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Dr. Bertram Blum, u.a. Diözesandirektor des Sankt Michaelsbundes Eichstätt und stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes, hat bei den Fortbildungstagungen auf Schloss Hirschberg 2011 ein wegweisendes Referat mit dem Titel "Mehr-Wert fürs Leben - zum Profil der kirchlichen Büchereiarbeit" gehalten.

Mehr-Wert fürs Leben

Zum Profil der Kirchlichen Büchereiarbeit 1

Einleitung

Die Mitgliederversammlung des Sankt Michaelsbundes 2010 in Augsburg hat sich für den Zeit- raum der nächsten beiden Jahre für das Jahresthema entschieden „Mehr-Wert fürs Leben. Zum Profil der kirchlichen Büchereiarbeit“ - mit gutem Grund, so meine ich. Dieses Thema bietet nämlich die Chance, in Zeiten des Umbruchs und der Neuorientierung kirchlicher Pastoral sich des Auftrags, des Selbstverständnisses und der inneren Begründungszusammenhänge kirchli- cher Büchereiarbeit zu vergewissern. In Zeiten wie diesen ist Profil gefordert, Erkennbarkeit, Corporate identity. Das gilt für die Kirche insgesamt, das gilt auch für ihre Einrichtungen. Kirchliche Büchereiarbeit ist ein Teil gesell- schaftlicher Mitgestaltung der Kirche. Deshalb ist sie immer wieder angefragt, was sie unter- scheidbar macht, was ihr Selbstverständnis, ihre geistige Ortsbestimmung, ihre innere Begrün- dung ausmacht, was letztlich ihr Mehr-Wert ist. Selbstvergewisserung ist also gefragt, Überprüfung der Grundausrichtung unserer Arbeit, um diesen Dienst im Rahmen der Gesamtpastoral der Kirche möglichst wirkungsvoll leisten zu können. Zwei aktuelle Anlässe können dabei unterstützend helfen:

2012 jährt sich zum 50. Mal der Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils. An diesem bedeu- tendsten Kirchenereignis des 20. Jahrhunderts scheiden sich zwar die Geister, aber es hat nach meiner Überzeugung die Weichen für eine zukunftsfähige Kirche gestellt.

Unter dem Thema „Im Heute glauben“ laden die Deutschen Bischöfe zu einem Dialogprozess bis zum Jahr 2015 ein, dem es um eine vertiefte Klärung und Vergewisserung in Bezug auf das Zeugnis der Kirche in der Welt und ihre Sendung zu den Menschen geht. Der Focus liegt dabei auf der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute. Danach muss eine Kirche für die Welt von den Menschen her denken, ihre Lebenssituation zur Kenntnis nehmen und Sinn und Bedeutung des Evangeliums auch aus der Perspektive der anderen entdecken. Nur wenn sie sich der Konfrontation von Leben der Menschen und Evangelium stellt – nichts anderes ist Pastoral – kann sie die Menschen erreichen und ihren Auftrag zum Heil der Welt verwirklichen. Die derzeitige Umbruchsituation globalen Ausmaßes ist ohne diese Konfrontation, ist ohne Kommunikation, ohne die Fähigkeit des Brückenschlagens nicht zu bewältigen. Kommunikation ist notwendig zwischen Kirche und Welt, zwischen Religionen und Kulturen, die sich in unserer Welt begegnen, zwischen auseinander driftenden Lebens- und Erfahrungsbereichen, unter-

1 Referat bei den 76. Jahreskursen des Sankt Michaelsbundes im Juli 2011 in Schloss Hirschberg

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schiedlichen ethischen Orientierungen, und für die Begegnung und Darstellung unterschiedli- cher Meinungen und Standpunkte zu umstrittenen gesellschaftlichen Themen.

Meine Ausführungen zum Thema möchte ich in fünf Schritten gehen:

Zunächst gilt es den Blick auf die Zeit und die Menschen zu richten und nach Zielführenden Voraussetzungen zu fragen, wie diese Menschen zu erreichen sind. In einem zweiten Schritt versuche ich, als Voraussetzung für kirchliche Glaubwürdigkeit, in Grundzügen ein theologi- sches Programm, eine „Theologie der Büchereiarbeit“ zu entwerfen. Im dritten Schritt geht es um das Profil und die Deutung unseres „Firmenschildes“ Katholische öffentliche Bücherei. In einem vierten Schritt entwerfe ich sieben Leitsätze kirchlicher Büchereiarbeit und fasse das Ganze schließlich in einem fünften und letzten Schritt in einigen praktischen Konsequenzen zusammen. Die ersten beiden Schritte oder Hauptpunkte entsprechen dem Begriff „aggiornamento“, der in der Folge des II. Vaticanums von bestimmter Seite bewusst missverstanden wurde, indem man ihn gerne als „Anpassung an den Zeitgeist“ deutete. Es geht dabei viel mehr um die Besinnung auf die Grundlagen und von da aus um die Verheutigung der Botschaft, damit die Menschen der Zeit sie verstehen können. Es geht weiter in diesem Zusammenhang um die immer wieder notwendige Aktualisierung des Auftrags, in unserem Fall um den Auftrag kirchliche Bücherei- arbeit, also um Selbstvergewisserung.

