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WAS UNTERNEHMEN NÜTZT _DIE VISA-STORY

(Zitat) Dee Hock, 2001

„Organisationen sind nichts als mentale Konstrukte. Sie haben


keine Wirklichkeit außerhalb des menschlichen Geistes. Jede Institution
ist eine Variante der uralten Idee von Gemeinschaft.“

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WAS UNTERNEHMEN NÜTZT

(Zitat) Dee Hock, 1966

„Wir werden endlos Fehler machen, doch wir werden aus


jedem eine Menge lernen. Wenn wir nur verrückt genug fragen,
werden die richtigen Antworten schon auftauchen.“

Und wenn alles Denkbare möglich wäre?


Zickzack-Karriere ist ein nettes Wort für das, was Dee W. Hock hinter sich hat: dreimal Geschäftsführer, dreimal
gefeuert. Er fängt wieder ganz unten an – und bekommt die Chance, die erste Kreditkarte der Welt einzuführen.
Er scheitert. Was der Anfang einer schier unglaublichen Geschichte ist.

Text: Elisabeth Gründler Foto: Stefan Ostermeier

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WAS UNTERNEHMEN NÜTZT _DIE VISA-STORY

- - - - - Im Keller der Bank wühlt ein Mann würde demnächst ihr Hochschulstudium aufgelistet werden. Kreativität ist gefragt.
im Abfall. Akribisch leert er jede Tonne, abschließen und mit ihrem Gehalt das Fa- „Wir werden endlos Fehler machen, doch
entfaltet jedes zusammengeknüllte Papier milieneinkommen sichern. wir werden aus jedem eine Menge lernen.
und studiert es sorgfältig. Neun Abfallton- Die National Bank of Commerce in Wenn wir nur verrückt genug fragen, wer-
nen hat er in zwei Stunden schon durch- Seattle (NBC), bei der Hock im Frühjahr den die richtigen Antworten schon auf-
sucht, 36 hat er noch vor sich. Die Tages- 1965 vorstellig geworden war, konnte ihm tauchen“, ist Hocks Devise.
abrechnung hatte nicht gestimmt, und die keinen Job anbieten. Doch Maxwell Carl- Bob Cunnings lässt sich darauf ein. Die
Kassiererin, eine drahtige, cholerische End- son, der Präsident der NBC, mochte den beiden okkupieren den Konferenzsaal der
vierzigerin, hatte ihn für die Suche nach ei- kreativen Kopf und war bereit, Hock bei Bank und werben um Freiwillige für ihr
nem vermeintlich verlorenen Beleg in den minimalem Gehalt als Trainee zu überneh- Projekt. Die drängen sich um Mitarbeit,
Keller geschickt. „Sie können aufhören, men. Der Familienvater akzeptierte, ent- denn: „Experimentieren erwünscht“ und
Hock“, tönt plötzlich ihre schneidende gegen aller Vernunft, weil ihm die Atmo- „Fehlermachen erlaubt“ – waren uner-
Stimme von der Kellertür, „die Kasse sphäre in der Bank gefiel. Doch was er hörte Töne Mitte der sechziger Jahre. „Der
stimmt! Ich habe den Fehler gefunden!“ dann erlebte, war nur schwer auszuhalten: Zoo“ wird das Projekt bald genannt, und
Dee Hock räumt den Abfall zurück in die „Ich wurde zwischen den verschiedenen viele Kollegen schauen gern vorbei, um das
Säcke und macht Feierabend. Abteilungen hin und her geschoben“, er- Treiben zu bestaunen. Das Projekt läuft.
innert sich Hock, „und hatte keine echte Doch auf der Ziellinie, wenige Tage vor
Ein Trainee, der so frustriert ist, dass er Aufgabe. Die Leute waren freundlich und Fristablauf, droht es zu stocken.
die Kreditkarte in die Welt bringt. bemühten sich um mich, doch sie wussten Für den Druck der persönlich adres-
eigentlich nichts Rechtes mit mir anzufan- sierten Briefe an die Kunden haben Hock
„Ich kündige“, ist sein erster Impuls. Doch gen. Dieser Ausruhjob hatte einen einge- und Cunnings für zwölf Stunden, einen
er schiebt den Gedanken schnell beiseite. bauten Rache-Effekt.“ Abend und eine Nacht, alle Rechnerkapa-
Mit seinen 36 Jahren hat er genug erlebt, Anfang 1966, wenige Wochen nach zitäten reserviert und im Keller eine Pro-
um auch den Job als Lehrling, den man mit der Episode im Bankkeller, wird Hock zu duktionslinie aufgebaut. Doch die Papier-
Hilfsarbeiten beschäftigt, durchzustehen. Maxwell Carlson gerufen. Er wappnet sich rollen blockieren, das Papier reißt immer
Seit seinem 20. Lebensjahr hatte Hock, für eine Auseinandersetzung und rechnet wieder. Die Chance, 100 000 Briefe in einer
der aus einer Landarbeiterfamilie in Utah mit der Kündigung. Stattdessen schlägt Nacht zu drucken, schwindet. Der Liefe-
stammt, selbstständig als Geschäftsführer ihm Carlson vor, ihn vorübergehend als rant gibt zu, dass er seine Geräte in dieser
im Kreditgewerbe gearbeitet, in drei ver- Assistenten an ein hausinternes Projekt Kombination nie zuvor getestet hat. Cun-
schiedenen Unternehmen. Jedes Mal war auszuleihen, das die Einführung einer nings und Hock ziehen sich in eine Keller-
er durch seine unkonventionellen Manage- Kreditkarte vorbereiten soll. „Ich bin ein ecke zurück, um sich gegenseitig zu trös-
mentmethoden ausgesprochen erfolgreich. schlechter Assistent, ich war immer Ge- ten. Cunnings stützt sich auf einen Besen.
Die Umsätze stiegen, er wurde befördert. schäftsführer“, wendet Hock ein, „außer- Es ist zum Verzweifeln! Soll das Projekt in
Doch regelmäßig geriet er in Konflikt mit dem habe ich keinerlei Verwendung für letzter Minute an einem technischen Pro-
der Unternehmenshierarchie. Kreditkarten.“ Seinen neuen Vorgesetzten, blem scheitern? „He, ich glaube, du hast
Jedes Mal kämpfte er für seine Ideen und Bob Cunnings, mag er auf den ersten Blick die Lösung in der Hand, Bob“, entfährt es
versuchte seine Vorgesetzten zu überzeugen. auch nicht. Dennoch sagt Hock zu, aus Hock plötzlich. Er nimmt den Besen, zer-
Jedes Mal wurde er gefeuert, vom einen Sympathie für Maxwell Carlson und um legt ihn und benutzt den Stiel als Achse für
Tag zum anderen. Nein. Diesmal würde er endlich der Lehrlingsrolle zu entkommen. eine Papierrolle. Weitere Besen müssen
den Job behalten. Sein Haus war mit hohen Bob Cunnings und Dee Hock sollen dran glauben. Von je einem Mitarbeiter
Hypotheken belastet, und seine drei Kinder binnen 90 Tagen die Kreditkarte „Bank- gehalten, dienen sie als weitere Achsen für
sollten eine gute Ausbildung bekommen. Americard“ einführen, die die NBC in Li- die Papierrollen. Im Morgengrauen sind
Hock fühlte sich ohnehin schon als zenz von der großen, alles beherrschenden die 100 000 Briefe gedruckt.
Verlierer. Nach seinem letzten Rausschmiss, Schwester, Bank of Amerika (BofA), über- Es bleibt – das Eintüten. Bankfremde
ein Jahr zuvor, hatte er zusammen mit sei- nimmt. Sehr schnell wird den beiden klar, Hilfskräfte zu engagieren ist undenkbar.
ner Frau Ferol beschlossen, von nun an auf dass dieses Produkt, hohe Risiken für ihre Hock und Cunnings bitten Maxwell
jegliche Karriereambitionen zu verzichten Bank birgt. Doch ein Ausstieg aus den Ver- Carlson, für diese Hilfsarbeiten die Vor-
und sich einen bescheidenen Ausruhjob zu trägen ist nicht mehr möglich. Die kurze standsmitglieder und andere Führungs-
suchen. Er wollte nur noch für die Familie Frist lässt ihnen keine Zeit für ausgefeilte kräfte ausleihen zu dürfen. Für jeweils
da sein und seine Hobbys pflegen. Ferol Konzepte, in denen die richtigen Schritte einige Stunden pro Nacht und am frühen

