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Natalia Kuschnerova

DIE
SCHLUCHT
FÜR
ÄSOP

1. Das Gericht

Bisher habe ich verhältnismäßig weniges absichtlich verschwiegen, jetzt und später werde ich aber
einiges verschweigen müssen, was mir noch zu schwer ist. Ich sage das deshalb, damit Sie, wenn das
Gesamtbild hier und da etwas undeutlich werden sollte, nicht glauben, dass Mangel an Beweisen
daran schuld ist, es sind viel mehr Beweise da, die das Bild unerträglich krass machen könnten. Es ist
nicht leicht, darin eine Mitte zu finden.

Franz Kafka

...und dies konnte lediglich an einem Freitag dem dreizehnten passieren, wenn am Horizont
der Vollmond auf Jupiter und Saturn trifft, was nur einmal in zweitausend Jahren geschah,
und ausgerechnet mir, lodernd im Kreuzfeuer der zwölf Geschworenen und meines Anwalts,
einer Kanaille, die mir am meisten den Tod wünschte,

und der Staatsanwalt, der Einzige von allen, der mich nicht hasste, da er an Größenwahn litt,
besser gesagt – er genoss ihn, indem er über den Menschen als der siebte Engel des Jüngsten
Gerichts thronte, blinzelte schon mit dem linken blauen Auge der hübschen Sekretärin zu, sie
solle doch den Kelch in den Saal hereinbringen, in dem er, der Prokurator, sich vor der
Mahlzeit kurz die Hände waschen könne, da mein Fall bereits beendet schien,

und ich fühlte bereits, wie mein Schnurrbart im irrsinnigen Feuer des Scheiterhaufens knistert,
wie ein Strick um meinen schmalen Hals gelegt wird, wie ich in Todesangst um mich schlage,
gefangen in den Klötzen der Guillotine, wie meine aufgerissenen Augen, die tödliche Bahn
des geschärften Fallbeils verfolgend, blitzartig nach unten fielen und im letzten Hauch des
Lebens die Krämpfe des blutüberströmten sterbenden Körpers fixierten,

und ich sah bereits die Freude des Henkers, der noch am Morgen, mit dem beruhigendem
Gefühl von gut verrichteter Arbeit, sich noch die Hände wäscht, bevor er nach Hause kehrt, -
dabei schon in der Vorfreude auf den morgendlichen Koitus mit seiner zarten und molligen
Frau, und anschließend auf eine, von ihr gut zubereitete, Tasse Kaffee - und sich auf dem
Weg überlegt, wie er ihr allerlei interessante Einzelheiten seines, sozusagen, Arbeitstages
erzählt, um ja kein winziges Detail auszulassen, so wie, beispielsweise, der zum Tode
Verurteilte angezogen war, was er sich als Henkersmahlzeit bestellt hatte, wie er sich in der
letzten Sekunde seines Lebens verhalten hatte, ob es irgendwelche komischen Zwischenfälle
gab - dass er vor Angst den verspeisten Schinken erbrach, oder sich kleinmütig in die Hose
machte, was den Armen bisweilen passierte, die nicht in der Lage waren, standhaft der
Vergeltung für ihre Verbrechen entgegenzublicken. Kurz gesagt all die netten Geschichten,
die Frauen, von der Abwesenheit des Mannes gelangweilt, gerne bei einem Kaffee und
frischen Brötchen hören.

Mir stellt sich immer noch das Fell im Nacken auf, allein bei dem Gedanken daran, wie
meisterhaft sie die Untersuchung geführt und hinterlistig mein Misstrauen eingeschläfert
haben, wie genau sie meine Schwäche ertastet haben, nämlich das schmerzhafte Verlangen
danach ein richtiger Mensch zu sein, und dann, dann sah ich, dass ich verdammt war.

Dennoch, als diese Bande von Kommissaren und Sachverständigen, die mir schonungslos
jedes gesagte und nicht gesagte Wort im Maul umdrehten und den Journalisten ständig die
Ergebnisse ihrer so genannten Expertisen vor die Augen hielten, beinah erreicht hatte, dass
alle zwölf Geschworenen dieses lächerlichen Prozesses in ihrer tödlichen Begeisterung
gewillt waren den Schuldspruch zu verkünden, und ich in meiner paralysierenden Ohnmacht
bereit war diese Anschuldigungen anzuerkennen, kam mir plötzlich in den Sinn, dass ich nicht
die geringste Ahnung hatte, auf welche Weise man mich hinrichten wollte und erschrak
förmlich bei dem Gedanken daran, dass sie mich in einen Sack stecken und einfach in einen
See werfen konnten.
Ich betone - allein bei dem Gedanken daran, dass sie niederträchtig genug wären, mich den
Kröten oder Haien zum Fraß vorzuwerfen, stellte sich mir vor Verärgerung und Erniedrigung
das Fell an den Ohren auf, und mir kam ein rettender Gedanke, der meinen scheußlichen Tod
aufschieben und mir doch noch eine Chance geben könnte ihrer Falle zu entkommen.

Interessierte ich mich für Logik, so müsste ich an ihren gesunden Verstand appellieren und sie
im Schlussplädoyer fragen, ob ich der Mörder sein kann, allein schon weil ich diese
Wasserphobie habe, oder wie immer der Fachausdruck dafür ist und dass ich es einfach nicht
fertig bringen würde eine Frau zu erwürgen, sie dann zum Wasser zu schleppen, ihr einen
Betonpfeiler an die Beine zu binden und sie in den See zu schmeißen, in dem sie so gerne
nachts schwamm.

Rein theoretisch, muss ich betonen, rein theoretisch hätte ich sie umbringen können. Zudem
trieben mich diese Theoretisierungen im Morgengrauen auf die taunassen Felder, und ich
kochte vor Eifersucht und heulte aus Verzweiflung den silbernen Abgrund des Vollmonds an.
Wir beide nannten dieses irre Treiben, übrigens, Sublimierung, und meine Shakespeare
ähnliche Leidenschaft - ganz prosaisch - Spiel der Hormone.

