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DAS PAULINISCHE, WORTSPIEL MIT κριν-

NORBERT BAUMERT, SJ

In 1Kor 11 verwendet Paulus in sechs Versen (11,29-34) siebenmal ein Derivat der Wurzel krin-, und keineswegs immer in demselben Sinn. Auch anderswo liebt er Wortspiele mit diesem Wortstamm, z.B. in Röm 2,1-3,8 oder Röm 14. Die Lexika bringen eine breite Bedeutungsskala, doch ist zu fragen, ob sie vollständig ist und immer zutreffend angewandt wird. Der folgende Beitrag zeigt einige bisher nicht beachtete Nuancen für Paulus auf. Nach einer kurzen Reflexion über die semantische Struktur (1) folgt eine Diskussion über ‚diakri/nomai = zweifeln (?)’ (2), über a)nakri/nein und andere Komposita (3), dann eine Auflistung und Zuordnung aller Bedeutungsnuancen in der Paulinischen Verwendung dieser Wortfamilie (4), so daß schließlich manche seiner Wortspiele in neuem Licht erscheinen (5).

1. Die Wortfamilie in ihren Ableitungen und Beziehungen

1.1. Bedeutungskategorien: Als Grundbedeutung von kri/nein gibt

Büchsel wohl zu Recht an (ThWNT III 921 1 ; ähnlich Schmidt 1889, 61):

a. „ Sondern, sichten”, was „bei Homer noch nachweisbar” ist. Es ist ,,wurzelverwandt mit dem lateinischen cerno”. Daraus entwickeln sich:

b. „Aussondern” positiv: wählen, „auswählen”, bevorzugen, vorziehen.

c. „Aussondern” negativ: ausscheiden, trennen (MG I.1).

d. Scheiden, „entscheiden”; Medium: sich messen mit (MG III.3).

e. (Mit Erfolg scheiden:) klären, klarmachen (Schmidt 1889, 61); (einen Kampf) gewinnen (LSJ II.2.c), (Streit) schlichten, beilegen (Passow 4a:

auch Krankheiten), ordnen (MG I.1.a).

f. Untersuchen; (er)forschen jemanden/ etwas in sich gesehen) (Passow); die Rücksicht auf ‚scheiden’ von ,zwei oder mehreren’ tritt zurück.

g. Fragen, befragen (jemanden; LSJ III.1: in der Tragödie).

h. Prüfen (auf einen präsumierten Wert/ auf Echtheit hin), (Schmidt 1876, 358, 2x); (im Präteritum:) bestätigen (LSJ II.1).

i. (Das führt zu:) „meinen, halten für”, glauben (MG I.2.b), „sich eine Meinung bilden”.

1 Anführungszeichen in der folgenden Auflistung markieren Zitate von Büchsel. In Klammern Handbücher (s.u. Lit.), welche die genannte Bedeutung anführen.

Filología Neotestamentaria - Vol. XV - 2002, pp. 19-64 Facultad de Filosofía y Letras - Universidad de Córdoba (España)

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j. „Auslegen” (von e her); deuten (Med.: für sich) z.B. Traum (MG II.2).

k. „Beschließen, bestimmen”; sich entschließen (auf ein Tun gerichtet).

l. „Urteilen” (auf ein Objekt gerichtet), jemanden/ etwas „be-urteilen”, bewerten (inhaltlich), ein Urteil fällen über (Schmidt 1876, 357).

m. Für wert erachten, als gut beurteilen, billigen (MG 1.d); (Ergebnis des Urteilens positiv).

n. „Schätzen”, wertschätzen (eine Folge von letzterem).

o. Richten = „regieren” (nur biblisch belegt).

p. „Miteinander rechten, streiten (Medium)”; im Rechtsstreit liegen.

q. „Anklagen” (Passow; LSJ III.2; MG 3.b); (mit negativer Präsumtion).

r. „Sich Recht sprechen lassen (Medium)”, sich Recht zu verschaffen suchen (mit positiver Präsumtion).

s. Gerichtlich untersuchen; verhören (LSJ I.1; II.2; MG 3.c).

t. Überführen, als schuldig erweisen (Ergebnis des Untersuchens nega- tiv).

u. „Richten”; über Personen befinden (privat oder offiziell).

v. Jemandem etw. durch Richterspruch zuerkennen, gewähren (Pas- sow).

w. „Dem Bedrängten Rettung, Heil schaffen” (positiv; biblisch; vgl. y).

x. Ver-urteilen, ,kritisieren’; schuldig sprechen (negativ zu v.) (MG 3.d).

y. Zu einer Strafe verurteilen; verwerfen, ‚verdammen’ (Schmidt 357).

z. Ein Urteil vollstrecken; bestrafen, züchtigen (eine Folge von letzterem; BDAG 5ba: „which follows the Divine Judge’s verdict: condemn, pun- ish”).

1.2. Die Komposita sug- und dia-, a)na- und kata-kri/nw (zwei

oppositionelle Paare, daher deutlich unterschieden) sowie e)gkri/nw verstärken oft ein Element, das im Grundwort schon enthalten (so auch Robertson 828; Dautzenberg, EWNT I 733), aber durch das Präfix deutli- cher hervorgehoben ist, fügen aber auch neue Aspekte hinzu. Bei sugkri/* nw „1. zusammen=setzen, =fügen, verbinden” (MG) fällt auf, daß dies eine contradictio wäre, wenn kri/nein nur ‚scheiden’ hieße (,zusammen- trennen’?); die Wurzel ‚sondern, sichten’ muß also das Element ‚fügen’ enthalten, so daß man sozusagen auseinander- und zusammen-,fügen’

(,ordnen’) kann. Sonst könnte man ein solches Kompositum nicht bilden. - u9pokri/nesqai „dabei klarmachen/ offenbaren” (Schmidt 1889,61), ähn- lich a)pokri/nesqai.

1.3. Bei den Substantiva kann man damit rechnen, daß sie zu den ver-

schiedenen Bedeutungsnuancen hin, die wir vom Verb her kennen, offen sind, ohne daß damit volle Deckungsgleichheit postuliert werden soll. Die Sprache ist etwas Lebendiges und kann im Zuge der Notwendigkeiten

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und Gegebenheiten des Lebens unterschiedliche Nuancen entfalten, wie neue Äste und Zweige an dem aus der ‚Wurzel’ erwachsenden Baum. –kri/sij, von Hause her ein nomen actionis, kann neben dem Vorgang

des „Scheidens etc.” in vielfacher Weise auch Ergebnisse dessen bezeich- nen (nomen rei actae).

kri/ma hingegen, zunächst den Inhalt oder das Ergebnis des kri/nein

bezeichnend, z.B. Streitfall, Urteilsspruch, kann in der Koine auch, wie ein nomen actionis, ,Rechtshändel, Gericht’ bedeuten.

kata/krima ist bei MG kurzerhand „= kata/krisij”: also „Ver-urtei- lung” etc., ob Vorgang oder Ergebnis. su/gkrisij, „a) Zusammen=setzung etc., Komposition; b) Verglei- chung” (MG), kann auch Deutung’ heißen, ähnlich:

dia/krisij, neben ,,Trennung, Unterscheidung” (MG), Abgrenzung,

auch „Auslegung” (Passow), ‚Deutung, Anwendung’ (Näheres s. 3.2 und

5.2).

1.4 Die semantischen Übergänge sind beim Verb wie bei den Substantiva fließend, da die deutschen Einteilungen ohnehin nur Annäherungswerte sind, um das zu erfassen, was in dem griechischen Wort als Möglichkeit enthalten ist. In der Tat „erschwert manchmal der Nuancenreichtum ( ) die eindeutige Zuordnung des Wortsinnes” (Dautzenberg, EWNT I 733). Büchsel bemerkt abschließend (ThWNT III 921): „Das Wort, das am häufigsten in der Rechtssprache vorkommt, gehört also dieser weder allein noch ursprünglich an.” Das ermutigt dazu, nicht auf ,richten’ fixiert zu bleiben sowie ungewohnte und seltenere, aber von der Wurzel her ver- ständliche Nuancen wie ‚wählen, wertschätzen’ oder bei diakri/nesqai ‚sich distanzieren, abfallen, abweichen’ ernst zu nehmen und diese nicht etwa als sonderbar zu verdächtigen.

2. Diakri/nomai = zweifeln?

“Da das Simplex kri/nw schon: trennen, sondern bedeutet, ist dia- kri/nw: auseinander sondern ursprünglich nur ein verstärktes kri/nw (vgl. dis-cerno). Viel gebraucht, hat das Wort mancherlei Bedeutungen angenommen.” (Büchsel, ThWNT III 948) Uns interessiert zunächst das Medium, das neben „kämpfen”/ streiten (Apg 11,2; Jud 9 ,wohl von sich auseinandersetzen mit’) auch „zweifeln” heißen soll - was aber „nicht vor dem NT nachweisbar” sei (Büchsel ebd.). Diese Tatsache sowie die langen Ausführungen bei Dautzenberg (EWNT I 734f), daß sich zu dieser Bedeu- tung hin keine „einheitliche Entwicklung” aufweisen lasse und daß in den angeführten Belegen „die Akzentuierungen auch dann noch unterschied-

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lich” seien, lassen es berechtigt erscheinen, nach einem anderen Lösungs- vorschlag zu suchen. Dabei wird die scheinbare Gemeinsamkeit zwischen den für ,zweifeln’ angeführten Belegen noch mehr schwinden, weil diese Übersetzung nun aus unterschiedlichen Gründen zurückzuweisen ist.

2.1 Röm 14,23: Im Kontext ist zu beachten, daß dia\ prosko/mmatoj

e)sqi/ein in V 20c ,unter Antoß-geben essen’ heißt (so auch EÜ). Pi/stij besagt in V 22 zwar ‚Überzeugung’ (EÜ), in V 23 aber, in einer traduc- tio (beabsichtigte Sinnverschiebung gegenüber V 22), beide Male die Vertrauensbeziehung (scil. zu dem Bruder, der das sieht und evtl. nicht versteht): „im Einvernehmen” (MG s.v. 1), in Einklang mit ihm’ (= ‚nicht unter Anstoßgeben’ V 20c/21). 2 Das aktive kri/nwn in V 22b jedoch mit dem Reflexivum (der Essende im Blick auf sich selbst, vgl. 14,5c) wird durch ein passivisches diakrino/menoj in V 23a aufgegriffen: der kritisiert/ verurteilt wird (nämlich von dem „Bruder”, der das nicht für recht hält) und wegen dieses ‚Anstoßgebens’ von Gott katake/kritai. Also V 22bf:

Glücklich, wer nicht sich selbst verurteilt (kritisiert) in dem, was er prüft. Wer aber kritisiert wird, (der) ist, wenn er ißt, verworfen/ ver- dammt, weil nicht in Einvernehmen (Trauen). Und alles, was nicht in Einvernehmen (getan wird), ist Sünde. Somit ist hier nicht von „zwei- feln” (des Schwachen) die Rede, was ja entweder ein neues Thema bringen würde, indem es von einem dritten Fall handelte oder offen ließe, ob nun der Zuschauende schließlich ebenfalls ißt oder der „Essende” plötzlich unsicher würde. Doch wenn es hieße: „Wer aber Skrupel empfindet, wenn er ißt, der ist verurteilt” (Dautzenberg, EWNT I 735), würde Paulus ge- rade den „Schwachen” (den er doch schützen will) unter einen massiven Druck setzen, was nicht zum Kontext und insgesamt nicht zu Paulus paßt. Darüber hinaus entfallen noch sehr viele andere Probleme, welche den Text überforderten (vgl. die Kommentare).

2.2 Röm 4,20: Das Oppositum pi/stij scheint hier nahezulegen: „Er

zweifelte nicht im Unglauben an der Verheißung Gottes” (EÜ). Aber ist

2 Die z.T. ungewohnten Übersetzungen stehen im Zusammenhang einer veränderten Gesamtsicht der Paulusbriefe, wofür die vorliegende Studie wiederum ein Baustein ist. Für hier mag es genügen, daß der vorgelegte Sinn wenigstens sprachlich möglich erscheint. Soweit vorhanden, wird zur Begründung auf andere Teilarbeiten verwiesen. Anderes steht noch aus, u.a. in mehreren Dissertationen, die noch in Arbeit sind. So muß z.B. eine eingehende Begründung für die hier und im folgenden mehrfach auftretende Interpretation von pi/stij (Trauen etc.) und Derivaten anderswo erfolgen; vgl. inzwischen die Sachregister in Baumert, Atf; ders., ChTG; ders., Studien. - Den Textzusammenhang von Röm 14 siehe unten 5.2, und beachte Anm. 32.

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nicht Unglaube mehr als Zweifel? Und heißt diakri/nesqai ei)j ,zweifeln an’? Die passivische Form heißt häufig „sich trennen, abfallen” (Passow; MG II.2 - also = Medium, vgl. u. 5.1 Anm. 21; LSJ I.1.b), oder auch ,sich abgrenzen, distanzieren’. Da in V 16f betont wird, daß Abraham ,,vor Gott”, an dem er als an einem Totenerwecker festhielt, Vater von uns allen ist, liegt es nahe, daß ou) diekri/qh betont, er habe diese Verbindung nicht aufgegeben, sich nicht von ihm trennen lassen durch Unglauben/ Mißtrauen o. ä. Nun passen die beiden Begriffe zusammen; und ei)j be- sagt: „im Hinblick auf Gottes Verheißung” (Dautzenberg, EWNT I 735). „Zweifel” dagegen wäre ein schwächerer Kontrast, zu dem a)pisti/a| nicht recht paßt. Da sich, wie wir sehen werden, auch sonst kein Beleg für ,zweifeln’ findet, hat es bei Paulus keine Chance mehr. Also diakri/nesqai hier = ,sich trennen, abfallen’. 3 Der Text Röm 4,16-22 im Zusammenhang: 4.16d Er ist Vater von uns allen (Glaubenden, auch aus den Völkern) 17 - wie geschrieben steht: „Als Vater vieler Völker habe ich dich gesetzt” - vor dem Gott (ist er unser aller Vater), auf den er traute als auf den, der die Toten lebendig macht (der dem „Erstorbenen” einen Sohn/ viele Söhne schenkt, „so zahlreich wie die Sterne”, Gen 15,5; der auferweckt) und das Nicht-Seiende als Seiendes ruft. 18 Er hat wider Erwarten (pare)lpi/da, entgegen den menschlichen Aussichten) voll Erwartung (epe)lpi/di, auf die Weise von geistlicher Hoffnung auf Gott) getraut, so daß er Vater vieler Volker geworden ist nach dem Schriftwort: „So (zahlreich) wird dein Same

3 Um die Sinnhaftigkeit der Interpretation eines Wortes zu erweisen, ist es hilfreich, den fraglichen Ausdruck im Sinngefüge seines Kontextes vorzustellen. Da wir jedoch hier nicht den Raum für einen längeren Kommentar haben, werden dem fett gedruckten Text Interpretationshilfen (in Klammern) eingefügt, welche bestimmte, für unsere Frage wichtige Sinnlinien hervorheben, z.B. dadurch, daß auf Kontextbezüge hingewiesen wird oder daß ein Wort durch zwei oder drei deutsche Wörter wiedergegeben wird, die gelegentlich durch Schrägstrich „/” an- einandergereiht sind. Dies trägt der Tatsache Rechnung, daß fast nie ein Wort der einen Sprache völlig deckungsgleich ist mit dem einer anderen, und daß je nach Gebrauch auch in der Ursprache bestimmte Nuancen im Vordergrund stehen, die in der Übersetzung durch mehrere sinnverwandte Ausdrücke verdeutlicht werden können. Auch die gelegentlich etwas eigenwilligen deutschen Ausdrücke (manch- mal ,apostrophiert’) sind ein Versuch, in unserer Sprache das ins Wort zu bringen, was im Urtext enthalten sein dürfte; so z.B. in dem nun folgenden Text in V 18a e)pe)lpi/di = ,hoffnungshaft’. Ferner (vgl. nochmals Anm. 2) steht in V 18b ei)j to/ mit Aci konsekutiv (FN XII 1998, 11; auch in Studien 166); in V 19 gehört th|=pi/stei zu kateno/hsen; denn man wird zwar „durch das Trauen stark” (V 20b), aber nicht durch oder in Bezug auf das Trauen schwach’ (vgl. u. 5.2 zu Röm 14,1). Vielmehr betont V 19, daß Abraham ,seinen erstorbenen Leib etc. mit Gottvertrauen be- trachtete’. Und im Kontrast zu dieser Sinnlinie ist nun ou) diekri/qh th|=a)pisti/a| zu lesen. - Ähnlich a)posth=nai in Hebr 3,12.

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sein”, 19 und hat, ohne schwach geworden zu sein (ohne nachzulassen),

mit dem Trauen (in der Haltung des Glaubens; dat. soc.) betrachtet seinen eigenen erstorbenen Leib, der etwa hundert Jahre alt war, sowie das

20 in Hinsicht nun auf die Verheißung

Gottes ist er nicht abgefallen aufgrund des Mißtrauens (ou) diekri/qh

th|=a)pisti/a| - ließ er sich nicht, verursacht durch den Unglauben < dat. causae >, trennen von dem, der die Verheißung gegeben hat, distanzierte sich nicht von ihm und seiner Verheißung), sondern ist stark geworden (vgl. V 19a; wegen) aufgrund des Trauens (des Prinzips/ der Katego- rie von Verläßlichkeit, nämlich seiner Verheißung, und sich-Verlassen,

nämlich auf die Verheißung), da er Gott die Ehre gab

war (plhroforhqei/j), daß er, was er verheißen hat, auch in der Lage ist zu tun (so ist Abraham bei ihm geblieben, hielt an ihm fest). 22 Darum (in der Tat) „wurde es ihm als Gerechtigkeit angerechnet”. So weit Paulus. Doch scheinen die Synoptiker Belege für zweifeln’ zu bieten. Aber wieder steht diakri/nesqai zunächst in Spannung zu pi/stij, was uns nun hellhörig macht.

21 und überzeugt

Erstorbensein der Mutter Sara;

2.3 Mk 11, 23: Angesichts der Zeichenhandlung am verdorrten Feigen- baum sagt Jesus (11,22): Habt Zuverlässigkeit Gottes (e!xete pi/stin qeou=, Festigkeit/ Sicherheit von der Art Gottes, auch Wahrhaftigkeit als Übereinstimmung von Wort und Gesinnung und insofern ,Identität’). Darauf fügt er hinzu: Amen, 4 ich sage euch: wer immer zu diesem Berg sagt: ,Hebe dich und wirf dich ins Meer’, und nicht abweicht (von diesem äußeren Wort - mh\ diakriqh|=- scil.) in seinem Herzen, sondern (im Herzen, also innerlich fest) überzeugt ist (pisteu/h|, fest und sicher ist), daß, was er (scil. mit dem Munde) sagt, geschieht (wenn er also ganz dahintersteht, vgl. Röm 10,8-11) - es wird ihm sein (ihm gehören; zu letzterem s.u. 2.6 zu Mk 11,24). Wie bei dem Fluch Jesu über den Feigenbaum (Mk 11,14) handelt es sich auch bei dem Spruch ,hebe dich hinweg’ nicht um ein vertrauensvolles Gebet zu Gott (trotz des proseu/* xesqe in 11,24, s. u. 2.6), sondern um autoritatives Reden zu dem Berg (selbstverständlich: in Gottes Autorität und in Einheit mit ihm - das meint ja gerade pi/stij qeou=). Pi/stij und pisteu/ein bezeichnen hier also nicht ,vertrauen oder glauben an Gott’ im Sinne der persönlichen Beziehung, sondern ein Gesamt-Verhalten im Umgang mit der Welt, das von göttlicher Art ist, nämlich einerseits göttliche Zuverlässigkeit (V 22:

pi/stin), andererseits ein durch und durch Überzeugtsein (V 23: pisteu/h|),

4 Das hebräische Grundwort für das griechische pi/stij, und zwar im Sinn von Zuverlässigkeit, Festigkeit, Sicherheit, Wahrhaftigkeit: Mit Bestimmtheit sage ich euch’.

