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de Gruyter Lexikon Deutsche Morphologie

Deutsche Morphologie

Herausgegeben von

Elke Hentschel und Petra M. Vogel

Walter de Gruyter · Berlin · New York

Gedruckt auf säurefreiem Papier das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

ISBN 978-3-11-018562-1

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Printed in Germany

Satz: Dörlemann-Satz GmbH & Co. KG, Lemförde Einbandgestaltung: Christopher Schneider, Laufen

5

Zu diesem Buch

Das vorliegende Lexikon Deutsche Morphologie versucht in zweierlei Hinsicht neue Wege zu gehen: zum einen im Hinblick auf seinen Aufbau, der eine Synthese zwischen einem Handbuch und einem Lexikon darstellt, zum an- deren im Hinblick auf die inhaltlichen Schwerpunkte, die es setzt. Das Besondere am Aufbau dieses Buches besteht darin, dass die Artikel – die im Grunde wie klassische Handbuch-Artikel konzipiert sind und jeweils einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung, neue Erkenntnisse sowie noch bestehende Fragen geben – anders als bei einem Handbuch nicht nach Sachgruppen, sondern alphabetisch angeordnet sind. Zwischen ihnen eingestreut sind jedoch zusätzliche Kurzeinträge, wie man sie von einem Le- xikon erwarten würde. Ziel dieser Vorgehensweise ist es, optimale Benutzer- freundlichkeit zu erreichen: Üblicherweise muss man bei einem Handbuch, wenn man auf der Suche nach Informationen zu einem bestimmten Thema ist, zunächst im Index nachsehen und dann die dort jeweils angegebenen Sei- ten aufsuchen. Im vorliegenden Buch jedoch kann man sofort, einfach im direkten Zugriff auf den gesuchten Begriff, nach Informationen suchen und wird in den meisten Fällen auch fündig werden. 99 Stichwörter, zu denen man in einem Nachschlagewerk zum Handbuch der deutschen Morphologie wenn nicht einen ganzen Artikel, so doch zumindest eine Erklärung erwar- ten würde, sind in alphabetischer Ordnung fortlaufend eingefügt und finden sich daher sofort. Jeder Eintrag liefert dabei eine knappe erste Erklärung und verweist dann auf einen, mitunter auch mehr größere Artikel, die umfas- sende Informationen zum gesuchten Phänomen oder seiner Umgebung bie- ten. Auf diese Weise wird das vorliegende Buch zu einer innovativen Mi- schung aus einem Lexikon und einem Handbuch im klassischen Sinne und kann verschiedenen Bedürfnissen gleichzeitig gerecht werden. Was die inhaltliche Seite angeht, so legt das Lexikon Deutsche Morphologie in sehr viel stärkerem Maße, als dies sonst in der germanistischen Linguistik üblich ist, Wert auf die Einbeziehung typologischer und sprachvergleichen- der Forschungsergebnisse. Die beschriebenen grammatischen Phänomene des Deutschen werden stets zugleich auch in einen größeren Zusammenhang gestellt, der sowohl eine bessere Einordnung als auch ein besseres Verständnis der einzelnen Erscheinungen ermöglicht. Der herzliche Dank der Herausge- berinnen gilt allen Autorinnen und Autoren dieses Handbuchs, mit denen wir sehr gerne zusammengearbeitet haben, sowie natürlich auch allen ande- ren, die zum Gelingen dieses Buches beigetragen haben.

Inhaltsübersicht

A

7

Q

373

B

55

R

375

C

57

S

389

D

59

T

425

E

93

U

443

F

95

V

445

G

113

W

465

H

169

Z

479

I

171

K

191

L

225

M

227

N

249

O

271

P

273

7

Absentiv

A

u Ablativ (von lat. aufere ‚wegtragen‘; engl.: ablative) Ein Kasus, der zur Angabe der räumlichen Herkunft dient – also auf die Frage

„woher?“ antwortet – wird sprachübergreifend als Ablativ bezeichnet. Ein sol- cher Kasus war Bestandteil des indoeuropäischen Kasussystems, findet sich aber auch in anderen Sprachen, so beispielsweise im modernen Türkischen:

.

I stanbul’dan ‚aus/von Istanbul‘. Der lateinische Ablativ hatte demgegenüber

bereits die Funktionen weitere Kasus, nämlich des Lokativ und des Instrumen- tal, mit übernommen und stellt insofern keinen typischen Ablativ mehr dar.

Kasus

u Ablaut

Als Ablaut bezeichnet man einen historisch bedingten Wechsel des Stamm-

vokals, der insbesondere bei der Präteritum- und Perfektstammbildung star- ker Verben auftritt (z.B. singen – sang – gesungen).

Präteritum

u Absentiv

1

In seinem Artikel „The absentive“ von 2000 beschreibt de Groot Fügungen des Typs Anna war/ist essen, die er als eigenständige grammatische Kategorie betrachtet und mit dem Begriff Absentiv versieht. Der Absentiv zeichnet sich durch die folgenden Eigenschaften aus:

Morphosyntax

a) Es liegt das Verb ‚sein‘ sowie zusätzlich ein Handlungsverb vor, wobei das

Einleitung

Subjekt mit ‚sein‘ kongruiert.

b) Es dürfen keine Elemente wie weg, (weg)gegangen und Ähnliches vorkom- men, die auf lexikalischer Ebene Abwesenheit signalisieren.

Semantik

a) Die im Subjekt kodierte Person X hat sich von dem Ausgangsort, der als

deiktisches Zentrum (DZ) angesehen wird, entfernt und ist abwesend, das heißt auch nicht in Sichtweite.

b) Grund der Abwesenheit von X ist die im Handlungsverb kodierte Tätig- keit, die an einem anderen Ort stattfindet.

Absentiv

8

c) Grundsätzlich wird angenommen, dass X nach einer der Tätigkeit ange- messenen zeitlichen Abwesenheit wieder zurückkehrt.

d) Die Tätigkeit wird von X regelmäßig durchgeführt (z.B. als Hobby).

Graphisch lässt sich das folgendermaßen darstellen:

Graphisch lässt sich das folgendermaßen darstellen: Der Rahmen soll andeuten, dass der Komplex von Weg und
Graphisch lässt sich das folgendermaßen darstellen: Der Rahmen soll andeuten, dass der Komplex von Weg und

Der Rahmen soll andeuten, dass der Komplex von Weg und Handlungs- ziel nicht „aufgebrochen“ werden kann, das heißt, es handelt sich bei den eingerahmten Elementen um konstituierende Bestandteile des Absentivkon- zepts. Die Konstruktion gehört vor allem der gesprochenen Sprache an, wo- durch sich ihre seltene Erwähnung in Grammatiken des Deutschen erklärt. Der einzige Hinweis dazu findet sich in der Duden-Grammatik von 2005 (ebd.: 434), wo auf die Abhandlung von Krause (2002) zum Progressiv im Deutschen Bezug genommen wird.

2

Der Absentiv in den europäischen Sprachen

2.1

Verbreitung und Struktur

Zusätzlich zu den bei de Groot und Ebert genannten europäischen Absentiv- sprachen werden bei Vogel (2007) alle europäischen Amtssprachen im Hin- blick auf Konstruktionen untersucht, die sämtliche in Abschnitt 1 genann- ten morphosyntaktischen und semantischen Kriterien erfüllen. Dabei stellte sich heraus, dass 26 der 36 Amtssprachen als Absentivsprachen gelten kön- nen, wobei allerdings in Sprachen mit einem Teil- und solche mit einem Vollabsentiv unterschieden werden muss. Bei der Vollkategorie kann ‚sein‘ auch im Präsens auftreten, in Sprachen mit einer Teilkategorie dagegen nur in einem oder mehreren Vergangenheitstempora. Es ist denkbar, dass das für die Kategorie konstitutive Merkmal der Rückkehr zum Ausgangsort hier eine Rolle spielt. Dadurch passt ein Vergangenheitstempus insofern semantisch besser zum Absentiv, als dieses nicht nur das Weggehen, sondern auch schon die Rückkehr der jeweiligen Person impliziert, während die Rückkehr bei Verwendung des Präsens in der Zukunft liegt und daher nur vermutet oder erhofft werden kann. Infolgedessen ist ein Absentiv in einem Nicht-Vergan-

9

Absentiv

genheitstempus ein „schlechterer“ Absentiv. Unter den 26 Absentivsprachen weisen 19 den Absentiv als Voll- und 8 als Teilkategorie auf. Einen Spezialfall stellt Englisch dar, das aufgrund von mindestens zwei verschiedenen Absen- tiven in beiden Gruppen vertreten ist. 1 Die Überblickskarte und Tabelle auf der nächsten Seite zeigen, um welche Sprachen es sich dabei jeweils handelt (zu Details vgl. Vogel 2007). Die Zahlen hinter den Sprachen beziehen sich auf die drei Absentiv- Strukturtypen: 1. ‚sein‘ + reiner Infinitiv, 2. ‚sein‘ + markierter Infinitiv sowie 3. Infinitiversatzkonstruktion mit ‚sein‘. Mit dem reinen Infinitiv steht etwa der Absentiv im Deutschen, Nieder- ländischen und Ungarischen (vgl. auch de Groot 2000: 696).

(1)

Jan ist boxen.

Deutsch

(2)

Jan is boksen. Jan ist boxen:INF

Niederländisch

(3)

János boxolni van. János boxen:INF ist

Ungarisch

Durch ein zusätzliches Element wird der Infinitiv beispielsweise im Finni- schen und Italienischen markiert (vgl. auch de Groot 2000: 696).

(4) Jussi on nykkeile-mä-ssä. Finnisch ist boxen-INF-INESS

(5)

Gianni è a boxare. ist zu boxen:INF

Italienisch

In einer dritten Gruppe schließlich liegen mit dem zu ‚sein‘ gehörigen Sub- jekt referenzidentische finite Handlungsverbkonstruktionen vor, die auch als Infinitiversatzstrategien 2 bezeichnet werden, weshalb ich allgemein von Infinitiversatz(konstruktionen) spreche. Parallel zur „Pseudokoordination“ im Schwedischen und Norwegischen (zum Schwedischen vgl. Teleman/Hell- berg/Andersson 1999: 905) kann man diesen Terminus auch auf die Verhält- nisse beispielsweise im Bulgarischen anwenden. Das heißt, auf die mit dem Subjekt kongruierende Form von ‚sein‘ folgt eine Konjunktion (im Maltesi- schen auch asyndetisch ohne Konjunktion) sowie die ebenfalls mit dem Sub-

1 Dabei handelt es sich zum einen um die zwei Teilabsentive Anna has been to buy some bread. und Anna has been and bought some bread. Unter Umständen kommt noch eine weitere Va- riante des Vollabsentivs hinzu, die mit dem Progressiv identisch ist: Anna is swimming./Anna was swimming. (vgl. dazu im Detail Vogel 2007).

Absentiv

10

345
345

Vollkategorie Absentiv

Teilkategorie Absentiv

Kein Absentiv

(schwarz) Bulgarisch (3) Deutsch (1) Englisch (1) Estnisch (2) Finnisch (2) Irisch (2) Italienisch (2) Katalanisch 4 (2) Maltesisch (3) Mazedonisch (3) Niederländisch (1) Norwegisch (3) Rätoromanisch (1) Rumänisch/Moldawisch 5 (3) Schwedisch (3) Serbisch (3) Slowakisch (1) Tschechisch (1) Ungarisch (1)

(gestreift) Bosnisch 3 (3) Englisch (2) Französisch (1) Kroatisch 3 (3) Lettisch (1) Litauisch (1) Polnisch (1) Slowenisch 3 (3)

(weiß) Albanisch Dänisch Griechisch Isländisch Portugiesisch Russisch Spanisch Türkisch Ukrainisch Weißrussisch (Belarussisch)

3 Im Bosnischen, Kroatischen und Slowenischen scheint die Konstruktion sehr stark dem Substandard anzugehören, da sie von einem Teil der SprecherInnen akzeptiert, von anderen jedoch abgelehnt wurde. Deshalb sind diese Gebiete bzw. Sprachen auf der Karte mit einem Fragezeichen markiert.

4 Katalanisch ist Amtssprache in Andorra.

11

Absentiv

jekt kongruierende Form des entsprechenden Handlungsverbs (zum Schwe- dischen vgl. auch de Groot 2000: 696, zum Bulgarischen Vogel 2007).

(6)

John är och boxar. ist und boxt:PRS

Schwedisch

(7)

Anna e da kupuva chljab. ist dass kauft:PRS Brot

Bulgarisch

2.2 Absentiverklärungen

Häufig wird angenommen, dass es sich beim Absentiv um die elliptische Va- riante einer „Langform“‚sein‘ + Partizip Perfekt von ‚gehen‘ handelt, bei der das Partizip Perfekt weggefallen ist. Das funktioniert für einige Sprachen gut, so etwa dt. er ist schwimmen (gegangen), ital. è (andato) a mangiare (vgl. Ber- tinetto/Ebert/de Groot 2000: 542). Die Annahme einer elliptischen Kons- truktion lässt sich aber beispielsweise für das Ungarische nicht halten, denn dort gibt und gab es nie ein mit kongruierendem ‚sein‘ gebildetes Vergangen- heitstempus (vgl. z.B. Kenesei/Vago/Fenyvesi 1998: 294–297). Prinzipiell ist eine polykausale Erklärung bzw. Entstehung durchaus denkbar. Es gibt aber noch eine weitere Lösung, auf die bereits Dokulil (1949) hinweist und die den Vorteil hat, für alle Absentive Gültigkeit bean- spruchen zu können. Eine Gemeinsamkeit aller 26 Absentivsprachen besteht nämlich darin, dass sich der jeweilige Infinitiv bzw. die Infinitiversatzkons- truktion statt mit absentivischem ‚sein‘ auch mit einem Bewegungsverb wie ‚weggehen‘ verbinden kann. Man vergleiche:

(8)

a.