...oh weh, oh weh!...

Wenn ich mir meine geliebte Meerjungfrau vorstelle, wie sie einsam und von Seetang umhüllt
am Boden jenes Sees steht, der im übrigen als bodenlos galt - so unerreichbar für mich und
auf ewig verloren!

Ich ging oft mit ihr in der Schlossumgebung spazieren, wir unterhielten uns über dies und das,
oder beobachteten aus dem Augenwinkel die Mäher auf den Wiesen, während wir uns in der
blassen Sonne wärmten, und atmeten diese unbeschreiblichen Düfte ein, wie sie nur vom
frisch gemähten Nachgras kommen, erfreuten uns am Sonnenuntergang oder überlegten,
welches Unglück die eine oder andere Konstellation des Mars bringen könnte. Und jeder
Spaziergang endete immer am Wasser.

Sie wusste um meine panische Angst vorm Wasser und wusste, dass ich sie nie bewältigen
würde, lächelte dennoch jedes Mal verführerisch zu mir rüber - ach, welch berauschend
schnurrendes Lachen - und rief: "Mein liebes Kätzchen, komm zu mir ins Wasser!" Danach
lag sie erschöpft auf dem Steg, der von den Fischern erbaut worden war und ich atmete die
Düfte ihrer Haut und ihrer nassen Haare ein. Und während ich mit geschlossenen Augen an
ihren schneeweißen Füßchen roch, kitzelte ich sie mit meinem Schnurrbart. Sie seufzte vor
Genuss und ich erstarrte dagegen nur bei dem Gedanken daran, dass unsere Liebe nie die
Form einer göttlichen Liebe finden würde, wo doch allein diese mich hätte zufrieden stellen
können. Nur wenn uns vielleicht ein Blitz des bedrohlichen Himmels getroffen hätte, wodurch
wir zu einer harmonischen geschlechtslosen Seele zusammenflossen wären, wie Jürgen mir
versicherte, dem ich allerdings keinen Glauben schenkte.

Sie hatte wunderbares Haar. Man sagte, es hätte diese seltene rötliche Farbe, dieselbe, wie die
Funken eines Lagerfeuers. Genauso wie ihre Augen. Leider war ich farbenblind, und musste
dem wohl oder übel glauben. Dafür unterschied meine sensorische Perzeption tausende von
Nuancen ihres Duftes. Ich hätte sie kartographisch aufzeichnen können, von ihren hyalin
zarten Ohren bis zu den Enden ihrer makellosen porzellanweißen Beine.

Nein, ich versichere ihnen, ich bin kein Mörder.

Aber falls ich, um zur Logik zurückzukehren, zu beweisen versucht hätte, dass man mich
nicht als Verbrecher hinstellen kann und noch weniger als einen "Perversen mit
schizophrenen Charakterzügen und einer Veranlagung zur Gewalttätigkeit" (dieser Auszug
aus den Schlussfolgerungen der Sachverständigen ist ein guter Beweis dafür, wohin das Geld
der Steuerzahler wandert) und dass ich mich nicht schuldig bekennen oder überhaupt schuldig
fühlen könnte, schon allein aus dem Grund, da Schuld ein Fluch ist, der auf unserem Leben in
Form des Gesetzes lastet, weshalb es auch keine absolute Schuld geben kann, und hingerichtet
zu werden auf Grund sich von Zeit zu Zeit ändernden Gesetzen und einer aus irgendwelchen
Paragraphen folgender Schuld - nein, das lag nicht im Rahmen meiner Interessen, und,
schließlich, dass ihr Drang die Wahrheit zu erfahren, wie sie immer wieder betonen, allein
deshalb schon falsch, weil er abwegig ist, was von Freud in seiner Analyse von Ödipus
bewiesen wurde, obwohl, wenn ich weiterhin bei meinem Appell an ihren gesunden Verstand
mich auf die Arbeiten der weltbesten Philosophen stützen würde, so wäre mir der Tod gewiss.
Aber wie ich bereits erwähnte, öffnete mir meine panische Angst vor dem Wasser die Augen
und ich verstand - sie brauchten keine Wahrheit. Was sie brauchten, war ein Opfer.

Und so beendete ich das Philosophieren.


Man sagt, im Alltag müsse man stets wissen, wo die Grenze des Vertrauens zu ziehen sei. Die
Wahrheit, die man verschweigen muss, ist stets viel größer als die Wahrheit die man zur
Sprache bringen könne.

Zudem bin ich nicht dieser verrückte Äsop, dessen Lebensgeschichte mich in der Kindheit auf
Grund meines stark ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexes so in ihren Bann zog. Ich
werde nicht stolz rufen: "Wo habt ihr eure Schlucht für die freien Menschen?"

Weil ich kein Mensch bin.

Und da ich endlich meine Identität gefunden habe, die Identität eines Nichtmenschen, und auf
diesem dornigen Weg die Hoffnungslosigkeit der Liebe, den Gestank des Verrats, die Kälte
der Arglist und die Gewissheit des Todes erfuhr, befreie ich mich von diesen langjährigen
Fesseln, die mich in der Tat beinah schizophren gemacht haben.

Mein Wille war noch nicht so weit gebrochen, als das ich diesen Unmenschen die Freude
bereiten würde, in die Falle ihres Verbalismus zu tappen.

Kurz gesagt, um den Leser nicht mit meiner laienhaften Philosophie zu langweilen, widerrief
ich meine bisherigen Stellungnahmen mit der Begründung sie seien gesetzeswidrig zustande
gekommen, und dass mein Verteidiger mich nicht darüber informiert hatte, dass ich mich
derer hätte ganz enthalten können, in dem ich von meinem bürgerlichen Recht auf die
presumption of innocence Gebrauch gemacht hätte.

