Sie sind auf Seite 1von 10

17.12.2004

Gemeinsames Eckpunktepapier der

Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland

„Folgenabschätzung bei der Rechtsetzung der Europäischen Union“

Einer besseren Rechtsetzung in der Europäischen Union kommt im Hinblick auf die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft im Rahmen der Lissabon-Strategie eine entscheidende Bedeutung zu. Die Folgenabschätzung (FA, Impact Assessment), die auch zentrale Bedeutung für die Umsetzung der EU- Nachhaltigkeitsstrategie hat, spielt dabei neben der vorgelagerten Subsidiaritätsprüfung und der Überprüfung des bestehenden Regelungsrahmens die zentrale Rolle. Aus diesem Grund fordert die Bundesregierung schon seit langem, das Verfahren der Folgenabschätzung in der Europäischen Union zu stärken. So hat Bundeskanzler Schröder die Europäische Kommission in seinem gemeinsamen Schreiben mit Staatspräsident Chirac und Premierminister Blair im Februar 2004 aufgefordert, eine konsequente Abschätzung der Folgen von neuen Regelungsvorhaben für die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen vorzunehmen.

Vor diesem Hintergrund begrüßt die Bundesregierung nachdrücklich die Anstrengungen insbesondere von Seiten der Kommission zur Verbesserung des Verfahrens und der Durchführung von Folgenabschätzungen sowie die Ankündigung der Kommission, ab 2005 ausnahmslos alle Gesetzgebungsvorhaben und wichtigen politische Vorhaben einer Folgenabschätzung zu unterziehen.

Deutschland unterstützt die gemeinsame Initiative der EU-Präsidentschaften 2004- 2006 „Advancing regulatory reform in Europe“, die zusätzliche Anstrengungen zur Verbesserung des Regelungsumfeldes in der Europäischen Union 2005 und 2006 vorsieht.

Seit 2003 wird bei der Europäischen Kommission ein neues Verfahren zur FA angewandt, das Folgenabschätzungen als ex-ante Evaluation neuer EU- Regelungsvorhaben auf Grundlage der drei Dimensionen Wirtschaft, Soziales und Umwelt durchführt. Neu an dem Verfahren ist insbesondere, dass statt der bisherigen Durchführung von Folgenabschätzungen zu Einzelaspekten nun ein

- 2 -

integriertes Verfahren entwickelt worden ist, das die drei Dimensionen einschließen und Folgewirkungen umfassend analysieren soll.

Bisher mussten für jede neue Regelung eine vorläufige Bewertung der Folgewirkungen (Preliminary Impact Assessment, PIA) durchgeführt und die wichtigsten Folgen zusammengefasst werden. Eine erweiterte Analyse der Auswirkungen (Extended Impact Assessment, EIA) wurde vorgenommen, wenn es sich um wichtige Regelungen mit „substanziellen“ Auswirkungen handelte. Im Jahr 2003 waren 42 EIAs geplant (21 wurden durchgeführt), 2004 wurden von 41 geplanten EIAs bisher 28 vorgelegt.

In ihrer Strategieplanung für das Jahr 2005 hat die Kommission festgelegt, Folgenabschätzungen (FA) ab dem Jahr 2005 als Standardverfahren einzuführen. Für alle wichtigen Programme und neuen Regelungsvorhaben des Legislativ- und Arbeitsprogramms der Kommission für 2005 sollen FAs durchgeführt werden. Die FAs werden als gesondertes Dokument von der Kommission auf einer zentralen Homepage veröffentlicht.

Auf Grundlage der zwischen Europäischem Parlament, Rat und Kommission verabschiedeten Interinstitutionellen Vereinbarung „Bessere Rechtsetzung“ wird auch beim Rat und dem Parlament an der Einführung der FA und der konkreten Entwicklung von Methoden und Verfahren gearbeitet.

Die Bundesregierung konkretisiert mit den folgenden 17 Eckpunkten ihre Position zur Verbesserung der FA bei der Europäischen Union und zeigt auf, welche Initiativen auf nationaler Ebene beim Bund zur FA angestrengt werden.

Das Papier dient auch als Stellungnahme zum Kommissionspapier „Impact Assessment: Next Steps – In Support of Competitiveness and Sustainable Development“ vom 21.10.2004 (SEC(2004)1377) und als Beitrag zur Weiterentwicklung der KOM-Leitlinien zur FA, die Anfang 2005 veröffentlicht werden sollen.

