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Nr.11 Herbst 2012 Diogenes Magazin
Nr.11
Herbst 2012
Diogenes
Magazin

Jakob Arjouni

schickt seinen Ermittler Kayankaya zum fünften Mal auf den Frankfurter Kiez

Die grüne Insel am Ende der Welt

Anthony McCarten über Katherine Mansfield und Neuseeland

Sehnsüchtig erwartet:

Neue Romane von John Irving, Martin Suter und Ingrid Noll

Ohne Brunetti, trotzdem spannend:

Donna Leon hat für Cecilia Bartoli einen Musikkrimi geschrieben

Sonderteil

60 Jahre Diogenes

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Geschichte erleben mit GEO

Foto Titelseite: © Roger Eberhard; Illustrationen: © Paul Flora

Titelseite: © Roger Eberhard; Illustrationen: © Paul Flora Raymond Chandler Inspiration Inspiration ist »das Licht

Raymond Chandler

Inspiration

Inspiration ist »das Licht einer wunderbaren Einsicht« (Descartes), »man hört, man sucht nicht, man nimmt, man fragt nicht, wer da gibt« (Friedrich Nietzsche). Nur wenigen Schriftstellern schenkt die Muse einen Kuss. Aber es gibt auch solche, die nichts von ihrer Zärtlichkeit wissen wollen: Autoren, deren Bücher Raymond Chandler tunlichst meidet.

I ch bekomme dauernd Aufsätze zu Gesicht, in denen Schriftsteller sich

darüber auslassen, dass sie grundsätz- lich nie auf Inspiration warten; sie set- zen sich einfach jeden Morgen um acht an ihren kleinen Schreibtisch, ob’s reg- net oder ob die Sonne scheint, ob sie

einen Kater haben oder einen gebro- chenen Arm oder was weiß ich sonst, und knallen ihr bisschen Pensum hin. Wie leer ihr Kopf auch sein mag und wie öde alles, was ihnen durch die Ge- danken trudelt, mit solchem Quatsch wie Inspiration haben sie nichts im Sinn. Ich entbiete ihnen meine Bewunde- rung und gehe ihren Büchern sorgfältig aus dem Weg. Ich hingegen, ich warte auf Inspira- tion, obwohl ich sie nicht unbedingt bei diesem Namen nenne.

Ich glaube, dass alles Schreiben, das auch nur etwas Leben in sich hat, aus dem Solarplexus kommt. Es ist harte Arbeit insofern, als man hinterher tod- müde sein kann, sogar total erschöpft. Im Sinne bewusster Bemühung frei- lich ist es überhaupt keine Arbeit. Wichtig ist dabei vor allem eins: Der Berufsschriftsteller sollte einen be- stimmten Zeitraum haben, sagen wir mindestens vier Stunden am Tag, wo er nichts anderes tut als schreiben. Er muss nicht unbedingt schreiben, und wenn ihm nicht danach ist, dann sollte er’s auch nicht versuchen. Er kann aus dem Fenster schauen oder ei- nen Kopfstand machen oder sich auf dem Fußboden schlängeln, aber er soll nicht lesen, Briefe schreiben, in Zeit- schriften blättern oder Schecks ausfül- len. Entweder schreiben oder gar nichts. ·

ausfül- len. Entweder schreiben oder gar nichts. · Buchtipp 432 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06831-3 Was

Buchtipp

432 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06831-3 Was wissen Sie über Lessing? Was über Kleist? Die Fakten
432 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06831-3
Was wissen Sie über Lessing? Was über
Kleist? Die Fakten sind oft schnell
vergessen – doch diese mit lebhaftem
Strich skizzierten Porträts prägen sich
ein. Denn Böhmer richtet seinen Blick
auf das Innerste des Schriftstellers, auf
den Ursprung seiner Inspiration.

Diogenes Magazin

richtet seinen Blick auf das Innerste des Schriftstellers, auf den Ursprung seiner Inspiration. Diogenes Magazin 1

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Illustration links: © Ronald Searle; Illustration Mitte: © Tomi Ungerer; Foto rechts: © Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag

Ersatz für das leidige

Editorial

Im ersten Diogenes Buch, dem Cartoonband Weil noch das Lämpchen glüht von Ronald Searle, das vor 60 Jahren erschien (mehr dazu auf Seite 96), ist folgende Zeichnung abgedruckt, die wir mit fundierten Zitaten über einen dubiosen Berufs- stand komplettieren:

Zitaten über einen dubiosen Berufs- stand komplettieren: »Die Buchhändler sind alle des Teufels, für sie muss

»Die Buchhändler sind alle des Teufels, für sie muss es eine eigene Hölle geben.« Johann Wolfgang Goethe (mit ›Buchhändler‹ sind Verleger gemeint)

»Es ist leichter, mit Christus über die Wogen zu wandeln, als mit einem Verleger durchs Leben.« Friedrich Hebbel

»Sie gehen mit einem Buch um, wie ein Kolonialwarenkrämer mit seinen Backpflaumen. Man hat wirklich ein Kreuz mit Euch Verlegern …« Honoré de Balzac

»Verleger sind keine Menschen, sie tun nur so.« Kurt Tucholsky

»Auch ein Verleger ist ein Mensch.« Siegfried Unseld in einem Brief an Thomas Bernhard

»Ein Verleger ist eine Mischung aus Irrenhaus- und Zirkusdirektor.« Daniel Keel

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Mischung aus Irrenhaus- und Zirkusdirektor.« Daniel Keel 2 Diogenes Magazin 60 Jahre Diogenes Wer war Diogenes?

Diogenes Magazin

und Zirkusdirektor.« Daniel Keel 2 Diogenes Magazin 60 Jahre Diogenes Wer war Diogenes? Über den Namensgeber

60 Jahre Diogenes

Wer war Diogenes? Über den Namensgeber des Verlags

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Das allererste Diogenes Buch Daniel Keel und Ronald Searle

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Eine Verlagschronik

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Philipp Keel Der neue Diogenes Verleger stellt sich vor

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Tomi Ungerers Bücherbilder

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Doris Dörrie liegt das Erzählen im Blut

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Bernhard Schlink Sein Selbstverständnis als Autor

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Daniel Keel (1930 – 2011) 116 Der Diogenes Gründer auf der einsamen Insel

– 2011) 116 Der Diogenes Gründer auf der einsamen Insel Martin Suter Sein neuer Roman Die

Martin Suter

Sein neuer Roman Die Zeit, die Zeit handelt von einem Mann, der die Zeit zurückdrehen will, um den Tod seiner geliebten Frau ungeschehen zu machen. Martin Suter über seinen eigenen Umgang mit der Zeit und über Zeitexperimente in der Literatur.

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Interviews

Jakob Arjouni

4

Martin Suter

18

John Irving

22

Christian Schünemann

35

Annalena McAfee

82

Philipp Keel

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Impressum

118

Vorschaufenster

118

Illustration: © Saul Steinberg /Saul Steinberg Foundation / 2012 ProLitteris, Zürich; Foto links: © Isolde Ohlbaum / laif; Illustration Mitte: Jean-Jacques Sempé; Foto rechts: © Isolde Ohlbaum / laif

Jean-Jacques Sempé; Foto rechts: © Isolde Ohlbaum / laif Diogenes Magazin Nr.11 Inhalt Jakob Arjouni 4

Diogenes Magazin Nr.11

Foto rechts: © Isolde Ohlbaum / laif Diogenes Magazin Nr.11 Inhalt Jakob Arjouni 4 Endlich: Kemal

Inhalt

© Isolde Ohlbaum / laif Diogenes Magazin Nr.11 Inhalt Jakob Arjouni 4 Endlich: Kemal Kayankaya ist
© Isolde Ohlbaum / laif Diogenes Magazin Nr.11 Inhalt Jakob Arjouni 4 Endlich: Kemal Kayankaya ist

Jakob Arjouni

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Endlich: Kemal Kayankaya ist zurück.

Auf hoher See Ingrid Nolls neuer hinterhältiger Familienroman Über Bord spielt zur See. Darin geht so einiges über Bord, nicht nur die Illusion einer letzten Liebe. Die Schriftstellerin erzählt von ihren eigenen Seereisen. René Goscinny zeigt uns augen- zwinkernd in Wort und Bild das seltsame Treiben an Bord eines ›Traumschiffs‹ und wie man eine Kreuzfahrt ohne größere Blessuren übersteht.

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Neuseeland literarisch Neuseeland ist Ehrengast auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Der neuseeländische Schriftsteller Anthony McCarten über die Geschichte seiner Heimat, das Wesen seiner Landsleute – und über Leben und Werk eines neuseeländischen Klassikers: Katherine Mansfield, Meisterin der Short Story. Außerdem: Katherine Mansfields letzte Erzählung Der Kanarienvogel und ein Auszug aus ihrem Tagebuch.

50

Jakob Arjouni über seine Beziehung zu Kayankaya, Kopf- und Bauch- entscheidungen und stilbewusste Schriftsteller. Außerdem: ein Auszug aus dem neuen Kayankaya-Roman Bruder Kemal und ein Porträt des Schnüfflers von Christian Seiler.

 

Paulo Coelho Eine Begegnung mit dem Tod

30

Anna Stothard über den Horror Vacui

 

Rubriken

 

32

Die einsame Insel Petros Markaris Daniel Keel

 

Kopfnüsschen Denkspiele

80

 

43

Donna Leon und Cecilia Bartoli Eine musikalisch-literarische Entdeckung: Agostino Steffani

36

116

Top 10 Songtexte von Astrid Rosenfeld

86

Ein Autor – Eine Stadt Istanbul mit Petros Markaris

44

Lesefrüchtchen

90

Petros Markaris über die Finanz- und Wertekrise

40

Denken mit Ludwig Marcuse

66

Wer schreibt hier? Gewinnspiel

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Martin Walker über frühe Menschen und Künstler

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Literarisches Kochen John Irving

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Mag ich – Mag ich nicht Fabio Volo

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Diogenes Magazin

46 Literarisches Kochen John Irving 68 Mag ich – Mag ich nicht Fabio Volo 120 Diogenes

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Foto: © Isolde Ohlbaum / laif

Jakob Arjouni, geboren 1964 in Frankfurt am Main, lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Berlin und Südfrankreich. Zuletzt erschien sein Roman Cherryman jagt Mr. White bei Diogenes.

»Ein großer, phantastischer Schriftsteller, der genau und planvoll und lesbar schreibt.« Maxim Biller.

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großer, phantastischer Schriftsteller, der genau und planvoll und lesbar schreibt.« Maxim Biller. 4 Diogenes Magazin

Diogenes Magazin

Illustration: Heinz Ita

Interview

Illustration: Heinz Ita Interview Jakob Arjouni im Gespräch mit Christian Seiler Kayankaya ist zurück Gerade mal

Jakob Arjouni im Gespräch mit Christian Seiler

Kayankaya ist zurück

Gerade mal 23 Jahre alt war Jakob Arjouni, als sein Frankfurter Privatdetektiv Kemal Kayankaya zum ersten Mal ermittelte in Happy Birthday, Türke!. Ein hochgelobtes Debüt. Nach vier Fällen zog sich der deutsch-türkische Schnüffler zurück. Zehn Jahre später ist er wieder da. Wie sein Autor ist er älter geworden, entspannter – und in festen Händen ist er auch. Ein Gespräch über Figuren, die einen nicht loslassen, Instinkt und Stilbewusstsein beim Schreiben, Georges Simenon und Richard Yates, die Neu- gier auf Menschen und die Freundschaft mit Büchern.

Nach zehn Jahren treffen wir in Bru- der Kemal den Privatdetektiv Kemal Kayankaya wieder. Warum? Ich glaube, ich hatte Lust, nach Hause zu kommen. Mich auf vertrautem Ter- rain mit jemandem zu bewegen, den ich seit langem kenne und mag. Wie vertraut bist du mit Kayankaya denn? Er ist schließlich mit den Jah- ren eine ziemlich andere Figur ge- worden, älter und milder – und du hast zwischendurch einige andere Romane geschrieben, in denen er nicht vorkam. Ich habe ein bisschen in Kismet rumge- lesen, dem letzten Kayankaya-Roman. Den habe ich vor zehn Jahren geschrie-

ben, aber beim Wiederlesen war es, als hätte ich ihn gestern abgeschlossen. Kayankaya war mir sehr präsent. Es gibt meine erste Schreib-Phase, die geht ungefähr bis Magic Hoffmann, da weiß ich nicht mehr viel. Da gehören die ersten drei Kayankaya-Romane dazu und die Theaterstücke. In die Ro- mane habe ich wegen Namen und alten Geschichten reingeguckt, die in Bruder Kemal angedeutet werden – und war schon erstaunt: wie viel Zeit seitdem vergangen ist … Hast du den Schriftsteller Jakob Ar- jouni wiedererkannt? Das kann ich literarisch nicht beurtei- len. Einerseits ist das zu lange her –

Happy Birthday, Türke! ja fast schon dreißig Jahre, du lieber Himmel! –, an- dererseits bin ich immer noch viel zu nah dran. Das wäre so, als müsste ich Bilder bewerten, die ich als Kind ge- malt habe. Die ersten Bücher sind halt anders. Sehr viel jünger. Ich habe den ersten Krimi mit neunzehn geschrie- ben, das merkt man dann schon. Aber man merkt auch, dass ein Grundton da ist, den es auch heute noch gibt. Ein Abstand, eine Skepsis gegenüber der Welt. Humor natürlich. Aber auch der Humor ändert sich ja zum Glück mit dem Alter. Es stehen viele gute Witze in Happy Birthday und Mehr Bier.

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sich ja zum Glück mit dem Alter. Es stehen viele gute Witze in Happy Birthday und

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Foto: © Isolde Ohlbaum / laif

Freut mich, aber wie gesagt, das kann ich nicht beurteilen. Mir ist im Nachhin- ein aufgegangen, dass ich den Kayan- kaya ganz schön nah an mich rangelegt habe, viel näher als die meisten anderen Figuren, über die ich geschrieben habe. Wahrscheinlich war das die einzige Möglichkeit, eine Figur wie Kayankaya entstehen zu lassen. War das eine bewusste oder eine un- bewusste Entscheidung? Es ist geschehen. Um bewusste oder intellektuelle Entscheidung geht’s beim Schreiben sehr wenig, bei mir jeden- falls. Sondern? Ganz viel um Instinkt, um Gefühl, und darum, dass ich mich wohl fühle mit einer Figur oder einer Geschichte. Ich hätte über den Kayankaya nie so selbstverständlich schreiben können – Frankfurter mit türkischen Eltern und einem Hang zu speziellen Milieus –, wenn ich der nicht auch bis zu einem gewissen Punkt gewesen wäre. Als ich ihn jetzt bei Bruder Kemal wiederge- troffen habe, war das so, als würde ich einen alten, sehr guten Freund wieder- treffen. Vertraut? Ganz vertraut. Wie Familie. Wie funktioniert bei dir das Finden eines Themas? Du hast schließlich schon sehr viele Themen auf sehr un- terschiedliche Weise behandelt, Ent- wicklungsromane, Science-Fiction, sogar Märchen geschrieben. Was braucht es, damit sich ein Thema und die passende Form konkretisieren? Lustprinzip. Wie gesagt, das sind ei- gentlich nie bewusste Entscheidungen. Ausschlaggebend ist, zu welcher Art von Figur es mich aus irgendeinem Grund gerade hinzieht, und in wel- chem Rahmen ich glaube, diese Figur am besten erzählen zu können. Es geht ja immer nur um Figuren. Das mag von außen anders aussehen, denn es gibt manchmal einen Fall, manchmal ist ein Buch politisch, es kann sogar eine Fee auftauchen. Aber am Ende geht es im- mer nur um Figuren, also um Men- schen. Was fasziniert dich an diesen Figuren so, dass du ein Buch über sie schreibst? Mich faszinieren eben Menschen, und so muss das bei einem Schriftsteller ja

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eben Menschen, und so muss das bei einem Schriftsteller ja 6 Diogenes Magazin auch sein. Meistens

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so muss das bei einem Schriftsteller ja 6 Diogenes Magazin auch sein. Meistens habe ich Fragen

auch sein. Meistens habe ich Fragen zu ihnen. Warum sie sich so oder so ver- halten. Was sie denken, welche Träume oder Ängste sie haben und warum. Dann suche ich mir den Rahmen. Ein gutes Beispiel ist Max in Chez Max, meinem Zukunftsroman. Mit Science- Fiction hab ich nie etwas zu tun ge- habt … … nie SF gelesen? Nur die Klassiker. H. G. Wells und Ju- les Verne und ein bisschen Stanisław Lem, als ich sechzehn war. Das Genre interessiert mich auch nicht – aber für die Figur, für einen völlig korrekten Spießerverbrecher schien mir so eine rosige, ziemlich faschistische Bio- Cornflakes-Welt der passende Rahmen zu sein. Kayankaya ist die richtige Fi- gur, wenn ich mich wohlfühlen will. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil er für mich tatsächlich wie ein Bruder ist. Du sagst, dass Kayankaya immer bei dir ist und in Gedanken bei dir auf- taucht. Wird er denn nicht eifersüch- tig, wenn du so sympathische Gau- ner wie den Eddy in Der heilige Eddy erfindest, der auf einem ähnlichen Terrain unterwegs ist wie Kayankaya? Es gibt ein Zitat von Fitzgerald, der sagt, dass man über einen Schriftsteller keine Biographie schreiben kann, weil er zu viele ist. Ich finde, das stimmt. Ich bin auch relativ viele. Und das ver- trägt sich miteinander. Ich glaube, Eddy und Kayankaya könnten sich durchaus vertragen. Aber genauso gut könnte Kayankaya Eddy einbuchten. Mir ist unlängst etwas Interessantes aufgefallen, und zwar deshalb interes- sant, weil es keinesfalls geplant war:

In keinem Kayankaya-Roman bringt Kayankaya jemanden in den Knast. In Happy Birthday lässt er den Bruder laufen, in Mehr Bier findet er über- haupt keinen, bei Ein Mann, ein Mord ist der Verbrecher sein bester Freund, in Kismet ist es er selbst. Es gibt in den Büchern natürlich Verbrecher, aber es kommt nie zum klassischen Show- down: »Jetzt bring ich Sie mal zur Wache.« Auch deshalb also: Er würde den Eddy nicht ins Gefängnis bringen. Vom Ergebnis her betrachtet: Was steckt da für eine Moral dahinter?

Kayankaya entwickelt seine Moral von Fall zu Fall, von Moment zu Moment neu, und anders geht’s ja auch gar nicht. Vorgegebene Moralmuster funktionie- ren in der Praxis ja nur höchst selten. War dir nach diesen zehn Jahren seit Kismet klar, wie Kayankaya heute sein muss, oder musstest du dir darü- ber erst den Kopf zerbrechen? Er ist doch ein ziemlich anderer geworden. Ich fand es immer merkwürdig, wenn Figuren in Krimis oder anderen Serien immer gleich alt und von der Wirklich- keit unverändert sind. So wie Tim und Struppi. Ich bin ja kein großer Krimi- leser, inzwischen lese ich eigentlich nur noch Simenon und Charles Willeford. Und diese beiden gehen mit ihren Hauptfiguren auch immer tiefer in de- ren Lebensgeschichten hinein, lassen sie altern. Es war für mich überhaupt keine Frage, das mit Kayankaya genau- so zu machen. Alterslos sind Fernseh- polizisten, die über zehn Jahre funktio- nieren müssen, und man merkt nur, dass die Schauspieler älter werden, nicht aber die Figuren. Oder die Frau- en in Sex and the City, da werden nicht mal die Schauspielerinnen älter. Eine Kopf- oder eine Bauchentschei- dung? Die einzige Kopfentscheidung war, dass ich keinen Roman über das The- ma Altern schreiben wollte. Kommis- sare in Rente wissen nichts mit sich anzufangen, und plötzlich liegt eine Leiche vor ihrer Tür – das interessiert mich nicht. Kayankaya ist älter in Bru- der Kemal, ganz natürlich, weil wir das eben werden, und weil für mich Kayan- kaya einer von uns ist. Kayankaya ist also nicht künstlich, sondern mit dir gealtert. Er ist bezie- hungsfähiger und ein bisschen milder geworden. Gilt das auch für dich? Klar, das ist bei den meisten so und bei mir auch. Ich könnte heute nicht mehr über den jungen Kerl schreiben, der sich dauernd rumprügelt und die große Klappe hat wie der Kayankaya früher – soweit ich mich erinnere. Hast du dich denn früher geprügelt? Nein, so eine physische Kraft, das war nur Wunschdenken – im Ernst: Kayan- kaya ist ja kein Doofer, im Gegenteil. Es wäre also völlig unerklärlich, wenn er mit fünfzig nicht rausgekriegt hätte,

wie er ein paar Euro mehr macht und bessere Sachen zu essen bekommt. Es wäre allerdings auch nicht glaub- würdig, wenn er in der Zwischenzeit als Privatdetektiv Millionen gemacht hätte und im Immobiliengeschäft tä- tig wäre … Natürlich nicht. Und zwar nicht des- halb, weil er so was vielleicht nicht ge- konnt, sondern weil er es nicht gewollt hätte. Dafür ist er einfach nicht der Typ. Es mag solche originellen Ent- wicklungen, Veränderungen im Leben geben, aber normal ist das eher nicht. Und mich interessiert das Normale, nicht das Besondere. Oder vielleicht:

das Besondere im Normalen. Jeden- falls: Wichtige Merkmale von Kayan- kaya waren immer Verlässlichkeit, Bodenständigkeit, eine gewisse Spie- ßigkeit. Was soll der mit Millionen und ’nem Pool? Ein Bier und ein gutes Würstchen, das mag er.

Kayankaya ist mir viel näher als die meisten anderen Figuren, über die ich geschrieben habe.

Wendest du beim Schreiben spezielle Techniken an, oder lässt du dich von der Geschichte treiben? Ich kann nicht länger als zwei, drei Stunden pro Tag hochkonzentriert sein. Wenn ich aber nicht hochkonzen- triert bin, kann ich nicht schreiben. Wenn ich in einer Schreibphase bin, ist das ein bisschen wie bei einem Hun- dertmeterläufer: Der arbeitet ja auch nicht nur die zehn Sekunden während des Rennens. Der bereitet seinen Lauf vor, trainiert, ernährt sich bewusst, denkt an das Rennen, geht den Lauf im Kopf durch – so ist das bei mir auch ein bisschen. Ich bereite mich den Rest des Tages auf die drei Stunden vor, in de- nen ich schreibe. Du sitzt auf dem Sofa und starrst in die Luft und siehst deine Geschichte? So klischeehaft? Etwa so, meistens gehe ich spazieren. Ab einem gewissen Alter war es halt so, dass ich nicht mehr Fußball spielen ge-

hen konnte, weil ich mich auf die eine Stunde vorbereitete, die ich am Abend noch schreiben wollte. Wie entstanden die ersten Romane, als du kaum zwanzig warst? Das war so ein Rauschschreiben. Ich wusste zwar, dass ich den Roman nicht in einer Nacht fertig kriegen würde, aber ich hab es versucht. Allerdings bin ich bald daraufgekommen, dass zum Romaneschreiben vor allem Durchhal- tevermögen gehört und dass das sehr viel mit Pausen zu tun hat. Mit Ausru- hen und Sich-nicht-verrückt-machen- lassen. Aber der Traum ist schon im- mer noch da: ein Roman in einer Nacht, in einem Zug, in einer sich steigernden Stimmung – wie ein glückliches Saufen bis zum Umfallen. Vor allem, wenn du Simenon so liebst, der seine Romane tatsächlich in ein bis zwei Wochen schrieb. Ja, Simenon ist beängstigend. Eine Wo- che schreiben, eine Woche nachdenken, was der nächste Roman sein könnte, in der nächsten Woche diesen Roman aufschreiben. Und jedes Mal ist der Roman gut, oder schlimmstenfalls nicht schlecht. Wenn du über längere Zyklen – ein, zwei Jahre – an einem Roman schreibst, lässt du dich dann von ak- tuellen Ereignissen beeinflussen? In Hausaufgaben kam zum Beispiel die damals intensiv diskutierte Walser- Debatte vor … Kommt natürlich auf die Figuren an. Figuren ändern sich nicht, bloß weil gerade eine Debatte stattfindet. Wenn die auch meine Figuren interessiert, lasse ich mich allerdings auch gerne ak- tuell inspirieren. Ich bin kein Autor, der aus dem Zettelkasten arbeitet. Was heißt das genau? Ich habe nie auch nur einen einzigen Dialog an der Würstchenbude aufge- schrieben. Und selbst wenn ich mir ir- gendwelche Sätze gemerkt habe, um sie irgendwann mal anzubringen, Wit- ze, Dialoge, Vergleiche, hat das nie funktioniert. Weil Schreiben so viel mit Rhythmus zu tun hat, jede Geschichte ihren ganz eigenen, zwingenden Fluss entwickelt, und da kann man dann nicht einfach irgendwas von irgend- wann – und sei es noch so hübsch – ein- fach reinquetschen.

Diogenes Magazin

nicht einfach irgendwas von irgend- wann – und sei es noch so hübsch – ein- fach

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Wie entsteht dieser Rhythmus? Der Rhythmus ist bei einem Roman ziemlich schnell klar. Nach fünf, spä- testens zehn Seiten kommst du als Au- tor da nicht mehr raus. Kannst du das ein bisschen techni- scher beschreiben? Zuallererst geht es um das richtige Wort. Mehrere richtige Wörter bilden einen hoffentlich richtigen Satz, der für sich alleine funktioniert. Darauf folgt der nächste Satz. Entweder die bauen aufeinander auf, verhalten sich in ge- wisser Weise zwangsläufig zueinander und schaffen eine Spannung, dass du Lust hast, den dritten Satz zu lesen, oder sie sind so gemütlich und beliebig, dass es dir egal ist, wie es weitergeht. Die Spannung entsteht im Satz, das hat oft gar nicht so viel mit Inhalt zu tun, glaube ich. Gute Autoren – oder jeden- falls, was ich dafür halte – erzeugen ei- nen Sog, indem jeder Satz den nächsten ankündigt, geradezu erzwingt. Bei so einem Text denkt man: Der kann nur so, genau so da stehen. Wie vergewisserst du dich dieses Rhythmus? Ich lese viel laut. Ich sitze an meinem Schreibtisch und überprüfe, ob der Text fließt. Das heißt natürlich nicht, dass der Text glatt wäre, manchmal muss es Pausen oder eine Pointe geben. Es hat viel mit Musik zu tun. An welchen Musiker denkst du bei dieser Definition von Rhythmus? An den für mich größten lebenden:

Keith Jarrett. Ich weiß nicht, ob der er- klären kann, warum er das Piano plötz- lich fünf Sekunden ruhen lässt und dann wieder mit der Melodie beginnt oder mit dem Rhythmus und es stimmt. Es stimmt halt. Das ist beim Schreiben genauso. Kann man das in eine Theorie fassen? Weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass die ganzen Ger- manisten sich sehr schwertun, das Ver- gnügen an Literatur zu erklären, so wie die ganze Kunsttheorie an die Kunst nicht rankommt. Auch der Schriftstel- ler selbst kommt an das eigene Ge- heimnis nicht ran. Denn warum er die- sen Rhythmus hat und nicht einen anderen, diese Melodie, diesen Blick auf die Welt, diese Geschichten und nicht ganz andere, die er erzählen will

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Geschichten und nicht ganz andere, die er erzählen will 8 Diogenes Magazin und erzählen muss, weiß

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und erzählen muss, weiß auch er nicht. Glaube ich jedenfalls. Weißt du’s? Ich weiß nur, wenn es stimmt. Wenn es für mich stimmt. Warum? Keine Ah- nung. Du näherst dich den eigenen Texten also wie ein Leser? Absolut. Ich muss mich mit meinen Texten am allermeisten unterhalten. Wenn ich dann auf eine Pointe stoße, eine formale oder inhaltliche, ist das ein großes Vergnügen für mich. Fällt dir das Schreiben im richtigen Rhythmus leicht? Es ist Kleinarbeit. Das ist der Grund, warum ich so langsam schreibe, warum ich hochkonzentriert sein muss. Es ist kein Problem, schnell irgendeinen langatmigen, beliebigen Text hinzu- hauen. Aber auf den Punkt zu kom- men, das braucht Zeit und ist harte Ar- beit. Man muss sich und die Sätze immer wieder überprüfen und in Frage stellen.

Ich habe nie auch nur einen einzigen Dialog an der Würstchenbude aufgeschrieben.