Und so kam es, dass es meiner Lüge, eingewickelt in einem Zellophan der Worte, gelang den
Staatsanwalt, dem es immer nur darum ging, die Wahrheit herauszufinden, zu überzeugen.
Dieses komische Männlein wusste nicht einmal, dass seiner Romano-germanischen Sprache
die Nuance fehlt, die den slawischen Sprachen innewohnt, die neben dem Begriff der
Wahrheit mit absolutem Geltungsanspruch auch eine Wahrheit von einer, wie soll man sagen,
niederer Qualität aufweisen, was es den westlichen Zivilisationen unmöglich macht, das
komplizierte Wesen der Slawen zu verstehen.
Irgendwann, wenn Gras über die Sache gewachsen ist, werde ich zur Ausarbeitung meines
linguistischen Konzepts der Philosophie des Bewusstseins zurückkehren.

Worte, Worte, Worte. Sie kommunizieren miteinander lediglich durch Worte. Sie reihen
Worte aneinander, wie kleine Kinder Mosaikbilder oder Spielsteine. Sie sind unlogisch und
unbarmherzig. Sie lieben laute Geräusche und unausstehliche Düfte. Sagen wir es offen - sie
lärmen und stinken. Sie verstehen keine Nuancen oder Halbtöne. Sie sind außerstande den
Zauber der Dämmerung zu begreifen. Inmitten von ihnen zu leben ist eine echte
Herausforderung für meine Psyche. Wieso sind sie denn nicht in der Tat bei Descartes stehen
geblieben?

Aber allein darin liegt meine Rettung. Und von meinem Geschick die Wahrheit in das
Prokrustesbett der Worte zu quetschen, somit also das zurechtzulegen, was bei den
geheimnisvollen Slawen der Wahrheit niederer Güte entspricht, ja davon hängt nun mein
Leben ab.

Ich versuche die ganze Geschichte, die Geschichte von Liebe, Mord und anderer
menschlicher Misere mit Hilfe von Worten, ohne Reflexionen und Philosophieren darzulegen,
und mag sie auch naiv und eklektisch sein, dafür ist aber barmherzig und herzzerreißend. Und
falls es mich, wie ein hungriges Pferd von der Furche zum Gras ziehen sollte, schlage ich
meinem Herausgeber vor, die dem Leser uninteressanten philosophischen Passagen kursiv zu
drucken, damit zu ihrem vollsten Vergnügen nur noch Blut, Leidenschaft und Tränen übrig
bleiben. Das verkauft sich besser.

Von großer Bedeutung ist zudem die Person des Autors. Sehr gut verkaufen sich Bücher,
verfasst von Blinden, Tauben, Stummen oder von Menschen, die die ganze Bandbreite dieser
angeborenen Behinderungen ausweisen, nicht schlecht werden Romane aufgenommen, die
von armlosen mit Hilfe eines im Mund festgehaltenen Stiftes geschrieben wurden, oder noch
viel besser, ein Roman eines vollständig Paralysierten, der mit der Außenwelt mit dem
Morsecode kommuniziert, indem er mit seinem noch einzig intakten Muskel - einem Auge -
blinzelt. Gut verkaufen sich ebenfalls Bücher von zu Tode verurteilten, obwohl ich diesen
Trumpf lieber nicht ausspielen würde.
Resümierend ist zu sagen - ich bin kein Philosoph, kein Linguist und kein Denker. Die Zeit ist
gekommen euch die Wahrheit zu enthüllen. Ich bin kein Mensch, was bedeutet - ich sehe alles
anders, weshalb ich auch besser sehe als andere.

***

...und wir lebten wie Märchenkönige. Wir hatten sogar ein kleines Schloss, umgeben von
Wiesen, Hainen, Bächen und malerischen Hügeln. Das Schloss stand, wie man das so oft in
Damenromanen liest, im Herzen Europas - eine Stunde bis zum nächsten Casino, eine Stunde
bis zur nächsten Stadt, sowie eine Stunde bis zum nächsten Supermarkt. Jeweils per Flugzeug,
Auto und zu Fuß.

Erinnern Sie sich?

Er lag auf einer kleinen Anhöhe, dir von allen Seiten ein wenig von der Straße entfernt war.
Bäume und Pflanzen, alle grün belaubt, gaben den anmutigsten Anblick. Auf dem Gipfel stand
ein Palast mit schönem und großem Vorhof. Seine Säle und Zimmer waren schön, ausgeziert
mit den angenehmsten und sehenswürdigsten Gemälden; die Wiese, Gärten und die
erfrischendsten Wasserbrunnen bewundernswert; die Keller angefüllt mit den köstlichsten
Weinen.

Zum Teufel - besser kann man nicht in Worte kleiden…

Dort lebten wir also einst, ich und meine beiden Schönheiten, und falls uns etwas fehlte, dann
war es ein vierter Mann zum Bridge. Schwer vorzustellen, wie schwer es für uns geworden
war einen vierten zu finden. Meine süße gescheite Alina erklärte das sehr einfach. Sie konnte
überhaupt alles sehr einfach erklären, dass sogar ich es auf Anhieb verstand. Wir stellten an
sich die drei geometrischen Punkte dar, durch die eine Ebene verläuft. Diese, von uns
getragene Fläche, war im Grunde ein standhaftes Tischlein. Kam jedoch ein vierter, wie ein
viertes Tischbein hinzu, so begann der Tisch zu wackeln. Um die Tischplatte auch auf vier
Beinen standhaft zu machen, hätten die Tischbeine gleich groß sein müssen, was, wie sie
verstehen, sehr schwierig war, allein schon deswegen, weil es mir nicht vergönnt war an die
Größe meiner beiden Schönen heranzureichen. So aber gaben die drei Tischbeine
unterschiedlicher Länge ein Gefühl von einer, wenn auch schiefen, Standhaftigkeit. Nun, sie
erinnern sich sicherlich selber an die Anfänge der Geometrie, deshalb werde ich es nicht
weiter vertiefen, zu welche großen Problem ein vierter Mann für Bridge für uns wurde, zumal
für richtige Kenner dieses nicht nur ein Spiel, sondern eine Philosophie ist.

