Sie sind auf Seite 1von 6

Wirtschaft/Finanzen | Heft 49/2008

Der Staat als Retter? Ausgerechnet der Staat?


Die Krise als politisches Versagen: Wie überforderte Manager und ahnungslose CSU-Männer die
Bayerische Landesbank in den Ruin trieben. Eine Chronik.

Im Keller seines Hauses, genauer gesagt im Ruheraum neben dem Swimmingpool, hat der pensionierte
Investmentbanker Gerold Brandt seine Trophäen aufgebaut: kleine Quader aus Acryl, die im Jargon der
Banker »Tombstones« heißen. Sie sehen tatsächlich wie Grabsteine aus und tragen auch Inschriften:
DaimlerChrysler, Citizen Watch, Samsung, Kingdom of Spain. »Die besten Banken der Welt waren scharf
auf unsere Kunden«, erklärt Brandt voller Stolz. Jeder Grabstein steht für einen erfolgreichen Abschluss,
Brandt hat Dutzende davon. Während seiner zehn Jahre im Vorstand der Bayerischen Landesbank fädelte
er Geschäfte im Wert von 54 Milliarden Euro ein. Das war harte Arbeit, er und seine Mitarbeiter prüften
die Bonität der Kunden noch akribisch, stritten sich zuweilen heftig, um im Zweifelsfall zu entscheiden:
lieber kein Deal als ein schlechter. »Ich spreche nicht von goldenen Zeiten, sondern von einem
Geschäftsmodell: Das hätte die Bank nie verlassen dürfen.

«Doch kurz nach seinem Abschied im Jahr 2001 vollzieht die Bank einen dramatischen Kurswechsel: Statt
sich selbst ein Urteil zu bilden, setzen Brandts Nachfolger auf fremde Expertisen. Sie kaufen Wertpapiere,
die internationale Ratingagenturen mit Bestnoten versehen haben. Eben die Wertpapiere, die damals auch
alle anderen Banken kaufen. Sie heißen Asset Backed Securities (ABS) oder Collateral Debt Obligations.
Brandt nennt sie »modernistische Papiere«. Was genau sich hinter den Begriffen verbirgt, wird auch den
Experten erst klar, als in diesem Sommer der amerikanische Hypothekenmarkt kollabiert und die Welt in
die tiefste Finanzkrise seit 1929 stürzt.

Am 21. Oktober 2008, nur zwei Tage nachdem die Bundesregierung ihren Rettungsschirm für die
angeschlagene Finanzbranche aufgespannt hat, suchen die Chefs der BayernLB darunter Schutz. »Das hat
mich richtig traurig gemacht«, sagt der Ex-Vorstand Brandt.

Es widerspricht zutiefst dem Selbstbild der Bayern, dass ausgerechnet ihre Landesbank den ersten
Offenbarungseid leistet. Nicht etwa die WestLB in Düsseldorf oder die NordLB in Hannover, wo die
Sozialdemokraten lange den Ton angaben. Keine Bank ist so tief gefallen wie die BayernLB, die zur
Hälfte dem Freistaat gehört und zur Hälfte den bayerischen Sparkassen. Noch vor wenigen Jahren war das
staatliche Institut »die Bank mit den geringsten Schulden, den saubersten Büchern und den größten
Reserven«, beklagt Ex-Vorstand Brandt. Der geballte Sachverstand der bayerischen Innen-, Finanz- und
Wirtschaftsminister, die das Institut als Teil des Verwaltungsrats lenkten, konnte den Niedergang nicht
verhindern. Nun benötigt die Bank bis zu zehn Milliarden Euro Kapital, um zu überleben.

Der Staat sei der bessere Banker, heißt es in diesen Tagen häufig. Die Grundidee der BayernLB hat auch
ihren Charme: Laut Gesetz handelt sie »nach kaufmännischen Grundsätzen« und trägt gleichzeitig
Verantwortung für das Gemeinwohl. Sie fühlt sich nicht irgendwelchen Großaktionären im Orient oder
Geldmarktfonds in Amerika verpflichtet, sondern fördert mit ihren Gewinnen den sozialen Wohnungsbau
in der strukturschwachen Oberpfalz oder ermöglicht dem Münchner Lenbachhaus, ein Kandinsky-
Gemälde zu erwerben. Und doch spielte das Gemeinwohl im Alltag der Bank nur eine unter-geordnete
Rolle, zuletzt handelte die Staatsbank wie ein normales privates Geldhaus. Politiker und
Sparkassenfunktionäre im Verwaltungsrat waren weder willens noch fähig, den Kurs zu korrigieren. Wenn
sie sich einmischten, dann oft nur zu Lasten der BayernLB.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ein führender CSU-Politiker erzählt heute, ihm sei dieser Nebenjob
mit seinem neuen Amt einfach so zugefallen.)

