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Costa Blanca Nachrichten I Nr. 1536, 24. Mai 2013

Reportage

Costa Blanca Nachrichten I Nr. 1536, 24. Mai 2013 Reportage Der deutsche Chefarzt der Urologie, Dr.

Der deutsche Chefarzt der Urologie, Dr. Sven Petry, demonstriert den Medizinroboter Da Vinci im Hospital Quirón von Torrevieja.

Fotos: Michael Allhoff

Operation per Joystick

Minimalinvasive Chirurgie im Krankenhaus Quirón von Torrevieja: Medizinroboter Da Vinci im Einsatz bei Patienten

Medizinrobote r Da Vinci im Einsatz bei Patienten Michael Allhoff Torrevieja Seine Hände zittern nicht. Die

Michael Allhoff

Torrevieja

Seine Hände zittern nicht. Die dreidimensionale Optik ermöglicht eine bis zu 20-fache Vergrößerung. Die vier Greifarme mit ihren elek- trisch gesteuerten Seilzügen garan- tieren absolute Kontrolle und jed- wede Rotation von Kamera, Skal- pell oder Pinzette. Der Medizin- roboter Da Vinci im Hospital Qui- rón von Torrevieja – Gewicht über eine Tonne, Kostenpunkt um 1,3 Millionen Euro – erleichtert dem Chirurgen die Arbeit bei kompli- zierten Eingriffen. Und erspart dem Patienten einen langen Schnitt im Bauchraum, denn der Da Vinci funktioniert minimalinvasiv. An- hand von fünf Schnitten, jeder nur einen Zentimeter lang, werden die Instrumente eingeführt.

Hightech im OP

Ortstermin bei Dr. Sven Petry. Der Deutsche ist als Chefarzt der Uro- logie im Krankenhaus Quirón tä- tig. Er schwärmt von der Präzision, mit der sich komplizierte Operatio- nen dank des Medizinroboters rea- lisieren lassen. „Als Operateur

des Medizinroboters rea- lisieren lassen. „Als Operateur Instrumentenschwester Aguilar platziert OP-Besteck am

Instrumentenschwester Aguilar platziert OP-Besteck am Greifarm.

kann man das Skalpell oder die Pinzette millimetergenau steuern“, sagt der Chirurg. Dank des dreidimensionalen Bildes in HD-Qualität, das die en- doskopische Kamera überspielt, sehe man sehr viel besser. „An- sichten des Gewebes, der Nerven- stränge oder der Venen und Arte- rien werden in bis zu zehnfacher Vergrößerung erfasst!“ Für eine Reihe von Eingriffen sei der Medizinroboter Da Vinci deshalb die erste Wahl – vor allem bei komplizierten Prostata-Opera- tionen. „Würde man offen operie- ren, wäre das meist ein Krampf“, so Petrys Fazit. Der Chirurg müsse sich schräg über den Patienten beugen und in einer ergonomisch sehr unbequemen Haltung arbei- ten. „Da hat man nach vier Stun- den am OP-Tisch einen steifen Hals und überall Verspannungen.“ Auf dem Weg zum Medizinro- boter Da Vinci der obligatorische kurze Stopp im Umkleideraum. Vor der Chirurgie, geschützt als keimfreie Zone eingerichtet, gilt es die Straßenkleidung abzulegen. Grüne Hose, ein grüner OP-Kittel und Überzieher aus Gaze für die

Schuhe sowie eine Haarhaube für den Kopf komplettieren die vorge- schriebene Ausstaffierung. Chef- arzt Dr. Sven Petry führt vorbei an den fünf OP-Sälen zum Standort des Roboters. Krankenschwester Susana Aguilar schaltet das Gerät ein. Der Roboter fährt hoch. Ein tie- fes Brummen von den Festplatten im Bauch der Steuerkonsole des

Wie von Geisterhand bewegen sich die vier Greifarme der Maschine

Da Vinci erfüllt den gekachelten OP-Saal. Nach 30 Sekunden ist das System bereit. Der Medizin- roboter führt einen Selbsttest durch. Wie von Geisterhand be- wegt fahren seine vier Greifarme simultan hoch, drehen sich um ihre jeweils sechs Achsen und schwenken aus. Im benachbarten Instrumenten- raum holen Krankenschwester Aguilar und Chefarzt Petry Pinzet- ten und die endoskopische Kamera aus ihren sterilen Verpackungen. Es sind kleinste Werkzeuge: Der