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(Zitat) Die entscheidende Frage

„Wenn alles nur Denkbare möglich wäre, wenn es keine,


wie auch immer gearteten Zwänge gäbe – was wäre dann die ideale
Organisation, die das erste weltumspannende Zahlungssystem
bewerkstelligen kann?“

Morgen sollen sie unter Anleitung ihrer können den schnellen Geldumlauf nicht neue Konzepte sind nicht in Sicht. Hock,
Untergebenen mitarbeiten. Carlson ver- bewältigen. Noch gibt es keinerlei elek- als Vertreter der NBC dabei, schlägt die
steht die Botschaft, und die Vorstände spie- tronische Kassier- oder Kontrollsysteme. Wahl eines Komitees vor, das alle Fehler
len mit. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich Für Limitkontrollen sind teure Tagesfern- und Unzulänglichkeiten des Systems erfor-
die Nachricht, niemand will das Schauspiel gespräche notwendig, Belege werden noch schen und Lösungsvorschläge erarbeiten
verpassen: hohe Tiere bei einfacher Hilfs- per Post verschickt und von Hand sortiert. soll. Da niemandem etwas Besseres ein-
arbeit. Der Andrang zu den Nachtschich- Ehe die Salden gebucht sind, vergehen fällt, wird der Vorschlag angenommen und
ten ist so groß, dass die Arbeit rationiert Wochen und Monate. Fehlende Transpa- Hock zum Vorsitzenden gewählt. Auf dem
werden muss. Es ist wie Karneval. Nach renz ermöglicht den Missbrauch in gro- Rückflug nach Seattle entwirft er zusam-
drei Tagen ist das Mailing versandfertig. ßem Maßstab. Verluste in Millionenhöhe men mit seinem Kollegen einen Plan: Das
sind bereits entstanden. Im Frühjahr 1968 Gebiet der USA wird in sieben Regionen
Eine Pleite, die so groß ist, dass neue erscheint das Magazin »Life« mit einem aufgeteilt, jede soll ein regionales Komitee
Denkansätze eine Chance bekommen. Bild des griechischen Helden Ikarus auf benennen, in dem alle Lizenznehmer ver-
dem Titel, der mit seinen Flügeln aus treten sind und das wiederum einen Ver-
Keine Frage, dass Dee Hock weiter in der Kreditkarten in ein rotes Meer aus Verlu- treter in ein nationales Komitee schickt.
neu entstandenen Kreditkartenabteilung sten stürzt. Selbstorganisation aller Beteiligten von der
arbeitet und dort nach einem Jahr Abtei- In dieser Krisensituation lädt die BofA Basis her, ist Hocks Grundidee.
lungsleiter wird. Doch wie Hock und Cun- Vertreter von 120 Lizenznehmerbanken der Jedes Regionalkomitee soll einen Über-
nings vorausgesehen hatten, wird das Kre- BankAmericard nach Columbus, Ohio, ein, blick über seine Probleme erstellen. Eine
ditkartengeschäft landesweit zum Desaster. um das Desaster zu diskutieren. Das Tref- erste Bilanz ergibt, dass alles noch schlim-
Es wächst exponentiell, doch die behä- fen gerät zum Schlagabtausch von Ankla- mer ist als bisher vermutet. Die Verluste
bigen Organisationsstrukturen der Banken gen und Rechtfertigungen. Lösungen oder aus dem Kreditkartengeschäft summie- >

