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AS53ff,

GESCHICHTE

DER

NEUEREN

ERKENNTNISTHEORIE

(VON DESCARTES BIS HEGEL)

VON

E. VON ASTER

PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT GIESSEN

BERLIN UND LEIPZIG 1921

VERFINIGUNG WISSENSCHAFTLICHER VERLEGER

WALTER DE GRUyTER

^ CO.

\«;k.m\i s G.J.GüSCHEN'SCHE VKKLAGSHANDLUNU ::

J.

OU ITENTAÜ, VERLAGS-

BUCHHANDLUNG :: GEORG RELMER :: KARL J. TRÜBNER :: VEIT A COMP.

Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.

Printed in Germany

Druck von Metzger & Wittig in Leipzig.

Vorwort.

Das folgende Buch ist ursprünglich hervorgewachsen aus einer Unter-

suchung über die Geschichte der mathematischen Methode in der

Philosophie von Descartes bis Kant und über die Entwicklung der dia-

lektischen Methode in der nach-Kantischen Philosophie. Im Verlauf

der Arbeit wuchs mir der Gegenstand so weit über das ursprünglich ge-

steckte Ziel hinaus, daß ich den anspruchsvolleren Titel einer ,.Geschichte

der neueren Erkenntnistheorie von Descartes bis Hegel'' glaubte wagen zai

Indessen haften dem Buch von der ursprünglichen Beschränkung

dürfen.

des Themas her noch eine Reihe von Mängeln an: Vor Allem wird man

in der Darstellung der nach- Kantischen Philosophie Fries und Herbart vermissen. Der Fehler, von dem ich zugebe, daß er dem Titel des Buches

gegenüber, wenn man die Begrenzung Von Descartes bis Hegel" rein

zeitlich nimmt, ein Fehler ist, ist absichtlich begangen worden: die Dar-

stellung beider Philosophen ist in einem andern Zusammenhang geplant,

in dessen Mittelpunkt die Frage nach dem Zusammenhang von Erkenntnis-

theorie und Psychologie im 19. Jahrhundert gestellt werden soll.

Es ist klar, daß sich dem Druck eines Buches wie

des vorliegenden

in der gegenwärtigen Zeit große Schwierigkeiten entgegenstellten.

Für das

freundliche Entgegenkommen des Verlages, das ihn ermöglichte, spreche

Jene Schwierig-

ich ihm an dieser Stelle meinen herzlichen Dank aus.

keiten aber hatten eine längere Verzögerung der Drucklegung und ein

langes Lagern des fertigen Manuskripts zur Folge.

In der Zwischenzeit

sind Schriften insbesondere zur nach-Kantischen Philosophie erschienen,

von denen ich nur Dietrich H. Kerlers umfassendes Buch „Die Fichte-

Schellingsche Wissenschaftslehre", Ulm

Cassirers „Erkenntnisproblem" nenne.

19 17,

und

den

3. Band

von

Da ich an meiner Darslellung

nichts im

Prinzip zu

ändern fand,

konnte ich mich

nicht entschließen,

nachträglich eine Auseinandersetzung mit den genannten Autoren anzu-

flicken, die ich deshalb auf eine andere Gelegenheit verschiebe.

Meine

in Vielem entgegengesetzte Stellung zu Cassirers erwähntem Werk geht

IV

Vorwort.

aus meinem Buch hervor, gerade

deshalb möchte ich

an

dieser Stel

meine besondere Wertschätzung der großen historischen Leistung jenes

Werkes betonen. Mein Bestreben ging dahin, meine historische Darstellung so weit wie irgend möglich frei zu halten von der Beeinflussung durch meinen eigenen „Standpunkt", dadurch, daß ich mich möglichst in die Problemstellung des darzustellenden Philosophen hineinlebte und den

Schritten seines Denkens von hier aus nachdenkend folgte. Ich bin über-

zu tun hat mit der

zeugt, daß diese historische Objektivität,

die nichts

Objektivität eines bloßen Registrierapparats, sehr wohl vereinbar ist mit

einem klaren und scharf umrissenen eigenen Standpunkt", oder sagen

wir Heber mit einer bestimmten eignen Überzeugung (wie ich sie in Sachen

der Erkenntnistheorie in meinen „Prinzipien der Erkenntnislehre" im An-

schluß vor Allem an Cornelius vertreten habe), ja daß die Klarheit dieser

Überzeugung und vor Allem die Fruchtbarkeit der Auseinandersetzung mit

andern Standpunkten durch das Bemühen um diese Objektivität nur ge-

winnen kann.

