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DIE SAGEN VON ERMANARICH

UND

DIETRICH VON BERN

VON

R. C. BOER.

i

^jivnuC)

GERMANISTISCHE HANDBIBLIOTHEK

BEGRÜNDET von JULIUS ZACHER.

X.

DIE SAGEN VON ERMANARICH

UND

DIETRICH VON BERN

VON

R. C. BOER.

HALLE A. D. S.

VERLAG DER BUCHHANDLUNG DES WAISENHAUSES.

1910.

DIE

SAGEN VON ERMANARICH

UND

DIETRICH VON BERN

VON

R. C. BOER.

HALLE A. D. S.

VERLAG DER BUCHHANDLUNG DES WAISENHAUSES.

X910.

1PQ1

Alle Rechte vorhelialteii.

Vorwort.

Indem ich diese Untersuchung der öffentlichkeit übergebe, habe

ich nur den wünsch hinzuzufügen, dass sie etwas dazu beitragen wird, die bestehenden ansichten über die entstehung und fortbildung der deutschen heldensage aufzuklären.

Dem verständnisvollen leser wird der enge Zusammenhang zwischen

diesem buche und den Untersuchungen über die Nibelungensage nicht

verborgen bleiben.

Meinem freunde und collegen Frantzcn, der auch diese arbeit

mit regem interesse begleitet und eine korrektur gelesen hat, einen

herzlichen gruss.

Amsterdam am sechsten Mai 1910.

R. C. Boer.

Inhalt.

Erste Abteilung. Die Erinanarichsage.

Seite

Erstes Kacitel.

§ 1

Die gotische Überlieferung

3

3

Zweites Kapitel. Die Entwicklung der Überlieferung in Xordeuropa .

.

.

•.

§ 2. Svanhild und der Ehebruch

§ 3. Erpr.

GuSrün.

Jonakr.

Spätere Reminiscenzeu an alte Züge.

15

15

Gruppierung der Quellen

.'

§ 4. HamSismäl str. 24 30 und damit correspondierende Stellen

.

§ 5. Die Aufstachelung der Brüder iu Hamöismäl und OuSninarhvot

§ 6. Die Fortsetzung von Gu8rünarhv(jt

§ 7. HamSismäl 2. 3. Eagnarsdräpa 3, 4. Saxo. Nähere Gruppierung der

Quellen

§ 8. Die Berichte der Prosaquellen

Drittes Kapitel. Der böse Ratgeber

§ 9

19

20

35

43

47

48

53

53

Viertes Kapitel. Die Harlunge

§ 10. Die Brüder und ihr Beschützer

§ 11. Die Verwandtschaft mit Ermanarich. Die Anklage wider die Har-

lunge und ihre Bestrafung. Das Grandmotiv der Erzählung .

(35

65

77

Zweite Abteilung. Die Sage von Dietrich von Bern.

Fünftes Kapitel. Flucht. Aufenthalt bei Attila. Rückkehr

83

§ 12. Einleitende Bemerkungen über das gegenseitige Verhältnis der

Hauptabteilungen der Erzählung

83

§ 13. Die Quellen von c. 276 290 der !'i5rekssaga (Erminreks Feind-

schaft wider seine Söhne, seine Neffen und Dietrich. Die Flucht)

§ 14. Die Quellen von c. 316—339 der f'iSrekssaga (Schlacht bei Gronspoit)

§ 15. Die Quellen von c. 395 414, 9 der fiSrekssaga (Dietrichs Heimkehr)

§ 16

§ 17.

Die Quellen von c. 340. 341 der I^iSrekssaga (Erkas Tod)

.

.

.

Der Zusammenhang der zu I resp. II gehörenden Teile der Erzählung

90

98

108

118

1 18

§ 18. Die Quellen von c. 429 437 der fiörekssaga (Heimis Heldentaten) 124

§ Historische Übersicht der Überlieferung von f'E. Gr. R. H

§ Die Anfänge der Exildichtung

§ 21. Die junge Tradition 1. Dietrichs Flucht .

^37

137

1>^3

128

19.

20.

-

2. Rabenschlacht

3. Alpharts Tod

1^3

'^'"

VIII

INHALT

Seite

§ 22. Dietrichs und Attilas gemeinschaftliche Kriege mit Osantrlx und

ValdemaiT

Sechstes Kapitel.