Nr. 1536, 24. Mai 2013 I Costa Blanca Nachrichten

Reportage 33

24. Mai 2013 I Costa Blanca Nachrichten Reportage 33 Präzision bei Operationen: Roboter Da Vinci garantiert

Präzision bei Operationen: Roboter Da Vinci garantiert bessere Sicht, Kontrolle und Steuerung der Instrumente.

Foto: Intuitive Surgical

Greifer hat zwei Glieder, die kaum acht Millimeter lang sind. Befes- tigt werden die Instrumente an et- wa fingerdicken flexiblen PVC- Schläuchen, die magnetisch an die Greifarme des Roboters geheftet werden. Ansteuern lassen sich die Instrumente über feine stählerne Seilzüge, die von Elektromotoren gekürzt oder gelängt werden.

Mensch und Maschine im Team

„Ich kann den Greifer um jede Achse rotieren lassen“, erklärt Sven Petry. Ein Stift am mehr- achsigen Joystick lässt sich wie die Mine eines Kugelschreibers nach links oder rechts drehen – der Da Vinci eröffne dem Operateur Be- wegungsabläufe, die für die menschliche Hand mit ihren fünf Fingern unmöglich seien, ohne zwischendurch abzusetzen und er- neut zuzugreifen. Sven Petry nimmt an der Steu- erkonsole Platz. Seine Unterarme ruhen entspannt auf der Armlehne. Daumen und Mittelfinger jeder Hand stecken in den Steuerringen des Joysticks. „Ich kann eins zu eins in den Bewegungen arbeiten oder der Maschine eingeben, die Feinheiten zu ändern“, sagt Petry. Dann entspreche die Bewegung seiner Finger von einem Zentime- ter am Joystick nur noch der Be- wegung von zwei Millimetern des Greifarms oder Skalpells. Der Ro- boter wird so zum „verlängerten Arm“ des Chirurgen. Der deutsche Resident Sascha Kukuk aus San Fulgencio war vor vier Jahren der erste Patient in Spanien, der am Hospital Quirón (damals noch San Jaime) mit dem Da Vinci an der Bauchspeicheldrü- se operiert worden ist. „Dreiein- halb Jahre litt ich an Sodbrennen“, so Kukuk. Seine Magenpforte ha- be sich nicht mehr geschlossen. „Ich hatte Schmerzen jeden Tag,

kaum noch ruhige Nächte.“ Neun Stunden dauerte der Ein- griff. Der Vorteil der Operation mit dem Medizinroboter Da Vin- ci? – „Ich konnte bereits nach drei Tagen entlassen werden“, sagt Ku- kuk, „obwohl mein Magen sehr umfassend operiert worden ist.“ Mit einer herkömmlichen, offenen Operation hätte er eine armlange Narbe davongetragen und er hätte vier Wochen im Krankenhaus lie- gen müssen. So erinnern nur sechs vernähte Einschnitte, jeder einen Zentimeter lang, an den kompli- zierten Eingriff. Anfang 2013, so der US-ameri- kanische Hersteller Intuitive Surgi- cal mit Sitz in Kalifornien auf sei- ner Webseite, seien 2.585 Da-Vin- ci-Systeme in rund 2.000 Kranken- häusern weltweit im Einsatz gewe- sen. Die Tendenz ist steigend: Je- des Jahr erhöhe sich seit der Erst- einführung des Da Vinci 1999 die Zahl der Geräte um 25 Prozent. Das Unternehmen mit seinen rund 2.000 Patenten erwirtschafte- te vergangenes Jahr 2,2 Milliarden Euro Gewinn. An der Costa Blan- ca verfügt nur das Hospital Quirón über einen Medizinroboter Da Vin- ci. 25 Medizinroboter, so Roberto Ferrándiz, langjähriger Geschäfts- führer der Klinik, seien in Spanien derzeit in Betrieb, vornehmlich in Madrid und Barcelona.

