Sie sind auf Seite 1von 14

Ludwig-Maximilians-Universität München Juristische Fakultät Seminar im Europarecht für Nebenfachstudierende Sommersemester 2012

Seminararbeit

Die Europäische Zentralbank Stellung, Zuständigkeiten und Instrumente der Geldpolitik

Verfasser: Kemal Yasar Datum der Abgabe: 20.08.2012

Einleitung

2

1. Der Weg zur Europäischen Zentralbank

3

2. Organisation von ESZB und EZB

4

3. Besondere Stellung im institutionellen Gefüge der EU

5

4. Die Unabhängigkeit der EZB

5

5. Ziele und Aufgaben der EZB

7

6. Die geldpolitischen Instrumente der EZB

9

6.1

Offenmarktgeschäfte

9

6.1.1 Hauptrefinanzierungsgeschäfte

9

6.1.2 Längerfristige Refinanzierungsgeschäfte

10

6.1.3 Feinsteuerungsoperationen

10

6.1.4 Strukturelle Operationen

10

6.2

Kreditgeschäfte (ständige Fazilitäten)

11

6.2.1 Spitzenrefinanzierungsfazilität

11

6.2.2 Einlagefazilität

11

6.3. Mindestreserveinstrument

11

7. Fazit

12

Literatur

13

Ehrenwörtliche Erklärung

14

Einleitung

Neben der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wird die Europäische Währungsunion vielfach als Krönung der wirtschaftlichen Integration Europas angesehen. Durch die Begründung eines einheitlichen Währungsraums für 331 Millionen Unionsbürger ist der Euro-Raum mittlerweile, neben dem Dollar- und Yen-Raum, eines der wichtigsten Währungsgebiete der Welt. In weiten Teilen des Globus hat der Euro sich seit seiner Einführung als Bargeld am 1. Januar 2002 als echte Leitwährungsalternative zum Dollar etabliert. Und mancherorts, wie z.B. in Montenegro oder im Kosovo, sogar als de facto Zahlungsmittel durchgesetzt. Es scheint, als wären vielerorts die positiven Assoziationen und Erfahrungen mit der soliden, unerschütterlichen Deutschen Mark auf die europäische Gemeinschaftswährung übertragen worden. Betrachtet man die Konstitution der Europäischen Zentralbank, so ist diese Annahme auch plausibel. Schließlich hat diese nicht nur ihren Sitz in Deutschland, sondern wurde auch streng nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank aufgebaut. Unabhängig von jeglicher politischer Einflussnahme oder Weisung wurde die Preisniveaustabilität als ihr wichtigstes Ziel benannt quasi als Gegenentwurf zur Inflationspolitik vorwiegend südeuropäischer Zentralbanken. Doch in der Folge der europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise wurde das Primat der Geldwertstabilität teilweise verwässert. Mehrmals kaufte die EZB Staatsanleihen von hochverschuldeten Mitgliedsstaaten wie Griechenland, Italien und Portugal um den Druck von diesen Ländern zu nehmen. Eine Praxis, die zu heftiger und profunder Kritik führte und die Skepsis der deutschen Bevölkerung gegenüber dem Euro befeuert.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Darstellung der Geldpolitik der EZB. Nach der Beschreibung der Organisationsstruktur, soll zunächst die besondere Stellung der EZB im System der Europäischen Institutionen skizziert werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Unabhängigkeit von anderen politischen Unionsorganen. Anschließend wird die Geldpolitik der EZB ausführlich erläutert und die wichtigsten Instrumente zur Steuerung dieser erklärt. Abgeschlossen wird die Arbeit durch eine kritische Betrachtung der geldpolitischen Strategie der EZB und ein Fazit.

1. Der Weg zur Europäischen Zentralbank

Die Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990 wird oft als der maßgebliche politische Auslöser für die Errichtung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) bezeichnet. Das größer und souveräner gewordene Gesamtdeutschland sollte durch eine gemeinsame Währung noch stärker in die EU eingebunden werden 1 . Zur Vorbereitung der Währungsunion wurde 1994 das Europäische Währungsinstitut (EWI) gemäß dem Maastrichter Vertrag in Frankfurt gegründet 2 . Es trat damit die Nachfolge des Ausschusses der Zentralbankpräsidenten an und markiert den Beginn der 2. Stufe des 1990 von Jacques Delors entwickelten Dreistufenplans zur Verwirklichung der Währungsunion 3 . Aufgabe des EWI war es, die nationalen Finanzpolitiken zu koordinieren, die Funktionsfähigkeit des Europäischen Währungssystems zu überwachen sowie die Tätigkeit der Europäischen Zentralbank und die Einführung des Euro organisatorisch vorzubereiten 4 . Zwar blieb die Geldpolitik in dieser Zeit noch in der Zuständigkeit der Mitgliedsstaaten; die Formulierung der vier Konvergenzkriterien zur Stabilität des Preisniveaus, der öffentlichen Haushalte, der Wechselkurse zu den übrigen Mitgliedsstaaten und des langfristigen Nominalzinssatzes sollte jedoch den wirtschaftlichen Zusammenhalt der Euroländer bereits gewährleisten und die 3. Stufe vorbereiten 5 . Am 1. Juli 1998 wurde schließlich die Europäische Zentralbank als Nachfolgeinstitution des EWI mit Wim Duisenberg als ihrem ersten Präsidenten gegründet. Da mehrere Staaten, darunter Griechenland und Italien, Probleme mit der Einhaltung der Konvergenzkriterien (auch Maastricht-Kriterien) hatten, begann die 3. Stufe erst am 1.1.1999 6 . Außer Großbritannien und Dänemark, die sich im Rahmen der Maastricht-Verhandlungen ein „opting-out“ ausbedungen hatten, verpflichteten sich alle EU-Staaten bei Erfüllung der Konvergenzkriterien die gemeinsame Währung einzuführen. Somit führten mit dem Beginn der 3. Stufe der EWWU elf der 15 EU-Mitgliedsstaaten den Euro als Währung ein. Eine Ausnahme bildet Schweden, das die Kriterien zur Euro-Einführung eigentlich erfüllen würde, sie durch die Aussetzung der Teilnahme am Wechselkursmechanismus II (WKM II) jedoch gezielt verfehlte, da sich die Bevölkerung in einem Referendum gegen den Euro aussprach. Diese Praxis widerspricht eigentlich dem Sinn des Vertrags, wird jedoch von der Europäischen Kommission