1. Der Blick auf die Zeit und die Menschen

Das Zweite Vatikanische Konzil fordert von den Christen Zeitgenossenschaft. Es verpflichtet uns „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten…Es gilt also, die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen.“ 2 Es geht also um die Fragen „In welcher Welt leben wir?“ und „Welche Herausforderungen stellen sich heute?“ Diese Fragen sind grundlegend und ohne diese Fragen kann man auch keine Strategien entwickeln, die richtige Antwort auf die He- rausforderungen finden und das eigene Profil schärfen. Um es auf einen Nenner zu bringen:

Nie zuvor hat sich die Gesellschaft in Deutschland so grundlegend und nachhaltig geändert wie in den vergangenen 50 Jahren mit einem radikalen Umbruch von der modernen zur postmoder- nen Gesellschaft, also von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft. Ich möchte dazu nur einige charakteristische Kennzeichen stichpunktartig, ohne jeden Anspruch auf Voll- ständigkeit nennen:

Die Individualisierung und ihre Folgen

Hier handelt es sich im Grunde um eine Entwicklung seit der Entdeckung des Individuums in Renaissance und Humanismus, einem wesentlichen Beweggrund für den Beginn der Neuzeit und der geistesgeschichtlichen Entwicklung der Moderne, über die Aufklärung bis hin zur Auto-

2 Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Die Kirche in der Welt von heute, Gaudium et Spes 4, in: Karl Rahner, Herbert Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, Freiburg 1966, S. 451

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nomie des Individuums unserer Zeit. Damit einher geht der Verlust traditioneller Bindungen, der Verlust von Solidarität und eines allgemeinen Gemeinschaftsgefühls. Das Leben des einzelnen gliedert sich auf in Erwerbstätigkeit, Wohnen und Freizeit - Lebensbereiche, die an unterschied- lichen Orten und mit unterschiedlichen Bezugspersonen stattfinden. Man spricht von einer Sek- toralisierung des gesellschaftlichen Lebens mit individueller Vielfalt und unterschiedlichen Denk- und Verhaltensweisen.

Pluralismus und Mobilität

Eine Folge davon ist, dass Pluralität, Freiheit und Mobilität zu Grundvoraussetzungen in Gesell- schaft und Kultur werden. Dem einzelnen stehen theoretisch unendliche Möglichkeiten offen und er ist gezwungen ständig Entscheidungen zu treffen. Soziologen bezeichnen den postmo- dernen Menschen als Flaneur, der sich möglichst viele Optionen offen halten möchte und sich nur ungern bindet. Die Unübersichtlichkeit angesichts der fast unbegrenzten Vielfalt hat auch einen Pluralismus der Weltanschauungen und Lebensdeutungen zur Folge, die scheinbare Gleich-Gültigkeit von Werten. Dies führt für viele Menschen zur Heimatlosigkeit, zum Verlust von Halt.

Ökonomisierung, Dominanz der Wirtschaftlichkeit

Alles in unserer Welt scheint heute dem Gesetz der Wirtschaftlichkeit zu unterliegen. Das Pro- fitdenken dominiert nicht nur die Entwicklungen in der Arbeitswelt sondern ergreift alle Lebens- bereiche und wird zur Gefahr für die Würde des Menschen.

Globalisierung

Viele Lebensbereiche wie Medien, Arbeitswelt, Finanzen sind heute geprägt von zunehmender Globalisierung. Unsere Welt ist weltweit vernetzt und wird bestimmt von „Global Players“. Die- ser Entwicklung haben wir kaum etwas entgegenzusetzen, wir sind Teil von ihr, übrigens auch als Katholische Kirche.

Veränderung der Kommunikationsstrukturen

Wir surfen heute selbstverständlich durchs „World-Wid-Web“, das Handy macht uns überall erreichbar, die scheinbar unendliche Angebotsatmosphäre in ihrer Unverbindlichkeit trifft genau das Lebensgefühl des modernen Menschen. Der einzelne entscheidet. Was Mode ist, was „In“ ist, entscheiden Meinungsumfragen, Facebook und Gruppenzwänge.

Wandel des Wahrheitsbegriffes

In der traditionellen Gesellschaft ist Wahrheit absolut, von Gott bestimmt und unveränderlich, sie muss nicht begründet werden. Die Postmoderne hat einen ganz anderen Wahrheitsbegriff:

Wahrheit – sei es in Wissenschaft, Bildung oder Religion – wird danach von einer speziellen Kultur oder Gesellschaft geschaffen und ist nur in diesem und für diesen Kulturkreis „wahr“. Wahrheit wird im Dialog entwickelt oder gefunden, Wahrheit ist relativ und braucht Argumente, sie muss sich im gesellschaftlichen Machtspiel durchsetzen. Dies wird zu einem Problem für die Kirche!

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Wandel von Autorität

Mit dem Wahrheitsverständnis hängt das Verständnis von Autorität zusammen. In der traditio- nellen Gesellschaft verstand man Autorität als verliehene Autorität, die durch Amt, Vollmacht, oder Titel ausgewiesen ist und sich durch Monolog oder Erlass vermittelt. In der Postmoderne muss Autorität erworben werden durch Glaubwürdigkeit, die sich durch die Lebensführung, überzeugende Persönlichkeit und argumentative Stärke im Dialog immer neu beweisen muss. Auch das ist ein großes Problem der Kirche heute!

Rückkehr der Religion - aber an Gott und der Institution Kirche vorbei

Die Mehrzahl der jungen Menschen unter 40 fühlt sich von kirchlichen Angeboten und von der christlichen Botschaft nicht mehr angesprochen. Die Sinus-Milieu-Studien 3 oder der Religions- Monitor 4 sprechen hier eine deutliche Sprache. Andererseits lässt die zunehmende Unüber- sichtlichkeit viele Menschen wieder suchen, weil sie von den leeren Versprechungen der Uto- pien enttäuscht sind. Sie suchen nach Transzendenz, oft ohne Gott, und sie gehen dabei nicht mehr den traditionellen Weg über die Kirchen, sondern an den Kirchen vorbei auf den freien und florierenden Markt der Heilsangebote. Die Suchbewegungen an der Kirche vorbei haben ihren Grund im Traditionsabbruch, zu dem auch eine zunehmende Unwissenheit über den Glauben gehört. Die Kirchen leiden angesichts dieser Entwicklung unter massiver Auszehrung. Religion und Kirche sind nicht mehr deckungsgleich.