Der, vom Schloss aus, nächste Weiher lag westlich von uns, und, von Zeit zu Zeit, hörte man
das Gestöhn der ungemolkenen Kühe. Dann wussten wir, dass Seppi sich schon wieder die
ganze Nacht in der Disko herumtrieb und seine armen Kühe darauf warteten, bis er sich vom
Ecstasy erholt hatte. Aber mehr als einen Absatz war dieser Seppi auch nicht wert.

Und wenn aus dem Norden der Wind wehte, so setzte uns der störende Geruch von Farbe und
Azeton aus Nordland zu. Dies waren die fleißigen Nordländer, die weiß Gott für wen
zauberhafte Häuser und Villen bauten. Darin lagen der Sinn und die Freude ihres Lebens. Sie
sparten an allem, was keinen Bezug zum Häuserbauen hatte, und falls mal einer dieser
Nordländer, in ein, sagen wir mal, zivilisiertes Städtchen kam, was freilich selten geschah, so
gaben ihm die Menschen aus Barmherzigkeit mal ein paar Münzen, mal ein Brötchen vom
Vortag, mal alte Kleider, die für Obdachlose vorgesehen worden war. Und welche Freude war
es mit den erworbenen Schätzen vor den Einheimischen zu prahlen und über die
Geldverschwendung der Nicht-Nordländer, der für Nordländer undenkbar war, zu lachen und
so den nächsten gesparten Groschen in den Bau eines weiteren Hauses zu investieren. Jeder
Nordländer war Millionär. Ich meine, er wäre Millionär, wenn er den Verstand verlöre und
seine heilige Kuh verkaufen würde - das Eigentum. Obwohl ich bezweifle, dass die Gemeinde
das zugelassen würde. Sie gehörten angeblich irgendeiner Sekte an. Ich glaube, sie waren
Freimaurer. Man sagte auch, dass sie unter der Erde so etwas wie eine U-Bahn erbaut hatten,
die einen sagten, dies wäre eine freimaurer-strategische Einrichtung und die anderen, dass
diese dummen Maulwürfe unter der Erde gruben, um mehr von der Steuer abzusetzen.

Östlich von uns lag Rutland. Dies waren Naturkinder, die von Mutter-Zivilisation noch nicht
wach geküsst worden waren. Alle wie einer waren sie ruhig und geduldsam, intelligent und
mit Talenten gesegnet, die so es schien, längst ausgestorben waren. Sie verdienten sich ihren
Lebensunterhalt durch Magie aller Arten und Formen - so beherrschten sie die Kunst der
Kapno-, Hydro-, Aero,- Geo,- Pyro,- Katopromantie - kurz gesagt waren sie Wahrsager und
benutzten dazu Rauch, Wasser, Wind, Erde, Feuer, Spiegel etc. Sie fertigen Amulette gegen
böses Blicke und tollwütige Hunde, oder auch Zauberkräuter für Verliebte oder Kranke.
Einen hinzu gereisten Dichter prellten sie um einen großen Geldbetrag, indem sie ihm
versprachen seine Warzen mit Hilfe von Inkantatio, also Beschwörungen mit Reimen und
Alliterationen, zu entfernen, was ihm natürlich nicht half, jedoch sehr beeindruckte. Jedem
wurde Zauberei der Art und Herkunft angeboten, die am besten zu seinem Gemüt passte.

Der Sohn dieses Dichters, der die Rechnung über die Warzenbeschwörung seines Vaters
bekam (da, wie bekannt, Dichter im allgemeinen nicht in der Lage sind, sich ihren
Lebensunterhalt selber zu verdienen), versuchte vor Gericht zu gehen, das Oberste Gericht
aber, dessen Mitglieder selber Klienten der Rutländer waren, lehnte die Klage vorsorglich ab,
wonach der Arme sich entschied in Eigenregie die Rutländer zu entlarven und der Welt zu
beweisen, wie schädlich Aberglaube war. Es kaufte sich ein Häuschen bei uns in der Nähe
und kam manchmal auf eine Tasse Tee vorbei, weshalb wir diesen ungleichen Kampf hautnah
mitverfolgen konnten.

Zu Beginn kaufte er sich Bücher über Magie und Aberglauben. Aus ihm wurde bald so ein
guter Experte, dass er den Rutländern eine erfolgreiche Konkurrenz abgegeben hätte. Anstatt
dieser Goldader zu folgen und einfache Leute um ihr Geld zu prellen, ging es zu der
entscheidenden Etappe seines Kampfes über - der Entlarvung des magischen Aberglaubens.
Zu Beginn holzte er bei sich im Garten Holunder aus, was, wenn nicht seinen baldigen Tod,
bestenfalls eine Krankheit bedeutet hätte. Er starb nicht, und stolzierte drei Tage lang wie ein
Pfau, wonach er wegen hohem Fieber ans Bett gefesselt wurde und wofür er nicht die Hexerei
sondern eine Virusinfektion verantwortlich machte. Als er sich dann wieder erholte, wartete
er den Gottesdienst in Rutland ab, und begann an dessen Ende, als die Glocken läuteten, laut
zu Lachen, worauf es ihm, seinen magischen Handbüchern zufolge, das Gesicht hätte
entstellen müssen. Zwei Tage später, als wir unter dem Mäusebaum plauderten, goss er sich
Kaffee über sein schneeweißes Hemd, weil sein Gesicht in der Tat auf einen Schlag
paralysiert war. Aber auch solch Vorwarnung konnte den Armen nicht überzeugen. Nachdem
er bis Weihnachten abgewartet hatte, fing er den schwarzen Kater der Nachbarn, warf das
kastrierte Biest in einen Sack und ging damit um viertel vor zwölf drei Mal um die Rutländer
Kirche. Er starb, wie erwartet, nach drei Tagen. Die Rutländer sind ihm bis heute für die
derart gemachte Werbung dankbar.

