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07/II/2c

Wolfgang Cernoch

GESCHICHTE, MORAL, METAPHORIK, ONTOLOGIE


ZWISCHEN PHILOSOPHIE UND THEOLOGIE: AUF DER SUCHE NACH
DEN BEDINGUNGEN EINER SACHLICHEN DISKUSSION ZWISCHEN
THEOLOGIE UND NATURWISSENSCHAFT

1. Die mindestens dreifache Metaphorik: Kulturgeschichte, ästhetischer Ausdruck, das


Spekulative an der Theologie selbst

Die Spekulationen in theologischen Fragen sind »metaphorisch« aus


verschiedenen Gründen; die Überschreitung des Metaphorischen mit der
Existenzfrage wird nur dann in aller Deutlichkeit notwendig, wenn der
Hochgott selbst auch als Demiurg (Schöpfer) auftritt. Der erste Grund von der
metaphorischen Rede ergibt sich aus der historisch-kultursoziologischen
Fragestellung, die Religion als Kulturfaktor zur Kenntnis zu nehmen hat.
Dabei ergeben sich verschiedene Phasen, wo kulturfördernde und
kulturhindernde Momente überwiegen. So ist zu konstatieren, daß das
katholisch werdende Christentum, abgesehen von der Urbarmachung
(Benedikt von Nursia, karolingische Renaissance, irische Mönche im
Babenbergerösterreich), im Hochmittelalter mit Hilfe der maurischen
Renaissance die griechische Philosophie gepflogen hat; Bildung war
klösterlich. Nicht nur die Übersetzung vom Altgriechischen ins Latein hat die
Substanzphilosophie begünstigt, die Einprägung der christlichen Spekulation
im Zuge der thomistisch-aristotelischen ontologischen Gottesbeweise haben in
vertikaler Transzendenz der causa prima den Ursachebegriff im
konsequenzfreien Raum einüben lassen, noch ohne in der horizontalen
Wechselwirkung mehr als eine Störung und Auswirkung materieller
Unvollkommenheit erblicken zu wollen. Ohne die thomistisch-aristotelischen
vier causae (efficiens, materia, forma, finalis) kein expermimentum crucis von
Francis Bacon in der Erfahrunswissenschaft. Ohne Totalitätsspekulation im
Zuge der Vermengung philosophischer und theologischer Spekulation keine
Unendlichkeitsmathematik, keine Formalwissenschaft nach Prinzipien, kein
Systemdenken in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften, kein
naturphilosophisches Interesse. Das europäische Prinzipiendenken findet
nicht zuletzt aus der Einübung anhand theologischer Spekulationen zu der
Präzisierung gegenüber dem griechischen Prinzipiendenken, die einerseits
auch die philosophische Spekulation in Aporien treibt, die in der griechischen
Philosophie so nicht nötig waren, andererseits gerade in der Verklammerung
des Christentums mit der griechischen Philosophie in der scholastischen
Ontologie und Metaphysik eine Vorübung für den Aufbruch des
naturwissenschaftlichen und insbesondere des logischen Denkens gewesen
sind, die weit in die Neuzeit hinein philosophisch wie bis in die Fortsetzung
—2—

des Ablöseprozesses der mathematischen Naturwissenschaften von der


allgemeinen Philosophie eine gewisse Fruchtbarkeit bewiesen hat. — Zur
historischen Kritik an der katholischen Kirche brauche ich nichts auszuführen,
weil das ist ja soweit bekannt und unbestreitbar.

Der zweiter Grund für die metaphorische Rede ist dem Thema bereits
eingeschrieben, und läßt sich am ehesten mit Poesie, Literatur oder Theater
vergleichen, deren Wirklichkeit, obgleich bloß Schein des Lebens, in der
Präzision des Ausdrucks das wirkliche Leben symbolisch zu überhohen
imstande ist. Hier bleibt zumindest historisch-genetisch auch eine Erweiterung
der Reflexionsformen über das Menschenbild zu vermerken, selbst betrachtet
man dergleichen konsequent als bloße Projektion wie etwa Feuerbach.
Insbesondere zeichnet sich die Endzeit als Thema der Endlichkeit von
Geschichte auch in einer nicht theologischen Kultursziologie durch.

