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Dzogchen-Kommentare

„Dzogchen und die neun Yanas“ und „Einführung in die Natur des Geistes“

vom Erw. Yangthang Tulku Rinpoche

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Dzogchen-Kommentare - Dzogchen und die neun Yanas / Einführung in die Natur des Geistes

Ich wurde gebeten, heute Abend etwas über die neun Fahrzeuge zu sprechen. Ich weiß nicht viel über sie und wir haben nicht sehr viel Zeit, daher muss dieser Vortrag kurz sein. Ich möchte nicht zu sehr in die Einzelheiten gehen, aber ich werde versuchen, den wichtigsten Punkt, der die Sicht ist, bei jedem der neun, darzustellen. Darüber könnt ihr dann etwas nachdenken. Jede Diskussion über die neun Fahrzeuge beginnt mit einer Ausführung über die Essenz der Sugatas, welche die Essenz oder grundlegende Buddha-Natur aller Wesen ist. In Abhängigkeit von der essentiellen Natur, die wir besitzen, erscheinen die neun Fahrzeuge. In Abhängigkeit von der grundlegenden Buddha-Natur erscheinen Samsara und Nirvana. Wenn die grundlegende Natur als solche verwirklicht ist, dann ist dies Nirvana, ein Zustand, jenseits von Sorgen und Leiden. Wenn dies nicht verwirklicht ist, wenn man sich grundlegend der eigenen Buddha-Natur nicht gewahr ist, dann ist dies Samsara, zyklische Existenz. Indem man die eigene grundlegende Buddha-Natur nicht verwirklicht, werden die verschiedenen Kreise oder fortschreitenden Stadien der zyklischen Existenz geschaffen. Die sechs Klassen der Wesen erscheinen nur durch diesen Mangel an Gewahrsein. Die neun Fahrzeuge sind ebenso entstanden, um die fühlenden Wesen zurück zur Realisation ihrer eigenen Natur zu führen, welche Nirvana ist. Wenn wir diese grundlegende Buddha-Natur untersuchen, die essentielle Natur aller lebenden Wesen, kommen wir zum Verständnis, dass sie vollkommen offen ist. Sie ist ein vibrierendes Nichts: Leerheit. Ihre Eigenschaft ist natürliche Lichtheit. Es ist bloße Lichtheit oder Klar-Licht. Wenn jemand versteht, dass sie offen und strahlend klar ist, dann erfährt man mit reinem Gewahrsein ihre mitfühlende Qualität, die alles durchdringend ist. Dies ist die Eigenschaft von Rigpa, reinem Gewahrsein. Auf diese Weise sind die drei – Offenheit, Klarheit und Mitgefühl – wirklich eins. Obwohl sie als drei dargestellt werden, sind sie nur die eine grundlegende Buddha-Natur an sich. Dies ist der Zustand von Buddha, das ist Buddha, weshalb dies auch Buddha- Natur genannt wird. Samsara ist ein Zustand von Verwirrung und falschem Gewahrsein. Der Fehler – der eigentlich die zyklische Existenz bewirkt, die Erfahrung eines Wesens, ein fühlendes Wesen anstatt ein Buddha zu sein – entsteht, wenn wir vergessen, diese Natur zu erkennen. In diesem Zustand des

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Wenn das geschieht, dann wird die Praxis zu einer weltlichen Praxis werden und sie wird für ihn nicht den Nutzen haben, ihn zu veranlassen, die Fehler zu erkennen. Der Lama hat den Zweck, die Schüler zu veranlassen, ihre Fehler zu erkennen und sie auszureißen. Wenn das in der Beziehung zwischen den beiden nicht auftritt, dann ist es keine reine Dharma-Beziehung. Wenn ein Lama den Schülern weiterhin erlaubt, Stolz, Eifersucht, Wettstreit und so weiter zu entwickeln, dann begründet dies negative Gewohnheiten, schlechte Gewohnheiten und vermehrt nur die weltlichen Belange. Dies ist als ob man etwas Kostbares in ein Gefäß mit Löchern schüttet, man vergeudet Kostbares oder als ob man Wasser auf brennendes Eisen schüttet. Wenn der Geist des Schülers nicht rein und offen ist, dann ist es egal, was der Lama zum Schüler sagt, der Schüler wird es sich nicht rein zu Herzen nehmen, dem vertrauen oder es aufnehmen. Wenn diese Art von Dingen in der Beziehung zwischen Lama und Schüler auftauchen, welchen Nutzen wird es dann haben? Ihr müsst euer Verhalten prüfen. Ihr müsst euren Geist prüfen, um zu erkennen, ob ihr euch selbst vervollkommnet, indem ihr eure Täuschungen zähmt, indem ihr seht, welche Art von Beziehung ihr mit dem Lehrer habt und so weiter. Dies ist äußerst wichtig für den Erfolg der Dzogchen-Praxis – eigentlich für den Erfolg jeglicher Praxis aber besonders für Dzogchen. Ihr müsst immer prüfen, um zu sehen, ob eure Täuschungen abnehmen. Das ist die Hauptsache.

