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Wolfgang Cernoch

Entia rationis und entia elocutationis als Vorstufe


zur intentionalen Inexistenz von Franz Brentano
Der Wahrheitsbegriff zwischen Bolzanos Wahrheit an sich
und Brentanos adequatio in re et intellectus

1. Erste Unterscheidung in Seiendes (Ontologie) und Gegenstand (Logik)


Die gemeinsame Abstraktionstheorie von Sprache und Logik
im Horizont der Ontologie

Bezieht sich die Einheitlichkeit der Vorstellung, weshalb Etwas-Ding-


Existenz (Wahrheit) eine oberste Gattung sein soll, nicht schon immer nur auf
eine vom Inhalt der Vorstellung bestimmte Art von Vorstellung? Weshalb
kommt Brentano (als Vertreter der unmittelbaren Evidenz als objektiver
Grund inmitten der subjektiven Vorstellung) hierin nicht zur gleichen
Auffassung, wenn er schon zugesteht, daß die Evidenz vom Pythagoräischen
Lehrsatz, vom obersten Sittengesetz und von der Wahrnehmung blau zwar
nicht an Stärke oder an Glaubwürdigkeit verschieden sind, aber doch in der
Demonstration? Die Einheitlichkeit der Vorstellung qua Vorstellbarkeit führt
eben selbst nicht zur Einheitlichkeit des Etwas in einem Ding. Gerade die
Vorstellung, weil jede Vorstellung eine Vorgestelltes haben müsse, daraus
auch auf allgemeine und universale Merkmale des Dinges einer jeden
Vorstellung schließen zu können, gehört zu den Fiktionen der Sprache (entia
elocutionis) wie viele Synsematika auch.
Zwar ist die Vorstellung, der Satz »Das Viereck ist rund« habe einen
Gegenstand (real oder als ens rationis) genau eine solche sprachliche Fiktion,
doch kann gleiches nicht vom Satz »Das ist Dreieck ist ein Dreiseit« gelten.
Die Schwierigkeit, den Unterschied dieser Sätze zur Sprache zu bringen, liegt
zunächst darin, daß der letzte nicht einen Gegenstand, sondern viele, nämlich
alle möglichen Dreiecke zum Gegenstand hat, was aber nicht zur Absurdität
eines aktual Unendlichen führt, da diesem Satz nur der Inbegriff aller
Dreiecke als Satzsubjekt der Aussage über Dreiecke zugrunde liegt. Aber
selbst, wenn es Dreiecke gibt, obgleich sie nicht als bloße Dreiecke existieren
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können (also nur als Prädikat von wirklichen Gegenständen ein reales
Prädikat sein können), und damit die Möglichkeit notwendig mitgegeben ist,
daß, wenn es einen darüber Urteilenden gibt, dieser von allen möglichen
Dreiecken nur als Inbegriff eines Dreieckes denken kann, ist freilich auch der
Inbegriff eines Dreiecks von den eigentlichen entia rationis der Geometrie zu
unterscheiden, da diesem außer dem Dreieck noch die Möglichkeit eines
wirklich aktual Urteilenden vorausgesetzt ist.
Das Mögliche steht aber für gewöhnlich zum Notwendigen und zum
Unmöglichen gleich weit ab und bedeutet nichts weiter als die Kontingenz
des als wirklich und real Seienden. Die Möglichkeit des Inbegriffes ist aber
einerseits von eigentlichen entia rationis, die in einem Seienden fundiert sind,
andererseits aber von der Möglichkeit eines wirklich Urteilenden abhängig.
Zumal nur die Möglichkeit, wirklich einen Urteilenden zu finden, nicht der
wirkliche Urteilende Voraussetzung ist, erscheint der Inbegriff aber selbst als
eine Art der entia rationis. Obwohl die Untersuchung vorrangig von der
Möglichkeit von Wirklichem handelt, scheint es sich im Falle des Inbegriffes
vom Dreieck doch nicht um die selbe Gattung entia rationis zu handeln, wie
im Falle aller möglichen Dreiecke, die für sich betrachtet ebenfalls selbst
niemals wirklich genannt werden können.
Die Schwierigkeit liegt darin, daß die Allgemeingültigkeit des
Pythagoräischen Lehrsatzes für rechtwinkelige Dreiecke oder des Satzes von
der Winkelsumme für euklidische Dreiecke selbst als komplexe
Beschaffenheit (näher als Gesetz der Beschaffenheit) zu denken ist, welche
nun (ob analytisch oder synthetisch, soll nicht hier entschieden werden) als
Merkmal des jeweiligen Begriffs und als Eigenschaften seiner Gegenstände
zu forden ist. Daß aber der Begriff als Vorstellung des Satzsubjektes diesen
Aussagen vorausgesetzt ist, daß also die Gesetzmäßigkeit rechtwinkeliger
Dreiecke etwa ohne Begriff desselben gar nicht zum Ausdruck kommen
könnte, sagt nur aus, daß die Bedeutung des »es gibt« vom Begriff und von
der Gesetzaussage im Sinne der modalen Erörterung zwar gleich ist, aber
eben doch verschieden von der inhaltlichen Modifikation der Bedeutung des
»es gibt« im Rahmen der Verwendung für die eigentlichen entia rationalis,
hier also aller möglichen Dreiecke als Gegenstände geometrischer Aussagen.
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2. Die Kritik der Funktionen der Sprache zwischen Begriff, Vorstellung


