Tanzen und lieben

Ostertango. Sie haben sich über das Tanzen kennen- und
bald darauf lieben gelernt. Dieses Wochenende veranstalten
Cécile Sidler und Romeo Orsini bereits zum 14. Mal das
Basler Ostertango-Festival. Seite 27 | Donnerstag, 28. März 2013 | Seite 25

Kultur.Woche.
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«Es gibt kaum neue
Witze zur Politik»
Die Ukraine stagniert, die Politiker sind korrupt:
Dem Autor Andrej Kurkow ist das Lachen vergangen
Von Muriel Gnehm
Sein Händedruck ist warm, sein Lachen
herzlich. Und Andrej Kurkow lacht viel.
Zwischen den Fragen, zwischen den
Sätzen, manchmal sogar zwischen den
Worten. Der 51-Jährige, der sieben
Sprachen fliessend spricht, unterhält
sich mit uns auf Deutsch. Er trinkt Kaf-
fee im Nebenraum des Literaturhauses
Basel, isst Schokolade und erzählt.
BaZ: Andrej Kurkow, Sie werfen in Ihren
Büchern gerne einen ironischen Blick
auf die Ukraine und die postsowjetische
Gesellschaft. War früher alles besser?
Andrej Kurkow: Vor 15 Jahren wäre
es mir einfacher gefallen, diese Frage
zu beantworten. Man darf keine
Erwartungen an die Zukunft der
Ukraine haben, weil die postsowjeti-
sche Identität immer noch sehr stark
ist. Es wird keine schnelle Entwick-
lung in Richtung Demokratie oder
Zivilgesellschaft geben. Ich bin es
leid, über die ukrainische Situation
zu lachen. Es gibt kaum neue Witze
zur Politik.
Wird die Politik vom Volk akzeptiert?
Die Politiker ignorieren die Menschen
und die Menschen die Politik. Es gibt
zwei Welten in einem Land: eine klei-
ne, sehr korrupte Welt, zu der Politi-
ker, Beamte und Geschäftsleute zäh-
len, und eine normale Welt. Die
oberste Schicht mit dem Präsidenten
und seiner Familie – das hat nichts
mit der Ukraine zu tun. Ausser, dass
sie das Staatsbudget für sich selber
nutzt und denkt, dass sie regiert.
Kommt Ihre Ironie bei den Lesern an?
Die Mehrheit der Ukrainer guckt fern,
sie liest nicht. Die Auflagen der
Bücher sind für ein Land mit 46 Mil-
lionen Einwohnern sehr tief. Norma-
lerweise wird ein Buch bloss 3000 bis
4000-mal verkauft. Mein Roman
«Picknick auf dem Eis» erzielte eine
Auflage von 200 000 Stück. «Jimi
Hendrix’ Tournee nach Lemberg», ein
Buch, das ich 2012 veröentlicht
habe, ging in Lemberg 12 000-mal
über den Ladentisch.
Sie schreiben also für Ihre Leser im
Westen?
Nein, ich schreibe für mich selbst.
Und für meine Leser. Für mich spielt
es keine Rolle, wo diese zu Hause
sind. Über Facebook bin ich mit vie-
len in Kontakt. Es gibt Leute aus
Mexiko, die mir schreiben, aus Japan,
aus Brasilien. Ich schreibe – einfach
für Menschen. Für Menschlichkeit.
Ihr jüngstes deutsches Buch «Der Gärt-
ner von Otschakow» spielt auf zwei Zeit-
ebenen: auf der sowjetischen und der
postsowjetischen. Beim Lesen hat man
das Gefühl, dass die Menschen zu
Sowjetzeiten glücklicher waren …
Sie hatten ein einfacheres Leben und
keine grossen Erwartungen. Sie hat-
ten mehr Honungen und Träume als
die Menschen heute. Und sie hatten
weniger Geld, weniger Möglichkeiten,
Karriere oder Reisen zu machen. Ich
schrieb diesen Roman, um zum Nach-
denken zu bewegen. Die Schüler ler-
nen, was im 17. und 18. Jahrhundert
geschah, und landen dann plötzlich
bei der unabhängigen Ukraine, ohne
zu erfahren, wie das Leben zu Sowjet-
zeiten war. So können sie die heutigen
Probleme nicht verstehen. Plötzlich
tauchten die Leute aus der Vergangen-
heit in der heutigen Politik auf …
Also Ehemalige der sowjetischen Elite ...
Ja. – Man muss auf eine neue Genera-
tion von Politikern warten. Sie
kommt, aber sie ist nicht sehr gut aus-
gebildet. Sie denkt, dass es nicht so
wichtig ist, über die Vergangenheit
Bescheid zu wissen.
Das stellen Sie auch im Roman dar. Die
Hauptñgur Igor hat keine Ahnung, wie er
sich auf seinen Zeitreisen im Jahr 1957
aufführen soll.
Wenn Sie hundert ukrainische Stu-
denten nehmen und sie fragen, was
1957 passiert ist, werden Sie keine
einzige Antwort erhalten. Dabei war
das ein wichtiges Jahr. Es steht für
eine gewisse Önung der Sowjetuni-
on. Die Leute dachten damals, dass
sich nun alles schnell entwickeln
wird. Leider ist das nicht geschehen.
