Sie sind auf Seite 1von 3
INTERNET

INTERNET

DIGITALE AGENDA

Die Netzneutralität der EU ist ein leeres Versprechen

EU-Kommissarin Neelie Kroes will Netzneutralität zum Gesetz machen. Ihr Plan hat allerdings mit der Idee "alle Daten sind gleich" nichts zu tun, kommentiert Kai Biermann.

VON Kai Biermann | 05. Juni 2013 - 15:19 Uhr

© REUTERS/Benoit Tessier

Neelie Kroes, die EU-Kommissarin für Digitale Agenda, hier auf einem Bild aus dem Jahr 2012

EU-Kommissarin Neelie Kroes ist für die sogenannte Digitale Agenda der Europäischen Union zuständig, somit für das Internet. Ihre Rede vom Dienstag klingt nach einem großen und wichtigen Versprechen : "The EU, safeguarding the open internet for all" , steht darüber. Übersetzt bedeutet es, dass die EU ein offenes Internet für alle garantieren will. Kroes hat einen entsprechenden Plan vorgestellt. Allerdings ist das Versprechen nicht ganz so groß, wie es auf den ersten Blick scheint.

Es geht um Netzneutralität . Das sperrige Wort ist die Umschreibung eines universalen Prinzips des Internets: Jedes Bit ist gleich. Die technische Struktur des Netzes ist eben ein Netz, Informationen werden über den Weg geleitet, der gerade frei ist. Keine hat dabei Vorrang, keine wird benachteiligt. Der Grund ist simpel: So kann aus der begrenzten Zahl an Leitungen der größte Nutzen für alle erzielt werden. Denn so wird die gesamte Infrastruktur ausgelastet, nicht nur einzelne Teile.

In einigen Ländern wie den Niederlanden ist dieses Prinzip inzwischen zum Gesetz erhoben worden. Nicht, weil das so fortschrittlich wäre, sondern weil es dringend notwendig war, da Unternehmen immer wieder versuchen, dieses Prinzip zu umgehen , um mehr Geld zu verdienen. Kroes will das nun für die gesamte EU regeln und den Grundsatz der Netzneutralität gesetzlich verankern. Denn ohne solche Vorgaben schaffen es Länder wie beispielsweise Deutschland offensichtlich nicht, entsprechende Gesetze zu formulieren.

Garantierter Zugang zum offenen Internet

Dienste wie Voice over IP oder Nachrichtenapps wie Skype und WhatsApp seien für Nutzer eine Innovation, sagte Kroes in ihrer Rede. Manche Internetanbieter würden solche Angebote jedoch blockieren oder ausbremsen, "einfach um Konkurrenz zu vermeiden". Die Menschen dürften von der EU erwarten, dass sie sie vor solchen Praktiken schützt, so die Kommissarin. "Und das ist genau der Schutz, den wir anbieten wollen. Ein garantierter Zugang zum kompletten und offenen Internet, ohne dass einzelne Dienste gebremst oder blockiert sind."

INTERNET

INTERNET

Nicht nur für die Nutzer sei das relevant, sondern auch für die Anbieter. Wenn die EU beim Thema Netzneutralität versage, gefährde sie den Versuch, einen europaweiten und für alle Anbieter offenen Telekommunikationsmarkt zu schaffen.

© ZEIT ONLINE KAI BIERMANN Kai Biermann ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE.

© ZEIT ONLINE

KAI BIERMANN

Kai Biermann ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Das klingt gut. Beispielsweise angesichts der Pläne der Deutschen Telekom . Die will ab 2014 ihre bislang im Festnetz verkauften Flatrates so nicht mehr anbieten. Künftig soll das Datenvolumen, das heruntergeladen werden kann, begrenzt sein. Ist die Grenze erreicht, wird der Zugang um 90 Prozent gedrosselt. Gleichzeitig will das Unternehmen eigene Angebote davon ausnehmen – das generelle Internet wird irgendwann gebremst, das Telekom-Fernsehen namens Entertain aber nicht. Letzteres verstößt gegen die Netzneutralität .