Kolophon:

Diese Belehrungen zu den neun Fahrzeugen und die Einführung in die Natur des Geistes wurde vom Erw. Yangthang Tulku Rinpoche gegeben. Ins Englische über- tragen wurden diese Belehrungen von Sangye Khandro. Zum Nutzen der Sangha wurden sie vom Rangdrol Dorje übersetzt.

Sarva Mangalam!

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eine Stufe praktiziert, auf die man sich bezieht, entsprechend der Fähigkeit des Schülers. Jene auf dem ersten und zweiten Yana, dem Hinayana, streben nach der Verwirklichung der Geistesnatur einzig nur für ihre eigene Freiheit. Jene auf dem Bodhisattva-Pfad streben nach der Verwirklichung dieser Natur zum Wohle von sich selbst und aller lebenden Wesen. Jene, die die Mantra-Pfade praktizieren, entwickeln das Verhalten mit dem Wunsch, dass sie selbst und alle Wesen Buddha-Natur verwirklichen, während sie die alles durchdringende Reinheit der Erscheinungen der phänomenalen Existenz mit der Sicht der Leerheit besiegeln. Mit welcher Praxisstufe man auch fähig ist sich zu verbinden, sei es Sutra oder Tantra, jedenfalls sollte man versuchen, dass durch das Verständnis der Geistesnatur, die störenden Emotionen und täuschenden Wahrnehmungen in ihrer Kraft nachlassen sollten. Je mehr die Täuschungen abnehmen, umso mehr praktiziert man wirklich Dharma. Dies ist der einzige und wichtigste Punkt. Wenn man die Methoden der Shravakas praktiziert, wird man den Buddhadharma praktizieren und das bedeutet, dass man sich selbst in die Geistesnatur einführt, was heißt, dass die Täuschungen und störenden Emotionen abnehmen werden. Wenn nicht, dann ist dieser Pfad nicht Dharma, dann ist dies keine Einführung in die Natur des Geistes; es ist nur Zeitverschwendung. Jeder von euch sollte den eigenen Fortschritt auf dem Pfad prüfen. Ihr werdet euch auf die verschiedenen Fahrzeuge entsprechend eures Strebens und eurer Fähigkeit beziehen. Die eine Sache, die alle Fahrzeuge gemeinsam haben ist, dass sie einen in die Natur des Geistes einführen. Die Natur des Geistes ist nicht getäuscht. Wenn eure Täuschungen zunehmen während ihr euch in eurem täglichen Leben auf den Dharma stützt, dann ist wirklich etwas falsch. Dharma wird als Gegenmittel für Täuschungen angesehen. In allen Dharma-Situationen sollten Täuschungen abnehmen, besonders wenn jemand die Herzensanweisungen von einem geeigneten Lehrer erhalten hat. Die Herzensanweisungen haben die Funktion, sehr rasch die Täuschungen im Geiste des Schülers verschwinden zu lassen. Wenn ein Lama fühlt, dass ein Schüler sich angegriffen fühlt, während er jedoch freundlich zu ihm spricht, dann ist dies das Gegenteil des Zwecks der Herzensanweisungen.

