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Marcus Twellmann

Kyber-Sozialismus? Zu Christa Wolfs Neuen Lebensansichten eines Katers

1. Wieners Katze Schon durch ihren Titel weisen Christa Wolfs Neue Lebensansichten eines Katers 1 sich als Aktualisierung von E.TA. Hoffmanns Lebensansichten des Katers Murr aus. Durch die Quellenangabe deutlich markiert, ist dem romantischen Prätext ein Motto entnommen; innerhalb der Erzählwelt reflektiert diesen Bezug auch Kater Max, den Hoffmannschen Kater Murr – wie dieser den gestiefelten Kater Tiecks – als seinen Vorfahren bezeichnend (440). Diese Genealogie ist zum Anlaß genommen für eine Untersuchung der intertextuellen Beziehungen. 2 Sie blieb beschränkt auf das Feld der Literatur. Daß in Wolfs Text wiederholt von „Kybernetik“ (439) die Rede ist, läßt jedoch vermuten, daß ihr Kater nicht nur mit den genannten literarischen Vorfahren, sondern auch mit jenen Artgenossen verwandt ist, die in der Gründungsschrift der 1948 so benannten Wissenschaft vertextet sind. „Wir haben, beschlossen, das ganze Gebiet der Regelung und Nachrichtentheorie, ob in der Maschine oder im Tier, mit dem Namen ‚Kybernetik’ zu benennen“ 3 , heißt es bei Norbert Wiener. Ausführlich wird hier von neurobiologischen Experimenten berichtet: „Wir wählten die Katze zu unserem Versuchstier, den quadriceps extensor femoris als Versuchsmuskel. Wir schnitten die Halterung des Muskels durch, befestigten ihn an einem Hebel mit bekannter Zugspannung und zeichneten seine Kontraktionen isometrisch oder isotonisch auf…“ 4 Die Versuchsleiter gingen von der Annahme aus, das Verhalten tierischer Organismen beruhe auf dem selben Prinzip der Rückmeldung, das maschinell in Servomechanismen realisiert worden war: In beiden Fällen erlaube die Rückmeldung von Informationen über erzielte Wirkungen in den Wirkungsvorgang dessen laufende Steuerung. Solche Selbstregulierung sollte es einem System ermöglichen, auch unter veränderlichen Umweltbedingungen ohne externe Steuerung einen vorgegebenen Sollwert zu erreichen. 5 Um dies zu veranschaulichen, läßt Wiener auch in seinem zweiten, um Allgemeinverständlichkeit bemühten Buch Mensch und Menschmaschine

1 Christa Wolfs, Neue Lebensansichten eines Katers, in: Werke 3. Erzählungen 1960-1980, herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Sonja Hilzinger, München 1999, S. 435-467 (ohne Sigle im laufenden Text zitiert mit Seitenangabe in Klammern).

2 Ricarda Schmidt, „Ein doppelter Kater? Christa Wolfs Neue Lebensansichten eines Katers und E.T.A. Hoffmanns Lebens-Ansichten des Katers Murr“, in: E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch 4 (1996), S. 41-53.

3 Norbert Wiener, Kybernetik. Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine 2 1963, S. 39.

4 Wiener, Kybernetik, S. 49.

5 Norbert Wiener, Mensch und Menschmaschine, Frankfurt am Main/Berlin 1953, S. 21.

eine Katze auftreten, hier jedoch kein Versuchs-, sondern ein Haustier, das, angerufen, den Menschen anschaut, ihn durch ein jämmerlichen Klagelaut von seinem Hunger benachrichtigt, um dann mit einer Spule zu spielen. Diese Lektürefunde im wissenschaftlichen Text wäre als Koinzidenz zu vernachlässigen – wo treiben Katzen sich nicht herum? – würde Max, Hauskatze eines kybernetikbegeisterten Professors, sich nicht als „Versuchsperson“ ausgerechnet für „Reflexstudien“ (444) zur Verfügung stellen. Auch eine Untersuchung der Intertextualität über die Grenzen des Literarischen hinaus würde dem Literaturverständnis Christa Wolfs aber nicht gerecht: „Denn die Quelle einer jeden Literatur sind ja nicht andere Bücher, nicht diese oder jene Ahnenreihe, ihre Quelle ist der Lebensstoff, die Problematik des Landes und der Zeit, aus der heraus und für die sie entsteht.“ 6 In besonderem Maße gilt dies für die Gattung, deren Tradition sie mit ihren Neuen Lebensansichten fortschreibt: Die Utopie ist gekennzeichnet durch den negativen Bezug auf eine soziale Realität, der sie ein imaginiertes Wunsch- oder Schreckbild gegenüberstellt. Während „drei unwahrscheinliche Geschichten“, der Untertitel des Bands, in dem dieser Text zuerst erschienen ist, vermuten läßt, „eine zukünftige DDR“ 7 sei der Ort des Geschehens, hat die Verfasserin im Gespräch mit Hans Kaufmann erläutert, sie habe „einen Verfremdungseffekt in bezug auf Vorgänge, Zustände und Denkweisen erzeugen [wollen], an die wir uns schon zu sehr gewöhnt haben, als daß sie uns noch auffallen und stören würden“. 8 Tatsächlich hatte das kybernetische Denken die gesellschaftliche Wirklichkeit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) 9 bereits tiefgreifend verändert als Wolf im Spätsommer 1970 ihre Erzählung schrieb. „Vergessen Sie mir die Kybernetik nicht, werter Herr Kollege!“ (439) – wie in der Erzählwelt von Dr. Guido Hinz an den Professor Rudolf Walter Barzel, so erging in den 1960er an die Wissenschaftler der DDR die Aufforderung, sich diese neue Denkweise anzueignen. Ihre epochale Bedeutung unterstreicht 1956 einer der ersten in der DDR publizierten Aufsätze zur Kybernetik. 10 Nach Arnost Kolman „bricht das Zeitalter einer ungeheuren kulturtechnischen

6 Christa Wolf, „Notwendiges Streitgespräch“, in: Werke 4. Essays / Gespräche / Reden / Briefe 1959-1974, Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Sonja Hilzinger, München 1999, S. 76-86,

82f.

7 Schmidt, „Ein doppelter Kater?“, S. 51.

8 Christa Wolf, „Subjektive Authentizität. Gespräch mit Hans Kaufmann“, in: Werke 4, S. 401-437, 432f.

9 Zu solchen Akronymen fällt dem gebildeten Kater das Talleyrand-Wort ein, „daß die Menschen ihre Sprache nicht nur dazu verwenden, sich einander verständlich zu machen, sondern auch dazu, schon Verstandenes wieder vor sich zu verbergen“ (461). 10 Nach Segal ist die Übersetzung eines Aufsatzes von M. Jaroschewski, „Die Kybernetik eine neue ‚Wissenschaft’ der Obskuranten“, die erste auffindbare Spur der Kybernetik in der DDR. Vgl. Jérôme Segal, „Kybernetik in der DDR. Dialektische Beziehungen“, in: Cybernetics – Kybernetik. The Macy-Conferences 1946-1953. Bd. 2: Essays und Dokumente, hg. v. Claus Pias, Berlin 2004, S. 227-251, 230.

Revolution an, das Zeitalter der sich selbst regulierenden Maschinen.“ 11 Eine epochale Bedeutung schrieb der Kybernetik auch der ostdeutsche Philosoph Georg Klaus zu. 12 1961 übertrug ihm die Deutsche Akademie der Wissenschaften die Leitung einer „Kommission für Kybernetik“, im Folgejahr gründet sie eine „Sektion Kybernetik“. 13 Noch im Oktober 1961 fand unter dem Titel „Die Bedeutung der Kybernetik für Wissenschaft, Technik und Wirtschaft in der DDR“ eine Konferenz statt. Nicht nur die Akademie rief zur Aneignung der neuen Denkweise auf; im Programm der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) heißt es 1963: „Die Kybernetik ist besonders zu fördern.“ 14 Das sollte auch dem Volk erklärt werden. Heinz Liebscher, ein Mitarbeiter von Klaus hielt von 1964 bis 1968 im Rundfunk der DDR sieben 30-minütige Vorträge über verschiedene Aspekte der neuen Denkweise. 15

2. Die kybernetische Wende des Ostens Lange vor der Verbreitung der 1981 auf den westlichen Markt gekommenen Personal- und Home-Computer, die eine Science-fiction populär werden ließ, deren immer neue Verbindungen mit dem Wort „Cyber-“ das künftige Dasein mit informationsverarbeitenden Maschinen bezeichnen sollten, hat Christa Wolf eine Kyber-Sozietät imaginiert, die jede wünschbare Idealität vermissen läßt. Als „Computer“ (452) noch Großrechenanlagen waren, die in nur wenigen Betrieben und Institutionen zum Einsatz kamen, war ein Unbehagen an der neuen Informationstechnik verbreitet, das auch die Neuen Lebensansichten bestimmt. Eutopisch ist nicht die Erzählung selbst, sondern das Denken ihrer Protagonisten, der Wissenschaftler Barzel, Fettback und Hinz zunächst, die auf die „unbegrenzten Möglichkeiten des Einsatzes von Rechenautomaten“ (452) spekulieren. Mit der Erzählung von solchen Projekten nähert Wolf sich einer Science-fiction, in der die klassische, mit Morus’ Utopia beginnende Tradition der politischen Utopie sich fortzusetzen scheint. „Der ‚Staatsroman’“, so wurde bereits 1957 beobachtet, „stirbt aus“, auch weil „die politischen und sozialen Zielsetzungen zugunsten des ständig wachsenden Einflusses von Wissenschaft und Technik in den Hintergrund getreten“ sind. 16 Zu einem eigenständigen Genre wird die Science-fiction

11 E. Kolman, „Was ist Kybernetik?“, in: Sowjetwissenschaft, Naturwissenschaftliche Abteilung (1956) H. 4, S. 326, zit. n. Heinz Liebscher, Fremd- oder Selbstregulation? Systemisches Denken in der DDR zwischen Wissenschaft und Ideologie, Münster 1995, S. 10.

12 „Die neue Wissenschaft der Kybernetik mit all ihren sozialen, einzelwissenschaftlichen und weltanschaulichen Konsequenzen ist neben der wissenschaftlichen und technischen Bewältigung der Atomenergie und der beginnenden Weltraumschiffahrt das wichtigste wissenschaftliche Ereignis der Gegenwart.“ Georg Klaus, Kybernetik in philosophischer Sicht, Berlin (Ost) 1961, S. 5.