Dietrichs Helden

§ 23. Hildebrand

§ 24. Yiöga und Heimir

§

25.

Vildifer

§ 26. I'ettleifr danski

§ 27.

Spätere I'ettleifdichtung. Biterolf

Fasold

§ 28. Herbrandr. Aumlungr. Hornbogi

§ 29, Sistram (Sintram) af Fenidi. Gunnarr und Hogni

Siebentes Kapitel. Dietrichs Jugend

§ 30. Die BertangalandsfQr

§ 31. Andere Gedichte der zweiten Periode

§ 32. Dietrichs Ahnen

§ 33. Der Zusammenhang der einzelneu Teile der Jugendgeschichte.

Chronologie der Gedichte des Dietrichcyclus

Achtes Kapitel. Weitere Berichte über Dietrich

§ 34.

Die Berichte der f'iörekssaga über Dietrichs letzte Taten und

seinen Tod

§ 35. Verwilderte Dietrichdichtung

Neuntes Kapitel. Die Vilkinasaga und EoSingeirr

§ 36. Die beiden Redactionen der Vilkinasaga

§ 37. Die beiden Hauptabteilungen der Vilkinasaga

§ 38. Die gestalt EoSingeirs

Zehntes Kapitel. Die Geographie der I'iSrekssaga

§ 39

Elftes Kapitel. Die Composition der f'ibrekssaga

§ 40

Übersicht des Inhaltes der älteren Sagaredactionen

Anbang. Das Vildiferabenteuer und der Bär Wisselau

155

174

174

181

203

205

213

217

218

220

221

221

230

232

237

251

251

262

269

269

285

291

295

295

308

308

322

323

BESTE ABTEILTING.

DIE ERMANARICHSAGE.

Erstes Kapitel.

Die gotische Überlieferung.

§

1-

Ammianus Marcellinus 31, 3. 1:

Igitur Hunni

Ermenrichi late patentes et uheres pagos

repentino impetu perriiperunt

qui vi suhitae procellae perculsus

quamvis manere fundatus et stahilis diu conatus est, inpendentium

tarnen diritatem angente vidgatiiis fama, magnorum discriminum

metiim voluntaria morte sedavit.

Jornandes, Getica 24, 129. 130:

Nam Hermanaricus (Ermanaricus) , rex Gothoruni, licet, utsuperiiis

retulimiis, multarum gentium extiterat triimiphator, de Hunnoi'um

tarnen adventu dum cogitat, Bosomonorum (rosomanonnn, rosomorum,

rosimanoriim) gens infida, quae tunc inter alias Uli famidatnm exhi-

bebat, tali eum rianciscitur occasione decipere.

dum enim quandam

mulierem Stitiilda (siinielh, sunihil) nomine ex gente memorata pro

m^riti fraudulento discessu rex furore coinmotns equis ferocibus inli-

gatam incitatisque cursibus per diversa divelli praedpisset, fratres

eius Sarus et Ammiiis (ammus, aminus, iammius), germanae obifnm

vindicantes , Ilermanariei latus ferro petierunt; quo vidnere saucius

egram vitam corporis imbecillitaie cotitt'axit.

quam adiwrsatn cius

valitudinem captans Balamber, rex Hunnorum, in Ostrogotliarum,

parte movit pi'ocinctum, a qiiorum societate iam Vesegothae quadam

inter se intentione seiuncti habebaniur.

inter haec Hermanaticus

tarn vulnei'is dolore quam ßtiam Hunnorum incursionibus non

ferens grandevus et plenus dierum centesimo decimo anno vitce s\ice

defunctus est.

DIE GOTISCHE UBERLIEFEUUNG

Ammianus Marcellinus ist ein Zeitgenosse des Gotenkönigs; sein

bericht ist einfach und natürlich; man darf davon ausgehen, dass er

die Wahrheit mitgeteilt hat. Die Hunnen überfallen plötzlich das Goten-

reich; Ermanarich ist darauf nicht vorbereitet; er zieht einen freiwilligen

tod den unsicheren Chancen des krieges vor.