und Ontologie erweist die Mannigfaltigkeit der Abstraktionstheorien.
Übergang von der Ontologie zum Daseins des Urteilenden

Weil nun Begriffe und Sätze nur Bestandteile von Sätzen sind, die Urteile
sind, deren Möglichkeit auf die Möglichkeit eines Urteilenden bezogen
bleiben, meint Brentano die entia rationis, die nicht Seiendes bedeuten,
insgesamt als entia elucationis subsummieren zu können. Bolzano glaubt in
WL § 68 hingegen, den Vorstellungen an sich vom Pythagoräischen Lehrsatz
einen Satz an sich zum Gegenstand geben zu können. Erst die Schwierigkeit,
daß gegenstandslose und imaginäre Vorstellungen einen Satz
zugrundeliegen haben, der sich vom Vorstellungsinhalt nochmals
unterscheiden läßt, aber definitionsgemäß keinen Gegenstand haben können,
macht darauf aufmerksam, daß ein Satz abermals als Gegenstand einer
Vorstellung oder ein Satz als Gegenstand eines Satzes gegenübergestellt
werden kann. Davon ist nochmals zu unterscheiden, daß etwa die
Vorstellung, die eine Vorstellung zum Gegenstand hat, diese universielle
Unterscheidung von Denkform und Gegenstand der Intention zu erfüllen
hat, wegen der eigentümlichen Natur deren Gegenstandes man aber erstmals
nach einem Gegenstand der vorgestellten Vorstellung selbst fragen kann, bis
man durch die Reihe der mit der Analyse des Urteilens entstandenen Denk-
und Vorstellungsformen endlich auf einen wirklichen Gegenstand oder auf
die eigentlichen entia rationis stößt.
Diesee Auffassung scheint darauf hinaus zu laufen, daß das oberste
Sittengesetz nicht zu den eigentlichen entia rationis gehört, nicht nur weil
eine Gesetzesaussage über eigentliche entia rationis getroffen werden kann,
diese Gesetzesaussage aber nicht im gleichen Sinn entia rationis sein kann,
sondern noch dazu, weil Sittengesetze sich nicht selbst auf entia rationis
beziehen, wie der Pythagoräische Lehrsatz, sondern auf Verhältnisse per
definitionem wirklich möglicher Intelligenzen d.h, nicht bloß auf reine
Verstandeswesen mit reiner Anschauung, die Geometrie betreiben können.
Begriffe und Aussagen scheinen demnach von den als eigentlich
bezeichneten entia rationis, den wirklichen Gegenständen, auf welche sich
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eigentliche entia rationis beziehen, und von der Wirklichkeit von


