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aus dem neuen historischen Roman „Der Henker von Paris“ von Claude Cueni.

7 Textproben

01 Reiter in der Nacht 02 Die Welt des Schmerzes 03 Töten statt heilen 04 Monsieur de Paris 05 Stricke schmieren 06 Ich mags von hinten, Monsieur 07 Ich habe Gott gegessen

Produktinformation Amazon Gebundene Ausgabe: 391 Seiten Verlag: Lenos; Auflage: 1 (Januar 2013) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3857874333 ISBN-13: 978-3857874338 Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.8 von 5 Sternen Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen) Alle

Reiter in der Nacht. Textprobe 1/7 Seite 1 Gegen Mitternacht - man schrieb das Jahr 1737 - fegte ein gewaltiger Sturm über die Normandie. Es regnete in Strömen. Krachend schlug der Blitz in einen bewaldeten Hügel ein und erhellte für einen Sekundenbruchteil den Reiter, der durch die Nacht preschte. Er schlug seinen Rappen wie von Sinnen, als wollte er dem sintflugartigen Regen entkommen, der sich über die Landschaft ergoss. Nun spaltete ein Blitz nach dem andern den Nachthimmel und entlud sich krachend über den Hügeln. Bäume knickten ein wie Streichhölzer. Der schwarze Hengst heulte kurz auf und riss unwillig den Kopf hoch. Weisser Schaum spritzte durch die Nacht und wurde sogleich weggewaschen. Der Reiter preschte weiter auf der überfluteten Landstrasse nach Neufchâtel im Pays de Bray, während der Regen tosend auf ihn niederprasselte. Plötzlich sah er ein gelblich flackendes Licht zwischen den Bäumen, die Umrisse eines Gasthofes. (...)

Die Welt des Schmerzes. Textprobe 2/7 Seite 18 / 19 »Ich werde alles tun, was Sie verlangen, wenn ich in ihrer Scheune bleiben kann, bis mein Regiment abgezogen ist.« »Das sagt sich so leicht, aber würdest du auch einen Pakt mit dem Teufel schliessen?« »Ja«, sagte Jean-Baptiste, »aber Sie sind nicht der Teufel. Sie können Schmerzen lindern.« Der Hüne neigte nachdenklich den Kopf und musterte ihn eindringlich. Nach einer Weile sagte er: »Ich kann Schmerzen lindern, weil ich auch Schmerzen zufügen kann. Ich bin wie das Feuer. Es kann eine Wunde heilen, aber es kann auch eine Wunde zufügen, Schmerz verursachen. Wenn du in meine Welt trittst, betrittst du die Welt des Schmerzes.«

Töten statt heilen. Textprobe 3/7 Seiten 113–117 »Ich möchte Arzt werden«, erwiderte Charles. Er wusste nicht, woher er die Kraft nahm, seiner gesamten Familie zu trotzen. »Ich möchte die Menschen heilen, Vater, nicht erwürgen, hängen, foltern, köpfen, vierteilen. Ich will heilen, nicht töten.« »Auch der Henker ist ein Arzt«, sagte Jean-Baptiste, »er schneidet die kranken Teile unserer Gesellschaft ab. Er kuriert unsere Gesellschaft und macht sie gesund. Im Auftrag der Justiz. Im Auftrag des Königs.« Charles suchte fieberhaft nach einer Entgegnung, doch er begriff, dass sein Vater nicht mit sich handeln liess. »Charles«, fuhr Jean-Baptiste fort, »es gibt nur zwei erbliche Ämter in diesem Königreich. Das des Herrschers und das des Henkers. An das Blut wirst du dich gewöhnen. Wenn du das Amt ablehnst, stürzt du uns alle in Armut und Hunger. Denn einem Sanson bleibt die Welt bis ins letzte Glied verschlossen.« Grossmutter Dubut trieb es die Zornesröte ins Gesicht. Beherrscht, aber zunehmend wütend über ihren Enkel, hatte sie ihren Sohn sprechen lassen. »Da draussen hungern die Menschen und sterben wie die Fliegen«, stiess sie nun vorwurfsvoll hervor, »und wenn einer Arbeit hat, kriegt er dafür dreihundert Livre im Jahr – falls er so lange Arbeit hat. Dreihundert Livre! Aber das Amt des Henkers bringt zehntausend Livre im Jahr. Zehntausend! Weil es ein besonderes Amt ist. Weil nicht jeder in der Lage ist, es auszuführen. Wenn du dieses Amt ablehnst, werden morgen die Henker aus der Provinz ihre Bewerbungen einreichen. Jeder will Monsieur de Paris werden.« Jean-Baptiste wandte sich erneut an seinen Sohn: »Charles, das Leben hat es nicht immer gut gemeint mit uns. Wir haben vieles gemeinsam ertragen. Umso mehr wollte ich deinen Wunsch, Arzt zu werden, respektieren. Ich habe dich nach Rouen geschickt, dann an die Universität Leiden. Das war nicht ganz billig. Wir alle haben uns das Schulgeld vom Essen abgespart. Aber nun hat Gott anders entschieden. Das war nicht unser Wunsch, Charles, es ist nicht unsere Schuld. »Die Sansons sind stark, weil sie stark sein müssen«, sagte Grossmutter Dubut leise. »Und sie heissen Sanson, weil sie schweigend ihre Pflicht erfüllen. Sans son. Ohne Ton.«

