Beliebigkeit individueller Deutungsversuche ausgeliefert, sie wird zum irrationalen Material f¸r die Manipulation des Selbstverst‰ndnisses der Nachfahren, und diese Art ´Geschichte zu schreiben ist der wirkliche Konkurrent der Entwicklungstheorie, und in dieser Opposition erweist sie sich als zeitgem‰flª. Marxistische Historiker wie Walter Markov, Lite- raturwissenschaftler wie Georg Lukacs haben die Funktion des K¸nstlers f¸r die Erkenntnis der Geschichte anders bestimmt: In der Herausarbeitung des Typischen ist die wesentliche Wahrheit historischer Prozesse einsichtig zu machen. 9 Nietzsche wird also als Kronzeuge f¸r eine Weltanschauung aufgebaut, die den gesetzlichen Verlauf der Geschichte und seine

Erkennbarkeit leugnet und den Intellektuellen, den Literaten, das Selbstbewufltsein zuspielt, die Meister der Geschichte zu sein, in- dem sie sie ´aus der Optik des K¸nstlersª deuten , ohne sie in politi- schem Engagement mit machen zu m¸ssen. Der R¸ckzug aus der praktischen Verantwortlichkeit der Ver‰nderns in die geistreiche Souver‰nit‰t des Interpretierens ist perfekt, die Welt kann den Ein- zigen wieder als ihr Eigentum erscheinen ñ wenn auch nur in der Vorstellung. Friedrich Kittlers Paraphrasen zu Nietzsches Selbst- darstellung ´Ecce homoª gehen in diese Richtung: Das Buch sei das Dekret der Machtergreifung eines Weltherrschers. Wer aber die Grˆflenwahndiagnose der Psychiater r¸ckg‰ngig machen will, mufl sich auf den Geisteszustand Max Stirners einlassen. 10 Nun hat Nietzsche sicher ein anderes Niveau als Stirner, nicht nur an Bildung, sondern auch an Ernst und Betroffenheit, an Re- flexion von Realit‰t. Ohne dieses Niveau, das durch alle seine Ver- r¸cktheiten und Zwanghaftigkeiten noch sp¸rbar ist, strahlte er nicht die Anziehungskraft aus, die gerade j¸ngere Menschen immer wieder in Bann schl‰gt. J¸rgen Manthey stellte die Frage durchaus richtig: ´Steckt nicht in der F‰higkeit Nietzsches zum Leiden, das sein Leben und Denken auffrafl und seine F‰higkeit zur Reflexion bedrohte, ja steckt nicht in dieser Bedrohung schon ein ausgespro- chen kritisches Potential, das den Innovationen der an der langen Leine denkenden ãobjektivenõ Wissenschafts- und Sozialtheoreti- ker an Sprengkraft ¸berlegen ist?ª 11 Nietzsche, der Immoralist, der Umwerter aller Werte, richtete seine Kritik gegen die b¸rgerliche Welt, gegen deren Selbstwider- spruch und Ideologie; aber seine Kritik ist keine objektiv-histori- sche, gesellschaftliche, sondern eine subjektiv-moralische, indivi- duelle; die Widerspr¸che erscheinen als Unaufrichtigkeit, die Ide- ologie als Heuchelei, und zu ¸berwinden sind sie nach Nietzsches Auffassung durch einen neuen Menschen, nicht durch eine neue Gesellschaft. So bleibt Nietzsches Kritik noch in der extremsten Negation weiterhin der Systemgestalt dessen, was er negiert, einbeschrieben; der Antib¸rger sprengt nicht die Denkfigur der b¸rgerlichen Weltanschauung. Das macht ihn attraktiv f¸r alle B¸rger, die sich in Opposition begeben, ohne ihre b¸rgerlichen Interpretationsmuster aufgeben zu kˆnnen. Nietzsche erlaubt ihnen Identifikation, wie es bei Hugo Dittberner anklingt: ´Das unlˆsliche Ineinander und Zusammen von Nietzsches Erkennen und Existenz garantiert jedoch, bei allen Gef‰hrdungen, Verf¸h-

rungen und Borniertheiten, einen entscheidenden Gewinn. ( ) Nietzsche, das ist die Erfahrung der lebendigen Subjektivit‰t, der fremden und der eigenen.ª 12 So setzt Nietzsche innerhalb des b¸rgerlichen Philosophierens einen Maflstab. Er philosophiert aus einer individuellen Erlebnis- st‰rke heraus, neben der die gleichzeitige und folgende Lebens- philosophie nur professorale oder schˆngeistige Versionen anbot; Diltheys und seiner Nachfolger geistesgeschichtlicher Irrationalis- mus, die rituelle Lebensfeier des George-Kreises, Jaspersí existen- tialistische Erfahrung des Scheiterns, Klagesí intellektualisierte Geistfeindschaft. Nat¸rlich ¸berragt Nietzsche, wenn man ihn mit dem im univer- sit‰ren Bildungsbetrieb viel einfluflreicheren Dilthey konfrontiert. Helmut Pfotenhauer h‰tte sich am Schlufl solcher Konfrontation die akademische Rettung ins Unverbindliche ersparen kˆnnen: ´Die Aufgabe w‰re erf¸llt, wenn deutlich geworden w‰re, dafl die re- konstruierte Kollision beider Diskurse neue Gesichtspunkte erˆff- net.ª Nietzsche war es, der dem sp‰tb¸rgerlichen Selbstbewuflt- sein neue Ausdrucksformen gab, Dilthey lieferte dagegen blofl die schmeckenden und verbr‰menden Girlanden. Aber ist es nicht be- zeichnend, dafl Pfotenhauer mit Ausschliefllichkeit von Nietzsche und Dilthey als den ´beiden exponiertesten Erkenntniskonzepten geschichtlichen und geistigen Lebensª spricht? 13 Auch hier wieder Verdr‰ngung von Marx und den Folgen. Aber die b¸rgerlichen Intellektuellen haben ein schlechtes Ge- wissen, wenn sie philosophisch Farbe bekennen sollen. Vor dem Wahrheitsanspruch des Denkens weichen sie lieber in die ‰stheti- sche Subjektivit‰t aus. Da kommt ihnen Nietzsches Satz gelegen, den Karl-Heinz Bohrer zum Angelpunkt seiner Nietzsche-Rezep- tion macht: ´Das Dasein der Welt kˆnne nur als ‰sthetisches Ph‰- nomen gerechtfertigt werden.ª Bohrer allerdings schreibt seinen Nietzsche-Essay in der Absicht einer ´ideologiekritischen Reduk- tion des ƒsthetischenª. 14 Nur bleibt es bei der Absichtserkl‰rung, als ob nicht Walter Benjamin dazu schon einen theoretischen Schl¸ssel gegeben h‰tte: er sagte von der b¸rgerlichen Gesellschaft:

´Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eige- ne Vernichtung als einen ‰sthetischen Genufl ersten Ranges er- leben l‰flt. So steht es um die ƒsthetisierung der Politik, die der Faschismus betreibt. Der Kommunismus antwortet ihm mit der Politisierung der Kunst.ª 15

Aufkl‰rung und Selbstbestimmung

Nun ist die Rezeption Nietzsches zwar das geheime Zentrum der modernen Widervernunft, aber keineswegs ein einhelliges und systematisches Ph‰nomen. Einige Strukturalisten, die sogenann- ten ´Neuen Philosophenª in Frankreich, die Verk¸nder einer neu- en ‰sthetischen Kultur der ´post-histoireª und die Verfechter der These vom Ende der Geschichte kˆnnen sich mit unterschiedli- chen Ankn¸pfungspunkten auf ihn beziehen; die Wiederentde- ckung der Vorliebe zun‰chst f¸r Gottfried Benn und danach f¸r Ernst J¸nger gehˆrte in diesen Zusammenhang; und oft ist es ein- fach die unzusammenh‰ngende Aufnahme einzelner Versatzst¸- cke aus den Schriften Nietzsches und die Faszination durch deren autorit‰ren Verk¸ndigungsgestus, die ihn zum Erzvater mancher Sekten und Gruppen werden liefl. Wo es nicht um Argumente geht, spielt die Stimmigkeit der Gedankenverbindungen ohnehin keine grofle Rolle. Sie braucht es nicht und darf es gar nicht geben, denn das Prinzip jeder Anti-Aufkl‰rung ist es, die zwingende Kraft des schl¸ssigen Arguments als vordergr¸ndig abzuwerten und sich auf hˆhere Einsichten zu berufen, die vor der pr¸fenden Vernunft zu bestehen nicht nˆtig haben. Das ist dagegen das Prinzip jeder Aufkl‰rung: Alles der pr¸fen- den Vernunft zu unterwerfen ñ seit der vorsokratischen Philoso- phie, die den vielf‰ltigen und vieldeutigen Mythen die Regeln des Denkens entgegensetzte, welche Aristoteles sp‰ter im ´Organonª zu einem Grundlagensystem der Logik zusammenfaflte. 16 Aufkl‰rung ist die Geschichte der Kultur als Geschichte der geis- tigen Voraussetzungen f¸r die Selbstbestimmung des Menschen (zu deren Verwirklichung nat¸rlich materielle Bedingungen vorhan- den sein und geschaffen werden m¸ssen). Selbstbestimmung heiflt:

Erforschung der ‰ufleren, von mir unabh‰ngigen Gegebenheiten und ihrer Zusammenh‰nge; Feststellung der Mˆglichkeiten, in die- se Zusammenh‰nge nach eigenen Zwecken ver‰ndernd und ge- staltend einzugreifen; Pr¸fung der Zwecke, ob sie nicht nur kurz- fristig und egoistisch, sondern im Hinblick auf die menschliche Gattung ¸berhaupt erstrebenswert sind (sonst w¸rde ich mich letztlich selbst sch‰digen, weil ich ja ein ´Gattungswesenª bin, n‰m- lich den allgemeinen Bedingungen der Existenz der menschlichen Gattung unterliege). Um dies fertigzubringen, mufl ich Identit‰-

ten festhalten und Widerspr¸che bestimmen, mufl Allgemeines von Besonderem und Wesen von Schein unterscheiden, mufl die Ver- kn¸pfung von Grund und Folge, von Ursache und Wirkung, von Bedingung und Bedingtem offenlegen; kurz, ich mufl Verfahren entwickeln, die die Rationalit‰t meines Handelns sichern. Diese Rationalit‰t ist allen Menschen gemeinsam, ohne sie g‰be es keine Verst‰ndigung, keine Sprache, keine Arbeit, keine Gesellschaft. Wer sich ¸ber die Regeln der Vernunft hinwegsetzt, anhand deren alles gepr¸ft werden kann und im Zweifel gepr¸ft werden mufl, macht sich abh‰ngig von einer unbegriffenen, fremden, aufler ihm seien- den Wirklichkeit. Die Allgemeinheit der vern¸nftigen Selbstbestimmung ergibt sich aus dem, was Marx das ´Gattungswesenª des Menschen nann- te; in dem doppelten Sinne, dafl jeder einzelne Mensch Glied der Gattung Menschheit ist und nur im Zusammenhang der Gattung seine Besonderheit als er selbst, der er im Unterschied zu anderen ist, verwirklichen kann; und dafl er, in die Gattung eingebettet, das Allgemeine des Gattungsseins erkennen und sich so ¸ber die blofle Einzelheit der unmittelbaren Erfahrung, seiner eigenen gef¸hlten und erlebten Besonderheit erheben und mit dem Allgemeinen ver- mitteln kann. Aus gutem Grund darf ich mir keinen individuellen Zweck setzen, der andere sch‰digt; denn dann d¸rfte das ja auch der andere, und wir w¸rden uns gegenseitig bis zur Vernichtung sch‰digen. Schon im 17. Jahrhundert baute der englische Philo- soph Thomas Hobbes ¸ber dieser Einsicht seine Staatstheorie auf 17 , Immanuel Kant hat dann dem Gedanken als ´kategorischem Im- perativª eine klassische Form gegeben: ´Handle nur nach derjeni- gen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dafl sie ein all-

gemeines Gesetz werde.ª 18 Selbstbestimmung, also Freiheit, schlieflt den Respekt vor dem anderen ein ñ nicht weil dies durch ein gˆtt- liches oder ¸berliefertes Gebot gefordert wurde, sondern weil die Vernunft gar keine andere Form des Zusammenlebens zul‰flt. Die b¸rgerliche Rechts- und Staatstheorie ñ paradigmatisch der ethische Liberalismus ñ hat diese Begr¸ndung unseres Daseins im Gattungswesen verkannt und stattdessen die Einzelheit des Indivi- duums an die erste Stelle in der Gesellschaft gesetzt. Ernst Bloch hat daraus die richtige Schluflfolgerung gezogen: ´So ist der kate- gorische Imperativ in der Klassengesellschaft gerade unbefolgbar.

Denn keinerlei privater Vorteil auf Kosten der allgemeinen

Gesellschaft hat in seiner Maxime und Gesetzgebung ein Recht.

) (

Vielmehr wirkt der kategorische Imperativ fast wie ein Optativ, ja wie eine Antizipationsformel hin zu nicht-antagonistischer Gesell- schaft, das ist, zu einer klassenlosen, in der ¸berhaupt erst wirkli- che Allgemeinheit moralischer Gesetzgebung mˆglich ist.ª 19

Sonderinteressen und Gegenaufkl‰rung

In einer komplexen und schwer durchschaubaren Welt gibt es selbst- verst‰ndlich Schwierigkeiten, das ´allgemeine Besteª (commune bonum), wie die Aufkl‰rungsphilosophen sagten 20 , zu erkennen. Keiner verf¸gt ¸ber alle Kenntnisse und Gr¸nde, Diskussionen sind nˆtig, Korrekturen getroffener Maflnahmen sind unerl‰fllich, um sich jeweils der richtigen Lˆsung eines gesamtgesellschaftlichen Problems anzun‰hern. Das ist der Prozefl der gesellschaftlichen Entwicklung, der geschichtlichen Abfolge der Zust‰nde, der Peri- oden, der Formationen, die sich immer durch Widerspr¸che und Unvollkommenheiten hindurch verwirklichen. Nicht darin liegt die Irrationalit‰t, sondern in der Dominanz von Sonderinteressen ¸ber das Allgemeine, die sich gegen¸ber dem Allgemeinwohl durchsetzen; und irrationalistisch verf‰hrt ihre ideologische Be- gr¸ndung, die Allgemeinheit f¸r das Besondere pr‰tendiert und die Illusion erzeugen will, dafl die Sonderinteressen allen zugute k‰men. Gelingt dies, so spricht man von Hegemonie, die der phy- sischen Unterdr¸ckung solange entbehren kann, als ihr die Bewuflt- seinslenkung gelingt. 21 Wer den eigenen Vorteil auf Kosten anderer sucht ñ bewuflt, weil er denken mag: Nach mir die Sintflut; unbewuflt, weil er nicht in Gesamtzusammenh‰ngen zu denken gewohnt ist ñ, wird sich der Pr¸fung seiner Zwecke durch die Vernunft zu entziehen ver- suchen. Er wird sich auf auflervern¸nftige Bestimmtheiten beru- fen, auf Sachzw‰nge, Traditionen, Erkenntnisgrenzen, Schicksal, Intuitionen, Offenbarungen ñ Rationalit‰t soll dann nur noch in beschr‰nktem Rahmen gelten, grˆflere Zusammenh‰nge hinge- gen bleiben der kritischen Reflexion unzug‰nglich. So steht der Irrationalismus immer im Dienste der Sonderin- teressen gegen das Allgemeinwohl; darum neigen herrschende Schichten und Klassen zu irrationalen Ideologien. Gegenaufkl‰- rung ist eine Bedingung ihrer Selbstbehauptung ñ auch wenn die einzelnen sich das nicht immer klar machen (Verschleierung ge- hˆrt zur Erscheinungsweise von Ideologie, auch Verschleierung

gegen¸ber sich selbst). 22 Umgekehrt steht die Forderung nach Ver- n¸nftigkeit immer im Dienste der Unterdr¸ckten. Das unwider- legliche Argument ist schon deren st‰rkste Waffe, wenn ihnen noch keine anderen Waffen zu Gebote stehen. Als Anselm von Canter- bury fragte, wie die Existenz Gottes bewiesen werden kˆnne (statt blofl geglaubt), begann eine lange Entwicklung, in deren Verlauf die Willk¸r der religiˆsen Lehren mehr und mehr abgebaut wur- de. Am Ende siegte der Anspruch der Vernunft, dafl diese Welt nach einsehbaren Gr¸nden und nicht nach Priesterwort eingerichtet werden m¸sse ñ und dieser Anspruch gilt als Norm und Postulat , auch wenn die Welt de facto noch alles andere als vern¸nftig ein- gerichtet ist. Rationalit‰t behauptet sich nicht ohne Widerstand, nicht ohne Gegenbewegung. Der Kampf zwischen Aufkl‰rung und Irrationa- lismus ist nie zu Ende, in jeder Epoche mufl er aufs neue ausgetra- gen werden. Denn wir wissen nie die ganze Wahrheit ¸ber alles in der Welt, und in die L¸cken unseres Wissens kˆnnen sich so immer weltanschauliche Verbindungsglieder einschieben, die das kritische Denken abblocken und zu Tr‰gern von Sonderinteressen zu wer- den vermˆgen. Die Spannung zwischen Besonderem und Allge- meinem wird ja nicht dadurch aufgehoben, dafl sie einmal theore- tisch durchschaut wird, sondern reproduziert sich immer wieder als ein reales Verh‰ltnis in einer mannigfaltigen Welt. Rationale Kl‰rung und Ideologiekritik sind immerw‰hrende Aufgaben des vern¸nftigen Denkens, im besonderen der Philosophie. Dabei versteht sich von selbst, dafl nach Hegel und Marx die Vernunft in der Geschichte nicht mehr als Aufhebung der realen gesellschaftlichen Widerspr¸che im Denken und durch das Den- ken verstanden werden kann, wie in der Zeit der ´heroischen Illu- sionenª der progressiven Bourgeoisie, also im 17. und 18. Jahrhun- dert. Die Ausbildung eines dialektischen Vernunftbegriffs erlaubt es vielmehr, die rationale Struktur der materiellen gesellschaftli- chen Prozesse mit den darin auftretenden Widerspr¸chen zu fas- sen. 23 Damit wird der Schein der Irrationalit‰t der Geschichte durchschaubar und kann zerstreut werden. Der historische Mate- rialismus lˆst die Intention der Aufkl‰rungsphilosophie ein, indem er den gesetzlichen Verlauf der Geschichte aus einem Prinzip er- kl‰rt: Der Mensch behauptet sich in der Natur und entwickelt sei- ne F‰higkeiten durch die Arbeit, in der er die Natur umgestaltet; in der Organisation der Arbeit schafft er die Produktionsverh‰lt-

nisse, die mit der Ausbildung der technischen Mittel zu immer dif- ferenzierteren Gesellschaftsformationen und Zivilisationen f¸hren.

Ende der Geschichte?

Mit der Erkenntnis der Gesetzlichkeit der Geschichte war dem Ir- rationalismus das letzte inhaltliche Terrain genommen worden, auf dem er sich vorwissenschaftlich ñ das heiflt mit ´gutem Gewissenª ñ tummeln konnte. Will er nun eine weltanschauliche Position verteidigen, so mufl er dies pseudo wissenschaftlich oder antiwissen- schaftlich tun. (Das bedeutet, dafl das Niveau irrationalistischer Theorien und Philosophien sich gegen¸ber der Zeit der Roman- tik, der ersten groflen Phase der Gegenaufkl‰rung, wesentlich ver- ‰ndert hat; es ist flach geworden.) Antiwissenschaftliche Einstel- lung finden wir bei allen Erlˆsungskulten, Sekten und quasireligiˆ- sen Weltanschauungsgemeinschaften, aber auch in der Nietzsche- Nachfolge und bei den prinzipiell vernunft- und wissenschaftsfeind- lichen ´Neuen Philosophenª in Frankreich. 24 In gewissem Sinne gehˆren hierher auch Tendenzen, den wissenschaftlichen Diskurs dadurch aufzuheben, dafl eine nicht mehr allgemeinverbindliche Privatsprache gepflegt wird, die beliebig ausdeutbar bleibt; die Ver- fahren des strukturalistischen Psychoanalytikers Jacques Lacan und seiner Schule f¸hren zu dieser Konsequenz, obschon sie auf einer sehr subtilen Methode der Interpretation beruhen; nur kann eben nirgends angegeben werden, welche kritisch ¸berpr¸fbaren Zu- ordnungen f¸r die ‹bersetzung psychischer Bekundungen in eine objektivierbare, nachvollziehbare Begriffssprache definitiv sind. Lacans Psychoanalyse ist ein Grenzfall. Er lehnt die wissenschaft- liche Rationalit‰t ab, h‰lt aber sein eigenes Verfahren doch auch f¸r wissenschaftlich, auf eine neue Art. Anders gehen zahlreiche anti-aufkl‰rerische Theorien vor, die ihren Irrationalismus para- doxerweise mit dem Anspruch und der Diktion traditioneller Wis- senschaftlichkeit vortragen. Carl Gustav Jungs Archetypenlehre ist eine ‰ltere, aber nach wie vor einfluflreiche Form dieser Gruppe von Ideologien; einfluflreich und wichtig vor allem auch deshalb, weil sie ein Modell daf¸r abgibt, wie die tats‰chlichen Besonder- heiten der geschichtlichen Verh‰ltnisse durch Reduktion auf we- nige ´ewigeª psychologische Grundfiguren enthistorisiert und diese vor dem ver‰ndernden Zugriff der handelnden Menschen bewahrt werden sollen; Konservativismus ist hier nicht nur theoretischer

