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Podcasts im Lehr- und Lernbetrieb

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Achtung, Kamera läuft! Der aufgezeichnete Unterricht – Tipps und Tricks für Podcasts im Lehr- und Lernbetrieb
von Walther Nagler und Martin Ebner (Technische Universität Graz)

Aufzeichnung – Educast – Podcasting – Streaming – iTunes U – TeacherTube – Universität Aufzeichnungstätigkeiten von Lehrveranstaltungen können die Lehre und das Lernen in vielfältiger Weise sehr unterstützen. Oft jedoch schrecken Lehrende vor den technischen Herausforderungen zurück. Dabei ist es gerade mit den heutigen Mitteln nahezu kinderleicht geworden, Videos zu produzieren und einer breiten Öffentlichkeit über das Internet zur Verfügung zu stellen. Dieser Artikel zeigt auf, dass es auch ohne technisches Spezialwissen möglich ist, qualitativ ausreichend hochwertige Aufnahmen im Lehrbetrieb zu ermöglichen. Darüber hinaus stellen wir aber auch Methoden und Praxen vor, die professionelle Aufnahmetätigkeiten im gegebenen Rahmen widerspiegeln. Dabei legen wir besonderes Augenmerk auf die jeweiligen didaktischen Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Aufnahmemöglichkeiten sowie einzelner Arbeitsschritte. Unsere Botschaft: Aufzeichnen kann jeder! Die Lernenden sind begeistert!

Schlagworte

Überblick

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Einleitung Podcasts, Vodcasts, Streaming, Screening und Co – eine Unterscheidung Wozu aufzeichnen? Allgemeine didaktische Überlegungen Keine Angst vor Technik! Technische Voraussetzungen Aufzeichnungsformate Der Screencast Die Ton- und Videoaufzeichnung Der (Live-)Stream Alles im Kasten – und nun? Die Nachbearbeitung Wir sind online! Publizieren von Aufnahmen Alles bedacht? Weitere Faktoren Zusammenfassung und zukünftige Entwicklungen

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Literaturhinweise

Handbuch E-Learning

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Web 2.0 in der Bildung

Einleitung

TIM O'REILLY veranstaltete (zusammen mit DALE DOUGHERTY) im Herbst 2004 in San Francisco die erste Konferenz zum Thema Web 2.0 und verhalf damit diesem Begriff zum internationalen Durchbruch (O'REILLY 2005). Wesentlich erscheint, dass dieser Begriff keine neue Technologie beschreibt, sondern vielmehr eine Haltung, wie Nutzerinnen und Nutzer mit dem Internet umgehen und wie sie es verwenden. Im Speziellen ist gemeint, dass es um die Wandlung der passiven Benutzer (Lesen von statischen Webseiten) zu aktiven Akteuren geht. Die Aktivität spiegelt sich vor allem durch die einfache Möglichkeit, (eigene) Inhalte ins World Wide Web zu stellen, wider. Mehr oder weniger als logische Konsequenz begann auch der Forschungsbereich des technologiegestützten Lehrens und Lernens über die Möglichkeiten von Web 2.0 nachzudenken und intensiv damit zu experimentieren. STEPHEN DOWNES postulierte und prägte hierfür das Schlagwort E-Learning 2.0 (DOWNES 2005). E-Learning 2.0 steht seitdem für den Einsatz von Web-2.0Applikationen in der Bildung und der aktiven Einbindung von Lernenden im Unterricht (EBNER 2007). Aus technologischer Sicht kann man heute sagen, dass mit diesem Wechsel unweigerlich das Aufkommen von Weblogs, Wiki-Systemen und Podcasts verbunden war (EBNER et al. 2011). Die Verwendung von Weblogs (LUCA/MCLOUGHLIN 2005) und Wikis (AUGUR et al. 2004) ist seitdem essenzieller Bestandteil der Forschung. In diesem Beitrag widmen wir uns dem sogenannten Podcasting, das auch durch die Errungenschaften des Web 2.0 zu einem Massenphänomen geworden ist. Zuerst werden die Begrifflichkeiten näher erläutert und die Relevanz für die Bildung erklärt, ehe die einzelnen Schritte zur erfolgreichen Umsetzung skizziert werden. Merksatz: Podcasting ebenso wie Weblogs und Wiki-Systeme gehören zu typischen Vertretern der Web-2.0-Bewegung.

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Definition von Podcasts

Podcasts, Vodcasts, Streaming, Screening und Co – eine Unterscheidung

WIKIPEDIA schreibt zur Definition von Podcasts »A podcast is a type of digital mediaconsisting of an episodic series of audio, video, PDF, or ePub files subscribed to and downloaded through web syndication or streamed online to a computer or mobile device« (vgl. WIKIPEDIA 2012, unter http://en.wikipedia.org/wiki/Podcast). Der Begriff geht zurück auf ADAM CURRY, der 2002 die automatisierte Verbindung zwischen dem von Apple angebotenen Musikverwaltungsprogramm iTunes und im Internet verfügbaren Musikdateien vorantrieb (VAN AAKEN 2005). Das Wort selbst setzt sich zusammen aus dem berühmten Musikabspielgerät iPod und dem englischen Begriff für Rundfunkübertragungen broadcasting. Wie die Definition von WIKIPEDIA beschreibt, handelt es sich also um eine multimediale Datei (Ton, Video, PDF oder E-Book-Datei), welche unter Zuhilfenahme von Webtechnologien komplett automatisiert vom Produzenten (Sender) zum Konsumenten (Empfänger) gelangt.

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Damit diese automatisierte Übertragung möglich ist, kommt die sogenannte RSS-Technologie (Really Simple Syndication) zum Einsatz, ein auf XML basierendes Webformat. RSS-Technologie bildet die Grundlage sehr vieler Web-2.0-Dienste; durch RSS ist der vollautomatische Austausch von Informationen zwischen zwei Computern möglich (NAGLER et al. 2007). Der Vorteil für den Sender wie für den Empfänger ist groß: Die Übertragung, also das Senden und Empfangen, erfolgt komplett selbstständig. Um sich ein besseres Bild von dieser Technik zu machen, kann man RSS am ehesten mit dem E-Mail-Dienst vergleichen, wobei der wesentliche Unterschied für den Anwendenden nun darin besteht, dass der Sendende nicht mehr aktiv die Information versendet, sondern dass dieser Schritt durch die Technologie selbst automatisiert erfolgt, indem die Information aktiv abgeholt wird. Voraussetzung für den automatischen Bezug von Inhalten ist, dass man den sogenannten RSS-Feed eines Sendenden (quasi dessen E-Mail-Adresse) abonniert hat. Zum Empfangen eines RSS-Feeds wird ein RSS-Reader benötigt (gleichsam einem E-Mail-Programm wie Thunderbird oder Microsoft Outlook). Mittlerweile sind RSS-Reader bereits in Standard-E-Mail-Software und Internet-Browsern integriert, in welche man nun also nur noch den jeweiligen RSS-Feed einzutragen hat. Merksatz: RSS ist die zentrale Technologie der Web-2.0-Ära; sie ermöglicht das automatisierte Senden und Empfangen von Änderungen auf Internetseiten an Rezipienten bzw. zwischen zwei Internetanwendungen. Kurz zusammengefasst funktioniert also Podcasting folgendermaßen: Der Sender produziert eine multimediale Datei – z. B. eine Musikdatei im Format MP3 – und stellt diese auf einem Webserver im Internet zur Verfügung – z. B. durch Hochladen auf einen Weblog. Hat man nun von diesem Weblog den RSS-Feed abonniert, so erhält man automatisch die Nachricht, dass eine neue Datei zur Verfügung steht und kann diese abspielen. RSSFeeds werden auf sehr vielen Internetseiten mit sich häufig ändernden Inhalten zum Abonnieren angeboten. Als Erkennungszeichen dafür, dass es von der Internetseite einen RSS-Feed gibt, wird gerne das RSS-Logo eingesetzt (Abbildung 1).

