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Geschichte der Sprachwissenschaft I

Geschichte der Sprachwissenschaft I

Mitschrift zur Vorlesung (WS 2006)

Geschichte der Sprachwissenschaft I

Genres der linguistischen Geschichtsschreibung

Vivian Law gibt für die Historiographie 4 verschiedene Genres an:

1. Revisionist (od. palace) history

Hier wird mit einer gewissen ideologischen Mentalität od. Tendenz Geschichtsschreibung betrieben. Die eigene Richtung, der man folgt wird be- sonders hervorgehoben und man schreibt aus der Sicht eines Insiders. Dieses Genre ist also stark von einer bestimmten Schule geprägt. Ein Beispiel für dieses Genre wäre Bloom !elds Einführungskapitel in Language, in dem er psychologische Ansätze in der Sprachwissenschaft ablehnt. Weiters auch Jo- seph Greenberg (ein ein " ussreicher Typologe), der sich in seiner Geschichte der Typologie als einzig wirklichen Typologen darstellt.

2. Precursorist history

Hier geht es um “Vorläuferschaft”, dh. man sucht nach Vorläufern einer bestimmten Idee, einer Richtung, usw. Dieses Genre weckt Interesse am ei- genen Fachgebiet, neigt aber zur Überinterpretation, worin ein wenig Gefahr liegt. Der Ein " uss von P ā nini auf die Sprachwissenschaft wird z.B. teilweise übertrieben, ebenso Descartes bei Chomsky.

3. Disciplinary history

Diese Richtung beschäftigt sich mit der Beschreibung einer Fachrich- tung im Detail. Ein Problem dieses Ansatzes liegt darin, dass durch die iso- lierte Sichtweise eventuell Zusammenhänge nicht beachtet werden, die dur- chaus wichtig sind. So wäre z.B. eine Betrachtung der Geschichte der Seman- tik unter kompletter Ausklammerung der Geschichte der Syntax nicht voll- ständig (ebenso umgekehrt).

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4. Contextual history

Darunter versteht man das Studium sprachwissenschaftlicher Ansichten im Zusammenhang mit anderen wissenschaftlichen und/oder kulturellen Theorien.

Man könnte außerdem noch ein fünftes Genre nennen, nämlich das der Memoirenliteratur. Solche Werke gibt es allerdings eher in der jüngeren Zeit, vor dem 19. Jhdt. gibt es nichts, was diesem Genre entsprechen würde. Sol- che Werke behandeln den geistigen Werdegang eines Linguisten, was er oder sie erlebt hat, etc. 1

Mesopotamien

Wie weit muss man zurückgehen, wie weit kann man zurückgehen, wenn man sich mit der Geschichte der Sprachwissenschaft beschäftigen möchte? Man weiß gar nicht genau, wie lang es die Spezies Mensch über- haupt schon gibt. Aber: Wann zum ersten Mal geschrieben wurde, weiß man ungefähr.

An der Grenze vom 4. zum 3. vorchristlichen Jahrtausend gibt es sowohl Funde von ägyptischen Hieroglyphen, als auch von sumerischer Keilschrift. Die Ursprünge der “technisch angewandten Linguistik” könnten also im Nahen Osten liegen, aber gibt es auch metasprachliche Texte?

Nach Mesopotamien sind ca. 3300 die Sumerer eingewandert, sie ha- ben dort ihre Schrift entwickelt. Um die Schreibkunst weitergeben zu können musste eine Art Schulwesen entstehen. Im Falle der Sumerer hat man schon Zeichenlisten gefunden, also etwas, was man eventuell als “Metasprache” bezeichnen könnte.

Es gab Schreiberschulen, wo man eine Art “Verwaltungssprache” lernen musste, da es in den gefunden Texten aus jener Zeit hauptsächlich um Ver-

1 An dieser Stelle ein Kommentar von Luschützky: “So, jetzt fangen wir an.”

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waltungssachen geht. Lexikon, Grammatik und in gewisser Weise Buchhal- tung waren anfangs nicht wirklich voneinander zu trennen. Das “Listenwe- sen” wurde zu einer “Listenwissenschaft”. Dabei ging es nicht nur um ein praktisches Inventar, sondern auch um religiöse Inhalte, weil die Sumerer auch Zeichenlisten über das Weltgefüge schreiben wollten. Diese Listen waren nicht wirklich textlich, sondern eher wie ein Telefonbuch 2 .

Der linguistische Ansatz kommt erst, als sich anderssprachige Völker mit dem von den Sumerern hinterlassenen Kulturgut auseinandergesetzt ha- ben. In Syiren und in Babylonien verwendete man in Schulen diese sumeri- schen Listen, aber man dürfte immer weniger verstanden haben, weil es mit der Zeit kaum noch bzw. gar keine Informanten mehr gab. Wenn man aber zu einer Liste eine zweite Spalte in einer anderen Sprache hinzufügte, hatte man eine Art Wörterbuch. Aufgrund der typologischen Unterschiede (Sumer- isch war agglutinierend, Akkadisch eine semitische Sprache) war es teilweise notwendig, sumerische Ausdrücke durch ganz akkadische Sätze wiederzuge- ben. In Ebla gab es schon 2400 v. Chr. zweisprachige “Lexika”, dazu hat man später auch grammatische Formen notiert: “Wie bilde ich den Plural?”, etc.

Man glaubt, dass das didaktischen Zwecken gedient hat, aber man ! n- det keine grammatischen Aussagen. Man hat also nur induktiv gelernt.

Konkret metasprachliche Texte gab es in der mesopotamischen Zeit in Form von Erläuterungen:

(sum.) zi-zi = qa-ta-pu š u ha š huri (akk.)

Der sum. Stamm wird durch “P " ücken von Äpfeln” erklärt, zusätzlich zu solchen Listen gibt es später auch Synonym- und Homonymlisten. Im 1. Jahrhundert gibt es auch einsprachige Listen, bei denen man fast schon von Philologie sprechen kann, da z.B. selten gebrauchte Wörter darin erklärt werden.

Das Akkadische war von Ägypten bis zu den Hethitern eine Verkehrssprache, weswegen die zweisprachigen Tafeln auch so wichtig waren. Bei den Hethitern gibt es auch sumerisch-akkadisch-hethitische Lis-

2 Luschützky meint an dieser Stelle, dass für Linguistien selbst Telefonbücher interessant sind.

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ten, in Ugarit sogar viersprachige ugaritisch-hurritisch-sumerisch-akkadische Listen.

Im weitesten Sinne kann man sagen, ein sprachwissenschaftlicher Zweck wurde durch die Dokumentation von älteren Texten verfolgt. Aber man weiß von den Texten nicht, wer sie geschrieben hat.

In neubabylonischen Texten gibt es neue Variante der grammatischen Beschreibung, die sich auf die Beschreibung der grammatischen Morpheme bezieht. Die vollständigsten Listen dieser Art sind die jüngsten, z.B. eine mit über 400 Zeilen (datiert in das 7. Regierungsjahr des Dareius, ca. 510 v. Chr.). Diese späten Texte enthalten Pronomina, Konjunktionen, A % xe, etc. Es gibt auch zum ersten Mal eine explizite grammatische Terminologie mit Aus- drücken für In !x, Prä ! x, Su % x, usw. Die Akkader haben das mit Lokalad- verbien ausgedrückt: darüber, in der Mitte, darunter (im Prinzip ähnlich wie die lateinischen Ausdrücke). Außerdem hatten sie auch Ausdrücke für pho- nologische Strukturen, z.B. für die Unterscheidung für o & ene (“leer”) und geschlossene (“voll”) Silben. Auch Numeri und verbale Aktionsarten (“schnell” = punktuell, “langsam, fett” = durativ) haben Namen.

Aufgrund dieser Quellen kann man allerdings nicht beurteilen, ob bzw. wie sehr die neubabylonischen Gelehrten überhaupt noch Sumerisch konn- ten. Die Texte, die man kennt, sind Zufallsfunde. Das heißt, sie zeigen nur Teile des Korpus, man kann gar nicht wissen, wie groß diese grammatische Tradition wirklich war.

Die Keilschrift ist gegen Ende des 1. Jahrtausends außer Gebrauch ge- kommen und wurde vom Aramäischen abgelöst. In den Listen erscheinen aber überhaupt keine aramäischen Zeichen und auch keine Hinweise auf die Übernahme der aramäischen Schrift. Auch in der griechisch-hellenistischen Zeit gibt es keine Fortsetzung des Listenwesens. Möglicherweise war diese Listenwissenschaft so sehr an den Gebrauch der Keilschrift gebunden, das mit dem Ende ihres Gebrauchs auch die ganze Tradition am Ende war, wirklich feststellen kann man die Ursache aber nicht.

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Wenn eine Kultur sich lang genug in einer Schriftkultur entwickelt, kommt es irgendwann dazu, dass man sich mit der Sprache beschäftigt und metasprachliche Untersuchungen anstellt.

Ägypten

Es gibt kaum ägyptische Sprachwissenschaft, man kann wenig dazu sagen. Im Falle Ägyptens war die sprachökonomische Situation ganz anders als in Mesopotamien. Das Land um den Nil ist lang und schmal und es gab nicht wirklich andere Völker. Im Norden die Wüste Sinai, im Süden Nubier und Äthiopier, aber dennoch war das Gebiet geopolitisch abgeschlossen und ethnisch sehr homogen.

Die ersten ägyptischen schriftlichen Zeugnisse sind mindestens so alt wie die ersten mesopotamischen. Die Hieroglyphen sind an der Grenze vom 4. zum 3. Jahrtausend entstanden, die kursive Variante nicht viel später. Die Struktur dieser hieroglyphischen Schrift lässt von Anfang an einen gewissen Grad von impliziter linguistischer Analyse erkennen, da man für die Kreation einer solchen Schrift ein gewisses Nachdenken über die Sprache braucht.

In der Mitte des 3. Jahrtausends hat sich zu den piktographischen Zei- chen auch ein phonographisches System entwickelt, mit dem man also lautli- che Strukturen darstellen konnte. Das hat man z.B. für die Notation von Fremdwörtern gebraucht. Diese phonographische Schrift hat man bis zur römischen Kolonialzeit verwendet, also bis zur Zeitenwende, als es längst schon die lateinische, die griechische und andere Buchstabenschriften gab. Die Ägypter hatten ihre eigene, schon lang bevor es überhaupt Römer oder Griechen gab. Die beiden Systeme (Hieroglyphen und phonographische Schrift) verwendeten die Ägypter parallel.

Aus der Zeit nach dem Mittelägyptischen Periode gibt es in der Pa- lastkorrespondenz auch ägyptische Wörter und Namen in Keilschrift (bes. die Amarnabriefe sind berühmt), zweisprachige Listen wie die mesopotamischen

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gab es aber nicht. Aus der gesamten pharaonischen Zeit kennt man nichts, was auch nur irgendwie als Grammatik bezeichnet werden könnte.

Es gibt sog. Onomastika (aus dem ersten Drittel des zweiten Jahr- tausends), so etwas ähnliches wie die Listen, wo semantisch ähnlich Begri & e gruppiert werden, eine Art einsprachiges Wörterbuch. In der ptolemäischen Zeit (1. Jahrtausend) hat man auch versucht, diese Listen akrophonisch (nach dem Anlaut, alphabetisch) anzuordnen. Wirkliche Lexikographie gab es aber nicht. Auch der Sprach- und Schreibunterricht hat sich nicht mit Me- tasprache auseinandergesetzt. Man war allerdings in der Spätzeit auch noch in der Lage altägyptische Texte (3000 v. Chr.) zu verfassen, die innere Dia- chronie meisterten die Ägypter also. Ein gewisses ethnozentrisches Weltbild zeigt sich auch darin, dass das Wort für Übersetzer auf ägyptisch gleichbe- deutend mit Stammler, Plapperer. Das Interesse für fremde Sprachen dürfte also sehr gering gewesen sein.

Als das Griechische schon stark eingedrungen war, gab es Glossierun- gen (Demotische Papyri). Dabei wurde zwischen die Zeilen oder an den Rand die Übersetzung dazugeschrieben. Koptische Texte wurden bis ins Mittelalter glossiert; u.a., um dialektale Unterschiede zu markieren.

Das einzige von sprachwissenschaftlicher Bedeutung erzählt eine Anek- dote des Pharao Psammetrich I. (665-610). Er wollte wissen, was passiert, wenn man kleine Kinder wegsperrt und niemand mit ihnen redet. Zwei Kinder wuchsen ohne sprachlichen Input auf; der Pharao wollte wissen, welche die “ursprüngliche” Sprache ist. Nach Jahren ließ man die Kinder frei und sie warfen sich auf die Knie und riefen ein phrygisches Wort (vermutlich passten phrygische Sklaven auf die Kinder auf).

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China

Von allen heute noch bekannten Kulturen weist die chinesische Kultur die längste ununterbrochene schriftliche Tradition auf (die schriftliche Tradi- tion Mesopotamiens ist z.B. nicht immer fortgesetzt, die griechische Tradition ist einfach jünger). Die ältesten chinesischen Sprachdenkmäler stammen aus der Mitte des 2. Jahrtausends, aber weil die Schrift damals schon sehr gut entwickelt war, nimmt man an, dass es sie schon länger gab und einfach nur mangels archäologischer Evidenz der Beweis fehlt.

35 Jahrhunderte Schrift- und Wissenschaftstradition gibt es in China und schon sehr früh haben sich chinesische Gelehrte mit der Sprache beschäftigt. Eine wissenschaftlich exakte Linguistik wurde unter eu- ropäischem Ein " uss im 19. Jhdt. auf das ganze aufgesetzt. Aber die Tradition der chinesischen Sprachforschung, die etwa gleichzeitig mit der griechischen Philosophie einsetzt, ist erstaunlich, sodass man sogar mehrere Interes- sensschwerpunkte bei den Sprachforschern feststellen kann.

Metalinguistische Philosophie (was ist das Verhältnis zwischen Sprache und Denken, kann man mit Sprache Wahrheit ausdrücken, etc.), Lexikogra- phie (man hat schon sehr früh begonnen, Wortlisten zusammenzustellen), Di- alektgeographie, Phonologie, Tonologie, Diachronie.