Simenon schafft es, mit ganz kurzen, scheinbar banalen Sätzen, eine Welt entstehen zu lassen … Genau, er beschreibt eine Straße mit einem Küchengeruch, ein Milieu, eine Welt: Darum geht’s. Ich glaube, Litera- tur – und alle Kunst – ist Konzentration oder Destillation, wie beim Schnaps- brennen. Und die natürliche Sehnsucht des Schriftstellers ist es, die ganze Welt, seine ganzen Erfahrungen, Wünsche, Träume, das eigene Leben, alles in den einen, einzigen Satz zu brennen. Da trifft sich die Sehnsucht des Erzählers mit der des Lyrikers. Einige amerikanische Kollegen haben gerade mit sehr breiten 800-Seiten- Romanen enormen Erfolg. Ja, aber das kommt mir meistens vor wie Fotorealismus. Franzen ist so ein Fall. Da wird dann alles bis zum letzten Eckchen höchstgenau beschrieben und ausgeleuchtet. Das Gegenteil von Kon-

zentration. Ich find’s stinklangweilig und irgendwie feige. Nach dem Motto:

Möglichst viele Sätze, dann gehen die schlechten unter, und ein paar gute werden schon dabei sein. Es gibt natür- lich lange Romane, wo fast jeder Satz sitzt. Bei Flaubert oder Richard Yates. Wie muss ein Buch losgehen, damit du es weiterliest? Es muss im Detail stimmen, die Wörter, die Sätze. Ich lese am Anfang immer nur eine Seite. Diese Seite ist das Ver- sprechen, das mir das Buch gibt. Wenn mir diese Seite also erzählt, dass es hier eigentlich nur um Handlung geht und die vielleicht erst in hundert Seiten richtig startet, verlässt mich augen- blicklich die Geduld. Aber wenn auf der ersten Seite zwischen den Wörtern und Sätzen eine Spannung entsteht, egal, um was es geht, dann lese ich ger- ne weiter. Für welchen 800-Seiten-Roman gilt das? Für Die Elenden von Hugo zum Bei- spiel, aber den hab ich, zugegeben, schon vor einiger Zeit gelesen. Damals habe ich während der letzten Seiten ge- weint. Auch was Zeitgenössisches? Ich mochte Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von Amos Oz sehr. So würden den Roman wahrscheinlich nicht viele bezeichnen, aber für mich war’s ein echter Schmöker. Ich habe am Ende abends immer extra wenig Seiten gelesen, damit ich noch länger etwas davon habe. Liest du auch Bücher, bei denen du dich plagen musst? Nicht mehr, und auch früher kaum. Lesen ist für mich Genuss und mein Verhältnis zu Büchern ein sehr sinnli- ches. Entweder ich liebe ein Buch oder nicht. Ich muss nicht den neuen So- undso lesen. Da geht es mir mit Bü- chern wie mit Menschen. Ich verbringe meine Zeit auch möglichst nur mit Menschen, die ich mag. Mit denen ich Spaß habe, die mich inspirieren, die ich liebe. Wo etwas über den reinen Zeit- vertreib hinaus passiert. Du nimmst also den Begriff ›Unter- haltungsliteratur‹ wörtlich. Dass der Begriff so abfällig verwendet wird, finde ich absurd. Jeder Autor ver- sucht zu unterhalten, sonst würden die

Foto: © Isolde Ohlbaum / laif

Leser die Bücher ja sofort weglegen. Aber ich mag keine Bücher, die nur die Zeit vertreiben. Ein bisschen mehr muss da schon sein. Da fällt mir einmal mehr Simenon ein. Du schlägst ein Buch auf, und da sind dieselben Stra- ßen, dieselben Figuren, die du schon kennst, und trotzdem packt es dich, in- spiriert – und unterhält dich. Ich fand übrigens immer schön, dass im Wort ›unterhalten‹ das Wort ›halten‹ steckt. Und genau das sollte ein Buch für mich sein: Halt gebend, Mut machend, Rü- cken stärkend. Du liest manche Bücher immer wie- der von Neuem. Was findest du beim Wiederlesen darin? Ich bin älter geworden, habe neue Er- fahrungen gemacht, womöglich meine Sicht auf die Welt geändert – und dann lese ich auch ein Buch anders und neu. Ich kann vielleicht andere Schichten, andere Ecken sehen. Oder auch nicht. Vielleicht gibt’s keine anderen Schich- ten, vielleicht hat das Buch genau da- mals in einem bestimmten Alter mir alles gegeben, was es für mich hatte. Aber manchmal geht auch was Neues auf. Und bei den mir liebsten Büchern geht bei jedem Wiederlesen etwas Neues auf. Ich nehme da wieder die Musik und Keith Jarrett als Beispiel:

die Platte A Melody at Night With You habe ich zum ersten Mal gehört – su- per –, zum zweiten Mal gehört – su- per –, dann habe ich sie eine Million Mal gehört – und jedes Mal, egal, wie ich mich gerade fühle, geht ein neues, und wenn auch noch so kleines Tür- chen auf. Und so ist es auch bei den Büchern, die ich immer wieder lese. Wie ein Kind. Das liest seine Lieblings- bücher auch mindestens fünfzig Mal. Von welchen Autoren? Dashiell Hammett, Tobias Wolff, Charles Willeford, Čechov, Jörg Fau- ser, Maupassant, Frank O’Connor, Heine und natürlich Richard Yates. Sehr deprimierend, Yates … Ja, aber so unfassbar gut geschrieben. Yates hat einen Rhythmus in seinen Worten, einen Sog im Schreiben. Der schreibt über die schlimmsten, düsters- ten Sachen, über Dinge, die du nicht wissen willst, die mir beim Lesen zum Teil viel zu nahe gehen. Du weißt von Anfang an, es geht immer nur abwärts,

gehen. Du weißt von Anfang an, es geht immer nur abwärts, wie in der griechischen Tragödie,

wie in der griechischen Tragödie, es gibt sicher kein Happy End, keine Er- lösung, und trotzdem … ich muss wei- ter immer weiterlesen. Auf trockene, böse Art ist Yates übrigens oft sehr lus- tig, finde ich zumindest. Aber er ver- kneift sich jeden Scherz zur Auflocke- rung, es gibt bei ihm nichts umsonst. Dabei fällt mir ein, ich habe oft gesagt, Humor sei für mich nichts anderes als Abstand – bei Yates stimmt das ziem- lich hundertprozentig. Der Humor liegt bei ihm in der sehr genauen, poin- tierten, kühlen Beschreibung, und die kriegt man nur mit Abstand hin. Du hast früher einmal gesagt, Bü- cher ohne Humor kannst du nicht lesen. Hab ich gesagt, stimmt aber nicht. Si- menon ist zum Beispiel sicher kein Meister des Humors, und trotzdem lese ich ihn begeistert. Nach einer Wei- le stimmt ja fast alles nicht, was man so sagt. Was liest du, während du selbst gera- de an einem Buch schreibst? Fast nur Simenon. Das ist wie Wasser trinken. Das beeinflusst mich nicht, und wenn doch – hoffentlich. Simenon hat einen jederzeit verträg- lichen Stil? Ich habe ein Problem mit dem Wort ›Stil‹. Hammett sagt, sobald er begrif- fen hatte, dass er Stil hat, konnte er nicht mehr schreiben. Das verstehe ich sehr gut. Wenn man eine bestimmte, formale Art hat, an die Dinge heranzu- gehen, wird es langweilig. Auch Sime- non hat einen gewissen Stil, aber er hat sich darüber nicht so viele Gedanken gemacht. Sondern? Er macht, was wir alle machen, wenn wir bei einem Abendessen eine Ge- schichte erzählen: Wir wollen sie so schnell und unterhaltsam wie möglich und so tiefgründig wie nötig erzählen, damit die anderen am Tisch nicht weg- schlafen. Das hat mit Respekt für unse- re Zuhörer zu tun. Beim Schreiben ge- hört sich das auch. Statt Stil benutze ich lieber das Wort Mittel. Jeder hat seine Mittel, um eine Geschichte zu er- zählen, und die sucht man sich nicht aus. Denkst du an dein Publikum beim Schreiben? Bei Lesungen zum Beispiel

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und die sucht man sich nicht aus. Denkst du an dein Publikum beim Schreiben? Bei Lesungen

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kriegst du viel Applaus für deine prä- zis gesetzten Pointen, legst du die mit diesem Hintergedanken im Text an? Schreiben und Vorlesen sind zwei völ- lig verschiedene Berufe. Das Auftreten musste ich erst lernen, das jagte mir auf den ersten Lesereisen richtig Angst ein. Inzwischen macht mir Vorlesen Spaß. Aber es hat nicht das Geringste mit dem Schreiben selbst zu tun. Beim Schreiben zählt nur der Inhalt. Ich würde keinen Witz hinschreiben, nur um einen Witz zu machen. Die Ge- schichte muss das verlangen. Beim Schreiben denke ich nie an einen Le- ser – außer an mich selbst natürlich. Ich bin noch immer mehr Leser als Schreiber und muss mich selbst unun- terbrochen unterhalten. Wenn du jetzt mit Kayankaya am Schreibtisch sitzt: Was muss der für dich tun? Er muss mich überraschen. Das heißt:

Ich muss mich überraschen. Eine schi- zophrene Situation. Es sitzen also drei Personen am Tisch: der Schreiber, der Leser und die Figur. Klingt ein biss- chen irre und ausgedacht, ist es aber nicht. Ich habe es zuerst so erlebt und erst später Worte dafür gefunden. War das von Anfang an so? Schon als ich in Frankreich an Happy Birthday, Türke! schrieb, war es genau- so. Ich habe viel getrunken und die ganze Nacht geschrieben und hatte ei- nen Riesenspaß dabei, weil ich wissen wollte, was sich der Kayankaya als Nächstes ausdenkt. Viele Schriftsteller arbeiten streng nach Konzept. Wie machst du das? Ich weiß den Anfang, und ich weiß – wie jetzt beim Krimi – den Plot. Der erzählt sich in zwei Sätzen, mehr ist das nicht. Dann schreibe ich von vorne nach hinten, logisch. Denn um den Sät- zen einen Rhythmus zu geben, kann ich ja den dritten nicht vor den ersten zwei schreiben. Was dem Kayankaya dann während der Geschichte wider- fährt, ob er sich verliebt oder pleite- geht, ob er den Mörder findet oder nicht, selbst ob das dann überhaupt noch wichtig ist, weiß ich nicht. Die Figuren beginnen ihr Eigenleben zu führen. Sie verhalten sich zueinander, und das tun sie durch mich. Aber ich kann den

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zueinander, und das tun sie durch mich. Aber ich kann den 10 Diogenes Magazin Kayankaya nicht

Diogenes Magazin

Kayankaya nicht zwingen, sich in eine Frau zu verlieben, nur weil ich sie auf- treten lasse. Wenn ich es wichtig finde, dass er sich verliebt, muss ich eine Frau hinschreiben, in die er sich verlieben kann. Bekommt jedes Buch im Vorfeld ein spezielles Thema? Ja, wobei: Viele Themen gibt’s ja nicht. Es geht um Freundschaft, Liebe, Al- tern, Tod, Jugend, Krankheit. Viel- leicht noch zwei, drei andere. Eifer-

Der Autor soll während der Geschichte, die er erzählt, die Klappe halten.

sucht. So ein Thema habe ich dann jeweils als Grundgeräusch. Bei Bruder Kemal zum Beispiel habe ich während des Schreibens immer gesagt, es geht um Religion. Kann man sagen, man könnte aber auch etwas ganz anderes sagen. Das spielt anfangs eine Rolle, aber im Grunde geht es dann wie im- mer ganz schnell nur noch um die Fi- guren und darum, ihnen möglichst nahe zu kommen. Religion war einfach nur eine Möglichkeit, mich dem Kayan- kaya neu zu nähern.

Im besten Fall sind Bücher Freunde, die man ins Regal stellen kann. Das Blöde ist, dass sie einem nicht die Hand halten können.

Bruder Kemal hinterfragt jede Form von Gläubigsein. Eigentlich geht es um etwas, was alle ernsthaften Schriftsteller tun: Du hin- terfragst durchgesetzte Bilder. Religio- nen aller Art und Herkunft sind in den letzten Jahren ja wieder eine mächtige, die Welt bestimmende Sache geworden. Elfter September, Mohammed-Karika- turen, Tea-Party, Bushs Kreuzzug im

Irak, arabischer Frühling. Oder in Deutschland: Wer bekennt sich neuer- dings nicht alles zum Papst oder ir- gendeinem Glauben. Und die meisten nehmen die Sache ungeheuer ernst, auch die Religionsgegner. Ich halte es da hundertprozentig mit Ricky Ger- vais: »Thank God I’m an atheist.« In Bruder Kemal wird Religion als Busi- ness und Entertainment beschrieben. Religion als Möglichkeit, Geld zu ver- dienen und sich abzulenken. Wie steht denn Kayankaya zur Reli- gion? Das war für mich der Anfang des Ro- mans. Wie geht Kayankaya mit dem Thema um? Er hat türkische Eltern, ist von Geburt Muslim. Da habe ich mich drauf gefreut. Was passiert, wenn die anderen ihm mit gewissen Erwartungs- haltungen begegnen? Und es hat mir Spaß gemacht, ihm dabei zuzusehen, wie er unbelästigt vom Religionskram mit seiner Arbeit weitermacht und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Das entspricht nun eins zu eins der Art, wie du selbst mit diesem Kram umgehst. Ich hoffe es. Und ich hoffe, grundsätz- lich immer freier von Ansichten und Absichten zu werden. Im Leben, aber noch mehr beim Schreiben. Beim Schreiben musst du jede Situation sachlich durchdenken: Wer hat welche Beweggründe? Was motiviert die Figu- ren, so zu handeln, wie sie handeln? Und nicht: Was motiviert den Autor? Der Autor soll während der Geschich- te, die er erzählt, die Klappe halten. Er ist eigentlich nur für die Mathematik zuständig, für das Gleichgewicht, den Rhythmus, die Form. Ansichten und Absichten soll er seinen Figuren über- lassen. Kannst du das ein bisschen genauer erklären? Sagen wir’s so: Wenn ich bei einem Buch die Absicht des Autors erkenne, dann interessiert mich die ganze Ge- schichte nicht mehr, auch wenn die Absicht noch so richtig ist, selbst wenn sie einfach nur darin besteht, einen unterhaltsamen, guten und möglichst gewichtigen Roman zu schreiben. Oft sind das ja dann diese perfekten Schreibwerkstatt-Bücher, stimmt al- les – originelle Hauptfigur, perfekte

Foto: © Peter Loewy

Dramaturgie, Thema ernst, Sprache heiter, ein bisschen ironisch, ein biss- chen gewagt –, interessiert mich null. Aber wenn ich merke, dass einer nicht anders kann, als jetzt diese – und zwar genau diese – Geschichte zu erzählen, weil er ein Geschichtenerzähler ist, weil er unbewusst etwas von sich erzäh- len will oder weil er jemandem Freude machen möchte, und wenn er das so gut und so kurzweilig tut, wie’s geht und wie er’s eben kann – das finde ich die höchste Form der Literatur. Wenn ich ein Beispiel geben müsste, was die- sem Ideal ziemlich nahekommt, würde ich Heine-Gedichte nennen. Welchen Effekt hat gute Literatur? Ich finde, Bücher sollten Mut machen. Die Bücher von Richard Yates zum Beispiel machen inhaltlich bestimmt nicht so viel Mut. Aber einfach, dass es jemanden gibt – oder gab –, der die Dinge so gesehen hat wie du, lässt dich nicht so alleine sein mit deinen Beob- achtungen, deinen Ängsten, deinen Sehnsüchten. Im besten Fall sind Bü- cher wie Freunde. Freunde, die man ins Regal stellen kann, das ist das Gute. Das Blöde ist, dass sie einem nicht die Hand halten können. Könnte es sein, dass dein nächstes Buch wieder ein Kayankaya ist? Jedenfalls habe ich mich im letzten Jahr sehr wohl mit der Figur gefühlt. Und vielleicht sind ja noch ein paar Fragen offen. Oft habe ich, wenn ein Buch ein- mal fertig ist, Lust auf etwas Neues. Das ist diesmal nicht so. Aber eine richtige Idee habe ich auch noch nicht. Und vielleicht kommt ja morgen je- mand ganz anderes um die Ecke – ein charmanter Henker, eine schwatzsüch- tige Geheimagentin, ein Junge wie mein Sohn –, und ich denke: Mit dieser Person will ich jetzt sofort unbedingt viel Zeit verbringen, zwei, drei Jahre, ganz egal. Da wäre der Kayankaya dann erstmal wieder weg, da hätte ich keine Wahl, das ist wie sich verlieben. ·

Über Kayankaya

keine Wahl, das ist wie sich verlieben. · Über Kayankaya Christian Seiler Ein Freund Er ist

Christian Seiler

Ein Freund

Er ist ein bisschen was über fünfzig und längst ein Klassiker. In Bruder Kemal ermittelt er zum fünften Mal, nach seinem Debüt 1987 in Happy Birthday, Türke! Ein kleines Porträt des furiosen Privatdetektivs Kemal Kayankaya, geschrieben von Christian Seiler, einem Fan der ersten Stunde.

W enn der Privatdetektiv Kemal Kayankaya einen Auftrag an-

nimmt, geht der Welt ein Licht auf. Der Mann ist hell. Er hat Mumm. Sein Witz ist schneidend und hinterlässt Spuren, gleich hinter dem ersten Affektlachen, wenn der Scherz bitter zu schmecken beginnt. Kayankayas Schlagfertigkeit ist hohe Kunst. Das Bittere ist die Wirklichkeit. Kayankaya wird am 11. August 1957 in der Türkei geboren. Seine Mutter Ülkü stirbt bei der Geburt, sein Vater Tarik geht nach Deutschland und heu- ert bei der Frankfurter Müllabfuhr an. Der Junge kommt mit. Drei Jahre spä- ter überfährt ein Postauto den Vater. Kemal wird von einem deutschen Pä- dagogenehepaar adoptiert. Er wächst

in einer durch und durch deutschen

Umgebung auf, macht Abitur und be- wirbt sich 1980 für eine Lizenz als Pri- vatdetektiv, die er »merkwürdigerwei- se« auch bekommt. »Manchmal«, räsoniert Kayankaya in Happy Birthday, Türke!, »macht der Job sogar Spaß.« In Happy Birthday ermittelt Kayan- kaya im Drogenmilieu, in Mehr Bier unter rabiaten Umweltschützern, in Ein Mann, ein Mord in der Schatten- welt von Asylanten. Er handelt sich von ungemütlichen Zeitgenossen eine Menge Ohrfeigen ein und vergisst auch nicht, auszuteilen. Weil er aussieht wie ein Türke, wird er im Kiez schon mal gefragt, ob die Polizei, harhar, jetzt eine Fremdenlegi- on habe. Wenn ihn jedoch eine Türkin auf Türkisch anspricht, muss er sich als

Diogenes Magazin

eine Fremdenlegi- on habe. Wenn ihn jedoch eine Türkin auf Türkisch anspricht, muss er sich als

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Fotos: © Fred Prase

Landsmann zu erkennen geben, der »Türkisch wegen besonderer Umstände weder sprechen noch verstehen« kann. Die Zuhälter, Schlepper, Kleinkrimi- nellen, die Alltagsrassisten und die Be- kloppten, denen Kayankaya über den Weg läuft, haben eines gemeinsam:

Kayankaya hat nichts gegen sie, eigent- lich. Er interessiert sich nicht dafür, woher sie kommen und warum sie tun, was sie tun. Aber er weiß ziemlich ge- nau, ob sie in Ordnung sind, Elende oder Arschlöcher. Mit denen, die in Ordnung sind, ist er gern Freund und trinkt bei Gelegen- heit ein paar Bier, selbst wenn er sie ei- gentlich hinter Gitter bringen müsste. Mit den Elenden hat er Mitleid, weit über alle Konventionen hinaus. Mit den Arschlöchern aber legt er sich an, auf Gedeih und Verderb. Nicht, dass ihm das immer gut bekäme – Kayan- kaya holt sich regelmäßig seine Beu-

len –, aber der Kampf gegen die wirk- lich Unanständigen, ob sie nun Polizisten sind oder knallharte Gangs- ter im Frankfurter Bahnhofsviertel, ist der Ausdruck seines Kampfes um das, was er intuitiv als Gerechtigkeit emp- findet. Gerechtigkeit ist, auch wenn Kayan- kaya das so nie sagen würde, sein Treibstoff, sein genuines Thema. Er selbst, oft angeschippert, mehrheitlich pleite und kleinen krummen Geschäf- ten nicht abgeneigt, ist ein zutiefst mo- ralischer Mensch. Moral ist schließlich am Ende nur das, was man nach Abwä- gung aller Fakten richtig findet, und Fakten abwägen kann Kayankaya wie ein Apotheker. Der junge Kayankaya ist ein ziem- lich verwegener Held, der sich schnel- ler mit bösen Jungs schlägt als vielleicht notwendig, sicher mehr trinkt, als ihm gut tut, und ein bisschen einsamer ist,

als ihm lieb ist. In Kismet, dem vierten Kayankaya-Roman Jakob Arjounis, ist Kayankaya dann gut zehn Jahre älter, ein bisschen schwerer und langsamer, aber, wenn notwendig, nicht weniger entsichert als eh und je. Das hilft, weil er es immerhin mit der Mafia aufge- nommen hat. Heute ist Kemal Kayankaya ein un- rasierter Mann von Mitte fünfzig mit leichtem Hang zum Übergewicht, was ziemlich sicher mit den Bieren und den Würsten zusammenhängt, die er in den schönen Stunden zu sich nimmt, und Fitnessstudiokann er natürlich im- mer noch nicht buchstabieren. Seine Lakonie – Kayankaya bezeich- net den trockenen Humor, den er selbst in den ungelegensten Situationen nicht ablegen kann, tiefstapelnd als »müde Witze reißen« – ist eine verdeckte Variante von Lebensweisheit, ein vor- urteilsloses Misstrauen gegen alle, die

Fotografien auf diesen Seiten von Fred Prase (1946 – 2003). Jahrelang ermittelte Fred Prase als Polizeihauptkommissar im Frankfurter Bahnhofsviertel mit seinen Stundenhotels, Bars und Bordellen. Das Fassbinder-Zitat: »Was man nicht ändern kann, sollte man wenigstens beschreiben«, führte zu seiner Entscheidung, den Kiez fotografisch festzuhalten.

man wenigstens beschreiben«, führte zu seiner Entscheidung, den Kiez fotografisch festzuhalten. 12 Diogenes Magazin
man wenigstens beschreiben«, führte zu seiner Entscheidung, den Kiez fotografisch festzuhalten. 12 Diogenes Magazin

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man wenigstens beschreiben«, führte zu seiner Entscheidung, den Kiez fotografisch festzuhalten. 12 Diogenes Magazin

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Foto: © NN

etwas zu verbergen haben, dividiert durch die milde Skepsis, mit der er sich morgens im Spiegel selbst betrachtet. Kayankaya ist längst nicht mehr der einsame Wolf der frühen Tage. Da ist eine Deborah mit ziemlich viel Ver- gangenheit und Kinderwunsch, und Kayankaya ist seltsam angerührt von der Vorstellung, doch noch in so etwas wie Familie hineingerutscht zu sein. Allein, dass er nicht augenblicklich in den Sonnenuntergang reitet und sich

aus der Geschichte verabschiedet wie Lucky Luke, zeigt deutlich, wie stark das Heimweh nach Aufgehobenheit ist, das diesen Mann am Ausgang seiner besten Jahre bisweilen heimsucht. Im neuen Roman Bruder Kemal sondiert Kayankaya religiöse Angele- genheiten und stellt als guter Nihilist wenig überrascht fest, dass es mit dem Glauben derer, die am lautesten beten (oder sich über die lauten Beter noch lauter beschweren), nicht weit her ist.

Also fragt er sich selbst, woran es zu glauben lohnt. Er tut es nicht laut, son- dern zwischen den Zeilen, und er kommt zu einem Ergebnis, von dem er als junger Ermittler niemals geträumt hätte, als er, der Whiskeytrinker, maxi- mal an die Wunder glaubte, die drei Aspirin bewirken. Die Antwort lautet: Scheiße. Es gibt etwas. Keine Ahnung, was, aber ir- gendwas gibt es. Ganz sicher. Man kann zum Beispiel an diesen Kumpel glauben, der alle paar Jahre auftaucht, ohne sich angemeldet zu ha- ben. Dann ist er da, und es ist mindes- tens so schön wie immer, auch wenn nicht mehr die ganze Nacht getrunken wird, weil – Kayankaya kriegt einen warmen, nicht weiter zu entschlüsseln- den Blick – dann mal gut ist. Dann hörst du wieder eine Zeitlang nichts von ihm. Aber er kommt wieder, ganz sicher. Er vergisst dich nicht. ·

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Auftritt Kemal Kayankaya

Privatdetektiv. Geboren 1957 in der Türkei. Aufgewachsen in Deutschland. Wohnhaft in Frankfurt. Familienstand: ledig. Humor:

trocken. Gerechtigkeitssinn: ausgeprägt. Gewaltbereitschaft: hoch. Eine Entwicklungsgeschichte zwischen Bahnhofs- und Banken- viertel, Würstchenbude und Buchmesse in fünf Romanen.

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Foto: Archiv Diogenes Verlag

Vorabdruck

Foto: Archiv Diogenes Verlag Vorabdruck Jakob Arjouni Das ist die Hölle! Kemal Kayankaya, der Frankfurter Privatdetektiv,

Jakob Arjouni

Das ist die Hölle!

Kemal Kayankaya, der Frankfurter Privatdetektiv, ermittelt wieder und bewegt sich dabei auf fremdem Terrain, denn bei ihm zu Hause liest nur seine Freundin: Das Buch des marokkanischen Autors Malik Rashid hat in der arabischen Welt für große Aufregung gesorgt, geht es darin doch auch um die gleich- geschlechtliche Liebe unter Muslimen. Rashid fürchtet um sein Leben. Er engagiert Kayankaya als Leib- wächter. Gemeinsam fahren sie zur Frankfurter Buchmesse

A uf dem Weg zur Messe kam im Taxi

mit einem Mal sogar richtig gute

Stimmung auf. Rashid erkundigte sich bei Katja Lipschitz, der Pressechefin des Verlags, wer noch alles käme, Lutz Dingsbums vielleicht oder der »witzi- ge Bodo«, wie viele Interviewtermine er habe, wo man vor der Veranstaltung am Abend noch schnell was essen kön- ne, und schien sich zu freuen wie ein Kind, auch wenn er zwischendurch

immer wieder stöhnte: »Gott, wird das anstrengend!« Zu mir sagte er: »Sie werden sehen, die Buchmesse, das ist die Hölle!« Und strahlte dabei übers ganze Gesicht.

Die Buchmesse war nicht die Hölle, sie roch nur ein bisschen so. In den riesi- gen Hallen breiteten sich über mehrere Stockwerke, jedes mit einer Fläche von etwa zwei Fußballfeldern, Stellwand an Stellwand gefühlte Millionen Verlags- stände bis in die letzte Ecke aus. Da- zwischen schob sich durch Gänge und Stände, über Rolltreppen, in Toiletten und durch Eingangstüren pausenlos ein schwitzendes, ungewaschenes, par-

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pausenlos ein schwitzendes, ungewaschenes, par- 14 Diogenes Magazin fümiertes, alkoholgetränktes, verkater-

Diogenes Magazin

fümiertes, alkoholgetränktes, verkater- tes, mit Haargel beschmiertes Men- schengewühl. Aus Würstchen-, Pizza-, Chinapfannen-, Thaicurry- und Brat- kartoffelbuden zog Fettdampf über die Köpfe, unsichtbare Heizungen schie- nen bis zum Anschlag aufgedreht – vielleicht produzierten aber auch nur

Die Buchmesse war nicht die Hölle, sie roch nur ein bisschen so.

die vielen Körper die Wärme –, und für Frischluft sorgten ausschließlich die paar wenigen auf- und zuschlagenden Eingangstüren. Dazu drangen aus der kleinen Ver- pflegungskammer des Maier Verlags schräg hinter mir die Ausdünstungen von auf der Wärmeplatte vor sich hin schmorendem Filterkaffee, verschmäh- ten Ei- und Harzer-Käse-Brötchen, deren Aromen sich im Laufe des Tages immer deutlicher hervortaten, sowie eines selbstgebackenen Kokos-Bana-

nen-Kuchens, den ein junger US-ame- rikanischer Autor den Verlagsmitar- beitern mitgebracht hatte, »For you, guys, for all the amazing work you do!«, und der aus Bountys und faulem Obst zu bestehen schien. Der Stand des Maier Verlags war un- gefähr fünfundzwanzig Meter lang und fünf Meter breit. An den Wänden hingen Autorenporträts und Plakate von Buchumschlägen, in mehreren Re- galen lagen stapelweise Neuerschei- nungen, zum Sitzen gab es einfache Holzbänke und -stühle, dazu kleine runde Tische, auf jedem zwei Schalen mit Keksen und Salzgebäck. Ein etwa fünf Meter breites Wandstück in der Mitte des Stands sowie der Tisch und die vier Stühle davor unterschieden sich vom Rest der Einrichtung. Hier schmückten die Wand ein Fischernetz, zwei Plastikhummer, ein Plastiktinten- fisch, eine Glasflasche mit Flaschen- post, eine kleine Boje und fünf ins Netz gehängte Exemplare des neuen Romans von Hans Peter Stullberg:

Eine okzitanische Liebe. Der Tisch war ein klassischer französischer Bistro-

tisch mit Eisenfuß und Marmorplatte, die Stühle waren Gartenklappstühle aus Holz in den Farben Rot und Gelb. »Die Farben Okzitaniens«, wie uns Katja Lipschitz erklärte. Rashid hatte bei unserer Ankunft die besondere Präsentation von Stull- bergs Roman trocken mit »wegen der Rückenbeschwerden« kommentiert. Mit seinem eigenen Roman Die Reise ans Ende der Tage war ein ganzes Re- gal vollgestellt, darüber ein Zitat aus Le Monde: »Selten sind inhaltliche Rele- vanz und formaler Ausdruck eine so vollendete Symbiose eingegangen.« »Ein toller Satz«, sagte Katja Lip- schitz. »Tja, Le Monde ist eben immer noch Le Monde«, pflichtete Rashid bei. Und ich sagte: »Man bekommt so- fort Lust zu lesen.« Katja Lipschitz warf mir einen aus- druckslosen Blick zu, ehe sie in die Ecke neben der Verpflegungskammer deutete. »Da, haben wir uns gedacht, sitzen Sie. Von dort haben Sie den gan- zen Stand gut im Blick und bleiben relativ unauffällig. Malik wird seine Interviews mit Journalisten und Ge- spräche mit Lesern und Buchhändlern an dem Tisch vor Ihnen führen.« »Wunderbar«, sagte ich und stellte meine Tasche mit gebügeltem Hemd und Nadelstreifenanzug für die Abend- veranstaltung mit Herrn Doktor Brei- tel neben den mir zugedachten Stuhl. Rashid schob seinen schwarz glänzen- den Rucksack mit einer kleinen aufge- nähten kanadischen Stoffflagge und der roten Aufschrift Vancouver Inter- national Writers Festival unter den Tisch, erklärte uns, er gehe mal kurz guten Tag sagen, und begann eine Run- de über den Stand, um die Verlagsmit- arbeiter zu begrüßen; die weiblichen mit Umarmung und Küsschen rechts, Küsschen links, die männlichen mit kräftigem Handschlag. »Tolles Buch, Malik!« – »Ungeheuer berührend!« – »Ganz wichtiger Text.« – »Mein Favo- rit dieses Jahr.« Während Katja Lipschitz sich ab- wandte, um zu telefonieren, sah ich mich nach Möglichkeiten um, notfalls mit Rashid in Deckung zu gehen. Vor uns der Gang mit dem ständigen, gleichmäßigen Strom von Buchmesse-

besuchern, rechts die Tische des Maier Verlags, an denen Verlagsmitarbeiter mit Geschäftspartnern Verkaufszahlen, Buchmarktentwicklungen, Persona- lien, gemeinsame Veranstaltungen und den jüngsten Buchmesseklatsch be- sprachen – »Gretchen Love!« – »Nächste Woche soll sie auf der Sach- buch-Bestsellerliste sein.« – »Ein Wahnsinn!« – »Ein Skandal!« –, und gleich links neben uns die Stellwand zum Nachbarverlag. Daran Rashids Werberegal mit ungefähr dreihundert Exemplaren seines Romans, dem groß ausgedruckten Le Monde-Zitat und ei- nem Foto, auf dem Rashid den Kopf in drei Finger stützte und so amüsiert und überlegen guckte wie bei meinem Eintreffen in der ›Harmonia‹-Lounge.