1 Vgl. Oppermann 2011 §19 Rn. 12

2 Vgl. Hobe 2012 §8 Rn. 211

3 Vgl. Weidenfeld S. 177

4 Vgl. Hobe 2012 § 21 Rn. 319

5 Vgl. Hobe 2012 § 21 Rn. 320; Weidenfeld, S. 178

6 Vgl. Bieber 2011 §21 Rn. 19

toleriert, da Schweden der EU zu einem Zeitpunkt beitrat, als die Einführung der EWWU zwar beschlossen, die 3. Stufe jedoch noch nicht erreicht worden war. Schweden hat damit ein „informelles opt-out“ 7 . Griechenland konnte die formalen Kriterien zunächst nicht erfüllen, trat aber 2001 nachträglich bei, nachdem es berichtete, die Konvergenzkriterien erfüllt zu haben 8 .

2. Organisation von ESZB und EZB

Mit der Schaffung einer Wirtschafts- und Währungsunion wurde neben der EZB auch ein Europäisches System der Zentralbanken errichtet, welches gemäß Art. 282 AEUV aus der EZB und den nationalen Zentralbanken besteht. Das Hauptorgan der EZB ist der EZB-Rat mit 22 Mitgliedern. Dieser setzt sich zusammen aus den 17 Präsidenten der nationalen Zentralbanken, der an der Währungsunion teilnehmenden Staaten und den sechs Mitgliedern des Direktoriums. Letztere bilden die ständige Exekutive der EZB und setzen sich zusammen aus Fachleuten des Bankwesens, die vom Rat empfohlen und nach Anhörung des Parlaments und des EZB-Rats von den Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten für acht Jahre ernannt werden 9 . Es ist mittlerweile Usus, dass die großen Euroländer Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien regelmäßig vier Sitze im Direktorium innehaben und die übrigen beiden Sitze von den kleineren Ländern rotierend belegt werden 10 . Nachdem der Niederländer Wim Duisenberg zum ersten Präsidenten der EZB gewählt worden war, folgte ihm bis zum 31.10.2011 der Franzose Jean-Claude Trichet. Seit November 2011 amtiert der Italiener Mario Draghi. Der Präsident leitet den EZB-Rat und erlässt Leitlinien und Entscheidungen zur EURO-Geldpolitik. Das Direktorium als zentrales Exekutivorgan bereitet die Sitzungen des EZB- Rats vor und führt die geldpolitischen Entscheidungen des EZB-Rats aus 11 . Neben dem EZB-Rat existiert im ESZB der erweiterte EZB-Rat, zu dem auch diejenigen zehn Mitgliedsstaaten gehören, die den Euro noch nicht eingeführt haben. Der erweiterte EZB-Rat trägt keine Verantwortung für geldpolitische Entscheidungen im Euro-Währungsgebiet und stellt nur eine institutionelle Verbindung zwischen dem Eurosystem 12 und den nationalen Zentralbanken der noch nicht dem Euro-Währungsgebiet angehörenden Mitgliedsstaaten her. Er fungiert nur als beratendes Gremium, d.h. er berät die EZB, ist bei der Erhebung statistischer Daten tätig und hilft den Mitgliedsstaaten bei den notwendigen Vorbereitungen zur Festlegung der Wechselkurse. Im Grunde hat er jene Funktion inne, die dem EWI zukam, bevor die 3. Stufe zur Verwirklichung der Währungsunion begann 13 . Er wird aufgelöst, sobald alle EU-Mitgliedsstaaten den Euro eingeführt haben.

7 Vgl. Görgens 2004 S. 20ff.

8 Vgl. Hobe 2012 § 21 Rn. 325

9 Vgl. Oppermann 2011 § 19 Rn. 17; Hobe 2012 §8 Rn. 214

10 Vgl. Gaitanides S. 78 ff.; Oppermann 2011 §19 Rn. 17

11 Vgl. Wessels 2008 S. 326

12 Unter Eurosystem versteht man die EZB und die nationalen Zentralbanken jener EU-Mitglieder, die den Euro bereits als Zahlungsmittel eingeführt haben.

13 Vgl. http://www.ecb.int/ecb/orga/decisions/genc/html/index.de.html (zuletzt aufgerufen am: 16.08.2012)

3.