13 Vgl. Segal, „Kybernetik in der DDR“, S. 239.

14 Das Programm der SED, eingeleitet und kommentiert von Stefan Thomas, Köln 1963, S. 75.

15 Vgl. Liebscher, Fremd- oder Selbstregulation?, S. 46.

16 Martin Schwonke, Vom Staatsroman zur Science Fiction. Eine Untersuchung über Geschichte und Funktion der naturwissenschaftlich-technischen Utopie, Stuttgart 1957, S. 4f.

nach Richard Saage in dem Maße, wie eine imaginär angereicherte Prognostik technischer Entwicklungen, deren sozio-politische Dimension vernachlässigt. 17 Vor diesem Hintergrund stellen die Neuen Lebensansichten sich als ein Sonderfall dar: Die Protagonisten dieser Erzählung arbeiten an „TOMEGL“, das steht für „TOTALES MENSCHENGLÜCK“ (440), und „SYMAGE“, das steht für „SYSTEM DER MAXIMALEN KÖRPERLICHEN UND SEELISCHEN GESUNDHEIT“ (450). Wolf bringt den Staatsroman auf den neuesten Stand der Technik und könnte damit an die technisch-utopischen Zukunftsromane anschließen, die im 19. Jahrhundert unter dem Eindruck der Industriellen Revolution „technische Staaten“ entwarfen. 18 Von diesen optimistisch gestimmten Fiktionen ist Wolfs Erzählung nicht nur durch die historische Erfahrung destruktiver Potentiale der Technik getrennt, sondern auch durch eine „wissenschaftlich-technische Revolution“ (WTR), die in der DDR im Anschluß an Bernals Science in History verzeichnet wurde. 19 Gerade diese Revolution, die im Rückblick besser als kybernetische Revolution zu erkennen ist, sollte das utopische Potential der Technik erneuern. Nach dem Zeitalter der Kraftmaschinen konnten sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den neuen informationsverarbeitenden Maschinen wieder Hoffnungen auf eine ideale Gesellschaft verbinden. Das hatte bereits Hermann Schmidts noch vor Wieners Gründungsschrift der Kybernetik 1941 unter nationalsozialistischer Herrschaft verfaßte Denkschrift zur Gründung eines Instituts für Regelungstechnik verdeutlicht:

„Die wirtschaftliche Auswirkung der Regelungstechnik ist ebenso wie ihre technische Entwicklung heute

in der Hauptsache noch Sache der Zukunft. Sie ist aber schon heute voll gewährleistet, denn sie ist in

erster Linie begründet in der Ausschaltung des Subjekts aus dem Bereich der technischen Mittel.“

Nachdem die bisherige Technik den Menschen zum Sklaven nicht-selbsttätiger Maschinen degradiert habe, werde ihn die Automatisierung „seiner Bestimmung gemäß zur schöpferischen Tätigkeit“ befreien. 20 Die zweite industrielle Revolution sollte die Folgeprobleme der ersten lösen und deren Versprechen endlich erfüllen. „Die verpflichtende

17 Vgl. Richard Saage, „Utopie und Science-fiction – Versuch einer Begriffsbestimmung“, in: ders., Innenansichten Utopias. Wirkungen, Entwürfe und Chancen des utopischen Denkens, Berlin 1999, S. 144-155.

18 Vgl. Richard Saage, Politische Utopien der Neuzeit, Darmstadt 1991, S. 151-233. Saage sieht die westdeutsche Technokratiedebatte in einer Kontinuität mit Saint-Simon. Vgl. ders., „‚Technischer Staat’. Zur Vorgeschichte des ‚Späth’-Kapitalismus“, in: Konservatismus in Geschichte und Gegenwart, hg. von Richard Faber, Würzburg 1991, S. 95-106.

19 1961 war eine Übersetzung dieses Werks erschienen, in dessen zweiter Auflage es heißt: „Die technischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts deuten bereits darauf hin, daß wir eine zweite oder vielleicht eine dritte große industrielle Revolution erleben“, und die dazu führe, „die Handfertigkeit des Arbeiters durch Maschinen oder elektronengesteuerte Vorrichtungen zu ersetzen und den Menschen schließlich von der Last monotoner Arbeit im Büro und bei der Beaufsichtigung von Maschinen zu befreien.“ (John Desmond Bernal, Die Wissenschaft in der Geschichte, Berlin (Ost) 1961, S. 493.) Diese Veränderungen sind nach Bernal „nicht einfach eine Erweiterung der Mechanisierung. Wir dürfen hier von einer neuen industriellen Revolution sprechen, und zwar auf Grund der Einführung von Regelungs-, Rechen- und Präzisionsvorrichtungen, die durch die Elektronik verfügbar geworden sind.“ (ebd., S. 579f.)

20 Herrmann Schmidt, Denkschrift zur Gründung eines Instituts für Regelungstechnik (Berlin 1941), (ND Grundlagenstudien aus Kybernetik und Geisteswissenschaft Bd. 2, Quickborn/Hamburg 1961), S. 11.

Parole des Technikers“ hatte „im Hinblick auf die Wirtschaft und auf die Sozialpolitik“ zu lauten: „Alles regeln, was regelbar ist, und das nicht Regelbare regelbar machen.“ 21 Christa Wolf hat die Kybernetik in den Staatsroman eingeführt. In ihrer Erzählung verbindet die moderne Regelungstechnik sich mit einer Kunst der Regierung, die in der griechischen Antike analog zur Kunst (techné) eines Steuermanns gedacht wurde: Wie der kybernétés sein Schiff, so sollte der Staatsmann mit Kunstfertigkeit das politische Gemeinwesen steuern. Nicht anders als die techné kybernétiké erfordert nach Plato auch die techné politiké wahre Erkenntnis (epistémé). 22 Nach diesem durch die cybernetics vermittelten Vorbild begriff in den 1960er Jahren auch die DDR-Führung ihre Planungs- und Leitungstätigkeit. Das dringende Interesse an der Kybernetik war nicht zuletzt in einer ökonomische Krisensituation begründet: Nach dem Bau der Mauer hatte sich gezeigt, daß die offene Grenze nach Westen nicht die eigentliche Ursache der wirtschaftlichen Wachstums- und Versorgungsschwierigkeiten war. Im Vorfeld des VI. Parteitags faßten die Wirtschaftsfunktionäre der SED den Plan, die Lenkung der Volkswirtschaft zu reformieren. 23 Im Juli 1963 beschloß der Staatsrat der DDR die „Richtlinie für das neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NÖS). Über eine weitergehende Mechanisierung und Automatisierung des Produktionsprozesses hinaus versprach die Kybernetik eine Rationalisierung der zentralwirtschaftlichen Planung. Nicht nur sollte die Effizienz von Verwaltungstätigkeiten wie Buchhaltung und Statistik durch den Einsatz von Computern gesteigert werden 24 , auch sollte eine kybernetische Ausrichtung der staatlichen Leitungstätigkeit selbst der DDR im wirtschaftlichen Wettstreit der Systeme zur Führung verhelfen. Durch „maximale Beschleunigung des technischen Fortschritts“ und „ununterbrochene Steigerung der Arbeitsproduktivität“ 25 , nämlich „auf dem Wege der umfassenden Vollmechanisierung und Automation“ 26 , so erklärt es der Artikel „Sozialismus und Kommunismus“ im Philosophischen Wörterbuch, werde die materiell-technische Basis

21 Schmidt, Denkschrift, S. 12.

22 Siehe dazu Irene Meichsner, Die Logik von Gemeinplätzen. Vorgeführt an Steuermannstopos und Schiffsmetaphorik, Bonn 1983, S. 46-61. Bereits im 19. Jahrhundert hatte der französische Elektrophysiker André-Marie Ampère das Wort Cybernétique wieder gebraucht, um die staatlichen Regierungskünste zu bezeichnen. Vgl. Joseph Vogl, „Regierung und Regelkreis“, in: Pias (Hg.), Cybernetics – Kybernetik, S. 67-79,

67f.

23 Siehe dazu Monika Kaiser, Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker. Funktionsmechanismen der SED- Diktatur in Konfliktsituationen 1962-1972, Berlin 1997, S. 57-132.

24 Im Juli 1964 verabschiedete das Präsidium des Ministerrates das „Programm zur Entwicklung, Einführung und Durchsetzung der maschinellen Datenverarbeitung in der DDR in den Jahren 1964 bis 1970“. Vgl. Sobeslavsly, E.; Lehmann, N. J. (Hrsg.): Zur Geschichte von Rechentechnik und Datenverarbeitung in der DDR 1946-1968. Dresden 1996, S. 62.

25 Manfred Buhr/Georg Klaus, Art. „Sozialismus und Kommunismus“, in: Philosophisches Wörterbuch, Berlin 1964, S. 518-530, 523.