Der Philosoph Xun Zi (313-238) ist der erste namentlich bekannte chi- nesische Denker, der sich mit sprachtheoretischen Problemen befasst hat. Er ist zu seinem Werk von niemand geringerem als von dem Philosophen Kon- fuzius (mit vielen verschiedenen Varianten seines Namens) angeregt worden. In einem Werk, in dem die Lehren des Xun Zi gesammelt sind, das er aber nicht selbst geschrieben hat, gibt es eine Passage, in der vernünftiges Spre- chen gefordert wird (“Dass man sich vorher etwas denkt, und dann die Pappen aufmacht.”). Dieses Werk heißt übersetzt “Richtigkeit der Namen”, es geht da- rum, inwiefern man Dinge wirklich so bezeichnen kann, wie man es tut. Xun Zi vertrat die Meinung, dass Wörter keine intrinsische Bedeutung und daher

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auch keine intrinsische Richtigkeit haben können, sondern dass sich der kor- rekte Gebrauch aus Konventionen ableitet. Die Wörter haben sich also zu ihren Formen entwickelt, die Wörter haben aber keinen Sinn an sich. Es gibt höchstens intrinsische Angebrachtheit, Xun Zi fordert auch “klare Worte, die nicht irreführen”. Das erste Wörterbuch auf der Basis der vereinheitlichten Schrift (die davor nicht normiert war) wurde während der Han-Dynastie gescha & en.

Einige Autoren

Kung Fu Tse (auch: Kongzi, latiniesiert: Konfuzius, 551-479). Lun Yi, Analecta.

Gongsun Longzi (4. Jhdt.): Bai ma fei ma (‘Ein weißes Pferd ist kein Pferd’). Die Fragestellung hier ist, ob Prädikate Hyponyme erzeugen oder nicht; jeder mit einem Prädikat versehener Begri & ist laut Longzi gleichrang- ing. Ein weißes Pferd ist ein weißes Pferd und ein Pferd eben ein Pferd.

Xun Zi (313-328): Zheng ming, (‘Richtigkeit/Berichtigung der Namen’). Im Prinzip eine semantische Untersuchung, allerdings auch eine Negation des Sprachwandels, da es in Xun Zis Ansicht eigentlich keinen Bedeutungswandel gibt.

Li Si (3. Jhdt.): Cang Jie pian, (‘Kompilation des Cang Jie’). In der Leg- ende der Er !nder der chinesischen Schrift, diese Kompilation ist eine Zu- sammenstellung des chinesischen Wortschatzes.

Yang Xiong (53-18 ): Fangyan (‘Regionalsprache’).

Xu Shen (?-149): Shuowen jiezi (‘Erklärungen einfacher und Analyse zuasmmengesetzter Zeichen’). Über 9000 Zeichen, Xu Shen hat sie damals schon in Radikale gegliedert, allerdings noch über 500, diese Zahl wurde später verkleinert, das System besteht aber noch immer.

Konfuzius selber hat wenig geschrieben, aber seine Schüler haben ge- sammelt. Dazu zählt beispielsweise Analecta. Analekten sind gesammelte Schriften, es handelt sich hier also um eine Auswahl aus dem Gedankengut des Konfuzius.

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Neben philosophisch(-pragmatisch)en Ansätzen gab es auch praktische Ansätze einer Lexikographie. Man hat versucht, eine Ordnung in den Wortschatz zu bringen, da das Chinesische sehr viele Minimalpaare und Syn- onyme aufweist, die sich teilweise nur durch den Kontext ergeben. Dazu braucht man natürlich die chinesische Schrift, die schon im 2. Jahrtausend vor der Zeitrechnung entstanden ist. Im 2. Jhdt. v. Chr. gab es schon Verein- heitlichungsbestrebungen, damit nicht jeder so schreibt, wie er möchte. Durch die Größe Chinas gibt es natürlich auch eine sehr große Sprachver- schiedenheit, sodass sich ein Nord- und ein Südchinese an sich nicht verste- hen; durch eine einheitliche Schrift ist das Verständnis möglich.

Das erste Wörterbuch auf der Basis dieser Schrift ist schon im 1. Jhdt. entstanden, verfasst von Xu Shen. Wie ist so ein Wörterbuch geordnet? Das einfachste Prinzip ist das Alphabet, es ist formal motiviert, man könnte aber auch ein inhaltlich motiviertes Prinzip scha & en. Xu Shen hat sich innerhalb der 540 Radikale für ein inhaltlich-semantisch motiviertes Prinzip entschie- den. Bei (mu, ‘Baum’) z.B. kommen alle Zeichen für verschiedene Arten

von Bäumen, später alles, was mit Holz zu tun hat, auch hölzerne Gegen- stände, etc. Moderne Wörterbücher gehen von der Form aus und beruhen nur noch auf weniger Radikalen.

Xu Shen ist also der Begründer einer bis heute geläu !gen Einteilung und hat auch den Begri & des ‘Radikals’ eingeführt. Seine ‘6 Aussagen’ betref- fen die 6 Typen von Zeichen. Der häu ! gste Zeichentyp besteht bei ihm aus signi ! cum und phoneticum. Dieser Typ hat sich am stärksten vermehrt und entwickelt.

Im 3. Jhdt. vor der Zeitrechnung hat man bereits geographische Dia- lektstudien betrieben. Yang Xiong hat das erste größere Werk dieser Art gescha & en. Fangyan, der Titel seines Werkes, ist heute noch das chinesische

Wort für ‘Dialekt’. Er war kein Feldforscher, sondern er hat sich in die Resi- denzstadt gesetzt und hat alle Leute, die von außerhalb gekommen sind

befragt. Daraus hat er ein soziolinguistisch-

dialektologisches Werk gescha & en, das sogar über den chinesischen Spra-

(Soldaten, Kau " eute, Beamten,

),

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chraum hinausgeht. Die Chinesen waren aber der Meinung, dass Chinesisch die einzig wahre Sprache ist (Ethnozentrismus, analog zu den Griechen, etc.).

Die Beziehungen der chinesischen Tradition zur westlichen Sprachfor- schung beginnen erst im 19. Jhdt. Bis dahin hat man jeweils eigene Tradi- tionen weitergep " egt. Der Bilingualismus in den Nachbargebieten Chinas (Vietnam, Korea) hat zur Herausbildung von kontrastiver Grammatik geführt.

Shen Yue (5. Jhdt.) war ein Grammtiker. Er hat sich zum ersten Mal mit den Tönen der chinesischen Sprache befasst und hat versucht das wissen- schaftlich aufzubereiten.

Lu Fa Yan (6./7. Jhdt.): Qie yun (‘Geschnittene Reime’). Lu Fa Yan war der erste Phonologe. Er hat Untersuchungen angestellt, wie man sie sonst in der Geschichte der Linguistik erst im 20. Jhdt. ! ndet. Das Werk Qie yun ist ein Reimlexikon, in dem er ähnlich klingende Wörter zusammen geordnet hat und die Silbenstruktur genau erfasst hat (z.B. auch den Unterschied zwischen geschlossenen und o &enen Silben).

Ding Du (990-1053): Ji yun (1039). Ein riesiges Lexikon bzw. eine Zei- chensammlung mit über 50000 Zeichen.

Chen Di (1540-1620) könnte man als den ersten historischen Phonolo- gen bezeichnen. Er hat sich bemüht, die frühere Aussprache zu rekon- struieren, z.B. bei Poesie aus dem 6. Jhdt.

Es muss auf jeden Fall akustische Forschung gegeben haben, da man in den 70er Jahren des 20. Jhdt. 2500 Jahre alte bronzene Glocken gefunden hat, die je nach Anschlagstelle in zwei Tönen klingen konnten. Es gibt aus dem 2. Jhdt. vor der Zeitrechnung schon Schriften, die die artikulatorischen Organe des Menschen beschreiben.

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Japan

Die japanische Sprachforschung war von Anfang an nicht so sehr auf sich selbst konzentriert; einerseits wurde sie immer von der chinesischen Sprachforschung beein " usst, andererseits auch von Indien (siehe Buddhis- mus), von der indischen Grammatik. Somit ist die japanische Tradition keine unabhängige, weil sie von außen motiviert und inspiriert war und sie setzt auch später ein.

Ein anonymer Autor hat im 17. Jhdt. bereits einen Lautwandel (d>z / _i,u) beschrieben. Diesen hat er mit 1596 Wortbeispielen belegt, etwas Ver- gleichbares gibt es in dieser Zeit in Europa nicht. Arai Hakuseki (eigentl. Kinmi, 1657-1725) hat japanisch-koreanische Wortgleichungen aufgestellt, so etwas gab es in Europa auch erst später. Er wollte nachweisen, dass das Koreanische und das Japanische verwandt sind. Er war nicht nur früher dran als die Indogermanisten, sondern auch als die Finno-Ugristen.

Von der indischen Grammatik beein " usst war die Kokugaku-Bewegung (‘Volkskunde’) in der Edo-Zeit, im 17.-18. Jhdt. Kamo no Mabuchi (1697- 1769) hat “sprachtypologische” Betrachtungen betrieben. Der Lehrer von No- rimaga hatte gesagt, dass, dadurch, dass die Menschen in Japan aufrichtig und ehrlich sind, braucht man weniger Wörter. Dadurch ist das Japanische eine aufrichtige und ehrliche Sprache, nicht so wie das Niederländische mit seinem ausufernden Wortschatz z.B. Motoori Norimaga (1730-1801): tenioha (< teniwoha) eine bereits im 13. Jhdt. entwickelte Konzeption: te, ni, o (< *wo), ha (< * ɸ a) sind die kasusmarkierenden Postpositionen; er hat Par- tikeln und Flexionsformen des Japanischen in Formklassen eingeteilt und ein Regelwerk entworfen.

Akira Suzuki (1764-1834) hat das Japanische mit dem Chinesischen verglichen. Es ging auch immer wieder darum, zu “beweisen”, dass das Ja- panische (aufgrund seiner Su % xe) besser als das Chinesische ist; auch Kore- anisch und Niederländisch kommen nicht gut weg, durch ihren Lautreichtum

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werden sie als unrein bezeichnet, wegen ihres Mangels an Morphologie sind sie roh.

Trotz einiger interessanter Ansätze hat sich in Japan keine eigentlich Sprachtypologie herausgebildet. Die ethnozentristische Grundhaltung war vielleicht zu stark.

Die Ein " üsse, die zwischen Koreanisch, Vietnamesisch, Japanisch und Chinesisch in Ostasien gewirkt hatten, sind zu speziell und nicht Thema die- ser Vorlesung.

Indien

Der Ein " uss der indischen Sprachwissenschaft kann gar nicht unter- schätzt werden, wir verwenden ja auch heute noch Begri & e aus der altin- dischen Sprachwissenschaft, z.B. sandhi, was ‘Zusammenfügung’ bedeutet. Sandhi ist ein Terminus, den man sich besonders leicht merken kann, da die Assimilation, die dieser Begri & bezeichnet, ! ndet im Wort selber statt: sam- dhi > sandhi. Die Devanagarischrift hat sogar einen eigenen Buchstaben für eine Kontaktassimilation mit einem Nasal, der anusvara (‘Nachklang’). Dieser Buchstabe ist ein Punkt, der über das der Nasalierung vorhergehende Graphem gesetzt ist.

Bei der Übernahme des Terminus in die abendländische Grammatik hat man sich bei sandhi entschieden, das ‘n’ ohne Punkt zu notieren. Vielleicht weil viele frühen Sanskritforscher Franzosen waren, die sandhi ohnehin nasal (also ‘richtig’) ausgesprochen haben. Eine andere Theorie ist, dass es mit Schreibmaschinen anfangs sehr schwierig war, einen Punkt über ein Zeichen zu setzen, um anzudeuten, dass das ein nasalierter Vokal war. Das ist allerd- ings Schnickschnack, da das Wort in dieser Schreibweise schon vor der Exis- tenz von Schreibmaschinen übernommen wurde und es außerdem nicht so schwer ist, einen Punkt über ein Zeichen zu setzen.

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Svarabhakti ist auch ein Begri & , den man heute (nur noch seltener) verwendet. Man bezeichnet damit einen Einschub eines Vokals zwischen und/oder einem folgenden Konsonante (= Sprossvokal, Anaptyxe).

Bahuvrihi bedeutet eigentlich viel Reis, aber in einer exozentrischer Struktur, also ‘einer, der viel Reis hat’. Die Kategorie der Konstruktion ist nicht durch eines ihrer Glieder bestimmt, auf Deutsch teilweise Dickkopf- Kompositum, ein Dickkopf ist kein dicker Kopf, sondern jemand, der im metaphorischen Sinn einen solchen hat.

Das ganze Mittelalter hindurch war Europa vom indischen Kontinent abgeschnitten, das arabische Reich, später das osmanische Reich war daz- wischen und war mit dem Abendland verfeindet. Man konnte erst, als Vasco da Gama den Seeweg entdeckt hat, wie der Kontakte mit Indien aufrechter- halten. Als man wieder kam, fand man ein Indien vor, das unter mus- limischer Herrschaft stand.

Es gab eine unüberschaubare Vielzahl von Sprachen, indische, drawidische, etc. Überregionale Verkehrssprache war damals das auf der Mundart von Delhi und dem arabischen beein " usste sog. Hindustani. Die Perser nannten diese Sprache Urdu. Heute ist Hindi gleich dem Urdu. Die Hofsprache war damals aber Persisch. Als Priestersprache der hinduistischen Brahmanen existierte noch das Sanskrit (wörtl.: zamgschuastat). Die allge- meine Volkssprache, die neben dem Sanskrit existiert hat, war Prakrit.

Den besten Eindruck von der altindischen Sprachwissenschaft liefert das Werk von P ā nini, der noch immer zu den meistzitierten Sprachwissen- schaftlern zählt. Leonard Bloom! eld hat die beschreibende Grammatik des Sanskrit von P ā nini als “one of the greatest monuments of human intelligence” bezeichnet. Bei Bloom !eld verwundert das, weil er sonst nicht besonders euphorisch ist. Was ist also an P ā ninis Werk dran?