Fundamentalismus

Ein weiteres Phänomen in diesem Zusammenhang, das in allen Weltreligionen zum Vorschein kommt, ist der Fundamentalismus, der jede Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Gegenwart militant verweigert. Darin erhoffen sich viele Menschen in ihrer Verunsicherung Halt und Sicherheit. Fundamentalismus ist ein spezifisches Reaktionsmuster religiöser Men-

schen auf die Krise der Religion in der Moderne, welche Religion in die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen legt. „Die Kernbotschaft des Evangeliums und die Kernaussagen des Fundamen-

Denken und Handeln, das andere

talismus stehen…in einem diametralen Gegensatz

Menschen ausgrenzt, diskriminiert oder missachtet, ist zutiefst unchristlich und unvereinbar mit

dem Glauben“ 5 , der die Erlösung und die Freiheit der Kinder Gottes zum Inhalt hat.

Ein

Glaubwürdigkeitskrise der Kirche

Manche Verantwortliche unserer Kirche behaupten, die derzeitige Krise sei eine Gotteskrise und keine Kirchenkrise. Das ist nach meiner Überzeugung falsch! Wir befinden uns in einer der

3 Vgl. Carsten Wippermann/Isabel de Magahaes, Zielgruppen-Handbuch. Religiöse und kirchliche Orien- tierungen in den Sinus-Milieus 2005. Eine qualitative Studie des Instituts Sinus Sociovision zur Unterstüt- zung der publizistischen und pastoralen Arbeit der Katholischen Kirche in Deutschland, München/Heidel- berg 2006

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Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hg.), Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2007

5 Bertram Blum, Die Unvereinbarkeit von Fundamentalismus und Christentum. Anmerkungen aus theolo- gisch-praktischer Sicht, in: Pedro Barceló (Hg.), Religiöser Fundamentalismus in der römischen Kaiser- zeit, Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge Bd.29, Stuttgart 2010

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größten Glaubwürdigkeitskrisen der Kirchengeschichte. Das Vertrauen der Menschen in die Institution Kirche ist dramatisch geschwunden. Wenn man bisher die Deutschen fragte, welchen Institutionen sie vertrauen, wer für sie „glaub- würdig“ ist, dann war immer klar, wer nicht genannt wurde: Banken, Industriekonzerne und poli- tische Parteien. Sie landeten am Ende der Ranglisten. In der jüngsten Befragung der Hambur- ger Stiftung für Wirtschaftsethik 6 landete die katholische Kirche auf dem letzten Platz der abge- fragten Institutionen. Selbst die eigenen Mitglieder schenken ihr weniger Vertrauen als der evangelischen Kirche, die im Mittelfeld liegt. Das hat nicht nur mit dem Missbrauchsskandal zu tun, sondern mit der mangelnden Übereinstimmung von Glauben und Leben, von Worten und Taten. Der tiefere Grund der Glaubwürdigkeitskrise dürfte das gespaltene Verhältnis der Kirche zur Postmoderne sein. Die Kirche hält in ihrer Bildersprache, im Wahrheitsverständnis und im Auto- ritätsverständnis an Vorstellungen fest, die der postmodernen Kultur entgegenlaufen, die die Menschen einfach nicht mehr verstehen. Dazu gehört auch ein gespaltenes Verhältnis zum Dialog. Der Dialog ist eine der großen Errun- genschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils und wurde mit dem Konzil als Grundprinzip des kirchlichen Lebens angesehen. Nur so kam das ökumenische Gespräch in Gang. Nur so konn- ten Laiengremien etabliert werden, die Mitverantwortung übernehmen für das Leben der Kirche. Nur so konnte der Dialog beginnen mit anderen Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. Dieser Geist des Dialogs ist immer mehr verloren gegangen zugunsten zentralistischer Ten- denzen. Kein Wunder also, dass wir in der Kirche in den vergangenen Jahren einen so einschneidenden Mitgliederverlust und Distanzierungsprozess zu verzeichnen haben. Die neuesten statistischen Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz zur Mitgliederentwicklung der Kirche in Deutschland sind alarmierend. Danach verlor die Katholische Kirche im Jahr 2010 erstmals mehr Mitglieder durch Austritte als Kinder getauft wurden. 181.193 Kirchenaustritten stehen 170.339 Taufen gegenüber. Dazu kommt, dass rund 253.000 Kirchenmitglieder starben. Rechnet man einige Tausend Neueintritte und Wiederaufnahmen ab, verlor die Katholische Kirche 2010 mehr als 250.000 Mitglieder. Damit liegt der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung in Deutschland aktuell bei 30,2 Prozent. 7 Hier muss sich entscheidend etwas ändern. Wenn die Kirche in der Postmoderne bei den Men- schen ankommen will, und sie auch in zwanzig Jahren noch eine gesellschaftliche Bedeutung in unserem Land haben soll, dann müssen wir manchen Ballast aus der traditionellen Gesellschaft abwerfen. Insofern betreffen uns diese „Zeitzeichen“ als kirchliche Einrichtungen natürlich auch in der Büchereiarbeit!

6 Eine Umfrage für Manager Magazin, 8.4.2010 7 Vgl. Katholische Nachrichtenagentur (KNA), 29.7.2011

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2. Voraussetzungen einer neuen Glaubwürdigkeit der Kirche – Vergewisserung eines theologischen Grundprogramms

Aufgabe der Kirche ist es nicht, sich dem sog. Zeitgeist anzupassen, aber sie muss die Entwick- lungen der Zeit in ihrem Dienst berücksichtigen. Schon allein an den vier Evangelien kann man sehen, wie es am Anfang der Kirche gelungen ist, die Botschaft in unterschiedlichen kulturellen Umgebungen jeweils neu auszusagen. Kirche muss sich deshalb auf die aktuelle Kultur einlas- sen, die Sprache lernen, die die Leute sprechen. Inkulturation ist dafür ein seit langem bekann- ter, aber zu wenig verwirklichter Begriff. Es ist einfach notwendig, von den Menschen her zu denken. Das hat die pastorale Konstitution des Zweiten Vaticanums über die Kirche in der Welt von heute, „Gaudium et spes“, schon ge- fordert. Auch die dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“ macht klare Aus- sagen, hinter die es kein Zurück gibt. Diese beiden zentralen Konzilsdokumente ergeben ein theologisches Grundprogramm, das Voraussetzung für neue Glaubwürdigkeit ist. Nur Glaub- würdigkeit, Überzeugungskraft und Kommunikation ermöglichen Zielführende Wege zu den Menschen. Dazu gehören meines Erachtens folgende Faktoren:

Die klare Ortsbestimmung der Kirche in der Welt von heute 8 . Danach steht jeder Rückzugsge- danke, jede Versuchung, sich hinter geschlossene Mauern zurückzuziehen, in Widerspruch zur Verortung durch das Konzil.