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ren sich nicht zu zwei-, sondern dreistelli- chen neuartigen Organisation könnten nur Steward begründet ihm ausführlich,
gen Millionensummen. lebende Systeme sein, die unendlich kom- warum die BofA die Kontrolle über alle
Was tun? plexere Aufgaben steuern. Und wenn dies wichtigen Entscheidungen in der neuen
Der Name Kreditkarte führe in die Irre, die Richtung ist, muss zunächst eine Art Kreditkartenorganisation behalten will.
sagt Hock. Kredit sei der falsche Begriff genetischer Code der neuen Organisation Mit Recht, befindet Hock, denn aus der
für das, was mit dem kleinen Plastikvier- geriert werden. Gemeinsam formuliert das Logik seines Systems kann der BofA-Chef
eck in Gang gesetzt wird: Eine Kreditkarte Sausolito-Team drei Grundprinzipien: nicht anders argumentieren. Doch die Zu-
dient der gegenseitigen Identifikation von ___Die Organisation muss gleichberech- kunft, hält Hock, dagegen, wird nicht auf-
Käufer und Verkäufer, sie garantiert, dass tigt allen Mitgliedern gehören. grund von Vernunft und Logik geschaffen
die Rechnung bezahlt wird und sichert den ___Macht und Funktionen müssen in – sie entsteht aus Phantasie, Überzeugun-
Transfer von Zahlungsmitteln. Form und höchstem Maße verteilt sein. gen und Hoffnung. „Ich glaube, dass Ihre
Material der Kreditkarte beruhen auf rein ___Die Organisation muss Vielfalt und Position weder im Interesse der Bank of
praktischen Erwägungen, sind also eher Wandel ermöglichen. America ist, noch im Interesse der Lizenz-
zufällig. Die Kreditkarte ist Trägerin von nehmer oder des gesamten Industriezwei-
Symbolen zum Austausch von Geldwer- Ein Bankpräsident, der so stark ist, dass ges. Die BofA sollte die Führung einer
ten. Und sie erlaubt den Geldtransfer, er sich Faszination leisten kann. Bewegung übernehmen, nicht die Kon-
dank moderner Transport- und Kommu- trolle über eine Struktur!“
nikationstechnologie, an jedem beliebigen Weitere Bedingungen, die schon in Sau- Sam Steward hört fasziniert zu. Hock
Punkt der Erde. salito festgeschrieben werden: die grund- erklärt ihm, dass das Beharren der BofA
Bedarf an einem derartigen Zahlungs- sätzliche Offenheit für alle potenziellen auf ihrer Vormachtsstellung das ganze
mittel, so schätzte Hock 1968, bestehe Mitglieder, grundsätzliche Vorauszahlun- Projekt zum Scheitern bringen wird, weil
rund um den Globus, 24 Stunden am Tag, gen der Gebühren und damit die Über- die Lizenznehmer sich nicht der Kontrolle
sieben Tage die Woche. Ein gigantischer schaubarkeit der finanziellen Belastungen, einer einzigen Bank unterwerfen werden.
Markt! Doch wer könnte dieses Trillionen- größtmögliche Freiwilligkeit und der Re- Die BofA könne in weit größerem Um-
Dollar-Geschäft organisieren? Eins war für spekt vor allen bereits bestehenden Mit- fang von dem globalisierten Zahlungs-
Hock sonnenklar: Keine Bank würde dazu gliedsrechten durch vernünftige Über- verkehr profitieren, der durch eine flexible,
im Stande sein, keine Kapitalgesellschaft gangsfristen. egalitäre Organisation möglich würde,
und auch kein Staat. Utopie und Täumerei? wenn sie das System nicht kontrollieren,
Aber wer dann? Hock selbst schätzt seine Chancen, sondern als gleichberechtigter Partner ein-
Hock, inzwischen zum Vizepräsidenten eine solche Organisation für das Kredit- steigen würde. Steward ist beeindruckt.
der Bank befördert und für das Krisen- kartengeschäft allein auf nationaler Ebene Zwei Wochen später signalisiert er das
management freigestellt, bittet drei seiner zu schaffen, als verschwindend gering ein: Einverständnis der BofA: Sie wird ihr Ei-
Mitstreiter im nationalen Krisenkomitee „Vier Vizepräsidenten von vier bescheide- gentum an der BankAmericard der neuen
zu einer siebentägigen Klausur nach Sau- nen Banken konnten nichts erzwingen und Organisation übertragen und ihr als
salito, einem kleinen Fischerort in der Bay niemanden dominieren. Sie konnten nur gleichgestelltes Mitglied beitreten.
von San Francisco. In einem gemütlichen überzeugen.“ Das ist der Durchbruch.
Hotel wollen sie, ohne Telefon, unerreich- Das Krisenkomitee arbeitet auf der 120 weitere Vorstände der Lizenzneh-
bar für das Alltagsgeschäft, nur über eine Sausolito-Grundlage ein Organisations- merbanken müssen noch überzeugt wer-
einzige Frage nachdenken: „Wenn alles nur modell aus und unterbreitet es der BofA, den, auch das gelingt. Mitte 1970 wird
Denkbare möglich wäre, wenn es keine der Eigentümerin und Lizenzgeberin der die National BankAmericard Incorporated
wie auch immer gearteten Zwänge gäbe: „BankAmericard“. Nur – warum soll die (NBI) als US-Organisation gegründet. 1973
Was wäre dann die ideale Organisation, größte und mächtigste amerikanische wird sie international, seit 1974 nennt sie
die das erste weltumspannende Zahlungs- Bank Eigentum, Macht und Einfluss frei- sich Visa International Service Association.
system bewerkstelligen kann, in dem die willig aufgeben? Sie hatte das alte System Der Erfolg von Visa ist Legende. Sie
Zahlungsmittel die Form elektromagneti- geschaffen und erwirtschaftet 40 Prozent hat mehr als 21 000 institutionelle Mit-
scher Impulse annehmen?“ des Umsatzes. Erwartungsgemäß kommt glieder, die Visa-Card wird in fast 20 Milli-
Drei Tage lang drehen sich die Diskus- eine Absage, verpackt in ein ausführliches onen Geschäften und Unternehmen in 300
sionen im Kreis. Dann, im Morgengrauen „Ja, aber“. Da Hock nichts mehr zu ver- Ländern akzeptiert. Eine Milliarde Men-
des vierten Tages, noch im Halbschlaf, lieren hat, erbittet er ein Gespräch mit dem schen benutzt Visa-Produkte, 25 Milliar-
kommt Hock die Idee: Modell einer sol- Vorstandsvorsitzenden Sam Steward. den Transaktionen jährlich erzeugen >