RSS-Technologie

Abb. 1: RSS-Logo

Auch der Informationsaustausch auf Plattformen sozialer Netzwerke basiert im Grunde auf RSS-Technologie. Wenn man auf Facebook einen Freund hinzufügt, so »abonniert man im Prinzip dessen RSS-Feed« und bekommt somit alle Aktivitäten und Nachrichten des Freundes im eigenen Konto angezeigt. Im Falle von Apples Medienplattform iTunes kann auch noch eine automatische Synchronisation mit weiteren Apple-Endgeräten (iPod, iPhone, ...) erfolgen, sodass der gesamte Prozess vom Upload bis zum File auf dem iPod vollkommen maschinenbasiert erfolgt.

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RSS-Technologie wird selbstverständlich auch in der Lehre verwendet, wie dies auch in zahlreichen Literaturstellen dargelegt wird (TOWNSEND 2005; CAMPBELL 2005; ALMONTE/GILROY 2005).
iTunes U

Die Firma Apple hat weiter durch die Gründung der Medienplattform iTunes U den einfachen Austausch bzw. das gezielte Anbieten von Mediendateien speziell für den universitären Gebrauch ermöglicht. Heute gibt es weltweit zahlreiche Universitäten, die sich dieser Plattform bedienen, um Inhalte sowohl ihren Studierenden als auch anderen Interessierten zur Verfügung zu stellen (vergleiche auch Open University, unter http:// www.open.ac.uk/). Merksatz: Podcasting beschreibt die automatisierte Übertragung einer digitalen multimedialen Datei vom Produzenten auf das Endgerät des Konsumenten. Eine Aufzeichnung oder die Produktion eines Files alleine ist dieser Definition gemäß kein Podcast, sondern es bedarf auch einer webbasierten Technologie, welche die automatisierte Verbreitung ermöglicht.

Varianten des Podcasts

Der Begriff Podcast wird im alltäglichen Sprachgebrauch meist aber viel weitläufiger verwendet. So wird mitunter gerne die Aufzeichnung an sich schon als Podcast bezeichnet. Darüber hinaus haben sich auch schnell Varianten zum Begriff Podcast gebildet, welche die multimediale Datei genauer beschreiben, so meint ein Vodcast (auch Videocast, Vidcast oder Video-Podcasting) eine Video-Datei, die in beschriebener Manier übertragen wird. Durch die stetig zunehmende Bandbreite der Endnutzenden machen Vodcasts heute einen wesentlichen Bestandteil der Internetübertragungen aus. Dem gegenüber stehen nun die Begriffe Streaming und Screencasting, welche sich grundlegend von Podcasts unterscheiden, da sie dem oben beschriebenen Verlauf der Übertragung in keiner Weise folgen. Streaming beschreibt eine Technik, welche eine Live-Übertragung von Veranstaltungen, Präsentationen oder Ähnlichem im Web ermöglicht. Diese ist auch heute noch immer die aufwendigste Möglichkeit, Lehrveranstaltungsinhalte (live) ins Web zu übertragen. Sie benötigt neben Personalressourcen (Aufnahme vor Ort) auch größere Hard- und Softwareinvestitionen und ist daher im universitären Bereich vergleichsweise weniger verbreitet. Beim Screencasting (oder einfach auch Screening) wird mit Hilfe einer meist lokal am Computer installierten Software der Bildschirminhalt des Computers gefilmt; meistens wird auch der Ton über den Mikrofoneingang des Computers mit aufgezeichnet. Die so entstandene Video-Datei kann dann natürlich auch als Vodcast zur Verfügung gestellt werden. Diese Technik wurde zu Beginn hauptsächlich zur Erklärung und Schulung von Software verwendet, zieht aber seit einigen Jahren immer mehr in die Ausbildungsstätten ein, da sie im Vergleich zu aufwendigen Filmproduktionen sehr einfach und schnell einsetzbar ist. Ist in weiterer Folge allgemein von Aufzeichnungstätigkeit die Rede und demnach keiner der genannten Begriffe näher gemeint, so können wir im Bildungskontext den Term Educast als Überbegriff für Tonund Filmaufnahmen verwenden.

Streaming und Screencasting

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Merksatz: Im Bildungsbereich werden Aufzeichnungstätigkeiten auch oft unter dem Sammelbegriff Educast genannt (ZORN et al. 2011).

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Wozu aufzeichnen? Allgemeine didaktische Überlegungen
Kritik an Aufzeichnungen

Im universitären Umfeld ist die Aufzeichnung (entspricht aber nach obiger Definition keinem Podcast) von Lehr- und Lerninhalten schon lange alltäglicher Bestandteil. Hat man mit Beginn der 1970er-Jahre vor allem auf Fernseh- und Videotechniken gesetzt, so hat sich dies in den letzten Jahren immer mehr in Richtung World Wide Web verlagert. Plattformen wie YouTube oder Vimeo haben langsam Einzug in die Hörsäle gehalten. Bei einer ersten oberflächlichen Betrachtung stehen solche Techniken immer wieder im Feuer der Kritik, da Lehren und Lernen natürlich mehr ist als die bloße Konsumation von Inhalten und der persönliche Kontakt der Lernenden mit den Lehrenden für das erfolgreiche Lernen einen wesentlichen Bestandteil des Unterrichts und der Bildung ausmacht (HOLZINGER 2000). Auch die Befürchtung einer »Lehre aus der Retorte« oder, dass Einsparungsmaßnahmen durch einmalig aufgezeichnete Inhalte zu einem Verlust der Qualität in der Lehre führen, sind häufig geäußerte Ängste. Grundsätzlich sind diese Einwände durchaus berechtigt. Deshalb beschäftigen sich die Autoren intensiv mit den Mehrwerten von Aufzeichnungen und haben diese auch in zahlreichen Evaluationen bereits untersucht (NAGLER et al. 2008; EBNER et al. 2008; EBNER et al. 2007). Obgleich die Vor- und Nachteile von Aufzeichnungen noch an anderer Stelle detaillierter betrachtet werden, seien bereits hier markante Beispiele genannt, wo dieser Mehrwert eindeutig gegeben ist: ■ Nachbereitung und Prüfungsvorbereitung: Wie Evaluationen zeigten (EBNER/NAGLER 2008) verwenden Lernende Vorlesungsaufzeichnungen primär zur Prüfungsvorbereitung bzw. zur Nachbereitung des Unterrichts (instruierendes Lernen des Kognitivismus). Besonders, wenn der eigentliche Lehrstoff sehr stark prozessorientiert ist und dieser für den Lernerfolg ausschlaggebend ist. Das Nachvollziehen mathematischer Berechnungen oder der Aufbau von ingenieurwissenschaftlichen Zeichnungen können hier als aussagekräftige Beispiele angeführt werden. ■ Unterstützung bei komplexen Lerninhalten: Ein besonderes Augenmerk von Aufzeichnungen ist die Möglichkeit, Lerninhalte in kurze Teile zu unterteilen und diese kurzen Lernsequenzen zusätzlich zur eigentlichen Veranstaltungen anzubieten (tutorieller Ansatz). Damit können Lernende gezielt Inhalte wiederholen und auch üben (LOVISCACH 2011). ■ Verbesserte Darstellung von Lehrinhalten: Eine weitere Möglichkeit ist die Aufnahme von Versuchen oder Experimenten, da durch wiederholtes Ansehen diese näher erläutert und gelernt werden können. Damit erfolgt einerseits eine Kostenreduktion und andererseits eine bessere Betrachtungsmöglichkeit (Zoom, langsames Vor- und Zurückspulen, …).