Besondere Stellung im institutionellen Gefüge der EU

Die Frage, ob es sich bei der EZB um ein Organ der EU oder eine selbständige internationale Einrichtung handelt, war lange Zeit umstritten. Schon vor Lissabon besaß sie eine eigene Rechtspersönlichkeit im Sinne des Völkerrechts, wurde jedoch im Sprachgebrauch des Verfassungsvertrags lediglich als „sonstiges Organ“ ausgeschildert 14 . Diese Debatte fand ihr Ende damit, dass die EZB im Lissabon-Vertrag als EU-Organ bezeichnet wurde (Art. 13 I EUV). Nichtsdestotrotz handelt sie aufgrund ihrer Rechtsfähigkeit (Art. 282 III AEUV) im eigenen Namen und besitzt weitgehende Unabhängigkeit 15 . Die Kooperationspflicht der Organe gemäß Art. 13 II EUV steht der Unabhängigkeit der EZB nicht entgegen 16 . Inwiefern Organqualität und gleichzeitige Rechtspersönlichkeit dogmatisch vereinbar sind, ist in der Literatur bislang ungeklärt. Nettesheim bezeichnet die EZB daher als „eine der EU eingegliederte unabhängige Sondereinrichtung mit speziellen Befugnissen“, deren Aufwertung zum Organ programmatische Bedeutung hat und rechtlich gesehen als Glied zu bezeichnen wäre 17 .

4. Die Unabhängigkeit der EZB

Unter der Unabhängigkeit einer Zentralbank versteht man, dass sie ihre geldpolitischen

Entscheidungen selbständig und ohne Beeinflussung von außen treffen kann 18 . Die konstituierenden Elemente der Unabhängigkeit werden sechs Merkmalen zugeordnet:

1. Die institutionelle Unabhängigkeit beschreibt die grundlegenden Beziehungen einer Notenbank zum Staat. In der Regel delegieren Regierungen oder Parlamente Kompetenzen an eine Zentralbank, die sie ihr jedoch wieder entziehen können. Dies kann bei unterschiedlichen Vorstellungen bzgl. der Geldpolitik schnell zu einem Druckmittel werden. Im Falle der EZB ist die zugesicherte Unabhängigkeit weitestgehend gesichert, da die einschlägigen Änderungen durch alle Mitgliedsstaaten zu ratifizieren sind. 19

2. Die finanzielle Unabhängigkeit wird an der Möglichkeit einer Notenbank gemessen, über ihre Ausgaben selbst zu bestimmen und sie auch finanzieren zu können. Die EZB verfügt über einen eigenen Haushalt, der unabhängig von den anderen Institutionen ist, und kann ihre Ausgabebudgets festsetzen und finanzieren 20 .

3. Die funktionelle Unabhängigkeit beschreibt zunächst die Befugnis einer Zentralbank, aus einem Zielkatalog die von ihr für relevant erachteten Ziele auszuwählen, zu gewichten und zu verfolgen 21 . Im Falle der EZB ist dieser Handlungsspielraum mit dem primärrechtlich verankerten Ziel der Preisstabilität bereits funktionell eingeschränkt. Innerhalb dieses

14 Vgl. Wessels 2008 S. 319

15 Vgl. Oppermann 2011 § 19 Rn. 15

16 Vgl. Bieber 2011 §4 Rn. 90

17 Oppermann 2011 § 19 Rn. 16

18 Vgl. Gaitanides S. 43

19 Vgl. Gaitanides S. 55

20 Vgl. Gaitanides S. 63

21 Vgl. Gaitanides S. 64

Rahmens jedoch kann die EZB ihre Funktion in Bezug auf die Konkretisierung und Umsetzung des Zieles frei bestimmen. Das Ziel der Preisstabilität erfordert ein Höchstmaß politischer Unabhängigkeit 22 . Diesem Umstand wird in Art. 130 II AEUV Rechnung getragen, wonach der bloße Versuch der Beeinflussung durch die Organe und Einrichtungen der Union und den Regierungen der Mitgliedsstaaten untersagt ist.

4. Die personelle Unabhängigkeit einer Zentralbank setzt zunächst voraus, dass deren Willen nicht schon durch die Auswahl der an der Willensbildung beteiligten Mitglieder auf eine bestimmte Geldpolitik festgelegt wird und hat daher die Funktion, eine Aushöhlung der funktionellen Unabhängigkeit zu verhindern 23 . Die Amtszeit der Präsidenten der EZB und der Direktoriumsmitglieder beträgt acht Jahre. Gemäß Art. 283 AEUV werden sie nur für eine Amtszeit gewählt und ernannt. Inwiefern diese Regelungen dem Prinzip der personellen Unabhängigkeit ausreichend gerecht werden, ist aber fraglich, zumal bei der erstmaligen Bestellung des EZB-Präsidenten eine Ernennung erst nach Maßgabe einer Absichtserklärung über einen vorzeitigen Rücktritt erfolgte 24 . Sieht man davon ab, so ist „auch die persönliche Unabhängigkeit der Amtswalter sichergestellt 25 “.

5. Die strukturelle Unabhängigkeit der EZB muss unter dem Gesichtspunkt der dezentralen Struktur des ESZB und dem Umstand, dass die nationalen Zentralbankpräsidenten im EZB- Rat stimmberechtigt sind, beurteilt werden. Bei einer regional unterschiedlichen Preis- und Beschäftigungsentwicklung kann es daher zu widersprüchlichen Interessenlagen bezüglich der Geldpolitik kommen. Aufgrund des neuen Abstimmungsverfahrens wurde jedoch die Möglichkeit der Einflussnahme der Zentralbankpräsidenten zugunsten der Direktoriumsmitglieder weiter abgeschwächt. Auch in Anbetracht künftiger Erweiterungen erfuhr das Direktorium als Exekutive der EZB dadurch eine Stärkung 26 .