Der dritte Grund ist der Spekulation über dieses Thema eingeschrieben,
insofern Theo-logie methodisch philosophische Spekulation mit
»außergewöhnlichen« Prämissen und eigentümlichen Relationsformen
genannt werden kann. Das kann zwar zu lokalen rationalen Diskursen führen,
zieht aber damit auch eine Reflexion auf die Vorläufigkeit der Vermutungen in
den Prämissen, in Folge auf die Vorläufigkeit der philosophemischen
Erörterungen nach sich. Freilich ist hier die Erhabenheit der spekulativen
Ideen für Adepten schwer oder gar nicht von der Erhabenheit des
Gegenstandes der spekulativen Auslegung des Fragekreises zu unterscheiden.
Daraus ergibt sich eine Assymmetrie im Diskurs mit den atheistischen
Positionen, die sich in ihrem Weltbild auf mathematische Naturwissenschaft
stützen, da, um den rationalen Diskurs überhaupt beginnen zu können, aus
logischen Gründen eine hypothetische Einräumung der Existenz Gottes,
zumindest seiner Wirkungen, abverlangt werden muß. Allerdings liegt die
Hauptschwierigkeit meiner Erfahrung nach darin, daß die Vertreter eines rein
naturwissenschaftlichen Weltbildes selten dem Umstand ins Auge sehen
können, daß eine Diskussion zwischen Theologie und Naturwissenschaft
zuerst als eine Diskussion zwischen Weltbilder aufzufassen ist, und insofern
als philosophische Angelegenheit beginnen muß.

Meiner Auffassung nach zeigt sich in der Diskussion des philosophischen


Gottesbegriffes bei Leibniz zwischen Bayle und Spinoza (kontinentale
rationale Metaphysik ab Descartes), daß eine philosophisch geregelte
Spekulation über ein Urwesen als Schöpfergott immer zu einem Demiurgen
verfällt, der handeln muß, und mit dieser Charakterisierung gar nichts bis
—3—

wenig mit der Idee eines Hochgottes zu tun hat. Ich bin auch überzeugt davon,
daß man die meisten ontologischen Gottesbeweise allein schon wegen dieser
Unangemessenheit (und sei sie nur eine Unangemessenheit im Rahmen dieser
Spekulation) für Hochreligionen eigentlich als nicht geeignet betrachten kann.
Leibniz ontologischer Gottesbeweis aber ist inklusive der mathematischen
Form von Gödel auch im eigenen Geltungsrahmen mit Hilfe von Kant (aber
deutlicher als auf die bekannte Weise aus der Dialektik der reinen Vernunft)
widerlegbar. Gerade der ontologischen Argumentationsgang, der der
geforderten Diskussion physikalischer Existenz Gottes einigermaßen zu
entsprechen scheint, kann erstens seine eigenen Voraussetzungen (die ganze
Existenz als Qualität und Ausdehnung, nicht als modallogisches Prädikat der
Vorstellungen von etwas behandelbar zu machen) nicht beibringen, und
beweist zweitens bestenfalls ein Zerrbild eines willenlosen Demiurgen. Die
Vorstellung eines Hochgottes entzieht sich hier zum ersten Mal.

2. Die zwei Gründe für die Doppeldeutigkeit der theologischen Vorbedingungen zur
Diskussion der Existenz: Die ontotheologische und die anthropologische Spekulation

Das bestehende Problem der Diskussion zwischen Naturwissenschaft und


Theologie scheint mir über die Besonderheit des Themas und seiner
zwiespältigen Stellung in der Kulturgeschichte hinausgehend darin zu liegen,
daß hinter den skizzierten Gründen der Metaphorik eine weitere
Doppeldeutigkeit liegt, da mit der Frage nach der Existenz nicht ausschließlich
die als physikalisch charakterisierbare Existenz als Seinsweise gemeint ist,
obgleich Anselm wie Thomas von einer erfahrbaren Wirklichkeit der Natur
ausgehen. Bemerkenswert, daß selbst bei Anselm die Prämissen nicht völlig
mit der reinen Intelligibiltät Gottes übereinstimmen, weil der erste Satz des
zweigliedrigen disjunktiven Obersatzes im Anselmschen Beweis, der das
Dasein Gottes als reine Intelligibiltät exponiert (das andere, auch für die
Philosophie der rationalen Metaphysik der Neuzeit interessantere Glied ist
einfach Intelligibilität und Wirklichkeit), sich als die bloße gedachte Idee der
Totalität Gottes herausstellt. Die Wirklichkeit, die im zweiten Glied dieses
Beweises der Idee Gottes hinzukommt, ist dann schon wieder die nämliche,
die wir heute als physikalisch charakterisieren; m. a. W., die besondere
Seinsweise Gottes als Intelligibilität, ob rein, nicht-rein, in notwendigen (!)
Zusammenhang mit der Schöpfung (unklar wie) oder auch gleich häretisch als
eine besondere Art von Substanz (Spinoza) oder Urmaterie (Jakob Böhme),
wird unterschlagen.
—4—

