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Kultur.

K u l t u r . | Samstag, 10. November 2012 | Seite 27

| Samstag, 10. November 2012 | Seite 27

K u l t u r . | Samstag, 10. November 2012 | Seite 27

Krankheit und Kreativität

Über die Entstehung des Romans «Der Henker von Paris»

Von Claude Cueni

Als ich in den 80er-Jahren mehrmals mit meinem Sohn Clovis in Paris war, um die Überreste des antiken Lutetia zu sehen, stiess ich erstmals auf die Hen- kersdynastie der Sanson. Ich speicherte die Charaktere in meinem Archiv und schrieb später den Roman über den Gallischen Krieg. Da war Geld aus Metall. Nachdem Vercingetorix besiegt war, desertierte ich ins 18. Jahrhun- dert. Da war Geld aus Papier. Da ich mich seit Langem für historische Finanzkrisen interessiere, suchte ich Jahre später nach einem entsprechen- den Sto , der die Epoche nach John Law (Vorabend der Aufklärung) wie- dergibt. Es war der rauschende Handel mit den Assignaten, dem neuen Papier- geld der Revolutionäre. Hier stiess ich erneut auf die Henkersdynastie der Sanson, hatte doch der vierte der Dynastie, Charles-Henri Sanson, über 3000 Menschen guillotiniert. Ich sammelte Material für diesen Sto und führte ein Casting mit allen histori- schen Figuren der damaligen Zeit durch. Ich schrieb die erste Fassung «Die Henker von Paris». Mein Sohn und täglicher Lektor Clovis fragte mich eines Abends: «Die Dynastie zählt sechs verschiedene Sanson in einem Zeit- raum von rund 200 Jahren. Aber wer ist die Hauptfigur? Um wen soll ich mir Sorgen machen?» Eine berechtigte Frage. Ich guillotinierte also drei Sanson und schrieb den Roman neu. «Jetzt sind es noch drei», sagte mein Sohn, «aber wer ist die Hauptfigur?» Ich beschloss, den Roman erneut zu schreiben und auf den Henker zu redu- zieren, der während der Französischen Revolution ehrfürchtig «Monsieur de Paris» und «Sanson le Grand» genannt wurde. Dieser Charles-Henri Sanson hatte eigentlich Arzt werden wollen, doch der Familienclan zwang ihn, den

geächteten Beruf des Vaters fortzufüh- ren, um die Existenz der Familie zu sichern. Töten statt heilen, das schien mir eine Tragik zu sein, die den klassi- schen griechischen Tragödien in nichts nachsteht. Man kennt sein Schicksal, kann ihm aber nicht entrinnen. Die Qualen der Opfer wurden zu denen des Henkers. Tagsüber richtete Sanson am Schafott, abends spielte er Klavier und nachts sezierte er die Toten, um die Anatomie zu erforschen. Ich begann also zum dritten Mal, den Henkerroman zu schreiben. Dann erkrankte meine Ehefrau an Krebs. Sie brauchte Pflege, schliesslich rund um die Uhr. Bücher hatten keine Bedeu- tung mehr. Nach ihrem Tod war ich sehr erschüttert und hatte kein Inter- esse mehr, mich mit dem blutigen Henkersto zu befassen. Mein Sohn überredete mich, mit ihm nach Hong- kong zu ziehen. Dort arbeitete ich im Advisory Board eines börsenkotierten US-Unterneh- mens. Doch Sanson forderte eine litera- rische Würdigung. Nach einem Jahr nahm ich den Henkersto erneut in Angri . Ich hatte mittlerweile erfahren, dass Pariser Jesuiten im 18. und 19. Jahrhundert ins Königreich Siam reisten, um dem König Astronomie und Christentum beizubringen. Einige junge Thailänderinnen nahmen sie jeweils auf ihrer Heimreise nach Paris mit. Dort studierten diese im Gymna- sium «Louis le Grand». Die Episode gab mir die Idee, eine Liebesgeschichte mit dem geächteten Henker zu verknoten. Quasi eine Lichttherapie für diesen düsteren Sto . Ich schrieb nun zum vierten Mal den Roman und erkrankte aber bereits vor Ausbruch der Französi- schen Revolution an einer schweren Leukämie (ALL). Am Vorabend noch topfit, am nächsten Tag todkrank. Ich lag dann sechs Monate auf der Isolati- onsstation der Uniklinik und erhielt die