Die Politik Rückblick ins Jahr 2001: Die BayernLB ist mit einer Bilanzsumme von 325 Milliarden Euro
die siebtgrößte Bank in Deutschland. Fünfzig Leute gehören dem Verwaltungsrat an, darunter acht
Minister. Das CSU-Kabinett könnte ebenso in der Landesbank tagen. Als Kontrollorgan versagen das
aufgeblähte Gremium und dessen Kreditausschuss allerdings, was besonders im Fall Leo Kirch deutlich
wird: Während andere Banken auf Distanz zum Münchner Medienunternehmer gehen, gibt die
Landesbank dem CSU-Freund eine Reihe von Großkrediten. Als sein Film- und Fernseh-Imperium im
April 2002 zerbricht, stehen in den Büchern der BayernLB Kirch-Kredite von mehr als zwei Milliarden
Euro.

Fünf Monate später wird der Verwaltungsrat auf zehn Mitglieder verkleinert. Doch wieder schreibt die
CSU-Mehrheit im Landtag gesetzlich fest, dass vor allem Politiker die Bank überwachen und steuern
sollen. Ein führender CSU-Politiker erzählt heute, ihm sei dieser Nebenjob mit seinem neuen Amt einfach
so zugefallen. Zunächst entgegnete er seinem Referenten: »Das mache ich nicht, ich habe doch keine
Banklehre.« Zwei Stunden später kam der Referent in sein Zimmer: »Sie müssen das machen, das steht im
Gesetz.«

Wie ernst manche Politiker ihre Aufgabe nehmen, erlebt der Bankvorstand in den monatlichen Sitzungen
mit den Kontrolleuren. Von einem CSU-Minister wird berichtet, er sei oft zu spät erschienen und habe
dann ausführlich Zeitung gelesen. Ein Parteikollege, so erzählen Teilnehmer der Runde, sei schon mal
weggedöst.

»Wir haben vielleicht den Fehler gemacht, keine Experten mit dieser Aufgabe zu betreuen«, sagt ein
Ex-Verwaltungsrat heute. Der damalige Regierungschef Edmund Stoiber, Finanzminister Kurt Faltlhauser
und Wirtschaftsminister Otto Wiesheu hatten das tatsächlich erwogen. Doch die kleine Konferenz
beschloss: »Wenn etwas schiefgeht in der Bank, heißt es so oder so, dass die Politik schuld ist. Also
wollen wir wenigstens was zu sagen haben.«

Selbstbewusst tragen die Politiker auch Sonderwünsche an den Landesbank-Vorstand heran, meist nur
mündlich, immer »mit der Bitte um wohlwollende Prüfung«, wie sich ein früherer Vorstand erinnert. Die
BayernLB muss einspringen, als die Staatsregierung keinen anderen Bauherrn für das geplante Luxushotel
auf dem geschichtsträchtigen Obersalzberg bei Berchtesgaden findet. Schon vor der Fertigstellung wird
klar, dass ein Luxushotel mit 140 Zimmern auf tausend Meter Höhe, in einer eher abgelegenen Region,
nur schwer auszulasten ist. Also soll die Landesbank das ganze Jahr über ein Kontingent von zwanzig
Prozent der Zimmer anmieten.

Man könne dort ja Seminare abhalten, schlagen die Politiker vor. Das Problem aus Sicht der Banker: Ein
Fünf-Sterne-Hotel, zwei Stunden von der Bankzentrale in München entfernt, ist nicht gerade der ideale
Ort für Seminare. Deshalb beschließt der Vorstand, eine Ausgleichszahlung zu leisten. Die BayernLB
bestreitet heute, dass es zu der Zahlung kam. In jedem Fall hat die Bank das Projekt Obersalzberg mehr als
fünfzig Millionen Euro gekostet.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Im Großen wie im Kleinen profitieren die bayerischen Politiker von
ihrer Landesbank.)

