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SELBSTVERMEHRUNG DER GELDVERMÖGEN

Ursache der Finanz- und Wirtschaftskrise:

Tumorartige
Selbstvermehrung
der Geldvermögen
Von Helmut Creutz
„Spekulationen richten keinen Schaden an, wenn sie nur Bla-
sen auf einem ruhigen Strom von Unternehmertätigkeit sind.
Die Lage ist aber ernst, wenn die Unternehmertätigkeit zur
Blase auf einem Strudel von Spekulationen wird.“

John Maynard Keynes

Ü
ber die Hintergründe unserer die Geldvermögen Anfang der 1950er Der bisherige Vorsitzende des
derzeitigen Banken- und Wirt- Jahre noch bei 60% des BIP, haben sie Sachverständigenrates, Professor Bert
schaftskrise, als Folge der Ein- inzwischen die Marke von 320% über- Rürup, hat diese wundersame Selbst-
brüche auf den Finanzmärkten, wird schritten! Das heißt: Die Geldvermögen vermehrung durch den Zinseszins kürz-
fast genau so viel spekuliert, wie vor- sind heute bereits 3,2mal so groß wie lich sogar als „achtes Weltwunder“ be-
her an den Börsen dieser Welt. Als Ur- unsere jährliche Wirtschaftsleistung! zeichnet, offensichtlich ohne sich der
sachen für diesen Einbruch werden Diese wuchernden Geldvermö- zerstörenden Wirkungen dieses „Wun-
die fragwürdigen Immobilienkredite gen mussten jedoch, zur Schließung ders“ bewusst zu sein! Dabei zerrüt-
ebenso angeführt wie die mangelnden des Geldkreislaufs und Absicherung ten die ständigen Umverteilungen von
staatlichen Regulierungen, die falsche der Nachfrage, über Kredite in die Wirt- der Arbeit zum Besitz nicht nur das so-
Geld- und Zinspolitik der Notenbanken schaft zurückgeführt werden. Das be- ziale Gefüge in den Gesellschaften und
oder auch die Gier der Menschen. Die deutet, dass im Gleichschritt mit den damit letztlich auch den Frieden in der
tatsächlich auslösende Ursache wurde Geldvermögen nicht nur die Verschul- Welt, sondern – zu einem ständigen
jedoch bisher so gut wie nie angespro- dungen angestiegen sind, sondern Wirtschaftswachstum gezwungen –
chen: Das seit Jahrzehnten andau- auch die Zinsströme, die aus der Lei- auch noch die Umwelt!
ernde Überwachstum der Geldvermö- stung der Volkswirtschaft laufend be- Selbst Politikern aus dem grünen
gen! Dabei resultieren daraus nicht dient werden müssen! Da die Volks- oder linken Lager scheint nicht klar
nur die viel beschriebenen aktuellen wirtschaften mit diesem Überwachs- zu sein, dass alle diese Zinseinkom-
Exzesse und Hiobsmeldungen un- tum jedoch immer weniger mithalten men nicht vom Himmel fallen, son-
serer Tage, sondern auch die seit Jahr- können, sind sie – aus einfachen ma- dern von der Gesamtheit aller Bürger
zehnten diskutierten sozialen und öko- thematischen Gründen – letztendlich getragen werden müssen. Denn alle
logischen Fehlentwicklungen in un- zum Scheitern verurteilt. von den Kreditnehmern in der Wirt-
seren Volkswirtschaften! Schon in der Oktoberausgabe schaft gezahlten Zinsen gehen als Ka-
Dieses Überwachstum der Geld- ihres Monatsberichtes 1993 hat die pitalkosten genau so in die Preise ein,
vermögen wird bereits deutlich, wenn Deutsche Bundesbank diesen Vermeh- wie alle Personal- und Materialkosten!
man die Entwicklung der Geldvermö- rungsmechanismus als „Selbstalimen- Das heißt, alle Haushalte zahlen inzwi-
gen in Deutschland mit jener der volks- tation der Geldvermögensbildung“ he- schen mindestens ein Drittel ihrer Aus-
wirtschaftlichen Leistung vergleicht: rausgestellt. Weiterhin wurde in dem gaben direkt und indirekt in den zins-
Während diese Leistung, das BIP, in in- Beitrag darauf hingewiesen, dass die bedingten Umverteilungstopf, während
flationsbereinigten Größen von 1950 Zinserträge der Haushalte damals die Höhe ihrer Zinserträge von den
bis 2005 auf das 8-fache gesteigert schon bei 80% der Neuersparnisse la- höchst unterschiedlichen Vermögens-
wurde, sind die Geldvermögen in der gen! Das heißt, die vorhandenen Ver- beständen abhängig ist. Diese befin-
gleichen Zeit auf das 45-fache explo- mögensbestände vermehren sich ge- den sich – selbst nach amtlichen Sta-
diert! Oder anders ausgedrückt: Lagen wissermaßen ‚von selbst’! tistiken – inzwischen zu mindestens