Gießen, Januar 1921.

E. V. Aster.

Inhalt.

I. Kapitel. Descartes und die Cartesische Schule

Descartes

1. Die mathematische Methode

2. Methode und Wirklichkeit

3.

Der Begriff des Grundes und der Ursache und der Satz vom Grunde .

4. Notiones communes und lumen naturale

5. Substanz und Attribut

6. Zusammenfassung. Seele und Körper

Seite

i

i

i

i6

26

38

54

65

Anhang: Zur modernen Beurteilung Descartes in der erkenntnistheoretischen

Literatur

Der Occasionalismus

Clauberg

de la Forge

Cordemoy

Geulinx

1. Causa Vera und causa occasionalis

2. Das Wesen des Körpers und die Attributenlehre bei Geulinx

3. Geulinx Kategorienlehre und die Erkenntnis der Dinge an sich

Malebranche

1. Malebranches okkasionalistischer Standpunkt

2. Die „Idee'* und die Gotteserkenntnis bei Malebranche

3. Malebranche und Arnauld

4. Teleologie und Kausalerklärung Spinoza

1. Die Grundbegriffe

2. Zur Lehre von der Methode

Bayle

72

81

81

85

89

92

92

95

99

104

104

iio

115

123

126

126

156

161

IL Kapitel. Die Begründung der englischen Philosophie Bacon

1. Das Erkenntnisziel

2. Die induktive Methode

Thomas Hobbes

169

169

169

177

187

1.

Die Grundgedanken der Hobbesschen Philosophie und ihre Entwicklung 187

2. Der Nominalismus

3. Die Erkenntnistheorie in .,dc corpore'"

209

226

IIL Kapitel. Leibniz

Lcibniz

1.

Die Entwicklung der Leibnizschcn Ideen bis zur Ausbildung des Systems

(1676)

2.

Leibnizens Theorie des Urteils

3. Möglichkeit und Wirklichkeit

4. Vernunft- und F-rr;thrnrn'<.;frk*-nr!trii-.

^^g

236

236

2j2

2<^

jl';

VI

Inhalt.

Seite

IV. Kapitel. Englischer Empirismus und französischer

333

Locke

233

1.

Die Ideen der Sensation und Reflexion

333

2.

Die Lehre vom "Wissen

347

Berkeley

 

355

1.

Nominalismus und Abstraktionslehre

355

2.

Der Idealismus der ,,Principles"

360

3.

Die platonisierende Erkenntnistheorie der ,,Siris*'

369

Hume

373

1.

„Impressionen" und Ideen"

373

2.

Die Lehre vom Wissen

380

3.

Die schottische Schule (Reid)

389

4.

Condillac

400

5.

Von Newton zu d'Alembert

406

V. Kapitel. Die Entwicklung der kontinentalen Philosophie von Leibniz

bis Kant

 

421

Tschimhaus

42

Wolff

429

Crusius

'

438

Lambert

450

Kants vorkritische Schriften

461

Tetens

4.84

VL Kapitel. Kants Kritizismus

Kants Kritizismus

493

493

1. Kants erkenntnistheoretische Entwicklung von 1766 bis zur Problem-

stellung der Kritik d. r. V

2.

Die kritische Problemstellung

.

.

3.

Die Deduktionen der Kategorien und Grundsätze

4.