Im Jahr 2004 zeigt die Staatsbank ungewöhnlich viel Geduld mit einem Schuldner: Es handelt sich um den
Münchner Ableger der Staatspartei CSU. Der Kredit wird nicht gekündigt, obwohl die Partei der
BayernLB eilig angeforderte Unterlagen monatelang nicht vorlegt. 2006 verkündet DaimlerChrysler,
Aktien des Rüstungsherstellers EADS zu verkaufen. Weil die Politik verhindern will, dass die Anteile in
den Händen ausländischer Investoren landen, wird unter anderem die BayernLB verpflichtet, Aktien im
dreistelligen Millionenbereich zu erwerben. Als der Vorstand protestiert, greifen die Politiker in die
Trickkiste, berichtet ein langjähriger Bankmanager: Zur BayernLB gehört die Landesbodenkreditanstalt
(Labo), ein öffentliches Förderorgan des sozialen Wohnungsbaus. Dessen Geschicke steuert die
Staatsregierung direkt. Also sei die Labo beauftragt worden, die Aktien zu kaufen. Der düpierte
Landesbank-Vorstand habe nur noch die Rechnung begleichen können.

Auch die Geschäftsleitung der Labo bestellen die Politiker. Im Jahr 2004 zum Beispiel schlägt der
damalige Finanzminister Kurt Faltlhauser den Ministerialrat Heinrich Rinderle vor, der »in persönlicher
und fachlicher Hinsicht bestens geeignet« sei. Der Vorstand der BayernLB kann den Vorschlag des
»schönen Professors«, wie Faltlhauser in der Landesbank genannt wird, nur abnicken. Daneben werden
im Lauf der Zeit mindestens noch zehn Staatsdiener in die Labo versetzt und kommen in den Genuss eines
kräftigen Gehaltsaufschlags, finanziert von der BayernLB. Ex-Finanzminister Erwin Huber räumt ein, es
sei lange üblich gewesen, verdiente Spitzenbeamte in der Labo unterzubringen.

Im Großen wie im Kleinen profitieren die bayerischen Politiker von ihrer Landesbank: Die ehemaligen
CSU-Minister auf Bundes- und Landesebene kommen einmal im Jahr zusammen, Ȋhnlich wie bei einem
Klassentreffen«, erzählt Ex-Finanzminster Georg von Waldenfels, der Organisator der Runde. Treffpunkt
ist das Casino der Landesbank, die natürlich alle Bewirtungskosten übernimmt. Als der Freistaat Bayern
seine Repräsentanz in Brüssel eröffnet, trägt die BayernLB die Reisekosten für das Bayerische
Rundfunkorchester: Der damals amtierende Ministerpräsident Stoiber soll gegenüber einem Landesbank-
Vorstand den Wunsch geäußert haben, dass er zur Einweihungsfeier gern Musik hätte.

Wie kam es zu dieser Selbstbedienungsmentalität? Die Bank sei lange Zeit als »Teil des Staatsapparats«
verstanden worden, sagt Erwin Huber heute. »Aber das hat sich inzwischen verändert.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Unter den Besuchern der VIP-Loge in der Münchner AllianzArena
etwa, ursprünglich zur Anwerbung und Bindung von Geschäftskunden für die BayernLB gedacht, finden
sich regelmäßig Sparkassenfunktionäre, die FC Bayern oder 1860 München einmal live erleben wollen.)

Die Sparkassen Laut Gesetz erfüllt die BayernLB für die Sparkassen die Funktion einer Zentralbank. Aus
Sicht des Vorstands der BayernLB heißt das: Die Landesbank entwickelt zum Beispiel ein neues
Finanzprodukt, die Sparkassen vertreiben es an ihre Kunden. Das Problem: Genau für diesen Zweck
haben die Sparkassen bereits ihren Sparkassenverband. Laut Gesetz zählt die Strukturförderung in Bayern
zu den ureigensten Aufgaben der Landesbank. Das schließt natürlich auch die Förderung der bayerischen
Wirtschaft ein, insbesondere des Mittelstands. Das Problem: Die Sparkassen verstehen sich »als
Finanzpartner Nummer eins für den Mittelstand«.

Kurz gesagt: Es gibt eine Reihe von natürlichen Konflikten zwischen den beiden Instituten. Das hat in der
Praxis dazu geführt, dass die Sparkassen kaum mit ihrer Landesbank kooperierten. Selbst wenn die
Sparkassen fremde Ressourcen benötigten, etwa bei Auslandsgeschäften oder Großkrediten, fühlten sie
sich nicht an die BayernLB gebunden, sondern arbeiteten auch mit der NordLB zusammen oder anderen
Landesbanken jenseits des Freistaats, berichtet ein langjähriger Manager der BayernLB. Verstehen konnte
er die Praxis nicht: »Die Sparkassen schädigen sich damit doch selbst.« Schließlich sind die Sparkassen an
der BayernLB seit ihrer Gründung 1972 zu fünfzig Prozent beteiligt.