Jan ist boxen.

Deutsch

b.

Jan geht boxen.

(9)

a.

Jussi on nykkeile-mä-ssä. ist boxen-INF-INESS

Finnisch

b.

Jussi käy nykkeilemässä. geht boxen-INF-INESS

(10) a.

John är och boxar. ist und boxt

Schwedisch

 

b.

John går och boxar. geht und boxt

Aufgrund der offenkundigen Parallele zwischen der Struktur der ‚weggehen‘- und der absentivischen ‚sein‘-Konstruktion kann angenommen werden, dass es sich beim Absentiv ‚sein‘ + Infinitiv(ersatz) auch um eine Ableitung von

Absentiv

12

der Konstruktion mit einem Bewegungsverb wie ‚weggehen‘ handeln kann, wobei ‚sein‘ strukturell gesehen an Stelle von ‚weggehen‘ „eingeschleust“ wird.

sein

(weg)gehen

Eine solche Ableitung oder Uminterpretation ist deshalb möglich, weil sein nicht nur als Zustand an sich, sondern auch als statisches Resultat einer Weg- bewegung wie gehen interpretiert werden kann: ‚irgendwohin (weg)gehen‘ > ‚irgendwo sein‘. Damit stellt das absentive ‚sein‘ die Reduktion oder zumin- dest Fokusverschiebung innerhalb eines komplexen inchoativen Vorgangs auf sein Resultat dar. Die Reduktionshypothese geht also ebenso wie die El- lipsenhypothese von einem Zusammenhang zwischen ‚(weg)gehen‘ und (ab- sentivischem) ‚sein‘ aus. Es wird jedoch nicht notwendigerweise eine kon- struktionelle, sondern nur eine konzeptionelle „Ellipse“ angenommen.

+

Infinitiv(ersatzkonstruktion)

3

Der Absentiv im Deutschen

3.1

Strukturelle Eigenschaften

Das in Krause (2002) verwendete deutsche Korpus (das mir der Autor freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat) weist 42 Absentivkonstruktio- nen auf, verteilt auf 26 Verben. 6 Schwerpunktmäßig ist die Fügung in der ge- sprochenen Sprache sowie im Chat vertreten (ebd. 88–91). Dem Wirkungs- feld des Absentivs gemäß handelt es sich um Verben, die zumindest in dem jeweiligen Kontext eine Abwesenheit vom Ausgangsort implizieren. Wie be- reits von de Groot (2000: 705–709) vorausgesagt, weisen diese Verben einen sehr hohen Grad an Agentivität auf. Besonders oft kommen dabei ess(e)n (8 Belege, unter Einschluss von M/mittagessen) und einkaufen vor (4 Belege, unter Einschluss von einkoofn). Konjunktive finden sich so gut wie überhaupt nicht. Im Indikativ ist nur Gegenwarts- und Vergangenheitsbezug möglich, wobei in Krauses (2002) Korpus nur Präteritum vorkommt und zwar etwa im Verhältnis 55 % (Präte-

6 Diese sind (die Originalschreibung ist jeweils beibehalten): arbeiten (2), baden (1), (Mails) beackern (1), (Freund) besuchen (1), duschen (1), einkaufen/einkoofn (4), (was/wat) ess(e)n (6), hottn (1), J/joggen (2), kacken (2), (Platten) kaufen (1), kegeln (1), laufen (1), (waesche) ma- chen (1), M/mittagessen (2), (beeren) pflücken (1), pissen (1), putzen (1), (hirsch) schießen (1), schwimmen (2), shoppen (1), spaziern (1), surfen (1), tanzen (2), Telefonieren (1), T/tennisspie- len (2), zelten (1).

13

Absentiv

ritum) zu 38 % (Präsens) (ebd.: 95). Damit weist das Deutsche, wie bereits in Abschnitt 2.1 festgestellt, eine Vollkategorie Absentiv auf. Hinsichtlich der Personenkategorie kommt der Absentiv im Korpus vor allem in der 1. und der 3. Person, kaum jedoch in der 2. Person vor. Das ist nicht überraschend, da der/die Angesprochene ja abwesend wäre und des- halb für die Kommunikation, speziell im Präsens, nicht zur Verfügung steht (ebd. 117). Was den Status von sein angeht, so spricht Krause (ebd. 86) im Hinblick auf den Absentiv von einer Kopula (vgl. Metzler Lexikon Sprache 2005: 7, wo von einer „Prädikativkonstruktion“ die Rede ist). Die Verknüpfung mit einem Infinitiv ist jedoch keine kopulatypische Eigenschaft, sondern eher eine von Vollverben wie gehen. Entweder wird sein hier ebenfalls als Vollverb eingeordnet oder es ist eine ganz eigene Kategorie zuzuweisen. Syntaktisch kann der Infinitiv als Ergänzung zum Vollverb sein bzw. gehen betrachtet werden (vgl. zu gehen Eisenberg 2006: 350 oder Engel 2004: 228). Engel (ebd.) spricht bzgl. gehen (z.B. Kartoffeln holen in Anna ging Kartoffeln holen) von einer Direktivergänzung. Eisenberg (2006: 350f.) trägt der Nähe zu einem finalen Adverbial Rechnung, indem er von einer „abstrakte[n] Rich- tungsbestimmung“ spricht. Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Kombination von sein parallel zu gehen mit Infinitiv als Verbalkomplex ein- zustufen (zu gehen vgl. z.B. Engel 2004: 258f.). In dem Fall kann sein als Hilfsverb gelten.

3.2

Absentiversatzkonstruktionen

Das Merkmal ‚Abwesenheit‘ kann auch durch verschiedene andere Konstruk- tionen ausgedrückt werden, die jedoch von dem Absentivkonzept als Ganzem abweichen. Da sie zwar im Hinblick auf Absentivität unterspezifiziert sind, diese aber situations- und kontextabhängig implizieren können, fungieren sie häufig als Absentiversatzkonstruktionen (vgl. Ebert 2000: 630f.). Im Prinzip weisen alle Sprachen Ersatzkonstruktionen mit dem Verb ‚(weg)gehen‘ oder auch einem Adverb wie dt. weg auf, das heißt mit einem le- xikalischen Element, das explizit Abwesenheit bzw. die Entfernung vom Aus- gangsort signalisiert. In der dänischen Konstruktion ‚sein‘ + Infinitiv ist ein solches Adverb sogar obligatorisch (ude ‚(dr)außen‘), weshalb Dänisch von de Groot als Nicht-Absentivsprache eingeordnet wird: Jens er ude at bokse (de Groot 2000: 717). Ebenfalls als Ersatzkonstruktionen können Fügungen vom Typ ‚sein‘ + (Verbal)Nomen fungieren, die verschiedene semantische Teilbereiche fokus- sieren. Man vergleiche etwa im Deutschen:

Absentiv

14

Anna ist schwimmen

Anna ist im Schwimmbad (bezieht sich auf den Ort und damit verknüpfte Tätigkeiten);

Anna ist beim Schwimmen (bezieht sich auf die Tä- tigkeit als solche + den damit typischerweise ver- knüpften Ort); 7

Anna ist zum Schwimmen (bezieht sich auf die Ent- fernung vom Ausgangsort mit dem Handlungsziel des Schwimmens).

3.3 Historisches

Rein progressives ‚sein‘ + Infinitiv ist schon im späten 11. Jahrhundert be- legt, tritt aber erst ab dem 15. Jahrhundert zahlreicher auf und stirbt nach dem 17. Jahrhundert bereits wieder aus (Limmer 1944: 17), wobei diese Lü- cke sukzessive durch die auch im heutigen Deutschen noch verbreitete pro- gressive Konstruktion am Xen sein gefüllt wird. Was einen möglichen Zusam- menhang zwischen rein progressivem ‚sein‘ + Infinitiv und absentivischem ‚sein‘ + Infinitiv angeht, so wird ein solcher allerdings von allen Autoren, die sich mit der Frage beschäftigen, verworfen und statt dessen angenom- men, dass absentivisches ‚sein‘ + Infinitiv durch Ellipse eines Partizip Perfekts ‚gegangen‘ entstanden sei. Diese Meinung vertreten etwa Wilmanns (1906:

176f.), Holmberg (1916: 33), Limmer (1944: 18, 95, 109f., 112), Dal (1966: 102) und Langl (2003: 80). Reimann (1999: 55) lehnt dagegen auch den Ellipsenansatz ab, ohne jedoch eine alternative Erklärung zu bieten. Als Alternative zur Ellipsentheorie wurde hier vorgeschlagen, von einer Ableitung der Konstruktion ‚sein‘ + Infinitiv aus der Fügung ‚(weg)gehen‘ + Infinitiv auszugehen. Prinzipiell lässt sich allerdings bei absentivischem ‚sein‘ + Infinitiv bis zum Aussterben von rein progressivem ‚sein‘ + Infinitiv nach dem 17. Jahrhundert nicht entscheiden, ob es sich um einen Progressiv mit absentivischem Nebenmerkmal oder um eine Ableitung von ‚(weg)gehen‘ + Infinitiv und damit um einen „echten“ Absentiv handelt.

Literatur

Bertinetto, Pier Marco/Ebert, Karen/de Groot, Casper (2000): „The Progressive in Europe“. In:

Dahl, Östen (Hrsg.): Tense and Aspect in the Languages of Europe. Berlin/New York, Mouton de Gruyter: 517–558. (= Empirical Approaches to Language Typology. Eurotyp 20.6).

7 Eine andere Progressivkonstruktion mit Verbalnomen, Anna ist am Schwimmen, kann dage- gen im Standarddeutschen nicht als Ersatzfügung für den Absentiv fungieren, da hier kein Nebenmerkmal Absentivität möglich ist. Zum Verhältnis von am-, beim- und Absentivfü- gungen vgl. Ebert (1996: 47).

15

Absentiv

Dal, Ingerid (1966): Kurze deutsche Syntax auf historischer Grundlage. 3., verbesserte Auflage. Tübingen: Niemeyer. (= Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. B. Ergän- zungsreihe 7). Dokulil, Miloˇs (1949): „Byl jsem se koupat, naˇsi byli vázat.“ Naˇse ˇreˇc 33: 81–92. Dudenredaktion (Hrsg.) (2005): Duden. Die Grammatik. 7., völlig neu erarbeitete und erwei- terte Auflage. Mannheim u.a.: Dudenverlag. (= Duden 4). Ebert, Karen (1996): „Progressive aspect in German and Dutch“. Interdisciplinary Journal of Germanic Linguistics and Semiotic Analysis 1: 41–62. Ebert, Karen (2000): „Progressive markers in Germanic languages“. In: Dahl, Östen (Hrsg.):

Tense and Aspect in the Languages of Europe. Berlin/New York, Mouton de Gruyter:

605–653. (= Empirical Approaches to Language Typology. Eurotyp 20.6). Eisenberg, Peter (2006): Grundriss der deutschen Grammatik. Band 2: Der Satz. 3., durchgese- hene Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler. Engel, Ulrich (2004): Deutsche Grammatik. Neubearbeitung. München: iudicium. Glück, Helmut (Hrsg.) (2005): Metzler Lexikon Sprache. 3., neubearbeitete Auflage. Stuttgart/ Weimar: Metzler. Groot, Casper de (2000): „The absentive.“ In: Dahl, Östen (Hrsg.): Tense and aspect in the lan- guages of Europe. Berlin/New York, Mouton de Gruyter: 693–719. (= Empirical approaches to language typology 20. Eurotyp 6). Holmberg, John (1916): Zur Geschichte der periphrastischen Verbindung des Verbum Substantivum mit dem Partizipium Praesentis im Kontinentalgermanischen. Uppsala: Almqvist & Wiksell. Kenesei, István/Vago, Robert M./Fenyvesi, Anna (1998): Hungarian. London/New York: Rout- ledge. (= Descriptive grammars). Krause, Olaf (2002): Progressiv im Deutschen: Eine empirische Untersuchung im Kontrast mit Nie- derländisch und Englisch. Tübingen: Niemeyer. (= Linguistische Arbeiten 462). Langl, Annette (2003): Synchrone und diachrone Untersuchung des Absentivs und Progressivs im Deutschen. München: Universität München. (Magisterarbeit). Limmer, Ilse (1944): sein + Infinitiv in der Entwicklung vom Mittelhochdeutschen zum Neuhoch- deutschen. München: Universität München (Diss.). Mayerthaler, Willi/Fliedl, Günther/Winkler, Christian (1995): Infinitivprominenz in europäi- schen Sprachen. Teil II: Der Alpen-Adria-Raum als Schnittstelle von Germanisch, Romanisch und Slawisch. Tübingen: Narr. (= Tübinger Beiträge zur Linguistik 397). Reimann, Ariane (1999): Die Verlaufsform im Deutschen: Entwickelt das Deutsche eine Aspektkor- relation?. Bamberg: Universität Bamberg. (Diss., Mikrofiche-Veröffentlichung). Teleman, Ulf/Hellberg, Steffan/Andersson, Erik (1999): Svenska Akademiens grammatik. 4. Sat- ser och meningar. Stockholm: Norstedts Ordbok. Vogel, Petra M. (2007): „ Anna ist essen! Neue Überlegungen zum Absentiv“. In: Ljudmila Geist/ Björn Rothstein (Hrsg.): Kopulaverben und Kopulasätze: Intersprachliche und Intrasprachliche Aspekte. Tübingen, Niemeyer: 253–284. (= Linguistische Arbeiten 512). Wilmanns, Wilhelm (1906): Deutsche Grammatik, Gotisch, Alt-, Mittel- und Neuhochdeutsch. Dritte Abteilung: Flexion. 1. Hälfte: Verbum. Straßburg: Trübner.