lebensnotwendigen Hochrisiko- Chemotherapien, die manchmal auch Hirnblutungen auslösen können. Ich hatte kein Glück, dann kam noch Pech dazu. Als ich aus dem Koma aufwachte, konnte ich mich nicht mehr an den Titel des Sto es erinnern, an dem ich zuletzt geschrieben hatte. Ich konnte nicht mehr vernetzt denken, mein Gedächtnis war wie ein Eiswürfel geschmolzen und meine Augen liessen mich die Umwelt wie durch ein Kalei- doskop sehen. Es war mir so peinlich, dass ich es nur meinem Sohn erzählte.

Auf dem Schafott vergass ich meine Krankheit und meine Zukunftsaussichten.

Bloss nicht noch mehr Behandlungen. Mein Sohn klärte mich auf: kein Problem, völlig normal nach einer Schädelperforation. Er erzählte mir die Geschichte des Henkers. Mir schien der Sto interessant zu sein, aber mir fehlte einfach die Kraft. Die Buchhalterin der Station besuchte mich regelmässig und drängte mich mit freundlicher Hartnä- ckigkeit, den Roman zu Ende zu schrei- ben. Da ich nun bereits eine Leserin auf sicher hatte, setzte ich mich erneut an den Henkersto . Das war nicht ganz einfach, denn wenn ich zwei Seiten geschrieben hatte, konnte ich mich nicht mehr an die vorhergehende Seite erinnern, und manchmal realisierte ich, dass ich auf den Bildschirm starrte und nur in Gedanken geschrieben hatte. Da die Chemotherapien die Leukämie nicht besiegen konnten, musste ich wohl oder übel akzeptieren, dass es vorbei war. Ich schrieb nur noch ein Testament. Der Roman war erneut kein Thema mehr. In dieser Zeit kam meine Freundin aus Hongkong in die

Schweiz, doch sie traf nicht den putz- munteren Kerl aus Asien, sondern ein körperliches Wrack, dynamisch wie ein alter Veloschlauch. Die geplante Europareise beschränkte sich auf die zwanzig Quadratmeter meines Isola- tionszimmers in der Hämatologie. Sie beschloss, an meiner Seite zu bleiben, bis ich gesund bin. (Da sich dies mitt- lerweile über drei Jahre in die Länge zieht, haben wir geheiratet.) Aber zuvor erfolgte noch eine Knochenmark- transplantation. Leukämie war an- schliessend nicht mehr nachweisbar. Ich denke, wenn man in der Hämatolo- gie des Basler Unispitals behandelt wird, ist man trotz Leukämie ein Glückspilz und hat die besten Überlebenschancen. Ich konnte endlich nach Hause und das Buch beenden. Vor der Haustür war ein Paket aus den USA. Ich hatte ganz vergessen, dass ich vor zwei Jahren ein Replikat der französischen Guillotine in Auftrag gegeben hatte. Da ich noch genügend Humor hatte, fasste ich es nicht als schlechtes Omen auf. Ich setzte mich erneut an den Sto . Dank den hohen Kortisondosen war es anfangs nicht so schwierig. Ich war ständig auf 180, brauchte nur wenige Stunden Schlaf. Bis schliesslich die täglichen Krämpfe in Händen und Füssen meine Arbeit erneut sabotier- ten. Chronische GvH und Nervenschä- digungen: die Zellen des lebensretten- den Knochenmarkspenders gri en meine Organe an und begannen Haut und Lunge abzustossen. Erschwerend kamen die zahlreichen Nebenwirkun- gen der anfangs über 20 Pillen dazu, die ich täglich einnehmen muss. Meine Augen konnten nicht mehr akkomodie- ren, und ich deckte ein Auge ab. Unter meinen Fingernägeln bildeten sich eitrige Entzündungen. Ich zog Chirur- genhandschuhe an. Kaum bewegte ich mich in den Pariser Gassen des