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60% in den Händen einer Minderheit


von nur 10% der Haushalte! Und die-
se Minderheit gewinnt netto gerech-
net laufend so viel hinzu, wie alle an-
deren Haushalte bei diesen Zins-
transfers netto verlieren! Mit diesem
Umverteilungsmechanismus erklärt
sich nicht nur die ständige Zunahme
der Millionärs- und Milliardärshaus-
halte in aller Welt, sondern auch die
Zunahme der Armut, die inzwischen –
trotz Wachstum – sogar in den reichen
Ländern registriert wird!
In welchem Maße sich die Diskre-
panzen in unserer Gesellschaft lang-
fristig entwickelt haben, geht aus der
Darstellung 1 hervor. In ihr werden die Darstellung 1
jährlichen Zuwachsraten der Geldver-
mögen, des Bruttoinlandprodukts (BIP)
und der Nettolohneinkommen in den sten drei Nachkriegs-Jahrzehnten noch wirkte sich alleine dieser Zinsposten,
fünf vergangenen Jahrzehnten ausge- im Gleichschritt mit dem BIP von drei umgelegt auf die 38 Millionen Haus-
wiesen. Während die Zuwachsraten auf 14 Mrd. ansteigend, fielen sie bis halte, für jeden dieser Haushalte als
des BIP im Schnitt der 1950er Jahre ins fünfte Jahrzehnt sogar auf 10 Mrd. eine durchschnittliche Belastung von
nominell bei 9 Mrd. Euro lagen und in zurück! Das heißt, sie stiegen in den 9.700 Euro (= 31% der Ausgaben!)
den 1990er Jahren bei 58 Mrd., stiegen gesamten 50 Jahren nur auf das Drei- aus! Damit lag dieser Kostenfaktor fast
die der Geldvermögen von 13 auf 335 fache an, und die jährlichen Steige- beim Dreieinhalbfachen der Mehrwert-
Mrd. an! Oder anders ausgedrückt: Dle rungen von 10 Mrd. in den 90er Jahren steuer, die im Jahr 2000 je Haushalt
Wachstumsrate der Wirtschaftsleistung reichten noch nicht einmal aus, um die im Durchschnitt mit 2.820 Euro zu Bu-
nahm in den 50 Jahren auf das Sechs- Kosten für die Verzinsung der hinzuge- che schlug. Mit Recht beschreibt Gero
fache zu, die der Geldvermögen auf kommenen 335 Mrd. Geldvermögen zu Jenner in seinem Buch „Das Pyrami-
das 26-fache! bedienen! denspiel“ diese Zinslasten als eine Art
Noch frappierender jedoch ist der Zieht man einmal die gesamten von „Reichensteuer“, die – netto ge-
Vergleich mit den Zuwachsgrößen der Zinserträge der Banken heran, die im rechnet – nur einer Minderheit zugute
Nettolöhne und -gehälter: In den er- Jahr 2000 bei 370 Mrd. Euro lagen, so kommt.

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kung der Zinssätze zu erreichen, bedarf