1) Ziel und Nutzen der FA Ziel der FAs ist es, die wichtigsten Auswirkungen eines Politikvorschlags systematisch abzuschätzen und damit eine verbesserte Informationsgrundlage für politische Entscheidungen in Kommission, Rat und Europäischem Parlament zu schaffen. FAs sollen politische Entscheidungsprozesse unterstützen, sind aber kein Ersatz für politische Entscheidungen selbst.

- 3 -

Gute FAs haben einen praktischen Nutzen für die Politikgestaltung der Europäischen Union. Sie machen die Ziele, Maßnahmen und Auswirkungen der Regelungsvorhaben transparent und dienen als Grundlage zur Verhandlung von Entscheidungsoptionen im Rat und Europäischen Parlament.

Dabei muss der Aufwand zur Erstellung der FA in einem angemessenen Verhältnis zum Ertrag stehen. FAs dürfen weder auf Ebene der Europäischen Union noch bei den Mitgliedstaaten zu überflüssiger Bürokratie und übermäßiger Verzögerung führen. Die Einführung und Fortentwicklung dieses Instruments bedarf deshalb aufmerksamer Begleitung.

2) Bedeutung der drei Dimensionen der FAs In den Stellungnahmen zur Halbzeitbilanz der Lissabonstrategie und zur Überprüfung der EU-Nachhaltigkeitsstrategie fordert die Bundesregierung, dass FAs alle Dimensionen der Nachhaltigkeit berücksichtigen. Neue Verordnungen und Richtlinien müssen auf ihre ökonomischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen untersucht werden („3 Dimensionen“). Dazu bedarf es einer ausgewogenen und transparenten Durchführung von Gesetzesfolgenabschätzungen.

Die Bundesregierung unterstützt die Forderungen nach einer Neuausrichtung der Lissabon-Strategie im Rahmen der Halbzeitbilanz. Um das Ziel von Lissabon zu erreichen, die Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union zu stärken, muss die Strategie stärker auf die Ziele nachhaltiges Wachstum und Beschäftigung fokussiert werden. Dem Aspekt der Wettbewerbsfähigkeit kommt deswegen bei der Abschätzung der Folgewirkungen eine besondere Bedeutung zu.

3) Entwicklung eines Wettbewerbsfähigkeitstests Die Bundesregierung unterstützt nachdrücklich die Empfehlungen der hochrangigen Gruppe für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum zur Entwicklung eines „Wettbewerbsfähigkeitstests“, mit dem neue EU-Rechtsvorhaben auf ihre Wettbewerbsverträglichkeit hin überprüft und ggf. entsprechend verbessert werden sollen:

- Die FA sollte von der Kommission in den Kontext des Lissabonziels, die Europäische Union bis 2010 zur weltweit wettbewerbsfähigsten Region zu machen, gesetzt werden.

- Die FA sollte einen Vergleich mit den Rahmenbedingungen in anderen Regionen enthalten, aus denen die Wettbewerber europäischer Unternehmen kommen.

- 4 -

- Eine Analyse der kurz-, mittel- und langfristigen Beschäftigungswirkungen ist notwendig.

- Neue Maßnahmen sind auf ihr Verhältnis zu bestehenden Regelungen zu überprüfen; ggf. sind Empfehlungen zu geben, wie Überschneidungen und Widersprüche vermieden werden können.

- Verschiedene Handlungsoptionen sollten miteinander verglichen und die Begründungen (Werturteile) genannt werden, die den jeweiligen Alternativen zugrunde liegen.

- Im Falle von Maßnahmen, die signifikante Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit haben, sollten systematische Konsultationen mit den Beteiligten erfolgen.

- Der Wettbewerbsfähigkeitsrat wird seiner horizontalen Rolle gerecht, indem er u.a. regelmäßig auf seinen Treffen EU-Vorhaben unter dem Gesichtspunkt der Wettbewerbsfähigkeit diskutiert.

- Der Rat sollte zum Ausdruck bringen, wie er bestimmte Vorhaben unter dem Gesichtspunkt der Wettbewerbsfähigkeit beurteilt; diese Beurteilungen sollten in seine Stellungnahmen an das Europäische Parlament einfließen.