Mehrwert von Aufzeichnungen

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■ Archivierung einmaliger Lehrinhalte: Aufzeichnungen erlauben es, einmalige Inhalte (wie z. B. der Besuch eines Gastprofessors) festzuhalten und zu archivieren. Damit stehen diese im Anschluss auch nachfolgenden Generationen zur Verfügung. ■ Lernende erstellen Inhalte selbst: Durch den immer geringer werdenden technischen Aufwand bzw. den zunehmenden Besitz entsprechender digitaler Endgeräte (EBNER et al. 2012) können Lernende selbst kurze multimediale Dateien erstellen und dieser wiederum zur Verfügung stellen (Kollaboration). Dadurch kann eine höhere Motivation und Interaktivität erreicht werden.
Educasts – Vorbereitungsphase

Bei der Erstellung von Educasts müssen in der Vorbereitungsphase grundsätzliche Fragen diskutiert und geklärt werden, die auch für den Einsatz anderer Technologien und Medien im Unterricht gelten können (ZORN et al. 2011): ■ Welche Zielgruppe soll erreicht werden? ■ Welche Lernziele sollen erreicht werden? ■ Welches technische Format soll eingesetzt werden? (Screencast, Videoaufnahme, …) ■ Welche Ressourcen sind dafür nötig und welche sind vorhanden? ■ In welchem didaktischen Szenario ist der Educast eingebettet? ■ Wie bereite ich die Lerninhalte dafür didaktisch auf? ■ Wie sichere und fördere ich die Motivation? ■ Welche Form der Publikation und der Verbreitung ist vorgesehen? Die Frage nach der Zielgruppe scheint hier wohl am leichtesten zu beantworten zu sein. Wird jedoch die Aufnahme zum Beispiel auch einem öffentlichen, in unserem Kontext bildungseinrichtungsfernen Publikum zur Verfügung gestellt (YouTube, iTunes U, …) so kann die Frage nach der Zielgruppe aber durchaus zu einem die Aufnahme und/oder deren Inhalte beeinflussenden Faktor werden. Die wohl entscheidende Frage im Vorfeld eines Educasts ist jene nach den Lernzielen. Danach richtet sich meist auch das zu wählende beste technische Format für die Aufzeichnung: Reicht eine Tonaufnahme des Vortragenden aus, oder ist es unabdingbar, dass auch ein Video vorhanden ist, da z. B. ein Experiment vorgeführt wird? Soll eine Massenlehrveranstaltung live im Internet übertragen werden, damit auch Studierende von außerhalb des zu kleinen Hörsaals an der Lehrveranstaltung teilnehmen können? Soll der Umgang mit einer Software erlernt werden, oder ist das Erlernen von Aufzeichnungstätigkeiten selbst das Ziel? Hand in Hand mit der Wahl der Lernziele und des gewünschten Formates geht die Frage nach den dafür benötigten Ressourcen. Soll ein fix im Hörsaal installiertes Aufzeichnungsequipment angeschafft werden, oder reicht ein einfaches Smartphone aus? Hierbei darf auch nicht außer Acht gelassen werden, ob der Educast ein einmaliges Ereignis ist, oder ob sich die Aufzeichnungstätigkeit über mehrere Termine hinweg zieht. Werden Lehrveranstaltungen über deren gesamte Dauer (Semester) aufgezeichnet, so ist eine genaue Ressourcenplanung in Hinblick auf Zeit und Verfügbarkeit unabdingbar. Kann die Aufzeichnung von Lehrenden oder Studierenden selbst durchgeführt werden, oder benötigen diese personelle Unterstützung in technischen oder logistischen Aspekten?

Neue didaktische Wege

Im Zuge der Planung von Educasts wird somit schrittweise deutlich, dass diese immer in einem gesamten didaktischen Szenario betrachtet werden

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müssen. Eventuell besteht auch der Bedarf nach einer Evaluierung der Aufzeichnungstätigkeiten. Alle bisher genannten Faktoren haben Einfluss auf die didaktische Gestaltung der eigentlichen Lerninhalte. Durch Aufzeichnungstätigkeiten werden neue didaktische Wege ermöglicht. So unterstreicht der Aspekt der Wiederholbarkeit des Abspielens einer Aufzeichnung zum Beispiel die Qualität sich entwickelnder Inhalte, also Inhalte mit progressivem Verlauf. Mathematische Rechenbeispiele, Konstruktionsübungen, physikalische Experimente lassen sich in ihrer Entstehung nachvollziehbar konservieren und stellen damit einen Vorteil gegenüber einfach präsentierten Ergebnissen dar. Werden die Inhalte gar von Studierenden selbst produziert, so ist hiermit (zumindest für die Primär- und Sekundarstufe) ein hoher Motivationsfaktor gegeben. Aber auch im tertiären Bildungsbereich können Educasts die Motivation der Studierenden am Lernen fördern. Werden Educasts als Ressource verwendet, um mit Inhalten zu arbeiten, anstatt diese Inhalte nur zu präsentieren, so ist eine aktive Auseinandersetzung im Sinne eines konstruktivistischen Lernansatzes gegeben. Dies erfordert natürlich eine aufwendigere inhaltliche Abstimmung von vorgegebenen Lerninhalten, Arbeitsaufträgen und deren Auswertung. Aber auch schon ein paar wenige, gezielte Fragen in Aufzeichnungen eingebaut, erhöhen die Motivation von Studierenden währende der Vorbereitungszeit für Prüfungen. Letztendlich spielt auch die Frage nach der Verteilung (Distribution) des Educasts eine Rolle, die unbedingt vorher abgeklärt werden soll. Dabei ist auch die Wahl des Endformates nicht unwesentlich. Nicht alle Formate können von allen Computersystemen interpretiert werden. Auch ist zu bedenken, ob bei einem absehbar größeren Endprodukt bezüglich der Datenmenge anstelle einer Download-Variante eine Streaming-Variante sinnvoller ist, bei der nicht die gesamte Datei auf einmal geladen wird, sondern ein sukzessives Laden während der Konsumation geboten wird. Im Zusammenhang des Veröffentlichens muss auch besonders auf rechtliche Aspekte achtgeben werden. Die Verwendung von Inhalten Dritter muss definitiv zuvor hinsichtlich Urheber- und Verwertungsrechte geklärt sein. Das Onlinestellen von Aufzeichnungen mit Inhalten Dritter ist auch im scheinbar geschützten Rahmen der Lehre, gerade im deutschsprachigen Raum nicht unproblematisch. Dabei spielt es keine Rolle, ob solche Inhalte über eine passwortgeschützte Internetseite (z. B. Lernplattform) angeboten werden oder über eine öffentliche Medienplattform (z. B. YouTube). Dennoch, die Möglichkeiten der Distribution von Aufzeichnungen sind sehr vielfältig; hier ein paar Beispiele: ■ LMS: Lehr- und Lernplattform (z. B.: Moodle, OLAT, Blackboard …), ■ CMS: Content-Management-System (Sammlungen z. B.: Joomla …), ■ Internet-Medienplattform (z. B. YouTube, TeacherTube, Flickr, iTunes U …), ■ Live-Übertragungskanäle (Qik, Vimeo, ustream …). Merksatz: Mit Podcasting geht immer eine sorgfältige didaktische Planung einher; insbesondere die Frage nach Zielgruppe und Lernzielen, die in hohem Maße die technische Umsetzung und die Ressourcenplanung beeinflussen, müssen im Vorfeld geklärt werden.
Distribution des Educasts

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Technische Expertise nicht erforderlich

