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Wolfgang Cernoch

Soziale Identität, konstruierte Objekte der Kommunikation,


selbstreferentielle Systeme und moderne Gehirnforschung.
Beiträge zu einem Kommunikationsmodell, daß sowohl neurologisch,
psychologisch wie kultursoziologisch interpretierbar ist.

1. Selbstreferentielle Systeme in Kommunikationstheorie und Neurologie.


Bemerkung zu Wolf Singer

Die Selbstbezüglichkeit (Selbstreferentialität) halte ich erstens für eine


symbolische (physikalisch sinnlose) Identifizierung unserer
Informationsverarbeitung und zweitens die Vorstellung der Identität für das
Produkt deren Verortung im Raum, was zwar mit der Identifizierung von
Gegenständen und Relationen in unserer Vorstellung zu tun hat, diese
Differenzierung des Erscheinungsmannigfaltigen aber nicht völlig als Produkt
unserer Vorstellung unserer Identität ausgegeben werden kann, wie
gemeinhin die Auffassungen der klassischen Philosophie verstanden werden.
Drittens soll in dieser spekulativen Annäherung dieser Prozess der
Selbstidentifizierung der Informationsverarbeitung zugleich invers eine
Fulguration erzeugen, welche uns u. a. zu den Erscheinungsreihen aus der
Erfahrung noch Alternativen vorstellen läßt. Insofern unterschätzt man
womöglich am anderen Ende der Untersuchung unserer Erkenntnisvermögen
die Abstraktionsmöglichkeiten der Vorstellungs- oder Einbildungskraft, auch
Anschauungsvermögen genannt, und deren Bedeutung für die Entwicklung
abstrakter Formalismen und deren Dimensionsbegriffe. Erst letztere machen
aus mathematischen Formeln physikalische Formeln. Der »linguistic turn«
und dessen Direktionen der Abstraktion haben nicht zuletzt ihren Beitrag
damit geleistet, Theorie als ein System von Sätzen zu betrachten, hat aber die
vorangehenden Selektionsstufen wie die psychologische Funktion der
Einbildungskraft heillos depotenziert und aus dem Reflexionskreis gedrängt.
Es ist nicht verwunderlich, daß die Wissenschaftstheorie seit dem Problem
zwischen Popper und Quine, was eine naturwissenschaftliche Theorie sei,
nicht recht weiter weiß. Anschauendes Einbildungsvermögen impliziert aber
nicht ausschließlich sinnliche Anschaulichkeit.
Ich gehe davon aus, daß anhand der Selbstreferentialität eine formale
Charakteristik von »Systemen« gefunden worden ist, die aus verschiedenen
physikalischen Gründen entstanden sind. Selbstreferentialität erzeugende
Systeme (offene Systeme im Fließgleichgewicht) scheinen mit Information zu
tun zu haben, obwohl ich der Auffassung, man könne an Stelle eines
primitiven Klumpen Stoffs abstrakte Information als Substrat von
subatomaren Teilchen setzen, ablehnend gegenüberstehe. Die
—2—