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Gewahrseinsmangels begründen wir ein Objekt-Gewahrsein; wir erschaffen Objekte: äußere Phänomene. Um die Natur des Geistes speziell darzustellen, wird der Vergleich mit dem Raum herangezogen. Der Geist ist wie der Raum, weil Raum hat keine Form, keine Farbe und keine Merkmale. Er ist gänzlich frei von jeglichen Bedingungen oder Merkmalen. Auf diese Weise bietet das Beispiel vom Raum einen brauchbaren Vergleich, um die Natur des Geistes zu veranschaulichen, aber es gibt noch andere Aspekte des Geistes – seine strahlende Klarheit und sein ungehindertes Mitgefühl – welche der Raum nicht notwendigerweise aufweißt. Wenn wir keine klare Verwirklichung oder klares Verständnis von der Natur des Geistes haben, dann haben wir eine Verwirrung. Wenn auch nur der kleinste Funken von Verwirrung besteht, dann begründen wir in dieser Verwirrung objektive Erscheinungen und das ist der Mangel, die wahre Natur des Geistes als die leere Eigenschaft des Geistes zu realisieren. Wenn wir uns der Lichtheit nicht gewahr sind, der natürlichen Klarheit des Geistes, sehen wir nicht den Ausdruck der erleuchteten Präsenz – Kayas und uranfängliche Weisheitsenergien – besonders die fünf uranfänglichen Weisheiten, wie sie erscheinen. Wenn wir uns dessen nicht gewahr sind als den inhärenten Ausdruck der leeren Natur, begründen wir ein äußeres Universum und die fühlenden Wesen, die belebten Geschöpfe darin. Wenn wir die ungehinderte mitfühlende Natur nicht verwirklichen, dann führt das zu Ansichten darüber. Auf diese Weise entstehen objekthafte Erscheinungen, besonders fühlende Wesen und Ansichten. Diese drei: Objekte (oder Erscheinungen), (körperliche) Formen und Ansichten sind die verwirrte Interpretation der Natur des Geistes, welche Leerheit, Klarheit und Mitgefühl ist. Daher erscheint Samsara daraus, was tatsächlich schon befreit ist, was die Buddha- Natur ist. Aufgrund der Verwirrung, dem Mangel an Gewahrsein, begründen wir Samsara im Gewahrsein der Natur des Geistes an sich. Wir können uns vorstellen, dass die fühlenden Wesen jene sind, die die dreifache Qualität ihrer grundlegenden Buddha-Natur, die die grundlegende Natur der Sugatas ist, nicht erkennen. Fühlende Wesen sind jene, die in einen Zustand der Verwirrung eingetreten sind, der Samsara – zyklische Existenz – genannt wird. Kuntuzangpo (Samantabhadra), der uranfängliche Buddha, ist

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das Gewahrsein der Natur des Geistes, welches vollständig offen und leer ist, und dies ist der Dharmakaya. Der Dharmakaya-Aspekt der Natur des Geistes ist angeboren, natürlich, leuchtend klar und strahlend und diese Qualität ist der Sambhogakaya. Dieselbe essentielle Natur ist ebenso alldurchdringend, ungehindert, unaufhörlich mitfühlend und diese Qualität ist der Nirmanakaya. Diese drei Kayas sind der angeborene Zustand von Kuntuzangpo, der uranfängliche Buddha. Dies ist Nirvana, der Zustand vollständiger Freiheit, uranfänglicher Freiheit. Wenn dies nicht erkannt und verwirklicht wird, erfährt man statt der drei Kayas die drei Bereiche der zyklischen Existenz, die nur aus dem Mangel am Gewahrsein der eigenen Natur entstehen. Eigentlich gibt es noch viel mehr über die angeborene uranfängliche Natur zu sagen, aber das ist heute Abend nicht das Hauptthema. Grundlegend müsst ihr soviel über die neun Fahrzeuge wissen, weil die Wesen ihre Buddha-Natur nicht erkennen, gibt es Buddhas und fühlende Wesen, gibt es Nirvana und Samsara. Alle fühlenden Wesen einschließlich uns selbst wandern seit zahllosen vergangenen Leben bis heute in einem Zustand der Verwirrung umher; dies ist Samsara. Wenn wir unsere Buddha-Natur nicht erkennen und das Gewahrsein dazu nicht unaufhörlich beibehalten, werden wir weiterhin endlos in der zyklischen Existenz umherwandern. Alle Wesen, die ihre Natur verwirklicht und dieses Gewahrsein beibehalten, sind im Zustand des uranfänglichen Buddha, Kuntuzangpo. Dieser Zustand ist die unverschleierte, unaufhörliche Manifestation von liebender Güte, welche besonders für jene Wesen zu Ausdruck kommt, die noch immer in Verwirrung umherwandern. Jeder der Kuntuzangpo ist, sich seiner (oder ihrer) Buddha-Natur gewahr ist, hat unendliches Mitgefühl für jene, die dies nicht sind. So erscheinen der grenzenlose Ausdruck von friedvollen und zornvollen illusorischen Manifestationen von Kuntuzangpo, ebenso wie die unendlichen reinen Bereiche, die Buddha-Bereiche, wo sich zahllose Buddhas und Bodhisattvas aufhalten, einzig zu dem Zweck, Verbindungen mit fühlenden Wesen herzustellen, die noch immer in der zyklischen Existenz umherwandern, die verwirrt sind. Um den Geist der fühlenden Wesen zu zähmen, die selbst die drei Bereiche geschaffen haben, hat Kuntuzangpo keine Grenzen bei seinen