P ā nini hat auf jeden Fall vor dem 4. Jhdt. v. Chr. gelebt, wahrschein-

lich im 6. oder 5. Jhdt. im oberen Industal (heutiges Pakistan). Man kennt auch seinen Geburtsort, aber nicht seine genauen Lebensdaten. Es steht fest, dass der Zustand des Altindischen, den er beschreibt, jener der späten ve- dischen Prosa ist, und er muss diese Prosa noch als lebendige Sprachform

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gekannt haben, weil er sie so genau beschreibt. Daher kommt man auf die Mitte des ersten Jahrtausends.

P ā nini selbst gibt uns auch Auskunft über seine Einbettung in den zeit-

lichen Zusammenhang, er nennt nämlich die Namen von zehn Vorgängern, nur glauben ihm die Indologen nicht, dass es sich dabei um reale Personen handelt, es ist vielleicht eher ein mythische Legitimation für sein Werk. Die von P ā nini praktizierte grammatische Analsyetechnik hat auf jeden Fall bereits in älteren Werken existiert. Der Begri & sutra für eine grammatische Regel hat man schon länger bei Ritualisten (Theologen) verwendet, man hat daher versucht P ā nini in den Zusammenhang mit diesen rituellen sutras zu bringen. Er hat sicherlich alle Lehrwerke um die vedische Literatur herum gekannt. Ein deutscher Indologe tritt deswegen für eine spätere Datierung ein, weil P ā nini in einem seiner späteren Werke das Wort rupia erwähnt, was ‘Prägung’ bedeutet. Also müsste P ā nini Münzen gekannt haben, was aber im 5. Jhdt. nicht möglich war. Das Grundwort rupa ist allerding schon früher bezeugt.

Veda (wörtl. ‘Wissen), älteste Schicht der indischen Texttradition. Wurde sehr lange mündlich, erst später schriftlich überliefert. Das Auswen- diglernen von Texten war die Hauptbeschäftigung der Brahmanen. (Spra- ch)forschung in Indien war stets mit Religion verknüpft. Das Rigveda ist die älteste Sammlung, mit archaischen Sprachformen, daneben gibt es noch an- dere Sammlungen (siehe Folie 3 ). Zu jedem dieser Veden gibt es gesonderte Prosatexte, die sich theoretisch mit dem Sto & auseinandersetzen.

Zusätzlich zu den vedischen Texten, die meistens in Versen abgefasst sind (was dem Auswendiglernen zu Gute kommt), gibt es auch den Pa- dap āṭha 4 . Das ist eine metrisch aufgelöste Version eines vedischen Textes, ohne Sandhi. Wörtlich bedeutet das ‘Fuß-Vortrag’. Laut Luschützky deswe- gen, weil man sich so einen Text beim Herumschreiten merkt (so wie er im Schönbrunner Schlosspark einige Zeit lang Faust auswendig gelernt hat). Weiters Ved āṅ ga-Literatur, das ist im Umkreis der heiligen Ritualtexte ver-

3 In der Lernplattform (http://elearning.univie.ac.at/).

4 bedeutet Palatalisierung, ā Länge, retro ( ex, die Nasalierung des vorangehenden Vokals.

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fasste wissenschaftliche Auseinandersetzung in sechs Teilgebieten, darunter Phonetik, Grammatik und Etymologie.

Das Sik ṣā (wörtl. ‘Geschicklichkeit’) behandelt Phonetik, in einer Tiefe und Ausführlichkeit, die es zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ge- geben hat. Erst im Mittelalter bei den Arabern gab es vergleichbare Präzision. Bis zum 19. Jahrhundert gab es sonst nur relativ primitive Unter- suchungen auf diesem Gebiet. Die Prā ti ṡā khyas beinhalten phonologische Re- geln, die zwischen aufgelösten und den metrischen Versionen vermitteln.

Der Autor Baudhā nya hat Pravacana (‘Rede’, ‘Vortrag’) verfasst, das ist die Festlegung des Rituals in der mündlichen Überlieferung in Form von Par- ibh āṣā s (‘Bestimmungen’) und S ū tras (‘Lehrsätze’, ‘Regeln’).

Pā nini

P ā nini (6./5. Jhdt.) gibt in der A ṣṭā dhy ā y ī eine strikt synchrone

Grammatik des Altindischen in viertausend S ū tras. Weitere Autoren sind K ā ty ā yana (3. Jhdt.) und Pata ǹ jali (2. Jhdt.), zu Werken siehe Folie. Bemerk- enswert ist, dass diese Texte vollständig (!) enthalten sind.

P ā ninis Grammatik weicht von den Prā ti ṡā khyas deswegen ab, weil

P ānini die gesprochene Sprache analysiert und auch dialektale Unterschiede und Variation im Sprachgebrauch miteinbezieht. Es ist also ein deskriptives Werk. Das Gesamtwerk besteht aus vier Komponenten:

• Die A ṣṭā dhy ā y ī ist nur ein Teil, darin gibt es rund 4000 S ū tras, jedes Kapitel ist in vier Teile gegliedert.

• Die ivas ū tras behandeln das Inventar phonologischer Segmente, die durch Merkmale beschrieben werden, nach denen man die Laute in Klassen einteilen kann.

• Der Dh ātup āṭ ha ist eine Liste von rund 2000 Verbalwurzeln mit Subklassi ! kation in zehn Klassen und diakritischen Merkmalen, die ihre morphologischen und syntaktischen Eigenschafen kodieren.

• Der Ganap āṭ ha ist ein Inventar von Klassen lexikalischer Einheiten, die eigenen Regeln unterliegen.

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Die Grundcharakteristik der panineischen Grammatik ist prägnante Kürze, redundanzminimierende Verweistechnik, damit es keine Wiederhol- ungen gibt, und größtmögliche Verallgemeinerung, ein Prinzip, das in der Grammatiktheorie erst wieder durch den Strukturalismus und Chomsky ein- geführt wurde.

In der A ṣṭā dhy ā y ī kann man vier Regeltypen unterscheiden:

• De !nitionen führen die technischen Termini der Grammatik ein.

• Metaregeln beschränken die Anwendung anderer Regeln.

• Leitparagraphen liefern ein gemeinsames Element für eine Gruppe von Regeln: Sie müssen mitverstanden werden (stehen eigentlich gar nicht da), außer wenn sie semantisch inkompatibel sind. Sie gliedern auch die Grammatik in überlappende Bereiche.

• Operationale Regeln sind die eigentlichen Regeln der Grammatik. Sie können vier Operationen ausführen: Substitution, A % gierung, Aug- mentation und Komposition. Die Komponenten werden durch Kasus symbolisiert, die Eingabe steht im Genitiv, die Ausgabe im Nomina- tiv, der Kontext im Ablativ (wenn präzedent) oder Lokativ (wenn sukzessiv).

Sinn und Zweck der Grammatik ist nicht die Instruktion, man muss per- fekt Sanskrit können, um seine Grammatik zu verwenden. Es ist also wirklich ein rein deskriptives Werk und die einzige erschöpfende Sprachbeschreibung, die es gibt.

Die Strukturformel der operationalen Regeln ist A -> B / C _ D. A

steht im Genitiv (Substituendem), B im Nominativ (Substitut), C und D je

nach Kontext in Ablativ oder Lokativ. Das Regelformat erfasst auch Tilgun- gen, man kann nämlich sagen dass A zu null wird. Bei A % gierung wird das

Substituendum weggelassen, weil hier null zu etwas wird und es kein Einga- beelement gibt. Prä ! gierungen fallen unter Komposition. Es gibt noch weitere Regelformate (siehe Folie), AB -> C, A -> AA, AB.

Alle Regeln sind in Hierarchien von Applikationsdomänen eingeteilt:

s ām ā nya (‘üblich’, ‘allgemein’) bezeichnet den höchsten Grad von all- gemeiner Gültigkeit, beschränkt durch:

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vi ś e a (‘besonders’, ‘spezi ! sch’). Spezielle Regeln rangieren vor allge- meinen. Es gibt Regelinteraktionen, die wiederum durch eine auf vier Metaregel beruhende Metametaregel beschrieben sind. Es gibt kein einziges Paradigma in diesem Werk, was nicht nötig ist, weil durch die richtige Anwendung der Regeln jede mögliche Wortbildung generiert wird.

Wortbildung erfolgt durch Su % gierung an eine Verbalwurzel, einen Nominalstamm oder ein Wort. Dadurch entstehen sieben Subkategorien:

{Wurzel + Suffix}Wurzel

Desiderativum, Intensivum

{Wort + Suffix}Wurzel*

Denominales Verb

{Wurzel + Suffix}Stamm* *

primäre Su % xbildung

{Wort + Suffix}Stamm

sekundäre Su % xbildung

{Wort + Wort}Stamm* *

Kompositum

{Wurzel + Suffix}Wort*

" ektiertes Verb

{Stamm + Suffix}Wort

" ektiertes Nomen

Als Wort gilt alles, was eine Flexionsendung trägt, auch Indeklinabilia, für die eine abstrakte Endung (vgl. Nullmorphem) angenommen wird.

Das Regelwerk ist so miteinander verzahnt, dass jede Änderung das ganze grammatische Konstrukt zum Einsturz bringen kann. Durch seine Re- geln kann P ā nini Lautklassen de! nieren, die z.B. alle Silbenträger beinhalten (siehe Folie). Man könnte 292 mögliche Lautklassen bilden, P ā nini hat für seine Beschreibung allerdings nur einen Bruchteil, 42, gebraucht, die in den Regeln der Grammatik eine Rolle spielen. 5 Das gesamte Beschreibungsmodell funktioniert nur für Sanskrit! Man müsste eine andere Sprache mit anderen Mechanismen beschreiben.

Weitere Werke in “Volksausgaben” und außerpanineische Ströumgen siehe auf Folie Altindische Sprachwissenschaft XII.

5 “Wenn ihnen der Kopf zu schwirren beginnt, dann halten Sie sich fest, weil es kommt noch dicker!” (siehe Folie: Altindische Sprachwissenschaft X mit der Beschreibung einer Regel Pā ninis)

Geschichte der Sprachwissenschaft I

Es gab in Indien auch Sprachphilosphie. Trik āṇḍī: vom bedeutendsten Dichter des 5. Jhdt., in Versen verfasst. Er stand in der Tradition von Autoren, die der Meinung waren, dass die Beziehung zwischen Signi ! kant und Signi ! kat permanent und notwendig sei. Die Sprache sei die Grundlage alles Denkens und die Grammatik führt zur Einheit von Ausdruck und Inhalt der Zeichen.

Der Begri & der Spho a, ein sehr rätselhafter Begri & in der Geschichte der Sprachwissenschaft. Eine unteilbare sprachliche Einheit, die zwischen den physikalischen Sprechvorgängen und ihren geistigen Grundlagen vermit- teln. Vielleicht ein Morphem? Oder eine übergreifende Einheit, die sowohl die Lautgestalt als auch die phonologische Form umfasst?

Die indische Zugangsweise in der Erfassung von Sprachzuständen hatte Auswirkungen auf die einheimische Beschreibung von Sprachen auch außer- halb des indischen Subkontinents. Die panineische Tradition ist zwar an den Hinduismus gebunden, der Buddhismus hat sich aber daneben entwickelt und war im Gegensatz zum Hinduismus eine expansive Religion, die sich in Ostasien verbreitet hat. In Java und Birma gab es daher auch Sprachbeschreibungen der lokalen Sprachen. Es ist aber wenig Verwertbares übrig geblieben, da man versucht hat indische Charakteristika auf die eige- nen Sprachen zu übertragen, was natürlich nicht sehr gut funktioniert (vgl. als würde man im Französischen le chat deklinieren).

Auch auf die drawidische Sprachforschung hatte die indische Sprachforschung Auswirkungen. In Südindien gab es auch schon früh einen bedeutenden kulturellen Standard, hier hat man die indischen Methoden in- telligent übernommen und hat versucht auf ähnliche Art drawidische Spra- chen zu beschreiben. Hier gibt es Werke, die um die Zeitenwende herum ent- standen. Sie sind aber eher Handbücher literarischer Werke als wirklich deskriptive Grammatiken.

Der erste Zugang der abendländischen Gelehrten, die im 18. Jhdt. be- gonnen hatten, sich mit Indien zu befassen, war über Südindien, weil der Seeweg dorthin führte. Die drawidische Tradition ist jedenfalls eine bedeu- tende einheimische philologisch-linguistische.

Geschichte der Sprachwissenschaft I

Die tibetische Tradition beruht im wesentlichen auf zwei Texten aus dem späten 2. Jahrtausend v. Chr. Diese einheimische tibetische Grammatik versucht, den indischen Sutrastil zu kopieren. Einerseits dessen Kürze, ander- erseits auch den Hang zum ausufernden Kommentieren. Alle tibetischen Ge- lehrten konnten sowohl Sanskrit, als auch Chinesisch, deswegen hat sich hier auch einiges vermischt.

Arabisch-islamische Sprachforschung

Die arabische Sprachforschung hat äußerlich mit der indischen nichts zu tun, es sind Jahrhunderte und viele Kilometer dazwischen. Aber sie ist insofern vergleichbar, als sie auch auf der Überlieferung und dem Verständ- nis von alten Texten beruht, im arabischen natürlich der Koran. Deswegen auch arabisch-islamische Sprachwissenschaft, es waren auch nicht nur Ara- ber, die sich mit arabischer Sprachforschung beschäftigt haben.

Kulturhistorische Voraussetzung der arabisch-islamischen Sprachfor- schung ist einerseits eine göttliche O & enbarung, dessen einmal gegebene Form in aller Ewigkeit nicht verändert werden darf, weil jede Silbe heilig ist. Daher besteht ein großer Konservierungs- und Normierungsbedarf. Anderer- seits gibt es die enorme geographische Expansion des Islam, die dazu geführt hat, dass durch Kulturkontakte Anregungen für die Beschäftigung mit der Sprache gekommen sind. Dazu kommt noch der hohe intellektuelle Standard der arabischen Wissenschaft.