Abkürzungen

INESS

Inessiv

INF

Infinitiv

PRS

Präsens

Petra M. Vogel

absoluter Kasus: absoluter Akkusativ, absoluter Genitiv

16

u

absoluter Kasus: absoluter Akkusativ, absoluter Genitiv

Als „absolut“, häufig auch als „frei“, werden Kasus bezeichnet, die nicht von einem anderen Element im Satz – wie etwa einem Verb, einem Adjektiv oder einer Präposition – abhängig sind. Das entsprechende Syntagma, das im ab- soluten Kasus steht, hat dabei die Funktion einer Adverbialbestimmung. Im Deutschen kommen dafür Konstruktionen im Akkusativ und Genitiv in Frage; in anderen Sprachen können auch andere Kasus in dieser Funktion

auftreten, so etwa der Ablativ im Lateinischen (sog. Ablativus absolutus). Ab- solute Genitive des Deutschen wären etwa eiligen Schrittes, eines Tages, des Weges; als absolute Akkusative kommen Syntagmen wie den Kopf im Nacken, den Blick gesenkt oder den lieben langen Tag in Frage. In den Grammatiken des Deutschen werden beim Akkusativ meist nur die beiden erstgenannten, modalen Syntagmen als absolute Akkusative angesehen, während temporale und auch lokale (den ganzen Weg nach Hause) als „adverbiale Akkusative“ (Duden 2005: 824) oder „Satzadverbiale“ (Zifonun u.a. 1997: 1294) davon getrennt werden. Begründet wird dies damit, dass die modalen stets ein At- tribut brauchen, entweder in Form einer Präpositionalphrase (im Nacken) oder eines Partizips (gesenkt). In den anderen Fällen ist auch attributfreier Gebrauch möglich. Ein funktionaler Unterschied zwischen diesen Typen be- steht jedoch nicht.

Genitiv, Kasus

u

absolutes Tempus (engl.: absolute tense) Tempus, das ein Ereignis im Verhältnis zum Zeitpunkt des Sprechens posi- tioniert, indem es anzeigt, dass der Ereigniszeitpunkt vor, nach oder gleich- zeitig mit dem Sprechzeitpunkt liegt. Entsprechend werden solche Tempora

auch als absolute past (vorzeitig), absolute future (nachzeitig) oder absolute pre- sent (gleichzeitig) bezeichnet.

Tempus

u

Absolutiv (engl.: absolutive)

Im Deutschen nicht vorhandener Kasus, der zur Markierung des Subjekts in- transitiver Verben wie in Der Elefant trompetet sowie des Handlungsziels (Pa- tiens) bei transitiven Verben wie in Der Elefant frisst den Apfel dient.

Kasus

u

Adhortativ (von lat. ‚ermahnend‘; auch: Hortativ) Ein Modus, der zur Erteilung einer Aufforderung an die 1. Person Plural, also an das Kollektiv unter Einschluss der sprechenden Person, dient, wird als

17

Adjektiv

Adhortativ bezeichnet. Dieselbe Bezeichnung wird auch für einen Modus verwendet, der primär andere Aufgaben hat, aber in dieser Funktion verwen- det werden kann, so etwa der Konjunktiv des Deutschen: Seien wir ehrlich! Konjunktiv

u Adjektiv

1 Definition

Die Wortart Adjektiv bezeichnet qualitative (das große Haus), quantitative (zwei Häuser), relationale (das elterliche Haus) und zuständliche (das Haus ist ihm egal ) Merkmale eines Bezugsnomens. Die unterschiedlichen syntakti- schen Beziehungen zu dem Bezugsnomen können flexivisch oder nicht-fle- xivisch zum Ausdruck gebracht werden. Welche der beiden Möglichkeiten zur Anwendung kommt, hängt zum einen von der syntaktischen Positionie- rung ab (man vergleiche etwa das relative Qualitätsadjektiv groß in der attri- butiven Interposition zwischen Determinativ und Nomen in das große Haus und in prädikativer Position in das Haus ist groß ), zum anderen von der se- mantischen Klassifikation der Adjektive (man vergleiche beispielsweise das monoattributive, das heißt nicht prädikativ verwendbare Zugehörigkeitsad- jektiv elterlich in das elterliche Haus, aber nicht *das Haus ist elterlich). Eine dem Adjektiv im Deutschen eigene spezifische morphologische Ka- tegorie stellt die Komparation dar; diese tritt in den einzelnen semantischen Adjektivklassen in unterschiedlicher Weise als relative und/oder absolute Komparation auf. Die Forschung setzt bei der Behandlung des deutschen Adjektivs unter- schiedliche Schwerpunkte. Einmal steht neben der morphologischen mehr die semantische Seite im Vordergrund wie in der sechsten Auflage der Du- den-Grammatik (1998: 257), zum anderen wird der Syntax größeres Ge- wicht beigemessen, so bei Engel (2004: 335f.), in der IDS-Grammatik (Zi- fonun u.a. 1997: 46) und in der siebten Auflage der Duden-Grammatik (2005: 345). Insgesamt gilt nach wie vor Eichingers (1982: 65) Feststellung, dass die Definitionsversuche der Forschung auf diesen zwei Grundansätzen, dem semantischen und dem syntaktischen, beruhen, wobei der semantische nach wie vor mit dem Begriff der Qualität argumentiert und der syntaktische mit der attribuierenden Position vor dem attribuierten Nomen. In einer all- gemeinsprachwissenschaftlichen Definition des Adjektivs sind nach Dixon (2006: 15–22, 44) neben den für die indoeuropäischen Sprachen geltenden semantischen und syntaktischen Kriterien auch die syntaktischen Kriterien der Sprachen zu berücksichtigen, in denen Adjektive nicht dem Nominalbe- reich, sondern dem Verbalbereich zuzuordnen sind.

Adjektiv

18

Prototypische Vertreter der Wortart Adjektiv sind die relativen Qualitäts- adjektive. Sie bezeichnen in einer subjektiven und/oder objektiven Bewer- tungsskala relativierbare Eigenschaften wie schön, prächtig, klein, groß, sind attributiv und prädikativ verwendbar sowie steigerungsfähig. Damit beset- zen sie alle morphologischen und syntaktischen Möglichkeiten, die von der Wortart Adjektiv besetzbar sind. Aber auch morphologisch und syntaktisch inkomplette semantische Adjektivklassen müssen in eine Adjektivdefinition aufgenommen werden. Dazu gehören die attributiv und prädikativ verwend- baren, aber nicht steigerungsfähigen absoluten Qualitätsadjektive wie blind, ledig, tot, salzlos, weiß, die nur teilweise steigerungsfähigen monoprädikativen, also nicht attributiv verwendbaren Zustandsadjektive, etwa schlecht ‚kör- perlich unwohl, übel‘ (steigerungsfähig), quitt (nicht steigerungsfähig), die nicht steigerungsfähigen monoattributiven Zugehörigkeitsadjektive, zum Beispiel ärztlich, anwaltlich, und die teilweise steigerungsfähigen monoattri- butiven referentiellen Adjektive, zum Beispiel arg (steigerungsfähig), hiesig (nicht steigerungsfähig). Die Quantitätsadjektive verhalten sich teils wie die relativen Qualitätsadjektive, zum Beispiel viel, teils wie die absoluten Quali- tätsadjektive, so etwa die Kardinal- und Ordinalzahladjektive, teils wie die nicht steigerungsfähigen monoattributiven Adjektive, beispielsweise einzeln (vgl. zu den Adjektivklassen ausführlich Trost 2006a: 91–160). Die Wortart Adjektiv umfasst damit im Deutschen Wörter, die

1. in der Klammer zwischen Determinativ und Nomen auftreten kön-

nen und in dieser direkt von der Nominalklammer dependenten Interposi-

tion Genus-, Numerus- und Kasuskongruenz aufweisen (der prächtige Pa- last, die salzlose Kost, das ärztliche Attest, die damaligen Verhältnisse, in vielen Situationen),

2. und/oder prädikativ außerhalb eines Nominalkomplexes kopulare-

giert positioniert werden können und in dieser Extra-NP-Position indeklina- bel bleiben (der Palast ist prächtig, die Kost ist salzlos, das Haus ist weiß, die bei-

den sind quitt),

3. als postponierte indeklinable Attribute verwendet werden können

(Erbsen fein),

4. je nach semantischer Klassenzugehörigkeit steigerungsfähig sein kön-

nen (Bertas Haus ist größer als Pauls Haus),

5. nicht nur attributiv und/oder prädikativ, sondern auch adverbial ver-

wendbar sein können (das schöne Lied, das Lied ist schön, sie singt schön) (Trost 2006a: 4).

1. und/oder 2. sind obligatorische, 3. bis 5. dagegen fakultative Merkmale der Wortart Adjektiv.

19

Adjektiv

2 Zur Abgrenzung der Wortarten Adjektiv und Adverb

Wie aus Abschnitt 1 ersichtlich, werden Adjektive in adverbialer Verwen- dung hier nicht als „Adjektivadverbien“ klassifiziert. In der Forschung wird sehr oft nicht deutlich, ob Lexeme wie schnell in Sätzen wie

(1)

Das Auto A fährt schnell.

(2)

Das Auto A fährt schneller als Auto B.

(3)

Das Auto A fährt am schnellsten von allen Autos.

als Adjektiv in adverbialer Funktion zu betrachten sind oder als Konversion Adjektiv zu Adverb (Metzler Lexikon Sprache 2005 s. v. Adverb), auch wenn seit Glinz (1961: 210) von vielen Grammatikern Lexeme wie schnell in ad- verbaler Position als „Adjektive in adverbialer Funktion“ (Eroms 2000: 31) interpretiert werden. Im Gegenwartsdeutschen fehlt allerdings ein morphologischer Hinweis für die Annahme einer Konversion schnell = Adjektiv zu schnell = Adverb durch ein distinktives Nullmorphem bzw. eine distinktive Nichtflexion. Denn auch Adjektive bleiben in prädikativer Extra-NP-Position und attribu- tiver Postposition unflektiert (vgl. hierzu ausführlicher Trost 2006a: 8). So können auch Adverbien in prädikativer Extra-NP-Position und attributiver Postposition auftreten, wie etwa in

(4)

Peter ist anders als Petra.

(5)

Die Vorlesung gestern war ausgezeichnet.

Dennoch sind anders und gestern keine Adjektive: Sie bleiben generell un- flektiert und werden erst durch Wortbildung (andersartig, anderweitig, gest- rig) flektierbar. Dass in anderen Sprachen oder in älteren deutschen Sprachstufen 1 die ad- verbiale Funktion morphologisch markiert wird, sollte nicht dazu veranlas- sen, die morphologischen Gegebenheiten im Neuhochdeutschen zu ignorie- ren und ohne erkennbaren synchronen Hintergrund in den Beispielen (1) bis (3) eine Konversion Adjektiv zu Adverb anzunehmen. Auch unter diachronen Gesichtspunkten spricht vieles gegen die An- nahme eines Adjektivadverbs. So lässt sich die morphologische Kennzeich- nung des adverbial verwendeten Adjektivs beispielsweise mit -o im Althoch- deutschen lediglich als „eine syntaktische Kennzeichnung“ verstehen, die eintritt, wenn „Wörter von Wortarten, die nach ihrer Sachprägung als Ad-

Adjektiv

20

jektive eindeutig erkennbar sind, in bestimmten speziellen syntaktischen Zu- sammenhängen verwendet“ werden (Eroms 2000: 31f.). Die Wortart Ad- verb umfasst nach Eroms (ebd.) nur eine Restklasse von Wörtern wie hier, jetzt und dort. Das Adjektiv in adverbialer Position bezeichnet dann qualita- tive, quantitative, relationale und zuständliche Merkmale des Bezugsver- bums. Die eingangs in Abschnitt 1 gegebene Definition der Wortart Adjektiv ist demnach in folgender Weise zu ergänzen: Die Wortart Adjektiv bezeichnet prototypisch in attributiver und prädikativer Positionierung qualitative, quantitative, relationale und zuständliche Merkmale eines Bezugnomens. In sekundärer adverbialer Positionierung bezeichnet die Wortart Adjektiv die gleichen Merkmale in Bezug auf ein Verbum.

