Sie sind auf Seite 1von 1

MITTWOCH, 11. MÄRZ 2009 | NR. 49

WISSENSCHAFT&DEBATTE

MITTWOCH, 11. MÄRZ 2009 | NR. 49 WISSENSCHAFT&DEBATTE | 9
MITTWOCH, 11. MÄRZ 2009 | NR. 49 WISSENSCHAFT&DEBATTE | 9

| 9

DENK-FABRIK

Protz und Krise

I n London fi ng es an. Vor einem Jahr, also noch „vor Lehman,

meldete das „Architect’s Journal:

Zaha Hadids geplanter Neubau der Architecture Foundation in der Lon- doner Southwark Street wird nicht gebaut aus „f inanziellen Grün- den. Die Stiftung wolle angesichts der sich dramatisch verschlechtern- den Spendenfreudigkeit und der zu erwartenden hohen Betriebskosten das Geld lieber für das Programm denn für ein neues Gebäude ausge- ben. Peu à peu tröpfelten im Lauf des Jahres weitere Nachrichten ein: In St. Petersburg, in der neuen Gaz- prom City, wird der Wolkenkratzer des britischen Architekturbüros RMJM nicht gebaut. In Moskau ist die „Kristallinselim Süden der Stadt vorerst auf Eis gelegt, wo ein von Sir Norman Foster geplanter Freizeit- und Geschäftskomplex mit Hochhaus entstehen sollte. Die Bauflaute in den Emiraten ist mitt- lerweile täglich in den Zeitungen, und auch in Deutschland wird auf die Bremse getreten. Zum Beispiel Nürnberg: Das höchste Haus in Bay- ern, ein Hotelturm neben der Nürn- berger Messe, wird nicht mehr reali- siert. Die Krise hat die Architekten er- reicht. Die Kammern melden eine Verschlechterung der Auftragslage, die Büros klagen über rückläuf igen Umsatz, im Netz werden Krisenbe- wältigungskurse angeboten. Als Sir Norman Foster jetzt bestätigte, dass er weltweit 400 Mitarbeiter ent- lässt und die Büros in Berlin und Is- tanbul zum Monatsende schließt, wirkte das wie ein doppeltes Signal:

Mo natsende schließt, wirkt e das wie ein doppeltes Signal: REGINA KRIEGER Wissenschafts- redakteurin, schreibt über

REGINA

KRIEGER

Wissenschafts-

redakteurin,

schreibt über

Urbanistik und

Architektur.

Die Investoren schauen wieder auf ihr Geld, wenn sie es denn noch ha- ben, und außerdem ist die Krise bei den Stars angekommen. Künftig wird es weniger Symbolprojekte ge- ben, weniger architektonische Leuchttürme, die oft nicht recht ins Stadtbild passen und von zweifel- hafter Ästhetik sind ganz neben- bei: Fosters Entwurf für das Hoch- haus auf der „Kristallinselmag rus- sischem Geschmack entsprechen, doch in den Fachmedien ist schon das Wo rt Kitsch ge fa llen. „Die Krisis ist als neuer Entwick- lungsknoten zu betrachten, schrieb Jacob Burckhardt am Ende des 19. Jahrhunderts in seinen Welt- geschichtlichen Betrachtungen. Und genau das passiert im Moment. Der israelische Architekt Zvi He- cker, der unter anderem mehrere jü- dische Gemeindezentren im Ruhr- gebiet baute, hat es als Erster er- kannt. In einem klugen Essay über Architektur in Zeiten der Finanz- krise erinnert er an die Große De- pression, in der „die prunkvolle Or- namentik des Neoklassizismus weg- gefegtwurde. Jetzt sei die Zeit für eine neue Ästhetik, schreibt er, jetzt könnten neue Ideen entwickelt wer- den wie die Noten einer Partitur, „später, wenn die Ökonomie sich er- holt hat, werden sie dann womög- lich realisiert.

Fotos: imago, dpa
Fotos: imago, dpa

Vorbilder für Manager? Ameisen sind Meister des ressourcensparenden Arbeitens. Lange nachdenken müssen sie dabei nicht soweit wir wissen.

Mach es wie die Ameise!