Auch die Schriftlichkeit ist ein wichtiger Faktor der arabischen Sprachforschung, es gab auch schon Schriftkultur vor dem Koran. Die ersten Denkmale stammen aus dem 3. Jhdt., von der Halbinsel Sinai, als die Araber noch reine Nomaden waren, die allerdings anscheinend über eine ausge- prägte literarische Kultur verfügten. Man kennt die Namen von 80 vorisla- mischen arabischen Dichtern. Diese bezeichnet man als šā ’ir, was ‘Weiser’ bedeutet. Ein r ā w ī ist ein Rezitator, der das Auswendiggelernte vorträgt. Auch der Koran war ursprünglich nur mündlich weitergegeben worden,

Geschichte der Sprachwissenschaft I

wichtig ist auch, dass der Koran selbst erwähnt, dass er ein göttlicher Text ist. Koran kommt von einem Gerundium der Wurzel ‘lesen’, bedeutet also ‘das zu lesende’. al-Qur ᵓā n ist göttlich, deswegen ist auch die arabische Spra- che Teil der göttlichen Ordnung.

Die arabische Schrift ist eine Konsonantenschrift und man kann nur Langvokale schreiben, die ebenfalls durch Konsonanten geschrieben werden. Die Kurzvokale hat man erst später durch Punktierung gekennzeichnet. Es gibt 28 Buchstaben, man hat also zum phönikischen Grundalphabet Buchsta- ben dazuerfunden. Ohne genaue Kenntnis des arabischen ist das Rezitieren des Koran (ta ğ w ī d) nicht möglich. Beten darf man in seiner Muttersprache, den Koran rezitieren allerdings nur auf Arabisch.

Seit dem 10. Jhdt. gibt es eine umfangreiche Literatur, die teilweise in Versen abgefasst sind, um sie sich leichter zu merken.

ad-D ā n ī von Cordoba (981-1053), Ibn a -Taḥḥā n von Sevilla

(1104-1164) hat 33 Sprachlaute für die exakte Rezitation des Koran aufgelis- tet, weitere siehe Folien Arabisch-islamische Sprachwissenschaft I, II, III.

Die basritische Schule ist schon im 9. Jhdt. aufgeblüht. Die arabische Sprachforschung hat keine Gebiete ausgelassen (Bilinguismus, Phonotaktik, Sprachpathologie, Artikulationsfehler, etc.). Einer der berühmtesten ara- bischen überhaupt ist Ibn S ī n ā n, abendländisch Avicenna. Er schrieb ein Lehr- und Handbuch der Medizin und auch über phonetische Details und die Möglichkeit der künstlichen Erzeugung von Sprachlauten, er wollte eine sprechende Maschine konstruieren (Blasebalg, Quellton, etc.). Es sind auch Inhalte vorhanden, die man in der phonetischen Literatur des 20. Jhdt. “mit der Lupe” suchen muss.

Ibn Sin ā n diskutierte alle möglichen und unmöglichen Lautfolgen im

Arabischen und auch sprachliche Fehlleistungen; natürlich im Zusammen- hang mit dem richtigen Vortrag des Koran.

Die basritische Schule ist nach dem Tod des S ī bawayhi weniger wichtig geworden, die Schule von Kúfra ist in den Vordergrund getreten, danach be- ginnt die Bagdader Periode (10./11. Jhdt.). Einer der berühmteren Vertre-

Geschichte der Sprachwissenschaft I

ter dieser Periode ist Ibn Ginni, er hat über 50 Bücher geschrieben, darunter Morphologie (mit einer Dreiteilung der Wortarten in Substantive, Verba und Partikel; Unterscheidung von abgeleiteten und nicht abgeleiteten Wörtern). Das Wort für Verb ist das Wort ‘tun’, die Terminologie funktioniert mit Ablei- tungen dieses Wortes, also als nomen actionis ‘Tat’ (als Terminus für ‘nomen actionis’), als Partizip Perfekt ‘getan’, etc. In Morphologie und Syntax ist Ibn Ginni weit über seine Vorgänger hinausgekommen.

Letzte Ausläufer der alten Tradition reichen bis ins 19. Jhdt., als das letzte nach dem Wurzelprinzip geordnete Wörterbuch erschienen ist. Wur- zelprinzip bedeutet, dass unter einer Verbalwurzel sätmlich Ableitungen ste- hen, unter ktb (’schreiben’) also der Schreiber, Schrift, Beschreibung, usw. Dieses letzte Wörterbuch wird heute noch nachgedruckt und benutzt, allerd- ings nicht mehr nach Wurzeln, sondern alphabetisch geordnet.

Die Zahl der Theoretiker und Praktiker, die sich in der Blütezeit der arabischen Forschung mit Sprache beschäftigt haben, war überaus groß. Es gab auch schon eine histriographische Sparte, im Jahre 960 gab es ein Buch, das 260 Namen nennt. 600 Jahre später werden bereits 2209 Forscher mit Namen erwähnt. Dieses Schrifttum ist noch nicht zur Gänze aufgearbeitet.

Hebräisch-jüdische Sprachforschung

Wie die indische hatte auch die arabische Sprachforschung Ein " uss auf die Forschung in anderen Ländern, so z.B. auf die hebräisch-jüdische Sprachforschung. Der erste Spezialist für hebräische Grammatik war ein For- scher im 10. Jhdt. gelebt hat, ein ägyptischer Jude, dessen drei Abhandlun- gen zur hebräischen Grammatik nur teilweise erhalten sind; er schrieb auch eine Sammlung von hebräischen und aramäischen hapax legomena (Einzahl:

hapax legomenon), also Wörtern, die nur ein einziges Mal belegt sind. Yehū d ā h ben Qorai š hat im 10. Jhdt. auch schon einen Text über die Ver- wandschaft des Hebräischen, Aramäischen und Arabischen verfasst (für weitere Autoren siehe Folie Hebräisch-jüdische Sprachforschung). Seine In-

Geschichte der Sprachwissenschaft I

tention bei seinem Sprachvergleich war aber nicht Sprachforschung an sich, sondern ein Beweis der Authentizität des Bibelhebräischen. Das Nebeneinan- der von Arabern und Juden auf der arabisch besetzten Iberischen Halbinsel hat die hebräische Sprachforschung sehr gefördert, daher gab es auch hier Ansätze zum Sprachvergleich und auch Araber, die über das Hebräische geschrieben haben. Die hebräischen Werke wurden damals auf arabisch geschrieben, da dieses als Wissenschaftssprache galt.

Die hebräische Sprachforschung war also eine Art der Philologie, die sich aus der Bibelforschung entwickelt hat. Insofern sind die hebräische und die arabische Situation einander auch ähnlich, weil die arabische Tradition immer am Koran anknüpft wie die hebräische an der Bibel. Lediglich die Struktur dieser zwei Werke unterscheidet sich stark voneinander, ersteres ist nämlich ein homogener Text, letzeres ein heterogenes Werk mit viel komplizierterem Aufbau.

Das Modell der arabischen Grammatik hat man auch auf das Persische anzuwenden versucht, hatte dabei natürlich weniger Erfolg; ebenso beim Ma- layischen, dem Koptischen und einigen Turksprachen. Der Ein " uss der ara- bischen Forschung schlägt sich im Persischen in der Orthographie nieder, sonst aber nicht wirklich.

Syrische Sprachforschung

Im 6. Jhdt. hat ein syrischer Sprachforscher eine altgriechische Gram- matik übersetzt und hat vor den Arabern eine Terminologie der Grundzüge der syrischen Grammatik gescha & en, worauf spätere Gelehrte aufbauen konnten. Im Allgemeinen werden syrische Sprachforscher, die teilweise im- merhin vor den Arabern arbeiteten, weil sie von den Griechen beein " usst waren, in der Geschichte vernachlässigt. Die kulturhistorische Vermittlung und Überlieferung der Syrer wird in der gesamten abendländischen Histori- ographie gern vergessen, obwohl sie dabei eine Schlüsselrolle spielten.

Geschichte der Sprachwissenschaft I

Sprachforschung in der griechischen Antike

In den wissenschaftsgeschichtlichen Werken wird die Griechen betref-

fend oft ihre Vorbildwirkung auf die Römer und die spätere abendländische Kultur erwähnt. Wenn man die griechische Forschung unabhängig ihres Ein-

" usses auf spätere Zeiten betrachtet, sieht sie anders aus, weil manche As-

pekte weniger oder gar nicht aufgegri & en wurden. Dabei geht es um im Prin- zip nur um sprachphilosophische Aspekte. Allgemein festzustellen ist, dass die griechische Antike gemessen an ihrem Gesamtein " uss auf die intellektu- elle Entwicklung des Abendlandes auf dem Gebiet der Sprachforschung kei- nen so großen Ein " uss hatte wie in anderen Gebieten.

Eine Begründung dafür könnte sein, dass die Griechen ein sehr eth- nozentrisches Weltbild hatten — allerdings tri & t das genauso auf die Inder, die Araber, etc. zu. Auch gab es durchaus Kontakt zu anderen Sprachen. Eine andere Begründung meint, dass den Griechen die Ober " äche zu trivial war, man wollte nicht daran hängen bleiben. Grammatik und Philologie hatten insgesamt anscheinend kein hohes Ansehen bei den Griechen. Es gibt keine sprachwissenschaftliche Fragen abgesehen von normativen Vorschlägen und etymologischen Ratereien. Alle sprachwissenschaftlichen Re" exionen (De- mokrit, Platon, etc.) bleiben alle philosophisch und werden nicht linguistisch.

Der Kratylos-Dialog von Platon kann daher auch nicht wirklich als lin- guistisches Werk gesehen werden, da Platon mit anderen Mitteln an das Problem herangehen hätte können. Aristoteles war wissenschaftlicher als Pla- ton, bei ihm lassen sich in der Tat Andeutungen zu Phonetik, Morphologie und Syntax zu ! nden — allerdings so verstreut, dass man nicht aristo- telischer Sprachforschung sprechen kann. Lediglich der zweite Teil des Or- ganon (gr. Ὄργανον) behandelt sprachliche Fragestellungen.

Bei Herodot ! ndet sich eine Anekdote über ein skythisches Komposi- tum, bei Platon den etymologischen Streit über die Wahrheit der Namen

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(Kratylos). Bei Aristoteles im Organon (sechs Lehrschriften zur Logik). Lat. Zitat aus dem zweiten Teil: Primum oportet constituere quid sit nomen (gr. ὄνομα) et quid verbum (gr. ῥῆμα ), postea quid est negatio et a 2 rmatio et enun- tiatio et oratio.

Aristoteles macht also Andeutungen und stellt Überlegungen an, führt diese aber nicht aus. Nirgendwo hat er sein analytisches Denkschema auf das Thema Sprache angewendet, wie er das bei anderen Themen gemacht hat. Obwohl Aristoteles auch Kulturvergleiche gemacht hat, hat er sich nie mit anderen Sprachen außer dem Griechischen beschäftigt; es gab zwar Geogra- phie und Ethnographie, für Sprachen interessierten sich die Griechen aber nicht so sehr.

Sein Schüler, Alexander der Große, hat durch seine Feldzüge den geographischen und ethnographischen (eigtl. auch den linguistischen) Hori- zont bis nach Indien erweitert; er soll auch bestrebt gewesen sein, den Unter- schied zwischen Hellenen und Barbaren aufzuweichen.

Andeutungen gibt es aber immer wieder: Ephoros, ein Historiker aus Kyme in Sizilien, hat angeblich behauptet, dass es auf der Erde 75 Sprachen gibt. Sein Originalzitat ist nicht belegt, es wurde bei Clemens von Alexandria zitiert, 500 Jahre später. Herakleides der Kritiker schrieb im 3. Jhdt.: “Hel- lenen sind diejenigen, welche ihrer Herkunft nach von Hellenen abstammen und die von diesem ihrem Stammvater her hellenisch sprechen. Die Athener aber, sind Attiker von Herkunft und sprechen die attische Sprache, wie die Doren, die von Doros abstammen, die dorische sprechen, die von Aiolos abstammenden aiolisch, und die von Ion, dem Sohn des Xuthos abstammenden, ionisch sprechen.” Hier sieht man den Ansatz einer Dialektologie, aber das ist auch alles zu diesem Thema. Mehr gibt es nicht darüber.

Explizite Aussagen wie die genannten sind aber Ausnahmen! Was nicht direkt überliefert ist, wissen wir großteils von Diogenes Laiatios. Er hat ein Buch über Lebensbeschreibungen und Lehrinhalte der großen Philosophen hinterlassen, ca. am Ende des 3. Jhdt. Bei ihm wird Epikur erwähnt, der be- hauptet haben soll, dass die Sprache nicht, wie bei Hesiod (Theogonie und

Geschichte der Sprachwissenschaft I

Werke und Tage) behauptet, von Hermes zu den Menschen gebracht, sondern

natürlich entstanden.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Platon sich allgemein nicht

wirklich für Sprache interessiert hat, Aristoteles erwähnt einiges, geht aber

nicht darauf ein. Explizite, bewusste “sprachwissenschatliche” Überlegungen

gibt es erst bei den Stoikern. Die ersten Schriften der Stoa sind aber verloren

gegangen.

Die Stoa war eine Philosophenschule, die um 300 von Zenon be-

gründet wurde. Es gibt drei Perioden in der Stoa. Die ältere Stoa (3. Jhdt.) hat

als Hauptvertreter Zenon, Chrysippos und Kleanthes. Die mittlere Stoa (2-1.

Jhdt.) mit den Vertretern Panaitos (nach Aristoteles der zweite umfassend

gebildete Grieche) und Poseidonios. Drittens die Stoa der Römischen Kaiserzeit

mit Seneca, Epiktet und Marc Aurel. Die Lehre der Stoiker gliedert sich in

Ethik, Physik und … “Der Weg zur Tugend ist die Überwindung der Lust und der

A 3 ekte.”

Die Stoiker waren keine Grammatiker, sondern schon eher Psycholin-

guisten, das war ihr Hauptinteresse. Wie kommt der geistige Inhalt in die

sprachliche Form? Soweit aus den erhaltenen Quellen ersichtlich ist, ist der

ethnozentrische Horizont auch hier auf die Griechen beschränkt, obwohl Ze-

non selbst phönikischer Abstammung und evtl. zweisprachig war.

