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Staatsschulden werden nicht durch Rückzahlung getilgt

Ulrich Wolff März 2013 Die Staatsschuld Deutschlands wächst seit 50 Jahren eindrucksvoll (Abb. 1).

Abb. 1: Staatverschuldung Deutschlands seit 1960. http://de.wikipedia.org/wiki/Staatsverschuldung_Deutschlands Das ist offenbar ein normaler Vorgang, der auch die vorlaufende deutsche Geschichte und Länder wie die USA, Griechenland, Italien, Spanien begleitet. Ursache ist stets ein zusätzlicher Konsum, der aus den regelmäßigen Einnahmen nicht bezahlt werden kann. Auch Unternehmen und Privatleute bedienen sich einer solchen Kreditaufnahme. Mit den Einnahmen aus einer profitablen Geschäftstätigkeit oder eigener Arbeit wird die Schuld gewöhnlich möglichst schnell getilgt, um die gesamten Zinskosten der Aktion zu minimieren. Trocknet jedoch die Quelle der Einnahmen aus, so verlieren die Gläubiger ihr Geld. Damit ist die Angelegenheit erledigt, denn die Haft im Schuldturm wurde bekanntlich inzwischen abgeschafft. Mit der Finanzierung der Staatsausgaben aus Steuereinnahmen befasste demokratische Volksvertreter oder auch Diktatoren sind zum Erwerb und/oder Erhalt ihrer Macht stets mehr oder weniger auf das Wohlwollen ihrer Bürger angewiesen. Seit Urzeiten erzeugen Geschenke Wohlwollen beim Empfänger. Aber Geschenke sind meist nicht ganz billig und Geld ist das, was den Mächtigen meist fehlt. Staaten betreiben gewöhnlich keine profitable Geschäftstätigkeit, sondern verwalten lediglich Steuereinnahmen. Hier kommt die grandiose Idee der Kreditaufnahme des Staates ins Visier der Politiker aller Couleur und sonstiger an Machtbesitz Interessierter:

2 Man muss die Bürger lediglich dazu bringen, dass sie mit ihren Darlehen die erforderliche Finanzierung der Geschenke für Zuteilung und Erhalt der Macht für die Interessenten übernehmen. Das gelingt erstaunlich einfach mit dem Versprechen attraktiver Zinsen und einer angeblich sogar „mündelsicheren“ Rückzahlung. Der Anstieg der Staatsschuld wird dann schnell zu einem Selbstläufer, der sogar ohne zusätzliche Neuverschuldung allein durch die unabwendbare Akkumulation der Zinsen munter fortschreiten muss. Die Staatsschuld kann nur dann unverändert bleiben, wenn ein konstanter Kapitaldienst zum dauerhaften Bestandteil des jährlichen Steueraufkommens wird. Das Anstreben eines solchen Zustandes wird gewöhnlich „Schuldenbremse“ genannt. Alles Weitere ist nun Sache aller Steuerzahler. Das gilt auch für Steuerzahler, die sich nicht durch den Kauf von Staatsanleihen zum Gläubiger des Staates gemacht haben: Die Steuerzahler zahlen zunächst die jährliche Verzinsung aller Darlehen an die Gläubiger - letztere de facto an sich selbst – jeweils zuzüglich eines Zuschlages aus den Verwaltungskosten. Da alle Bürger zumindest Verbrauchssteuer entrichten, kommt letztlich niemand ungeschoren davon. Auch eine Tilgung der Staatsschuld könnte daher nur über die Erhebung zusätzlicher Steuern erfolgen, die sich in gleicher Weise wie die Kosten der Verzinsung auf alle Bürger ungleichmäßig verteilen. Das wäre dann – „wenn es denn politisch durchsetzbar wäre“ - eine nachträgliche Bezahlung der (Wahl-)Geschenke. Steuererhöhung ist jedoch eine Kröte, die niemand schlucken will und die alles Wohlwollen schlagartig annullieren würde. Die Lösung kann daher immer nur ein Totalausfall der Tilgung sein, der über Inflation oder gelegentlich auch als Schuldenschnitt erreicht wird. Das bestätigt zweifelsfrei ein Blick auf die Fakten:

Abb. 2: Staatsverschuldung Deutschlands in Prozent des Bruttosozialproduktes von 1995 bis 2011.