26 Buhr/Klaus, Art. „Sozialismus und Kommunismus“, S. 524.

der klassenlosen, kommunistischen Gesellschaft geschaffen. Dafür sei eine „qualifizierte Planung, Leitung und Organisation der Wirtschaft unbedingt erforderlich“. 27 Bei Christa Wolf jedoch erneuert die Techno-Utopie sich nach der kybernetischen Revolution nur in der Erzählwelt; ihre Erzählung selbst setzt die dystopische Tradition der Samjatin, Orwell und Huxley fort, die den Antiindividualismus der klassischen Staatsutopie als totalitär kritisieren und als Mittel zur Herstellung gesellschaftlicher Stabilität technische Varianten der Manipulation oder des offenen Terrors imaginieren. 28 Eine solche Kontrollgesellschaft stellen auch die Neuen Lebensansichten in Aussicht: Auf dem Wege einer „totalen Ausbreitung der alles erkennenden, alles erklärenden, alles regelnden ratio“ (440) soll ein perfekter Gesellschaftszustand hergestellt werden, in dem nur ein zum „Reflexwesen“ verformter „Normalmensch“ (465) sein Glück finden könnte. „Indem es ein logisches, unausweichliches, einzig richtiges System der rationellen Lebensführung unter Anwendung der modernsten Rechentechnik erarbeite[t]“ (452), betreibt SYMAGE, der Text zwingt dem Leser zu diesem Schluß, die Abschaffung des Menschen. Es handelt sich ganz offenbar um eine Anti-Utopie, die vor den Folgen realer Projekte warnt und wie die älteren schwarzen Utopien die Frage aufwerfen soll, wie absehbare Fehlentwicklungen zu verhindern wären. 29 Der utopische Diskurs gegen den diese Erzählung sich richtet, ist kein literarischer, sondern zunächst ein wissenschaftlicher, der im Bewußtsein einer epochalen Wende dem Kommenden erwartungsvoll entgegensieht. 30 Vor allem aber wendet sich Wolf mit ihrer Anti-Utopie gegen einen Regierungsdiskurs, der das kybernetische Steuerungswissen auf die Gesellschaft anwendet. Entscheidend für das Verständnis der Neuen Lebensansichten ist die Frage des utopischen Potentials der Kybernetik: Welchen Perspektiven wurden durch diese neue Wissenschaft eröffnet? Zunächst scheint sie jene Zukunftsentwürfe des 19. Jahrhunderts Realität werden zu lassen, die sich von der technischen Anwendung der fortschreitenden Naturwissenschaft eine tendenzielle Ersetzung körperlicher Arbeit durch maschinelle Produktion versprechen konnten, mit der die Spannung zwischen dem „Reich der Notwendigkeit“ und dem „Reich der Freiheit“ suspendiert würde. 31 Da die ostdeutsche Rezeption der Kybernetik sie in die marxistisch-leninistische Weltanschauung integrieren und als Moment einer umfassenden

27 Buhr/Klaus, Art. „Sozialismus und Kommunismus“, S. 519.

28 Saage, Politische Utopien, S. 285.

29 Saage, Politische Utopien, S. 291.

30 Schon Wiener sah sich zu der Anmerkung veranlaßt, er habe durchaus keinen „wissenschaftlichen Roman utopischen Stils“ schreiben wollen. (Wiener, Mensch und Menschmaschine, S. 101.)

31 Saage, Politische Utopien, 186-194.

politischen und sozialen Programmatik interpretieren mußte 32 , wurden die Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie zum wichtigsten Bezugstext. Nach Marx war der wirkliche gesellschaftliche Lebensprozeß als ein praktischer, materieller Prozeß zu denken, dessen Grundform die in Produktionsverhältnissen vor sich gehende Produktion ist. Aus der technischen Entwicklung der Produktivkräfte sollten Widersprüche zu den Produktionsverhältnissen resultieren, deren Dialektik die gesellschaftliche Bewegung vorantreibt. Ein Abschnitt der Grundrisse deutet an, wie in diesem Rahmen die Automatisierung zu begreifen ist: Im Zuge der Industrialisierung werde die Schöpfung des Reichtums zunehmend abhängig von der Leistungskraft der Maschinen und damit von dem Fortschritt der Technologie, oder der Anwendung dieser Wissenschaft auf die Produktion. Mit der Entwicklung von der einfachen Kooperation zum „automatischen System der Maschinerie“ 33 verändere sich auch die Stellung des Menschen im Produktionsprozeß: „Die Arbeit erscheint nicht mehr so sehr in den Productionsprocess eingeschlossen, als sich der Mensch vielmehr als Wächter und Regulator zum Productionsprocess selbst verhält.“ 34 Auf diesen Text beruft sich Georg Klaus in einem Aufsatz „Zur Soziologe der ‚Mensch- Maschine-Symbiose’“ 35 , der, Marx beim Wort nehmend, den Produktionsprozeß kybernetisch als einen Regelkreis modelliert, aus dem der Mensch heraustritt, um eine Reglerfunktion gegenüber dem sich verselbständigenden Maschinensystem zu übernehmen. Hier ist er nur noch „Konstrukteur bzw. Einrichter und Überwacher des Regelsystems. Im nächst höheren Stadium der Entwicklung gibt der Mensch nur noch die Produktionsziele an und legt in die automatischen Systeme die von ihm erkannten allgemeinsten Evolutionsprinzipien hinein“. 36 Der Produktionsprozeß sollte zu einem in sich geschlossenen, sich selbst regulierenden und optimierenden System werden. Die „objektiven Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung der Produktivkräfte“ verlangen aus der Sicht des sozialistischen Kybernetikers die „fortschreitende Eliminierung des subjektiven Elements“. 37 Wie Hermann Schmidt interpretiert auch Georg Klaus die Ausschaltung des Subjekts als seine Befreiung. Die

32 Siehe dazu Gerda Haufe, Dialektik und Kybernetik in der DDR. Zum Problem von Theoriediskussion und politischgesellschaftlicher Entwicklung im Übergang von der sozialistischen zur wissenschaftlich-technischen Realisation, Berlin 1980.

33 Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, in: Marx Engels Gesamtausgabe (MEGA2), Abt. II/Bd. I, T. 2, Berlin 1981, S. 571.

34 Marx, Grundrisse, S. 581.

35 Georg Klaus, „Zur Soziologie der ‚Mensch-Maschine-Symbiose’. Eine kybernetische Betrachtung ”, in:

Deutsche Zeitschrift für Philosophie 10 (1962) H. 7, S. 885-902.

36 Vgl. Klaus, „Zur Soziologie der ‚Mensch-Maschine-Symbiose’“, S. 888.

37 Klaus, „Zur Soziologie der ‚Mensch-Maschine-Symbiose’“, S. 899.

Automatisierung sollte die Aufhebung einer „technischen Entfremdung“ herbeiführen, die aus dem Zwang zu immer gleich wiederholter Tätigkeit resultiert 38 :

„Kybernetik und Automation […] ermöglichen es dem Menschen, sich von aller schematischen,

unschöpferischen Arbeit zu befreien, geben ihm die Zeit für eine allseitige wissenschaftliche und

technische Bildung, d. h. für die unerläßlichen Voraussetzungen einer wirklichen schöpferischen Arbeit

auf dem heutigen Stand der Produktion und führen zur wirklichen Aufhebung des Gegensatzes von

‚geistiger und körperlicher Arbeit’!“ 39

Demnach sollte der angestrebte Übergang von der sozialistischen zur kommunistischen Gesellschaft, einer „Gesellschaft der schöpferischen Arbeit“ und „der vollen Entwicklung der Persönlichkeit“ 40 , durch Aneignung, Entwicklung und Einsatz der kybernetischen Regelungstechnik erst möglich werden. Dieser Kyber-Sozialismus aber war mit einer Anthropologie schwer zu vereinbaren, die Arbeit als Selbsterzeugung des Menschen versteht. Arbeit, so erklärt Engels im Hinblick auf die Gattungsgeschichte, „ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinne sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen“. 41 Hegel hatte Marx vorgedacht, „das formierende Tun“ sei „das reine Fürsichsein des Bewußtseins, welches nun in der Arbeit außer es in das Element des Bleibens tritt“; das arbeitende Bewußtsein komme so zur „Anschauung des selbständigen Seins als seiner selbst“. 42 Nach Marx sollte der Einzelne durch materielle Tätigkeit in seinen Produkten sich selbst vergegenständlichen, in ihnen sich wiedererkennen und so zu sich kommen. Die kybernetische Vollautomatisierung schien mit dem Subjekt auch dessen Autoproduktion ausschalten zu wollen. „Zu behaupten, der Mensch sei als Beherrscher des Produktionsprozesses selbst nicht mehr Teil der Produktion, also nicht mehr ein produzierendes gesellschaftliches Wesen“, käme nach Kurt Teßmann „einer Revision des Marxismus-Leninismus gleich“. 43 Seine Kritik an der Klausschen Utopie basiert auf der Unterscheidung von Produktion und Fertigung: Marx, der Arbeit als eine „ewige Naturnotwendigkeit“ versteht, „um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln“ 44 , habe ausschließlich die Fertigung gemeint, als er den

38 Vgl. Georg Klaus, Kybernetik und Gesellschaft, S. 150.

39 Georg Klaus, „Schematische und schöpferische Arbeit in kybernetischer Sicht“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 9 (1961) H. 3, S. 166-183, 344-357, 348.

40 Buhr/Klaus, Art. „Sozialismus und Kommunismus“, S. 522.

41 Friedrich Engels, „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“, in: Marx/Engels Werke Bd. 20, Berlin (Ost) 1962, S. 444-455, 444.

42 G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Werke 3, hg. v. Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Frankfurt am Main 1970, S. 154.

43 Kurt Teßmann, „Mensch, Produktion und Technik in der wissenschaftlich-technischen Revolution“, in:

Deutsche Zeitschrift für Philosophie 13 (1965) H. 3. S. 262-277, 269.

44 Karl Marx, Das Kapital Bd. 1. (=Marx/Engels Werke Bd. 23), Berlin 1972, S.57.

Menschen als Regulator automatisierter Prozesse vorstellte; zwar löse er sich aus dem Bereich der Fertigung, „nicht aber aus dem technologischen Gesamtprozeß der gesellschaftlichen Produktion.“ 45 Betrachtet man letztere als Regelkreis, ist nach Teßmann festzuhalten: Auch wenn er sich als Regler betätigt, so bleibt der Mensch doch Teil der Regelstrecke und regelt damit wesentliche Bereiche seiner eigenen produktiven Tätigkeit, d.h. der Erzeugung seiner selbst. Automatisierung mußte demnach tief in das Selbstbewußtsein der Produzenten eingreifen. Mit dieser Perspektive hat Christa Wolf das dystopische Potential der Regelungstechnik erfaßt. Ihre Erzählung stellt eine Zunahme der technischen Entfremdung dar, die weniger in der gesellschaftlichen Produktionsweise als in den Produktionstechniken ihre Ursache hat. Darin sah Wolf eine genuin literarische Aufgabe: „Literatur in unserer Zeit, wenn sie überhaupt einen Sinn haben soll und sich selbst ernst nimmt, muß mithelfen, den Gebrauch, den wir von den selbstgeschaffenen Geräten und Instrumenten machen, zu humanisieren.“ 46 Der kybernetische Stand der Produktivkräfte hat sie zunächst im Hinblick auf die gesellschaftlichen Subjekte interessiert, deren Selbstverwirklichung den Bedingungen der Technik unterworfen ist. Geräte und Instrumente waren nach Marx als Produkte der Arbeit zu begreifen, die im Unterschied zu anderen den weiteren Stoffwechsel mit der Natur bestimmen. Demnach ist nicht nur die Stellung des Menschen zur Natur eine historische, auch die Identität der gesellschaftlichen Subjekte ist abhängig vom Stand der Produktivkräfte. 47 Damit stellt sich die Frage nach dem durch die Werkzeuge geprägten „Menschentyp“:

„Mich interessiert natürlich nicht in erster Linie, mit welchen Produktionsmitteln werden wir morgen

produzieren. Mich interessiert, was für Menschen werden diese automatischen Anlagen bedienen? Was

für einen Menschentyp bringt unsere Gesellschaft hervor? Wird das ein apolitischer Technokrat sein?