6. Die instrumentelle Unabhängigkeit beruht nicht nur auf dem der Zentralbank zur Verfügung gestellten geldpolitischen Instrumentarium, sondern auch auf dem ihr gewährten Ermessen, eben jenes einzusetzen. Darüber hinaus wäre die instrumentelle Unabhängigkeit hinsichtlich einer Politik der Geldwertstabilität gefährdet, wenn den nationalen Regierungen und Gemeinschaftsorganen eigene vertragliche Befugnisse zustünden, die ihnen unmittelbaren Einfluss auf die Geldpolitik gewährten 27 . Die Vorschriften der Art. 18 und 19 ESZB-Satzung stellen der EZB ein umfangreiches Instrumentarium geldpolitischer Befugnisse zur Verfügung, das ihr ermöglicht, über die Notenbankzinsen und die Bankenliquidität den

22 Vgl. Schwarze 2012 AEUV Artikel 130 Rn. 1

23 Vgl. Gaitanides S. 75

24 Vgl. Schwarze 2012 AEUV Artikel 283 Rn. 4; Vgl. Wessels 2008 S. 325

25 Vgl. Oppermann 2011 §19 Rn. 20

26 Vgl. Gaitanides S. 89 ff.

27 Vgl. Gaitanides S. 96

Tagesgeldsatz zu steuern und Signale über den beabsichtigten geldpolitischen Kurs zu setzen 28 . Von einer unabhängigen Institution ist des weiteren zu erwarten, dass sie alle relevanten Informationen über ihre Strategie, ihre Einschätzungen und geldpolitischen Beschlüsse sowie ihre Verfahren gegenüber der Öffentlichkeit und ihren gewählten Vertretern ausführlich berichtet und begründet. So eine Transparenz fordern auch Art. 15 der ESZB-Satzung und Art. 284 III AEUV. Die EZB kommt dieser Verpflichtung dadurch nach, dass sie wöchentlich eine konsolidierte Bilanz sowie einen Monatsbericht und Jahresbericht veröffentlicht.

5. Ziele und Aufgaben der EZB

Das vorrangige Ziel des ESZB ist die Sicherung der Preisstabilität, wie in Art. 127 AEUV festgelegt ist. Darüber hinaus soll das ESZB die allgemeine Wirtschaftspolitik der Europäischen Union zur Verwirklichung der allgemeinen EU-Ziele im Sinne des Art. 3 EUV unterstützen, soweit dies ohne die Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist 29 . Preisstabilität ist dabei nicht streng als Nullinflation auszulegen, sondern umfasst auch geringfügige Preissteigerungen im Zuge eines ausgewogenen Wirtschaftswachstums. Im Oktober 1998 definierte der EZB-Rat in diesem Sinne Preisstabilitätals einen Anstieg des Preisniveaus von weniger als 2% pro Jahr 30 . Gemäß Artikel 127 II AEUV hat die EZB vier grundlegende Aufgaben:

a) die Festlegung und Durchführung der Geldpolitik des Euro-Währungsgebiets

b) die Durchführung von Devisengeschäften

c) die Verwaltung der offiziellen Währungsreserven der Mitgliedsstaaten (Portfoliomanagement)

d) die Unterstützung des reibungslosen Funktionierens der Zahlungssysteme

Art. 128 AEUV bestimmt, dass die EZB das ausschließliche Recht hat, die Ausgabe von Banknoten innerhalb der Gemeinschaft zu genehmigen. Dieses so genannte Banknotenregal berechtigt allein die EZB und die nationalen Zentralbanken zur direkten Ausgabe von Banknoten. Dieses Recht korrespondiert mit der entsprechenden Pflicht, weil die Geldpolitik der Gemeinschaft nur durch die Ausgabe von Banknoten durchgeführt werden kann 31 . Zwar steht den Mitgliedsstaaten gemäß Art. 128 II AEUV das Münzregal, also das Recht, Münzen zu prägen und in den Verkehr zu bringen zu; damit die Mitgliedsstaaten dieses Recht jedoch nicht zur massiven Geldschöpfung missbrauchen können, sieht Art. 128 II S. 2 AEUV ergänzend vor, dass der Umfang der Münzausgabe der Genehmigung der EZB bedarf. Um das Inflationsziel von weniger als 2% pro Jahr zu erreichen, hat die EZB eine „Zwei-Säulen- Strategie“ entwickelt. Als Erste Säule beobachtet sie die Inflationsentwicklung selbst und eine Reihe nichtmonetärer Größen, die Einfluss auf Inflation haben wie Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, Lohnabschlüsse,