3 Abb. 2 zeigt den Anstieg des Anteils der Staatsschulden in Deutschland auf über 80% des Bruttosozialproduktes. Jeder Prozentpunkt des Zinssatzes, zu dem Bürger bereit waren, ihr Erspartes an den Staat zu verleihen, muss daher gegenwärtig mit mehr als 0,8% des BIP als zusätzliche Steuer bezahlt werden. Eine Zahlungsunfähigkeit des Staates kann nur abgewendet werden, wenn die Bürger den Kredit nicht aufkündigen und auch weiterhin pünktlich die Zinskosten in Form einer Steuer tragen. Diese Zahlungen der Bürger über den Umweg der Staatskasse an sich selbst - jeweils erhöht um Verwaltungskosten – könnten nur entfallen, wenn die Darlehen in eine Schenkung an den Staat umgewandelt würden. Es muss verwundern, dass trotz dieser an sich einfachen und durchsichtigen Zusammenhänge, Menschen bereitwillig Geld an Institutionen verleihen, die nicht über eine profitable Geschäftstätigkeit verfügen. Nur aus einem erlösten Gewinn können sowohl Verzinsung als auch Tilgung von Krediten bedient werden. Auch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass eine solche Irreführung offenbar immer wieder gelingt, weil offenbar immer wieder Gier Vorsicht und Bedenken zerstreut: Bereits im alten Rom wurden vor 2000 Jahren rauschende Feste und teure Spiele zur Volksbelustigung über „faule“ Staatskredite finanziert. die damals allerdings wenigstens sporadisch aus dem Ergebnis profitabler Raubzüge getilgt werden konnten. Grundsätzlich erfolgte die „Tilgung“ jedoch auch damals über eine Geldentwertung mit Inflation und/oder „Schuldenschnitt“. Aus der neueren deutschen Geschichte fallen zum Thema „Staatsschuld“ folgende Beispiele ins Auge:

Jahr 1876 1880 1890 1900 1910 1918

Schulden Millionen RM 16 308 1.318 2.503 4.910 49.000

Prozent vom Sozialprodukt 0,09 1,82 5,56 7,73 10,20 ?

Sozialprodukt Milliarden RM 18,0 16,9 23,7 31,6 48,1 ?

Tabelle 1: Anstieg der Staatsschuld im Deutschen Reich 1876 – 1918 http://www.sgipt.org/politpsy/finanz/schuldp/dtreich.htm Ein „Schuldenschnitt von 100%“ erfolgte bekanntlich bis zum Jahr 1923 mit Hilfe der sog. „Hyperinflation“ http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Inflation_1914_bis_1923#.C3.9Cbersicht_.C3. BCber_die_Geldentwert

4 Danach erbaute die „Weimarer Republik“ einen soliden Schuldensockel für den „Schuldenstart“ des sog. „Dritten Reiches“ im Jahr 1933: Jahr 1933 1939 1940 1945 Schulden Millionen RM 11.793 30.676 47.889 379.800 Prozent vom Sozialprodukt 20,19 30,61 43,81 ? Sozialprodukt Milliarden RM 58,4 100,2 109,3 ?

Tabelle 2: Anstieg der Staatsschuld im Deutschen Reich 1933 – 1945 http://www.sgipt.org/politpsy/finanz/schuldp/hitler.htm Ein mehr als schmerzlicher „Schuldenschnitt zu 100%“ erfolgte mit dem Ende des zweiten Weltkrieges. Danach führte ein zunächst durchaus moderater Schuldenaufbau zum Stand von 1963, dem Ausgangspunkt des weiteren Wachsens der Staatsschuld in den letzten 50 Jahren:

Jahr 1963 1969 1974 1982 1998 2005 >2012

Schulden Milliarden € 20,0 31,1 39,4 160,4 745,3 1287,5 >2.000,0

Prozent vom Sozialprodukt 10,0 10,2 7,5 18,6 38,0 40,6 >80,0

Sozialprodukt Milliarden € 195,5 305,2 526,0 860,2 2224,4 2476,8 >2500,0

Tabelle 3: Anstieg der Staatsschuld der Bundesrepublik Deutschland ab 1963 http://www.sgipt.org/politpsy/finanz/MusgStud/SVuBIP.htm Zum Beginn des Jahres 2013 hat nun die deutsche Staatsschuld mit 80% des Bruttosozialproduktes die Marke von 2 Billionen € deutlich überschritten. Eine Notwendigkeit dieser kontinuierlichen jährlichen Neuverschuldung um jeweils nur wenige Prozent des gesamten Steueraufkommens lässt sich auch für die Entwicklung der letzten 50 Jahre rational nicht begründen. Auch die Vermeidung der größeren politischen Fehlleistungen wie z. B. die unsinnige Subvention deutscher Steinkohle, das Versagen staatlich kontrollierter Banken oder politische Unterlassungen beim Einstieg in den Euro hätte wohl am Schuldenstand