Die jungen Erwachsenen kommen in
Ihrem Buch generell nicht gut weg.
Jener in der sowjetischen Zeit verkauft
geklauten Wein, Igor, der in der Gegen-
wart lebt, ergeht sich in süssem
Nichtstun.
Das heisst, dass sich die Mentalität in
der Zwischenzeit nicht stark verän-
dert hat. Der Weindieb ist aber akti-
ver als Igor. Er muss überleben, Igor
überlebt ohne Arbeit.
Gibt es in der Ukraine viele Jugendliche,
die auf der faulen Haut liegen und vom
Familienbesitz leben wie Igor?
Nach der Auflösung der Sowjetunion
im Jahre 1991 waren es viele. Heute
gibt es in den Städten nicht mehr so
viele, auf dem Land sind sie immer
noch zahlreich.
Ist die Jugend so hoffnungslos?
Eine Umfrage unter Studenten hat
kürzlich ergeben, dass 60 Prozent an
Emigration denken. Sie glauben nicht
daran, in der Ukraine etwas erreichen
zu können.
Vorschau bis 4. 4. 2013
Erste Werke im
Samisdat veröffentlicht
Andrej Kurkow
wurde 1961 in
St. Petersburg
geboren. Seit seiner
Kindheit lebt er in
der ukrainischen
Hauptstadt Kiew –
heute mit seiner
Frau und seinen
drei Kindern. Kurkow besuchte das
Fremdspracheninstitut und wollte
Diplomat werden, wofür ihm die Bezie-
hungen fehlten. Seine ersten Werke
veröentlichte er im Samisdat (Selbst-
verlag), sein erstes ozielles Buch kam
kurz vor dem Zusammenbruch der
Sowjetunion heraus. Kurkows berühm-
tester Roman «Picknick auf dem Eis»
wurde in 65 Sprachen übersetzt. Sein
jüngstes auf Deutsch publiziertes Werk
ist «Der Gärtner von Otschakow». Nach
Basel reiste der Schriftsteller auf Ein-
ladung des Osteuropa-Forums. mgn
Brand mit starkem Wiedererkennungseffekt. Wie würde sich der neue Papst in einer Vatikan ag bewähren?Foto Keystone
Eine Satire
Die Papst-Aktie
Von Claude Cueni
Nach dem Urbi et orbi erönete der
neue Papst einen Twitter-Account und
teilte der verblüten Community mit,
dass er das serbelnde Christentum den
Gläubigen zurückgeben wolle. Vor-
schläge seien erwünscht. Ich empfahl
ihm gleich einen Börsengang, eine Vati-
kan AG, und jeder Katholik könnte dann
Aktien zeichnen und Teilhaber werden.
Ich mailte, ich hätte Erfahrung mit dem
Texten von IPO-Prospekten (Initial
Public Oering) und es sei wirklich rat-
sam, einen Profi zu enga gieren, denn
Prospektbetrug sei ein schweres Delikt
und ende mittlerweile hinter Gittern,
und das sei nun etwas, das sich der Vati-
kan nach all den Finanz-, Schwarzgeld-,
Korruptions- und Sexskandalen nun
wirklich nicht leisten könne.
Der Heilige Geist begann zu leuchten
und der Papst verstand, dass er mich
verpflichten musste. Zuerst mussten
wir über die Produktpalette der neuen
Vatikan AG diskutieren, über den USP,
den Unique Selling Point. Inhalt war
also die Vermarktung der Figur Christus.
War die Marke schon eingetragen?
War die Story urheberrechtlich
geschützt?
Hier gabs schon die ersten Probleme,
denn der neue Papst klärte mich dar-
über auf, dass alles nur geklaut sei, dass
das Christentum auf den archaischen
Lichtreligionen der Bronzezeit basiere,
auf der Verherrlichung der göttlichen
Sonne, die später in den Kult um den
Sonnengott Mithras einfloss, den Lieb-
lingsgott der römischen Legionäre. Nun
gut, sagte ich, irgendwie ist ja alles nur
geklaut. Wer hat die Maus erfunden?
Apple? Nein, Xerox. Wer hat den Eiel-
turm erfunden? Gustave Eiel? Nein,
Maurice Koechlin.
Welche immateriellen Werte wird die
Vatikan AG haben? Der Papst meinte,
die ganze Story sei doch etwas wert,
die könne man in der Bilanz aktivieren.
Die sei werthaltig, selbst Papst Leo X.
habe gesagt, dass alle Welt wisse, «wie
viel uns diese Fabel von Christus einge-
bracht hat». Also hatte die Vatikan AG
die Urheberrechte an dieser Fabel?
Nein, das Urheberrecht erlischt (dort,
wo es existiert) rund 70 Jahre nach
dem Tod des Autors. Wer hat die Bibel
geschrieben? Die Gebrüder Grimm?
Der Papst war ratlos.
Ich versuchte, das Thema zu übersprin-
gen und lösbare Probleme zu erörtern.