Werden es Sozialisten sein?“ 48

Die Wortwahl zeigt einen Problemhorizont an, den in Westdeutschland Helmut Schelskys 1961 mit seinem Vortrag „Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation“ 49 eröffnet hatte. Im Ausblick auf „die neuen Strukturen und Gesetzlichkeiten eines kommenden Zeitalters“ 50 war die zwangsläufige Heraufkunft eines „technischen Staats“ behauptet worden, in dem gesellschaftlich relevante Entscheidungen nicht mehr auf dem Wege politischer Willensbildung, sondern von Fachleuten nach sachlogischen Kriterien getroffen werden. Diese Voraussage geht aus von dem Tatbestand einer „universal gewordenen Technik“, die

45 Teßmann, „Mensch, Produktion und Technik“, S. 269.

46 Christa Wolf, „Gegenwart und Zukunft“, in: Werke 4, S. 337-340, 338.

47 Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse, Frankfurt am Main 1968, S. 36-59.

48 Wolf, „Notwendiges Streitgespräch“, S. 84.

49 Helmut Schelsky, Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation, Köln/Opladen 1961.

50 Schelsky, Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation, S. 10.

über die Güterproduktion hinaus auch zur „Methode der Beherrschung und Erzeugung der sozialen Beziehungen“ und der „Veränderung, Beherrschung und Erzeugung des seelischen und geistigen Innenlebens des Menschen“ 51 werde. „Sozial- und Humantechniken“ unterstehen gleichermaßen einem „unserem Denken längst selbstverständlich gewordene[n] Imperativ“ der größtmöglichen Effizienz. 52 Im Anschluß an Herbert Marcuses Vertiefung dieser Analyse durch den Nachweis eines „zuinnerst instrumentalistischen Charakters“ wissenschaftlicher Rationalität, „kraft dessen sie a priori Technologie ist und das Apriori einer spezifischen Technologie – nämlich Technologie als Form sozialer Kontrolle und Herrschaft“ 53 , konnte Jürgen Habermas eine Logik des kommunikativen Handelns rekonstruieren, die durch die wissenschaftlich-technische Rationalität absorbiert worden sei. Technokraten – den „bürokratischen Sozialismus“ schließt er ausdrücklich ein – wollen seiner Ansicht nach „die Gesellschaft dadurch, daß sie sie nach dem Muster selbstgeregelter Systeme zweckrationalen Handelns und adaptiven Verhaltens rekonstruieren, in derselben Weise unter Kontrolle bringen wie die Natur“ 54 , mit technischen Mitteln nämlich. Die Logik der gesellschaftlichen Interaktion aber sei eine andere als die der Naturbeherrschung. Konsequent hat Habermas die „Reduktion des Selbsterzeugungsaktes der Menschengattung auf die Arbeit“ 55 , auch bei Marx kritisiert, die Aktualität seiner Kritik aber in ihrem Zusammenhang mit der kybernetischen Utopie gesehen: Die „Konstruktion von lernenden und steuernden Maschinen, die den vollständigen Funktionskreis zweckrationalen Handelns weit über die Kapazität des natürlichen Bewußtseins hinaus simulieren und menschliche Leistungen substituieren“ 56 , führe eben nicht automatisch zu herrschaftsfreier Interaktion. Diese Kritik an der Reduktion gesellschaftlicher Praxis auf Arbeit hallt mehrfach in Wolfs Erzählung nach, in der ironischen Bemerkung des Katers etwa, die Menschheit sehe „ihren eigentlichen Daseinszweck“ bekanntlich in der „Produktion materieller Güter“ (438). Unübersehbar stehen die hier satirisch dargestellten Projekte unter der Vorgabe wirtschaftlicher Produktivitätssteigerung: „Unordnung, Zeitverschwendung, unökonomischer Kräfteverschleiß“ (451) sollen eliminiert werden; das trifft wie jede „Verschwendung ideeller und materieller Produktivkräfte“ auch den „unproduktiven Wirtschaftszwei[g]“ der Belletristik (438). Abweichend von ihren programmatischen Äußerungen zielt Wolf in den

51 Schelsky, Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation, S. 11.

52 Schelsky, Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation, S. 12.

53 Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Neuwied und Berlin 1967, S. 172.

54 Jürgen Habermas, „Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’“, in: ders., Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’, Frankfurt am Main 1968, S. 48-103, 96.

55 Habermas, Erkenntnis und Interesse, S. 58.

56 Jürgen Habermas, „Arbeit und Interaktion. Bemerkungen zu Hegels Jenenser ‚Philosophie des Geistes’“, in:

ders., Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’, Frankfurt am Main 1968, S. 9-47, 46.

Neuen Lebensansichten zumindest nicht auf eine Selbstverwirklichung des Menschen im Produktionsprozeß, sondern auf eine Intersubjektivität, die von instrumenteller Rationalität frei wäre. 57 Daß es in den Neuen Lebensansichten um die kyber-sozialistische Variante der „technokratischen“ Utopie reagiert, macht schon die Tatsache deutlich, daß die Protagonisten dieser Erzählung nicht Maschinenbau-, sondern Humanwissenschaftler sind: ein „Ernährungswissenschaftler und Physiotherapeut“ (438), ein „Professor der Angewandten Psychologie“ (435) und ein „kybernetische[r] Soziologe“ (438). Die Anwendung der Kybernetik auf die Gesellschaft hat in der DDR an der Seite von Georg Klaus vor allem Heinz Liebscher in der Überzeugung vorangetrieben, daß sie „nicht nur Änderungen der Vorstellungen des Menschen über die äußere Welt mit sich bringt, sondern über das Wesen des Menschen und seines Denkens selbst. 58 Auch Mensch und Gesellschaft sind kybernetische Systeme.“ 59 Diese Anwendungsmöglichkeit hatte sich schon bei Wiener abgezeichnet. 60 Dessen Untersuchungen zu Prozessen der Nachrichtenverarbeitung konzentrierten sich zunächst jedoch auf Einzelwesen, auf Lebewesen und Maschinen: Hier sollten analoge Strukturen nicht im Hinblick auf die Materialität ihrer jeweiligen Realisierung, sondern mathematisch erfaßt werden durch „den viel fundamentaleren Begriff der Nachricht […], gleichgültig, ob diese nun auf elektrischem, mechanischem oder nervösem Wege übertragen wird“. 61 So kann Wiener behaupten, daß „die Arbeitsweisen des lebenden Individuums und die einiger neuerer Kommunikationsmaschinen völlig parallel verlaufen“. 62 Auch das Verhalten einer Katze zum Beispiel beruhe auf dem Prinzip der Rückmeldung: „Ich

57 Man hat kritisiert, die Verfasserin übernehme „relativ kritiklos die romantischen Aversionen gegen Rationalismus, Leistungswillen, materielle Produktivität“. (Hans-Georg Werner, „Zum Traditionsbezug der Erzählungen in Christa Wolfs ‚Unter den Linden’“, in: Weimarer Beiträge 22 (1976) IV, S. 36-64, 59). Indem diese Kritik die Arbeit als „Grundlage aller Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt“, auch der Liebe, behauptet, scheint sie die Bestätigung für den Habermasschen Verdacht erbringen zu wollen, eben in der Verschleierung der Differenz von Praxis und Technik beweise sich die ideologische Kraft der Technokratie. (Vgl. Habermas, „Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’“, S. 84, 91.)

58 Zu den unterschiedlichen kybernetischen Ansätzen im Bereich der Politischen Ökonomie siehe Steffen Werner, Kybernetik statt Marx? Politische Ökonomie und marxistische Philosophie in der DDR unter dem Einfluß der elektronischen Datenverarbeitung, Stuttgart 1977, S. 44-71.

59 Heinz Liebscher, „Kybernetik und philosophische Forschung“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 13 (1965) H. 2, S. 188-193, 192.

60 „Was die Soziologie und Anthropologie betrifft, ist es offenkundig, daß die Information und Übertragung als Mechanismus der fortschreitenden Organisation vom Einzelwesen zur Gemeinschaft von Bedeutung ist.“ (Wiener, Kybernetik, S. 48.)

61 Wiener, Kybernetik, S. 35.

62 Wiener, Mensch und Menschmaschine, S. 26. Karl Steinbuch konnte auf dieser Linie eine „kybernetische Anthropologie“ entwickeln, die eine „enge Verwandtschaft zwischen den organischen und den technischen Systemen“ voraussetzt und die auch die „geistigen Funktionen“ als die „Aufnahme, Verarbeitung, Speicherung und Abgabe von Informationen“ betrachtet. (Karl Steinbuch, Automat und Mensch. Auf dem Weg zu einer kybernetischen Anthropologie, 3. neubearbeitete Aufl. Berlin/Heidelberg/New York 1965, S. 2.) Klaus zitiert dieses Buch in seinen Arbeiten häufig.