28 Vgl. Gaitanides S. 135

29 Vgl. Oppermann 2011 § 19 Rn 26

30 Vgl. Schwarze 2012 AEUV Artikel 127 Rn. 4

31 Vgl. Gaitanides S. 97

staatliche Haushaltsdefizite, langfristige Zinssätze, Wechselkursentwicklungen sowie Unternehmens- und Verbraucherumfragen 32 . Diese Indikatoren sollen die realwirtschaftlichen Inflationsrisiken abbilden und versuchen das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage und den damit verbundenen Kostendruck an den Arbeits- und Gütermärkten zu erfassen 33 . Um angemessene Entscheidungen zu treffen, muss die EZB über ein umfassendes Verständnis der aktuellen Wirtschaftslage verfügen und den spezifischen Charakter und das Ausmaß all der auftretenden ökonomischen Störungen erkennen, die die Preisstabilität gefährden. Diese Lohn- und Kostenindikatoren eignen sich jedoch nur zur Erklärung einer kurzfristigen Preisdynamik und es wäre dem Ziel der mittelfristigen Ausrichtung der Geldpolitik abträglich, geldpolitische Entscheidungen nur auf Basis dieser ersten Säule zu treffen 34 . Nachhaltige Inflation geht immer mit Geldmengenwachstum einher, daher soll die Zweite Säule mittel- bis langfristige Inflationsrisiken im Rahmen einer monetären Analyse aufdecken. Als Orientierungsgröße für die Beurteilung der monetären Entwicklung dient ein Referenzwert für das weitgefasste Geldmengenaggregat M3. Dieser zeigt an, um wie viel die Geldmenge M3 im Vorjahresvergleich ansteigen kann, ohne dass sie die Preisstabilität gefährdet sieht 35 . Er lässt sich mit folgender Quantitätsgleichung berechnen:

∆M = ∆YR + ∆P - ∆V

Dabei bezeichnet M die Veränderung der Geldmenge, YR das reale Wachstum des Bruttoinlandsproduktes, P die Preissteigerungsrate bzw. Inflation und V die Veränderung der Umlaufgeschwindigkeit. Da der EZB-Rat von einem mittelfristigen Trend des realen potenziellen BIP- Wachstums im Euro-Währungsgebiet von 2% bis 2,5% pro Jahr, einer jährlichen Abnahme der mittelfristigen Umlaufgeschwindigkeit von M3 von 0,5% bis 1% und einer im Sinne von Preisstabilität angestrebten Preissteigerungsrate von unter, aber nahe 2% ausgeht, ergibt sich nach der obigen Gleichung ein Referenzwert für das Geldmengenwachstum von M3 in Höhe von 4,5 % pro Jahr 36 . Im Rahmen der Überprüfung im Mai 2003 beschloss der EZB-Rat, den Referenzwert für M3 nicht mehr jährlich zu überprüfen, sondern nur noch bei Bedarf anzupassen, „da nach den bisherigen Erfahrungen nicht mit einer häufigen Änderung der grundlegenden Annahmen für die mittelfristige Entwicklung zu rechnen sei 37 .Für die Beschlüsse des EZB-Rats über eine angemessene Geldpolitik sieht das Zwei-Säulen-Konzept eine wechselseitige Überprüfung der aus der kürzerfristigen wirtschaftlichen und der längerfristigen monetären Analyse stammenden Informationen vor 38 . Durch die Gegenprüfung soll sichergestellt werden, dass die EZB sämtliche für die Beurteilung der Preisstabilität relevanten Informationen sowie

32 Vgl. Oppermann 2011 § 19 Rn 30

33 Vgl. Gaitanides S. 107

34 Vgl. Gaitanides S. 107

35 Vgl. Gaitanides S. 106

36 Vgl. Geldpolitik 2004, S. 68

37 Vgl. Geldpolitik 2004, S. 69

38 Vgl. Gaitanides S. 108

alle Komplementaritäten zwischen den beiden Säulen auf konsistente und effiziente Weise berücksichtigt, was sowohl den Prozess der Entscheidungsfindung als auch dessen Vermittlung erleichtert. Dieser Ansatz verringert nicht nur das Risiko von Fehlbeurteilungen, die durch eine zu starke Fixierung auf nur einen einzelnen Indikator, Vorhersagewert oder ein einzelnes Modell auftreten können; er trägt auch dem Willen der EZB Rechnung, eine robuste Geldpolitik in einem durch Unsicherheit geprägtem Umfeld zu betreiben 39 .

6. Die geldpolitischen Instrumente der EZB

Kapitel IV der ESZB-Satzung regelt die geldpolitischen Instrumente und Verfahren der EZB. Die Hauptinstrumente lassen sich dabei in drei Grundkategorien einteilen: Die Offenmarktgeschäfte (Art. 18 I ESZB-Satzung), Kreditgeschäfte (Art. 18 II ESZB-Satzung) und das Mindestreserveinstrument (Art. 19 ESZB-Satzung) 40 . Mit Hilfe dieser Instrumente steuert die EZB die Zufuhr von Zentralbankgeld in das Geschäftsbankensystem. Die Banken müssen aufgrund ihrer Kreditgewährung mit Bargeldabflüssen und Mindestreservenverpflichtungen rechnen, wodurch ein Liquiditätsbedarf entsteht. Darunter versteht man den Bedarf an Zentralbankgeld, das nur von der Notenbank herausgegeben werden kann 41 . Die EZB versucht direkt mit den geldpolitischen Instrumenten den Geldmarkt und indirekt durch Veränderungen der Bankenliquidität und des Zinsniveaus die Bedingungen der Kreditinstitute für ihre Geschäfte mit den Nichtbanken zu beeinflussen 42 . Schlussendlich legt sie damit die Konditionen fest, zu denen Zentralbankgeld den Banken zu Verfügung gestellt wird.