Keine Angst vor Technik! Technische Voraussetzungen

Während seitens der Lehrenden didaktische Überlegungen ausgearbeitet und angedacht werden, sehen sich viele Lehrende hinsichtlich der technischen Umsetzung vor großen Herausforderungen. Im Grunde geht es bei Educasts immer um eine Form der Ton- und Filmaufnahme bzw. Kombinationen davon sowie eventuell noch um eine zusätzliche Weiterverarbeitung der Aufnahme zu einer abspielbaren Datei. War es vor noch nicht allzu langer Zeit tatsächlich nur mit speziellen technischem Verständnis möglich, eigenständig Aufzeichnungen durchzuführen, so bietet der revolutionäre Ansatz des Web 2.0, bei dem jeder mit einfachsten Möglichkeiten zum Internet-Autor oder zur Internet-Autorin wird, auch im Audio/VideoBereich (AV-Medien) adäquate Lösungen. Nicht zuletzt auch durch die rasante Weiterentwicklung der Aufnahmegeräte und deren Bedienung ist die Erstellung eines Videos heutzutage geradezu ein Kinderspiel geworden. Zum Beispiel ist ein aufnahmefähiges Smartphone ausreichend, um erste Erfolge in diesem Bereich zu erlangen. Auch das Onlinestellen wird einem auf diesem Wege faktisch schon automatisiert abgenommen. Besitzer eines iPhones und eines YouTube-Accounts produzieren, bearbeiten und stellen Videos in Minuten online. Nun, für den Lehrbetrieb ist dies durchaus auch eine Möglichkeit, mit Educasts zu arbeiten, zumal der Anteil jener Studierenden bzw. Schülerinnen und Schüler mit entsprechendem Smartphone stark steigt (EBNER et al 2012; JIM STUDIE 2008). Der Gebrauch von Smartphones kann auch im medialen Bereich damit zunehmend vorausgesetzt werden. Spätestens durch die soziale Internetplattform Facebook ist das Veröffentlichen, also das Hochladen von multimedialen Inhalten ins Internet zur alltäglichen Routine für Jugendliche geworden. Eine gewisse Fertigkeit und Offenheit der heranwachsenden Generation solchen Prozessen gegenüber kann somit zumindest angenommen werden. Natürlich können diese schnellen Lösungen nicht als Allheilmittel für Educasts schlechthin herangezogen werden, wenngleich sie doch eine gute Möglichkeit bieten, mit geringem Aufwand gute Ergebnisse zu erreichen. Aber auch für »professionellere« Educasts gibt es mittlerweile einfachere Wege der Realisierung. Die Bedienung einer digitalen Kamera und/oder eines Mikrofones ist im Grunde für jede interessierte Person keine unüberbrückbare Hürde mehr. Das Abspeichern der Daten vom Aufnahmegerät auf einen Computer erfolgt gleichsam so einfach wie das Übertragen von Dateien mittels eines USB-Sticks. Durchaus schwieriger kann sich jedoch die Nachbearbeitung von Aufnahmen gestalten, sofern hochgesteckte Ziele zugrunde liegen. Meist kann aber mit einer dem digitalen Aufnahmegerät mitgelieferten Software auch die Nachbearbeitung und Umwandlung der Aufnahme in ein entsprechendes Abspielformat durchgeführt werden. Professionelle Software zum Editieren von AV-Daten bieten zwar weitaus mehr Möglichkeiten, setzen aber auch wiederum einige Kenntnis dahin gehend voraus und sind durchaus etwas kostspielig. Wer jedoch vorhat, vermehrt Videos in guter Qualität mit vielen Effekten auf Basis mehrerer Rohdaten zu produzieren, der sollte sich hier auch die Zeit, Muße und Finanzen in die Hand nehmen; es lohnt sich. Dennoch, es gibt auch eine große Anzahl von ausreichend guter Software, die gratis genutzt werden kann und mit der ebenso gute Ergebnisse erzielt werden können. Genannt werden sollten
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Professionelle Educasts

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hier vor allem Avidemux für den Videoschnittbereich und Audacity für den Audioschnittbereich (siehe Abbildung 2). WIKIPEDIA bietet eine gute Übersicht über weitere AV-Medienbearbeitungssoftware (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Videoschnittsoftware und http://de.wikipedia.org/wiki/Audioeditor). Das Endformat, das zum Abspielen des Educasts geeignet ist, sollte grundsätzlich ein weitverbreitetes, übliches sein, damit eine Einschränkung auf bestimmte Endgeräte kein limitierender Faktor ist (außer es ist speziell erwünscht). Hier bieten sich derzeit die Formate .mp4, aber auch .avi an. Teilweise wird die Frage des Endformates aber auch von der Plattform eingeschränkt bzw. übernommen, auf welcher die Aufnahme letztendlich veröffentlicht wird.

Abb. 2: Audacity; Audioeditiersoftware; Screenshot des Programms mit Stereo-Tonbeispiel

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Aufzeichnungsformate

In diesem Abschnitt werden nun die einzelnen Aufzeichnungsformate bezüglich ihrer spezifischen didaktischen und technischen Aspekte hin beleuchtet, um die jeweiligen Vor- und Nachteile und damit deren Einsatzmöglichkeiten besser zu verdeutlichen. Auch werden Beispiele der Umsetzung angeführt. 5.1 Der Screencast
Screening-Software

Als Screencast werden Aufzeichnungen des Bildschirmgeschehens bezeichnet. Dies bedeutet, dass eine dafür geeignete Software den Bildschirm (screen) filmt, vergleichbar einer regelmäßigen Abfolge von Screenshots.
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Dazu ist im Grunde keine weitere Hardware nötig. Screening-Software bietet zumeist neben der eigentlichen Screen-Aufzeichnung auch die Möglichkeit an, Tonaufnahmen gleichzeitig mit aufzunehmen; zum Beispiel die Sprecher einer Präsentation. Darüber hinaus kann auch noch eine externe Videoaufnahme (z. B. Video der/des Vortragenden) in den Screencast hinein platziert werden; hier spricht man dann von der Picture-in-Picture (PiP) Methode. Es gibt zwar auch hier eine Reihe kostenloser Software (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Screencast) jedoch sind die kostenpflichtigen Screening-Lösungen von Adobe (Adobe Captivate) und von TechSmith (Camtasia) für Windows-Systeme zu empfehlen. Apple bietet hierfür die ebenso kostenpflichtige Software iShowU für iMac und MacBook an. Mit der Software explain everything gibt es eine all-in-one-Lösung zum Screencasten ausschließlich für iPads auf dem Markt: Screening, Editieren und Veröffentlichen in einem. Merksatz: Screencasts sind einfach und schnell erzeugte Aufzeichnungen der Bildschirmaktivitäten. Sie erfreuen sich dadurch steigender Beliebtheit, auch im Bildungssektor.
Einsatz des Mikrofons

In der Regel ist die Screening-Software am Computer, dessen Bildschirm aufgezeichnet werden soll, lokal installiert. Es gibt aber auch Szenarien, welche das gleiche Resultat erzielen, bei denen die Software nicht direkt am Rechner läuft. Mehr dazu auch im Abschnitt »Zukünftige Entwicklungen«. Die bei der Installation vorhandenen Aufnahmeeinstellungen der lokalen Software sollten durchaus genügen, wenn man sich nicht weiter damit beschäftigen möchte. Kommt für die Aufnahme gleichzeitig ein Mikrofon zum Einsatz, so ist es aus Gründen der Synchronisation anzuraten, den eingehenden Ton ebenso über die Screening-Software aufzunehmen. Dies wird dadurch erreicht, dass der Empfänger des Mikrofones an den Aufnahmerechner angesteckt wird (Achtung: Richtige Öffnung verwenden!, Abbildung 3).

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Abb. 3: Funkmikrofon-Set: Sender rechts, Empfänger links mit Audioeingang des Computers unten, vergrößert dargestellt

Die Screening-Software zeigt an, ob das Mikrofon erkannt wurde und in welcher Lautstärke das Audiosignal von der Software aufgenommen wird. Die gleiche Vorgehensweise gilt im Grunde auch für Videosignale. Im Bedarfsfall können auch das interne Mikrofon des Computers und eine unter Umständen vorhandene Web-Kamera als zusätzliche Ton- und Videoeingänge verwendet werden. Jedoch muss hierbei bewusst sein, dass die Lautstärke von der Entfernung des Vortragenden zum Computer abhängt und die Qualität für gewöhnlich unter jener eines externen Mikrofons liegt. Als externe Mikrofone bieten sich jede Form von Funkmikrofonen an. Hierbei wird der Sender – das eigentliche Mikrofon an der Kleidung der vortragenden Person in adäquater Position angebracht oder als Headset im Kopfbereich aufgesetzt – sowie der Empfänger am Computer angesteckt. Die Aufnahme selbst wird meist durch eine einfache Start-Stopp-Funktionalität der Software gelöst; ebenso das nach der Aufnahme stattfindende Speichern dieser. Bezüglich der Nachbearbeitung und Distribution bietet zum Beispiel Camtasia genügend benutzerfreundliche Möglichkeiten: Einfügen von Schriften, Übergängen, Zoom-Effekten oder Markierungen sind nur eine Auswahl im Videobearbeitungsbereich; auch Audiospuren können mit Camtasia nachbearbeitet und in der Hörqualität verbessert werden. Als Ausgabeformate können nicht nur die üblichsten Formate gewählt werden, sondern auch direktes Hochladen auf Medienplattformen ist möglich. Wie bereits erwähnt ist die technische Umsetzung der Aufnahme nur ein Teil in der Verwendung von Educasts im Unterricht. Es ist zwar von essenzieller Wichtigkeit, dass die Aufnahme gut gelingt, jedoch wird der Educast nur im Kontext eines didaktischen Szenarios von den Studierenden auch