rufe die Katze an, und sie schaut auf. Ich habe eine Nachricht gesandt, die sie durch ihre Sinnesorgane empfangen hat und deren Empfang sie durch ihr Verhalten ausdrückt.“ 63 In diesem Ansatz ist das eigentliche utopische Potential der Kybernetik begründet: „Denn wenn der Technikbegriff derart ausgeweitet wird, daß er Lebewesen und Maschinen einschließt, ergibt sich ein enormer Raum für Spekulationen über mögliche Ereignisse innerhalb dieser ‚technischen Sphäre’ des Seins.“ 64 Wiener äußert sich allerdings skeptisch zu Versuchen, „die Methoden der Naturwissenschaften auf die Gebiete der Anthropologie, Soziologie und Volkswirtschaft auszudehnen“, um „Kontrolle über unsere soziale Umgebung“ zu gewinnen. Ausdrücklich warnt er vor einem „übertriebenen Optimismus“ und „falschen Hoffnungen […] über die soziale Wirkungskraft der neuen Wege des Denkens, die dieses Buch auch immer enthalten mag“. 65 Wieners Skepsis hat Liebscher zur Kenntnis genommen, sie aber auf die kapitalistische Wirtschaftsweise zurückgeführt: Im Sozialismus, dem die Anarchie der Produktion fremd sei, sollten bessere Möglichkeiten zur regulierenden Beeinflussung ökonomischer Prozesse bestehen. 66 Georg Klaus und Gerda Schnauß erklärten 1965 im Parteiorgan Einheit, „daß Plan, Ziel, Planungsmethoden ihrem spezifischen Wesen nach kybernetisch sind“. 67 Dies voraussetzend konnte Liebscher sich auch in der weiteren Auseinandersetzung mit Wiener „auf Fragen der Anwendung der Kybernetik und ihrer Methoden im Bereich der menschlichen Gesellschaft, namentlich der Ökonomie“ 68 , konzentrieren. Entwickelt hat er sie in seiner 1966 erschienen und vom Dietz-Verlag in 20000 Exemplaren verbreiteten Schrift Kybernetik und Leitungstätigkeit: Die Kybernetik erschließe der Leitung von Staat und Volkswirtschaft wesentlich vollkommenere Methoden für die Sammlung von Daten über die Ergebnisse der Produktion und über andere für die Leitung wesentliche Informationen, für die Weiterführung dieser Daten an die Leitungszentren, für die Verarbeitung der Daten in den Zentren und für die Rückführung entsprechender Lenkungsinformationen an die Produktionsstätten und staatlichen Institutionen. Angestrebt wird „eine Automatisierung im

63 Wiener, Mensch und Menschmaschine, S. 21.

64 Claus Pias, „Unruhe und Steuerung. Zum utopischen Potential der Kybernetik“, in: Die Unruhe der Kultur. Potentiale des Utopischen, hg. v. Jörn Rüsen, Velbrück 2004, S. 301-326, 304. 65 Wiener, Kybernetik, S. 233. Wie der Original-Titel seines zweiten Buchs The Human Use of Human Beings -

Cybernetics and Society ankündigt, wird die These, menschliche Tätigkeit beruhe auf einem Regelkreis, hier mit dem Bekenntnis zu einer freiheitlichen Gesellschaft verbunden.

66 Heinz Liebscher, „Zur Rolle Norbert Wieners bei der Herausbildung der Kybernetik“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 12 (1964) H. 6, S. 661-667, 665.

67 Georg Klaus/Gerda Schnauß, „Kybernetik und sozialistische Leitung“, in: Einheit 20 (1965) H. 2, S. 93-104,

102.

68 Heinz Liebscher, „Rezension zu Norbert Wiener, Kybernetik. Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine. Düsseldorf/Wien 1963“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 13 (1965) H. 1, S. 123-128, 124.

Bereich der für die Leitung von Staat und Wirtschaft erforderlichen Informationsflüsse“, die „für die Beherrschung der komplexen Prozesse der kommunistischen Gesellschaft unabdingbar notwendig“ sei. Wer befürchtet, daß Automatisierung im Bereich der Leitung die „sozialistische Demokratie zu einem Staatswesen verkehren könnte, in dem die ‚Roboter’ administrieren“ 69 , wird von Liebscher auf die Tatsache verwiesen „daß dieser Prozeß nichts anderes ist als die logische Ergänzung und notwendige Entsprechung zur fortschreitenden Automatisierung der materiellen Produktion“. 70 Walter Ulbricht zumindest war überzeugt:

„Die Erkenntnisse der Kybernetik müssen bewußt zu einer der Grundmethoden der wissenschaftlichen Organisation staatlicher Führung gemacht werden.“ 71 Mit ihrer anti-utopischen Fiktion verfolgt Christa Wolf offenkundig die Absicht, das Vorhaben einer kybernetischen Regierung ad absurdum zu führen: Der Versuch, „einen lückenlosen Katalog aller menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten“ (458) zu erstellen und diese mit dem System der maximalen körperlichen und seelischen Gesundheit zu verrechnen, endet mit einer Fehlermeldung der Rechenmaschine: „EINANDER AUSSCHLIESSENDE REGELKREISE NICHT ZU EINEM FUNKTIONSFÄHIGEN SYSTEM ZU VEREINEN.“ (459) Auch die Wissenschaftler müssen einsehen, „daß die einzige Variable in ihrem Systemkomplex die Größe MENSCH war“ (461). Deutlicher noch als ihre Kritik an einer Universalisierung der wissenschaftlich-technischen Rationalität lassen ihre fiktionalen Vorgriffe auf zukünftige Arbeitsverhältnisse eine Affinität zur westdeutschen Kritik des technokratischen Bewußtseins erkennen: Überzeugt von den „unbegrenzten Möglichkeiten des Einsatzes von Rechenautomaten bei der Simulierung gesellschaftlicher und nervaler Prozesse“ (452), wenden Barzel, Hinz und Fettback das kybernetische Wissen zum Zweck der „Persönlichkeitsformung“ (463) auch auf die Psyche an. Genau dies hatte Habermas, angeregt durch den amerikanischen Futurologen Hermann Kahn 72 , für die Zukunft in Aussicht gestellt: Man werde versuchen, das menschliche Verhalten „durch unmittelbar physische oder psychologische Beeinflussung in selbstregulierte Sub-Systeme des Mensch- Maschine-Typus zu integrieren“. 73 Davon lassen sich Wolfs fiktive Psycho- und Soziokybernetiker auch durch die Unberechenbarkeit des Menschen nicht abhalten. Vielmehr arbeiten sie daran, „den Katalog des Menschlichen von allem Überflüssigen zu säubern“

69 Siehe z. B. Pierre Bertaux, „Denkmaschinen und Kybernetik im Kontext der kulturellen Gesamtentwicklung“, in: Grundfragen der Kybernetik, hg. v. O.W. Haseloff, Berlin 1967, S. 47-54, 53f.

70 Heinz Liebscher, Kybernetik und Leitungstätigkeit, Berlin (Ost) 1966, S. 46.

71 Walter Ulbricht, „Die Konstituierung der staatlichen Organe und Probleme ihrer wissenschaftlichen Arbeitsweise“, in: Das System der sozialistischen Gesellschafts- und Staatsordnung in der Deutschen Demokratischen Republik. Dokumente, Berlin (Ost) 1969, S. 762, zit. n. Werner, Kybernetik statt Marx?, S. 83.

72 Habermas bezieht sich auf Hermann Kahn, „Toward the Year 2000: Work in Progress“, in: Daedalus, Sommer

1967.

73 Habermas, „Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’“, S. 97.

(461f.): Schöpferisches Denken, Persönlichkeit, Überzeugungstreue, Vernunft und Sexus – „so wurde ein Haufen unnützer Plunder dem Menschen, der geeignet war, der Wohltat von SYMAGE teilhaftig zu werden, allmählich weggeformt.“ (463) Die Parole des Technikers:

„daß nicht Regelbare regelbar machen“, wird hier befolgt. Am Ende konvergieren diese Persönlichkeitsformung und Barzels Experimente mit einem „Reflexwesen, einem einfachen Regelsystem, das, von einem einzigen Zentrum aus gesteuert, mit einem Freiheitsspielraum von plus minus null in genau voraussagbarer Weise auf Reize antwortet“ (458). Diese Projekte sind durchaus nicht reine Fiktion, vielmehr werden hier reale gesellschaftliche Tendenzen imaginär in die drohende Zukunft eines Regelungstotalitarismus verlängert. Ende der 60er Jahre war beschlossen worden, die psychologische Forschung mit einer Fokussierung auf das Leitthema der „sozialistischen Persönlichkeit“ zu verstärken. 74 Wie andere Wissenschaften sollte auch die Psychologie zu einer Produktivkraft im wirtschaftlichen Prozeß werden. Die technische Revolution hatte eine Arbeitswelt hervorgebracht, deren Probleme nach Ansicht des Wissenschaftlichen Beirats des Staatssekretariats für Hoch- und Fachschulwesen „nur mit Hilfe der Psychologie lösbar“ 75 waren. So arbeitete eine kybernetische „Ingenieurspsychologie“ an der „Optimierung von Mensch-Maschine-Systemen hinsichtlich solcher Kriterien wie Genauigkeit, Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit“. 76

3. Das Subjekt der Geschichte Nach Liebscher markiert das 10. Plenum des Zentralkomitees der SED, das am 28. und 29. April 1969 stattfand, 77 eine „antikybernetische Wende“. 78 Kybernetik, Systemtheorie und ähnliche Ansätze, so erklärte das ZK-Mitglied Kurt Hager am 30. April in der Tageszeitung Neues Deutschland, „sind nicht identisch mit der marxistisch-leninistischen Weltanschauung und können deren spezifische Aufgaben nicht ersetzen“. 79 Als Christa Wolf im Spätsommer 1970 ihre Neuen Lebensansichten schrieb, hatte die Kybernetik bereits weitgehend an Einfluß verloren. Im Mai 1971 erklärte Ulbricht seinen Rücktritt; sein Nachfolger wurde Erich Honecker, der in einem Bericht an den VIII. Parteitag im Juni des Jahres erklärt: „Im

74 Vgl. Stefan Busse, Psychologie in der DDR. Die Verteidigung der Wissenschaft und die Formung der Subjekte, Weinheim/Basel 2004, S. 188.

75 Entwurf zur „Konzeption zur perspektivischen Entwicklung der Fachrichtung Psychologie in den Jahren 1965 bis 1980 an den Universitäten und Hochschulen der Deutschen Demokratischen Republik“ durch den Wissenschaftlichen Beirat des Staatssekretariats für Hoch- und Fachschulwesen, S. 3 zit. n. Busse, Psychologie in der DDR, S. 204.

76 Friedhart Klix/Jochen Neumann/Andreas Seeber , „Mensch und Technik. Gegenstand und Aufgaben der Ingenieurpsychologie in der sozialistischen Produktion“, in: Einheit 20 (1965) H. 2, S. 23-32, 29.

77 Siehe dazu Liebscher, Fremd- oder Selbstregulation?, S. 55ff.

78 Liebscher, Fremd- oder Selbstregulation?, S. 69. Vgl. Segal, „Kybernetik in der DDR“, S. 244.

79 „Grundfragen des geistigen Lebens im Sozialismus, Referat des Genossen Kurt Hager“, in: Neues Deutschland vom 30. April 1969, zit. n. Werner, Kybernetik statt Marx?, S. 87.