Hintergrund, sondern unmittelbar Programm der psychoanalyti- schen Therapie. In j¸ngster Zeit gesellt sich hierzu die Wiederauf- stehung der Mythologie, nicht als Zweig religionsgeschichtlicher Untersuchung, sondern als Deutung von immergleichen, sich wie- derholenden Lebenssituationen und -mustern, als eine Sprache unwandelbarer Ideen. 25 Eine ‰hnliche Stillstellung der Geschichte vollzieht ein meta- physisch interpretierter Strukturalismus, etwa bei Claude LÈvy- Strauss und in seiner Nachfolge. Anstelle der psychologisch zu er- forschenden Archetypen ¸bernehmen da die von Ethnologie und Soziologie zu beschreibenden fixen Strukturen der Vergesellschaf- tung ñ zum Beispiel Heiratsvorschriften, Clanbildungen, Symbol- systeme ñ die Rolle von ¸berhistorischen Ordnungen, die gleichsam vom Himmel gefallene Konstellationen menschlichen Zusammen- lebens sein sollen. Die Erkenntnis von Geschichtsprozessen f¸hrt uns dann nicht auf die Formulierung von Gesetzen oder Prinzipi- en wirklicher Abl‰ufe und Beziehungen, sondern zur Dechiffrie- rung ´weniger verst‰ndlicher Komplexit‰tª durch eine vermeint- lich ´besser verst‰ndliche Komplexit‰tª. Es geht darum, einen Code zu finden (bzw. zu erfinden), der die ‹bersetzung eines Zeichen- systems in ein anderes erlaubt ñ und welchen Code man w‰hlt, ist beliebig, also ist das Zeichensystem, das dabei herauskommt, arti- fiziell. Ein Lebenslauf liefle sich zum Beispiel ebenso in Form ei- nes Horoskops wie eines Krankenblatts des Hausarztes wie eines Schuldbekenntnisses im Beichtstuhl ausdr¸cken; nur m¸flten sich an allen drei Codes ‹bereinstimmungen im formalen ´Arrange- mentª von Konstanten aufweisen lassen. Es ist ersichtlich, dafl die unumkehrbare Abfolge und die Kon- kretheit geschichtlicher Prozesse hier eingeebnet wird ñ ein Vor- wurf, den schon Jean Paul Sartre gegen den Strukturalismus erho- ben hat. Die rezente Abart des Irrationalismus zieht daraus auch die gehˆrige Konsequenz. Die These von der Epoche der ´post- histoireª, in der wir angeblich leben, schneidet der Geschichte ¸berhaupt den Lebensfaden ab. Es soll keine qualitativ neue und andere Zukunft mehr geben, es bleibe alles, wie es ist, eine sich selbst erhaltende B¸rokratie sorge f¸r den immerw‰hrenden Be- stand des gegenw‰rtigen Zustands der verwalteten Welt. 26 Nietz- sche, Mythologie und Strukturalismus ñ von jedem ein biflchen wird in diesen Gifttrank der Apathie gemischt. Wir sind aus der Politik entlassen zu Mickey Mouse, den Ewings und der Trapp-

Familie. Schmidt, Kohl und Genscher garantieren schon unser Wohl ñ oder auch nicht; zu ‰ndern gibt es darin ohnehin nichts. Sie sind austauschbar untereinander und gegen andere: Schrˆder, Merkel, Fischer; x, y, z, es lohnt nicht, sich die Namen zu merken. 27 Der Schein der ahistorischen Gleichfˆrmigkeit, den die aktuel- le historische Form der Klassenherrschaft, der Kapitalismus in sei- ner staatsmonopolistischen Gestalt annimmt, t‰uscht das Ende der Geschichte vor. Und neuerdings hat Francis Fukuyama skizziert, wo ´the last manª ankommen soll: in der aus dem Gesellschafts- prozefl sich ausgrenzenden ´Kernfamilieª, mit der Frau als Haus- m¸tterchen, das allen Emanzipationsbestrebungen entsagt, mit dem Mann als Patriarchen; eine Gesellschaft, die Frauen den Zugang zur Lohnarbeit ermˆgliche, ihnen Kontrolle ¸ber ihren Reproduk- tionszyklus gebe und auch auf kultureller Ebene ihre Selbstbestim- mung hervorhebe, untergrabe jene Normen, die den Mann an sei- ne biologische Vaterrolle binden und zerstˆre so die urspr¸ngliche Zelle jeglicher Gesellschaft. Ordnungsfaktoren seien die Biologie der Intimbeziehungen und die Ehrfurcht vor dem jenseitig ‹ber- nat¸rlichen, also Sexualit‰t und Religiosit‰t. 28 Die Funktion solcher Ideologien ist offenkundig: Durchkreu- zung jeder Theorie von Geschichte, L‰hmung des weltver‰ndern- den Bewufltseins und Willens, Erhaltung einer Gesellschaft, die sich selbst keine Zukunft mehr zu geben weifl. Die Frage ist ¸ber- fl¸ssig, welchen Interessen es dient, das Ende der Geschichte zu proklamieren.

Von der Moderne zur Postmoderne

Die These vom Ende der Geschichte gibt sich aus als These von der Vollendung der Moderne. ´Was Hegel oder Marx Geschichte nennen, die Entwicklungsschritte der menschlichen Gesellschaft insgesamt, von Bauernkulturen ¸ber Monarchien bis zur heutigen liberalen Demokratie, braucht nicht eine gerade Linie zu sein, aber jedenfalls ist es kein Kreis. Es gibt eine Richtung auf ein Ziel hin, und dieses Ziel ñ die liberale Demokratie ñ ist im wesentlichen erreicht.ª 29 Das behauptet Fukuyama. Tats‰chlich wird die Mensch- heitsgeschichte seit den Anf‰ngen der Neuzeit als ein linearer Pro- zefl gedacht, der im Prinzip zu immer besseren Bedingungen der Entfaltung des menschlichen Gattungswesens, zu immer neuen Mˆglichkeiten des Menschseins fortschreitet, aber auch Retarda-

tionen und R¸ckschl‰ge einschlieflt. 30 Dieser Prozefl verl‰uft ¸ber das Aufbrechen von Widerspr¸chen in einem Zustand und deren Aufhebung in einem neuen Zustand, hin zu neuen Widerspr¸- chen; in ihm entstehen qualitativ neue Gesellschaftsformationen und vollzieht sich der ‹bergang von der Vorgeschichte zur Ge- schichte der Menschheit ñ und dieser Prozefl endet nicht in einem letzten und un¸berholbaren Zustand. Die These vom Ende der Geschichte gehˆrt zwar zu jenen Ideologemen, die von den Verfechtern des ´Projekts Moderneª 31 bek‰mpft werden; wenn aber diese vermeintlichen Verteidiger zugleich das Scheitern dieses ´Projektsª zugeben, obzwar mit ideo- logiekritischer Wendung gegen die ´Tendenzwendeª, so erweist sich ihr Gegenwartsverst‰ndnis als Negativabdruck derselben Ideo- logie, der sie sich widersetzen wollen. Die Klage dar¸ber, die Moderne sei ein ´unvollendetes Projektª geblieben und seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts breite sich zunehmend eine ´antimodernistische Stimmungª aus, gehˆrt selber zu den Symptomen dessen, was eben mit einem kultursozio- logischen Schlagwort als ´Tendenzwendeª bezeichnet wird; sie be- kommt so den Charakter einer self-fulfilling prophecy, denn wird die Verk¸ndigung der Tendenzwende von jenen ¸bernommen, die ihr widerstreben, so best‰tigen sie erst einen Sachverhalt, der kei- ner w‰re, w¸rden sie sich weiterhin mit Nachdruck widersetzen. Es ist erst die Kapitulation vor dem Gegner, die diesen zum Sieger werden l‰flt. Resignation lag schon in J¸rgen Habermasí Vorwort zu dem fast neunhundert Seiten dicken Band 1000 der ´edition suhrkampª, den er als Anthologie der b¸rgerlich-liberalen Linken unter dem Titel ´Stichworte zur geistigen Situation der Zeitª herausgab. 32 Die Periode nach 1945 sei charakterisiert, so schrieb er, durch ´den dezidierten Anschlufl an Aufkl‰rung, Humanismus, b¸rgerlich radikales Denken, an die Avantgarden des 19. Jahrhunderts ñ die ‰sthetischen wie die politischen. Wenn an der Parole, der Geist stehe links, je etwas daran gewesen ist, ich meine in Deutschland, dann w‰hrend der Jahre, als trotz der massiven gesellschaftlichen Re- stauration die Erinnerung an den Nazismus und an die Traditio- nen, mit denen dieser gebrochen hatte, wach gehalten wurde ñ von einer intellektuellen Linken, die das kulturelle Milieu mit einer gewissen Selbstverst‰ndlichkeit pr‰gen konnte.ª Und er schlofl die Feststellung an: ´Damit ist es nun vorbei.ª 33 An die Stelle einer auf

Vernunft, Fortschrittserwartung und Innovationswillen gegr¸nde- ten Weltanschauung sei nun eine ´Theorie der Nachaufkl‰rung und des posthistoireª getreten, ´die sich dazu eignet, auch die szientisti- schen Strˆmungen ins Sammelbecken eines diffusen Traditiona- lismus umzulenkenª. Als ´Konjunkturenª des Kulturbetriebs wer- den notiert: ´Der Zweifel an den Avantgardebewegungen der Mo- derne, der Abschied von Funktionalismus und Neuer Sachlichkeit, die Abwertung der groflen Theorien, die Abkehr vom Universa- lismus der Aufkl‰rung.ª 34 Ist die These richtig, dafl sich in einem solchen Wechsel der Indizien einer Welteinstellung die Abkehr von einem geschichtlich realen, das heiflt real mˆglichen Zukunftsent- wurf ank¸ndigt? Bezeichnet ¸berhaupt das Stichwort ´Moderneª den Inhalt einer gattungsgeschichtlichen Entwicklungsstufe, deren Idee vollendet werden oder unvollendet bleiben kann? Verfehlt nicht ein unter den (doch zun‰chst einmal formalen) Titel gestell- tes kultur- und geschichtsphilosophisches Konzept die wirklichen Inhalte der gesellschaftlichen Prozesse der Neuzeit und der Ge- genwart? An diese Fragen m¸ssen vorg‰ngig Erw‰gungen gekn¸pft werden, die vom Gebrauch des Begriffs ´modernª bis zu den Legi- timit‰tsgrundlagen der Neuzeit fuhren. Die Modernit‰t der Neu- zeit ist ja keineswegs eine in sich eindeutig erf¸llte und wider- spruchsfreie Sinnganzheit, sondern selbst ein vielf‰ltiges, sich in Widerspr¸chen entfaltendes und ¸ber sich hinausdr‰ngendes Syn- drom von Entwicklungen wissenschaftlich-technischer, ˆkonomi- scher und kulturell-geistiger Art.

Was heiflt modern?

Das Wort ´modernª kommt erst sp‰t auf, im sechsten nachchristli- chen Jahrhundert bei Cassiodor, dem rˆmischen Kanzler des Go- tenkˆnigs Theoderich, und ein Jahrhundert sp‰ter bei Beda Vene- rabilis, der die Ausdrucksschemata der antiken Rhetorik auf die Stilistik der Bibel-Texte anwandte. ´Modernusª wird abgeleitet vom Adverb ´modoª, das ´soeben, in diesem Augenblick, in gegenw‰r- tiger Zeitª bedeutet. Bei Cassiodor ist sein Gehalt antithetisch be- stimmt durch das Verh‰ltnis von neu gesetztem Gegenw‰rtigem und ¸berliefertem Altem. Er nennt einen K¸nstler ´antiquorum diligentissimus imitator, modernorum nobilissimum institutorª (eifrigster Nachahmer der Alten, edelster Begr¸nder der Neue- ren). 35 Beda hat mehr den Unterschied zu antiken Vorbildern im

Sinn, wenn er von ´moderni versificatoresª (neueren Verseschmie- den) spricht. 36 F¸r Ernst Robert Curtius ist das Adjektiv ´eine gl¸ck- liche Neubildungª, und er schreibt: ´Das Wort ãmodernõ (das mit ãModeõ nichts zu tun hat) ist eines der letzten Verm‰chtnisse sp‰t- antiker Sprache an die neuere Welt.ª 37 Jetzt wurde es mˆglich, den spezifischen Gehalt der eigenen Jetztzeit auszuzeichnen, und das Hochmittelalter, voll von ideologischen K‰mpfen und Traditions- wandlungen, machte davon besonders seit der Zeit der Universi- t‰tsgr¸ndungen reichlich Gebrauch. ´Den Gegensatz zwischen ãmodernerõ Gegenwart und heidnisch-christlichem Altertum hat kein Jahrhundert so stark empfunden wie das zwˆlfte.ª 38 In der Logik wurden die Realisten als ´antiquiª den Nominalisten als ´moderniª entgegengesetzt, sp‰ter die moderne ´neue Logikª (lo- gica nova), die an Aristoteles ankn¸pfte, der ´alten Logikª, die sich traditionsgem‰fl auf Boethius st¸tzte. 39 Am Ende des Mittelalters erhob sich als neue Form der Religiosit‰t die ´devotio modernaª gegen die ´devotio antiquaª. Neu und modern oder alt und traditionell tauchen also zur Cha- rakterisierung von philosophischen, literarischen oder k¸nstleri- schen Richtungen in Umbruch- und ‹bergangszeiten seit dem Ausgang der Antike mit wechselnden Inhalten auf. Was in der ei- nen Zeit ´modernª ist, kann in der anderen ´altª sein und umge- kehrt. Zeitbestimmungen ver‰ndern eben mit dem Fortgang der Zeit ihren Stellenwert. Der emphatische Sinn von Modernit‰t, der diese an vern¸nftige Begr¸ndung gegen Hinnahme von Traditio- nen, an Fortschritt zum Besseren gegen Bewahren von Unvoll- kommenem, an Mˆglichkeitsperspektiven gegen Wirklichkeitsin- sistenz, an Zukunft gegen Vergangenheit bindet, ist erst in der Aufkl‰rung hervorgetreten. In der durch einen Vortrag von Per- rault am 27. Januar 1687 in der Academie francaise ausgelˆsten und etwa hundert Jahre andauernden Querelle des anciens et des mo- dernes werden die Formen und Inhalte der b¸rgerlichen Weltan- schauung unter dem Panier der Modernit‰t vorgetragen. 40 Von Fontenelle bis Condorcet reicht die Entwicklung eines geschichts- und kulturphilosophischen Programms, das die gesellschaftlichen Strukturen des aufsteigenden Kapitalismus unter dem Titel ´Mo- derneª theoretisch verarbeitete. Die Querelle hatte ihre Vorgeschichte. Schon 1539 hatte in Spa- nien Cristobal Villalon einen ´Geistvollen Vergleich zwischen den alten Zeiten und der Gegenwartª verˆffentlicht ñ ein Titel, der den

Programmschriften der Modernisten um 1700 aufs Haar gleicht. Charles Perrault nannte seine Streitschrift ´Parallelen zwischen den Alten und den Modernenª, Fontenelle die seine sogar noch zuge- spitzter ´Abweichungen der Alten von den Modernenª. Der Fort- schrittsgedanke war dieser Gegen¸berstellung inh‰rent, ein Ver- gleich ist sinnlos, die Gegenwart ist ¸ber die Vergangenheit hin- ausgegangen und steht auf ihren Schultern, also ist sie weiterge- kommen und hˆhergeklommen. Das von den Vertretern des Tra- ditionalismus gebrauchte Bild, es stehe ein Zwerg auf den Schul- tern eines Riesen, widerlegt dieses Argument nicht, die Moder- nisten machen die Quantit‰t des Zuwachses, die Traditionalisten die Qualit‰t der Substanz geltend. ´Die Alten haben alles erfunden (schreibt Fontenelle), bis zu einem Punkt, der ihre Parteig‰nger

triumphieren l‰flt; so hatten sie viel mehr Geist als wir: keineswegs,

Wenn man uns an ihren Platz gesetzt

h‰tte, so w¸rden wir erfunden haben; w‰ren sie an dem unseren, so h‰tten sie zu dem, was sie als erfunden vorfanden, Neues hinzu- gef¸gt; da gibt es kein grofles Mysterium.ª 41 Das Bewufltsein vom Fortschritt der neueren Zeit st¸tzt sich auf den Gang der Wissen- schaften; in ihnen geht keine Wahrheit verloren, und jede ist Aus- gangspunkt weiterer erg‰nzender und korrigierender Erkenntnis- se. ´Der Fortschritt bleibt den Wissenschaften verb¸rgt durch den best‰ndig erweiterten Gesichtskreis der Erfahrung.ª 42 Das gleiche liefle sich von der Technik und der auf sie gegr¸ndeten Zivilisation sagen. Leibniz hatte die Frage, ´ob die Welt an Vollkommenheit zun‰hmeª, aus metaphysischen Gr¸nden mit Ja beantwortet: ´Kˆn- nen wir etwa sagen, dafl die Welt mit Notwendigkeit an Vermˆ- gen zunimmt, weil die Seelen durch alles Vergangene beeinfluflt werden und es n‰mlich bei den Seelen, wie wir anderorts bewiesen

aber sie waren vor uns

haben, kein vollkommenes Vergessen gibt und obgleich wir uns nicht deutlich erinnern, alles, was wir jetzt perzipieren, doch aus Teilen besteht, in welche alle fr¸heren T‰tigkeiten einbezogen sind.

Wenn es nicht geschehen kann, dafl eine Vollkommenheit ge-

geben ist, die nicht vermehrt werden kˆnnte, so folgt daraus, dafl sich die Vollkommenheit des Weltalls immer vermehrt; so ist sie n‰mlich vollkommener, als wenn sie nicht vermehrt w¸rde.ª 43

Nur unter der Voraussetzung eines gesicherten Fortschritts ist das Neue dem Alten grunds‰tzlich vorzuziehen und also Moder- nit‰t ein Wert an sich. Das hat Leibniz deutlich gesehen: ´Wenn eine Substanz entweder unmittelbar oder mit dazwischen liegen-

) (

den R¸ckschritten an Vollkommenheit ins Unendliche fortschrei- tet, so ist es notwendig, dafl ihr jetzt ein grˆflerer Vollkommen- heitsgrad zugeschrieben werden kann, unter den sie im Folgenden niemals absteigen wird, und nachdem einige Zeit vergangen ist, ein anderer, der grˆfler ist als der vorhergehende.ª 44 Die Formulie- rung zeigt, wie wichtig die Quantifizierung f¸r das Argument ist ñ sozusagen eine metaphysische Vorstufe des ˆkonomischen Wachs- tumspostulats. Karl Marx hat in der Analyse des Akkumulations- prozesses des Kapitals die Unverzichtbarkeit des Wachstums f¸r das Funktionieren des Kapitalismus aufgezeigt und darauf hingewie- sen, dafl die Steigerung des Produktivit‰tsgrades der gesellschaftli- chen Arbeit, letztlich also des wissenschaftlich-technischen Fort- schritts (ohne des es eine Steigerung ¸ber die physiologischen Gren- zen der Leistungsf‰higkeit hinaus nicht g‰be), die Voraussetzung dieses ˆkonomischen Mechanismus ist: ´Mit der Produktivkraft der Arbeit w‰chst die Produktionsmasse, worin sich ein bestimmter Wert, also auch Mehrwert von gegebner Grˆfle darstellt. Bei gleich- bleibender und selbst bei fallender Rate des Mehrwerts, sofern sie

nur langsamer f‰llt, als die Produktivkraft der Arbeit steigt, w‰chst

die Masse des Mehrprodukts. ( Hat die Produktivkraft der Ar-

beit sich an der Geburtsst‰tte dieser Arbeitsmittel erweitert, und sie entwickelt sich fortw‰hrend mit dem ununterbrochenen Flufl der Wissenschaft und der Technik, so tritt wirkungsvollere und, ihren Leistungsumfang betrachtet, wohlfeilere Maschine, Werkzeug, Apparat usw. an die Stelle der alten. Das alte Kapital wird in einer produktiven Form reproduziert, abgesehen von der fortw‰hrenden

Detailver‰nderung an den vorhandenen Arbeitsmitteln. ( Gleich

vermehrter Ausbeutung des Naturreichtums durch blofl hˆhere Span- nung der Arbeitskraft bilden Wissenschaft und Technik eine von der gegebnen Grˆfle des funktionierenden Kapitals unabh‰ngige Po- tenz seiner Expansion.ª 45 Die rapide Zunahme an wissenschaftlichem Wissen und technischen F‰higkeiten seit Beginn der Neuzeit hat diesen Aspekt der Zeitlichkeit, die quantitative Steigerung des je- weilig gegenw‰rtigen Zivilisationsstandes gegen¸ber allen voraus- liegenden, vergangenen, zum erstenmal so eindr¸cklich hervor- treten lassen. Modernit‰t wurde, unabh‰ngig von ihren Inhalten, zum Wert an sich, Innovation zum Maflstab des Erfolgs, Origina- lit‰t zum qualifizierenden Unterscheidungsmerkmal. ´Modernª ist eine geschichtsphilosophische Kategorie des Kapitalismus.

)

)

Ambivalenz der Moderne

In jener Form, in der die Protagonisten der Querelle von Moder- nit‰t sprachen, mag es einen Sinn haben, dies ein ´Projektª zu nen- nen ñ also einen aus subjektiver Zielsetzung und Willensentschei- dung hervorgehenden Entwurf zur Gestaltung/Umgestaltung der Lebenswelt. Aber auch nur in diesem Sinn, der das Selbstverst‰nd- nis des aufsteigenden B¸rgertums betrifft. Sonst ist ´modernª einfach eine vom gegenw‰rtigen Standpunkt im Zeitstrom aus bestimmte Phase der Geschichte, und jede Jetztzeit ist ´modernª gegen¸ber ihren Antezedentien. Modernit‰t steht daher stets im Gegensatz zum Vorhergehen- den. Die Formalit‰t des blofl zeitlichen Klassifikationsprinzips reproduziert sich in der Identifikation der ´Moderneª mit dem Prinzip der Kritik. Kritische Theorie (ob solche der ´Frankfurter Schuleª oder des ´Kritischen Rationalismusª) versteht sich als mo- dern, weil sie sich gegen Bestehendes und ‹berliefertes durch Negation (oder Falsifikation) absetzt. Aber erst die Inhalte, die dem Kritisierten entgegengesetzt werden, bestimmen den Gehalt einer Theorie oder den Charakter einer Epoche. Die Reduktion des Prinzips Modernit‰t auf die formale Negativit‰t von Kritik an sich

ist bereits Ausdruck des Verfalls der b¸rgerlichen Ideologie, die sich bei dem Versuch, ihr Fortschreiten zu garantieren, ohne das Ande- re ihrer selbst (also den Sozialismus) zu projektieren, gegen ihr Gegenteil, den Konservativismus wehrlos macht. Die Haltung der Kritischen Theorie endet im Dekonstruktivismus, der die andere Gestalt der konstruierenden Subjektivit‰t ist. Es g‰lte also zu differenzieren. Ernst Bloch hat darauf hingewie- sen: ´Das ist bezeichnend f¸r das ganze aufsteigende kapitalistische Wesen: zwar progressiv, doch allemal auch d¸ster-progressiv zu sein.