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also ein sicheres Verhalten, das nicht sich entfernt/ abweicht oder abfällt von der in dem gesprochenen Wort ausgedrückten Überzeugung. Erst dann kann man sekundär darauf hinweisen, daß dies nicht ein willkür- lich magisches Reden sein kann, wodurch man etwas erzwingen könnte, sondern nur eines, das von Gott eingegeben ist - sonst wäre es ja nicht pi/stij qeou=. Zielpunkt der Düngerbelehrung ist also, daß sie, wenn sie von Gott ein (prophetisches) Wort bekommen, nicht in ihrem Herzen sich davon distanzieren sollen. Denn dann verliert es seine Kraft. Freilich liegt der Sache nach eine solche Distanzierung nahe an ,zwei-

feln’. Aber woran würde man zweifeln? Bei „

nicht zweifelt, daß geschieht, was er sagt” (EÜ) wäre damit nicht etwa direkt ein Zweifel an Gott angesprochen, sondern eine Unsicherheit, ob es geschieht, in deren Hintergrund dann der Zweifel an Gottes Macht o.ä. stehen mag. Aber strenggenommen ist das Verb bezogen auf das ,Geschehen’. Wir haben also nicht etwa das Begriffspaar ,glauben an Gott - zweifeln an Gott’, sondern bei der üblichen Auffassung ,glauben an Gott (V 22) - glauben, nicht zweifeln, daß geschieht (was ich sage)’ - also ein ungleiches Paar. Bei unserer Gesamtdeutung hingegen stehen gegen- über: ,Zuverlässigkeit Gottes - fest überzeugt sein, nicht abweichen von der im Wort empfangenen und ausgedrückten Überzeugung’; ,an seiner eigenen Überzeugung zweifeln’ würde dann nicht passen. Vor allem aber:

wenn er in seinem Herzen

diakri/nesqai bezeichnet eben semantisch die Distanzierung oder Ab- weichung, und solange dies ausreicht, ist man nicht berechtigt, eine neue, sonst nicht belegte Nuance zu postulieren. Andererseits führt Schenkl’s Deutsch-Griechisches Wörterbuch unter „zweifeln” u.a. an: plana=sqai,

mete/wroj e!xein, dista/zein peri/ tinoj, e)ndoia/zein peri// u(pe/r tinoj,

, aber nicht diakri/nesqai! Zweifeln drückt also meist eine Unsicherheit, ein ,Hin und Her’ (zwischen ,zwei’) aus, wofür es bei diakri/nesqai, keine Hinweise gibt auch in unseren neutestamentlichen „Belegen” einschließ- lich Jak 1,6 nicht (s.u. 2.7).

a)mfignoei=n, dixognwmei=n, a)porei=n, diaporei=n, etc.,

a)mfisbhtei=n

2.4 Mt 21, 21: Diese synoptische Parallele zu Mk 11,23 5 spricht nicht (mehr) von der pi/stij qeou=und von e)n kardi/a|, sondern sagt nur: e)a\n e!xhte pi/stin kai\ mh\ diakriqh=te. Die Differenz zwischen Wort und Herz ist also nicht (mehr) thematisiert. Aber auch hier geht es nicht um Gebet, sondern um eine ,feste Überzeugung’, von der man ,sich nicht distanzie- ren/ von der man nicht abweichen’ soll. Im Grunde ist mh\ diakriqh=te nur

5 Zu 2.4-6 wird man anhand einer Synopse leicht die verschiedenen Positio- nierungen und Verknüpfungen der Logien beobachten können.

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eine Verstärkung von e)a\n pi/stin e!xhte, und es hängt wieder davon ab, ob hier von „Glaube” (EÜ) die Rede ist, scil. an Gott, und dementsprechend dann vielleicht von (Glaubens-) Zweifel, oder ob nicht auch hier pi/stij die feste Überzeugung meint. Wie das Verdorren des Feigenbaumes Aus- gangspunkt ist, so meint auch to\ th=j su/khj poih/sete (V 21d) die Über- zeugung beim Aussprechen eines Wortes und dessen Erfüllung, was dann in V 21e ausdrücklich genannt wird (a@n ei!phte). Sonst käme ein unaus- gesprochener Objektswechsel und damit eine Spannung in die Aussage:

,mit Glauben an Gott - sprechen zu dem Berg. Müßte das nicht irgendwie angedeutet sein? Bei ,mit fester Überzeugung zu dem Berg sagen’ hingegen liegt beides in der gleichen Richtung. Von der Beziehung zu Gott ist erst in V 22 die Rede, und zwar unter anderen Begriffen, nämlich ai)tei=n und proseu/xesqai, nicht pisteu/ontej (vgl. u. 2.6). Hier dagegen wird betont, daß man etwas Bestimmtes „tut” (to\ th=j su/khj poih/sete etc.). Dazu braucht es unverrückbare Festigkeit und Sicherheit in der Überzeugung - pi/stin -, die der Mensch freilich nur haben kann, wenn sie ihm von Gott gegeben ist, mit der er sich aber dann identifizieren muß; also: „wenn ihr nicht abweicht”. Das Oppositum ist dann Unsicherheit im Tun, nicht ein Infragestellen eines Gegenüber, etwa ,Zweifel an Gott’.

2.5 Mt 17,20 und Lk 17,6: Das wird bestätigt durch die anderen beiden Fassungen des ,Berg-Logions’ : „Wenn ihr eine feste Überzeugung (pi/stin) habt wie ein Senfkorn, werdet ihr zu diesem Berg sprechen: ,rücke hin- über von da nach dort’, und er wird hinüberrücken; und nichts wird euch unmöglich sein” (Mt 17,20). Das ,Senfkorn’ dient zur Bezeichnung der Art. Sein Fehlen bedeutet nicht Zweifel, sondern wäre a)pisti/a, was hier wohl mit ,Kleinmütigkeit’ zu übersetzen ist. Auch ein kleines Quantum, was im Bild mitgemeint sein kann, bleibt immer noch Zuverlässigkeit/ Festigkeit und wird nicht etwa zu ,Kleinglauben’ (= wenig Glauben), der dann die Gefahr des ,Zweifels’ mit sich brächte. Und das Gleiche gilt für Lk 17,6. 6

6 Das separat stehende parallele Logion, Lk 17,6, meint in Antwort auf die Bitte der Jünger ,pro/sqej h(mi=n pi/stin = füge uns hinzu Zuverlässigkeit/ feste Überzeugung/Sicherheit’: „der Maulbeerbaum würde euch gehorchen”, und zwar „wenn ihr Zuverlässigkeit/ Festigkeit/ Autorität wie ein Senfkorn habt”. Auch hier geht es um (göttliche) Autorität im Umgang mit der Welt, nicht eigentlich um die Gottesbeziehung (,Glauben’). Was aber ihren Wunsch nach ,mehr’ betrifft, so verweist Jesus sie auf sich selbst zurück: sie sollen mit dem wenigen, was sie haben, umgehen. Nicht auf die Größe kommt es an, sondern auf die Qualität: wenn ihr nur pi/stij / Überzeugung von der Art habt, dann birgt sie solche Entfaltungs- möglichkeiten in sich (Lk 13,19). Also arbeitet mit dem, was ihr habt, dann wird es wachsen und wirksam werden.

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Aber, so könnte man entgegnen: Das Logion wird, nachdem Jesus den Dämon aus dem Knaben ausgetrieben hat, in Mt 17,20 damit eingeleitet, daß sie ihn nicht austreiben konnten wegen ihrer o)ligopisti/a. Dieses nur im NT belegte Wort wird stets mit „Kleinglaube” wiedergegeben. Aber geschieht das zu Recht? Wenn in Zusammenhang mit pi/stij vom Senfkorn die Rede ist, dann ist das positiv gemeint, im Sinne eines dynamischen Wachstumsträgers, während Kleinglaube einen Mangel, ein Fehlen besagt. So ist hier nur zu fragen: Ihr konntet ihn nicht austrei- ben - wegen des Fehlens von ,Glauben an Gott’ oder wegen ,Fehlen von Zuverlässigkeit/ Überzeugung/ Festigkeit’ im Umgang mit dem Dämon? Eine pi/stij wie ein Senfkorn hätte sich unter dieser Anforderung ent- faltet! Das ,zu wenig’ in o)lig- hingegen ist nicht etwa eine Parallele zu der Kleinheit des Senfkorns (als ob die Jünger weniger Glauben als ein Senfkorn hätten = nicht einmal so viel), sondern bezeichnet einen Mangel, praktisch das Fehlen einer bestimmten Qualität, und zwar daß von der ,festen Überzeugung’ nichts da ist, also Kleinmut. 7 Im übrigen wird dadurch klarer: dieses Senfkorn, nämlich für ein solches Wort, kann nur ein jeweils aktuelles Geschenk sein, 8 während ,Glaube’ doch etwas Permanentes sein muß.

2.6 Bleibt noch der Nachsatz, Mk 11,24 par. Dia\ tou=to le/gw u(mi=n, pa/nta o3sa proseu/xesqe kai\ ai)tei=sqe, pisteu/ete o#ti e)la/bete, kai\ e!stai u(mi=n. Erst jetzt ist von „beten und bitten” die Rede, also von einem anderen Thema! Man könnte entgegnen: aber es ist doch mit dia\ tou=to an den vorherigen Satz angeschlossen, also muß es um das Gleiche gehen (Mt 21,32 steht kai\). Doch die Gleichheit bezieht sich darauf, daß man in beiden Fällen überzeugt sein soll (pisteu/ein), nicht jedoch, daß es sich um den gleichen Fall handele; denn nun geht es um ein Sprechen im Gebet zu Gott, nicht um ein autoritatives Wort über eine Sache oder

7 Und das ist Mangel an Überzeugtsein. Anders beim Adjektiv, das eher ,klein- gläubig’ heißt und faktisch für mißtrauisch oder ungläubig steht. Wenn Jesus in Mt 14,31 zu dem sinkenden Petrus sagt: o)ligo/piste, ei)j ti/ e)di/stasaj; - in Bezug worauf hast du gezweifelt?, so steht eben dort nicht diakri/nomai, sondern ein anderes Wort, das in der Tat ,zweifeln’ heißt. - NB: Wie pi/stij Vertrauen oder Überzeugung heißen kann, so muß doch auch das Kompositum o)ligopist- beide Möglichkeiten haben: Mangel an Glauben oder an Überzeugung.

8 Vgl. 1Kor 12,9; 13,2!; pi/stij muß auch hier im Sinne von ,feste Überzeugung/ Verläßlichkeit’ stehen, und zwar in einem konkreten Wort, das jemandem gegeben wird (!), ob Zusage oder Gebet (vgl. Mk 11,23 und 24), ähnlich wie pi/stij qeou=; das Jesuswort scheint schon zum geflügelten Wort geworden zu sein.

9 Die unterschiedliche Positionierung dieses Satzes bei den Synoptikern läßt vermuten, daß es sich wohl um zwei ursprünglich selbständige Logien handelt, die bei Mk 11,23f par durch pisteu/ein verknüpft sind, während das erste in Mt

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Situation. 9 So sagt pisteu/ete o#ti e)la/bete nicht etwa ,glaubt an Gott’ (daß ihr empfangen werdet), sondern „seid überzeugt, daß ihr empfangen habt” (Aorist). So bleibt das Verb hier in der Linie der pi/stij (qeou=) von 11,22f; denn es bezeichnet eine Haltung, die erst nach Vortragen der Bitte einsetzt (während das Vertrauen zu Gott die Grundlage der Bitte sein müßte). Pisteu/ete meint dann hier die innere Ruhe und Sicherheit / Überzeugung, die nach dem Gebet das Anliegen bei Gott gut aufge- hoben weiß und nicht um die Erfüllung bangt, sondern gewiß ist, daß Gott antwortet: Seid überzeugt, daß ihr erhalten habt - auch wenn ihr das Empfangene (noch) nicht seht. Das sachliche Problem ist, daß der Mensch oft nicht genau das be- kommt, was er erbeten hat; aber Jesus will - prononciert - unterstreichen:

„Hinsichtlich allem, was ihr erbetet und bittet, seid überzeugt, daß ihr (es) erhalten habt, und es wird euer sein” (nämlich das, was ihr empfangen habt). Es wird nicht gesagt, daß wir genau das erhalten haben, worum wir gebeten haben. Da pa/nta sich auf das intransitive pisteu/ete bezieht, muß es in einem Akk. d. Bez. stehen, ganz gleich, ob man mit ,glau- ben’ oder ,überzeugt sein’ übersetzt. Damit wird e)la/bete von o#sa, dem Akkusativobjekt von proseu/xesqe, losgekoppelt und steht absolut: ,Seid hinsichtlich allem, was ihr erbetet und bittet, der Überzeugung, daß ihr empfangen habt.’ Überlaßt es Gott, was er euch gibt, aber seid überzeugt:

sobald ihr eure Bitte vorgetragen habt, beginnt er zu antworten, so daß ihr schon nach Beendigung des Gebetes empfangen habt, und zwar etwas hinsichtlich dessen, um was ihr gebeten habt, aber oft in einem tieferen Sinn und darum anders, als ihr es euch vorstellt (z.B. jemand bittet um Geduld, und Gott gibt ihm Gelegenheiten, sie zu üben - und die Kraft da- zu). Er gibt immer etwas Gutes; wenn nach eurem Gebet etwas Schlimmes passiert, so ist das nicht etwa seine Antwort auf euer Gebet, sondern hat andere Ursachen. Euer Gebet ist jedenfalls immer Anlaß zu guten Gaben Gottes 10 . Der Schluß aber heißt nicht: „dann wird es euch zuteil” (),

17,20 und Lk 17,5 nicht mit Beten verbunden ist, das zweite hingegen bei Joh 14,13f; 15,7 und 16,23 eigenständig verarbeitet ist. - Im übrigen folgt in Mk 11,25 noch ein drittes, selbständiges Logion, das offensichtlich (wiederum) mittels Stichwortassoziation angefügt ist und bei Mt an anderer Stelle steht (6,14). Also Mk 11,22: pi/stin qeou=, 11,23: pisteu/h|, 11,24: proseu/xesqe - pisteu/ete, 11,25:

proseuxo/menoi. 10 Ein ähnliches Problem steht hinter Lk 11,13. Jesus sagt nicht etwa: Gott gibt seinen Geist denen, „die ihn darum bitten” (Allioli), sondern ,was immer ihr den Vater bittet, er gibt euch gleichsam als erstes heiligen Geist (das Beste, was er geben kann), und in ihm gewiß dann auch viele konkrete Gaben, die er für gut hält. Das steht in einer Linie mit der Parallele in Mt 7,11 „der Vater wird gute Gaben geben, denen, die ihn bitten” (absolut, ohne Objekt).

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sondern: ,dann wird es euch gehören – e!stai u(mi=n, wie in V 23c, nämlich:

das, was ihr ,empfangen habt’ (nicht unbedingt: das, um was ihr gebeten habt), wird euch in dieser Haltung zu eigen werden. Alle diese Formulierungen setzen voraus, daß die jeweilige Gabe Gottes nicht unmittelbar wahrnehmbar oder in ihrer Qualität erkennbar ist. Es geht vielmehr zunächst um das rechte Gottesbild. Der Mensch wird aufgefordert, davon überzeugt zu sein, daß Gott immer antwortet, und zwar immer gut. Keine an ihn gerichtete Bitte geht ins Leere. Dies im konkreten Fall zu aktualisieren, ist eine Glaubensüberzeugung. Insofern hat sie schon mit ,Gottvertrauen’ zu tun. Dennoch ist semantisch mit pisteu/ete nicht dieses Vertrauen, sondern eine daraus folgende Gewißheit ausgesagt, daß Gott - u.U. trotz anderen Augenscheins - bereits gehan- delt hat. Und das macht dann fähig, allmählich sein konkretes Geschenk wahrzunehmen und sich zu eigen zu machen. - Es geht nicht zuerst um Dinge, sondern um personale Beziehung! Ähnlich die Parallele Mt 21,22: kai\ pa/nta o!sa a!n ai)th/sete e)n th|= proseuxh|=pisteu/ontej lh/myesqe. Sagt man: „Und alles, was ihr im Ge- bet erbittet, werdet ihr erhalten, wenn ihr glaubt” (EÜ), so enthält dies zwei sachliche Schwierigkeiten: Wenn man alles erhält, wenn man nur glaubt, erscheint das wie eine Aufforderung, um alles Beliebige zu bitten und dafür den Glauben zu aktivieren. Aber dann müßte wohl eher eine „bestimmtere Ausdrucksweise” stehen (BDR 417 und 418.2, z.B. e)a/n). Das bloße Partizip pisteu/ontej kann eine so betonte Bedingung kaum tragen (vgl. zu Gal 6,9: Baumert, Studien 76f). Eine inhaltliche Eingrenz- ung liegt bereits vor in „was ihr im Gebet erbittet”, d.h. in der Ehrfurcht vor Gott und in Unterordnung unter ihn (bei Joh 14,13f präzisiert durch „in meinem Namen” - ohne ,wenn ihr glaubt’); in diesem Stehen vor Gott klären sich bereits viele Bitten. Um was ihr aber so in der Haltung des Gebetes bittet, hinsichtlich all dessen werdet ihr überzeugt seiend empfan- gen. Diese Aussage muß inhaltlich parallel liegen zu Mk 11,24; darum ist ein Akk. d. Bez., der ohnehin möglich ist, hier wahrscheinlich, und pisteu/ontej besagt dann mehr einen Umstand als eine Bedingung: das werdet ihr euch als Überzeugt in der Haltung fester Überzeugung auch zu eigen machen. Hier ist nicht wie bei Mk 11,24 unterschieden zwischen e)la/bete und e1stai u(mi=n. Die Frage ist, welche Funktion pisteu/ein hat:

Drückt es wirklich das Vertrauen zu Gott aus, daß er etwas geben wird? Warum steht dann nicht ein Wort des Gebens (wie Joh 16,23)? Das Partizip steht jedenfalls eindeutig nicht zur näheren Bestimmung des Bittens, son- dern des Aufnehmens. Lamba/nein kann zwar auch ,empfangen’ heißen, aber häufiger und grundlegender steht es im aktiven Sinn von „fassen, nehmen, eine Sache gewinnen, (handelnd) an sich bringen” (vgl. MG s.v. und die Konkordanz) - was hier zumindest mit anklingen könnte. Und

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diese Handlung wäre nun näher bestimmt durch die Überzeugung: ,In der Überzeugung (nämlich, daß Gott geantwortet hat), werdet ihr (das, was er gegeben hat), ergreifen.’