3

Flexion und Nichtflexion in den verschiedenen syntaktisch- topologischen Funktionsbereichen des Adjektivs im Deutschen

3.1

Darstellung der verschiedenen syntaktisch-topologischen Funktionsbereiche

Adjektive treten gegenwartssprachlich flektiert und nicht-flektiert auf. Ihre Flexion und Nichtflexion lassen sich bis auf wenige Ausnahmefälle (siehe Ab- schnitt 3.2) den unterschiedlichen syntaktischen Verwendungsweisen des Adjektivs im Deutschen und dessen Position im Satz zuordnen. Das deutsche Adjektiv weist sieben grundlegende, die Positionierung des Adjektivs im Satz steuernde syntaktisch-topologische Funktionsbereiche auf, nämlich vier at- tributive (a–d), einen prädikativen (e), einen adverbialen (f) sowie – syn- chron gesehen – eine Überlagerung von prädikativem und adverbialem Funktionsbereich, nämlich den koprädikativ-adverbialen (g) (vgl. Trost 2006a: 325–331):

(a)

die elend heiße Suppe

adnominal-attributiv

flektiert interponiert, da direkt dependent von der Nominalklammer

(b)

die Suppe, elend heiß

adnominal-attributiv

nicht-flektiert postponiert, da nicht direkt dependent von der Nomi-

nalklammer

(c)

die elend heiße Suppe

adadjektivisch-attributiv

nicht-flektiert anteponiert, da nicht direkt dependent von der Nomi- nalklammer

21

Adjektiv

(e)

Die Suppe ist elend heiß. nicht-flektiert extra-NP-poniert

prädikativ

(f)

Der Kellner bringt die Suppe schnell herein. nicht-flektiert extra-NP-poniert

adverbial

(g)

Der Kellner bringt die Suppe heiß herein. nicht-flektiert extra-NP-poniert

koprädikativ-adverbial

Im Gegensatz zur traditionellen Einordnung, wie etwa bei Helbig/Buscha (2007: 305, 313), werden hier adadjektivisch (Funktionsbereich c), also nicht-adnominal verwendete Adjektive wie elend in

(6) Schleie sind elend glitschig. (W. Schnurre, Ich brauche dich: 95, zit. nach Großem Duden Wörterbuch/CD 2000 s. v. elend)

nicht als adverbial, sondern als attributiv betrachtet (vgl. Trost 2006a: 350; ebenso Fuhrhop/Thieroff 2005). Denn elend stellt sowohl in den Beispielen in den Funktionsbereichen (a) bis (c) und (e) als auch in Beispiel (6) valen- ziell einen Satelliten dar, der in einem Abhängigkeitsverhältnis zu dem Kern einer nicht-verbalen Phrase, hier einer Adjektivalphrase (heiße bzw. glitschig), steht. Die Adjektivalphrasenkerne heiße in die elend heiße Suppe und glitschig in Schleie sind elend glitschig sind unbestritten als nicht verbal einzustufen. Deshalb spricht gegenwartssprachlich wenig dafür, die adadjektivische Ver- wendung des Adjektivs elend als adverbial zu klassifizieren, also die positions- bedingte Flexionslosigkeit als Anlass zur Annahme einer Konversion zu neh- men. Die Beispiele in den Funktionsbereichen (a) bis (c) und (e) sowie Beispiel (6) zeigen, dass in der Adjektivalphrase der adadjektivisch-attributive Satellit elend dem in der Interposition flektierten, in der Postposition und in der prä- dikativen Position nicht flektierten Kern heiß(e) durchgehend nicht-flektiert anteponiert ist. Bei der Interposition der Adjektivalphrase in (c) steht nur der Adjektivalphrasenkern im Fokus der flexionsauslösenden Nominalklammer. In der Folge werden daher unter den interponierten Adjektiven nur die den Kern der Adjektivalphrase bildenden klammerregierten und deshalb flektier- ten adnominal-attributiven Adjektive wie heiße in die elend heiße Suppe ver- standen, nicht aber die auch in der Interposition möglichen, aber nicht klam- merregierten und deshalb nicht-flektierten adadjektivisch-attributivischen Satelliten des Adjektivalphrasenkerns wie elend in die elend heiße Suppe. Die interponierten Adjektive, die direkt von der Nominalklammer, beste- hend aus (Null-)Determinativ als linker Klammer und Nomen als rechter Klammer, abhängen, sind prototypisch flektiert. Alle außerhalb des Flexions- fokus der Nominalklammer stehenden Adjektive sind immer unflektiert:

Adjektiv

22

Damit ist die Interposition in der Nominalklammer die Voraussetzung für die Flexion der Adjektive im Deutschen (vgl. Trost 2006a: 275–301 und 2006b: 378–382). Der genauen Abgrenzung der Interposition von den üb- rigen möglichen Positionierungen des attributiven Adjektivs mit nominalem Bezug kommt eine besondere Bedeutung zu. Dies betrifft vor allem die sich aus der Interposition entwickelnden nicht-flektierten Antepositionen des at- tributiven Adjektivs wie (das) kölnisch Wasser < das kölnische Wasser und lieb Kind < Ø liebes Kind. Aufgrund ihrer semantisch begrenzten Verbreitung werden diese Antepositionen nicht zu den grundlegenden Funktionsberei- chen gezählt, sondern als Randerscheinungen bzw. sprachhistorische Relikte betrachtet.

3.2 Zur Abgrenzung der flektierten Interposition des attributiven Adjektivs von der nicht-flektierten Anteposition und Postposition

Die Interposition des flektierten Adjektivs in der Nominalphrase zwischen Determinativ und Bezugsnomen stellt im Verhältnis zum Bezugsnomen eine Anteposition dar, etwa das kleine Haus, ein kleines Haus. Die Interposition tritt auch beim Nullartikel auf, beispielsweise Ø lieber Vater und bei elidier- tem Nomen wie das Problem ist ein verkehrstechnisches [Problem] (Trost 2006a: 308–314). In der an ein Determinativ anschließenden attributiv-ad- nominalen Anteposition des nicht-flektierten Adjektivs zwischen Determi- nativ und Nomen in der Nominalphrase, etwa bei Produktnamen wie (das) kölnisch Wasser bzw. (das) Kölnischwasser, steht das unflektierte Adjektiv köl- nisch in einer Gesamtbegrifflichkeit mit dem Bezugsnomen, das heißt, es ist nicht gegen ein anderes Adjektiv austauschbar. Diese semantische Vereini- gung mit dem klammerschließenden Nomen Wasser führt allein schon durch die bei Stoffbezeichnungen mögliche Artikellosigkeit zum Verlust des syn- taktischen Status der Interposition zwischen dem Determinativ das und dem Nomen Wasser. Morphosyntaktisch hat dies die Flexionslosigkeit des attribu- tiven Adjektivs zur Folge: das kölnische Wasser (das) kölnisch Wasser (vgl. Trost 2006a: 302–307, 2006b: 374–376). Dadurch und durch die diese morphosyntaktische Entwicklung auslösende semantische Komposition von kölnisch und Wasser wird die Zusammenrückung (das) Kölnischwasser erst er- möglicht (vgl. hierzu auch Fuhrhop 1998: 220). Bei der determinativlosen attributiv-adnominalen Anteposition des nicht-flektierten Adjektivs in Phraseologismen wie lieb Kind, auf gut Glück zeigt die Artikellosigkeit in Verbindung mit der Flexionslosigkeit des Adjek- tivs, dass auch die Annahme eines Nullartikels wie in einem Vokativ Ø liebes Kind! nicht möglich ist; hier fehlt also jeglicher Ansatz zur Klammerbildung.

23

Adjektiv

Die attributiv-adnominale Postposition des nicht-flektierten Adjektivs schließt durch das Fehlen der Interposition eine Klammerrektion des Adjek- tivs aus. Die attributiv-adnominale Postposition erscheint in zwei Interpunk- tionsvarianten, nämlich nicht durch Komma vom Bezugsnomen abgetrennt in der poetischen Sprache des 19. Jahrhunderts und davor (Röslein rot), bei Produktbezeichnungen (Schauma mild ), in Fachsprachen (70 Nadelfeilen rund nach DIN 8342) sowie in „modischer“ Pressesprache (Über Fußball bru- tal reden alle) (alle Beispiele nach Duden-Grammatik 2005: 350) und durch Komma vom Bezugsnomen abgetrennt, etwa in Kontaktanzeigen (Akademi- kerin, promoviert, Ende 20/178, brünett, schlank, vielseitig interessiert, natur- begeistert, kreativ, musizierend, Süddeutsche Zeitung Nr. 76 vom 31.3/1. 4. 2007, S. 41). Die nicht-flektierte attributiv-adnominale Postposition blockiert allein schon durch ihre syntaktische Positionierung jede Gesamtbegriffsbildung und Zusammenrückung. Auf die fehlende Klammerrektion reagieren die postponierten attributiv-adnominalen Adjektive morphosyntaktisch mit Flexionslosigkeit. Die Interposition des flektierten Adjektivs, die attributiv-adnominale Anteposition und Postposition des nicht-flektierten Adjektivs im Verhältnis zum Bezugsnomen lässt sich unter dem Begriff der Intra-NP-Position zu- sammenfassen. Denn extra-NP-positioniert sind Adjektive, die außerhalb der Nominalphrase unabhängig von einem Bezugsnomen, beispielsweise in adverbialer Verwendung, oder nur mittelbar von einem Bezugsnomen ab- hängig gebraucht werden wie die attributiv-adadjektivisch, prädikativ und koprädikativ-adverbial verwendeten Adjektive. Den extra-NP-positionierten Adjektiven ist im Gegensatz zu den intra-NP-positionierten Adjektiven die generelle Flexionslosigkeit gemeinsam (siehe Abschnitt 3.1).

4 Die Adjektivdeklinationsklassen und ihre Steuerungs- mechanismen

Die Nominalklammer ist nicht nur die Voraussetzung der Flexion des Adjek- tivs im Deutschen. Ihr linker Teil, das Determinativ, steuert auch die Art der Deklination des interponierten Adjektivs.

(7) [das rote Röslein]

schwache Deklination

(8)

[ein

rotes

Röslein]

gemischte Deklination

(9)

[Ø 2

rotes

Röslein]

starke Deklination

2 Ø = Nullartikel

Adjektiv

24

Das Adjektiv rot steht in diesen Beispielen im Nominativ Singular Neutrum, weist jedoch je nach der Art des Determinativs, hier definiter, indefiniter und Null-Artikel, die schwache (definites Determinativ), die gemischte (indefini- tes Determinativ) oder die starke Deklination (Nullartikel) auf. Die Kongruenz in der Nominalklammer wird durch die Doppel- bzw. Klammerrektion der adnominalen Adjektive durch Determinativ und No- men hergestellt (Trost 2006a: 290–301). Wie die Beispiele (7) bis (9) zeigen, treten in einem Kasus je nach Determinativtyp unterschiedliche Kasusmar- kierungen auf. Aus Gründen der Sprachökonomie entfallen weitestgehend Doppelmarkierungen, es heißt also nicht (wie ursprünglich durchaus mög- lich; vgl. Harnisch 2006: 401–403):

(7’) *[das rotes Röslein],

wohl aber:

(8)

[einØ 3

rotes

Röslein],

(9)

[Ø 4

rotes

Röslein].

Deshalb kann man hier von einer Monoflexion oder von monoflexivischer Kooperation sprechen. Die Nominalklammer wird als Ganzes flektiert und möglichst minimal, das heißt einmal distinkt gekennzeichnet (Admoni 1982: 78; Weinrich 2007: 487). Das Zusammenspiel der flexivischen Ele- mente in der Nominalklammer wird nach Eroms (2000: 278), Harnisch (2003: 417) und Eichinger/Plewnia (2006: 1050) als (Wort-)Gruppenfle- xion bezeichnet. Diese wird von den Artikelwörtern gesteuert.

4.1 Die schwache Deklination

Bei Nominalphrasen mit definitem Determinativ (der/die/das) sowie nach derjenige, derselbe, dieser, jener, alle, jeder, beide, welcher erfolgt eine ausrei- chend distinkte Kasusmarkierung primär über das Determinativ und im Genitiv Neutrum Singular durch das nominale Flexionsmorphem -s. Des- halb wird das Adjektiv hier nur schwach bzw. nominal dekliniert mit den zwei einzigen ubiquitären, also bei allen flektierenden Wortarten auftre- tenden Flexionsmorphemen, nämlich der offenen Schwasilbe, dem -e [ə], dem einfachsten Mittel, um Silbigkeit herzustellen, sowie in Kombination mit dem unmarkierten Sonoranten -n als -en [ən] (vgl. Eisenberg 2006:

180).