Auch der sinkende Imperialismus arbeitet streckenweise noch

) (

mit pervertiertem Fortschritt.ª 46 Fortschritt an einer Teilfront des Gesellschaftsprozesses, zum Beispiel der technisch-zivilisatorischen, darf nicht zum Fortschritt schlechthin hypostasiert werden, obwohl er davon untrennbar sein mag. Und insofern Modernismus ja ge- rade als ein Kultur ph‰nomen auftritt, kann es kulturellen R¸ck- stand, ja R¸ckschritt bei wissenschaftlich-technischem Fortschritt geben: ´So eng auch der materielle Zusammenhang zwischen der bestimmenden Basis und dem durch sie bestimmten, auf sie wieder

zur¸ckwirkenden ‹berbau ist: der Fortschritt in beiden geschieht offenbar nicht notwendig in gleicher Art, in gleichem Tempo und

sodafl das Fortschrittswesen eben

in den Produktivkr‰ften einerseits, im kulturellen ‹berbau anderer- seits sehr verschieden laufen kann.ª 47 Marx hat das ´die ungleich- m‰flige Entwicklungª genannt: ´Die kapitalistische Produktion (sagt er in den Theorien ¸ber den Mehrwert) ist gewissen geistigen Produktionszweigen, wie der Kunst und der Poesie feindlich.ª So sind der Avantgardismus in der Kunst, die rebellische Kritik in der Philosophie mitnichten ein untr¸gerisches Zeichen des geistigen, gar gesellschaftlichen Fortschritts 48 , sie kˆnnen sehr wohl ein ‹ber-

bauph‰nomen und Ausdruck einer bereits untergehenden Gesell- schaft sein, deren kritisches oder antizipierendes Potential nicht ohne weiteres und ´von selbstª ¸ber sich hinausweist, sondern erst von einer neuen Gesellschaft unter ver‰nderten Bedingungen an- geeignet werden kˆnnte. Die negative Seite der b¸rgerlich-demokratischen Traditionen (allerdings einseitig nur sie allein) hat Herbert Marcuse immer wieder unter dem Stichwort ´affirmativer Charakter der Kulturª hervorgehoben; sie tr¸ge dazu bei, das kapitalistische System mit allen seinen M‰ngeln zu stabilisieren. So schrieb Marcuse schon 1937: ´Unter affirmativer Kultur sei jene der b¸rgerlichen Epoche angehˆrige Kultur verstanden, welche im Laufe ihrer eigenen Entwicklung dazu gef¸hrt hat, die

geistig-seelische Welt als ein selbst‰ndiges Wertreich von der Zivi-

lisation abzulˆsen und ¸ber sie zu erhˆhen. (

Grundz¸gen idealistisch. Auf die Not des isolierten Individuums antwortet sie mit der allgemeinen Menschlichkeit, auf das leibliche Elend mit der Schˆnheit der Seele, auf die ‰uflere Knechtschaft mit der inneren Freiheit, auf den brutalen Egoismus mit dem Tu- gendreich der Pflicht.ª 49 Das ist eine Dialektik, die nicht zul‰flt, die Moderne als das Positive an dem geschichtlichen Zustand zu begreifen, in dem wir uns befinden. Der Kapitalismus mufl um der Notwendigkeit der Kapitalakkumulation willen zerstˆren, was er vorfindet, ja was er selbst geschaffen hat, um f¸r Neues Platz zu bereiten. Er mufl Modernit‰t in einer immer schnelleren Abfolge von Moden suchen, er mufl die Kontinuit‰t der Kultur durch die Diskontinuit‰t der Innovationen ersetzen. Antonio Gramsci hat mit Worten, die genau unser Thema betreffen, auf die Gefahr hin- gewiesen, die in einem ´romantischen Konzept des Innovatorsª

) Sie ist in ihren

vor allem mit gleichem Rang, (

),

liegt: ´Innovator ist, wer alles Existierende zerstˆren will, ohne sich

darum zu k¸mmern, was dann kommen wird. (

rung ist Schˆpfung.ª 50 Genau diesen nihilistischen Gestus hat die Ideologie der Modernit‰t seit etwa hundert Jahren angenommen und mehr und mehr ausgebildet, Stirner und Nietzsche sind die ersten und Leitmotive setzenden Vorl‰ufer dieser Ideologie, die im

20. Jahrhundert dominant wird. 51 So verf‰llt der Modernismus sei- nem eigenen Gesetz, wenn er durch pr‰tendiert antimodernistische Strˆmungen abgelˆst wird (die ja nur eine Variante von Moderni- t‰t sind). So erweist sich der Antimodernismus selbst als eine Art Modernismus, so wie dieser ja schon vor der R¸ckwendung zu konservativen, ja faschistoiden Weltanschauungselementen sich dem Irrationalismus geˆffnet hatte. Wie der b¸rgerliche Libera- lismus in der ÷konomie in sein Gegenteil, die Herrschaft der Monopole umschl‰gt, so die Aufkl‰rung in die instrumentelle Vernunft der Technokraten, die Gerichtetheit des Fortschritts in die Ziellosigkeit der modischen Innovationen. Die Formalit‰t der b¸rgerlichen Freiheit, die sozusagen die Essenz der Moderne war, produziert (wie ein Lehrbuchfall der Hegelschen Dialektik) ihr Ge-

genteil. Erstaunlich ist nur die Verbl¸ffung von Habermas, der doch mit der Dialektik vertraut ist, ´dafl Argumente, deren F‰hrte zu

den intellektuellen Wurzelndes Naziregimes zur¸ckf¸hrte ( heu-

te zur Alimentierung der schlechthin staatstragenden politischen Theorie verwendet werden sollen.ª 52

) Jede Zerstˆ-

)

Stufen der Antizipation

Die Gesellschaft folgt ihren eigenen Gesetzen, die sich oft hinter dem R¸cken der Individuen durchsetzen. Die Gleichsetzung von Modernit‰t, Fortschrittlichkeit und Avantgardismus, die die Ideo- logie des 20. Jahrhunderts beherrschte, macht Unterscheidungen nˆtig. Nicht jedes antizipierende Bewufltsein ist avantgardistisch. Antizipation ist utopisch, solange die Vermittlungsschritte zwischen Wirklichkeit und zuk¸nftiger Mˆglichkeit noch nicht aus zurei- chenden Gr¸nden konstruiert werden kˆnnen. Antizipation ist realistisch , insoweit sie dahin strebt, das zu verwirklichen, was in der Gegenwart schon reif ist und von der ˆffentlichen Meinung akzeptiert werden kann. Antizipation ist avantgardistisch , wenn sie Bilder, Zeichen, Problemlˆsungen setzt oder vor-stellt, die zu ihrer Zeit (als deren verborgene oder implizite Bedeutung) zu denken

oder vorzustellen schon mˆglich ist, aber nur als eine ideologische Reflexion der inneren Widerspr¸che, wie sie von den Tr‰gern der einen Seite des Widerspruchs, eben den auf Ver‰nderung dr‰n- genden ausgedr¸ckt werden. Bringt die Avantgarde, wenn auch notwendigerweise in ideolo- gischer Form, den impliziten Widerspruch zwischen den verborge- nen Strukturen einer Periode und deren ‰uflerer Erscheinung zu Bewufltsein, indem sie diese verborgenen Strukturen vor Augen stellt, so bezieht sie in diesem Widerspruch Front auf einer der bei- den Seiten, n‰mlich auf der des Fortschritts, aber sie vermag dies nur um den Preis der Isolation von den Massen, die ja gerade die verborgenen Bedeutungen nicht durchschauen, sondern erst im Laufe der Erfahrungen des politischen Kampfes um ihre Interessen erkennen und zugleich als Bedeutungen produzieren. Vor dieser politischen Verwirklichung des geschichtlich Mˆglichen, die immer von den blofl ausgedachten Mˆglichkeiten verschieden sein wird, bleiben avantgardistische Entw¸rfe darum stets ein idealistisches Konstrukt von mehr oder weniger subjektivem Charakter. 53 Der Widerspruch, der in den Werken der Avantgarde selbst als deren Form zutage tritt, ist ein streng logischer. In streng logischem Sinn besteht ein Widerspruch zwischen zwei und nur zwei Glie- dern einer Beziehung ñ auf eine Formel gebracht: zwischen A und Nicht-A. Dafl die Widerspr¸che in der Klassengesellschaft sich auf zwei und nur zwei entgegengesetzte Glieder einer von diesen ge- bildeten Totalit‰t reduzieren, ist ein Charakteristikum der kapita- listischen Produktionsverh‰ltnisse, wie Marx gezeigt hat. Der Auf- stieg der Bourgeoisie bringt deren Gegenteil, das Proletariat, hervor; und der Aufstieg des Proletariats f¸hrt mit dem Fall der Bourgeoi- sie zugleich seine eigene Aufhebung als Proletariat herbei. Folglich sind Aufstieg und Fall des Kapitalismus eine und dieselbe identi- sche geschichtliche Bewegung. Erst mit dem Kapitalismus kˆnnen folglich auf dem Boden der herrschenden Klasse selbst (und nicht als Kampfansage an sie) die Formen entstehen, die zugleich ihren Untergang antizipieren. Typische Avantgardeph‰nomene der Moderne, in denen die orga- nisierte oder auch private Opposition gegen die herrschenden Schichten und ihren Lebensstil sich ausdr¸ckte ñ Sezessionen, das Èpater le bourgeois , die BohËme und ihre Attit¸den, die Tendenz zum Schock, der Abschlufl in sektiererischen Zirkeln, die Aufspaltung in Fraktionen und deren h‰ufige Regruppierung ñ treten erst seit

der zweiten H‰lfte des 19. Jahrhunderts auf, dann aber sind sie sym- ptomatisch und h‰ufen sich. Waren Giotto und Brunelleschi Rea- listen eines aufstrebenden st‰dtischen Fr¸hb¸rgertums, das die Repr‰sentationsformen des Feudalismus ablehnte und sich mit sei- nen K¸nstlern einig wuflte, so f¸hren Mondrian und Kandinsky, Pollock und Rothko, Max Ernst und Otto Dix, Picasso und LÈger (oder wen man nennen mag) die Ausdrucksweisen der b¸rgerli- chen Kultur bis zu dem Punkte fort, wo sie in ihre Selbstaufhe- bung umschlagen. Da aber, wo dieser Umschlagpunkt ¸berschrit- ten wird, wo also mit den Mitteln der b¸rgerlichen Kunst oder Ideologie deren Selbstaufhebung vollzogen ist, hˆren auch Kunst und Philosophie dieser Gesellschaftsformation auf: Sie manifestie- ren das Ende der Gesellschaft, indem sie sich selbst ins Nichtige auflˆsen. 54 Dann hˆrt die Avantgarde auf, der Tr‰ger des Fortschritts zu sein, sie hˆrt auf, sie selbst zu sein und wird schlechte Legitima- tion der prinzipiellen Kulturfeindlichkeit des Kapitalismus. Das Aufgehen der Moderne in der Postmoderne markiert diesen Um- schlagpunkt. So repr‰sentiert die Avantgarde die Dialektik der b¸r- gerlichen Gesellschaft, sie tr‰gt diese Dialektik an sich selbst aus. Der Antimodernismus, dem sie zum Opfer f‰llt, ist das Produkt ihrer Selbst-Negation, wenn sie aufhˆrt, auf der Seite des politi- schen Fortschritts, der gesellschaftlichen Ver‰nderungen zu stehen. Modernit‰t ist kein Prinzip, sondern ein Relationsbegriff; dieser Begriff f¸llt sich nur mit Inhalt, wenn man das Ziel kennt und be- nennt, auf das hin die jeweils zur Vergangenheit werdende Gegen- wart ¸berschritten werden soll. Nur wer dieses Ziel begr¸nden und die Wege zu seiner Verwirklichung umreiflen kann 55 , ist Avant- garde nicht nur im kritischen Bewufltsein, sondern in der vorders- ten Front der gestaltenden Tat.

Anmerkungen

1 Georg Lukacs, Die Zerstˆrung der Vernunft, Werke Band 9, Darm- stadt und Neuwied 1974 (l. Auflage Berlin 1954). Vorarbeiten dazu:

Wie ist die faschistische Philosophie in Deutschland entstanden (1933), Budapest 1982; Wie ist Deutschland zum Zentrum der reaktion‰ren Ideologie geworden (1941/2), Budapest 1982. ñ Von den sp‰teren Auseinandersetzungen marxistischer Theoretiker mit dem b¸rgerlichen Irrationalismus sei die von Manfred Buhr herausgegebe- ne Reihe Zur Kritik der b¸rgerlichen Ideologie genannt. Ferner:

Andras Gedˆ, Philosophie der Krise, Berlin 1978. ñ Georg Klaus,

Jesuiten, Gott, Materie, Berlin 1957. ñ Die Beitr‰ge zur Kritik der b¸rgerlichen Philosophie, herausgegeben von Ralf Bauermann, Hans- Martin Gerlach u.a., Martin-Luther-Universit‰t Halle. ñ Hans Heinz Holz, Die abenteuerliche Rebellion, Darmstadt und Neuwied 1976. ñ Wolfgang Heise, Aufbruch in die Illusion, Berlin 1964.

2

Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufkl‰rung, Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784, S. 481. 3 Friedrich Nietzsche, Werke, ed. Karl Schlechta, M¸nchen 1957, Band II, S. 1158 und Band III, S. 541.

4

Ebd., Band III, S. 856 und 854.

5

Vgl. Hans Heinz Holz, Die abenteuerliche Rebellion, a.a.O., S. 31 ff.- Ders., Aspekte einer marxistischen Nietzsche-Kritik, in: Bruder Nietzsche? Schriften der Marx-Engels-Stiftung, Band 7, D¸sseldorf 1988, S. 78 ff.

6

J¸rgen Manthey (Hg.), Literaturmagazin Nr. 9: Der neue Irrationalis- mus, Reinbek bei Hamburg 1978.

7

Vgl. Andras Gedˆ, Philosophie der Krise, a.a.O.

8

Bernhard Lypp, ‹ber drei verschiedene Arten, Geschichte zu schreiben, in J¸rgen Manthey (Hg.), Literaturmagazin Nr. 12:

Nietzsche, Reinbek bei Hamburg, 1980, S. 287 ff.

9

Georg Lukacs, Der historische Roman, Berlin 1955. ñ Walter Markov in: Festschrift Georg Lukacs zum 70. Geburtstag, Berlin 1955, S. 142ff. ñ Hans Heinz Holz, ebd., S. 88 ff.

10

Friedrich Kittler, Wie man abschafft, wovon man spricht, Literatur- magazin Nr. 12, a.a.O., S. 153 ff.

11

J¸rgen Manthey, ebd., S. 11 ff.

12

Hugo Dittberner, t‰nzelnd und bˆse, ebd., S. 24 ff.

13

Helmut Pfotenhauer, Mythos, Natur und historische Hermeneutik, ebd., S. 329

14

Karl-Heinz Bohrer, Der Irrtum des Don Quijote, ebd., S. 57 ff.

15

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, S. 508, Frankfurt am Main 1977

16

Wilhelm Nestle, Vom Mythos zum Logos, Stuttgart 1975.

17

Thomas Hobbes, Leviathan, mit einer Einf¸hrung hg. von Hermann Klenner, Hamburg 1996. ñ Siehe auch Hermann Klenner, Das wohlverstandene Interesse, Kˆln 1998, S. 9 ff.

18

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Riga 1785, S. 52.

19

Ernst Bloch, Zweierlei Kant-Gedenkjahre, in Gesamtausgabe Band 10, Philosophische Aufs‰tze, Frankfurt am Main 1969, S. 458.

20

Vgl. Hans Heinz Holz, Leibniz und das commune bonum, Sitzungs- berichte der Leibniz-Soziet‰t, Band 13, Berlin 1996, S. 5 ff.

21

Zum Hegemoniebegriff siehe Antonio Gramsci, Quaderni del carcere, Turin 1975, Stichwort egemonia , Index (Band IV), S. 3191.

22

Vgl. dazu Erich Hahn, Reichweite und Grenze des Marxschen Ideologiekonzepts, in TOPOS 13/14, Bielefeld 1999, S. 197 ff.

23

Vgl. Hans Heinz Holz, Einheit und Widerspruch. Problemgeschichte der Dialektik in der Neuzeit, Stuttgart 1997/98, 3 B‰nde.

24 Vgl. Hans Heinz Holz, Wider den neuen Irrationalismus, Festschrift Walter Hollitscher zum 70. Geburtstag: Pl‰doyers f¸r einen wissen- schaftlichen Humanismus, hg. von Joseph Schleifstein und Ernst Wimmer, Frankfurt am Main 1981, S. 19 ff.

25 Vgl. Hans Heinz Holz, Eranos ñ eine moderne Pseudo-Gnosis, in Jakob Taubes (Hg.), Gnosis und Politik, Paderborn und M¸nchen 1984, S. 249 ff.

26 Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte, M¸nchen 1992. ñ Vgl. auch Vilem Flusser, Jung oder neu? Neue Z¸rcher Zeitung , 8./9. August

1981, Nr. 181, S. 32: ´In der westlichen Welt beginnt das geschichtli-

che Bewufltsein einer neuen Bewufltseinsform zu weichen. ( Es ist

)

eine Dephasierung von Gesellschaftsformen, Denkarten, Bewuflt- seinsniveaus.ª

27 Fukuyama betrachtet den Menschen in der ´liberalen Demokratieª, das heiflt in der kapitalistischen Gesellschaft, als den ´letzten Men- schenª ñ ein Stichwort aus Nietzsches Zarathustra aufgreifend. Nietzsche hat allerdings dabei gewifl nicht an jenen Typus des stillgestellten, selbstzufriedenen Spieflb¸rgers gedacht, den Fukuyama beschreibt ñ einen Menschen, der keine Deutungen von Lebenssinn mehr sucht.

28 Francis Fukuyama, The Great Disruption. Human Nature and the Reconstitution of Social Order, New York 1999.

29 Francis Fukuyama in Der Spiegel , Nr. 15/1992, S. 256.

30 Vgl. Hans Heinz Holz, Einheit und Widerspruch, a.a.O., Band II, S. 15 ff. und S. 76 ff.

31 J¸rgen Habermas, Nachmetaphysisches Denken, Frankfurt am Main 1988, S. 11 ff.

32 J¸rgen Habermas (Hg.), Stichworte zur geistigen Situation der Zeit, Frankfurt am Main 1979.

33 J¸rgen Habermas, ebd., S. 7 ff.

34 Ebd., S. 19 und 34.

35 Cassiodorus, Variae IV, 51.

36 Beda Venerabilis, De orthographia 232, 21.

37 Ernst Robert Curtius, Europ‰ische Literatur und lateinisches Mittel- alter, Bern und M¸nchen 1948, S. 259.

38 Ebd., S. 260.

39 Vgl. Carl Prantl, Geschichte der Logik im Abendlande, Band II, Darmstadt 1953, S. 79 ff., S. 117 und ˆfter.

40 Siehe Werner Krauss, Der Streit der Altertumsfreunde mit den Anh‰ngern der Moderne und die Entstehung des geschichtlichen Weltbilds, in: Essays zur franzˆsischen Literatur, Berlin und Weimar 1968, S. 130 ff.

41 Werner Krauss (Hg.), Fontenelle und die Aufkl‰rung, M¸nchen 1969, S. 199

42 Werner Krauss, Essays zur franzˆsischen Literatur, a.a.O., S. 165.

43 Gottfried Wilhelm Leibniz, Kleine Schriften zur Metaphysik, hg. und ¸bers. von Hans Heinz Holz, Darmstadt und Frankfurt am Main 1965, S. 370 ff.

44

Ebd.

45 Karl Marx, Das Kapital I, MEW Band 23, Berlin 1962, S. 631 f.

46 Ernst Bloch, Differenzierungen im Begriff Fortschritt, Berlin 1956, S. 8. Der Wiederabdruck in Band 13 der Gesamtausgabe, Frankfurt am Main 1970, S. 118 ff, ist um wichtige Partien verk¸rzt.

47 Ebd., S. 14.

48 Vgl. hierzu Hans Platschek, Die beiden Avantgarden, in Hans Heinz Holz (Hg.), Kunst in der Zeit, Z¸rich 1969, S. 223 ff. ñ Hans Heinz Holz, Philosophische Theorie der bildenden K¸nste, Band III, Bielefeld 1997, S. 113 ff.

49 Herbert Marcuse, Kultur und Gesellschaft 1, Frankfurt am Main 1965, S. 63 und 66.

50 Antonio Gramsci, Quaderni del carcere, a.a.O., S. 1726.

51 Vgl. Hans Heinz Holz, Die abenteuerliche Rebellion, a.a.O., Teil I und II.

52 J¸rgen Habermas, Stichworte, a.a.O., S. 20.

53 Wir sprechen hier von der Avantgarde im Bereich des kulturellen ‹berbaus. Zur politischen Avantgarde vgl. Hans Heinz Holz, Kommunisten heute, Essen 1995, S. 69 ff.

54 Siehe hierzu Hans Heinz Holz, Philosophische Theorie der Bilden- den K¸nste, Band III: Der Zerfall der Bedeutungen, a.a.0.

55 Die neue Gesellschaft ist, logisch gesprochen, die ´bestimmte Negationª der alten. Vgl. dazu Hans Heinz Holz, Sozialismus statt Barbarei, Essen 1999. ñ Ders., Niederlage und Zukunft des Sozialis- mus, Essen 1991.