Die Grenzen der Erkenntnis

VIL Kapitel. Von Kant bis Hegel

Kant und die nach-Kantische Philosophie

Karl Leonh. Reinhold

Jak. Sigism. Beck

Salomon Maimon

Jacobi

Fichte

1. Das Problem der Wissenschaftslehre

2. Die Deduktionen der Wissenschaftslehre

3. Fichtes Erkenntnistheorie in seiner späteren Zeit Schelling

Hegel

1. Die Lehre vom Denken

2. Die Lehre vom Sein

Schluß

Personen- und Sachregister

493

509

516

528

539

539

5^3

554

560

568

375

575

585

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598

607

607

617

628

637

I. Kapitel.

Descartes und die Cartesische Schule.

Descartes.

I. Die mathematische Methode.

Drei Grund- und Hauptgedanken dienen der Philosophie Descartes als

wesentlichste Stützen und bestimmen das Gerüst seines Systems: die Idee der mathematischen Methode, das cogito ergo sum oder der Satz von

der Selbstgewißheit des Bewußtseins, endlich die dualistische Konstruktion der Wirklichkeit, die Unterscheidung der körperlichen und seelischen Sub-

stanz". Wie diese drei Prinzipien zusammenhängen und wie sie voneinander

abhängen wird später besprochen werden insbesondere, wie das Suchen nach letzten gegeneinander selbständigen substanzialen" Wesenheiten den Forderungen der „mathematischen" Methode entspricht, wie das cogito ergo sum zur denkenden „Substanz" führt und damit zum Dualismus, wie aber

auch schon die Fassung des Satzes von der Selbstgewißheit des Bewußtseins

durch die Frage nach den substanziellen Elementen der Wirklichkeit und

damit durch die mathematische Methode wesentlich mitbedingt ist. Zuhächst

aber soll nicht von dem Zusammenhang, sondern von der Selbständigkeit

und Verschiedenheit der drei Prinzipien gegeneinander gesprochen werden.

Es kann keine Frage sein, daß die Idee der mathematischen Methode

schon zu einer Zeit im Denken Descartes Wurzel gefaßt hatte, zu der das

cogito ergo sum noch keineswegs seine Rolle als Pfeiler des Systems spielt.

Es zeigt uns das die Art, wie Descartes selbst über seine Entwicklung im

Discours berichtet, und vor allem beweisen es die Regulae, über deren Ab- fassung vor 1629 wohl kein Zweifel mehr besteht. In dieser Schrift, deren Thema die mathematische Methode ist, findet die Selbstgewißheit der Existenz

des Bewußtseins zwar Erwähnung, aber nur als ein evidenter Satz neben

anderen, nicht in der grundlegenden Bedeutung, die ihm später zuerteilt wird.^

Die „bewundernswürdige Wissenschaft", deren Fundamente Descartes am

iio. November 16 19 findet, dürfte doch wohl die analytische Geometrie sein, ei nur schwerlich zu entscheiden sein wird, welcher Gedanke ihm speziell

Zugang zu seiner neuen mathematischen Methode geöffnet hat. Jeden-

Is sah er seit jenem Tage einen Weg vor sich zu der schon länger von ihm

gewünschten Reform der Mathematik, zur Beseitigung ihrer Unvollkommen-

leiten. Der Mathematik und der Philosophie hatten, wie der Discours erzählt,

» Reg. III.

% Ast«r, Geschichte der aeueren Erkcaatnistheorie.

I

2

Descartes und die Cartesische Schule.

von Anfang an sein Interesse gegolten. An der Mathematik zieht ihn die

Klarheit und Sicherheit ihrer Beweise ebenso an, wie ihn in der Philosophie

das scheinbar hoffnungslose Auseinandergehen der Meinungen, die Unmöglich-

keit, in der Philosophie auch nur einen allgemein anerkannten und von

jedermann zugestandenen Satz zu finden, davon überzeugt, wie weit die

Philosophie noch davon entfernt ist, den Namen einer Wissenschaft zu ver-

dienen. Aber auch die Mathematik in der Form, in der sie vorliegt, die Ana-

lysis der Alten und die Algebra der Modernen, befriedigt ihn nicht g^nz.