Selbstreferentialität, die ich konkret näher angesprochen habe, unterscheidet


sich aber von anderen Beispielen in drei voneinander unabhängigen Punkten:
(1) Die »Systeme« sind selbst nicht physikalisch, sondern sind Systeme aus
semantischen Einheiten und Relationen in der Kommunikationssphäre, (2) Die
Selbstreferentialität führt zu expliziten Denotationen. (3) Explizite
Denotationen in der innerartlichen Kommunikation, die systematisch
zusammenhängen, führen zur Selbstidentifikation. Damit versuche ich dem
Prozess der Organisation der größten Vorstellungsmasse, welche das »Ich«
beinhalten soll (Herbart) näher zu beschreiben. Allerdings gehe ich von einer
theoretischen Konvertibilität von individueller Lebensgeschichte und
Kulturgeschichte anhand der Kultursoziologie aus, sodaß ein Modell von
sozialer Identität nicht selbst auf Neurologie aufruhen kann, sondern diese als
die eine Randbedingung zu betrachten hat, die andere Randbedingungen sind
die sozialen Institutionen und die zentralen Episteme der innerartlichen und
innerkulturellen Kommunikation.
Die Gehirnforschung ist gerade dabei, vermutlich eher unfreiwillig, die
Notwendigkeit der »Seele« für die innerartliche Kommunikation zu beweisen:
Wolf Singer (Frankfurt/Main) zeigt, daß die Funktion des Gehirns anhand der
gescannten Reaktionen nur dann verständlich sind, wenn man annimmt, daß
zumindest das Gehirn an eine Person, Seele, etc. des anderen Menschen
glaubt, gleich, was die Neurologen ohne philosophische (Ein-)Bildung glauben
(in: Philosophicum, Nußbaumer, ORF 2, 4. Oktober 2006). Entspricht ziemlich
dem »place d’autruy« Leibnizens, in etwa dem »Im-anderen-bei-sich-sein«
Hegels. Daß W. Singer die Willensfreiheit bezweifelt, ist keine Antwort auf
diese philosophische Parallele zu seiner Arbeit. Meine Punkt ist, daß Singer
gut vorstellbar macht, daß unser Bewußtsein samt Ich und Seele (lauter
unwissenschaftliche Begriffe für metaphysische Materialisten) nicht im
Gehirn,, Nervensystem, auch nicht im Herz oder im Zwerchfell, sondern in
der Kommunikation entsteht, und insofen nicht selbst materiell im
physikalischen Sinne, sondern ein Überlagerungsphänomen ist. Die
Bezweiflung des freien Willens durch Singer ist eine naive Verkürzung der
philosophischen Diskussion. Liest man die Erklärungen Singers kritisch, findet
seine Darstellung der Verzweigung der Ursachen des Verhaltens sowohl in
der pathologischen Necessierung wie in der Selbstgesetzgebung der Vernunft
Kantens Platz.
Ich sehe in manchen Stellungnahmen von Wolf Singer Ähnlichkeiten zu
meinen Beurteilungen, und versuche meinerseits den Fallen zu entgehen, die
vorschnelle Entscheidungen über die spezifische Natur dessen, was wir
fallweise und unzuverlässig genug »Bewußtsein« oder gegebenenfalls »Geist«
—3—

nennen können, gerade auf geisteswissenschaftlicher Seite nach sich ziehen.


Dissens besteht aber immer wieder in der Frage, ob unser »Bewußtsein«, oder
auch nur unsere undeutliche Wahrnehmung unserer komplexeren
psychischen Tätigkeit aus der Selbstreferentialität biophysikalischer Prozesse
des Gehirns entstehen könnte. Dieser Ansatz sucht die Ursachen analytisch in
den letztlich »materiellen«, also physikalischen Gehirnvorgängen, ohne bei der
Systembildung dieser Gehirnprozesse die Input/Output-Verhältnisse des
Gehirns als Organ auch nur im gedanklichen Entwurf genügend differenziert
berücksichtigt zu haben. Es reicht nicht aus, ein einfaches Input-Modell auf
der Ebene der sinnlichen Datis zu verwenden, da sowohl gehirnanatomisch
wie kulturhistorisch weitere Informationen aus phylogentischem und
ontogenetischem Fundus hinzukommen. Da es bei unseren Fragestellungen
nicht um Kognitionen sinnlicher Wahrnehmungen allein, vielmehr um die
dieser sinnlichen Wahrnehmung aufgeprägte kulturelle Symbolik unserer
innerartlichen Kommunikation geht, muß m. E. der Punkt 2 als Kriterium in
Kraft treten, um nicht unter der Hand die Themenstellungen zu verwechseln.