Intelligenzen jeweils gleich weit abzustehen. Es stellt sich die Frage, ob
Bolzano mit den Vorstellungen und Sätzen an sich eigentliche entia rationis
bezeichen wollte, wenn er die Wahrheiten an sich weder im empirischen
Urteilsakt des Urteilenden, noch eim beurteilten empirischen Gegenstand
fundieren wollte. Offensichtlich nicht; die wahren und falschen Aussagen
beziehen sich auf Wahrheiten an sich, die eben sowohl die Möglichkeit, auf
einen wirklichen Gegenstand, auf einen nicht-realen Gegenstand, auf
wirkliche Intelligenz, auf Vorstellungen und Sätze bezogen zu sein, besitzen.
Vielmehr stellt sich hier die Schwierigkeit ein, mit den Vorstellungen und
Sätzen als mögliche Gegenstände von Begriffen und Aussagen sich wieder
der Illusion einer Gattung möglicher Gegenstände des Denkens gegenüber zu
sehen, die alle anderen Gattungen einschließlich Gegenstände der eigenen
Gattung zum Gegenstand haben kann. Alle möglichen Gegenstände des
Denkens unterstehen aber mitnichten einer gemeinsamen Gattung, obgleich
eine Gattung, z. B. die Konzepte der Grammatik, alle anderen Gattungen zum
abermaligen Gegenstand haben kann; das allerdings nicht so, daß eine
beliebige Vorstellung oder eine beliebiger Satz sowohl die eine oder die
andere Gattung zum Gegenstand haben kann, denn das kann nur kollektiv,
nicht distributiv von der Vorstellung einer allgemeinen Satzform gefordert
werden (Bolzano, WL I § 12, § 86). Denn die Menge aller Begriffsformen und
Aussageformen steht der Menge aller anderen Gattungen möglicher
Gegenstände des Denkens nicht in einem Verhältnis eineindeutiger
Abbildung gegenüber. Es ist eben ein Irrtum, die Wahrheiten an sich auf die
allgemeinen Satzformen der formalen Logik beschränken zu wollen. Die
scientia generalis im Konzept der characteristica universalis ist mit den
Bedingungen des Kalküls der Logik schon bei Leibniz zuende gekommen.
Die Wahrheiten an sich sind also weder selbst alle Gegenstände des Denkens
noch ausschließlich eigentliche entia rationis, die Seiendes bezeichnen,
sondern führen notwendigerweise nur die Möglichkeit wirklicher
Intelligenzen mit sich, während das oberste Sittengesetz die Wirklichkeit von
Intelligenzen voraussetzt (also wirklicher Intelligenzen, nicht bloß als
Geometrie treibende Intelligenzen).
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3. Der Aufweis der Mannigfaltigkeit der Abstraktionstheorien durch die


Kritik der Funktion der Sprache zwischen Verstand und Ontologie.
Übergang von der Ontologie zum Daseins des Urteilenden