Sie unterschieden zwischen Äußerungsform (Bezeichnung, φωνέ) und

Äußerungsinhalt (Bedeutung, σημαινόμενον); hinzu kommt die außer-

sprachliche Referenzebene. Substantive sind Grundwörter; Chrysippos betont

die Unregelmäßigkeit und Variation des Sprachgebrauchs, der die

Bezeichnung Anomalisten für die Stoiker und die Anhänger der Schule von

Pergamon. Grammatik haben die Stoiker betrieben, indem sie unregelmäßige

Paradigmen untersucht haben. Grammatik (γραμματική ) war ursprünglich im

Sinne von Schreibkunst und Buchstabenkunde zu verstehen. Seit dem 3.

Jhdt.ª gab es den Bedeutungswandel zu Philologie und Textkritik.

Die Alexandrinische Schule wurde von Eratosthenes von Kyrene

begründet, der Direktor der Bibliothek von Alexandria (700 000 Buchrollen)

war. Bei ihm war Grammatik Textkunde; wie kann man alte Texte verstehen?

Geschichte der Sprachwissenschaft I

Wie kann man dafür sorgen, dass alte Texte verständlich bleiben? Aristo- phanes von Byzanz hat Notationssymbole für die Textkritik, Akzent- bezeichnungen (!) eingeführt, die Interpunktion verbessert. Er hatte eine normative und puristische Sprachau & assung; die Angehörigen dieser Schule sind also die Analogisten, die das Regelhafte an der Sprachstruktur betonen.

Bei Dionysios Thrax, ebenfalls Bibliotheksdirektor, entspricht Gram- matik dem Studium des literarischen Sprachgebrauchs; er hat eine γραμματική τεχνή geschrieben, 6 Kapitel. Das erste Kapitel behandelt korrek- tes lautes Lesen, das zweite erläutert poetische Tropen, das dritte erklärt ver- altete Wörter und Inhalte, das vierte behandelt Etymologie, das fünfte zeigt grammatische Unregelmäßigkeiten auf, das sechste schließlich Textkritik. Die meisten der Termini, die in diesem Werk vorkommen, gehören heute noch zum Fachwortschatz der Sprachwissenschaft, auch wenn manche ihre Bedeutung geändert haben (siehe Folie Sprachforschung in der griechischen An- tike VII).

Weiter Schüler: Von Apollodoros ist nichts erhalten, Philoxenos könnte man als den ersten historischen Sprachwissenschaftlcher bezeichnen; er hat Dialektologie betrieben (er hielt auch Latein für einen griechischen Dialekt) und Verbalstämme untersucht. Pamphilos hat Lexikographie betrie- ben, lexikalische Kompilation 95 Bänden (nach der Zeitenwende). Diogeni- anos schuf ein Lexikon in 5 Büchern, das bis ins 12. Jhdt. verwendet wurde. Von Hesych (5. od. 6. Jhdt.) sammelte ca. 51000 Lemmata, die viele Dialekt- und Fremdwörter enthalten. Apollonios Dyskolos war der größte griechische Syntaktiker, in vier Büchern hat er über Wortarten und Artikel, Pronomina, Kongruenz und Verbum und Präpositionen geschrieben. Sextus Empiricus (Σέξτος ὁ ἐμπειρικός) hat ein Werk namens ‘Gegen die Mathema- tiker’ (er meinte alle Wissenschaftler) geschrieben; und ebenfalls ‘Gegen die Grammatiker’. Darin behandelt er sprachliche Variation (diatopische, diestra- tische, diaphasische) und sagt, dass weder die Kenntnis der morphologischen Regeln noch die Übereinkunft das Aufstellen von sprachlicher Korrektheit ermöglichen, er leugnet alles, was die Grammatiker vor ihm gesagt haben. Man kann nur Gebrauchsnormen aufstellen, keine absoluten Regeln. Seine

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Beobachtungen wurden von nachfolgenden Forschern ignoriert; Empiricus hat auch eine Polemik gegen das griechische Alphabet geschrieben.

Römische Sprachforschung

Gaius Suetonius Tranquillus (70-?): De grammacticis et rhetoribus (in De civis illustribus), Lebensbeschreibungen von 19 Philologen.

Quintus Ennius (239-169): Sprachlehrer für Latein und Griechisch, sagte von sich, tria corda zu haben, weil er das Oskische, das Lateinische und das Griechische gleichermaßen beherrschateund dicti studiosus (Philologe im alexandrinischen Sinn)

Lucius Aelius Stilo Praeconinus (ca. 154-ca. 90): erster römischer Grammatiker nach stoischer Tradition

Marcus Terentius Varro Reatinus (116-27, Schüler des Vorigen):

Universalgelehrter, schrieb 600 Werke, darunter De linga latina (47-43), nur Band 5-10 (von 25) erhalten; übernimmt und adaptiert die auf Dionysios Thrax zurückgehende griechische Terminologie, z.B. casus (gr. π τῶ σις). Er war der erste römische Grammatiker mit einer gewissen Nachwirkung, des- sen Werke auch später zu Rate gezogen und bearbeitet worden. Varro wurde mit dem Aufbau einer Bibliothek nach alexandrinischem Muster beauftragt, daraus wurde aber nichts.

Genaueres zu den Kasus auf der Folie Sprachforschung in der griechischen Antike I.

Ablativ: “sextus casus”, “qui est proprius latinus” (VII.X.62), ablativus von Gaius Julius Caesar (100-44), geprägt in De analogia (Grundlagenwerk der Rhetorik).

Konsequente Unterscheidung zwischen Flexion (declinatio naturalis) und Derivation (declinatio voluntaria). Varro war aber bei seiner Etymologiefor- schung nicht sehr erfolgreich. Seine Etymologien sind berüchtigt; wenn etwas

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stimmt, ist es eher Zufall, aber sie ! nden sich in späteren Jahrhunderten im- mer wieder.

Es gab in der Volksetymologie (weniger bei Varro) auch progressio ad contrarium, also die Bedeutung eines Wortes, die sich durch ein Gegenteil er- gibt, so z.B.: canis a non canendo, lucus a non lucendo, etc.

Marcus Tullius Cicero (106-43, ebenfalls ein Schüler des Lucius Aulus Stilo) erklärt sol aus solus: “vel quia solus ex omnibus sideribus est tantus, vel quia cum est exortus, obscuratos omnibus, solus apparet.” Vereinzelte Beo- bachten zu Neuerungen in der Aussprachce in De oratore: Aufkommen der Aspriation nach griechischer Mode (in Wörtern wie triump(h)us, pulc(h)er, etc.).

Es gibt im Grunde die gleiche Grundhaltung wie bei den Griechen. Dort, wo es Interesse an sprachlichen Phänomenen gibt, wird das Problem einzelsprachlich zu lösen versucht. Man hat sich nicht mit anderen Sprachen beschäftigt. Natürlich hätten Cicero und seine Zeitgenossen die richtige Ety- mologie von sol nicht ! nden können, auch wenn sie vergleichend vorgegan- gen wären. Keltische und germanische Sprachen gab es zwar in greifbarer Nähe, aber es waren die Sprachen von gefährlichen Feinden der Römer. Da- her gab es keine Auseinandersetzung mit anderen Sprachen außer dem Griechischen, das als erstrebenswerter geistiger Besitz galt. Den römischen Grammatikern hat noch mehr als den Griechen die zeitliche Tiefe gefehlt, da die schriftliche Überlieferung viel kürzer war als bei den Griechen.

Am ehesten gab es sprachgeschichtliches Bewusstsein im Bereich der Lexikographie; altmodische Wörter, etc. Es gab Kompilationen, etwa von Marcus Verrius Flaccus (55-20 ): De orthographia libri; De verborum signi !- cata: Sammlung seltener und obsoleter Wörter, nur gekürzt erhalten. Weiters Velius Longius (1./2. Jhdt.): Orthographielehre in Regelform; Abhandlung über deonomastische Adjektive (nicht erhalten).

In der beschreibenden Darstellung des grammatischen Systems ging man nach griechischem Muster vor, so z.B. Quintus Remmius Palaemon (1. Jhdt.): ein " ussreiche, an Dionysios Thrax angelehnte Schulgrammatik.

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Marcus Fabus Quintilianus (ca. 30 - ca. 96, Schüler des Vorigen): De causis corruptae eloquentiae (nicht erhalten); Institutio oratoria in 12 Büchern.

Ein Grund für das Funktionieren des römischen Reiches war der hohe Stellenwert der lateinischen Sprache und ihr extremer Nutzen für leichte Kommunikation im gesamten Reich. Man ist also auch schon früh mit anti- barbari gegen Provinzialismen vorgegangen; auch Ausdrücke aus niederen Schichten hat man zu unterdrücken versucht.

Marcus Valerius Probus (2. Hälfte des 1. Jhdt.): Antibarbarus (fehler- hafter Sprachgebrauch wird exempli ! ziert und korrigiert; nach dem Muster auriculum, non oreclum). Daher gibt es sehr gute Einblicke in das gesprochene Latein der Kaiserzeit. Ihm werden bei Sueton gute Bemerkung zum Alt- lateinischen zugestanden, allerdings äußert sich Sueton auch abfällig.

Nonius Marcellus (4. Jhdt.): De compendiosa doctrina (‘Abriss der Ge- lehrsamkeit’), nach griechischem Vorbild zusammengestellte Sprach- und Sacherklärungen zu den älteren Autoren, mit zahlreichen Zitaten aus nicht erhaltenen Werken.

Flavius Sosipater Charisius (4. Jhdt.): Ars grammatica in 5 Büchern (ca. 361-363) für Griechischsprachige. Es musste ja Lateinlehrbücher für Fremdsprachige geben, damit die Bewohner der Provinzen die lateinische Sprache lernen konnten. Auch Diomedes grammaticus (2. Hälfte des 4.Jhdt.) hat eine Ars grammatica geschrieben, in 3 Büchern, mit Wortartenlehre, Pro- sodie, Stilistik, sowie Metrik und Poesie.

Terentianus Maurus (2./3. Jhdt.) hat sich nicht für falsch/richtig in- teressiert, sondern hat in De litters, de syllabis, de metris, Angaben zur dia- topischen Variation des kaiserzeitlichen Lateins gemacht. Solche Ansätze wurden aber nicht wirklich systematisch verfolgt.

Donatus Aelius (ca. 310-ca. 380, Lehrer des heiligen Kirchenvaters Hieronymus) schrieb Arsa minor, das durch das ganze Mittelalter am meisten verwendete Lehrbuch der lateinischen Grammatik, für Fortgeschritten gab es auch die Ars maior.

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Ambrosius Theodosius Macrobius (Anfang des 5. Jhdt.): De di 3erentis et societatibus graeci latinique verbi. Solche Vergleiche zwischen den (doch re- lativ) ähnlichen Sprachen gab es selten, einer dieser Ausnahmen ist dieses Werk. Er schrieb: “Graecae latinaeque linguae coniunctissimam cognationem na- tura dedit. […] propemodum qui utramvis artem didicerti ambas noverit.”

Der letzte große Grammatiker des römischen Mainstreams war Priscia- nus Caesariensis (6. Jhdt.): Institutio de arte grammaticae in 18 Büchern, mit besondere Berücksichtigung der Syntax (17-18: de constructione). Ansätze zum Sprachvergleich, De !nitionen von casus rectus und Genetiv. Seit ihm stehen Nominativ und Genetiv im Paradigma untereinander. Es ist die umfas- sendste Darstellung des lateinischen aus der Antike selbst, seit dem 8. Jhdt. wurde sie in über tausend Handschriften verbreitet, ebenfalls in einer kleinen (ohne Syntax und Kurzfassung) und einer großen Version.

Der wichtigste Vermittler zwischen der römischen Philologie und der mittelalterlichen Geisteswelt war Boethius (ca. 480-ca. 524); er übersetzte und kommentierte die logischen Schriften des Aristoteles, er war auch prägend für die lateinische Terminologie der mittelalterlichen Scholastik.

Für die Entstehung unseres Fachwortschatzes siehe Folie Linguistische Termini aus der ars minor des Donatus Aelius und ihre griechischen Entsprechun- gen.

Sprachforschung im Frühmittelalter

lat. positura = Satzzeichen, Interpunktion

Ca. bis 1000 oder 1050 dauert das Frühmittelalter, bis 1250 das Hochmittelalter, danach das Spätmittelalter. Bei den Griechen und Römern war die Sprachforschung nicht losgelöst von Philosophie und Philologie; sie war also nicht eigenständig. Wenn man das Philosophische und Philologische abzieht, bleibt in der Antike eben nicht viel übrig und ist nicht viel wert. Das

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Material hätten die Griechen gehabt, aber sie haben nichts damit gemacht, sie hatten keine Methodik.

Der bedeutendste Etymologe der Übergangszeit zwischen Antike und Frühmittelalter war Isidor von Sevilla (ca. 560-636), der ein Kompendium von Worterklärungen aus allen Wissensgebieten gesammelt hat. Das Werk des Bischofs ist unvollendet und postum herausgegeben. Er hat drei Arten etymologischer Herleitung von Substantiven.

ursächlich: rex a recte agendo

ursprungsbezogen: homo a humo

gegensätzlich: lutum a luendo, lucus a non lucendo

Septem artes liberales: tirivum (Grammatik, Rhetorik, Dialektik), quad- rivium (Geometrie, Arithmetik, Astronomie, Musik).

Insulare Grammatiken (Britannien): formale Regeln für die korrekte Bildung von Wortformen und Sätzen (abweichend von von der rein seman- tischen Grundlage der antiken Tradition. Diese waren vielleicht durch den Sprachkontakt mit keltischen Sprachen inspiriert.

Beda (Venerabilis, 672/673-735): De orthographie (eine Art Lehrer- handbuch für den Lateinunterricht). Das war das erste Lehrerhandbuch in der Sprachwissenschaft. Bonifatius (Winfrid, 672/673-754) hat auch Beis- piel- und Übungssammlungen gemacht, aus Bibelstellen und der Äneis.