5 kaum etwas geändert. Das Beispiel der sog. Energiewende macht deutlich, dass die Gier nach politischer Macht mit der Methode „Angst auf Objektsuche“ kräftig unterstützt von Opportunisten und Trittbrettfahrern immer wieder erfolgreich fündig wird. Gegenwärtig ist in vielen Staaten die „globalisierte sanfte Inflation“ aus dem Ruder gelaufen. Es drohen Schuldenschnitte, die drastische Einschnitte in Vermögens- und Konsumstrukturen zur Folge hätten und die geeignet sind, das Vertrauen der Bürger in und ihr Wohlwollen für die politischen Staatslenker schlagartig zu annullieren. Es droht ein Machtvakuum mit den bekannten „unangenehmen“ Folgen für alle Bürger. - Die Lösung des Problems ist wohl „alternativlos“ und heißt: Geld drucken, um Zeit zu gewinnen: Der Konsum und die (nominalen) Vermögen bleiben so weitgehend erhalten, der Zinssatz unterschreitet schnell die Inflationsrate, ein zunächst noch zaghafter automatischer „Schuldenschnitt“ setzt ein, die Belastung des Staatshaushaltes durch Schuldzinsen bleibt erträglich, die Steuerlast steigt zunächst nicht und die Zahlungsunfähigkeit des Staates wird abgewendet. Die jährliche Zinslast beläuft sich in Deutschland daher in 2012/2013 nur auf etwa 50 Milliarden. Das ist mit 610 € pro Kopf ein Anteil von 8,3 % am Steueraufkommen von 7.430 € pro Kopf an insgesamt etwa 600 Milliarden http://de.wikipedia.org/wiki/Steueraufkommen_(Deutschland) Der Versuch einer Prognose des weiteren Ablaufes stößt allerdings auf eine Reihe von Fragen: Wie kann ein letztlich nicht abwendbarer „Schuldenschnitt von 100%“ der 2 Billionen wohl diesmal vollzogen werden? Kann es gelingen das Problem des Schuldenschnittes mit einer zeitlich gedehnten „Hyperinflation“ zu lösen? Lässt sich der Steueranteil des Kapitaldienstes zum Zweck einer (formalen)Tilgung signifikant über den gegenwärtigen Anteil von 610 € pro Kopf anheben? Kann das Risiko eines signifikant steigenden Zinssatzes - z. B auf die Höchstwerte im Jahr 1981 als Bundesschatzbriefe eine „Endrendite“ von 10,74 % erreichten – ausgeschaltet werden? (Wenn das nicht gelingt, müsste/würde die erforderliche Steuer um 3.275 € auf über 10.000 € pro Kopf ansteigen!) Kann Deutschland allein oder zusammen mit seinen europäischen Partnern über die Methodik der grundsätzlich nicht abwendbaren „Enteignung der Gläubiger“ überhaupt selbst entscheiden oder wird die Lösung letztlich von anderen Staaten - z. B. USA oder China vorgegeben?

Fazit:

6 Auch für die Zeit nach 2013 bleibt es unwahrscheinlich, dass die „Enteignung Leichtgläubiger über Staatsschulden“ durch Disziplin aus den Staatshaushalten verdrängt wird. Vermeintliche „Geschenke“ an die Bürger, die (unbemerkt) aus seiner Tasche bezahlt werden, sind und bleiben ein zweckmäßiges, offenbar „politisch immer wieder durchsetzbares“ Werkzeug auf dem Weg zur Macht. Billiges Geld aus der Druckerpresse schafft Zeitgewinn und animiert sogar private Verschuldung. Relativiert wird das „Ewigkeitsproblems Staatsverschuldung“ einerseits, weil die Enteignung der Gläubiger nur Bürger trifft, die das betroffene Kapital (zumindest zeitweise) nicht benötigten und andererseits, dass nur die nachhaltig Steuern zahlen können, denen man ihre Existenzgrundlage nicht entzieht.