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durch irgendeinen täuschenden mentalen Eindruck beeinträchtigt ist. Die grundlegende Buddha-Natur ist frei von Befleckung und das ist der große Verzicht. Der zweite Aspekt betreffend „groß“ ist die große Verwirklichung. Wiederum bezieht sich auf Rigpa. Die Buddha-Natur ist völlig offen und frei von jeglicher Begrenzung des Geistes, frei von Eternalismus, Nihilismus, beide und weder noch, frei von überhaupt allen Grenzen, sie ist natürlich leuchtend klar. Sie ist bloße Lichtheit. Dies ist die Erfahrung der zehn Stärken, dem Zustand der Furchtlosigkeit usw. Alles was ihr über die Eigenschaften eines Buddhas gehört oder gelernt habt, sind Qualitäten von Rigpa. Sie müssen nicht erst entwickelt werden, weil sie Rigpa angeboren sind. Wir alle besitzen diese gerade jetzt wo wir zusammensitzen hier. Dies sind die Eigenschaften, die die Natur von Rigpa inhärent besitzt. Die Sonne hat inhärent die Eigenschaft von Lichtheit und die Macht die Dunkelheit zu erhellen und dies ist eine spontane Präsenz. Diese Erfahrung ist ursprünglich vollkommen. Die Bedeutung von „großer Verwirklichung“ ist die Realisation, dass Rigpa all die edlen Eigenschaften des Zustandes von Buddha besitzt. Der dritte Aspekt bezüglich „groß“ ist der große Ausdruck erleuchteter Aktivität. Wenn jemand realisiert, dass die leere Natur und ihre bloße Lichtheit nicht verschieden sind, wenn sie als untrennbar erfahren werden, dann ist dies die Erfahrung des nondualen Gewahrseins von Rigpa. Die spontane Präsenz dieses erlebten Ausdrucks selbst ist erleuchtete Aktivität. Die spontane Präsenz ist auf das Wohlergehen aller lebenden Wesen gerichtet. Mühelos ungehindertes Mitgefühl äußert sich friedvoll, vermehrend, machtvoll und zornvoll. Der Ausdruck der spontanen Präsenz der erleuchteten Aktivitäten, welche die Buddha-Aktivitäten sind, ist der dritte Aspekt von Chenpo oder „groß“. Dies sind die Definitionen von „Dzogpa Chenpo“. Bei der Dzogchen-Praxis ist man angehalten, die angeborene Buddha-Natur zu verwirklichen. Dies ist der prinzipielle Fokus der Übung. Die Wurzel von Dzogchen ist die Verwirklichung von Rigpa, der Buddha-Natur, die die grundlegende Natur des Geistes, reines Gewahrsein ist. In gewisser Weise ist dies das Ziel aller Fahrzeuge. Von den Shravakas an bis herauf zur Praxis des Atiyoga versucht man die Natur des Geistes zu verwirklichen, indem man

