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Wolfgang Cernoch

Zur Natur des Menschen als sittliches Wesen bei Bolzano


in der Wissenschaftslehre und in der Religionswissenschaft

a) Theologie und Logik

In der Spannung des § 144 der Wissenschaftslehre II und den §§ 19-20 und
§§ 33-35 in der Religionswissenschafts Bernard Bolzanos stellt sich die
Frage, ob es möglich ist, ohne Offenbarung den sittlichen Charakter des
Menschen als Wesensbestimmung zu behaupten.
In der Wissenschaftslehre scheint es für die Wahrheit von Sollenssätzen
auszureichen, daß das Satzsubjekt ein vernünftiges Wesen vorstellt.
Obwohl vom § 143 unterschieden, welcher allgemein Sätze, die eine
psychische Erscheinung aussagen, behandelt, und nach Vorstellung, Urteil,
Empfindung, Wünschen, Verlangen oder Begehren, Wollen und Handeln
oder Tun das gesamte Gebiet der Untersuchung einteilt, und in § 144 von
der allgemeinen Zweckhaftigkeit des Sollens noch das sittliche Sollen in
der Bolzanoischen Einteilung unterschieden werden soll, ist mit dieser
lexikalischen Trennung in § 144 das eigentliche Problem nicht einer
Behandlung zugeführt worden.
In der Religionswissenschaft wird die Klasse derjenigen Sätze, deren
Wahrheit gewünscht wird, dadurch zu der Klasse sittlicher Sätze
spezifiziert, indem die Rechtfertigung des Wunsches nach deren Wahrheit
in der sittlichen Natur des Menschen gefunden, und damit als wesentlich
charakterisiert werden soll. Dieser Versuch, das akzidentielle Begehren
vom wesentlichen Begehren zu unterscheiden, besitzt mehrere Probleme.
Erstens: Selbst wenn das Prinzip der Rückführung des Wunsches nach der
Wahrheit entsprechender Sätze auf das menschliche Wesen zwischen
richtiges und falsches Begehren diskriminieren könnte, wird die
eigentliche Fragestellung noch nicht berührt. Diese frägt nach der
Verschiedenheit eines richtigen leiblichen Begehrens, eines richtigen
seelischen Begehrens und eines richtigen religiösen Begehrens.
Zweitens: Es erhebt sich in der Religionswissenschaft Bolzanos (§ 19) die
Frage, inwieweit vor jeder Eröreterung, ob eine Rechtfertigung des
Wunsches nach Sittlichkeit dessen Inhalt schon wahr macht, mit der bloß
subjektiven Wahrhaftigkeit wirklich schon die Wesensbestimmung eines
vernünftigen Wesens geleistet worden ist. Und weiteres, ob selbst dann,
wenn es gelingen sollte, die Natur des Menschen als wesensmäßig sittlich
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aufzuzeigen, schon den Bestimmungen der Sittlichkeit über die bloße