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ein Geschäftsvolumen von 1,25 Billionen Beziehungen ermöglicht als die traditio- (Definition) Der Unterschied
US-Dollar. Pro Jahr verzeichnete Visa ein nell-hierarchische Institution. Den Unterschied zwischen Visa
Mindestwachstum von 20 Prozent, oft wa- Das Neuartige an Visa ist schwer zu und anderen Kreditkarten-Organisationen
ren es um die 50 Prozent. 1973 entwickel- beschreiben: „Im rechtlichen Sinne ist Visa beschreibt Dee Hock so: „Wenn der
te Visa als erste Kreditkartenorganisation eine private, kapitalfreie Mitgliederorgani- Präsident von American Express seinen
Angestellten sagt, sie sollen nach
in nur drei Monaten ein elektronisches sation zu Gewinnzwecken. Sie funktioniert
links gehen, werden alle dies tun. Wenn
Kontrollsystem, das für alle Konkurrenten dezentral, beruht auf Selbstorganisation
die Präsidenten von Visa das Gleiche
kompatibel und offen war und dem sich und Selbstregulation und ermöglicht gleich- zu 20 000 Bankmanagern sagen würden,
alle anschlossen. Visa beschäftigt weltweit zeitig sowohl Wettbewerb als auch Ko- käme sofort die Frage: Wer hat
in 40 Büros rund 5000 Mitarbeiter, zahlt operation. Sie arbeitet wie eine Holding, Ihnen erlaubt, so mit uns zu reden?“
keine Spitzengehälter, das Management wird jedoch von ihren Mitgliedern gehal-
(Kontakt)
kann keine Aktien erwerben und bezieht ten. Die Banken sind gleichzeitig Eigen-
keine Dividende. tümer, Mitglieder, Kunden, Lieferanten www.chaordic.org, chaordic@chaord.org
Dee Hock blieb seinen unorthodoxen und Mitarbeiter von Visa. Obwohl dem
(Buch)
Managementmethoden treu. Zu den gern Finanz-Business zugehörig, einer hoch-
erzählten Anekdoten gehört der Streit um gradig regulierten Branche, untersteht Visa Dee Hock: Birth of the Chaordic Age.
Berrett-Koehler, San Francisco, 1999.
die Verkleinerung des Visa-Symbols, der dennoch keiner regulierenden Autorität,
22,36 Dollar.
den Vorstand Ende der siebziger Jahre er- weil sie keine Kredite vergibt und über kein
Eine deutsche Übersetzung ist bei Klett-
schütterte. Die Befürworter wollten mehr Kapital verfügt. Visa ist eine Art Infra- Cotta, Stuttgart, in Vorbereitung.
Platz für das Logo der Lizenznehmerbank, strukturorganisation, die ihren Eigentümer-
die Gegner fürchteten schwere Umsatz- Mitgliedern ermöglicht, ihre ureigensten
einbußen. Schließlich wurde eine teure Ziele mit größeren Kapazitäten, höherer
Marketinganalyse beschlossen. Effektivität und geringeren Kosten zu ver-
Hock akzeptiert, forscht jedoch auf folgen. Visa kann weder gekauft, über-
seine Weise. Für sich und einen ausge- nommen, gehandelt oder verkauft werden,
wählten Kreis von Kollegen lässt er jeweils denn das Eigentum besteht in dauerhaf-
eine Visa-Card mit den kritisierten Verän- ten, nicht übertragbaren Teilnahmerechten.
derungen herstellen; damit bezahlen sie Visa ist keiner politischen, ökonomischen
gut ein halbes Jahr. Es gibt vereinzelte oder rechtlich-sozialen Theorie verpflich-
Rückfragen, selten Diskussionen, nicht ein tet, sodass sie die Grenzen von Sprache,
einziges Mal wird die „gefälschte“ Karte Rasse und Kultur leicht überschreiten kann
zurückgewiesen. Zum Abschluss seiner und Menschen der unterschiedlichsten
Marktforschung lädt Hock die Gegner der politischen, sozialen oder religiösen Über-
Veränderung zum Essen ein. Wieder wird zeugung ihr angehören können. Visa-Mit-
heftig diskutiert. Am Ende bezahlt Hock glieder haben sich schon in Kriegen und
mit seiner gefälschten Karte. Niemand Revolutionen bekämpft, doch gleichzeitig
nimmt die Veränderung wahr, wieder wird nicht aufgehört, Visa-Produkte gegenseitig
die Karte problemlos akzeptiert. Schließ- zu akzeptieren.“
lich wedelt Hock so lange, bis die Fäl- Bei Visa fließen Geld und Macht nicht
schung auffällt. Der Veränderung der Sym- nach oben, sondern nach außen, in die
bole steht nun nichts mehr im Weg. Peripherie, in ihre kleinsten Teile. Diese
Hock selbst beurteilt den Erfolg von wiederum tragen die Verantwortung, eine
Visa ausgesprochen kritisch: Aufgrund der kleine Summe zurückzuzahlen, damit das
Wirksamkeit traditioneller Strukturen sei System für den gemeinschaftlichen Zweck
er weit unter dem geblieben, was möglich erhalten werden kann. So gelang es Visa,
gewesen sei. Dass es gleichwohl ein Erfolg sagt Hock, innerhalb eines Jahrzehnts von
war, führt Hock nicht, wie viele andere, einem fragwürdigen Produkt mit geringen
auf die innovative Technologie zurück, Marktanteilen zum Marktführer des profi-
sondern auf die neuartige Organisations- tabelsten Service-Produktes der Finanz-
form, die eine andere Art menschlicher wirtschaft aufzusteigen. - - - - - | >

