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KOLUMNE "WIR AMIS"

Amerika, bloß nicht sozial werden!

Drei Ökonomen formulieren eine Theorie: Wenn Amerika gerechter würde, ginge es der ganzen Welt schlechter. Ihre Argumente sind gar nicht schlecht. Von Eric T. Hansen

VON Eric T. Hansen | 04. Juni 2013 - 10:14 Uhr

© Reuters

Straßenszene in Los Angeles

Mal angenommen, Amerika würde plötzlich die soziale Gerechtigkeit entdecken. Wäre die Welt besser, menschlicher, schöner? Oder ginge sie schnurstracks zugrunde?

Seit Wochen debattiert man in Amerika über diese Frage. Ausgelöst wurde die Diskussion durch eine neue Theorie. Ihr zufolge würde eine großzügige Sozialpolitik europäischen Stils zwar vielen Amerikanern helfen. Der Rest der westlichen Welt würde jedoch unter dem neuen Sozialkurs leiden. Warum? Weil am Ende weniger Bürger ein unternehmerisches Risiko eingehen würden, was wiederum der Weltwirtschaft schadet.

Die Theorie stammt von den Ökonomen Daron Acemoglu (MIT), James A. Robinson (Harvard) und Thierry Verdier (École d'Économie de Paris). Acemoglu und Robinson haben auch das faszinierende Buch Warum Nationen scheitern geschrieben, in dem die Autoren die Unterschiede zwischen erfolgreichen und gescheiterten Staaten erforschen. In ihrem Aufsatz Choosing Your Own Capitalism in a Globalized World vergleichen die beiden Wissenschaftler die zwei wirtschaftlichen Spielarten des Westens:

"Kuschelkapitalismus", wie es ihn vor allem in Skandinavien (man kann auch sagen: in ganz Europa) gibt, und "Halsabschneiderkapitalismus", wie wir Amis das vorziehen.

Das eine geht nicht ohne das andere

Acemoglou, Robinson und Verdier denken diese Idee nun weiter. Sie glauben, dass beide Spielarten des Kapitalismus zusammenhängen. Der "Kuschelkapitalismus" in Europa sei eben nur deshalb möglich, weil die USA "Halsabschneiderkapitalismus" praktizieren. Beispiel technische Innovationen. Die kommen eben doch noch immer häufiger aus Amerika, nicht aus Europa. Der Ami ist auch heute noch eher bereit, ein Risiko einzugehen – auch, weil er dafür in den USA reichlicher belohnt wird als in Europa. Ideen werden in Amerika schneller ausprobiert, auch wenn sie scheitern können. Haben Sie hingegen Erfolg, wird nicht nur der Ami reich. Auch der eingekuschelte Rest der Welt profitiert davon.

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© [M] Ralf Ilgenfritz ERIC T. HANSEN © [M] Ralf Ilgenfritz Eric T. Hansen ist

© [M] Ralf Ilgenfritz

ERIC T. HANSEN

© [M] Ralf Ilgenfritz

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

In Europa lohnt sich hingegen Risiko kaum: Erstens sind die Bürger so gut abgesichert, dass man die reiche Belohnung nicht unbedingt braucht. Zweitens muss man im Falle des Erfolges einen so großen Teil seines Reichtums abgeben, dass das Risiko sich kaum lohnt. Drittens kann keiner L'Ennui so feiern wie der europäische Jet-Set. Würde sich hingegen die ganze Welt dem Kuschelkapitalismus verschreiben, gäbe es kaum noch Innovation. Sprich: Alle würden ärmer werden.

Die Theorie ist nicht ganz neu. Das Neue daran ist die holistische Sichtweise: Beide Systeme, sagt Acemoglu, hängen zusammen, denn in einer globalisierten Welt treibt jeder neue Technologie-Schub das Wachstum aller anderen Länder an – zuletzt gesehen bei der Internet-Revolution in den neunziger Jahren. Heutzutage hört man immer wieder zu allen möglichen Themen esoterische Sprüche wie: "Alles hängt zusammen" und "der

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Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann einen Tornado in Texas auslösen". Nur wenn es um den Kapitalismus geht, glauben wir nicht an die "Ganzheitlichkeit" der Welt.

Im Gegenteil: Die meisten von uns glauben immer noch, dass es einen richtigen und einen falschen Kapitalismus gibt. Der amerikanischen "Dschungelkapitalismus" kommt nur den Reichen zugute und ist unmenschlich und böse, die europäische "soziale Marktwirtschaft"- Variante des Kapitalismus ist hingegen gerecht, gut und dem Rest der Welt zu empfehlen. Acemoglu und seine Kollegen stellen nun die Idee zur Diskussion, dass die eine Spielart ohne die andere nicht funktioniert.

Die Theorie hat allerdings auch Schwachpunkte . Amerikas soziales Netz zum Beispiel ist in Wahrheit nicht viel schwächer als das in Europa. Die USA investieren rund 60 Prozent ihres Nationalhaushaltes in Sozialleistungen, in Deutschland sind es knapp 55 Prozent (wenn auch effektiver). Könnte also sein, dass der Zusammenhang zwischen geringem Sozialstaat und hoher Innovation doch nicht so stark ist.

Andererseits fällt schon auf, dass Europa sich mit Innovationen schwertut. Die letzte wirklich revolutionäre Erfindung aus Deutschland zum Beispiel war das Auto im 19. Jahrhundert. Auch heute erwartet niemand, dass das neue Google, das neue Internet, das neue GPS, das neue Heilmittel gegen Krebs und HIV oder das fahrerlose Auto aus Europa kommt.

Vor allem Deutschland scheint eher gut darin zu sein, bestehende Technologien zu perfektionieren. Zwar ist das Land führend, wenn es um die Anmeldung von Patenten geht. Diese beschreiben jedoch in der Regel keine neuen, revolutionären Ideen, sondern verbessern nur Innovationen, die sich in Amerika oder sonstwo schon durchgesetzt haben. Das Risiko, viel Geld in eine neue Technologie zu investieren, die vielleicht doch nicht funktioniert, überlässt man lieber den verrückten Amis.

Wenn die holistische Kapitalismus-Theorie von Acemoglu & Co. stimmt, dann heißt das: Die Europäer dürfen die Amis auf keinen Fall ermuntern, sozial(er) zu werden, wenn sie im kommenden Konkurrenzkampf mit China ihren Wohlstand behalten wollen. Vielleicht sollten die Deutschen auch in Zukunft einen ganzheitlichen Weg einschlagen und einsehen, dass es keinen richtigen und falschen Kapitalismus gibt, sondern nur ein großes kapitalistisches Ökosystem, das jede Spielart braucht. So wie es in der Natur auch die Raubkatze und die Gazelle gibt, die die Natur im ökologischen Gleichgewicht halten. Die schöne neue Welt gehört also dem Yin/Yang-Kapitalismus, in dem die Kuscheleuropäer mit den Halsabschneider-Amis friedlich zusammenleben.