Sie sind auf Seite 1von 2

Nachgefragt

Weshalb, Frau Belliger, sind Social Media so erfolgreich?

Social Media wie Facebook, YouTube, Twitter & Co sind so er- folgreich, weil sie Ausdruck des Zeitgeistes sind. Ausdruck der Denk- und Fühlweise unseres Zeit- alters, die am besten mit dem Wort «connected» beschrieben werden. Wir leben in einer Welt, die online und offline von Netzwerken ge- prägt ist. Diese Netzwerke haben ihre ganz eigenen Normen und Werte. Und weil ja bekanntlich das Medium gleichzeitig auch die Bot- schaft ist, lohnt es sich, etwas ge- nauer hinzuschauen. Netzwerke sind zum Beispiel innovativ und smart, wenn sie hete- rogen sind. Netzwerke sind aber auch unkontrollierbar, paradox, selbstorganisierend und chaotisch. Führungspersonen müssen sich deshalb mit der Tatsache auseinan- dersetzen, dass sich Netzwerke nicht top down steuern lassen. Netzwerke verlangen eine offene, selbstkritische, respektvolle und ehrliche Kommunikation. Trans- parenz ist ebenfalls zu einer Grund-

6

norm der Netzwerkgesellschaft ge- worden. Wer heute als Firma oder als Person nicht transparent ist, ist suspekt. Und zudem ist Teilen an- gesagt. Das Credo der Netzwerkge- sellschaft lautet: Nicht Wissen und Informationen hüten, sondern Wis- sen und Informationen teilen führt zu neuem Wissen. Wir teilen übri- gens in sozialen Netzwerken Bil- der, Texte, Gedanken, Ideen und unser Geld nicht, weil wir naiv oder exhibitionistisch wären. Wir teilen, weil wir einen Vorteil darin sehen. Teilen ist eine soziale Handlung. Sie verbindet uns, stellt Bezie- hungen her, bildet Vertrauen und Fremde werden zu Freunden. Netz- werke sind zudem ständig im Fluss. Information und Wissen, die in Netzwerken fliessen, sind nie vollständig identifizier- oder nach- vollziehbar. Man muss sich darauf einlassen, dass permanent Interak- tionen und Kräfte zur Wirkung kommen, die sich nicht nach den Organisationsmustern der Hierar- chie richten. Die Grundnorm des

Fliessens bezieht sich aber auch auf uns selber: Wir sind heute nicht mehr ein Job. Wir sind eine An- sammlung von Kompetenzen in In- formatik, Medizin oder Marketing. Wir müssen uns über die fachlichen Kompetenzen hinaus in einem ganzheitlichen Sinne darüber klar werden, welche Kombination von Kompetenzen wir morgen benöti- gen. Hierzu empfehle ich Ihnen den Text des Kanadiers Stephen Downes «Dinge, die wir wirklich lernen müssen» (http://bit. ly/2wJR6R). Er hat darin zehn Din- ge aufgelistet, von denen er meint, dass wir – ob Kinder oder Erwach- sene – sie unbedingt lernen müssen, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein. Und das bringt mich zum nächsten Punkt, zum Grundsatz der Menschlichkeit und Empathie. In den sozialen Netzwerken ist klar:

Ohne Wirtschaftlichkeit geht es nicht, aber ohne Menschlichkeit geht gar nichts. Eines scheint nach rund 20 Jah- ren Internet und sechs Jahren So- cial Media klar: Diese Medien und ihre Botschaft verändern unser Leben weitgehender und tief grei- fender als irgendeine andere Tech- nologie zuvor. Durch die Allge- meinverfügbarkeit von Wissen und Information werden alte Besitz- stände wertlos, die Gesellschaft teilt sich neu auf und lässt sich nicht mehr einfach durch bisher gültige Mechanismen verwalten und regie- ren. In Netzwerken gelten eigene Normen. Diese Normen sind mehr als Schlagworte. Sie sind eine Rea- lität des gegenwärtigen Zeitgeistes. An ihnen werden wir als Unterneh-

mer, Mitarbeitende, Eltern, als Po- litiker oder Lehrpersonen heute ge- messen. Sich in sozialen Netzwerken zu bewegen, sagte einmal jemand, ist wie «Exerzitien». Eine geistige Übung, die dazu geeignet ist, Wertemuster in Bewegung zu ver- setzen. Wenn man sich wirklich auf die neuen Möglichkeiten ein- lässt, ändert sich der Arbeitsstil, und nach einiger Zeit ändern sich auch die Einstellungen. Der Grund, weshalb Social Media so erfolg- reich sind, liegt wohl darin begrün- det, dass sie uns teilhaben und teilnehmen lassen an einem gros- sen gesellschaftlichen Verände- rungsprozess.

gros- sen gesellschaftlichen Verände- rungsprozess. ◆ Prof. Dr. Andréa Belliger ist Pro­ rektorin der

Prof. Dr. Andréa Belliger ist Pro­ rektorin der Pädagogischen Hoch­ schule Zentralschweiz Luzern und Co­Leiterin des Instituts für Kom­ munikation und Führung. Sie forscht, lehrt und berät Organisa­ tionen zu Fragen von Trends und Veränderungen im gesellschaft­ lichen Kommunikationsverhalten, insbesondere in den Bereichen Bil­ dung, Verwaltung und Gesund­ heit. Sie konzipiert Weiterbil­ dungsmassnahmen, entwickelt Lehrpläne und Curricula, unter­ stützt Organisationen bei Entwick­ lungsarbeiten, hält Vorträge, In­ puts und Schulungen in Organisa­ tionen ganz unterschiedlicher Art.