18. Jahrhunderts, rissen mich Spasmen in den Händen in die Realität zurück und jeder Finger benahm sich so, als hätte er eine Erektion. Unmöglich zu tippen. Aufgrund der täglichen Spas- men und nächtlichen Krämpfe war ich mittlerweile ziemlich übermüdet. Meine Situation war derart grotesk, dass ich es mittlerweile als sportliche Herausforderung annahm. Ein Spiel dauert 90 Minuten, manchmal gibts eine Verlängerung, manchmal wird man frühzeitig ausgewechselt. Wer ein schwieriges Leben hinter sich hat, kann Schwieriges besser akzeptieren. Gelingt natürlich nicht immer. Ich flüchtete noch so gerne ins 18. Jahrhundert und begleitete Sanson aufs Schafott. Dort oben vergass ich meine Krankheit und meine Zukunftsaussichten. Ich war überzeugt, dass ich nicht sterben würde, bevor der Roman zu Ende war. Widrige Arbeitsbedingungen haben keinen Einfluss auf die Kreativität. Es braucht weder gregorianische Gesänge noch den Duft eines Apfels. Was zählt, ist eine zwanghafte Besessenheit für einen Sto . Ich beendete schliesslich nach zahlreichen Zwangspausen und Rückschlägen die Französische Revolution und liess den Henker nach 3000 Guillotinierten in den Ruhestand treten. In diesem Sinn ist «Der Henker von Paris» nicht nur eine beklemmende Charakterstudie über den berühmtes- ten Henker der Geschichte, sondern auch mein Survival-Buch, mein Comeback-Buch. Ausgerechnet ein Henkerroman.

Claude Cuenis neuer historischer Roman «Der Henker von Paris» erscheint im Februar 2013 beim Lenos Verlag.

zuletzt erschien die 1400-seitige Trilogie «Cäsars Druide», «Das grosse Spiel», «gehet hin und tötet».