Auraicept na nÉces (‘Leitfaden für gelehrte Dichter’): altirischer Text (2. H. 7. Jhdt.), zwölf Abhandlungen zur Geschichte der irischen Sprache, zum lateinischen und zum Ogam-Alphabet (dem einzigen phonetisch- phonologisch durchdachten Alphabet des Abendlandes!), zur morpholo- gischen Analyse nominaler und verbaler Kategorien, sowie eine Reimlehre. Altirische und lateinische Deklinationsparadigmen mit 28 Kasus.

Abrogans (~765 in Freising entstanden): spätlateinisch- althochdeutsches Synonymenlexikon, erster deutscher Text in Buchform (!), bairische Urfassung nicht erhalten), ca. 3670 althochdeutsche Lemmata.

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Karolingische Renaissance

Renaissance deswegen, weil man begonnen hat, sich ein bisschen mit der Antike zu beschäftigen. Alcuin (ca. 730-804) war der Leiter der Aache- ner Hofschule und der Bildungsbeauftragter Karls des Großen.

Mittelalterliches Schulwesen

Ælfric Grammaticus (ca. 955-1020, Benediktiner, Abt des Klosters Eynsham bei Oxford): Lehrer und Übersetzer. Lateinische Schulgrammatik (altengische Fassung von Priscians Institutiones grammaticae) samt Wörter- buch; Colloquium (Konversationshandbuch).

Byzantinische Sprachforschung

Stephanos von Byzanz (1. H. 6. Jhdt.): Ethnika, Ortsnamenlexikon, mit Angabe der deonomastischen Adjektive, ca. 530.

Georgiocus Chorioboskos (ca. 750-ca.800), Theognostos (9. Jhdt.), umfangreiche, aber uninspirierte Abhandlungen zur Grammatik.

Konstantinos VII. Porphyrogennetos (905-959), Initiator einer 53- bändigen Enzyklopädie, nicht fertiggestellt.

Suda, Wort- und Sachlexikon mit rund 30000 Lemmata (10. Jhdt.).

Gregorios von Korinth (10. Jhdt.): Schriften zur Syntax und Stilistik sowie Dialektbeschreibungen.

Europäische Glottogenese

Straßburger Eide (Sacramenta Argentariae, 842): zweisprachig (alt- französisch und althochdeutsch), überliefert in Nithardus (~800-845) Histo- riarum liber III,5.

Die Lexikographie bestand in karolingischer Zeit nur in Glossensamm- lungen. Metasprachliche Aufbereitung gab es wieder einmal nicht. Das erste

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deutsche Wörterbuch erschien erst im 15. Jhdt. (von Dietrich Engelhus,

1362-1434).

Glottodidaktische Literatur im Mittelalter

Lehrbücher für die lateinische Sprache gab es im Mittelalter zuhauf, da das Lateinische natürlich Gelehrten- und Verkehrssprache in Europa war. Es gibt sehr viele Doctrinales, glottodaktische Traktate in Versform; sogar in Hexametern und Pentametern für das Lernen der griechischen Sprache.

Ein Einzelgänger war Alexander Neckam (1157-1217), der immerhin einen Sprachvergleich zwischen Hebräisch, Griechisch, Lateinisch, Französisch und Englisch gemacht hat.

Durch häu ! ges Abschreiben mehrerer Gelehrter bildet sich allmählich ein vierteiliges Schema heraus: orthographia (Gebrauch der litterae), prosodia (Eigenschaften der syllabae), etymologia (die partes orationis; dabei geht es nicht um Etymologie, sondern es geht um eine Klassi! zierung der Morpholo- gie) und diasynthetica (Syntax).

Es gab im Mittelalter auch theoretische Spekulation über die Natur der Sprache. Das führt zur:

Hochmittelalter: Scholastische Periode

Keine Fortschritte gab es in der Etymologie: lat lapis nach wie vor als quasi laedens pedem erklärt, fenestra als quasi ferens nos extra, etc. Also kein bisschen wissenschaftlich.

In der Syntax gab es die genaue Unterscheidung zwischen Substantiv und Adjektiv, der Begri & der Rektion wurde entwickelt (regimen als eigener Abschnitt dder Syntax neben der constructio); regierte Kasus versus casus ab- soluti; Unterscheidung von agens und patiens.

In Paris gab es eine Schule unter Guillaume de Conches (~1080- 1154) und Petrus Helias (1. H. d. 12. Jhdt, Schüler des vorigen), die die tra- ditionelle Grammatik kritisierte, weil sie die partes orationis nicht funktional de ! niert.

Geschichte der Sprachwissenschaft I

Grammatica speculativa (= Grammatiktheorie, Sprache als Spiegelbild der Wirklichkeit) neben der grammatica positiva (= lateinische Sprachlehre) ausgehend von der aristotelischen Unterscheidung zwischen theoretischer und praktischer Wissenschaft.

Die sog. Modisten waren eine Gruppe von Lehrern an der Universität von Paris (im 12. Jhdt. gegründet). Roger Bacon (genannt Doctor Mirabilis, Franziskaner, ~1214-1292/94; 1241-1246 an der Sorbonne): prägte den Be- gri& des Naturgesetzes, betonte besonders den Wert der Sprachkundigkeit (vor allem Griechisch, Hebräisch, Arabisch); er wendete sich vom Quasi- Dogma der babylonischen Sprachverwirrung ab; die Sprachen wären auch dan verschieden, wenn Gott sie nicht den Menschen zur Strafe durcheinan- dergebracht hätte. Impulse zur Entwicklung der modistischen Theorie kamen von ihm: Summa grammatica(lis), sowie Schriften zur Grammatik in enzyk- lopädischen Werken. Er wird sich also schon gedacht haben, dass Spra- chwandel nach gewissen Regeln funktioniert.

Die Gruppe hieß Modisten, weil sie die modi signi ! candi als Haupt- bestandteil der Sprachtheorie nannten. Diese dienen zur grammatischen Dif- ferenzierung der dictiones (das sind semantische Einheit): ein Substantiv wie dolor hat den modus entis (Modus der Stabilität und Permanenz), während das entsprechende Verbum doleo den modus esse hat (Modus der Veränderung). Erst durch die Applikation der modi signi ! candi kann eine dictio zur pars ora- tionis werden. Es geht also um eine semantische Merkmalstheorie, was heutzutage auch sehr aktuell ist (vgl. kognitive Semantik).

Ein Gegner der Modisten war William von Ockham (1285-1349), ein Nominalist. Er leugnete die Beziehung zwischen Wörtern und Dingen. Ein Begri & ist ein Zeichen, ein Name für eine Sache; sein Inhalt kann nicht an sich als wahr erkannt werden. Berühmt ist seine Reduktionistische Doktrin (Ockham’s razor, Grundlage der Beschreibungsökonomie): Non sunt multipli- canda entia praeter necessitatem.

Terministische Logik: aufbauend auf den proprietates termonirum sig- ni! catio (Bedeutung), impositio (Benennung), appellatio (usuelle Bedeutung),

Geschichte der Sprachwissenschaft I

etc. Vergleichbar mit versch. Sprechakttheorien; hier gibt es immer wieder verschiedene Anzahlen an notwendigen Sprechakten.

Die Emanzipation der Volkssprachen

First Grammatical Treatise (anonym, 12. Jhdt.): erste und vermutlich älteste von vier Abhandlungen (Anhang zu Snorri Strulussons Jüngerer Edda). Minimalpaaranalyse des Altisländischen, Einführung von vier zusätzlichen Vokalbuchstaben (ę , ǫ , ø, y) für die korrekte Wiedergabe des altisländischen Lautstandes. Auch dieser anonyme Autor war ein Einzelgän- ger, es entstand keine phonolgische Tradition.

Dante Alighieri (1265-1321), De vulgari eloquentia (um 1305, unvol- lendet): erste sprachebtrachtende Schrift des Abendlandes, die explizit die autochthonen Volksdialekte zum Gegenstand hat. Dante selbst schreibt, dass sein Werk keine Vorgänger hat, es folgte aber auch nichts und niemand nach. Seine und die Beschäftigung des anonymen Autors mit Sprache waren Ausnahmen zu jener Zeit. In Dantes Werk ! nden sich sogar Ansätze zur Erstspracherwerbsforschung.

Das Werk ist allerdings nicht durchgehend gut; Dante wirft fast alle Eu- ropäischen Sprachen (auch Ungarisch) in einen Topf, einfach weil er meint, dass alle als zustimmende Antwort “Jo” sagen, was natürlich keine wissen- schaftliche Methode und noch dazu nicht richtig ist. Er unterscheidet auch noch verschiedene Romanische Sprachen. Die Sprachverwirrung von Babel wird als Vergessen der alten Sprache uminterpretiert; sozusagen als eine ge- wisse Art von Sprachwandel. Dass sich Sprache im Laufe der Zeit verändert, war im klar: Als Beispiel führt er an, dass Bewohner von Pavia, würden sie wieder auferstehen, anders sprächen als die damalige Stadtbevölkerung.

In Dantes Werk De vulgari eloquentia ! ndet sich im 10. Kapitel auch eine Au " istung italienischer Mundarten, die Dante selbst als eine mögliche Au " istung der Mundarten beschreibt; er meint, dass man auch 1000 unter- scheiden könnte, je nachdem, wie genau man sie untersucht. 6

6 Die bibliotheca augustana ! ndet sich im Datenbankservice der Universität Wien. Sie bietet viele Originaltexte auf Griechisch, Latein und anderen Sprachen.

Geschichte der Sprachwissenschaft I

Humanisten und Wegbereiter der Re- formation

Die Renaissance ist die Zeit, die unmittelbar auf das Mittelalter folgt, also die 2 Jahrhunderte von der Mitte des 14. bis zur Mitte des 16. Jhdt. Am Anfang der Renaissance beginnt ein Wandel: Einerseits ist der Mensch selbst wieder wichtig, andererseits gibt es auch einen relativ objektiven Blick auf die Welt.

Kulturtechnische Rahmenbedingungen (wie etwa die Er ! ndung des Buchdrucks oder die Entwicklung des Papiers) erreichen zu dieser Zeit eine notwendigen Standard. Um 1500 gab es in England schon Bleistifte mit Graphitminen, ähnlich wie heute. Das arabische Zahlensystem wurde im Laufe des MA auch übernommen; ohne diesem wäre die Mathematik nicht so weit gekommen. Es wurde sehr viel (immer mehr) übersetzt, und zwar ganze Texte, was es im MA weniger gab. Außerdem die Wiederentdeckung der klassischen Texte, der Widerstand gegen die kirchliche Doktrin. Noch ein wichtiger Punkt war der Kontakt der Gelehrtentradition des oströmischen Reichs mit den italienischen Gelehrten (es gab damals auch schon erste Uni- versitäten in Italien). Das Griechische wurde erstmals ö & entlich im 14. Jhdt. an der Universität von Pavia gelehrt, von einem byzantinischen Philologen, Manuel Chrysooras (~1350-1415). Er schrieb eine griechische Grammatik für Lateinkundige, Erotemata (Quaestiones).

Als “Erster Humanist diesseits der Alpen” gilt Johann von Neumarkt (1310-1380), der deutsche Mustertexte für das Kanzleiwesen geschrieben hat, das heißt, dass das Deutsche als Verwaltungssprache benutzt wurde.

John Wycli & e (~1320-1384) war ein englischer Humanist, der eine englische Bibelübersetzung (1384) angefertigt hat; in Deutschland gab es vor Luther schon 130 Bibelübersetzungen, davon wurden 14 hochdeutsche und 3 niederdeutsche gedruckt.

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Jan Hus (~1370-1415, beim Konzil von Konstanz als Ketzer verurteilt und ö & entlich verbrannt): Orthographia bohemica (1406/1412, erst 1858 ed- iert und gedruckt). Hus standardisierte die tschechische Rechtschreibung.

Lorenzo Valla (1405/1407-1457) war einer der wichtigsten frühen Humanisten. Er schuf ein umfangreiches Werk; Elegantiarum linguae latinae libri VI (1444, gedruckt 1471), in dem er versuchte, die lateinische Sprache auf ein früheres, “besseres” Niveau zurückzuführen. Er war auch Textkritiker und man könnte ihn als Begründer der angewandten Sprachwissenschaft se- hen. Er hat das Dokument der Konstantinischen Schenkung als Fälschung entlarvt, mit dem die Päpste ihre Herrschaft legitimiert hatten.

Johannes Reuchlin (gräzisiert: Kapnios, Capnio, 1455-1522) war ein Lehrer für Griechisch und Hebräisch. Er war der Begründer der neuzeitlichen Hebraistik und alttestamentlichen Bibelwissenschaft. Er war auch ein Vertre- ter des Itazismus (Aussprache des Altgriechischen nach mittel- bzw. neu- griechischem Lautstand: η = [i]). Das ist nicht durchgedrungen, weil ein ein " ussreicher Humanist etwas anderes vorgeschlagen hat, nämlich:

Erasmus Desiderius von Rotterdam (latinisiert: Rotterdamus, ei- gentlich Gerhard Gerhards, 1466-1536) war ein Universalgelehrter; als Grammatiker, Textkritiker und Herausgeber Mitbegründer der neuzeitlichen Philologie. Er ist der “Verursacher” der heute noch gültigen Schulaussprache des Altgriechischen (Etazismus).

Weitere Philologen und Linguisten “avant la lettre”

Guillaume Budé (1467-1540). Begründer der klassischen Philologie in Frankreich.

Ciriaco de Pizzicolli (~1391-1450) war ein “Quereinsteiger”, er war eigentlich Kaufmann, der viel auf Reisen war, wo er sich selbst viel beige- bracht hat. Er ist gewissermaßen der Begründer der klassischen Philologie und der erste Epigraphiker. Seine Schrift Antiquarum rerum commentaria ist verloren. Isidoris von Monemvasia (15. Jhdt.): Beschäftigung mit antiken In- schriften.