Verpflichtung, solche zu suchen, hinaus, einen Inhalt zu geben, möglich
sei. Erst damit befindet man sich bei der Fragestellung, die sich Bolzano
vorgelegt haben muß, und an der Bolzano die ganze Untersuchung
festgemacht hat: Wenn die Sittlichkeit des menschlichen Wesens diesem
notwendigerweise entspringt, benötigt die Sittlichkeit die Religion nicht zu
ihrer Begründung. Welche Funktion hat aber dann die Religion für die
Sittlichkeit?
Bolzano verlangt nun von der Klasse der religiösen Sätze, daß sie erstens
mit der Durchschnittsmenge der sittlichen Sätze, welche kraft ihrer
wesensmäßigen Richtigkeit ihres Wunsches auch wahr sein sollen,
zweitens mit der Klasse der Sätze der Tugend und Glückseligkeit, welche
selbst Sätze sind, deren Wahrheit aufgrund der empirischen Glückseligkeit
gewollt wird, deckungsgleich sind; und zweitens nur jene Sätze der
Sittlichkeit wie die der Tugend und Glückseligkeit religiöse Sätze sein
sollen, die einen starken Einfluß auf unsere Sittlichkeit wie auf unsere
Tugend und Glückseligkeit haben.
Damit hat Bolzano auf die wichtigsten der oben gestellten Fragen eine
Antwort gegeben. Die wesensmäßige Richtigkeit sittlichen Sätze wird
offenbar anders bestimmt als die Sätze der Tugend und Glückseligkeit.
Letztere haben ihr wesentliches Motiv im Gefühlsleben, worauf die
empirische Glückseligkeit, die mit den Tugenden verknüpft sein soll,
verweist. Die sittlichen Sätze aber sind wegen ihrer wesensgemäßen
Richtigkeit für wahr zu halten, weshalb sie zu den Vernunfterkenntnissen
über die Natur des Menschen zu zählen sind. Bolzano versucht damit
einen völlig neuen Weg, den Schwierigkeiten, Gefühlsmoral und
Vernunftmoral als vereinbar zu denken, beizukommen. Bei Kant, dem
dieses Problem ebenfalls beschäftigt hat, wird die Gefühlsmoral auf die
Affizierbarkeit des empirischen Wesens von der sittlichen Idee (die
Möglichkeit eines obersten Sittengesetzes) reduziert. Nur diejenigen Sätze,
die sowohl zu der einen wie zu der anderen Klasse von Sätzen gehören,
sind Kanditaten für religiöse Sätze. Bolzano verlangt aber weiters noch ein
modales Argument: Sittliche Sätze, die mit Tugendsätzen und Sätzen der
empirischen Glückseligkeit zur Deckung gebracht werden können, sind
nur dann religiöse Sätze, wenn sie auf unsere Sittlichkeit und Tugend
einen starken Einfluß ausüben.
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Die Unterscheidbarkeit zwischen natürlicher Sittlichkeit und geoffenbarter