3 Ø = hier Nullmorphem

25

Adjektiv

   

schwache Deklination

 
 

Singular

Plural

Maskulinum

Femininum

Neutrum

alle Genera

Nom

dieser blaue Stoff

diese blaue Seide

dieses blaue Garn

diese blauen Stoffe

Akk

diesen blauen Stoff

diese blaue Seide

dieses blaue Garn

diese blauen Stoffe

Gen

dieses blauen Stoff(e)s

dieser blauen Seide

dieses blauen Garns

dieser blauen Stoffe

Dat

diesem blauen Stoff

dieser blauen Seide

diesem blauen Garn

diesen blauen Stoffen

Der Nominativ Singular der schwach flektierten Adjektive im Maskulinum wird durch das Flexionsmorphem -e gegenüber dem distinkten Flexionsmor- phem -en in den obliquen Kasus 5 im Singular und allen Pluralkasus hervor- gehoben. Damit ist nach Wiese (2000: 142) der Nominativ Singular unmar- kiert, alle anderen Kasus im Singular und der Plural sind markiert. Durch die Homophonie von Nominativ und Akkusativ Singular im Femininum wie im Neutrum in allen nominalen Deklinationssystemen ist das markierte Fle- xionsmorphem -en im Femininum und Neutrum auf Genitiv und Dativ Sin- gular sowie auf die Pluralkasus aller drei Genera beschränkt. In der schwa- chen Adjektivdeklination erfolgt also mit Ausnahme des Akkusativs Singular Maskulinum keine Differenzierung der Genera. Diese bleibt dem Artikel überlassen. 6

4.2 Die gemischte Deklination

Nach dem indefiniten Determinativ ein ebenso wie nach manch/solch/welch ein, ein mancher/solcher sowie nach kein und den Possessivpronomina mein, dein usw. tritt die gemischte Deklination auf. Diese Artikelwörter sind in der Mehrzahl ihrer Formen distinkt, im Singular sind aber der Nominativ Mas- kulinum und Neutrum sowie der Akkusativ Neutrum endungslos. In diesen Fällen übernimmt das Adjektiv die Genus-, Numerus- und Kasusmarkierung an der Oberfläche durch die determinativen bzw. pronominalen, also starken Endungen -er (dieser blaueØ Stoff keinØ blauer Stoff ) und -es (dieses blaueØ Garn keinØ blaues Garn). In allen übrigen Kasus aller drei Genera des Singulars und des Plurals entspricht die Deklination des Adjektivs wegen der in diesen Fällen distinkten Artikelwörter der schwachen Deklination.

5 Der Terminus „obliquer Kasus“ wird hier traditionell im Sinne aller verbregierten Kasus (Genitiv, Dativ, Akkusativ) gebraucht.

Adjektiv

26

   

gemischte Deklination

 
 

Singular

Plural

Maskulinum

Femininum

Neutrum

alle Genera

Nom

keinØ blauer Stoff

keine blaue Seide

keinØ blaues Garn

keine blauen Stoffe

Akk

keinen blauen Stoff

keine blaue Seide

keinØ blaues Garn

keine blauen Stoffe

Gen

keines blauen Stoff(e)s

keiner blauen Seide

keines blauen Garns

keiner blauen Stoffe

Dat

keinem blauen Stoff

keiner blauen Seide

keinem blauen Garn

keinen blauen Stoffen

Wie die Tabelle zeigt, betreffen die Veränderungen bei der schwachen zur ge- mischten Deklination nur die schwache unmarkierte Endung -e, aber nicht die schwache markierte Endung -en.

4.3 Die starke Deklination

Nach dem Nullartikel, nach dessen/deren und nach wessen sowie nach unde- kliniertem manch/solch/welch ohne indefiniten Artikel, nach endungslosen Zahladjektiven sowie nach etwas und mehr übernimmt das Adjektiv mit Aus- nahme des Genitivs Singular der Maskulina und der Neutra die determina- tiven bzw. pronominalen Flexionsmorpheme (Duden-Grammatik 1998:

282, 2005: 967–969). Im Genitiv Singular Maskulinum und Neutrum setzte sich seit dem Frühneuhochdeutschen beim starken Adjektiv die Flexi- onsendung -en durch (Duden-Grammatik 2005: 268), die homophon zur entsprechenden schwachen Endung ist. Die frühere starke, dem pronomina- len Deklinationsschema (wie in des/dieses/jenes) entsprechende Genitiven- dung -es blieb nur noch in einigen festen Fügungen und Zusammensetzun- gen erhalten, wie reines Herzens neben reinen Herzens, geradeswegs neben gerade(n)wegs (Duden-Grammatik 1984: 289).

   

starke Deklination

 
 

Singular

Plural

Maskulinum

Femininum

Neutrum

alle Genera

Nom

Ø blauer Stoff

Ø blaue Seide

Ø blaues Garn

Ø blaue Stoffe

Akk

Ø blauen Stoff

Ø blaue Seide

Ø blaues Garn

Ø blaue Stoffe

Gen

Ø blauen Stoff(e)s

Ø blauer Seide

Ø blauen Garns

Ø blauer Stoffe

Dat

Ø blauem Stoff

Ø blauer Seide

Ø blauem Garn

Ø blauen Stoffen

In der Gegenwartssprache erfolgt der flexivische Ausgleich so regelhaft, dass bei mehrfach interponiert auftretenden attributiv-adnominalen Adjektiven grundsätzlich alle Adjektive stark flektiert sind und nicht nur das erste:

27

Adjektiv

(10) mit blauem, seidenem Stoff,

anstelle von veraltet:

(11) mit blauem, seidenen Stoff.

Durch das Fehlen eines Oberflächendeterminativs treten in Nominalphrasen mit Nullartikel im Vergleich zu Nominalphrasen mit Oberflächendetermi- nativ zusätzliche homophone Nominalklammern auf (vgl. Simmler 1998:

321–323):

1. Bei Maskulina (z.B. Tee) und Neutra (z.B. Echo), die den Genitiv Singu-

lar und alle Pluralkasus auf -s bilden, liegt zweifache zusätzliche Homopho- nie vor:

Ø

starken Tees

Genitiv Singular und Dativ Plural,

Ø

lauten Echos

Genitiv Singular und Dativ Plural.

2.

Bei schwach deklinierten Maskulina (z.B. Mensch) ergibt sich ebenfalls

eine zweifache zusätzliche Homophonie:

*Ø großen Menschen

Genitiv Singular, Akkusativ Singular und Dativ Plural.

Hierbei handelt es sich jedoch um ein konstruiertes Beispiel, da die schwache Deklination nur bei Substantiven auftritt, die Menschen und Tiere bezeich- nen. Diese Substantive führen aber im Singular grundsätzlich ein Artikel- wort, das eine homophone Nominalklammer verhindert. All die zusätzlichen Homophonien werden durch die Genitivendung -en im Singular Maskulinum und Neutrum verursacht, die im Laufe der Sprach- entwicklung die Stelle der ursprünglichen Genitivendung -es beim Adjektiv in der starken Deklination übernommen hat. Auslöser dieser Entwicklung ist nach Eisenberg (2006: 180) wohl die Tatsache, dass eine starke, hier also dis- tinkte Markierung des Genitivs Singular des Adjektivs redundant ist; denn der nominale Kern einer Nominalphrase mit Nullartikel wird zumeist von einem Stoffsubstantiv gebildet. Stoffsubstantive im Maskulinum oder Neut- rum flektieren aber immer stark und sind damit im Genitiv distinkt.

4.4 Schwankende Deklination

Nach einigen Artikelwörtern schwankt die Deklinationsklasse des interpo- nierten Adjektivs zwischen schwacher und starker Deklination (vgl. Duden- Grammatik 2005: 969–974). Werden die Wörter folgende, solche und viele ohne Oberflächenartikel verwendet, sind sie selbst stark, also pronominal dekliniert; die ihnen nach-

Adjektiv

28

folgenden Adjektive schwanken zwischen starker und schwacher Deklina- tion. Dasselbe gilt für sämtliche, irgendwelche und manche, die nie mit voran- gehendem Oberflächenartikel auftreten. Allein auf die auch nicht-flektiert verwendbaren Wörter manch, solch, viel folgt infolge der fehlenden Flexion bei den nachfolgenden Adjektiven immer die starke Deklination: der Kauf solch unsinniger Sachen. Diese „janusköpfigen“ Wörter können je nach ihrem Deklinationsver- halten als Artikelwörter oder Adjektive klassifiziert werden. Nach einem Oberflächenartikel sollte jedoch syntaktisch eine Konversion Artikelwort Adjektiv angenommen werden. Dies wird auch durch die durchgängige An- nahme der schwachen Deklination und die Aufgabe der starken Deklination gestützt. Dieser Konversionsvorgang, der sich in der Morphologie nieder- schlägt, zeigt sich ansatzweise auch beim eindeutig pronominalen jeder:

(12) jedes liebe Kind jedes

Artikelwort,

(13) ein

jedes

liebe

Kind jedes Artikelwort,

(14) ein

jedes

liebes Kind jedes wie interponiertes Adjektiv flektiert,

(15) einem jeden lieben Kind jeden wie interponiertes Adjektiv flektiert.

5 Die Komparation

Relative Adjektive können neben dem Positiv einen Komparativ durch Suf- figierung des nicht-flektierten Positivs mit dem Komparativsuffix -er- und einen Superlativ mit dem Superlativsuffix -(e)st- bilden. An das Komparativ- bzw. Superlativsuffix treten wie beim Positiv die entsprechenden schwachen bzw. starken Flexionsmorpheme an (siehe oben Abschnitt 4.1) (Duden- Grammatik 1998: 297–303):

(16) Peter ist ein liebes Kind.

(17) Maria ist ein lieberes Kind als Peter. (18) Maria ist das liebste Kind von allen.

Den absoluten, nicht vergleichenden Superlativ relativer Adjektive bezeich- net man auch als Elativ (Duden-Grammatik 1998: 303):

(19) Liebste Hanna!

Der Komparativ kann nicht nur in vergleichender Steigerungsbedeutung auftreten, sondern auch in einer die Positivbedeutung lexikalisch modifizie- renden Graduierungsbedeutung (zur Unterscheidung von vergleichender Steigerung und lexikalisch modifizierender Graduierung vgl. Trost 2006a:

71–74). Diese ist sowohl bei den relativen Adjektiven als auch bei den abso- luten und deshalb grammatisch nicht steigerbaren Adjektiven anzutreffen, so

Positiv

Grundform,

Komparativ Mehrstufe,

Superlativ

Höchststufe.

Elativ

Höchstgradstufe.

29

Adjektiv

etwa zur Abschwächung der Positivbedeutung als prä- oder postpositivischer Diminutionskomparativ (Trost 2006a: 37–46): 7

Komparativ

Der Herr ist noch nicht alt im Sinne des Positivs alt, aber bereits präpositi- visch nahe daran, alt im Sinne des Positivs alt zu sein.

Komparativ

Die Dame ist nicht mehr ganz jung im Sinne des Positivs jung, sie überschrei- tet bereits postpositivisch das Jung-Sein des Positivs jung. Durch lexikalisch modifizierende Graduierung in Form des Augmenta- tionskomparativs kann auch eine Bedeutung graduell verstärkt werden, so etwa umgangssprachlich bei den absoluten, also nicht steigerbaren Adjekti- ven (Trost 2006a: 65): 8

(21) die jüngere Dame

(20) der ältere Herr

Präpositiv.

Postpositiv.

(22) Eva ist schwangerer als Lisa. Eva ist in einem fortgeschrittenerem Stadium der Schwangerschaft als Lisa.

5.1 Der Umlaut beim Komparativ und beim Superlativ

Bei einigen einsilbigen Grundadjektiven tritt im Komparativ und im Super- lativ Umlaut auf, es liegt also eine Allomorphie des Basismorphems vor. Dies sind standardsprachlich folgende Umlautungen (Duden-Grammatik 2005:

373, auch zum Folgenden):

Stammvokal a ä alt älter am ältesten ebenso: arg, arm, hart, kalt, krank, lang, nah, scharf, schwach, schwarz, stark, warm;

Stammvokal o ö

grob gröber am gröbsten ebenso: groß, hoch; dumm mmer am mmsten ebenso: jung, klug, kurz.

Stammvokal u ü

Einige einsilbige Adjektive bilden bei der Komparation nur gelegentlich einen Umlaut: bang, blass, glatt, karg, nass, schmal; fromm, rot; krumm. Alle nicht aufgeführten einsilbigen Adjektive kennen ebenso wie die mehrsilbigen Adjektive im Komparativ und im Superlativ keinen Umlaut.

7 Man vergleiche zu weiteren Subklassen des absoluten Diminutionskomparativs Trost (2006a: 46–65). 8 Zum absoluten Augmentationskomparativ bei den relativen Adjektiven vergleiche man Trost (2006a: 70f.)

Adjektiv

30

Eine mehrsilbige Ausnahme stellt das mit ge- präfigierte Adjektiv gesund dar, das im Komparativ gesünder und im Superlativ am gesündesten den Umlaut aufweist.

