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2 POLITIK & GESELLSCHAFT

Luxemburger Wort Freitag, den 23. Mai 2008

Das kommt auf die Abgeordneten zu

In Planung, auf dem Instanzen- weg oder kurz vor der Abstim- mung im Kammerplenum: Pre- mierminister Jean-Claude Jun- cker kündigte gestern Nachmit- tag einen ganzen Reigen von Ge- setzesvorhaben an, über die die Abgeordnetenkammer nach Wunsch der Regierung bis zum Ende der Legislaturperiode be- finden soll. Als da wären die vier Gesetzesprojekte, mit denen die Primärschule in eine Grund- schule umgewandelt werden soll. Die Berufsausbildung soll auch noch vor den Landeswahlen im Juni 2009 auf neue Beine gestellt werden, ebenso wie die Bestim- mungen, die das Zusammenleben zwischen Luxemburgern und Ausländern regeln: Reform des Staatsbürgerschaftsrecht, Ein- schreibefristen für die Europa- und Kommunalwahlen, Immigra- tions- und Integrationsgesetz. Im Bereich der Justiz sollen Gesetze über den Opferschutz, das elter- liche Sorgerecht, das Schei- dungsrecht, die Sicherheit im öf- fentlichen Transport sowie die Erhöhung des Personalbestands der Polizei in Kraft treten. Aus dem Familienressort stammen die Gesetzesprojekte über die Kinderfürsorge, die Sozialhilfe, über die Besserstellung der Be- hinderten sowie das Jugendge- setz. Und der Arbeitsminister möchte bis zu den Landeswahlen die Bestimmungen über die Be- schäftigungsinitiativen, den Spra- chenurlaub sowie die Zeitar- beitskonten gebilligt sehen. „Absolut wichtig“ sind für den Premierminister auch folgende Vorhaben: die Reorganisation der Hochschullandschaft, die neue Regelung der Berufsbilder des Wirtschaftsprüfers und des Anwalts, eine Vorlage über die Krankenhauseinweisung von geistig gestörten Menschen, der Bau der „Liaison Micheville“, die Reform der rechtlichen Umrah- mung des Finanzplatzes, die Re- form des Konkurrenzrechts, eine bessere Zusammenarbeit des Steueramts und der Enregistre- ment-Behörde, die Reform der Forschungsbeihilfen, der Woh- nungspakt, das Wasserrahmenge- setz, eine Vorlage über die öf- fentlichen Ausschreibungen, ein Gesetz über die biomedizinische Forschung, die Reform der Un- fallversicherung, ein neues Jagdgesetz sowie die Schaffung eines nationalen Spracheninsti- tuts. Sollten darüber hinaus noch andere legislative Vorha- ben die parlamentarische Hürde schaffen, so wäre dies in den Augen des Staatsministers durchaus zu begrüßen. (jm)

den Augen des Staatsministers durchaus zu begrüßen. (jm) „Absolute Priorität“ der Regierung: Die

„Absolute Priorität“ der Regierung: Die Hochschullandschaft soll reformiert

werden.

(FOTO: TEDDY JAANS)

Erklärung zur Lage der Nation

Der lange Atem

Premier Juncker warnt vor Nabelschau

VON LAURENT ZEIMET

Ein Jahr bleibt der CSV/LSAP-Koali- tion. Christlich-Soziale und Sozialis- ten haben sich für die letzten zwölf Monate noch viel vorgenommen. Premier Jean-Claude Juncker stellte den sozialen Zusammenhalt in den Mittelpunkt der Erklärung zur Lage der Nation.

„Dieser Regierung geht die Luft nicht aus“, stellte Premier Jean- Claude Juncker am Ende seiner lan- gen Erklärung zur Lage der Nation fest. Mit langem Atem wollen CSV und LSAP bis zu den nächsten Wahlen im Juni 2009 durchregie- ren. „Mit vollem Einsatz“ wollen die Regierungsparteien ihr Pro- gramm vorantreiben. Im Mittel- punkt der Juncker-Rede stand die Sorge um den sozialen Zusammen- halt. Nahezu alle Ressorts werden angehalten, sich um diese Kohäsion zu bemühen. Es war der 14. Auftritt von Jean-Claude Juncker vor dem Parlament, um aus Sicht der Regie- rung die Lage des Landes zu schil- dern. Den Privathaushalten stellt die Regierung im nächsten Jahr eine Erleichterung der Steuerlast in Aussicht. Die Steuertabellen sollen

ein weiteres Mal um sechs Prozent an die Inflation angepasst werden. Eine weitere Stärkung der Kauf- kraft verspricht die Koalition durch die Einführung eines Job-Bonus. Nach dem Vorbild des Kinderbo- nus soll der Arbeitnehmerfreibe- trag umgewandelt werden. Alle Ar- beitnehmer, ob Steuerzahler oder nicht, sollen einen Bonus in Höhe von 300 Euro ausbezahlt bekom- men. Weitere Umwandlungen von Abschlägen in Steuergutschriften könnten folgen.