Also ist Mt 21,22 zu lesen: ,Hinsichtlich allem (oder: alles), was ihr bittet im Gebet, werdet ihr im fest Überzeugtsein ergreifen’ . Ein Oxy- moron, eine provokative Formulierung also, um eine subtile Wahrheit ins Wort zu bringen. ,Wer Ohren hat, der höre’. Gewiß kommt die ,Über- zeugung’ aus dem Glauben an Gott, aber das Wοrt bezeichnet hier schon dessen Frucht. Indem wir also pisteu/ein mit ,überzeugt sein’ wiederge- ben, wird der Satz syntaktisch glatter und inhaltlich eher verständlich. Die Sinnspitze ist nicht mehr, daß Gott sozusagen bei einer Bitte durch unser ,Glauben’ zu einer Gabe bewegt wird, sondern wie das, was Gott auf unsere Bitte hin gibt oder gegeben hat, von uns erfaßt wird. Wie oft bitten Menschen Gott um etwas und nehmen dann seine daraufhin erfolgende Gabe nicht wahr und nicht an - weil sie nicht offen sind für seine Art zu antworten. Sie sind eben nicht überzeugt, daß Gott handelt. So achten sie nicht auf das Verhalten des Gebers und verfehlen damit auch, was er ihnen schon gegeben hat.

Dagegen wäre es merkwürdig, wenn Jesus sagen würde: ,ihr möget Gott bitten, aber nur wenn ihr glaubt, bekommt ihr etwas, und zwar dann alles, was ihr wollt.’ Ist denn nicht schon allein die Tatsache, daß jemand bittet, ein Ausdruck von Vertrauen? Sonst würde er es doch gar nicht tun. Selbst eine Bitte ohne ,Glauben’, vielleicht einfach aus Not, muß doch nicht eine Heuchelei sein. Gibt Gott nicht oft schon, bevor wir ihn bitten (Mt 6,8.26-33) oder auch über alles Bitten hinaus (Eph 3,20)? Aber er gibt nach seinem qe/lhma, seinem Wohlgefallen. Wenn es Mk 9,23 heißt, „alles ist möglich dem Glaubenden”, will Jesus Gottes Macht herausstellen und den Glauben daran wecken, nicht aber betonen, daß der Mensch ihn auf bestimmte Gaben festlegen könne. So ist es auch bei Mk 11,24 par vom Inhalt her eher unwahrscheinlich, daß Jesus seine Hörer so darauf fixiert, sie könnten durch ihre Bitte die Antwort Gottes deter- minieren. Vielmehr gibt Jesus hier eine Anleitung zum rechten Umgang mit den Antworten Gottes (ergreift, was er euch gibt), und der Aorist e)la/bete in Mk 11,14 - stets ein Stein des Anstoßes - wird einsichtig. Wie- viel Verkrampfung entsteht bei Menschen, die statt sich die Güte Gottes vor Augen zu halten, mit Berufung auf Mt 21,22 par meinen, mit ihrem ,Glauben’ im konkreten Fall Einfluß auf Gottes Gaben ausüben zu sollen. Doch Jesus will mit diesen Worten die Aufmerksamkeit gerade auf den Geber lenken. Ziel ist ein Sich-persönlich-Einlassen auf den unfaßbaren Gott: die Bitten Gott vortragen, sie in seine Hand loslassen und dann seine Antwort ergreifen.

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

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2.7 Jak 1,6 bestätigt diese Linie: Wem Weisheit fehlt, der soll (sie) von

Gott erbitten (ai)tei/tw). „ai)tei/tw de\ e)n pi/stei mhde\n diakrino/menoj. 9O ga\r diakrino/menoj e1oiken klu/dwni qala/sshj a)nemizome/nw| kai\ r(ipizome/nw|.” Heißt das wirklich: „er soll voll Glauben bitten und nicht zweifeln” (EÜ)? Während pi/stij hier sicher das Vertrauen zu Gott meint, betont diakrino/menoj, daß er sich durch gegenteilige Einflüsse nicht von dem Vertrauen abbringen lassen soll. Denn während das Wasser, ohne Widerstand zu leisten, jedem Wind nachgibt und dadurch zur Woge wird, soll er sich nicht durch Fremdeinwirkung anders wohin drängen und so von seinem geraden Kurs abbringen lassen. Das Wort spricht also von Stabilität im Bitten unter widrigen Umständen, 11 ” nicht von einer ande- ren, minderen Qualität des Vertrauens! Und mhde/n steht adverbiell. Also:

„Er soll mit Vertrauen bitten und sich keineswegs abbringen lassen” und soll nicht etwa ein Mensch „mit zwei Seelen” sein (di/yuxoj - mal so, mal so, wie die Welle; und auch nicht a)kata/statoj, nämlich), „unbeständig auf all seinen Wegen” (EÜ, V 8). Mag sich dies u.U. in Zweifeln äußern, so zielt doch die Semantik von diakri/nesqai auf Unbeständigkeit und eine falsche Nachgiebigkeit auf einen von außen kommenden Druck hin (daher wohl ein Passivum im Sinn von sich abbringen lassen), bis zum „geteilten Herzen”. Und dies ist deutlicher schuldhaft als , Zweifel’ (vgl. Mt 28,17: e)di/stasan). Semantisch läßt sich dies entsprechend auf das Medium in Mk 11,23 par und Röm 4,20 (trotz der passivischen Form, s. 5.1 Anm.21) anwenden. Die nun folgenden ,Belege’ aber sind wiederum anders zu lösen.

2.8 Apg 10, 20 und 11,12: An beiden Stellen sagt Luther „nicht zwei-

feln”, die EÜ aber „ohne Bedenken” (mitgehen). Der Textbestand:

– Apg 10,20 poreu/ou su\n au)toi=j mhde/n diakrino/menoj - Vg nihil dubi- tans;

– Apg 11,12 sunelqei=n au)toi=j mhde\n diakri/nanta - Vg nihil haesitans;

– Apg 11,12 vl Mehrheitstext: sunelqei=n au)toi=j mhde\n diakrino/menon. Zunächst das Medium. In Apg 11,2 steht diekri/nonto pro\j au)to/n, ,sich mit ihm auseinandersetzen/ ihn bekämpfen’ (vgl. u. 5.1 Anm. 21), was aber für unsere Stellen nicht paßt. Und „voll Bedenken zaudern” (WNT 2.b) bleibt eine Verlegenheitslösung. Einsichtiger und durchsichtiger ist das uns nun schon bekannte ,sich distanzieren/ abgrenzen vοn’ , wobei mhde/n adverbiell zu fassen ist (BDR § 154; vgl. auch u. 3.8 sowie EuE 488f:

11 Lk 11,5-8; 18,1-8! - In 18,1 besagt mh\ e)gkakei=n nicht einfach „nachlassen”, sondern präziser: ,es sich nicht verleiden lassen’ = ,ohne mürrisch/ unwillig/ ver- drossen zu werden’, vgl. Baumert, Ts 320f. Auch das besagt also nicht ,Zweifel’ - obwohl dies eine Folge sein kann -, sondern eher, nicht halbherzig zu beten.

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Norbert Baumert SJ

„Geh mit .ihnen, dich keineswegs abgrenzend/ distanzierend”. 12 Das trifft genau den Sachverhalt und entspricht der Begründung in 10,20c: „Denn ICH habe sie gesandt” (vgl. 10,15 und 28). Dies ist auch der Grund, warum Petrus dann den Boten nicht widerspricht (10,29): kai\ a)nantirrh/twj h)lqon metapemfqei/j - „ohne (ihnen) zu widersprechen kam ich (hierher) als einer, nach dem man (von euch) geschickt hatte”. Ich bin also unbeirrt auf eure (der Heiden!) Einladung eingegangen. Dem entspräche dann auch das aktivische diakri/nanta, in der reflek- tierenden Sprache von Apg 11,12: Nicht „ohne einen Unterschied zu machen” (Dautzenberg, EWNT I 733; Apg 15,9 steht metacu/), sondern ,ohne (die Heiden) ausgegrenzt zu haben’ (Aor.!), ,keineswegs eine Grenze gezogen habend’ oder ähnlich. Das kommt zwar der Sache nach Dautzen- bergs Vorschlag nahe, hat aber syntaktisch den Vorteil, daß man nicht zwei Objekte hinzudenken muß, sondern das unmittelbar vorausgehende au)toi=j aufgreifen kann (wenn man will, in einer Art Zeugma: mhde\n au)tou\j diakri/nanta). Das ist entschieden klarer als „mit sich im Streite sein, Bedenken tragen, zweifeln” (WNT s.v. 2.b). Wenn in P 74 (7. Jh.) die vl a)na-kri/nanta steht, dann heißt dies eben (dem Inhalt weniger ange- messen) ,nachforschen’, in deutlicher Absetzung von dia-kri/nein. Die beiden Präpositionen differenzieren nach verschiedener Richtung hin.

2.9 Lk 11,38 vl aber dürfte, gestützt durch e)n e(autw|=, heißen: ,er be-

gann, überlegend, bei sich zu sagen: warum

diakrino/menoj e)n e(autw|=le/gein dia\ ti\ ou) prw=ton e)bapti/sqh pro\ tou= a)ri/stou. - Das Medium betont dann, daß er ,für sich’ überlegte, während e)n e(autw|=wohl zu le/gein gehört. Die Präposition dia\ unterstreicht das auch schon im verbum simplex liegende Element des ,Scheidens’ durch ein ,hin und her’ . Die Vulgata sagt: „intra se reputans” . Die Grundlage wäre also: diakri/nein - „Erwägung anstellen” (WNT s.v. l.c.g.), im Medium: bei sich überlegen oder auch nachforschen (was etwas anderes ist als ,mit sich im Streite sein’, WNT s.v. 2.b). - „Bei sich zweifeln” (WΝΤ 2.b) hingegen paßt außerdem vom Inhalt her nicht.

o(de\Farisai=oj h!rcato

?’

2.10 Jud 22: Hat sich hier „der christliche Gebrauch von d. bereits so verfestigt, daß eine ganze Gruppe gefährdeter Christen ohne weitere

12 Für diese nun mehrfach belegte Bedeutung (zum Medium s. u. 5.1 Anm. 21) wenigstens ein außerbiblisches zeitgenössisches Zeugnis: Plut, Mor. 537: Gewisse Tiere sind einander so feind, daß man sagt, daß sich nicht einmal das Blut von ihnen vermischt, wenn man sie schlachtet, sondern wenn man es zusammengießt, es sich trennend/ voneinander scheidend je für sich wegfließt – i)di/a| pa/lin a)porrei=n diakrino/menon. Ähnlich ebd. 688; 698; 753.

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

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Bestimmungen als Zweifelnde bezeichnet werden kann, derer sich die Leser ,erbarmen’ sollen”? (Dautzenberg, EWNT I 735) Das wäre ein sehr tiefgreifender, langwieriger Vorgang in der Begriffsgeschichte, dem aber mittlerweile durch unsere Ergebnisse alle Zwischenglieder entzogen wor- den sind. Es dürfte sich vielmehr um Menschen handeln, die ,sich entfer- nen/ die (von Gott/ Christus) abfallen’ - nämlich jene, von denen schon ständig die Rede ist, die zwar in der Gemeinde sind, aber ,abspalten’ (Aktiv: a)podiori/zontej/ vl –zo/menoi!), ,psychisch sind und Geist nicht haben’ (V 19). In der ganzen Bibel gibt es immer wieder das Faktum, daß Einzelne oder Gruppen innerhalb der Gemeinde Gottes in der Gefahr sind, von Gott abzufallen. „Zweifler” dagegen wären geradezu ein Fremdkörper im Duktus dieses Briefes, und ebenso „die einen, die schwanken” (Michel; das wäre übrigens nochmals ein völlig neues Sem in der Skala). Ange- sichts der heillosen Textüberlieferung (s. den Apparat) kann man sich aber fragen, ob in V 22 von zwei Menschengruppen die Rede ist (so EÜ),

oder ob ou$j me\n - ou$j de\nicht drei Glieder einleitet (NA 27 ). In letzterem Fall hieße das, mit unseren semantischen Ergebnissen: „Und der einen er- barmt euch als solcher, die sich entfernen/ die dabei sind, abzufallen (ou#j me\n e)lea=te diakrinome/nouj), die anderen aber rettet, indem ihr sie her- ausreißt aus Feuer, anderer aber erbarmt euch in Furcht, wobei ihr sogar das von ihrem Fleisch befleckte Gewand meidet/ haßt.” Das wären drei sich steigernde Spezifizierungen unter den Menschen, von denen immer wieder gesprochen wurde (V 4.8.10-13.16.18f), wobei es jetzt darum geht, wie sie, die „Geliebten”, sich jenen gegenüber verhalten sollen: die einen sind dabei, abzufallen, die anderen sind in Feuer (wohl der Leidenschaft,

V 16), die dritten sind schon so in der Sünde, daß man sich sogar vor

ihrem Gewand schützen muß. - Bei der vl diakrino/menoi wäre gemeint:

,euch abgrenzend’ (scil. von ihnen). Aber da sie in Erbarmen sich um ihre Rettung bemühen sollen, paßt das nicht recht; so ist auch aus inneren Gründen, mit NA, der Akkusativ vorzuziehen.

2.11 Zusammenfassung: Nun liest man Büchsels Ausführungen (ThWNT III 948-951) mit anderen Augen, wobei dort nicht wenige An- sätze auffallen, die in unsere Richtung weisen: „Ablehnung, abweichende Meinung, Gespaltenheit”. Doch ist jetzt an allen fraglichen Stellen ,zwei- feln’ durch etwas anderes, Passenderes ersetzt:

– durch das Passiv ,kritisiert werden’ (Röm 14,23)

– und ,abgedrängt werden/ sich abbringen lassen’ (Jak 1,6);

– durch das Aktiv ‚ausgrenzen, abgrenzen’ (Apg 11,12);

– durch das Medium ,sich entfernen/ distanzieren’ (Apg 10,20; 11,121) - und ,abweichen/ abfallen’ u.ä. (Röm 4,20; Mk 11,23; Mt 21,21; Jud

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22), und zwar auch in den passivischen Formen (s.u. 5.1 Anm. 21)

– oder ,bei sich überlegen/ nachforschen’ (Lk 11,38). Dabei steht das Wort nicht in sprachlicher „Opposition zum Glauben” (Dautzenberg EWNT I 735), sondern pi/stij gehört nur an mehreren Stel- len zum Umfeld, jedoch unterschiedlich im Sinn von Einvernehmen Röm 14,23, Zuverlässigkeit/ Festigkeit/ Autorität Mk 11,22 (vgl. Lk 17,Sf), fes- te Überzeugung Mk 11,23; Mt 21,22 (indirekt in Bezug zu o)ligopisti/a in Mt 17,20 und zu Sicherheit/ Autorität Lk 17,6), im Sinn von Vertrauen in Jak 1,6, oder pi/stij steht im Hintergrund als Gegensatz von a)pisti/a Röm 4,20. - Die Vulgata aber sagt Röm 4,20; Mk 11,23; Mt 21,21; Apg 11,12 und Jak 1,6 „haesitare”, in Röm 14,23 discernit (!), in Jud 22 für diakrinome/nouj - judicatos (!) und nur in Apg 10,20 dubitare!

3. Das übrige Spektrum der Komposita bei Paulus 3.1 Weitere Verwendungen von diakri/nw: Diese Ergebnisse fügen sich gut ein in das Bedeutungsspektrum von diakri/nw und dia/krisij an den weiteren Belegstellen bei Paulus:

– Röm 14,1: Das Substantiv dia/krisij steht auch hier in Relation zu pi/ stij, und zwar letzteres im Sinne von ,Einvernehmen’; daher „sperrt ihn nicht ein in Trennungen” (MG s.v. 1) oder „Ausgrenzungen von Gedanken/ Überlegungen” (= gedanklicher Art, vgl. u. 5.2).

– 1Kor 4,7: diakri/nw = „den Vorzug geben”, vgl. u. 3.4 gegen Ende.

– 1Kor 6,5: diakri/nein = schlichten; (eine Sache) klären, s. unter 5,3.

– 1Kor 11,29: diakri/nwn = ,hochschätzend’, nicht unähnlich mit 1Kor 4,7; Näheres s.u. 5.4.

3.2 1Kor 12,10 und 14,29, dia/krisij - diakri/nw: An beiden Stellen geht es um Applikationen eines prophetischen Wortes auf die konkrete Situation: ausdeuten/ anwenden - sei es, daß einer mehrere Anwendungen vom Geist empfängt (12,10 diakri/seij, Plural!), sei es, daß mehrere je eine Auswertung bekommen (14,29 diakrine/twsan). 13 Da ein „Geist” (12,10)

13 Hiermit nehme ich im wesentlichen die Ergebnisse von Dautzenberg (Hinter- grund 103f) auf: „deuten”, präzisiere aber noch etwas. Zum Kontext vgl. Baumert, ChTG I 58.63. Die Einwände von J. Martucci, „Diakriseis pneumaton“ (1 Co 12,10), in: Église et Theologie 9 (1978) 465-71, halte ich nicht für stichhaltig. Daß Paulus anderswo Echtes von Unechtem zu unterscheiden lehrt, ist keine Frage, aber tut er es mit diesen Worten an dieser Stelle? Hebr 5,14 ist anders konstruiert: dia/kri- sij kalou=te kai\ kakou=! Zudem, wenn hier ein Individuum in der Gemeinde die besondere Gabe der Unterscheidung hat, sind dann die übrigen diesem Spruch ein- fach ausgeliefert? Wer prüft, ob jener seine Gabe zutreffend ausübt? - Ebenso sind die Einwendungen von W. Grudem, A Response to Gerhard Dautzenberg, 93-104, nicht zutreffend; dazu s. meine Stellungnahme in Baumert, Studien 269-71. Es ist

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= ein „prophetisches Reden” (14,29) stets ein Zuspruch Gottes in eine konkrete Situation hinein ist (1Kor 14,3.24), konkretisiert eine dia/krisij diese Ausrichtung. Der Prophet soll sagen, was ihm eingegeben ist, nichts weglassen und nichts hinzufügen (wie bei den Worten der Schrift selbst:

Offb 10,18; vgl. Dtn 4,2; 13,1 etc.). Wenn er seine Prophetie dann noch selbst erklärt, würde sich das vermischen mit dem prophetischen Wort selbst. Es ist immer Aufgabe von anderen, den prophetischen Aufruf ,anzuwenden’ oder auszuwerten. 14 Wenn aber ein Prophet seine Prophetie sogar selber zu verteidigen oder durchzusetzen versucht, verfehlt er sich. Da es sich nun bei Gemeindeprophetie um ein neues Phänomen han- delt, wundert es nicht, daß Paulus für diesen Vorgang ein Wort wählt, das zwar in diesem Sinne verständlich, aber noch nicht festgelegt ist, das seine Leser aber von ihm persönlich her kennen dürften. - Es ist außerdem viel einleuchtender, daß „dem anderen, welchem diakri/seij pneuma/twn (di/* dontai)”, nicht mehrere ,Unterscheidungen’ auf die Echtheit gegeben wer- den. 15 Wenn einige Handschriften den Singular dia/krisij lesen (s. NA 27 ),

keineswegs notwendig, daß in der Urkirche deshalb ein Prophet ständig „with the aid of an Interpreter” hätte sprechen müssen, sondern daß der Leiter oder andere Propheten der Gemeinde halfen, das Wort richtig anzuwenden. - Jedenfalls ist das erste Beispiel bei Dautzenberg (Hintergrund 94), Stob Ec14,50,95, überzeugend:

diakri/nonti e)pi\ to\ safe/staton ta\ tou= )Apo/llwnoj mantei=a - welcher die Orakelsprüche des Apollon klar und deutlich auslegte.” Aber Dautzenberg bringt noch reichliches Belegmaterial. 14 Um einen Text zu verstehen, ist es sehr hilfreich, wenn man die Sache selbst kennt. Insofern bestätigen heutige Erfahrungen mit dem damals neuen Phänomen von ,Gemeinde-Prophetie’, daß oft eine Hilfe zur Anwendung nötig ist; und sie widerlegen, „daß, wenn nur Interpretation oder Auslegung der Prophetie inten- diert sei, es keinen guten Grund gebe, dem Propheten zu verbieten, sein eigener Interpret zu sein” (Grudem 269). Genau das wäre ein Verstoß gegen ein geistliches Grundgesetz.