Kirche als Zeichen und Werkzeug des Heils in der Welt 9 , deren Handeln an den Schnittstellen zur Lebenswelt der Menschen und an dieser Grundverfasstheit zu messen ist.

Die Erfahrung, dass der Einzelne im Ganzen der Kirche mit seiner ureigenen Sendung zählt.:

Der Apostolat der Laien ist Teilnahme an der Heilssendung der Kirche selbst. Zu diesem Apos- tolat werden alle vom Herrn selbst durch Taufe und Firmung bestellt.“ 10 Nicht vom Pfarrer, nicht vom Bischof, nicht vom Papst, sondern vom Herrn selbst werden Christen berufen. Das wertet den einzelnen Christen enorm in seiner Würde und Verantwortung auf und müsste im Leben der Kirche zum Ausdruck kommen! Dazu gehört die Wiederentdeckung der „wahren Gleichheit“ aller, die an Christus glauben: „Wenn auch einige nach Gottes Willen als Lehrer, Ausspender der Geheimnisse und Hirten für die anderen bestellt sind, so waltet doch unter allen eine wahre Gleichheit in der allen Gläubigen gemeinsamen Würde und Tätigkeit zum Aufbau des Leibes Christi11 . Das heißt also, dass vor jeder Unterscheidung in Ämter und Dienste alle Christen durch Taufe und Firmung wahrhaft gleich sind in ihrer Würde. Erst auf dieser gemeinsamen Basis der „vera aequalitas“ wird unterschieden, und die Ämter und Dienste in der Kirche sind keine Herrschaftsfunktionen, sondern Dienstfunktionen am Volk Gottes. Als wenn das Konzil

8 Schon der Titel der Pastoralkonstitution umschreibt den Ort der Kirche ganz eindeutig „in der Welt von heute“

9 In Lumen Gentium 1 wird die Kirche gleichsam als Sakrament, als Zeichen und Werkzeug für die innigs- te Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit bezeichnet. Gott will die Menschen zur Teilhabe am göttlichen Leben erheben. 10 Zweites Vatikanisches Konzil, Lumen Gentium 33, in Rahner/Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium (wie Anm. 2), 163 f.

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Lumen Gentium 32, ebd., 163

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bereits geahnt hätte, wie schwer es sein wird, diese Grundaussagen in die kirchliche Praxis umzusetzen, formuliert es folgende Ermahnung: „Die geweihten Hirten aber sollen die Würde und Verantwortung der Laien in der Kirche anerkennen und fördern. Sie sollen gern deren klu- gen Rat benutzen, ihnen vertrauensvoll Aufgaben im Dienst der Kirche übertragen und ihnen Freiheit und Raum im Handeln lassen, ihnen auch Mut machen, aus eigener Initiative Werke in Angriff zu nehmen…Aus diesem vertrauten Umgang zwischen Laien und Hirten kann man viel Gutes für die Kirche erwarten.“ 12 Im Ernstnehmen der verschiedenen Berufungen, im Ernstnehmen der Würde und Verantwor- tung des Einzelnen und in einer Kultur der Teilhabe liegt einer der Schlüssel für die Zukunftsfä- higkeit der Kirche! Nur in dieser Einheit in Vielfalt ist entschiedenes und verantwortliches Christ- sein möglich.

Die Kenntnis und Bejahung der Lebensbedingungen: Das Wahrnehmen der Zeichen der Zeit und die damit verbundene Zeitgenossenschaft 13 . Dadurch macht Kirche ihre Nähe zu den Men- schen erfahrbar und übt Solidarität, wie sie im ersten Satz der Pastoralkonstitution in unüber- bietbarer Weise zum Ausdruck kommt: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“ 14

Kirche tritt mit der Welt in Dialog 15 , d. h. sie lässt sich auf alle Fragen offen und ehrlich ein. Mit dem Dialog als Methode lässt sich auch das Prophetische wieder entdecken und wird ihm Raum gegeben.

Kirche versteht sich als Prozess, als Volk Gottes 16 unterwegs durch die Zeit, das im Unterwegs- sein stets reformbedürftig ist. Dieser Status ist letztlich tröstlich, weil er die Vorläufigkeit der Kir- che zum Ausdruck bringt, deren Vollendung am Ende der Zeiten noch aussteht.

Und schließlich die Anerkennung der Autonomie, der Eigengesetzlichkeit der irdischen Wirk- lichkeiten, die das Konzil in der Pastoralkonstitution zum Ausdruck bringt: „Wenn wir unter Autonomie der irdischen Wirklichkeiten verstehen, dass die geschaffenen Dinge und auch die Gesellschaften ihre eigenen Gesetze und Werte haben, die der Mensch schrittweise erkennen, gebrauchen und gestalten muss, dann ist es durchaus berechtigt, diese Autonomie zu fordern. Das ist nicht nur eine Forderung der Menschen unserer Zeit, sondern entspricht auch dem Wil- len des Schöpfers. Durch ihr Geschaffensein selber nämlich haben alle Einzelwirklichkeiten ihren festen Eigenstand, ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Gutheit sowie ihre Eigengesetzlich- keit und ihre eigenen Ordnungen, die der Mensch unter Anerkennung der den einzelnen Wis- senschaften und Techniken eigenen Methode achten muss.“ 17 Damit ist jedem kirchlichen Inte-