es jedoch einer Umlaufsicherung des
Geldes durch Kosten auf die Liquidität,
wie sie von Silvio Gesell schon Anfang
des letzten Jahrhunderts und 1936
auch von John Maynard Keynes in sei-
nem Hauptwerk, „Allgemeine Theorie
der Beschäftigung, des Zinses und des
Geldes“, vorgeschlagen wurde. Bezo-
gen auf die Wirkung der von Keynes als
„carrying costs“, (Durchhaltekosten)
bezeichneten Umlaufsicherung, führte
er darin u. a. aus, dass „… dies der ver-
nünftigste Weg sein (würde), um all-
mählich die verschiedenen anstößigen
Formen des Kapitalismus loszuwerden.
Darstellung 2 Denn ein wenig Überlegung wird zei-
gen, was für gewaltige gesellschaftliche
Auch die Darstellung 2, welche die umgekehrt: Da die ständig wachsenden Veränderungen sich aus einem allmäh-
Entwicklung verschiedener Einkom- Geldvermögen auf den normalen Märk- lichen Verschwinden eines Verdienst-
mensgrößen von 1991 bis 2007 wie- ten nicht mehr unterzubringen sind, satzes auf angehäuftem Reichtum erge-
dergibt, macht die Unterschiedlichkeit wurden die Banken seit Ende der acht- ben. Es würde einem Menschen immer
der Einkommen aus Arbeit und Vermö- ziger Jahre zunehmend gezwungen, die noch freistehen, sein verdientes Ein-
gen deutlich. Denn während das BIP in Einlagen ihrer Kunden auf spekulative kommen anzuhäufen, mit der Absicht
diesen 16 Jahren um 58% anstieg, nah- und immer riskantere Weise einzuset- es zu einem späteren Zeitpunkt auszu-
men die Bruttolöhne und -gehälter nur zen. Und diesen Spekulationen – Folge geben. Aber seine Anhäufung würde
um 38 und die Nettogrößen sogar nur der Übervermehrung der Geldvermögen nicht mehr wachsen.“ Ohne eine Kor-
um 30% zu! Die Einkommen aus Un- – verdanken wir die heutigen Katastro- rektur dieses Fehlers im System gera-
ternehmertätigkeit und Vermögen, in phen auf den Finanzmärkten und deren ten wir immer mehr in eine Zwickmüh-
denen neben den Unternehmerlöhnen Auswirkungen in der Realwirtschaft! Im lensituation: Entweder ohne Wachs-
vor allem die Verzinsungen bzw. Ren- Grunde entspricht dieser Ablauf ziem- tum in den sozialen Kollaps oder mit
diten des schuldenfreien Sachkapitals lich genau demjenigen, den Marinner Wachstum in den ökologischen! Und
erfasst werden, stiegen dagegen um Eccles, US-Notenbankchef unter Roose- noch kritischer ist der Versuch, sich am
86% an und die von den Banken aus- velt, in den 1930er Jahren wie folgt be- Ende, über unbezahlbare Staatsver-
gezahlten Zinsen sogar um 110%! Da- schrieben hat: schuldungen und Inflationen hinaus,
bei wurden diese Zinsausschüttungen „Bis 1929 und ’30; also bis zum zur „Belebung“ der Wirtschaft schließ-
durch die historisch bisher einmalige Beginn der Wirtschaftskrise, hatte eine lich wieder in Rüstungsausgaben und
Niedrigzinsphase ab 1995 sogar deut- gewaltige Saugpumpe einen zuneh- Kriege treiben zu lassen!
lich eingegrenzt. Ohne diese Zinsab- menden Anteil des erzeugten Reich- Leider zeichnet sich auch diese
senkungen wären sie ansonsten im tums in wenige Hände umgeleitet…und letztgenannte radikale Alternative be-
Gleichschritt mit den Geldvermögen so die Kaufkraft aus den Händen der reits wieder einmal ab – es sei denn,
um 157% angestiegen, wie aus dem Mehrheit genommen… Die Massenpro- man würde endlich den Selbstvermeh-
zusätzlichen unteren Balken in der Dar- duktion der modernen Industriegesell- rungseffekt in unserem Geldsystem als
stellung hervorgeht! Hätten sich die schaft beruht aber auf einem Massen- das erkennen was er ist: Eine krank-
letztgenannten Einkommensgruppen konsum, und dieser setzt die Verteilung hafte Entwicklung innerhalb unseres
mit dem BIP-Wachstum von 58% be- des Reichtums voraus… um die Men- wirtschaftlichen bzw. monetären Sys-
gnügt, wäre diese Anstieg auch bei den schen mit einer Kaufkraft auszustat- tems! Die prekäre Situation in unseren
Löhnen möglich gewesen! ten, die der Menge der von der Wirt- Gesellschaften ist also keinesfalls –
schaft produzierten Güter und Dienst- wie es häufig heißt – die Folge überzo-
Zurück zur Aktualität: leistungen entspricht.“ gener Ansprüche der Bürger an den So-
Als Folge der zu Anfang unserer Wirt- Diese notwendige gerechte „Ver- zialstaat, sondern die der ständig zu-
schaftsperiode noch geringen Geldver- teilung des Reichtums“ ist aber nur bei nehmenden Ansprüche des Kapitals an
mögensbestände, musste man bis in Zins- und Renditesätzen möglich, die das Sozialprodukt! Es geht also nicht
die 1960er Jahre auf die meist in Raten im Gleichschritt mit den Sättigungen in um eine Abschaffung der Marktwirt-
ausgezahlten Kredite häufig lange war- der Wirtschaft gegen Null herunterge- schaft, sondern letztlich um ihre Befrei-
ten. Inzwischen hat sich die Situation hen! Um diese marktgerechte Absen- ung vom Kapitalismus!

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