15 Grudem argumentiert (262), die Derivate von diakrin- „are never used in Jewish or Christian literature to refer to the interpretation or explanation of prophecies or other obscure words”. Aber selbst, wenn bei Paulus der bisher älteste Beleg dafür zu finden wäre (das Alter von dem bei Stob. Ecl. tradierten Text (s. o. Amn. 13) ist schwer zu bestimmen; er könnte älter sein), so gibt es zumindest einen Hinweis, daß Origines 1Kor 12,10 im Sinne von ,prüfen’, nicht von ,unter- scheiden’ liest. Denn In Ex. Hom. 3,2 (GCS 29/ Orig 6, 163) und In Num. Hom. 27,11 (GCS 30/ Orig 7, 272) gibt Origines 1Kor 10,12 - wie die Vg - durch „disc- retio (Sing.!) spirituum” wieder, aber an der erstgenannten Stelle wird dies dann (in der nur lateinisch erhaltenen Version) erklärt als „gratia, per quam Spiritus (Singular!) discernitur (was eher durch „prüfen/ beurteilen” wiederzugeben ist, da ja ein einzelner Geist nicht ,unterschieden’ werden kann). Hier muß im Original gestanden haben: pneu=ma (auch dies nun im Singular!) diakri/netai. Das muß für Origines bedeuten: einen Geist beurteilen. Obwohl Origines im Kontext nicht an Auswertung, sondern an ,Prüfung auf Echtheit’ denkt (ob etwa „der Teufel den Mund öffnet”), heißt dia/krisij für ihn nicht ,Unterscheidung’ (denn er sagt nicht

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so zeigt das gerade, daß man schon bald mit dem Plural Schwierigkeiten hatte. J.Weiß (340) gibt für 14,29 noch an: „(DG a)nakrine/twsan Cyp examinent)”, was aber bei NA 27 nicht aufscheint. - Aber müßten nicht die Echtheit alle Anwesenden überprüfen? Der Kontext spricht in beiden Fällen nicht von der Gefahr falscher Propheten. 16 Was Paulus in Gal 5,13- 24 so klar gegeneinanderstellt: pneu=ma sa/rc, sollte er das hier unter einem Begriff pneuma/twn zusammenfassen, nämlich Eingebungen des Heiligen Geistes und eines unreinen Geistes? Er spricht doch hier von den „Manifestationen des (heiligen) Geistes” (12,7)!

3.3 2Kor 10,12, e)gkri/nw sugkri/nw: Paulus spielt offensichtlich mit

uns gleichzustellen oder zu ver-

gleichen” (EÜ) fast synonym. Richtiger scheint: „uns unter die zu rechnen oder mit denen zu vergleichen” (Luther; ähnlich Bachmann; Bultmann:

„sich zu ihnen gesellen”). Darin liegt dann zwar inhaltlich wohl die ironis- che Aussage, daß er sich ihnen nicht ,gleich-zustellen’ wagt, aber seman- tisch heißt e)gkri/nein eben „darunter wählen” (MG; also nicht ,aussondern’ sondern ,ein-fügen’), ähnlich wie sugkri/nw zusammen-fügen heißt (vgl.

o. 1.2) und von da her dann vergleichen (bis zu gleichstellen !). Also: „Wir wagen es nicht (sind nicht so unverschämt), uns selbst zuzurechnen (e)gkri=nai) oder (!) gleichzustellen (sugkri=nai) irgendwelchen Leuten, die sich selbst empfehlen - aber daß sie sich selbst untereinander mes- sen und sich selbst ~mit sich selbst vergleichen (sugkri/nontej), merken sie nicht.” Der Spott ist nicht zu überhören. Nicht dagegen: „sie verste- ”

haben einen von

hen nichts” (Luther). - Paulus fährt fort: „Wir jedoch

außen her kommenden, von Gott gegebenen Maßstab. - Wieder bestätigt sich, daß man am Kompositum schärfer die Möglichkeiten des verbum simplex erkennt; und so auch bei den anderen Zusammensetzungen.

diesen beiden Komposita. Doch wirkt „

3.4 1Kor 2,13-15, sugkri/nw a)nakri/nw: Hier heißt sugkri/nein „deu-

ten” (Luther, EÜ) - wie „in LXX gewöhnlich” (Dautzenberg, Hintergrund

,wovon’ oder ,zwischen was’), und versteht er dia/krisij pneuma/twn als Prüfung von Geistern in sich gesehen, d.h. er stellt es inhaltlich in eine Linie mit dokima/zein in 1Thess 5,21 und 1Joh 4,1. Hier wird also dia/krisij (in der Einzahl) zwar nicht als ,Anwendung’ verstanden, aber auch nicht als ,Unterscheidung’.

16 In 12,3 geht es nicht um Überprüfung von Prophetie, sondern von Sprachen- gebet; Näheres s. Baumert, ChTG I 56f; ähnlich A. Schweitzer, Die Mystik des Apostels Paulus, Tübingen 1930, 173. - Das WNT (s.v. dia/krisij 1) übersetzt so- fo\j e)n diakri/sei lo/gwn (1 Kl 48,5) mit „weise in der Unterscheidung von Reden”, während BDAG s.v. 1 dies in der englischen Fassung (vgl. u. Anm. 22) in „skilful in the interpretation (!) of discourse” verändert haben. Beide Ausgaben sagen aber bei 1Kor 14,29 „beurteilen” (l.c.a) und „pass judgment” (3b).

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99, sowie Büchsel, EWNT III 678). Dies hängt u.a. damit zusammen, daß pneumatikoi=j nicht neutrisch, sondern personal aufzufassen ist. Letzteres verteidigt Wolff (60) zu Recht gegen „messen, beurteilen”, „Geistliches mit Geistlichem prüfen” (Schrage I 261f; 239): „denn nach V 6 gilt die Rede Menschen, und die unmittelbare Fortsetzung von V 13 handelt ebenfalls von Menschen” - wie ja auch in 3,1 pneumatikoi=j die Adressaten bezeichnet. Paulus will ja doch seine Verkündigung ,erklären’, die aber nur für Menschen, die im Geist sind, verstehbar sei (3,1; vgl. 2Kor 4,14). ,Geistlichen also deuten wir (!) Geistliches.’ Daß er dies auch „mit vom Geist Gelehrtem” tut, steht schon in V 13c, so daß ein neutrisches pneumatikoi=j eine Wiederholung von didaktikoi=j pneu/matoj wäre. Der feine Unterschied zu diakri/nw in 1Kor 14,29 und 12,10: jenes meint wohl eher ,aus-legen/ anwenden’ auf die konkrete Situation, s.o. 3.2, hier dage- gen wird etwas gedeutet durch ,Zusammen-fügung’. „Messen” (Schrage) aber paßt hier nicht - als ob Paulus das, was er selbst sagt, prüfen wolle. )Anakri/netai in 2,14d aber steht in offensichtlichem Anklang an sug* kri/nw in 2,13a. Die meisten Interpreten sagen nun für a)nakri/nein an allen drei Stellen (V 14d und 15a/b) „beurteilen”. Aber die Vg schreibt in V 14d „examinatur” (erst in V 15 dann 2x „judicare”), während Ph. Bachmann (137) dreimal „erforschen” setzt und J. Weiß (66f wenigstens von „Erforschung oder (!) Beurteilung” spricht, wobei für ihn auch das „Ergebnis” des Forschers, nämlich ,Urteil’ mitschwingt. 17 Gewiß wird hier - wie oft bei kri/nw - ein bestimmtes Ergebnis mitgedacht. Aber das liegt doch in der spezifischen Linie dieser Präposition, also nicht ,beurteilen’ (als Re-aktion), sondern ,erfolgreich untersuchen = erkennen, offenlegen, mit Autorität aufdecken, durchschauen’. Für ,beurteilen’ steht kri/nw zur Verfügung (s. 1Kor 4,4/5), evtl. auch diakri/nw. Warum setzt Paulus also hier das betonte a)na-kri/nw, nachdem er soeben auch in sugkri/nw eine gezielte Wortwahl getroffen hatte? So ist es näherliegend, daß er die spezifische Nuance dieses Kompositums nutzen will, und zwar in der

17 In einem kleinen Exkurs weist er darauf hin, daß Paulus in 1Kor dieses Wort („verhören, fragen, nachfragen”) auffallend häufig gebraucht (vgl. u. 4.2) und „damit spielt. An unserer Stelle (V 14 und 15) ist der Sinn des Wortes eigenartig erweitert. Wie dokima/zein, das zunächst ,prüfen’ heißt (ohne daß über das Ergeb- nis der Prüfung etwas gesagt wäre), auch gebraucht wird in dem Sinne ,auf Grund einer Prüfung für annehmbar erklären’ (1The 2,4; 2Kor 8,22) - so geht hier auch a)nakri/nw aus dem bloßen Forschen, Untersuchen in den Sinn über: ,auf Grund einer Untersuchung ein Urteil fällen’, und zwar wird V 14 ein günstiges Ergebnis mitgedacht, etwa = ,anerkennen’, V. 15b und 4,3 ist wenigstens eine feindliche Absicht mitgedacht; vgl. auch 14,24f.” So J. Weiß, 67. - Nun, daß hier nicht von ,feindlich’ die Rede ist, werden wir an der betreffenden Stelle selbst sehen. - Als ,Ergebnis’ aber genügt er-kennen!

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Bandbreite von dem einfachen Untersuchen einer Sache (ähnlich 1Kor 10,25.27) bis zum autoritativen Aufdecken, Durchschauen einer Person (auch 1Kor 14,24) oder einem (angemaßten) richterlichen Verhör (1Kor 9,3). Inhaltlich macht es ja viele Schwierigkeiten, daß der Geistliche ,alles beurteilen’ würde. Doch geht es in V 14d ganz sicher zunächst darum, wie „das Geistliche” befragt und angegangen wird (werden muß). Paulus will hier zunächst die Methode klären: befragen/ untersuchen kann man Geistliches nur auf geistliche Weise. Insofern liegt a)nakri/nein in 14c in der Linie von e)rauna=n in 2,10 (und sumbiba/sei in V 16, vgl. im folgenden). Gemünzt aber ist dieser Satz darauf, ob die Korinther seine Verkündi- gung (und die des Apollos usw.) richtig ,verstehen’ (vgl. 2,1.4.6.10. 12.13; 3,1). Wer unter euch ,psychisch’ ist, 18 kann meine/ unsere Botschaft jedenfalls nicht „erkennen” (gnw/nai V 14c), weil er in falscher Weise „an sie herangeht/ sie befragt/ untersucht”. Damit hat Paulus die zwei Gruppen seiner Adressaten gekennzeichnet: pneumatikoi=j (13d) und yuxiko/j (14a). Kommt er aber in 15a nochmals auf die/den ,Pneumatiker’ unter seinen Hörern (14c) zu sprechen? (V 14a und 15a sind nicht etwa mit einander me/n - de\ zugeordnet!) Passender scheint es, daß er mit o( de\ pneumatiko/j in 15a wieder auf sich selbst zurückkommt (nach 2,1-7 und 10-12). Gewiß ist der Satz allgemein formuliert und bildet somit auch eine Brücke zu jedem „Geistlichen”; er gilt für alle, die vom Geist erfüllt sind. Aber Paulus formuliert ihn im Blick auf sich und Apollos (vgl. 4,6); dabei steht im Hintergrund, daß ihm Gott ,das/alles’ vom Geist Geschenkte enthüllt hat (2,10-12 a)peka/luyen, so daß wir ei)dw=men): ,Der Geistliche aber untersucht, erforscht alles (scil. im Geist „von Gott Geschenkte” V 13), wird selbst jedoch (als Person) von niemandem mit Kompetenz und Autorität ,untersucht/ erforscht/ durchschaut’. So gibt es hier eine leichte Sinnverschiebung (traductio), aber diese dritte Verwendung - auf der Ebene von Person zu Person - deutet eher in die Richtung, daß ein solcher Mensch von (k)einem anderen mit Kompetenz untersucht/ durchforscht (und somit auch nicht durchschaut) werden kann. 19 Also: Weil ihr mich nicht erforschen/ durchschauen könnt, könnt ihr mich auch nicht zu eurem Idol machen. Paulus hat vor allem Mühe, seine eigenen Verehrer von sich

18 Konkret hier: wer die Verkünder in einer Art Personenkult betrachtet; dazu, sowie zu dem Gesamtkontext von 1Kor 1-4 vgl. o. Anm. 2.

19 Hier kommt somit eine Nuance ins Spiel, die später in 4,3f deutlicher wird. Nach LSJ I.1 heißt a)nakri/nw „examine closely”, genau prüfen, also mit Kompe- tenz, und wenn es um Personen geht: ,verhören’, also mit Autorität (IL2). Unter IL1 aber steht: “examine magistratus so as to prove their qualification Dem 57.60 and 70”. Letzteres ist genau unser Fall: daß ein Amtsträger von den Leuten ,getes- tet’ wird auf seinen Wert. Und dies lehnt Paulus für sich ab, wenn und weil man ihn aufgrund dessen zum Parteihaupt machen will.

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

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abzukoppeln, mehr als die des Apollos und Petrus von jenen. Wenn Wolff (62) bei V 16 auf 4,4f. verweist, so trifft dies wohl genau den Punkt. Im Kontext geht es darum, ob man die Apostel durchschauen kann - und da machen die Korinther in ihrem Personenkult merkwürdige Präferenzen. Hier (in 15b) wie dort (4,4) würde Paulus dagegen betonen: „der mich erforscht/ durchschaut” (wieder a)na-kri/nwn), ist der Herr”. In 2,15a würde Paulus dann betonen: Während ein Psychiker Geist- liches (z.B. seine Verkündigung: 2,1.4.6.7.13) nicht faßt/ erkennt (de/xetai), weil es auf geistliche Weise untersucht werden muß, ist „der Geistliche” (hier primär: er selbst) sehr wohl in der Lage, es zu untersuchen. Selbst- verständlich ist ,der Geistliche’ nicht allwissend und hat auch nicht über ,alles’ ein fertiges Urteil. Aber er erforscht und erkennt ,alles’, was ihm anvertraut ist und was er dann anderen Geistlichen deutet. Das gilt, wie gesagt, allgemein; aber diese allgemeine Aussage wird aus einem speziel- len Anlaß gemacht. Konkret: Bei o(pneumatiko/j in V 15a zielt Paulus auf sich und Apollos - was er dann in 4,3 wieder aufgreift. V 16 aber schließt nun folgerichtig diesen Gedanken seiner Selbsterklä- rung und Rechtfertigung ab: Wer hat den Sinn des Herrn erkannt, daß er ihn verstehe? 20 Wir (Apostel) aber haben den nou=j, die Vernunft und Einsicht Gottes. Konkret: die Gemeinde kann ihn nicht erforschen/ durch- schauen (und dann anhimmeln), da er den nou=j Gottes hat (ähnlich Wolff z.St. mit Anm. 220 und Verweis auf Röm 11,34), also nur Gott ihn ganz durchforscht und in seinem wahren Wert erkennt (a)nakri/nei - so auch J. Weiß 68). Insofern nimmt sumbiba/sei das e)rauna|=von 2,10 wieder auf, so daß diese beiden Begriffe eine Art inhaltlichen „Rahmen” bilden, in dessen Mitte a)nakri/nein im Sinne von ,erforschen/ erkennen’ steht. Wie sich der Wortgebrauch von a)nakri/nw in den sonstigen eingliedert, siehe unten 4.1 und 2. Im Kontext liegt hier also bei a)nakri/nein zwar eine leichte traductio vor, aber die Bedeutung bleibt doch bei ,mit Autorität

20 Also daß er die Vernunft/ die Logik Gottes untersucht/ zur Rechenschaft zieht und ihn somit durchschauen und verstehen könnte (und folglich auch den Paulus)? – Sumbiba/zein kann auch „verstehen” heißen, s. MG. 2.c, was hier we- sentlich besser paßt, trotz LXX Jes 40,3; denn sonst wäre die Logik: ,wer hat ihn erkannt, um ihn zu belehren? Wäre dann etwa das ,Ihn-Erkennen’ die Basis und Voraussetzung, um ihn belehren zu können? Aber wäre dann der Maßstab für das Beraten das, was man zuvor in ihm erkannt hatte? Bei Jes steht nach ti/j e1gnw nou=n kuri/ou der Fragesatz: kai\ti/j au)tou=su/mbouloj e)ge/neto, und ist o#j sumbiba=| au=to/n dann von diesem Satz abhängig. Paulus dagegen läßt diesen Zwischensatz weg und hängt o#j sumbiba/sei au=to/n direkt an e!gnw an, womit sumbiba/sei nun in der Linie von ,erkennen’ liegen muß. Er nimmt also in diesem veränderten Zitat bewußt eine Sinnverschiebung (traductio) in sumbiba/zein vor - was ganz zu dem Sprachspiel mit sugkri/nw a)nakri/nw (in drei Nuancen) paßt.

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Norbert Baumert SJ

auf Herz und Nieren prüfen’ und somit ,durchschauen’. Wo er ,beurteilen’ sagen will (s. im folgenden 4,5), geht er zu kri/nw über.

