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september 2009

RegIon SenSe

Könizer zeitung

53

Der sensetaler

Ängste sind kein Blödsinn!

Fürchten sich Kinder, muss das ernst genommen werden

ST. ANTONI – Wann ist die Angst eines Kindes nicht mehr «normal»? Lucia Aebischer, Kinder- und Jugendpsychologin, gab darüber an einem Informa- tionsanlass im Bildungszen- trum Burgbühl Auskunft.

Angst zu haben ist menschlich. «Jeder hat sie. Nur redet niemand gerne darüber.» Lucia Aebischer spricht aus Erfahrung. Sie arbei- tet in Freiburg als Kinder- und Jugendpsychologin. Was viele als eigene Unzulänglichkeit ab- tun, macht stammesgeschichtlich durchaus Sinn: Ängste aktivieren beim Menschen das Kampf-, Ver- teidigungs- und Fluchtsystem und haben damit seit jeher zum Überle- ben der menschlichen Art beigetra- gen. «Viele Ängste verdanken wir dem Urinstinkt», weiss Aebischer. Spinnen waren zum Beispiel für Höhlenbewohner eine echte Be- drohung; der Ekel vor den achtbei- nigen Krabblern hat sich bei man- chen bis in die Moderne gehalten.

Ängste gehören zum Menschsein dazu. Einige von ihnen sind sogar wichtiger Bestandteil der kindli- chen Entwicklung: Babys im Alter von 6 – 8 Monaten «fremden» und suchen instinktiv den Schutz der Mutter. Auch Trennungsangst er- leben viele Kinder. Sie wird haupt- sächlich aktiviert, wenn die Bin- dung zwischen Eltern und Kind nicht ganz sicher ist. Gespenster, Dämonen und andere dunkle Ge- stalten gehören zur Fantasiewelt von jedem Kind. Sie besuchen es nachts im Traum oder verstecken sich unter dem Bett. Kindliche Ängste treten häufig an Entwick- lungsübergängen (erster Besuch im MuKi-Turnen, Einschulung, etc.) auf. Das Kind sucht Halt und muss sich in einer neuen Umge- bung orientieren.

Mutig oder ängstlich? Während das eine Kind eher mutig ist, ist das andere eher ängstlich. Solche Unterschiede sind angebo-

das andere eher ängstlich. Solche Unterschiede sind angebo- «Ich habe keine Angst mehr vor dir!»: Kinder

«Ich habe keine Angst mehr vor dir!»: Kinder können lernen, sich ihren Ängsten zu stellen.

Foto: R.Lee/istock.com

ren. «Jeder hat eine andere Bereit- schaft auf Umweltreize zu reagie- ren», weiss Lucia Aebischer. Die Reaktionszeit und die Art und Wei- se wie ein Ereignis auf einen Men- schen wirkt kann stark variieren. «Da die kindliche Entwicklung ein Lern- und Anpassungsprozess ist, kann das Angstverhalten aber durchaus beeinflusst werden», so die Psychologin. So habe etwa die physische Umwelt einen grossen Einfluss auf die Ängste eines Kin- des: «Es macht einen Unterschied, ob man auf dem Land oder in der Stadt aufwächst.» Auch die sozia- le Umwelt (Bindungspersonen, Familie, Freunde, etc.) ist für die Entwicklung und das Verhalten der Heranwachsenden entscheidend. Reagiert zum Beispiel eine Mutter immer übertrieben ängstlich beim Anblick einer Maus, kann das Kind dieses Verhalten kopieren und eine ähnliche Angst entwickeln.

Ist das noch normal? Angst ist aber nicht gleich Angst:

Die Grenze zwischen «normaler» und «kranker» Angst ist fliessend. Die meisten Ängste flackern in der Kindheit kurz auf; verschwinden dann aber nach kurzer Zeit wie- der. Ist dies nicht der Fall, können

sie sich zu einer Angststörung entwickeln. «Solche ‹kranken› Ängste nehmen dann im Alltag sehr viel Platz ein», erklärt Lucia Aebischer. Das Leben wird um sie herum organisiert. Aus Angst wird auf Aktivitäten verzichtet. Das Kind steht unter grossem Leidens- druck: Es verändert sich, hat keine Freude mehr am Leben, spricht wenig und verliert zunehmend an Mimik. Es verliert die Kontrolle und fühlt sich gegenüber seiner Angst völlig hilflos. Bei Angst- störungen reagiert meist auch der Körper: Das Kind klagt über Bauchweh, Kopfschmerzen oder Übelkeit. Auch Ausschläge sind nicht selten. Vor allem bei älteren Angstkindern kommt es häufig zu Konzentrationsschwierigkeiten. Sie werden reizbar und neigen zu Wutausbrüchen.

Sich helfen lassen «Kinder müssen lernen, dass ihre Gefühle – auch negative – zu ih- nen gehören und normal sind», so Aebischer. «Ängste dürfen deshalb niemals einfach als Blödsinn abge- tan werden.» Man müsse sie ernst nehmen und sich gemeinsam mit dem Kind mit ihnen beschäftigen. Mit Einfühlungsvermögen gelinge

es oft, Kindern beizubringen, dass sie sich ihren Ängsten stellen müs- sen. «Wenn Eltern aber merken, dass ihr Kind unter einer Angststö- rung leiden könnte, sollten sie sich Hilfe holen», rät Lucia Aebischer. Ein Anruf bei einem Psychologi- schen Dienst oder bei einem The- rapeuten kann die Befürchtungen der Eltern rasch bestätigen oder aus dem Weg schaffen.

Barbara Imboden

Buchempfehlungen für Kinder BOJE, K.(2002). Kirsten boje erzählt vom angsthaben. Hamburg: Oetinger. HEINE, H. (1997). Der boxer und die prinzessin. münchen: middelhauve. FAUSTIN, CH.; TERRY, M.(2003). Das sehr unfreundliche Krokodil. berlin:

Verlag gmbH.

Buchempfehlungen für erwachsene PEURIFOY, R.Z. (2007). Frei von angst – ein leben lang. Hilfe zur selbst- hilfe. bern: Hans Huber. SCHMIDT-TRAUB, S. (2001). selbsthil- fe bei angst im Kindes- und Jugend- alter. göttingen: Hogrefe. MEYER-GLITZA (2000). Jakob der angstbändiger. geschichten gegen die angst. salzhausen: ikopress.