Wie sollte die neue Vatikan AG auftre-
ten? Vielleicht könnte McDonald’s ein
Vorbild sein mit seinem weltweiten
Franchise-System. Einheitliche Einrich-
tungen, einheitliche Kostümierung der
Angestellten, ein Brand mit starkem
Wiedererkennungseekt. Der Papst gab
mir recht, aber er befürchtete, dass die
Kirche gar keinen Brand mehr habe.
Warum? Weil ihr mit dem Zeitgeist
geht! Wer dem Zeitgeist hinterher-
hechelt, wird vom Zeitgeist pulverisiert.
Ihr müsst wieder Kult werden. Ein Kult
besteht darin, dass er sich nie wandelt.
Wie damals der Ku-Klux-Klan. Die lie-
fen konsequent in weissen Nachthem-
den rum. Oder Coca-Cola. Die Erken-
nungsfarbe ist und bleibt rot und der
Font ist in Glas gemeisselt. Also zurück
zu den Wurzeln, zu den unterirdischen
Höhlen des Mithras-Kultes, Fackeln
an den Felswänden, gregorianische
Gesänge und alles in lateinischer
Sprache. Versteht ja eh keiner. Dafür
könnte man sogar Eintritt verlangen.
H. R. Giger könnte eine neue Götter-
statue entwerfen, wie die kolossale
Zeus-Statue des Phidias. Aber ein
bisschen mehr naturnah positionieren,
damit man all die neuen Patchwork-
Religionen absorbieren kann. An den
Sonnenkult anknüpfen käme gut an,
zurück zur Natur und so.
Beim Inkasso wäre es hingegen sinn-
voll, dem Zeitgeist zu folgen. Mit NFC
(Near Field Communication) ausgerüs-
tete Smartphones könnten das rituelle
Inkasso vereinfachen. Die kämen dann
beim Eintritt in die Hölle zur Anwen-
dung und selbstverständlich, ähnlich
wie bei McDonald’s, auch bei der Ver-
pflegung mit der McHostie. Den Preis
könnte man ruhig hoch ansetzen, denn
schliesslich ist eine gesegnete Hostie
die Reinkarnation Jesu. Das Fleisch
Christi. Eigentlich ein Fall von Kanniba-
lismus. Man könnte auch den Bereich
aktive Sterbehilfe verstärken, wie das
der Vatikan bereits heute mit dem
Kondom verbot in der Dritten Welt
erfolgreich praktiziert.
An den bisherigen Finanzanlagen
müsste man eigentlich nichts ändern,
da ist in den Aktiendepots des Vatikans
schon alles enthalten, was man so zum
Leben und Sterben braucht. Würde
man nach und nach die Schätze des
Vatikans in der Bilanz im Wert berich-
tigen, hätte «die Kirche der Armen» ein
Kapital von über einer Billion zusam-
men. Dagegen wären Apple, Google
und Microsoft arme Kirchenmäuse.
Auch das Merchandising hätte enormes
Potenzial. Empfehlenswert wäre eine
Kooperation mit Nestlé, dem Welt-
marktführer für Mineralwasser.
Gesegnetes Perrier-Wasser. Da kann
man sich den mühsamen Gang nach
Lourdes sparen. Oder besondere Weine
wie einen gesegneten Château Pape
Clément.
Zum Schluss die Mutter aller Details:
Wie regelt man den Rücktritt des Papstes
im Falle von Burn-out, pädophilen
Verfehlungen, Teilnahme an Bunga-
Bunga-Partys und Korruption? Ich
denke jetzt nicht gerade an eine vasel-
lanische 72-Millionen-Entschädigung,
um einen Übertritt zum Islam zu ver-
hindern, aber Gottes Lohn wäre ein-
deutig nicht mehr zeitgemäss.
Claude Cueni ist Schriftsteller und Dreh-
buch autor. Soeben erschien sein neuer
historischer Roman «Der Henker von Paris».
Fortsetzung auf Seite 26
Wer hat die Bibel
geschrieben?
Die Gebrüder Grimm?
Der Papst war ratlos.
Grosse Orchester. Grosse Solisten.
Grosse Schweizer Talente. Kleine Preise.
M
IGROS
KULTURPROZENT
CLASSICS
Mittwoch, 10. April 2013 · Stadtcasino Basel, 19.30 Uhr
ORCHESTRA DELL’ACCADEMIA NAZIONALE DI SANTA CECILIA
Antonio Pappano (Leitung), Thomas Grossenbacher (Violoncello)
Marie-Nicole Lemieux (Alt) Schweizer Solist
Werke von Chausson, Tschaikowski, Respighi
Vorverkauf: Migros Claramarkt Basel, MParc Dreispitz Basel, Migros Schönthal Füllinsdorf, Migros Paradies
Allschwil, Stadtcasino Basel, bei Bider&Tanner, Ihr Kulturhaus mit Musik Wyler Basel, sowie an allen
bekannten Ticketcorner Vorverkaufsstellen und unter www.ticketcorner.ch
www.migros-kulturprozent-classics.ch
Sir Antonio Pappano
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