Erstens erscheint sie ihm in ihren Gegenständen, in ihrer Anwendung be-

schränkt, es sind nur erdachte, abstrakte Miaterien, die zum Gegenstand mathematischer Untersuchung gemacht werden, nur in den mechanischen

Künsten" findet er sie angewandt. Der auf die Wirklichkeit im ganzen, auf

die letzten und höchsten Probleme des Daseins gerichtete Blick des Philo-

sophen ist es offenbar, der Descartes über das Spezialinteresse des reinen

Mathematikers hinaustreibt. Sein Ziel ist schon hier eine Mathematik, mit

deren Hilfe die philosophischen Probleme gelöst werden sollen, eine Mathe-

matik als allgemeine Wissenschaft, eine Universalmathematik. Aber auch

die Methode, das Verfahren der vorhandenen mathematischen Disziplinen

entspricht nicht seinen Anforderungen und seinen wissenschaftlichen Klar- heitsbedürfnis. Die antike Mathematik ist zu rein geometrisch, sie stützt sich

auf das, was der Anblick zufälliger Figuren uns zeigt, sie appelliert zu oft an

die Einbildungskraft, anstatt an den Verstand, sie sagt uns in vielen Fällen,

daß, aber nicht warum sich etwas so oder so verhält. Die Algebra ist durch

den Gebrauch künstlicher Symbole und Formeln eine verworrene und dunkle

Kunst geworden, die den Geist behindert anstatt ihn auszubilden". Es ist offenbar in beiden Fällen ein und dasselbe, was Descartes stört: der Mangel

an Durchsichtigkeit, Übersichtlichkeit und einheitlicher Methode im ganzen

des Systems; trotz aller Strenge im einzelnen Beweisgang läßt dieser Mangel

die mathematischen Beweise als Zufallsbeweise erscheinen. Die Mathe-

matik sollte in ihrem Gefüge so durchsichtig, so lückenlos und systematisch vollständig sein wie die reine Logik, die ihm in diesem Punkte als Ideal

vorschwebt, nur fruchtbarer als die Ar'stotelische Syllogistik, die uns nirgends

neues lehrt, sondern stets nur erklärt, was man schon weiß (in „analytischen" Sätzen im Sinne Kants sich bewegt).

Diese letzteren Mängel sind es zunächst, die durch die analytische Geo-

metrie für Descartes gehoben werden. Die analytische Geometrie beweist alle ihre Sätze mit Hilfe derselben einfachen und einleuchtenden Rechen-

regeln. Die Evidenz der überall gleichen und wiederkehrenden Rechenregeln

verbürgt die Sicherheit der einzelnen Beweise. Der Umstand, daß man für

den Beweisgang selbst nicht an die einzelne Figur und ihre ZufäUigkeiten

gebunden, auf Umwege und willkürliche Hilfskonstruktionen angewiesen ist,

gibt der Methode ihre Allgemeinheit, Lückenlosigkeit und Durchsichtigkeit:

sie kann überall den allgemeineren vor dem spezielleren Fall behandeln, den letzteren aus dem ersteren ableiten, sie braucht nicht verschiedene Hilfs-

Die mathematische Methode.

o

konstruktionen, um einen und denselben Satz für verschiedene mögliche

Formen und Lagen der Figur zu beweisen, nicht erst eine besondere Unter-

suchung darüber, ob der an einer Figur geführte Beweis auch für eine andere

Lage derselben noch seine Geltung behält, ob hier die benutzte Hilfskonstruk-

tion noch möglich ist oder durch eine andere ersetzt werden muß. Das sind

offenbar die Punkte, die für Descartes den Vorzug seiner Methode bestimmen:

exakte Strenge, Lückenlosigkeit und systematische Vollständigkeit der Be- weisführung, die auf Einsicht, nicht auf Induktion und Aufzählung beruht.

Kenne ich die allgemeine Gleichung des Kegelschnitts, so kann ich zugleich

aus ihr ableiten, welche verschiedenen möglichen Formen von Kegelschnitten

es gibt oder allein geben kann.