2. Die relative Selbstständigkeit der Kommunikationssphäre und das


wechselseitige Verfremdungspotential mit der physikalischen Sphäre
(Bertalanffy). Zum ungelösten Problem von Monismus und Dualismus

Ohne damit auf alle mit dieser begründeten Entscheidung zur Komplizierung
verbundenen Fragestellungen Antworten zu besitzen, stelle ich die darauf
folgend nächste Frage: Gesetzt den Fall, ich behalte mit meiner Auffassung
grosso modo recht, wie kommt es, daß unser organisiertes Handeln die
Naturtechnik nach unseren Zwecken einrichten kann? Diese Frage stellt sich
für alle innerartliche Kommunikationen, die mit organisiertem Handeln
verbunden sind. Wirklich brisant wird diese Frage aber erst dann, wenn die
mathematischen Naturwissenschaften unser evolutionär angepaßtes
Erkenntnisvermögen, demgemäß wir auch die Kenntnis bestimmter einfacher
Natureigenschaften entwicklungspsychologisch nachvollziehbar außerhalb
des unmittelbaren sozialen Bezuges selbstständig erwerben (Piaget, Herbart,
Kant) an Adequanz deutlich hinter sich läßt. Insofern müssen die
Kulturerfindungen eine Auswirkung auf unsere objektive gesellschaftliche
Entwicklung gehabt haben. Das ist zwar selbst kein wissenschaftlicher Beweis
irgend einer empirischen Hypothese, aber eine wohl begründete Vermutung.
Die Differenz zwischen Kommunikationssphäre und physikalischer Sphäre
halte ich hingegen für erwiesen, es sei denn, man wollte diese Differenz als ein
Artefakt der Methode, also der Systembildung in Hinblick auf
—4—

Selbstreferentialität ausgeben, was ich für aussichtslos halte. Zur


größtmöglichen Deutlichkeit: Ich behaupte mit der Unterscheidung in
Kommunikationssphäre und physikalischer Sphäre nicht die Unabhängigkeit
oder gar Selbstständigkeit semantischer Systeme der Kommunikationssphäre
von physikalischen Systemem was die Frage nach der Existenz angeht; letztere
sind m. E. unabhängig wie die Frage nach einer »Protosubstantialität« von
subatomaren Teilchen entschieden wird, als unhintergehbare
Voraussetzungen für die Kommunikationssphäre anzusehen. Die Ursachen
für die Ereignisse in semantischen Systemen sind selbst jedoch nicht
unmittelbar physikalischer Natur. Auch kann ich hier das Prinzip der
Denkökonomie nicht als Gegenargument gelten lassen, obwohl mit der
Unterscheidung in Kommunikation und Physik das alte Problem der
Vermittlung der res cogitans mit der res extensa verändert wieder auftaucht.
Die wesentlich größere Schwierigkeit ist jedoch die damit verbundene,
allerdings m. E. nur scheinbare Verletzung des ontologischen Monismus, der
die philosophische Voraussetzung unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes
ausmacht. Diese Frage habe ich noch nicht genügend geklärt, um eine
Kurzfassung einer möglichen Antwort geben zu können. Daß das Verhältnis
zwischen Dualismus und Monismus einer Revision bedarf, liegt für mich auf
der Hand.
Die eine weiterführende Spekulation betrifft die Verfremdungsmöglichkeiten
der Denotation, zumal die Denotation auch als Übersetzungsproblem,
schließlich auch als Interpretationsproblem gedacht werden kann. Kann eine
sinnvolle Verwendung dieses Begriffes in einem Doppelsystem oder einem
Kompositum von physikalischen Systemen vorgestellt werden? Kann die
Erscheinungsweise als Korpuskelstrahlung als Denotation eines
zusammenhängendes Wellenereignisses verstanden werden? Kann in der
Unterscheidung in lokale und metalokalen Ebene des subatomaren
Geschehens (Superposition nach De Broglie) die lokale Ebene als Denotation
der übergeordneten Ebene verstanden werden, oder eher als deren
Interpretation? Gibt es lokale Zeitumkehr, d. h. eine reale oder scheinbare
Umkehr der Reihenfolge von Ursache und Wirkung, und wenn, kann man
subatomaren Systemen deshalb eine Ähnlichkeit zur tierischen und
menschlichen Antizipation nachsagen? Die zweite weiterführende Spekulation
betrifft das Verhältnis von Dualismus und Monismus zuerst hinsichtlich der
Frage, was impliziert alles der Begriff der Denotation außer einer ersten
Identifizierung von Unterschiedlichem auf Grund kontinuierlicher
Ähnlichkeiten (Abbildbarkeiten)? Zweitens hinsichtlich der Frage, welcher
Horizont ist dem Vorgang der Selbstidentifizierung vorauszusetzen.
—5—