»Tolles Buch, Malik!« »Ungeheuer berührend!« »Ganz wichtiger Text.« »Mein Favorit dieses Jahr.«

Blieb als mögliche Deckung nur die Verpflegungskammer. Bis wir aller- dings die Schiebetür hinter uns auf- und zugekriegt und uns zwischen Brötchentabletts und Wasserkästen ge- schmissen hätten, wäre ein halbwegs entschlossener Attentäter mit einem vom nächsten Pizzawagen entwende- ten Messer längst mit Rashid fertig und wieder im Besuchergewühl unterge- taucht gewesen. Neben der Abendgarderobe befan- den sich in meiner Tasche noch ein Baseballschläger, Pfefferspray und Handschellen. Ich zog den Reißver- schluss auf und legte den Griff des Baseballschlägers so auf die Taschen- kante, dass ich ihn möglichst schnell zu fassen bekam. Außerdem nahm ich meine Pistole aus dem Rückenholster und schob sie in die rechte Seitentasche meiner Cordjacke. Niemand würde die Waffe sehen, und ich konnte durch die Jacke schießen. »Sie werden damit hoffentlich vor- sichtig sein.« Katja Lipschitz trat vor mich und deutete auf meine Jackenta- sche. »Ich habe Sie beobachtet. Ich meine, es gibt auch überschwengliche

Fans, die wollen Malik vielleicht umar- men …« »Tja, da haben sie Pech gehabt. Ich knall ganz gerne ’n bisschen rum, wis- sen Sie. Gerade hier am Besuchergang, irgendwen erwischt man da immer. Übrigens: Haben Sie die Drohbriefe dabei?« Wir sahen uns an. Nach einer Pause fragte Katja Lip- schitz: »Haben Sie eigentlich eine Frau?« »Sie meinen, ob ich schwul bin?« »Nein, ich meine, ob jemand mit Ih- nen zusammenlebt?« »Sie werden staunen: seit über zehn Jahren in festen Händen, gemeinsame Wohnung, keine Affären, jedenfalls, was mich betrifft – darum bin ich ja so ausgeglichen, leicht genießbar, ein Mann umhüllt von weiblicher Nest- wärme. Tut mir leid, falls Sie Interesse hatten.« Katja Lipschitz lachte kurz auf. »Was ist jetzt mit den Drohbriefen?« »Würden die Briefe an Ihrer Vorge- hensweise irgendwas ändern?« »Ja. Ich würde wissen, ob ich mich auf die Informationen meiner Auftrag- geberin verlassen kann.« Wieder mach- te sie eine Pause. Von einem der Nebentische des Maier Verlags hörte ich: »Hier, die SMS: Platz 1!« – »Ich fass es nicht!« – »Also ehrlich gesagt, ich hätte nichts dagegen, auch mal so eine Gretchen Love im Programm zu haben, kann man doch als Kunst verkaufen.« – »Spermaboarding als Kunst? Ich weiß nicht.« – »Das ist der Titel? Sperma- boarding?« – »Ja, und noch irgendwas dazu.« Schließlich sagte Katja Lipschitz:

»Malik hat vor ein paar Wochen erzählt, er habe solche Briefe bekommen. Lei- der hat er sie bisher nicht mitgebracht. Ich habe ihn mehrere Male darum ge- beten.« Sie betrachtete mich herausfor- dernd. »Zufrieden?« Ich zuckte mit den Achseln. »Ist mir völlig egal, was ihr Leute anstellt, um den Buchverkauf anzukurbeln. Aber es gehört nun mal zu meinem Job, eini- germaßen genau einzuschätzen, wie groß die Gefahr ist, in der sich die zu schützende Person und ich befinden. Nun gehe ich noch mehr davon aus,

Diogenes Magazin

Gefahr ist, in der sich die zu schützende Person und ich befinden. Nun gehe ich noch

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Zweites Foto von o.: © Keystone; übrige Fotos: Archiv Diogenes Verlag

von o.: © Keystone; übrige Fotos: Archiv Diogenes Verlag Bilder von oben nach unten: Diogenes Stand

Bilder von oben nach unten: Diogenes Stand auf der Frankfurter Buchmesse, 1973. Tomi Ungerer (ganz links) und Daniel Keel stehend mit Bierglas, Diogenes Stand auf der Frankfurter Buchmesse, 1962. Daniel Keel (rechts) am Diogenes Stand auf der Frankfurter Buchmesse, 1957.

dass wir einen eher ruhigen Nachmit- tag verbringen werden.« Es kostete sie einen Augenblick Überwindung, dann sagte sie: »Schön, dass Sie das so entspannt sehen. Tut mir leid, die Arbeit mit Autoren …«, sie zögerte, »… na ja, ist nicht immer frei von Eigenheiten, Überraschun- gen – verstehen Sie?« »Klar – weil die Kerle zu viel nach- denken.« Sie lächelte müde. »Na, dann ist ja gut«, und sah auf die Uhr. »Ich muss wieder ans Telefon. Wenn Sie irgend- was brauchen, wenden Sie sich bitte wie besprochen an mich. Bis später.« Kurz darauf ließ sich Rashid am Tisch vor mir nieder und bekam von der jungen, in einen adretten blauen

nieder und bekam von der jungen, in einen adretten blauen 16 Diogenes Magazin Hosenanzug gekleideten Assistentin

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nieder und bekam von der jungen, in einen adretten blauen 16 Diogenes Magazin Hosenanzug gekleideten Assistentin

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Hosenanzug gekleideten Assistentin von Katja Lipschitz eine Tasse vor sich hingeschmorten Filterkaffee und ein Stück Kokos-Bananen-Kuchen serviert. »Danke, mein Schatz.« Er zwinkerte ihr zu. »Mhmm, riecht der gut. Hof- fentlich schreibt der junge Kollege so gut, wie er backt.« »O ja«, sagte die Assistentin freund- lich lächelnd, »ein tolles Buch, sehr be- rührend. Wenn Sie noch irgendwas brauchen, sagen Sie bitte Bescheid. Der Mann von der Bamberger Allgemeinen kommt in fünf Minuten.« »Was ist mit dem Wochenecho-Inter- view?« »Wir sind immer noch dran, Herr Rashid. Katja macht, was sie kann. Das Problem ist: Der Redakteur, mit dem das Interview vereinbart war, musste aus gesundheitlichen Gründen kurz- fristig absagen. Tut mir leid. Sobald es Neuigkeiten gibt, bekommen Sie Be- scheid.« Sie wandte sich zu mir: »Darf ich Ihnen auch ein Stück Kuchen brin- gen?« »Danke, nur ein Glas Wasser bitte.« Während die Assistentin das Glas Wasser aus der Verpflegungskammer hinter mir holte und mich eine Wolke Harzer-Käse-mit-Banane-Geruch aus der offenen Tür umfing, drehte sich Rashid zu mir um, ein Blick zur Ver- pflegungskammer: »Süß, nicht wahr?« Danach hielt er die Kuchengabel wie ein kleines Schwert in die Höhe. »Wo-

chenecho-Interview! Wenn das klappt,

dann geht die Auflage

« Er beschrieb

mit der Gabel einen steil ansteigenden Strich. »Prima«, sagte ich. Wenig später brachte Katja Lip- schitz’ Assistentin den Journalisten der Bamberger Allgemeinen an Rashids Tisch. Ein fülliger, unrasierter, unge- kämmter, gemütlich wirkender Mitt- vierziger in ausgetretenen Schuhen und einem so zerknitterten Regenmantel, als hätte er darin die Nacht verbracht. Er ließ seine anscheinend schwere Um- hängetasche auf den Boden plumpsen und begrüßte Rashid überschwenglich:

»… ist mir eine große Ehre … Freue mich sehr … begeistert … Was für ein mutiges Buch … Danke für die Zeit, die Sie mir opfern …« Rashid bemühte sich, die Kompli- mente so weit wie möglich zurückzu- geben: »… freue mich auch sehr … Danke für Ihre Zeit … Bamberger All- gemeine, tolle kleine Zeitung …« Dann hob der Journalist ein alter- tümliches Aufnahmegerät aus seiner Umhängetasche – »Tja, zu modernerer Technik reicht’s bei der Bamberger All- gemeinen noch nicht« –, brauchte fünf lange Minuten, um das Gerät zum Laufen zu bringen, und fing schließlich an, seine auf einen kleinen Zettel voller Essensflecken notierten Fragen zu stel- len. Es war Rashids erstes Interview, dem ich beiwohnte, es sollten noch acht an diesem Nachmittag folgen – mit dem Rüdesheimer Boten, dem Storlitzer Anzeiger, der Studentenzei- tung Randale, mit Radio Norderstedt und noch irgendwem –, und so wenig sympathisch mir Rashid war, so sehr sollte er mir trotzdem spätestens nach dem dritten, vierten Interview leidtun. »Lieber Malik Rashid«, fuhr der Mann aus Bamberg nach ein paar be- langlosen Fragen zu Rashids Geburts- ort und Biographie fort, »ich pack den Stier jetzt mal gleich bei den Hörnern:

Ist der meisterhafte, aufwühlende Ro- man Die Reise ans Ende der Tage nicht vor allem das subtile Coming-out eines nordafrikanischen Mannes, der lange genug in Europa gelebt hat, um sich der religiösen und traditionellen Ket- ten seiner Heimat nun auch öffentlich

und sozusagen stellvertretend für viele gleich- … ich sag mal … -gepolte Män- ner zu entledigen?« »Bitte …?« Rashids Mund blieb of- fen. Er schien tatsächlich völlig über- rascht. Bestimmt hatte er damit gerech- net, dass das Thema von Journalisten angesprochen würde. Dass es der Kern nicht nur seines Auftakt-, sondern auch aller weiteren Interviews an sei- nem ersten Buchmessetag werden soll- te, darauf war er ganz offensichtlich nicht vorbereitet gewesen. Da konnte er noch so viel erklären, dass die ho- mosexuelle Liebe seiner Hauptfigur zu einem Strichjungen einem Gemisch aus sexueller Frustration, Sehnsucht nach Freiheit, Lust am Verbotenen und höchstens zu einem geringen Anteil natürlicher Veranlagung entsprang und dass er, Rashid, sich als Schriftsteller einfach einen Konflikt ausgedacht habe, mit dem er den aktuellen Zu- stand der marokkanischen Gesellschaft beschreiben könne – das Einzige, was die meist eher unvorbereitet wirken- den und preiswert gekleideten Männer und Frauen aus Bamberg und Storlitz interessierte, war: BEKENNT SICH DER MUSLIMISCHE AUTOR ÖF- FENTLICH ZU SEINER HOMO- SEXUALITÄT? ·

Buchtipp

240 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06829-0 Auch als Diogenes E-Book Kayankaya ist zurück: älter, cooler –
240 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06829-0
Auch als Diogenes E-Book
Kayankaya ist zurück: älter, cooler –
und liiert. Ein Mädchen verschwindet,
und der Frankfurter Detektiv soll
einen muslimischen Schriftsteller
beschützen. Zwei scheinbar einfache
Fälle, doch zusammen führen sie zu
Mord, Vergewaltigung, Entführung.
Die Zeitschrift der Kultur Nr. 828 Glaube Das Mysterium menschlicher Existenz Jedes Jahr zehn spannende
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Die Zeitschrift der Kultur

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Premieren abo@du-magazin.com +41 71 272 71 80 www.du-magazin.com Die Zeitschrift der Kultur Diogenes Magazin 17

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Foto: © Gaby Gerster

Martin Suter, geboren 1948 in Zürich, lebt in Spanien, Guatemala und in der Schweiz. In diesem Jahr erscheinen gleich zwei Bücher des ungemein produktiven Schweizer Bestsellerautors:

ein Band mit Kolumnen aus der Business Class, Abschalten. Die Business Class macht Ferien, und der Roman Die Zeit, die Zeit.

»Martin Suter ist geglückt, was es in der deutschen Literaturszene nur selten gibt: Er verwischt souverän die Grenzen zwischen Unterhaltung und Literatur mit elegant und scheinbar mühelos erzähl- ten Geschichten.« NDR Kultur, Hannover

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und Literatur mit elegant und scheinbar mühelos erzähl- ten Geschichten.« NDR Kultur, Hannover 18 Diogenes Magazin

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Illustration: © Tomi Ungerer

Interview

Illustration: © Tomi Ungerer Interview Martin Suter im Gespräch Wo nehmen Sie bloß die Zeit her?

Martin Suter im Gespräch

Wo nehmen Sie bloß die Zeit her?

der Titel von Martin Suters Roman ist Programm: Sein Held will die Zeit buchstäblich

zurückdrehen, weil er den Tod seiner geliebten Frau nicht verwinden kann – und dabei scheut er keine Mühen. Wie Suter selbst es mit seiner Zeit hält, ob beim Schreiben, Lesen oder Leben, und wie viele Stunden sein Tag hat, erzählt er in diesem Interview.

Die Zeit, die Zeit

Diogenes Magazin: All Ihre Romane befassen sich mit existentiellen Fra- gen, zumeist mit Identitätsproble- men, Persönlichkeitsveränderungen, die das Leben Ihrer Protagonisten auf den Kopf stellen – Small World, Die dunkle Seite des Mondes, Der per- fekte Freund, Lila, Lila – aber auch mit dem Verhältnis von Wahrheit und Lüge, wie in Der letzte Weynfeldt. In Ihrem neuesten Roman geht es um das Phänomen der Zeit. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen? Die Zeit interessiert mich seit meiner Jugend. Ich habe leidenschaftlich Zeit- reisegeschichten gelesen, und die Frage, was passiert, wenn man in die Vergan- genheit reisen und dort etwas verän- dern könnte, was die Auswirkungen auf die Gegenwart wären, hat mich im- mer fasziniert. Mein erstes Kinodreh- buch, Jenatsch für Daniel Schmid, war ein Zeitreiseabenteuer, und mein erster

veröffentlichter Roman, Small World, auch. Glauben Sie an das Vergehen der Zeit? Ist Zeit lediglich eine physikali- sche Maßeinheit? Ich glaube schon, dass es nicht die Zeit ist, die vergeht, sondern wir und alles andere es sind, die vergehen. Nur: In der Praxis macht es keinen spürbaren Unterschied. Heilt die Zeit alle Wunden, wie es das Sprichwort behauptet? Nein. Aber sie hilft, dass man mit sei- nen unverheilten Wunden leben lernt. Was halten Sie von dem im Buch be- schriebenen Experiment, die Zeit zu- rückzudrehen? Glauben Sie, dass man Ereignisse auf diese Art und Weise ungeschehen machen kann? An das, was man in einem Roman be- schreibt, muss man auch ein wenig glauben. Und sei es nur während des Beschreibens.

Haben Sie selbst auch zuweilen das Bedürfnis, die Zeit zurückzudrehen? Wer nicht! Kennen Sie andere Zeitexperimente in der Literatur oder im Film? H. G. Wells, Die Zeitmaschine. Daph- ne Du Maurier, Ein Tropfen Zeit. Ro- bert Zemeckis, Zurück in die Zukunft I – III. Alles wunderbare Zeitreisen. Wie haben Sie für Ihren Roman re- cherchiert, welche Bücher haben Sie gelesen? Mussten Sie sich auch mit obskurem Gedankengut auseinan- dersetzen? Ich recherchiere immer gleich: Vor al- lem während des Schreibens, kaum da- vor. So steht man nicht wie der Esel am Recherchenberg. Das Gedankengut, mit dem ich mich auseinandersetzte, war gar nicht so obskur. Alles klang recht einleuchtend und bodenständig. In Albert Camus’ Roman Die Pest wird eine Möglichkeit beschrieben,

Diogenes Magazin

und bodenständig. In Albert Camus’ Roman Die Pest wird eine Möglichkeit beschrieben, Diogenes Magazin 19

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wie man die Zeit strecken kann. Es reiche, eine lange Zugfahrt stehend im Gang zu verbringen. Haben Sie einen persönlichen Trick? Manchmal denke ich, es helfe, einen sehr regelmäßigen Lebensrhythmus einzuhalten. Immer wieder die glei- chen Orte zu besuchen und den glei- chen Menschen zu begegnen, um so die Veränderungen klein zu halten. Wenn man alle paar Stunden in den Spiegel schaut, altert man ja auch lang- samer. Dann wiederum finde ich, auf diese Weise verschmelze alles zu einem einzigen Ganzen, die Lösung sei, im- mer wieder etwas völlig anderes zu ma- chen, um das ganze Leben mit Mark- steinen zu versehen. In welchen Lebenssituationen ver- geht die Zeit für Sie besonders schnell, in welchen besonders langsam? Wie wohl bei uns allen: am langsamsten beim Warten, am schnellsten beim Al- tern. Tragen Sie immer eine Uhr? Und wenn ja, wie oft schauen Sie täglich darauf? Ich trage immer eine, doch ich schaue nicht so oft darauf. Aber nur, weil ich die meiste Zeit des Tages am Computer verbringe, wo oben rechts immer die Zeit läuft und läuft. Warum leiden so viele unserer Zeitge- nossen an permanenter Zeitknapp- heit? Und kann man daran etwas än- dern? Es ist wohl tatsächlich ein zeitgenössi- sches Problem. Vielleicht liegt es daran, dass wir heute die Möglichkeit haben, so viel in einen Tag zu packen, so schnell die Standorte zu wechseln, so viele Informationen zu empfangen und zu verbreiten. Man könnte daran schon etwas ändern: radikal im Jetzt anstatt im Morgen und Übermorgen leben. Aber wer kann das schon? Ich nicht. Hat sich Ihr Umgang mit Zeit im Laufe Ihres Lebens verändert? Wenn man älter wird, wird man sich der Zeit immer bewusster. Erstens, weil sie einem langsam ausgeht. Zwei- tens, weil man immer mehr Vergangen- heit und immer weniger Zukunft hat. Aber trotzdem schaffe ich es nicht, be- wusster mit der Zeit umzugehen. Wenn Sie H. G. Wells’ Zeitmaschine besteigen könnten, wohin würden

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Wells’ Zeitmaschine besteigen könnten, wohin würden 20 Diogenes Magazin Sie reisen? An einen anderen Zeit- punkt

Diogenes Magazin

Sie reisen? An einen anderen Zeit- punkt in Ihrem Leben? In eine ande- re Epoche? Oder würden Sie womög- lich gar nicht einsteigen wollen? Auf jeden Fall nicht in die Zukunft. Vergessen Sie die Zeit eher beim Le- sen oder beim Schreiben? Beim Schreiben. Ein berühmtes Bonmot von Karl Kraus lautet: »Wo nehm ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen?« Was antworten Sie jemandem, der sagt, er habe keine Zeit, Bücher zu lesen? Ich gehöre leider ab und zu auch zu de- nen.

Radikal im Jetzt anstatt im Morgen oder Übermorgen leben. Wer kann das schon? Ich nicht.

Woher nehmen Sie bloß all die Zeit? Sie haben nach Ihrem Erfolgsroman Der Koch aus dem Jahr 2010 zwei Ro- mane um den Gentleman-Gauner Johann Friedrich von Allmen ge- schrieben, und obendrauf zwei Dreh- bücher. Hat Ihr Tag mehr als 24 Stun- den? Ich glaube, es war nur ein Drehbuch, Giulias Verschwinden hatte ich schon geschrieben. Aber sonst stimmt die Statistik. Aber so gewaltig ist das nicht:

Der Koch war im Herbst 2009 fertig. Ich habe also in den vergangenen drei Jahren neben dem Drehbuch – eine Ar- beit von vielleicht sechs Wochen – drei Romane von insgesamt etwa 700 Seiten geschrieben, das sind im Schnitt keine zwanzig Zeilen pro Tag. Daran überar- beitet man sich nicht. Folgen Sie einem strengen Zeitplan beim Schreiben? Wenn ich an einem Roman bin, schon. Dann schreibe ich täglich, vormittags und nachmittags, wie ein Büroange- stellter. Nicht, weil ich so fleißig bin, sondern, weil ich so ungeduldig bin. Sie leben und schreiben in Ibiza, Gu- atemala und Zürich. Vergeht die Zeit unterschiedlich schnell für Sie an die- sen drei Orten?

Das kann ich nicht sagen. Aber in Gu- atemala hat die Zeit am wenigsten Be- deutung. Der Titel Ihres Romans Die Zeit, die Zeit klingt wie ein Vers aus einem Ge- dicht. Woher stammt er? Ich habe die Zeilen »Die Zeit, die Zeit / ihre Reise ist weit / sie läuft und läuft / in die Ewigkeit« als Knabe einem Mäd- chen ins Poesiealbum geschrieben. Aber ich finde nicht heraus, wo ich ihn abgeschrieben habe. · kam / kb

Buchtipp

304 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06830-6 Auch als Diogenes Hörbuch und E-Book »Etwas war anders, aber
304 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06830-6
Auch als Diogenes Hörbuch und E-Book
»Etwas war anders,
aber er wusste nicht, was.«
Anfangs begreift Peter Taler nur, dass
im Haus gegenüber, in dem der
achtzigjährige Knupp wohnt, sonder­
bare Dinge vor sich gehen. Er beginnt
zu beobachten – und merkt erst spät,
dass er selbst beobachtet wird und
längst in die Geschehnisse auf der
anderen Seite der Straße verstrickt ist.
Ist es verrückt, wenn einer glaubt,
die Zeit lasse sich ›zurückdrehen‹?
Es ist verrückt, denkt Taler, als er
begreift, was sein Nachbar vorhat.
Knupp, der vor zwanzig Jahren seine
Frau verloren hat, ist davon überzeugt,
dass man nicht wie Orpheus ins
Totenreich hinabsteigen muss, um einen
geliebten Menschen ins Leben
zurückzuholen. Er hat eine Theorie
und kann sich dabei sogar auf berühmte
Leute berufen. Allerdings ist die
Umsetzung nicht ganz einfach.
Um nicht zu sagen: schier unmöglich.
Taler soll ihm dabei helfen.
Liebesgeschichte, Thriller und Zeitreise:
ein geistiges Abenteuer, das für die Zeit
der Lektüre die Welt auf den Kopf stellt.

Buch und Buchhandel in Zahlen

e t h c i d s l e d n a h Neuerscheinungen 2011
e
t
h
c
i
d
s
l
e
d
n
a
h
Neuerscheinungen
2011 wäre etwa
Orte mit den
Noch Fragen?
16x
meisten Verlagen
h
so hoch wie der
Kölner Dom
(157,38 Meter)
Einwohner
pro Buchhandlung
Anzahl der Verlage
6.564
7.121
c
180
7.529
7.736
Darmstadt
7.747 138
Göttingen
1 Regensburg
u
2
Bonn
Wer liest wie oft? Wo gibt es die meisten Buchhandlungen pro Einwohner?
Ist Berlin auch Verlagshauptstadt? Und viele weitere Fragen: Vier Statistik-
Linien führen durch den Bücherdschungel. – Bitte einsteigen!
3 Köln
4
5 Berlin
München
B
89
88
72
Arena der Rekorde
82.048 (-2,7%)
Hamburg
Stuttgart
Frankfurt
am Main
e
Belletristik (Hardcover)
Kinder- und Jugendbuch
(Hardcover)
t
15,48 € (+0,7%)
11,78 € (-1,1%)
Büchernutzung:
Wer liest wie oft?
ß
Schulbuch
(Hardcover)
E-Book
15,75 € (-0,5%)
8,07 € (-22,4%)
etwa einmal pro
Woche/
alle 14 Tage
ungefähr einmal
im Monat/seltener
ö
Linien:
r
19%
18%
36%
54%
L
Leser
täglich/
mehrmals
in der Woche
G
15.141 (+4,3%)
Frauen
Männer
B
Buch-
Börse
5. Italien
produktion
8.225 (+1,8%)
viel kosten
4.308 (-17,8%)
45%
29%
Wie Bücher?
U
Umsatz
Unter den Lesern
4. Spanien
Kinder- und
Titelproduktion
Belletristik
Schulbuch
Jugendbuch
gesamt
E
E-Book
Neuerscheinungen
Die beliebtesten
Weihnachtsgeschenke
Messehallen
Lizenzvergaben
ins Ausland:
13,4%
die wichtigsten Länder
Bücher
Spiele und
Parfüm
Spielzeug
Gutscheine
Süßigkeiten
DVDs
Gestaltung und Illustration: Sabine Zander
Textkonzept: Christoph Schröder
www.infografik-hamburg.de
für
8,1%
Mama
32,5%
20,0%
18,1%
17,6%
14,0%
12,0%
Themenpark
6,9%
3. Polen
Marktplatz
Warengruppen:
Umsatzanteile im
6,2%
Ausgaben für Bücher
Buchhandel
in € pro Jahr und Person
5,3%
9,7%
Zahl der Lizenzverträge
8.000 (-2,3%)
6,1%
(10,3%)
Bad Soden
(6,0%*)
11,6%
Zittau
8,8%
Crimmitschau
am Taunus
Ingelheim am Rhein
Rheinland-Pfalz
Vaterstetten
Reise
Sachbuch
Sachsen
(11,9%)
Sachsen
(8,8%)
Flughafen/Airport
Hessen
Bayern
Schule und
Wissenschaft
2. Russland
79
80
Lernen
78
79
161
155
81
150
ANKUNFT / ARRIVAL
156
Eisleben
Zeitz
155
Sachsen-
Sachsen-
Quedlinburg
ÜBERSETZUNGEN INS DEUTSCHE:
Anhalt
Anhalt
Sachsen-Anhalt
DIE WICHTIGSTEN SPRACHEN
Bad Homburg
v. d. Höhe
Hessen
Starnberg
Bayern
Gemeinden mit der
niedrigsten Buchkaufkraft
15,7%
ENGLISCH
63,8%
(15,2%)
FRANZÖSISCH
10,4%
34,4% (33,8%)
Gemeinden mit der
höchsten Buchkaufkraft
13,6%
Kinder- und
JAPANISCH
6.0%
Jugendbuch
(13,9%)
Belletristik
ITALIENISCH
3.0%
SCHWEDISCH
2,1%
Ratgeber
ZAHL DER ÜBERSETZUNGEN (ERSTAUFLAGE)
10. 716 (-0,4%)
Branchen im
Buchmarkt
9,6 (-1,4%)
Vergleich
*Werte 2010
Umsatz in Mrd. €
Platz der Umsätze
An den Vertriebswegen
Sortimentsbuchhandel
(ohne E-Commerce)
Fachmedien
Umsatz im
Filmwirtschaft
Computer- und
4,78 (-3,0%)
3,1 (+1,9%)
1. China
Videospiele
2,6 (+0,9%)
Buchmarkt nach
Musikindustrie
2,0 (+3,5%)
49,7%
1,7 (+0,1%)
Vertriebskanal
Umsatz in Mrd. €
Versandbuchhandel
Verlage direkt
(einschließlich Internet)
Sonstige
1,83 (+1,7%)
1,71 (+2,3%)
Verkaufsstellen
0,91 (+-0,0%)
Warenhäuser
0,18 (-13,1%)
Buchgemeinschaften
0,19 (-12,7%)
Ideenfeld
E-Werk
Gesamtumsatz
9,601 (-1,4%)
Wachsender
E-Book-Markt
Verbreitung
von E-Books
Verkaufte E-Books
(Publikumsmarkt)
Buchhandlungen
mit E-Books im Programm
Verlage mit
E-Books im Programm
E-Book-Käufer
(Publikumsmarkt)
Umsatzanteil E-Book
(Publikumsmarkt)
Werte 2011 für Deutschland. Veränderungen gegenüber dem
Vorjahr in Klammern. Die Broschüre Buch und Buchhandel in Zahlen
und die hier abgebildete Grafik als DIN A3-Plakat sind bei der MVB
Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH bestellbar
(Telefon 069 1306 550 in Frankfurt am Main).
Broschur, 140 Seiten, € 39.50
Bestellbar unter www.mvb-online.de/bubiz
Diogenes Magazin
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Baustelle

Foto: © Isolde Ohlbaum

Interview

John Irving Was wir begehren, prägt uns
John Irving
Was wir
begehren,
prägt uns

Für Außenseiter hat er seit jeher Sympathien – er fühlt sich als einer von ihnen. So handelt auch John Irvings dreizehnter Roman In einer Person von Menschen, die am Rande stehen. Hier erzählt er von seiner Liebe für die Romane des 19. Jahrhunderts, davon, wie er seine eigenen Romanthemen findet und sie ihn, aber auch von der Aids-Krise im New York der achtziger Jahre und seinem Unverständnis gegenüber sexueller Intoleranz.

Billy Abbott, der Protagonist und Ich-Erzähler von In einer Person, ist bisexuell. Was glauben Sie, warum Bisexuelle so selten in der Literatur vorkommen? Die bisexuellen Männer, die ich früher gekannt habe, waren weder schüchtern noch verunsichert. (Das gleiche gilt für die bisexuellen Männer, die ich jetzt kenne.) Ich würde sogar sagen, dass so- wohl meine ältesten als auch meine jüngsten bisexuellen Freunde zu den selbstsichersten Männern gehören, die ich kenne. Und doch schlug bisexuel- len Männern – besonders aus meiner Generation – von allen Seiten Miss- trauen entgegen. Ihre schwulen Freun- de sahen in ihnen Schwule, die sich ein Hintertürchen offenhalten, nicht aufs Ganze gehen oder sich nicht vollstän- dig outen wollten. Die meisten Hete-

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nicht vollstän- dig outen wollten. Die meisten Hete- 22 Diogenes Magazin ro-Männer bemerken an einem bisexu-

Diogenes Magazin

ro-Männer bemerken an einem bisexu- ellen Mann nur den homosexuellen Anteil; vielen Hetero-Frauen erscheint ein Bi-Mann doppelt unzuverlässig – der könnte sie ja sowohl wegen einer anderen Frau als auch wegen eines schwulen Typen sitzenlassen! Bisexua- lität besetzt das, was Edmund White den ›Zwischenraum‹ nennt – das, was ›zwischen zwei bekannten Gegenpolen liegt‹. Ich empfinde es als müßig, darü- ber zu spekulieren, warum andere Au- toren keine bisexuellen Hauptfiguren haben. Ich weiß nur, dass ich schon immer etwas für sexuelle Außenseiter übrighatte. Auch Schriftsteller sind Außenseiter, zumindest wird von uns erwartet, ›dis- tanziert‹ zu sein. Und mich faszinieren sexuelle Außenseiter nun mal beson- ders. Da wären der schwule Bruder in

Das Hotel New Hampshire, die schwu- len (bei der Geburt getrennten) Zwil- linge in Zirkuskind, die transsexuellen Figuren in Garp und wie er die Welt sah und jetzt wieder in In einer Person (diesmal als markantere, eigenständige- re Figuren). Ich mag diese Leute; sie ziehen mich an, und ich sorge mich um ihre Sicherheit – darum, wer sie hassen und ihnen Schaden zufügen könnte. Charles DickensGroße Erwartungen hat in mehr als einer Hinsicht einen enormen Einfluss auf Billy. Welche Bücher haben Sie geprägt? Wie Billy habe ich einen Teil meiner Kindheit hinter den Kulissen eines Kleinstadt-Theaters verbracht; meine Mutter, die – in so mancher Hinsicht – nicht wie Billys Mutter war, war auch Souffleuse. Mein frühestes Interesse am Geschichtenerzählen rührt vom

Theater her, und im Geiste habe ich mich als Schauspieler gesehen (auf der Bühne, nie im Film), bevor ich mich als Romanautor sah. Aber Große Erwar- tungen und andere Werke von Dickens weckten in mir den Wunsch, auch sol- che handlungsstarken Romane mit großem Personal wie in der Prosa des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhun- derts zu schreiben. Man könnte hier auch Hardy, Melville, Hawthorne und Flaubert nennen, Thomas Mann, Tols- toi oder Dostojewskij. Bevor ich jedoch alt genug war, die- se Romane schätzen zu lernen, habe ich Shakespeare- und Sophokles-Auf- führungen gesehen; Stücke mit viel Handlung. Jahrhunderte bevor die ers- ten Romane geschrieben wurden, hat das Theater Geschichten erzählt. In Ihrem neuen Roman schildern Sie die Folgen von Aids am Beispiel New Yorks. War es schwierig für Sie, diese Phase der Geschichte einzufangen? Wenn Sie ›schwierig‹ in puncto Recher- che meinen: nein. Andere Romane wa- ren da sehr viel anspruchsvoller, weil ich mich in eine fremde Materie einar- beiten musste. Aber schwierig war es trotzdem – für mich persönlich. Ich habe von 1981 bis 1986 in New York gelebt, war zu Beginn der Aids-Krise da, habe (junge und alte) Freunde an die Seuche verloren. Bei manchen die- ser Erinnerungen hätte ich mir ge- wünscht, sie nie wieder hervorkramen zu müssen. Zum Glück habe ich zwei gute Freunde, Schriftstellerkollegen, von denen ich wusste, dass sie das Manu- skript lesen – mir sozusagen beim Schreiben über die Schulter schauen. Ich weiß nicht, ob ich mich an In einer Person gewagt hätte, wenn ich nicht ge- wusst hätte, dass ich mich auf diese Freunde als Erstleser verlassen konnte:

Edmund White und Abraham Verghe- se. Wenn mir ein Fehler passiert, wür- de er ihnen auffallen; auf ihr Urteil kann ich mich vollkommen verlassen. Sie haben mir den Rücken gestärkt, mir den freien Zugang zum Stoff ermög- licht, sie waren mein Sicherheitsnetz. In einer Person enthält einige der Zu- taten, die Ihre Leser mittlerweile von Ihnen erwarten: Ringen, Auslands- aufenthalt in Wien, Verlust der kind-

lichen Unschuld, einen fehlenden El- ternteil, Internate in Neuengland, Abweichungen von der sexuellen Norm etc. Was zieht Sie immer wie- der zu diesen Motiven und Schau- plätzen hin? Nun ja – da gibt es zum einen die The- men oder ›Motive‹, für die ich mich freiwillig entscheide, und dann die, die sich für mich entscheiden. Mit dem Ringen kenne ich mich aus: Ich habe zwanzig Jahre lang als Leistungssport- ler auf der Matte gestanden und war als Trainer tätig, bis ich 47 war. Das Leben in einem Internat in Neuengland und als Auslandsstudent in Wien – all das kenne ich einfach sehr gut. Dafür ent- scheide ich mich, weil ich unendlich viel aus jener Zeit im Gedächtnis ge- speichert habe.