Hartmut Krauss

Das umstrittene Subjekt der ´Post-Moderneª

I. Kritische Anmerkungen zum postmodernen Denken

Nachdem der Schlachtenl‰rm der ´Postmoderne-Diskussionª all- m‰hlich verhallt ist und die sich abk¸hlenden Gem¸ter zunehmend von der profanen Krisenwirklichkeit bzw. ´neuen Widerspr¸ch- lichkeitª des ´postrealsozialistischenª Kapitalismus eingeholt wer- den, stellt sich nunmehr die Frage nach den geistig-intellektuellen Konsequenzen:

Ist an die Stelle falscher Gewiflheiten und unhinterfragter dis- kursiver Schemata ein ´gel‰utertesª Welt- und Selbstverst‰ndnis, befreit zum unentscheidbaren ´Widerstreitª und zur grenzenlosen ´Vielheitsakzeptanzª, getreten? Oder aber schmerzt angesichts der verh‰rteten aporetischen Struktur der Sp‰tmoderne das durch die dekonstruktivistische Selbstverst¸mmelung erzeugte theoretisch- begriffliche Vakuum wie eine offene Wunde? Gerade wenn man die Not-Wendigkeit zur Katharsis kritischen Denkens erkannt hat, sind die verzweigten Sackgassen, Regressio- nen und Zerrbilder, die im Kontext des postmodernen Zeitgeistes ausgewuchert sind, als vielschichtige Barrieren in Rechnung zu stel- len, ohne damit aber das ´Unbehagenª, das dem postmodernen Denken als Impuls zugrunde liegt, in seiner Berechtigung anzu- zweifeln. Das, was unter dem Sammelbegriff ´Postmoderneª bzw. ´post- modernes Denkenª firmiert, ist ann‰herungsweise als geistig-kul- turelle Strˆmung bzw. als Artikulation einer weltanschaulichen ´Stimmungslageª zu fassen, die ihr Unbehagen ausdr¸ckt gegen- ¸ber den klassischen Leitvorstellungen der Aufkl‰rung bzw. der neuzeitlich-abendl‰ndischen Rationalit‰t. Entsprechend gelten Wahrheit, Vernunft, Identit‰t, Fortschritt, Emanzipation etc. als ideelle Orientierungsmarken sowie die sich darauf beziehenden ´groflen Erz‰hlungenª als unrettbar gescheitert und diskreditiert. Insbesondere die hier federf¸hrende franzˆsische Gegenwartsphi-

losophie richtet ihren ´dekonstruktivistischenª Affekt gegen s‰mt- liche Denkfiguren, in denen ´das Allgemeineª, ´das Universelleª oder ´die Identit‰tª eine (vermeintlich) konstitutive Rolle spielt. ´So wittert man im Begriff der Entfremdung ñ in der Rede von einer verlorenen/wiederzufindenden Identit‰t des Subjekts oder von einer zerstˆrten/wiederherzustellenden Ganzheit am Ende der Geschichte ñ in philosophischer Hinsicht eine theologische Sack- gasse und das Steckenbleiben in der Metaphysik, in politischer Hinsicht eine totalit‰re Falle der Nivellierung von Besonderheit und der Auslˆschung von Individualit‰t. Dialektik wird dabei mit der Idee einer gewaltsamen, erpreflten Versˆhnung assoziiert und im ¸brigen immer in ihrer hegelschen Gestalt verstandenª 1 . Im Kern handelt es sich beim so oder ‰hnlich gewirkten main- stream des ´postmodernen Denkensª um eine ideologische Reaktion auf die b¸rgerlich-kapitalistische Selbstnegation der ´Moderneª. Auf die selbstbespiegelnden Illusionen der kapitalistisch verformten ´Mo- derneª antworten die ´Postmodernenª mit spiegelverkehrten Trug- bildern und begrifflichen Popanzen.

1. So ist die b¸rgerlich-kapitalistisch dominierte Moderne des 20. Jahrhunderts ñ im Gegensatz zum reduktionistischen Grunddis- kurs des ´Postmodernismusª ñ nicht als ´linearerª Ausflufl von Totalit‰tsdenken, Aufkl‰rung, Vernunft und Emanzipation zu be- greifen. Hervorstechendes Merkmal ist vielmehr die fatale Synthese von instrumenteller (profit- und herrschaftslogisch zugerichteter) Vernunft, antichristlichem Irrationalismus und/oder religiˆsem Fundamentalismus . Hochr¸stung, kriegerischer Nationalismus, Rassenwahn, b¸rokra- tisch geplanter und verwalteter Massenmord, perfektionierter Hightech-Terrorismus etc. sind Ausdrucksformen dieser antihu- manen Legierung. In der Tat hat der Faschismus das Geheimnis des etablierten und ´enthumanisiertenª Kapitalismus ausgeplaudert:

Die ´arbeitsteiligeª Vereinbarkeit von Kapitallogik, irrationalisti- scher Herrschaftskultur und Desavouierung der b¸rgerlichen ´Gr¸nderidealeª im Interesse der Perfektionierung/Optimierung der antagonistischen Zivilisation. Das Denken der Postmoderne ´entdialektisiertª/´entwider- spr¸chlichtª die historische Etablierung der ´modernenª b¸rger- lich-kapitalistischen Gesellschaftsformation und konfundiert vor diesem linearisierten Hintergrund b¸rgerliche Aufstiegsideologie, kapitalistische Legitimationsideologie und sozialistische Emanzi-

pationsideologie (ganz zu schweigen von der Reflexion unter- schiedlicher Marxismen) zu einem als ´prinzipiell gleichfˆrmigª unterstellten ´modernen Denkenª. Sein kognitiver Modus ist die spektakul‰r vorgetragene einfache Verkehrung des Negierten in sein

blankes Gegenteil: Differenz statt Universalit‰t; Dissens statt Kon- sens; Subjektdef‰tismus statt Subjekttriumphalismus; absolute Be- deutungskontingenz statt absoluter Wahrheit etc. Zudem weist das postmoderne Denken zwei fundamentale Ausblendungen auf:

Zum einen ¸bersieht es die intensive Verflechtung der technisch- industriekapitalistischen und b¸rokratischen ´Moderneª mit der kulturellen ´Pr‰-Moderneª (preuflisch-kriegerischer bzw. zaris- tisch-despotischer Traditionalismus), die das eigentliche Signum der Katastrophen des 20. Jahrhunderts darstellt. Zum anderen ist es hilflos wortkarg gegen¸ber dem erstarkenden Universalismus religiˆs-fundamentalistischer Bewegungen, die eine markant-ter- roristische Beharrungskraft pr‰moderner Herrschaftsverh‰ltnisse ausdr¸cken.

2. Wenn Lyotard behauptet: ´Die Sehnsucht nach der verlore-

nen Erz‰hlung ist f¸r den Groflteil der Menschen selbst verlorenª 2 , dann unterliegt er einem grandiosen Irrtum. Angesichts der ´neu- en Zerrissenheitª, ´Un¸bersichtlichkeitª und sozialen Gegens‰tz- lichkeit/Krisenhaftigkeit im postfordistischen Kapitalismus w‰chst vielmehr die Suche nach der Rekonstituierung von ganzheitlichem (Lebens-)Sinn. So kehren, wie Burger zutreffend festgestellt hat, ´die vielen groflen Erz‰hlungen gerade wieder, und zwar in ihrer primitivsten, narrativ konstruierten Form als Erz‰hlungen der na- tionalen, der ethnischen, ja der rassischen Identit‰ten. Das ist die unangenehme Wahrheit der post-postmodernen Pluralit‰t. Allen diesen Identit‰ten ist gemeinsam, dafl sie ¸ber die Pathetisierung von Differenzen laufen und dafl sie konstruierte Geschichten er- z‰hlen, welche abstrakte politische Gebilde und gesellschaftliche Strukturen k¸nstlich substantialisieren; dafl sie ¸ber Ausgrenzun- gen Gesellschaften in Gemeinschaften uminterpretieren.ª 3

3. Auch der ´Postmodernismusª, der Nietzsches Erbe angetre-

ten hat 4 , basiert letztlich auf einer ´falschen Erz‰hlungª: Er kapri- ziert sich auf Reversibles/´Zur¸cknehmbaresª in der realgeschicht- lichen Entwicklung der b¸rgerlich-kapitalistischen Gesellschaft (Aufkl‰rungsdenken; Emanzipationsversprechen; humanistische Orientierungen) und ignoriert das Irreversible, Wesentliche, Struk- turbestimmende der Moderne ñ die Logik der Kapitalverwertung

als durchwirkendes Prinzip. Nicht die ´Vernunft an sichª bildet n‰mlich nach dem ´Tod Gottesª das neue Integrationsmedium, sondern die entfesselte multiple Dynamik des ´sich selbst verwer- tenden Wertsª mit ihrer unwiderstehlichen (stummen) Pr‰gekraft f¸r das posttraditionelle Verhalten der Menschen. Zwar entsteht und verbleibt tats‰chlich ein geistiges Vakuum (´moderneª Sinn-

krise), aber dieses wird best‰ndig durch einen antiemanzipatorisch- ´gegenaufkl‰rerischenª Pluralismus (Koexistenz von b¸rgerlichen Ideologieformen, neuen und alten Irrationalismen) kompensato- risch ausgef¸llt. Aus dieser fundamentalen Ausblendung resultiert sowohl die ¸berzogene Mafllosigkeit und Beliebigkeit als auch der apologetische Effekt der ´postmodernen Ideologieª. Exemplarisch manifestiert sich dieses grundlegende Defizit in Lyotards linear- mechanistischer ´Ableitungª des ´Ph‰nomens Auschwitzª aus dem ´Aufkl‰rungsdenkenª: ´Mir scheint es tats‰chlich unmˆglich, so

so zu tun, als kˆnne eine Art Aufkl‰rungskon-

einfach fortgesetzt werden. Ich meine, dafl jede Philoso-

phie, die den Emanzipationsgedanken ohne Vorbehalte aufnimmt,

die Augen vor dem Wesentlichen verschlieflt: vor der Niederlage

Es handelt sich keineswegs darum, dafl Fort-

dieses Programms

zept

weiterzudenken

schritt nicht stattgefunden hat, sondern im Gegenteil, dafl die wis- senschaftlich-technische, k¸nstlerische, ˆkonomische und politi- sche Entwicklung die totalen Kriege, den Totalitarismus, das wach- sende Nord-S¸d-Gef‰lle, die Arbeitslosigkeit und die neue Armut, den kulturellen Abbau mit der Krise des Bildungssystems mˆglich gemacht hat. Brutal gesprochen mˆchte ich sagen, dafl ein Wort das Ende des modernen Vernunftideals ausdr¸ckt, das ist: Au- schwitz. 5

Hier treten nun folgende ´postmoderneª Irrt¸mer geb¸ndelt in Erscheinung:

a) Ins Auge sticht die Aufz‰hlung wesentlicher Krisen- und Ver-

fallserscheinungen der b¸rgerlich-kapitalistischen Formation bei gleichzeitiger vollst‰ndiger Ent-nennung der zugrundeliegenden kapitalismusspezifischen Verursachungs- und Vermittlungszusam- menh‰nge.

b) Anstatt den radikalen Bruch zwischen der b¸rgerlichen Auf-

kl‰rung in der antifeudal-revolution‰ren Aufstiegsphase und der instrumentalistischen ´Schleifungª dieses Konzepts durch die eta- blierte Bourgeoisie auch nur ansatzweise zu reflektieren, werden die Aufkl‰rung und das Vernunftideal pauschal und undifferenziert

diffamiert. So wird auch die Herauslˆsung der modernen Wissen- schaften aus dem Geh‰use der Profit- und Herrschaftslogik von vornherein verdr‰ngt.

c) Nicht der ´realgesellschaftlicheª Verrat der Emanzipationsin-

tention, sondern die Emanzipationsabsicht selbst wird als ´Verderb-

nisª denunziert. Auf diese Weise wird das Klasseninteresse der herr- schenden Bourgeoisie als deformierender Faktor ausgeblendet.

d) In verf‰lschender Weise wird schliefllich die funktionale Ein-

verleibung irrationalistischer Konzepte (Nationalismus, Rassismus, Faschismus, ´pr‰moderneª Glaubens- und Wertorientierungen) in die b¸rgerlich-kapitalistische Herrschaftsreproduktion ausgeklam- mert. Damit ger‰t aber die verheimlichte Seite des Postmodernis- mus ins Blickfeld: Die indirekte Verteidigung/Verharmlosung von Nietzsches ´leidenschaftlicherª blonder Bestie. In Abwandlung eines Satzes von Helvetius liefle sich n‰mlich folgende Grundposi- tion ins (´postmoderneª) Sprachspiel einbringen: Die Herrenmen- schen sind deshalb gegen die Vernunft, weil die Vernunft gegen sie ist.

Durch das ´postmoderneª Verschweigen ihrer kapitalistischen Wesenslogik und die undialektische (negativistische) Verteufelung ihrer ´Gr¸nderidealeª wird die b¸rgerliche ´Moderneª einerseits bis zur Unkenntlichkeit mystifiziert. Die pauschale Denunzierung der Vernunft als generatives Prinzip des Bˆsen und Zerstˆrerischen schlechthin verstellt zugleich aber auch die Mˆglichkeit zur begrei- fenden Erkenntnis der Wirklichkeit als alternativer Rationalit‰tsform . In die gleiche Richtung wirkt die abstrakt-negatorische Ersetzung der ´Ganzheitª durch ´Vielheitª. ´Mit grofler Geb‰rdeª, so Sabine Lang, greift die Postmoderne ´ins Reservoir von Geschichte, Dis- ziplinen und Kulturen, um dem vergˆtzten Plural Denkmale zu setzen. Aber in ihren H‰nden zerflieflt alles in das graue Eine: in eine Zelebrierung des Zuf‰lligen und Unberechenbaren.ª 6 Mit der Zur¸ckweisung von Vernunft (gleich welcher Form), Ganzheit- lichkeit, Fortschrittsidee und Wahrheit bleibt nur noch die ƒsthe- tisierung der Wirklichkeit. Methodisches Merkmal der ´Postmo- dernenª ist folglich der Verzicht auf inhaltliche Argumentation bzw. nachpr¸fbare Begr¸ndung und deren Ersetzung durch blofles Behaup- ten, ´Nahelegenª, ´Ausdr¸ckenª einer geistigen Stimmungslage, f¸r die Zustimmung organisiert werden soll. In ´postmodernenª Texten, so Burger, wird die Zustimmung nur noch ´angesonnenª:

´Der postistische Autor sondert Geschmacksurteile ab, denen er die Form der Theorie gibt.ª 7 Nicht nur die teils zynisch-offene, teils verklausulierte Diffa- mierung von Gesellschaftskritik in revolution‰r-humanistischer Perspektive bezeugt den apologetischen Grundcharakter des post- modernen Denkens. Auch das facettenreiche ´Ansinnenª einer Hal- tung der ´frˆhlich-akzeptierenden Ratlosigkeitª in Anbetracht des makrostrategischen Bankrotts der kapitalistischen Systemreproduk- tion offenbart diese systemdienliche Funktion. Folglich sind es, wie Gerhard Hauck zutreffend festgestellt hat, ´die Mittel- und Ober-

schichten in den Metropolen, diejenigen, deren Besitzstand trotz aller Stagnation nicht ernsthaft gef‰hrdet ist und die sich von einer ƒnderung des Status Quo durch politische Massenaktionen nur Negatives erwarten, bei denen die postmoderne Botschaft am ehes-

Hier trifft auch die These vom st‰ndigen

ten angekommen ist

Hin- und Herpendeln zwischen den Lebensformen noch eine gewisse Realit‰t, denn hier und nur hier herrscht tats‰chlich die Freiheit der Wahl zwischen einer Vielzahl der unterschiedlichsten Konsumstile.ª 8

In Anbetracht der ´postmodernenª Artikulationen des Zeitgeistes ist nachdr¸cklich daran zu erinnern, dafl die Marxsche Theorie in ihrem revolution‰r-humanistischen Impetus ein zugleich univer- salistisches und herrschaftskritisches Konzept darstellt, das auf die ‹berwindung der antagonistischen Zivilisation ausgerichtet ist und sich dabei ãsystematischõ auf die Dialektik von Allgemeinem, Be- sonderem und Einzelnem st¸tzt. In diametralem Gegensatz hierzu verleugnet und perhorresziert die ´postmoderneª Ideologie das All- gemeine bzw. die Totalit‰t und l‰flt nur das Besondere bzw. die Teile gelten. Hervorgekehrt wird ein ãFetischismus der Differenzõ. ´Man leugnet Universalit‰t in Form eines Universalit‰tsanspruchsª (Frank). Wenn Marx mit seinem kategorischen Imperativ dazu auffordert, ´alle Verh‰ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver‰chtli- ches Wesen istª 9 , dann gr¸ndet sich hierauf nicht nur eine Position der Kritik gegen¸ber dem imperialistisch-kolonialistischen Uni- versalit‰tsanspruch der b¸rgerlich-kapitalistischen Zivilisation, son- dern ebenso eine Kritik an ´pr‰modernenª, traditional-partikula- ristisch organisierten Herrschaftskulturen nichtabendl‰ndischer Provenienz. In dieser Perspektive gilt es, den ´antagonistischen

Kernª bzw. antihumanistischen Gehalt in unterschiedlichsten kul- turspezifischen Verkleidungsformen aufzusp¸ren, statt in kultur- relativistischer Ehrfurchtshaltung fremdartige Varianten der Herr- schaftsreproduktion im Sinne des ´Differenz-Kultsª zu mystifi- zieren. Der Marxsche revolution‰r-humanistische Imperativ ist folglich zum einen sowohl gegen den westlich-missionarischen (b¸rgerlich-kapitalistischen) Universalismus als auch gegen den herrschaftsverkl‰renden ´postmodernenª Kulturrelativismus und Differenz-Fetischismus zu richten 10 . Zum anderen markiert er mit dem impliziten Postulat der Einheit von (herrschafts-) kritischem Denken, parteilichem (humanistischem) Werten und eingreifen- der Praxis die ãintegrale Nahtstelleõ einer ganzheitlichen (nicht- utilitaristischen) ´kritischen Vernunftª, die einen alternativen Ra- tionalit‰tstyp verkˆrpert gegen¸ber dem instrumentellen Nutzen- kalk¸l der b¸rgerlich-kapitalistisch dominierten Moderne einerseits sowie der nihilistisch-def‰tistischen Beliebigkeit des ´postmoder- nenª Denkens andererseits. Als wesentliche Quintessenz gilt es demnach festzuhalten: Die unkritische Verabsolutierung der kulturellen Differenz, die zudem immer auch mit einem Bewertungsverdikt verschmolzen ist, so- wie der ostentative Subjektnihilismus bilden im postmodernen Denken eine ´argumentationslogischeª Einheit: Wenn man n‰m- lich die individuell-konkreten Menschen als bloflen passiven ´Ab- druckª bzw. als vollst‰ndig determinierte ´funktionale Erhaltungs- momenteª der ¸berlieferten/vorgefundenen Kulturen ansieht, dann vertr‰gt sich diese ´poststrukturalistischeª Setzung nat¸rlich nicht mit der Vorstellung von der Existenz vernunftbegabter (reflexi- ons-, distanzierungs- und entscheidungsf‰higer) sowie verantwor- tungs- und erneuerungskompetenter Wesen mit der Mˆglichkeit zu bewuflter Stellungnahme (Akzeptanz oder Ablehnung) gegen- ¸ber dem Tradierten. Das Subjekt (und damit die Geschichte) m¸ssen dann zwangsl‰ufig entsorgt werden.

II. Die ´postmoderneª Dekonstruktion des Subjekts

Der mit groflem Getˆse verk¸ndete ´Tod des Subjektsª oder gar der ´Tod des Menschenª war so ernst nat¸rlich nicht gemeint. Fou- cault beispielsweise hatte die ´postmarxistischeª Erkenntnis der Geschichtlichkeit der menschlichen Subjektivit‰tsformen dazu ver- leitet, den ´Tod des Menschenª zu diagnostizieren: ´Der Mensch

ist ein Erfahrungstier, er engagiert sich bis ins Unendliche in ei- nem Prozefl, der, indem er ein Feld von Objekten definiert, ihn zur selben Zeit ver‰ndert, ihn umformt, ihn transformiert und als Objekt transfiguriert. Als ich in einer konfusen, vereinfachenden und ein wenig prophetischen Weise vom ãTod des Menschenõ sprach, war es das, was ich sagen wollte; aber ich glaube den Grund nicht erreicht zu habenª 11 . Was aber als Grundmerkmal des ´Post- modernismusª ¸brigbleibt, ist nicht die ´Explosion des Subjektsª (Wellmer), sondern die ´Dekonstruktionª bzw. ´Dezentrierungª des Subjekts. Was ist darunter zu verstehen? Und vor allem: Wel- ches Subjekt ist gemeint? Der ´postmoderneª Subjekt-Begriff bleibt von einer b¸rgerli- chen Selbstt‰uschung gepr‰gt: In dem Mafle, wie sich der b¸rger- lich-kapitalistische Zivilisationstyp mit der Durchsetzung, Festi- gung und ´Fokussierungª der industriellen Produktionsweise aus- gestaltet und die kapitalistische Profitlogik die ihr funktionalen Sub- jektivit‰tsformen hervorbringt, offenbart sich der illusorische Cha- rakter der aufkl‰rerischen Subjekt- und Vernunftdiskurse in Bezug auf die neu entstehende Gesellschaftsformation. Indem aber das ´Subjekt der Aufkl‰rungª sich realhistorisch in das etablierte b¸rgerliche Herrschaftssubjekt verwandelt, findet zweierlei statt: Einerseits erfolgt der ‹bergang des aufgekl‰rt-antifeudalen B¸rgers zum pro- fitlogisch kalkulierenden ´freien Unternehmerª (der B¸rger mau- sert sich zum konkurrenzf‰higen Kapitalisten); andererseits wird aber die allgemeinmenschlich verkleidete ´Aufstiegsideologieª als legitimatorische Fassade ñ wenn auch in reduzierter und herrschafts- funktional abgeschw‰chter Form ñ aufrechterhalten. Es entsteht somit der Schein des aus dem Geist der Aufkl‰rung und dem Ver- nunftideal handelnden Kapitalisten. Das Nichtbegreifen dieser an- tinomischen Transformation f¸hrt den ´postmodernenª Subjekt- diskurs in eine Sackgasse: Er ´verbeifltª sich in das ´souver‰neª Subjekt der Aufkl‰rung (als phasenspezifisches Subjektmodell) und attackiert dessen unhaltbare triumphalistische und substanzonto- logische Anmaflung als egozentrischer, monolithischer, rationalis- tischer ´Weltmittelpunktª. Dabei entgeht ihm aber der ‹bergang zum ´pragmatischenª und ´gewitztenª Agenten der Kapitalverwer- tung, dessen Moralˆkonomie mit der Profitrate oszilliert und der sich, durch Nietzsche belehrt und frei von ´heroischen Illusionenª zum b¸rgerlichen Herrenmenschen formt. ´Wahrheitª, ´Vernunftª, ´Fortschrittª sind ihm lediglich Mittel zum Zweck, sich die Erde

und die Mitmenschen untertan zu machen. Das nietzscheanisch ´gegenaufgekl‰rteª sp‰tb¸rgerliche Herrschaftssubjekt mit seiner informellen (der ÷ffentlichkeit abgewandten) geistig-moralischen und affektiven Grundausstattung bleibt von der ´postmodernenª Dekonstruktion unangetastet. Damit wird aber auch der forma- tionstypische Widerspruch zwischen (profit- und herrschaftslogisch konzipiertem) wissenschaftlich-technischem Fortschritt und ´sitt- licherª (soziokultureller) Stagnation/Degeneration verfehlt.