6.1 Offenmarktgeschäfte

Unter Offenmarktgeschäften sind geldpolitische Operationen zu verstehen, die auf Initiative der Zentralbank durchgeführt werden. Sie beziehen sich auf den An- und Verkauf jeglicher Arten von Staatsanleihen und offenmarktfähigen Wertpapieren, die von der Zentralbank auf eigene Rechnung gegen Zentralbankgeld am offenen Markt zugelassen werden 43 . Sie können in Hinblick auf die Zielsetzung, den Rhythmus und die Verfahren in folgende vier Kategorien unterteilt werden:

Hauptrefinanzierungsgeschäfte, längerfristige Refinanzierungsgeschäfte, Feinsteuerungsoperationen und strukturelle Operationen 44 .

6.1.1 Hauptrefinanzierungsgeschäfte

Hauptrefinanzierungsgeschäfte sind die wichtigsten Offenmarktgeschäfte und nehmen eine Schlüsselrolle unter den Instrumenten des Eurosystems ein. Sie sind liquiditätszuführende befristete Transaktionen, die im wöchentlichen Rhythmus mit einer Laufzeit von in der Regel einer Woche.

39 Vgl. Geldpolitik 2004 S. 69 ff.

40 Vgl. Oppermann 2011 § 19 Rn. 31

41 Vgl. Geldpolitik 2004 S. 91

42 Vgl. Gaitanides S. 111

43 Vgl. Gaitanides S. 111

44 44 gl. Geldpolitik 2004 S. 84

Über sie wird der Großteil des Refinanzierungsbedarfs des Finanzsektors gedeckt. Dazu senden sie der Öffentlichkeit Signale über den geldpolitischen Kurs und dienen dazu, die Zinssätze und die Marktliquidität zu steuern 45 .

6.1.2 Längerfristige Refinanzierungsgeschäfte

Sie sind liquiditätszuführende befristete Transaktionen, die im monatlichen Abstand mit einer Laufzeit von drei Monaten durchgeführt werden und machen rund ein Drittel des gesamten Refinanzierungsvolumens aus 46 . Durch sie wird nicht wie bei den Hauptrefinanzierungsgeschäften das Ziel verfolgt, dem Markt Zinssignale zu geben. Vielmehr sollen den Geschäftspartnern längerfristige Liquidität zur Verfügung gestellt werden. Dadurch soll verhindert werden, dass die gesamte Liquidität jede Woche oder jede zweite Woche umgeschlagen wird. Da das Eurosystem mit diesen Geschäften nicht die Absicht verfolgt, dem Markt Signale zu geben, gibt sie keine Mindestzinssätze bekannt, sondern tritt als Preisnehmer auf. Durch die Abwicklung der längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte als Zinstender mit vorgegebenen Zuteilungsvolumen wird eine Verzerrung der durch die Hauptrefinanzierungsgeschäfte des Eurosystems gesetzten Signale vermieden 47 .

6.1.3 Feinsteuerungsoperationen

Sie werden unregelmäßig, von Fall zu Fall zur Steuerung der Marktliquidität (Liquiditätszuführung oder Liquiditätsabschöpfung) und der Zinssätze ohne feste Laufzeit durchgeführt, um unerwartete Liquiditätsschwankungen auf die Zinssätze auszugleichen 48 . In erster Linie erfolgt die Feinsteuerung über befristete Transaktionen, aber auch in Form von endgültigen Käufen bzw. Verkäufen, Devisenswapgeschäfte und durch Hereinnahme von Termineinlagen. Um schnelle Reaktion und ein hohes Maß an Flexibilität bei unerwarteten Marktentwicklungen zu gewährleisten, werden Feinsteuerungsoperationen in der Regel über Schnelltender oder bilaterale Geschäfte durchgeführt 49 .

6.1.4 Strukturelle Operationen

Sie können entweder in Form von befristeten Transaktionen oder durch die Emission von Schuldverschreibungen durchgeführt werden 50 . Handelt es sich jedoch um endgültige Käufe bzw. Verkäufe, so erfolgen sie über bilaterale Geschäfte. Strukturelle Operationen werden eingesetzt, um in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen die strukturelle Liquiditätsposition des Finanzsektors gegenüber dem Eurosystem zu beeinflussen 51 .

45 Vgl. Gaitanides S. 112

46 Vgl. Gaitanides S. 113

47 Vgl. Geldpolitik 2004 S. 87

48 Vg. Gaitanides S. 114

49 Vgl. Geldpolitik 2004 S. 88

50 Vgl. Gaitanides S. 115

51 Vgl. Geldpolitik S. 88

6.2 Kreditgeschäfte (ständige Fazilitäten)

Ständige Fazilitäten bieten den Geschäftsbanken die Möglichkeiten sich kurzfristig (Übernachtliquidität) bei den nationalen Zentralbanken Zentralbankgeld zu beschaffen oder dies anzulegen. Da die EZB die Inanspruchnahme dieser Anlage- bzw. Beschaffungsmöglichkeiten nur auf kurze Zeit anbietet, wird von der Absorption bzw. Bereitstellung von Übernachtliquidität gesprochen 52 . Das Ziel dieses Instruments besteht in der Beeinflussung der Tagesgeldsätze, wobei die Initiative bei den ständigen Fazilitäten von den Kreditinstituten ausgeht 53 .