12 Lumen Gentium,37, ebd., 168 f.

13 Vgl. Gaudium et spes 4
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15 Vgl. Gaudium et spes 3, ebd., 450

16 Vgl. Lumen Gentium 9-17, ebd., 132 ff.
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Gaudium et spes 1, ebd., 449

Gaudium et spes 36, ebd., 482

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gralismus, der Versuchung, für alle Fragen dieser Welt zuständig zu sein, ein Riegel vorge- schoben. Und damit wird auch glaubwürdig, wie das Konzil den Dienst der Kirche an der Welt umschreibt: „Dabei bestimmt die Kirche kein irdischer Machtwille, sondern nur dies eine: unter Führung des Geistes, des Trösters, das Werk Christi selbst weiterzuführen, der in die Welt kam, um der Wahrheit Zeugnis zu geben; zu retten, nicht zu richten; zu dienen, nicht sich bedienen zu lassen.“ 18

Das alles haben wir schon seit 50 Jahren, aber dieses theologische Grundprogramm ist im Le- ben der Kirche noch viel zu wenig umgesetzt. Es klemmt an allen Ecken und Enden, und bei genauerem Hinsehen verstärken sich die Tendenzen eher, hinter dieses „Programm des Kon- zils“ wieder zurück zu gehen. Deshalb lohnt es, das II. Vaticanum in seinem Kirchenverständnis neu zu entdecken und auf die heutigen Herausforderungen hin zu buchstabieren: Nur eine Kir- che der Communio, der Offenheit und des Dialogs kann glaubwürdig ihren Auftrag erfüllen. Aber genau daran scheiden sich die Geister!

Diese theologischen Gedanken zum Kirchenverständnis sind auch Fundament kirchlicher Bü- chereiarbeit. Ohne diese Grundlage, ohne diese Grundzüge einer „Theologie kirchlicher Büche- reiarbeit“ ist es nicht möglich das Profil unseres Dienstes und damit seinen „Mehr-Wert“ zu um- schreiben.

3. Zum Profil kirchlicher Büchereiarbeit

3.1 Was heißt Profil? Profilarbeit, Profilschärfung, Profil an sich – das sind Begriffe, die angesichts zunehmender Vielfalt in unserer Gesellschaft immer wichtiger werden. Profil hat vom Wortsinn her mehrfache Bedeutung, die aber in die gleiche Richtung zielt: Den- ken wir an die Seitenansicht eines Gesichts, das Profil eines Menschen, das ihm unverwech- selbare Züge gibt, oder an das Profil einer Schuhsohle, das oft in der Kriminalistik von Bedeu- tung werden kann, oder an das Profil eines Autoreifens mit seiner markanten Riffelung. Schließ- lich kennen wir auch das Profil einer Institution mit ihrer Gesamtheit von markanten Eigenschaf- ten, oder Normen, die rechtliche, gesellschaftliche oder kirchliche Beziehungen regeln z.B. in Familie, Staat und Kirche. Profil macht also erkennbar, unterscheidbar, unverwechselbar, Profil macht charakteristisch.

Zum steten Bemühen um Profil gehört Auseinandersetzung, Dialog und Streitkultur – das hat Tradition in der Kirche bis in die Anfänge bei den Aposteln Petrus und Paulus 19 ; beim Über- schritt des frühen Christentums in die hellenistische Welt; in den Zeiten der Völkerwanderung und Missionierung der Germanen; bei Martin Luther, der in der Zeit der Reformation von einer weithin dekadenten Kirche die Rückkehr zum Evangelium forderte; und heute, wo die Men- schen im Übergang zur Postmoderne nicht nur fortschrittskritisch, sondern auch ideologiekri-

18 Gaudium et spes 3, ebd., 451 19 Vgl. Gal 2,11 f.

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tisch geworden sind. Sie verstehen sich auch in Sachen Religion als mündige Bürger. Gelungen ist dieses Bemühen in der Kirchengeschichte nicht immer. Gerade in Zeiten des Umbruchs sind Auseinandersetzungsfähigkeit und Dialog aber dringend erforderlich.

Wenn unsere Büchereiarbeit wirkungsvoll sein soll, dann ist es immer wieder notwendig, Grundsatzfragen zu stellen, sich zu vergewissern, worauf es in unserer Arbeit ankommt, was das Wesentliche kirchlicher öffentlicher Büchereiarbeit ist, was sie unverwechselbar macht, also was ihr Profil ist.

3.2 Kirchliche Büchereiarbeit als Pastoral Schon lange vor dem II. Vatikanischen Konzil hat der evangelische Theologe und Martyrer Diet- rich Bonhoeffer in aller Deutlichkeit die Verpflichtung der Christen gegenüber der Welt betont. Auf Grund des Christusereignisses sind Gott und Welt nicht mehr zu trennen, weshalb christli- che Glaubenspraxis stets in der Welt und für die Welt wirken muss. 20 Christus, der ganz in diese Welt eingegangen ist, befreit seine Jünger nicht aus der Welt, sondern stellt sie in diese Welt hinein, damit sie sich rückhaltlos in den Dienst der Menschen stellen. In der Nachfolge Christi soll Kirche mitten in der Welt den Raum für Gott freihalten – und zwar so, dass in ihr und durch sie Gott sein Reich aufrichten kann. Christlicher Glaube realisiert sich also in der Berufung je- des einzelnen Christen und seinem konkreten Handeln mitten in der Welt, im persönlichen, ge- meinschaftlichen und politischen Bereich. Dabei sind Heilsdienst und Weltdienst grundsätzlich nicht zu trennen, weil es um das Heil der Welt geht, d.h. um die Heilung der Welt durch Jesus Christus 21 . – Katholischer kann diese Umschreibung eines evangelischen Theologen nicht sein.