3.5 1Kor 4,3-7, a)nakri/nw - kri/nw - diakri/nw: Unser Ergebnis für 1Kor 2,14f wird voll bestätigt durch 4,3, wo Paulus das Thema abschließt. Dreimal setzt er das präzise a)na-kri/nw, was eben unter den Nuancen des Grundwortes jene hervorhebt und präzisiert, die wir durch ,mit Kompetenz untersuchen, erforschen, mit Autorität prüfen, durchschauen’ wiedergeben können (vgl. nochmals Anm. 12). Auch jetzt hat es, wie in 2,14, keinen forensischen Charakter; dieser geht davon aus, daß jemand

möglicherweise Unrecht getan hat, während hier die Präsumtion positiv ist: Man möchte mit Paulus prahlen. Also: ,Für mich freilich ist es höchst unbedeutsam, daß ich von euch vor eine prüfende Instanz gezogen werde/ aufgedeckt und durchschaut werde (a)nakri/qw=)’ - in diesem Falle: um auf den Sockel gestellt und anderen Aposteln vorgezogen zu werden. Ich bin

auch nicht selbst für mich diese Instanz (ou)de\e)mauto\n

dern diese (o(a)nakri/nwn me) ist der Herr! Diese Linie des Aufdeckens wird fortgesetzt in 4,5: fwti/sei, fanerw/sei - um zu belohnen! Selbst hier ist es nicht eigentlich Gottes „Richten”, sondern daß er sozusagen als Dienst- herr mich prüft. Er ist der einzige, der Paulus als Person in diesem seinem Aposteldienst mit Autorität erforschen - und dann auch durchschauen und erkennen und belohnen kann, nicht die Gemeinde in Korinth.

ti kri/nete)

vor einem Treffer” (kairo/j: Baumert, Atf 425: verfrüht) - ganz gleich, welcher Zeitpunkt damit gemeint sein mag. Jetzt erst kommt Paulus auf die Reaktion der Forschenden zu sprechen, und zwar mit dem verbum simplex „be-urteilen/ bewerten”. In jenem kairo/j wird das im Dunkeln Verborgene erleuchtet und werden die Entschlüsse/ Pläne der Herzen (auch des Paulus) vom „Herrn” (d.h. von Gott) offengelegt und wird „das Lob erteilt einem jeden von Gott” (selbst, beurteilt von ihm - betonte Stellung). – Kri/nete und e!painoj genh/setai liegen semantisch in einer Linie; dabei fällt auf, daß nur von ,Lob’, nicht von Tadel die Rede ist. Bei „richten”, wie hier allgemein übersetzt wird (aber dabei wird ti/ unterschlagen; Con- zelmann sagt immerhin: „richtet nichts”), hört man eher einen möglichen Tadel heraus. Es geht auch nicht um Lohn (und Strafe), sondern lediglich um die Anerkennung durch Lob, und das liegt - als Reaktion auf das a)nakri/nein - in der Linie von ,etwas beurteilen’ - wobei Paulus hier vor allem im Blick auf sich selber spricht und dies in der Überzeugung, daß er von Gott „Lob” ernten wird! Er ist „sich nichts bewußt”; aber von ihnen möchte er kein Lob! Dies ist allein Gottes Sache. Der Wechsel von a)nakri/nw zu kri/nw in V 4/5 ist bei Schrage zu sehr nivelliert: „beurteilen - beurteilen - urteilen über - ein Urteil fällen, und

son-

V 5: „Daher beurteilt/ bewertet nicht irgendetwas (mh\

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

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in anderem Sinne bei Luther: 4x „richten”, während „zur Verantwortung ziehen - urteilen über - zur Rechenschaft ziehen - richten” (EÜ) beim zweiten a)nakri/nein plötzlich eine andere Bedeutung wählt als beim ersten und dritten, dazu einen negativen Unterton annimmt und bei

„richten” das ti/ unterschlägt. Doch hatte schon J. Weiß (96) mit Recht

geschrieben: a)nakri/nein, hier dreimal hinter einander gebraucht,

die Bedeutung: zur Verantwortung ziehen; eine Untersuchung anstellen; es ist nicht identisch mit kri/nein, insofern dies das Endurteil bezeich- net, a)nakri/nein den vorhergehenden Prozeß mit Untersuchung, Verhör usw.” Kri/nete meint zwar nicht das „End-urteil” am Jüngsten Tag, als ob die Gemeinde dies vorwegnehmen wolle, aber auf jeden Fall bezeich- net a)nakri/nw in V 4f einen Prozeß des Untersuchens und Aufdeckens, kri/nete in V 5b hingegen die Reaktion der prüfenden Instanz. Aber auch dieses ,beurteilen/ bewerten’ in 4,5b ist nicht forensisch gemeint; vielmehr wird abgewehrt, daß einige in der Gemeinde ihn so hoch heben und zum Parteihaupt machen wollen. Überraschend kommt dann in 4,7 dia-kri/nei in einem wieder ande- ren Sinn: „Wer gibt dir den Vorzug” - so daß du dich über den anderen stellst? So oder ähnlich mit Recht die meisten Übersetzungen (Luther, EÜ, Conzelmann, Kürzinger, Schrage, Wolff etc.). Wiederum ist die Präposition das Instrument, um aus der Wurzel krin- eine andere Bedeu- tung abzurufen. Das Wort steht dem Vorhergehenden nahe genug, so daß man vermuten darf, Paulus habe noch bewußt darauf angespielt, wobei allerdings diejenigen, die bisher als die (a)na-) kri/nontej gedacht waren, diesmal selbst Objekt des - diesmal positiv wertenden - (dia-)kri/nein wer- den. Inhaltlich aber dreht Paulus nun den Spieß um: So wie ihr mir nicht irgendeinen Vorrang geben dürft - so ihr auch nicht euch selbst!

hat

3.6 1Kor 9,3 toi=j e)me\ a)nakri/nousin: Die übrigen vier Verwendungen von a)nakri/nw in 1Kor bestätigen, daß Paulus die Präposition im oben aufgezeigten Sinn präzise gebraucht. In 9,3 nicht: „die mich verurteilen” (Luther), „abfällig über mich urteilen” (EÜ), sondern eher „die mich un- tersuchen” (Wolff), „die nach seinen Motiven forschen” (J. Weiß)”; wohl nicht: „Anklage erheben” (Weiß) oder „meine Kritiker” (Conzelmann, Schrage). Für a)pologi/a genügt es, daß sie ihn ,zur Rechenschaft zu zie- hen suchen’ , ihn mit dem Anspruch von Autorität anfragen. Auf jeden Fall dürfte a)na- bei dem Prozeß der Anfrage bleiben und nicht plötzlich dessen Ergebnis meinen. So scheint ,zur Verantwortung ziehen/ vor Ge- richt stellen’ , hier mit negativer Präsumtion, die passendste Bedeutung zu sein.

3.7 1Kor 14,24 a)nakri/netai u(po\ pa/ntwn: Was die prophetischen Worte bewirken ist, daß der „Ungläubige von allen überführt (e)le/gxe-

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tai), von allen (untersucht, durchforscht und insofern) aufgedeckt wird” . Das heißt nicht, daß die Versammlung den Ungläubigen öffentlich zur Rede stellt und ihn somit kompromittiert, wohl aber, daß er sich durch ihre Worte vor Gott zur Verantwortung gezogen weiß, indem ihm Sün- den bewußt werden, die er bisher nicht beachtete oder verdrängte. Auch hier ist wieder der Vorgang des Bewußtwerdens beschrieben; also liegt a)nakri/netai eher in der Linie von 1Kor 4,4 als in der von 9,3. Daher nicht: „beurteilt” (Wolff, Schrage), wohl auch nicht „geprüft” (Conzel- mann) sondern eher „er fühlt sich von allen ins Verhör genommen” (EÜ) oder „überführt” (Luther). Aber am klarsten scheint: ,Sieht er sich von allen durchschaut’. Dies beschreibt freilich sein subjektives Empfinden, nicht unbedingt den objektiven Tatbestand. - Für die anderen Nuancen würde Paulus wohl eher das verbum simplex wählen oder diakri/nein. Er setzt die Modifikationen immer bewußt und präzise ein, wie das in 3.8 Folgende nochmals zeigt:

3.8 1Kor 10,25.27 mhde\n a)nakri/nontej: Das absolute a)nakri/nein heißt beide Male „nachforschen” (Luther; EÜ und ähnlich die meisten, z.B. J. Weiß „scrutari, inquirieren”; Wolff: „Untersuchungen anstellen”). Bleibt am Schluß nur die Bemerkung, daß a)nakri/nein bei Paulus interessanterweise nur in 1Kor, hier aber relativ häufig vorkommt, und wie wir sahen, stets unter präziser Verwendung der Präposition. 21

3.9 )Apokri/nesqai, das sonst in der Bedeutung ,antworten’ außeror-

dentlich häufig ist, kommt interessanterweise in den paulinischen Haupt- briefen nicht vor, nur in Ko14,6. Schmidt (1889,61) erklärt diese Nuance von u(pokri/nesqai her: „dabei klarmachen”. Aber zum Bedeutungsspek- trum gehören auch „(sich) absondern, trennen; verurteilen; sich verant- worten” etc. (Büchsel, ThWNT III 946f).

3.10 Kri/nw - katakri/nw: Ein häufiger Streitpunkt beim verbum simplex ist die Differenz zwischen ,richten’ (= über jemanden befinden, als eine Art hoheitlicher Akt, ohne anzudeuten, mit welchem Ergebnis) und ,verurteilen’ (im Sinne eines negativen Urteils); doch muß kri/nw, sobald ,Sünde’ vorausgesetzt wird, nicht nur richten, sondern ver-urteilen heißen, z. B. Röm 2,1 und 12, während in Röm 2,16 Gottes Urteilen und

21 Dies zeigt, wie vorsichtig man sein muß, aufgrund eines „besonderen Wort- schatzes” schon die Frage zu stellen, ob dies der gleiche Autor wie der der anderen „Paulusbriefe” sei. Anakri/nw) kommt sonst im NT nur bei Lukas vor, und zwar im gleichen präzisen Sinn ,verhören’ (Lk 23,14; Apg 4,9; 12,19; 24,8; 28,18) und ,untersuchen, forschen’ (Apg 17,11).

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

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Richten generell als hoheitlicher Akt gemeint ist, der das Gute anerkennt und belohnt, das Böse aber verurteilt und bestraft. Um den letztgenann- ten Aspekt zu verdeutlichen, setzt Paulus gelegentlich das präzisere kata-kri/nein (z.B. Röm 2,1 zur Verstärkung von kri/nw), manchmal in Korrelation zu kri/ma, das auch schon im Grundwort eher ,Ver-urteilung’ heißt. So besagt katakrin- manchmal auch Verdammung/ Bestrafung. Weiteres s. u. 4.1. - Ähnlich ist Joh 3,17f zu lesen: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt verdammt (also bestraft), sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. “ Das allein ist eine echte Opposition, wäh- rend der Sohn sehr wohl ,richtet’ (vgl. 5,30 etc.), was auch die Möglichkeit der ,Ver-urteilung’ einschließt (aber dies ist nicht die Absicht Gottes). Auch Joh 7,51; 12,47f; 16,11 heißt κρίνειν verurteilen.

4. Das Bedeutungsspektrum der Wortfamilie

Nach diesen grundlegenden Korrekturen folgt nun zunächst eine Auf- listung aller einschlägigen paulinischen Stellen mit der Deutung, die wir dafür vorschlagen (4.1); anhand einer Konkordanz kann man die Stellen leicht verifizieren, soweit nicht auf die Arbeit selbst verwiesen wird. Kur- siv gedruckt sind ungewohnte oder umstrittene Deutungen. Anschließend ordnen wir unter 4.2 dieselben Texte - nach Art eines Lexikons - je nach den Bedeutungskategorien, ausgehend von unserem Raster unter 1.1. Gelegentlich ergänzen wir in 4.2 weitere neutestamentliche und andere Belege, um das vorhandene Bedeutungsspektrum möglichst vollständig vorzustellen, gleichsam als Rahmen für Paulus und als Stütze für unsere Deutungen. Nur gelegentlich sind weitere knappe Hinweise hinzugefügt, etwa wenn in einem strittigen Fall jemand die gleiche oder eine ähnliche Position vertritt; 22 längere Begründungen s. unter 2, 3 und 5, worauf jeweils verwiesen wird. Dabei bleiben wir streng auf der semantischen Ebene und fragen, welche Bedeutungselemente jeweils in der Wortbedeu-

22 Hierfür greifen wir nur gelegentlich noch auf die Kommentare zurück, häu- figer auf die ntl. Handbücher (s. Lit.); zu „BDAG“ heißt es: „revised and edited by Frederik William Danker, based on Walter Bauer‘s Griechisch-Deutsches Wörter- buch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, sixth edition. Berlin 1988.“ Da die früheren englischen Ausgaben von W.F. Arndt und F.W. Gingrich mitverantwortet waren, steht „BDAG“ wohl für: Bauer/Danket/ Arndt/Gingrich. - Ist so das deutsche WNT implizit mit erfaßt, wird dennoch gelegentlich auch auf dieses selbst verwiesen, gelegentlich auch auf Veränderungen in BDAG, die z.T. nicht unbeträchtlich sind.

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tung selbst anzunehmen seien, weil nur mit dieser Nuance der gemeinte Sinn voll zum Ausdruck kommt. Das muß vor allem jeweils durch den Kontext erwiesen werden.

4.1 Die einzelnen Belege bei Paulus. Zahlen verweisen auf die Abschnitte, in denen hier diese Stelle behan-

delt wird (z.B. 2.1), kleine lateinische Buchstaben (a-z) auf die unter 1.1 und 4.2. aufgeführten Bedeutungskategorien, der die Stelle zuzuordnen ist. kri/nw, kri/nomai Röm 2,1.3.12 verurteilen/ verwerfen (= katakri/nein 2,1), 5mal: 5. l; y

- 2,16 richten, über Gut und Böse befinden: 5.1; u

- 2,27 überführen, beschämen: 5.1; t/q

- 3,4 rechten mit: 5.1; p

- 3,6 richten: 5.1; u

- 3,7 verurteilen: 5.1; x - Haacker; ,,condena“: Schökel

- 14,3 verurteilen: 5.2; x - Wilckens, Haacker

- 14,4 verurteilen: 5.2; x - Wilckens, Haacker (vgl. u?); ,,criticar“:

Schökel

- 14,5a bevorzugen, höher schätzen 5.2; als: 5.2; b

- 14,5b wertschätzen: 5.2 (mit Anm. 33); n; ,,aceptar“: Schökel

- 14,10 verurteilen: 5.2; x – Haacker

- 14,13a beurteilen, bewerten: 5.2; 1

- 14,13b vorziehen, wählen: 5.2; b - 14,22 verurteilen: 5.2; x 1Kor 2,2 beschließen, sich entscheiden: k

- 4,5 beurteilen: 3.5; 1

- 5,3 beschließen: k - Luther; ,,tengo sentenciado“: Schökel

- 5,12.13 richten, 3mal: u

- 6,1 (Medium:) sich Recht sprechen lassen: 5.3; r

- 6,2.3 regieren, herrschen über, 3mal: 5.3; o

- 6,6 (Medium:) miteinander im Rechtsstreit liegen: 5.3; p – BDAG

5ab

- 7,37 zur Entscheidung kommen, beschließen: k

- 10,15 beurteilen, bewerten: 1

- 10,29 verurteilen: x - KuM 484

- 11,13 überlegen: f - 11,31 züchtigen: 5.4; z - BDAG 5ba: „temporal punishment”

- 11, 32 züchtigen: 5.4; z

2Kor 2,1 wählen, vorziehen: 5.2 Anm. 33;b

- 5,14 zur Überzeugung gekommen sein (Aor.): i - ,,pensar“: Schökel Kol 2,16 verurteilen: x - EWNT 4: aburteilen, kritisieren

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

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2 Thess 2,12 bestrafen, züchtigen: z - BDAG 5ba: ,,temporal punish- ment“

2 Tim 4,1 regieren, herrschen: 5.3; o

Tit 3,12 beschließen, sich entschließen: k kri/ma

Röm 2,2.3 Strafgericht, Strafe: 5.1; z - EWNT 3: göttliches Verdam- mungsurteil

- 3,8 Strafgericht, Bestrafung: 5.1; z - Haacker; Luther: Verdammnis

- 5,16 Verurteilung (der Tat Adams): x - Luther: Urteil

- 11,33 Beurteilung (ambivalent): 1 (vgl. u?)

- 13,2 Strafe, Bestrafung: z - Haacker: Strafverfolgung; ,,pena“:

Schökel 1Kor 6,7 Streitfall: 5.3; p

- 11,29.34 Bestrafung, Züchtigung: 5.4; z

Gal 5,10 Strafe, Bestrafung: z

1 Tim 3,6 Anklage (des Teufels): q (mit Anm. 23)

- 5,12 Anklage, Vorwurf (der Untreue): q - EÜ, EWNT 4

kri/sij

2 Thess 1,5 (Gerichts-) Urteil, Urteilen (nomen actionis): u

1 Tim 5,24 Bestrafung: z (cf. BDAG laa: subject to penalties)

dikaiokrisi/a Röm 2,5 gerechtes Gericht, Rechtsprechung, offen für do/ca und o)rgh/ Gottes: 5.1; u krith/j

2 Tim 4,8 „Richter” = Herrscher: 5,3; o (vgl. κρίνω 2 Tim 4,1)

a)nakri/nw 1Kor 2,14 (etwas) untersuchen: 3.4; f

- 2,15a (etwas) untersuchen, erforschen, verstehen: 3.4; g

- 2,15b (jemanden) erforschen (und durchschauen, erkennen): 3.4; g

- 4,3.4 (jemanden mit Autorität) untersuchen, erforschen, (zu) durch- schau en (suchen) (3mal): 3.5; g (vgl. s?)

- 9,3 zur Rechenschaft ziehen/ vor (ihr) Gericht stellen: 3.6; s (vgl. q?} - 10,25.27 nachfragen, Nachforschungen anstellen: 3.8; f (s. Apg

25,26)

- 14,24 (Passiv) durchforscht, aufgedeckt werden: 3.7; g (vgl. t?) a)pokri/nomai Kol 4,6 antworten 3.9; e diakri/nw, diakri/nomai Röm 4,20 (Medium) sich distanzieren von, abfallen: 2.2; c

- 14,23 verurteilen, kritisieren (Passiv): 5.2; x

1Kor 4,7 den Vorzug geben: 3.5; b

- 6,5 (einen Streitfall) schlichten; klären: 5.3; e

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- 11,29 hochschätzen, achten: 5.4 (mit Anm. 40 und 33); n - Luther; ,,reconocer“: Schökel

- 11, 31 kritisieren (die Schuld beim Namen nennen): 5.4; x

- 14,29 auslegen, (auf die konkrete Situation) anwenden: 3.2; j dia/krisij Röm 14,1 Abgrenzung (von Gedanken, gedanklicher Art): 5.2; c 1Kor 12,10 Deutung, Auswertung, Anwendung: 3.2; j e)gkri/nw 2Kor 10,12 (uns ihnen) zurechnen: 3.3; b katakri/nw

Röm 2,1 (völlig) verwerfen (in den Tod stoßen): 5.1 (vgl. auch 3.10); y

- Luther: „verdammen”

- 8,3 verurteilen, schuldig sprechen (es verstärkt kri/nein): x

- 8,34 der, Ver-kläger’ (verstärkt kri/nein = anklagen): q (mit Anm. 23)

- 14,23 verwerfen (Urteil und Strafe): 2.1 und 5.2; y

1Kor 11,32 bestrafen: 5.4; z Tit 3,11 au)tokata/kritoj durch sich selbst bestraft worden; z kata/krima

Röm 5,16.18 Bestrafung (Vollzug der „Todesstrafe” an den Vielen = zu Hinfälligkeit und Sterblichkeit): z - Luther: „Verdammnis”

- 8,1 Bestrafung (Vollzug der „Todesstrafe”): z - Luther: „Verdamm- nis” katakri/sij 2Kor 3,9 Verurteilen („Dienst des Verurteilens”): x - Gruber 190f

- 7,3 Verurteilung: x

sugkri/nw 1Kor 2,13 deuten, erklären: 3.4; j (vgl. e; 1Kor 12,10 und 14,29) 2Kor 10,12 vergleichen (2x); 3.3; 1

4.2 Zuordnung nach Bedeutungskategorien Ausgangspunkt ist stets das Grundwort kri/nw, das im folgenden nicht genannt wird; dem folgen dann, jeweils eigens vermerkt, die Substantive kri/ma/ -sij, schließlich, jeweils eingerückt, die Komposita mit den entsprechenden Substantiven a)nakri/nw, diakri/-nw/ -sij, e)gkri/nw, katakri/-nw/ -ma/ -sij, sugkri/nw, die ja entweder ein im Grundwort enthaltenes Element verstärken oder doch an ein solches anknüpfen. Die Paulusstellen sind vollständig erfaßt; Ergänzungen durch andere Auto- ren, sei es aus dem NT oder außerhalb, erfolgen vor allem dort (durch ll abgesetzt), wo eine Nuance bei Paulus nicht nachzuweisen ist oder eine seltenere Bedeutung gestützt wird. - Ein Verweis auf die jeweiligen Abs- chnitte unserer Arbeit steht nur bei den nichtpaulinischen Stellen; sonst s.o. 4.1.