Sittlichkeit wird aber mit dem modalen Kriterium des starken Einflusses
noch nicht erreicht. Denn die Sätze der Sittlichkeit allein machen keinen
religiösen Satz aus, sowenig die Sätze der Tugend, deren Wahrheit noch
nicht einmal aufgrund der sittlichen Natur des Menschen gewünscht wird.
Ohne auf die Spannung eingehen zu können, welche hier zwischen zwei
nicht-christlichen Strategien der Sittlichkeits- und Tugendbestimmungen
als Bedingungen der Glückseligkeit besteht, zeichnet der Fortgang der
Überlegung Bolzanos in §§ 33-35, die Schwierigkeit nach, der rationalen
Verpflichtbarkeit zur Sittlichkeit einen positiven Inhalt zu geben. Bolzano
versucht, der Vernunft gegenüber Erfahrung, vernünftig erkennbaren
Sätzen, natürlicher Vernunftreligion und einer Offenbarungsreligion
jeweils eine Grenze zu bestimmen. Die größte Schwierigkeit liegt aber in
der Aufgabe, der Vernunft eine Grenze gegenüber der
Offenbarungsreligion zu bestimmen, da auch zur Wahrnehmung des
Zeugnisses des lebendigen Gottes Vernunft vorausgesetzt ist, um dieses
Zeugnis als solches zu erkennen, ohne daß deshalb dieses Zeugnis eine
Erfahrungstatsache der Vernunftsreligion sein könnte, selbst wenn der
Inhalt der Sätze für unser Verhalten die nämliche logische Konsequenz
häben sollte. Es geht hier um den Streit der Gnosis, und inwieweit sie
einen Platz in einer Offenbarungsreligion einnehmen kann, wie auch um
den Streit um die rationale Vernunftsreligion und inwieweit deren
Zweckmäßigkeit der Ideen Gottes zur Wesensbestimmung des Menschen
als sittliches Wesen ausreicht, uns positive Inhalte der Sittlichkeit zu geben.
Der Verlauf der Überlegungen Bolzanos in der Religionswissenschaft läßt
jedenfalls ernsthafte Zweifel zu, daß eine Bestimmung der Natur des
Menschen als sittliches Wesen auch nur zur abstrakten
Wesensbestimmung ausreicht, wie es immerhin gelingt, den Menschen als
ein zur Vernunft fähiges Wesen zu bestimmen. Obwohl Bolzano selbst mit
der Klasse der Sätze der Sittlichkeit eine solche natürliche Sittlichkeit,
welche rational erkennbar sei, angeführt hat, gelingt es nicht, die Grenzen
des Begriffs der Vernunft gegenüber einer Offenbarungsreligion
spezifisch zu bestimmen. Mit dem Fortschreiten der Untersuchung
vermehren sich die Schwierigkeiten: Die Klassen der Sätze der Tugend-
und die Klasse der Sätze der Gefühlsmoral und der Vernunftmoral sind
zwar unterscheidbar, aber nicht trennbar. Bolzano nimmt an, das es Sätze
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gibt, die die nämliche Aussage haben, obgleich die Herkunft der Sätze
verschieden ist, doch müssen diese Sätze demnach erstens partikulare
Sätze sein, und dürfen zweitens die Allgemeinheit ihrer jeweiligen Klassen
nicht verletzen. Damit sind aber nur Sätze zu bestimmen, die für eine
Vernunftreligion tauglich sind. Wie nun nochmals die Vernunftreligion
von einer Offenbarungsreligion zu unterscheiden sein könnte, gibt
Bolzanos Verfahren der Einteilung in Klassen von Sätzen nicht an. Die
Alternative, diesen Unterschied allein anhand der modalen Frage zu
entscheiden, also die Stärke des Einflusses der religiösen Sätze auf
Tugendsätze und sittliche Sätze heranzuziehen, besitzt den Nachteil, daß
bloßer Eifer in der Suche nach göttlichen Wahrheiten weder historische
Offenbarungsreligionen noch philosophisch erdachte Vernunftreligionen
voneinander zu unterscheiden erlaubt.

b) Die Grenze in der dialogischen Selbstoffenbarung des Menschen

Nun könnte gesagt werden, daß die Selbstoffenbarung des Menschen in


seiner dialogischen Wechselseitigkeit als Basis erster sittlicher
Verpflichtung sowohl in der Generationsabfolge wie in Wechselverhältnis
des sozialen Rollenspiels die nämliche Defizienz der Durchbestimmbarkeit
der Grenze der Vernunft besitzt, wie die Grenzziehung zwischen einer
philophischen Vernunftreligion und den Offenbarungsreligionen. Scheint
doch die Leichtigkeit der Überschreitung der Anerkenntnis des Anderen
der Schwierigkeit der Selbstüberschreitung in der hier mit
Selbstoffenbarung des Menschen implizierten dialogischen Öffnung
indirekt proportional zu sein. Die Selbstoffenbarung beschreibt die
scheinbare Spontaneität der Einsicht, die der wechselseitigen
Selbstüberschreitung folgt. Zur Selbstüberschreitung zum Anderen hin ist
nur das aus den Voraussetzung des Anderen zu erreichenden Verstehens
des Anderen Bedingung.
Hingegen ist die Selbstüberschreitung im dialogischen Horizont mit einem
Täter, die erstens den Geschädigten, bzw. das Opfer als Dritten (der man
auch selbst sein kann) aus Acht läßt, ein Hinweis darauf, daß die
Selbstoffenbarung des Menschen im dialogischen Verhältnis in
Situationen gerät, die nach einer weiteren Richtlinie verlangt. Diese kann
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aus der kollektiven oder vernunftgemäßen historischen Erfahrung