Das II. Vatikanische Konzil hat genau in diesem Sinn das Heilshandeln der Kirche umschrieben und sein Verständnis geweitet. Kirche ist danach Zeichen und Werkzeug des Heils 22 . Pastoral, ein zentraler Begriff für das Heilshandeln der Kirche, ist Konfrontation von Leben und Evange- lium. Sie bezieht sich nicht allein auf das Handeln der Kleriker an den Laien, und auch nicht allein auf deren Seele. Pastoral ist nicht einfach mit Seelsorge zu übersetzen, sie wird vielmehr als Gesamtbegriff für das evangeliumsgemäße Handeln aller Getauften zur „Rettung der menschlichen Person“ und zum „rechten Aufbau der menschlichen Gesellschaft“ 23 bestimmt. Pastoral ist somit immer dreidimensional: Sie ist Bemühen um das Evangelium, Seelsorge und Einsatz für die Gesellschaft und umfasst alles, was dem Heil der Menschen dient. So gesehen ist Pastoral ein spezifisches Handeln aller Glieder des Volkes Gottes, und in ihr vollzieht sich Kirche. Das ist ihr viel zitiertes Eigentliches!

Eine so verstandene Pastoral geschieht in Pfarreien, aber auch an Orten, an denen sich Kirche und Welt berühren, etwa in der Schule, in der Erwachsenenbildung, aber auch in der kirchlichen

20 Vgl. den programmatischen Aufsatz „Dein Reich komme“, in: Dietrich Bonhoeffer Werke, 12, 264-278, hg. V. E. Bethge u.a., 17 Bde., München 1986-1999

21 Vgl. Gunter M. Prüller-Jagenteufel, Dietrich Bonhoeffer – Weltdienst als Heilsdienst, in : Stimmen der Zeit, 131.Jg., 2/2006, 84

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Vgl. Lumen Gentium 1

Gaudium et spes 3, ebd., 450

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Büchereiarbeit. Büchereiarbeit ist demzufolge pastoraler Ort, Teil der Pastoral der Kirche insge- samt. Das stellt unsere Arbeit in ein ganz anderes Licht! Sie ist nicht etwas, was halt auch noch sein muss, sondern sie ist eine wesentliche Aufgabe kirchlichen Dienstes, nämlich kirchliche Kulturarbeit, kulturelle Diakonie.

3.3 Deutung des „Firmenschildes“ Katholische öffentliche Bücherei Unsere Büchereien heißen in der Regel: „Katholische öffentliche Bücherei“. Was bedeutet das? Katholisch nennen sich unsere Büchereien, weil sie wie jede andere gesellschaftliche Gruppe in eigener Initiative ihre gruppenspezifische Dienstleistung in der freiheitlichen Gesellschaft ein- bringen. Das Spezifische einer Bücherei, die sich katholisch nennt, besteht darin, dass sie bei aller Anerkennung der Eigengesetzlichkeit der Schöpfungswirklichkeit die Bindung an das Evangelium nicht ausspart. Menschen können hier ausgewählte Angebote zur Orientierung, Sinnfindung und Glaubensorientierung erwarten. Katholisch bedeutet nicht Einengung, Beschränkung auf das „Katholische“ oder „Theologische“. Es geht nicht um Tabuzonen oder Ausblendungen der Wirklichkeit. Es geht nicht um ein Minus, es geht um ein Plus im Angebot der Katholisch öffentlichen Bücherei, genau um das, was das K in ihrem Namen, in ihrem Programm bedeutet. Es geht bei diesem Mehr um unsere Zuständig- keit als Anwalt des Menschen, um die Klarheit und Zuverlässigkeit der Antworten, die man uns abverlangt. Hier geht es nicht nur um Religion, sondern um alle Lebenssituationen und alle Fragen der Menschen heute. Es geht um ein wertorientiertes Angebot mit der ganzen Breite des Katholi- schen. Dabei dürfen wir durchaus auf die Urteilsfähigkeit des einzelnen Lesers vertrauen.

Kirchliche Büchereiarbeit ist so gesehen kulturelle Diakonie an den Menschen. Sie bietet nicht nur Ausleihe von Büchern, sondern Raum für kulturelle Begegnung und lebendige Vielfalt von Menschen. Hier sollten wir auch riskieren, manches notwendige Buch einzustellen von dem man vielleicht sagt „das wird ja doch nicht gelesen“. Es geht nicht nur um Marktgängigkeit und Ausleihzahlen, sondern auch um unsere Erkennbarkeit im Angebot.

Mit dem Begriff öffentlich soll die Eingrenzung der Benutzer auf den Kreis der Gottes- dienstgemeinde überwunden werden. Das hat Geschichte, wie sie am Anfang des Sankt Mi- chaelsbundes beim Eichstätter Generalvikar Dr. Georg Triller greifbar wird, der 1901 bei der Gründung des Katholischen Pressvereins sinngemäß gefordert hat, dass die Büchereien he- raus aus den Pfarrhäusern und Sakristeien hinein in die Bahnhofshallen müssen, damit die Menschen erreicht werden. Insofern war unser Gründer eine prophetische Gestalt auch für heute!

Wie die Kirche selbst, beansprucht auch die katholische Bücherei ihren Platz in der pluralisti- schen Gesellschaft. Alles wahrhaft Menschliche, wie es das Konzil formulierte, hat in ihr seinen Platz: dazu gehören heute die großen Themen, die zu Überlebensfragen der Menschheit ge- worden sind, dazu gehört die Literatur, die das Leben der Menschen widerspiegelt, die auch Entspannung und Freude verschafft.

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Nur jene Katholischen Büchereien, die auch voll und ganz „öffentliche Büchereien“ sind oder werden, können für die Kirche unentbehrlich und ein Dienst in der Gesellschaft sein.

Die Rolle der öffentlichen Bücherei ist vielfältig: sie dient der Information, der Bildung, der Orientierung und der Unterhaltung. Keines der Elemente darf ausgelassen werden. In Sachfragen muss man Hintergründe und Zusammenhänge mit Hilfe der Bücherei ergründen können. Wichtige Werke der Weltliteratur soll man hier finden – oder wenigstens vermittelt bekommen. In umstrittenen Fragen müssen die unterschiedlichen Positionen deutlich werden. Kinder müssen lesen und leben lernen können.