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WAS UNTERNEHMEN NÜTZT _INTERVIEW DEE HOCK

„Visa war eine Art Prototyp“


Interview mit Dee Hock über seine Erfahrungen aus der Visa-Zeit und sein
Organisationsprinzip Chaord.

- - - - - 1984, auf der Höhe des Erfolges, tritt Dee Hock, damals 55, vom Visa-Vorsitz zurück.
In der Nähe von Seattle hat er ein kleines Stück Land erworben und widmet sich von nun an
der Wiederaufforstung des durch Erosion geschädigten Landes, seiner Familie und seinen Stu-
dien. Die Fragen nach den Ursachen für das Versagen der Institutionen und die Entfremdung
des Individuums beschäftigen ihn ebenso wie der Zusammenhang zwischen dem Zerfall ge-
sellschaftlicher Strukturen und der Zerstörung der Umwelt.
1991 wird Hock in die Business Hall of Fame aufgenommen, 1992 wird er als einer der acht
Menschen geehrt, die „unseren Lebensstil im vergangenen Vierteljahrhundert am tiefgreifend-
sten verändert haben“. 1993 formuliert Hock seinen Begriff des „Chaord“ (siehe Randspalte),
mit dem er eine Organisation beschreibt, die über Strukturelemente von Chaos und Ordnung
gleichzeitig verfügt. In Zukunft, so Hock, werden Chaords an die Stelle hierarchischer Institu-
tionen treten, die zunehmend dysfunktional geworden sind.
Als Hock wenig später das Konzept der chaordischen Organisation zum ersten Mal öffentlich
vorträgt, lernt er Joel Getzendanner von der Joyce Foundation kennen – eine folgenreiche
Begegnung. Der junge Wissenschaftler entlockt ihm die Visa-Geschichte und drängt ihn, aus
seiner Analyse praktische Konsequenzen zu ziehen. Auf seine Bitte formuliert Hock die Bedin-
gungen, mit denen ein qualitativer Sprung vom Newtonschen in das Chaordische Zeitalter
möglich würde: Prototypen von chaordischen Organisationen sollen geschaffen werden sowie
Modelle, die auch eine vierte Dimension, nämlich eine ethisch-spirituelle, umfassen. Eine wis-
senschaftlich-historisch-politische Begründung soll formuliert und eine globale Organisation
gegründet werden. Diese Organisation sollte, natürlich, chaordisch sein, den drei vorgenann-
ten Zielen dienen und Lernerfahrungen für ihre Verwirklichung vermitteln.
Die Joyce Foundation übernahm die Kosten für ein Forschungsjahr, in dem Hock die Mög-
lichkeiten erkundet, chaordische Organisationskonzepte auf breiter Basis zu verwirklichen. Mit
66 Jahren, als Großvater von sieben Enkeln, beginnt Hock sich wieder einzumischen: Er knüpft
Kontakte, hält Vorträge und wirbt für sein Konzept der chaordischen Organisation. Man hört
ihm zu, fragt ihn um Rat. Spenden beginnen zu fließen. Zahlreiche Stiftungen unterstützen seine
Projekte, wie die „United Religions Initiative (URI), die die weltweite Zusammenarbeit der
unterschiedlichen Religionsgemeinschaften entwickeln will. 1997 gründet Hock für seine Arbeit
„The Chaordic Alliance“, die Individuen und Institutionen bei der Bildung chaordischer Orga-
nisationen unterstützen soll. Im März 2001 wird, nach jahrelangen Vorbereitungen, „Terra
Civitas“ gegründet, eine globale Organisation, die weltweit allen Institutionen und Individuen
offen steht, die nach chaordischen Prinzipien arbeiten wollen.