Kognitionsforscher erklären, warum Finanzprofis allzu oft falsch liegen und einfache Lösungen zuweilen besser sind

NIKE HEINEN | D ÜSSELDORF

Zu den vielen diskutierten Ursachen der Finanzkrise kommt nach Ansicht von Gerd Gigerenzer noch eine dazu, die Ökonomen sicher nicht in Be- tracht ziehen: „mangelndes Ver- trauen in die eigene Intuition. Der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin hatte die Bedeutung des Bauchgefühls schon vor neun Jahren gezeigt. Aller- dings nahmen ihn Finanzmarktak- teure nicht wahr. Damals hatte er ein- fach Passanten gefragt, welche Ak- tien er kaufen soll. Die meisten hat- ten keine Ahnung von Aktien und nannten einfach Firmennamen, die sie schon mal gehört hatten. In sechs Mo na te n s tieg der We rt des Aktien- fonds um fast 50 Prozent. Das Bauch- gefühl von Hänschen Müller Ah- nungslos war dem Rat hochbezahlter Finanzanalysten überlegen. Gigerenzer ist Heuristiker, er un- tersucht, nach welchen Regeln Men- schen entscheiden und mit wel- chen Entscheidungen sie erfolgreich sind. Die Regel, auf die die Passanten in diesem Fall intuitiv zurückg riffen, heißt Rekognitionsheuristik. Man- cher Banker dagegen schaffe es nicht, so Gigerenzer, aus der Fülle der Informationen die richtigen he- rauszuf iltern. Er vermutet, dass die Probleme auf dem Finanzmarkt auch damit zu tun haben, dass die Prof is vergessen haben, den einfa- chen Daumenregeln zu folgen, die uns die Natur zur Orientierung mit- gibt. Sie sind viel älter als Aktien- fonds und Immobilienkredite. Älter sogar als unsere eigene Art. „Den Bankern könnte man raten:

Mach es wie die Ameise!meint Gi-

gerenzer. „Die folgt einem Weg vol- ler Windungen und Kurven. Nach rechts, nach links, zurück, hält inne, geht wieder vorwärts. Das ist zwar ein komplexes Verhalten, ähnlich komplex und verwirrend wie der Ak- tienhandel an der Börse, folgt aber keiner komplexen Strategie.Statt- dessen folgen Insekten, die nicht ein- mal ein Gehirn, sondern nur ein- zelne Nervenknoten besitzen, ganz einfachen Maximen, die sie laufend mit der Umgebung abgleichen. „Die Ameise befolgt vielleicht die einfa- che Regel: Sieh zu, dass du schnell aus der Sonne kommst, ohne mit dem Klettern über Hindernisse Ener- gie zu verschwenden.So bringt man eine optimale Energiebilanz ins heimische Nest. Übertragen auf die Wirtschaft bedeutet das: „Entschei- dungen von komplizierten Statisti- ken abhängig zu machen hilft nicht weiter, kostet nur Kraft. Gute, simple Regeln müssen her. Das spart Zeit und Ressourcen.

Der Sieg des Einfachen

Das Verhalten der Ameise folgt dem „Take the best-Prinzip. Der wich- tigste Grund ist der entscheidende:

Steht man zwischen zwei Möglich- keiten, dann lässt man die Intuition eine Rangfolge der Wichtigkeit von Faktoren festlegen. Bei der ersten Priorität beginnend, ist der Faktor der entscheidende, bei dem sich die beiden Optionen zum ersten Mal un- terscheiden. Für die Routenwahl der Ameise ist die Schonung der Kräfte ausschlaggebend, sonst sind alle an- deren Ziele ohnehin nicht mehr er- reichbar. „Ein komplexes Problem verlangt eine komplexe Lösung, wird uns ge-

sagt. Tatsächlich trifft in schwer vor- hersagbaren Situationen eher das Ge- genteil zu, sagt Gigerenzer. „Man muss darauf achten, dass man sich nicht in einem Wa ld aus We nn und Aber verirrt.Sein Paradebeispiel für den Sieg des Einfachen über das Komplexe ist ein Quiz, bei dem man sich entschei- den muss, ob Detroit größer ist als Milwaukee oder umgekehrt. Die überwältigende Mehrheit der deut- schen Studenten, die Gigerenzer be- fragte, sagte spontan „Detroit, weil sie diesen Namen schon oft gehört hatte. Sie lag richtig. Als Gigerenzer aber amerikanische Studenten be- fragte, antworteten 40 Prozent trotz ihren landeskundlichen Kenntnisse falsch weil ihnen Milwaukee genau wie Detroit als bedeutende Industrie- stadt bekannt war. „Die amerikani- schen Studenten wussten zu viel. Die vielen Fakten trübten ihr Urteil.Auch Dan Ariely, Verhaltensöko- nom am Massachusetts Institute of Technology erforscht die menschli- che Irrationalität im Allgemeinen und ganz besonders die der Finanz- märkte. Ihn interessiert der Teil unse- res Unbewussten, der uns anders als die von Gigerenzer beschriebene gute Intuition im Weg steht. „Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass wir fähig sind, für uns die richti- gen Entscheidungen zu treffen, sagt Ariely. „Nach diesem Ideal des ratio- nalen Menschen werden Richtlinien für Gesundheitspolitik gestaltet oder Steuern ausgerichtet. In Wirklichkeit weichen wir weit von diesem Ideal ab. Wir handeln irrational, und zwar mit System.Entgegen populärer Sichtweise seien diejenigen, die die aktuelle