Was hier an Forderungen bezüglich Qualität und Profil ersichtlich wurde, fordert sachkundige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Qualifizierung eine ganz wesentliche Aufgabe ist. Sie sollen nicht nur für das Bibliothekswesen befähigt sein, sondern darüber hinaus vom Bewusst- sein getragen sein, dass sie Kirche repräsentieren, dass sie eine Kirche mitgestalten, die sich der modernen Lebenswelt öffnet und die Vielfalt im Dialog zulässt.

4. Leitsätze für die kirchliche Büchereiarbeit

Fasst man die Frage nach dem Profil kirchlicher Büchereiarbeit zusammen, dann belegen fol- gende Leitsätze / Argumente den hohen Stellenwert und die Chancen dieses Dienstes:

Kirchliche Büchereien sind offen für die zentralen Fragen des Lebens Bereits der erste Satz der Pastoralkonstitution des Konzils belegt die Verbundenheit der Kirche mit den Menschen und ihren Fragen 24 . Auf diese Fragen gibt unser Glaube an den menschen- freundlichen Gott Antwort. Mit ihren Büchereien kann die Kirche dazu beitragen, dass ihre Bot- schaft und ihr Menschenbild auch in der heutigen Gesellschaft hörbar und sichtbar bleiben. Dies geschieht nicht nur durch ein Angebot an religiöser Literatur, sondern eher noch durch Romane, Sachbücher, Kinder- und Jugendbücher, die für diese Sicht der Welt offen sind. Gerade heute stellen wir in der postmodernen Literatur fest, dass die Literaten angesichts der Überforderung durch die zunehmende Pluralisierung in den letzten zwei Jahrzehnten zuneh- mend wieder Gott und religiöse Themen entdecken. Büchereiarbeit kann also auch „Hörrohr einer hörenden Kirche“ sein.

Kirchliche Büchereien sind Nahtstellen zur Kultur unserer Zeit Wir brauchen heute eine Kultur, die frei ist von Zwängen zur Nützlichkeit, der Leistung um jeden Preis und der Abhängigkeit von wirtschaftlichen Interessen. Kirchliche Büchereiarbeit kann Nahtstelle zur Fülle der Kultur unserer Zeit sein durch ihre vielfältigen Aktivitäten „rund ums Buch“ in Form von Literaturgesprächen und Literaturtagungen, Buchvorstellungen, themati- schen Ausstellungen, Initiativen zur Leseförderung. Schließlich ist das Medienangebot selbst ein Blick auf das kulturelle Leben der Zeit. So kann jeder ganz individuell sein persönliches Programm gestalten.

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Wenn eine Gemeinde Berührungsängste meidet, wird ihre Bücherei zu einem wichtigen Stück Kultur in der Kirche und zugleich zum Beitrag der Kirche zur menschlichen Gesamtkultur.

Kirchliche Büchereien machen die befreiende Kraft des Glaubens erfahrbar Die Geschichte unseres Glaubens ist von Anfang an mit dem Buch verknüpft. Das Buch der Bücher, die Bibel, wurde zum wichtigsten Mittel der Auseinandersetzung mit religiösen Fragen und vermittelt Glaubenserfahrungen aus allen Zeiten. Damit kann es den eigenen Glauben rei- fen lassen, es kann freilich auch Zweifel und Abwehr auslösen. Immer aber hilft es, das Denken zu klären, neue Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Christliche Botschaft ist ja, kurz gefasst, die Botschaft von der göttlichen Befreiung des Men- schen und damit die Botschaft von der Absage Gottes an alle Totalitarismen, Ideologien und Einengungen. Von der Erfahrung des Auszugs aus Ägypten im Alten Testament bis zur Chris- tuserfahrung, die Paulus im Brief an die Galater als „Befreiung zur Freiheit“ 25 zusammenfasst, versteht sich die biblische Religion als Ruf zur Freiheit für alle Menschen, die von den Glauben- den im Leben verwirklicht werden muss. Und das müssen die Menschen auch erfahren können! Hier hilft die katholische öffentliche Bücherei durch Bücher, welche diese biblische Botschaft übermitteln und deuten und die das Ringen darum zu Wort kommen lassen.

Kirchliche Büchereien leisten einen Beitrag zum Bildungsauftrag der Kirche Menschenwürdiges Leben in unserer pluralen Gesellschaft erfordert auch den freien Zugang zu vielfältigen Informationen aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Orientierung in dieser Informations- fülle bieten entsprechende Bildungsangebote. Es kann der Kirche nicht gleichgültig sein, ob diese Voraussetzungen geschaffen werden oder nicht. Ihre Glaubwürdigkeit und ihr Selbstver- ständnis als Teil der Gesellschaft verlangt, dass sie durch eigene Leistungen dazu beiträgt. Das ist auch ihre Chance! Die Katholische öffentliche Bücherei leistet mit ihrem breit gefächerten und aktuellen Sachbuchangebot einen solchen Beitrag zum Bildungsauftrag der Kirche.

Kirchliche Büchereiarbeit hat damit über die normalen Standards hinaus also einen Mehr-Wert im Plus an Qualität/Lebensqualität an Orientierung, Lebenshilfe und Ermöglichung von Weite.

Kirchliche Büchereien sind Orte der Begegnung in der Gemeinde Lesen verbindet und schafft Gemeinschaft. In der Bücherei kommen Leser untereinander und mit den Mitarbeitern ganz zwanglos ins Gespräch, das den Austausch mit anderen Gedanken- welten ermöglicht. Hier können Jung und Alt, Gottesdienstbesucher und Fernstehende einander begegnen und ihre Gedanken und Erfahrungen austauschen. Im Zentrum der Gemeinde ent- steht so ein anziehender Ort des Gesprächs.