Bolzano widerspricht jedoch im § 14 der Paradoxien des Unendlichen dieser


Darstellung: Die Wahrheiten an sich »gibt« es nicht auf Grund der
Möglichkeit einer wirklichen Intelligenz; die Bedeutung von »es gibt« sei
unabhängig von möglichen wirklichen Intelligenzen wie von deren bloßer
Möglichkeit. Dazu ist dieses Argument zweimal leibnizianisch zu
interpretieren. Erstens hat das »es gibt« bezüglich der Wahrheiten an sich
zwar seine Bedeutung, weil der göttliche Verstand alle Wahrheiten (wahre
und falsche Sätze an sich) denkt, also auch solche, die kein Mensch bisher
gedacht hat oder auch niemals, sei es aus historischen Gründen oder aus
Gründen der Beschränktheit unserer Vernunft, denken wird. Schließlich ist
aber zweitens zu bedenken, daß es sich in der Arithmetik, Geometrie und
Logik um Wahrheiten handelt, die Leibniz zwar als notwendige Wahrheiten
im göttlichen Verstand ansieht, aber ihren Ursprung gerade nicht in den
göttlichen Verstand verlegt, sondern als diesem, wie also auch der Schöpfung
in Raum und Zeit, vorausgesetzt denkt. Ich denke doch, daß man Bolzano in
diesem Punkt von den ersten zwei Bänden seiner Wissenschaftslehre aus
widersprechen muß: Die Wahrheit an sich entspricht trotz des aus den
Paradoxien des Unendlichen möglich scheinenden Einwandes so oder so der
Realisation in einem Verstande, hier dem göttlichen Verstand. Zwar hat
Bolzano mit Bayle und Leibniz darin recht, daß der Grund der Wahrheiten an
sich nicht der Grund der Möglichkeit von wirklichen Intelligenzen ist, in
seiner Darstellung doch aber Raum für die Möglichkeiten zu
Mißverständnissen gelassen. Denn zwar ist der Grund einer Wahrheit an sich
mit dem Grund der Möglichkeit von Intelligenzen nicht gleichzusetzen, doch
die Wahrheit ist als solche immer ein Begriff der Modalität der Affinität von
Subjekt und seinem Gegenstand, und setzt als »Horizont der Begegnung« des
Verstandes mit einem entgegenstehenden Objekt das Subjekt abermals
voraus. Es ist also die ganze Überlegung dahingehend zu präzisieren, daß
zwar der sachliche Grund der Wahrheit an sich nicht in dem Grund der
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Möglichkeit von Intelligenzen selbst liegen kann, doch aber der Grund, daß
man von dem »es gibt« in Verwendung auf Wahrheiten an sich sprechen
kann, also näher, der Grund für die Realität der Wahrheiten an sich als
Wahrheiten doch immer nur in einer Intelligenz zu finden ist.
Derart führt die Diskussion der entia rationis selbst wie die Diskussion des
Grund des Seienden überhaupt auf das unvordenkliche Sein zurück. Auf
diese Weise ein Argument zu gewinnen, alle entia rationis als cum
fundamento in re betrachten zu können und so die entia sine fundamento in
re als entia elucationis zu identifizieren, dürfte der Grund der historisch-
kritischen Untersuchungen Franz Brentanos gewesen sein.
Diese Pointe lag aber weder in meiner Absicht noch könnte grundsätzlich auf
diese Weise so ohne weiteres ein ontologisches Argument für die entia
rationis cum fundamento in re gefunden werden, welches zur ontologischen
Bestimmung der universiellen Seinsweise des Seienden oder gar zur
empirischen Bestimmung der quidditas (Washeit) des einzelnen Seienden
zureichen könnte. Solches würde auch der cartesianischen Unterscheidung in
ausgedehnte und unausgedehnte Seiendheit (res extensa und res cogitans)
nicht gerecht werden. Entscheidend ist hier vielmehr, daß erstens die entia
rationis im Rahmen der in Frage stehenden Bolzanoischen Erklärungen im
von Brentano geführten Diskurs nicht wie von Brentano erwartet widerlegt
werden, und daß zweitens die Selbstständigkeit der Wahrheit gegenüber
ihren Gründen deutlich gemacht werden konnte — seien es nun Gründe des
unvordenklichen Seins oder entia rationis allein aufgrund der Möglichkeit
eines (göttlichen) Verstandes.
Es bleibt auch dann bei der Trennung von entia rationis cum vel sine
fundamento in re, weil erstens der Verstand selbst auch für sich die
Möglichkeit von Existenz auf die eine oder andere Weise beanspruchen muß,
die sicherlich nicht mit den seienden Gegenständen selbst kommensurabel
sein kann. Zweitens kann die Art des Verstandes zu existieren auch nicht mit
der Seinsweise der Begriffe vom Seienden völlig zusammenfallen, da die
Begriffe die eigentlichen Gegenstände des Verstandes sind.
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4. Imaginäre Vorstellung und Inexistenz.


Die letzte Abstraktion bei Bolzano und die letzte Negation bei Brentano
überschreiten sowohl die Ontologie wie das Dasein

Die Argumentation Brentanos hat nun den als richtig anzuerkennenden


Zweck, der ontologisch fixierten Abstraktionstheorie der obersten Gattung
aus dem thomistischen ontologischen Realismus mit den Mitteln der
Sprachkritik, die zugleich auch Bedeutungskritik ist, zu entkommen.
Allerdings kann das offenbar nicht dadurch geschehen, daß die entia rationis
sine fundamentum in re aus ihrer Relation zu entia rationis cum
fundamentum in re ungeachtet des zusammenhängenden Systems von
Differenzen im Begriff vom Sein überhaupt einseitig herausgelöst wird, nur
um als bloße entia elucationis identifiziert zu werden. In diesem Moment der
Überlegung verläßt Brentano den konzeptualistischen Nominalismus des
Ockham, der zwar keine ontologische Fundierung der Konzepte (Ideen), aber
noch eine reelle Funktion für die Anwendung des Verstandes auf die
existierenden Einzeldinge, angenommen hatte, in Richtung des radikalen
Nominalismus von Roscellin und Abaelard, welche die Universalien nur als
flatus vocis ohne jede Bedeutung für das menschliche Denken betrachtet
haben.
Obgleich Brentano den Bezug der Vorstellungen zum Vorstellenden, des
Satzes des Urteils zum Urteilenden bis in den dritten Band der Psychologie
vom empirischen Standpunkt auch bei sich verändernder Systematik
durchhält, muß doch gesagt werden, daß die Vorüberlegungen zur Inexistenz
den Horizont des Seins als Inbegriff alles Seienden wie als Horizont des
Daseins verlassen. Hierin holt er den von ihm kritisierten Status der
Wahrheiten an sich, die nach Bolzano ihre Realität im göttlichen Verstand
besitzen, in der Negation wieder ein. Mit der Negation von Existenz wird die
ontologische Reflexion zur modallogischen Negation umgeleitet, aber damit
vollzieht er doch trotz der genauen Analyse die radikale Trennung von
Descartes nach, was den bereits anhand der Unterscheidungen der
Seinsweisen im Seinsbegriff analysierten Zusammenhang des Bewußtseins
mit dem Sein des Seienden im Dasein mit einem Schlag zunichte macht.
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So vermögen entia elocutationis nicht selbst die Regeln des Verstandes