Krise verursachten, keine „bösenMenschen. Ariely kann zeigen, dass Menschen die moralische Vernunft umso leichter vergessen, je abstrak- ter die Auswirkungen ihres Han- delns sind. Als er Studenten die Er- folgsquote richtig gelöster Aufgaben in einer Prüfung selbst bestimmen ließ, gab die mit Gutscheinen für rich- tige Antworten belohnte Gruppe dop- pelt so viele falsche Lösungen als richtig an, wie die bar belohnte. „Be- trügen fällt also umso leichter, je we- niger echtes Geld im Spiel ist, meint Ariely. „Das Maß an vernünftiger Selbstbeschränkung kann an der Börse demnach nicht sehr groß sein.

Unvernünftige Werteinschätzung

Arielys dringender Rat an die nächste Generation an den Finanz- märkten ist, sich der menschlichen Schwächen bewusst zu werden um sie mit einem System der Selbstkon- trolle auszuhebeln. Das könnte ganz ähnlich funktionieren wie die kon- trollierte Kreditkarte, die Ariely den Amerikanern vorschlägt: Dabei setzt sich jeder Kreditkarteninhaber ein Li- mit für einzelne Ausgaben Klei- dung, Essen, Reisen , das er nicht überschreiten kann. Weil sie sich von einem irrationa- len We rteinschätzung ssys te m i m Kopf narren lassen, geben die meis- ten Menschen mehr Geld aus, als sie müssten. „Wir Amerikaner sind dem Konsumwahn erlegen: Wir wollen all das, was unsere Nachbarn auch ha- ben, ob wir es uns leisten können oder nicht.Wie leicht sich dieses System von der Außenwelt narren lässt, zeigte Ariely, als sich seine St u- denten vor einer Versteigerung die

beiden letzten Ziffern ihrer Studien- nummer einprägen sollten. Die Stu- denten, die sich eine hohe Zahl mer- ke n mus sten, schätzten den We rt er- steigerter Dinge höher ein. „Die Num- mer wirkte als mentaler Anker, der vom Gehirn intuitiv als Maßstab für das Preisgebot herangezogen wurde, sagt Ariely. „Ganz ähnlich funktionieren Speisekarten in erfolg- reichen Restaurants: Ein einziges teu- res Gericht und der Umsatz der an- deren Gerichte steigt.Wenn eine Ak- tie steigt, würden demnach die ande- ren deswegen automatisch nachzie- hen, weil Anleger sie in einer Art Nachahmereffekt kaufen, obwohl da- durch vielen Käufen keine reale Wirt- schaftskraft des Unternehmens ge- genübersteht. Auch eine Erklärung für Spekulationsblasen. „Wir sind Figuren in einem Spiel, in dem uns größtenteils unbekannte Kräfte mitwirken, sagt Ariely. „Wir glauben, die absolute Kontrolle über die Richtung zu haben, die unser Le- ben nimmt. Das entspricht aber eher unseren Wünschen als der Wirklich- keit. Wenn wir uns darüber klar wer- den, können wir etwas daran än- dern.

 

UNSERE THEMEN

 