Externe Mikrofone

Häufige Fehlerquellen

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erfolgreich angenommen. Bevor nun auf einzelne didaktische Aspekte des Screenings eingegangen wird, sollten auch die häufigsten Fehlerquellen bei der Methode des Screenings nicht ungenannt bleiben, welche zum Teil auch mit didaktischen Überlegungen einhergehen. Es ist ratsam, sich zumindest einmal mit den Einstellungen der Screening-Software etwas näher auseinanderzusetzen oder entsprechende technische Hilfe anzunehmen. Hier können bereits ein paar unerwünschte Erscheinungen vermieden werden, wie zum Beispiel das Produzieren von zu großen Enddateien, da die Aufnahmequalität über das nötige Maß hinausgeht. In diesem Fall wären die Auswahl entsprechender Codecs und eine passende Einstellung bezüglich der Framerate – für gewöhnlich sind nicht mehr als zehn Bilder in der Sekunde (fps) nötig – die richtigen Mittel zur Vermeidung übergroßer Datenmengen. Merksatz: Als Codec (Kunstwort aus englisch coder und decoder) bezeichnet man ein Verfahren, das Daten oder Signale digital kodiert und dekodiert. Kodieren und Dekodieren beschreibt Vorgänge, bei denen Signale (z. B. AV-Signale) in entsprechend maschinenlesbare Formate umgewandelt werden (vgl. auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Codec).
Audiosignal überprüfen

Auch sollte vor jeder Aufnahme das empfangende Audiosignal hinsichtlich der Quelle und der Lautstärke überprüft werden. Die Screening-Software bietet dazu meist eine gut visualisierte Kontrollhilfe an (z. B. Farbbalken von grün bis rot). Grundsätzlich gilt hier die Regel: Lieber zu leise als zu laut aufzeichnen, da bei Übersteuerung des Eingangssignals (zu laut) die Tonspur nicht mehr wesentlich nachgebessert werden kann. Ein sehr häufiger Fehler, der aber sehr leicht zu beheben ist, besteht darin, das externe Mikrofon an der falschen Öffnung anzuschließen. In der Eile vor einer Aufzeichnung im Hörsaal kommt es immer wieder vor, dass der Empfänger des Mikrofons in den Kopfhörerausgang des Computers gesteckt wird und nicht in den Mikrofoneingang, weshalb das Audiosignal nicht empfangen oder erkannt wird (siehe Abbildung 3). Ebenso spielt die Position des Mikrofonsenders eine große Rolle. Es ist darauf zu achten, dass der Mikrofonkopf auch bei Bewegung der vortragenden Person frei von möglichen reibenden Kleidungsstücken (Krawatte, Jackettkragen, …) bleibt. Ein weiterer »beliebter« Fehler besteht im Vernachlässigen der verwendeten Energieversorgung der eingesetzten Hardware. Funkmikrofone arbeiten mit Batterien bzw. Akkus. Bei langen Aufnahmezeiten sollte man sich vergewissern, dass die Energieversorgung auch bis zum Schluss gewährleistet ist. Bezüglich der Software muss beachtet werden, dass ein Schließen oder Herunterfahren des Computers ohne Abspeichern der Aufnahme nicht von jeder Software durch automatisches Zwischenspeichern toleriert wird. Sofern möglich, empfiehlt es sich also in jeder Hinsicht vor einer ersten Aufnahmen im Hörsaal, einmal vor Ort einen Test durchzuführen, um auch Hörsaal-spezifische Aspekte nicht außer Acht zu lassen (z. B. Anschluss und Bildschirmauflösung des Datenprojektors, akustische Störfaktoren, Störsignale im Funk, …) und sich mit der Situation vertraut zu machen.

Energieversorgung sicherstellen

Aufnahme sichern

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Aus didaktischer Sicht bieten Screencasts eine große Palette an Einsatzmöglichkeiten. Es ist wie auch bei allen anderen Aufzeichnungstätigkeiten jedenfalls darauf zu achten, dass nur ein didaktisches Gesamtszenario zum Erfolg des Einsatzes von Educasts führen wird. Grundsätzlich können Screencasts immer dann eingesetzt werden, wenn mit einem Computer gearbeitet und/oder vorgetragen werden soll. Der Mehrwert des wiederholbaren Abspielens von Bildschirmprozessen wurde bereits erwähnt. Dieser ist besonders in Hinblick auf prozessorientierte Inhalte hervorzuheben, da somit der Weg, also die Entwicklung selbst nachvollziehbar bleibt. Dies ist natürlich kein Screencast-spezifischer Vorteil, sondern ein Vorteil von AVMedien an sich. Der Unterschied besteht nun aber darin, dass der Prozess nicht nur wiederholbar nachvollziehbar gemacht wurde, sondern zugleich auch in digitalisierter Form erzeugt wird. So kann zwar auch das Tafelbild abfotografiert werden, um es im Nachhinein den Studierenden zur Verfügung zu stellen; besser jedoch wäre es, gleich direkt auf einem Computer mit schreibsensitivem Bildschirm (Tablet-PC) zu arbeiten. Die so entstandene Inhaltsdatei kann ebenso wie der Film als weitere Lernunterlage schnell und einfach digital weitergegeben werden. Dahin gehend sollte auch der Inhalt selbst in der Vorbereitung entsprechend überdacht werden. Eventuell ist es sinnvoller, erst im Hörsaal Inhalte zu entwickeln oder entwickeln zu lassen, als bereits mit einer fertigen Präsentation in den Unterricht zu gehen. So können zum Beispiel Konstruktionsübungen auf vorbereiteten Vorlagen vor Ort am Bildschirm gezeichnet und fertiggestellt werden. In diesem Zusammenhang hat sich der Einsatz von Laptops mit schreibsensitiven Bildschirmen oder entsprechend vergleichbaren Geräten (z. B. Interactive Pen Displays) besonders bewährt. Allein die Möglichkeit des digitalen Markierens und Hervorhebens von Inhalten einer Präsentation während deren Durchführung stellt schon einen Aufmerksamkeitsfokus her, der beim wiederholten Ansehen der Aufnahme zum Mehrwert wird. War es in den Anfängen des Screencastings noch die Erzeugung von Tutorials (kurze instruktionelle Lehrfilme) zur Erlernung oder Erklärung von Software, werden Screencasts heute zunehmend generell zum Aufzeichnen von Lehrveranstaltungen (meistens Vorlesungen) oder Vorträgen verwendet. Der Reiz von Tutorials ist dadurch aber keineswegs gebrochen, da sie auch zunehmend als kurze anleitende Sequenzen zum Beispiel für Übungsvorbereitungen Einsatz finden. Solche Tutorials werden demnach für gewöhnlich in »entspannter Studiosituation«, also meist am Arbeitsplatz oder Büro des Lehrenden aufgenommen. Der Aufwand im Vergleich zum Nutzen ist gerade bei Screencasts und im Speziellen bei Tutorials sehr hoch. Während Tutorials die Möglichkeit der gezielten Vorbereitung und punktuellen Inhaltsgestaltung für verschiedenste Zwecke bieten, fängt das Mitschneiden von ganzen Lehrveranstaltungen den Live-Charakter der Lehrveranstaltung ein und bietet darüber hinaus auch die Möglichkeit der (mitunter gezielten) Suche nach bestimmten, prüfungsrelevanten Abschnitten der Vorlesung, welche durch mehrmaliges Wiederholen und Anhören wesentlich zum Lern- und damit Prüfungserfolg beitragen können.