Monsieur de Paris. Textprobe 4/7 Seite 151 Zaghaft begann die Menge zu applaudieren. Es war spät geworden. Onkel Nicolas gab seinem Neffen ein Zeichen, das Schafott abzuschreiten. Charles schritt langsam das hölzerne Viereck ab, während die Menge »Sanson, Sanson« skandierte. Dann blieb er auf der Westseite stehen und umfasste die Brüstung wie ein römischer Triumphator den Bügel seines Streitwagens beim Einmarsch in Rom. Tosender Applaus brandete über den Platz. Charles verzog keine Miene. Er senkte leicht den Kopf, als wollte er sich bei der Menge demütig bedanken. »Sanson, Sanson«, skandierten sie ohne Unterlass. Jetzt wirkte er eher wie ein gehorsamer Gladiator im alten Rom, der allein durch seine Körpergrösse und athletische Konstitution die Menge begeisterte. Charles liess seinen Blick immer wieder über die Menge auf der Place de Grève schweifen und realisierte nach und nach, dass Paris ihn feierte. Er spürte, wie eine ungeheure Kraft ihn durchflutete, und er fühlte sich plötzlich stark, unbesiegbar und mächtig. Er schritt zur Nordseite und nahm dort erneut Ovationen entgegen, dann schritt er nach Osten und schliesslich nach Süden. Auch hier verbeugte er sich kurz und wandte sich dann den Beamten der Justiz zu. Diese nickten ihm anerkennend zu. Sie waren zufrieden. Auch sein Onkel nickte ihm zu. Er schien überrascht, wie begeistert die Menge den neuen Monsieur de Paris verabschiedete.

Stricke schmieren. Textprobe 5/7 Seiten 161–162 »Wenn du nach getaner Arbeit nach Hause kommst, kannst du Stricke schmieren oder das Schwert schleifen. Das hilft auch. Ich habe immer Stricke geschmiert. Und wenn es nicht gereicht hat, habe ich die alten, gebrauchten Stricke zerschnitten. Du kriegst dafür zehn Sou. Für ein kleines Stück Strick. Da kommt eine Menge zusammen. Ich kenne viele Leute, die mit einem Stück Galgenstrick in der Hosentasche herumlaufen. Sie behaupten, es bringe Glück. Ich weiss nicht, warum. Ich habe ja eine ganze Sammlung von Stricken, und es hat mir kein Glück gebracht.

Auf jeden Fall bringt es Frieden in deine Seele, wenn du nach getaner Arbeit Stricke schmierst.«