5.2 Die Suppletivformen

Einige Adjektive bilden ihre Komparativ- und Superlativformen mittels Sup- pletion, das heißt, stammverschiedene Teilparadigmen werden zu einem Kom- parationsparadigma zusammengefasst. Dies sind im Deutschen die Adjektive gut besser best-, viel mehr meist-, wenig minder mindest-. Die morphologische Markierung der Komparativ- und Superlativformen besser/best- bzw. mehr/meist- ist nur noch bedingt durchsichtig. Wegen der synchron problematischen morphologischen Segmentierbarkeit der Kom- parativ- (meh-r) und Superlativsuffixe (be-st- bzw. mei-st-) spricht Simmler (1998: 62) in diesen Fällen auch von „Suppletivmorphemen mit Resten einer morphologischen Segmentierbarkeit“. Dagegen bewahren der suppletive Komparativ minder- und der supple- tive Superlativ mindest- zum Positiv wenig eine regelmäßige Formenbildung der Komparationssuffixe. Die nicht-suppletiven Komparativ- und Superla- tivformen zu wenig, nämlich weniger und wenigst-, überwiegen, während sich die suppletiven Komparativ- und Superlativformen mit dem Basismorphem mind- gegenwartssprachlich teilweise semantisch verselbstständigen (Du- den-Grammatik 2005: 375 und Trost 2006a: 193–197).

6 Die Phonotaktik der Adjektivdeklination und -komparation

Innerhalb der schwachen, gemischten und starken Deklination des Positivs bilden sich aus morphologischen Gründen weitere Subvarianten aus, wo- durch Allomorphien des Basismorphems bzw. des Wortbildungsmorphems entstehen. Der Komparativ – sei er nun flektiert oder nicht-flektiert – kennt durch das e-haltige Komparativsuffix die gleichen Allomorphien des Basis- morphems wie der Positiv. Lautet das unflektierte positivische Adjektiv auf Schwalaut /ə/ (müde), auf Schwalaut /ə/ vor /l/ (dunkel ) oder auf Diphthong + Schwalaut /ə/ vor /r/ (sauer) aus, wird der Schwalaut /ə/ im Basismorphem durch das Hinzutreten des e-haltigen Flexions- oder Komparativmorphems getilgt (Simmler 1998:

313, 323–325; Duden-Grammatik 2005: 370–372, auch zum Folgenden):

(23) müde

(24) dunkel die dunkl-e Schokolade die dunkl-er-e Schokolade,

(25) sauer

die müd-en Kinder

die saur-en Gurken

die müd-er-en Kinder,

die saur-er-en Gurken.

31

Adjektiv

Bei Fremdwörtern wird der Schwalaut /ə/ grundsätzlich vor /r/ (makaber) ge- tilgt:

(26) makaber die makabr-en Witze die makabr-er-en Witze.

Gelegentlich wird bei Adjektiven auf -er und -en vor dem Komparativsuffix -er- das e im Ausgang des Basismorphems getilgt:

(27) ein saubr-er-es Zimmer, statt üblicher: ein sauber-er-es Zimmer; (28) ein ebn-er-es Gelände, statt üblicher: ein eben-er-es Gelände.

Daneben wird die Auslautverhärtung sowie die Spirantisierung im nicht- flektierten Positiv durch Hinzutreten des Schwalauts im Flexions- oder Komparativmorphem zurückgenommen (Fortes /p/, /t/, /k/, /s/ Lenes /b/, /d/, /g/, /z/ wie lieb liebe: /l¯ıp/ /l¯ıbə/; Spirans / / Plosiv /g/ wie giftig giftige: /gifti / /giftigə/). Außerdem entfällt das / / im Adjektiv hoch bei nachfolgender e-haltiger Endung (hoch der hohe Turm). In poetischer Sprache kommt es zu weiteren e-Tilgungen sowohl im Ba- sismorphem (mit heitr-er Miene statt üblicher mit heiter-er Miene) als auch im Wortbildungssuffix (ein gold-n-es Ei statt üblicher ein gold-en-es Ei); ebenso ist eine e-Tilgung statt im Basismorphem auch im Flexionsmorphem nach einem Basismorphem auf -el möglich (den stolzen, eitel-n Sinn statt üb- licher den stolzen, eitl-en Sinn) (Duden-Grammatik 2005: 371f.). Beim flektierten sowie auch beim nicht-flektierten Superlativ tritt wegen dessen konsonantischer Lautgestalt im Gegensatz zum flektierten Positiv und zum flektierten wie auch nicht-flektierten Komparativ keine phonotak- tisch bedingte e-Tilgung im Basismorphem ein:

(24’) dunkel die dunkl-e Schokolade die dunkel-st-e Schokolade.

Im Superlativ unterbleibt aus konsonantenphonotaktischen Gründen auch eine Allomorphien bildende Aufhebung der Auslautverhärtung bzw. der Spi- rantisierung der unflektierten Positivform. Das Superlativsuffix ist jedoch allomorph. Je nach der Endung der un- flektierten Positivform steht entweder die Kurzform -st- oder die Langform -est- (Duden-Grammatik 2005: 374). Die Langform -est- (hold hold-est-) tritt auf, wenn

1. der Positiv des Adjektivs auf -d, -t, -s, -ss, -ß (Ausnahme: das unregel-

mäßige groß größ-t-e), -z, -tz, -x, -sk oder -sch (Ausnahme: Suffix -isch wie mürrisch-st-e) ausgeht und zugleich

Adjektiv

32

Adjektive, deren Basismorphem auf einen betonten Vollvokal, insbesondere einen Diphthong ausgeht, können im Superlativ sowohl die Lang- wie auch die Kurzform des Superlativsuffixes aufweisen, so etwa neu mit der Langform neu-est- und der Kurzform neu-st-. Alle anderen Adjektive bilden die Super- lativform mit der Kurzform -st-, die an die unflektierte Positivform ange- hängt wird (Duden-Grammatik 2005: 374):

(29) klein das klein-st-e Kind.

Damit lässt sich für die e-Tilgungsregeln eine systematisch gleichmäßige Ver- teilung der Allomorphien beim Basis- bzw. beim Wortbildungsmorphem er- kennen. Der Typus 2 bildet aufgrund von e-Tilgungen Allomorphien zum Typus 1 im Basismorphem bzw. im Wortbildungsmorphem:

Typus 1 ohne e-Tilgung

Typus 2 mit e-Tilgung

nicht-flektiert

   

flektiert

dunkel

Positiv

form

dunkl-e

nicht-flektiert und flektiert dunkel-st(e)

Superlativform

Komparativform

nicht-flektiert und flektiert dunkl-er(e)

Beim unregelmäßigen Adjektiv hoch zeigt sich dieselbe Allomorphievertei- lung wie bei der e-Tilgungsregel: Die nicht-flektierte Positivform hoch sowie die flektierte und nicht-flektierte Superlativform höch-st- weisen im nicht- flektierten Positiv ein / / auf, im flektierten Positiv sowie im flektierten und nicht-flektierten Komparativ dagegen ein „stummes“ h:

(30) hoch der hoh-e Turm der höh-er-e Turm der höch-st-e Turm.

Allein das unregelmäßige Adjektiv nah bildet eine Superlativform, die nicht auf der nicht-flektierten Positivform basiert:

(31) nah die nah-e Stadt die näh-er-e Stadt die näch-st-e Stadt.

7 Wortbildungsmorphologie des Adjektivs

Bei den deutschen Adjektiven kann die Wortbildung sich durch Derivation, Komposition und Konversion vollziehen.

7.1 Die Derivation

Adjektivische Ableitungen können durch Suffigierung, Zirkumfigierung und Präfigierung erfolgen. Bei der Suffigierung (vgl. Fleischer/Barz 2007: 251–266; Simmler 1998:

569; Duden-Grammatik 1998: 540) mit den primärsprachlichen Suffixen

33

Adjektiv

-bar (offenbar), -er (dreißiger), -fach (dreifach), -haft (krankhaft), -ig (völlig), -isch (linkisch), -lei (vielerlei), -licht (helllicht), -los (bewusstlos), -sam (langsam) und vor allem -lich (ernstlich) kann es zur deadjektivischen Modifikation kommen, das heißt, in diesen Fällen liegt kein Wortartwechsel vor. Verben, Substantive und Adverbien können als Wortbildungsbasis für ad- jektivische Transpositionen (d.h. Wortartwechsel zum Adjektiv) durch Suf- figierung auftreten. Verben können die Wortbildungsbasis für adjektivische Suffigierungen vor allem auf -bar (ersetzbar) und -ig (zulässig) bilden. Nicht mehr oder nur noch eingeschränkt produktiv erscheinen die deverbalen Suf- figierungen auf -erisch (regnerisch), -erlich (fürchterlich), -haft (schmeichel- haft), -isch (mürrisch), -lich (löblich), -rig (klebrig), -sam (strebsam) und um- gangssprachlich auf -mäßig (schreibmäßig) (vgl. Fleischer/Barz 2007:

251–266; Simmler 1998: 576f.; Duden-Grammatik 1998: 540–543). Produktive desubstantivische Wortbildungen stellen die adjektivischen Suffigierungen auf -en (seiden), -er (Berliner), -haft (fehlerhaft), -ig (haarig), -isch (diebisch), -lich ( polizeilich), -los (hoffnungslos) und -mäßig ( gesetzmäßig) dar. Nicht mehr oder nur noch in geringem Maß produktiv sind die desub- stantivischen Suffigierungen auf -bar ( fruchtbar), -ern (eisern), -n (kupfern) und -sam ( friedsam) (vgl. Fleischer/Barz 2007: 251–266; Simmler 1998:

576f.; Duden-Grammatik 1998: 543–545). Adverbielle Wortbildungsbasen bilden adjektivische Suffigierungen vor allem auf -ig (hiesig), aber auch auf -lich (sämtlich) (vgl. Fleischer/Barz 2007:

256–263; Simmler 1998: 574f.). Neben den primärsprachlichen adjektivischen Wortbildungssuffixen gibt es auch zahlreiche sekundärsprachliche Wortbildungssuffixe, so genannte Lehnsuffixe. Dazu zählen die Modifikationen auf -istisch (formalistisch), die deverbalen Wortbildungen auf -abel (praktikabel ), -ant (frappant), -ativ (spe- kulativ), -ent (kongruent), -ibel (disponibel ) und -iv (suggestiv) sowie die de- substantivischen Wortbildungen auf -(i/u)al (grippal, äquatorial, prozentual ), -ant (arrogant), -ar (linear), -är (muskulär), -(i/u)ell ( formell, tendenziell, in- tellektuell ), -ent (intelligent), -esk (kafkaesk), -iv (instinktiv), -oid ( faschistoid ), -os (humos) und -ös (schikanös) (vgl. Fleischer/Barz 2007: 267–269; Duden- Grammatik 1998: 540–550). In der Adjektivwortbildung treten auch Präfigierungen auf. Bis auf das unproduktive Präfix ge- mit desubstantivischer Wortbildungsbasis (geheim) stellen die Präfixbildungen immer deadjektivische Modifikationen dar, das heißt, es kommt zu keinem Wortartwechsel. Als produktive Präfixe lassen sich hier erz- (erzkonservativ), miss- (missliebig), schein- (scheintot), un- (un- dicht) und ur- (uralt) sowie als unproduktive Präfixe ab- (abhold ), an- (anrü- chig), ge- (gestreng) und in- (ingrimmig) feststellen (vgl. Fleischer/Barz 2007:

Adjektiv

34

269–274). 9 Neben diesen wenigen heimischen Präfixen gibt es eine gan- ze Reihe von Lehnpräfixen: a-, an-, anti-, ar-, bi-, de-, des-, di-, dif-, dis-, ex-, hyper-, il-, im-, in-, ir-, ko-, kon-, kor-, non-, mega-, para-, poly-, post-, prä-, pro-, pseudo- und ultra- (Fleischer/Barz 2007: 273f.; Duden-Grammatik 1998:

534–539; Donalies 2005: 107–109). Die Zirkumfigierung der deutschen Adjektive beruht auf der kombinato- rischen Derivation mit gleichzeitiger Präfigierung und Suffigierung. Beim ersten Typus der Zirkumfigierung des deutschen Adjektivs werden die Prä- fixe auf-, an- und vor allem ge- mit dem Suffix -ig kombiniert, so etwa bei ge- lehrig, aufsässig und ansässig (vgl. Fleischer/Barz 2007: 275). All diese Ablei- tungen sind deverbal. Dieses Wortbildungsmuster ist synchron nicht mehr produktiv. Auch einige desubstantivische adjektivische Wortbildungen ent- sprechen diesem Muster, sind aber wohl eher als Suffigierungen präpositio- naler Wortgruppen anzusehen:

unter-schwell-ig < [unter der Schwelle]

+

ig;

über-zeit-lich

<

[über die Zeit]

+

lich.

Der zweite Typus der Zirkumfigierung führt zur Bildung so genannter „Scheinpartizipien“ bzw. besser Scheinpartizipialadjektiven, denen jedoch kein Partizip bzw. Verb zugrunde liegt (Duden-Grammatik 1998: 550). Das zirkumfigierte und damit adjektivierte Wort ist ein Substantiv, von dem kein abgeleitetes desubstantivisches Verb existiert, das die Basis eines Partizipial- adjektivs sein könnte. Das Bildungsmuster ist Präfix + Substantivstamm + schwaches Partizipialsuffix -t: be-brill-t, ent-geister-t, ge-fleck-t, ver-kater-t, zer-klüfte-t. Ist das Präfix bei alleinigem Auftreten im verbalen Bereich ab- trennbar, tritt im Scheinpartizipialadjektiv noch das Partizip-II-Präfix -ge- hinzu: abtrennbares Präfix + Partizipialpräfix -ge- + Substantivstamm + schwaches Partizipialsuffix -t: aus-ge-fuchs-t, ein-ge-fleisch-t.