6.2.1 Spitzenrefinanzierungsfazilität

Sie ist eine befristete Transaktion, die die Banken dazu nutzen, um sich von den nationalen Zentralbanken über Nacht Liquidität gegen refinanzierungsfähige Sicherheiten zu beschaffen, um beispielsweise Unterbietungen zur Erfüllung der Mindestreservepflicht (in der Erfüllungsperiode) bei der Hauptrefinanzierung auszugleichen 54 . Kredithöchstgrenzen sind in der Regel nicht vorgesehen, und es wird erwartet, dass der Zinssatz für die Spitzenrefinanzierungsfazilität die Obergrenze für den Tagesgeldsatz bildet (Stand 11. Juli 2012: 1,5% 55 ). Die Fazilität ist in erster Linie zur Abdeckung von vorübergehenden Liquiditätsengpässen bei den Geschäftsbanken gedacht 56 .

6.2.2 Einlagefazilität

Die Geschäftspartner können im Gegensatz zur Spitzenrefinanzierungsfazilität die Einlagefazilität dazu nutzen, überschüssige Liquidität bis zum nächsten Tag verzinslich bei den nationalen Zentralbanken einzulegen 57 . Dies ist insbesondere während der letzten Geschäftstage der Erfüllungsperiode der Fall, wenn die Geschäftspartner das Mindestreservesoll bereits erfüllt haben. Der Zinssatz für die Einlagefazilität bildet die Untergrenze des Tagesgeldsatzes und beträgt zum aktuellen Stand 0 % 58 . Damit sollen die Banken im Zuge der Finanzkrise und mangelnder Liquidität einen Anreiz erhalten, sich gegenseitig wieder Geld zu leihen anstatt es bei den Zentralbanken zu parken 59 .

6.3. Mindestreserveinstrument

Die EZB strebt mit der Durchführung von Mindestreservepolitik die Stabilisierung der Geldmarktzinsen und die Herbeiführung bzw. Vergrößerung einer strukturellen Liquiditätsknappheit an 60 . Im Rahmen der durchgeführten Geldpolitik der EZB sind alle Kreditinstitute des Eurosystems verpflichtet, Mindestreserven bei den nationalen Zentralbanken zu halten. Die Höhe der

52 Vgl. Geldpolitik 2004 S. 90

53 Vgl. Gaitanides S. 118

54 Vgl. Gaitanides S. 119

55 http://www.ecb.int/press/pr/date/2012/html/pr120802.de.html (zuletzt aufgerufen am: 18.08.2012)

56 Vgl. Geldpolitik 2004 S. 90

57 Vgl. Gaitanides S. 120

58 http://www.ecb.int/press/pr/date/2012/html/pr120802.de.html (zuletzt aufgerufen am: 18.08.2012)

60 Vgl. Gaitanides S. 122

Mindestreserven hängt von der Mindestreservebasis ab. Diese beinhaltet die Verbindlichkeiten aus Einlagen und die ausgegebenen Schuldverschreibungen mit einer Laufzeit von bis zu zwei Jahren. Die Verbindlichkeiten gegenüber anderen reservepflichtigen Kreditinstituten und die Verbindlichkeiten gegenüber dem ESZB werden nicht berücksichtigt. Einlagen und Schuldverschreibungen mit einer Laufzeit von mehr als zwei Jahren und Repogeschäfte unterliegen ebenfalls der Mindestreservepflicht, jedoch ist der Mindestreservesatz für diese Verbindlichkeiten auf 0 % festgelegt 61 . Der Mindestreservesatz wurde von dem EZB-Rat zunächst auf 2 % (im Jahr 1998) beschlossen und Anfang 2012 auf 1% halbiert 62 . Der Mindestreserve-Soll wird bestimmt durch die Multiplikation der Mindestreservebasis mit dem Mindestreservesatz. Die Kreditinstitute können von ihrem Mindestreserve-Soll einen einheitlichen Freibetrag abziehen, wobei die Höhe des Betrages seit der Einführung des Euro bei 100.000 € liegt. „Damit sollen die Verwaltungskosten bei einem sehr geringfügigen Mindestreserve-Soll verringert werden 63 “. Als Funktionen des Mindestreservesystems werden die Vorbeugung der unkontrollierten Ausweitung der Geldmenge und dadurch die Schaffung einer Liquiditätsknappheit genannt. Im Unterschied zu den Offenmarktgeschäften und den ständigen Fazilitäten, für welche die Kreditinstitute eine Wahlmöglichkeit haben, besteht für die Ausführung des Mindestreserveinstruments eine Pflicht 64 . Deren Verletzung kann gemäß Art. 19 III ESZB-Satzung mit Strafzinsen sanktioniert werden. Dieses Instrument stellt demnach nur sicher, dass die Zentralbank in der Lage ist, über die Erzeugung von Nachfrage nach Zentralbankgeld die Entwicklung der Geldmenge zu kontrollieren 65 .

7. Fazit

Nach den ersten zehn Jahren konnte die Europäische Währungsunion (EWU) klare Erfolge aufweisen. Der Euro war im Innen- wie auch im Außenverhältnis zu einer mindestens ebenso stabilen Währung geworden wie seinerseits die Deutsche Mark. Allerdings ist die Eurozone derzeit (Stand August 2012) gewaltigen Herausforderungen ausgesetzt, die aus der Verflechtung einer Immobilien-, Finanz- und Wirtschaftskrise besteht, deren Bekämpfung eine Krise der Staatsfinanzen bewirkt. Nach Griechenland konnten auch Irland und Portugal ihre Staatsschulden nicht mehr aus eigener Kraft bedienen. Auch Zypern ist auf externe Hilfen angewiesen, während Spanien sein Bankensystem nur noch mit Geldspritzen der EZB stützen kann. Italien und Slowenien werden ebenfalls zu den Krisenstaaten gezählt, wenngleich die Probleme hier in geringerem Maße auftreten. Die EZB ist zwischenzeitlich dazu übergegangen, Staatsanleihen hochverschuldeter Staaten wie Griechenland, Italien und Portugal in erheblichem Maße auf dem Sekundärmarkt aufzukaufen um somit eine künstliche Nachfrage zu schaffen und den Druck auf die verschuldeten Staaten zu reduzieren. Damit