Insofern verstehe ich, weshalb manche Theologen in diesem Zusammenhang


von einer Unsachlichkeit sprechen, wenn allein mit dem Argument, Gottes
Existenz müsse nach physikalischen Argumentationsvoraussetzungen
diskutiert werden, man sich nur auf die angebliche Folge Gottes — eben die
empirisch erfahrbare Wirklichkeit und deren Natur und Seinsweise, nicht aber
auf eine eventuelle besondere Seinsweise Gottes beziehen will (Dawkin). Doch
aber müßte eine Art von Einwirkung prinzipiell naturwissenschaftlich,
wenngleich zuerst nur spekulativ gedacht werden können, auch dann, wenn
Gottes Seinsweise nicht selbst primär im Sinne physikalischer Gesichtspunkte
zu denken sein soll. Damit entsteht eine zweite assymmetrische Situation, die
an Newtons Vorgangsweise erinnert, anders als Einstein nicht den Grund der
Graviation erfassen zu wollen, sondern nur die Gesetzmäßigkeit der Folgen;
allerdings mit den Nachteil, daß wir keine spezifischen Folgen Gottes
erkennen können, schon gar nicht regelmäßig, es sei denn, wir sehen alles als
Folge Gottes: die Gesetzmäßigkeit der Welt als Ganzes können wir abermals
nicht beobachten, nur die Gesetzmäßigkeit der Teile der Welt. Hier entzieht
sich die Idee Gottes einer genauen Argumentation inmitten des Versuches
eines Beweises ein zweites Mal.

Das versieht aber wiederum den nur für die Theologie nachvollziehbaren
Standpunkt mit dem Gewicht, daß es ersten nicht nur um den Schöpfergott
der physikalischen Wirklichkeit geht: Bei Bonaventura versinkt der
ungeschlachte Kerl einfach, taucht aber doch wiederum nach der Geburt des
innergöttlichen logos (Christus) gewandelt als Gott der Liebe auf, der »ein
freundliches Gesicht« zeigt, und die Schöpfung über seinen Sohn als
Kosmotheoros (orthodox) oder ordo naturalis (scholastisch) als sein Werk
beansprucht (Zeus, der Vatermörder und Ursupator und Zeus, der durch seine
Herrschaft allererst Ordnung zeugt, war offenbar noch nicht so zivilisiert, um
gleich nach der Sohneszeugung abzudanken). Zweitens soll das Wirken Gottes
auf den Menschen in den Vordergrund gestellt werden, wobei allerdings nur
in einigen Bereichen eine Überprüfung unklarer Qualität möglich ist, und
noch schwieriger der Unterschied zwischen einer besonderen Art der
Beschäftigung mit der Idee Gottes von einer Einwirkung, Einstrahlung und
dergleichen zu unterscheiden ist. Ich möchte hier nicht die Extrempositionen
dazu diskutieren, auch neurologische Befunde (halte diese für hinreichend
seriös) lassen mich in dieser Frage eher ratlos zurück: haben nun die einen eine
Unterfunktion, die mehr oder weniger bedeutsam ist (Musikalität ist schön,
mangelnde Musikalität behindert selten) oder doch (in welchen Situationen
genau) entscheidend sein kann, auf welche nähere Weise auch immer, oder
haben die anderen eine Überfunktion, und nur nicht die Bildung und
—5—

Disziplin, das ins Schöpferische zu wenden? Und was daran ist Disposition
und was Einübung? Es ist die Beschränkung auf das Physikalische, daß hier
noch größere Schwierigkeiten macht, die von beiden Seiten akzeptierbaren
Regeln einer Diskussion aus dem naturwissenschaftlichen und aus dem
theologischen Standpunkt heraus festzulegen. Doch ist mit der auch nur
hypothetischen Akzeptanz der Fragestellung, die Existenz Gottes zu
diskutieren, das Argument einer anderen Seinsweise grundsätzlich legitim
und in sich folgerichtig, diese mit der zweiten Art der Wirkung auf den
Menschen, die als göttliche allenfalls zur Diskussion gestellt werden kann, in
die Diskussion der Seinsweisen mit einzubeziehen, bevor die Bedingungen der
Diskussion der Existenzfrage überhaupt als hinreichend geklärt bezeichnet
werden könnten.