Gegensatz zu allen früheren Gesellschaftsformationen wird der Sozialismus durch das bewußte und planmäßige Handeln des Volkes geschaffen und entwickelt.“ 80 Eine Modellierung des ökonomischen Systems als Regelmechanismus wird ausdrücklich abgelehnt. Auch die Investitionsprogramme für die Entwicklung der Rechentechnik wurden gestoppt. Auf den ersten Blick also scheint Wolfs Anti-Utopie den Regierungsdiskurs der Vergangenheit zu kritisieren, um dem neuen zu bejahen. Tatsächlich teilt die Schriftstellerin mit dem zukünftigen Staatschef die Sorge um das menschliche Element, dessen Eliminierung die Kybernetik betreibt. Diese gemeinsame Sorge hat allerdings sehr unterschiedliche Gründe. In einem Gespräch mit dem Parteiorgan „Einheit“ mußte Klaus bereits 1967 Ängsten vor „einer ‚Kybernetisierung’ der weiteren Entwicklung unserer Gesellschaftsverhältnisse“ begegnen. Seine Versicherung, lediglich „geistig-technische Hilfsmittel zur Durchsetzung unseres Parteiprogramms“ 81 liefern zu wollen, läßt auf die Sorge der Partei um ihre eigene Führungsrolle schließen. Den kybernetischen Anweisungen zur Verbesserung der Planungs- und Leitungstätigkeit lag die Überzeugung zugrunde, „daß es unmöglich ist (mindestens im Hinblick auf eine praktische Verwirklichung), ein hochkomplexes System dadurch sicher beherrschen zu wollen, daß von einer Zentrale aus jede Einzelaktion gelenkt wird“. 82 Das System der Zentralplanung sollte aufgelöst werden in sich selbst regulierende Teilsysteme, die allerdings der Kontrolle eines Gesamtreglers zu unterstellen waren – darin sollte ein wesentlicher Unterschied zur kapitalistischen Marktwirtschaft bestehen. 83 Die zentrale Planung wurde jedoch reduziert auf die Erstellung von Rahmenplänen mit wenigen Kenngrößen, die von den Teilsystemen auf dem Wege weitgehend autonomer Selbststeuerung zu erfüllen waren. Solche Reformvorschläge waren für die Parteielite, die anstelle des Proletariats dessen Diktatur ausübte, unannehmbar. Trotz aller Zugeständnisse an das Regime der DDR, war das Ziel der Kybernetik, die fortschreitende Eliminierung des subjektiven Elements auch im Bereich der Staatsleitung, unverkennbar. 84 Während das Zentralkomitee die Steuerungshoheit der Partei in Frage gestellt sah, hatte Christa Wolf die Arbeiter im Blick. Wie sie im Gespräch mit Kaufmann erklärt, hat nicht „der

80 „Bericht des Zentralkomitees an den VIII. Parteitag der SED (Berichterstatter: Erich Honecker)“, in: Die Arbeit (1971) H. 7, S. 47. zit. n. Werner, Kybernetik statt Marx?, S. 88

81 Georg Klaus, „Die Entwicklung des sozialistischen Denkens und Handelns in philosophischer Sicht. Ein Gespräch mit Genossen Georg Klaus“, in: Einheit 22 (1967) H. 2, S. 165-172, 171.

82 Liebscher, Fremd- oder Selbstregulation?, S. 39.

83 „Im Sozialismus tritt an die Stelle der spontanen Selbstregulation der gesellschaftlichen Prozesse eine bewußte, auf wissenschaftlicher Grundlage beruhende Steuerung und Lenkung des Staates und der gesamten Staatspolitik.“ (Georg Klaus, Kybernetik in philosophischer Sicht, Berlin 1963, S. 337.)

84 Segal vermutet, daß es die mögliche Infragestellung der Führungsrolle der Partei war, die das Zentralkomitee in Panik versetzte. (Segal, „Kybernetik in der DDR“, S. 243) Zur Opposition gegen „Kybernetisierung“ siehe auch Werner, Kybernetik statt Marx?, S. 96-101.

Arbeitsvorgang als solcher, der Handgriff an der Maschine“ sie interessiert, sondern „gesellschaftliche Praxis“. Literatur solle „die Verhältnisse, welche die Produzenten im Prozeß ihrer Produktion miteinander und mit anderen Institutionen und Schichten der Gesellschaft eingehen“ für diese Produzenten darstellen. Das hieß, „gesellschaftlich Unbewußtes in die Sphäre des Bewußtseins zu heben“ 85 , und der „Gesellschaft zum Bewußtsein ihrer selbst zu verhelfen“. 86 Reflektierende Bewußtmachung aber hatte die andere Aufgabe der Literatur vorzubereiten: über die gesellschaftliche Praxis moralisch zu urteilen. Entscheidendes Kriterium hatte dabei zu sein, „inwieweit und in welcher Weise ihre praktische Tätigkeit sie in die Lage versetzt, am Prozeß der historischen Veränderung teilzunehmen“. 87 „Unmoralisch“, so Wolf, ist „alles, was uns, was die Massen hindert, vom Objekt zum Subjekt der Geschichte zu werden“. 88 Wie die Staatsleitung opponiert hier auch die Literatur gegen die Kybernetik im Namen eines geschichtlichen Subjekts, das allein durch bewußtes und planmäßiges Handeln die kommunistische Revolution vollziehen kann. Das sollte nach Wolf nicht die Partei der Arbeiterklasse sein, sondern die Masse des Volks selbst. In jedem Fall wird der geschichtliche Prozeß als Verwirklichung einer rationalen Zielsetzung gedacht. Die Handlungsrationalität selbst, der dieser Geschichtsbegriff verpflichtet ist, wurde durch Kybernetik und Systemtheorie jedoch tief in Frage gestellt. 89 Das wurde auch im Westen gesehen: Die Marx zugeschriebene „Intention, die soziokulturellen Folgen des technischen Fortschritts unter Kontrolle zu bringen“ 90 , konnte nach Habermas nicht mit technischen Mitteln realisiert werden, sondern allein durch „ungezwungene kollektive Willensbildung“ 91 im Rahmen gesellschaftlicher Institutionen. Tatsächlich aber war nicht der technische Fortschritt abhängige Variable im Prozeß der fortschreitenden Emanzipation, sondern umgekehrt erwies der Wandel des institutionellen Rahmens sich als abhängig vom technischen System. Um die soziokulturellen Folgen des technischen Fortschritts unter Kontrolle zu bringen, gelte es „eine politisch wirksame Diskussion in Gang zu bringen“. 92 Diesem Zweck sollte wohl die auch hier entwickelte „negative Utopie“ 93 eines technisch-

85 Wolf, „Gegenwart und Zukunft“, S. 339.

86 Wolf, „Notwendiges Streitgespräch“, S. 82.

87 Christa Wolf, „Subjektive Authentizität. Gespräch mit Hans Kaufmann“, in: Werke 4, 401-437, 435.

88 Wolf, „Subjektive Authentizität“, S. 436.

89 Niklas Luhmann hat daraus die Konsequenz einer Ersetzung von Handlungsrationalität durch Systemrationalität gezogen. Vgl. ders., Zweckbegriff und Systemrationalität. Über die Funktion von Zwecken in sozialen Systemen, Tübingen 1968. Für eine am Zweckbegriff ausgerichtete Gegenüberstellung von dialektischer und kybernetischer Rationalität siehe Haufe, Dialektik und Kybernetik in der DDR, S. 15-77.

90 Jürgen Habermas, „Praktische Folgen des wissenschaftlich-tedinischen Fortschritts“, in: Gesellschaft, Recht und Politik. Festschrift für Wolfgang Abendroth, Neuwied 1968, S. 121-146, hier zit. n. dem Wiederabdruck in:

Jürgen Habermas, Arbeit Erkenntnis Fortschritt. Aufsätze 1954-1970, S. 335-355, 352.

91 Habermas, „Praktische Folgen“, S. 360.

92 Habermas, „Praktische Folgen“, S. 354.

93 Habermas, „Praktische Folgen“, S. 354.

operativen Staats dienen, in dem soziales Handeln sich aufspaltet in „das zweckrationale Handeln der Wenigen, die die geregelten Systeme einrichten und technische Störungen beheben, einerseits; in das adaptive Verhalten der Vielen, die in die Routinen der geregelten Systeme eingeplant sind, andererseits“. 94 Christa Wolf hat eben diese Strategie mit literarischen Mitteln verfolgt. Um „nicht zuzulassen, daß Technik und Ökonomie zum Selbstzweck entarten und dann ihren eigenen destruktiven Gesetzen folgen“ 95 , hat sie „psychotechnische Verhaltensmanipulationen“, wie Habermas sie in Aussicht stellt, fiktional veranschaulicht und damit den „kybernetischen Wunschtraum“ 96 bis zu seinen „absurden Konsequenzen“ 97 geträumt. Durch ihre groteske Verfremdung sollten habituell gewordene Denk- und damit verbundene Handlungsweisen kritisierbar gemacht werden – „in der Zuversicht […], daß wir ändern können, was uns stört“. 98 Unmißverständlich bringt sie ihr literarisches Anliegen im 1968 erzählten Gespräch mit dem Evolutionsforscher Hans Stubbe zum Ausdruck. Wie aus ihrer Materialsammlung ersichtlich ist, war sie durch den Fall eines russischen Biologen aufmerksam geworden auf Pläne zur gezielten Veränderung der menschlichen Erbanlagen. 99 Von Huxleys Brave New World, kommt das Gespräch mit Stubbe auf die „Wahnsinnsidee des Homo technikus, dieses Wesens von menschlicher Gestalt, das auf die Welt gesetzt wird, um in möglichst reibungsloser und technisch perfekter Weise materielle Güter zu schaffen“, und endet mit einem Bekenntnis des Naturwissenschaftlers zur humanistischen Bildungsidee: „Ich glaube, das Ideal vom Subjekt, von der entfalteten Persönlichkeit ist immer noch nützlich und unerläßlich. Die Bilder, die wir uns von uns selber machen, werden doch immer wichtiger, je näher wir dem Zeitpunkt kommen, da es vielleicht in unserer Hand liegt, sie zu verwirklichen.“ 100 Seine Gesprächspartnerin ist beruhigt: „Das zu hören, bin ich hergekommen.“ 101 Das hier diskutierte Ziel der Gentechniker: „keine Konflikte; keine Auseinandersetzung mit den Grenzen der eigenen Natur – kein Schicksal“, schreibt sie zwei Jahre später den Sozio- und Humantechnikern zu: „Abschaffung der Tragödie: Das ist es, woran hier gearbeitet wird.“

(440).