Aus Descartes eigenen Worten geht nicht klar hervor, wie weit allgemeine

Überlegungen über Wesen und Aufgabe der Erkenntnismethode überhaupt der Idee und Ausführung der analytischen Geometrie vorausgegangen sind,

wie weit letztere in ihren Grundzügen feststand und als Modell diente, als

nun Descartes an den Plan seiner Universalmathematik herantrat, d. h. an

die Aufgabe, das Wesen der mathematischen Methode allgemein zu fixieren

und die so gewonnene Methode auf die philosophischen Probleme zu über-

tragen. Mehr oder minder ist wohl beides Hand in Hand gegangen, unver-

kennbar dürfte indessen sein, daß doch in sehr wesentlichen Punkten das

Verfahren der analytischen Geometrie der mathematischen Methode direkt

zum Vorbild gedient hat. In den Regeln" hat Descartes zunächst das Ergebnis seiner Reflexion über die richtige Methode der Erkenntnis niedeirgelegt. Die ersten 4 Regeln

enthalten im Grunde nichts weiter, als die schon oben erwähnten formalen

Anforderungen, denen die Wissenschaft genügen muß, jene Anforderungen,

denen die bisherige Mathematik und Philosophie eben nur zum Teil und un-

vollkommen entsprach. Kurz zusammengefaßt lauten sie dahin, daß jede

Wissenschaft nach zweifelsfrei wahren, begründeten, noch genauer metho-

disch, und zwar nach einer Methode, die Lückenlosigkeit und Vollständigkeit

gewährleistet, begründeten Urteilen streben müsse, in denen wir wirkliche

Gegenstände, nicht nur „bloße" Zahlen und „eingebildete" Figuren erkennen.

Am Schluß der IV., in der V. und VI. Regel aber wird nun dem Leser ein Finger- zeig gegeben, wie denn eine Erkenntnis, die diesen Anforderungen genügt,

gefunden werden kann. Der Kern des einzuschlagenden Verfahrens besteht

in einer bestimmten Reihenfolge in der Untersuchung der Gegenstände

genauer im Fortschreiten vom Einfachen zum Komplizierten und Zu-

sammengesetzten.

In aller methodischen Erkenntnis handelt es sich darum, aus der Er-

kenntnis eines Gegenstandes, die wir besitzen, die eines anderen zu ge-

winnen, die wir noch nicht besitzen. Die Gegenstände sind daher für unsere

Erkenntnis entweder absolut, d. h. in sich und aus sich selbst erkennbar,

oder „relativ", d. h. wir erkennen sie ,,aus einem Andern", durch ein Anderes.

Was ist nun absolut ? Sicher ist das Unabhängige absolut im Verhältnis zum

^

Descartes und die Cartesische Schule.

Abhängigen, also überall die Ursache im Verhältnis zur Wirkung, das Ein- fache im Verhältnis zum Zusammengesetzten, das Eine im Verhältnis zum Vielen, in gewisser Hinsicht betrachtet das Allgemeine im Verhältnis zum

Besonderen, insofern es einfacher als das letztere ist, in anderer Hinsicht gesehen aber auch das Individuelle im Verhältnis zum Allgemeinen, insofern

das Allgemeine, um zur Existenz zu gelangen, der Individuen bedarf. Das

Geheimnis der ganzen Methode besteht nun, daß wir überall sorgfältig auf

das im höchsten Grade, auf das schlechthin Absolute achten (Reg. VI).

Das im höchsten Grade, das in jeder Beziehung Absolute, daß es für unsere

Erkenntnis ein solches gibt, wird von Descartes ohne weiteres vorausgesetzt. Das schlechthin Absolute aber wird nun für Descartes das ist der letzte

Begriff, bei dem Descartes stehen bleibt zum schlechthin Einfachen und

Einheitlichen. „Absolutum voco, quidquid in se continet naturam puram

et simplicem, de qua est quaestio".