Keine Wahlgeschenke Die Regierung will zwar keine Wahlgeschenke verteilen, aber fristgerecht zum 1. Januar 2009 Mindestlohn und Renten anpassen. Für das kommende Jahr erwartet sich die Koalition eine leichte Ab- schwächung der Konjunktur, die sich auch bei den Staatseinnahmen bemerkbar machen wird. Trotz aller Schwierigkeiten im Großherzogtum warnte Jean- Claude Juncker vor zu viel Nabel- schau. „Wir haben wenig Ursache zu klagen und keinen Grund zur kollektiven Larmoyanz“, befand der Premier, „wenn wir uns beklagen, dann beklagen wir uns in der Regel auf hohem Niveau.“ Juncker warnte

vor einer „unzufriedenen Ich-Ge- sellschaft“ und gab zu bedenken, „es würde uns allen gut tun, zu fragen, wie wir sein wollen, statt ständig mehr haben zu wollen.“ Juncker erinnert an die Naturkata- strophen in China und Birma. Über hundert Kriegsschauplätze gebe es immer noch auf der Welt, Millionen von Menschen würden in den Hun- gertod getrieben, weil „die Welt nicht richtig funktioniert“, rief Jun- cker den Abgeordneten in Erinne- rung. Luxemburg gehöre seit langem zu den großen Globalisierungsge- winnern, stellte der Regierungschef fest. Juncker bezeichnete sich selbst dennoch als „keinen Globali- sierungsfanatiker“. Der Vorsit- zende der Euro-Gruppe verträgt einzelne doktrinäre Weisheiten nicht mehr. Dem Ruf nach mehr Markt und weniger Politik will Jun- cker nicht folgen. Es sei bezeich- nend, dass während der Finanzkrise die Anhänger des freien Marktes am lautesten nach dem Staat geru- fen haben, als sie mit ihrem „Speku- lationslatein“ am Ende waren, kriti- sierte Juncker die Finanzwelt. Nächste Woche diskutieren die Abgeordneten über die Erklärung zur Lage der Nation.

die Abgeordneten über die Erklärung zur Lage der Nation. Noch ein Jahr bleibt der Juncker/Asselborn- Was

Noch ein Jahr bleibt der Juncker/Asselborn-

Was Schwarz-Rot noch vorhat und wünscht

Auf den Kinderbonus folgt der Job-Bonus / Gratis Kinderbetreuung angestrebt

Klimaschutz: Die Regierung will an ihren Kioto-Zielen festhalten. Da die angestrebte Biotreibstoffmi- schung überdacht werden muss, sollen „die Hebel“ an anderer Stelle angesetzt werden. Mit Hilfe einer „intensiveren Beratung“ soll mehr Energie eingespart werden. Passiv- häuser, die energetische Sanierung von Häusern, Holzschnitzelanlagen und thermische Solarkollektoren werden „besser gefördert“. 2008 sind dafür zehn Millionen Euro vor- gesehen. Die Nutzung von grünem Strom soll „ausgebaut werden“. Im vergangenen Jahr hatte die Regie- rung angekündigt, der Staat würde auf grünen Strom umsteigen. Es werden Kriterien zur Verwertung der Biomasse in der Energie- und Lebensmittelerzeugung festgelegt. Öffentliche Ausschreibungen sol- len „kiotogerecht“ werden. Eine Kampagne soll für einen ökologi- schen Fahrstil werben. Die Regie- rung bestätigt ihre Absicht, lang- sam aber sicher dem Tanktouris- mus ein Ende zu bereiten. Firmen- wagen sollen ab 1. Januar 2009 nicht mehr von der Betriebssteuer abge- setzt werden können. Im Gegenzug können Firmen beim Kauf eines energiesparenden Fahrzeugs den staatlichen Zuschuss in Höhe von 750 Euro beantragen.

Steuern und Abgaben: Für kommen- des Jahr plant die Koalition eine weitere Anpassung der Steuerta- bellen an die Inflation um sechs Prozent. Kinderreiche Familien er- halten ab 2009 einen Abschlag auf der Autosteuer. Die Regierung stellt weiter in Aussicht, einzelne Steuerabschläge (wie die Versiche- rungskosten) zu erhöhen. Auch soll

die Obergrenze für von der Steuer absetzbare Spenden erhöht wer- den. CSV und LSAP sind zwar ge- gen Steuerdumping, wollen die Steuerlandschaft aber weiter wett- bewerbsfähig gestalten. Neben der bereits angekündigten Abschaffung des Droit d'apport soll die Besteue- rung der Betriebe schrittweise von 29,6 auf 25,5 Prozent abgesenkt werden, bei gleichzeitiger Vergrö- ßerung der Bemessungsgrundlage („wo es geht, wo es sein muss“). Die Regierung will die staatlich verfügten Preise im laufenden und im kommenden Jahr einfrieren und wünscht sich von den Gemeinden – nach Möglichkeit – eine ähnliche Zurückhaltung bei der Festlegung der kommunalen Abgaben.