Entwickelt von der Nasa

Ursprünglich entwickelt wurde der Medizinroboter vom US-Militär und der Weltraumbehörde Nasa. Ihr Ziel war in den 80er Jahren und bis Mitte der 90er Jahre, Soldaten im Kampfgebiet oder Astronauten im Weltall ferngesteuert aus der Heimat operieren zu können. Doch beide Projekte scheiterten. Es ge- lang den Technikern nicht, das Problem der Zeitverzögerung bei der Signalübertragung zu lösen.

der Zeitverzögerung bei der Signalübertragung zu lösen. Chefarzt Sven Petry am Da Vinci: 3-D-Vision in High

Chefarzt Sven Petry am Da Vinci: 3-D-Vision in High Definition.

Sven Petry am Da Vinci: 3-D-Vision in High Definition. Absolute Präzision: Instrumente werden mit Joysticks

Absolute Präzision: Instrumente werden mit Joysticks bedient.

Präzision: Instrumente werden mit Joysticks bedient. Minimalinvasiver Eingriff: millimeterlange Greiffinger des

Minimalinvasiver Eingriff: millimeterlange Greiffinger des Da Vinci.

Die milliardenschweren For- schungen des Militärs kamen der zivilen Medizin zugute. „Über 90 Prozent aller Nieren-Operationen“, so Chefarzt Petry, „werden heute minimalinvasiv laparoskopisch durchgeführt. In den USA setzt man den Da Vinci bereits für über 70 Prozent aller Prostata-Operatio- nen ein.“ Der Medizinroboter hat längst das Skalpell vom Chirurgen übernommen. Wenn in zwei Jahren eine Pa- tent-Serie der Firma Intuitive Sur- gical ausläuft, werden weitere Un- ternehmen in den lukrativen Markt drängen, allen voran die deutsche Siemens Healthcare mit Weiterent- wicklungen ihres Modells „Artis Zeego“. Als neuester Trend roboti- scher Medizin gilt die „Single Port“-Technologie, bei der alle In- strumente und auch die Kamera durch einen einzigen kleinen Schnitt eingeführt werden. Noch bremsen die hohen Kos- ten den grundsätzlichen Einsatz der Medizinroboter. Eine OP mit dem Da Vinci, so Experten, koste etwa 3.000 Euro mehr als die konventionelle OP, sei sie offen oder minimalinvasiv mittels einer Laparoskopie. Diese Extrakosten übernimmt keine Versicherung, weder die gesetzliche noch die private.

Virtuelle Realität?

Im eigentlichen Sinn ist der Da Vinci gar nicht als Roboter klassi- fiziert, da das System nicht dafür programmiert ist, selbststeuernd zu agieren, sondern vielmehr als ma- schineller Assistent die Bewegun- gen des Operateurs überträgt. „Ide- al ist der Da Vinci für Operationen, bei denen nicht nur Gewebe he- rausgeschnitten wird, sondern re- konstruiert werden muss“, erklärt Chefarzt Petry. Das Training der Operateure ist aufwendig. „Die ersten Versuchs- operationen mit dem Medizinrobo- ter führen wir an Schweinen durch“, so Petry. Die Tiere würden wie später der Patient narkotisiert und operiert. „Die Anordnung und Größe der Organe ist ähnlich wie beim Menschen.“ Der Medizinroboter übertrage zwar die Bewegungen des Opera- teurs, aber nicht das leichte Zittern seiner Hand. Nachteilig, so der Urologe, sei, dass man beim Schneiden keinen Widerstand des Gewebes spüre. Die Mechanik des Geräts ist zu robust. Doch dank optischer und vergrößerter 3-D- Sicht könnten selbst Schnitte an- gesetzt werden, die Menschenhän- den kaum gelingen. Beliebt sei auf YouTube ein Video, das zeigt, wie ein Da-Vinci-Roboter hauch- zart eine Weintraube häutet. Ältere Ärzte würden nach wie vor die offene Operation bevorzu- gen. „Für uns als eine Generation, die mit Videospielen und Control- lern aufgewachsen ist“, sagt Chef- arzt Dr. Sven Petry, „fällt die Kon- trolle der Instrumente über das rein optische Feedback leicht.“