Zwischen ihm und Jemandes liegen ungefähr 150 jähre. Die Ost-

goten sind aus Südrussland durch die Donauländer nach Italien über-

gesiedelt.

entstanden.

In diesen

150 jähren ist die

sage,

die Jemandes mitteilt,

Aber erst haben sie noch bis in das fünfte Jahrhundert die alten Wohnsitze behauptet. Hier muss die bildung der sage angefangen haben.

Femer ist über die von Jemandes mitgeteilten einzelheiten zu sagen,

dass sie nicht alle sagenhaft zu sein brauchen; ein teil von ihnen lässt

sich mit Ammians angaben wol vereinigen.

Jemandes sagt: Ermanarich wurde von den Eosemoni betrogen.

Denn er hatte Sunüda, eine frau aus diesem geschlechte, von pferden

zu tode schleifen lassen, um an ihr den abfall ihres mannes zu rächen.

Darauf wurde er von ihren brüdern Sarus und Ammius verwundet,

und- fristete nachher ein kummervolles leben. Der Hunnenkenig Balamber

benutzt diese gelegenheit, ihn anzugreifen. Ermanarich aber, der weder

den durch die wunde verursachten schmerz noch den angriff der Hunnen

zu ertragen vermochte, ist im alter von 109 jähren gestorben.

so

Eine einzelheit in dieser darstellung ist nicht ganz klar.

Nicht

sehr diese, dass es zunächst aussieht,

als sei Ermanarich von den

Rosomenen betrogen worden, als die Hunnen schon im anzug begriffen

waren (de Hunnorum tarnen adventu dum cogitat)^ während es sich

später ergibt, dass die Verwundung des königs der ankunft der Hunnen vorangeht (quam adversam eiu^ valetudinem captans Balamber usw.).

Denn jene stelle lässt sich wol so verstehen, dass der könig die dro-

hende gefahr gesehen hat, ehe sie ganz nahe ist. Aber auffällig ist der

ausdruck : Rosomotwrum gens infida

decipere. Denn nicht nur ist decipere ein weniger geeigneter ausdruck

für einen anschlag wider das leben, sondern auch sind das subject zu

tali eum nandscitur occasione

nandscitur occasione decipere nicht die beiden brüder, die den könig

DIE GOTISCHE ÜBERLIEFERUNG

5

Überfallen, sondern die ganze Rosomonorum gens, zu der sie gehören.

Und es wird nicht gesagt, dass sie sich die gelegenheit verschaffen, sondern dass sie durch die ankunft der Hunnen die gelegenheit be-

kommen, ihn zu betrügen. Das alles zeigt wol, dass mit dedpere noch

etwas mehr als die Verwundung an und für sich gemeint ist; am

nächsten liegt es, dass die Rosomoni den Hunnen den angriff auf das

Gotenreich erleichtert haben, sei es bloss dadurch, dass zwei aus ihrer

mitte den könig verwunden und dadurch seine Widerstandsfähigkeit

sei es, dass sie zugleich sich dem feinde anschliessen, was

lähmen,

freilich nicht direkt gesagt wird. Die reihenfolge der ereignisse ist dem-

nach diese: Sunildas mann wird dem könige untreu. Erraanarich rächt

sich an der frau.

Die Rosomoni sinnen auf räche. Als der Hunnen-

krieg droht, eröffnet sich ihnen dazu eine gelegenheit. Die brüder der

Sunilda gehen zu dem könig und verwunden ihn. Nun ist den Hunnen

der sieg gewiss; sie gehen zum angriff über. (Die Rosomoni schliessen

sich ihnen an?) Ehe es zu einer entscheidenden schlacht kommt, stirbt

der könig.

Wenn diese erzählung vollständig sagenhaft ist, so lässt sich ihre

entstehung wol verstehen.

Nicht ohne grund knüpft Jiriczek an den

Selbstmord des königs an. Dieser ist der ausgangspunkt der geschichte; alles übrige kann dem bedürfnisse einer erklärung entsprungen sein.

Wenn man sich die frage stellte, warum der heldenmütige fürst sich

am lebensabend so kleinmütig betragen hatte, so war die einzig mög-

liche erklärung dafür die, dass er durch körperliches leiden oder hohes

alter nicht im stände war, sein reich zu schützen.