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Kirchliche Büchereien sind Hilfe in Lebenskrisen Krank sein, gar im Krankenhaus liegen, Zeit haben und sich abgestellt fühlen, nach einem Schicksalsschlag nicht mehr weiterwissen, mit eigenem Versagen nicht fertig werden – solche Situationen führen nicht selten zu einer Lebenskrise, die zu bewältigen schwer ist. Man sucht nach einem Weg, fragt um Rat, will sich neu orientieren. Menschen, die davon betroffen sind fühlt sich kirchliche Büchereiarbeit besonders verpflichtet. Gute Bücher können hier helfen, neue Gedanken zu finden, Lebenskrisen zu durchleuchten, Mut zu machen, weiter zu helfen und Auswege aufzuzeigen.

Kirchliche Büchereien dienen der Chancengleichheit Alle Dienste der Bücherei entspringen der Sorge um den Menschen und ein menschenwürdiges Leben. Niemand soll von dieser Sorge ausgenommen sein und übersehen werden. So wie es keine „geschlossene Gemeinde“ geben darf, so darf die Bücherei nicht versuchen, eine „ge- schlossene“ Lesergemeinde oder Büchereigemeinde zu schaffen. Die Bücherei ist Bücherei für alle! Wenn wir diesem Anspruch gerecht werden wollen, dann müssen wir gerade auch auf diejeni- gen zugehen, für die die Dienste der Bücherei besonders wichtig sind: Kinder und Jugendliche, die in ihrer häuslichen Umgebung oft nicht die Literatur finden, die ihren Interessen entspricht und die für ihre Entwicklung vorteilhaft ist, junge Mütter mit Kleinkindern, Senioren mit ihren Interessen und Fragen, weniger mobile Gemeindemitglieder, die auf ein wohnortnahes Angebot angewiesen sind oder einsame Menschen, denen es schwer fällt Kontakt zu finden.

Ich denke, dass diese Leitsätze das Profil unserer kirchlichen öffentlichen Büchereien hinrei- chend umschreiben. Die Stichworte Offenheit, Nahtstelle zur Kultur der Zeit, Freiheit, Bildungs- auftrag der Kirche, Ort der Begegnung, Hilfe in Lebenskrisen und Chancengleichheit sollten charakteristisch sein für unsere Arbeit und uns unverwechselbar machen.

5. Konsequenzen für die Praxis

Abschließend möchte ich stichpunktartig Konsequenzen aufzeigen, die sich aus diesen Leitli- nien und dem bisher Dargelegten für die Büchereipraxis ergeben:

Eine freundliche Atmosphäre in der Bücherei, geprägt durch Personal und Raumgestaltung, in der die Menschenfreundlichkeit Gottes erlebbar und erfahrbar wird.

Motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich mit ihrer Aufgabe erkennbar identifizie- ren und für ihre Aufgabe qualifiziert sind.

Ein offener Raum bzw. offene Räume der Bücherei, die sauber sind und schon durch ihre entsprechende Gestaltung einladend wirken.

Ein aktuelles Angebot, das durch begleitende Öffentlichkeitsarbeit Resonanz findet. Dazu gehört in vernünftigen zeitlichen Abständen auch die Setzung von Schwerpunkten.

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Ein dialogischer Charakter der Bücherei, der in der Ansprechbarkeit des Personals und im inhaltlichen Angebot erfahrbar wird.

Erfahrbare Hilfestellung für die Benutzer, besonders für Neulinge und Kinder, die sich erst orientieren müssen.

Platz auch für Andersdenkende und kirchlich Distanzierte, wodurch Offenheit deutlich wird und der Eindruck vermittelt wird, dass Kirche für alle da ist und in der Bücherei auch Platz für unbequeme Fragen ist.

Dienstleistung ohne Unterschied der Person und Stellung der Benutzer. In Kirchlichen Bü- chereien sollten alle Benutzer gleich freundlich, kompetent und höflich behandelt werden.

Der regelmäßige und angemessene Dank der Träger der Bücherei an das ehrenamtliche Personal und damit die sichtbare und spürbare Wertschätzung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese Geste, die eigentlich selbstverständlich sein müsste, trägt wesentlich zur Motivation und damit zur Atmosphäre in der Bücherei bei.

Schluss

Diese Ausführungen sollten zu einer vertieften Sichtweise unserer kirchlichen Büchereiarbeit beitragen und damit das Besondere, den Mehr-Wert dieses Beitrags der Kirche zum öffentli- chen Bibliotheks- und Bildungswesen erkennbar machen. Die Selbstvergewisserung auf unser Profil hin, die sich an den Rahmenbedingungen der Zeit und am theologischen Selbstverständ- nis unseres Dienstes orientiert, halte ich für unabdingbar im Zusammenhang einer regelmäßi- gen Qualitätssicherung und auch im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit katholisch öffentlicher Büchereiarbeit im Sankt Michaelsbund. Eine gute Zukunft in diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen in diesem Dienst der Kirche!

Der Autor:

Dr. phil. Bertram Blum, Dipl.-Theol., seit 1977 im Dienst der Diözese Eichstätt, Leiter der Abt. Weiterbildung im Bi- schöflichen Ordinariat, Direktor des Diözesanbildungswerkes, 1982-1990 Stv. Diözesanratsvorsitzender und Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, seit 1988 Mitglied im Vorstand der Katholischen Bundesarbeitsgemein- schaft für Erwachsenenbildung (KBE), 1990-2006 Vorsitzender der KBE-Kommission Theologie-Glaube-Bildung, 2000-2006 Vorsitzender der Konferenz der Bischöflichen Beauftragten für Erwachsenenbildung in den Deutschen Diözesen, seit 2006 Bundesvorsitzender der KBE, seit 1996 Diözesandirektor des Sankt Michaelsbundes, Eichstätt und seit 2010 Stv. Vorsitzender des Landesverbandes Bayern.