Welsch hat nun die postmoderne Dekonstruktionsperspektive er- heblich relativiert. Er schreibt: ´Ich halte es f¸r einen Irrtum, dafl es darum gehe, f¸r oder gegen das Subjekt zu sein. Entscheidend ist vielmehr, f¸r oder gegen welches Subjekt man ist.ª 12 In seinen an- schlieflenden Ausf¸hrungen postuliert er dann aber lediglich einen neuen Subjekttypus, ohne in eine ernsthafte Auseinandersetzung mit vorliegenden subjektwissenschaftlichen Erkl‰rungsans‰tzen einzutreten. Ihm geht es offensichtlich um die Konstruktion eines neuen normativen Subjektmodells in abstrakter Abhebung von der klassisch-idealistischen Subjektauffassung der ´Bewufltseinsphi- losophieª. Wie nicht anders zu erwarten, wird dem identit‰ren, monolithischen, monadischen, individualistischen Subjekt der Aufkl‰rung Nietzsches ´Subjekt als Vielheitª entgegengesetzt:

´Scharf und milde, grob und fein, vertraut und seltsam, schmutzig und rein, der Narren und Weisen Stelldichein:

dies alles bin ich, will ich sein, Taube zugleich, Schlange und Schwein!ª 13

Unabh‰ngig von der schon fast unertr‰glichen ´Sterilisierungª Nietzsches zum Philosophen der ´simultanen Pluralit‰tª ist ¸berdies die Frage aufzuwerfen, ob hier nicht ein inad‰quater Begriff von Identit‰t als ´Ich-Starreª Pate steht. Das identit‰re (´rollendistan- teª) Subjekt w¸flte situationslogisch ñ zumindest in seiner ´erfah- rungsges‰ttigtenª allt‰glichen Lebensumwelt ñ sehr wohl zu un- terscheiden, wann und wem gegen¸ber es Taube, Schlange oder Schwein zu sein h‰tte. (Nietzsche wuflte es allemal.) Die F‰hig- keit, unterschiedliche Subjektpositionen ´sinnvollª zu vernetzen, 14 erfordert ñ im Gegensatz zu Welschs Auffassung ñ ein ´starkesª und kein ´schwachesª Subjekt; wobei es zudem unzutreffend ist,

das ´starkeª Subjekt per se als herrschaftlich (bˆse) und das ´schwa- cheª als gut anzusehen. ´Schwacheª Subjekte ñ eingesetzt in herr- schaftliche Positionen ñ kˆnnten z.B. schon aufgrund einer nied- rigeren Angstschwelle in komplexen Handlungssituationen sehr viel Unheil anrichten. Auch ist es dem willk¸rlichen Charakter der Konstruktion geschuldet, dem ´starkenª Subjekt die F‰higkeit der Perspektivenverschr‰nkung/Empathie und ´Vielheitsakzeptanzª abzusprechen und diese nur dem ´schwachenª Subjekt zuzuerken- nen. Die St‰rkung der kritischen (psychisch-ganzheitlichen) Widerstandsf‰higkeit des Subjekts wird von Welsch erst gar nicht thematisiert. Das kann aber auch nicht verwundern, wenn man seiner folgenden Aussage ein wenig Sinn abgewinnen will: ´Zur Subjektivit‰t des neuen Typs gehˆrte eine Kultur des blinden Flecksª 15 .

Als selektive Ankn¸pfung an den theoretischen Kanon des post- modernen Denkens pr‰sentiert sich der ´poststrukturalistische Femi- nismusª. Insbesondere in der amerikanischen Literatur, so v. Bey- me, sind die Parallelen zwischen Feminismus und Poststruktura- lismus hervorgehoben worden, wobei prim‰r drei verbindende Aspekte im Vordergrund zu stehen scheinen: a) die Annahme einer ´nondevelopmental historyª, d.h. einer ´nichtlinearenª, ´nichtde- terministischenª Entwicklung; b) die ´Dekonzentration des Tota- lit‰tsbegriffsª sowie c) eine ´relationaleª Konzeption der Subjekti- vit‰t. ´Allerdings wurden in diesen Syntheseversuchen vor allem ‹bereinstimmungen der beiden Ans‰tze gesucht und gefunden. Die Differenzen, die zwischen den frankophonen Strukturalisten und vielen Positionen des radikalen Feminismus bestehen, sind dabei unzul‰ssig verkleinert worden.ª 16 Auch Sabine Lang beur- teilt die aktuelle Allianz zwischen feministischen und postmoder- nen Entw¸rfen aus einer radikal skeptischen Perspektive: ´Die Postmoderne versteckt in ihrem weiten Gewand nicht nur einen problematischen ãPluralismusõ, der nationalistischen, antisemiti- schen und rassistischen Tendenzen Unterschlupf bietet, sondern auch eine Vielzahl frauenfeindlicher Posen Ein schlichter Blick in diverse Texte ihrer deutschen Vertreter reicht, um alle auch nur scheinbaren Identit‰ten zwischen dem feministischen Interesse an der Sprengung m‰nnlicher Vernunft und der postmodernen Ver- nunftkritik in Frage zu stellen.ª 17 Was fasziniert nun aber kritisch-intellektuelle Feministinnen am

´Poststrukturalismusª? Klaus v. Beyme weist darauf hin, dafl die Feministinnen zun‰chst eine ´Krˆteª zu schlucken hatten: die Phi- losophie Nietzsches. ´Erst als die feministischen Theoretikerinnen sich in Nietzsches Konzeption der Kunst und des Lebens als Ge- genpol einer rationalistischen Wissenschaft einarbeiteten, wurde ihnen der Zugang zum Nietzscheanismus der Nachmoderne er- leichtert.ª 18 Die englische Literaturwissenschaftlerin Chris Weedon wiederum abstrahiert in ihrem Buch ´Wissen und Erfahrung. Fe- ministische Praxis und poststrukturalistische Theorieª (1991) voll- st‰ndig vom nietzscheanischen Fundament des postmodernen Den-

kens. 19 Sie fordert eine Theorie, die a) die gesellschaftlichen Kon- stitutionsbedingungen des Patriarchats benennen kann, sowie b) zugleich in der Lage ist, ´das individuelle Bewufltsein theoretisch zu erfassen. Wir brauchen eine Theorie der Beziehung zwischen Sprache, Subjektivit‰t, Gesellschaftsordnung und Machtª 20 . Als theoretische Kernbestandteile des ´Poststrukturalismusª f¸hrt sie an: die strukturalistische Linguistik F. de Saussures und E. Benve- nistis; den ´Marxismusª in Gestalt der Ideologietheorie L. Althus- sers; die Psychoanalyse S. Freuds und J. Lacans; J. Derridas Theo- rie der ´differenceª und dessen Konzept der Dekonstruktion sowie insbesondere M. Foucaults Macht- und Diskurstheorie. Es kann in diesem Kontext nicht darum gehen, in eine systema- tische kritische Rekapitulation der angef¸hrten Theorien ´einzu- steigenª; wohl aber ist zu hinterfragen, ob man/frau vermittels der favorisierten Konzepte zu einer theoretischen Erfassung der Subjek- tivit‰t konkret-historisch bestimmter (weiblicher) Individuen ge- langen kann. Verbl¸ffend ist zun‰chst, dafl Weedon die subjektwissenschaft- lichen Ans‰tze innerhalb der marxistischen Theorieentwicklung g‰nzlich ignoriert und sich stattdessen gerade auf Althusser ver- steift, jenen Autor, der den gesellschaftlichen Reproduktionspro- zefl von den t‰tigen Menschen abtrennt, d.h. als ´eine eigenst‰ndi-

, auf die die Menschen keinen Einflufl habenª,

darstellt und den geschichtlichen Prozefl als eine ´Kraft ohne Sub-

ge Bewegung

jekt, eine objektive Kraft

von Anfang an von niemandemª 21

betrachtet. Damit leistet Althusser auf seine Weise das, was in der soziologischen Systemtheorie zum Programm erhoben wird: die ´Exklusion des Kompaktph‰nomens Mensch aus dem Sozialsys- tem Gesellschaftª. 22 Radikaler/totaler kann die ´Dekonstruktion des Subjektsª nicht mehr vollzogen werden. Was ist es nun, das

Weedon und die poststrukturalistischen Feministinnen umtreibt? Es ist das einheitliche, bewuflte, wissende, rationale, patriarchale Subjekt des Humanismus, also das b¸rgerliche Subjekt der Moder- ne bzw. der ´Aufstiegsphaseª. Dieses Subjektmodell, so Weedon, bestimme den dominanten Diskurs der englischen Literaturwis- senschaft, der in seinen Implikationen zutiefst konservativ und pa- triarchalisch sei. Er erhebe den Anspruch, sowohl das einzigartig Individuelle als auch das universell Menschliche anzusprechen, sei in Wirklichkeit aber geschlechtsblind und naturalisiere die Bedeu- tungen, Werte und Machtverh‰ltnisse des Patriarchats. Die ´De- konstruktionsabsichtª gegen¸ber diesem Subjektdiskurs ist berech- tigt und erfolgt bei Weedon eindeutig unter progressiv-emanzipa- torischen Vorzeichen. Unstrittig ist auch, dafl bereits Marx in seinen fr¸hen Schriften das souver‰ne, zentralistische, rationale Subjekt ´dezentrierteª. Ebenso unstrittig ist die Einsicht, dafl es ´eine vorgegebene, universelle Struktur der Subjektivit‰t, wie sie sowohl der Rationalismus als auch die Psychoanalyse annehmenª 23 , nicht gibt. Aber folgende grunds‰tzlichen Dissenspunkte sind m.E. ausgehend von einem kritisch-materialistischen Subjektverst‰nd- nis hervorzuheben:

1. Die Dekonstruktion der ´liberal-humanistischenª Subjekt- konzeption erfolgt in Form einer abstrakten Negation: Die Eigen- schaftsstruktur des kritisierten ´liberal-humanistischenª Subjekts wird ins Gegenteil verkehrt. Der inneren Einheitlichkeit und Widerspruchsfreihheit wird die prinzipielle Widerspr¸chlichkeit/ Uneinheitlichkeit und Fragilit‰t als ¸berhistorischer Grundzug der menschlichen Subjektivit‰t einfach entgegengesetzt. Es wird nicht gezeigt, durch welche konkret-historischen Widerspruchskonstellationen hindurch ´geronneneª Subjektformen wieder ´fl¸ssigª werden und wie das Subjekt den Formwandel vollzieht. Dabei wird zugleich die formationslogisch determinierte Funktionalit‰t bestimmter ´Charaktermerkmaleª des ´modernen Subjektsª verkannt. ´Ich- Eingeschlossenheitª, Verdr‰ngung von ´Schw‰cheª und kontras- tierende Hervorkehrung von ´St‰rkeª im formalen Verhalten, ´rationaleª B‰ndigung von emotionalen und affektiven ´Stˆrvari- ablenª etc. sind im Rahmen der allt‰glichen b¸rgerlich-kapitalisti- schen T‰tigkeitsstrukturen und Verkehrsformen funktionale (´not- wendigeª) Aspekte der subjektiven Handlungsf‰higkeit und kˆn- nen nicht einfach voluntaristisch konterkariert werden. Im Kern wird mit der ´Fragilit‰tstheseª nur ein ontologisches ´Gegenpos-

tulatª aufgestellt, das dann mit diversen theoretischen Versatzst¸- cken (z.B. biologistisch-sexualistische Konzeptionen des Unbewufl- ten) plausibilisiert wird.

2. Die der ´Dekonstruktionsoptikª zugrundeliegenden post-

strukturalistischen Theorien enthalten und erlauben keine ´positi- venª Aussagen zur Erfassung der ´ Eigenlogikª der menschlichen Sub-

jektivit‰t als psychisch regulierte Anpassungs-, Ver‰nderungs- und Umge- staltungskompetenz bez¸glich der konkret vorgefundenen gesell- schaftlichen Lebensverh‰ltnisse. Damit sind folglich auch nicht die Beschaffenheitsmerkmale der integralen (psychischen) Subjektivi- t‰tsmomente bestimmbar: Wahrnehmung ñ Denken/Erkennen ñ Ged‰chtnis; Bed¸rfnis ñ Emotion ñ Motivation ñ Wille; Zielset- zung und Selbstreflexion in Abh‰ngigkeit von Inter-Aktion, Ko- operation und Kommunikation etc.). Subjektivit‰t wird im Kern mit ´Diskursivit‰tª identifiziert. Was folglich fehlt, ist ein subjekt- wissenschaftlich validierter Begriff von Subjektivit‰t.

3. Unstrittig ist der wesentliche Stellenwert der gesellschaftlich-

¸berindividuell ´vorgepr‰gtenª Diskurse f¸r die Konstituierung der Subjekte. 24 Dabei sind Diskurse als entwicklungsoffene und sub- jektseitig ver‰nderbare sprachliche Bedeutungseinheiten zu fassen, die zugleich Realit‰t rekonstruieren und Interessen (Intentionen) gegen¸ber dieser Realit‰t artikulieren. D.h. die Diskurse repr‰- sentieren die/den Standpunkt(e) der/des Menschen-in-der-Welt. Die zentralen Konstituenten dieser diskursiven Einheiten sind Aussagen, Wertungen und Normen (Handlungsanweisungen), die explizit oder implizit in interessenspezifischer Weise aufeinander bezogen sind. Im Rahmen des Poststrukturalismus wird nun aber die Sprache aus der ganzheitlich-komplexen (Lebens-)T‰tigkeit des Subjekts herausgelˆst und damit tendenziell als ´abstrakte Wesen- heitª verabsolutiert. Subjektive Praxis wird auf sprachliche (diskur- sive) Praxis verk¸rzt. ‹bersehen wird dabei die funktionale Ein- gebundenheit der menschlichen Diskurspraxis in die t‰tigkeitsver- mittelte Wechselwirkung zwischen Subjekt und Realit‰t. Da die Kategorie der T‰tigkeit nicht angemessen ber¸cksichtigt wird, bleibt letztlich auch die Dialektik von Bedeutung und (subjekti- vem) Sinn im Dunkeln. Auf diese Weise entsteht eine antinomi- sche Argumentationsfigur: Einerseits erscheint das individuelle Subjekt als blofler ´Austragungsortª und ´Gegenstandª der ´dis- kursiven K‰mpfeª; wird also grunds‰tzlich in einen Objektstatus gedr‰ngt. ´Das Individuum ist dem Diskurs st‰ndig unterworfenª 25 .

Andererseits wird dann aber unvermittelt ein allerdings sehr ´schwa- cherª Fluchtpunkt in das Individuum verlegt, um es nicht nur als passiven Schauplatz des diskursiven Streits erscheinen zu lassen. ´Das Individuum, das ¸ber Erinnerung und ein bereits diskursiv konsti- tuiertes Identit‰tsgef¸hl verf¸gt, kann sich bestimmten Anrufun- gen widersetzen oder aus den Konflikten und Widerspr¸chen zwi- schen den vorhandenen Diskursen neue Versionen der Bedeutung er- stellenª 26 . Also ist es doch das ansonsten im Poststrukturalismus so arg gescholtene identit‰re Subjekt, das sich bestimmten Anrufun- gen zu widersetzen vermag. Und: Nicht Kollisionen zwischen (bed¸rftigem) Individuum und (restriktivem) Diskurs wirken demzufolge als Triebkraft von Ver‰nderungen, sondern lediglich ´interdiskursiveª Widerspr¸che, auf die das Individuum keinen ´erzeugendenª Einflufl hat, sondern lediglich im nachhinein ge- gebenenfalls modifizierend r¸ckwirken kann. Eine eigenst‰ndige kritische Durchdringung der gesellschaftlichen Realit‰t und der herrschenden Diskursformen in Richtung auf ´begreifendes Er- kennenª und eine sich darauf gr¸ndende eingreifende Praxis kommt ñ vermutlich als R¸ckfall in die ´essentialistischeª Subjektanma- flung des Humanismus gescholten ñ nicht in Betracht. 4. Der ´moderneª Vergesellschaftungsprozefl ist mit einer wach- senden Ausdifferenzierung, Spezialisierung und Institutionalisie- rung von T‰tigkeitsfeldern verkn¸pft. Daraus folgt eine Multipli- kation von Individualit‰tsformen bzw. ´Subjektpositionenª, die jeweils spezifische (potentiell widerspr¸chliche) Anforderungen und Mˆg- lichkeitr‰ume f¸r die ´ausf¸llendenª bzw. ´realisierendenª Indivi- duen beinhalten. Dabei ist mit Weedon auf die herrschaftliche Regulierung der Zug‰nge zu den diversen Positionen hinzuwei- sen: ´Durch die Gesellschaftsverh‰ltnisse, die immer Verh‰ltnisse von Macht und Machtlosigkeit sind, wird die Anzahl der unmit- telbar zug‰nglichen Subjektivit‰tsformen auf der Grundlage von Geschlecht, Rasse, Klasse, Alter und kulturellem Hintergrund fest- gelegt.ª 27 Hinzu kommt die ´Verstrickungª des Individuums in unter- schiedliche, tendenziell divergierende Diskurse . Festzuhalten ist also, dafl der subjektive Erfahrungs- und Erlebnishorizont zunehmend kom- plexer und heterogener geworden ist und entsprechend auch eine ´Pluralisierung der Sichtweisenª konstatiert werden kann. Aus die- ser ´postmodernen Grunderfahrungª heraus wird nun Subjektivi- t‰t als ´labilesª Ergebnis widerspr¸chlicher Diskurse bzw. diskursiv vermittelter Erfahrungen abgeleitet. Die Subjektivit‰t wird folg-

lich als abh‰ngige Grˆfle einer widerspr¸chlichen Diskurskonstel- lation konzipiert. Vom kritisch-materialistischen Standpunkt aus ist hier nun nicht die Betonung der (intra- und interindividuellen) Widerspr¸chlichkeit der ´diskursivenª Erfahrungen zu kritisieren, sondern a) die Tilgung der ´Engagiertheitª des Subjekts in diesem Deutungsschema sowie b) die tendenzielle ´‹bertreibungª der Widerspr¸chlichkeit und ñ daraus hervorgehend ñ die ´quasionto- logischeª Fragilit‰t des Individuums. Auch im Rahmen der kri- tisch-materialistischen Subjektwissenschaft wird die Selbstwider- spr¸chlichkeit, Prozeflhaftigkeit und tendenzielle Instabilit‰t des Subjekts reflektiert. Das geschieht z.B. in Form der Konzepte der ´Desintegration des Bewufltseinsª (Leontjew), der ´Basisspannung zwischen Selbstbez¸glichkeit und Hinwendung zum Soziumª (Di- ligenski); der ´Bidominanzª (Dubrowski/Tschernoswitow) sowie der ´Selbstfeindschaftª und ´Zerrissenheit des Subjektsª (Holzkamp) und liegt ebenso meinem Konzept der subjektiven Widerspruchs- verarbeitung zugrunde. 28 Allerdings ist das konkret-historisch in seinem Mˆglichkeitsraum begrenzte Subjekt nicht nur ´passiver Abdruckª widersprechender positionsspezifischer Anforderungen bzw. ´Ablagerungsst‰tteª kontrastierender Diskurse, sondern eigen- sinnig-selbstt‰tiges, aktiv ausw‰hlendes, bewertendes, abwehrendes, synthe- tisierendes und ausbalancierendes Wesen. D.h. es gilt, das Subjekt in seiner Prozeflhaftigkeit und Entwicklungsdynamik zugleich als wi- derspr¸chliches, aber auch als integrations- und ´ganzheitsf‰higesª Wesen mit nicht nur je situations- und kontextspezifischer, son- dern ´¸bergreifenderª, selbstproduzierter und entwicklungsoffe- ner Identit‰t zu begreifen. Das kann m.E. aber nur auf der Grund- lage der T‰tigkeitskategorie gelingen ñ ein zentraler Begriff, der weder in der ´liberal-humanistischenª noch in der ´postmodernenª Subjekttheorie eine Rolle spielt. 5. Chris Weedon verteidigt Foucault vor dem Vorwurf des Anti- Humanismus, weil dessen Schriften Feministinnen ´eine Kontex- tualisierung der Erfahrung und ihrer ideologischen Machtª bieten w¸rden. 29 Doch fallen meines Erachtens die Defizite der Foucault- schen Machttheorie und sein ´subjektnihilistischerª Standpunkt st‰rker ins Gewicht. Einerseits wird ´Machtª bis zur Unkenntlich- keit und Indiffernez universalisiert und ´gleichgeschaltetª, anderseits der Geschichtsprozefl zum Mysterium ohne subjekthafte Wirkkr‰f- te, d.h. ohne Akteure, verkl‰rt. Auch von feministischer Seite ist mittlerweile argwˆhnisch gefragt worden, ob hinter der ´Abschaf-

fung des Subjektsª nicht die ´letzte List des Patriarchatsª steckt. So wird es als sehr suspekt angesehen, dafl gerade jetzt, da unterdr¸ck- te Minderheiten beginnen, sich als Subjekte zu begreifen und zu formieren, Zweifel aufkommen ¸ber die Beschaffenheit und Exis- tenz des Subjekts, ¸ber die Legitimation von Allgemeintheorien und den geschichtlichen Fortschritt. ´Warum gerade jetzt? Jetzt, da so viele von uns, die zum Schweigen gebracht wurden, das Recht fordern, uns selbst zu benennen, als Subjekte zu handeln anstatt als Objekte der Geschichte behandelt zu werden. Jetzt plˆtzlich wird das Konzept von Subjektivit‰t problematisch? Ausgerechnet zu die- sem Zeitpunkt, in dem wir unsere eigenen Theorien ¸ber die Welt bilden, taucht Unwissenheit auf, ob die Welt ¸berhaupt theoreti- siert werden kannª. 30

Was liegt dem subjektnihilistischen Impetus des postmodernen Denkens zugrunde? Aus welchen gesellschaftlichen und soziokul- turellen Wurzeln speist er sich? Es ist bereits von verschiedener Seite (Bauman, Jameson, Sen- nett, Taylor) darauf hingewiesen worden, dafl das postmoderne Denken aus der phasenspezifischen Existenzerfahrung innerhalb der hochentwickelten sp‰tkapitalistischen Gesellschaftssysteme her- vorgeht. Bauman konstatiert als kulturellen Grundzug des Gegen- wartskapitalismus ´den verschwenderischen ‹berflufl an Bedeu- tungen, gekoppelt mit einem (oder versch‰rft durch den) Mangel an urteilenden Autorit‰ten Man kˆnnte sagen, es handle sich um eine Kultur der ‹berproduktion und der Verschwendung.ª 31 In dem Mafle, wie die Bedeutung von ´Legitimationª und ´panopti- scher (Kontroll-)Machtª schwinde und der Stellenwert der ´Ver- f¸hrungª (via Medien und Werbung) angewachsen sei 32 , sinke gleichzeitig die Nachfrage nach intellektuellen Dienstleistungen in Form g¸ltiger Antworten auf Fragen nach kognitiver Wahrheit, moralischem Urteil und ‰sthetischem Geschmack. Die aus dieser Funktionserosion resultierende ´Status- und Sinnkriseª der Intel- lektuellen liefle sich demnach unschwer als vielschichtige Quelle postmodernen Denkens reklamieren, als aktuelle Bewegungsform des ´ennuiª 33 sowie als Ursache tiefgreifender Identit‰tskonfusio- nen und Selbstzweifel. Die tieferliegenden Wurzeln des postmodernen Subjektnihilis- mus und seines Resonanzbodens ergeben sich m.E. aber erst aus den ebenso unmittelbarkeitsfixierten wie verzerrenden Artikula-

tionen der zeitgenˆssisch geteilten, zugleich epochenspezifisch (´weltsituativª) und sp‰tkapitalistisch (systemspezifisch) gepr‰gten Lebenserfahrungen. Folgende Aspekte sind in diesem Kontext von Interesse:

1. Bez¸glich der Vor-Denker des postmodernen Subjektnihilis- mus ist zun‰chst als Antriebskraft die Entt‰uschung voluntaristisch gespeister Revolutionshoffnungen auszumachen. ´Es waren ja fast alles entt‰uschte Maikinder, die sich nach dem Scheitern der gro- flen Bewegung 1968 zun‰chst linksradikalen Gruppierungen an- schlieflen, um dann mit der Entlarvung des ãtotalit‰renõ Marx die eigene Vergangenheit zu bew‰ltigenª. 34 Die Abtrennung der Marx- schen Lehre von ihrem kritisch-emanzipatorischen Sinngehalt, die mit der Aneignung der stalinistischen und/oder maoistischen Versi- on des ´Parteimarxismusª einherging, also letztlich die Konfundie- rung von ´Marxismusª und ´Stalinismusª, konstituierte eine per- vertierte Theorie des Sozialismus als ´Beherrschungswissenschaft von Mensch und Naturª. Die undifferenzierte (´einfacheª) Negation dieses subjektiv geteilten und biographisch relevant gewordenen Marxismusverst‰ndnisses mit seiner teleologischen Siegesgewiflheit und seinen mythisch-heroischen Subjektsetzungen (Arbeiterklasse, Avantgardepartei, Typ des revolution‰ren K‰mpfers etc.) geriet mehr oder minder explizit zum Dreh- und Angelpunkt der geistig-mora- lischen Katharsis. ´Im marxistischen Sozialismus sollte kein Funke der Hoffnung mehr bleiben, kein Unterschlupf, wie ihn etwa die Christen in ihren Katakomben fanden. Da war eine Konvertiten- moral aus der Wut revolution‰rer Entt‰uschung am Werk. Wenn die Krisenauswege sich verengen, erschl‰gt man die Boten des Un- gl¸cks, statt die Ungl¸cksursachen zu beseitigenª. 35 Der Zusammen- bruch des ´realen Sozialismusª und die an dieses Groflereignis an- geschlossenen pessimistisch-def‰tistischen (Mifl-)Deutungen (´Ende der Geschichteª, Beweis f¸r die Unmˆglichkeit emanzipatorischer Projekte etc.) haben die Rezeptionslandschaft f¸r diese aus der Wut entt‰uschter Revolutionshoffnungen entsprungene ´Konvertiten- ideologieª noch nachhaltig erweitert. 2. Das ´Goldene Zeitalterª des fordistischen Nachkriegska- pitalismus mit seinen ñ zum Teil sozialˆkonomisch gedeckten ñ verheiflungsvollen Mythen vom ´krisenfreien Kapitalismusª, der ´nivellierten Mittelstandsgesellschaftª, der ´unverbr¸chlichen So- zialpartnerschaftª etc. hatte noch den ´wohlstandsgesellschaftlichen Klassenkompromiflª, n‰mlich den Tausch: ãentfremdete Arbeit

gegen ein hohes Konsumniveauõ als subjektiv sinnvoll nahegelegt. 36 Die sozialen Besitzstandsinteressen der vollbesch‰ftigten, sozial- rechtlich abgesicherten und zu Teilhabern der konsumistischen Massenkultur aufgestiegenen Lohnabh‰ngigen schienen im Rah- men des fordistischen Wachstumsmodells mit den Kapitalver- wertungsinteressen dauerhaft harmonisierbar zu sein. Vor dem Hintergrund von relativer Vollbesch‰ftigung, konstanten Wachs- tumsraten, hohem Lohnniveau und der bis dato weitgehend uner- sch¸tterten Stabilit‰t des (vorzugsweise m‰nnlichen) Normalar- beitsverh‰ltnisses konnte von der Masse der Lohnabh‰ngigen noch eine soziale Zukunftsperspektive aufgebaut und eine entsprechende Lebensplanung (mit demKern einer familienzentrierten ´Erwerbs- biographieª) ann‰hernd ´algorithmisiertª werden. Das Individu- um war in der Lage, wenn auch in gesellschaftlich klar abgesteckten Grenzen, sich relativ unproblematisch als sich entwickelndes ´In- tentionalit‰tszentrumª zu erfahren. Mit dem krisenvermittelten ‹ber- gang vom ´fordistischenª zum ´postfordistischenª bzw. ´neolibera- lenª Regulierungsmodell der kapitalistischen Systemreproduktion lˆst sich nun die relative Festigkeit/´Geordnetheitª der subjektiven Lebensplanung und -gestaltung zunehmend auf, das Individuum wird in seiner gesellschaftlichen Handlungsf‰higkeit nachhaltig er- sch¸ttert und als ´Intentionalit‰tszentrumª prek‰r: Der selektive Druck des Arbeitsmarktes und der beruflichen Konkurrenz steigt rapide, zugleich verschleiflen die erworbenen Berufsqualifikatio- nen in allen Bildungsschichten immer rascher (´Inflation des Bil- dungskapitalsª), w‰hrend die Mobilit‰tsanforderungen, aber auch die sozialb¸rokratische Regelungswut wachsen. Die neoliberal ´entfesselteª kapitalistische Marktˆkonomie, die auf fatale Weise mit einer auswuchernden Staatsb¸rokratie koexistiert, ¸bt so ei- nen durch Kurzfristigkeit, Schnellebigkeit, Hektik und Regulie- rungskonfusion gepr‰gten permanenten Anpassungszwang auf die menschliche Subjektivit‰t aus. Allseitig gefordert ist der ´flexib- leª, d. h. aber insbesondere identit‰tslabile, bindungsschwache und fragmentierte Mensch. ´Heuteª, so Sennett, ´mufl ein junger Amerikaner mit mindestens zweij‰hrigem Studium damit rechnen, in vierzig Arbeitsjahren wenigstens elfmal die Stelle zu wechseln und dabei seine Kenntnisbasis wenigstens dreimal auszutauschen.ª 37 Das Subjekt der kapitalistischen Sp‰tmoderne sieht sich somit einer multidimensionalen Zerreiflprobe voller Ambivalenzen aus- gesetzt, die hier nur unvollst‰ndig umrissen werden kann:

a) Einerseits hat es die auf ´Kurzfristigkeitª und ´Beschleuni-

gungª ausgerichteten Anforderungen des postfordistisch umfor- mierten Arbeitsprozefl zu erf¸llen; andererseits soll es der auf ´Lang- fristigkeitª und ´Stabilit‰tª setzenden Logik des Aufbaus und der Aufrechterhaltung privater Beziehungen (Ehe, Familie, Partner- schaft, Freundeskreis etc.) Folge leisten (zeitlogischer Widerspruch).

b) W‰hrend den postfordistisch ´zergesellschaftetenª Individuen

eine neue ´Risikotoleranzª abverlangt wird, n‰mlich die Bereit- schaft, am Rande des sozialen Abgrunds zu leben und einen weit- gehenden Verzicht auf die Generierung von halbwegs abgesicher-

ten Zukunftsperspektiven auszuhalten, wird gleichzeitig die Erfah- rung des Scheiterns in einer Konkurrenzgesellschaft, die massen- haft Verlierer erzeugt, tabuisiert und desartikuliert.

c) Einerseits hat vermittels der Ausdehnung und Effektivierung

der massenmedialen und informationstechnologischen Durchdrin- gung der Lebenswelt (Multiplikation privater Rundfunk- und Fern-

sehsender, Internet, Teleshopping und -banking etc.) sowie der Schaffung neuer Einkaufszentren die Faszinationskraft des Distink- tions- und Kompensationskonsumismus auf alle Klassen und Schichten gegen¸ber dem fordistischen Initiationsstadium noch zu- genommen. Andererseits ist infolge der f¸r den Postfordismus kenn- zeichnenden sozialen Verwerfungen (chronische Massenarbeits- losigkeit, neue Armut, zunehmender Wettbewerb um ´knappe G¸terª) eine versch‰rfte Ungleichverteilung der konsumtiven Zu- gangs- und Partizipationsmˆglichkeiten sowie der daraus resultie- renden Konsummuster zu konstatieren (versch‰rfter Widerspruch zwischen ´Anreizungª und ´Ausschlieflungª).

d) Es steigt die Riskanz kapitalistisch bestimmter Lebenst‰tig-

keit und f¸hrt so zu einer tendenziellen ‹berstrapazierung der psy-

chischen Verarbeitungskapazit‰t der ´flexibilisiertenª Menschen. Gleichzeitig aber w‰chst aufgrund der Auszehrung Lebenssinn und Orientierung vermittelnder gesellschaftlicher Bedeutungssysteme ein geistig-moralisches Vakuum.

Ist schon der entfremdete Arbeit gegen Konsum eintauschende for- distische Wohlstandsb¸rger ein Falsifikat des ´modernenª Subjekt- modells der ´heroischenª b¸rgerlichen Aufstiegsperiode 38 , so gilt das erst recht f¸r den flexibilisierten, sozial entwurzelten, perspek- tivlos ´driftendenª, konsumistisch verzogenen und ´¸berreiztenª Augenblicksmenschen der neoliberalen ƒra. Vor diesem soziokul-

turellen Hintergrund l‰flt sich der postmoderne Subjektnihilismus als

unmittelbarkeits verhaftete Dramatisierung des reflexiven Selbst-Verlustes dechiffrieren, den die menschliche Subjektivit‰t im Kontext der postfordistischen Umbildungsprozesse erleidet. In Form der nar- rativen ƒsthetisierung empfundener Ausweglosigkeit der markt- und b¸rokratieunterworfenen Subjektivit‰t fungiert das postmo- derne Denken folglich als zeitgeistiger Verarbeitungsmechanismus.

spiegeln in der Tat die Erfahrung

der Zeit in der modernen Politˆkonomie. Ein nachgiebiges Ich, eine Collage aus Fragmenten, die sich st‰ndig wandelt, sich immer neuen Erfahrungen ˆffnet ñ das sind die psychologischen Bedin- gungen, die der kurzfristigen, ungesicherten Arbeitserfahrung, fle- xiblen Institutionen, st‰ndigen Risiken entsprechenª. 39 Das der neuen Radikalit‰t der kapitalistischen Marktprozesse, dem Regu- lierungschaos der modernen B¸rokratie und den ¸berbordenden Reizen der konsumistischen Massenkultur des Habens ausgesetzte Individuum kann sich in diesem widerspr¸chlichen Anforderungs- kontext den komplizierten Bildungsprozefl einer stabilen und geis- tig gehaltvollen Identit‰t scheinbar gar nicht mehr leisten und trans- formiert deshalb diese systemisch erzwungene Not ñ zwecks Wah- rung relativer Handlungsf‰higkeit ñ in die ´postmoderneª Tugend der ´Patchwork-Persˆnlichkeitª.

´Solche narrativen Formen

Von einem kritisch-materialistischen Standpunkt aus ist sowohl die ´moderneª bzw. ´heroischeª Setzung eines autonom-ungesellschaft- lichen, monolithischen, identit‰tsstarren, herrschaftlichen Subjekts als auch die proklamierte ´postmoderneª bzw. ´def‰tistischeª Fata- lit‰t eines zerflieflenden, zerfetzten, diskursausgelieferten Ichs zu verwerfen. Weder verschwindet das Subjekt, noch erstarrt es in unverg‰nglicher Grˆfle. Vielmehr ist ´Subjektivit‰tª als F‰higkeit zu zielgerichteter Realit‰ts- und Selbstgestaltung eine in perman- tem historischen Wandel begriffene Anforderung und Herausfor- derung an die sich in ihrer Lebenst‰tigkeit selbstformenden verge- sellschafteten Menschen. Diese ´Nichtfestgelegtheitª resultiert zum einen aus der Besonderheit der menschlichen Natur: ´Kein einzi- ges Tier aufler dem Menschen kann zum Menschen werden, der Mensch kann jedoch Mitglied einer jeden Gesellschaft werden und innerhalb seiner physischen Mˆglichkeiten zu jedem Tier und sogar schlimmer als jedes Tier. In dieser Freiheit der Entwicklung be- steht auch die biologische Besonderheit der Art ãMenschõª. 40 Zum

anderen ist auf den grunds‰tzlich nicht-teleologischen Charakter der menschlichen Lebensgestaltung zu verweisen: Geschichtliche Praxis lebendiger, raum- und zeitspezifisch positionierter Men- schen ist immer intentionale T‰tigkeit in einem limitierten Akti- onsfeld; wobei die Richtung der im begrenzten Mˆglichkeitsraum gew‰hlten Handlungsoption wiederum vom Verarbeitungsresul- tat der subjektiv erfahrenen Lebenswiderspr¸che abh‰ngt. Subjek- tive Widerspruchsverarbeitung in einem konkret-historisch bestimmten Mˆg- lichkeitsraum kann demnach als das ad‰quate materialistisch-dialek- tische Bewegungs- und Reflexionsprinzip des historischen Pro- zesses herausgehoben werden. Die Hoffnung, dafl sich im Prozefl der Auseinandersetzung mit Negativem der Mensch zum huma- nen Subjekt formen kˆnnte, ist deshalb ebensowenig als ´Utopieª zu verdammen, wie andererseits das Galperinsche Schreckensbild nicht von der Hand zu weisen ist, das im ´Jahrhundert der Extre- meª bereits in Gestalt der faschistischen Barbarei und ñ wenn auch in abgeschw‰chter Form ñ im stalinistischen, US-imperialistischen und fundamentalistischen Terror schon zu grausamer Wirklich- keit geworden ist.

III. Konturen der ´postmodernenª Wissenschaftszerstˆrung

Die eigentliche Gefahr, die gegenw‰rtig vom postmodernen Den- ken ausgeht, liegt nicht so sehr in seiner (verblassenden) Durch- dringung des feuilletonistischen Zeitgeistes, sondern viel mehr in seiner Wirkung als institutionell gest¸tzte geistige Disziplinarmacht. Insofern sich der vom postmodernen Denken durchdrungene Typus in den sozial-, kultur- und geisteswissenschaftlichen Fakul- t‰ten als themen- und normsetzender, diskurskontrollierender, zer- tifikatskompetenter, die Karrieren des Wissenschaftsnachwuchses bestimmender ãGesinnungsclanõ festgesetzt hat, fungiert er als epis- temologische Machtinstanz bzw. als personell zurechenbarer aka- demischer Diskursw‰chter ¸ber Wahrheitsfragen, Methoden, For- schungsinhalte und Mittelvergabe. Kernaspekt dieser in den letz- ten zwanzig Jahren im Gefolge der ´geistig-moralischen Wendeª sukzessive etablierten postmodernen ´Geistesb¸rokratieª ist die nor- mative Durchsetzung eines neuen ´Wissenschaftsverst‰ndnissesª, das de facto auf die Zerstˆrung der Gesellschaftswissenschaften nicht nur als kritisch-humanistisch ausgerichtete Disziplinen, sondern

generell auf die ãEntwissenschaftlichungõ gesellschafts- und subjekt- bezogener Denkt‰tigkeit hinausl‰uft. Als zentrale Momente dieser neuen epistemologischen Dogmen- lehre des Postmodernismus sind folgende Postulate/Leitorientie- rungen anzuf¸hren:

1. Die seriˆse Reflexion ¸ber die konzeptionellen Standards und

Geltungsanspr¸che sowie die Mˆglichkeiten, Grenzen/Verantwort- lichkeiten und Not-Wendigkeitspotentiale ãmodernerõ Wissenschaft wird im postmodernen Wissenschaftsverst‰ndnis mit scheinbar sub- versiv-anarchischer Attit¸de durch das Dogma der Beliebigkeit bzw. des verabsolutierten Relativismus ersetzt. Gedacht als ´Entzauberung der Entzauberungª, zielt der postmodernistische Angriff nicht ein- fach auf die sinnbezogene und funktionale Relativierung der wis- senschaftlichen Leistungskraft, sondern auf die Aushebelung der bin‰ren Unterscheidung/Unterscheidbarkeit von wahr und falsch als Grundlage der wissenschaftlichen Kommunikation. ´Wissen- schaft besitzt von nun an keine hˆhere Wahrheitsgew‰hr als zum Beispiel das Kartenlegen, die Zahlenmystik oder die Schlagzeilen der Boulevardpresse Ob man sein Wissen aus wissenschaftlichen Untersuchungen, Kneipengespr‰chen oder Horoskopen zieht, wird somit zu einer Frage des subjektiven Geschmacks bzw. der persˆn-

lichen traditionalen Vorliebenª. 41 Vermittels dieser Entspezifizie- rung der Wissenschaft und dem damit korrespondierenden ´Ver- lust der Wahrheitª als Leitwert wird nicht nur das erkenntnisinter- essierte Subjekt a priori desavouiert, sonder zugleich esoterischer Obskurantismus unterschiedlichster Spielart als ´gleichberechtigtª inthronisiert.

2. Als undifferenziert-regressive Reaktion auf unterschiedliche

Spielarten eines deterministischen Fortschrittsglaubens (techno- logischer Optimismus, Hegelianismus, mechanistischer Partei- marxismus) artikuliert und mobilisiert das postmoderne Denken einen aggressiven/pauschaldenunziatorischen ´Affekt gegen das Allgemeineª (Honneth). Nicht nur wird aufgrund der Nichterf¸l- lung der fortschrittsdeterministischen Verheiflungen auf die prin- zipielle Aussichtslosigkeit praktisch-kritischer Wirklichkeitsver‰n- derung ´kurzgeschlossenª, sondern dar¸ber hinaus wird das gesamte Konstitutionsensemble der ãkritischen Vernunftõ, werden also die kognitiven Funktionsmomente begreifenden Denkens als Pr‰mis- se emanzipatorischer Praxis zur Wurzel aller ´modernenª ‹bel erkl‰rt (vgl. Lyotards ´paradigmatischeª Ableitung des Ph‰nomens

Auschwitz aus der Aufkl‰rung). Die Weigerung bzw. das Unver- mˆgen, zwischen instrumenteller und kritischer Vernunft zu un- terscheiden, f¸hrt im postmodernen Denken zur Tabuisierung, ja Verteufelung des Denkens von Zusammenh‰ngen, der Aufschl¸s- selung des Verh‰ltnisses von Einzelnem, Besonderem und Allge- meinem sowie der Vermittlung von Analyse und Synthese. Der erkl‰rte Feind des postmodernistischen Beliebigkeitsdogmas ist somit das begreifende Erkennen als begriffliche Analyse der Ent- stehungsursachen, Entwicklungszusammenh‰nge und konstituti- ven Beschaffenheitsmerkmale von Realit‰tsstrukturen. Nicht etwa nur die fortschrittsdeterministischen Zukunftsentw¸rfe, sondern alle nichtsingul‰ren theoretischen Erkenntnisabsichten, zumal in Verbindung mit einem kritisch-emanzipatorischen Interesse, wer- den in das ´Schm‰hbildª der ´Groflen Erz‰hlungenª hineingezo- gen und entsprechend abgewehrt. 3. Die Kehrseite des postmodernen ´Affekts gegen das Allge- meineª bildet die Fetischisierung des Einzelnen und der damit korrespon- dierende Kult der Differenz. Die als ´methodischer Individualismusª zum Prinzip erhobene ´Zerschneidungª der Interdependenz von Einzelnem, Besonderem und Allgemeinem verengt den Erkennt- nisprozefl a priori auf die Erfassung des unvermittelt Singul‰ren, das nur noch in seiner isolierten Einzigartigkeit betrachtet werden darf, w¸rde doch bereits die Einnahme eines vergleichenden, ka- tegorial-methodisch unterlegten Analyseblickwinkels sofort den Verdacht ´totalit‰rer Vergewaltigungª nach sich ziehen. Damit wird einer verzerrten Ontologie Vorschub geleistet, in der nur noch das lediglich singul‰r beschreib-, aber nicht mehr hinterfragbare ´Un- vergleichlich-Heterogeneª existiert. Zutreffend hat Werner Sepp- mann darauf hingewiesen, dafl dieses singularistische Vorurteil nicht nur eine erkenntnistheoretische Involution markiert, sondern ´ei- nen unmittelbar legitimatorischen ãGebrauchswertõ bei der Ver- schleierung der Ursachen sozialer Krisenprozesse (besitzt), sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene: Wenn ein Ereignis nur noch ãin seiner einschneidenden Einzigartigkeitõ betrachtet werden soll, wird systematisch der Blick von den Ursachen ñ bei- spielsweise von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ñ, aber auch von den Gr¸nden globaler Katastrophen- und Ungleichheitsent- wicklung abgelenktª. 42 Die Behauptung der Inkommensurabilit‰t und damit letztendlich unantastbaren Fundamentalit‰t der ´Differenzª eskamotiert nicht

nur die progressiv-kritische Bedeutung von Vergleichs- und Be- wertungsmaflst‰ben (z. B. im Sinne des Marxschen kategorischen Imperativs), sondern immunisiert herrschaftsfˆrmige, auf Herr- schaftserhalt bzw. Herrschaftseroberung bedachte Partikularit‰ten (Bewegungen, Parteien, Nationen, Ethnien, Religionen etc.) ge- gen in Frage stellende und wertende Kritik. Auf diese Weise fun- giert das postmoderne Denken als ´methodologischerª Verharm- loser und tendenzieller Apologet reaktion‰rer/fundamentalistischer Gegenwartsbewegungen. 43 4. Der ´Affekt gegen das Allgemeineª, die D‰monisierung des Zusammenhangsdenkens sowie die Verabsolutierung des Einzel- nen und der ´Differenzª l‰flt als kognitiven Modus nur noch die Haltung der unreflektiert-undistanzierten Unmittelbarkeit zu. Damit wird das subalterne Alltagsbewufltsein, dem die gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit der individuellen Existenz entgeht (Holzkamp), dis- kurstheoretisch vordergr¸ndig ¸berhˆht, tats‰chlich aber in seiner subordiniert-entfremdeten Position und Gestalt befestigt. Mit dieser unkritisch-affirmativen Verdoppelung des unmittelbarkeitsfixier- ten Alltagsbewufltseins als kognitiver Regulierungsform systeman- gepaflter (und damit begriffsloser) Lebenst‰tigkeit ratifiziert das postmoderne Denken den herrschenden Zustand der sp‰tkapita- listischen Entfremdung. Das gegen¸ber dem kritisch-analytischen ãGanzheitsdenkenõ verh‰ngte Verdikt sowie der generelle erkennt- nistheoretische Destruktivismus l‰flt als Alternative nur noch die euphemistische Stilisierung der weit verbreiteten sp‰tkapitalisti- schen Orientierungslosigkeit zu: ´In der Tat geht es nicht darum, Irrt¸mer zu entlarven und aufzulˆsen, sondern sie als eigentliche Quelle des Reichtums zu sehen, der uns ausmacht und der Welt Interesse, Farbe und Sein verleihtª (G.Vattimo). 44 Unf‰hig, die kapitalistische Selbstnegation der Moderne als Ur- sache f¸r die Nichteinlˆsung der aufkl‰rerischen Versprechen zu erkennen, verdunkelt das postmoderne Denken die vielf‰ltig auf- scheinenden Aporien der ãSp‰tmoderneõ und deutet die gesellschaft- liche Widerspruchserfahrung in die Gnade eines Abenteuers um. ´Angeblich frˆhliche Vielfalt ersetzt die Ambivalenzen realer Zer- splitterung, das Spiel ersetzt das Bewufltsein mangelnden Einflus- ses, die Lust an der Katastrophe die Angst vor ihr. Da wird dann der fragmentierten Welterfahrung nicht mehr zur Repr‰sentation verholfen ñ sie wird distanzlos perpetuiert. Die Postmoderne ent-

lastet so vom Leiden an Gesellschaft, ohne deren Strukturen analy- tisch in Frage zu stellenª. 45