Überall in den Gegenständen gibt es nur wenige solcher reinen und

einfachen Naturen ; kennen, besitzen wir sie, so ist uns die restlose, lückenlose und absolut gewisse Erkenntnis der betrachteten Gegenstände sicher. Dabei

müssen wir, um eine charakteristische Stelle des Discours zu zitieren, bedenken,

daß es ja von jedem Gegenstand (von einem, also einem einfachen Gegen-

stand, müssen wir erläuternd hinzufügen) nur eine Wahrheit gibt und daß

jeder, der sie findet, so viel weiß, als man davon überhaupt wissen kann". Einen Gegenstand erkennen bedeutet also: ihn in seine letzten, schlechthin

einfachen Bestandteile zerlegen und seine Erkenntnis mittelbar aufbauen

aus dem, was wir an diesen einfachen Bestandteilen unmittelbar erkennen,

es bedeutet zerlegen in die Elemente und Aufbauen, Erzeugen aus denselben,

Analyse und Synthese, resolution und composition, wie Descartes selbst

die Methode zuerst in der Beantwortung der zweiten Objektionen gegen seine

Meditationen bezeichnet.

Nun ist nicht schwer zu sehen, daß Descartes bei diesen Bestimmungen des Erkenntnisbegriffs vor allem an eine bestimmte mathematische Disziplin,

an die Arithmetik gedacht hat, wie denn auch in der Tat unmittelbar im

Anschluß an die eben zitierte Stelle des Discours auf die Arithmetik als Bei-

spiel einer Wissenschaft exemplifiziert wird, in der es methodische Begründung

in dem verlangten Sinn und deshalb auch Lückenlosigkeit und Vollständig- keit der Art, wie sie Descartes schon der systematischen wissenschaftlichen

Erkenntnis fordert, gibt: So kann ein in der Arithmetik unterrichtetes Kind,

wenn es eine Addition gemäß den Regeln, die es gelernt, vollzogen hat, sicher

sein, daß es von der untersuchten Summe alles gefunden hat, was der mensch-

liche Geist überhaupt finden kann; denn schließlich ist es doch nur die Methode, welche lehrt, die rechte Ordnung zu verfolgen, und alle bedingenden Um-

stände des Gesuchten zu beachten, welche alles enthält, was den Regeln der

Arithmetik Gewißheit verleiht" (Disc, II). Um nun hier gleich die entsprechen-

den Termini zu gebrauchen: Von den Zahlen, den Gegenständen der arith-

metischen Erkenntnis, gibt es eine deutliche, eine distinkte Erkenntnis

Die mathematische Methode.

C

im absoluten Sinn des Wortes. Überall wo das Ideal der ,, Deutlichkeit" bei

Descartes vorkommt, wird es, wie ja auch der Begriff der distinctio schon

besagt, mit dem Zerlegen und Unterscheiden der Teile des erkannten

Gegenstandes in Verbindung gebracht, distinkt ist ein Gegenstand erkannt, wenn wir die Elemente, aus denen er besteht, sicher voneinander zu sondern,

ihn in diese Elemente restlos zu zerlegen und wieder aus den Elementen lücken- los aufzubauen imstande sind. Die Erkenntnis ist absolut deutlich, wenn die

Elemente letzte, absolut einfache Elemente sind. Das alles trifft voll-

ständig bei der Arithmetik zu, die jeden ihrer Gegenstände als eine Summe

abstrakter Einheiten begreift. Zugleich sieht man ein, warum die absolut

deutliche Erkenntnis in diesem Sinn Lückenlosigkeit und Vollständigkeit der

Erkenntnis gewährleistet: das Ganze, das in keinem Sinn mehr enthält als

die Teile, das aus den Teilen ohne Rest aufgebaut werden kann, muß auch

in allen seinen Eigenschaften aus den Eigenschaften der Teile heraus be-

griffen werden können: daher die von Descartes erwähnte absolute Voll-

ständigkeit der arithmetischen Erkenntnis. Und dieser Vorzug der arith-

metischen Erkenntnis wird in der analytischen Geometrie auf die geometrische

Wissenschaft übertragen. Die analytische Geometrie, heißt es an einer Stelle des Discours, verbindet die Vorzüge der antiken Geometrie mit denen der