Im gründe sind

das zwei concurrierende erklärungen; wir begegnen beiden neben ein-

ander in derselben quelle.

Eine weitere frage nach der Ursache seines

leidens kann zu der Vorstellung geführt haben,

dass

er von

feinden

verwundet worden war;

die feinde

aber

rächen; so wurde Sunilda eingeführt.

hatten natürlich etwas zu

Als man dann weiter wissen

wollte, warum

Ermanarich Sunilda so grausam

bestraft hatte,

so

lautete die antwort,

von ihm abgefallen

dass er in ihr ihren mann bestrafen wollte, der

altertum

war.

Die form

der strafe

ist eine im

gebräuchliche.

DIE GOTISCHE ÜBERLIEFERUNG

Aus dem berichte des Jornandes ist dann gerade der iern der ge-

schichte. der die au einander anscliliessendeu erkUirungen hervorgerufen

hat, fortgefallen, der freiwillige tod Ermanarichs.

Man braucht

nicht anzunehmen, dass es Jornandes war, der diesen zug zuerst aus-

gelassen hat;

es lässt sich gut verstehen,

Selbstmord keinen platz hatte.

dass

die poesie für diesen

Freilich ist mau nicht zu der annähme genötigt, dass der ganze

bericht poetischen Ursprungs sei. Jiriczek legt darauf den nachdruck,

dass der Selbstmord im germanischen altertum bei männern keine sitte

war; wenn man aus diesem gründe annimmt, dass die sage für den

Selbstmord eine erklärung suchen mußte, so kann man mit gleichem

rechte in der geschichte nach einer erklärung suchen.

tat nicht zu erwarten, dass ein kriegerischer könig, der zur gegenwehr

Es ist in der

im stände war, sich selbst das leben nehmen sollte aus keinem anderen

gründe, als weil er angegriffen wurde; es ist daher sehr wol möglich,

dass Jemandes' erzählung einen kern geschichtlicher Wahrheit enthält.

Dass Ammianus davon nichts mitteilt, beweist natürlich nichts dagegen;

es lässt sich denken, dass dem fremden schriftsteiler nur das epoche-

machende ereignis zu obren gekommen war; die gotische tradition

kann einzelheiten erhalten haben, die in

die fremde

nicht durch-

gedrungen sind.

Bei dem vollständigen mangel an parallelen Überlieferungen aus

dem altertume sind wir bei der entscheidung der frage, was geschichte

sein kann, vollständig auf die innere kritik der erzählung angewiesen.

Absolute Sicherheit ist hier also nicht zu erreichen.

Für historisch wird

man halten dürfen, dass Ermanarich durch den zustand seines körpers

daran gehindert wurde, den kämpf mit den Hunnen aufzunehmen, und

da der bericht, dass er 109 jähre alt gewCvSen sei, abenteuerlich aus-

sieht, ist die annähme, dass er verwundet war, wenigstens nicht un-

gereimt

Aber weiter kann man niciit gehen.

Dass

die feinde eine

frau zu rächen

aber das sieht doch ganz wie ein

hatten,

ist zwar

an

und für sich nicht undenkbar,

poetisches motiv aus.

Ein wahr-

scheinlich politischer beweggrund ist durch einen persönlichen ersetzt

worden.

Vielleicht darf man annehmen, dass auch die zweizahl der

DIE GOTISLHE ÜBERLIEFERUNG

angreifer historisch ist.

Aber von bedeiitung für die geschichte der

Überlieferung ist das in sofern nicht, als die zweizahl,

auch wenn sie

erst zu der sage gehört, auf jeden fall älter als die frau ist, die die brüder

rächen, da auch hier, wie so oft in der dichtung, die folge älter als die

scheinbare Ursache, die räche älter als die missetat, die gerächt werden soll, ist.i Durch die zweizahl der rächer wird die weitere entwicklung der erzählung vollständig bedingt. Damit ist die wesentliche form der

sage gegeben.

Als die poesie eine frau einführte, die gerächt werden

sollte, mussten die beiden rächer zu ihr in einem gewissen Verhältnisse

stehen.

Wenn es nur einen rächer gab,

so

konnte dieser ihr mann

oder ihr liebhaber sein, aber diese möglichkeit war durch die zweizahl

ausgeschlossen.