Ich habe darzustellen versucht, in welcher Weise die historisch verfolgbare


philosophisch-theologische Diskussion seit der Hochscholastik selbst
Doppeldeutigkeiten zwischen Intelligibilität und Materialität entwickelt, die
nicht auf rethorische Taktik beruhen, sondern teilweise als Problemstellen der
inneren theoretischen Erörterung, teilweise als dem Thema innewohnende
Schwierigkeiten anzusehen wären, somit die willkürliche Beschränkung der
Diskussion auf physikalische Argumente zu Recht als unsachliche
Vorbedingung angesehen werden darf. Ebenso gibt es eine von der
Themenstellung mitgebrachte Doppeldeutigkeit der Seinsweise möglicher
göttlicher Wirkungen, die sich nicht aus der unabweislichen Verbindung zur
physikalischen Seinsweise der Schöpfung ergeben, sondern als moralische
Wirkungen im Menschen, aber eben auch als körperliche Wirkungen im
medizinischen Bereich behauptet werden. Dazu kommen noch global die
erkenntlichen Unterschiede der Fragestellung, wenn nach dem Ursprung des
Seins, der Existenz etc. gefragt wird, die bei einem weiteren Schritt der
vorläufigen, immer noch hypothetischen Akzeptanz der Fragestellung wieder
imstand ist, die in der Frage der Seinsweisen zerfallene Position des
philosophischen Spekulierens unter theologischer Flagge noch einmal
zusammenzufassen, ohne damit das Eigenrecht der Physik etc. grundsätzlich
anzutasten. Das kann genau genommen willentlich jederzeit zur bloßen
literaischen Präzision erklärt werden, nur muß nach der ersten hypothetischen
Akzeptanz der Fragestellung, die andere, zusammenfassende, somit die
Theologie stärkende Funktion ebenso als Möglichkeit gedacht werden. Das ist
eine Folge der eingangs eingestandenen Assymmetrie, die allerdings ihre
Rechtfertigung darin hat, daß es sich technisch gesehen nur um eine
Weltbilddiskussion handeln kann, in der sich zumeist zwei philosophische
Halbgebildete um philosophische Konsequenzen ihrer Kernaussagen, gleich
—6—

vermischt mit ihren philosophemischen Weltbild, teils streiten, teils bemühen.


Wenn sich die Lage schon so zuspitzen läßt, darf eigentlich die an die
geregelte Nichtbeantwortung letzter Fragen schon gewöhnte Philosophie nicht
fehlen, nur wo ist die? Und wo ist die Idee einer solchen Philosophie im
Bewußtsein zweifellos Gebildeter?

Es sieht Alles im Allen nicht günstig für das Vorhaben aus, einen Diskurs mit
klaren Vorstellungen der angemessenen Ausgangsbedingungen zwischen
Theologie und Naturwissenschaft selbst auf philosophischen (vorläufig
neutralen) Boden geregelt führen zu können; ich finde an der Nötigung, nur
zwischen einer unsachlichen oder einer assymmetrischen Diskussion
entscheiden zu können, selbst weder etwas Philosophisches noch etwas
Wissenschaftliches. Trotzdem halte ich die Diskussion wegen ihrer nicht
rethorischen, sondern aus der Argumentationsentwicklung logisch sich
erweisenden Bewegung der Entziehung (nicht Widerlegung) noch nicht für
abschließbar, oder aus einem ausreichenden Grund ein für alle Mal
abbrechbar. Ich vermag nämlich an der Charakteristik des systematischen
Sich-Entziehens der ontotheologischen Argumentationsweisen in dieser
Hinsicht kein Artefakt aus Prämissen oder Methoden zu entdecken, sodaß ich
genau überlegt nur von einer ungelösten Frage sprechen kann, von der noch
nicht erwiesen worden ist, daß sie unlösbar ist, obgleich, inklusive der Figur
der Entziehung, alles dafür spricht. Jedenfalls kann gerade die katholische
Kirche sich auch dann nicht, wenn sie die Bedingungen eines solchen
Diskurses bestimmen, und somit die hinter der Metaphorik von Existenz als
Begriff versteckten hypothetischen Seinsweisen in Stellung bringen könnte,
der physikalischen Fragestellung an seine Seinsweise, schon gar nicht an seine
Wirkungsweise völlig entziehen. Auch im Falle eines Rückzuges auf die reine
Zeichenhaftigkeit und reine Zweckmäßigkeit, durch die hindurch die reine
Intelligibilität Gottes auf die Natur wirken würde, weshalb ein physikalischer
Beschreibungsversuch auch nur seiner Wirkungsweise scheitern müßte,
bleiben berechtigte naturwissenschaftliche Fragen zu beantworten.
—7—