Beinhaltet die Selbstidentifikation einen Vorgang, der abermals als Denotation,


aber als Denotation des Konkreteren im Abstrakteren (des Individuums in der
Vorstellung vom Gattungswesen) beschrieben werden kann?
Anlässlich der Rückkehr des Nachlasses von Ludwig von Bertalanffys nach
Wien will ich noch eine allgemeine Überlegung anschließen. Bertalanffys
Modell eines biophysikalischen Atoms (z. B. Biophysik des Fließgleichgewichts.
Einführung in die Physik offener Systeme und ihre Anwendung in der Biologie,
Braunschweig 1953; mit W. Beier und R. Laue), beruhte auf eine herbatianisch
vereinfachte Vorstellung der Leibnizianischen Monade. Die Vorstellung, daß
gleiche Prozessformen (Gleichungen) in verschiedenen materiellen
Organisationsformen, schließlich auch in kulturellen und geistigen
Phänomene vorkommen, verweist abermals auf Leibniz. Immerhin hat
Bertalanffy 1929 eine Arbeit über Cusanus geschrieben, eine frühe Leitfigur
Leibnizens, über dem Weigel-Kreis vermittelt. Mein Problem mit
Auffassungen der Grundidee der Monadologie dieser Art, die nur durch
Abstraktion vereinheitlicht: Ließen sich auf derartigen Abstraktionsniveau
Charakteristika finden, die für alle Ebenen einer vorläufigen
»Schichtenontologie« von Komplexitätsstufen oder Arten von organisierter
Materie, sogar noch darüber hinaus, gültig sein könnte, dürfte man deshalb
gar nicht sicher sein, daß auch die konkreten Interpretationen der Begriffe von
Denotation, Translation und Interpretation jeweils analoge Funktionen
besitzen. Es wäre auch gar nicht gesichert, daß jeweils alle abstrakten und
universiell angesetzten Beziehungen, die aus den abstrakten Charakteristika
des Systems aus Systemen entwickelt werden könnten, für jede der
grundlegenden Art der Organisation von Materie oder Kommunikation gleich
ausgewickelt worden wären.
Schließlich: Philosophische Bemerkungen großer Physiker aus der Grenzzone
der philosophischen Rückbetrachtung zum Anlaß zu nehmen, den
subatomaren Korpuskelphänomenen Information oder Geist als Grundstoff zu
unterlegen, nur um im Anschluß Kommunikationssphäre und physikalische
Sphäre neuerlich einem Monismus zu unterwerfen, indem beide Sphären
identifiziert werden, halte ich für einen Kurzschluß. Und zwar für einen
Kurzschluß, der um vieles offensichtlicher ist, als unbestimmt-abstrakt
»letztlich« alle Kommunikationserscheinungen ausschließlich auf materielle
Prozesse zurückzuführen, ohne zu bemerken, daß damit bestenfalls die
Erscheinung, aber nicht die Kommunikation (Interpretation und Translation),
und worüber kommuniziert worden ist (Denotation), behandelt werden kann.
Ich halte es auch nicht für sinnvoll, den Begriff der Materie oder Energie im
physikalischen Sinne für alle durch Selbstreferentialität beschreibbaren
—6—

Systeme weiterhin im gleichen Sinn als grundlegend zu behaupten: Im einen


Fall sind die Systemprozesse selbst physikalisch, im anderen sind sie
Kommunikationsprozesse, die nur mittels physikalischer Prozesse stattfinden
können, ersterer aber nicht mit letzterem identifiziert werden kann, auch dann
nicht, wenn der Inhalt der Kommunikation ein physikalisches Thema,
vielleicht gerade das der physikalischen Bedingungen der Signalübertragung
wäre.