Das Konzept, das Kroes vorstellte, würde dagegen nicht helfen. Die Telekom argumentiert, Entertain sei ein gesondert regulierter und bezahlter Mediendienst, ein managed service , wie sie ihn nennt. Daher dürfe sie ihn anders als andere Videoangebote wie YouTube oder Netflix behandeln. Sie betrachtet das Ganze damit als zwei verschiedene Röhren, in einer läuft Internet, in der anderen läuft Entertain.

Leider funktioniert das Internet so nicht, eben weil alle Datenpakete über alle Wege geschickt werden. Wer eine Leitung reserviert, nimmt allen anderen Bandbreite weg. Kroes folgt jedoch der Argumentation der Telekom. Gegen "innovative Zusatzdienste" sei nichts einzuwenden, sagte sie. "Zum Beispiel, wenn sie gerade ein Videokonferenz-System gekauft haben, wollen sie wahrscheinlich auch eine Internet-Versorgung, die eine richtige Qualität garantiert. Wenn jemand bereit ist, dafür mehr zu bezahlen, sollten dem keine EU- Regeln im Weg stehen."

Sie hatte sich vor Kurzem schon zum Thema Deutsche Telekom geäußert und gesagt, dass die EU nichts gegen die Drosselungspläne unternehmen wolle. Die Kunden könnten ja "mit den Füßen abstimmen" , war ihre Ansicht.

Die Rede bestätigt diese Haltung. Nach Kroes Worten wären nicht mehr alle Bits gleich, manche wären gleicher. So sagte sie, viele Anbieter würden den Traffic in ihren Leitungen organisieren, um in Spitzenzeiten Staus zu vermeiden und "Qualität sicherzustellen".

INTERNET

INTERNET

Das sei auch völlig in Ordnung und könne legitime Gründe haben, beispielsweise um "zeitkritischen Datenverkehr von weniger wichtigem zu unterscheiden".

Netzneutralität meint Stau für alle

Allerdings bedeutet Netzneutralität, dass es eben keinen wichtigen und keinen unwichtigen Traffic gibt. Wie auf der Autobahn stehen im Zweifel alle im Stau, wenn es voll ist, nicht nur der Einzelne, der keinen Zusatzdienst bezahlt hat. Als Gegenargument wird dabei immer Spam genannt, der natürlich ausgefiltert wird. Auch Kroes erwähnte in diesem Zusammenhang Spam, dessen Filterung die meisten schließlich sinnvoll fänden.

Nun mag es bei Spammails eine generelle Übereinkunft sein, dass sie wirklich Müll sind und gefiltert werden sollten. Aber wer soll diese Grenze wo ziehen? Nach dem, was Kroes sagte, wird es den Providern überlassen, die Daten in wichtige und unwichtige einzuteilen. Allerdings besagt ein weiterer Grundsatz, der älter ist als das Internet, dass der Beförderer nicht wissen muss und soll, was er befördert. Die Post entscheidet nicht, ob ein Brief schnell oder langsam verschickt wird. Wer bezahlt hat, bekommt den gleichen Service wie alle anderen, auch wenn sich in dem Brief nur Müll befindet.

Breitband ist nicht gleich Breitband

Die EU-Kommissarin forderte in ihrer Rede noch andere Dinge. Transparenz beispielsweise. Jeder solle sehen können, was für einen Dienst und Tarif er bucht. Auch müsse sichergestellt sein, dass Kunden die Bandbreite bekämen, die sie gemietet hätten. Beides sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber noch lange nicht, wie gerade wieder Untersuchungen der Bundesnetzagentur zeigen . Insofern ist eine gesetzliche Vorgabe sinnvoll.

Kroes Verständnis von Netzneutralität ist weniger sinnvoll, neutral wäre das Netz damit nicht mehr. Das aber wünschen sich ganz offensichtlich viele Nutzer. Die Petition beim Bundestag , in der gefordert wird, Netzneutralität ins Gesetz zu schreiben, hat in kurzer Zeit mehr als 70.000 Unterzeichner gefunden, Tendenz noch immer steigend. In der letzten Sitzungswoche der Legislatur soll sie nun im Petitionsausschuss behandelt werden .

Die Chance, dass daraus ein entsprechendes Gesetz wird, ist gering. Aber die Chance, dass EU-Kommissarin Kroes tatsächlich Netzneutralität vorschreibt, ist nicht viel höher.