Westlich von uns tobte der Kalte Krieg. Dort lag die Grenze zwischen Oberholzland und
Niederholzland. Die Grenze teilte diese, im Grunde toleranten und friedliebenden Menschen
in zwei verfeindete Lager. (Wir lebte in Oberholzland, was ein großes Glück war. Zumindest
aus der Sicht der Oberholzländer.)

Die Gründe für die Feindschaft lagen nicht so sehr an dem Unterschied ihrer Mundarten
(beide Seiten bildeten sich ein, dies wären keine Dialekte, sondern eigenständige Sprachen,
verspotteten die gegnerische Sprache als Unzulänglichkeit und betrachteten ihre Art
Konsonanten oder Diphthonge auszusprechen als Lächerlichkeit), und ebenso wenig im
Unterschied ihrer Kulturen (unter Kultur verstanden sie die Länge ihrer Lederhosen - die
Hose der Niederholzländer war knöchellang und unten gebunden, wogegen die Hose der
Oberholzländer bis zu den Knien langte und unten geschnürt). Der Grund der Feindschaft lag
vielmehr allein im Vorhandensein der Grenze. Dies war der so genannte 'Grenzeffekt', den
ich, nachdem ich ein paar Jahre lang Statistik gesammelt hatte, mathematisch formulieren
konnte. Ich neigte zuerst dazu, ihn durch eine Exponentialfunktion auszudrücken, aber Vira
überzeugte mich schließlich, dass die Poisson-Verteilung korrekter sei. Letztendlich, was
macht man nicht alles wegen Frauen, vor allem, weil die von ihr vorgeschlagene Funktion
eine Verallgemeinerung meines konkret beobachteten holzländerischen Effekts war und ich
davon ausgehen konnte, dass diese Erscheinung an anderen Grenzen nicht dieses
exponentielle Ausmaß erreichte. Meine süße gescheite Alina erklärte Fischer mal meinen
Effekt, und ich stellte erstaunt fest, wie einfach und verständlich sie die schwierigsten Dinge
erklären konnte, so dass sie in zwei bis drei Sätzen dem letzten Penner die Grundlagen der
Differentialrechnung oder auch der Poesie hätte erklären können, vorausgesetzt natürlich,
dass dieser hypothetische Penner seine Bildungslücken hätte beheben wollen. So verwendete
ich in meiner Arbeit die Fischer'sche Varianz, woraufhin mein Effekt, den ich später als
Gesetz formulierte, folgendermaßen aussah:

"Die grenznähenbedingte Feindschaft erreicht ihre größte Ausprägung an der Grenze selber,
und nimmt bei zunehmender Entfernung von der letzteren ab, so dass in ungefähr zehn
Kilometer Entfernung die Menschen etwas besseres zu tun haben, als sich über die
Hosenlänge der Nachbarn aufzuregen."

Um es kurz zu formulieren - der Kalte Krieg artete von Zeit zu Zeit zu offenen
Auseinandersetzungen aus. In der Regel zwei mal im Jahr - im Herbst, wenn die
Oberholzländer nach der Hopfenernte Bier brauten und das Fest des Ersten Fasses feierten,
und im Frühling, wenn sich mit Wein anlässlich des Fests des Ersten Weintraubenblatts
vollaufen ließen. Gelegentlich erreichten uns diese schrecklichen Gerüchte von gewalttätigen
Auseinandersetzungen und guerillaähnlichen Aktionen.

Lediglich ein einziges Mal in der reichhaltigen Geschichte der Koexistenz dieser
kriegerischen Völkchen feierten sie zusammen beim Schaschlikessen, bei dem die
Oberholzländer ihre Erzfeinde zu Bier und Brezel einluden, und diese im Gegenzug ihren
Gegnern Wein und knackige Brötchen spendierten.

Die Geschichte des sechsstündigen Friedens war nämlich die. Ein Ethnograph aus Amerika,
dessen Vorfahren aus unserer Gegend stammten, kam auf die Idee die hiesige Kultur in einem
Buch niederzulegen. Solche Anliegen wurden von den Ober- und Niederholzländern für
gewöhnlich willkommen geheißen. Jedes der angrenzenden Völker sprach mit Stolz von den
Besonderheiten ihrer Gegend. Doch machte dieser Amerikaner, der wie alle Amerikaner blind
in Bezug auf die Nuancierung der Ureinwohner war, den verhängnisvollen Fehler, als er diese
beiden Kulturen zu einer einzigen, der Holzländischen, zusammenfassen wollte. Dies erklärte
sich dadurch, dass seine Großmutter Oberholzländerin war, der Opa dagegen aus
Niederholzland stammte, wodurch zu jener Zeit ihre Liebe an Shakespear'scher Tragik
gewann, und sie sich vor dem Schicksal Romeo und Julias retten konnten, indem sie nach
Amerika, das Bollwerk der Demokratie, flohen.