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brand eins: Mr. Hock – Sie sagen, die Institutionen haben


versagt. Ist das nicht ein wenig pauschal?
Hock: Wenn ich vom Versagen der Institutionen spreche,
dann meine ich damit, dass die meisten gesell-
schaftlichen Institutionen den Zweck, für den sie
geschaffen wurden, immer weniger erfüllen. Statt-
dessen verbrauchen sie enorme Ressourcen, hin-
dern den menschlichen Geist an der Entfaltung
und verseuchen die Umwelt. Weltweit sehen wir
heute ungesunde Gesundheitssysteme, Schulen,
in denen man nichts lernt, sowie eine Landwirt-
schaft, die den Boden zerstört und die Nahrung
vergiftet; es gibt Universitäten, die alles andere
sind als universell, Rechtssysteme ohne Gerech-
tigkeit, Polizei, die Gesetzen keine Geltung ver-
schafft und Wohlfahrtssysteme, die für niemandes
Wohl sorgen.
Die Ursachen dieses Versagens liegen in dem
überlebten Grundkonzept von Institution, das aus
der Frühzeit der Industrialisierung stammt und
(Definition) „Chaord“ sich seit Jahrhunderten nicht geändert hat: Es ist
„Ein Chaord ist das mechanistisch-hierarchische Kommando-
> jeder sich selbst organisierende, selbst und-Kontroll-Konzept von Organisation, das bei
regierende, anpassungsfähige, nichtlineare komplexe Newton und Descartes und im Industriezeitalter
Organismus, jede derartige Organisation, jede seinen Ursprung hat. Dieses Konzept ist nicht nur
Gemeinschaft oder jedes System, ob physikalisch, im wachsenden Maße archaisch, sondern auch
biologisch oder sozial, deren oder dessen
destruktiv für die Biosphäre und den Menschen
Verhalten auf harmonische Weise die Charakteristika
von Chaos und Ordnung in sich vereint, gegenüber unethisch. Es ist zu einer öffentlichen
> jede Einheit, deren Verhaltensmuster und Gefahr geworden.
-möglichkeiten nicht von den sie konstituierenden
Teilen beherrscht werden und auch nicht durch brand eins: Welches neue Konzept von Organisation sollte
diese erklärt werden können, an seine Stelle treten?
> jeder chaotisch geordnete Komplex,
Hock: Organisationen sind nichts als mentale Kon-
> jede Einheit, die durch die grundlegenden
Organisationsprinzipien der Evolution und der Natur strukte. Sie haben keinerlei Wirklichkeit außer-
charakterisiert wird.“ halb des menschlichen Geistes. Jede Institution ist
eine Variante der uralten Idee von Gemeinschaft.
Unsere Organisationen entsprechen unseren men-
talen Konstrukten von der Welt. Wenn man, wie
im Newton’schen System, Ursache und Wirkung
in linearen Ketten beschreibt, die man von oben
nach unten kontrollieren kann, dann folgt daraus
die hierarchische Organisation. Doch wir wissen
heute, dass dies eine stark vereinfachte Sicht der
Welt ist und dass das Organisationsmuster des
Universums aus komplexen Netzen von Veräste-
lungen und Verbindungen besteht. Kontrolle
macht da wenig Sinn.
Die Chaos-Forschung hat gezeigt, dass am
Rande des Chaos, in einem schmalen Bereich,
eine sehr sublime Art von Ordnung entsteht. >

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WAS UNTERNEHMEN NÜTZT _INTERVIEW DEE HOCK