7.2 Die Komposition

Adjektive können auch durch Komposition gebildet werden, und zwar einer- seits aus einer Komposition von zwei oder mehreren Adjektiven (unter lands- männisch-heimatlich-festlichen Umständen, Th. Mann, nach Fleischer/Barz 2007: 241) oder aus einem nicht-adjektivischen Erstglied und einem adjek- tivischen Zweitglied (vgl. ebenda: 241–251, auch zu den Beispielen und zum

9 Die Duden-Grammatik (1998: 536–539) erwähnt noch die so genannten Halbpräfixe, bei- spielsweise bitter- (bitterböse), tod- (todsicher), usw., die aber nur in geringem Maß reihenbil- dend sind.

35

Adjektiv

Folgenden). Bei einer Komposition aus zwei oder mehreren Adjektiven kann entweder ein Determinativ- (schwerkrank, hellblau) oder ein Kopulativkom- positum (taubblind, schwarzrotgolden) entstehen. Bei der Komposition von nicht-adjektivischem Erstglied und adjektivi- schem Zweitglied ist als Erstglied ein Substantiv (wesensfremd ), ein Verb- stamm (tragfähig), ein Pronomen (selbstsicher), ein Adverb (rechtsextrem), eine Präposition (mitschuldig), ein Konfix (thermomagnetisch), ein Initialwort (iga-spezifisch) oder eine Wortgruppe (halbmeterdick) möglich. Die Bildung adjektivischer Komposita zeigt ähnliche Regeln wie die substantivische Kompositionalbildung. Auch beim Adjektiv liegt nach Flei- scher/Barz (2007: 241) mit wenigen Ausnahmen eine grundsätzliche „Sta- bilität der Wortstruktur“ vor: Adjektivkomposita können jedoch kons- truktionsinterne Komparationsformen (hoch-/höher-/höchstempfindlich) und Infigierungen des Negationspräfixes un- (entscheidungsfreudig entschei- dungs-un-freudig) aufweisen. Die Kompositionsfuge (gesundheits-förderlich, agro-industriell ) unterliegt grundsätzlich den gleichen Regeln wie bei der Wortbildung des Substantivs (vgl. Gesundheits-amt, Agro-industrie). Bei den Komposita mit Partizipialad- jektiv als Zweitglied ist jedoch zu beachten, dass Partizipien II unter Beibe- haltung der Verbrektion in der Fuge die pluralische Beziehung zum Erstglied verdeutlichen können, beispielsweise hände-reibend < die Hände reibend (Fleischer/Barz 2007: 250f.).

7.3 Die Konversion

Die Konversion anderer Wortarten ist beim Adjektiv bis auf die stark pro- duktiven Partizipialadjektive weitaus seltener als etwa beim Substantiv (Flei- scher/Barz 2007: 276). Desubstantivische adjektivische Konversionen sind unter anderem angst, ernst, feind, freund, klasse (ein klasse Auto), schuld, schmuck (die schmucke Uni- form), sowie entlehnte Farbadjektive, wie orange, ocker, oliv. Hierher gehören auch Desubstantiva wie barock und revolutionär (Trost 2006a: 78, 298, 2006b: 390f.). Einige dieser desubstantivischen Adjektivkonversionen sind indeklinabel und deshalb oft nicht oder nur durch Komposition mit einem primärsprachlichen Adjektiv attributiv verwendbar:

Peter ist angst und bange.

Der *angste und *bange Peter.

Die Hose ist oliv.

Die *oliv Hose.

Die ?olive Hose.

Die olivfarbene Hose.

Adjektiv

36

Die wenigen deverbalen Adjektivbildungen sind nach Fleischer/Barz (2007:

276) allesamt „kaum produktiv und nur historisch klar nachweisbar“, wie rege < sich regen, starr < starren, wach < wachen, wirr < wirren. Sehr produktiv sind dagegen die departizipialen Konversionen. Diese können zum Partizip I und zum Partizip II gebildet werden:

Das Kind schläft.

Das schlafende Kind.

Das Kind ist aufgewacht.

Das aufgewachte Kind.

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37

Affix

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7.1–7.3).

Rüdiger Harnisch/Igor Trost

u adverbialer Akkusativ, Adverbialakkusativ

Wenn Akkusative zum Ausdruck lokaler oder temporaler Adverbialbestim- mungen verwendet werden, wie dies etwa in den ganzen Tag oder den ganzen Weg nach Hause der Fall ist, dann spricht man auch von einem adverbialen Akkusativ oder Adverbialakkusativ.

Akkusativ

u Affix (von lat. affigere ‚anheften‘; engl.: affix)

Affix ist ein Oberbegriff für alle Arten von gebundenen Morphemen, sowohl solche zu Flexions- als auch zu Wortbildungszwecken, die oft auch als Flexi- ons- bzw. Wortbildungsaffixe bezeichnet werden. Im Einzelnen kann man darüber hinaus je nach der Stellung, die sie in der neu zu bildenden Form einnehmen, zwischen am Anfang stehenden Präfixen, am Ende angefügten Suffixen, innen eingefügten Infixen und einklammernden Zirkumfixen un- terscheiden.

Wortbildung

Akkusativ

38

u Akkusativ

1 Einleitung

Der Akkusativ – nach Latein accusare ‚anklagen‘ (wobei casus accusativus als Fehlübersetzung von griechisch , d.h. Kasus des Effizierten bzw. des Betroffenen, zu betrachten ist) – ist in so genannten Nominativ- bzw. Akkusativsprachen der Kasus, dessen Hauptfunktion darin besteht, in Aktivsätzen das Patiensargument von transitiven Verben auszudrücken, im Gegensatz zum Nominativ, dem in diesen Sprachen – außer der „Nennfunk- tion“ – im aktiven Genus die Markierung des Agensargumentes von transi- tiven sowie des Subjekts von intransitiven Verben zusteht: 1

Der König der Formel 1 [= Agens im Nominativ] hat den Papst [= Patiens im Akkusativ] beleidigt. Der König der Formel 1 [= Subjekt im Nominativ] dankt ab.

Nominativ- bzw. Akkusativsprachen unterscheiden sich darin von den so ge- nannten Ergativsprachen, in denen das Subjekt intransitiver Verben und das Patiensargument transitiver Verben denselben Kasus, den Absolutiv, teilen, während das Agensargument transitiver Verben im Ergativ steht.

2 Morphologische Aspekte

Nominativ und Akkusativ sind im Deutschen morphologisch weitgehend zusammengefallen und weisen nur im Maskulinum Singular 2 sowie im (ge- nusneutralen) Personalpronomen der 1. und 2. Person 3 noch unterschied-

1 Die in der deutschen Grammatikschreibung eher unübliche Unterscheidung von „Subjekt“ und „Agens“ hat ihren Ursprung in der typologisch-linguistischen Tradition.

2 In dem mit dem Deutschen nahe verwandten Niederländisch ist es auch im Maskulinum Singular zu einem Zusammenfall von Nominativ und Akkusativ gekommen; in den süd- lichen Mundarten lebt hier interessanterweise nur die historische Akkusativform weiter, auch als Nennform: dt. Nominativ ein dicker Esel (Akkusativ einen dicken Esel), südndl. No- minativ/Akkusativ nen dikken ezel. Zur sprachgeographischen Variation im Kasussystem der deutschen Mundarten vergleiche man u.a. Shrier (1965) und Dal (1971) sowie die Über- sichtskarten in König (2007: 154f.).

3 Der auffällige Zusammenfall zwischen Akkusativ und Dativ in der 1. und 2. Person Plural ist relativ jung: Im Althochdeutschen wurden die Formen noch unterschieden: uns/iu (Dativ) gegenüber unsih/iuwih (Akkusativ). Heutiges uns (Dativ = Akkusativ) ist die Fortsetzung der ursprünglichen Dativform, euch (Dativ = Akkusativ) die der ursprünglichen Akkusativform. Der Zusammenfall hat dazu geführt, dass die beiden Formen als so genannter Akkudativ ge- braucht werden können: „[er hat] uns (Dativ = Akkusativ) unterstützt (Akkusativ) und gehol- fen“ (Dativ) (380 Treffer bei einer Google-Recherche) bzw. „[er hat] uns geholfen und unter- stützt“ (171 Treffer) (jeweils am 15. 12. 2007). Die „richtigeren“ Konstruktionen mit Wiederholung des (formengleichen) pronominalen Objekts sind deutlich weniger zahlreich

39

Akkusativ

liche Formen auf (zum Formenbestand und der Frage nach der Existenz eines „Akkunominativ“ vgl. auch Draye 2009).

 

Maskulinum

Femininum

Neutrum

Plural

Singular

Singular

Singular

N.bzw.

d+er jung+e Mann

d+ie jung+e

d+as jung+e

d+ie jung+en

= A.

Frau

Kind

Männer/Frauen/

Kinder

 

d+en jung+en

     

Mann

 

ein+Ø jung+er

ein+e jung+e

ein+Ø jung+es

Ø jung+e

Mann

Frau

Kind

Männer/Frauen/

Kinder

 

ein+en jung+en

     

Mann

 

(solch) gut+er

(solch) gut+e

(solch) gut+es

 

Wein

Milch

Bier

 

(solch) gut+en

     

Wein

 

Ø

Ø Wein

Ø

Ø Milch

Ø

Ø Bier

 
 

d+er gebraten+e

d+ie gebraten+e

d+as gebraten+e

 

Affe+Ø

Schlange

Kamel

 

d+en gebraten+en

     

Affe+n

 

ein+Ø gebraten+er

ein+e gebraten+e

ein+Ø

 

Affe+Ø

Schlange

gebraten+es

Kamel

 

ein+en gebraten+en

     

Affe+n

 

Ø

gebraten+er

Ø

gebraten+e

Ø

gebraten+es

 

Affe+Ø

Schlange

Kamel

bzw. üblich: „[er hat] uns (Dativ = Akkusativ) unterstützt (Akkusativ) und uns geholfen (Da- tiv)(7 Treffer) bzw. „[er hat] uns geholfen und uns unterstützt“ (10 Treffer). In der 1. Person Singular, mit der erhaltenen formalen Opposition mich und mir, dürften sich eigentlich nur Konstruktionen mit zwei Objekten belegen lassen: „mich unterstützt und mir geholfen“ (145 Treffer) bzw. „mir geholfen und mich unterstützt“ (200 Treffer). Überraschen- derweise finden sich jedoch auch hier Konstruktionen mit einem ausgelassenen Objekt, die sich wohl kaum anders denn als „ungrammatisch“ bezeichnen lassen: „mich unterstützt und geholfen“ (36 Treffer) bzw. „mir geholfen und unterstützt“ (3 Treffer).

Akkusativ

40

Maskulinum

Femininum

Neutrum

Plural

Singular

Singular

Singular

Ø

gebraten+en

     

Affe+n

Ø

Ø Affe+Ø 4 Ø Ø

Ø Ø Kamel

   

Schlange

d+er#jenig+e

d+ie#jenig+e

d+as#jenig+e

d+ie#jenig+en

d+en#jenig+en

     

er

sie

es

sie

ihn

     

Unter anderem aufgrund dieses fast generellen Zusammenfalls von Nomina- tiv und Akkusativ wird die herkömmliche Reihenfolge der Kasus, nach der der Nominativ der 1. und der Akkusativ der 4. Fall war, in den meisten Grammatiken und Lehrwerken zugunsten einer Anordnung Nominativ > Akkusativ > Dativ > Genitiv aufgegeben.

3

Funktions- bzw. Bedeutungsaspekte

3.1

Der adverbale Akkusativ

4

Aufgrund seiner Hauptfunktion besagt der Akkusativ „stets, dass irgend eine Handlung auf den bezeichneten Gegenstand gewissermaßen gerichtet ist, an ihm sich äußert, ihn ergreift. Es handelt sich also um einen “Bezugsgegen- stand„ nach der Terminologie Bühlers“ (Jakobson 1936: 31). Das gilt ausge- sprochen für Kontexte, in denen der Akkusativreferent das Patiensargument des transitiven Verbs darstellt, und zwar sowohl als „effiziertes“, aus der Handlung hervorgehendes Objekt, als auch als „affiziertes“, das heißt von der Handlung betroffenes, aber unabhängig von ihr bestehendes Objekt:

Wer hat den Roman geschrieben? Wer hat den Roman gelesen?

4 Ohne vorangehendes dekliniertes Element, z.B. Artikel oder Adjektiv, funktioniert die un- deklinierte Form der schwachen männlichen Substantive nicht nur als Nominativ, sondern auch als Akkusativ und Dativ: „Ich selbst würde weder Katze, noch Schlange oder Affe essen, da ich mir aussuchen kann was ich essen kann – aber jedem das seine, solange die Tiere nicht leiden müssen.“ (Internetbeleg); „Chips mit Affe ist das erste Kochbuch in Form eines Fil- mes.“ (Internetbeleg).

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Akkusativ

Solche Konstruktionen lassen so gut wie uneingeschränkt die Aktiv-Passiv- Diathese mit werden zu, in der das Akkusativpatiens zum Nominativpatiens wechselt:

Von wem ist der Roman geschrieben worden? Von wem ist der Roman gelesen worden?

