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WIRTSCHAFT

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FED-CHEF

Bernanke, ganz locker

Der Fed-Chef hält launige Reden und erklärt sich für ersetzbar. Bereitet er seinen Abgang vor?

VON Nils Rüdel | 04. Juni 2013 - 16:19 Uhr

© Reuters/Tim Shaffer

Ben Bernanke

Wenn Ben Bernanke zum Mikrofon greift, hören Börsenhändler und Journalisten besonders genau hin. Schließlich könnte sich irgendwo zwischen den Zeilen, in einer Randbemerkung vielleicht, ein Hinweis verstecken. Ein winziger Tipp, ob die US-Notenbank Fed ihre Politik des billigen Geldes ändern könnte. Ein Wort ihres Vorsitzenden Bernanke, und die Finanzmärkte drehen durch.

Das gilt auch für Bernankes eigene Zukunft. Der 59-Jährige – auch das freilich nur eine unbestätigte Annahme – gilt als zunehmend amtsmüde. Im Januar 2014 läuft seine zweite Amtszeit aus, und viele in Notenbank, Politik und an der Börse glauben: Der Fed-Chef hat nach bald acht turbulenten Jahren genug.

Bernanke selbst achtet peinlichst darauf, keine Hinweise über seine Pläne zu geben. Entsprechende Fragen blockt er stets ab. Am Sonntag aber, bei einer Rede vor Absolventen der Elite-Uni Princeton, wehrte er sich mit einem für die öffentliche Person Bernanke ungewohnten Mittel: Humor.

"Hi", grüßte dort ein gut aufgelegter Notenbankchef von einer Kanzel herab die Studenten – und konterte gleich zu Beginn das heißeste Gerücht um seine Zukunft: Dass er demnächst in seinen alten Job zurückkehren will, als Wirtschaftsprofessor in Princeton. Den hatte er 2002 nach 17 Jahren aufgegeben, um in den Gouverneursrat der Fed einzuziehen.

"Ich habe kürzlich einen Brief geschrieben und mich nach dem Status meiner Freistellung von der Universität erkundigt", sagte also Bernanke. "Der Brief, den ich zurückbekam, begann mit den Worten: ,Bedauerlicherweise erhält Princeton deutlich mehr qualifizierte Bewerbungen für Fakultäts-Stellen als wir unterbringen können." "Ein Rezept zum Unglücklichsein"

Die Studenten verstanden den Spaß und lachten. Für alle, die nicht dabei waren, gibt es im offiziellen Redeprotokoll an dieser Stelle eine Fußnote. Sie lautet: "Hinweis an die Journalisten: Das ist ein Witz. Meine Freistellung lief 2005 aus".

Er hat die Finanzkrise gemeistert. Und nun?

Zufrieden mit seinem Gag lächelte Bernanke in seinen weißen Bart hinein und fuhr fort mit einer humorvollen und persönlichen Rede. US-Medien bezeichneten sie als eine seiner bisher Besten. Zehn Ratschläge gab er den Studenten mit auf den Weg, von Erfolg über

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Geld bis zur Partnerschaft. "Eine Karriere-Entscheidung, die nur auf Geld und nicht auf Liebe zur Arbeit beruht oder dem Wunsch etwas anders zu machen", sagte er an einer Stelle, "ist ein Rezept zum Unglücklichsein".

Bernanke wirkte am Sonntag wie einer, der sich auf einen ruhigeren Lebensabschnitt freut. Schließlich gilt das Amt des Fed-Chefs als eines der härtesten in der amerikanischen Politik – neben dem des Präsidenten und des Finanzministers vielleicht. Bernanke musste in seiner Amtszeit mit der schwersten Finanzkrise und der schlimmsten Rezession seit den 30er Jahren umgehen.

Er antwortete mit einer Nullzinspolitik und einer massiven Geldschwemme: Die Fed kaufte in mehreren Runden Staatsanleihen und Immobilienpapiere in Höhe von Hunderten von Milliarden Dollar. Eine Politik, die in Amerika höchst umstritten ist.Vorerst aber bleibt es dabei. Bernanke hat bislang bei jeder Sitzung der Fed klaren Rückhalt für seine Politik bekommen. Die große Frage ist nur, wann er anfangen wird, das ganze Geld wieder einzusammeln. Er selbst sagt dazu immer wieder: Erst dann, wenn die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken und die Wirtschaft stabil genug ist.

Doch vielleicht wird es am Ende gar nicht Bernanke selbst sein, der den schwierigen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik hinkriegen muss. Wenn der Fed-Chef demnächst sein Amt aufgeben sollte, wird das die Aufgabe seines Nachfolgers sein. Als Favoritin gilt die Vize-Chefin der Fed, Janet Yellen.

Aufhören, in Washington bleiben, an der Uni lehren

Erst Ende April nahm Bernanke diese Möglichkeit selbst schon einmal vorweg. Bei einer Anhörung vor dem Kongress sagte er auf Nachfrage, er sei nicht der "Einzige auf der Welt, der den Ausstieg organisieren kann". War das ein Hinweis? Zuvor schon hatte das Gerücht Nahrung bekommen, als die Fed bestätigte, dass Bernanke das Notenbanker- Treffen in Jackson Hole im August schwänzen wird. Die Veranstaltung in den Bergen von Wyoming gilt als die wichtigste der internationalen Zentralbanken-Szene. In den vergangenen 24 Jahren ist ihr niemals ein Fed-Chef ferngeblieben – Bernanke aber lässt sich wegen "Terminschwierigkeiten" entschuldigen. Noch ein Hinweis?

Zum Verdruss vieler in Medien- und Finanzwelt macht der 59-Jährige allerdings weiter ein großes Geheimnis um seine Pläne. Ende März sagte er bei einer Pressekonferenz, er habe "ein wenig mit dem Präsidenten gesprochen". Inhalt: Er fühle keine persönliche Verantwortung dafür, die geldpolitischen Schritte der Notenbank bis zum Ende zu begleiten. US-Präsident Barack Obama müsste Bernanke für eine dritte Amtszeit nominieren, so er denn wollte.

Der Ökonom Mark Gertler, der zusammen mit Bernanke mehrere Forschungsarbeiten publizierte, hat derweil eine Theorie über die Zukunft des Fed-Chefs: aufhören, in Washington bleiben, an einer Universität lehren und ein Buch schreiben. "Ich denke, er

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wird Druck ablassen", sagte Gertler dem Finanznachrichtendienst Bloomberg. "Es wird ein faszinierendes Werk werden". Wer will, konnte auch am Sonntag in einem von Bernankes Tipps an die Studenten noch ein paar Krümel finden. "Das Leben ist fantastischerweise unvorhersehbar", sagte der Fed-Chef. "Jedem 22-Jährigen, der zu wissen meint, wo er in zehn Jahren stehen wird, fehlt es schlicht an Vorstellungskraft".

Bernanke bemühte sogar das berühmte Schokoladen-Gleichnis aus dem Film "Forrest Gump": Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt. Auch dieser Satz könnte all jenen gewidmet gewesen sein, die unermüdlich über Bernankes Zukunft spekulieren. Weitergebracht hat er sie nicht.