Mit Chaord meine ich jeden selbst organisierten, Hock: Aus heutiger Sicht würde ich sagen: vielleicht zu
anpassungsfähigen, nichtlinearen komplexen Or- 20 Prozent. Visa war eine Art Prototyp, ein erster
ganismus. Im Verhalten dieses Organismus zeigt Versuch, noch mit vielen Fehlern und Mängeln
sich sowohl Chaos wie Ordnung, ein Chaord ist behaftet. Obwohl Kern und Konzept von Visa
ein chaotisch geordneter Komplex. chaordisch waren, blieben doch viele seiner Mit-
In der Wirtschaft ist das eine harmonische glieder mechanistisch und linear, denn sie hatten
Mischung aus Wettbewerb und Kooperation, in die Tragweite des Konzeptes nicht verstanden.
der Bildung ein lebenslanges Zusammenspiel von Ständig gab es Versuche, die alten Strukturen und
experimentellem und standardisiertem Lernen. Management-Praktiken wieder einzuführen. Auf-
Wirklich chaordische Systeme gleichen nichts und grund des explosionsartigen Wachstums kamen
niemandem. Doch es gibt ein Muster, das man viele Manager in die Organisation, die bewusst
wiedererkennen kann. In der unendlichen Vielfalt oder unbewusst ihr altes mentales Gepäck mit-
gibt es Kohärenz und Kohäsion. Kein Mensch ist brachten. Ich selbst hatte nicht ganz begriffen,
mit einem anderen identisch, dennoch erkennen welch immenser kultureller Transformationspro-
wir einen Menschen sofort, wenn wir einen zess von jedem gefordert ist, wenn er das Kon-
sehen. zept richtig verstehen, entwickeln und anwenden
soll. Heute findet dieser kulturelle Wandel an
brand eins: Das klingt nach einer komplexen Theorie. Lässt vielen Orten statt. Visa ist kein Modell, dem man
sich der Unterschied einfacher beschreiben? nacheifern sollte, eher ein Archetyp, den man
Hock: Schauen Sie doch mal aus dem Fenster, und zei- studieren und von dem man lernen kann.
gen Sie mir den Vorstandsvorsitzenden des Wal-
des oder den Chef der Fische im Teich! Wo ist brand eins: Braucht eine chaordische Organisation noch so
der Geschäftsführer der Neuronen Ihres Gehirns? etwas wie Führung?
Eine Struktur entwickelt sich, ein chaordisches Hock: Ein treffendes Urteil zu fällen oder klug zu han-
System bringt eine Ordnung hervor. deln, wenn man alle Fakten kennt, ist noch keine
Ein Zug ist ein Newton’sches System: Wenn Führung; auch Management ist eher Buchhaltung.
die Lokomotive fehlt, steht der Zug still. Dage- Führung trifft richtige Entscheidungen und han-
gen ist ein Vogelschwarm chaordisch. Auch wenn delt verantwortungsvoll, wenn sie über nichts
ein Vogel stirbt, zerstört das nicht den Geist des weiter verfügt als die richtigen Werte und einen
Schwarms. klaren Sinn für die Richtung. Führung bedeutet,
Im Newton’schen System geht die Hierarchie wahrzunehmen, wie die Dinge sein sollten, zu
auf Kosten von Flexibilität und Individualität. Ma- verstehen, wie sie sind, und die treibenden Kräfte
schinen brechen zusammen – chaordische Syste- des Wandels zu erkennen.
me entwickeln sich. Maschinen entmenschlichen, Gandhi, Goethe, Lao-Tse oder Thomas Jeffer-
chaordische System machen die Menschen stark. son waren in der Lage, sich in die Zukunft zu ver-
Maschinen sind anfällig und teuer zu ersetzen, setzen, diese Zukunft in die Gegenwart zu holen
chaordische Systeme gedeihen in der Verände- und so zu leben, als ob sie schon Wirklichkeit
rung. Jede Intelligenz ist ein Potenzial, jedes Indi- wäre. In gewisser Weise war ihr Bewusstsein der
viduum zählt. In chaordischen Systemen treten ursächliche Faktor für die Entstehung dieser Zu-
dynamische Möglichkeiten an die Stelle hierar- kunft. Als ich die Gründung von Visa vorantrieb,
chischer Kontrolle. Eine Ordnung taucht auf, hatte ich nur ein Gefühl für die Richtung und eine
wenn die Ziele und Prinzipien klar sind. Wir ha- Idee. In chaordischen Systemen ist es die Aufgabe
ben bei der Gründung von Visa über ein Jahr von Führung, zu verstehen, wann Chaos ge-
darauf verwandt, die Ziele und Prinzipien der Or- braucht wird, wann Ordnung und wie beide zu-
ganisation zu klären. Daraus folgte ganz natürlich einander ins Verhältnis gebracht werden.
ihre Struktur. Ordnung entsteht nicht aus An-
ordnungen und Erlassen, sondern aus der Tiefe brandeins: Wie sieht chaordisches Management aus?
unserer Glaubenssätze und Ziele. Hock: Bei dieser Frage wird meist eine Top-down-Pers-
pektive eingenommen. Es geht darum, wie man
brand eins: War Visa ein chaordisches System? Mitarbeiter auswählt, wie man sie motiviert, trai-