In Kontexten mit weniger stark ausgeprägtem Handlungscharakter ist der Akkusativreferent eher als Experiencer denn als Patiens im eigentlichen Sinne zu betrachten:

Das Angebot interessierte niemanden. Schmerzt dich das linke Bein immer noch?

Eine Passivtransformation ist hier, eben mit auf Grund der mangelnden Agentivität des Subjekts, nicht möglich:

*Niemand wurde durch das Angebot interessiert. *Wirst du vom linken Bein geschmerzt?

Bei gewissen Verben lässt sich der Akkusativ durch den Dativ ersetzen, ohne dass damit eine relevante semantische Verschiebung einherzugehen scheint (vgl. auch Draye 1996: 194f.):

Schmerzt dir das linke Bein immer noch?

Im Deutschen kommen vereinzelt auch Verben ohne Subjekt vor, deren Ak- kusativobjekt schon allein aus diesem Grund kein Patiens, sondern aus- schließlich Experiencer sein kann:

Mich fror dort entsetzlich. Mich ekelte vor fetten Speisen. Immer wenn er lachte, grauste einen.

Auch hier ist ein systematischer Unterschied zum Dativ nicht feststellbar, und einige Verben erlauben wahlweise beide Kasus:

Mich/mir ekelte vor fetten Speisen. Immer wenn er lachte, grauste einen/einem.

Typologisch auffällig ist, dass im Deutschen Verben vorkommen, die zwei Akkusativobjekte regieren. Der Akkusativ der Person hat dabei die Rolle des Experiencers bzw. des Rezipienten oder Benefikators inne und steht – we-

Akkusativ

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nigstens wenn der Akkusativ der Sache realisiert wird – unter Druck, dem Dativ als unmarkiertem Rezipienten-Kasus zu weichen: 5

Wer hat dich/(dir) das Lied gelehrt? Die Mutti will mich/(mir) die Vokabeln nicht mehr abfragen.

Bei der Passivierung muss hier entschieden werden, welcher der beiden Akkusative zum Subjekt avanciert und welcher stehen gelassen wird. In der Regel scheint der Akkusativ des Rezipienten oder Benefikators ein besseres Subjekt abzugeben als der Patiensakkusativ:

Ich wurde das Lied von meinem Vater gelehrt. ?Das Lied wurde mich von meinem Vater gelehrt.

Mit einem – nicht von allen Sprechern akzeptierten – Dativ entfällt das Problem:

Das Lied wurde mir von meinem Vater gelehrt.

Werden diese Verben zweistellig verwendet, so steht das Objekt, unabhängig davon, ob sein Referent ein Rezipient/Benefikator oder ein Patiens ist, zwin- gend im Akkusativ:

Wer lehrt die/*den Lehrenden? Wer lehrt hier diese Sprachen?

Passivierung ist hier ohne Weiteres möglich:

Auch die Lehrer müssen gelehrt werden. Werden diese Sprachen hier noch gelehrt?

Von diesen Verben mit zwei Akkusativobjekten zu unterscheiden sind Ver- ben, deren Akkusativobjekt um einen prädikativen Akkusativ ergänzt wird, der als Gleichsetzungskasus zu betrachten ist:

Niemand nannte ihn ungestraft einen Verräter.

Hier ist die Passivtransformation vollkommen unproblematisch, da der prä- dikative Akkusativ dem Patiens folgt und aufgrund der Kasusgleichsetzung ebenfalls als Nominativ erscheint:

Von niemandem wurde er ungestraft ein Verräter genannt.

5 Vergleiche Duden (2005: 953). Die Formen mit Dativ werden nach wie vor nicht von allen Muttersprachlern akzeptiert und sind wohl noch seltener. Eine Internetrecherche am 15. 12. 2007 führte zu mehr als 400 Treffern für dich das gelehrt gegenüber nur 7 für dir das gelehrt und zu 3 Treffern für dich die Vokabeln abfragen und 1 für dir die Vokabeln abfragen.

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Akkusativ

Ebenfalls unproblematisch ist das Vorkommen zweier Akkusative in so ge- nannten AcI-Strukturen nach Verba sentiendi. Hier ist der erste Akkusativ das „Tiefensubjekt“ des vom übergeordneten Verb abhängigen Infinitivs und folglich kein semantischer Konkurrent für dessen Patiens:

Sie hörten ihn das Lied singen. Sie sahen ihn das Gemälde betrachten.

Vergleichbar, aber komplexer – weil stärker grammatikalisiert – sind lassen- Strukturen, die sowohl in permissiver als auch in kausativer Lesart ein „Tie- fensubjekt“ und einen Objektsakkusativ kombinieren:

Sie ließen ihn das Lied singen Sie ließen ihn das Gemälde betrachten (= sie erlaubten, dass bzw. veranlassten, dass er das Lied sang/das Gemälde betrachtete.)

Auffällig ist, dass diese Infinitivkonstruktionen ein Agens nicht nur im Ak- kusativ, sondern auch in einer von-Phrase kodieren können, ohne dass der Infinitiv dabei formal passiviert würde:

Wie oft haben wir die Studenten das Lied/das Lied von den Studenten singen hören! Warum hat er seinen Freund die Frage/die Frage von seinem Freund stellen lassen?

Die Konkurrenz zwischen Dativ und Akkusativ, die es bei Konstruktionen mit lassen und nachfolgenden, schwachagentiven Infinitiven bis ins 19. Jahr- hundert gegeben hat, ist inzwischen wohl restlos geschwunden:

das verbot, ihm vor seinem achtzehnten jahre kein milchmädchen sehen zu las- sen, ist nicht um ein haar gescheidter. (Wieland; zitiert nach Grimm/Grimm 1885/1999: 237)

Aus diesem inzwischen wieder rückgängig gemachten Übergang zum Dativ darf man wohl schließen, dass das Deutsche eine Zeit lang gewisse lassen- Strukturen (wissen lassen, sehen lassen, spüren lassen u.Ä.) als komplexe, drei- wertige Valenzträger aufgefasst und die Kasuszuweisung entsprechend ange- passt hat. So wird verständlich, dass das „Tiefensubjekt“ der Infinitive sich zum Rezipienten entwickeln konnte. Im heutigen Niederländisch weisen vergleichbare Konstruktionen hier ein indirektes Objekt auf (vgl. hierzu ausführlicher Draye 1998):

Akkusativ

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(Aan) wie heb je laten weten dat je niet komt? ‚Wen hast du wissen lassen, dass du nicht kommst?‘ (wörtlich: Wem bzw. an wen hast du wissen lassen, dass du nicht kommst?)

Konkurrenz zwischen Akkusativ und Dativ (oder zwischen der Interpreta- tion des Objekts als Patiens oder Rezipient) gibt es im heutigen Deutschen nur noch bei gewissen einfachen dreistelligen Verben bzw. in einfachen drei- stelligen Konstruktionen, in denen neben dem agentiven, belebten Subjekt und dem konkurrierenden Akkusativ bzw. Dativ eine Präpositionalphrase als dritter Aktant erscheint, deren nominaler Kern auf einen Gegenstand refe- riert, der als inalienabler Besitz des Patiens bzw. des Rezipienten zu betrach- ten ist. Das Verb selbst muss außerdem auch zweistellig vorkommen können, und zwar mit dem Patiensaktanten im Akkusativ:

Er schlug ihn/ihm auf die Schulter. Er schlug ihn (und zwar auf die Schulter). Er küsste sie/ihr auf den Mund. Er küsste sie (und zwar auf den Mund).

Neben Er streichelte (mich)/mir übers Gesicht gibt es wohl nur Er strich mir übers Gesicht, da streichen in dieser Bedeutung nicht zweistellig vorkommen kann:

Er streichelte mich. *Er strich mich. 6

3.2 Der trajektive Akkusativ

In Draye 1992 habe ich vorgeschlagen, den in einem Satz wie Die Jungen stie- gen den Berg hinauf in Verbindung mit „Doppelpartikeln“ (Hinderling 1982) wie hinauf, herauf, hinunter, herunter vorkommenden Akkusativ als „Trajek- tiv“ zu bezeichnen. 7 Da die den Trajektiv bedingende Doppelpartikel mit dem Verb in Ver- bindung steht bzw. sogar als Bestandteil des Verbs betrachtet werden kann, ließe sich der Trajektivakkusativ auch als ein „Akkusativobjekt des 2. Grades“

6 Wo Variation möglich ist, gibt es Frequenzunterschiede, die sich auf den ersten Blick nicht ohne Weiteres erklären lassen. Eine Google-Recherche am 18. 12. 2007 ergab folgendes Er- gebnis: „küsste mich/mir auf“ 5670 vs. 380 Belege; „küsste ihn/ihm auf“ 920 vs. 520 Belege; „küsste sie/ihr auf“ 12600 vs. 375 Belege; „schlug mich/mir auf“ 190 vs. 9900 Belege; „schlug ihn/ihm auf“ 4190 vs. 5800 Belege.

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Akkusativ

bezeichnen (so noch Duden 1984: 629 8 ). Der trajektive Akkusativ wird von der Aktiv-Passiv-Diathese nicht erfasst, ist jedoch als „schwachregierter Ak- kusativ“ (so Jakobson 1936: 31) mit einem adverbalen „starkregierten“ Ak- kusativ kombinierbar:

Der Hirt trieb die Kühe den Berg hinauf. Die Kühe wurden vom Hirten den Berg hinauf getrieben.

3.3 Der adverbiale Akkusativ

Im Akkusativ lassen sich räumliche und zeitliche Maßangaben ausdrücken:

Das Personal musste die Koffer einen Kilometer schleppen. Ihre Fantasien verwandeln den Alltag einen kurzen Augenblick in ein Zauber- reich.

Diese Akkusativphrasen haben Funktion und Status eines Adverbials, sind infolgedessen, wie aus den Beispielen hervorgeht, mit einem Objektsakkusa- tiv kombinierbar und werden nicht von der Aktiv-Passiv-Diathese erfasst:

Die Koffer mussten vom Personal einen Kilometer geschleppt werden. Der Alltag wurde durch ihre Fantasien einen kurzen Augenblick in ein Zauber- reich verwandelt.

Erfragt werden sie dementsprechend wie Adverbiale, nicht wie Objekte:

Wie weit mussten die Koffer geschleppt werden? Wie lange wurde der Alltag in ein Zauberreich verwandelt?

3.4 Der von Präpositionen regierte Akkusativ

Neben den Präpositionen, die einen festen Kasus regieren – darunter auch den Akkusativ (u.a. durch, für, gegen, ohne, um) – sind aus synchron-funktio- naler Perspektive vor allem die so genannten Wechselpräpositionen interes- sant, die – außer wenn sie unter weitgehendem Verzicht auf ihre Eigenbedeu- tung mit einem Verb oder Nomen eine fixierte Bedeutungseinheit eingehen (verzweifeln über, die Hoffnung auf, reich an) – sowohl den Akkusativ als auch den Dativ regieren können und zwar grundsätzlich in einer funktional rele- vanten komplementären Distribution. Nach wie vor wird in Duden (2005: 616) der Kasusrektion das Kriterium der „Orts- bzw. Lageveränderung“ infolge einer „Bewegung“ oder „Rich-

Akkusativ

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tung“ zugrunde gelegt: „Werden diese Präpositionen lokal verwendet, ent- scheidet der Kasus darüber, ob eine Orts- bzw. Lageveränderung vorliegt oder nicht: Der Dativ bezeichnet dabei die (statische) Lage, das Verbleiben an einem Ort (mit der Frage wo?), während der Akkusativ die (dynamische und direktionale) Ortsveränderung, eine Bewegung oder eine Richtung be- zeichnet (mit der Frage wohin?).“ Für die Mehrheit der Akkusativ-/Dativvorkommen nach Wechselpräpo- sitionen mag diese Charakterisierung zutreffen, so für die folgenden im Du- den (ebd.) aufgeführten Miniminalpaare: 9

Dativ

Akkusativ

Lage: wo?

Richtung: wohin?

Die Kinder spielen im Wasser.

Die Kinder springen ins Wasser.

Das Bild hängt an der Wand.

Sie hängt das Bild an die Wand.

Das Buch liegt auf dem Tisch.

Er legt das Buch auf den Tisch.

Sie steht vor dem Haus.

Sie stellt sich vor das Haus.

Das Flugzeug fliegt (seit drei Stunden) über den Wolken.

Das Flugzeug fliegt über die Wolken.

Der Teppich liegt unter dem Tisch.

Er legt den Teppich unter den Tisch.

Die Brille liegt hinter der Vase.

Sie legt die Brille hinter die Vase.

Der Kuli liegt neben dem Buch.

Er legt den Kuli neben das Buch.

Das Kind steht zwischen den beiden Tischen.

Das Kind stellt sich zwischen die beiden Tische.

Problematisch an der Definition ist jedoch, dass es zahlreiche systematisier- bare und als völlig normal empfundene Dativvorkommen gibt, in denen eine „Bewegung“ oder eine „Richtung“ enthalten ist:

a) Die Bewegung findet innerhalb der Präpositionalregion (Terminus nach Zifonun u.a. 1997: 2150) statt, das heißt ohne auf sie gerichtet zu sein (In- ternetbelege):

9 Willems (1997: 140f.) versucht, die Begriffspaare Ruhe/Bewegung und Lage/Richtung