Allein darüber könnte ich einen verdammt guten Roman schreiben, und tue dies vielleicht
auch, aber, um die Aufmerksamkeit des Lesers nicht von meiner Geschichte abzulenken,
erzähle ich nur kurz das Ende. Als nun dieser Amateurethnograph Kilometer von Video- und
Audiofilm aufgebraucht hatte, wobei er die Grenze bis zu drei mal pro Tag überschritt und
somit alle ungeschriebenen Gesetze von Anstand und Gastfreundschaft ignorierte, und die
zum Abschluss der Untersuchungen beide verfeindete Seiten zu einem gemeinsamen Fest der
Versöhnung einlud, sammelten sich zum ersten und zum letzten mal Ober- und
Niederholzländer, feierten friedlich sechs Stunden lang und aßen die meisterlich zubereiteten
Schaschliks. Der Auslöser dieser Feier verschwand noch an jenem Tag und erschien nicht zur
Feier. Eigentlich, wie böse Zungen aus Nordland behaupten, war er anwesend - und das in
Form der köstlich marinierten Schaschliks. Ich kann nur schwer urteilen, ob das nun die
Wahrheit war, aber, ehrlich gesagt, konnte man sich nur so dieses mehrstündige Fest erklären.
Allein südlich von uns herrschte Ruhe und Frieden, weil sich dort, so weit das Auge reichte,
Wiesenland erstreckte. Und wenn ich neben dem geöffneten Fenster auf dem Dachboden lag,
und auf diese grenzenlos blühenden und wuchernden Gräser schaute und abertausende dieser
berauschenden Duftnuancen einatmete, fühlte ich mich glücklich, denn glücklich fühlt sich
nicht der Mensch, der über die meisten Freuden der Welt verfügt, sonder derjenige, der aus all
denen lediglich die erhabenen auswählen kann.

Die grüne Farbe der Wiese, berühmt geworden durch unseren göttlichen Propheten,
beeindruckt mein Auge, und im selben Augenblick fühle ich, wie mein Geist in eine
glückselige Ruhe versank - als ob ich mich dem Schöpfer allen Seins näherte.

Ich glaube, dass wenn ich nicht farbenblind wäre, würde ich zum Islam übertreten, da ihre
heilige Fahne, wie mir Vira sagte (manchmal versuchte sie mir das Geheimnis der Farben zu
lüften), dieselbe smaragdgrüne Farbe hat, wie das Gras im Frühling. Zudem war mir, ebenso
wie Alina, ihre Toleranz gegenüber Sündern äußerst sympathisch. Ihre Weltanschauung war
die folgende: sollte sich ein armer Schlucker selbst die Seele verunreinigen und auf ihn nach
dem Tode Höllenqualen warteten, wozu soll man ihn dafür noch während seines törichten und
ungerechten Lebens bestrafen? Noch eine Haltung des Islam schien mir aus mathematischer
Sicht sinnvoller, denn sie erkennen die Dreifaltigkeit Gottes nicht an. Und tatsächlich, wenn
Gott existiert, so ist er das geheimnisvollste Wesen, bei dem der Mensch es nicht wagen kann,
ihm etwas hinzuzufügen. Gott kann nur einfach sein und man kann nichts seiner Göttlichkeit
hinzufügen, ohne diese Einfachheit zu verletzen. Beweise mir, wie der eine Türke gesagt hat,
dass drei nicht mehr als eins, oder zumindest gleich, ist, und ich werde Christ.

Solche Gedanken geisterten in meinem vor Glückseligkeit trunkenen Kopf und manchmal, im
süßen Halbschlummer, fühlte ich mich, und alle Muslime, Buddhisten und Christen mögen
mir verzeihen, selber als Gott, der sich selber zur Freude diese Wiesen und Felder, die Berge,
den Mäusebaum und meine wunderschönen Königinnen erschaffen hat.

Bis zu den Bergen im Süden, die bei gutem Wetter sich wie ein blauer Kelch am Horizont
erhoben, war also nichts, was uns mit Lärm, Gestank oder Unglück hätte belästigen können.
Wenn man vom Fön absieht. Dieser Südwind aus dem Bergland färbte den Himmel in ein
unerträgliches violett, zog eine schwarze Bergkette am Horizont und brachte meinen
Königinnen Migräne, wogegen nicht einmal die rutländischen Amulette mit dem Bild des
heiligen Panteleimonos halfen.

Alsdann verschlossen wir die Fenster und Türen, ließen die Jalousien runter und führten
ausgedehnte Gespräche bis in die Abende hinein, über solche, für mich interessanten Themen,
wie Liebe, Sinn des Lebens und die Lust des Todes. Dank dieser Migräne bekam ich die
ersten Ansätze meiner enzyklopädischen Bildung und kostete die Freuden der
philosophischen Speisen.

Doch der größte Trost jener glücklichen Tage waren für mich die feinen Frühstücke. Ich und
meine beiden wunderschönen Königinnen.

Nachdem ich wie ein verrückter Hund durch die Felder gerannt war, kam ich zu Alina ins Bett
und schlummerte dort eine Zeitlang, wobei ich die Düfte ihres schlafenden Körpers einatmete
und auf Vira wartete. Im Schlaf hörte ich ihr leises Vorbeihuschen unter dem Fenster, das
Zuschlagen der Türen, das Rauschen des Wassers aus dem Badezimmer im ersten Stock, das
gemurmelte Lied, wie sie die Treppen hinunterging und dabei ihr nasses Haar bürstete, dann
das wütende Grunzen der Kaffeemaschine, die hasserfüllt den Kaffee ausspuckte, schwarz,
wie Teer aus der Hölle, das Gerassel mit dem Geschirr - das aristokratische Ertönen des
Porzellans, die manierlichen kristallenen Seufzer der hohen Gläser, das silberne Klirren der
Gabeln und Löffel, die Vira mit königlicher Nachlässigkeit aufs Tablett warf, und dann...

...und dann öffnete sich die Tür nach einem präzisen Schlag einer trainierten
Karatekämpferin, und zugleich mit meiner zweiten Königin drang eine ganze Symphonie der
Düfte in das Schlafzimmer - zunächst, gleich den Posaunen des Racheengels beim Jüngsten
Gericht, setzte behäbig die Melodie des Kaffee ein, die sofort von den hohen Geigen der
frischgebackenen Brötchen aufgegriffen wurde und den Menschen die Hoffnung auf die
Erlösung wiedergaben, mit dem Wink des Dirigentenstabes setzten die Violoncelli des
Orangensaftes und die Waldhorne der Marmeladen ein, und über all dem, getragen von den
Klavierakkorden von Tschaikowskis Erstem Konzert, thronte das Getränk, für den ...