3. Die Differenzen zwischen Welt, Kosmos, Dinge, Prozesse gemäß der


Vorstellungsart und gemäß der Organisationsart

Ein physikalisches Ereignis kann also ouvert Grund einer auf dieses Ereignis
sich auch beziehende Äußerung oder sogar expliziten Aussage sein, ohne daß
der Prozess der Bedeutungsproduktion oder Bedeutungsentschlüsselung in
der Kommunikation vom Ausgangsereignis physikalisch abhängig wäre. Die
Erinnerung des Objekts, der vermuteten Ausgangsbedingungen der Aussage
beim Addressaten wie die Kommunikationsentstehung beim Sender, die
Kommunikation selbst und die Nachkonstruktion der vorangehenden
Entschlüsselung haben alle einen notwendig vorausgesetzten materiell-
energetischen Prozess zugrunde liegen, der allerdings stark gegliedert ist, und
vor allem nichts mit der transportierten Bedeutung, dem Konzept der
Nachkonstruktion beim Empfänger, zu tun hat. Diese Differenz einzusehen, ist
von grundlegender Bedeutung, da natürlich die Eigenarten und zufälligen
Variationen des materiell-energetischen Prozesses in die Bedeutung
absichtlich oder unabsichtlich mit eingehen. Hierin kann die Ästhetik der
Kunst eine Lehrmeisterin sein, indem die Denotationen in der Kunst die
Eigenschaften des Materials und des Klanges selbst wie zufällig mit eingehen
lassen, und insofern eher Mimesis denn reine und unabhängige Autopoesis
wäre, aber eben auch Mimesis der Kommunikation und nicht nur
kultursoziologisch fassbarer Inhalte der Kommunikation, was alle
Bedeutungen, auch die physikalisch denotierenden, ungeachtet der
behandelten Differenzmit einschließt (vgl. Adornos ästhetische Theorie). Die
Analyse dieser Abhängigkeiten in der historisch vorgehenden Kunsttheorie
wird entfernte Ähnlichkeiten zwischen der Kunstgeschichte samt deren
Hilfswissenschaften, der Kunsttheorie und der Kultursoziologie einerseits und
den Beziehungen der verschiedenen theoretisch faßbaren Pole der anvisierten
Kommunikationstheorie (Neurologie, Psychologie, Kultursoziologie)
andererseits feststellen, die zu einem abstrakten und dimensionsfreien Modell
von Systemen von Differenzen innerhalb der ungleichartigen
—7—

Randbedingungen der untersuchten Gattung von Phänomenen werden


könnte. Und zwar ohne den anhand von Bertalanffy skizzierten Spiegelung
der Idee der Mathesis in den Komplexitätsschichten der Materie zu
vermutenden Schwierigkeiten, die nur dazu führen, damit wieder in die
ontologische Pyramide der Regionalontolgie eingegliedert zu werden.
Schon die synthetische Metaphysik Kantens, allerdings unter Anleitung der
kritisch vorgehenden Transzendentalphilosophie, konnte nur Schichten der
Wirklichkeit rekonstruieren; nur in der Kategorie des Commerciums und in
den Auflösungsversuchen der dritten Antinomie gerät Kant an die Grenze des
Organisationsproblems des Reiches der Zwecke (vgl. Heideggers Differenz
von Vorhandenm und Zuhandenem). Hegels Totalität bleibt zwischen
Gesellschaft und Staat befangen. Humberto Maturana kehrt zu thomistischen
Konstruktionen zurück, um eine Schichtenontologie zu entwerfen. Rupert
Riedl zeichnet Prozesse zwischen den theoretisch rekonstruierbaren
Komplexitätsschichten der materiellen Selbstorganisation ein. Hier setzt die
halb naturwissenschaftliche, halb philosophische Erörterung dessen ein, was
bislang keine naturwissenschaftliche Theorie vermag (die Stringtheorie bleibt
eine Spekulation): Die Untersuchung der aktuellen Organisationsform der von
den Erfahrungswissenschaften herauspreparierten Schichten der materiellen
Selbstorganisation zu dem, was wir in deutlicher Differenz zur Idee der Welt
den Kosmos nennen. Der Gegenstand der Welt ist der Kosmos. Die
Regionalontologien sind aber das Ergebnis einer philosophischen Spekulation
nach der Physik, die zwar unter der Anleitung der Idee der Mathesis
universale Gesetze zu finden hofft, diese aber nur für zusammenhängende
Teile des Kosmos herausfinden kann.
Die Vorstellung, die Welt als Idee des Ganzen sei verschieden von den
Vorstellungen der Dinge in der Welt setzt sich fort in der Vorstellung, der
Kosmos sei in Regionalontologien einteilbar. Der Sinn dieser abstrakten
Vorstellung liegt in den jeweiligen spezifischen Regeln der Selbstorganisation
physikalischer Entitäten, welche schließlich gemeinsam mit
methodengeschichtlichen Fragen zumeist die voneinander abgrenzbaren
Gegenstandsbereiche der zentralen wissenschaftlichen Theorien der
Erfahrungswissenschaften bestimmen. Gäbe es für die Organisation der
verschiedenen Bereiche der Selbstorganisation der Materie zu einer
zusammenhängenden Erscheinungsreihe des Kosmos eine
zusammenhängende Theorie, wäre der gesuchte Zusammenhang von
Neurologie, Psychologie und Kultursoziologie (drei zentrale
Projektionsflächen der wissenschaftlichen Einbildungskraft zur Frage nach
dem Menschen) eine typische Konstellation von allerdings besonderer
—8—