MO

ÖKONOMIE

DI

ESSAY

MI GEISTESWISSENSCHAFTEN

DO

NATURWISSENSCHAFTEN

FR

LITERATUR

Frauen fürchten das Nerd-Image von IT-Jobs

DÜSSELDORF. Uncool zu wirken gilt vielen Menschen der Gegenwart als ein großes Unglück, das es unbe- dingt zu ve rmeiden gilt. Wa s cool ist und was nicht, ist ein weites Feld, doch der berufsmäßige Umgang mit Informationstechnik ist offensicht- lich im Urteil sehr vieler Frauen in höchstem Maße uncool. Dadurch nämlich, so will eine amerikanische Soziologin herausgefunden haben, sei die geringe Zahl von Frauen in der IT-Branche zu erklären. Wer sich gerne mit Computern be- schäftigt, wird in den USA schnell als „Nerdstigmatisiert. Der Begriff, des- sen Herkunft ungeklärt ist, ist kaum zu übersetzen, am ehesten als „Son- derling. Besonders, wenn ein IT- Fachmann obendrein eine Brille und unmodische Kleidung trägt oder die Abende nicht in Bars oder Discos ver- bringt, gilt er schnell als Nerd. Auch erfolgreiche Unternehmer wie Bill Gates oder Steve Jobs werden das Nerd-Image nicht los. Dieses Klischee, das in frühen Computerzeiten in den 70er- und 80er-Jahren entstand und in zahllo- sen Teenager-Filmkomödien wie „The Revenge of the Nerdsgepflegt wurde, ist offenbar noch höchst wirk- sam. Das schreibt die Soziologin Lori Kendall von der Universität von Illi- nois in einer im Internet veröffent- lichten Studie („White and Nerdy). Der Titel bezieht sich auf ein Lied des Parodisten Weird Al Jankovic. Kendall analysierte amerikanische Medien und stellte fest, dass das Nerd-Stereotyp in Film, Fernsehen und Werbung noch sehr lebendig ist. In den Ruf, „nerdyzu sein, wollen besonders Frauen unter keinen Um- ständen geraten. Dass sie offenbar noch mehr als Männer unter gar kei- nen Umständen als Nerd gelten woll- ten, so vermutet die Forscherin, könnte ein Grund dafür sein, warum sie in der IT-Branche unterrepräsen- tiert sind. Im Umkehrschluss, so Ken- dall, wird Menschen, die keinesfalls dem Klischee entsprechen, wenig Kompetenz in Computer-Dingen un- terstellt. Das betrifft pauschal Frauen und nicht-weiße Männer. „Vor zehn Jahren habe ich ge- dacht, das Nerd-Stereotyp würde von allein aussterben, wenn immer mehr Menschen in ihrem Alltag Com- puter verwendeten, sagt Lori Ken- dall. „Ich dacht e: We nn wir erst mal alle einen Computer benutzen, sind wir alle Nerds. Nun, das hat sich nicht als wahr erwiesen.Der typische Nerd wird in den von ihr untersuchten Massenmedien stets als weißer Mann präsentiert was auch Jankovic in seinem Lied „White and Nerdythematisiert. Jan- kovic stellt dem unsportlichen wei- ßen Nerd-Jungen, der seinen Laptop mit unter die Dusche nimmt und Tischtennis (das in den USA als un- cool gilt) spielt, gegen den schwar- zen „Hip-Hop-Gangstaund dessen „cooles, in der schwarzen Subkultur beg ründetes Männlichkeitsideal. Kendalls Analyse bestätigt dieses Stereotyp zumindest in den Medien:

Frauen und Schwarze werden nicht als Nerds angesehen. „Die Folge die- ser Stereotypisierung ist, dass wir denken, dass Leute, die etwas von

Computern verstehen, weiß und männlich sein müssen, sagt Kendall. „Und das hat Einfluss darauf, wie Frauen oder Angehörige ethnischer Minderheiten angesehen werden, wenn sie einen Beruf mit starkem Computer-Bezug wählen.fk /wsa

einen Beruf mit starkem Computer-Bezug wählen. “ fk /wsa Eine Auszubildende der Archivschule Marburg sucht in

Eine Auszubildende der Archivschule Marburg sucht in einem Trümmerhaufen des Kölner Stadtarchivs nach restaurierbaren Dokumenten.

Eine Aufgabe für eine ganze Generation

Archivare und Restauratoren kämpfen um die Bestände des Kölner Stadtarchivs

FERDINAND KNAUSS | K Ö LN

Ein gesichts- und geschichtsloserer Ort als Porz-Urbach ist kaum vorstell- bar. Und der unansehnlichste Fle- cken in diesem Kölner Stadtteil ist wohl die staubige Arbeitshalle einer Firma für Umwelttechnik. Ausge- rechnet hier wird mit riesigen Kipp- lastwagen die Geschichte der ehema- ligen Reichsstadt Köln abgeladen gemeinsam mit vielen Tonnen Bau- schutt. Die 54 Auszubildenden der Archiv- schule Marburg, die in weißen Staub- schutzanzügen und mit Atemmasken auf den Haufen herumkriechen, die einmal das Kölner Stadtarchiv wa- ren, und zwischen Backsteinen und zerquetschtem Hausrat vorsichtig Pa- pierfetzen heraussuchen, haben eine Arbeit begonnen, die vielleicht noch nicht beendet sein wird, wenn sie in Rente gehen. Alle größeren Archive der Nach- barstädte, Universitäten, Museen ha- ben Fachpersonal für diese Jahrhun- dertaufgabe abgestellt. „Die Fach-