... "für den du bereit wärst, deine Seele dem Teufel zu verkaufen", - brummte schläfrig Alina,
wohl wie üblich meine Gedanken lesend. "Ach, mein Lieber, besser du würdest Champagner
zum Frühstück trinken, als diesen Baldrian."
Ich war auf sie deshalb nicht böse, da wir, für gewöhnlich, die Schwächen des anderen
tolerierten. Ich sprang vom Bett auf und rannte auf Vira zu, die währenddessen von Zimmer
zu Zimmer eilte, Fester und Jalousien öffnete, und je nach Wetter entweder den Frühling oder
den Herbst, die Kälte des Winters oder die vorgewittrige Schwüle eines Sommermorgens
hereinließ. Und wir frühstückten friedlich auf Alinas königlichem Bett, wobei es von diesen
friedlichen Frühstücken nicht mehr als fünf oder sechs gegeben hat.

Das schönste war zweifellos das Frühstück, als unter Alinas Fenster der Mäusebaum blühte,
den der Säufer aus Marseille gepflanzt hatte, Alina ihn mir schenkte und Vira mir noch ein
königliches Geschenk bereitete - einen Titel. Von dem Tag an trug ich den Namen
Kristontanopulos Kostakolopulos, Mächtiger Herrscher des Mäusebaums.

Der Baldriantrunk, den Vira an dem Tag besonders gut gemischt hatte, versetzte mir den
finalen Stoß. Ich fühlte mich richtig glücklich und gab mich sogar mit dem ungeheuerlichen
Namen zufrieden, den ich nach dem Vorfall mit dem humpeligen Griechen bekam.
Letztendlich, wie Alina vernünftig sagte, habe ich mich auf diese Weise dem großen Volk
angeschlossen, das solche Berühmtheit durch Zeus, Ziegenkäse und Sirtaki erlangt hatte.

An diesem Morgen fühlten wir uns auch deshalb so glücklich, weil sich der alte Fischer das
Bein gebrochen hatte. Nicht, dass wir uns wegen seines Unglücks freuten, ganz im Gegenteil,
wir liebten ihn sehr, und, als wir Mittags mit Gewissheit von seinem Beinbruch wussten (ich
sage mit Gewissheit, weil Vira sogleich sagte - wisst ihr, ich habe so eine Vorahnung, dass
der alte Fischer sich wohl das Bein gebrochen hat), schickten wir ihm einen Früchtekorb mit
den besten Genesungswünschen, nein, ich meine etwas anderes - an den Tag erhielten wir
durch Fischers Missgeschick keine Morgenpost oder Zeitungen, so dass kein Schwein uns den
Morgen mit unbezahlten Rechnungen, Nachrichten von Börsenstürzen, Überschwemmungen
in Guadeloupe, oder den drohenden Geldeinbußen für die Einheimischen, auf Grund der
Dürre in der Antarktis, vermiesen konnte. Wie erstaunlich es auch klingt, aber meine
ansonsten sehr vernünftigen Freundinnen konnten sich solch belanglosen Ereignisse sehr zu
Herzen nehmen, was uns den Morgen oft verdarb, obwohl sie selber längst nicht mehr an der
Börse spielten, keine guadeloupischen Verwandten hatten und auch kein Geld in die
Entwicklung der antarktischen Landwirtschaft investierten.
Nun, an jenem glücklichen Morgen, als der alte Fischer sich das Bein brach und ich zum
Mächtigen Herrscher des Mäusebaums erklärt wurde, empfingen wir genüsslich den
anbrechenden Tag und unterhielten uns ausschließlich über Angenehmes.

"Was glaubst, mein Herz", wandte sich Vira an Alina, "sollten wir nicht doch die Brötchen
abbestellen? Denkst du nicht, dass sie zum letzten Tropfen für die Oberholzländer werden, der
das Fass zum überlaufen bringt, und wir so doch noch auf dem Scheiterhaufen landen?

"Des ko´ scho´ sei", antwortete Alina mit philosophischer Ruhe und scharmanter heimischen
Mundart und bestrich weiterhin, das goldig gebackene und sündhaft leckere, Brötchen mit
Marmelade. "Aber überleg doch mal, sollten diese Drohungen nur ein Bluff, der in ihrem
Stolz gekränkten Menschen, sein, und sie uns nichts Böses tun wollen (und ich bin mir fast
sicher, dass es nur leere Drohungen sind), und wir uns, wie aufgescheuchte Hühner, von den
Brötchen des niederholzländischen Bäckers trennen ... Außerdem ist es uns sowieso
vorbestimmt wegen des verkrachten Kristantonopulos im Fegefeuer zu lodern."

"Nun gut", gab sich Vira einverstanden, "du konntest mich schon immer überzeugen. Nur
denke ich manchmal - wäre es nicht besser wenn wir ihn menschengerecht begrüben?"

"Dagegen meine ich, mein Schatz, dass es besser wäre, wenn du dich nicht soviel
herumtreiben und solche zweifelhaften Bekanntschaften machen würdest. Und wenn du ihn
schon selber aufgetrieben hast, hättest du ihn heiraten und somit deine Probleme mit den
Dokumenten lösen sollen. Denn egal welcher Bräutigam - du hast immer etwas auszusetzen -
mal zu alt, mal zu lahm, mal nicht der Hellste da oben."

"Sorge dich nicht zu sehr um meine Probleme, mein Herz", Vira biss in das, dick mit
Erdbeermarmelade bestrichene, Brötchen, "es reicht mir schon, dass ich mich mit deinem
Sohn so viele Jahre herumquälen musste."