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Henri Estienne I (~1460-1520) gründete in Paris eine Buchdruckerei. Die Franzosen waren zunächst damit beschäftigt, die klassischen Texte zu drucken. Sein Sohn Robert Estienne (1503-1559) wurde Typographus regius für das Hebräische, Griechische und Lateinische, gab gemeinsam mit Thierry de Beauvais (16. Jhdt.) den Thesaurus lingae latinae heraus. Der Enkel Henri Estienne II (1528-1598) gab dann den Thesaurus lingae graecae und zahlreiche Textausgaben heraus, die zum Teil bis heute gültige Editionsgrundlagen sind.

Bernard de Montfaucon (1655-1741), Palaeographia graeca (Paris,

1708).

Giulio Cesare della Scala (germanisiert: Julius Caesar Scaliger, 1484- 1558): De causis lingae latinae libri XIII (1540 in Lyon, 1580 in Genf und 1623 in Heidelberg gedruckt). Darin beschäftigt er sich mit lateinischer Sprachgeschichte, er ist der erste, das tut.

Sein Sohn Giuseppe Giusto Scaligero (1540-1609) war Universität- sprofessor in Genf und Leiden. Er hat in Diatriba de Europaeorum linguis (~1599) zum erstenmal europäische Sprachen zu klassi !zieren versucht; er hat 11 Gruppen, die er matrices nennt, unterschieden, die in propagines geteilt sind. Vier matrices maiores: Lateinisch, Griechisch, Germanisch, Slawisch. Sieben matrices minores: Albanisch, Tatarisch, Ungarisch, Finnisch (mit Samisch), Irisch, Kymrisch (Britannisch) mit Bretonisch, Baskisch. Alle elf matrices sind laut Scaligero “nullo inter se cognationis vinculo conuinctae”.

Begründung der Nationalphilologien

Antonio de Nebrija (1446-1522): erste Grammatik des Spanischen.

Pietro Bembo (1470-1547): Prose della volgar lingua (Inauguration des Toskanischen als überregionale italienische Literatursprache).

1582 wurde die Academia della Crusca in Florenz gegründet, durch

Anton Francesco Grazzini (1502-1584); Vorbild aller späteren wissenschaftli- chen Gesellschaften.

1547 wurde Französisch Kanzleisprache.

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Joachim du Bellay (1525-1560) war ein radikaler Verfechter des Französischen als überregionale Sprache, De 3 ence et illustration de la langue françoyse.

1629 gab es Versammlungen zur P " ege der französischen Sprache im

Salon von Valentin Conrart (1603-1675), 1635 wurde sie durch Kardinal Richelieu zur Académie Française erhoben. Sie zählt genau 40 Mitglieder und 1694 wurde das erste Wörterbuch herausgegeben.

Gilles Ménage (1613-1692) schuf ganz schlechte Etymologien ohne methodische Grundlage, sodass Voltaire darüber schrieb: “une science où les voyelles ne comptent rien et les consonnes fort peu de chose”. Er schrieb Ety- mologien für Französisch und Italienisch. Die Etymologie wurde zu einer Art obskuren Pseudowissenschaft. Étienne Guichard (16./17. Jhdt.) hat alle Wörter durch Buchstabenvertauschung aus dem Hebräischen abgeleitet, L’harmonie étymologique des langues.

Sprachgesellschaften und Sprachmeister

1617 wurde die Gründung der Fruchtbringenden Gesellschaft in We-

imar (auch Palmenorden) zur P " ege der Muttersprache und des “teutsch gesinnten Tugendmuts” (1680: 890 Mitglieder, davon 3/4 Adelige). Im sel- ben Jahr gründet Samuel Coster (1579-1662) die Niederdeutsche Akade- mie. 1633: gründete Jesaias Rompler von Löwenhalt in Straßburg die Au- frichtige Gesellschaft von der Tannen. 1643 wurde die Deutschgesinnte Genossenschaft in Hamburg mit meist bürgerlichen Mitgliedern, auch 2 Frauen, gegründet. Es gab auch schon die ideologische Verbindung zwischen Muttersprache und nationaler Gesinnung. Besonders im Deutschen war dies zu ! nden, weil sich das Deutsche eher vom Latein emanzipierte und eman- zipieren musste. In Nürnberg wurde der Pegnesische Hirten- und Blume- norden gegründet (1644). Diese Gesellschaften publizierten kräftig, woraus heute wertvolle Quellen für ältere, heute ungebräuchliche Wörter resultieren.

Justus Georg Schottel (1612-1676) hat zahlreiche grammatische Fachausdrücke verdeutscht. Sprachlehre, Wörterbuch, Zeitwort, Zahlwort, Fragezeichen, Strichpunkt, usw. gehen alle auf Schottel zurück.

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Simon Roth (16. Jhdt.) gab das erste deutsche Fremdwörterbuch heraus, es umfasste rund 2000 Lemmata.

Monumente der Lexikographie

Kaspar von Stieler (1632-1707): Der teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs (Nürnberg, 1691): Wörterbuch mit detaillierten grammatischen Angaben.

Für das Lateinische Lexicon totius latinitatis (Egidio Forcellini, 1688-

1768).

Samuel Johnson (1709-1784): A dictionary of the English Language (1755, London, 2 Bände): Grundlage des 1888 begonnen und bis heute fort- geführten Oxford English Dictionary (OED).

Beschreibungen europäischer und orientalischer Sprachen

Ole Worm (1588-1654): Specimen lexici runici, Sammlungen von Run- eninschriften.

Ioannes Pannonius (~1504-1555): Grammatica ungaro-latina in usum puerorum. Struktur der Pronomina des Ungarischen “manifestissime ostendit, magnma nostrae linguae cum sacra illa, nimium hebraea, esse a 2 nitatem”.

Erste Grammatik des Armenischen, italienische Wörterbücher, Gram- matiken des Finnischen, des Türkischen, Arabischen, Russischen.

1754 wurde in Wien von Maria Theresia die Orientalische Akademie gegründet.

Beschreibungen außereuropäischer Sprachen

Pedro de Alcalá (15./16. Jhdt.): erste arabische Grammatik in einer westeuropäischen Sprache, Mariano Vittori über Äthiopisch. der älteste ge- druckte Text in einer amerikanischen Sprache, zugleich das erste auf ameri- kanischem Boden gedruckte Buch (anonym): eine Grammatik der “mexikan- ischen Sprache”. Weitere siehe Folie.

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An der Schwelle zur deskriptiven Sprachwissenschaft

Theoretische Grammatik

Die Grammatiktheorie erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf; er war nicht traumlos, siehe Modisten und Scholastiker. Ein Hauptkapitel in der En- twicklung der Grammatiktheorie überhaupt ist die Grammatik von Port- Royal. Port-Royal war ein Zisterzienserkloster (Port-Royal des Champs) bei Versailles. 1709 aufgehoben, 1710 zerstört.

Antoine Arnauld (1612-1694, “Le Grand Arnauld”) und Claude Lan- celot (1615-1695). Grammaire générale et raisonnée, conetant les fondements de l’art de parler, expliqués d’une manière claire et naturelle; les raisons de ce qui est commun à toutes les langues, et des principales di 3érences qui s’y rencontrent; et plusieurs remparques nouvelles sur la langue françoise. (Paris, 1654), als Univer- salgrammatik gedachtes System, Wortarten- und Kategorienlehre auf lo- gischer Grundlage samt syntaktischer Funktionslehre.

Logik von Port-Royal: La logique ou l’art de penser, contenant, outre les règles communes, plusieurs obersvations nouvelles propres à former le jugement. (Paris, 1662), von Antoine Arnauld und Pierre Nicole (1623-1695) anonym verö & entlicht, bis ins 19. Jhdt. ein " ussreiches Lehrwerk in Frankreich und England.

Weitere

Werke

Lancelots

sind

Bücher

über

das

Lateinlernen,

Griechischlernen, eine Versgrammatik des Griechischen.

Nicolas Beauzée (1717-1789): Grammaire générale ou exposition rai- sonnéee des éléments nécessaires du langage, pour servir de fondement à l’étude de toute langue. (Paris, 1767), Mitarbeit an Diderots und d’Alemberts Ency- clopédie. Beauzée hatte sehr fortschrittliche Ideen (z.B. Arbitrarität der Zei- chen!).

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Vorläufer der Phonetik und Anfänge der Hörbehindertenpädagogik

Jacob Madsen Aarhus (1538-1586), erster Phonetiker der Neuzeit: De litteris libri duo (Basel, 1580).

Giorgio Bartoli (16. Jhdt.): Degli elementi del parlar toscano (Florenz, 1584), erste physiologische Beschreibung der Laute des Toskanischen, mögl- ciherweise unter dem Ein " uss der im Codex Atlanticus enthaltenen Studie De vocie des Leonardo da Vinci (1452-1519). Auch Bartoli hatte keine Nach- wirkung oder Nachfolger.

Der erste namentlich bekannte sog. Taubstummenlehrer war Pedro Ponce de León. In Spanien gab es ganze solche Schulen. Juan Pablo Bonet (1579-1633) schrieb Reducción de las letras y arte para enseñar a hablar los mudos (Madrid, 1620), Lehrwerk mit multidimensionalem Ansatz: phone- tische Instruktion plus Gebärden plus Fingeralphabet. Auch Johann Konrad Ammann, ein Taubstummenlehrer in Amsterdam und Haarlem schrieb solche Werke. In Deutschland war es Samulen Heinicke; er begründete eine Taubstummenanstalt und die deutsche Artikulationslehre für Taubstumme. Er machte sich auch Gedanken über die Sprache in der Psyche des Menschen und was es für Auswirkungen hat, wenn man der Sprache nur eingeschränkt mächtig ist.

Dietrich Tiedemann (1748-1803) war ein Vorläufer der Spracherwerbs- forschung, er protokollierte drei Jahre lang die Sprachentwicklung seines Sohnes Friedrich. Zu jener Zeit gab es schon eine Art von gesamteu- ropäischem Geistesleben, es gab einen regen Austausch des Wissens, auch über Sprachgrenzen hinweg. So jemand wie z.B. Goethe hat sehr viel davon mitbekommen, was um ihn herum passiert ist.

Maschinelle Sprachverarbeitung “avant la lettre”

Wolfgang von Kempelen (Kempelen Farkas, Ján Vlk Kempelen, 1734- 1804, Kaiserlicher Hofkammersekretär): Mechanismus der menschlcihen Spra- che nebst Beschreibung einer spechenden Maschine (1791, mit 27 Kupferstichen; Nachdruck: Stuttgart, 1970). In Pressburg geboren, in Wien Hofkammersek- retär, aber in Budapest tätig. Alle drei Nationen erheben Anspruch auf Kem- pelens Angehörigkeit.

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“Sprachenharmonien”

Nach Entdeckung der großen Kontinente hat man versucht, sich ein gewisses Bild davon zu machen, was für Sprachen es überhaupt auf der Welt gibt, sog. Sprachenharmonien.

Teseo Ambrogio Albonese (1469-1549): Introductio in chaldaicam lin- guam, syriacam atque armeniacam et decem alia linguas. (Paris, 1539). Die erste richtige Sprachenharmonie wurde von Konrad von Gesner (1516-1565, “der deutsche Plinius”): Mithridates sive de di 3erentiis linguarum tum veterum, tum quae hodie diversos nationes in toto orbe terrarum in usu sunt observationes (Zürich, 1555), enthält unter anderem das Vaterunser in 22 Sprachen.

Hieronymus Megiser (1555-1616) übertraf ihn und sammelte schon 40 Sprachen. Es brach ein gewisser Sport aus, immer mehr Sprachen zu ! nden. Claude Duret (1611 gest.) behandelte 57 Sprachen, einschließlich der Spra- chen der Vierbeiner und der Vögel (!). Andreas Müller (2. H. 17. Jhdt.) sam- melte das Vaterunser in fast 100 Sprachen.

Ethnographie und Sprachgeographie

Sprachenharmonien waren nur Sammlungen, meist des Vaterunser, richtige Angaben über Sprachen waren schon mehr. So unter anderem von:

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), etymologische Versuche von durchschnittlicher Intelligenz, postum verö& entlicht. Er beschäftigte sich schon mit Altkeltisch und Germanisch; er regte zu empirischer Forschung an und schrieb auch dem Zaren Peter dem Großen 1713, dass sämtliche Spra- chen des russischen Reichs dokumentiert werden sollten. Leibniz erlebte es nicht mehr, aber die russischen Zaren nach und nach in die Wege.

Philip Johan von Strahlenberg (geb. Tabbert, 1676-1747): [SEHR LANGER TITEL!] (1730) enthält wertvolle Angaben über uralische und al- taische Völker und Sprachen; ordnet in die erste große Gruppe der “boreo- orientalischen” Sprachen das Mordwinische, Tscheremissische, Permische, Wotjakische, Wogulische und Ostjakische (!) ein; die richtigerweise für Ver- wandte des Ungarischen, Finnischen, Lappischcen und Estnischen gehalten werden.

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Polyglotte Kompilationen

Pater Simon Pallas (1741-1811), von Zarin Katharina der Großen mit der Herausgabe der Ergebnisse von ihr initiierter Forschungen betraut; darin gibt es Wortlisten von 285 Wörtern, die 51 europäische und 149 asiatische Sprachen umfasst, von denen mittlerweile einige ausgestorben sind. Es gibt eine spätere revididerte Ausgabe.

Johann Christian Adelung (1732-1806): Mithriades oder allgemeine Sprachenkunde, mit dem Vater unser als Sprachprobe in bey nahe fünfhundert Sprachen und Mundarten (4 Bände, Berlin, 1806-1817). Weiter Werke Ade- lungs umfassen: Umständliches Lehrgebäude der deutschen Sprache zur Erläuterung der deutschen Sprachlehre (1782), etc.

Erste Schritte zur systematischen Sprachvergleichung

Hiob Ludolf (1624-1704), Begründer der Äthiopistik, erkannte die Verwandtschaft des Amharischen und des Ge’ez mit dem Arabischcen und Hebräischen.

Martin Fogel (1634-1675), Arzt und Philosoph, erkannte die Verwandt- schaft des Finnischen mit dem Ungarischen: De Finnicae linguae indole obser- vationes (1669, unverö & entlicht).