Kein Erfolg ohne didaktisches Gesamtszenario

Vorteile schreibsensitiver Bildschirme

Tutorials

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Produktion von Lehrvideos

Die Ton- und Videoaufzeichnung

Tonaufnahmen sind meistens auch integraler Bestandteil von Screencasts, während Videoaufnahmen in der Regel nur einen geringen Mehrwert für Screencasts haben. Ein Video des Vortragenden erzeugt verzichtbare Datenmengen, wenn das Mitfilmen nicht bewusst zusätzlich eingesetzt wird. Dafür bieten sich natürlich all jene Prozesse und Aktivitäten an, die mit Screening-Software nicht mehr abgebildet werden können: Verwendung der Tafel oder eines Overhead-Projektors, Durchführung eines Experiments, Demonstrationen von Abläufen und vieles mehr. Der Nutzen von Videoaufzeichnungen ist jedoch weniger im laufenden Lehrbetrieb im Hörsaal oder bei besonderen Vorträgen zu sehen, sondern vielmehr in der Produktion von Lehrvideos. Die Einsatzmöglichkeiten sind hier schier unbegrenzt. Aus didaktischer Sicht ist die Erstellung von Videos seitens der Studierenden meistens ein »Selbstläufer«. Videos können somit gerne als Motivationsfaktor zum Erlernen von Inhalten oder zur Auseinandersetzung mit einer Thematik dienen. Wie schon eingangs erwähnt, stellen hierbei die technischen Voraussetzungen und Fähigkeiten eine untergeordnete Rolle, da es meist nicht um die Produktion eines qualitativ perfekten Filmes geht, sondern um den Einsatz des Videos als Methode, bei dem eine »Smartphone-Qualität« des Endergebnisses ausreichend ist. Abhängig vom Lernziel kann natürlich die Vorbereitungsphase durch die Konzeption eines Filmplans (Storyboard) auch etwas länger ausfallen. Der Aufwand lohnt sich jedoch auch hier, da nichts ärgerlicher ist, als nach geglückter technischer Aufnahme auf Lücken oder Fehler durch zu geringe Planung aufmerksam zu werden. Im Unterschied dazu haben reine Tonaufnahmen durchaus einen höheren qualitativen Anspruch, da das Bild zum Gehörten und damit eventuell hilfreiche Informationen zum Verständnis fehlen. Die klassische Anwendung von Tonaufnahmen ist das Interview. Dieses sollte in der Regel hinsichtlich der Inhalte und der technischen Faktoren gut vorbereitet sein, um ein aufwendiges Nachbearbeiten der Tonqualität und inhaltliches Schneiden zu vermeiden. Auch das spontan durchgeführte Interview (z. B. im Zuge einer Straßenbefragung) wird nur dann im Ergebnis zufriedenstellen, wenn versucht wurde, so viele Störfaktoren wie möglich zu minimieren. Dabei spielen der Ort der Aufnahme, das Verhalten der befragten Person und das verwendete Equipment die wesentlichen Rollen. Dies gilt ganz besonders dann, wenn Tonaufnahmen mit Personen in weiterer Folge transkribiert (niedergeschrieben) werden sollen. Noch wesentlicher ist der qualitative Aspekt bei Natur- oder Musikaufnahmen. Der Anspruch ist hier meist sehr hoch und kann nur unter entsprechend guten Voraussetzungen zum gewünschten Ziel führen. Entsprechendes technisches Können sollte ebenso vorausgesetzt werden wie hochwertiges Aufzeichnungsequipment. Somit bleibt die Umsetzung meist in Abhängigkeit von Fachkräften und Spezialisten. Unabhängig vom Inhalt möchten die Autoren an dieser Stelle auf den Begriff Podcast etwas genauer zurückkommen, da er ursächlich mit dem Anbieten von Tonaufzeichnungen zusammen hängt. In den Anfängen von Podcasting wurde auch gerne der Begriff des Audio-Bloggings verwendet, der zwei ureigene Qualitäten von Podcasts anspricht: Ein Podcast ist keine einmalig im Internet angebotene Datei, sondern bezeichnet einen (RSS-)Sende45. Erg.-Lfg. Januar 2013 Handbuch E-Learning

Qualitativer Anspruch an Tonaufnahmen

Rückbezug auf Podcasts

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kanal, über den in zeitlich regelmäßigen Abständen immer wieder Dateien angeboten werden. Damit gleicht ein Podcast also einem Weblog mit einzelnen multimedialen Beiträgen. Zweitens waren diese Dateien vormals immer Audiodateien, während sie heutzutage, wie erwähnt, grundsätzlich AV-Dateien sein können. Wir sprechen im engeren Sinn bei Podcasts also von Serien von Audiodateien. In weiter gedachter Folge werden Podcasts gerne wie Radiosender verstanden, deren Beiträge aber nicht unbedingt in regelmäßigen Abständen beziehbar sind. In den letzten Jahren ist zu bemerken, dass im Lehr- und Lernbetrieb, aber auch im (privaten) studentischschulischen Umfeld immer mehr eigene Podcasts, also Sendereihen mit auditiven Beiträgen, angeboten werden.

5.3

Der (Live-)Stream
Paralleles Senden und Empfangen

Ein vordergründig aufwendig scheinendes Aufzeichnungsformat scheint die Methode des Streamings zu sein. Unter der Methode des Streamings wird gerne das Internet-Äquivalent zu Rundfunk-Techniken wie Hörfunk oder Fernsehen verstanden. Es wird vom Nutzer meist ebenso als Rundfunk wahrgenommen, wobei es sich aber technisch und logistisch von diesem erheblich unterscheidet. Streaming bezeichnet dabei den Vorgang des quasi gleichzeitigen Sendens und Empfangens von AV-Dateien über das Internet, wobei aber die Verbindung zwischen Sender und Empfänger (im Unterschied zum Rundfunk) in jedem Einzelfall gesondert aufgebaut werden und aufrechterhalten bleiben muss. Dabei spielt es keine Rolle, ob die AV-Datei eine bereits getätigte Aufzeichnung darstellt oder gerade in Moment des Betrachtens (mit einer gewissen geringen Verzögerung) am Ort des Senders entsteht, dem Live-Streaming. Auch beim Streaming gilt die Feststellung, dass Zielgruppe, Lernziel und didaktisches Szenario die Qualität und damit die eingesetzten Ressourcen bestimmen. Streaming muss weder technisch kompliziert noch ressourcenintensiv sein. Das Web 2.0 bietet auch hier wieder eine Menge an Möglichkeiten zur direkten Übertragung von AV-Medien. Waren es bislang noch die bereits erwähnten Plattformen Vimeo, Qik oder ustream, über die man live mit einem internetfähigen Endgerät (z. B. Smartphone) Aufnahmen tätigen und zeigen konnte, so sorgte gerade in jüngster Zeit die Anwendungen Skype und Google Hangouts in diesem Sektor für Aufsehen. Diese Anwendungen vereinen gleich mehrere Funktionalitäten in einem: Chat-Funktion mit mehreren Personen, Videokonferenz-System und Live-Sendung (nur bei Google Hangout in Kombination mit YouTube). Die schnelle interaktive Live-Übertragung ist also mittlerweile keine große technische Hürde mehr und jedermann/-frau grundsätzlich zugänglich. Für den Lehr- und Lernbetrieb kommen diese Szenarien in Einzelfällen zum Tragen. Um konstant einen institutionellen Streaming-Service zu bieten oder gesicherte Konferenzschaltungen über das Internet durchzuführen, muss auf kommerzielle Produkte wie zum Beispiel Adobe Connect verwiesen werden – obgleich sich gerade im Bereich von Live-Übertragungen auch die freie Software Skype durchaus bewährt hat, wenn es zum Beispiel beabsichtigt ist, während einer Veranstaltung externe Personen als Sprecher oder Diskutant zuzuschalten. Als Streaming-Lösung kommen verschiedene Softund Hardware-Lösungen infrage, deren Installation zumindest technisches
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Einfache Zugänglichkeit

Streaming-Lösungen

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Fachwissen voraussetzt und nicht über Nacht umgesetzt werden kann. So bedarf es neben der Streaming-Software auch eines Streaming-Servers, der über die nötige Leistung und Internetverbindung verfügt, um dem multiplen gleichzeitigen Zugriff von außen gerecht zu werden. Die Konfiguration und Wartung von Soft- und Hardware ist jedenfalls nur durch geeignetes Personal sinnvoll zu gewährleisten, wobei es grundsätzlich keine Rolle spielt, ob die Ausrüstung als portable (siehe Abbildung 4) oder im Hörsaal fix installierte Lösung zur Verfügung steht.
Szenarien für Streaming