94 Habermas, „Praktische Folgen“, S. 353.

95 Wolf, „Gegenwart und Zukunft“, S. 339.

96 Habermas, „Praktische Folgen“, S. 358.

97 Habermas, „Praktische Folgen“, S. 354.

98 Wolf, „Subjektive Authentizität“, S. 433.

99 Trofim D. Lyssenko ging davon aus, durch veränderte Umwelt- und Lebensbedingungen könnten erbliche Veränderungen induziert werden. Auch die Schaffung eines neuen Menschentyps durch radikale Umformung der gesellschaftlichen Verhältnisse schien im Bereich des Möglichen. 487f. 100 Wolf, „Subjektive Authentizität“, S. 317f. 101 Wolf, „Subjektive Authentizität“, S. 318.

4. Literarische Selbsterzeugung Die erzählerische Form der Neuen Lebensansichten scheint auf den ersten Blick den programmatischen Zielen der Verfasserin dienlich zu sein. Weitgehend bleibt sie der romantischen Vorlage verpflichtet. Von Hoffmann übernommen hat Wolf zunächst die Erzählsituation: Eine Katze sagt „Ich“ und erzählt von äußeren Geschehnissen wie inneren Bewußtseinzuständen. Übernommen wurde auch der komisch-heroische Stil: Vom niederen Stand einer Hauskatze, befleißigt der Erzähler sich einer gehobenen Sprache, die auch wissenschaftliche Seriosität prätendiert. Man hat ihn für einen „unbestechliche[n] Beobachter des Menschen“ 102 gehalten, hinter dem die Verfasserin selbst sich verstecke 103 ; Kater Max stehe den anderen Figuren gegenüber als „der Wissende, Einsichtige, Spontane, eigentlich ‚menschlich’ Lebende“. 104 Tatsächlich prätendiert er Wissen vor allem durch die Anhäufung von Bildungszitaten: „Nichts Menschliches ist mir fremd“, etwa weiß er mit Terenz zu sagen. Eben dies aber bedeutet hier auch, daß dem scheinbar eigentlich lebenden Tier alle Schwächen des Menschen zu eigen sind. Auch Wolfs Kater zeigt sich so substanzlos wie anmaßend, indem er sich ohne inneren Widerstand den gesellschaftlichen Normen anpaßt. 105 So erweist der Erzähler sich als eifriger Adept eben jener Ideen, die durch sein Erzählen karikiert werden. „Die drei Wissenschaftler, in deren Gegenwart ich nicht nur lesen und schreiben lernte, sondern auch meine mathematischen, logischen und sozio-psychologischen Spezialstudien begann“ (450), dienen dem bildungswilligen Tier als menschliche Vorbilder, die es ehrgeizig nachahmt. Auch vor einer Anwendung kybernetischer Psychotechniken auf sich selbst macht er dabei nicht halt und schleift durch autogenes Training (441) seine „Reflexbahnen“ (448). Wie Murr ist Max dabei nicht Angriffsziel, sondern Medium einer Satire, die eigentlich auf den Menschen zielt. Zur Komik dieser Erzählung, die sie vor allem von anderen Anti-Utopien unterscheidet, trägt auch das Ende bei, an dem nicht ein Triumph der Technisierung über den Menschen steht, sondern ihr Scheitern: Als eigentlicher Antrieb der Forschung stellt sich das allzu Menschliche der Forscher heraus, der eben noch aus der geformten Persönlichkeit entfernte Sexus: Ein angetrunkener Professor verrät im Selbstgespräch, daß er weniger die Menschheit, als vielmehr die kurzberockte Nachbarstochter zu ihrem Glück zwingen will (466); das Seltsam-phantastische dieser unwahrscheinlichen Geschichte kippt ins Derb-komische: Die Protagonisten werden am Ende verlacht. Die satirische Aggressivität der Wissenschafts- und

102 Birgit Lermen, „Das Menschenbild in Christa Wolfs Erzählung ‚Neue Lebensansichten eines Katers’“, in:

Festschrift für Friedrich Kienecker zum 60. Geburtstag, Heidelberg 1980, S. 97-116, 114.

103 Lermen, „Das Menschbild“, S. 100.

104 Lermen, „Das Menschenbild“, S. 99.

105 Werner, „Zum Traditionsbezug“, S. 55.

Technikkritik scheint durch die Hoffmannsche Erzählkonstruktion eine Verstärkung zu erfahren. Um sie für ihre Zwecke in den Dienst nehmen zu können, muß Wolf allerdings gewisse Implikationen dieser Konstruktion übersehen. Ihre Erzählung gerät damit in einen offenen Widerspruch zur romantischen Vorlage: Die Lebensansichten des Katers Murr destruieren mit der klassischen Bildungsidee ein „Ideal vom Subjekt“, wie es hier verteidigt werden soll. Indem er ein Tier von der Entfaltung seiner Persönlichkeit erzählen läßt, karikiert Hoffmann nicht nur die Gattung des Bildungsromans, sondern auch deren anthropozentrische Voraussetzungen. Der Effekt dieser Erzählung verdankt sich ganz dem „menschlichen Vorurteil von der Bildungsunfähigkeit der Tiere“ (451), das noch Wolf ihren Kater Max durch die Tätigkeit seines „ergreifend entwicklungsfähigen Katerhirns“ (435) widerlegen läßt. Julien Offray de La Mettrie unter anderen war diesem Vorurteil im 18. Jahrhundert entgegen getreten. 106 Wie die „Kriterien zur Unterscheidung von Mensch und Tier“ (454), von denen auch in den Neuen Lebensansichten noch die Rede ist, waren längst auch die Kriterien zur Unterscheidung von Mensch und Maschine in Frage gestellt worden. Nachdem Descartes mechanische Artefakte als metaphorische Mittel zur Erklärung menschlicher wie tierischer Organismen herangezogen, ersteren aber noch eine gottgegebene Seele zugeschrieben hatte, konnte La Mettrie auch die seelischen Funktionen einschließlich der Einbildungskraft als mechanische Resultate der materiellen Organisation des Gehirnes verstehen. 107 Vom Tier unterschied sich der Mensch demnach nur graduell durch verfeinerte Hirnstrukturen. Hinter ihrem Vorgänger bleibt Wolf also nicht nur insofern zurück, als sie ihrem Text eine geschlossene Form gibt und damit eben jener Gattung wieder annähert, die auch durch die zerrissene Textur des Kater Murr destruiert worden war. 108 Hoffmanns Reflexionsniveau erreicht sie auch dort nicht, wo dieser in seinen Texten die Unterscheidung von Mensch, Tier und Maschine auf der Höhe der Wissenschaften seiner Zeit problematisiert hat. 109 Wolf übernimmt viele der damit zusammenhängenden Elemente des Prätexts als Zubehör der Erzählsituation, ohne aber die veränderte Bedeutung zu realisieren, die ihnen durch die kybernetische Wende zukam. Die materialistische Wette war informationstheoretisch erneuert

106 Vgl. Max Dessoir, Geschichte der neueren deutschen Psychologie, Berlin 1902, S. 373.

107 Siehe dazu Claudia Becker, „Einleitung“, in: Julien Offray de La Mettrie, L’homme machine. Die Maschine Mensch, Hamburg 1990, S. VII-XXV.

108 Vgl. Schmidt, „Ein doppelter Kater?“, S. 52f.

109 Hoffmann läßt seine Figuren die Frage der Bildungsfähigkeit der Tiere mit ausdrücklichem Bezug auf die Schädellehre Franz Jospeh Galls diskutieren. (Siehe dazu Sigrid Oehler-Klein, Die Schädellehre Franz Joseph Galls in Literatur und Kritik des 19. Jahrhunderts. Zur Rezeptionsgeschichte einer medizinisch-biologisch begründeten Theorie der Physiognomik und Psychologie, Stuttgart 1990, S. 294-300.) Zum Verhältnis von Mensch und Maschine bei Hoffmann siehe Thomas T. Tabbert, Die erleuchtete Maschine. Künstliche Menschen in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“, Hamburg 2006.

worden: „Es wird angenommen, daß das Lebensgeschehen und die psychischen Vorgänge aus der Anordnung und physikalischen Wechselwirkung der Teile des Organismus im Prinzip vollständig erklärt werden können.“ 110 Christa Wolf aber ist um die Behauptung des Menschlichen und Zwischenmenschlichen gegen Verwissenschaftlichung und Technisierung bemüht. Dabei vermag ihre Literatur zwar die Techniken der wirtschaftlichen Produktion, nicht aber die der „literarischen Produktion“ (435) selbst zu reflektieren. Eben dies gelang Hoffmann mit der Fiktion einer nicht nur sprechenden, sondern auch dichtenden Katze, in deren Schreibtechniken sich eine digitale Literatur ankündigen mag. 111 Zunächst aber legt ihr Schreiben die Paradoxie einer Genialität offen, die sich nur in der Wiederholung von Vorgefundenem als originell erweisen kann. 112 Wie Murr verleibt auch Max sich alle greifbaren Schriften ein, um unverdaute Gedanken schreibend wieder von sich zu geben. Offenbar kommt das mechanische Abschreiben der Katzen ohne jenes Innere aus, dessen die ironische Rede von „einer derart überflüssigen Literaturgattung wie der Belletristik […], die ja ihre Existenz immer mit den noch unerforschten Tiefen der menschlichen Seele begründet“ (438), sich sicher ist. Zwar läßt auch Wolf ihren Kater mit der Vertauschung von Karteikarten eine „systematische Tätigkeit zur Herbeiführung schöpferischer Zufälle“ (451) entwickeln, spiegelt darin aber nicht eine Technik der eigenen literarischen Produktion. Die Lebensansichten des Katers Murr werden bei Wolf unter poetologischen Voraussetzungen rezipiert, die sie zwei Jahre zuvor in „Lesen und Schreiben“ entwickelt hatte. „Epische Prosa“ sollte vorstoßen „in das innerste Innere, dorthin, wo der Kern der Persönlichkeit sich bildet und festigt“. 113 Literatur tritt hier als Sachwalterin eines spezifisch Menschlichen auf, das Wolf durch die Wissenschaft geleugnet sieht: „Hat sich was mit Tiefen!“ (438), läßt sie Barzel wie Wiener 114 sagen und auch den Erzähler zu der Überzeugung gelangen, „daß die Seele eine reaktionäre Einbildung“ (438) ist, ein „hypothetische[r] Gegenstand“, der „wissenschaftlich niemals verifiziert“ (436) wurde. Die Konstruktion von Automaten, die den Menschen auch von geistiger Arbeit entlasten konnten, warf auch in der DDR die alte Frage unter neuen Voraussetzung auf: „Können Maschinen denken?“ 115 Die Versuche des klassischen mechanischen Materialismus, das

110 Steinbuch, Automat und Mensch, S. 9.

111 Vgl. Jay D. Bolter, „Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens“, in: Mythos Internet, hg. v. Alexander Roesler und Stefan Münker, Frankfurt 1997, S. 37-55.