Johann Eberhard Fischer (1697-1771): De origine Ungarorum, mit einer tabula harmonica linguarum (1770 gedruckt).

János Sajnovics (1700-1785): Demonstratio idioma Ungarorum et Lap- ponum idem esse (Kopenhagen, 1770), methodisch anspruchsvolle Beweis- führung, u.a. mittels 150 Wortgleichungen sowie grammatischen Parallelen in Wortbildung und Flexion.

Sámuel Gyarmathy (1751-1830): A 2 nitas lingae Hungaricae cum linguis fennicae originis grammatice demonstrata nec non vocabularia dialectorum tatari- carum et slavicarum cum hungarica comparatu (Göttingen, 1799).

Trotz geringerer Texttiefe als beim Indogermanischen “entstand” die vergleichende Sprachforschung beim Finnisch-Ugrischen, weil man wohl ge-

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sehen hat, dass diese Sprachen nicht zum Indogermanischen passen und man vielleicht neugierig geworden ist.

Adam Smith (1723-1790), Philosoph und Nationalökonom: Considera- tions Concerning the First Formation of Languages, and the Di 3erent Genius of Original and Compounded Languages. Erstmals gab es hier eine typologische Unterscheidung von Sprachen, also nicht genealogisch. Englisch ist für ihn z.B. “compounded”, weil es aus Altfranzösich und Altsächsisch entstanden ist, das Lateinische aber “original”, weil es keine Mixtur ist, etc.

Lorenzo Hervás y Panduro (1735-1809): Idea dell universo, che conti- ene la storia della vita del’uomo, elementi cosmogra ! ci, viaggio estatico al mondo planetario, e storia della terra. (21 Bände, 1778-1787) In Band 17 wird eine Beobachtung über alle bekannten Sprachen, ihre Zusammengehörigkeit und ihre Verschiedenheit gemacht. Bis inklusive Band 21 geht es um Sprache, in diesem Band ist das Vaterunser in 307 Sprachen gesammelt,, mit ausführli- chen lexikalischen Anmerkungen und grammatischer Analyse (Mor- phemübersetzung!) versehen, z.B. Nahuatl (Aztekisch), die Passage “unser tägliches Brot gib uns heute” siehe Folie An der Schwelle zur deskriptiven Sprachwissenschaft. Erweiterte spanische Ausgabe: Catálogo de las lenguas de las naciones conocidas y enumeración, divisón y clases de estas según la diversi- dad de sus idiomas y deialectos. Das italienische Werk war gelungener, das spanische erklärt weniger. Er hinterließ auch jede Menge unvollendeter Schriften.

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Das 18. und das 19. Jahrhundert

Laut Luschützky ist der Grund dafür, dass sich bis zum 19. Jahrhundert kaum ernsthafte Untersuchungen zur Sprache entwickelten, dass sie ein un- mittelbares Instrument ist und es gar nicht so leicht ist, sich davon zu lösen, sodass man ein Objekts-Subjekts-Verhältnis hat, wodurch man sie erst richtig untersuchen kann.

Sprachursprungstheorien

Es gab immer wieder verschiedenste Vermutungen über den Ursprung der Sprachen, z.B. religiöse; Gott bringt Adam bei, wie alle Dinge heißen. Dann musste man erklären, warum nicht alle Hebräisch sprechen, dazu gab es dann die Babylonische Sprachverwirrung. Im Mittelalter mit seinem christlichen Dogma war diese Theorie sehr präsent.

Trotz dieses dogmatischen Drucks gab es einige Menschen, die sich getraut haben, eigene Meinungen zu formulieren. Hier gibt es verschiedene Theorien, dass Sprache aufgrund von Zurufen bei der Jagd, durch Koordina- tion bei der Arbeit, o.ä. entstanden ist. Auch gibt es eine Theorie, dass Spra- che ursprünglich gestikuliert wurde, man in der Nacht aber einen Ersatz brauchte. Diese Ursprungstheorien wurden hauptsächlich in der Aufklärung erdacht.

Jean-Jacques Rousseau (1702-1778), Essai sur l’origine des langues, où il est parlé de la Mélodie, et de l’Imitation musicale (Paris, 1781). Interjek- tionstheorie: phylogenetisch erste sprachliche Äußerungen als Ausdruck von Leidenschaften.

Étienne Bonnot de Condillac (1715-1780), Essai sur l’origine des connois- sances humaines, ouvrage où l’on reduit à un seul principe tout ce qui concerne l’entendement humain(Amsterdam, 1746), unter dem Ein " uss der englischen Aufklärungsphilosophie (Empirismus), speziell John Lockes (1632-1704), An Essay Concerning Humane Understanding (London, 1690); book III: On Words:

Sprachentwicklung aus Gestik und Mimik.

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Johann Gottfried Herder (1744-1803), Abhandlung über den Ursprung der Sprache, welche den von der Königl. Academie der Wissenschaften für das Jahr 1770 gesetzten Preis erhalten hat. (Berlin, 1772), darin vier “Naturge- setze”, natürlich keine wirklichen Naturgesetzte, sondern eher Postulate.

• “Erstes Naturgesetz: Der Mensch ist ein freidenkendes, tätiges We- sen, dessen Kräfte in Progression fortwürken [sic!]; darum sei er ein Geschöpf der Sprache! […]

Zweites Naturgesetz: Der Mensch ist in seiner Bestimmung ein Geschöpf der Herde, der Gesellschaft: die Fortbildung einer Sprache wird ihm also natürlich, wesentlich, notwendig. […]

Drittes Naturgesetz: So wie das ganze menschliche Geschlecht unmöglich eine Herde bleiben konnte, so konnte es auch nicht eine Sprache behalten. Es wird also eine Bildung verschiedener National- sprachen. […]

Viertes Naturgesetz: So wie nach aller Wahrscheinlichkeit das menschliche Geschlecht ein progressives Ganzes von einem Ur- sprunge in einer großen Haushaltung ausmacht, so auch alle Spra- chen und mit ihnen die ganze Kette der Bildung.”

Da es so viele Theorien über den Ursprung der Sprache gab, war es teilweise sogar unerwünscht, neue zu verö& entlichen, da anscheinend der “Markt” schon gesättigt war.

Entdeckung des Altiranischen (Avestisch und Altpersisch)

Arabische und syrische autoren berichten zum Teil ausführlich über den Abasta des Zardusht, geben aber nur über religiöse INhalte Auskunft und nicht über die Sprache (Avesta < mpers. abesd ā g u zand ‘Text und Kommen- tar’). Ein Manuskript des Yasna (‘Opfer’, wichtigste Textsammlung des Av- esta) gelangt 1633 nach Canterbury.

Pietro de la Valle (1586-1632), Reisebeschreibung (von Jerusalem nach Indien, durch Syrien und ganz Persien) in Form von 54 Briefen an einen Freund. [langer Titel!]. Er berichtet unter anderem über Inschriften in Perse- polis.

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Thomas Hyde (1636-1703) gab eine Historia religionis veterum Persarum (Oxford, 1700) heraus und rief zur Bescha & ung und Sammlung avestischer Handschriften auf. 1723 bescha & t ein gewisser George Boucher aus Surat eine Handschrift des Vendidad Sadeh für Oxford. Die Briten setzten sich zunächst eher mit der religiösen Seite der altpersischen Kultur auseinander.

Abraham Hyacinthe Anquetil du Perron (1731-1805) reist 1754 nach Suart, erwirbt avestische und andere Handschriften und lässt sich von einem Destur (Oberpriester) eine neupersische Übersetzung des Avesta dik- tieren, kehrt 1761 mit 180 Handschriften nach Paris zurück. Er gilt als ei- gentlicher Begründer der Iranistik im Abendland. Sein Hauptwerk wurde von Johann Friedrich Klenker auf Deutsch übersetzt, es gab auch eine lateinische Übersetzung der Upanischaden; es begann ein Ein " uss der östli- chen Kulturen auf Europa (Goethe: “Ex oriente lux.”). Das alles ist der Aufklärung zu verdanken, Luschützky: “Man muss Aufklärung wie Demokratie täglich erkämpfen. Jedes Mal, wenn man ein Horoskop in einer Zeitung sieht, muss man weiterblättern!”

Entdeckung des Altindischen (Sanskrit)

Filippo Sassetti (1540-1588) berichtet in einem Brief von seinem Aufenthalt in Goa, dass im Sanskrit “sono molti de’ nostri nomi, e partico- larmente de’ numeri il sei, sette, otto e nove, Dio, serpe et altri assai”.

Johann Ernst Hanxleden (SJ, 1681-1732) wirkte von 1699 bis zu seinem Tod in der malabarischen Mission und schrieb die erste westliche Sanskritgrammatik (nie gedruckt): Grammatica Granthamia seu Samscrdumica (granth ‘knüpfen, binden; verfassen, kompilieren’).

Johann Philipp Wesdin (1805 gest.), von 1776 bis 1789 in malabar tätig, verfasste teilweise in Malay āḷ am einheimische Grammatiken und die erste gedruckte Sanskrit-Grammatik, sowie Abhandlungen über die Ähn- lichkeit des Altpersischen mit Sanskrit und germanischen Sprachen.

William Jones (1746-1794, manche nennen ihn “the father of modern linguistics”) studierte in Oxford neben Latein, Griechisch, Hebräisch und Ara- bisch auch Persisch, schrieb eine Grammar of the Persian Language (London,

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1771). Er inaugurierte 1786 in einem Vortratg (Third Discourse, gedruckt 1788) die Indogermanistik.

Indologie,Typologie, Sprachgeographie im frühen 19. Jhdt.

Henry Thomas Colebrooke (1765-1837) war nach Jones der erste große Sanskritist, er lernte in Kalkutta Sanskrit, gab auch eine Grammatik heraus und die erste Ausgabe von P āṇ inis Werk, P āṇ inis acht Bücher gramma- tischer Regeln (Kalkutta, 1809, auf Deutsch!).

Die Gebrüder Friedrich Schlegel (1772-1829) und August Wilhelm Schlegel (1767-1845); ersterer studierte in Paris Sanskrit und verfasste ein Buch über die Sprache und Weisheit der Indier. Er unterscheidet darin “Hauptgattungen der Sprachen nach ihrem inneren Bau” und “Sprachen durch A % xa”, “Sprachen durch Flexion”. Sein Bruder war der erste Professor für Indologie im deutschen Sprachraum, er verwendet als erster Begri & wie synthetisch und analytisch als sprachtypologische Begri & e und scha & t ein Klassi ! kationsschema. Diese Untersuchungen zur Typologie waren die nächsten 100 Jahre lang sehr ein " ussreich.

Adriano (Adrien) Balbi (1782-1848) war kein Sprachwissenschaftler, aber er hat einen ethnographischen Atlas der Erde verö& entlicht, nicht nur synchron, sondern auch historisch; er organisierte das nach Sprachen (Paris, 1826). Als Vorwort gab schrieb er über die Wichtigkeit des Sprachstudiums für viele Disziplinen, außerdem sammelte er weltweit Schriften und führte sie im Werk auf.

Grundlegung der vergleichenden Sprachwissenschaft

Rasmus Kristian Rask (1787-1832) war einer der maßgeblichen frühen Sprachforscher. Er verfasste die erste systematische Darstellung des Altnordischen (Kopenhagen, 1832), in Island entsteht in einem Werk ein Nachweis der Regelmäßigkeit von Lautentsprechungen der skandinavischen Sprachen und des Lateinischen und Griechischen (Germanische Lautverschie- bung). Er vermutete als erster die Zugehörigkeit der keltischen Sprachen zum indogermanischen Sprachstamm (1839 von Franz Bopp bewiesen). Ab 1816 sammelte er im Iran, in Indien und Ceylon Manuskripte. Dass das Grimm’s

Geschichte der Sprachwissenschaft I

Law nicht Rask’s Law heißt, liegt einfach daran, dass Grimm in Deutschland war und publiziert hat, Rask in Island aber früher draufgekommen ist.

Franz Bopp (1791-1867) war ein Gelehrter anderer Machart, “der deut- sche Typus des Stubengelehrten”. Wilhelm von Humboldt lernte Sanskrit von Bopp. 1816 verö & entlichte in Frankfurt ein Werk über das Konjugationssys- tem des Sanskrit und verglich diese mit jenen des Griechischen, des Lateinischen, des Persischen und des Germanischen. Das war der Grundstein der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft; auch viele andere Abhand- lung zum Altindischen und zu im Prinzip allen Zweigen des Indogerman- ischen.

Diese Zeit war ein Quantensprung für die Sprachwissenschaft, die Werke von Rask, Bopp, Grimm und Jones haben sehr viel weitergebracht.

Allg. Sprachwissenschaft und -typologie im frühen 19. Jhdt.

August Ferdinand Bernhardi (1769-1820): Sprachlehre in zwei Teilen Reine Sprachlehre (Berlin, 1801), Angewandte Sprachlehre (Berlin, 1803), An- fangsgründe der Sprachwissenschaft (Berlin, 1805); beein " usst Wilhelm von Humboldt und den Gebrüder Schlegel. Er unterschied also schon zwischen “reiner” und “angewandter” Sprachlehre.

Wilhelm von Humboldt (1767-1834): Politiker und Diplomat, Leiter des Kultur- und Unterrichtswesens im Preußischen Innenministerium, ini- tiiert ab 1809 eine Reform der Universitäten; 1810 Gründung der seit 1949 nach ihm benannten Berliner Universität, Einführung humanistischer Gym- nasien, etc., daneben einer der ein ' ussreichsten Sprachforscher aller Zeiten. Schwerpunkte der Humbdoldtschen Sprachbetrachtung: Dynamismus (Sprache ist ἐνέργεια, nicht ἔργον; also ein dynamisches, und kein statisches Gebilde, Primat der gesprochenen Sprache über die geschrieben), Sprache prägt das Weltbild (Prinzip der inneren Sprachform), typologischer Ansatz (Sprachtypen: isolierend, agglutinierend, ( ektierend, einverleibend), Über die Ver- schiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Ein ( uß auf die geistige En- twicklung des Menschengeschlechts (postum, Berlin, 1836), Schrifen über das Altjavanische, Baskische, über ozeanische Sprachen.