- Die hochrangige Gruppe war als informelle Untergruppe der Ratsarbeitsgruppe Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum zur Unterstützung der Kommission gegründet worden, nachdem der Europäische Rat vom Frühjahr 2004, der Rat für Wirtschaft und Finanzen sowie der Rat für Wettbewerbsfähigkeit die Kommission aufgefordert hatten, das Instrument der FA weiter zu verfeinern und dabei die Wettbewerbsfähigkeit in den Vordergrund zu stellen.

Der Bericht wurde von der Ratsgruppe Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum (hohe Ebene) dem Ausschuss der Ständigen Vertreter vorgelegt, der ihn am 20. Juli 2004 billigte und an die Kommission mit der Aufforderung weiterleitete, die Vorschläge bei der Überarbeitung ihrer Leitlinien zur FA zu berücksichtigen (Dok. 10688/04).

Die Bundesregierung begrüßt, dass die Kommission die an sie gerichteten Empfehlungen bei der Überarbeitung der Leitlinien zur FA aufgegriffen hat. Die Bundesregierung fordert die Kommission auf, gemäß der Empfehlung des Europäischen Rats vom Frühjahr 2004 der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen bei der Anwendung ihrer neuen Leitlinien tatsächlich besondere Bedeutung zukommen zu lassen.

- 5 -

4) Entwicklung eines Bürokratietests Der Rat für Wirtschaft und Finanzen hat den Auftrag, zusammen mit der Kommission eine Methode für die Messung administrativer Belastungen von Unternehmen zu entwickeln. Die Diskussion über die Methode im Wirtschaftspolitischen Ausschuss (WPA) der Europäischen Union hat ergeben, dass eine solche Methode vorrangig zur Verwendung im Rahmen der FA von EU-Regulierungen dienen sollte (und nicht zur Ermittlung neuer gesamtwirtschaftlicher Indikatoren). Administrative Belastungen werden dabei definiert als Kosten, die den Unternehmen aus Informations- und Berichtspflichten entstehen. Bisher hat sich der WPA auf sog. „building blocks“ (abstrakte Grundprinzipien wie Transparenz oder Proportionalität von Aufwand und Ertrag) festgelegt, die vom Rat für Wirtschaft und Finanzen gebilligt wurden.

Die Methode soll sich an das niederländische Standard Cost Model (SCM) anlehnen, das Daten auf Grundlage einer einfachen Schätzmethode erhebt. In Kürze wird eine Mitteilung der Europäischen Kommission zur weiteren Konkretisierung der Methode erwartet.

Die Bundesregierung ist bereit, sich nach Festlegung auf eine gemeinsame Methode an deren Erprobung durch Pilotprojekte zu beteiligen, und unterstützt nach erfolgreichem Abschluss der Testphase ihre Einführung als Teil der FA. Die Methode sollte in die Leitlinien der Kommission aufgenommen werden.

5)

European Business Test Panel (EBTP)

Das European Business Test Panel (EBTP) ist ein internet-gestütztes Verfahren, bei dem eine (bezüglich Größe und Branche) repräsentative Auswahl von Unternehmen zu bestimmten Rechtsbereichen befragt wird. Ein Merkmal des EBTP ist, dass es sich um eine kurze, eher schematische multiple-choice Abfrage handelt, die naturgemäß nicht sehr ins Detail gehen kann. Die EBTP-Befragung liefert eine erste Einschätzung durch die Unternehmerseite. Entscheidend für den Erfolg des EBTP wird sein, dieses Instrument zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen. Einerseits sollten die Vorstellungen über die Gesetzgebungsvorhaben bereits hinreichend konkret sein,

andererseits sollte die Kurzabfrage bei den Unternehmen noch einen Mehrwert bringen. Die Ergebnisse der EBTP-Abfragen sollten zukünftig in die FA einbezogen werden. Bisher nehmen weder aus Deutschland noch aus anderen Mitgliedstaaten genügend Unternehmen am Panel teil, um aussagefähige Ergebnisse erzielen zu können. Die deutschen Wirtschaftsverbände sind aufgefordert, einen größeren Beitrag zur Rekrutierung von Unternehmen als feste Mitglieder des EBTP zu leisten.

- 6 -

6) Abschätzung der Außenwirkung von Rechtsetzungsvorschlägen Bei Regelungsvorhaben mit erheblichen Auswirkungen auf die Partner der Europäischen Union in der Welt sollten FAs auch stärker die Außenwirkung von Rechtsetzungsvorschlägen abschätzen.