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

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Es zeichnen sich drei Anwendungsbereiche ab, auch wenn die Über- gänge zwischen diesen sowie zwischen den einzelnen Kategorien fließend sind. Es fällt jedoch auf, daß an vielen Stellen statt ,richten’ das präzisere ,verurteilen’ o.ä. zu lesen ist. Ferner sieht man, wie durch die Komposita die Spezifika deutlicher hervortreten; die Differenz zwischen den diversen Komposita ist also größer und schärfer als zwischen den einzelnen Nuan- cen des Grundwortes; diese sind im allgemeinen nicht austauschbar.

A. Scheiden „zwischen”

a. sondern, sichten - bei Homer (ThWNT III 921)

b. aussondern positiv: wählen, auswählen, bevorzugen, vorziehen; Röm 14,5a (BDAG); 14,13b; 2Kor 2,1 (vgl. 5.2 Anm. 32 und 33)

- diakri/nw wählen LXX Ljob 9,14; Koh 3,18

- diakri/nw bevorzugen, den Vorrang geben 1Kor 4,7

- e)gkri/nw darunter wählen, zurechnen 2Kor 10,2

c. aussondern negativ: ausscheiden, trennen;

- diakri/nw abgrenzen, ausgrenzen LXX Ljob 15,5; Apg 11,12: 2.8

- diakri/nomai (Medium: ) sich distanzieren/ abgrenzen // Apg 10, 20; 11,12 vl: 2.8; Diogn 5,1

- diakri/nomai (Medium: ) abweichen, abfallen Röm 4, 20 // Mk 11,

23: 2.3; Mt 21, 21: 2.4; Jud 22: 2.10

- diakri/nomai (Passiv:) sich abbringen lassen // Jak 1,6: 2.7

- dia/krisij Ausgrenzung (von Gedanken) Röm 14,1

d. scheiden, entscheiden (Grundlage vieler weiterer Bedeutungen); Me- dium: sich messen mit

e. klären, klarmachen; (einen Kampf) gewinnen, beilegen; ordnen

- diakri/nw schlichten; klären 1Kor 6,5 // ordnen Diogn 7,7

- a)pokri/nomai antworten, „dabei klar machen” Kol 4,6; 1.2

B Etwas in sich betrachten etc.

f. untersuchen; (er)forschen; überlegen 1Kor 11,13

- a)nakri/nw (etwas) untersuchen, erforschen 1Kor 2,14 (2,15a)

- a)nakri/nw (absolut) Nachforschungen anstellen 1Kor 10,25.27

- diakri/nomai (Medium:) bei sich erwägen, (hin und her) überlegen // Lk 11,38 vl: 2.9

g. fragen, befragen (in der Tragödie, LSJ IIL l) vgl. s

- a)nakri/nw (jemanden) erforschen, (zu) durchschauen (suchen) 1Kor 2,15; 1Kor 4,3.4; 1Kor 14,24

h. prüfen 1Kor 10,15(?); im Präteritum auch: bestätigt, bewährt, LSJ

II.1

// Philo leg. all. ΙΙΙ 123 to\n kekrime/non lo/gon; ebd. ΙΙΙ 119

48

Norbert Baumert SJ

- kritiko/j prüfend, ,kritisch’ Hebr 4,12(?)

- diakri/nw prüfen LXX Ijob 12,11; 23,10; 4 Makk 1,14

i. meinen, halten für, glauben, der Überzeugung sein 2Kor 5,14 LN

31.1

j. auslegen, deuten (vgl. e) Mt 16,3 - (Medium:) für sich deuten

- diakri/nw deuten (,auseinanderlegen’), anwenden 1Kor 14,29

- dia/krisij Deutung, Anwendung 1Kor 12,10

- sugkri/nw (,zusammenlegen’) deuten 1Kor 2,13

k. beschließen, sich entschließen; bestimmen (auf ein Tun gerichtet) 1Kor 2,2; 5,3; 7,37; Tit 3,12.

l. urteilen (über), (jemanden/ etwas) beurteilen, bewerten Röm 14,13a; 1Kor 4,; 10,15

- kri/ma: Beurteilung, Urteil Röm 11,33 (vgl. u)

- sugkri/nw (miteinander bewerten) vergleichen 2Kor 10,12 (2x)

m. für wert erachten, als gut beurteilen

n. schätzen, hochschätzen Röm 14, 5b - BDAG 1: ,,held in esteem“

- diakri/nw hochschätzen 1Kor 11, 29

o. regieren 1Kor 6.2.3; 2 Tim 4,1 nach Rissi, EWNT I 787f, so auch:

Mt 19,28 par. Lk 22,30; LXΧ Ri 3,10; 1 Kön (= 1 Sam) 4,18; 4 Κön (= 2Κön) 15,5; LN 37.49. - Vgl. auch Gamper 170-172.

- kri/ma Herrschaft Offb 20,4; LXX Dan 7,22 - EWNT ~ 785f

- krith/j = Herrscher (incl. Richter) 2 Tim 4, 8 /Apg 10, 42: 5.3

- diakri/nw regieren // Sach 3,7

C. Forensisch (wo Recht/ Unrecht in Frage steht, privat od. öffent- lich)

p. miteinander rechten, streiten; im Rechtsstreit liegen, einen Streit aus- tragen (Medium, vgl. 5.1 Anm. 30); Röm 3,4; 1Kor 6,6

- kri/ma (konkret:) Streitfall, Streitsache 1Kor 6, 7

- diakri/nomai (pro/j) streiten/ rechten mit // Apg 11,2 - WNΤ 2a

q. anklagen, verdächtigen (evtl. t: Röm 2,27 ?; s: 1Kor 9,3 ?)

- kri/ma Anklage 1Tim 3,6; Vorwurf 1 Tim 5,12

- katakri/nein ver-klagen / völlig ,heruntermachen’ 23 Röm 8, 34

23 Das Kompositum verstärkt die Linie des (forensischen) e)gkalei=n V 33 zu ,in- tensiv anklagen’, im Deutschen etwa ver-klagen (als Steigerung). Es liegt kein Zitat aus LXX vor, wie N 16 andeutet, und keine Assoziation an Ijob 34,29 (s. Randvermerk), sondern vor dem Gericht Gottes ist Jesus unser Anwalt, der uns gegen den Ankläger vertritt, d.h. gegen Satan. So setzt Paulus scharf gegenüber: Ist Gott ,der Gerecht- macher’ - wer ist ,der Ver-kläger’? Denn wenn Gott als Richter zugleich Retter ist, wer könnte vor diesem Richter noch eine Klage vorbringen? - Das Partizip mit dem Artikel steht zur Bezeichnung eines Typs u.ä. (vgl. u. 5.4 Anm. 38). Mit Tischendorf

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

49

r. sich Recht sprechen lassen (Medium) 1Kor 6, I

s. gerichtlich untersuchen

- a)nakri/nw mit Autorität befragen; verhören; zur Rechenschaft zie- hen, vor Gericht stellen (evtl. 1Kor 4,3.4?); 9,3 (vgl. f)

t. überführen, als schuldig erweisen, beschämen Röm 2, 27 (vgl. Röm 3,7); (evtl. 1Kor 14,24?)

u. richten, über Personen befinden; zu Gericht sitzen Röm 2,16; 3,6; (evtl. Röm 14,4 (?); 1Kor 5,12.13; vgl. 2 Tim 4,1

- kri/ma Gericht (evtl. Röm 11,33 ?)

- kri/sij (Gerichts-) Urteil, Urteilen (nomen actionis) 2 Thess 1,5

- kritiko//j richtend, richterlich (vgl. evtl. h) Hebr 4,12

- dikaiokrisi/a gerechte Beurteilung, Rechtsprechung, offen für do/ca und o)rgh/ Röm 2,5

v. jemandem etw. durch Richterspruch zuerkennen, gewähren

w. dem Bedrängten Recht verschaffen (analog zu o.; nur biblisch 24 ).

x. (jemanden/etwas) verurteilen, als schlecht beurteilen; ,kritisieren’ Röm 3,7; 14,3.4.10.22; 1Kor 10,29; Kol 2,16

- kri/ma Verurteilung Röm 5,16

- diakri/nw verurteilen, kritisieren 1Kor 11, 31; Passiv: Röm 14,23

- katakri/nw schuldig sprechen Röm 8,3.34

- kata/krisij Verurteilung, Verurteilen 2Kor 3,9; 7,3

y. zu einer Strafe verurteilen, jem. eine Strafe zusprechen, ihn verwerfen, (zu etwas) ,verdammen’ Röm 2,1.3.12

- katakri/nw verdammen, zugrunderichten Röm 2,1; 14, 23

z. (Urteil vollstrecken) bestrafen, züchtigen 1Kor 11,31.32; 2Thess 2,12

- kri/ma Strafgericht, Strafe Röm 2, 2.3; 3, 8; (als Sanktion:) Röm 13,2; Bestrafung, Züchtigung 1Kor 11, 29.34; Gal 5,10 11 Lk 20,47;24,20

- kri/sij Bestrafung (nomen actionis: zu einem Bestraftwerden hin-

schreibe ich daher katakri/nwn, also das Präsens. Durch diese eigenwillige Bildung will Paulus hervorheben, was der Satan zu tun versucht: Menschen in Grund und Boden zu ver-klagen! Da ,Gott’ der Richter ist, steht nicht zur Debatte, ob ein anderer sich als Rίchter neben ihn stellen könnte, sondern da bleibt von vornherein nur der Gedanke an die Rolle des Anklägers. - Darum auch in 1Tim 3,6 (in unserer Tabel- le oben unmittelbar vorher): Der Teufel hält „Anklage” (Rissi, EWNT II 786, mit Hinweis auf Offb 12,10), nun auch Röm 8,34. - Dagegen: „Gericht” (EÜ) und „Urteil des Teufels” (Luther) wird zwar ausgelegt als ,Gericht, das den Teufel trifft’, aber das wäre im Griechischen sprachlich schwerfällig. Und im Deutschen liest man es, als ob der Teufel Gericht hielte. Beides wäre zudem inhaltlich überzogen.

24 Z.B. LXX 2Kön (= 2Sam) 18,19. - Gamper 170-172; 216-218; 234-236; 241: In der Gebetsbitte „richte mich Gott” (z.B. LXΧ Ps 7,9) bedeutet „richten soviel wie ,Recht verschaffen’, ,helfen’.” - Ähnlich LXX Jes 50,8.

50

Norbert Baumert SJ

drängend; als ,Sünder’ sind sie schon offenbar) 1Tim 5,24

- katakri/nw (Passiv:) bestraft werden 1Kor 11,32; Tit 3,11

- kata/krima Bestrafung (Vollzug der Todesstrafe; in die Sterblichkeit und Hinfälligkeit, den täglichen ,Tod’ gestellt) Röm 5,16.18; 8,1.

5. Wortspiele innerhalb längerer Abschnitte

“Rhetorische Wortfiguren” fungieren nach Lausberg (323) als

„intellektuelle Aufmerksamkeitserreger”. Ist nach Volkmann (479f) „die

Wiederholung desselben Wortes mit verschiedener Bedeutung

de einfach” (traductio; z. B. kri/nw untersuchen - > urteilen - > verurteilen, vgl. o. 3.7 und 4.1, wo mehrere Belege kurz hintereinander stehen), gibt es andererseits auch „eine kunstvolle Gegenüberstellung teils gleicher, teils ähnlicher, teils auch entgegengesetzter Wörter” (Volkmann 466), z.B. durch geringfügige lautliche Veränderungen, wie das Hinzufügen oder Austauschen von Präpositionen. Solche „Wortspiele” (Volkmann 479f) haben wir soeben unter 3.3-5 kennengelernt, etwa in 1Kor: sugkri/nw (2,13) – a)nakri/nw (2,14f und 4,3f) - diakri/nw (4,7). Noch bunter wird das Bild, wenn zwischen den diversen Verbformen auch Substantive von der gleichen Wurzel stehen. Daß Paulus es liebt, mit der Sprache zu spielen, darauf habe ich verschiedentlich hingewiesen. 25 In den folgenden vier Passagen steigern sich solche Anklänge und Sinnverschiebungen zu regelrechten , Feuerwerken’ . Diese Flechtwerke, in denen Paulus mit verschiedenen Nuancen und Komposita spielt, lassen sich nur in einer neuen Übersetzung wiedergeben, Denn die Aufdeckung dieser Wortspielzusammenhänge stellt eine Reihe eingeschliffener Übersetzungsgewohnheiten bei Paulus deutlich in Frage. Hinzu kommen Veränderungen aufgrund anderer Vorarbeiten (vgl. o. S.20 Anm. 2). Daher seien die entscheidenden Texte hier neu wiedergege- ben, und zwar im Fettdruck, mit eingefügten Interpretationshilfen (vgl. o. S.21 Anm. 3), wobei alle Wörter vom Stamme krin- in Klammern in Griechisch aufgeführt werden.

im Grun-

5.1 Röm 2,1 - 3,8: ,richten, verurteilen oder verwerfen’? Der Anschluß von 2,1 an das Vorausgegangene: 1,31

Lieblose, Un-

25 Vgl. in meinen Arbeiten, z.B. Atf, ChTG, Studien und KuM, jeweils im Sach- register unter „Sprache” und „Wortspiel”. - Robertson 478: „It is perfectly good Greek to have this ,playing with paranymous terms’.” - Ferner s. u. 5.2 Anm. 25. - Im übrigen weisen viele Autoren in diesem Zusammenhang auf „Paronomasie” hin, z.B. Dautzenberg, EWNT I 734f; Synofzik 53.

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

51

barmherzige, 32 Leute, die im Wissen um den Urteilsspruch Gottes, daß jene, die solches tun, Tod verdienen, nicht nur es tun, sondern auch Beifall spenden denen, die es tun” (sie so im Bösen noch bestärken und damit noch tiefer in den Todesbereich hineinstoßen). Das zieht einer- seits die Linie von Lieblosigkeit und Unbarmherzigkeit weiter aus und konkretisiert sie in einem Punkt, zum andern ist es eine Form bewußten Vernichters („Tötens”) des anderen und leitet so über zu dem allgemeinen Begriff: „jeder der verdammt”, um damit auch den zu erfassen, der aus moralischer Entrüstung einen Menschen verwirft (kri/nei, 2,1-3). Dies besagt dann nicht das undeterminierte ,zu Gericht sitzen’ (ohne den

Ausgang anzudeuten), sondern ein Ver-urteilen des Nächsten und ihm das Strafurteil zusprechen (den „Zorn Gottes” 2,5.8); darin liegt das mit

V 1,31 Gemeinsame („Tod”). Zwar ist vorausgesetzt, daß der Nächste

objektiv Unrechtes getan hat, aber wer deshalb über ihn den Stab bricht und ihn gleichsam in den Todesbereich hineinstößt = ,verwirft’ (sagt man ,verdammen’ - z.B. Rissi, EWNT II 789: „Verdammungsurteil über den anderen” - so geht es hier nicht um die Verdammnis der Hölle), der tut in dem Punkt, wegen dem er den anderen verwirft, das gleiche wie der, den

verurteilt/ verwirft. Darum bist du unentschuldbar, (und zwar) jeder, insofern du verurteilst/ verwirfst (o( kri/nwn; jeder: nicht nur, wer es tut und andere darin bestärkt und sie somit verdammt = ins Zorngericht hineinstößt, sondern jeder, der verdammt, auch wenn er es physisch nicht tut). Denn worin du verwirfst (kri/neij) den anderen, (darin) verwirfst du dich selbst völlig (katakri/neij - hier Steigerung in derselben Linie); tust du doch dasselbe dadurch, daß du (ihn dafür) verwirfst (o( kri/nwn 26 ).

er

2,1

26 Pa=j o( kri/nwn - jeder, insofern er verwirft, als Verdammender; der Artikel beim Partizip hat hier spezifizierende Bedeutung, s. Baumert, Ts 403-409. - Hier liegt der Schlüssel zu dem ganzen Kapitel: Durch das Verdammen eines anderen macht man sich derselben Tat schuldig, wegen der man den anderen verwirft - auch wenn man sie selbst äußerlich gesehen nicht tut! Doch da man sich zum Richter über (Leben und) Tod des anderen macht, befaßt man sich so mit der Ursache dieses Verurteilens, daß man nicht voller Barmherzigkeit dem anderen heraushilft, sondern ihn noch mehr hineinstößt - und damit dieselbe Tat begeht, ähnlich wie jene, die den Sünden anderer Beifall spenden (1,32). Es geht hier nicht darum, daß man ,gut und böse’ feststellt, sondern sich selbst zum Urteilsvollstrecker macht; und darin liegt, wie schon in der moralischen Entrüstung, ein subtiler Nachvollzug jener Sünde. Zudem gibt man dem anderen keine Chance (anders Gott: Röm 2,4). Schon dadurch, daß ich mich zum ,Richter’ über andere erhebe, maße ich mir an, die Taten des anderen zu werten und versündige mich; aber indem ich ihn wegen einer bösen Tat verurteile und verdam- me, begehe ich dieselbe Sünde. - Analog dazu steht, daß ich sozusagen an den guten Taten des anderen Anteil haben möchte, indem ich ihn ,heilig spreche’ - ohne selbst diese Taten, die Lob verdienen, zu tun. Wie man sich dort ,mit fremden Federn zu

52

Norbert Baumert SJ

2 Wir wissen aber, daß die Strafe (kri/ma - das Strafgericht, die Verwer- fung) Gottes in Wahrheit (in voller Wirklichkeit) über jene ergeht, die derartiges tun (gesagt in der dritten Person, ist dies doch gesagt im

Hinblick auf ,dich’ - vgl. V 1 -, der du durch deine moralische Entrüstung und Verdammung die gleiche Sünde begehst, wegen der du den anderen

verurteilst).

nigen verwirft (kri/nwn), die solches tun, und dadurch just das gleiche

tut, du könntest der Strafe (kri/ma, dem Strafgericht) Gottes entrinnen? 5 Häufst du dir doch auf ,Zorn an einem Zornestag’ und Enthüllung einer gerechten Rechtsprechung (dikaiokrisi/aj - offen für do/ca und o)rgh/) Gottes. 27 12 Alle nämlich, die ohne Gesetz gesündigt haben, werden (müssen notwendig) auch zugrundegehen (dem Tod/ Todesbereich verfallen) ohne Gesetz; und alle, die unter (einem) Gesetz gesündigt haben, werden ganz sicher durch (ein) Gesetz (zum ,Tode’ verurteilt = bestraft, in den Todesbereich gestoßen) verworfenl verdammt (kriqh/sontai steht parallel zu a)polou=ntai in V 12a; vgl. V 9: Bedrängnis etc.). 15 Diese Leute zeigen, das das Werk des Gesetzes (die richtige Tat, die dem jüdischen Gesetz entsprechende Forderung) eingeschrieben ist in ihre Herzen, wobei ihr Gewissen (es) bestätigt und unterein- ander die Überlegungen (Schlußfolgerungen, Urteile) anklagen oder auch verteidigen, 16 an welchem Tag (in welch aufdeckendem Vorgang,

Ereignis

28 ) Gott richtet das Verborgene der Menschen gemäß meinem

3 Rechnest du etwa damit, du Mensch, als einer, der dieje-

Evangelium durch Jesus Christus (kri/nei ist offen für Leben und Tod, vgl. V 5, also ,richten’).