Diese Dinge suche ich mir nicht aus. Sie verfolgen mich; sie suchen mich heim.

Aber der »Verlust von kindlicher Un- schuld« oder der »fehlende Elternteil«, und auch die sexuellen Außenseiter und / oder Sonderlinge, die mich in meinen Romanen immer wieder be- schäftigen – tja, diese Dinge suche ich mir nicht aus. Sie verfolgen mich; sie suchen mich heim. Den Alptraum, der einen um vier Uhr morgens weckt, kann man sich nicht aussuchen, oder? Dieser Alptraum verfolgt einen stets aufs Neue. Gibt es autobiographische Gründe dafür, dass Bibliotheken so wichtig für Billy Abbotts Entwicklung sind? Ich mag Bibliotheken. Dort habe ich früher gelesen, geschrieben, mich darin versteckt. Bibliotheken sind Orte der Stille – für mich damals genau richtig. Ich bin in Bibliotheken gegangen, um meine Ruhe zu haben. So vieles am Schriftstellertum ist Suche nach dem Alleinsein – ja, sogar das Bedürfnis, al- lein zu sein. In Buchhandlungen ist es nicht das Gleiche; dort geht es geselli- ger zu. Ich war ein ungeselliges Kind. Bibliotheken waren meine Höhle.

War der Schreibprozess bei diesem Roman anders als bei Ihren vorigen Büchern? Haben Sie auch diesmal, wie man es von Ihnen kennt, den letzten Satz zuerst geschrieben? Ich fange immer mit dem Schluss an, mit den letzten Sätzen – normalerweise mit mehr als nur einem letzten Satz, oft ist es ein ganzer Absatz (oder zwei). Ich verfasse ein Ende und schreibe dar- aufhin, als wäre dieses Ende eine Melo- die, die ich die ganze Zeit höre – ganz gleich, wie viele Jahre später ich sie er- reiche. Das Ende von In einer Person ist ein Refrain – die Wiederholung von etwas, das Miss Frost zu Billy gesagt hat, und Billy gibt es an Kittredges zornigen Sohn weiter. Es ist ein Ende in wörtlicher Rede. So etwas habe ich auch früher schon gemacht: In Gottes Werk und Teufels Beitrag wird der Segensspruch wieder- holt, den der alte Arzt den Waisen vor dem Einschlafen sagt – dieses Echo des »Ihr Prinzen von Maine, ihr Könige Neuenglands«-Refrains. Das erinnert an den wiederkehrenden Schlussvers eines Kirchenlieds. Und dann gibt es noch das Echo eines frühen Satzes in Witwe für ein Jahr, den Marion ihrer Tochter gegen- über am Ende des Romans wiederholt:

»Weine nicht, Schätzchen. Wir sind es nur, Eddie und ich.« Das Ende meines neuen Romans ist wieder ein sogenanntes Refrain-Ende, das den Leser an die Stelle zurückführt, wo diese Worte zum ersten Mal fallen. Es müssen Worte sein, an die sich der Leser erinnert! In einer Person ist Ihr dreizehnter Roman. Haben Sie einen Lieblings- roman von John Irving? Ich habe drei Kinder; keines davon ist mein Lieblingskind. Man liebt sie alle. Aber über meine Romane kann ich sa- gen: Die letzten acht, ab meinem sechs- ten Roman Gottes Werk und Teufels Beitrag, sind handwerklich besser als die ersten fünf – besser komponiert und geschrieben. Ich weiß auch, war- um. Erst nach der Veröffentlichung von Garp und wie er die Welt sah (mei- nem vierten Roman) konnte ich mich hauptberuflich dem Schreiben wid- men; erst nachdem ich Das Hotel New Hampshire (meinen fünften Roman)

Diogenes Magazin

dem Schreiben wid- men; erst nachdem ich Das Hotel New Hampshire (meinen fünften Roman) Diogenes Magazin

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© Illustration Serge Bloch, Foodfoto Reinhard Hunger, Styling Volker Hobl, Porträtfoto Jo Jankowski

Hunger, Styling Volker Hobl, Porträtfoto Jo Jankowski 24 zin Kochen à la Karte. Das Kochquartett aus

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zin
zin

Kochen à la Karte.

Das Kochquartett aus dem Süddeutsche Zeitung Magazin

(40 Rezeptkarten, Format: 14 cm x 20 cm x 5 cm)

Ist Ihnen heute nach Mangopudding und Hollerkücherl? Oder haben Sie mehr Lust auf Ananassalat und Zitronenhuhn? Das Kochquartett bietet Ihnen: vierzig Rezeptkarten von vier Spitzenköchen – sortiert nach zehn verschiedenen Geschmacksnoten von Chili bis Zitrone. Eine kunterbunte Kartensammlung mit tollen Rezepten, die man sofort nachkochen möchte. Allesamt aus der beliebten Kochkolumne des Süddeutsche Zeitung Magazin von Anna Schwarzmann, Christian Jürgens, Anna Sgroi und Tim Raue.

Schwarzmann, Christian Jürgens, Anna Sgroi und Tim Raue. Jetzt für je 19,90 Euro überall im Handel,

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Zentrum der Süddeutschen Zeitung, Fürstenfelderstr. 7, 80331 München.

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www.sz-shop.de und im Service Zentrum der Süddeutschen Zeitung, Fürstenfelderstr. 7, 80331 München. Diogenes Magazin

geschrieben hatte, gewöhnte ich mir an, acht oder neun Stunden am Tag zu schreiben. Es ist ein Unterschied, ob man die ganze Zeit schreibt oder ob man nur einen Teil seiner Zeit damit zubringt. Ihr neuer Roman beschäftigt sich vor allem mit dem Thema Toleranz, ins- besondere mit der LGBT (lesbisch-

schwul-bisexuell-transgender)-Com-

munity, in einem Zeitraum ab den späten fünfziger Jahren bis in die Gegenwart. Was weckte in Ihnen den Wunsch, über ein so heftig umstritte- nes Thema zu schreiben? ›Wunsch‹ trifft es nicht ganz; vielleicht motivierte mich diesmal eher das Ge- fühl, ich ›müsste‹, oder ›sollte‹, eine be- stimmte Geschichte schreiben. Als ich Ende der siebziger Jahre Garp und wie er die Welt sah geschrieben hatte, war ich erleichtert: Das war ein zorniger Roman; das Thema Intoleranz gegen- über sexuellen Abweichungen ließ mir keine Ruhe. Garp ist radikal, was Poli- tik und was Gewalt angeht. Ein Mann wird von einer Frau ermordet, die Männer hasst, seine Mutter von einem Mann, der Frauen hasst. Geschlechts- spezifische Mordanschläge als Reakti- on auf eine falsch verstandene soge- nannte sexuelle Befreiung der sechziger Jahre; damals wollte ich sagen: »Und warum hassen sich Menschen mit un- terschiedlicher sexueller Orientierung immer noch gegenseitig?« Ich hätte nie gedacht, dass ich noch mal auf das The- ma zurückkommen würde. In einer Person ist kein so radikaler Roman wie Garp, es geht um eine persönlichere Erfahrung – Billy habe ich zum Ich- Erzähler gemacht, damit die Geschich- te persönlicher wird. Er ist ein einsa- mer Mann. »Was wir begehren, prägt uns«, sagt er – erstes Kapitel, erster Ab- satz. Später – über 300 Seiten weiter in seiner Geschichte – heißt es dann: »Ich wusste, nicht eine Person konnte mich vor dem Wunsch retten, mit Männern und Frauen Sex zu haben.« Er beklagt sich nicht, er sagt nur, wie es ist. Ich bin nicht der Meinung, dass die Rechte Schwuler – oder die der Bisexuellen – oder der Transgender-Leute – so ›hef- tig umstritten‹ sind, wie Sie sagen. Ich halte die Leute, die sexuelle Identität nicht als ein Bürgerrecht akzeptieren

können, für moralische und politische Fossilien. Die sexuell Intoleranten wer- den aussterben – sie wissen es nur noch nicht. Über die Jahre haben Sie mit Ihren Romanen Redensarten geprägt: »Pass auf den Sog auf«, »Halt dich fern von offenen Fenstern«, »Gute Nacht, ihr Prinzen von Maine – ihr Könige Neuenglands« etc. Wie kommen Sie auf diese Sprüche? Zu Anfang von In einer Person gibt es auch so einen Satz. »Alle Kinder lernen, sich chiffriert zu unterhalten.« Oder Miss Frosts Aufforderung an Billy, die er am Romanende wiederholt: »Mein lieber Junge, bitte steck mich nicht in eine Schublade. Ordne mich nirgends ein …« In meinen Romanen gibt es im- mer solche refrainartigen Sätze. Sie er- zeugen einen Widerhall in meinem Kopf; ich kann sie nicht vergessen. Denken Sie an die Rolle des Chors in der antiken Tragödie oder an das, was die Narren, die Spaßmacher und He- xen in Shakespeares Stücken sagen:

Diese Figuren kommentieren nicht nur das Geschehen, sondern werfen Schat- ten voraus – sie geben eine Vorahnung von dem, was kommen wird. Ich mag solche Vorausdeutungen; so ein Satz steht ganz am Anfang von In einer Per- son, wenn es heißt: »Ach ja, die Zeiten ändern sich, und sie ändern sich un- sanft im rauhen Klima der Kleinstädte des nördlichen Neuengland.« Wir sind noch viele Seiten von der Stelle ent- fernt, wo Miss Frost geächtet wird, aber das ist eine Vorwarnung. Haben Sie ein neues Buch in Arbeit? Ich habe das Glück, immer zwischen mehreren Storyideen wählen zu kön- nen. In der Regel gibt es zwei oder drei (sogar bis zu vier) Romane, die nur da- rauf ›warten‹, der nächste zu sein. Manchmal wartet so ein Roman viele Jahre; doch ich wähle nicht immer den, der am längsten im Hinterkopf schlum- mert. Oft fällt die Entscheidung nach dem Kriterium, wie viel ich über den Schluss weiß – wie deutlich oder un- deutlich ich das Ende des Romans vor mir sehe. Die Idee zu In einer Person habe ich sechs oder sieben Jahre lang mit mir herumgetragen (wenn nicht länger), bevor ich im Sommer 2009 mit der Niederschrift begann. Noch im

Juni 2009 hätte ich nicht geglaubt, dass In einer Person der nächste Roman wäre – aber dann sah ich plötzlich das Ende vor mir, und damit die ganze Ge- schichte. Für meine Verhältnisse habe ich diesen Roman sehr schnell ge- schrieben – in nur zwei Jahren. Aber ich musste auch kaum recherchieren – der Aufwand ist meist ungleich grö- ßer –, und diese Figuren und ihr Schicksal hatten mich schon fast ein Jahrzehnt lang begleitet. Zurzeit befas- se ich mich mit vier verschiedenen Ro- manideen, habe mich aber noch für keine entschieden: eine Gespenster- geschichte, eine Wundergeschichte, eine Liebesgeschichte, eine Adoptions-

geschichte. · Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog

Buchtipp

736 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06838-2 Auch als Diogenes E-Book »So spiele ich in einer Person
736 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06838-2
Auch als Diogenes E-Book
»So spiele ich in einer Person viele
Menschen, und keine ist zufrieden.«
Shakespeare, Richard II.
Die ganze Welt ist eine Bühne …
William Dean jr., genannt Billy, Sohn
eines verschollenen GI und einer
Souffleuse, verbringt seine Jugend
hinter und auf der Bühne des groß­
väterlichen Kleinstadttheaters in
Neuengland. In den düsteren Dramen
von Shakespeare und Ibsen lernt er
seine Familie – und sich selbst – in
unerwarteten Rollen kennen, die ihn
beunruhigen, aber auch faszinieren.
Keiner ist der, der er zu sein scheint –
zuallerletzt er selbst. William will nicht
Schauspieler werden, sondern Schrift­
steller, und um herauszufinden, wer er
wirklich ist, macht er sich auf die Suche
nach seinem Vater. Eine abenteuerliche
Reise um die halbe Welt beginnt – von
New York über San Francisco bis nach
Hamburg und Wien.

Diogenes Magazin

Reise um die halbe Welt beginnt – von New York über San Francisco bis nach Hamburg

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Foto: © NN

Wenn sich alle fangen wir an

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Foto: © NN Wenn sich alle fangen wir an 26 Diogenes Magazin

Diogenes Magazin

Foto: © NN

einig sind, zu zweifeln.

Foto: © NN einig sind, zu zweifeln. Diogenes Magazin 27 SPIEGEL-Leser wissen mehr.
Foto: © NN einig sind, zu zweifeln. Diogenes Magazin 27 SPIEGEL-Leser wissen mehr.

Diogenes Magazin

Foto: © NN einig sind, zu zweifeln. Diogenes Magazin 27 SPIEGEL-Leser wissen mehr.

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SPIEGEL-Leser wissen mehr.

Foto: © NN einig sind, zu zweifeln. Diogenes Magazin 27 SPIEGEL-Leser wissen mehr.

Illustration o. links: © Tomi Ungerer; Foto o. links: © Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag; Foto o. Mitte: © Mario Schmucki / Diogenes Verlag; Illustration u.: © Jean-Jacques Sempé; Foto u.: © Christophe Loviny / CORBIS

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Schaufenster

Ein Leser & Eine Leserin

Loviny / CORBIS 28 Schaufenster Ein Leser & Eine Leserin Brunos Heimat Martin Walker spricht immer

Brunos Heimat

28 Schaufenster Ein Leser & Eine Leserin Brunos Heimat Martin Walker spricht immer besser deutsch. Während

Martin Walker spricht immer besser deutsch. Während einer Lesung vor 200 Buchhändlerinnen und Buchhänd- lern in Stuttgart aus Delikatessen, sei- nem neuesten Fall für Bruno, verriet er seine Lernmethode. Er hört ganz ein- fach die deutschen Hörbücher seiner eigenen Romane – denn so kann er auch ihm unbekannte deutsche Wörter erraten, weil er das Buch ja selbst ge- schrieben hat. Die Stimme von Johan- nes Steck, der für Diogenes die vier Bruno-Romane eingelesen hat, gefalle ihm ausgezeichnet, so Martin Walker. Außerdem lese er sehr deutlich.

so Martin Walker. Außerdem lese er sehr deutlich. Wer einen Arbeitsplatz hat, der so aus- sieht

Wer einen Arbeitsplatz hat, der so aus- sieht wie auf dem Foto und für Ohren und Augen wenig angenehm ist, der greift zur Entspannung gerne zum Buch. Hans Peter Geerdes, besser be- kannt als H. P. Baxxter und Frontmann der Musikgruppe Scooter, hat dem Zürcher Magazin verraten, was er macht, wenn er nicht im Studio ohren- betäubende Musik aufnimmt oder auf der Bühne unter Lasern ins Mikro- phon schreit: »Zu Hause ist mein Abendprogramm sehr entspannt – un- ter der Woche jedenfalls. Filme schau- en, essen gehen, in einer Zeitschrift blättern. Im Winter sitze ich oft vor dem Kamin, trinke Tee und lese. Fach- bücher über englische Oldtimer zum Beispiel – meine Leidenschaft. Mitun- ter hatte ich acht. Von meinem 73er Ja- guar E-Type werde ich mich nie tren- nen. Manchmal schmökere ich auch in einem Roman von Paulo Coelho und

Viel Zeit zum Lesen hatte Aung San Suu Kyi – gezwungenermaßen. Sie zählt zu den bedeutendsten politischen Widerstandskämpfern unserer Zeit. Seit den 1980er-Jahren setzt sie sich für die gewaltlose Demokratisierung ihrer Heimat Myanmar (ehemals Birma) ein. Immer wieder wurde Aung San Suu Kyi von der Militärführung in Ge- wahrsam genommen. Fünfzehn lange Jahre ihres Lebens verbrachte sie unter Hausarrest, die Begründung: »sie ge- fährde die staatliche Sicherheit«, bis sie 2010 endlich und hoffentlich endgültig freigelassen wurde. Ihre erste Aus- landsreise nach 24 Jahren führte sie auch nach Paris. In einem Interview mit dem Fernsehsender TF1 erzählte sie von ihrem Leben in der Gefangen- schaft. »Wenn man so viel Zeit nur mit sich selbst verbringt, ist Selbstdisziplin außerordentlich wichtig. Es ist wichtig, dass man etwas für sich tut, bei dem man nicht auf andere angewiesen ist. Musik hören, malen oder lesen. Ich habe in der Gefangenschaft viele Ro- mane von Georges Simenon gelesen, auch um mein Französisch nicht zu verlernen. Ich liebe die Menschlichkeit seiner Figuren.« Bei ihrem Besuch im Élysée wenig später überreichte ihr Präsident Fran- çois Hollande ein Geschenk: das Ge- samtwerk des belgischen Romanciers. Hier muss man sich noch ein wenig gedulden. Zwar ist die Maigret-Ge- samtausgabe in 75 Bänden weiterhin lieferbar, aber bislang sind von den ge- planten 50 Bänden der Non-Maigret- Edition erst 35 Bände erschienen. Zum Glück folgt jeden Monat ein weiterer.

Thomas Bernhard.«

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jeden Monat ein weiterer. Thomas Bernhard.« dem- den Vielleicht kann der gebürtige Schotte, der in Washington
jeden Monat ein weiterer. Thomas Bernhard.« dem- den Vielleicht kann der gebürtige Schotte, der in Washington

Vielleicht kann der gebürtige Schotte, der in Washington und im Périgord

lebt, seine Deutschkenntnisse

nächst sogar im Périgord nutzen, falls er einen deutschen Nachbarn be- kommt. In einem Immobilieninserat in der Zeit wird jedenfalls das Périgord bereits als »Inspektor Bruno’s Heimat«

angepriesen, um Deutsche für Kauf eines Hauses zu ködern.

bereits als »Inspektor Bruno’s Heimat« angepriesen, um Deutsche für Kauf eines Hauses zu ködern. Diogenes Magazin

Diogenes Magazin

Foto: © Urs Mattle

Fanpost

Diogenes-Du

Foto: © Urs Mattle Fanpost Diogenes-Du Die Zeitschrift der Kultur Nr. 829 Über das Erzählen –
Die Zeitschrift der Kultur Nr. 829 Über das Erzählen – Sechzig Jahre Diogenes
Die Zeitschrift der Kultur
Nr. 829
Über das Erzählen – Sechzig Jahre Diogenes

Über ungewöhnliche Fanpost eines Lesers freute sich Tim Krohn, von dem vier Romane als Diogenes Taschenbü- cher erschienen sind, darunter der Ro- man Vrenelis Gärtli – ein virtuoses, lustvolles Spiel mit Mythen und ein li- terarisches Denkmal für den bekann- testen Berg des Glarnerlandes: Vrene- lisgärtli. Urs Mattle schickte ein Foto mit den Worten: »Guten Tag Herr Krohn. Vor zwei Wochen hatte ich un-

erwartet Gelegenheit einen Besuch beim Vrenelisgärtli zu machen: Nach dem vielen Neuschnee waren leider von Vreneli keine Spuren mehr zu se- hen … Ich bin seit ein paar Jahren Fotograf und Kameramann bei Patrouille Suisse. Der Pilot der PC-7 ist übrigens Dani Hösli (Kommandant der Patrouille Suisse), er stammt ebenfalls aus dem Glarnerland.«

Du, die Schweizer Kulturzeitschrift, hat dem Diogenes Verlag zum Sechzigsten die September-Ausgabe gewidmet: Im reich bebilderten Heft erzählen Dioge- nes Autoren wie Donna Leon, Ingrid Noll, Joey Goebel vom Erzählen. Urs Widmer erinnert sich an Diogenes Gründer Daniel Keel. Und einen Blick hinter die Verlagskulissen gibt es auch.

Und einen Blick hinter die Verlagskulissen gibt es auch. Schöner Lesen »So etwas wird uns das

Schöner Lesen

»So etwas wird uns das E-Book nie bie- ten können: Das Gefühl eines Leinen- einbandes, das Lesebändchen, den Schuber. Das, was ein schönes Buch ausmacht. Ein solches ist der kleine Band Eine Rose für Emily mit dem der Diogenes Verlag an den vor fünfzig Jahren gestorbenen William Faulkner erinnert«, so die Nürnberger Nach-

richten. Das stimmt so sehr, dass wir hier ein Foto all der schönen Schuber- bändchen zeigen, die bei Diogenes er- schienen sind: Die Gesammelten Stü- cke von Anton Čechov, Erzählungen von Carson McCullers, D. H. Law- rence, Ray Bradbury und F. Scott Fitz - gerald und die Grüne Insel mit irischen Meistererzählungen.

DIE AUTORENZEITSCHRIFT FÜR POLITIK, WIRTSCHAFT UND KULTUR Du Heft über Diogenes « Ich freue mich
DIE
AUTORENZEITSCHRIFT
FÜR
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Du Heft über Diogenes
« Ich freue mich auf
jede Ausgabe!»
Thomas Hürlimann, Schriftsteller
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Kritiken, Essays und Autorengespräche
«Literarischer Monat»

Diogenes Magazin

abonnieren! www.schweizermonat.ch Kritiken, Essays und Autorengespräche «Literarischer Monat» Diogenes Magazin 29

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Foto: © Sant Jordi Asociados, Barcelona

Paulo Coelho Sie haben noch dreißig Tage
Paulo Coelho
Sie haben noch
dreißig Tage

Es war nicht mehr als ein medizinischer Check-up. Doch die Diagnose, die Paulo Coelho vor einigen Monaten bekam, war erschütternd. Er konnte es nicht glauben, konsultierte etliche Ärzte. Das Ergebnis war jedes Mal dasselbe: Noch einen Monat habe er zu leben. Der brasilianische Schriftsteller blickt im Angesicht des Todes zurück auf seine Vergangenheit: Wie habe ich gelebt? Habe ich Liebe erfahren? Bin ich meinen Träumen gefolgt?

A lle Ärzte waren sich einig, die Dia- gnosen eindeutig: Zwei Herzarte-

rien seien blockiert. Man gab mir noch einen guten Monat. Ich begann, über mein Leben nachzudenken. Der Tod ist eine schöne Frau, immer an meiner Seite. Ich weiß, eines Tages wird sie mich küssen. Sie ist eine Be- gleiterin, die mich daran erinnert, nichts auf später zu verschieben: »Tu es jetzt, tu es jetzt, tu es jetzt.« Ihre Stim- me ist nicht drohend, nur beharrlich. Es kommt, sagt sie, nicht darauf an, wie lange ich lebe, sondern wie ich lebe.

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darauf an, wie lange ich lebe, sondern wie ich lebe. 30 Diogenes Magazin Ich war einmal

Diogenes Magazin

Ich war einmal in der Mojave-Wüste gestrandet, die Wasservorräte gingen zur Neige, und ich hatte keinen dieser Ratgeber gelesen, die einem erklären, wie man unter solchen Bedingungen überlebt. Einmal verirrte ich mich beim Bergwandern in den Pyrenäen. Beide Male glaubte ich, dass ich es nicht mehr schaffen würde, aber es ging gut aus. Vor fünf Monaten ließ ich einen me- dizinischen Check-up machen. Von allein wäre ich nie darauf gekommen, eine gute Freundin hatte mich ein-

dringlich darum gebeten. Ihr Vater war gerade gestorben, nun beschwor sie alle ihre Freunde, eine Herzuntersu- chung machen zu lassen. Ich sagte:

»Ich bin doch kein Hypochonder.« Sie bestand trotzdem darauf. Also meldete ich mich zu einem Belastungs-EKG an, bei dem man sich auf einem Ergometer abstrampelt. »Herr Coelho«, sagte der Arzt, »Sie haben noch dreißig Tage zu leben. Zwei Arterien sind blockiert.« Ich sagte: »Was?« Und dann: »Sind Sie sicher? Ich spüre nichts.«

Illustration: © Tomi Ungerer

»Es ist ein schleichender Herzin- farkt«, sagte der Arzt. »Diese beiden Arterien sind zu neunzig Prozent ver- stopft.« Ich erwiderte, dass ich rasch noch ein, zwei andere Ärzte konsultieren wolle. Es war jedes Mal das gleiche Er- gebnis. Bei derart verstopften Arterien würde ich in einem Monat sterben. Zwei Tage später hatte ich einen Ter- min. Alles hinge davon ab, was die Un- tersuchung ergeben würde. Der Chir- urg würde entscheiden, ob eine Angioplastie, also eine Er- weiterung der Arterien mittels Ballonkatheter, oder ein Bypass erfor- derlich wäre – wenn mir überhaupt noch zu helfen sei. Einen ganzen Tag, den 29. November, saß ich mit dem Tod zusammen. Als Christ glaube ich, dass mich das Lamm Gottes nicht fragen wird: »Wie viele Sünden hast du begangen?«, sondern:

»Wie sehr hast du geliebt?« Ich empfand eine tiefe Dankbarkeit, dass ich die letzten 33 Jahre mit meiner Frau Christina hatte teilen dürfen. Nicht viele Menschen finden die Liebe ihres Lebens. Mir war dies vergönnt. (Ich brauchte allerdings vier Ehen, um sie zu finden.) Christina und ich haben Liebe in ihrem tiefsten Sinn erfahren, dieses Gefühl von Vertrautheit und Hingabe. Ja, ich habe wirklich geliebt. Habe ich gelebt? Ich gehöre zu den Babyboomern und habe alles mitge- macht – Sex, Drogen, Rock ’n’ Roll. Ich war ein Hippie, ein Aussteiger, ein großer Kummer für meine Eltern. 1974 wurde ich von der brasilianischen Mili- tärregierung wegen subversiverAkti- vitäten verhaftet. Ich hatte diese ver- rückten Jahre überlebt und am Ende beschlossen, das zu tun, was mir wirk- lich wichtig war: Ich wurde Schriftstel- ler. Ich habe oft gezweifelt, wenn mir jemand sagte: »Von der Schriftstellerei kann man nicht leben.« Aber ich spür- te, dass es nicht ums Geldverdienen ging. Mir ging es darum, wie ich leben wollte. Es gibt zweierlei Schriftsteller – die- jenigen mit einer ausgeprägten Phanta- sie wie Proust oder Joyce und solche,

die die Dinge erst erleben müssen, um darüber schreiben zu können, wie He- mingway und Baudelaire. Ich muss meine Themen erfahren haben. Mein erstes Buch habe ich mit vierzig ge- schrieben – in einem Alter, in dem manche bereits daran denken, kürzer zu treten, fing ich ein neues Leben an. Das Buch hieß Auf dem Jakobsweg. Ich schreibe noch immer. Wenn es nur ums Geld gegangen wäre, hätte ich vor fünfzehn Jahren aufgehört, mit dem Alchimisten. Das Schrei- ben ist meine Berufung, et- was, was ich mit aller Energie und Hingabe tue. Am 29. November dachte ich also: »Ich habe Liebe erfahren, ich habe alles getan, was ich tun wollte, ich habe meinen Auftrag erfüllt, mein Glück gefunden. Wenn ich morgen sterbe, werde ich mit Freu- de aus dieser Welt gehen.« Im Grunde hat es nichts damit zu tun, ob man an ein Leben im Jenseits glaubt. Jeder will dem Tod mit Anstand und Würde be- gegnen. Offensichtlich – ich schreibe gerade diese Zeilen – bin ich nicht gestorben. Die Katheteruntersuchung ergab, dass drei Arterien total verstopft waren. Der Arzt öffnete sie mit Hilfe eines Ballons und legte drei Stents, kleine Metallröhrchen, die die Arterien offen- halten. Als ich aus der Narkose er- wachte, sagte er: »Übermorgen kön- nen Sie Golf spielen.« Ich sagte, dass ich mehr vom Bogenschießen hielte. Seitdem führe ich mein Leben wie gewohnt weiter. Ich halte allerdings eine Art Diät. Ich habe auch ein GPS dabei, wenn ich in den Bergen unter- wegs bin, sicherheitshalber. Meine Frau und ich unternehmen viele Berg- wanderungen. Manchmal frage ich mich, wo ich jetzt wäre, wenn diese Freundin mich nicht genötigt hätte, zum Arzt zu gehen. Christina und ich steigen weiterhin Berghänge hinauf, aber inzwischen behalte ich die Koor- dinaten im Auge, nur für den Fall, dass wir uns verlaufen. ·

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork Dieser Artikel erschien zuerst in ›The Spectator‹, London.

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Buchtipps

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Hörbuch »Schutzengel zeigt Paulo Coelho verletzlich und authentisch wie nie.« News, Wien Diogenes Magazin 31

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Foto: © Andri Pol

Anna Stothard, 1983 als Kind eines Journalisten und einer Schriftstellerin in London geboren, aufgewachsen in Washington, Peking und New York, hat nach Pink Hotel wieder einen Roman abgeschlossen, der im kommenden Jahr bei Diogenes erscheinen wird. Zwei Jahre lang studierte sie in L. A. Dreh- buchschreiben. Ihre Wohnung lag ganz in der Nähe von Charles Bukowskis liebstem Schnapsladen. Heute lebt sie wieder in London.

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lag ganz in der Nähe von Charles Bukowskis liebstem Schnapsladen. Heute lebt sie wieder in London.