61

62

Vgl. Geldpolitik 2004 S. 82

63 Geldpolitik 2004 S. 82

64 Vgl. Gaitanides S. 125

65 Vgl. Gaitanides S. 121 ff.

wurde zumindest Sinn und Zweck des Art. 123 I AEUV ausgehöhlt, der den Erwerb von Schuldtiteln

von öffentlichen Einrichtungen der Mitgliedsstaaten verbietet. Nicht unbegründet ist in diesem

Zusammenhang die Sorge, dass die Inflation im Euro-Raum mittelfristig steigen wird, was dem

zentralen Ziel der Wirtschafts- und Währungsunion, der Preisstabilität, zuwiderliefe. Aktuell ist zudem

nicht abzuschätzen, wie sich die Krise weiterentwickelt. Griechenland, dem bereits beim Eintritt zur

Gemeinschaftswährung vorgeworfen wurde, die Konvergenzkriterien nur durch zweifelhafte Tricks

erfüllt zu haben, wird von zahlreichen Politikern bereits der Austritt aus dem Euroraum nahe gelegt.

Das Zeichnen von Szenarien, in denen ein Mitgliedsstaat aus dem Euro austritt, ist längst nicht mehr

Tabu und der Euro-Raum steht vor einer entscheidenden Zäsur. Die EZB hat mit der Senkung der

Leitzinsen alles in ihrer Macht stehende getan, um durch eine expansive Geldpolitik der Krise

entgegenzuwirken, und mit dem Ankauf von Staatsanleihen sogar ein wenig mehr. Eine Lösung für

die Krise wird sie aber nicht bieten können. Art. 125 AEUV schließt die Haftung der Europäischen

Union für die Verbindlichkeiten der Mitgliedsstaaten aus und zwingt sie somit theoretisch zu

eigenverantwortlicher Haushaltsdisziplin. Doch wenn diese nicht existiert oder realisiert werden kann,

steht die gesamte Gemeinschaft vor einem Problem. Europa steht laut Peer Steinbrück somit am

Scheideweg: „Entweder gäben die Mitgliedsstaaten mehr Souveränitätsrechte an die Union ab, oder

man gehe den Weg der Re-Nationalisierung 66 “. Eins steht jedoch fest: Wenn der EU die Überwindung

der Krise gelingen sollte, wird sie eine andere als zuvor sein.

Literatur

Bieber, Roland; Epiney, Astrid; Haag, Marcel: Die Europäische Union Europarecht und Politik, 9. Auflage, Baden-Baden 2011 (Bieber 2011)

Oppermann, Thomas; Classen, Claus Dieter; Nettesheim, Martin: Europarecht, 5. Auflage, München

2011 (Oppermann 2011)

Hobe, Stephan: Europarecht aktuell mit EU-Finanz- und Schuldenkrise, 7. Auflage, München 2012 (Hobe 2012)

Görgens, Egon; Ruckriegel, Karlheinz; Seitz, Franz: Europäische Geldpolitik, 4. Auflage, Stuttgart

2004 (Görgens 2004)

Wessels, Wolfgang: Das politische System der Europäischen Union, Wiesbaden 2008 (Wessels 2008)

Schwarze, Jürgen: EU-Kommentar, 3. Auflage, Baden-Baden 2012 (Schwarze 2012)

Europäische Zentralbank: Die Geldpolitik der EZB, Frankfurt am Main 2004, zuletzt aufgerufen am 18.08.2012 unter http://www.ecb.int/pub/pdf/other/geldpolitik2004de.pdf (Geldpolitik 2004)

Thiel, Elke: Die Europäische Union, 5. Auflage, München 1997

Gaitanides, Charlotte: Das Recht der Europäischen Zentralbank, Tübingen 2005 (Gaitanides)

Selmayr, Martin: Das Recht der Wirtschafts- und Währungsunion 1. Bd., Baden-Baden 2001

Weidenfeld, Werner: Die Europäische Union, Paderborn 2010

Streinz, Rudolf: Europarecht 9. Aufl., Heidelberg München Landsberg 2012

1.1438875 (zuletzt aufgerufen am: 18.08.2012)

Ehrenwörtliche Erklärung

Ich versichere hiermit ehrenwörtlich durch meine Unterschrift, dass ich die vorstehende Seminararbeit selbständig und ohne Benutzung anderer als der angegebenen Hilfsmittel angefertigt habe. Alle Stellen, die wörtlich oder sinngemäß aus veröffentlichten oder unveröffentlichten Schriften oder dem Internet entnommen worden sind, sind als solche kenntlich gemacht. Keine weiteren Personen waren an der geistigen Herstellung der vorliegenden Arbeit beteiligt. Die Arbeit hat noch nicht in gleicher oder ähnlicher Form oder auszugsweise im Rahmen einer anderen Prüfung dieser oder einer anderen Prüfungsinstanz vorgelegen.

Ort, Datum

Unterschrift