(nach V 20 ein

Komma, wie bei Westcott-Hort), 21 als lehrend den anderen (Fremden)

nun dich selbst nicht lehrst als einer, der verkündet, nicht zu stehlen,

stiehlst? 29

17 Wenn aber du Jude genannt wirst (heißt) und

(was ist dann = bist du dann nicht selbst Täter?)

schmücken’ sucht (vgl. den Personenkult in 1Kor 1-4, vgl. o. 3.4 und 3.5), so befleckt man sich hier mit anderen Sünden und macht sie zu seinen eigenen. ,Richten’ ist also hier zu wenig; es muß ,verwerfen’ heißen, und zwar im Sinne einer „immanenten Vergeltung” (die dem Judentum nicht fremd ist, vgl. Mattern 40f). 27 Dies meint nicht den ,Jüngsten Tag’, sondern die Wirkung seines Zornes im Leben der Menschen hier, vgl. die nächste Anm., zu Röm 2,16; ferner Gamper

212-218.

28 Nach der Lesart von B: e)n h|{h(me/ra|. - Nähere Begründung steht noch aus (vgl. o. Anm. 2); bisher dazu lediglich eine kurze Notiz in Baumert, Studien 229, nur wäre h(me/ra nicht mehr mit ,Gerichtstag’ wiederzugeben.

29 Erst hier kommt der Hauptsatz! Gemeint ist: Dann nämlich, wenn du = einer der den anderen verdammt (!), den anderen lehrst, dich selbst nicht lehrst und stiehlst etc. (was ist dann, was hilft dir das dann)? Denn dadurch, daß du ihn deswegen verdammst, weil er das nicht tut, machst du dich der gleichen Sünde

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

53

27 Und so wird (folgerichtig) ,Unbeschnittenheit von Natur aus’, die

das Gesetz erfüllt, dich „überführen” (kri/nei - beschämen, bloßstellen, evtl. auch anklagen, aber nicht: „im Endgericht verurteilen” - Rissi, EWNT II 790), der du unter (den Umständen < vgl. 4,13 > im Bereich von) Buchstabe und Beschneidung Übertreter von Gesetz bist (nämlich durch dein Verwerfen der anderen)

zuerst, daß die Worte Gottes als zuverlässig (!) erweisen wur- 3. 4 Es möge aber Gott wahrhaftig sich erweisen, jeder Mensch

den

jedoch als Lügner, wie geschrieben steht: damit du in deinen Worten gerechtfertigt wirst (deine Worte sich als gerecht erweisen, vgl. V 2) und du gewinnst, wenn du (mit jemandem) rechtest/ einen Rechtsstreit hast (e)n tw|= kri/nesqai/ se - wenn du jemanden gerichtlich zur Rede stellst). 30 5 Wenn also unsere Ungerechtigkeit (durch die Konfrontierung

3,2

schuldig (s.o. 2,2)! Du mußt vielmehr lehren, ohne zu verdammen! - Paulus ist immer noch beim Thema von 2,1. Hatte er in 1,18-32 die heidnischen Tatsünder aufgedeckt, so folgen in Kap. 2 jene, die durch moralische Entrüstung sündigen. Sind diese von 2,1-9a zunächst allgemein bezeichnet, so differenziert er ab V 9b: „ob Juden oder Heiden” (9b-11) und hebt dann hervor, daß die Völker von Gott nach ihrem Gewissen (= ihre Form von ,Gesetzeserkenntnis’) gerichtet werden (2,12a und 13-16). - 2,17-29 aber ist nun auf die Juden zugespitzt; eine für sie ,spezifische’ Sünde sieht Paulus darin, daß sie gelegentlich ihr Wissen um den Willen Gottes im Gesetz mißbrauchen, die Nichtjuden ,verdammen’ und so „der Name Gottes gelästert wird unter den Heiden” (2,24). Er will also nicht sagen, daß sie physisch dieselben Sünden begehen, wohl aber Sünder werden durch moralische Entrüstung und Verdammung. Im Kontext kommt es Paulus ja bei dieser generalisierenden Sprache darauf an, daß auch der ,fromme Jude’ noch seine spezifischen Fehler haben kann - um zu dem Schluß zu kommen: „alle haben gesündigt” (3,9-20). Gewiß ist mit dieser ,spezifischen’ Sünde (2,24) nicht jeder Einzelne belastet - es gibt nicht nur die ,Befolger des Gesetzes’ auch unter den Heiden (2,14 und 27!), sondern vor allem doch die ,Gerechten’ des Bundesvolkes Israel. Darum sind auch die Verse 2,25-29 so zu lesen, daß paraba/thj etc. die ,Übertretung durch das Verwerfen/ Verdammen anderer’ meint! Weil man ja dadurch das tut, was das Gesetz verurteilt. Daher nun die Umkehrung in 27, daß der (gerechte} Heide den (verdammenden) Juden - nicht ‘verwirft’, sondern überführt; kri/nei muß also jetzt eine andere Nuance haben als vorher.

30 Einige Kommentare fragen, ob hier ein Passiv oder ein Medium stehe. Das erste hieße: „wenn du (Gott) gerichtet wirst” (Allioli), das zweite „wenn man mit dir rechtet” (Luther, O. Michel im KEK, EÜ), so daß se/ das Akkusativobjekt zu kri/nesqai ist = in dem ,Dich-zur-Rechenschaft-Ziehen’, scil. der Menschen. In beiden Fällen aber wäre Gott derjenige, der zur Rede gestellt wird. Dies scheint der Kontext zu fordern, da ja seine „Wahrheit” angefragt ist. Doch e)n lo/goij des Zitats greift V 2 wieder auf, dikaiwqh/j aber liegt in der Linie von pi/stij qeou= und a)lhqh/j (V 3/4) und wird dann in V 5 ausdrücklich aufgegriffen (a)-dik-i/a, dik-aiosu/nh, a!-dik-oj) was dann direkt zu krinei=(V 6) führt. So wird zwar die Qualität des Richters in Frage gestellt, aber damit wird er noch nicht zum Angeklagten, sondern wird als Richter angefragt. Damit bleibt auch der zweite Teil des Zitats, der ja das Stichwort krin- bietet (wobei in V 6 eindeutig Gott

54

Norbert Baumert SJ

mit dem Gesetz) Gottes Gerechtigkeit (Geradheit) bestätigt, was be- sagt das (d.h., wenn bei diesem Rechtsstreit Bloßstellung meiner Lüge den Erweis erbringt, daß Gott im Recht ist)? Ist etwa Gott ungerecht, insofern er (durch diese Bloßstellung) seinen Zorn (in besagter Weise) anbringt? Ich rede menschlich. 6 Das kann nicht sein. Wie denn sonst könnte Gott die Welt richten (pw=j krinei=- wie könnte er gerechtes Gericht halten: 2,5)? 7 Wenn nämlich (Lesart B u.a.) Gottes Wahrheit in meiner Lüge (d.h. die Wahrheit seiner Worte, mit der er einen sündigen Menschen konfrontiert) übergeflossen wäre in seinen Glanz (mich mit Ehre, nicht mit Zorn bedacht hätte 31 ), wie noch (ferner noch = auf welche Weise denn sonst noch) würde auch ich als Sünder verurteilt werden (w(j a(martwlo\j; welche Möglichkeit gäbe es sonst noch, daß auch ich als Jude, der ich doch auch Sünder bin, als Sünder aufgedeckt, überführt und verurteilt werden könnte)? 8 Und es darf auch nicht so sein, wie man uns (den Juden allgemein oder Paulus persönlich?) verleumderisch nachredet und wie einige behaupten, wir würden so reden, daß wir das Schlechte tun sollten, damit das Gute komme. Solcher Leute

Subjekt des Richtens ist) in der Linie, daß Gott mit dem Menschen rechtet, nicht umgekehrt. En) tw|=kri/nesqai/ se kann auf zweifache Weise konstruiert werden: 1. in dem ,einen Rechtsstreit führen mit Dir’ (scil. die Menschen); das jedenfalls steht hinter dem „wenn man mit dir rechtet”. Dies ließe sich zur Not erklären als ,dich bestreiten’, aber eigentlich ist dann eine Präposition passender (Apg 11,2: pro/j; ebenso LXX Joel 4,2; Ez 20,35f oder ein Dativ (Jd 9; LXX Jer 15,10, WNT 2a). Näherliegend ist, das Medium im Sinne eines durch einen Akkusativ ergänzten substantivierten Infinitivs zu lesen (wie es ja auch beim Passiv verstanden wird), ähnlich einem Aci: In dem ,Du-dir-Recht-Verschaffen’. Dann ist se das logische Subjekt des Streitens. Michel sagt selbst, der Text handle von dem „Prozeß Gottes gegen den Menschen”. Also nicht „man (der Mensch) rechtet mit Gott”, sondern Gott zieht vor sein Gericht, scil. den Menschen (vgl. 3,6). - Man muß nur den Mut haben, das etwa bei MG s.v. IIL3 ausgewiesene „Passiv”, das aber medial übersetzt wird (z.B. „sich messen”), als Medium zu deklarieren, was es doch in der Tat ist (vgl. MG L3; Passow l.b; bei LSJ viermal; Büchsel ThWNT III 921.14f:

„miteinander rechten; sich Recht sprechen lassen”; BDAG 5ab und bei uns j,p und r). In Mt 21,21 und Mk 11,23 wurde ja auch bisher die Passivform (im Sinn von „zweifeln”) wie ein Medium aufgefaßt; entsprechend LXX Ez 20,36. Und das bleibt so bei unserer Deutung. Ähniliches gilt für Röm 4,20. Daß Media eine passive Aorist- oder auch Futurform haben, ist nichts Ungewöhnliches (Kühner-Gerth II/l 104, z.B. fobhqh=nai, a)pokriqh=nai (!) etc., wobei dieselbe Form medial und passiv gebraucht werden kann, vgl. Mt 5,50 mit Lk 6,37). Also: sich gerichtlich messen, mit jemandem im eigenen Interesse rechten’, ,für sich Recht zu verschaffen suchen’ u.ä. Dann ist in unserem Fall Gott es, der den Menschen vor Gericht zitiert, um sich Recht zu verschaffen gegen den „Lügner Mensch” (V 4b). Und dies ist doch der Sinn des Zitates auch in Ps 51,6 selbst. 31 Begründung dieser Deutung von perisseu/ein ei)j und der ganzen Passage:

Baumert, Ts 302-310.

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

55

Verwerfung/ Verdammung (kri/ma - Bestrafung von Gott!) besteht zu recht! ,Verwerfung / Verdammung’ in 2,1 und 3,8 wäre so gleichsam der Rahmen um diesen ganzen Teil, in dem 15x die Wurzel krin- verwendet wird und es dem Leser überlassen bleibt, die jeweilige Nuance herauszu- finden: verwerfen, verdammen, verurteilen, richten, anklagen, überführen, einen Rechtsstreit haben, Strafgericht. - Vergleicht man nun mit anderen Übersetzungen, stößt man schnell auf die Besonderheiten unserer Inter- pretation - etwa gegenüber der EÜ in 2,1.2.3.12.27 und in 3,4.7.

5.2 Röm 14,1-23: von ,Ausgrenzung’ bis ,kritisieren’. Elfmal krin--, zum Teil weit auseinander stehend, wo die gegenseitige Bezugnahme wohl nicht so einheitlich wie in Röm 2,1-3,8, aber das Spek- trum um so breiter ist. Abweichungen von EÜ in: 14,1.5b.10.13.23. 32 14,1 Den „Schwachen” aber nehmt mit Vertrauen auf (in „Trauen”, in guter zwischenmenschlicher Beziehung; 15,7; ihn akzeptierend; mit ,Einvernehmen’, s.o. 2.11 und u. 14,23), nicht (sperrt ihn ein - Zeugma) in Abgrenzungen von Überlegungen (ei)j diakri/seij dialogismw~n, in Trennungen, Augrenzungen gedanklicher Art, d.h. stempelt ihn nicht ab durch e)couqenei=n V 3, also etwa: ,Steckt ihn nicht in die Schublade der Vorurteile eures Nachdenkens’, s.o. 3.1; angeredet sind also jene, die

,stärker’ zu sein scheinen). 2 Der eine traut sich, alles zu essen, der (so- genannte, dafür gehaltene) „Schwache” aber ißt Gemüse. 3 Der Essende soll den Nicht-Essenden nicht geringachten; (nun weiter primär an die ,Schwachen’ gerichtet) der Nicht-Essende aber soll den Essenden nicht verurteilen (mh\ krine/tw, nicht als Sünder beurteilen; im Unterschied zu 2,1 wird hier keine , Verdammung’ ausgesprochen oder gewünscht, sondern bleibt es auf der Ebene des negativen ,Urteils’ über das Verhalten eines Menschen), denn Gott hat ihn (so wie er ist, in sein Haus) aufge-

4 Du, wer bist du (denn), daß du einen anderen

nommen (vgl. 14, 1a).

(Haus-) Diener verurteilst (o( kri/nwn - oder ,richtest’ in Überleitung zu 4b?)? Durch den eigenen (Haus-) Herrn steht oder fällt er (er wird bes-

32 In 14,3.4.10.13a (Luther, EÜ) ist „richten” sprachlich nicht eindeutig. Es meint faktisch so etwas wie ,verurteilen’, und man sollte es auch so sagen. Zu den Versen 14,1-12 liegt eine Dissertation von G. Kudilil vor, die in der Hochschule St. Georgen, Frankfurt angenommen wurde, aber erst im Jahre 2005 in Indien ge- druckt werden wird. Viele der ungewohnten Deutungen sind dort begründet. - In der Tat „ist der Bedeutungsgehalt von diakri/seij in Röm 14,1 schwer festzulegen” (Dautzenberg, EWNT I 737), aber nach unseren Ergebnissen zu Röm 4,20 und Apg 10,20 etc., s.o. 2.2, 8 und 11, legt sich ,Abgrenzungen’ nahe. „Auseinandesetz- ungen” hingegen, so Dautzenberg ebd., scheitert daran, daß man nicht gut ,in sie hinein aufnehmen’ kann.

56

Norbert Baumert SJ

tätigt oder verurteilt von - dat. auct. - dem ihm eigenen Herrn, nicht von einem Kollegen). Er wird jedoch stehen gemacht werden (scil. durch ihn), 5 denn der (Haus-) Herr vermag ihn stehen zu machen (in diesem Fall: Gott hat die Macht, sein Verhalten für recht zu beurteilen, ihn zu bestätigen; das setzt voraus, daß Gott darin keinen Fehler sieht).

46 : ohne ga/r) schätzt einen Tag höher ein als einen

anderen (kri/nei par’), der andere schätzt jeden Tag (kri/nei mit Akk.; hält ihn für wertvoll 33 ) … 10 (Nun wieder an beide Gruppen; erst der ,Schwache’:) Du aber, was (warum, wieso) verurteilst du deinen Bruder (der Leben mit Dank ge-

nießt; warum beurteilst du ihn negativ)? Oder auch Du (der sich ,stärker’ fühlt: ), was verachtest du deinen (für Gott auf Lebensvollzüge verzich-

tenden) Bruder?

gegenseitig be-urteilen (kri/nwmen, bewerten, jetzt zusammenfassend für

beide Verhaltensweisen, e)couqenei=n und kri/nein = weder geringschätzen noch verurteilen). 13b (Nun an die ,Starken’ gerichtet, die Hauptadressaten:) Vielmehr, was das (diesen Punkt der verschiedenen Überzeugungen) betrifft (in-

sofern), wählt (kri/nate, bevorzugt

dem Bruder und kein Ärgernis (eine traductio zu „wählen”, mit leichter Ironie) 19 Folglich laßt uns nun die Interessen des Friedens verfolgen (inten- siv das tun, was dem Frieden mit anderen dient) und der gegenseitigen Ruferbauung. 20 Löse nicht wegen einer Speise das Werk Gottes auf

34 ) eher das ,Keinen-Anstoß-Geben’

13a Wir wollen uns also nicht weiterhin (länger mehr)

5 Der eine (P

33 BDAG 1: „held in esteem”. - Das Grundwort heißt in diesem Falle ,wert-

schätzen’, „schätzen” (Büchsel 921, mit Verweis auf:) Pl, Rep. III 399e kri/nontej

to\n ?Apo/llw

schätzen (Komparativ); dem entspricht hier in Röm 14,5a para/; hingegen steht ,bevorzugen, wählen’ ohne pro/, z.B. Röm 14,13b; 2Kor 2,1 (vgl. b und n), s. die folgende Anm. - Nicht undenkbar ist hier aber auch ein Oxymoron: ,er bevorzugt/ wählt jeden Tag’.

pro\Marsu/ou. Also: ,ihn schätzen vor (pro/) dem anderen’= höher

34 „Darauf achten” (EÜ) und „euren Sinn richten auf” (Luther) ist semantisch von kri/nw sehr weit weg; es wäre ein völlig neues Sem. Umständlich Wilckens:

„Euer Kritikvermögen richtet darauf”. Hat man die Möglichkeit ‘wählen, bevorzu- gen’ nicht gesehen? BDAG s.v. 2.b: „a Play on words, with kri/nein used in two dif-

ferent meanings in the same vs.” Aber der Vorschlag „decide” (ebd. 4) ist angesichts des substantivierten Infinitivs zu schwerfällig. - Die gewiß unerwartete Nuance („traductio” als typischer „Aufmerksamkeitserreger”) gibt der ,Ermahnung’ des Paulus nun eine gewisse Liebenswürdigkeit: ‘Nicht beurteilen (kri/nwmen), sondern

wählt (kri/nate) doch lieber

Zugleich liegt noch ein Anklang an die ähnliche

traductio von V 4 zu 5 vor. - Die Parallele 2Kor 2,1, ebenfalls mit substantiviertem Infinitiv, zeigt zudem, daß tou=to an beiden Stellen ein Akk. d. Bez. ist: „Ich zog nämlich hinsichtlich dessen für mich selbst {= meinerseits) vor das Nicht-wieder- in-Betrübnis-zu-euch-Gehen.”