gewonnen werden, also auch in eine Vernunftreligion gipfeln, oder in
einer Offenbarungsreligion gefordert werden.
Die Wechselseitigkeit der Anerkenntnis ist also positiv nur als möglich zu
fordern, und nur negativ notwendigerweise gegeben; nämlich nur als ein
zu überlistender Anderer, worin die ganze Anerkenntnis, welcher
notwendigerweise gefordert werden kann, schon beschlossen liegt. Darin
ist zwar auch die Freiheit des Individuums miteingeschlossen, welche ideal
als Basis der Sittlichkeit gehandelt wird, doch eben nicht die Sittlichkeit
selbst. Damit kommt noch die philosophisch erdachte Vernunftreligion zu
Schanden, geschweige denn, daß damit ein Kriterium zwischen
Vernunftreligion und Offenbarungsreligion gefunden werden könnte.
Gerade im Begriff des auf ein der Vernunft fähiges Tieres eingeschränkten
Gattungswesen, welches zwar Zivilisation, aber keine Kultur als Moralität
besitzt, zeigt sich die Problematik der natürlichen Sittlichkeit. Die
Selbstoffenbarung des Menschen im dialogischen Verhältnis entlarvt sich
als Sentimentalität, soll sie als Bestimmungsgrundlage der Gattungsnatur
ausgegeben werden. Es bedarf also einer weiteren Grundlegung, um der
Selbstoffenbarung des Menschen zumindest das Niveau der Gnosis in all
ihrer Problematik zur Offenbarung eines von sich selbst Zeugnis
ablegenden Gottes erreichen zu lassen.
Worin diese andere Art von Offenbarung liegen könnte als selbst in einer
geschichtlichen, worin der Mensch sich als empirisches Gattungswesen
erfahren kann, ist nun die erste Frage. Womit diese historische
Fragestellung eine bloß formale Wertethik von materialen Wertethik
unterscheiden könnte, die zweite, und hier ganz besonders
interessierende Frage. Einstweilen muß die Beobachtung genügen, daß die
Selbstüberschreitung nicht nur das Individuum betrifft, es muß auch der
Horizont der sozialen Gruppe überschritten werden, in welcher
individuelle Selbstüberschreitung in dialogischen Verhältnissen möglich
ist. Diese verlangte weitere Überschreitung soll einerseits kollektive sein,
weil nun die eine Gruppe sich in die andere Gruppe hinein überschreiten
soll und vice versa. Andererseits setzt aber diese Kollektivität bereits die
Fähigkeit zur Abstraktion und Verallgemeinerung bereits voraus.
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Die wechselweise, selbst unterscheidbar bleibende Einsicht in eine


gemeinsame Einsicht im Idealfall eines gelungenen dialogischen
Verhältnisses, die spontan zu geschehen scheint, entspricht noch der
Erweiterung des Sozialwesens unseres Naturwesens in den ersten Stufen
der Kulturation. Das Hervortreten der Idee, daß das gelungene
dialogische Verhältnis und deren wechselseitige Selbstüberschreitung
etwas allgemeines über den Menschen als Individuum aussagt, erscheint
im Rückblick als Grundlage der nächsten Selbstüberschreitung, die
kollektive ist, aber ist nicht mehr auf die Erfahrung im gelungenen
dialogischen Verhältnis rückführbar, sondern setzt bereits eine abstrakte
Erkenntnis über den Menschen als Sozialwesen voraus.
Diese Einsicht hat ihre Ursprünge im Dialogischen, benötigt aber die
Herausforderung, das Naturverhältnis zwischen den verschiedenen
Gruppen zu beenden. Damit verläßt die Bestimmung des Gattungswesens
des Menschen die Abschnitte des Naturwesens und Sozialwesens, und
deren Möglichkeiten, ein Kulturwesen zu besitzen, und bestimmt das
Kulturwesen zunehmend in Hinblick auf die Zivilisierbarkeit des
Gattungsweesens.
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