Ich mags von hinten, Monsieur. Textprobe 6/7 Seiten 172–174 Sie nahmen eine Kutsche und fuhren zu ihrem Stadtpalast. Sie sagte der Dienerschaft, sie wolle nicht gestört werden. Dann durchquerten sie den üppig ausgestatteten Salon und betraten das Schlafzimmer. »Verstehen Sie etwas von Massage?« »Ja«, antwortete Charles, »ich bin mit der menschlichen Muskulatur vertraut. Soll ich Sie massieren, Madame?« »Würden Sie das tun?«, fragte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht. »Natürlich«, sagte Charles schmunzelnd, »ich kann es nicht ertragen, wenn schöne Frauen leiden.« Nun musste auch die Marquise schmunzeln. »Worauf warten Sie, Monsieur?«, seufzte sie und legte sich aufs Bett. »Ist es besser, wenn ich das Kleid ausziehe?« »Viel besser«, sagte Charles und beugte sich über sie. Sie küsste ihn, nur ganz kurz, und benässte mit ihrer Zunge seine Lippen. Sie fuhr sich mit der Hand zwischen die Schenkel und flüsterte: »Sie quälen mich, Monsieur, ich dachte, Sie wollen mein Leid lindern.« Dann griff sie Charles in den Schritt und sagte mit energischer Stimme: »Ziehen Sie endlich Ihre Hose aus, Monsieur. So wird das nichts.« Charles zog sich aus, während sie ihn dabei beobachtete. »Ich mag Männer wie Sie. Jeder Bildhauer würde sich freuen, Sie als Modell zu haben. Was hat sich der liebe Gott wohl dabei gedacht, als er Sie erschaffen hat?« »Er hat an Sie gedacht, Madame«, sagte Charles. »Sie meinen, er wollte uns Frauen verrückt machen? Oder sind Sie der Apfel im Garten Eden? Bringe ich Sie in Verlegenheit?« Sie drehte sich abrupt auf den Bauch. Charles begann Nacken und Schulterblätter zu massieren. »Ich mag’s von hinten, Monsieur, wie unsere Vorfahren vor zehntausend Jahren. Und tun Sie es heftig, als würden Sie ein Verbrechen begehen oder eine kleine

Schlampe bespringen. Und wenn Sie mich dabei noch lauthals beschimpfen, könnten Sie mein zukünftiger Liebhaber werden.«

Ich habe Gott gegessen. Textprobe 7/7 Seiten 372–373 Zuerst hörte er nur vereinzelte Vogelstimmen, dann wurden es mehr und mehr. Es war, als würde die ganze Welt für ihn singen. Der Himmel begann zu atmen, aber er hatte keine Angst, erdrückt zu werden, denn er fühlte sich so leicht, als schwebte er auf Daunen. Charles wusste aus der Literatur, die ihm sein Vater hinterlassen hatte, dass dieser Pilz in grauer Vorzeit dazu benutzt worden war, das Schicksal zu befragen. Deshalb nannte man ihn das Fleisch der Götter. Er spürte, wie Gott in ihn fuhr. Er spürte das Kribbeln von Ameisen in seinen Schultern, spürte, wie sie langsam der Wirbelsäule entlang hinabwanderten, bis sie den ganzen Körper besetzt hatten. Dann setzte die Kälte ein. Er versuchte aufzustehen, doch er schwankte wie ein Betrunkener. Selbst sein Pferd wich vor ihm zurück. Die Farben und Lichter um ihn herum begannen zu sprühen, und plötzlich sah er etwas kommen, wie in einem Kaleidoskop. Er legte sich wieder hin und spürte einen Hauch von Ewigkeit. »Vater«, sagte Henri, »was ist mit dir?« »Ich habe Gott gegessen«, flüsterte Charles. »Doch Gott ist nur ein Pilz«, fügte er mit einem leisen Anflug von Bedauern an, »nur ein Pilz.« Henri löste sich aus dem Kaleidoskop. Er kniete vor seinem Vater nieder. Der Fluss, sagte Charles melancholisch, sei der wahre Lehrmeister des Lebens. »Alles fliesst. Nichts bleibt stehen. Du kannst den Fluss nicht festhalten, Henri. Das Wasser zerrinnt in deinen Händen. So ist das Leben. Du schwimmst mit, und kein Tropfen ist von Bedeutung, aber alle Tropfen zusammen, alle zusammen mögen eine Bedeutung haben, aber es spielt keine Rolle. Hast du schon einmal versucht, dir einen Tropfen Wasser im Fluss zu merken? Am Ende spielt eh alles keine Rolle. Ob du kurz oder lange gelebt hast, die Ewigkeit relativiert die Anzahl der Jahre, die du hier auf Erden verbracht hast. Und letztendlich hat auch der Fluss keine Bedeutung.« »Vater«, sagte Henri, »wieso sprichst du so?«

»Der Tod ist die Befreiung und das Ende aller Übel. Über ihn gehen unsere Leiden nicht hinaus. Er versetzt uns in jene Ruhe zurück, in der wir lagen, ehe wir geboren wurden.«
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