In diesem Zusammenhang sollte auch geprüft werden, ob bereits internationales Recht zu dem betreffenden neuen Regelungsvorhaben besteht, das die Mitgliedstaaten bindet und es insoweit erforderlich und sinnvoll ist, Regelungen auf Ebene der Europäischen Union zu schaffen.

Die Bundesregierung begrüßt, dass die Kommission die wirtschaftlichen Auswirkungen auf Drittländer und internationale Beziehungen in ihre Liste der bei einer FA zu bedenkenden Folgen aufführt. Die Überprüfung der Außenwirkung von Rechtsetzungsvorschlägen sollte jedoch nicht auf die wirtschaftliche Komponente beschränkt werden. Diese Notwendigkeit ergibt sich aus dem oft formulierten politischen Anspruch der Europäischen Union, als Akteur globale Verantwortung zu übernehmen, teilweise auch aus bestehenden wirtschafts- und umweltvölkerrechtlichen Verpflichtungen.

Hierbei ließe sich an Vorarbeiten der Kommission anknüpfen: So hat im Außenhandelsbereich die Generaldirektion Handel damit begonnen, unter Kohärenzgesichtspunkten sog. Nachhaltigkeitsfolgenabschätzungen im Zusammenhang mit multilateralen und regionalen Freihandelsgesprächen durchzuführen.

7) Umweltdimension der FA Der Umweltdimension wird bisher nur bei einer geringen Anzahl der FAs Beachtung geschenkt. Aus Umweltsicht sind deshalb substanzielle und prozedurale Mindestanforderungen notwendig: Bislang werden hauptsächlich unmittelbare „physische“ Auswirkungen auf traditionelle Umweltsektoren betrachtet. Bei der Durchführung der FAs sollte die Europäischen Kommission die im Arbeitspapier in Annex 2 aufgeführten Umweltfolgen tatsächlich berücksichtigen, gegebenenfalls ergänzt um hierdurch nicht abgedeckte Zielsetzungen der EU- Nachhaltigkeitsstrategie und des 6. Umweltaktionsprogramms der Europäischen Union; auch Wechselwirkungen zwischen den Bereichen sollten berücksichtigt werden.

Notwendig

Auswirkungen

ist

ggf.

auch

die

einschließlich

Abschätzung

der

hierdurch

von

entstehenden

mittelbaren

und

Kosten

langfristigen

bzw.

ihrer

Vermeidung.

einbezogen werden.

Auch

die

zu

- 7 -

erwartenden

Innovationseffekte

müssen

in

die

FAs

8) Soziale Dimension der FA Die Bundesregierung begrüßt, dass die Kommission die im Arbeitspapier in Annex 2 aufgeführten sozialen Folgen berücksichtigen wird und verweist auf die Notwendigkeit der FA für die Sozialschutzsysteme und das Gesundheitswesen. Sie ist der Auffassung, dass wirtschaftliches Wachstum und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit mit sozialer Gerechtigkeit und sozialem Fortschritt verbunden werden müssen, und setzt sich für eine abgestimmte Politik in den Bereichen Wirtschaft, Beschäftigung und Soziales ein.

9) Qualitative und quantitative Analyse Grundsätzlich sollte gelten, dass im Rahmen von FAs eine umfassende qualitative Analyse der Regelungsfolgen unter Berücksichtigung aller relevanten Folgewirkungen vorgenommen wird. Effekte sollten darüber hinaus quantifiziert werden, wenn dies mit vertretbarem Aufwand erreicht werden kann und außerdem zielführend ist.

Quantifizierungen sind aber kein Selbstzweck. Ausgewogene FAs beruhen auf der Kombination quantitativer und qualitativer Bewertungen. Dabei ist insbesondere darauf zu achten, dass bedeutsame nicht-quantifizierbare Auswirkungen nicht gegenüber quantifizierbaren Wirkungen vernachlässigt werden.