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WAS UNTERNEHMEN NÜTZT

niert, organisiert, kontrolliert – das ist die falsche Glaubens ist erforderlich. Neue innere Konzepte
Perspektive. Ich empfehle, mindestens 50 Prozent der Realität brauchen Zeit, um sich zu entwickeln
seiner Zeit darauf zu verwenden, an sich selbst zu und wir brauchen Zeit, in ihnen zu wachsen. Un-
arbeiten: an seiner Ethik, seinem Charakter, seinen sere Sprache, die unser Denken bestimmt, ist voll
Prinzipien, seinen Zielen, seiner Motivation, sei- von mechanistischen Metaphern, die nicht über
nem Auftreten. Mindestens 25 Prozent seiner Zeit Nacht zu verändern sind. Scheitern ist ein inte-
sollte man darauf verwenden, seine Vorgesetzten graler Bestandteil von Wachstum. Jeder hat die
zu führen, 20 Prozent, um die zu führen, denen Möglichkeit, die Welt zu imaginieren, wie sie sein
man gleichgestellt ist. Die übrige Zeit kann man sollte – und sich entsprechend zu verhalten.
dazu nutzen, um diejenigen, für die man arbeitet
– fälschlicherweise werden sie Untergebene be- brand eins: Welchen Zweck verfolgt die von Ihnen neu ge-
zeichnet – dazu zu bringen, dies ebenfalls zu ver- gründete Organisation Terra Civitas?
stehen und zu praktizieren. Kurz: Führe dich Hock: Terra Civitas wurde als eine sich selbst organi-
selbst, führe deine Vorgesetzten und Gleichge- sierende und sich selbst verwaltende Struktur
stellten und lass deinen Leuten freie Hand, das- konzipiert. Sie bietet einzelnen Menschen und
selbe zu tun. Alles andere ist Blödsinn! Institutionen jedweder Nation und Kultur die
Möglichkeit, sich zusammenfinden, um neuartige
brand eins: Aber wer hat schon Macht über seine Vorgesetz- Konzepte von Organisation zu entwickeln, zu ver-
ten oder Kollegen? breiten und anzuwenden, die zu einer gleichmä-
Hock: Man kann verstehen, motivieren, überzeugen, in- ßigeren Verteilung von Macht und Reichtum
formieren oder beeinflussen. Man kann ein Bei- führen und die mit der Biosphäre und dem
spiel geben, ihnen vergeben und sie interessieren menschlichen Geist besser in Einklang sind.
oder sie stören. Es ist also möglich, sie zu führen. Schon vor 40 Jahren beunruhigte mich, dass
alle Arten von Organisationen immer unfähiger
brand eins: Warum ist es so schwer, eine chaordische Orga- wurden, den Zweck zu erreichen, für den sie
nisation zu verwirklichen? geschaffen worden waren. Es schien, als ob diese
Hock: Das hat etwas mit der Schwierigkeit zu tun, die globale Epidemie von institutionellem Versagen
mentalen Modelle zu verändern. Wenn die Wirk- eine tiefere, alles durchdringende Ursache hat, an
lichkeit nicht mehr mit dem eigenen mentalen die wir nicht herankamen. Durch jahrelanges Stu-
Modell übereinstimmt, gibt es drei Möglichkeiten: dium bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass
Man kann sich am bisherigen Modell festklam- dieses Versagen das Ergebnis des Versuchs war,
mern und versuchen, die äußere Wirklichkeit den der Newton’schen Wissenschaft und der kartesi-
eigenen Erwartungen anzupassen. Oder man anischen Philosophie nachzueifern. Biologische
leugnet den Wandel. Diese beiden Alternativen Organismen und Systeme sind niemals zentral
werden am häufigsten praktiziert. organisiert oder von oben kontrolliert, und sie
Die dritte Möglichkeit ist, das eigene mentale lassen sich am besten als ganzheitlich und nicht-
Modell der Realität zu verstehen und zu verän- zentralisiert beschreiben.
dern. Das ist die am wenigsten genutzte Mög-
lichkeit – aus gutem Grund. Ein solcher Prozess brand eins: Woher nehmen Sie die Überzeugung, dass eine
ist extrem komplex, schwierig und beängstigend. solch tief greifende Veränderung gelingen kann?
Dazu ist eine äußerst genaue Bestandsaufnahme Hock: Visa war der unvollkommene Versuch, eine kom-
der eigenen Glaubenssätze notwendig. Es erfor- merzielle Organisation zu schaffen, die der Orga-
dert ein fundamentales Verständnis von Bewusst- nisation der Natur folgt. Trotz all ihrer Mängel
sein und wie dieses sich verändern muss. Dabei hat Visa in drei Jahrzehnten einen noch unreifen
wird sogar die eigene Identität in Frage gestellt bis Geschäftszweig, der am Zusammenbrechen war,
hin zum Sinn für Ort und Zeit. in eines der größten Unternehmen der Erde ver-
Eine neue Ordnung der Dinge verunsichert uns, wandelt, dessen Umsatz sich heute der Zwei-Bil-
sie stellt den eigenen Wert und unseren Platz in lionen-Dollar-Grenze nähert und das keinerlei
der Welt in Frage. Wer wir sind und was wir sind, Anzeichen zeigt, sein Wachstum zu vermindern.
kann aus dem Blick geraten. Ein enormer Akt des Das ist ein guter Anfang. - - - - - |

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