Diogenes Magazin

Illustration: © Paul Flora

Illustration: © Paul Flora Anna Stothard Die Leere nach dem Buch Eigentlich kennt sie diesen Zustand:

Anna Stothard

Illustration: © Paul Flora Anna Stothard Die Leere nach dem Buch Eigentlich kennt sie diesen Zustand:

Die Leere nach dem Buch

Eigentlich kennt sie diesen Zustand: Als Anna Stothard ihren letzten Roman Pink Hotel in die Welt entließ, ihren Roman also zum ersten Mal aus den Händen gab, ging es ihr ganz ähnlich wie jetzt bei ihrem so- eben vollendeten Roman, der im Herbst 2013 bei Diogenes erscheinen wird: Sie findet sich nicht mehr im Leben zurecht und weiß nichts mit sich anzufangen. Ein Bericht aus der Schreibwerkstatt.

I ch schreibe am selben Tisch, an dem ich schon als Kind Märchen hinten

in mein Matheheft gekritzelt habe. Spuren von Kugelschreiberherzen sind noch im Holz zu erkennen, die Käst­ chen für Drei gewinnt, gespielt mit der Spitze eines Winkelmessers, und ein Schwung wütender Kerben von was auch immer für einer Enttäuschung. Vor ein paar Jahren habe ich den Tisch weiß gestrichen, doch die Konturen ju­ gendlicher Langeweile sind geblieben. Nicht, dass man normalerweise die Oberfläche meines Schreibtisches über- haupt zu sehen bekäme: Ich bin unor- dentlich, umgeben von Festungen aus alten Notizbüchern, unlesbaren Post- its, Kaffeetassen und stapelweise Zei- tungen, aufgehoben aus unerfindlichen Gründen. Wenn ich allein zu Hause bin, sitze ich an diesem alten Schreib- tisch, aber sobald irgendjemand da ist,

verziehe ich mich. Am liebsten gehe ich dann ins Café Nero in der Frith Street, das nach geröstetem Kaffee und Schweiß riecht. Umgeben von den Ge- räuschen fremder Menschen arbeite ich wunderbar, aber ich kann keinen kla- ren Gedanken fassen, sobald jemand in der Nähe ist, der mir etwas bedeutet.

Ich dachte, ich würde erleichtert sein. Ich hatte vergessen, dass hier der Spaß aufhört.

Unglücklicherweise habe ich vor zwei Tagen meinen neuesten Roman einem Freund zum Lesen geschickt. Es ist zwar nur ein Entwurf, aber dennoch ist dies wahrscheinlich der unangenehms­

te Moment bei der Entstehung eines Buchs. Eineinhalb Jahre hat man sich in einer erfundenen Welt vergraben, ei­ nen ganzen Haufen Alter Egos bei Laune gehalten und ein ausgeklügeltes Netz falscher Erinnerungen gewoben. Wie oft bin ich nachts aufgewacht, habe Stücke eines Dialogs vor mich hin­ gemurmelt und mich geweigert, ›echte‹ Freunde zu treffen, weil die erfunde­ nen so anspruchsvoll sind. Und dann wird mir meine Obsession aus den Händen gerissen (ich bin ein bisschen melodramatisch, ich habe das Manu­ skript selbst abgeschickt, nahezu frei­ willig). Seither habe ich das ständige Bedürfnis, mich bis zur Besinnungslo­ sigkeit zu betrinken und Fremde in der Schlange an der Supermarktkasse an­ zuquatschen. Ich dachte, ich würde er­ leichtert sein. Ich hatte vergessen, dass hier der Spaß aufhört.

Diogenes Magazin

Ich dachte, ich würde er­ leichtert sein. Ich hatte vergessen, dass hier der Spaß aufhört. Diogenes

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Illustration: © Jean-Jacques Sempé

Diogenes Taschenbuch detebe 24155, 832 Seiten Diogenes Taschenbuch detebe 24179, ca. 416 Seiten Erscheint im
Diogenes Taschenbuch
detebe 24155, 832 Seiten
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detebe 24179, ca. 416 Seiten
Erscheint im November

Wenn das Schreiben gut läuft, ist es, als hätte ich einen Nerv gefunden, den ich kitzle, um mich selbst zu stimulie- ren. Das reine Vergnügen ist auch das nicht, aber ich fühle mich auf dem rich- tigen Weg und bin wie befreit. Ich webe also so nah an der Wahrheit wie möglich, dieses Netz aus falschen Erin- nerungen, das einerseits mir gehört, andererseits aber auch nicht. Denn so- bald ich jemanden um eine zweite Mei- nung bitte und der Druck, den ich jeden Morgen verspürt habe, ver- schwunden ist, habe ich keine Ahnung mehr, wie ich mich verhalten soll. Ge- nau genommen fühle ich mich gerade regelrecht krank und ein bisschen be- nommen. Mein Leben steht kopf, und ich habe furchtbares Lampenfieber, denn in diesem Moment blättert viel- leicht jemand anderer in der U-Bahn durch meine falschen Erinnerungen, verbringt einen Moment mit meiner Obsession, bevor er mittagessen geht.

Buchtipp

Für alle, die jeden Tag des Jahres lesen wollen

Bücher können auch Kalender sein

365 Geschichten oder Gedichte für jeden Tag des Jahres

34 Diogenes Magazin
34
Diogenes Magazin
368 Seiten, Paperback ISBN 978-3-257-30007-9 Auch als Diogenes E-Book Das hinreißende Debüt einer jungen und
368 Seiten, Paperback
ISBN 978-3-257-30007-9
Auch als Diogenes E-Book
Das hinreißende Debüt einer jungen
und ausdrucksstarken Stimme aus
England: Sommer, Sonne, Kalifornien –
sie ist 17, als sie vom Tod ihrer Mutter
erfährt, die sie nie gekannt hat.
Mit einer Handvoll Briefe und Fotos
verlässt sie ihre Heimatstadt London
und macht sich auf die Suche nach dem
Menschen, der ihre Mutter gewesen ist.
Diese Reise in die Vergangenheit ist
zugleich der Beginn eines neuen Lebens
und einer großen Liebesgeschichte.
»Unglaublich gut. Anna Stothard
schreibt vollendet und fesselnd.«
The Times, London

Wenn ich nicht schreibe, ist mein ge- schundener alter Schreibtisch geradezu unheimlich aufgeräumt, und ich kann sogar die herzförmigen Narben in der rechten oberen Ecke sehen. Ich fühle mich eingeengt und bin mir mehr als bewusst, dass ich mich in einer Art Lakune befinde, in der ich unkluge Entscheidungen treffe: Ich gebe meine letzten Ersparnisse für ein One-Way- Ticket oder einen asymmetrischen Haarschnitt aus und schreibe theatrali- sche Gast-Blogs voller verkrampfter Sätze mit Ausdrücken wie ›Lakune‹ (was nichts anderes als Hohlraum heißt) und Phrasen wie ›mein Leben steht kopf‹. Den Tiefpunkt erreichte ich gestern, als ich ›Babys‹ googelte – nicht anders, als wenn man Edelstahl- toaster‹ googeln würde –, und erst auf der achten Bildseite wurde mir klar, dass mich schwängern zu lassen ver- mutlich auch nicht der richtige Weg ist, um die Zeit zwischen zwei Büchern totzuschlagen. Ich hätte wissen können, dass es nicht angenehm sein würde, mein Buch wegzugeben. Schließlich bin ich, als ich Pink Hotel das erste Mal verschickt habe, auf dem Rückweg von der Post in einem Zeitungsladen umgekippt und fand mich auf dem schmutzigen Boden wieder – mit einer Beule an der Stirn, Staub im Mund und einer Lücke in meinem Leben, die die Form eines Romans hatte. Der Schreibprozess hat­ te bei Pink Hotel im Sommer nach meinem Studienabschluss begonnen, in dem Moment, als ich die Art­déco­ Lobby eines ›echten‹ pinkfarbenen Hotels in Venice Beach, Los Angeles betrat. Er endete, weniger glamourös, damit, dass ich ohnmächtig auf dem Boden lag, Staub spuckend und flu­ chend (bis jetzt habe ich keine medizi­ nische Erklärung für diese Reaktion). Es sollte mich also nicht überraschen, dass meine Augen blutunterlaufen sind und mein Urteilsvermögen etwas wacklig, seit ich meinen neuen Roman aus den Händen gegeben habe. Es ist ein schrecklich verwirrendes Durcheinander. Trotz allem: Ich kann es kaum erwarten, meinen Roman zu­ rückzubekommen, um ihn weiter zu

überarbeiten. · Aus dem Englischen von Kati Hertzsch

Foto: © Peter Peitsch / peitschphoto.com

Serie

Small Talk

Christian Schünemann

Herausforderungen hat er schon immer gesucht: Während seines Slawistikstudi- ums zog es Christian Schünemann nach Moskau und Bosnien-Herzegowina, spä- ter besuchte er eine Journalistenschule, wurde Storyliner für Daily Soaps und end- lich Krimiautor. »Kriminalromane gibt es wie Sand am Meer. Umso erfreuter stimmt es die Leser, wenn sie in ein neu- artiges Milieu eintauchen dürfen und ei- nem überraschenden Helden begegnen. So wie in den Romanen von Christian Schünemann. Dort ist es ein Frisör, der ungewollt zum Kriminalisten wird«, lobte etwa der WDR. Daily Soap ist der vierte Fall des charmanten Tomas Prinz.

Welchen Film haben Sie als Letztes im Kino gesehen? Belgrad Radio Taxi von Srdjan Kolje- vic.

Wann bekommen Sie Herzklopfen? Vor einer Lesung, vor einem Rendez- vous, wenn die Lektorin anruft, wenn die Bank anruft – also immer, wenn das Schäfchen noch nicht im Trocke- nen ist.

Bewundern Sie jemanden? Meistens ist der Respekt größer.

Wenn man Ihnen irgendwo auf der Welt ein Büro zum Schreiben zur Verfügung stellen würde, wo würde dieser Ort sein? In Frank Lloyd Wrights Haus ›Fal- lingwater‹, Pennsylvania, USA, das in einen Wasserfall hineingebaut wurde.

Mit welchem Schriftsteller, tot oder lebendig, würden Sie am liebsten ein Abendessen verbringen? Nikolaj Gogol. Falls er unpässlich sein sollte (was gut möglich ist), wür- de ich auch sehr gerne mit Roland Barthes speisen.

Diogenes Taschenbuch detebe 24052, 240 Seiten
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Gehen Sie bei Rot über die Straße? Ja – obwohl Roland Barthes immer davor gewarnt hat. Und starb, weil er von einem Auto angefahren wurde.

Was würden Sie an sich ändern? Weniger Zeit mit Schlafen zuzubrin- gen, wäre schon mal eine Sache.

Wein oder Bier? Ja. Und gern auch einen Whisky.

Welche Musik hilft Ihnen beim Schreiben? Nur die Ruhe hilft. Erlaubt ist ein Rauschen: Meeresrauschen und das Rauschen von Spül- und Waschma- schine.

Was haben Sie aus Romanen gelernt? Mit jeder guten Geschichte ist es wie mit dem Leben – leider irgendwann zu Ende.

Was tun Sie am Abend als Letztes? Ganz zuletzt – die Augen zu.

Das erste Diogenes Buch, das Sie gekauft haben? Wahrscheinlich Das Parfum oder ein Roman von John Irving.

Welches Buch haben Sie zuletzt verschenkt? Gregor Weber, Kochen ist Krieg!

Beste Schulnote – worin? Textiles Gestalten – sehr gut.

Ihr Traumberuf?

Schriftsteller.

Ihr Lieblingsfilm? Swimmingpool. Und wenn Sie nach einer Serie gefragt hätten: Brothers and Sisters. · kam / ng

Diogenes Magazin

Swimmingpool . Und wenn Sie nach einer Serie gefragt hätten: Brothers and Sisters . · kam

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«Als ich für mein neues Aufnahmeprojekt auf die wunderbare Musik Agostino Steffanis stieß, der ein geheimnisumwittertes Leben führte, wusste ich sofort: Das ist ein Fall für Donna Leon.« Cecilia Bartoli

Cecilia Bartoli und Donna Leon, die Primadonna assoluta und die Lady of Crime in gemeinsamer musikalisch- literarischer Mission: Agostino Steffani, ein lang vergessener Barockkomponist. Cecilia Bartoli singt seine Arien auf ihrer neuen CD Mission. Donna Leon erzählt seine Lebensgeschichte in ihrem neuen Kriminalroman Himmlische Juwelen, der auch ohne Commissario Brunetti packend ist.

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Juwelen, der auch ohne Commissario Brunetti packend ist. 36 Diogenes Magazin Agostino Steffani 1654 1728 Foto

Diogenes Magazin

Agostino Steffani 1654 1728 Foto groß: © Uli Weber; Foto klein: © akg-images
Agostino Steffani
1654 1728
Foto groß: © Uli Weber; Foto klein: © akg-images

Foto: © akg-images

Foto: © akg-images Donna Leon Seine diplomatischen Missionen führten den italienischen Komponisten und Kirchenmann

Donna Leon

Seine diplomatischen Missionen führten den italienischen Komponisten und Kirchenmann Agostino Steffani auch nach München, Hannover, Frankfurt und Düsseldorf.

Von Schönheit überwältigt

Schon lange sind Cecilia Bartoli und Donna Leon miteinander befreundet. Eines Tages stieß die Mezzosopranistin auf die Spur des italienischen Barockkomponisten Agostino Steffani und erzählte der musikbegeisterten Schriftstellerin von ihrer Entdeckung. Donna Leons Neugier war geweckt und wurde immer größer, je mehr sie von seinem Leben erfuhr, einem Leben voller Widersprüche zwischen Kirche, Musik und Geheimdiplomatie. Eigentlich ein guter Stoff für einen spannenden Roman

Z weimal in meinem Leben hat mir ein Genie am Wegesrand aufgelau-

ert und mich überwältigt. Das erste war Patrick O’Brian, Autor von zwan- zig Seefahrerromanen um Captain Aubrey, der es in der Flotte Lord Nel- sons mit den verruchten Franzosen aufnahm; das zweite Agostino Steffani,

Priester, Diplomat und Komponist. Bis vor etwa zwanzig Jahren im New Yorker ein Artikel über O’Brian erschien, war er – um mich der Sprache des Spionageromans zu bedienen – ein Schläfer: Kenner lobten ihn in den höchsten Tönen, es gab eine kleine Kultgemeinde, stets wurde er als einer der besten lebenden Autoren von his- torischen Romanen genannt, aber eine Berühmtheit war er nicht. Agostino Steffani, der im 18. Jahr- hundert Opern und Duette, Orchester- und Kirchenmusik komponierte, ist ebenfalls ein Schläfer. Immer wieder findet sein Name in Artikeln über Ba- rockmusik Erwähnung und im Zusam-

menhang mit Komponisten, für deren Schaffen er von Bedeutung war. Er- wähnt wird auch sein jahrzehntelanges Bemühen – im Auftrag des Vatikan – um die Rückführung Norddeutsch- lands in den Schoß der katholischen

Wie beiläufig erwähnte Cecilia, die verwickelte Geschichte könnte als Vorlage für eine Art Roman dienen.

Kirche. Es gibt vereinzelte Aufnahmen seiner Werke, und immer mal wieder wurde eine Oper aufgeführt, aber eine Berühmtheit war er so wenig wie O’Brian. Bis er Cecilia Bartolis Aufmerksam- keit erregte. Auch sie stieß hin und wieder auf Steffanis Namen und hörte Musik von ihm, was ihre Neugier weck-

te und ihre Entdeckerfreude. Wie vor Howard Carter beim Fund der Grab- kammer Tutanchamuns taten sich auch vor Cecilia wunderbare Dingeauf. Enthusiasmus ist ebenso ansteckend wie beflügelnd. Während Cecilia die Arien und Kammerduette für Mission auswählte, erzählte sie mir von Steffani und meinte, eine Krimiautorin müsste eigentlich fasziniert sein von den vielen Fragen, die sein Leben aufwerfe. Ob- wohl er Italiener war, verbrachte er fast sein ganzes Leben in Deutschland. Während Europa noch von der Refor- mation erschüttert wurde, versuchte Steffani, Norddeutschland für die ka- tholische Kirche zurückzugewinnen, und scheiterte. Er war ein Kirchen- mann, ein allem Anschein nach ernster, nüchterner Mensch, und geriet in den größten Sexskandal seiner Zeit – weil die Liebenden seine Opernverse als Geheimcode benutzten. Steffani, Pries- ter und Bischof dem Namen nach, könnte möglicherweise ein Kastrat ge-

Diogenes Magazin

benutzten. Steffani, Pries- ter und Bischof dem Namen nach, könnte möglicherweise ein Kastrat ge- Diogenes Magazin

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Illustration: © Michael Sowa

wesen sein. Er stand auf vertrautem Fuß mit Königen, Herzögen und Prin- zen, aber niemand scheint ihm wirk- lich nahegestanden zu haben. Je mehr Belege für die Unstimmig- keiten in seinem Leben Cecilia mir schickte, desto größer wurde mein In- teresse, eine Erklärung zu finden, die das alles auf einen Nenner brachte. Und dann erwähnte sie die zwei Tru- hen aus Steffanis Besitz, die nach sei- nem Tod in den Vatikan gerieten und erst unlängst wiederentdeckt wurden. Ein reizvolles Puzzle! Und wie bei- läufig bemerkte Cecilia, die verwickel- te Geschichte könnte ohne weiteres als Vorlage für eine Art Roman dienen. »Eine Art Roman.« – »Eine Art Ro- man?« Warum eigentlich nicht? Und da geschah es, dass Caterina Pellegrini, eine italienische Musik- wissenschaftlerin, die Steffanis Papiere untersuchen sollte, auf dem Weg zur Marciana-Bibliothek in meinem Ar- beitszimmer vorbeischaute. Ich ging hinter ihr her, um ihr über die Schulter zu sehen: Was würde sie in den Archi- ven entdecken? In einer der großartigs- ten Bibliotheken der Welt? Gab es dort Antworten auf die vielen Rätsel in Stef- fanis Leben? Voller Tatendrang machte sie sich auf den Weg und fand schließ- lich: Himmlische Juwelen. · Aus dem

Amerikanischen von Werner Schmitz

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Kann ein Venedig­Roman ohne Brunetti
spannend sein? Selbstverständlich …
solange Donna Leon erzählt.
Eine faszinierende Mischung aus
Wahrheit und Fiktion: Caterina
Pellegrini liebt ihre Heimatstadt
Venedig ebenso wie die Musik. Als
sich ihr die Chance bietet, in der
Fondazione Musicale Italo­Tedesca
zwei verschollene Truhen mit dem
Nachlass eines Barockkomponisten zu
begutachten, ist sie Feuer und Flamme.
Der ehedem berühmte Agostino
Steffani entpuppt sich als schillernde
Gestalt. War er womöglich in den
berühmtesten Mordfall seiner Zeit
verwickelt? Nicht nur Caterina ist
neugierig auf die Schätze, die sich hinter
den Dokumenten verbergen könnten …
Nach der Grammy­prämierten CD
Sacrificium über die Neapolitaner
Kastraten begibt sich Cecilia Bartoli auf
die Spuren eines geheimnisvollen
Barockkomponisten: Agostino Steffani.
Bis ins 18. Jahrhundert bewundert und
beliebt, ist er heute so gut wie unbe­
kannt. Nun hat Cecilia Bartoli eine
neue CD mit seinen hinreißenden
Arien eingespielt: eine sensationelle
Wiederentdeckung.
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80 Seiten, Pappband, Vierfarbendruck ISBN 978-3-257-06798-9

Musik hören mit Donna Leon

Donna Leon erzählt Il Complesso Barocco musiziert

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Diogenes Magazin
Diogenes Magazin

Fotos: © akg-images; Artwork: © Universal Music Germany

Diogenes Magazin

Fotos: © akg-images; Artwork: © Universal Music Germany Diogenes Magazin 39

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Foto: © DUKAS/ CONTRASTO

Essay

Petros Markaris Die Krise hat das letzte Wort
Petros Markaris
Die Krise
hat das letzte
Wort

Als ich in Griechenland mein Projekt angekündigt hatte, eine Ro- mantrilogie über die griechische Krise zu schreiben, fragte mich eine junge griechische Journalistin: »Herr Markaris, Sie wollen drei Romane über die Krise schreiben?« »Eine Trilogie sind eben drei Romane«, antwortete ich. »Und Sie glauben, dass die Krise so lange dauern wird?«, fragte sie entrüstet. Inzwischen ist klar, dass es nicht bei einer gewöhnlichen Trilo- gie bleiben wird. Ich habe drei Varianten vor Augen: Entweder füge ich der Trilogie noch einen Epilog hinzu, der das Ende der Krise il- lustriert, oder ich mache aus der Trilogie eine Tetralogie. Es könnte aber auch sein, dass ich die erste Trilogie abschließe und mit einer neuen beginne. Das wäre die schlimmste Variante. Zum jetzigen Zeitpunkt weiß ich nicht, welche von den drei Varianten am wahr- scheinlichsten ist. Mit dem Projekt der »Krisentrilogie« wollte ich ja einerseits die Mechanismen und andererseits die Entwicklung der Krise und de- ren Auswirkungen auf die Bevölkerung darstellen. Für einen Autor ist es riskant, wenn er sich mit aktuellen Themen beschäftigt, de- ren Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Die Artikel, die Re- den und die Interviews, in denen ich mich über die Krise geäußert habe, waren eine willkommene Hilfe. Denn darin habe ich die Krise nicht nur den Lesern zu erklären versucht, sondern auch mir selbst. Sie haben mir geholfen, einen klaren Kopf zu bewahren und die Krise in den Romanen mit Blick auf ihre Ursprünge und Ursachen zu beschreiben. Ich war von Anfang an überzeugt, dass die Krise ge- kommen war, um zu bleiben. Sie würde uns nicht so schnell verlas- sen, und ich würde Zeit genug haben, um drei Romane zu verfas- sen. Seien wir aber ehrlich: Keiner hat ihr Ausmaß und ihre Auswir- kungen auf die Bevölkerung vorausgesehen. Wir hatten keine Ah-

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auf die Bevölkerung vorausgesehen. Wir hatten keine Ah- 40 Diogenes Magazin nung, was da auf uns

Diogenes Magazin

nung, was da auf uns zukam. Hauptsächlich weil die Pasok-Regie- rung den Bürgern nie die ganze Wahrheit sagte. Sie versuchte sie zu beruhigen, indem sie ihnen versicherte, dass jede neue Maß- nahme, egal, ob es um Kürzungen der Löhne und Renten ging oder um neue Steuern, die letzte sei. Es kamen aber immer neue Maß- nahmen und Sparpakete dazu. Diese falsche Politik der Besänfti- gung traf die Griechen völlig unvorbereitet, sie verunsicherte und empörte sie. Wenn eine finanzielle Krise ausbricht, dann fragen sich die Leu- te immer, warum es so weit gekommen ist und wer die Schuld da- für trägt. Die Gründe liegen im Falle der griechischen Krise weit in der Vergangenheit. Der monströse Staatsapparat, der Griechen- land heute lahmlegt, ist das Produkt einer Entwicklung, die in der Zeit nach dem Bürgerkrieg Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre begonnen hat. Viele Menschen in Griechenland und anders- wo gehen jedoch irrtümlicherweise davon aus, dass das heutige Desaster eine Folge der Misswirtschaft der letzten dreißig Jahre ist. Das stimmt nicht. Wenn man den geschichtlichen Aspekt beiseite- lässt, dann gelangt man, wie viele Deutsche und andere Ausländer, zu einer falschen Schlussfolgerung: dass nämlich die Griechen al- lesamt korrupt sind. Für mich besteht kein Zweifel daran, dass die politischen Eliten von der frühen Nachkriegszeit bis heute die Hauptschuld am Zu- sammenbruch des Landes tragen. Sie haben durch ihre Klientel- mentalität das Land an den Rand des Abgrunds gebracht. Allerdings bin ich Schriftsteller und nicht Politikwissenschaftler. Auch deswegen ist mir der kulturelle Aspekt der Krise sehr wichtig, nicht nur in Bezug auf Griechenland, sondern auch auf die EU. Im Folgenden komme ich darauf zu sprechen, wie sich diese kultu- relle Krise im Alltag bemerkbar macht, ob in Brüssel, in Berlin oder in Athen.

A nthi ist zehn Jahre alt und Niki sie-

ben. Sie sind die Töchter des grie-

chischen EU-Vertreters in Brüssel. Beim Frühstück spricht die Familie Griechisch. In der Schule sprechen die Mädchen Deutsch. Wenn sie von der Schule nach Hause kommen, erwartet sie die französische Studentin, die sie betreut. Mit ihr sprechen sie Franzö- sisch. Beim Abendessen schließt sich der Kreis, und sie sprechen wieder Griechisch. Jedes Mal, wenn ich die Familie in Brüssel besuche, frage ich mich, ob die- ser dreisprachige Alltag eine EU-Reali- tät ist, ob die Integration so weit fort- geschritten ist, dass die Bürger der verschiedenen Länder miteinander in mehreren Sprachen umgehen können. Diese Mehrsprachigkeit spüre ich auch, wenn ich Lesungen in Deutschland, in Italien oder in Spanien mache. Ich wer- de immer wieder gebeten, eine Wid- mung auf Griechisch zu schreiben. Das zeigt, die Europäer lernen mitt- lerweile neben Englisch, Deutsch oder Französisch auch andere europäische Sprachen. Wer aber daraus den Schluss ziehen wollte, die Kommission in Brüssel sei eine Art europäisches Modell in Klein- format, der täuscht sich gewaltig. Im- mer wenn ich in Brüssel bin, muss ich an meinen Vater denken, der mich in eine österreichische Schule in Istanbul schickte, weil er, in Zeiten des deut- schen Wirtschaftswunders, fest davon überzeugt war, dass Deutsch sich als internationale Unternehmersprache etablieren würde. Es wird nicht einmal in der Kommission Deutsch gespro- chen, obwohl Deutschland den größ- ten finanziellen Beitrag in der EU leis- tet. Zwar sind die Sprachen aller Mitgliedsländer gleichrangig in der EU, gesprochen wird aber überwiegend Englisch wie überall sonst in der Welt. Das Land, das der EU gelegentlich größte Sorgen bereitet, verleiht ihr sei- ne Sprache. Die sprachliche Vielfalt in der Fami- lie des griechischen EU-Vertreters ist eine Ausnahme. Belgien selbst liefert das beste Beispiel, dass sprachliche Vielfalt nicht unbedingt Offenheit und Integration bedeutet. Flamen und Wal- lonen leben in Distanz zueinander und

ohne große Sympathien füreinander. Sie streiten über jeden Quadratzenti- meter sprachlichen Raums. Brüssel ist der Sitz einer Weltorgani- sation, der Nato, und zweier europäi- scher Institutionen, der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments. Die Stadt hat diese beson- dere Stellung durch ihre Unauffällig- keit erworben. Anstatt die Konkurrenz zwischen London und Paris auszu- fechten, waren die politischen Führer der fünfziger und sechziger Jahre klug genug, das unauffällige Brüssel zu wählen. Dieser Charakterzug ist den Belgiern immer zugutegekommen. Als ich einen belgischen Abgeordneten der

Das Verhältnis zwischen dem Süden Europas und den mittel- und nord- europäischen Ländern hat sich seit dem Beginn der Krise zunehmend ver- schlechtert.