Streaming-Lösungen kommen vorwiegend bei drei Szenarien im Bildungskontext zum Einsatz: für die Übertragung von besonderen Ereignissen, bei Massenlehrveranstaltungen oder bei Einsätzen für berufsbegleitenden Studiengänge. Besonders im Falle von Massenlehrveranstaltungen, also Lehrveranstaltungen mit einer hohen Hörerzahl, welche die räumlichen Möglichkeiten vor Ort übertreffen, haben sich Live-Streaming-Angebote durch die Möglichkeit der Interaktion über einen gleichzeitig laufenden Chat bezahlt gemacht. Somit besteht die Möglichkeit der Interaktion mit dem Geschehen vor Ort oder mit weiteren Personen, die dem Live-Stream über das Internet folgen. Dies jedoch birgt eine besondere Herausforderung für den Lehrenden in sich. Dieser oder eine entsprechende Assistenz sollten den Live-Stream-Chat mitverfolgen, um auf Fragen und Kommentare auch einzugehen. Erfolgt dies nicht, so sollte bevorzugt auf die Methode des professionellen und ressourcenintensiven Live-Streamings verzichtet und im Gegensatz dazu besser eine im Vergleich leichter durchzuführende Aufzeichnung (Screencast und/oder Filmaufnahme) angeboten werden, die mit möglichst geringer zeitlicher Verzögerung angeboten wird.

Abb. 4: Einfache portable Streaming-Lösung mit Aufzeichnungsgerät, Mikrofon-Set und Kamera

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Alles im Kasten – und nun? Die Nachbearbeitung
Möglichkeiten der Nachbearbeitung

Wir haben bereits einige Aspekte der Nachbearbeitung aufgezählt (Videoschnitt, Einbau von Effekten, Verbesserung der Tonqualität, …). An dieser Stelle sollen noch zwei Faktoren der Nachbearbeitung hervorgehoben werden, da sie durchaus wesentliche Erfolgskriterien von Aufzeichnungstätigkeiten darstellen können: die erweiterte Audionachbearbeitung und die Implementierung hilfreicher Elemente in eine Aufnahme, wie zum Beispiel einer Suchfunktionalität nach Inhalten. Ist für eine Aufnahme die Tonqualität von Bedeutung – nicht alle didaktischen Szenarien erfordern wie erwähnt unbedingt hervorragende Tonqualität – so wird man nicht umhin können, die Aufnahme einer gesonderten Nachbearbeitung hinsichtlich der Tonqualität zu unterziehen. Insbesondere bei Live-Aufnahmen entsteht eine hohe Zahl an unterschiedlichen Störgeräuschen. Wie bereits angeführt, gibt es aber auch hier gute SoftwareAngebote, um auch im nicht professionellen Bereich zu erfreulichen Verbesserungen zu kommen. Die Gratis-Software Audacity bietet dafür alle Voraussetzungen (siehe Abbildung 2). Mit ihr können Audiodateien bezüglich ihrer wesentlichsten Störelemente einfach korrigiert werden; diese sind: Die Aufnahme ist zu leise, die Lautstärke schwankt sehr stark, die Aufnahme enthält ein konstantes Rauschen oder Hintergrundgeräusch, die Aufnahme enthält markante kurze laute Elemente. All diese Faktoren können größtenteils eliminiert werden und verbessern dadurch das Hörerlebnis. Darüber hinaus bietet Audacity auch verschiedenste Optionen zur weiteren Gestaltung der Audiodatei (Tonfarbe, Fading, …) bis hin zur Produktion dieser in verschiedensten Formaten an. Dies ist relativ einfach und ohne vertieftes Fachwissen durchführbar. Für einen erweiterten Aufnahmeeinsatz im Lehrbetrieb würde aber eine manuelle Nachbearbeitung von Audiodateien einen viel zu großen Zeit- und damit Personalaufwand bedeuten. Demzufolge empfiehlt es sich, entweder eines der im Internet angebotenen Services zur weitestgehend automatisierten Nachbearbeitung von Audiodateien in Anspruch zu nehmen (z. B. auphonic), oder selbst eine Routine dahin gehend zu entwickeln bzw. von Fachkräften entwickeln zu lassen. Beide Lösungen sprechen eher dafür, von Anfang an bereits vor der Aufnahme auf eine gute Vorbereitung zu achten, da dies eindeutig die ressourcenschonendste Lösung ist. Merksatz: Die Nachbearbeitung von Aufnahmen ist für die Ressourcenplanung eine wesentliche Komponente, die aber durch entsprechende vorbereitende Maßnahmen gezielt optimiert werden kann. In Bezug auf die Implementierung von Elementen in das fertige Endprodukt zum Zwecke des besseren Arbeitens mit den Aufnahmen kann die Einführung einer textbasierten Suche erwähnt werden. Wie Evaluationen gezeigt haben, werden Lehrveranstaltungsaufzeichnungen vorwiegend zur Prüfungsvorbereitung und zum besseren Verständnis von Inhalten seitens der Studierenden verwendet. Nebenbei erwähnt ist die Möglichkeit, einer Lehrveranstaltung fernzubleiben, da sie ohnedies als Aufzeichnung verfügbar ist, kein ausschlaggebender Grund für die Konsumation von Aufnahmen (EBNER/NAGLER 2008). Auch das Nachholen von versäumten Lehrveranstal-

Nachbearbeitung der Tonqualität

Einführung einer Suchfunktion

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tungsterminen ist nur nebensächlicher Faktor für die Akzeptanz von Aufzeichnungen. In der Regel werden also Aufzeichnungen ganz konkret zur Auseinandersetzung mit dem Lehrinhalt herangezogen. Diese Konkretisierung geht bis ins Detail, also bis zur mehrmaligen Wiederholung ganz bestimmter Sequenzen und Teile der Aufnahme. Lernende suchen relevante Inhalte der Aufnahme gesondert und explizit heraus. Ihnen in diesem Schritt der Suche entgegenzukommen, ist eine gewünschte und geforderte Eigenschaft der angebotenen Lehr- und Lernunterlagen. Leider wird diese Qualität auch von kommerzieller Aufnahme- und Veröffentlichungssoftware nicht standardmäßig mitgeliefert und muss daher meist selbst in den Prozess der Nachbearbeitung implementiert werden. Hier ist das Know-how von Fachkräften gefragt, um auch ansprechbare Resultate zu erzielen. Die Abbildungen 5 und 6 zeigen das Beispiel der Technischen Universität Graz (TU Graz). Zu sehen ist ein Screenshot einer im Internet angebotenen Lehrveranstaltungsaufzeichnung mit implementierter Suche (seitlich, bzw. links oben). Gesucht werden kann nach allen textuellen Elementen innerhalb der Aufnahme. Im Beispiel ist links oben das Suchfeld mit dem Eintrag »Leitung« zu sehen und den angezeigten Ergebnissen darunter. Der nächste Entwicklungsschritt ist, auch das in der Aufnahme gesprochene Wort suchbar zu machen; aber dazu mehr im abschließenden Abschnitt »Zukünftige Entwicklungen«.

Abb. 5: Screenshots der Internet-Darbietung einer Lehrveranstaltungsaufnahme der TU Graz; in der Umgebung eingebaut ist eine Navigation mit Suche (links), der Screencast der Lehrveranstaltung (großes mittiges Bild) mit PiP (kleines Bild rechts unten)

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Abb. 6: Detail »Suche« aus Abbildung 5 mit Beispiel Suchwort »Leitung« und Ergebnissen

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Wir sind online! Publizieren von Aufnahmen
Publizieren als didaktisches Element