Also mußte die frau zu einer Schwester der angreifer

und diese auch unter einander zu brüdern werden.

Es ergibt sich, dass der maritus der Sunilda, der von Ermanarich

abgefallen war, die jüngste gestalt der von Jemandes mitgeteilten sage

ist.

Man kann nicht im voraus sagen,

zu welcher zeit dieser gatte

der frau in die Überlieferung aufgenommen ist.

Vielleicht erst, nach-

dem die Goten ihre wohnstätten am Schwarzen Meere verlassen hatten.

Sei es nun, dass die sage einen historischen kern enthält, sei es,

dass sie ganz poetisch ist, auf jeden fall ist die oben ausgeführte entwick-

lung wahrscheinlicher, als dass die erzählung des Jornandes aus einem

gusse entstanden und dann an Ermanarich geknüpft sein sollte. Diese

annähme setzt entweder eine willkürliche Übertragung einer fremden

sage auf den Gotenkönig voraus, oder sie lässt die erzählung zugleich

ersonnen und mit Ermanarich verbunden werden. Für eine Übertragung ist in der geschichte kein anknüpfungspunkt zu ersehen, und ein dichter,

der die ganze erzählung ersonnen hätte, konnte wenigstens nicht den

zweck haben, den wir oben in dem ältesten zuge erkannten, den Selbst-

mord des königs zu erklären;

dazu ist die

und wird

das interesse zu sehr auf dinge,

erzählung zu comphziert die mit dem Selbstmord

nicht zusammenhängen, concentriert.

Nur wenn man mehrere stufen

der Sagenbildung, und zwar in der oben angegebenen reihenfolge an-

1) Wenn die Überlieferung anfangs nur einen rächer gekannt hätte, so ver-

steht man nicht, aus welchem gninde die diclitung ihn später verdoppelt haben sollte.

8

DIE GOTISCHE ÜBERLIEFERUNG

nimmt, so versteht man, wie Ermanarichs Selbstmord der ausgangspunkt

der sagenbildung gewesen ist.

Es ist auch in der erzähhing nichts, was dazu auffordern kann,

sie als eine poetische eiuheit zu betrachten. Man hat diese einheit aus

den uamen beweisen wollen. Aber sie geben dazu keine veranlassung.

Zunächst kommt der namen der frau in betracht. Von den namensformen

bei Jornandes kann zunächst nur von Sunilda die rede sein; die anderen formen sind Verstümmelungen. Man ist gewohnt, anzunehmen, dass Siniihla für *Sönilda stehe, aber diese annähme hat nur den zweck,

den namen als 'die Hild, die Frau, die zur Sühne umkommt' erklären

zu können. Aber die Überlieferung hat in der ersten silbe ii, und die

form Suanaüia der St. Galler Urkunde beweist gewiss nicht, dass die

frau in der ostgotischen tradition *Sönhild geheissen habe. Denn zu- nächst lehrt die an. form Svanhildr\ dass das ua der Urkunde, wenn

ein Zusammenhang besteht, eher wa als einen diphthongen bedeutet.

Sodann ist der Zusammenhang der Urkunde mit der Ermanarichsage nichts

weniger als sicher. Drittens kann das ua in Suanaüta, auch wenn ein

Zusammenhang besteht, und hier ein diphthong gemeint ist, gerade so gut-auf Umformung beruhen wie das va des nordischen namens. Be-

fragen wir aber die ostgotischen und die langobardischen namen, so

wii'd dadurch die hypothese, dass eine Zusammensetzung mit sön- vor-

liege,

gewiss nicht bestätigt.

Freilich kommt sön- in Zusammen-

setzungen vor, aber zahlreicher sind sowol bei Wrede, Spr. der Ost-

goten, wie bei Brückner, Spr. der Langobarden, die namen mit stmja.

Wrede hat sona und daneben siina-^

in

einer fussnote zu s. 113 zieht

er Sunilda auf die ausschließliche autorität MüUenhoffs zu su7ia. Aber

bei demselben finden wir Sunhivadus , Sunhihadus, Sunjaifripas,

Sunjefriih, Suniivath.