Komplexität und Verdichtungsgrad der möglichen beteiligten


selbststeuernden Systeme. Wir organisieren unsere verschiedenen Arten von
Vorstellungen auf eine grundsätzlich andere Weise als die Natur ihre
Einheiten organisert. Die Ähnlichkeit wird aber, unabhängig von jeder
Erfahrung transportierenden und verschiebenden Verfremdung um so größer,
um so mehr Abstand durch Abstraktion der Konzepte und statistischen
Betrachtungsart der rekonstruierten und konstruierten Objekte oder Elemente
von beiden Prozessen gewonnen worden ist. Allerdings ist diese Eigenschaft
einer situativ entworfenen Abstraktionspyramide selbst nur als regulative Idee
zu verwenden und nicht selbst gesetzgebend, was Regeln des
Erfahrungmachens konkret interpretierter Umstände betrifft. Diese und
andere Regeln einer immer erst zu findenden allgemeinen Abstraktionstheorie
sollen nun sowohl in kulturhistorischer wie in soziobiologischer Perspektive
tauglich werden zur Erfassung der Organisationsformen der materiellen
Natur und deren Regeln. Die Randbedingungen der Entwicklung der
Abstraktionstheorie sind selbst einerseits biologisch, andererseits kulturell (die
Symbole innerartliche Kommunikation). Näher gesagt, bezeichnet die Biologie
die näheren Randbedingungen der allgemeinhistorischen, schließlich die
Randbedingungen der kulursoziologisch fassbaren Prozesse der
Kulturentwicklung, welche selbst nochmals verzweigt in Theorien der
Naturwissenschaften und in Theorien der Kulturwissenschaften die
Bedingungen der Kulturation des Menschen untersuchen. Insofern muß es
eine Abstraktionsebene geben, welche diese doppelte genetische Beziehung
unserer phylogenetischen Selbstreproduktion und ontogenetischen
Selbstproduktion (vom Individuum aus gesehen die nächste Verzweigung)
vom Zwang befreit, als antagonistische Ausprägungen der theoretischen
Einbildungskraft aufzutreten, deren Ausformung zu evaluierbaren Theorien
zu logischen Widersprüchen führen, die als Widerspruch von Hypothese zu
Protokollsatz über wirkliche Vorgänge verstanden werden müssen.
M. a. W., ich verbinde mit diesem Projekt einer mehrdimensionalen
Kommunikationstheorie auch die Hoffnung, mit der Verschiebung der
Selektionsrichtung durch die zunehmende Bedeutung der innerartlichen
Kommunikation am Feld der Evolutionsbiologie das Kulturwesen des
Menschen und dessen unabsichtliche und absichtliche Spontaneität als
relevantes Ursachenfeld eben der Verwissenschaftlichung des Denkens
nachzuweisen, und damit zugleich resolutiv die erfolgte Skotomisierung
hinsichtlich der relevanten Rationalitätstypen in Wissenschaft und Lebenswelt
aufweisen zu können.