3. Die Doppeldeutigkeit der Frage nach dem Ursprung der Moral am Beginn der
Vergesellschaftung des Menschen zum Kulturwesen entsteht unabhängig von einer
expliziten Frage nach der Existenz Gottes. Die genetische Vorstellung von
Rationalitätstypen (A. Comte) und deren Organisierbarkeit im Menschenbild als
verschiedene erworbene Vermögen

Die Frage der Moral und zuvor des Wertens kann ohne die unweigerliche
Doppeltheit in der Frage nach der Existenz Gottes behandelt werden, doch
aber werden alle sozialen und kognitiven Voraussetzung aus der
Sippengesellschaft zwischen Gegend und bestimmender Naturgott da und
Staat und Stadtgott hier überformt, und die Elemente der Vorstellungswelt
umgestellt, ergänzt, ausgeschieden. Bei Gelegenheit (kulturelle, wirtschaftliche
und politische Weiterentwicklung, Außenbeziehungen durch Handel, Krieg
oder neue Konstitution durch Eroberung) wird diese Formation nochmals
aufgestuft zum Hochgott und im Übergang zum bereits erinnerten Mythos
und Ablösung der politischen Theologie von der Naturmystik mit ersten
Momenten der Freiheit des Denkens kulturhistorisch aufweisbar.
Wissenschaftshistorisch sind gemeinsame Entwicklungen wie der Mathematik
in der Baustatik und der Astronomie anhand des Kanal- und Pyramidenbaus
in der ägyptischen Steinzeitkultur herausragende Beispiele. Das soll zu keinem
Beweis für die Richtigkeit einer bestimmten Moral oder gar gleich einer
Religion führen, vielmehr als kulturhistorisch auch nachzeichenbare These
eines Überganges von einer Form der Totalisierung der überwältigten
Einbildungskraft zu einer anderen, die nicht nur differenzierter ist als die
vorvergangene, sondern noch einen weiteren Standpunkt der Spekulation
über den Zusammenhang in der Welt gibt, was in der Entwicklung von
vorwissenschaftlichen Disziplinen ihren Niederschlag findet, und das eben
eingespannt in Frühformen der Nationswerdung. Soziale Regeln, Frühformen
von sanktionierte Gesetze für (fast) Alle, und deren Verdichtung lassen bei der
einfachen Verklammerung von Gemeinwesen und Religion nach der
Ablösung von einer Naturgottheit keine zusammenhängenden Reflexionen
über die Verschiedenheit der Themen von Kultur und Religion erwarten,
verschieben aber bereits das verwandschaftliche Regelbewußtsein der Sippe
mit Naturgottheiten in Richtung eines Themenbestandes, der die abstrakt
soziologisch zu konstatierende soziale Norm in einen symbolischen
Begründungszusammenhang bringt, der nicht auf naturalistische Motive mehr
reduzierbar ist, wie man eine spezifische Rationalität des Mythos noch für
dechiffirierbar halten könnte. An diesem frühkulturellen Bestand knüpft das
menschliche spekulative Denken, zuvor die freigesetzte Einbildungskraft
immer wieder an, und bildet diesen Bestand zum Kulturwesen weiter.
—8—