www.cueni.ch

Der Spassvogel bleibt sich treu Walser weist Vorwürfe zurück Joseph Haydns «Apotheker» als Regiedebüt des
Der Spassvogel bleibt sich treu
Walser weist
Vorwürfe zurück
Joseph Haydns «Apotheker» als Regiedebüt des Komikers Massimo Rocchi
Schriftsteller droht mit Klage
Von Sigfried Schibli
Basel. In der komischen Oper zwischen
Haydn und Donizetti gibt es zwei Be-
rufsgruppen, die meist als geldgierige
Schlitzohren gezeichnet werden: die
Vertreter des Gesundheitswesens und
die Anwälte. Darüber, inwiefern diese
Zuordnung heute noch stimmt, ist an
dieser Stelle nicht zu urteilen. In Joseph
Haydns Dramma giocoso «Lo Speziale»
ist es die Titelfigur des reichen Apothe-
kers Sempronio, der uns als unentwegt
Zeitung lesender Faulpelz vorgeführt
wird, bis man ihn als Freier der jungen
Grilletta kennenlernt. Da auch der
Apothekengehilfe Mengone und der
geckenhafte Stammkunde Volpino ein
Auge auf das hübsche Ding geworfen
haben, ist der Konflikt programmiert.
Haydns Öperchen von 1768 ist im
dritten Akt unvollständig überliefert,
was Au ührungen des Werks nicht ver-
hindert und überdies dem Regisseur
Massimo Rocchi Anlass für einen lusti-
gen Übertitel liefert: Die gerade erklin-
gende Musik, heisst es da, sei gar nicht
von Haydn, sondern vom Herausgeber
Harold C. Robbins Landon. Rocchi hat
die im Musiktheater mittlerweile fast
schon obligatorischen Übertitel als
vierte Ebene neben der Handlung, der
Musik und dem Theaterspiel entdeckt.
«News-Junkie» (Übertitel) Semprione
liest hier nicht Zeitung, sondern hält
einen Tablet-Computer in der Hand.
Und wenn Mengone und Volpino im
zweiten Akt als verkleidete Anwälte das
Glück auf ihre Seite zu bringen versu-
chen, tun sie das in den Masken von
Markus Somm und Roger Köppel, wäh-
rendSemprioneeineChristoph-Blocher-
Maske trägt. Womit der politische
Spassvogel Rocchi ein neues Licht auf
die Basler Medienszene wirft: Sind die
drei populären Polit-Akteure am Ende
nicht Verbündete, sondern Rivalen wie
im Stück von Haydn nach Goldoni?
Jugend auf der Bühne
Ein zwölfköpfiges Instrumentalen-
semble unter Leitung von David Cowan
sorgt auf der Kleinen Bühne des Thea-
ters Basel für die Plattform, auf der sich
die Sängerleistungen entfalten können.
Die junge Andrea Suter spielt und singt
Grilletta, das Objekt der allgemeinen
Begierde, mit klangvollem, koloratu-
rensicherem Sopran und hohem Kör-
pereinsatz. Ebenfalls noch Mitglied von
OperAvenir ist Markus Nykänen, der
seinen substanzreichen Tenor zuneh-
mend gewinnbringend in den Dienst
der Darstellung des Mengone stellt.
Anne-May Krüger in der Hosenrolle
des Volpino ist von höchster Beweglich-
keit bis in die Zungenspitze und ge-
winnt den Verzierungen Haydns einige
Eleganz ab, während Andrew Murphy
in der Titelpartie mit seinem kernigen
Bass ein angemessen komischer, tän-
zelnder Alter ist, der auch vor sportli-
chen Einlagen nicht zurückschreckt.
Grosser Premierenjubel nach der
nur rund 80-minütigen Au ührung und
ein Kaugummi kauender Regisseur, der
mit diesem gelungenen Wurf mögli-
cherweise sein zweites Leben als Thea-
terregisseur begonnen hat.
Überlingen. Der Schriftsteller Martin
Walser (85) hat Antisemitismus-Vor-
würfe des jüdischen Publizisten Michel
Friedman scharf zurückgewiesen. «Ich
kann mir überhaupt nicht denken, wor-
auf sich Herr Friedman bezieht. Sollte
er das nicht widerrufen, werde ich ihn
wegen Beleidigung verklagen.» Fried-
man (56) hatte Walser sowie Günter
Grass (85) in einem Interview mit dem
«Kölner Stadt-Anzeiger» Antisemitis-
mus und Rassismus vorgeworfen. In
Walsers Werk meinen manche Kritiker
seit Jahren antisemitische Tendenzen
zu erkennen. Literaturnobelpreisträger
Grass war in jüngster Zeit wegen eines
Israel-kritischen Gedichts ins Kreuz-
feuer der Kritik geraten. DPA
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ACT ENTERTAINMENT PRÄSENTIERT
Licht im Medien-Dunkel
In seiner Au ührung wird der ge-
sungene Text nicht übersetzt, sondern
ironisch kommentiert. So heisst es zu
Volpinos Presto-Arie in g-Moll im ersten
Akt: «Eine typische Rachearie, die
Haydn oft an dieser Stelle einsetzt.» An-
derswo werden die Personen knapp
charakterisiert, manchmal flimmert rei-
ner Nonsens über die Bildleiste.
Lustig, wie Oper sich da über Oper
amüsiert, frei und komisch erfunden
wie die ganze Inszenierung von Massi-
mo Rocchi, der diese frühe Bu a-Oper
auch für Aktualisierungen nutzt. Der
P.I. TSCHAIKOWSKYS
07.01.2013 BASEL
ST. JAKOB-ARENA
Die Umworbene. andrea Suter in der Partie der grilletta, Markus nykänen als
Foto Simon Hallstroem
Theater Basel, Kleine Bühne. nächste
aufführungen: 12., 14., 25., 26. 11. 2012.
www.theater-basel.ch
Karten bei allen bekannten Vorverkaufsstellen!