Doch die Angst vor dem Konkurrenten hat auch Grenzen: Unter den Besuchern der VIP-Loge in der
Münchner AllianzArena etwa, ursprünglich zur Anwerbung und Bindung von Geschäftskunden für die
BayernLB gedacht, finden sich regelmäßig Sparkassenfunktionäre, die FC Bayern oder 1860 München
einmal live erleben wollen. Auch Exkursionen zu den Auslandsniederlassungen der Landesbank in
Österreich, Ungarn, New York oder Schanghai sind beliebt. Ein Bayern-LB-Manager klagt, das Institut sei
wiederholt von den Sparkassen »als Reisebüro missbraucht« worden.

Am 7.12.2006 erinnert etwa Sparkassenpräsident Siegfried Naser den damaligen Vorstandschef Werner
Schmidt an eine Reise nach Budapest, wo Naser und drei Sparkassenkollegen die Tochterbank besuchen
wollen. Schmidt möge dafür sorgen, dass die BayernLB Flüge und Hotel bucht. Als Rahmenprogramm
regt Naser eine Stadtrundfahrt und ein Abendessen an. Der Sparkassenverband betont, dass es sich bei
Nasers Reisen jeweils um »Arbeitstermine« handelte.

Naser hat zweifellos ein großes Interesse daran, dass es der Bank gut geht, insbesondere den Vorständen.
Sein Gehalt als Sparkassenpräsident – im Jahr 2007 waren es 579000 Euro – richtet sich exakt nach dem
Gehalt des stellvertretenden Vorstandschefs der Landesbank. Diese Regelung besteht seit drei
Jahrzehnten. Die Folge: Der Sparkassenpräsident, der per Gesetz dem Verwaltungsrat der BayernLB
angehört und somit über die Entlohnung des Landesbank-Vorstands mitentscheidet, stimmt letztlich über
sein eigenes Gehalt ab.

In diesem Jahrzehnt wurde zweimal das Gehalt des BayernLB-Vorstands erhöht – beide Male stimmte
Naser zu. Ein Ex-Minister, der dem Verwaltungsrat mehrere Jahre angehörte, sagt, er habe noch nie von
dieser Regelung gehört. Nasers Verhalten sei »unmöglich«. Der Sparkassenverband beschwichtigt, über
Gehaltserhöhungen beim Landesbank-Vorstand habe der zehnköpfige Verwaltungsrat entschieden. »Auf
die Stimme Dr. Nasers kam es dabei nicht an.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Nach zehn Minuten schlägt der damalige Verwaltungsratschef
Faltlhauser mit der flachen Hand auf den Tisch und beschwert sich lautstark über das »unverständliche
Gequatsche«.)

Die Krise Zwischen 2002 und 2004 warnt der damalige Vorstandschef Werner Schmidt den
Verwaltungsrat wiederholt, die Bank habe bis zu sechs Milliarden Euro an Wert verloren. Die Kirch-Pleite
hat Substanz aufgezehrt, ebenso weitere Großkredite an Unternehmen, die sich zu dieser Zeit in
Schwierigkeiten befinden: TUI, Karstadt, VW, Walter Bau, der amerikanische Energiekonzern Enron.

Aber Schmidt gilt als exzellenter Buchhalter, er weiß, wie man eine Bilanz gestaltet, dass am Ende ein
Plus herauskommt. So bilanziert er Gewinne, die das Institut erst später erzielen soll, nach vorne. Zudem
trennt sich die Bank von lukrativen Beteiligungen, etwa an dem Energieversorger Thüga oder dem
Softwarehersteller SD&M, um Gewinne ausweisen zu können. »Die Bank«, fasst ein hochrangiger
Manager zusammen, »hat sich damals praktisch bis auf die letzte Socke ausgezogen.« Fünf Jahre später,
als die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Konkurs anmeldet und eine Kettenreaktion
anstößt, an deren Ende die Verstaatlichung großer Teile des weltweiten Bankensystems steht, wird die
Bayerische Landesbank diese Reserven schmerzlich vermissen.

Doch zunächst schwimmt die Staatsbank im Geld – allerdings nur in geliehenem: Die EU-Kommission hat
2002 entschieden, dass die Staatshaftung für die Landesbanken im Jahr 2005 wegfallen soll. Für die
Bayern-LB bedeutet das, dass sie dann mehr Zinsen zahlen muss, wenn sie bei anderen Instituten Geld
leiht. Also beschließt die Bank, sich mit billigem Kapital einzudecken, solange der Freistaat noch bürgt.

Der BayernLB fehlen jedoch die nötigen Kreditkunden, um das Geld zu investieren. Deshalb legt sie es
am Kapitalmarkt an, wo sogenannte verbriefte Papiere in Mode gekommen sind: Wertpapiere, die auch an
der Börse gehandelt werden und darauf beruhen, dass Banken Forderungen aus verschiedenen Krediten
zu einer einzigen Forderung gebündelt haben. Die Papiere versprechen gute Renditen, jedenfalls solange
die Schuldner solvent genug sind, um ihre Raten zu bezahlen.