Die als ´Paradigmenwechselª stilisierte Regression, die das post- moderne Denken in seiner epistemischen Gestalt ausdr¸ckt, ba- siert inhaltlich auf einem ´Zur¸ck von Marx 46 zu Nietzscheª. Die- se substanzielle Adaption Nietzsches zeigt sich in allen wesentli- chen Konstituenten des postmodernen Denkens: In der pauscha- len Diffamierung der Aufkl‰rung ebenso wie in der Verdammung des Fortschrittsbegriffs, in der nihilistischen Dekonstruktion des Wahrheitsproblems ebenso wie in einem bodenlosen ethischen Relativismus, in der Irrationalisierung des Geschichtsprozesses ebenso wie in der ‹bernahme eines solipsistischen Freiheitsbe- griffs. 47 So bewaffnet, wirkt das postmoderne Denken zugleich a) als Destruktivkraft gegen¸ber kritisch-emanzipatorischen Wis- senschaftsans‰tzen und Theorieentw¸rfen, b) als ‰sthetisierende Verharmlosungs- und Verdunkelungsinstanz gegen¸ber antihuma- nistischen (´neobarbarischenª) Ideen und Bewegungen sowie c) als Affirmator der neoliberalen Krisengesellschaft und der in ihr for- cierten ãegomanischenõ Subjektivit‰t. Seine ideologische Funktionalit‰t besitzt das postmoderne Den- ken als Legitimationsfolie des neuen, neoliberalen Typus des k‰uf- lichen Dienstleistungsintellektuellen, f¸r den die ´traditionelleª Orientierung an Wahrheit und Weltverbesserung im Allgemein- interesse dysfunktional geworden ist. An die Stelle der Wahrheits- orientierung tritt hier die marktwirtschaftliche Orientierung am Interesse des kaufkr‰ftigen Kunden von Beratungs-, Begutach- tungs-, Therapie- und sonstigen intellektuellen Dienstleistungen. F¸r diese kapitalistisch-marktwirtschaftliche Penetration gerade auch des geisteswissenschaftlichen Sektors wirkt das postmoder- nen Denken wie eine geistige Gleitcreme; es befˆrdert und ´ratio- nalisiertª die entskrupelnde Transformation von einer ehemals kri- tisch-humanistisch ausgerichteten Wissenschaftsausbildung zur Produktion von mietbaren Knechten und M‰gden, ´deren wissen- schaftliche Erkenntnis parteilich verzerrt ist und als Ware gehan- delt zur St¸tzung der Marktanteile der jeweiligen Auftraggeber miflbraucht wirdª. 48 Unter diesen Bedingungen der neoliberalen Wissenschaftsformierung werden an Aufkl‰rung interessierte, von kritischer Vernunft geleitete, gesellschaftliche Miflst‰nde aufde- ckende und auf praktisch-kritische Ver‰nderung abzielende The-

orien und Konzepte per se als kontraproduktiv miflachtet und dis- kursiv ausgegrenzt, wobei der Postmodernismus das spezielle Ge- sch‰ft der epistemischen Exkommunikation besorgt. ´Eine wissen- schaftliche Gesellschaft, in der nicht wissenschaftliche Ergebnisse, sondern die ãrichtigeõ Meinung zu haben f¸r jeden einzelnen (aka- demischen Wissenschaftler, H.K.) zur Existenzfrage wird, kann sich keine wissenschaftliche Wahrheitsfindung mehr leistenª. 49

Fussnoten

1

Breuer, Ingeborg, Leusch, Peter, Mersch, Dieter: Welten im Kopf. Profile der Gegenwartsphilosophie. Band 2: Frankreich/Italien. Hamburg 1996, S.12

2

Lyotard, Jean F.: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Graz 1986,

S.122

3

Burger, Rudolf: Das Denken der Postmoderne. W¸rdigung einer Philosophie f¸r Damen und Herren. In: Leviathan. Zeitschrift f¸r Sozialwissenschaft. (21) 1993, 4, S.461-470; hier: S.470

4

vgl. z.B. Rippel, Philipp: Souver‰nit‰t und Revolte. Die Wiederer- weckung Nietzsches und Heideggers in Frankreich. In: Peter Kemper (Hg.): ãPostmoderneõ oder Der Kampf um die Zukunft. Die Kontro- verse in Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft. Frankfurt am Main 1988, S. 104-126.

5

Lyotard 1987, S.96f.; zit. nach Steigerwald, Robert: Abschied vom Materialismus? Materialismus und moderne Wissenschaft. Bonn 1994, S.297

6

Lang, Sabine: Ist die Postmoderne tot? F¸r Leo Lˆwenthal zum 90. Geburtstag. In: Leviathan. Zeitschrift f¸r Sozialwissenschaft. (19) 1991, 1, S.55-67; hier: S.59

7

Burger, a.a.O., S.467

8

Hauck, Gerhard: Zur Ideologiekritik der Postmoderne. In: Bay, Hansjˆrg, Hamann, Christof (Hg.): Ideologie nach ihrem Ende. Gesellschaftskritik zwischen Marxismus und Postmoderne. Opladen 1995, S.97-114; hier: S.112

9

Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einlei- tung. MEW Band 1. Berlin 1988. S.378-391; hier: S.385, Hervorhe- bung H.K.

10

Zutreffend hat Terry Eagleton (Die Illusionen der Postmoderne. Ein Essay. Stuttgart; Weimar 1997, S.161) darauf hingewiesen, dafl die Differenzen nicht voll aufbl¸hen kˆnnen, ´solange M‰nner und Frauen unter Formen der Ausbeutung leiden; und die wirksame Bek‰mpfung dieser Formen der Ausbeutung verlangt Ideen der Humanit‰t, die notwendigerweise universal sind.ª

11

zit. nach Schmid, Wilhelm: Die Geburt der Geschichte. Historizisti- sche und offene Geschichte bei Foucault. In: Deutsche Zeitschrift f¸r Philosophie, (39) 1991, 4, S.366-375; hier S.374

12

Welsch, Wolfgang: Subjektsein heute. ‹berlegungen zur Transforma- tion des Subjekts. In: Deutsche Zeitschrift f¸r Philosophie, (39) 1991, 4, S.347-365; hier: S.351

13 ebenda, S.357

14 Die subjektwissenschaftlich eigentlich spannende Frage ist doch, wie und wodurch das konkret-historisch bestimmte Subjekt die F‰higkeit erwirbt (und verliert), in unterschiedlichen (zunehmend komplexer werdenden) T‰tigkeitssph‰ren mit differenten Anforderungen kompetent zu handeln, ohne zu ´zerflieflenª und seinen selbstreflexi- ven Bezug einzub¸flen. Der postmoderne Diskurs mit seiner apriori- schen Dekonstruktionsdogmatik und seinem ´Standpunkt auflerhalbª ohne ´wirklicheª subjektwissenschaftliche Begrifflichkeit kann dieser Fragestellung nicht nachgehen.

15 Welsch, a.a.O., S.361

16 Beyme, Klaus von: Feministische Theorie der Politik zwischen Moderne und Postmoderne. In: Leviathan. Zeitschrift f¸r Sozialwis- senschaft. (19) 1991, 2, S.208-228; hier: S.224

17 Lang, a.a.O., S.64

18 Beyme, a.a.O., S.224

19 Kann man aber ñ unter Ausblendung der geistigen Pr‰missen des ´Grunddiskursesª ñ im Stile eines ´theoretischen Utilitarismusª einzelne Konzepte/Autoren dieser Denkrichtung zu einem kritisch- feministischen Entwurf ´zusammenziehenª?

20 Weedon, Chris: Wissen und Erfahrung. Feministische Praxis und poststrukturalistische Theorie. Dortmund 1991, S.24

21 Althusser, Louis: F¸r Marx, Frankfurt am Main 1968, S.91

22 Fuchs, Peter: Die Erreichbarkeit der Gesellschaft. Zur Konstruktion und Imagination gesellschaftlicher Einheit. Frankfurt am Main 1992,

S.26

23 Weedon, a.a.O., S.117

24 Neuerdings ist der Nutzen der T‰tigkeitstheorie f¸r die Diskurstheo- rie erkannt worden. Siegfried J‰ger (1993, S.136) hebt insbesondere zwei Aspekte hervor: (1) ´Das genauere Verst‰ndnis der Struktur und der Bedingungen individueller T‰tigkeit erlaubt eine exaktere Verortung der individuell-subjektiven Beteiligung im sozialen Diskurs, die in der prim‰r auf der sozialen Ebene ansetzenden Diskurstheorie Foucaults meines Erachtens noch viel zu diffus geblieben ist. Wenn es die Menschen sind, die Geschichte machen ñ und damit auch die Diskurse ñ, dann erscheint es mir unabdingbar, dieses ãMachenõ und seine Voraussetzungen mˆglichst genau zu beleuchten.ª (2) Gegen¸ber der unzureichenden Ber¸cksichtigung der ´subjektiven Verarbeitungª in der Foucaultschen Diskurstheorie akzentuiert J‰ger die prinzipielle Unterscheidung von subjektivem Sinn und objektiver Bedeutung. ´Sie markiert den Unterschied zwischen individueller Verstrickung in den sozialen Diskurs und subjektiver Verarbeitung dieser Verstrickung.ª (Hervorhebung H.K.)

25 Weedon, a.a.O., S.125

26 ebd., S.136, Hervorhebung H.K.

27

ebd., S.123

28 vgl. Krauss, Hartmut: Das umk‰mpfte Subjekt. Widerspruchsverar- beitung im ´modernenª Kapitalismus, Berlin 1996

29 Weedon, a.a.O., S.160

30 N. Hartsock 1990; zit. nach Steiner-Khamsi, Gita: Multikulturelle Bildungspolitik in der Postmoderne. Opladen 1992, S. 88f.

31 Bauman, Zygmunt: Ansichten der Postmoderne, Hamburg, Berlin 1995, S.59f.

32 ´Die kapitalistischen Werte in Frage zu stellen, verursacht nur wenig Aufruhr, weil die kapitalistische Herrschaft von der Akzeptanz ihrer Werte nicht abh‰ngig istª (Baumann 1995, S.130).

33 Der Begriff ´líennuiª stammt aus dem Franzˆsischen und bedeutet verk¸rzt gefaflt so viel wie ãLebensekelõ. In n‰herer Betrachtung be- zeichnet er jenen psychischen Zustand, der aus dem Gef¸hl l‰hmen- der Gleichg¸ltigkeit angesichts einer als ausweglos empfundenen (ent- privilegierten/marginalisierten und dadurch ´sinnlosª gewordenen) Lebenslage hervorgeht und somit emotional ãLebensunlustõ bzw. ãLe- bens¸berdruflõ ausdr¸ckt. In seiner Eigenschaft als sozialexistenzielle Erlebnisform kann er auch als subjektiver N‰hrboden k¸nstlerischen Schaffens wirken und wird deshalb als Triebkraft der ‰sthetischen Mo- derne angesehen. ´Der ennui moderneª, so Peter B¸rger (Das Ver- schwinden des Subjekts. Eine Geschichte der Subjektivit‰t von Mon- taigne bis Barthes. Frankfurt am Main 1998, S.139), ´ñ das ist der Blick des b¸rgerlich-antib¸rgerlichen Auflenseiters, den sein Hafl auf die moderne Welt dazu dr‰ngt, eine vormoderne Welt zum imagin‰- ren Ort zu machen, von dem aus er die moderne verwerfen kannª.

34 Negt, Oskar: R¸ckruf aus der Postmoderne ñ Rorty und die Linke. Oskar Negt im Gespr‰ch mit Jan Rehmann. In: Das Argument 220, 39. Jahrg., Heft 3, Berlin und Hamburg 1997, S. 315-325, hier: S.317

35 ebd.

36 vgl. Taylor, Charles: Die Unvollkommenheit der Moderne. In: Axel Honneth (Hg.): Pathologien des Sozialen. Die Aufgaben der Sozial- philosophie. Frankfurt am Main 1994, S.73-106.

37 Sennett, Richard: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin 1998, S.25

38 ´Diese Merkmale der Industriegesellschaft ñ die sinnlose und abh‰ngi- ge Arbeit; der gedankenlose Verzicht auf Kontrolle; vor allem die Fetischisierung von Waren ñ all das stellt unser Selbstbild als moderne Menschen in Frage, die ihre Ziele aus sich selbst heraus bestimmen und die Dinge beherrschen, anstatt von ihnen beherrscht zu werden. In dem Mafle, wie diese negativen Merkmale unser Selbstverst‰ndnis beeinflussen, empfinden wir unweigerlich einen Vertrauensschwund und ein Unbehagen, und es stellt sich der Verdacht ein, dafl das Gef¸hl von Effizienz, auf das wir unser von der modernen Identit‰t gepr‰gtes Selbstbild gr¸nden, eine T‰uschung istª Taylor a.a.O., S.97.

39 Sennett a.a.O., S.182

40 Galperin 1980, S.214

41 Schmidt-Salomon, Michael: Erkenntnis aus Engagement. Grundle-

gung zu einer Theorie der Neomoderne. Eine Studie zur (Re-) Konstruktion von P‰dagogik, Wissenschaft und Humanismus. Aschaffenburg 1999, S.347

42 Seppmann, Werner: Das Ende der Gesellschaftskritik? Die ãPostmo- derneõ als Ideologie und Realit‰t. Kˆln 2000, S.47

43 In der Sicht Bassam Tibis dient die Kritik am Projekt der Moderne prim‰r dazu, ´die Revitalisierung des Religiˆsen zu rechtfertigen. Die Religionskritik der Aufkl‰rung setzte kognitive Potentiale frei; diese gilt es nun zu b‰ndigen und die Sicherheit des Glaubens bei der Welt- und Selbstdeutung wieder herzustellen. Die Leistung der kulturellen Moderne, den Glauben an das Absolute reflexiv zu machen und das religiˆse Leben in eine Verkˆrperung des Prinzips der Subjektivit‰t umzuwandeln, wird gegenw‰rtig von Vertretern der Postmoderne in Frage gestellt. Einer unter ihnen, Peter Koslowski, versteht die Postmoderne als eine ‹berwindung der ãSchranke totalisierender

Vernunftherrschaftõ,

um den Weg f¸r die Wiederherstellung der

ãmessianische(n) Hoffnung auf das Absoluteõ zu ebnenª (Tibi, Bassam:

Die Krise des modernen Islams, Frankfurt am Main 1991, S.206).

44 Zit. n. Seppmann, a.a.O., S.51

45 Lang a.a.O., S.63

46 Gemeint ist gerade auch im Kontext des postmodernen Denkens nicht der ´authentischeª, bei aller Genialit‰t unvollst‰ndige, partiell aussagewiderspr¸chliche und partiell irrt¸mliche ãMarxõ als tiefsch¸r- fender Analytiker der dialektischen Schattenseite der ãModerneõ, sondern der stalinistisch bzw. parteikommunistisch verf‰lschte ãMarxõ, dem die Glucksmann, Lyotard, Foucault etc. vormals selbst opferten.

47 Kennzeichnend f¸r Nietzsche ist, wie Axel Honneth (Desintegration. Bruchst¸cke einer soziologischen Zeitdiagnose. Frankfurt am Main 1995, S.16) ausf¸hrt, ´dafl er den menschlichen Lebensvollzug von jeder Bindung an eine ¸bergreifende Zweckvorgabe abkoppelt und in der bloflen Steigerung seiner Mˆglichkeiten dessen eigentlichen Sinn ausmacht Ein solches ‰sthetisches Modell der menschlichen Freiheit ist es, das in der einen oder anderen Weise allen Versionen einer Theorie der ãPostmoderneõ zugrunde liegt Menschliche Subjekte werden darin als Wesen vorgestellt, deren Freiheitsmˆglichkeiten sich dort am ehesten verwirklicht finden, wo sie unabh‰ngig von allen normativen Erwartungen und Bindungen zur kreativen Hervorbrin- gung immer neuer Selbstbilder in der Lage sind. Das Mafl der Freiheit, zu dem der einzelne im experimentellen Sich-selber- Schaffen gelangen kann, bemiflt sich daher an dem Abstand, zu dem er gegen¸ber dem kulturellen Wertehorizont seiner Zeit zu gelangen vermag.ª Nietzsches Entskrupelung des Herrenmenschen (´die blonde Bestieª) wird so ´zeitgem‰flª zur postmodernen Faszination der Amoralit‰t des neoliberalen ´Yuppietumsª sublimiert.

48 Schmidt-Salomon, a.a.O., S.349

49 M¸ller-Mohnssen, zit. n. Schmidt-Salomon, a.a.O., S.352

Morus Markard

Von der abstrakten Negation zur konkreten Bejahung. Postmoderne Gedankenarbeit als Entpolitisierung von Psychologiekritik

1. Kritik an der Funktion der problematischen Wissenschaft in der Studentenbewegung

Mein akademischer Lehrer Klaus Holzkamp ñ erst Experimental- psychologe und konstruktivistischer Wissenschaftstheoretiker, sp‰- ter Marxist und wichtigster Begr¸nder der Kritischen Psychologie ñ hat sein ambivalentes Verh‰ltnis zu seinem Fach dadurch zum Ausdruck gebracht, dafl er die Psychologie als ´ durch und durch pro- blematische Wissenschaft ª (1983 a, 164) charakterisierte, weil sie mit dem f¸r sie spezifischen Blick auf das Individuum immer wieder theoretisch dessen Gesellschaftlichkeit verfehle bzw. gesellschaftli- chen Erwartungen an die individualwissenschaftliche Durchsetzung von Anpassung, Normierung und kapitalistischer Verwertung un- zureichend (argumentativen) Widerstand entgegensetze, dazu die- ne, die Menschen in die kapitalistische Gesellschaft einzupassen, also Herrschaftsfunktion erf¸lle ñ ein Umstand, der sich auch in der permanent krisenhaften Entwicklung des Faches und dem f¸r es spezifischen Theorie-Praxis-Bruch niederschlage. Die Herrschaftsfunktion der Psychologie war es denn auch, die unter durchaus verschiedenen theoretischen Voraussetzungen und mit unterschiedlichen theoretischen Konsequenzen den Ausgangs- punkt der fachbezogenen Wissenschaftskritik der Studentenbewe- gung markierte, welche einen der Urspr¸nge der Kritischen Psy- chologie darstellt. Diese Kritik richtete sich gegen den Einbezug der Psychologie in gesellschaftliche Repressions-, Selektions- und Befriedungs- strategien und resultierte in einer Variante, wie sie auf einem ´Kon- grefl kritischer und oppositioneller Psychologenª 1968 artikuliert wurde, in einer pauschalen Absage an emanzipatorische Mˆglich- keiten der Psychologie (in jedwedem gesellschaftlichen System) ¸berhaupt: ´ Die Psychologie war und ist immer ein Instrument der Herr-

schenden. Sie ist folglich nur als Wissen ¸ber das Herrschaftssystem brauch- bar . Die konkrete Alternative zum Traum von der Umfunktionie- rung der Psychologie zum Instrument des Klassenkampfes ist ihre Zerschlagung.ª (Durchaus erfrischend, angesichts des Umstands, dafl heute schon die blofle Frage nach Widerspr¸chen psychologischer Praxis vom Psycho-Boom ¸bertˆnt wird.) ƒhnlich res¸miert noch 1988 Grubitzsch, einer der Gr¸nder der Zeitschrift ´Psychologie & Gesellschaftskritikª, deren Linie:

Es sei in dieser Zeitschrift ´nieª darum gegangen, ´die Analyse menschlichen Verhaltens und Bewufltseins in der Absicht zu be- treiben, eine bessere Psychologie zu produzieren, sondern die Be- dingungen und damit das Verhalten selbst als gesellschaftlich kon- stituiert aufzuzeigen. Bedingungen aufzuzeigen, die das menschli- che Subjekt zerstˆren, und zu benennen, welchen Anteil die Psy- chologie als Wissenschaft daran hat. Die Kritik der Bedingungen schlieflt die Subversion dieser gesellschaftlichen Verh‰ltnisse ebenso ein wie die Kennzeichnung der Orte ihrer Transformation. Eine bessere Psychologie zu entwickeln, die im Interesse der Menschen unter den gegebenen kapitalistischen Verh‰ltnissen nutzbar ist, hie- fle den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen. Es geht darum, die Psychologie als Instrument des Krisenmanagements einmal ¸berfl¸ssig zu machen. Daneben geht es auch darum, hier und jetzt den Finger auf jene sozialen Problemfelder und gesell- schaftlichen Bruchstellen zu legen, f¸r deren radikale Durchdrin- gung neben gesellschaftsanalytischen auch psychologische Katego- rien unabdingbar sindª (113). Die in den Zitaten angeprangerte praktische Funktion der Psy- chologie l‰flt sich gedanklich ohne weiteres (das heiflt: unter Ver- zicht auf historisch-systematische Vermittlungsschritte) mit dem nomothetisch, experimentell-statistisch orientierten mainstream der akademischen (Grundlagen-) Psychologie in Verbindung bringen, mainstream verstanden als jene institutionell dominierende Ausrich- tung der Psychologie, f¸r die sich die Behauptung ihrer Wissen- schaftlichkeit im wesentlichen aus ihren quantitativ orientierten Methodenvorstellungen speist. (Dies bedeutet nicht, dafl in der Psychologie nur oder auch nur mehrheitlich Experimente durch- gef¸hrt werden, wohl aber, dafl diese Methodenvorstellung eine Art Maflstab, die ´Leitw‰hrungª [Markard 1991, 7], bildet, an dem alles in der Forschung vonstatten Gehende zu messen ist [vgl. aus der Innensicht dieser Orientierung: Rehm & Strack 1994, 508].)