Zur Wertbildung, die eben nicht allein eine willkürliche und einfache
abstrakte Überhöhung gefühlsmäßiger Bewertung zur Moral ist, scheint eine
Hochreligion in jüdischer Folge nicht unbedingt Bedingung zu sein, doch ist
selbst noch bei den antiken Griechen und ihrem ihrerseits eigentümlichen
Verhältnis zur Götterwelt ein Übertritt ins Spekulative bis hin zu einem der
sinnlichen Erfahrung gegenüber als überlegen gedachten Standpunkt
unzweifelhaft, und gerade dort unbestritten als Kulturfortschritt anhand
historischer, physischer, geometrischer und logischer systematischer Reflexion
nach Prinzipien erkenntlich. Die Moral hat sich strukturell und in ihren
Relevanzen von einer Sippengesellschaft in der politischen Idee der
griechischen Polis eindeutig unterscheidbar gemacht. Unabhängig von der
Ablösung bzw. Verselbstständigung der politischen Idee von der politischen
Theologie kommt für jede politische Kulturidee durch nähere Kenntnis
umgebender Hochkulturen ein protohermeneutisches, damit auch ein
protophilosophisches Element in den erzählerischen, später literarischen
Korpus des kulturellen Gedächtnisses. Das wiederum kann später, zuerst in
interpretierender, dann kritischer Auseinandersetzung zu Textkritik,
zusammenhängenden Denken in abstrakten Zusammenhängen, und
gegenteiligen Auffassungen führen. Man könnte sagen, die Diskussion ist
eröffnet, und damit die Differenzierung der Diskussion verschiedener
Wertebereiche. Diese Diskussion führt demnach allmählich ähnlich zum
Prinzipiendenken und zum Hervortreten der Verschiedenheit differierender
Entwürfe wie später in der Entwicklung der Wissenschaften. Insgesamt ist
eine gewisse Bedeutsamkeit der Einteilung der Epochen von August Comte in
ein mythisch-magisches, ein hochreligiöses, und ein vernünftiges,
wissenschaftliches Zeitalter empirisch-historisch nicht bestreitbar.

Das beantwortet zwar die Frage nach dem Zusammenhang von Moral und
Religion dahingehend, daß Religion in engeren Sinne eines Hochgottglaubens
nicht die Quelle moralischer Empfindungen oder gewisser besonderer sozialer
Regeln ist, aber kulturhistorisch ein wesentlicher Grund zur
Ausdifferenzierung, nicht nur zur bloßen Überhöhung, einer eigenständigen
und zusammenhängenden Moralvorstellung geworden ist, die sich von der
engen inhaltlichen Umklammerung durch die politische Theologie zu lösen
beginnt, und zwar ungeachtet dessen, daß diese politische Klammer nie ganz
verlassen werden kann, und ein immerhin möglicher Moment der politischen
Freiheit in der Flüchtigkeit des Bekenntnisses selbst wieder mit der
Ausbildung einer geregelten Spekulation darüber in den Funktionskreis der
politischen Theologie überführt werden wird. Damit ist aber mitnichten Gott
—9—

beweisbar oder seine Existenzweise dargetan worden. Aus der gegebenen


Darstellung darf auch keineswegs sofort daraus geschlossen werden, daß
derart aus einem unbekannten Grund der Gottesglaube über eine absehbare
Epoche hinaus für die innerkulturelle Entwicklung auf gleiche Weise von
Bedeutung sein muß oder soll. Zwar denke ich das Comtsche Epochenmodell
auch dahingehend weiter, daß der Mensch, als Kulturwesen mit Zivilisation,
alle drei Epochen in sich aufbewahrt. Ohne Nivellierung ist hier im Rückblick
auf die kulturelle Entwicklung der Ansatz für die Auffassung verschiedener
grundlegender Rationalitätstypen zu sehen: Sippengesellschaft, frühe
Nationenwerdung, Prinzipien gesellschaftlicher Organisation, die einander
interpretieren (Hegel. Der Mythos wird zur Auslegung der Religion) und
Plätze zuweisen. Doch aber ist eine Entwicklung zur Vernunft erkennbar,
sodaß auch die Hochreligion nicht ohne Stellungsänderung in diese
Entwicklung einrücken wird müssen. Eine Notwendigkeit zur Verdrängung
oder völligen Zurückdrängung des Religiösen in den Mythos kann ich daraus
nicht ableiten.