"Ach, mein Schatz, du hast keine Katze im Sack gekauft. Obwohl", Alina biss ein Stück ihres
mit Butter bestrichenen Brötchens ab, "obwohl ich zugeben muss, dass dein berühmt
berüchtigter Saunabesuch, wo du den humpelnden Griechen kennen gelernt hast, kein
schlechtes Ende genommen hat - unser liebes Kätzchen hat nun einen schönen Pass, und jetzt
kann uns kein Depp daran hindern, ihn mit ins Kasino oder die Kirche zu nehmen."
"Aber mein Herz...", gab sich Vira wie immer nicht einverstanden.

Ich hörte nicht mehr hin. Dieses frühmorgentliche Gezänke wirkte auf mich beruhigend. Ich
fühlte mich behaglich und beschützt zwischen meinen beiden Königinnen, welche diese
Oberholzländer wegen irgendwelchem, mir unbegreiflichen, Schwachsinn auf dem
Scheiterhaufen verbrennen wollten. Obwohl ich manchmal den Oberholzländern in der Tat
glaubte, dass meine Freundinnen Hexen waren. Jedes Mal wenn sie auf diese Weise
gegeneinander stichelten, zogen Gewitterwolken auf. Immer wenn Alina süßlich 'mein Schatz'
sagte, oder Vira 'mein Herz' gurrte, durchzuckten Blitze den Himmel über dem Schloss. Doch
von dem Zeitpunkt an, als ich erfuhr, dass diese Blitze für uns nicht die geringste Gefahr
darstellen, schlief ich immer friedlich bis zum Mittagessen ein.

Wenn ich sage, dass während ihrem süßen Gestichel, das ich einfach göttlich fand, Gewitter
aufzogen, so könnte der gemeine Leser zu dem Schluss kommen, dass meine beiden Schönen
tatsächlich Hexen waren und auf die Weise das Gewitter hervorriefen. Dies ist das typische
Beispiel dafür, wie die Kausalität von Ursache und Wirkung völlig falsch gedeutet werden
kann. Beispielsweise lesen sie in der Zeitung über eine weitere Untersuchung amerikanischer
Wissenschaftler, die angeblich belegen soll, dass alte Knacker, die jeden Morgen zum Joggen
gehen, deutlich seltener an Krankheiten leiden, als Omas und Opas, die vor dem Fernseher
schlummern. Herrgott noch mal! Sie sind nicht deshalb gesund, weil sie laufen, sondern
laufen, weil sie gesund sind. Wenn einer nach einem Anfall gelähmt und gezwungen ist das
restliche Leben im Schaukelstuhl oder gefesselt an ein Beatmungsgerät zu verbringen, soll er
mal versuchen in Turnschuhen durch die Gegend zu rumpeln! Und solcherlei Beispiele gibt es
viele.

So war es auch mit dem Gewitter. Nicht die Streitereien meiner Schönheiten riefen die
Gewitterstürme hervor, sonder war womöglich der vorgewitterliche Ozon der Grund für ihre
Gereiztheit.

Doch damals war ich noch nicht in der Lage die Zusammenhänge logisch zu analysieren. Ich
war noch ein exaltierter Romantiker und wahnsinnig an der Hexenthematik interessiert. Sie
müssen mir Recht geben, darin war tatsächlich etwas Romantisches - zwei bezaubernde
Hexen und ein riesiger schwarzer Kater, ihr Diener in der Nacht des Hexensabbats. Und noch
war da die Versuchung mich über die Mittelmäßigkeit des Lebens zu erheben. Ehrlich gesagt
nährte ich selber die Gerüchteküche der Ureinwohner und spielte dabei genüsslich die Rolle
des Schwarzen Katers, den Ritter der mächtigen Hexen. Mein Gott, ich war so dumm, dass
ich mir nicht einmal vorstellen konnte, wie gefährlich für uns alle mein amateurhaftes Spiel
werden würde.

Heute bin ich fast davon überzeugt, dass Vira und Alina keine Hexen, sonder einfache Frauen
waren. Das heißt jede alleine wäre nur gewöhnlicher Durchschnitt gewesen, doch ihre
Freundschaft, begründet in, mir nicht ganz klaren, verwandtschaftlich-freundschaftlichen
Verhältnissen, ergab die nötige kritische Masse, gegen welche selbst die Rutländer mit ihren
ganzen Beschwörungen und dem Teufelszauber machtlos waren.

***
... und wir lebten, wie ich bereits sagte, wie Märchenkönige. Wir hatten ein kleines Schloss,
das umgeben war von Wiesen, Hainen, Bächen und malerischen Hügeln. Das einzige, was
mich ärgerte waren die anderen Kater. Damals war ich noch ein junger Hüpfer und scheuchte
sie nachts mit jugendlicher Begeisterung. Besonders sorgte ich mich über meinen
Mäusebaum, den der Säufer aus Marseille eigenhändig unter meinem Fenster gepflanzt hatte.
Er versprach, dass wir schon jenen Sommer leckere Mäuse zum Dessert haben würden. Ich
sah bereits in Gedanken, wie der Mäusebaum blüht und wie auf seinen Ästen kleine Mäuse
mit geringelten, spitzen, nach unten hin gewundenen Schwänzchen heranreifen, wie diese
Mäuse mit der Zeit reif wurden, süßlich duftend, schwer auf den Boden fielen und schnell in
den umliegenden Büschen verschwanden.

Als dann endlich der Mäusebaum prächtig blühte, ich bereits einen leichten Mäusegeruch
wahrnahm und die verrückten Nachbarskater verscheuchte, war wahrscheinlich das Einzige,
was mich vor dem Nervenzusammenbruch rettete, der Frost. Er kam unerwartet und tötete
unerbittlich alle Blüten ab. In jener Nacht verschwand auch der alte Franzose. Man sagte, er
hätte sich irgendwo im Wald aufgehängt. Aus Verzweiflung, dachte ich damals, da die
erwartete reiche Mäuseernte binnen einer Stunde vernichtet wurde.

Der Mäusebaum übrigens blühte seitdem nicht mehr.

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