Brückner hat Sömprandus und Sönifrefrius),

aber Smiipertus, Sunifri, Snnari. Es lässt sich auch nicht behaupten,

dass ein compositum mit nunja etwa nur Sunihilda lauten müsste,

denn bei folgendem h findet häufig contraction statt, vgl. Ranildi neben

Ranihildi (Wrede).

Übrigens ist neben Sunilda in der Variante die

nicht contrahierte form Sunihil(da) überliefert. Unter solchen umständen

weist die Schreibung mit u bei Jordanes auf ein compositum mit sunja.

DIE GOTISCHE VBERLIEFERUXG

Aber auch zugegeben, dass das u von Sunilda ö bedeutete, wel-

ches recht hat man auch dann, den namen für poetisch zu erklären?

Es wäre dann eine bildung wie Söniprandus und S(mifre(niis); auch

dann wäre die natürlichste erklärung die, dass es ein name ist,

auch andere frauen getragen haben.

den

über.

Wir gehen zu den namen Saims und Ammius^ d. i. wol Hamjis^

Diese beiden sollen so heissen, weil sie 'gerüstete krieger' sind,

oder sogar,

weil

in

einem zweige der

späteren Überlieferung ihre

rüstungen undurchdringbar waren. Erstere erklärung setzt eine sehr

einfältige poetische namengebung voraus.

Als ob

nicht jeder krieger

'gerüstet' wäre.

Wir würden dann doch einen namen erwarten, der

etwas deutlicher ihre

eigentliche

rolle

zu erkennen gäbe.

Oder

wusste die Überlieferung von ihnen

als dass sie den könig verwundeten?

nichts anderes zu berichten,

In diesen fall konnte auch ein

gewöhnlicher name ohne poetische bedeuhmg für sie genügen. Die

zweite erklärung drängt der Überlieferung etwas auf, was erst viele Jahrhunderte später in einem fernliegenden lande erzählt wurde, und

zwar nur in abgeleiteten quellen, fürAvahr aus schwachen gründen.

Denn wenn in den namen ausgedrückt werden sollte, dass die panzer der beiden gefeit waren, so war es gewiss wenig angemessen, sie ein-

fach 'die panzer' oder 'die mit einem panzer versehenen' zu benennen,

eine bezeichnung, die sich für jeden krieger ziemte. Und das, während

die geschichte einen Gotenführer Sarus {Zaoog) kennt!

Das ist eine

In der Hrölfs saga kraka nennt Helgi sich Hamr.

poetische bezeichnung. Aber darin liegt eine andeutung seines Charakter.-^.

Hamr ist eine bekleidung,

in

der man sich versteckt,

und

der held

nimmt diesen namen an, um dadurch ironisch zu erkennen zu geben,

daß

er

ein

anderer ist als der,

für den

er gelten will.

Solch eine

poetische namengebung hat einen sinn.

In

den namen 'Panzer" und

'Küstung' oder 'Gerüsteter' für Ermanarichs mörder ist aber kein sinn zu entdecken. Dabei sehen wir noch vollständig von der frage ab, ob poetische namengebung überhaupt in jenem Zeitalter gebräuchlich war.

Gewiss hat man allzu oft hinter ganz gewöhnlichen namen eine poetische oder mythische bedeutung gesucht, die nur im köpfe romantisch ge-

10

DIK GOTISCHE VBERLIKFERUNG

stinimter philologen bestand; als beispiele seien Hagen und Grlmhild

erwähnt.

Schliesslich kommen die ßosomoni in botracht, deren namen zwar

in der geschichte in dieser form nicht bekannt ist, aber deshalb noch

nicht eine poetische bildung zu sein braucht.

Docii lassen sich hier

für die hypothese vielleicht die von Bugge herangezogenen RosmofJQll

Rinar anführen.

An und für sich ist freilich nicht zu ersehen, wes-

halb die identificierung mit den den Goten unterworfenen Aroxolanen unmöglich sein sollte; dieser name kann in mündlicher und schriftlicher

Aber die nordische

namensform scheint doch darauf zu deuten, dass die bei Jemandes über-

tradition sehr wol zu Rosomoni entstellt

sein.

lieferte form richtig ist,

und dann hat man nur die wähl zwischen

einem verschollenen volksstamra und einem poetischen namen. Erstere

alternative ist aber sehr wol möglich.

