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NOVEMBER 2009

GESELLSCHAFT

KÖNIZER ZEITUNG

89

DER SENSETALER

«Es wurden sehr viele leere Worte gesprochen»

Ex-Skinhead Philipp Frei spricht in Schwarzenburg über seine Erfahrungen

SCHWARZENBURG – Philipp Frei war früher Skin- head. Heute bietet er Jugend- lichen Hilfe an und engagiert sich im Bereich der Gewalt- und Rassismusprävention. Am 22. November ist er Gast im VIP-Träff.

Philipp Frei, Sie waren selbst Skin- head. Wie kam es dazu? Ich war mit 13 Jahren ein Aussen- seiter und habe über einen Be- kannten Anschluss zur rechten Szene gefunden. Mir ging es um das Gruppengefühl. Als Rechtsex- tremer war ich jemand, fühlte mich stark und hatte eine Aufgabe.

Warum haben Sie sich mit der Zeit von der Szene abgewandt? Die häufigsten Ausstiegsgründe sind zwischenmenschliche Proble- me in der Gruppe und Beziehungen ausserhalb der Gruppe. Meine erste Gruppe brach nach 2 Jahren ausei- nander und ich suchte Anschluss an die nationale Szene, was mir aber nie wirklich gelang. Zudem habe ich mit der Zeit durchschaut, dass sehr viele leere Worte gesprochen wurden und die grossen Worte wie Ehre, Treue und Kameradschaft selten ernst gemeint waren. Um dazu zu gehören musste man die Meinung der Gruppe teilen und seine Loyalität immer wieder unter Beweis stellen − meist mit Gewalt. Ich wurde nur deshalb gewalttätig, weil ich der Gruppe beweisen woll- te, dass ich dazu gehöre. Spass ge- macht hat es mir nie. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich mich extrem negativ verändert habe. Ich konnte auch den Konformitäts- druck nicht mehr aushalten.

Sie haben schliesslich den Ausstieg aus der Szene geschafft. Wie? Da ich noch sehr jung war, war mein Ausstieg kein grosses Problem. Ich konnte niemandem gefährlich wer- den und war sowieso immer nur am Rande der Gruppe. Schwieriger ge- staltete sich der Wiedereinstieg in die Gesellschaft, welche mich sehr ablehnend empfangen hat. In vie-

welche mich sehr ablehnend empfangen hat. In vie- Fünf Jahre Rechtsextremer: Heute ist Philipp Frei in

Fünf Jahre Rechtsextremer: Heute ist Philipp Frei in der Prävention tätig. Foto: zvg

len Köpfen geistert immer noch das Bild «Einmal Nazi – immer Nazi!» herum. Ich hatte grosse Mühe, mir ein neues Leben aufzubauen. Ge- schafft habe ich es nur, weil sich Leute um mich gekümmert und mich unterstützt haben.

Sie klären heute Jugendliche über den Rechtsextremismus auf, haben also die Front gewechselt. Ich verstehe mich nicht als jemand, der gegen die rechtsextreme Szene kämpft. Ich möchte Jugendliche davor bewahren, in Gruppen zu gelangen, welche sie manipulieren und instrumentalisieren. Dies gibt es nicht nur in rechtsorientierten Gruppierungen. Mir ist aber wich- tig, dass sich Jugendliche, welche sich zur rechten Szene zählen, ein- mal richtig mit ihrer Ideologie aus- einandersetzen: In meinen 5 Jahren als Rechtsextremer wurde ich ein- mal gefragt, warum ich rechtsext- rem bin. Sonst hatten mich alle be- reits abgeschrieben oder für dumm gehalten. Jugendliche verdienen es, dass man ihre Person und ihre Mei- nung ernst nimmt. Das heisst nicht, dass ich ihre Einstellung teile oder gut heisse. Ich gebe ihnen aber die Möglichkeit, ihre Weltanschauung

zu reflektieren. Dies wirkt einer Extremisierung entgegen und hilft, Probleme differenzierter wahrzu- nehmen.

Warum rutscht man als Jugend- licher in die rechte Szene ab? Der häufigste Grund, gerade bei den jüngeren Einsteigern, hat nichts mit der politischen Einstellung zu tun, sondern mit der Gruppenzu- gehörigkeit und der Suche nach Identität. Die politische Meinung bildet sich meist erst in der Gruppe und ist oft nur sehr schwach aus- geprägt. Sie beschränkt sich meist auf einige Stammtischparolen. Eine differenzierte Auseinandersetzung findet häufig erst nach längerer Zeit in der Szene und mit zunehmendem Alter statt. Die Zugehörigkeit zur rechtsextremen Gruppe gibt ihren Mitgliedern Sicherheit, Gemein- schaftsgefühl und eine Identität.

Sind auch Ältere gefährdet? Das Durchschnittsalter für den Ein- tritt ist auf 13-14 Jahre gesunken. Die Szene hat sich stark verjüngt, was viele Ältere eher abschreckt. Dies gilt allerdings nur für die Partizipation in klassischen rechts- extremen Gruppierungen. Die

politische Einstellung, welche mit dem Rechtsextremismus verbun- den ist und latenten oder offenen Rassismus, Nationalismus sowie oft auch die Legitimation von Ge- walt als Mittel zur Zielerreichung mit sich bringt, ist in allen Alters- stufen vertreten. Gerade in Zeiten von wirtschaftlichen Krisen ist zu beobachten, dass Rassismus wegen der Jobangst zunimmt.

Was tun, wenn man merkt, dass jemand im Umfeld abrutscht? Wichtig ist es, diese Person ernst zu nehmen und nachzufragen, was denn die Gründe sind. In der Dis- kussion und einer ernsthaften Aus- einandersetzung mit der politischen Einstellung auf gleicher Augenhöhe kann man viel bewirken. Wichtig ist auch, dass man Rechtsextremismus nicht verteufelt, sondern die Anlie- gen, welche dahinter stecken ernst nimmt und angeht. Das Schlimmste wäre, diese Person für ihre Meinung zu «bestrafen» und zu ignorieren. Dies leistet nur einer Extremisie- rung Vorschub, da sich die betrof- fene Person in ihren Vorurteilen be- stätigt fühlt und eigentlich nur noch Zuflucht in der rechtsextremen Sze- ne suchen kann, da sie vom Rest der Gesellschaft ausgeschlossen wird.

Was ist Ihre persönliche Botschaft an die Jugendlichen von heute? Einfache Antworten sind selten richtig. Es ist zu einfach, sich Iden- tität und Bestätigung in einer Grup- pe zu suchen. Man muss sich seine Meinung selbst bilden und seinen persönlichen Weg finden können.

Interview: Barbara Imboden

Gewalt ist (k)eine Lösung

Referat von Philipp Frei, Ex-Skin- head und Gründer von weritkal.ch

Sonntag, 22. November 2009, VIP-Träff der evangelisch-methodis- tischen Kirche, Flüehli 10, 3150 Schwarzenburg, um 17.00 Uhr

Altersspezifisches Angebot für Kids Weitere Infos unter Tel. 031 731 03 49