10) Kurz-, mittel- und langfristige Folgewirkungen Die Weiterentwicklung der Methodik für eine systematische und nachvollziehbare FA muss auch darauf abzielen, den Anwendern Hilfestellungen bei der Ermittlung mittel- und langfristiger Folgewirkungen zu geben und die Qualität der Prognosen zu erhöhen. Es besteht sonst die Gefahr, dass methodische Unsicherheiten bei der Beschreibung mittel- und langfristiger Folgen dazu führen, dass kurzfristige Effekte im Vordergrund stehen und z.B. Risiken irreversibler Schäden und die Auswirkungen des Nicht-Handelns nicht ausreichend in Betracht gezogen werden. Kosten-Nutzen- Analysen sollten ggf. durch andere Instrumente, z.B. Risikoanalysen, ergänzt werden. Es wird daher begrüßt, dass das Arbeitspapier der Kommission zur FA hier Aussagen zur Weiterentwicklung der KOM-Leitlinien trifft. Grundsätzlich sind die Leitlinien der Kommssion so zu konkretisieren, dass eine FA im Sinne der wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit sichergestellt wird („What are the impacts over time?“).

- 8 -

11) Abschätzung der finanziellen Auswirkungen für die Europäischen Union und insbesondere für die Mitgliedstaaten Die Europäische Kommission sollte verstärkt die finanziellen Auswirkungen von EU- Regelungsvorhaben auf die Mitgliedstaaten und ihre Untergliederungen im Rahmen der FA berücksichtigen. Hierbei ist sie jedoch auf die aktive Mitarbeit der Mitgliedstaaten angewiesen (Übermittlung der Informationen, wie sich EU- Regelungen auf die Verwaltung auswirken). Die Bundesregierung wird die Kommission dabei nach Kräften unterstützen.

12) Folgenabschätzungen zu alternativen Regelungsoptionen Die FA soll eine verbesserte Informationsgrundlage für politische Entscheidungen – u.a. über die Anwendung alternativer Regelungsoptionen – schaffen. Daher müssen die konkreten Folgen der entscheidenden Handlungsoptionen abgeschätzt werden, um eine angemessene Grundlage für die Wahl der besten Regelungsoption zu bieten. Es wird begrüßt, dass die Kommission in ihrem Arbeitspapier einen entsprechenden Schwerpunkt setzt. Die Bundesregierung stimmt mit der Forderung des britischen Fortschrittsberichts zur FA vom Oktober 2004 überein, dass insbesondere Ausführungen zur Nicht-Regulierung („do nothing“ option) stärkeres Gewicht verliehen werden sollte. Zum frühest möglichen Zeitpunkt sollte die KOM bei jedem neuen Regelungsvorhaben auf europäischer Ebene prüfen, ob für die Erreichung der angestrebten Ziele tatsächlich eine gesetzliche Regelung notwendig ist oder andere gleichermaßen wirksame Instrumente in Betracht kommen. Die Ergebnisse dieser Bedarfsprüfung sind schriftlich niederzulegen und gegebenenfalls in die FA einzubringen.

13) Subsidiaritäts- und Verhältnismäßigkeitsprüfung bei FAs berücksichtigen Die FA muss immer dem Subsidiariäts- und Verhältnismäßigkeitsprinzip Rechnung tragen. Dabei ist die Subsidiaritätsfrage klar von FAs zu trennen. Die Prüfung der Subsidiarität bezieht sich darauf, ob ein gesetzgeberisches Handeln auf europäischer Ebene erfolgen kann und ist insofern eine Vorfrage für die bei einer positiven Beantwortung durchzuführende FA. Die Ergebnisse der Subsidiaritätsprüfung können jedoch bei der Durchführung der FA Berücksichtigung finden, um mehrfache Prüfungen ähnlich gelagerter Fragen zu vermeiden.

14) Transparenz und Ausgewogenheit der Konsultationsverfahren Konsultationsverfahren im Rahmen der FA sind von großer Bedeutung, da durch dieses Verfahren alle relevanten Gruppen vor Beschlussfassung durch die

- 9 -

Kommission in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Ziel muss es sein, dass das Konsultationsverfahren möglichst transparent gemacht wird. Die Bundesregierung begrüßt daher die Ankündigung im Arbeitspapier der Kommission, das Konsultationsverfahren auf die Regelungsfolgen auszuweiten und somit die Informationsbasis für die FAs zu verbessern, die Transparenz zu erhöhen sowie Mindeststandards aufzustellen (Vorankündigung im Arbeitsprogramm, zentrale Übersicht im Internet, Gewährleistung der Einbeziehung aller relevanten Gruppen der Zivilgesellschaft, gesondertes Anschreiben an Verbände, klare Angaben zu Umfang und Zeitdauer, ausreichende Fristen (z.B. 4 Monate)). Das Verfahren und die methodischen Grundlagen einzelner FAs sind in den vorgelegten Ergebnissen selbst transparent und damit einer wissenschaftlichen Überprüfung zugänglich zu machen. FAs dürfen keine „Black Box“ sein. Das Planspiel des Landes Nordrhein-Westfahlen zur REACH-VO lässt sich positiv anführen für eine Folgenabschätzung, die den Ansprüchen an Transparenz und Nachvollziehbarkeit genügt.