Grünen fragte, wieso ein dem europäi- schen Publikum unbekannter Politiker wie Herman Van Rompuy zum Präsi- denten des Europäischen Rats gewählt worden ist, antwortete er ohne Zögern:

»Er ist nett, gutmütig, meidet Kontro- versen und ist vor allem unauffällig.« Die Unauffälligkeit hat den Vorteil, Spannungen zu verdecken. Die Span- nung zwischen Wallonen und Flamen ist nicht die einzige in Europa. Span- nung existiert auch zwischen dem Bas- kenland und Kastilien in Spanien, zwi- schen dem Süden und dem Norden in Italien. Von alledem merkt man in Brüssel auf den ersten Blick gar nichts. Während meiner Jugend war Istan- bul eine Stadt mit vier Sprachen. Es wurde Türkisch, Griechisch, Arme- nisch und die Sprache der sephardi- schen Juden gesprochen. Von Integra- tion war trotzdem nichts zu spüren. Die vier Ethnien lebten in Parallel- gesellschaften. Auch Brüssel ist eine Stadt mit Parallelgesellschaften. Die Ausländer, die in den drei EU-Organi-

sationen arbeiten, haben wenig Kon- takt zu den Belgiern. Die Abgeordneten des EU-Parla- ments haben zwar Kontakt zur Euro- päischen Kommission, dieser ist aber, außerhalb von offiziellen Anlässen, auf die nationale Ebene beschränkt. Die Deutschen verkehren mit den Deut- schen, die Griechen mit den Griechen, die Italiener mit den Italienern und so weiter. Die Politiker und Bürger Europas sind empört, wenn Migranten in Paral- lelgesellschaften leben und sich nicht integrieren wollen. Dabei leben die Vertreter dieser Länder in Brüssel auch in Parallelgesellschaften. Das Europäi- sche Parlament kommt der Integration am nächsten. Dort wird offen disku- tiert, und die Parlamentarier sind zu- gänglich, weitgehend frei von Vorurtei- len. Vielleicht, weil die Parlamentarier weniger ins politische Tagesgeschäft der EU verwickelt sind als die Funkti- onäre der Kommission. Vielleicht auch, weil sie nicht in allen Fragen dieselbe Meinung wie die Kommission vertre- ten und mitunter die Kommission of- fen kritisieren. Das Verhältnis zwischen dem Süden Europas und den mittel- und nordeu- ropäischen Ländern hat sich seit dem Beginn der Krise zunehmend ver- schlechtert. Das spiegelt sich auch auf der Ebene der Funktionäre aus den verschiedenen Mitgliedsländern. Die Griechen fühlen sich von den anderen Mittel- und Nordeuropäern, ob zu Recht oder zu Unrecht, oft gedemütigt. Sie haben zunehmend das Gefühl, dass sie mehr toleriert als akzeptiert werden. Die Deutschen wiederum leiden an ei- ner Art ›griechischer Erschöpfung‹. Die Griechen sind ihnen eine Last, und sie glauben, dass sie mit ihnen nie fertig werden. Sogar Funktionäre aus dem Süden versuchen sich von den Grie- chen abzugrenzen. Die Italiener und die Spanier wollen nicht mit den Grie- chen gleichsetzt werden. Das wird von den Politikern der südeuropäischen Staaten bei jedem Anlass betont, und es wird auch von den Funktionären dieser Staaten in der EU übernommen. Man könnte diese Haltung mit feh- lender Solidarität erklären. Die Solida- rität existiert zwar auf finanzieller Ebe-

Diogenes Magazin

mit feh- lender Solidarität erklären. Die Solida- rität existiert zwar auf finanzieller Ebe- Diogenes Magazin 41

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ne. Nicht nur Griechenland bekommt großzügige Unterstützung von der EU. Sie fehlt aber auf menschlicher Ebene. Doch fehlende Solidarität wäre eine zu einfache Erklärung. Was in der europä- ischen Einigung vernachlässigt wurde, waren die Werte. Die Herausforderung für die Gründerväter der europäischen Einigung war, aus einem Kontinent mit unterschiedlicher nationaler Geschich- te, unterschiedlicher Kultur und unter- schiedlichen Traditionen eine Gemein- schaft zu gründen, die auf gemeinsamen Werten beruhte. Die ursprüngliche Gemeinschaft, die EWG, war nicht nur eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, sondern auch eine Wertegemeinschaft. Die gemein- samen europäischen Werte waren das Bindeglied, der gemeinsame Nenner, für die Einigung der Staaten unter ei- nem Dach. Diversität mit gemeinsa- men Werten war das Ziel. Wir haben seit der Einführung des Euro diese Werte vernachlässigt und Europa mit dem Euro identifiziert. Und jetzt, mit der Rettungsaktion für den Euro, werfen wir die gemeinsamen Werte, die Diversität der europäischen Geschichte, die verschiedenen Kultu- ren und Traditionen als Ballast über Bord. Europa hat viel in die Wirtschaft investiert, aber zu wenig in die Kultur und die gemeinsamen Werte. Das Schengen-Abkommen hat zwar die Grenzen zwischen den Staaten aufge- hoben, aber was kennt die große Mehr- heit der Europäer schon von Italien, außer der Toskana, von Spanien, außer Mallorca, oder von Griechenland, au- ßer Kreta und den Kykladen? Jetzt, in Zeiten der Krise, merkt man, wie sehr das Verständnis für die kultu- relle Diversität fehlt. Die Griechen hat- ten in den Zeiten des europäischen Wachstums ein enges Verhältnis zu den Deutschen. Jetzt sind sie empört, weil die Deutschen sie mit Arroganz be- handeln. Und die Deutschen sind ih- rerseits gekränkt, weil ihre griechi- schen Freunde sie in der letzten Zeit so kühl grüßen und auf Distanz gehen. Weil ich seit langen Jahren als eine Art Vermittler zwischen Deutschen und Griechen gelte, bekomme ich das Kla- gelied von beiden Seiten zu hören. So- wohl die Deutschen als auch die Grie-

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zu hören. So- wohl die Deutschen als auch die Grie- 42 Diogenes Magazin chen haben recht,

Diogenes Magazin

chen haben recht, nur kann man es ihnen schwer erklären, weil auf beiden Seiten das Verständnis für die kulturel- le Basis des anderen fehlt. Das lässt den Raum für Vorurteile und Ressenti- ments offen. Man irrt sich, wenn man glaubt, dass die Krise in Europa nur eine finanzielle ist. Wir erleben auch eine Krise der europäischen Werte. Die finanzielle Krise hat dazu beigetragen, dass wir sie überhaupt wahrnehmen. In den offiziellen Kontakten in Brüssel wird das verschwiegen oder hinter guten Umgangsformen ver- steckt, aber in privaten Gesprächen tritt es offen hervor. Statt wegen der Krise zusammenzurücken, entfernen

Europa hat viel in die Wirtschaft investiert, aber zu wenig in die Kultur und die gemeinsamen Werte.

sich die verschiedenen Kulturen vonein- ander. Brüssel ist der Ort, wo man die- ses Versagen aus der Nähe betrachten kann. Worüber redet man in Brüssel? Über die Krise natürlich. In der Kom- mission und im Parlament, in den Ca- fés und Restaurants, überall hat die Krise das letzte Wort, wobei die Stim- mung immer wechselt. Es gibt ja auch fast jeden zweiten Tag eine neue Meinung oder ein neues Statement von Olli Rehn oder von Ma- rio Draghi oder irgendeinem anderen hohen europäischen Funktionär, wo- bei die Parole, zumindest nach außen hin, lautet: »Wir schaffen das schon.« Diese Zuversicht wirkt gespielt. Denn es passiert fast immer etwas, und die gute Stimmung kippt. Zuletzt war es die Herabstufung der Bonität Frank- reichs und anderer EU-Staaten. Nach jeder schlechten Nachricht machen sich die Politiker und die Kommission daran, neue Pläne zu schmieden oder die alten zu revidieren. Dazu passt die erste Strophe eines Lieds aus Brechts Dreigroschenoper: »Ja, mach doch ei- nen Plan / Sei nur ein großes Licht / Dann mach noch einen zweiten Plan / Geh’n tun sie beide nicht.« Brüssel ist nicht so wichtig wie Ber- lin, Paris oder London. Nicht, weil es

keine europäische Großstadt wäre, sondern vor allem, weil die deutschen, französischen und englischen Politiker ihre Metropolen wichtiger nehmen als Brüssel. Brüssel ist aber unser Spiegel- bild. Wir sollten es genauer betrachten. Aber ohne Schminke, bitte. ·

Auszug aus ›Finstere Zeiten. Zur Krise in Griechenland‹

Buchtipps

432 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06841-2 Auch als Diogenes E-Book Teil 2 der Krisentrilogie nach Faule
432 Seiten, Leinen
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Kredite: Reiche Griechen zahlen keine
Steuern. Arme Griechen empören sich
oder verzweifeln. Ein Unbekannter
handelt. Mit Drohbriefen, Schierlings­
gift und Pfeilbogen – im Namen des
Staates. Kostas Charitos ermittelt.
176 Seiten, Pappband
ISBN 978-3-257-06836-8
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Er hat die Krise kommen sehen. Schon
2004 fragte er anlässlich der Olympiade:
»Wer soll das bezahlen?«
Die griechische Tragödie kommentiert
von Petros Markaris, in zwölf Artikeln
und einem Interview, in Erwartung des
bitteren Endes – und eines Neubeginns.

Illustration: © Bosc; Foto: © Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag

Serie

© Bosc; Foto: © Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag Serie Petros Markaris auf der einsamen Insel

Petros Markaris

auf der einsamen Insel

Jeder kennt die Frage: »Welches Buch würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?« In jedem Diogenes Magazin stellen wir diese Frage. Und um es ein wenig spannender (und bequemer) zu machen, darf Petros Markaris mehr als nur ein Buch auf die Insel mitnehmen.

Roman Stendhal, Die Kartause von Parma

Sachbuch Eric Hobsbawm, Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus

Lyrikband Jiannis Ritsos, Gedichte

Theaterstück William Shakespeare, Maß für Maß

Gedichte Theaterstück William Shakespeare, Maß für Maß Gemälde Juan Miró, Nocturne Photo ein Bild meiner

Gemälde Juan Miró, Nocturne

Photo ein Bild meiner Tochter

Musikinstrument keins

Möbelstück meinen Schreibtisch

Technisches Gerät meinen CD- / DVD-Spieler

Kleidungsstück einen Regenmantel

Erzählung Edgar Allan Poe, Der Untergang des Hauses Usher

Klassik Gustav Mahler, 4. Symphonie

Parfum keins

Zeitung Süddeutsche Zeitung

Jazz Take the A-Train (Duke Ellington, Count Basie,

Spiel Monopoly

Zeitschrift The New York Review of Books

Glenn Miller, Lionel Hampton, Benny Goodman)

Lebenspartner meinen Laptop

Fernsehsender keinen

Pop / Rock Manos Hadjidakis

Lebensretter Kommissar Kostas Charitos

Radiosender keinen

and The New York Rock & Roll Ensemble, Reflections

Gesprächspartner Eleni Torossi

Film Theo Angelopoulos, Der Blick des Odysseus

Essen (nicht süß) Gemista

Streitpartner meinen griechischen Verleger Samis Gavrielides

TV-Serie keine

Essen (süß)

Briefpartner keinen

Ekmek Kadayif

Schauspieler Bruno Ganz

Nachbar keinen

Schauspielerin Meryl Streep

Getränk (nicht alkoholisch) Orangensaft

Haustier Can, meinen Kater

Oper Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte

Lieblingsgetränk (alkoholisch) Scotch

Joker-Artikel meine Faust- Übersetzung

Im nächsten Magazin:

Joey Goebel

Diogenes Magazin

(alkoholisch) Scotch Joker-Artikel meine Faust- Übersetzung Im nächsten Magazin: Joey Goebel Diogenes Magazin 43

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Foto oben links: © Infinite XX – Fotolia.com; alle anderen Fotos: © Ruth Geiger / Diogenes Verlag

alle anderen Fotos: © Ruth Geiger / Diogenes Verlag Verlorenes Istanbul im Café Ara Mitten im

Verlorenes Istanbul im Café Ara

Mitten im Szeneviertel Beyoğlu, gleich neben der Istiklal Caddesi, der Hauptstraße des Viertels, liegt das kleine Café Ara: ein Treffpunkt für Literaten, Filmschaffende, Journalis- ten und Studenten bei Tag und Nacht. Das Café gehört dem weltberühmten Magnum-Fotografen Ara Güler. In der Tür- kei wurde er zum Fotografen des Jahrhundertsgekürt. Man nennt ihn auch das Auge Istanbuls. Mit seiner Kamera fing er das Stadtleben der fünfziger und sechziger Jahre ein:

Straßenhändler, Fischer, Handwerker, Passanten, Leute in Lokalen, Kinder und Alte – und schuf einen neuen Stil in der türkischen Fotografie. Seine großen schwarz-weißen Stadt- ansichten schmücken die Wände des zauberhaften Cafés.

Tosbag Sok. 8/A

die Wände des zauberhaften Cafés. Tosbag Sok. 8/A 44 Diogenes Magazin Ein Autor – Eine Stadt

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die Wände des zauberhaften Cafés. Tosbag Sok. 8/A 44 Diogenes Magazin Ein Autor – Eine Stadt

Diogenes Magazin

Ein Autor – Eine Stadt

Istanbul mit Petros Markaris

Petros Markaris führt uns an seine Lieblingsorte der Millionen- metropole. Hier in Istanbul ist er als Sohn eines Armeniers und ei- ner Griechin geboren. Seine Familie lebte eine Zeitlang auf den Prinzeninseln. Das hieß für den jungen Petros täglich drei Stunden Schifffahrt auf dem Marmarameer. Drei Stunden, die er zu nutzen wusste: Die Hausaufgaben erledigte er konsequent auf dem Schiff.

Die Hausaufgaben erledigte er konsequent auf dem Schiff. Fischeintopf im Restaurant Ko ç o Die traditionelle

Fischeintopf im Restaurant Koço

Die traditionelle Istanbuler Küchewurde von griechischen und armenischen Köchen geprägt. Der Grieche Koço war einer von ihnen. Das Restaurant Koço auf der asiatischen Seite liegt etwas ab vom Schuss, aber die Reise lohnt sich:

Ein typisches Fischrestaurant mit dem Charme der alten Zeit. Man speist auf einer alten Holzveranda, mit Blick aufs Marmarameer oder auf die Fotogalerie, die Szenen aus dem Leben Atatürks zeigt. Von hier aus sieht man auch die Prin- zeninseln, auf denen ich meine Kindheit verbracht habe. Mein Lieblingsgericht ist der Fischeintopf Buğlama: ein im Dampf gegarter Fisch mit Tomaten, grünen Peperoni, Cham- pignons, Dill, Lorbeer mit Schafskäse drauf. Köstlich! Davor isst man Meze und trinkt verdünnten Raki. Afiyet olsun!

Caferağa Mh., Moda Caddesi 265, Kadıköy

Foto unten rechts: © Jason – Fotolia.com; alle anderen Fotos: © Ruth Geiger / Diogenes Verlag

Schlemmen in der Saray-Konditorei

Morgens bin ich oft im Café Saray. Typisch ist Menemen, eine Eierspeise, die in der Regel zum Frühstück gegessen wird, aber auch zu jeder anderen Tageszeit mundet, zum Beispiel als Meze zu Raki. Menemen enthält Eier, Tomaten, grüne Paprika und Zwiebeln und ist mit schwarzem und ro- tem Pfeffer gewürzt. Zubereitet und serviert wird das Ge- richt in einem Pfännchen. Wer danach noch Lust auf Zu- ckerwerk hat, ist hier richtig. Das Café ist ein Schlaraffenland für Liebhaber orientalischer Süßigkeiten! Ich empfehle Fırında Sütlaç, einen Milchreis, der im Ofen gebacken wird, mit karamellisierter Oberfläche, oder Künefe, ein gebacke- nes Dessert aus dünnen Teigfäden, mit Schafskäse gefüllt, in Zuckersirup getränkt und mit gehackten Pistazien bestreut.

Istiklal Cad. 173

und mit gehackten Pistazien bestreut. Istiklal Cad. 173 Yerebatan-Zisterne Byzanz, Konstantinopel, Istanbul: Die

Yerebatan-Zisterne

Byzanz, Konstantinopel, Istanbul: Die Stadt ist durchdrun- gen von Geschichte. Unser Spaziergang führt uns vorbei an der Hagia Sophia in eine byzantinische Zisterne, die auch Versunkener Palast genannt wird. Ein beeindruckendes Bau- werk. Als Kind beschlich mich immer ein zwiespältiges Ge- fühl, wenn ich dort hinabstieg. Alles war feucht, dunkel, kühl und unheimlich, aber ich tauchte in eine längst versun- kene Welt ein. Damals konnte man noch mit einem Ruder- boot hindurchfahren. Das Wasser kam aus dem Belgrader Waldwestlich von Istanbul. Das Gewölbe wird von acht Meter hohen Säulen mit überwiegend korinthischen Spolien- kapitellen getragen. Auch heute noch zieht es mich oft hinab zu diesem unterirdischen Kunstwerk.

Yerebatan Caddesi 7, Sultanahmet, Fatih

Kunstwerk. Yerebatan Caddesi 7, Sultanahmet, Fatih Chora-Kirche und -Museum Immer wieder bewundere ich die

Chora-Kirche und -Museum

Immer wieder bewundere ich die einmaligen Fresken und Mosaiken, die mit ihrem Detailreichtum zu den bedeutends- ten byzantinischen Bildwerken zählen. Unter der Herrschaft der Osmanen wurde aus der Kirche eine Moschee, heute ist sie ein Museum. Unbeschwert genieße ich die Taxifahrt an den Rand der Altstadt, vorbei an der Theodosianischen Landmauer. Auf dem Weg zurück in die Stadt mache ich ei- nen Umweg über den Pierre-Loti-Hügel im Stadtteil Eyüp. Der französische Schriftsteller und Reisende Pierre Loti ging jedes Mal, wenn er nach Istanbul kam, in das kleine, damals noch schäbige Café, um den herrlichen Blick auf das Golde- ne Horn zu genießen.

Kariye Camii Sok., Kariye Meydani, Edirnekapi

herrlichen Blick auf das Golde- ne Horn zu genießen. Kariye Camii Sok., Kariye Meydani, Edirnekapi Diogenes

Diogenes Magazin

herrlichen Blick auf das Golde- ne Horn zu genießen. Kariye Camii Sok., Kariye Meydani, Edirnekapi Diogenes

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Foto: © Jean-Daniel Sudres / Hemis / CORBIS

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Foto: © Jean-Daniel Sudres / Hemis / CORBIS 46 Diogenes Magazin

Diogenes Magazin

Foto: © Hans-Peter Siffert/weinweltfoto.ch

Essay

Foto: © Hans-Peter Siffert/weinweltfoto.ch Essay Martin Walker Das Tal der Höhlen und Schlösser Martin Walker führt

Martin Walker

Das Tal der Höhlen und Schlösser

Martin Walker führt uns durch seine Wahlheimat, das Vézère-Tal im Périgord, zu den etwa 17 000 Jahre alten Höhlenmalereien von Lascaux, zur Fundstelle des Cro-Magnon-Menschen, der vor 40 000 Jahren auf der Bildfläche erschien und den Neandertaler ablöste. Von den Ursprüngen unserer Zivilisation, gro- ßen historischen Rätseln und einem frühzeitlichen Kunstwerk erzählt Walker, bekannt geworden durch seine Bruno-Krimis, auch in seinem neuen Roman Schatten an der Wand.

N ie werde ich den Moment verges- sen, als ich die Höhlen von Las-

caux zum ersten Mal sah. Der Höhlenführer hatte uns mit sei- ner Taschenlampe geleuchtet, ihren Strahl aber nur auf die Stufen und den Boden unter unseren Füßen gerichtet. Dann hatte er die Lampe ausgemacht, es war plötzlich stockdunkel, und wir verloren jedes Zeitgefühl. Als der Mann die Lampe wieder einschaltete, schie- nen die Höhlenwände auf einen Schlag zum Leben zu erwachen. Über, neben und hinter mir tauchten drohend wie aus dem Nichts große Auerochsen auf – so dass ich mich wie von einer rie-

sigen Herde umzingelt fühlte. Erschro- cken fuhr ich herum und sah eine Her- de von Auerochsen, Pferden und Hirschen geradewegs auf mich zu ga- loppieren. Erst dann machte ich auch die Umrisse anderer Tiere aus: ein zie- genartiger Steinbock und eine dunkle

Silhouette, die an einen Bären erinner- te. Doch was mich am meisten über- wältigte, war der Eindruck von Bewe- gung und urtümlicher animalischer Kraft, von überbordendem Leben. Die Malereien wirkten einerseits sehr realistisch, weil man auf Anhieb die dargestellten wilden Tiere erkannte, und andererseits abstrakt, da den Künstlern Form, Farbe und Bewegung offenbar wichtiger gewesen waren als eine naturgetreue Darstellung. Nach und nach erfasste ich die Kunstfertig- keit der Höhlenmaler: wie sie durch einen kleinen Abstand zwischen Bein und Körper den Eindruck von Bewe- gung schufen und wie gekonnt sie den Eindruck von Perspektive erweckten. »Ich habe meine Meister gefunden«, hatte Picasso gesagt, als er die Höhle kurz nach ihrer Entdeckung im Jahr 1940 besuchte. Und er stellte ernüch- tert fest, dass die Menschheit in

17 000 Jahren künstlerischen Schaffens nicht viel weiter gekommen sei: »Wir haben nichts dazugelernt!« Die wah- ren Alten Meister – das waren die un- bekannten Künstler von Lascaux: Zu dieser Einsicht kommt die erschüttern- de Erkenntnis, dass sie kein primitives, kulturloses Volk waren, sondern Leute mit einem dem unsrigen vergleichba- ren künstlerischen Gespür und einer durch und durch modernen Auffas- sung von Gestalt und Form, Farbe und Bewegung. Ihr Werk spricht zu uns über die Jahrtausende hinweg, und sei- ne Kraft und Schönheit ist schlicht atemberaubend. Die gesamte Höhle ist ein Meister- werk, das von Abbé Breuil, dem ange- sehenen französischen Archäologen und Priester, zu Recht als die Sixtini- sche Kapelle der prähistorischen Menschheitbezeichnet wurde. Sie ist das unbestrittene Juwel in dem an prä-

Diogenes Magazin

der prähistorischen Menschheit ‹ bezeichnet wurde. Sie ist das unbestrittene Juwel in dem an prä- Diogenes

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Foto oben: © François Pugnet / Kipa / CORBIS; Foto unten: © Pierre Vauthey / Sygma / CORBIS

historischen Höhlen, Gräbern und Siedlungsstätten überreichen Vézère- Flusstal; nirgendwo auf der Welt erfah- ren wir mehr über unsere Herkunft und unsere Urahnen als hier, dem ein- zigen Ort, an dem Menschen 40 000 Jahre lang ohne Unterbrechung gelebt haben. Ein großer Teil unseres Wissens über unsere früheste menschliche Vergangenheit stammt von hier. Bei La Micoque in der Nähe von Les Eyzi- es finden sich Feuersteine aus der Zeit des Homo Erectus, die mehr als 200 000 Jahre alt sind. Unter dem Fel- sendach von La Ferrassie stieß der gro- ße französische Archäologe Denis Peyrony 1909 auf mehrere Grabmäler von Neandertalern, eins davon barg zwei Erwachsene, vier Kinder und ei- nen Fötus. Der Schädel des Mannes ist bis heute das besterhaltene Exemplar, das wir besitzen, und die Knochen- struktur der vor 70 000 Jahren bestat- teten Neandertaler lieferte den Wissen- schaftlern den entscheidenden Beweis dafür, dass unsere Vorfahren sich schon damals aufrecht fortbewegten. Außer- dem zeigte die Art des Begräbnisses, dass sie ihre Toten wertschätzten, ih- nen die letzte Ehre erwiesen. Ein kleines Stück weiter oben im Tal, gleich hinter dem Bahnhof von Les Eyzies, befindet sich die originale Cro- Magnon-Fundstelle. Sie wurde 1868 von Eisenbahnarbeitern entdeckt. Auf Okzitanisch, das hier in der Gegend gesprochen wird, heißt Cro-Magnon so viel wie große Höhle. Darin wur- den die Überreste eines Mannes und einer Frau gefunden, deren Schädel sich deutlich von denen der Neander- taler unterschieden. Ihnen fehlten die typischen knöchernen Augenüber- wülste, und ihre Schädel waren hoch und gewölbt. Ihre Skelette waren grö- ßer und feingliedriger, und um ihre Hälse waren Tierzähne und Muscheln drapiert, die sie offenbar als Halsketten trugen. Zu der Zeit, als Europa mit der Gründung weltumspannender Imperi- en beschäftigt war, veranlasste der Vergleich der wildenNeandertaler mit den offenbar kultivierteren Cro- Magnon-Menschen einige Gelehrte dazu, eine rassistische Legende zu ent-

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einige Gelehrte dazu, eine rassistische Legende zu ent- 48 Diogenes Magazin wickeln – sie handelte von

Diogenes Magazin

wickeln – sie handelte von Europas fortschrittlicher Bevölkerung, die die primitiven Höhlenmenschen verdrängt hatte. Doch wie kam es dazu, dass die Cro-Magnon-Menschen vor mehr als 40 000 Jahren im Tal erschienen und die Neandertaler innerhalb von 10 000 Jah- ren von der Bildfläche verschwanden? Lag es an der Evolution, oder starben sie aufgrund von Nahrungsknappheit, Krankheit oder Krieg aus – oder viel- leicht gar wegen Völkermord? Liegt

Krieg aus – oder viel- leicht gar wegen Völkermord? Liegt Die wahren Alten Meister – das

Die wahren Alten Meister – das waren die unbekannten Künstler von Lascaux.

Meister – das waren die unbekannten Künstler von Lascaux. hier der Ursprung der biblischen Ge- schichte

hier der Ursprung der biblischen Ge- schichte von Kain und Abel? Aufgrund von DNA-Analysen wis- sen wir heute, dass es neben gemeinsa- men kulturellen Fertigkeiten auch ge- netische Überkreuzungen zwischen Neandertaler und Cro-Magnon gab. Der heutige Mensch ist nicht das Pro- dukt eines langen Gemetzels, in dessen Verlauf irgendwann auch der letzte Ne- andertaler hingeschlachtet worden wäre – das beruhigt mich sehr hinsicht- lich meiner Urahnen! Die beeindru- ckende und spannende Geschichte un- serer Vorväter und ihr Marsch durch die Zeiten erschließt sich hier im Vézère-Tal ganz unmittelbar und kon- kret – sie sind spürbar gegenwärtig.

Vor allem durch die Malereien und Ritzzeichnungen, die sie vor 30 000 Jah- ren neben den lebensnotwendigen Werkzeugen zu schaffen begannen und deren Zweck offensichtlich ein primär ästhetischer, vielleicht auch spiritueller war. Zur Rolle dieser Kunstwerke gibt es viele Theorien, aber kaum gesicherte Fakten. Abbé Breuil ging davon aus, dass sie eine Art Jagdzauber beschwö- ren sollten. Die bei den Behausungen gefundenen Tierknochen liefern je- doch Hinweise darauf, dass die meis- ten der in Lascaux dargestellten wilden Tiere gar nicht gejagt wurden. Die Menschen ernährten sich vor allem von Rentieren, von Fisch und einigen Wild- pflanzen und -früchten. Auch lebten sie nicht in den Höhlen, sondern nutz- ten diese für verschiedene andere Zwe- cke. Überwiegend scheinen sie in Wig- wam-ähnlichen Unterkünften gewohnt zu haben oder im Schutz von Felsvor- sprüngen, die zu niedrig waren, um als Höhlen bezeichnet zu werden. Ob- wohl die Höhlenzeichnungen von Las- caux während einer kurzen warmen Phase zwischen zwei Eiszeiten (mit ei- nem unserem heutigen vergleichbaren Klima) entstanden, lebte der Großteil der Cro-Magnon-Menschen wie die heutigen Ewenken in Sibirien. Sie jag- ten Rentiere, die ihnen Fleisch und Fel- le lieferten und aus denen sie Seile und knöcherne Werkzeuge fertigten. Trotz- dem sind Rentiere in den Höhlenmale- reien nur sehr selten dargestellt. Trotz all unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse – Ausgrabungen, Kar- bon-Zeitbestimmung und DNA-Ana- lyse – bleibt vieles, was unsere frühen Vorfahren betrifft, rätselhaft. Dieses Rätsel ist aber auch Teil ihrer Faszinati- on – und trägt zur Einzigartigkeit die- ses Tals bei, in dem ich lebe und in dem meine Bruno-Romane spielen. Im Herbst dieses Jahres erscheint die Übersetzung meines Romans Schatten an der Wand, in dem ich versuche, ein Bild jener menschlichen Gemeinschaft zu entwerfen, die die meisterhaften Höhlenzeichnungen von Lascaux her- vorgebracht hat. Bruno selbst taucht in diesem Roman nicht auf, dafür begeg- nen uns einige alte Bekannte aus den Bruno-Romanen, etwa der deutsche

Illustration: © Jean-Jacques Sempé

Archäologe Horst Vogelstern und sei- ne Geliebte Clothilde Daunier, die als Kuratorin am Museum für Frühge- schichte in Les Eyzies arbeitet. Ge- meinsam versuchen sie, das Geheimnis eines neu entdeckten Höhlengemäldes zu lüften. Es handelt sich um eine bemalte Steinscherbe, die – ohne jegli- chen Hinweis auf ihre Herkunft – ei- nem der großen Londoner Kunstauk- tionshäuser zum Verkauf angeboten wird. Stammt sie aus einer bisher un- entdeckten Höhle? Wie hat man sie vom Fundort entfernt? Und warum ist sie gerade jetzt aufgetaucht? Die Zusammenführung von ferner Vergangenheit und Gegenwart ist der Schlüssel zur Lösung des Rätsels, und ich hoffe, mein Roman vermittelt den

Buchtipp

ca. 592 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06843-6 Auch als Diogenes E-Book Ein Thriller aus dem Périgord
ca. 592 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06843-6
Auch als Diogenes E-Book
Ein Thriller aus dem Périgord –
diesmal ohne Bruno, Chef de police.
Eine Höhlenzeichnung – fünf
Menschen, die sie besitzen wollen. Wer
die Zeichnung findet, hat den Schlüssel
zur Aufklärung eines Verbrechens,
während der Résistance begangen, von
dem bis heute niemand wissen darf.

Lesern die Faszination und die Ehr- furcht, die ich angesichts der Höhlen und ihrer Kunstwerke empfinde. Vor allem wünsche ich mir, dass der Ro- man etwas vermittelt, wovon ich per-

sönlich überzeugt bin: dass unsere frü- hesten Vorfahren gar nicht so weit von uns entfernt sind. Und dass das große Erbe, das sie uns mit ihrer Kunst hin- terlassen haben, noch heute die Kraft hat, uns erschauern zu lassen und uns

zutiefst zu bewegen.

schen von Michael Windgassen

·· Aus dem Engli-

»Sehr schön, was Sie da machen, aber Ihre Galerie ist

etwas ab vom Schuss

«

Foto: © Isolde Ohlbaum / laif

»Anthony McCarten zählt zu den aufregendsten literarischen Exporten aus Neuseeland.« International Herald Tribune, Paris

Anthony McCarten, 1961 im neusee- ländischen Plymouth geboren, lebt heute in London. Mindestens einmal im Jahr fliegt er nach Hause, ans andere Ende der Welt. Und das, obwohl er sich nach der Reise jedes Mal so fühlt, als seien ihm die Hirnnerven durchtrennt worden.

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fühlt, als seien ihm die Hirnnerven durchtrennt worden. 50 Diogenes Magazin 464 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06794-1

Diogenes Magazin

ihm die Hirnnerven durchtrennt worden. 50 Diogenes Magazin 464 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06794-1 Auch als Diogenes

464 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06794-1 Auch als Diogenes Hörbuch und E-Book

Jeff Delpe lebt wie McCarten in England. Sein wahres Leben aber findet im Internet statt: Hier verdient er viel Geld, und hier kämpft er auch gegen die Geister, die ihn nicht loslassen:

die Schule, die Mädchen, der Tod seines Bruders. Sein Vater will nicht noch einen Sohn verlieren und loggt sich in die ihm fremde Welt der unbegrenz- ten Möglichkeiten ein.

Die Fortsetzung von McCartens erfolgreichem Roman Superhero

Diogenes Taschenbuch detebe 24208, 368 Seiten Auch als Diogenes E-Book

Neuseeland, ein verlottertes Provinzstädtchen am anderen Ende der Welt. Drei unschuldige Mädchen, die plötzlich schwanger sind. Von Außerirdischen, versichern sie. Ein spannender Roman über Wunder, Täuschungen und die Geschichten, die wir erfinden, um uns vor der Wahrheit zu schützen. Und eine phantastische Liebesgeschichte.

Foto: © Ken.jp / flickr.com

Über Neuseeland

Foto: © Ken.jp / flickr.com Über Neuseeland Anthony McCarten 18 601 Kilometer trennen Frankfurt von Wellington.

Anthony McCarten

18 601 Kilometer trennen Frankfurt von Wellington. Vom 10.– 14. Oktober 2012 kommen sie zusammen:

Neuseeland ist Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Der Kiwi ist ein seltsamer Vogel

Die ersten Siedler, hauptsächlich arme Briten und Iren, wollten ein besseres Britannien aus dem Land im Südpazifik machen. Aber sie hatten nicht bedacht, dass ihnen das Land und seine Ureinwohner feindlich gesinnt sein könnten. Schwere Zeiten für die Pioniere – es ging ums bloße Überleben –, prä- gende Zeiten für den Nationalcharakter der Neuseeländer, wie Anthony McCarten, selbst einer von ih- nen, zu berichten weiß.