Das Publizieren von Aufzeichnungen beschreibt in unserem Zusammenhang die Verbreitung der AV-Dateien über das Internet. Jede Art derartigen Publizierens wird rechtlich als eine Veröffentlichung an die Allgemeinheit angesehen, auch wenn dies innerhalb eines passwortgeschützten Bereiches stattfindet (vergleiche nächster Abschnitt »Alles bedacht? Weitere Faktoren«). Davon unabhängig kann das Publizieren aber auch als didaktisches Element eingesetzt werden. Wird zum Beispiel eine (AV-)Datei als Lern- und Arbeitsunterlage nur in einem bestimmten Zeitraum zur Verfügung gestellt, so kann damit das Lernverhalten der Lernenden beeinflusst bzw. zeitlich gesteuert werden. Auch ein sequenzielles Publizieren von zusammenhängenden bzw. inhaltlich aufeinander abgestimmten Inhalten kann zu einem besseren Lernfluss führen und damit zu einer ständigen Auseinandersetzung mit dem Thema. Dies mag vielleicht auf den ersten Blick eher als Stressfaktor empfunden werden, da hier eventuell in die Lernsituation und dem Zeitmanagement des Lernenden sowie auf die grundsätzlich ort- und zeitunabhängige Qualität des World Wide Webs eingegriffen wird, führt aber bei näherer Betrachtung zu einer qualitativ höherwertigen Auseinandersetzung mit den Lerninhalten (ZORN et al. 2011). Auch dem kumulativen Prüfungsstress am Ende von Lehrveranstaltungen und Semestern wird derart entgegengewirkt. Die Wahl der Plattform hingegen spricht wiederum andere Aspekte von Aufnahmen an. Hier spielen die Zielgruppe und das eigentliche Ziel der Aufzeichnung wesentliche Rollen. Ist die Aufzeichnung nur für den schul- oder universitätsinternen Gebrauch bestimmt, oder soll sie auch einem breiten Publikum oder gar weltweit offen verfügbar sein? So kann durch Einbindung von AV-Medien in verschiedene Verteilungskanäle (z. B. Facebook, YouTube, iTunes U, …) ganz bewusst und gezielt Marketing in eigener Sache betrieben werden, wie zum Beispiel die Open-Content-Strategie einiger Universitäten verdeutlicht (SCHAFFERT/EBNER 2010). Dabei steigt natürlich der Erfolg mit der Anzahl der verwendeten und mitunter miteinander verknüpften Plattformen.

Wahl der Plattform

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Rechtliche Aspekte

Alles bedacht? Weitere Faktoren

In diesem vorletzten Abschnitt sei noch auf einen sehr wesentlichen Punkt hingewiesen, der nicht nur für AV-Medien, sondern im Allgemeinen für Lehr- und Lernunterlagen zum Tragen kommt: die rechtlichen Aspekte seitens Dritter. Obgleich der Bildungsbereich einen gewissen geschützten rechtlichen Rahmen darstellt, dürfen dennoch Rechte seitens des Urhebers, der Werknutzung und Verwertung nicht verletzt werden. Dies gilt insbesondere in der Verwendung von eigens dafür vorgesehenem, kommerziellem Lehrmaterial. Speziell bei Aufnahmetätigkeiten ist weiter zu beachten, dass Persönlichkeitsrechte anwesender Personen nicht verletzt werden. Über Aufnahmetätigkeiten müssen alle Anwesenden informiert sein. So ist es aber auch gleichzeitig einem Studierenden nicht erlaubt, eigenmächtig ohne Kenntnis und Zustimmung der lehrenden Person diese bei der Durchführung der Lehre aufzuzeichnen und die Aufnahme gar noch zu verbreiten. In diesem Zusammenhang ist es entscheidend, sich über die national geltenden rechtlichen Bestimmungen zu informieren und entsprechend zu handeln. Merksatz: Neben didaktischen und technischen Überlegungen sind insbesondere auch rechtliche Bestimmungen im Auge zu behalten, da diese zu starken Einschränkungen bei der Durchführung von Lehre mittels AVMedien und Veröffentlichung von digitalen Daten führen können.

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Serviceleistungen der TU Graz

Zusammenfassung und zukünftige Entwicklungen

Die oben beschriebenen Methoden sind die Folge langjähriger Entwicklungs- und Forschungsarbeit, begleitet von Evaluationsstudien und praktischen Experimenten (GRIGORIADIS et al. 2012). Als Resultat können die Autoren ein breites Spektrum an verschiedenen Möglichkeiten empfehlen und konkret Serviceleistungen in ihrem universitären Betrieb, der TU Graz anbieten. Abbildung 7 zeigt einen Überblick über die Serviceleistungen der Abteilung Vernetztes Lernen der TU Graz, den Autoren dieses Beitrags.

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Abb. 7: TU Graz Aufnahmeservices seitens der Abteilung Vernetztes Lernen und des Zentralen Informatik Dienstes

Abb. 8: Absolute Anzahl an Aufnahmen und aufgezeichneten Stunden aus dem Servicebereich Aufzeichnungstätigkeiten der Abteilung Vernetztes Lernen der TU Graz (Beginn Wintersemester 2006 bis Ende Sommersemester 2012)

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Durch Automatisierung Ressourcen schonen

Während sowohl die Lernenden als auch die Lehrenden sehr positiv auf das Angebot reagieren (vgl. konstant steigende Nachfrage in Abbildung 8) und es als äußerst nützlich im Bildungsalltag ansehen, bleibt vom infrastrukturellen Blickwinkel immer noch der hohe Ressourcenaufwand über. Besonders im Bereich der Liveübertragung (Streaming) ist der Personalaufwand beträchtlich und führt einerseits zu finanziellen als auch personellen Engpässen. Darum scheint einleuchtend, sich in Zukunft vermehrt mit automatisieren Lösungen auseinanderzusetzen, da der Vorteil der Raumgebundenheit eine Fixinstallation vor Ort zulässt. Im Wesentlichen umfasst dies eine Videokamera, eine Tonanlage und eine Medienstation, welche die ankommenden Dateien (Video und Ton) gebündelt an einen StreamingServer sendet, der diese dann ins Internet übertragen kann. Erste Versuche hierzu zeigen bereits deutliche Fortschritte und sehr gute Qualität (GRIGORIADIS et al. 2012). Die Weiterverarbeitung zu einem Podcast wäre dann nur ein logischer Schritt. Abbildung 9 zeigt die grundlegende Architektur einer möglichen automatisierten Hörsaalaufzeichnung, welche derzeit an der TU Graz in Entwicklung steht.

Abb. 9: Hardware-Setup für automatisierte Aufzeichnungen aus Hörsälen; grau gefärbt sind direkte Aufzeichnungskomponenten

Merksatz: Aufzeichnungen, Podcasts und (Live-)Streaming sind Möglichkeiten, die von Lehrenden und Lernenden verstärkt gewünscht werden und aufgrund der immer geringeren technischen Hürden einer hohen Nachfrage unterliegen. Aus institutioneller Sicht ist eine gewissenhafte Planung der Infrastruktur und der personellen Ressourcen nötig, um den finanziellen Aufwand zu optimieren.
Weiterentwicklung der Spracherkennung

Ein ebenso zukunftsträchtiges Feld ist die Weiterentwicklung der Spracherkennung. So könnte neben der bereits beschriebenen Suche in Texten der Bildschirmaufzeichnung auch gezielt nach Gesprochenem innerhalb der Aufzeichnung gesucht werden. Dies würde vor allem bei sehr langen Aufzeichnungen im Bereich der Prüfungsvorbereitung und Nachbereitung des Unterrichts Mehrwerte bieten. Apple zeigt uns mit dessen Spracherken-

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nungssoftware, genannt Siri (Speech Interpretation and Recognition Interface), dass dies bereits in erstaunlich überzeugender Qualität möglich ist. Siri kommt ohne die für frühere Spracherkennungssoftware übliche Trainings der Sprecherin oder des Sprechers aus und kann somit sofort eingesetzt werden. Ein weiterer zukünftiger Punkt betrifft die zunehmende Weiterentwicklung der Endgeräte. Schon heute finden die Aufnahmen zum Teil auf Tablet-PCs mit schreib- und/oder berührungssensitiver Bildschirmoberfläche statt. Die Eingabe der Inhalte mittels Stift ermöglicht Lehrenden auch ein neues Arbeiten mit Computern. Durch die zunehmende Entwicklung am Markt der Applikationen ist davon auszugehen, dass man sich verstärkt diesen Möglichkeiten widmen und noch besser auf den Unterricht ausgerichtete Programme entwickeln wird. Auch ist zu erwarten, dass der Hardware-Sektor sich ständig weiterentwickelt und neben leistungsfähigeren Endgeräten auch neue Technologien zur Verfügung stellt, die diese täglichen Arbeiten weiter erleichtern werden.
Weiterentwicklung der Endgeräte

Literaturhinweise
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