Wenn Bugge mit recht den namen als 'die falschen' erklärt, eine

deutung, die gewiss nicht sicher ist, so ist die möglichkeit zu erwägen,

dass das "wort anfangs eine appellativische bezeichnung der feinde des

königs war.

Aber

auch dann würde man nicht zu dem Schlüsse be-

rechtigt sein, dass die ganze erzählung eine einheitliche dichtung wäre.

Die

frage

ist

für

die geschichte der

Überlieferung von ganz unter-

geordneter bedeutung. Das geschlecht oder der stamm der brüder kann

den namen erhalten haben, als von ihnen noch nichts weiteres erzählt

wurde, als dass sie Ermanarich überfielen, und falls er tatsächlich

'die falschen' bedeutet kann

er zu

der

entstehung eines

zweiten

falschen zuges des fraudulentus discessus mariti mitgewirkt

haben.

Nach Jemandes hören wir mehrere Jahrhunderte nichts von Sunilda.

Dann taucht sie auf einmal im Norden auf,

wo eine reiche dichtung

über sie

blüht.

Spuren dieser dichtung lassen sich auch in Nord-

deutschland und England nachweisen; im Süden weiss man wie von

anderen heldensagen, so auch von dieser nichts.

Es ist nun gewiss

nicht anzunehmen, dass die mitteilung des Jornandes die quelle dieser

poesie sei.

Aber eben so wenig glaublich ist es,

dass eine tradition

der Ostgoten in Italien,

die Jemandes' bericht zu gründe liegt, aus

DIE GOTISCHE ÜBERLIEFERUNG

11

Italien durch Deutschland nach dem Norden gewandert sei. Wie kommt es dann, dass in Süddeutschland keine spur davon nachgewiesen werden

kann?

Eine äussere bestätigung davon, dass der Zusammenhang ein

anderer ist, bietet der umstand, dass zwischen der erzählung des Jornandes

und der nordischen tradition ein tiefgehender unterschied besteht, der

zeigt, dass diese sich von jener abgezweigt hatte, ehe jene die form erhielt, in der sie überliefert ist. Bei Jornandes nämlich wird die tötung

der Sunilda dadurch erklärt, dass ihr mann von dem könige abgefallen

war.

Aber im Norden hat man sich die sache anders zurechtgelegt.

Svanhildr ist zu Ermanarichs frau geworden, und der grund, aus dem

sie getötet wird,

ist der,

dass sie selbst untreu gewesen ist oder der

untreue beschuldigt wird. Es besteht kein grund zu der annähme, dass

die nordische tradition die gotische erklärung, oder dass die gotische

tradition die nordische erklärung von Sunildas tod gekannt und durch

eine neue ersetzt habe.

Im gegenteil, beide erklärungen haben ihren

grund in der tatsache, dass es etwas zu erklären gab,

d. h. dass man

nicht wusste, warum Ermanarich Sunilda hatte ermorden lassen.

Die entwicklung der sage

muss

kurz nach den gewaltigen

ereignissen, als diese noch frisch im gedächtnis hafteten, angefangen

haben.

Aber zu der zeit wohnten die Goten noch am Schwarzen

Meere.

Es liegt daher auf der band, dass die sage von hier und nicht

aus Italien nach dem Norden gekommen ist.

Untersuchungen der letzten jähre, dass

vom

2.

Es

ist

ein resiütat der

bis tief in

das 4. Jahr-

hundert ein breiter culturstrom aus diesen landen durch Westrussland

nach der Ostsee, Norddeutschland und Skandinavien ging. Salin hat gezeigt, wie auf diesem wege die tieromamentik nach dem Norden

gekommen ist und

sich erst später aus den ländern an der Nieder-

elbe weiter südlich und westlich ausgebreitet hat. Im anschluss daran

hat Bugge für die runenschrift dieselben Verhältnisse wahrscheinlich

gemacht.

Den ausgangspunkt bildeten die damals von den Goten,

die nach Bugge auch die runenschrift gebildet haben, beherrschten

länder. Bis an die Ostsee wohnten nahe verwandte stamme, mit denen

die communicatiou leicht von statten ging.

Wie weit