Der Verwaltungsrat interessiert sich bis 2007 allenfalls am Rande für das Geschäft, das seit Jahren im
Glossar der Landesbank-Bilanz erläutert wird. Erst als mit der IKB die erste deutsche Bank wegen der
US-Immobilienkrise ins Trudeln gerät, fragen die Kontrolleure nach. In der Sitzung vom 24. Juli 2007
kommt es zum Eklat: Einer der Vorstände beginnt seine Rede, spricht von »Exposure«,
»Spreadausweitungen«, »Shortpositionen«, »Ersatzdebitoren« und »Discount Windows«. Nach zehn
Minuten schlägt der damalige Verwaltungsratschef Faltlhauser mit der flachen Hand auf den Tisch und
beschwert sich lautstark über das »unverständliche Gequatsche«.

Fünf Wochen später muss der Vorstand erneut antreten. Diesmal erklärt er offen: US-Banken haben
massenweise Hypothekenkredite an einkommensschwache Haushalte vergeben. Viele davon sind nicht
mehr in der Lage, ihre Kredite abzuzahlen. Damit hat die BayernLB, die verbriefte Papiere im Wert von
24 Milliarden Euro besitzt, ein Problem. Der Vorstand gibt sogar zu, dass er plante, das Geschäft mit
diesen Papieren auf 58 Milliarden Euro auszuweiten. Darüber wurde der Verwaltungsrat nicht informiert;
das übergangene Aufsichtsgremium, das sich sonst so gern in die Abläufe der Bank einmischt, zieht aber
keine Konsequenzen.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Lange kann der Vorstand den Triumph nicht auskosten. Ende
November muss er einräumen: Das Milliardenloch der Bank ist weiter gewachsen, nun fehlen mehr als
zehn Milliarden Euro.)

Die Finanzkrise spitzt sich zu, der Verwaltungsrat taumelt weiter: Am 12. Februar kommt es zum
legendären Auftritt von Erwin Huber, der im Landtag erklärt, die BayernLB könne ihre Risiken derzeit
nicht beziffern, es gebe keine »harten Zahlen«. Zeitgleich arbeitet der Bankvorstand an einer
Presseerklärung, in der die Risiken mit 1,9 Milliarden Euro beziffert werden. Huber, damals auch
Verwaltungsratschef der BayernLB, erfährt davon bei seiner Rückkehr im Finanzministerium und ist bis
auf die Knochen blamiert.

Das Kommunikationsdebakel wird Vorstandschef Werner Schmidt angelastet. Wenige Tage später räumt
er seinen Posten, Nachfolger wird Finanzvorstand Michael Kemmer. Er gilt als unbelastet. Das ändert sich
wenige Monate später. Am 19. Oktober soll Kemmer die Spitzen von CSU und FDP, die gerade
Koalitionsverhandlungen führen, über die Lage der BayernLB informieren. Der Bankchef spricht von 3,6
Milliarden Euro Kapitalbedarf. Drei Tage später spricht er von 6,4 Milliarden Euro.

Daraufhin beschließt der designierte Ministerpräsident Horst Seehofer, den gesamten Vorstand abzulösen.
Die Aufgabe fällt Erwin Huber zu. Doch ohne Vorstand müsste die Bank schließen. Nach Krisensitzungen
in der BayernLB und in der CSU-Zentrale darf der von den Sparkassen gestützte Kemmer bleiben. Nun ist
Seehofer blamiert. Lange kann der Vorstand den Triumph nicht auskosten. Ende November muss er
einräumen: Das Milliardenloch der Bank ist weiter gewachsen, nun fehlen mehr als zehn Milliarden Euro.
Das Geld und Garantien in Höhe von zwanzig Milliarden Euro wird nun der Staat aufbringen, während
sich die Sparkassen zurückziehen, um nicht selbst in den Abwärtsstrudel zu geraten.Die zukunft

Die Zukunft Die meisten verbrieften Papiere im Portfolio der BayernLB besitzen eine Laufzeit bis zum
Jahr 2015. Ein Bankvorstand hält es für möglich, dass sie bis dahin wieder massiv an Wert gewinnen. »Die
entsprechenden Immobilien existieren ja wirklich. Warum sollen nicht auch die Kredite abbezahlt werden?
Die Amerikaner können es sich doch nicht leisten, jeden zweiten Häuslebauer pleitegehen zu lassen.«

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/27295