Algebra und verbessert die Fehler der einen durch die andere. Der Vorzug

der algebraischen Symbole bestand darin, daß man mit ihnen rechnen, auf

sie die arithmetischen Rechenregeln überall zum Zweck der Beweisführung anwenden konnte, im Gegensatz zu den geometrischen Beweisen, die sich auf

komplizierte und willkürlich erscheinende Hilfskonstruktionen stützen müssen;

der Nachteil in der Leerheit der Symbole, die Algebraiker rechnen gleichsam

nur mit Symbolen, ihre Symbole bezeichnen nicht bestimmt vorstellbare

und unterscheidbare Gegenstände; darin liegt für Descartes die „Dunkelheit",

die er der Algebra vorwirft (die eher einer „dunkeln Kunst", als einer Wissen-

schaft gleiche). In der analytischen Geometrie wir dieser Mangel ausgeglichen,

denn hier bezeichnen die algebraischen Zeichen bestimmte vorstellbare und

verschiedene Strecken, während zugleich die algebraische Form den überall

nach derselben Methode geführten rechnerischen Beweis der zu erweisenden

Sätze ermöglicht. Das Gegenteil der Deutlichkeit" ist die „Verworrenheit", d. h. also

das Ineinanderfließen der Elemente, die Unmöglichkeit, sie voneinander zu

trennen und zu unterscheiden. Aller Irrtum beruht also eigentHch, das ist die

notwendige Konsequenz der gegebenen Bestimmungen, auf einer solchen

Verworrenheit der zu erkennenden Gegenstände, auf der Unmöglichkeit,

seine letzten Elemente zu finden und voneinander zu trennen. Woraus sich

ergibt, daß das Einfache als solches auch irrtumsfrei erkennbar sein muß,

daß in der Erkenntnis des Einfachen aller Zweifel, alle Ungewißheit behoben

ein muß (vorausgesetzt, daß wir nicht fälschlich ein Zusammengesetztes für einfach halten). Daß das Descartes Meinung ist, sehen wir noch deutlicher

wenn wir uns weiter zwei Dinge vergegenwärtigen. Erstens die schon vor-

5

Descartes und die Cartesische Schule.

erwähnte Behauptung, daß es von jedem einfachen Gegenstand nur eine

„Wahrheit" gibt, mit deren Erkenntnis wir alles erkannt haben, was von

dem betreffenden Gegenstand zu erkennen ist. Drücken wir dies noch anders

aus, so können wir sagen: die Erkenntnis jedes einfachen Gegenstandes kann

nur in einem identischen Satz „a ist a" seinen Ausdruck finden, während bei

allen zusammengesetzten Gegenständen die vollständige Erkenntnis die Form

annehmen muß a ist x + y + z" eine Theorie des Urteils und der Er-

kenntnis, die erst einerseits bei Hobbes, andererseits bei Leibniz ihre klare und ausdrückliche Form erhält. Und zweitens: die Identifikation der Er-

kenntnis des Einfachen und des Zusammengesetzten mit der Intuition und

Deduktion, Den Einfachen gegenüber ist alles Erkennen ein bloßes Hin-

schauen, ein Erfassen eines Inhalts, dem Zusammengesetzten gegenüber

ein Ableiten, d. h. ein Entstehenlassen aus dem Einfachen.

Ehe wir auf diese Identifikation und die erwähnten Begriffe näher ein-

gehen, noch eins: Es wurde schon erwähnt, daß zu den Dingen, die Descartes

an der bestehenden Mathematik nicht befriedigen, dies gehört, daß sie es bloß

mit eingebildeten" Dingen, mit Zahlen und Figuren zu tun hat. Die reine

Arithmetik es wird auf diesen Punkt noch zurückzukommen sein, be-

schäftigt sich nicht mit realen äußeren Gegenständen, sondern mit reinen

Erzeugn ssen des menschlichen Geistes. Damit aber hängt gerade ihre wissen-

schaftliche Vollkommenheit, die absolute Deutlichkeit ihrer Erkenntnis zu-

sammen: wir sind gewiß, daß in den Zahlen niemals mehr enthalten ist, als die Summanden, durch die wir sie selbst erst haben entstehen lassen. Die

Vollständigkeit in der Erkenntnis der Zahlen ist die Folge davon, daß wir in