Index und Löhne: Es bleibt dabei. Zum 1. Januar 2010 soll die automa- tische Lohnanpassung wieder inte- gral hergestellt werden. Im Prinzip. Es sei denn, die neue Regierung kommt gemeinsam mit den Sozial- partnern aufgrund der wirtschaftli- chen Entwicklung zu einer anderen Schlussfolgerung. Die Inflations- gefahr erfordere weiterhin eine bescheidene Lohnpolitik. Löhne sollen nicht schneller steigen, als es die Produktivitätsverbesserungen zulassen. Zum 1. Januar 2009 wer- den Mindestlohn und Renten er- höht. Im öffentlichen Dienst wird es zu keiner allgemeinen Gehälter- revision kommen. Die Regierung will weiter die Entwicklung von Diplomen, Verantwortung und Aufgaben einzelner Staatslaufbah- nen „genauestens analysieren“.

Job-Bonus: Am 1. Januar 2009 wird der Mindestlohn erhöht. Der Ar-

beitnehmerfreibetrag wird in einen Steuerbonus in Höhe von 300 Euro für alle Arbeitnehmer verwandelt. Auch der Rentnerfreibetrag wird in einen Steuerbonus umgewandelt.

Arbeitsmarkt: Die Arbeitsmarktpoli- tik sei wesentlich „aktiver“ gewor- den, befindet die Regierung und stellt eine Reform der Arbeits- marktverwaltung Adem in Aus- sicht. Mehr Autonomie bei der Ein- stellung und der Ausbildung der Vermittler soll der Adem zugespro- chen werden. Vom 4. bis zum 6. Juli soll die erste Ausgabe der „Jour- nées nationales de l'emploi“ statt- finden. Die Regierung wünscht sich in den nächsten Monaten eine wei- tere Runde der Stahltripartite.

Sozialreformen: Nach dem Einheits- statut wollen sich CSV und LSAP nun an die Reform der Unfallversi- cherung wagen. Kleine Unfallschä- den sollen in Kapital ausbezahlt werden. Die Unfallrente sich auf den Lohnausfall konzentrieren. Für Betriebe mit effizienter Sicher- heitsstruktur soll ein Bonus/Malus- System eingeführt werden. Beim Rentensplitting will die Koalition nun endlich „Nägel mit Köpfen“ machen und eine „pragmatische Lösung suchen“.

Kinderarmut: Um die Kinderarmut zu bekämpfen, soll der Steuerab- schlag für Alleinerziehende eben- falls in einen Steuerbonus umge- wandelt werden. Statt das Kinder- geld pauschal zu erhöhen, will die Regierung Gutscheine einführen, die Eltern gegen eine bestimmte Anzahl an Betreuungsstunden ein- lösen können. Stufenweise soll die

Kinderbetreuung kostenlos ange- boten werden. Der Ausbau der Strukturen wird fortgesetzt.

Infrastrukturen: Noch in der zweiten Hälfte dieses Jahres will die Regie- rung den sektoriellen Leitplan über neue Aktivitätszonen für Klein- und Mittelindustrie vorlegen. Ins- gesamt 400 Hektar sollen bis 2020 zu diesem Zweck erschlossen wer- den. Drei nationale Aktivitätszonen sollen in Ehleringen, im Raum Bet- temburg/Düdelingen und im Raum Sanem/Differdingen entstehen. Im zweiten Semester 2009 sollen die Arbeiten zum Aufbau eines euro- päischen Logistikzentrums auf dem früheren WSA-Gelände in Düdelin- gen/Bettemburg anlaufen. Die Breitbandinfrastrukturen werden weiter entwickelt, neue Internet- Unternehmen sollen sich in Luxem- burg ansiedeln.

Mobilität: Der Schiene soll oberste Priorität eingeräumt werden. Eine neue Eisenbahnlinie Luxemburg- Bettemburg und der Ausbau der Strecken nach Rodange und Klein- bettingen stehen auf der Tagesord- nung. Esch/Belval soll erst in einer zweiten Phase direkt mit der Hauptstadt verbunden werden. In Luxemburg-Stadt sollen neue Bahnhöfe und die Tram die Mobili- tät verbessern. Trotz allem scheint der Regierung ein Ausbau der Au- tobahn zwischen Bettemburg und Mamer „wahrscheinlich“.

Philanthropie: Im Herbst will die Regierung Vorschläge unterbrei- ten, um ein günstigeres Umfeld für das „philanthropische Wirken“ in Luxemburg zu schaffen. (LZB)