auszumachen, sondern können nur uneigentliche Redeweisen bezeichnen.
Allein im Falle der imaginären Vorstellung gewinnen sogar die entia
elucationis als Statthalter mitkonstituierende Bedeutung. Allein in den
imaginären Vorstellungen, welche weder einen Gegenstand besitzen, der von
entia rationis cum fundamentum in re, noch einen Gegenstand, der von entia
rationis sine fundamentum in re bedeutet werden kann, sollten die entia
elucationis die Stellung von bloßen entia rationis, allerdings in jeder Hinsicht
als vollkommene entia rationis sine fundamento in re, einnehmen können.
Imaginäre Vorstellungen sind nach Bolzano von gegenstandslosen
Vorstellungen wie der Satz »Das runde Viereck« eine ausdrückt, jedoch
nochmals zu unterscheiden, denn diese Sätze sind falsch, worin der Grund
erblickt werden kann, daß sich die Vorstellung davon nicht einstellen kann
und sich auch nicht auf einen Gegenstand beziehen läßt. Imaginäre
Vorstellungen sind gegenstandslos, ohne daß es ein angebbarer Grund für
die Inexistenz eines Gegenstandes in der Vorstellung zu finden wäre.
Gleichwohl soll eine imaginäre Vorstellung Gegenstand einer gerichteten
Intention sein können wie in gegenstandslosen Vorstellungen, die einem
falschen Satz entsprechen, auch. Wenn es nun solche imaginären
Vorstellungen gäbe, wie sie Bolzano vorstellt, dann müßten sie auch eine
gerichtete Intention besitzen, weil es sonst zu gar keiner Vorstellung kommen
kann. Die gerichtete Intention peilt aber immer einen Gegenstand an,
gleichgültig, ob ein solcher nun aktuell auffindbar ist, oder möglich wäre,
aber jetzt nicht vorkommt, oder nur ein logischer Gegenstand eines
Konzeptes ist, das nicht erfüllbar ist.
Es ist also festzustellen, daß ein solcher Untersuchungsgang das vorgestellte
Konzept (Idee) nochmals vom logischen Gegenstand der Intention zu
unterscheiden imstande ist, der jeder gerichteten Intentionalität eigen sein
muß, gleichgültig, ob die Vorstellung des Konzeptes erfüllbar ist oder nicht.
Mit dieser letzten Abstraktion, welche die Charakteristik des Bewußtseins,
gerichtete Aufmerksamkeit erreicht, soll auch der Unterschied verschwinden,
den Bolzano zwischen gegenstandslosen und imaginären Vorstellungen
getroffen hat. Bolzano erreicht mit der abermaligen Abstraktion von einer
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gegenstandslosen Vorstellung, die gegenstandslos ist, weil sie einem falschen


Satz entspricht, die Vorstellung von reiner Intentionalität. Diese aber besitzt
durch ihre Gerichtetheit einen abstrakten, vollkommen unbestimmbaren
Gegenstand noch in der Vorstellung der Intentionalität selbst. Genau
betrachtet, gibt es demnach für eine Untersuchung wie diese nur eine
imaginäre Vorstellung, deren »logischer» Gegenstand mit keiner der hier
behandelten Seinsweisen kommensurabel ist. Insofern führt die von Bolzano
durch fortschreitende Abstraktion abgehobene imaginäre Vorstellung, zum
gleichen Ergebnis, wie die von Brentano durch ontologische oder
modallogische Negation erreichte Inexistenz.
Die abermalige Vorstellung des »logischen« Gegenstandes einer gerichteten
Intentionalität oder der Inexistenz, die durch den Nachvollzug der
Argumentation durch einen Urteilenden erzeugt wird, ist weder abstrakter
als die imaginäre Vorstellung, noch weniger existent als Inexistenz. Vielmehr
wird die Reflexion in die ontologische und modallogische Reflexion, und
damit zweimal ins Dasein zurückgebogen.
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