schaft hat sofort begriffen, welche Ka- tastrophe hier passiert ist, kommen- tiert Kölns Kulturdezernent Georg Quander die große Solidarität. Die schmutzige Arbeit auf den Schutthaufen ist nur der erste Schritt in einem unsäglich mühsamen Pro- zess des Rettens. In einem Drei- Schichten-Betrieb sollen rund um die Uhr 30 bis 50 Personen die Doku- mente aus dem Schutt sortieren. Da der Zustand der Dokumente sich durch Regen und Grundwasser ver- schlechtern wird, arbeiten sie in gro- ßer Eile. Die Papiere, die in der Porzer Halle zwischen dem Schutt zu erken- nen sind, wurden offensichtlich durch den Einsturz völlig durchei- nandergewirbelt. Da liegt ein Formu- lar eines Gerichtsvollzugs aus den 1980er-Jahren nicht weit entfernt von einem handschriftlichen Notiz- buch in Kurrentschrift, das sicher mindestens 100 Jahre älter ist. Dane- ben der abgerissene Deckel einer Pappschachtel, in der offensichtlich Prozessakten vom Reichskammerge-

richt in Goslar lagen. Aber vom In- halt ist nichts zu sehen. Ohne jegliche inhaltliche oder his- torische Ordnung werden die Pa- piere nach Verschmutzung und Feuchtigkeit sortiert, in Frischhalte- folie eingeschweißt und in Kisten ge- legt. Möglichst schnell sollen diese Fragmente in die Gefriertrocknungs- anlagen der ganzen Republik abtrans- portiert werden. Feucht-schmutzige Papiere müssen schockgefroren wer- den und zwei Jahre lagern, um gerei- nigt werden zu können. Die Akten setzt man dazu einem Va kuum aus, wodurch das Eis sofort verdampft und abgesaugt werden kann. So kann man die Schimmelbildung verhin- dern. Aber dazu dürfen die Papiere eben nicht allzu lange feucht und schmutzig bleiben. In normalen Zeiten, wenn Archive nicht einstürzen, restaurieren die Mit- arbeiter der Restaurierungswerkstatt in Münster etwa 150 Meter Papierdo- kumente pro Jahr. Die Bestände des Kölner Stadtarchivs umfassten knapp 30 Regalkilometer. „Die Personalkapa-

zitäten für eine solche Katastrophe gibt es gar nicht, sagt Markus Stumpf, Leiter des Archivamts für Westfalen in Münster. An den drei Ausbildungsstätten für Papierrestau- rateure in Deutschland werden pro Semester insgesamt nur rund zehn Menschen ausgebildet. An der Unfallstelle in der Severin- straße sind Feuerwehr und THW im- mer noch vor allem mit der Suche nach der zweiten vermissten Person befasst. Erst wenn die Leiche gefun- den ist, werden die Archivare und Restaurateure das Kommando über- nehmen und den Feuerwehrleuten sa- gen, wie sie vorzugehen haben. „Dann werden wir darauf achten, dass die Bestände zusammenblei- ben, sagt Feuerwehrdirektor Ste- phan Neuhoff. Das impliziert leider, dass sie es jetzt noch nicht tun: „Bis dahin ber- gen wir Kulturgut nur, wo es auf- taucht.Wie das aussieht, kann man an der Unfallstelle beobachten. Rie- sige Bagger werfen den Schutt in Kipplader. Das dürfte viele der histo-

rischen Akten und Dokumente, die zwischen den Beton- und Steinbro- cken stecken, endgültig zerstören. Die Leiterin des Stadtarchivs, B et- tina Schmidt-Czaia, ist Fachfrau für spätmittelalterliche und frühneuzeit- liche Geschichte. Sie ist seit vier Jah- ren Leiterin des Archivs, das für un- absehbare Zeit der Forschung nicht zur Verfügung stehen wird. Die Fas- sungslosigkeit ist ihr auch nach einer Wo che noch anzumer ke n. „Ich habe furchtbare B estände ge- sehen, aber auch fast unbeschä- digte.Sie kann neben allen Schre- ckensnachrichten immerhin den halbwegs unversehrten Fund einiger besonders wertvoller Schriftstücke melden. Eine von zwei Handschrif- ten des berühmten mittelalterlichen Gelehrten Albertus Magnus (ca. 1200-1280) konnte geborgen werden. Für die Kölner Stadtgeschichte und die Alltagsgeschichte des 16. Jahrhun- derts besonders wichtig sind die Auf- zeichnungen des Kölner Patriziers Hermann von Weinsberg. Vier der fünf Bände sind aufgetaucht.