M indestens einmal im Jahr fliege ich nach Hause. Zwölftausend

Meilen hin, zwölftausend Meilen zu- rück. Mir würde etwas fehlen, sollte ich einen Besuch auslassen. Ich würde gern viel öfter hinfahren, wenn man sich nach einem Flug dieser Länge nicht jedes Mal so fühlen würde, als seien einem die Hirnnerven durch- trennt worden. Mein Zuhause? Neuseeland. Die Reisedauer? Von meiner Wohnung (in London) sind es etwa 36 Stunden, und das auch nur, wenn man die Reise an einem Stück macht, was der schiere Wahnsinn ist. Nehmen wir den not- wendigen Zwischenstopp in Los Ange- les oder Hongkong hinzu, dann reden wir schon von der Lebensspanne klei- ner Säugetiere. Deshalb hat Neuseeland sich einiges bewahren können: Es hat noch den ge- heimnisvollen Reiz aller weit entfern- ten, kaum bekannten Orte, vergleichs- weise wenig Einwohner (ideal, um

Zufallsbekanntschaften und Verkehrs- staus zu vermeiden), eine (trotz hefti- ger Angriffe) weitgehend intakte Landschaft, global gesehen eine ge- ringe Bedeutung (wofür die Neusee- länder sich schämen), einen ausgepräg- ten Hang zum Antiintellektuellen, (worauf sie stolz sind) und zu guter Letzt den (wohlverdienten) Ruf, ein unglaublich schönes Land zu sein. Der Besucher kommt in Auckland an, dem einzigen wirklich internatio- nalen Flughafen des Landes (Welling- ton und Christchurch zählen nicht, denn von da geht es nur nach Australi- en und in die Antarktis: beides keine echten Länder – und diese Bemerkung über das benachbarte Australien ist gleich ein schönes Beispiel für die Ri- valität zwischen den Aussies und den Kiwis; eine grundlose Rivalität, aber wann hätte es dafür je einen Grund ge- braucht?). Wenn man über dem blauen Wasser und den Grüppchen von kleinen Küs-

teninseln heranschwebt, sieht man bald – sofern es nicht regnet – Blech- dächer mit jeweils einem halben Mor- gen Land dazwischen, Häuser und Gärten mit dem obligatorischen Zitro- nenbaum und der Plastikschaukel für die Kinder, Häuser, deren Betonauf- fahrten die Besitzer, allesamt Bastler- typen, selbst gegossen haben, und schwarze Straßen, die sich die Berge hinaufschlängeln, von denen aus man, wie fast überall hier, das Meer sehen kann. Ein Land im Südpazifik. Eines, das weit weniger europäisch ist, als es sich die ersten Siedler vorgestellt haben, da- mals in den 1840er-Jahren: weiße Bri- ten, Iren auf der Flucht vor der großen Hungersnot, ein paar beflissene nord- deutsche Missionare. Sie alle wollten in der Südsee ein besseres Britannien bau- en, einen Garten Eden, den sie be- ackern konnten, ohne die grausigen Fehler bei der »Entdeckung« Amerikas und Indiens zu wiederholen. Dieses

Diogenes Magazin

konnten, ohne die grausigen Fehler bei der »Entdeckung« Amerikas und Indiens zu wiederholen. Dieses Diogenes Magazin

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Foto links: © Jim Barber / CORBIS; kleines Foto: © Blaine Harrington III / CORBIS; Foto Mitte: © Tobias Hauser / laif

Vorhaben geriet jedoch schnell in Ver- gessenheit: Die Einwanderer mussten erkennen, dass es für europäische Kul- tur europäischen Boden brauchte und sehr viel mehr Europäer. Die eingebo- renen Maori waren alles andere als be- geistert, als die Weißen aus ihren Boo- ten sprangen und »Ich beanspruche dieses Land für die Königin [Viktoria] und für England« riefen, und machten den Neuankömmlingen sehr deutlich, dass dieses Land nicht ohne Blutver- gießen zu haben war. Für die Pioniere begannen schwere Zeiten. Sehr schwere Zeiten sogar. In einem Brief an seine Tante mütterli- cherseits zu Hause in Irland berichtet mein Großvater Tom Walsh (in meiner Erinnerung ein schweigsamer, geheim- nisvoller Mann) über das Leben der Neuseeländer Anfang des 20. Jahrhun- derts:

Glaube mir, liebe Tante, ich werde nie vergessen, wie Mutter am Fluss ankam. Dort lag ein Kanu (ein aus- gehöhlter Baumstamm), der uns den Tongaporutu hinaufbringen sollte. Mutter sagte: »Das überlebe ich nicht.« Dann kamen ihr die Tränen, und das kann ihr keiner verdenken.

kamen ihr die Tränen, und das kann ihr keiner verdenken. 52 Diogenes Magazin Nicht viele Frauen

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kamen ihr die Tränen, und das kann ihr keiner verdenken. 52 Diogenes Magazin Nicht viele Frauen

Diogenes Magazin

Nicht viele Frauen hätten solch eine Reise gewagt. Aber in mancher Prü- fung hat sie bewiesen, was für eine tapfere Frau sie ist. Als wir die Ka- nufahrt hinter uns hatten, ging es weiter in den wilden Urwald, die letzte Meile zu unserem »Zuhause im Busch«, das aus »Pungas« (einem Baumfarn) gebaut war. Das Holz ist sehr weich; aus den Stämmen, etwa acht Zoll im Durchmesser, werden die Wände gezimmert. Für das Dach nimmt man Nikau-Wedeln (etwas Ähnliches wie Palmen), obwohl sie nicht wasserfest sind. Von der Decke hingen Drähte, daran unsere Kessel und Kochtöpfe. Die Betten bauten wir aus Pungas, deren Blätter dien- ten als Matratze; der Tisch war aus grob behauenem Holz, die Schemel einfache Holzklötze. (Ein schönes Zuhause war das!) Schließlich rodete Vater 200 Morgen Urwald, alles mit der Axt, und wir bekamen 40 Milch- kühe. Meine Mutter molk sie und verkaufte die Butter. Vater war meist nicht da – er baute überall im Land neue Straßen. Er hat nie auf der Farm gearbeitet, nicht eine Kuh gemolken. Meine Mutter musste al- lein auf uns sieben aufpassen – im-

mer nur Arbeit und kein Vergnügen, so war das damals. Das sind die Menschen, die Neuseeland gegrün- det haben. Sie nennen es »God’s own Country«. Vielleicht ist es das heute, aber damals bei den ersten Siedlern, da war das Leben hart, ganz besonders für die Frauen.

Diese Entbehrungen sorgten dafür, dass die Neuseeländer, ob Mann oder Frau, hart im Nehmen sind – auch heu- te noch: Der typische Neuseeländer redet nicht viel und psychologisiert noch weniger, er lacht zwar gern, aber ist nur selten ausgelassen. Als die neuseeländische Schriftstel- lerin Katherine Mansfield im Jahr 1907 von ihrer ersten, aufregenden Reise nach England und Deutschland zu- rückkehrte (die Schiffspassage dauerte 100 Tage pro Strecke, der Reisende von heute möge sich also nicht beschwe- ren), war sie enttäuscht von Wellington, ihrer Geburtstadt, die damals noch kei- ne fünfzig Jahre alt war, und schimpfte darüber, dass es dort nicht das nötige Maß an Kultiviertheit gäbe:

Ich schäme mich für das junge Neu- seeland. Der ganze Speck, in den ihr

nicht das nötige Maß an Kultiviertheit gäbe: Ich schäme mich für das junge Neu- seeland. Der

Foto rechts: © Berthold Steinhilber / laif; kleines Foto: © Armin Akhtar / laif

Hirn gepackt ist, muss weg, bevor sie überhaupt anfangen können, etwas zu lernen! Wir brauchen zwei oder drei Leute, die sich zusammentun – an Straßenecken, in den Läden, Häusern, Teestuben – und über Vers und Form und Atmosphäre diskutie- ren. Aber diese Leute beherrschen ja noch nicht einmal das ABC!

Für die literarischen Salons, die Mans- field herbeisehnte, war im Alltag der Pioniere kein Platz. Es ging ums Über- leben. Land musste bestellt werden, Sümpfe trockengelegt, Straßen gebaut. Aus einem Traum entstand eine moder- ne Nation, und das ohne einen einzi- gen Traktor, ohne auch nur eine Ma- schine. Und wer nahm diese gewaltige Bürde auf sich? Ein paar hunderttau- send Paare: Männer und Frauen, die sich aus jugendlichem Optimismus, Mut oder Einfalt freiwillig gemeldet hatten. Fast alle waren arm oder zu- mindest minderbemittelt. Wenn man hier etwas erreichen wollte, dann nur durch harte körperliche Arbeit, geisti- ger Höhenflüge bedurfte es nicht. Wohl den Müttern, die ein Dutzend Kinder ohne Rat und Ärzte großzie- hen konnten. Jeder Neuseeländer von

und Ärzte großzie- hen konnten. Jeder Neuseeländer von heute, dessen Wurzeln in diese Zeit zu- rückreichen

heute, dessen Wurzeln in diese Zeit zu- rückreichen (und so lange ist es noch nicht her), hat einen Familienfriedhof voller Grabsteine für die Kinder, die bei der Geburt gestorben sind oder mit drei, fünf, zehn Jahren. Kaum jemand wurde damals alt genug, um zu heira- ten und die nächste Generation von Kämpfernaturen in die Welt zu setzen. Zäh, wie sie waren, wussten die Neu- seeländer, dass sie fast alles aus eigener Kraft erreichen konnten. Das hatten sie bereits bewiesen. Und so ging das 20. Jahrhundert da- hin. Aus dem europäischen Experi- ment wurde ein pazifisches. Der engli- sche Anstrich blätterte ab, es bildete sich eine eigene Identität heraus, die sich nicht vom englischen Mutterland ableitete, sondern auf der Verwandt- schaft mit den polynesischen Nach- barn beruhte und der eigenen langen Maori-Tradition. Das junge Land ge- wann neuen Stolz aus seiner alten Kul- tur, die viel älter war als die Flagge, die die Kolonialisten gesetzt hatten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts flirtete Neuseeland sogar mit dem Fortschritt:

Es war der erste Staat, in dem Frauen wählen durften (1893), das erste Land, das sich dem Wohlfahrtsstaatsprinzip

verpflichtete (1937). Später, ein politi- sches Wagnis, legte es sich mit einer Großmacht an, als es US-Kriegsschif- fen nur Zugang zu neuseeländischen Häfen gewährte, wenn die Amerikaner versicherten, keine Kernreaktoren an Bord zu haben. Heute – und das ist ein Wunder, bedenkt man, wie wenig Steuerzahler es gibt – hat Neuseeland alles, was ein Land braucht. Zu den Er- rungenschaften zählen Opernhäuser, Ballettensembles, Theater und eine blühende Literaturszene. Komm zurück, liebe Katherine Mansfield! – Sieh dir an, was aus dei- nen Leuten geworden ist, vier Millio- nen sind es heute, und hör dir an, wie sie an den Straßenecken über Vers, Form und Atmosphäre diskutieren! Sieh dir an, wie sich die »Kiwis« entwi- ckelt haben – den spöttischen Spitzna- men haben sich die Neuseeländer selbst gegeben, und sie sind stolz dar- auf: Denn der Kiwi ist ein seltsamer Vogel, ein Vogel, der nicht fliegen kann, aber doch ein Vogel, einer, den es nur hier gibt, auf den drei neuseeländischen Inseln North, South und Stewart. ·

Aus dem Englischen von Manfred Allié

den drei neuseeländischen Inseln North, South und Stewart. · Aus dem Englischen von Manfred Allié Diogenes

Diogenes Magazin

den drei neuseeländischen Inseln North, South und Stewart. · Aus dem Englischen von Manfred Allié Diogenes

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Foto: © Peter Day

Der literarische Klassiker aus Neuseeland – Katherine Mansfield

Oft wird sie in einem Atem- zug mit englischen Schrift- stellern wie Thomas Hardy, Virginia Woolf oder T. S. Eliot genannt. Geboren wird sie jedoch 1888 in Wellington, Neuseeland. 1903 geht sie nach London und reüssiert bald als Schriftstellerin. Die Meisterin der Shortstory stirbt 1923, erst 34 Jahre alt, in Fontainebleau.

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als Schriftstellerin. Die Meisterin der Shortstory stirbt 1923, erst 34 Jahre alt, in Fontainebleau. 54 Diogenes

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Foto: © Isolde Ohlbaum / laif

Über Katherine Mansfield

Foto: © Isolde Ohlbaum / laif Über Katherine Mansfield Anthony McCarten Das Wunderbare hinter den Dingen

Anthony McCarten

Das Wunderbare hinter den Dingen

Ihr Leben und ihr Schreiben waren eine Flucht aus der Vereinzelung: Früh verlässt Katherine Mansfield ihre neuseeländische Heimat und taucht ein ins Treiben der Londoner Bohème. Sie hat Beziehungen zu Männern und Frauen, erleidet eine Fehlgeburt, das Scheitern einer Ehe und erkrankt schwer an Tuber- kulose. Schon zu Lebzeiten sorgte sie für Aufsehen: durch ihren Lebensstil, vor allem aber durch ihre Erzählkunst, wie Anthony McCarten, ihr Landsmann, in seinem biographischen Essay erzählt.

T uberkulose. Sie alle erkrankten da- ran: Catull, Voltaire, Molière, John-

son, Keats, Balzac, Čechov (die Liste ist unvollständig, es fehlen, um nur ei- nige wenige zu nennen: Kafka, Mau- passant, Austen und sämtliche Brontë- Schwestern); ein jeder von ihnen starb daran. Man gewinnt den Eindruck, dass es sich für große Schriftsteller ge-

hörte, an Tuberkulose zu erkranken. Wie ein ungebetener Gast nistet sich die Krankheit im Körper ein, um Stück für Stück das zerbrechliche Mobiliar zu zerstören. Am Ende löst ein einzi- ges Räuspern einen ganzen Blutschwall aus. Man sollte denken, dass die innere Zerstörung dem Kranken das Leben zur ständigen Qual macht, ihn wütend werden lässt, sprachlos. Doch die Krankheit befähigte die neunundzwan- zigjährige Katherine Mansfield, das Wunderbare hinter den Dingen zu se- hen. Nach der Diagnose im Jahr 1917 sah sie Wunder, wohin sie auch blickte. Ihre Hingabe an das schiere Staunen,

diese Offenbarungen fanden zunächst zögernd Eingang in ihr Werk, bald aber strömten sie. Die Krankheit, die Mans- field einem Alltag entrückte, den sie sich stets besser gewünscht hatte, führ- te sie in die Todeszone, einen sublimen Lebensraum, dessen Bewohner sich der Betrachtung der letzten Dinge widmen. Dort ist es den Glücklichsten vergönnt, die Welt mit einem Maß an Ehrfurcht wahrzunehmen, das nur der empfindet, der weiß, dass er sie bald verlassen wird. In der Todeszone wird das Leben zur Essenz seiner selbst: Der Baum vor dem Fenster ist der Inbegriff eines Baumes, ein Kind wird zum Sinnbild der Kindheit, die kleinste Geste löst eine wahre Oper an Emotionen aus. Katherine Mansfield schrieb fast jedes ihrer besten Werke in dieser Zone. Die Krankheit, die sie allmählich verzehrte, eröffnete ihr zugleich einen neuen Blick auf die Welt. Zuvor hatte sie sich nur zu gern zynisch und kritisch gege- ben. Allzu oft wirkte ihr Betragen

mutwillig oder rücksichtslos – sie ver- ließ ihren ersten Ehemann am Hoch- zeitsabend, und so mancher misstraute ihr, fürchtete sich vielleicht sogar vor ihr. D. H. Lawrence geriet dermaßen in Rage, dass er schrieb: »Du bist eine wi- derwärtige Schlange; ich wünsche Dir den Tod.« Aber die Gewissheit, dass ihre Tage gezählt waren, ließ Mansfield milder werden; sie wurde eine begeis- terte, geradezu hymnische Verehrerin des Augenblicks und der kleinen Din- ge, die so große Bedeutung erlangen können. Sie suchte und fand die ganze Welt vor ihrer Nasenspitze. Kleine, zarte, funkelnde Meister- werke entstanden. Sie sicherten ihr ei- nen Platz unter den großen Autoren der Moderne; schlicht erzählte Ge- schichten, subtil und psychologisch scharf beobachtet. Meist kreisen sie um einen Augenblick jäher Erkenntnis.

Ihr kam es vor, als hätte sie nie ge- wusst, wie die Nacht eigentlich war. Bis jetzt war sie dunkel und stumm

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es vor, als hätte sie nie ge- wusst, wie die Nacht eigentlich war. Bis jetzt war

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Foto: © Robert Holmes / CORBIS

Foto: © Robert Holmes / CORBIS gewesen, oft sehr schön, o ja, aber auch etwas traurig.

gewesen, oft sehr schön, o ja, aber auch etwas traurig. Feierlich. So würde die Nacht nie wieder sein: Sie hatte sich in ihrer strahlenden Helle gezeigt.

Mansfield nahm die Witterung auf. In der Todeszone hatte sich ihre Auf- merksamkeit geschärft. Die Welt ver- setzte sie in Erstaunen. Bis zu ihrem letzten qualvollen Atemzug schrieb sie wie beseelt durch diese neugewonnene, ungekannte Sensibilität.

Kathleen Mansfield Beauchamp kam als Provokateurin auf die Welt. Nie- mand hatte es leicht mit ihr. Geboren im Jahr 1888 als drittes von fünf Kindern einer angesehenen und wohlhabenden Familie in Wellington – eine erst vierzig Jahre zuvor gegründe- te Kolonialsiedlung –, verbrachte sie eine glückliche Kindheit. Doch mit ih- rem lebhaften, rebellischen Wesen stand sie einer Kultur, die so eng und blass, so pragmatisch und unliterarisch war wie die ihre, schon früh kritisch gegenüber. Über ihre Landsleute schrieb sie später: Sie »beherrschen ja noch nicht einmal das ABC«. Als be- gabte Cellistin schickten ihre Eltern die erst 14-Jährige für drei Jahre nach London; und dort, am Queen’s Col- lege, schrieb sie die ersten Geschichten und Gedichte; sie bescherten ihr den Posten der Chefredakteurin der Schü- lerzeitung. In Berichten an ihre Eltern

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der Schü- lerzeitung. In Berichten an ihre Eltern 56 Diogenes Magazin bezeichneten ihre Lehrer sie als

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bezeichneten ihre Lehrer sie als »im- pulsiv«, »störrisch«, »aufsässig« und, was noch beunruhigender war, als ein Mädchen »voller Ideen«. Zurück in Neuseeland war sie todunglücklich. Dem Vaterland entfremdet und dürs- tend nach Kultur schrieb sie an Ida Ba- ker, die einzige echte Freundin, die sie in London gefunden hatte:

Die Vorstellung, stillzusitzen und auf einen Ehemann zu warten, ist abstoßend. Ich wünschte, ich hätte Macht über die Umstände. Ich bin ganz und gar krank vor Kummer und Trauer – hier –, das ist ein Alp- traum. Wie man sich jemals wün- schen kann, hier zu leben, das kann ich mir nicht vorstellen –

Sie kam als Provokateurin auf die Welt. Niemand hatte es leicht mit ihr.

Empört über die simple Tatsache, dass Neuseeland nicht England war, be- schloss sie, ihr Geburtsland zu verlas- sen. Nur so schien es ihr möglich, sich in der Phantasie mit ihrer Heimat zu befassen. Auch ihren Namen ließ sie zurück. Von ihrem achtzehnten Lebensjahr an nannte sie sich Katherine Mansfield,

und unter diesem Namen bestieg sie zum zweiten Mal ein Schiff nach Eng- land. Ihr Leben wie ihre Literatur waren eine einzige Flucht aus der Vereinze- lung in die Universalität; zunächst be- deutete das die Abkehr von Neusee- land und die Rückkehr nach Europa, später überwand sie das traditionelle Erzählen des 19. Jahrhunderts und schuf etwas völlig Neuartiges, das, wie James Joyce einmal sagen sollte, in der Schmiede der eigenen Seele gehärtet worden war. In London tauchte sie fünfzehn Mo- nate lang in die Welt der Bohème ein. Sie verdiente Geld mit Darbietungen auf Partys. Tanzte kurzzeitig in einer Revuetruppe. Hatte Affären – mit Männern und Frauen. Wurde schwan- ger von einem, heiratete einen anderen, verließ beide. Schrieb fast nichts. Ein »sinnloses und schäbiges Intermezzo«, das ihr dennoch half, sich von gewissen naiven Vorstellungen zu lösen, derer sich gerade jemand aus den Kolonien häufig schämt. Als Katherines Mutter Annie Beau- champ von der gescheiterten Ehe ihrer Tochter erfuhr, reiste sie nach England. Sie vermutete, Katherines Freundschaft mit Ida Baker – die sie für lesbisch hielt (was sie nicht war) – sei die Ursache für das leichtfertige Verhalten ihrer Tochter. Es gibt so manchen Grund, Deutschland zu besuchen, ein eher un- gewöhnlicher ist die Suche nach einem Mittel gegen lesbische Neigungen. Annie verfrachtete Katherine in den bayrischen Badeort Bad Wörishofen, dessen Wasser angeblich »unharmoni- sche Regungen« wie Homosexualität heilte. Dann trat sie die Heimreise an und ließ die schwangere Katherine al- lein in dem Bad zurück, wo sie tagtäg- lich mit kaltem Wasser übergossen wurde. In der Pension Müller brachte sie ganz allein ihr Kind zur Welt. Es war tot. Sie verbrachte noch mehrere Monate in Deutschland. Eine glücklose Affäre mit einem polnischen Übersetzer führ- te immerhin dazu, ihr Interesse an den Werken Anton Čechovs zu wecken, dessen Dramen und Erzählungen da- mals in England so gut wie unbekannt waren.

Foto: © Robert Holmes / CORBIS

Čechovs größte Neuerung, derent- wegen er vielen als Erfinder der moder- nen Kurzgeschichte gilt, besteht darin, in minimalistischer Prosa und mit ei- nem Mindestmaß an Handlung – er vertraute ganz auf seine Figuren – die starken Unterströmungen zu enthül- len, die scheinbar belanglosen Ereig- nissen zugrundeliegen. Anstelle der üblichen chronologischen Aneinan- derreihung von Handlungselementen rückte er Augenblicke der Erkenntnis und Erleuchtung in den Vordergrund, und das innerhalb eines engen zeitli- chen Erzählrahmens. Es war die Ge- burt der Vorstellung, dass eine Kurzge- schichte »ein Stück Leben« sein soll. Die Erzählungen von Čechov – der ebenfalls an Tuberkulose litt und im Alter von vierundvierzig Jahren starb – hatten einen gewaltigen Einfluss auf Mansfields. Zurück in England, allein und un- glücklich, begann sie die Arbeit an ih- rem ersten Band mit Erzählungen und vollendete ihn rasch. In einer deutschen Pension erschien 1911 und behandelt ihre Erlebnisse in Bayern. Die Ge- schichten sind düster und allzu sati- risch, journalistisch unterkühlt – sie selbst empfand sie später als unreif –, aber die Familienbeziehungen, die sie dort in all ihrer Verlogenheit bloßstellt, sind doch scharf beobachtet. Auf der Suche nach einer festen Blei- be, wo sie sich ganz auf das Schreiben konzentrieren konnte, bezog sie eine Wohnung mit der ihr treu ergebenen Ida Baker, und jetzt, da sie Zugang zu den literarischen Kreisen hatte, nahm sie einige längst überfällige Korrektu- ren an ihrem Leben vor. Sie gewöhnte sich das Rauchen an. Sie ließ sich die Haare so kurz schneiden, dass sie aus- sah wie eine japanische Puppe. Lon- don im Jahre 1912 schwirrte von neuen Ideen – insbesondere, was die Rolle der Frau anging –, aber kaum jemand hatte den Mut, diese Ideen tatsächlich zu le- ben. Katherine war gern eine Ausnah- me. Sie lebte die freie Liebe. Plauderte in vornehmer Gesellschaft mit der Un- bekümmertheit der Ausländerin. Bald wurde sie zum Sinnbild – für die neue Stimmung, die neue Frau, eine neue Geisteshaltung. Sie entwarf ihre eigenen Kleider, ganz ohne allen vikto-

Sie entwarf ihre eigenen Kleider, ganz ohne allen vikto- rianischen Zierrat und Firlefanz. Sie änderte wieder

rianischen Zierrat und Firlefanz. Sie änderte wieder ihren Namen, und das gleich mehrfach, von Katya zu Kysien- ka, Katarina, Kathy Schönfeld (die Germanisierung ihres Mädchenna- mens Beauchamp), dann wieder zu- rück zu Katherine, stets auf der Suche nach einer Identität, die ihr ruheloses und unbehaustes Wesen ausdrückte.

»Oh, ich möchte, dass für einen Moment unser unentdecktes Land vor den Augen der Alten Welt aufblitzt.«

Trotz allem fand sie Zeit zum Schreiben und versenkte sich immer tiefer in den Čechov’schen Minimalis- mus. Sie schickte eine Reihe neuer Er- zählungen (u. a. Die Frau im Kaufladen, Die kleine Gouvernante) an die literari- sche Vierteljahresschrift Rhythm, deren Herausgeber John Middleton Murry zum Mittelpunkt ihres Lebens werden sollte, zunächst als Lektor, später als ihr zweiter Ehemann. Mit diesen Erzählungen gewann sie nicht nur neue Leser, sie verschafften ihr auch Zugang zu einer Gruppe von aufstrebenden Literaten, die unter dem Namen Bloomsbury Groupberühmt wurde und der Modernisierer wie D. H. Lawrence, T. S. Eliot, Lytton Strachey und Virginia und Leonard

Woolf angehörten. Bertrand Russell bewunderte ihren Verstand und wäre gern ihr Liebhaber gewesen; Virginia Woolf war eifersüchtig auf ihre Schreib- kunst – das erste und einzige Mal, dass sie auf einen Autor neidisch war – und bekannte sich zu einer gewissen Zunei- gung, »auf meine sehr eigene Weise«. In Werken von Christopher Isherwood und Aldous Huxley tauchte Katherine sogar als literarische Figur auf, und als Lawrence Liebende Frauen schrieb, nahm er sie als Vorbild für die Gestalt der Gudrun. Sie vermochte selbst schwer zu beeindruckende Menschen wie Frieda Lawrence davon zu über- zeugen, dass sie »mehr über die Wahr- heit wusste als irgend ein anderer Mensch«. Sie zog mit Murry zusammen. Ida Baker blieb jedoch immer in der Nähe und war gern zu Diensten (als platoni- sche Freundin, Therapeutin, Putzfrau); weitere Geschichten entstanden. Millie und Ole Underwood zeigen Neusee- land in einem gnadenlosen Licht; düs- ter und schwer ist das Leben der Figu- ren in der Wildnis. In Paris, wo Katherine und Murry gemeinsam das Bohèmeleben erprob- ten, schrieb sie Etwas Kindliches, aber sehr Natürliches, die anmutig-zarte Geschichte von Harry, »beinah acht- zehn«, der sich auf einer Zugfahrt in Edna, »sechzehn gewesen«, verliebt. Zaghaft träumen sie von einer gemein- samen Zukunft, beschließen gar, ein

Diogenes Magazin

gewesen«, verliebt. Zaghaft träumen sie von einer gemein- samen Zukunft, beschließen gar, ein Diogenes Magazin 57

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Foto: © NN

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idyllisches Cottage bei London zu mieten. Harry richtet das Häuschen her, doch Edna taucht nicht auf. Na- türlich nicht. Harry steht am Tor und wartet, er wartet auf eine Wirklichkeit, die niemals eintreten wird. Im Jahr 1913, als Katherine und Mur- ry das Geld ausging und der Weltkrieg drohte, kehrten sie nach England zu- rück und bezogen ein Cottage gleich neben dem der Lawrences. Schon bald jedoch störten Rivalität und Eifersucht (Lawrence soll Murry Avancen ge- macht haben, die dieser jedoch zurück- wies) das Leben in der Kommune. Und Katherine schrieb nicht mehr. Schon zu Anfang ihrer Beziehung zu Murry litt sie unter seinem ge- hemmten Wesen. Schnell begriff sie, dass sie längere und regelmäßige Aus- zeiten von ihm brauchen würde, um arbeiten zu können. 1915 kehrte sie nach Paris zurück und schrieb Murry von dort jeden Tag einen Brief. (Bis zu ihrem Tod sollte sie ihm täglich schreiben.) Sie begann eine Affäre mit dem französchen Romancier Francis Carco, die sie rasch beendete. Dennoch überließ er ihr später seine Pariser Wohnung, in der sie einen Mo- nat lebte und schrieb. In Eine unbeson- nene Reise, die Erzählung spielt in Zei- ten des Krieges, verarbeitete sie dieses Intermezzo, doch erst drei Jahre später fand sie die passende, weit eindrucks-

vollere Form dafür, in Je ne parle pas français. Als ahnte sie, dass sie in Murrys Ge- genwart nicht würde schreiben können, begann sie vor der Rückkehr nach England hastig mit der Arbeit an einem Roman. Aloe sollte von ihrer Familie in Neu- seeland, den Beauchamps, handeln, aber sie suchte vergeblich nach einem angemessenen Ton, einem Stil, der ih- rem Wunsch nach einer neuen, freieren, impressionistischen Erzählweise ent- sprach. Ihre zwiespältige Haltung zu Neuseeland verhinderte, dass die Ge- schichte in Schwung kam. Zurück in London bei Murry, be- kam Katherine wichtigen Besuch. Ihr Lieblingsbruder Leslie, der in einem britischen Regiment in Frank- reich diente, kam auf Fronturlaub nach London. Es war das letzte Mal, dass die Geschwister sich sahen. (Leslie starb einen Monat später an der Front, seine letzten, im Fieberwahn gesprochenen Worte waren: »Halt mir den Kopf hoch, Katie, mir fällt das Atmen so schwer.«) Als spürten Bruder und Schwester, dass sie beide sich der Todeszone näherten, waren sie während Leslies Aufenthalt unzertrennlich; sie verbrachten ganze Nachmittage miteinander und schwelg- ten in Erinnerungen an ihre Kindheit in Wellington. Leslies Tod verwandelte Katherines Schreiben vollständig. Vol-

ler nostalgischer Kindheitserinnerun- gen schwanden all ihre Vorbehalte ge- genüber der Heimat. Katherine war nun bereit, Neuseeland über alle Ma- ßen romantisch zu verklären.

Ja, ich will über mein Heimatland schreiben, bis mein Vorrat erschöpft ist. Nicht nur, weil ich eine heilige Verpflichtung meiner Heimat gegen- über habe, weil mein Bruder und ich dort geboren sind, sondern auch, weil ich in Gedanken all die ver- trauten Orte mit ihm durchstreife. Ich sehne mich danach, sie im Schreiben wieder zum Leben zu er- wecken. Ach, die Menschen die wir dort lieb hatten – auch von ihnen will ich erzählen. Oh, ich möchte, dass für einen Moment unser unent- decktes Land vor den Augen der Al- ten Welt aufblitzt. … Aber alles muss mit einem Sinn für das Ge- heimnisvolle erzählt werden, mit einem Glanz, einem Nachglühen …

Sie arbeitete Aloe um zu Prélude, einer brillant gebauten Novelle, der ersten bedeutenden Erzählung ihrer reifen Phase. Čechovs Einfluss ist darin un- verkennbar – das Vokabular ist einfach, die Erzählweise direkt, unzweideutig, die Handlung den Charakteren unter- geordnet. In einer anderen Geschichte aus dieser Zeit, Der Wind weht, zeich-

Nach über 40 Jahren endlich wieder

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»In meiner Kindheit gab es eine besondere Art von Wandkalendern, an die ich mich jedes Jahr in den Wintermonaten erinnere, wie man sich an Weihnachtsbäume und Großmütter erinnert, an Bilderbücher und Bonbons, an alle Personen und Dinge, die einen Glanz, eine Süße und eine Wärme hatten.« Joseph Roth, Gedicht von Wandkalendern

Wärme hatten.« Joseph Roth, Gedicht von Wandkalendern Diogenes Magazin SEHR WITZIG! Diogenes Cartoon-Kalender

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net sie ein lebendiges, romantisch über- höhtes Bild ihrer Kindheit in Welling- ton, geradezu trunken vor Nostalgie. Die Liebe hatte Einzug in ihr Werk gehalten. Doch es ist fraglich, ob man ihr heu- te noch so viel Achtung zollen würde, wenn ihre Karriere an diesem Punkt zu Ende gewesen wäre. Erst die Erzählun- gen, die jetzt folgen, haben Katherine Mansfield unsterblich gemacht. Sie alle kreisen um einen existentiellen Augen- blick bewusster oder unbewusster Of- fenbarung und sind durchdrungen von einer neuen Zartheit und Intensität, ge- prägt vom Krieg und dem eigenen na- hen Tod. Es war der Anfang von Mans- fields fruchtbarster Schaffensphase. Sie schrieb einhundert Rezensionen für die von Murry herausgegebene Zeit- schrift Athenaeum und viele Erzäh- lungen, unter ihnen Meisterwerke wie Miss Brill, Der Fremde und Die Töchter des jüngst verstorbenen Colo- nel Pinner. Um jeden Atemzug rang sie mittler- weile und schrieb doch in dieser Zeit die schönsten Neuseelandgeschichten ihres Lebens. An der Bucht, Ihr erster Ball, Das Gartenfest, Das Puppenhaus – sie zeugen von einer spät erwachten Liebe, von Sehnsucht und Vergebung; die Nähe des Todes schärfte Mansfields Bewusstsein davon, was sie zu geben hatte und was sie sagen wollte.