Im Experiment geht es bekanntlich darum, unter der Kontrolle der Versuchsleiter die Wirkung der von diesen hergestellten Be- dingungen auf Erleben und Verhalten der Versuchspersonen zu erfassen. Was man damit ñ g¸nstigstenfalls ñ erfassen kann, ist, wie Menschen sich unter fremdgesetzten, von ihnen grunds‰tzlich un- beeinfluflbaren Bedingungen verhalten. Die experimentelle An- ordnung ist somit die methodisch konsequenteste Realisierung der viel weiter verbreiteten Fragestellung, unter welchen Bedingun- gen sich Menschen so und so verhalten. Bei dieser Fragestellung ist faktisch ausgeblendet, dafl Menschen nicht nur unter Bedingun- gen leben, sondern sie auch schaffen. Deswegen l‰flt sich diese Fra- gestellung unter eine ´kontrollwissenschaftlicheª Auffassung von Psychologie subsumieren. Dieser methodologische Befund findet sich inhaltlich verbl¸ffend direkt in der fr¸hen sozialpsychologischen Konzeptbildung wieder ñ im Konzept der social control (soziale Kontrolle / Steuerung) n‰m- lich. Ausgangspunkt f¸r dieses Konzept waren um die Jahrhun- dertwende eine Soziologie, in der Menschen als Subjekte keinen Platz hatten, und eine Psychologie, die sich auf den formalen Auf- bau des Bewufltsein konzentrierte und den gesellschaftlich-sozia- len Bez¸gen der Menschen sozusagen den R¸cken kehrte. Aufler- wissenschaftlich, gesellschaftlich also, hatte sich aber eine Situation herausgebildet, in der es zu massiven sozialen Spannungen und zu Ans‰tzen einer Arbeiterbewegung kam (die Bedeutung, die der der 1. Mai heute hat, geht ja auf eine Demonstration in Chicago 1886 zur¸ck, w‰hrend derer mehrere Menschen erschossen wurden). Auf der Tagesordnung standen ñ um aus der Sicht der Herrschenden Schlimmeres zu verh¸ten ñ Reformen, also gesellschaftliche Ver- ‰nderungen, die die Proteste w¸rden abfangen kˆnnen, ohne dafl es zu gravierenden gesellschaftlichen Ver‰nderungen gekommen w‰re. Es war also der Gedanke der Reform(ierbarkeit) der b¸rger- lichen Gesellschaft, der mit deren wachsenden Widerspr¸chen zur sozialwissenschaftlichen Formulierung dr‰ngte. (In diesem Zusam- menhang konnte Martindale [1960] auch die Entwicklung der So- ziologie als konservative Antwort auf den Sozialismus als Bewe- gung charakterisieren.) Social control gehˆrt zum Ensemble der Be- griffe zur theoretischen Begr¸ndung flexibler Optimierung b¸r- gerlicher Herrschaft bei dauernden gesellschaftlichen Wandlungs- prozessen (vgl. Eagletons [1997, 66] Kritik an der Reduktion von Geschichte auf bloflen ´Wandelª). Die ´massenpsychologischª und

ver‰chtlich so genannte ´Masseª (der Bevˆlkerung) ist dabei nicht als Subjekt der Kontrolle vorgesehen, also der (kollektiven) Bestim- mung ¸ber die eigenen Lebensverh‰ltnisse; gedacht ist an die ´Mas- seª vielmehr als Objekt von Kontrolle, als ein Objekt, dessen Be- findlichkeit nur insofern ernst genommen wurde, als diese ins Herrschaftskalk¸l einbezogen wurde ñ zum Beispiel ¸ber sog. Meinungsumfragen. In diesem Sinne gehˆrte das heute nach wie vor verbreitete sozialwissenschaftliche Konzept der ´Einstellungª ( attitude ) schon zum fr¸hen Arsenal der Sozialwissenschaften. Es entsprach (und entspricht) dem damals entstandenen Interesse, die ´Massenª zwar in die Regelung ˆffentlicher Angelegenheiten ein- zubeziehen, ihnen aber gleichzeitig die Kompetenz dazu faktisch abzusprechen. Die ñ prae-postmoderne (!) ñ sachentbundene Vielfalt des bloflen einflufllosen Meinens korrespondiert mit der Aufrech- terhaltung des gesellschaftlichen Status quo. Insofern gehˆrt der sozialpsychologische Einstellungsbegriff ebenso zum ideologischen Ensemble der demokratiefˆrmigen Absicherung von Herrschaft, wie er Gegenstand kritischer Forschung werden mufl (vgl. Mar- kard 1984).

2. Aufweichung der Funktionskritik unter dem Druck nicht enden wollender kapitalistischer Verh‰ltnisse

Die fundamentale Psychologiekritik der Studentenbewegung hat- te genug systematisches und historisches Material, um sich theore- tisch legitimieren zu kˆnnen. Zehn Jahre nach dem oben zitierten R¸ckblick auf die Zeitschrift ´Psychologie & Gesellschaftskritikª lesen wir allerdings ñ wieder in einem Res¸mee eines Redakteurs eben dieser Zeitschrift (Mattes 1998, 38) ñ, dafl sich die Gemein-

samkeit stiftenden gesellschaftstheoretischen Verbindlichkeiten der in dieser Zeitschrift repr‰sentierten Arbeitsrichtungen verloren h‰t- ten: ´Der Bezug auf Gesellschaft als fundamentale Relation ging verloren. Eine marxistische Gesellschaftswissenschaft als unifizie- rende Grundlage war nicht mehr tauglich.ª ´Unter mehr und mehr poststrukturalistischem und diskursanalytischem Einfluflª wurden i.w.S. marxistische und kritisch-theoretische Konzepte verabschie- det (ein Umstand, der es gestattet, nun locker an einer Verbesse- rung statt ‹berwindung der Psychologie mitwirken zu kˆnnen). Ein Editorial von 1996 (H. 3, S. 2) hatte dies angek¸ndigt: ´Mit

wollen wir nicht einfach in die Kerbe gewohnter

diesem Heft

kulturpessimistischer, entfremdungstheoretischer oder generell

kapitalismuskritischer Klagen

sellschaftskritik will seinen LeserInnen nicht eine Verl‰ngerung dieses (an Technikfragen exemplifizierten, M.M.) Diskurses zu- muten, sondern eine vielleicht zuk¸nftig psychologisch (das ist f¸r uns auch psychologiekritisch) relevante Thematik (ãTechnik und Erotikõ, M.M.) erˆffnen.ª Die erstaunliche Reihung von Kulturpessimismus mit Entfrem- dungstheorie und Kapitalismuskritik macht vielleicht nachvollzieh- bar, wieso nunmehr Kapitalismuskritik nur noch als Lamento (´Kla- geª) verstanden wird und einschl‰gige Diskussionen (und weniger die kapitalistischen Zust‰nde) als ´Zumutungª erscheinen (wir werden noch sehen, welche wundervollen Mˆglichkeiten der post- moderne Kapitalismus den Menschen bietet). Ich will auch nicht leugnen, dass bestimmte ´Diskurseª eine Zumutung sind, wohl aber problematisieren, dass der Verweis darauf in einen Zusammenhang gestellt ist, der mit der Zumutung, die der ´Diskursª ggf. bedeutet, das eigentliche Thema diskreditiert ñ wird doch psychologische Relevanz von (´pessimistischerª) Kapitalismuskritik getrennt ge- dacht. In dem Mafle, in dem Kritik, weil sie weniger Resonanz findet, nicht mehr kommod ist, wird mit dem Aufgeben von Kritik auch deren Begriff verw‰ssert. So bestimmt einer der Helden der post- modernen Aufkl‰rung ¸ber die Obsoletheit psychologischer Funk- tionskritik, Teo, seinen persˆnlichen Eindruck vom ´Ausdruck kritischª in der Zeitschrift ´Psychologie & Gesellschaftskritikª 1998 folgendermaflen: ´Der Ausdruck kritisch bedeutet f¸r mich eine Haltung, die den eigenen Kontext historisch und theoretisch durch- denkt.ª (1998, 7) Wenn man diesen Satz durchdenkt, wird man zu dem Ergebnis kommen, dafl auch der Gesichtsrevisionist Ernst Nolte kritischer Wissenschaftler ist ñ allgemein: der Kritikbegriff also zu jener hohlen Phrase verkommt, die mit der formalen Gleich- setzung von Kritik und Gegenstand harmoniert. Teo nun schickt zwecks seiner Erledigung der Funktionskritik der Psychologie ´viele Studentenª vor, die ´kein kritisches Wissen mehr erwerben, son- dern sich Technologien aneignen wollen, die anwendbar sindª. Dagegen helfe nicht das ´Verzweiflungsargumentª, ´dafl Studen- tinnen (eigentlich mit groflem ´Iª, M.M.?) selbstverst‰ndlich Tech- nologien lernen wollen, da sie (gemeint ist wohl: diese, also die ãTechnologienõ, M.M.) innerhalb des Kapitalismus funktional sind.

Psychologie & Ge-

Es hilft nicht, sich darauf auszureden, dafl traditionelle Psychologie gedeiht, da der Kapitalismus bl¸ht und Psychologie Teil der kapi- talistischen Ideologie ist.ª (a.a.O., 21) Wenn es zutrifft, dafl ´unsereª Gesellschaft nach wie vor als ka- pitalistische zu charakterisieren ist, und der Psychologie bzw. den psychologisch Arbeitenden darin widerspr¸chliche Funktionen zukommen: Wieso redet man sich dann heraus, wenn man unmit- telbare Erwartungen von Studierenden an die Problemlosigkeit der Psychologie problematisiert , sie kritisiert ? Wieso redet man sich heraus, wenn man Praxisforschung entwickelt, um die Widerspr¸che psy- chologischer Praxis empirisch und theoretisch aufzuschl¸sseln (vgl. dazu: Markard & Ausbildungsprojekt Subjektwissenschaftliche Be- rufspraxis, 2000)? Redet sich nicht eher heraus, wer all dies vom Halse haben will? Studierende, die psychologische Techniken (´Technologienª) lernen wollen, kˆnnen das doch wirklich ¸berall. Es ist kein Manko Kritischer Psychologie, dafl sie keine ´unmittelbaren Technologi- enª zum Umgang mit Klienten entwickelt hat, sondern Konsequenz ihrer subjektwissenschaftlichen Herangehensweise. Warum sollten kritische Psychologen das Heer der Anbieter von Psycho-Techni- ken vergrˆflern? ´Wozu noch kritische akademische Psychologie?ª, fragt Teo sich und seine Leserinnen und Leser (a.a.O., 21). Ja, wozu noch, wenn nicht dazu, (in kritisch-psychologischer Praxisfor- schung theoretisch und empirisch ermittelte) Widerspr¸che psy- chologischer Praxis zu analysieren? Oder sollten kritische Psycho- logInnen die ´H‰ndlerqualit‰tenª jenes Wissenschaftler- und Prak- tikertyps entwickeln, der die ganze Welt als Markt auffaflt, sich je- der Nachfrage andient, der sich ´unentbehrlichª macht durch ´Kenntnis aller Kan‰le und Abzugslˆcher der Machtª, der ihre ´ge- heimsten Urteilsspr¸cheª err‰t und von deren ´behender Kommu- nikationª lebt (Adorno 1993, 18f)? Die Kritik ¸berkommener Psychologie wird nicht einfach dadurch ¸berfl¸ssig oder ¸berholt, dafl letztere institutionell do- miniert. Ganz im Gegenteil . Teos Einsch‰tzung, traditionelle Psy- chologie sei von kritischen Psychologien ´zu Tode argumentiertª worden, kann ich durchaus folgen, allerdings folgere ich daraus nicht, dafl sie dann auch institutionell zu Grabe getragen werden kˆnnte, weil ich ñ eben kein Konstruktionist ñ Text und Welt, Wort und Tat auseinanderhalte, um es salopp zu formulieren. Wenn es zutrifft, dafl ´der Kapitalismus bl¸htª (Teo, 21), dann ist es mir

unbegreiflich, wieso die in den kritischen Psychologien ñ durchaus mit unterschiedlichen Akzenten ñ entwickelte Funktionskritik der Psychologie ¸berholt sein soll. Sie zu negieren , sehe ich zwei Gr¸n- de: Entweder sind diese Kritiken und Problematisierungen ñ alle-

samt (!) ñ falsch, was inhaltlich zu zeigen w‰re, oder sie sind ange- sichts der Bl¸te des Kapitalismus nur noch l‰stig ñ Jugends¸nden (an anderer Stelle habe ich mich mit diesen Problemen ausf¸hrli- cher auseinander gesetzt, vgl. Markard 1999, 2000). Es zeigt sich: Die Gleichsetzung von Gegenstand und Kritik ist in Wirklichkeit die Abschaffung der Kritik und die Akzeptanz des Gegenstandes. Die Kritik hat sich auf den mainstream zubewegt, wie man mittlerweile auch der Tagespresse, bspw. in Berlin, ent- nehmen kann. Selbst der konservative ´Tagesspiegelª wunderte sich 1998 in seinem Bericht ¸ber den Kongrefl der akademisch offiziˆ- sen ´Deutschen Gesellschaft f¸r Psychologieª, dafl dort sogar in ei- ner Veranstaltung zu Arbeits- und Organisationspsychologie das Wort ´Machtª nicht gefallen sei. Dieselbe Zeitung schreibt ¸ber den 1999er Kongrefl der ´Neuen Gesellschaft f¸r Psychologieª, ei- ner kritisch gemeinten Gegengr¸ndung zur Gesellschaft f¸r Psy- chologie: ´Ihre (der Psychologen, M.M.) Rolle in der Gesellschaft ist ihnen entglitten, seit die Psychologie als zentrale Hilfswissen- schaft der Kapitalismuskritik mit dem Sieg des Kapitalismus unan- genehm zu riechen begann Dennoch scheint gerade der schlechte Ruf gewisse Selbstheilungskr‰fte zu stimulieren: Der viert‰gige

geriet zu einer ¸berwiegend heiteren, von Dogmen

Kongrefl

weitgehend unbelasteten Bestandsaufnahme zwischen Theorie und Praxis. US-Pr‰sident Bill Clinton, beispielsweise, scheint die In- terpretationslust der Fachleute gegenw‰rtig st‰rker zu inspirieren als die verschiedenen sozialen Fragen zusammengenommen.ª Bill mit Monica, Monica (Sie erinnern sich?) gegen Hillary, alle drei im Clinch (was ist mit Bills & Hillarys Tochter?) ñ in der Konzen- tration auf diese Fragen best‰tigen diese Psychologen Eagletons Befund postmoderner Themenverschiebung (1997, 33): ´In den fr¸- hen Siebzigern haben Kulturtheoretiker ¸ber Sozialismus, Zeichen und Sexualit‰t diskutiert; in den sp‰ten Siebzigern und den fr¸hen Achtzigern stritten sie ¸ber den Vorrang von Zeichen und Sexua- lit‰t; in den sp‰ter Achtzigern diskutierten sie ¸ber Sexualit‰t. Dies war offensichtlich kein blofler Politikersatz, da Sprache und Sexu- alit‰t durch und durch politisch sind; es erwies sich aber als n¸tzli- che Methode, um ¸ber bestimmte klassische Fragen hinauszuge-

langen, wie etwa die Frage, weshalb die meisten Menschen nicht genug zu essen haben; dies f¸hrte schliefllich dazu, dafl Fragen wie diese so gut wie vollkommen von der Tagesordnung verdr‰ngt wurden.ª Die Angst, die hinter dem R¸ckzug der Kritik steht, ist wohl die vor gesellschaftlicher Isolation. So heiflt es bei Mattes (1998, 30): ´Die systematische Verbindung von kritischer Psychologie und Gesellschaftskritik stellt eine lokale und tempor‰re Besonderheit dar, was, obschon zu Zeiten gut begr¸ndet, die deutschsprachige kritische Psychologie gegen¸ber anderen relevanten Diskursen mit kritischem Potential (= postmodernen Diskursen, M.M.) isoliert hat.ª ´Zu Zeitenª gut begr¸ndet, heutzutage isolierend: ein ´Dis- kursª-Wechsel von Erkenntnis zu Funktion ñ oder: retrospektive Kritik als soziale Anpassung ñ, die abstrakte Gegenposition zu Adornos (1993, 22) Einlassung: ´F¸r den Intellektuellen ist unver- br¸chliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarit‰t noch etwa zu bew‰hren vermag.ª ´Zu Zeitenª konnte sich die Entwicklung kritisch-psychologi- schen Denkens als Teil einer lebendigen marxistischen Diskussion verstehen, sozusagen auch auf deren Wellen mitreiten. Heute steht dieses Denken vor dem Problem, dafl einerseits mit dem Ausbren- nen des realsozialistischen Systems grunds‰tzliche Diskussionen ¸ber Relevanz bzw. Aktualit‰t ´desª Marxismus vollends unver- meidlich wurden, andererseits sich aber f¸r den Marxismus ñ wenn man ihn mit Jameson (1996, 175) als Wissenschaft von den Wi- derspr¸chen des Kapitalismus faflt ñ sein Gegenstand in der Tat ´globalisiertª hat. Marxistische Diskussionen sind f¸r kritisch- psychologisches Denken aber wesentlich, weil Konzepte wie ´Emanzipationª und ´subjektive Handlungsf‰higkeitª, mit denen der widerspr¸chliche Zusammenhang von gesellschaftlicher und individueller Reproduktion psychologisch begreifbar werden soll, ohne Bezug auf aktuelle, immer wieder zu aktualisierende gesell- schaftstheoretische Reflexionen abstrakt werden m¸ssen. Gerade die Psychologie in ihrer Eigenschaft als Sprachrohr wie Stichwort- geberin der ´sog. ˆffentlichen Meinungª ist sehr empf‰nglich daf¸r, psychologisierende Ausblendungen gesellschaftlicher Widerspr¸- che zu wissenschaftlichen Konzepten zu formen. Entsprechend kˆnnen wir ñ im Zeichen auf akademische Reputierlichkeit set- zender qualitativer, postmoderner, subjektbezogener Ans‰tze ñ die Einladung zur systematischen Entpolitisierung der Kritik des psy-

chologischen mainstream beobachten ñ allemal das Einverst‰ndnis, Marx als toten Hund zu betrachten.

3. Einheit von Psychologie- und Gesellschaftskritik als Konsequenz Kritischer Psychologie als marxistischer Subjektwissenschaft

Mit der ´Erledigungª psychologischer Funktionskritik soll ein Pro- blem gelˆst werden, das Holzkamp als unlˆsbar bezeichnete. Schon die zur Kritischen Psychologie f¸hrende Psychologiekritik war, so Holzkamp in seiner ´Grundlegung der Psychologieª, ´keine blofl

ãeinzelwissenschaftlicheõ Angelegenheit, sondern hatte eine politi- sche Stoflrichtung gegen die Psychologie als Anpassungs- und Herr- schaftswissenschaftª (1983, 25, Hervorhebung von mir, M.M.). Deswegen sahen und sehen sich Kritische Psychologen vor der ´in der b¸rgerlichen Gesellschaft strukturell niemals endg¸ltig lˆsba- ren Aufgabe, eine radikal gesellschaftskritische Position mit einer

berufsqualifizierenden Ausbildung im ¸blichen Sinne

verbindenª. Sie sahen und sehen sich mit den ´Forderungen der Studenten konfrontiert, sie auf eine radikal demokratische, fort- schrittliche, und dennoch unter den gegebenen kapitalistischen Bedingungen ãmˆglicheõ (d.h. individuell existenzsichernde) Berufspraxis vorzubereiten.ª (ebd.) All dies l‰flt sich allgemeiner als das grunds‰tzliche Problem formulieren, wie ´eine radikal gesell- schaftskritische Positionª mit psychologischem Denken und Handeln zu verbinden sei. F¸r die weitere Argumentation ist es nun erforderlich, die zen- trale Differenz zwischen den bisher in ihrer Entwicklung von ´zu Zeitenª bis heute beschriebenen Strˆmungen kritischer Psycholo- gie und jener Kritischen Psychologie (die Schreibweise des ´kª/´Kª ist pragmatisches Unterscheidungsmerkmal) aufzuzeigen, die vor allem mit dem Werk Klaus Holzkamps in Verbindung gebracht wird und blofle Psychologiekritik in Richtung auf eine kritisch-eman- zipatorische ñ in diesem Sinne ãpositiveõ ñ Psychologie-Konzepti- on ¸berschritt (und deren Zeitschrift das seit 1978 existierende ´Forum Kritische Psychologieª ist). Die sachliche Notwendigkeit dazu mag man sich an einem be- merkenswerten Widerspruch in der oben zitierten Passage von Grubitzsch ¸ber die Linie der Zeitschrift ´Psychologie und Gesell- schaftskritikª verdeutlichen. Dort hiefl es, statt ´eine bessere Psy-

zu

chologie zu produzierenª, gehe es darum, ´die Bedingungen und damit das Verhalten selbst als gesellschaftlich konstituiert aufzuzei- genª und ´den Finger auf jene sozialen Problemfelder und gesell- schaftlichen Bruchstellen zu legen, f¸r deren radikale Durchdrin- gung neben gesellschaftsanalytischen auch psychologische Katego- rien unabdingbar sindª. Die hier neben gesellschaftsanalytischen auch als ´unabdingbarª zugestandenen psychologischen ´Kategorienª sind nun schon insofern unvermeidlich, als die im Zitat enthalte- nen Aussagen ¸ber das Verh‰ltnis von Individuum / Subjekt und

Gesellschaft genuin psychologische sind ñ sofern man sich auf die der-