112 Sie dazu Sarah Kofman, Schreiben wie eine Katze. Zu E.T.A. Hoffmanns „Lebens-Ansichten des Katers Murr“, Wien 1985, S. 104-113.

113 Wolf, „Lesen und Schreiben“, S. 268.

114 Es gehe nicht an den Menschen als ein beseeltes Tier zu bestimmen, „denn leider ist die Existenz der Seele — was man auch darunter verstehen möge — wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden nicht zugänglich“. (Wiener, Mensch und Menschmaschine, S. 14.)

115 Siehe Klaus, Kybernetik in philosophischer Sicht, S. 146-163.

Funktionieren des Gehirns durch den Maschinenvergleich zu erklären, waren nach Klaus aufgrund der Unzulänglichkeit der seinerzeit verfügbaren Artefakte mit einer Herabsetzung des Menschen verbunden. 116 Die kybernetische Anthropologie aber hatte nicht Uhrwerke vor Augen, sondern Rückmeldungsmechanismen, deren materielles Substrat als unwesentlich galt. Die Stofflichkeit des menschlichen Gehirns mochte für geistige Prozesse besonders gut geeignet sein, das aber schloß deren Realisierung in anderen physikalischen Systemen nicht aus: „Wenn ein technisches System von der Größe und Komplexität des menschlichen Nervensystems [usw.] hergestellt werden könnte“, so konnte sich Steinbuch fragen, „würde dieses System dann psychische Erlebnisse haben, ein Bewußtsein, Gefühle usw.?“ 117 Von jeder Aufgabe, für deren Lösung sich ein eindeutiges Verfahren, ein Algorithmus 118 , angegeben ließ, konnte der Mensch nun befreit werden. 119 Das betraf zunächst jede „schematische“ Tätigkeit, die auch Klaus von „schöpferischer“ 120 unterscheidet, und vor allem Rechenaufgaben. Die Kybernetik sollte die maschinelle Realisierung dem Denken zumindest analoger Prozesse realisieren. 121 Mit der Objektivierung seiner Gesetzmäßigkeiten werde eine zweite Stufe der Entäußerung des Geistes in die Natur erreicht. 122 „Entscheidend für die Automatisierbarkeit eines bestimmten Prozesses“, so war in einem Handbuch der Automatisierungs-Technik zu lesen, „ist es allein, daß er sich in seinen Grundelementen stets wiederholt und lediglich in der Art seiner Ausführung bestimmte Variationen zuläßt.“ 123 Niemals hingegen, das schien 1959 noch gewiß, seien „handwerkliche Arbeit oder gar künstlerisches Schaffen zu automatisieren, Tätigkeiten also, die auf schöpferischen Leistungen des menschlichen Intellekts beruhen“. 124 Vier Jahre später sah Klaus diese Gewißheit durch die Entwicklung lernfähiger Maschinen erschüttert, einschließlich der Unterscheidung des Schöpferischen von der Wiederholung: Man bewege sich gedanklich in einem Zirkel, wenn man es negativ als das nicht Automatisierbare bestimme, um dann im Namen des Schöpferischen die Automatisierung in ihre Grenzen zu weisen. 125 Immerhin war durch die Veräußerlichung innerer Tätigkeiten, deren Vollzug bisher dem beseelten, mit Geist begabten Menschen vorbehalten schien, der Nachweis erbracht, daß diese nicht eigentlich und

116 Klaus, Kybernetik in philosophischer Sicht, S. 156f.

117 Steinbuch, Automat und Mensch, S. 10.

118 Klaus, Kybernetik in philosophischer Sicht, S. 152.

119 Vgl. Klaus, Kybernetik in philosophischer Sicht, S. 434.

120 Vgl. Klaus, „Schematische und schöpferische Arbeit in kybernetischer Sicht“.

121 Klaus, Kybernetik in philosophischer Sicht, S. 162.

122 Klaus, „Schematische und schöpferische Arbeit in kybernetischer Sicht“, S. 168.

123 Handbuch der Automatisierungs-Technik, Berlin 1959, S. 17, zit. n. Klaus, Kybernetik in philosophischer Sicht, S. 411.

124 Handbuch der Automatisierungs-Technik, Berlin 1959, S. 20, zit. n. Klaus, Kybernetik in philosophischer Sicht, S. 411.

125 Klaus, Kybernetik in philosophischer Sicht, S. 411.

wesentlich menschlich sind: Was sich im Außen objektivieren läßt, ist das Innere eines Subjekts nie gewesen. 126 Während die Wissenschaft nach der Möglichkeit einer künstlichen Intelligenz fragte 127 , wollte Christa Wolf die „Sehnsucht nach Selbstverwirklichung“ 128 durch schöpferische Tätigkeit stillen. Ohnehin konnte das Reich der Freiheit nach Marx erst dort beginnen, wo die mühsame Bedürfnisbefriedigung im Stoffwechsel mit der Natur aufhört. Im Reich der Notwendigkeit konnte Freiheit nur heißen, daß die Arbeit in gemeinschaftlicher Selbstbestimmung rationell geregelt wird. 129 Wo in den Frühschriften von einer „Aufhebung“ der Arbeit die Rede ist, konnte nur die materielle Produktion in ihrer kapitalistischen Form gemeint sein, die auf die Mehrung des Kapitals, nicht auf die Selbstverwirklichung des Menschen ausgerichtet ist. 130 In der DDR ließ der real existierende Sozialismus das Versprechen einer gesellschaftlichen Ordnung, „in der die Fähigkeiten und Talente, die besten sittlichen Eigenschaften des freien Menschen zur Blüte gelangen und voll zur Entfaltung kommen“ 131 , unerfüllt. Es wurde durch eine Prosa erneuert, die sich ein „Subjektwerden des Menschen“ 132 jenseits der materiellen Produktion zur Aufgabe macht. Das Technische, das in ihrer Kyber-Fiktion dem Menschen auch die Eigenschaft des schöpferischen Denkens raubt (462), wollte Christa Wolf exorzieren. Im Namen des „Humanismus“ 133 bewahrt sie mit den Idealen des Sozialismus auch das Marxsche Menschenbild, auf dem sie beruhen, verbindet es aber mit einer Psychologie, die Selbstverwirklichung durch künstlerische Kreativität in Aussicht stellt. 134 Eben die Vorstellung aber, durch literarische Produktion könne der Autor, „er selbst, der mit seiner unverwechselbaren Stimme spricht“ 135 , sich in einem Werk vergegenständlichen, um zu sich zu kommen, hatte Hoffmann mit den Lebensansichten des Katers Murr verabschiedet. Sein Roman persifliert nicht nur die Gattung der Autobiographie, sondern kehrt auch das Technische des Schreibens hervor und trifft sich darin mit seinen Automaten-Phantasien, die

126 Siehe dazu Gotthard Günther, Das Bewußtsein der Maschinen. Eine Metaphysik der Kybernetik, Krefeld/Baden Baden 1957.

127 Siehe etwa Pjotr Kusmitsch Anochin, „Der philosophische Sinn des Problems der natürlichen und der künstlichen Intelligenz“, in: Sowjetwissenschaft, Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge (1974) H. 8, S. 850- 863; Todor Pawlow, Information, Widerspiegelung, Schöpfertum, Berlin (Ost) 1970.

128 Christa Wolf, „Lesen und Schreiben“, in: Werke 4, S. 238-282, 277.

129 Vgl. Karl Marx, Das Kapital Bd. 3, (=Marx/Engels Werke Bd. 25), Berlin 1972, S. 828.

130 Vgl. Herbert Marcuse, Vernunft und Revolution. Hegel und die Entstehung der Gesellschaftstheorie, Schriften Bd. 4, Frankfurt am Main 1989, S. 258.

131 Buhr, Klaus, Art. „Sozialismus und Kommunismus“, S. 523.

132 Wolf, „Lesen und Schreiben“, S. 282.

133 Wolf, „Lesen und Schreiben“, S. 280.

134 Siehe dazu Irmgard Nickel-Bacon, „Schmerz der Subjektwerdung“: Ambivalenzen und Widersprüche in Christa Wolfs utopischer Novellistik, Tübingen 2001, S. 22-28, 80-86.

135 Wolf, Lesen und Schreiben, S. 279.

auch als Allegorien der Literatur selbst zu verstehen sind. 136 Christa Wolf hat so geschrieben:

abgeschrieben bei Hoffmann, hat Vorgefundenes übernommen und einen Text produziert, in dem sie selbst sich nur durch die Wiederholung von anderem Text objektiviert. Weil sie, gedankenlos vielleicht, auch jene Schicht ihres Prätexts fortgeschrieben hat, die Textualität reflektiert, hat ihre Erzählung jedoch ein Reflexionspotential, das überschüssig ist im Verhältnis zu seiner Programmatik. „Schreiben“, das hat vielleicht der Gebrauch des Personal Computers zur Textverarbeitung erst deutlich werden lassen, „heißt, ein Zeichen (marque) produzieren, das eine Art ihrerseits nun produzierende Maschine konstituiert, die durch mein zukünftiges Verschwinden prinzipiell nicht daran gehindert wird, zu funktionieren und sich lesen und nachschreiben zu lassen.“ 137 Auch Christa Wolfs Text ist solch ein Automat: eine Maschine, die selbsttätig zu denken gibt, was die Autorin nicht denken wollte.

136 Bernhard J. Dotzler, Papiermaschinen. Versuch über communication & control in Literatur und Technik, Berlin 1996, S. 544.

137 Jacques Derrida, „Signatur Ereignis Kontext“, in: ders., Limited Inc, Wien 2001, S. 15-45, 25.