Ihre letzte vollendete Erzählung ist Der Kanarienvogel. Nach Stationen in Bandol, San Remo, Menton und Montana-sur-Sierre wohnte sie nun im sechsten Stock des Victoria Palace Ho- tel in der Rue Blaise Desgoffe in Paris, wo sie vergeblich auf neue Kräfte hoff- te. Aus ihrem Zimmer blickte sie auf

die Fenster gegenüber. Die Frau … hat einen Weidenkäfig voller Kana- rienvögel. Wie kann man die Schön- heit ihres flinken kleinen Lieds in Worte fassen, das, wie es scheint, di- rekt aus dem Gemäuer aufsteigt? Ich frage mich, wovon sie wohl träu- men, wenn sie am Abend zugedeckt werden, und was ihr hastiges Flat- tern bedeutet… Ich denke, meine Geschichte für Dich wird von Kana- rienvögeln handeln. Der große Kä- fig mir gegenüber hat mich absolut fasziniert. Ich denke & denke über sie nach – über ihre Gefühle, ihre Träume, über das Leben, das sie hat- ten, bevor man sie einfing … Worte können die Schönheit des hohen, schrillen kleinen Lieds nicht be- schreiben, das direkt aus dem Ge- mäuer aufsteigt …

Sie identifiziert sich mit den Vögeln und macht schließlich ihren Frieden mit dem Gefängnis der menschlichen Existenz und mit der Unabwendbar-

keit des Todes. In einem letzten Brief schreibt sie:

Aber die Wahrheit ist wohl, dass manche Menschen eingesperrt und andere frei sind. Man tut besser dar- an, sich mit seinem Käfig abzufin- den und nichts weiter darüber zu sagen. Ich kann es – ich will es. Und ich finde es wirklich unverzeihlich, wenn man seine Freunde mit einem ›Ich kann nicht raus‹ langweilt.

Sie stirbt am 9. Januar 1923 im französi- schen Fontainebleau, gerade einmal vierunddreißig Jahre alt. Die Samm- lung Das Gartenfest und andere Ge- schichten erschien wenige Wochen nach ihrem Tod. Mehr als jedes andere ihrer Werke besiegelte es ihren Ruhm als Neuerin, als literarische Impressio- nistin, als eine der Ersten, die die tranche de vie-Technik in die englische Literatur einführten, eine Meisterin der Darstellung wundersamer Erscheinun- gen im Alltäglichen.

Was kann man auch tun, wenn man dreißig ist und an der eigenen Stra- ßenecke plötzlich von einem Glücks- gefühl, von einem Gefühl reinen Glücks überwältigt wird … ·

Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié

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Foto: © Private Collection / Roger Viollet, Paris /The Bridgeman Art Library

Tagebuch

/ Roger Viollet, Paris /The Bridgeman Art Library Tagebuch Katherine Mansfield Alles ist gut Die Schriftstellerin

Katherine Mansfield

Alles ist gut

Die Schriftstellerin ist schwerkrank, die Tuberkulose zehrt an ihren Kräften: Etliche Therapien hat sie schon hinter sich, die letzte bei dem Esoteriker Gurdjieff steht ihr noch bevor. Drei Monate später stirbt sie in seinem »Institut« in Fontainebleau. Diese Zeilen aus ihrem Tagebuch, die von ihrem Leid, aber auch von ihrem Lebenswillen erzählen, will sie ihrem Mann schicken, dem Schriftsteller John Middleton Murry (›Bogey‹) – sie erreichen ihn erst nach ihrem Tod.

Einige Seiten aus meinem Tagebuch. Sie sollen dir keinen Kummer bereiten. Diese Geschichte nimmt ein glückliches Ende – wirklich und wahrhaftig.

14.10.1922

Heute Morgen habe ich nachgedacht. Ich glaube, dass ich die Dinge klarer sehe, wenn ich versuche aufzuschrei- ben … wo ich stehe. Seit ich wieder in Paris bin, bin ich so krank wie nie zu- vor. Gestern dachte ich gar, ich müsse sterben. Das ist keine Einbildung. Mein Herz ist so furchtbar müde, wie zusammengeschnürt, dass ich es kaum weiter schaffe als bis zum Taxi und wieder zurück. Ich stehe mittags auf und gehe um halb sechs wieder zu Bett. Ich versuche »zu arbeiten«, spo- radisch, aber die Zeit dafür ist vorbei. Ich kann nicht arbeiten. Seit April habe ich eigentlich nichts mehr getan. Warum? Manoukhins Behandlung hat zwar eine positive Wirkung auf meine Blutwerte, mein Aussehen, meine Lun- gen, aber meinem Herzen geht es kei- nen Deut besser. Und die »Verbesse- rung« meines Zustands verdanke ich wohl hauptsächlich dem Umstand,

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Zustands verdanke ich wohl hauptsächlich dem Umstand, 60 Diogenes Magazin dass ich hier im Victoria Palace

Diogenes Magazin

dass ich hier im Victoria Palace Hotel das Leben einer Leiche führe. Mein Geist ist beinah verbraucht. Mein Lebensquell führt nur noch so viel Wasser mit sich, dass er nicht ganz versiegt. Fast alles an meinem verbes- serten Zustand ist Schein, Komödie. Wozu? Kann ich gehen? Nur kriechen.

Ich kann meine Seele genauso wenig heilen wie meinen Körper. Ja, meine Seele noch viel weniger.

Kann ich irgendetwas tun, mit meinen Händen, meinem Körper. Gar nichts. Ich bin hoffnungslos krank. Was ist mein Leben? Das Dasein eines Parasi- ten. Fünf Jahre sind vergangen, und meine Fesseln sind enger denn je. Ach, jetzt, da ich schreibe, bin ich schon etwas ruhiger. Gott sei Dank kann ich schreiben. Ich habe schreckli- che Angst vor dem, was ich tun werde. Alle Stimmen der Vergangenheit be- schwören mich, es nicht zu tun. Bogey

sagt, Manoukhin sei ein Wissenschaft- ler. Er tue seinen Teil. Nun müsse ich meinen Teil beitragen. Aber, was soll das heißen? Ich kann meine Seele genauso wenig heilen wie meinen Körper. Ja, meine Seele noch viel weniger. Und ist nicht Bogey selbst, obwohl munter und bei bester Gesundheit, oft deprimiert we- gen ein paar Furunkeln im Nacken. Fünf Jahre im Gefängnis. Jemand muss mir helfen, auszubre- chen. Wenn das ein Ausdruck von Schwäche ist, dann ist es eben so. Nur wer einfallslos ist, nennt es Schwäche. Ich bin hilflos. Aber wer wird mir hel- fen? Damals in der Schweiz hat er ge- sagt: »Ich bin hilflos.« Natürlich ist er das. Ein Gefangener kann nicht einem anderen helfen. Ob ich an die Medizin als Allheil- mittel glaube. Nein. Niemals. An die Wissenschaft? Nein. Niemals. Die Vor- stellung, man könne geheilt werden wie eine Kuh, selbst wenn man keine Kuh ist, ist naiv und lächerlich. In all den Jahren hier habe ich jemanden ge- sucht, der ebenfalls dieser Überzeu- gung ist. Gurdjieff scheint meine Mei-

nung zu teilen, ja, von diesen Dingen unendlich mehr zu wissen als ich. War- um also zögern? Aus Angst. Angst wovor? Davor, Bogey zu verlieren? Vermutlich. Um Himmels willen, stell dich den Dingen. Was hast du jetzt von ihm? Was ist eure Beziehung? Er spricht mit dir – manchmal –, dann geht er wieder fort. Seine Gedanken für dich sind zärtlich. Er träumt von einem Leben mit dir – irgendwann –, wenn das Wunder geschehen ist. Du bist ein Traum, aber keine Realität für ihn. Denn du bist keine Realität. Was teilt ihr miteinander? Beinahe nichts. Und doch ist da ein süßer, tiefer Strom in meinem Herzen aus Liebe und Sehn- sucht nach ihm. Aber wozu das alles – so wie die Dinge stehen? Ein Leben mit mir, die ich krank bin, wäre schlicht eine Qual, mit einigen wenigen glücklichen Mo- menten. Das ist kein Leben. Seit ich krank bin, versuche ich vor ihm zu ver- bergen, was wirklich mit mir passiert (mit ein, zwei desaströsen Ausnahmen). Ich hätte ihn damit konfrontieren sol- len. Ich konnte es nicht. Und deswegen kennt er mich nicht. Er kennt nur die Wig [Murrys Spitzname für Mansfield], der es irgendwann schon besser gehen wird. Nein. Du weißt genau, dass ihr, Bogey und du, nur ein Traum seid, von dem, was sein könnte. Und es kann niemals, niemals Wirklichkeit sein, wenn du nicht gesund wirst. Und du wirst nicht gesund werden, indem du dir Dinge vorstellst oder auf sie wartest oder denkst, du könntest selbst das Wunder zustande bringen. Wenn dir also der Großlama von Ti- bet Hilfe verspricht – wie kannst du da zögern? Wage etwas! Wage alles! Küm- mere dich nicht mehr um die Meinung anderer. Tu, was auf Erden das Schwerste für dich ist. Handle eigen- ständig. Stell dich der Wahrheit. Es stimmt wohl, Čechov hat es nicht getan. Ja, aber Čechov ist tot. Und, um ehrlich zu ein, wie viel wissen wir denn aus seinen Briefen von ihm? War das wirklich alles? Natürlich nicht. Glaubst du wirklich, er hatte keine Sehnsüchte, nur weil er sie kaum je mit einem Wort erwähnt? Dann lies die letzten Briefe. Diese letzten Briefe sind schrecklich,

wenn man sie ohne Sentimentalität be- trachtet. Er hat alle Hoffnung aufgege- ben. Da gibt es keinen Čechov mehr. Die Krankheit hat ihn verschlungen. Das mag unsinnig für all jene klin- gen, die nicht krank sind. Sie sind die- sen Weg nie gegangen. Wie könnten sie verstehen, wo ich stehe? Ein Grund mehr, mutig alleine weiterzugehen. Das Leben ist nicht einfach. Obwohl wir alle immerzu vom Mysterium des Lebens reden, wünschen wir uns doch, es möge ein Kindermärchen sein. Nun also, Katherine, was meinst du mit Gesundheit? Und wozu brauchst du sie?

Ich wünsche mir einen Garten, ein kleines Haus, eine Wiese, Tiere, Bücher, Bilder, Musik. Und aus alldem heraus möchte ich schreiben.

Antwort: Unter Gesundheit verstehe ich die Fähigkeit, ein erfülltes, erwach- senes, lebendig-atmendes Leben zu führen, eng verbunden, mit dem, was ich liebe – der Erde und ihren Wun- dern, dem Meer, der Sonne. All dem, was wir meinen, wenn wir von der äu- ßeren Welt sprechen. Ich will in sie ein- gehen, ein Teil von ihr sein, in ihr leben, von ihr lernen, alles abstreifen, das nur angenommen, oberflächlich an mir ist, um ein waches, offenes menschliches Wesen zu sein. Ich möchte die anderen verstehen, indem ich mich selber ver- stehen lerne. Ich möchte all das sein, dessen ich fähig bin, damit ich (und hier halte ich inne und warte und warte, vergeblich – es gibt dafür nur einen Ausdruck) ein Kind der Sonne werde. Es ist falsch, darüber zu reden, dass man anderen helfen will, ein Licht vor- antragen möchte. Ein Kind der Sonne. Damit ist genug gesagt. Und ich möchte arbeiten. Woran? Ich wünsche mir so sehr, mit meinen Händen, meinen Gefühlen, meinem Verstand zu arbeiten. Ich wünsche mir einen Garten, ein kleines Haus, eine Wiese, Tiere, Bücher, Bilder, Musik. Und aus alldem heraus – als Ausdruck

all dessen – möchte ich schreiben. (Selbst wenn ich dann über Taxifahrer schreibe. Das tut nichts zur Sache.) Warmes, hingebungsvolles Leben – ganz im Leben verwurzelt sein –, ler- nen, wissen wollen, fühlen, handeln. Das wünsche ich mir. Nichts weniger als das. Danach muss ich streben. Ich habe dies für mich geschrieben. Jetzt wage ich, es Bogey zu schicken. Er kann damit tun, was er möchte. Er muss sehen, wie sehr ich ihn liebe. Und wenn ich sage, dass ich Angst habe, soll dir das keinen Kummer bereiten, Liebster. Wir alle haben Angst in War- teräumen. Wir müssen sie hinter uns lassen, und wenn der andere Ruhe be- wahrt, ist das Hilfe genug. All das klingt sehr angestrengt und ernsthaft. Aber jetzt, da ich es durch- kämpft habe, empfinde ich es nicht mehr so. Ich bin glücklich – tief im In- nersten. Mögest auch du glücklich sein. Am Montag fahre ich nach Fon- tainebleau. Dienstagabend oder Mitt- woch in der Früh bin ich wieder zu- rück. Alles ist gut. ·

Aus dem Englischen von Cornelia Künne

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die Mansfield in den letzten Jahren
ihres Lebens geschrieben hat und die
zum Besten gehören, was in diesem
Genre je erreicht wurde. Und doch
erzählen sie in einem scheinbar
beiläufigen Ton zartester Heiterkeit,
vom Drama des Lebens: von heftiger
Liebe, die jäh enttäuscht wird, vom
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Illustration: © Tomi Ungerer

Erzählung

Illustration: © Tomi Ungerer Erzählung Katherine Mansfield Der Kanarienvogel Wie ein kleiner Vogel im Käfig habe

Katherine Mansfield

Der Kanarienvogel

Wie ein kleiner Vogel im Käfig habe sie sich gefühlt, als sie ihre letzte Geschichte, eine Hommage an Flauberts Schlichtes Herz, schrieb, sagte Katherine Mansfield einmal. Und doch ist die Geschichte einer alten Frau, die das einzige Wesen, das sie je geliebt hat, betrauert, frei von Bitterkeit. Denn tief in ihrem Herzen, so Mansfield, habe es gesungen.

… Sehen Sie den großen Nagel rechts von der Haustür? Selbst jetzt noch mag ich kaum hinschauen, doch bring’ ich’s nicht über mich, ihn rauszuziehen! Ich möchte gern denken, dass er immer dort bliebe, auch wenn ich nicht mehr da bin. Manchmal hör’ ich, wie die Leute, die nach mir hier wohnen, zueinander sagen: »Dort muss mal ein Käfig gehangen haben!« Und das trös- tet mich; dann denke ich, er ist nicht ganz vergessen. … Sie können sich nicht vorstellen, wie wunderschön er sang! Gar nicht wie andere Kanarienvögel. Und das bilde ich mir nicht etwa bloß ein. Vom Fenster aus habe ich oft gesehen, wie die Leute an der Gartenpforte stehen blieben, um ihm zuzuhören, oder wie sie sich beim Jasmin über den Zaun lehnten und eine ganze Zeit lang zu- hörten, so hingerissen waren sie. Wahr- scheinlich kommt es Ihnen verrückt vor – aber nicht, wenn Sie ihn gehört hätten –, doch mir schien es wirklich immer, dass er ganze Lieder sang – mit einem Anfang und einem Ende. Wenn ich zum Beispiel am Nach- mittag mit meiner Hausarbeit fertig

war und eine andre Bluse angezogen hatte und meine Näharbeit hier auf die Veranda brachte, dann hüpfte er immer hopp-hopp-hopp von einer Stange auf die andre, klopfte gegen die Gitterstä- be, wie um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, nippte einen Schluck Wasser wie jeder Sänger und stimmte dann ein so herrliches Lied an, dass ich

Vielleicht kommt es nicht so sehr darauf an, was man in dieser Welt liebt. Aber etwas lieben muss man.

die Nadel sinken lassen musste, um ihm zuzuhören. Ich kann’s nicht be- schreiben – ich wollte, ich könnt’s. Da- bei ging’s jeden Nachmittag so, und immer war mir, als hätte ich jeden Ton verstanden. … Ich habe ihn geliebt! Und wie ich ihn geliebt habe! Vielleicht kommt es nicht so sehr darauf an, was man in die- ser Welt liebt. Aber etwas lieben muss man. Natürlich hatte ich immer mein

kleines Haus und den Garten, aber aus irgendeinem Grund genügte mir das nicht. Blumen haben ihre eigene, wun- dervolle Sprache, aber Mitgefühl ken- nen sie nicht. Den Abendstern – den hab’ ich ge- liebt. Klingt Ihnen das töricht? Nach Sonnenuntergang bin ich immer in den Hof gegangen und hab’ auf ihn gewar- tet, bis er über dem dunklen Eukalyp- tus aufgegangen ist. Dann hab’ ich ge- flüstert: »Da bist du also, mein Guter!« Und genau in jenem ersten Moment schien er für mich allein zu leuchten. Er schien zu verstehen, was mich be- wegte – etwas, was wie Sehnsucht und doch keine Sehnsucht war. Vielleicht Trauer – ja, eher wie Trauer. Aber wes- halb denn Trauer? Es gibt vieles in mei- nem Leben, wofür ich dankbar sein muss. … Doch nachdem er in mein Leben gekommen war, vergaß ich den Abend- stern. Ich brauchte ihn nicht mehr. Aber es war sonderbar. Als der Chine- se, der immer an die Tür kommt und Vögel verkaufen will, ihn in seinem kleinen Käfig hochhielt, flatterte er nicht ängstlich herum, wie die armen

Diogenes Magazin

will, ihn in seinem kleinen Käfig hochhielt, flatterte er nicht ängstlich herum, wie die armen Diogenes

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kleinen Stieglitze, sondern er piepste nur einmal ganz leise, und ich – genau wie ich’s dem Stern über dem Eukalyp- tus immer zugeflüstert hatte – sagte:

»Da bist du also, mein Guter!« Von dem Augenblick an war er mein. … Selbst in der Erinnerung wundert es mich, wie er und ich miteinander lebten. Sowie ich frühmorgens nach unten kam und das Tuch von seinem Käfig zog, begrüßte er mich mit einem schläfrigen kleinen Ton. Ich wusste, er meinte: ›Missie! Missie!‹ Dann hängte ich seinen Käfig draußen an den Nagel und machte für meine drei jungen Bur- schen das Frühstück zurecht, und ich holte ihn erst wieder herein, wenn wir das Haus ganz für uns allein hatten. Nachdem ich das Geschirr abgewa- schen hatte, begann eine richtige kleine Vorstellung. Ich breitete auf der einen Tischecke eine Zeitung aus, und sowie ich den Käfig draufstellte, schlug er wie ein Verzweifelter mit den Flügeln, als wüsste er nicht, was käme. »Du bist ein richtiger kleiner Komödiant!«, schalt ich dann. Ich schrubbte den Einsatz, streute frischen Sand drüber, füllte sei- ne Körner- und Futternäpfchen und klemmte etwas Vogelmiere und eine halbe Paprikaschote zwischen die Stä- be. Und ich bin ganz sicher, dass er jede Einzelheit dieser kleinen Prozedur begriff und schätzte. Er war nämlich von Natur überaus reinlich. Nie hat er seine Stange bekleckert. Und man musste nur sehen, wie er sein Bad ge- noss – dann wusste man sofort, dass er einen geradezu leidenschaftlichen Sau- berkeitsfimmel hatte. Sein Bädchen kam immer zuletzt hinein. Und kaum hing es drin, da stürzte er sich förmlich hinein. Zuerst spreizte er den einen Flügel, dann den andern, dann tauchte er den Kopf ein und besprengte seine Brustfedern. Er hatte die ganze Küche voll Wassertropfen gespritzt, aber er wollte noch immer nicht heraus. Meis- tens sagte ich zu ihm: »Das genügt jetzt wirklich – du spielst dich nur auf!« Und endlich hüpfte er heraus, und auf einem Bein stehend, begann er sich tro- cken zu zupfen. Schließlich schüttelte er sich noch einmal, wippte und pieps- te und reckte die Kehle – oh, ich kann’s kaum ertragen, daran zu denken. Es war immer die Zeit, in der ich die Mes-

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zu denken. Es war immer die Zeit, in der ich die Mes- 64 Diogenes Magazin ser

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ser putzte, und es schien mir fast, als sängen auch die Messer, wenn ich sie auf dem Brett blank rieb. … Gesellschaft, verstehen Sie – das bedeutete er für mich. Eine einzigarti- ge Gesellschaft! Wenn Sie allein gelebt haben, werden Sie einsehen, wie kost- bar so etwas ist. Ich hatte natürlich meine drei jungen Burschen, die abends zum Essen kamen, und manch- mal blieben sie hinterher im Esszim- mer und lasen die Zeitung. Aber ich konnte nicht von ihnen erwarten, dass sie sich für die hunderterlei Kleinigkei- ten interessierten, die zu meinem All- tag gehörten. Warum auch? Ich bedeu- tete ihnen ja nichts. Eines Abends hörte ich sogar, wie sie auf der Treppe von mir als ›Vogelscheuche‹ sprachen. Macht nichts. Es machte mir nichts aus.

Gesellschaft, verstehen Sie – das bedeutete er für mich. Eine einzigartige Gesellschaft.

Nicht ein bisschen. Ich versteh’s gut. Sie sind jung. Warum sollte ich’s übel- nehmen? Aber ich erinnere mich, dass ich an jenem Abend besonders dank- bar war, nicht ganz allein zu sein. Nachdem sie weggegangen waren, hab’ ich’s ihm erzählt. Hab’ zu ihm gesagt:

»Weißt du, wie sie deine Missie nen- nen?« Und er hat seinen Kopf auf die Seite gelegt und mich mit seinen glän- zenden Äuglein angeschaut, bis ich la- chen musste. Ihm schien es Spaß zu machen. … Haben Sie sich je Vögel gehalten? Wenn nicht, dann muss Ihnen das alles vielleicht übertrieben vorkommen. Die Leute glauben immer, Vögel seien herzlos und kalt – nicht wie Hunde und Katzen. Meine Waschfrau, wenn die montags kam, wunderte sich, wes- halb ich mir keinen ›netten Foxterrier‹ hielte, und sagte: »Ein Kanarienvogel kann einen doch nicht trösten, Miss!« Stimmt nicht. Stimmt überhaupt nicht! Ich kann mich an eine Nacht erinnern:

Ich hatte einen furchtbaren Traum ge- habt – Träume können schrecklich

grausam sein –, und noch, nachdem ich wach war, konnte ich ihn nicht ab- schütteln. Daher zog ich mir meinen Morgenrock über und bin in die Küche hinunter, ein Glas Wasser trinken. Es war eine Winternacht, und es regnete sehr. Vermutlich war ich noch halb im Schlaf, denn mir schien es, dass durchs Küchenfenster – es hatte keine Stores – die Finsternis hereinspähte und spio- nierte. Da fand ich es auf einmal uner- träglich, dass ich niemanden hatte, dem ich hätte sagen können: »Mir hat was Furchtbares geträumt!« oder »Steh mir bei vor der Finsternis!« Eine Minute hab’ ich sogar die Hände vors Gesicht geschlagen. Und plötzlich hör’ ich ein kleines ›Piep! Piep!‹. Sein Käfig stand auf dem Tisch, und das Tuch war ein bisschen verrutscht, so dass ein Licht- spalt in den Käfig fiel. ›Piep! Piep!‹, sagte das liebe Kerlchen noch mal ganz leise, als wollt’s mir sagen: ›Ich bin hier, Missie! Ich bin hier!‹ Und das hat mich so wunderbar getröstet, dass ich bei- nah geweint hätte. … Und jetzt ist er nicht mehr da. Nie wieder will ich mir einen Vogel halten, auch kein andres Tier. Wie könnte ich wohl? Als ich ihn fand, wie er mit mat- ten Augen und verkrampften Kräll- chen auf dem Rücken lag, und als ich begriff, dass mein kleiner Liebling nie wieder für mich singen würde, da war mir, als würde etwas in mir sterben. Mein Herz war ausgeleert, leer wie sein Käfig. Ich werd’s verwinden. Natürlich. Ich muss ja. Mit der Zeit kann man al- les verwinden. Und die Leute sagen immer, ich hätt’ eine fröhliche Ge- mütsart. Da haben sie ganz recht. Da- für bin ich Gott dankbar. … Immerhin, auch ohne krankhaftes Grübeln und Nichtloskommen von – von Erinnerungen und dergleichen muss ich doch gestehen, dass das Le- ben was Trauriges zu haben scheint, finde ich. Es ist schwer zu sagen, was es eigentlich ist. Ich meine nicht den Kummer, den wir alle kennen: Krank- heit und Armut und Sterben. Nein, es ist etwas anderes. Es ist da – tief innen ist es, ein Teil von einem selber – wie der eigene Atem. Und wenn ich mich noch so sehr abrackere und plage – so- wie ich aufhöre mit der Arbeit, weiß ich, dass es da ist und wartet. Ich frage

mich oft, ob alle Menschen das spüren. Man weiß ja nie. Aber ist es nicht selt- sam, dass in all seinen fröhlichen klei- nen Liedern es gerade das war – diese Trauer – oder was sonst –, was ich ge-

hört habe? · Aus dem Englischen von Elisa-

beth Schnack

Buchtipp

912 Seiten, Leinen ISBN 978-3-257-06839-9 Der literarische Klassiker aus Neuseeland »Am Ende ist die Wahrheit
912 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-257-06839-9
Der literarische Klassiker
aus Neuseeland
»Am Ende ist die Wahrheit das Einzige,
das wert ist, dass man es besitzt: Sie ist
aufwühlender als Liebe, freudvoller
und leidenschaftlicher. Sie kann einfach
nicht versagen.« Katherine Mansfield
Als Meisterin der Short Story ist
Katherine Mansfield in die Literaturge­
schichte eingegangen. Beneidet von
ihrer Zeitgenossin Virginia Woolf, war
sie Vorbild großer Autoren wie F. Scott
Fitzgerald und Ernest Hemingway.
Noch im Alltäglichsten offenbart sie in
einer hochverdichteten Sprache das
Drama der menschlichen Existenz und
erinnert darin an einen anderen
bedeutenden und von ihr verehrten
Erzähler: Anton Čechov. Oft sind es
schmerzliche Einsichten, die Mansfield
mit sanfter Komik vermittelt, immer
aber schreibt sie »aus der Mitte ihrer
Figuren – ein magischer Vorgang von
verzehrender Intensität« (FAZ).
Diese Ausgabe versammelt 74 Erzäh­
lungen der Neuseeländerin, angefangen
bei den frühen satirisch­scharfen
Porträts, die auf Mansfields eigenen
bitteren Erlebnissen in einem deutschen
Kurort basieren, bis hin zu den
berühmten, in Neuseeland und England
angesiedelten Charakter­ und Genre­
studien (Glück, An der Bucht,
Das Gartenfest, Der Kanarienvogel).
VOM WORT ZUR TAT Sie geben dem Journalismus Zukunft Die 240 jungen Talente, die sich
VOM
WORT
ZUR
TAT
Sie geben dem
Journalismus Zukunft
Die 240 jungen Talente,
die sich in der taz Akademie bisher fortgebildet
haben. Jährlich finden vier Workshops statt.
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Die vielen HeldInnen des Alltags,
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die der taz Panter Preis ehrt, weil sie mit
ihren Initiativen die Gesellschaft ein Stück
menschlicher machen.
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die mit ihrem Spendengeld die Stiftung
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Diogenes Magazin
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Der Berg ruft – und Schriftsteller erzählen

Das Buch für jeden Rucksack

und Schriftsteller erzählen Das Buch für jeden Rucksack Diogenes Taschenbuch detebe 24216, 288 Seiten 66 Diogenes

Diogenes Taschenbuch detebe 24216, 288 Seiten

66 Diogenes Magazin
66
Diogenes Magazin

Serie

Der Gedanke an den Tod, verbunden mit dem Gedanken an das Glück, ist das stärkste
Der Gedanke an den Tod, verbunden
mit dem Gedanken an das Glück, ist
das stärkste Dynamit des Daseins, die
tiefste Wurzel aller Revolutionen.
Gepriesen sei der Zufall. Er ist we-
nigstens nicht ungerecht.
Denken mit
Man hat im Hauptberuf einen Posten.
Man hat dann noch, als unbezahlten
Nebenberuf, mit seinem Leben fertig
zu werden. Da Kraft und Zeit man-
geln, erledigt man nur, wofür man be-
zahlt wird. – Das andere erledigt der
Tod.
Ludwig
Marcuse
Wo Augen und Ohren übersatt sind,
hat das Gehirn nie Hunger.
Weshalb ist Freundschaft so selten?
Weil es, unter dem harten Gesetz des
Wettbewerbs, Kraftverschwendung
ist, im Nebenmenschen etwas anderes
zu sehen als einen Konkurrenten oder
einen Alliierten. So ist ›Freundschaft‹
meistens: Spießgesellenschaft.
Es liegt im Wesen des Akademischen,
nur das Tote zu berücksichtigen; ganz
sicher ist man nur dessen, was sich
nicht mehr rühren kann.
Viele Rezensenten können schreiben,
aber nicht lesen.
Die Vernunft macht immer heller, in
welchem Dunkel wir leben.
Hinknien ist noch kein Beweis – we-
der für einen Gott noch für einen
Gläubigen; nur dafür, dass einer nicht
mehr stehen kann.
Widersprüche sind kein Einwand ge-
gen einen Menschen. Das Wort Indi-
viduum meint nur: Unteilbarkeit,
nicht: Harmonie der Teile.
Z – A gibt es nicht. Die Letzten wer-
den nie die Ersten sein.
Weltanschauung ist nicht selten Man-
gel an Anschauung.
Nachruf auf manchen Schriftsteller:
Friede seiner Masche!
Bescheidenheit ist mehr eine Konse-
quenz des Denkens als des guten
Willens. Wer erkannt hat, dass alle
Theologien, Philosophien, Wissen-
schaften, Institutionen, Überzeugun-
gen im besten Fall Zwischenlösungen
waren, kann sich nicht helfen: Er
muss bescheiden sein oder ein Trottel.
Diogenes Taschenbuch
detebe 20021, 336 Seiten
Im nächsten Magazin:
Friedrich Nietzsche
Illustration: © Plakat von Carl Moos, 1905 – Kunstanstalt J. C. Müller, Zürich V ; Foto: © Stefan Moses (Ausschnitt)