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

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(das er im anderen getan hat). Alles (ist) zwar rein, aber schlecht (etwas Schlechtes ist es) für den Menschen, der unter Ärgernis (unter den Um- ständen von Anstoßgehen) ißt. 21 Gut ist das ,Fleisch-nicht-Essen’ und (das} ,Wein-nicht-Trinken’ und (das) nicht (etwas Tun), woran dein Bruder Anstoß nimmt (was ihm zum Fallstrick wird). 22 Du behalte die Überzeugung, die du hast, für dich vor Gott. Glücklich, wer nicht sich selbst verurteilt (kritisiert, kri/nwn, sich Vorwürfe machen muB - Rissi) in dem, was er (vor Gott) prüft (dokima/zei i „bei dem, was er für recht

Wer aber kritisiert wird (von anderen

35 ), (der) ist, wenn er ißt, verworfen/

verdammt (kata-ke/kritai, sehr stark unterstrichen: der muß die Folgen spüren; wer weiß, daß der andere das für falsch hält und daran Anstoß nimmt, ist dem Zorn Gottes verfallen, falls er dennoch ißt), weil nicht in Einvernehmen (mit dem anderen, s.o. 2.1; d.h. man soll es vor anderen nur tun, wenn diese es tolerieren < 14,1; 1Kor 10,28f>, nicht wenn sie es für schlecht halten). Und alles, was nicht in Einvernehmen (mit einem , schwachen’ Bruder getan wird/ geschieht), ist Sünde (weil man nämlich achtlos und lieblos über das Gewissen des anderen hinweggeht). Man beachte zunächst die traductio von pi/stij im Sinne von ,Überzeugung’ in V 22 zu ,Einvernehmen’ in V 23 (2x), wobei es in V 23 zugleich mit 14,1 einen Rahmenbegriff bildet, der in der Tat das Thema auf den Punkt bringt und an beiden Stellen zu diakri/n- in Spannung steht (vgl. o. 2.1 und 11); sodann die traductio vom forensischen kri/nein zu ,vorziehen, wertschätzen’ in V 415 und zu ,wählen, vorziehen’ in V 13; schließlich in V 22b/23a das bewußte Spiel mit kri/nwn diakrino/menoj katake/kritai.

hält”, EÜ, wäre tautologisch). verurteilt wird – diakrino/menoj

23

5.3 1Kor 6,1-7: richten oder herrschen? Neunmal steht in diesen sieben Versen ein Wοrt vom Stamme krin-, vermutlich ausgelöst durch Rechtsstreitigkeiten in der Gemeinde. Aber die Belege bleiben nicht - wie meist angenommen (EÜ) - im forensischen Bereich, sondern bringen interessante Variationen. Die folgende Überse-

35 Vgl. o. 2.1. - Nachträglich sieht man nun deutlicher, welchen Aspekt dia/ hier hervorhebt: ursprünglich etwa ,ent-zwei/ zwischen’ führt es zu ,sich auseinander- setzen/ streiten mit jemandem’, ,sich ab-grenzen von’ oder nun auch: ,etwas dis-

qualifizieren/ab-werten’. ,Verurteilen’ ist schon fast zu stark, aber die Bedeutung liegt in dieser Richtung. Interessant LN 33.412: Zwar halte ich die Deutυng von

criticized him” nicht für zutreffend wegen pro/j und wegen

des Mediums (s.o. Anm. 30), aber richtig ist die Beobachtung, „that diakri/nomai implies more than mere judgment. The direct expression of an adverse judgment may be best rendered in English as ,to criticize’.” Das trifft zu für Rom 14,23 und 1Kor 11,31, vgl. u. Anm. 41.

Apg 11,2 „those

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tzung kann hier nur als Hypothese vorgetragen werden, ohne eingehende Begründung. Paulus würde von kri/nesqai = für sich eine Streitsache führen (V 1 und 6) zu dem biblischen kri/nein = regieren/ herrschen wechseln (V 2 und 3, vgl. BDAG 5bß „the saints as Co-rulers with God”),

während die Substantive im forensischen Bereich bleiben. Durch die fast gleichlautenden Wörter (das Verb zweimal im Medium sowie diakri=nai einerseits, dreimal im Aktiv und einmal im Passiv andererseits) gewinnt er ein Argument, um ihnen das Unwürdige ihres Handelns bewußt zu machen. 36

Bringt es jemand von euch, der eine Streitsache (pra=gma) mit

dem anderen hat, fertig, sich Recht sprechen zu lassen (kri/nesqai - vor Gericht zu gehen) bei den Ungerechten und nicht bei den Heiligen?

2 Oder wißt ihr nicht, daß die Heiligen die Welt (Menschen und Dinge) regieren (kri/nousin, Präsens: Robertson 233, und zwar über sie herr- schen, vgl. 1Kor 4,8; 10,26; Genη 1,28)? Und wenn durch euch die Welt

regiert wird (kri/netai, Präsens!, wenn sie unter eurer Herrschaft steht), seid ihr dann nicht würdig für ganz geringe Rechtshändel (krithri/wn,

3 Wißt ihr nicht, daß wir

Engel regieren werden (kri/nou=men, Futur; über sie herrschen werden; wohl nicht in der ,eschatologischen Zukunft’, sondern daß wir erwarten können, daß sie uns dienen, hier und jetzt, und wir ihnen sozusagen Aufträge erteilen dürfen; jedenfalls nicht die Verurteilung der gefallenen Engel; der Kampf gegen die Dämonen, jetzt und am Ende, sieht anders aus) - geschweige denn Dinge des (alltäglichen) Lebens (Zeugma: er-

gänze im Präsens: erst recht ,sind wir jetzt Herren über Alltägliches’ - und

4 Wenn ihr nun alltägliche

Rechtshändel habt (biwtika\krith/ria, auch: des hiesigen, irdischen Le- bens; meist Geldsachen, Erbschaft u.ä.), bestellt die Geringsten hier in der Versammlung (setzt diese ,einfachsten Leute’ in der Versammlung < als Richter > ein - das ist nicht abwertend, eher rhetorisch gemeint, wie sofort V 5b zeigt). 5 Zur Beschämung für euch rede ich. Demnach steht unter euch keiner zur Verfügung (Baumert, Atf 327) als weise (so weise, daß er), der in der Lage wäre, (den Fall) zu schlichten (absolut: diakri=nai, und zwar a)na\me/son tou=- zwischen? 37 ) je

daher auch fähig für Rechtsentscheidungen)?

mehr den Gegenstand betreffend: ,Streitfälle’)?

6,1

36 Ebenso ist in 2 Tim 4,1 von regieren/ herrschen die Rede, was hier ebenfalls nicht begründet werden kann; vgl. aber Apg 10,42; 2 Tim 4,8; Röm 14,9.

37 Hier ist nicht an ein formelles Gericht in der Gemeinde gedacht, sondern wohl an ,schlichten’ (e in unserer Tabelle; ergänze: den Rechtsstreit; Wolff 116 Anm. 122); und dafür braucht es „Weisheit” (V 5b). - Zu a)na\me/son: bei ,zwischen’ würde man einen Plural erwarten oder zwei Begriffe, die bezeichnen, ,zwischen’ welchen Subjekten etwas stattfindet. Wolff weist für eine „abgekürzte Ausdrucks-

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

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nach einem mittleren (Maß) seines Bruders? 6 Vielmehr hat ein Bru- der einen Rechtsstreit (kri/netai) mit seinem Bruder, und das bei Un- gläubigen! ‘Augenscheinlich ist es ja doch überhaupt eine Niederlage (ein Mangel) für euch, daß ihr Streitfälle (kri/mata, „Prozesse” < EÜ > wäre zu stark, da Paulus ja schon die Vorstufe tadelt, also die Anlässe, die schließlich zu einem Prozeß führen könnten; also eher „Rechtsstreitigkeit” - Rissi, EWNT II 785) habt miteinander (einer mit einem anderen). War- um laßt ihr euch nicht lieber ungerecht behandeln?

5.4 1Kor 11,29-34: „den Leib wertschätzen” Wie es bei 1Kor 4,5/7 (s.o. 3.5), Röm 14,4/5 und 14,13 (s.o. 5.2) jeweils einen unerwarteten Wechsel von einem forensischen Begriff zu kri/nein = ,vorziehen, wählen oder wertschätzen’ gibt, so in 1Kor 11,29 zu dia-kri/ nein in ähnlichem Sinn. Solange man „unterscheiden” sagt (z.B. Allioli,

weise” hin auf BDR § 139 Anm. 2. Der Singular ließe sich aber eher griechisch als Zeugma erklären (d.h. daß ein Wort in einem etwas veränderten Sinn nochmals mitzudenken ist), als vom Hebräischen her (s. Gesenius bējn B: mit einem Singular Dan 8,16), denn ,inmitten des Flusses’ assoziiert die beiden Ufer; und Mt 13,25 ist ,Weizensaat’ ein Pluralbegriff. So bietet die Erklärung von a)na\ me/son durch einen Septuagintismus für bējn (in LXX oft gebraucht) keine echte Parallele zu 1Kor 6,5. - Im Griechischen ist a)na\ me/son selten. Unter den 6 Verbindungen ,Präp+me/son’ bei LS ist a)na\ me/son nicht zu finden. Ist es nun ähnlich einem e)n me/sw| (Passow IL 1)? Aber mit dem Singular? Oder ist a)na\ me/son eher einem e)j me/son ähnlich und hieße dann hier ,je nach einem mittleren (scil. Maß) deines Bruders’? Passow erwähnt unter I 2.b: „Hom, Il. 23.574: e)j me/son a)mfote/roij dika/zein, beiden Theilen gleichmässig, d.i. unparteiisch Recht sprechen”. Aber bei ,in die Mitte’ ginge der Spruch eigentlich ins Leere und bei ,zwischen beide’ müßte eher ein Genitiv stehen. Und ist ,unparteiisch’ oder ,gleichmässig’ schon ,gerecht’? Voss übersetzt wohl treffend: „Schlichtet das Recht uns beiden nach billigkeit, keinem zuliebe” (mh\de)pa)rwgh|=). Dann wird me/son gleichsam als Maßstab aufgefaßt: ,das Mittlere’. Dies aber ist nicht als fauler Kompromiß oder Gleichmacherei verstanden, sondern wie es bei Theognit 335 heißt (6. Jh. v.Chr.): Mhde\n a!gan speu/dein, pa/ntwn mesa!rista. kai\ ou!twj, Kurn’, e!ceij a)reth/n, h#nte labei=n xalepo/n. Also gilt das Mittlere als das gute, rechte Maß. So auch in der Tugendlehre des Aristoteles. Dann heißt Il. 23.574 ,beiden nach einem Mittleren = einem angemessenen guten Maß ihr Recht sprechen’, jedem für sich, ohne eine ,Gleichheit’ mit dem anderen anzudeuten. Das Gerechtigkeitsideal der Antike ist eher ,jedem das Seine’, nicht ,jedem das Gleiche’. Für a)na\ me/son weist Wolff (116 Anm. 123) mit Recht darauf hin, daß „a)na/ ein distributives Element enthält”, also ,je nach Mitte’, je nach einem ihm angemessenen mittleren Maß - im Rechtsbereich = gerecht (Voss: „nach Billigkeit”). Dasselbe würde dann für den Singular in 1Kor 6,5 gelten: jemand, der in der Lage ist zu schlichten (d.h. den Fall auseinanderzulegen - diakri/nein, dieses Wort steht absolut) je nach einem rechten Maßstab seines Bruders (das ,je’ assoziiert: des einen wie des anderen); beide sind ja „seine Brüder”. - Es bleibt also die Frage, ob Paulus hier mehr vom Hebräischen her oder vielleicht doch eher griechisch formuliert hat, vielleicht sogar ohne Zeugma. Er gebraucht a)na\ me/son sonst nicht.

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Kürzinger), bleibt immer das Problem, daß nicht gesagt wird, wovon man ,den Leib’ nicht unterscheide. Manche ergänzen dann: „(von gewöhnlicher

Speise)”. Die EÜ sagt immerhin „bedenken”, Wolff „(richtig) beurteilen”, Rienecker „unterscheidend würdigen”, Büchsel „auszeichnen” (ThWNT

III 948), während Luther sagte: „den Leib des Herrn nicht achten.

Letzteres ist in der Tat die richtige Spur, nur ist mit sw=ma, dem Kontext entsprechend, hier der Leib der (konkreten) Versammlung gemeint (so auch Bornnkamm, s. EWNT II 786; J. Kremer 252f bezieht es „auch” auf

die Gemeinde) und besagt o( e)sqi/wn kai\ pi/nwn nicht den Empfang der

Eucharistie, sondern den, der beim Gemeindemahl ohne Rücksicht auf

die anderen das Seine für sich „ißt und trinkt”. 38

11,29 Denn der ,Esser’ (beim Sättigungsmahl) und ,Trinker’ (wer also dort ohne Rücksicht auf die anderen einfach ein ,Essender und Trinken- der’ ist, s. V 21f - ,Fresser und Säufer’ wäre trotz V 21b zu stark) ißt

und trinkt sich (e)sqi/ei kai\ pi/nei, nämlich wenn er in dieser Haltung

39 ), da er

dann die Euchaństie zu sich nimmt; eine) Züchtigung (kri/ma

den Leib nicht achtet (mh\ diakri/nwn, nicht wertschätzt 40 den Leib, d.h. der Versammlung = den anderen Gliedern des Leibes keine Achtung

38 Das Partizip mit Artikel hier zur Bezeichnung eines Typs, Berufes o.ä., z.B. o( kle/ptwn ,der Dieb’; vgl. auch Röm 8,34, s.o. 4.2 Anm. 23 und 26. - Diese Andeu- tungen mögen genügen, da die Gesamtinterpretation an anderer Stelle gründlich nachgewiesen werden muß (s.o. Anm. 2). - Zur Deutung von V 30 s. Schneider, Seb., Glaubensmängel in Korinth - 1Kor 11,30, in: FN IX (1996) 3-16. - Zu e)kde/ xesqe s. Meißner, J., Das Kommen der Herrlichkeit. Eine Neuinterpretation von Röm 8,14-30 (fzb 100), Würzburg: Echter 2003, Kap. 1.2.2., S. 27-31. 39 Ohne Artikel! Belegung mit einer Strafe, Verurteilung mit Folgen, ,Verdam- mung’ = gegenwärtiges „göttliches Strafurteil”, Rissi, EWNT II 785; „gegenwär- tiges Züchtigungsgericht” (Mattern 102f; Synofzik 49-53). Wenn man „Gericht” übersetzt, ist das zwar oft gemeint, aber nicht klar genug ausgedrückt.

40 Das WNT s.v. diakri/nw 1.c.b übersetzt unsere Stelle (noch) mit „richtig beur- teilen”, während BDAG, s.v. 3a, nun schreiben: „recognize (!) to\ sw=ma - also ,aner- kennen’. Auch Gutjahr hatte hingewiesen auf die Möglichkeit „achten, wertschätzen” . In diesem Sinn kommentiert Chrysostomus (PG 61,233): Mh\ diakri/nwn to\ sw=ma tou= Kuri/ou. Toute/sti, Mh\ e)ceta/zwn, mh\ e)nnow=n, w(j xrh/, to\ me/geqoj tw=n prokeime/nwn, mh\ logizo/menoj to\n o!gkon th=j dwrea=j. Zwar denkt er bei sw=ma an den eucharistischen Leib (hätte Paulus jedoch dann nicht eher sw=ma kai\ ai{ma gesagt?), aber das Verb spricht für ihn die Achtung vor dessen „Größe” und „Würde” an. Synofzik (51) spricht bei 10,21 mit Recht von „Mißachtung der Gemeinde”. Dies wäre dann ein Gedanke, der bei unserer Deutung hier durch mh\ diakri/nwn to\ sw=ma ausdrücklich aufgenonmen ist. - Die Präposition dia/ verstärkt dabei ein schon im Verbum simplex liegendes Element, vgl. 5.2 Anm. 33 und 4:2, indem der bevorzugte

da er den Leib (den armen

Gegenstand als von anderen abgegrenzt betrachtet wird: ,

Bruder) nicht ab-hebt, nicht unterschiedlich schätzt = hochschätzt. – MG s.v. dia/ 1.e:

,,ion, (zur Bezeichnung des Vorzuges) = vor.” Nun, das jonische Griechisch ist Tarsus näher.

Das Paulinische Wortspiel mit κριν-

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entgegenbringt, da er von seinem Mahl nichts abgibt, sie also nicht nur unbeachtet, sondern auch ungeachtet läßt). 30 Darum sind unter euch viele (geistlich) Schwache und Kraftlose und schlafen so manche (sie empfangen dann in der Eucharistie nicht Kraft, Frieden und Freude von Gott, sondern der Empfang hat geistlich gesehen negative, ,töd- lihe’ Folgen und bringt insofern kri/ma, eine Verurteilung mit Strafe = ,Verwerfung’; als „schlafende” oder „tote Gemeinde”). 31 Wenn wir aber uns selbst kritisieren würden (diekri/nomen ), 41 würden wir wohl nicht

gezüchtigt (e)krino/meqa, von Gott verurteilt und bestraft) werden (also

32 Gezüchtigt werdend aber vom Herrn

(krino/menoi, von Gott aber verurteilt und bestraft werdend), werden wir erzogen (von Gott zurechtgewiesen - was wir auch annehmen müssen), damit wir nicht mit der Welt verdammt werden (katakriqw=men). 33 Daher, meine Brüder, wenn ihr zum Essen (Sättigungsmahl) zusam-

34 wenn einer hungrig ist, esse er zu

Hause, damit ihr nicht zu Züchtigung (ei)j kri/ma, zu Verurteilung und Strafe) zusammenkommt. Abweichungen also von EÜ in allen Versen, wobei ,richten und Ge- richt’ nun präzisiert werden. Man beachte den Wechsel vom Grundwort (ob Verb oder Substantiv) zu den Komposita dia-kri/nein und kata* kri/nesqai: Es wird jeweils ein Aspekt des Grundwortes verstärkt: ab- grenzen = schätzen / achten (29b); sich selbst ab-urteilen / kritisieren (31a, vgl. Röm 14,23, s.o. 5.2) und ,völlig’ bestrafen (32b). , Der Mut, sich von dem allgemeinen ,richten’ zu lösen, die Nuancen deutlicher herauszuheben und gegeneinander abzusetzen, sowie neue Aspekte im Kontext erbringen nun in der Tat ein viel farbigeres Bild. Dabei bin ich mir bewußt, daß wir hier häufig auf die Frage gestoßen sind, ob und in welchem Sinne es sich jeweils um ,eschatologische’ Aus- sagen handelt, und daß die Antwort in den meisten Fällen offen bleibt. Hier ging es zunächst um eine semantische Basis, die freilich erst im Rahmen einer theologischen Gesamtinterpretation völlig einsichtig wird. Darum sind dies wiederum nur Bausteine zu einem neuen Paulusbild (vgl.

menkommt, bewirtet einander;

nicht ein kri/ma erfahren).

41 Vgl o. Anm. 35. - Wenn Neuenzeit dies als „Selbstbeurteilung” versteht und daher mit „Gewissens-erforschung” interpretiert (vgl, Mattern 99), so wäre das nach unseren Ergebnissen von Paulus eher durch a)nakri/nein präzisiert worden. Richtiger scheint darum: Wenn wir selbst das Verkehrte in unserem Leben „ver- urteilen” (so auch Käsemann, Mattern 99), ist das eine konkrete Form der me- ta/noia; konkret hier: Ich darf den Armen nicht ungeachtet lassen! Der Kontext zeigt ja, daß wir dann „nicht gezüchtigt” würden, also Gott nicht diese Sünde ahnden müsste. Insofern führt diekri/nomen in V 31 die Linie des kri/ma von V 29 fort: wenn ‘wir sozusagen selbst die Verurteilung vornehmen (und uns daher selbst zurechtweisen) würden’.

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SBAB 9). Doch hat sich nun noch mehr bestätigt, daß „das Verb kri/nein bei Paulus fast die ganze Skala seiner Bedeutungen umfaßt” (Rissi, EWNT II 789). Von da her wären nun auch die übrigen Bücher des NT neu zu überdenken.

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Norbert BAUMERT Offenbacher Landstaße 224 60599 Frankfurt/Main 70 (DEUTSCHLAND)