15) Qualitätssicherung Die Qualität der FAs sollte stetig verbessert werden. Die bisher vorliegenden FAs zeigen durchaus noch unterschiedliche Herangehensweisen der jeweils zuständigen Dienststellen. Die Kommission sollte daher auf die einheitliche Anwendung der neuen Grundsätze und Leitlinien durch die Dienststellen verstärkt achten und eine entsprechende Qualitätskontrolle sicherstellen. Hierzu würde auch eine bessere Transparenz des Zusammenwirkens der Dienststellen in diesen Fragen beitragen.

Eine geregelte Qualitätssicherung sollte Bestandteil jedes FA-Prozesses sein; bei deutlichen Qualitätsmängeln sollte Nachbesserung verpflichtend sein. Notwendig ist die Erarbeitung von Standards zur Qualitätskontrolle für alle Stufen des Verfahrens. Diese sollten sich sowohl auf die Einhaltung der formalen Verfahrensschritte, als auch auf die Berücksichtigung relevanter Untersuchungsbereiche, mittelbarer und unmittelbarer sowie kurz- und langfristiger Auswirkungen und auf die methodische Exaktheit bei der Durchführung der FA beziehen.

Nach einigen Jahren sollten anhand ausgewählter Beispiele die Ergebnisse der FAs mit der realen Entwicklung verglichen werden.

16) Interinstitutionelle Vereinbarung Bessere Rechtsetzung (IIV) Das Europäische Parlament, der Rat und Kommission einigten sich in der Interinstitutionellen Vereinbarung "Bessere Rechtsetzung“ (IIV) vom 31.12.2003 darauf, die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen den drei Institutionen zur Verbesserung der Rechtsetzung zu intensivieren. Die drei Organe haben darin u.a.

- 10 -

den positiven Beitrag der FA zur Verbesserung der Qualität der gemeinschaftlichen Rechtsvorschriften im Hinblick auf ihren Anwendungsbereich und ihren Inhalt gewürdigt (§ 28 IIV) und beschlossen, die Möglichkeit eines gemeinsamen methodischen Vorgehens im Bereich der FA zu prüfen (§ 30 IIV).

Die Bundesregierung begrüßt diese Entscheidung und unterstützt die Arbeiten der Hochrangigen Technischen Arbeitsgruppe (HTAG), welche zur Weiterentwicklung der IIV eingesetzt wurde. In einem ersten Schritt wird eine ad hoc-Gruppe "Folgenabschätzung" zusammenkommen und ein Dokument zur gemeinsamen Methodik verfassen (Dok. 14486/04). Ziel der FA ist es, eine verbesserte Informationsgrundlage für politische Entscheidungen aller an der Rechtsetzung beteiligten Organe zu schaffen. Die Folgenabschätzungen sollten daher den gemeinsamen Anforderungen der drei Organe gerecht werden.

Darüber hinaus wird im Mitentscheidungsverfahren die Einführung von FAs beim Rat und im Europäischen Parlament vorgeschlagen (§ 30 IIV). Diese sollten eine Ergänzung zu den bereits von der Kommission durchgeführten FAs darstellen, sich demnach auf die vom jeweiligen Organ eingebrachten Änderungsvorschläge beschränken.

17) Nationale Maßnahmen zur Folgenabschätzung der Europäischen Union Der Erfolg der FA hängt nicht nur von Maßnahmen der Europäischen Kommission, sondern auch von den Aktivitäten in den Mitgliedstaaten ab.

Bereits bei den Konsultationen zu den FAs wird – soweit notwendig – das federführende Ressort in Abstimmung mit weiteren betroffenen Ressorts die Kommission bei der Erarbeitung der FAs unterstützen. Dies setzt eine frühzeitige nationale Abstimmung zu EU-Regelungsvorhaben voraus.

Die Bundesregierung unterstützt nachdrücklich die Aufforderung des AStV vom 23. Juni 2004, dass die Ratsarbeitsgruppen die FAs der Europäischen Kommission in ihren Verhandlungen berücksichtigen.