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Zusammenfassend sollte man klar verstehen, dass vom Standpunkt der Praxis aus die wichtigste Praxis das Dzogchen, das Atiyoga ist. Dies müssen wir praktizieren, weil es das höchste und wichtigste der neun Fahrzeuge ist. Man sollte verstehen, was „Dzogchen“ bedeutet: die Große Vollkommenheit. „Dzogpa“ bedeutet „Vollkommenheit“ und bezieht sich auf die grundlegende Perfektion, den Pfad und das Resultat. „Vollkommenheit“ bezieht sich auf Rigpa. Rigpa ist vollkommen. Rigpa ist die Erfahrung der drei Kayas. Rigpa ist ein vibrierendes Nichts: Leerheit, strahlende Klarheit, unaufhörliches, ungehindertes Mitgefühl. Diese Eigenschaften von Rigpa sind untereinander nicht getrennt. Sie sind in Rigpa angeboren und werden in diesem Augenblick erlebt. Tatsächlich durchdringt die uranfängliche, angeborene, spontane Präsenz von Rigpa alles, was Samsara und Nirvana genannt wird. Samsara und Nirvana hören eigentlich angesichts von Rigpa auf zu bestehen. Dies ist die Bedeutung von „Vollkommenheit“. Und „Chenpo“ bedeutet „groß“. Was Dzogpa Chenpo – die Große Vollkommenheit – groß macht, sind drei Dinge: der große Verzicht, die große Verwirklichung und der große Ausdruck erleuchteter Aktivität. Der große Verzicht ist die vollständige Auslöschung der zwei Hindernisse. Die grundlegende Buddha-Natur besitzt kein Erleben von Hindernissen. Warum erfahren wir Hindernisse, obwohl unsere Natur Buddha ist? Beflecken sie nicht die Buddha-Natur, während sie erfahren werden? Ihr müsst verstehen, dass die Buddha-Natur niemals beschmutzt, niemals durch Hindernisse verunreinigt werden kann. Das ist einfach unmöglich. Verdunklungen existieren nur aufgrund unserer Unfähigkeit Rigpa als solches zu erfahren. Wenn Rigpa in seiner nackten Frische erfahren wird, wird man sofort realisieren, dass keine mentale Täuschung oder störende Emotion, egal wie intensiv dies auch ist, Rigpa jemals behindern oder beflecken kann. Dies wäre wie wenn Wolken am Himmel die Macht hätten, die Sonne zu beschmutzen, aber das ist einfach unmöglich; die Sonne ist hinter den Wolken immer präsent. Wenn wir unwissend sind, dann sind wir durch unsere Täuschungen bewölkt, durch unseren Zustand des Nicht- Gewahrseins. Gewahrsein, Rigpa, ist immer die Natur des Geistes. Es ist in dem Moment verdunkelt, wenn wir uns selbst erlauben, in einem Zustand der Täuschung zu sein. Wir sollten verstehen, dass Rigpa uranfänglich niemals

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Manifestationen. Der Dharma, den Kuntuzangpo in all diesen verschiedenen Manifestationen lehrt, ist auf verschiedenen Ebenen, weil die fühlenden Wesen auf verschiedenen Ebenen sind. Allgemein können wir sagen, dass ihre Fähigkeiten in eine der drei Kategorien fallen: höchste, mittlere oder niedrige, oder irgendwo dazwischen. Es gibt viele, die überragend sind, viele, die mittel sind und viele, die niedrig sind. Kuntuzangpo gab viele, viele Dharma-Belehrungen und gibt weiterhin noch viele. Tatsächlich sind die Belehrungen grenzenlos und um von neun Fahrzeugen zu sprechen, ist eine Zusammenfassung von ihnen in neun Kategorien. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Kategorien existieren, weil es unterschiedliche Ebenen der Verwirrung bei den fühlenden Wesen gibt. Diese unterschiedlichen Kapazitäten oder Fähigkeiten der Verwirrten entspringen alle aus einer Quelle, der ursprünglichen Ursache der Verwirrung. Wir haben die Verwirrung hinsichtlich des Mangels an Gewahrsein, eben Unwissenheit, berücksichtigt. Wenn nun Nicht-Gewahrsein vorhanden ist, dann wird demgemäß der Körper geschaffen, als solches empfangen und dieser ist aus den Kanälen, Winden und essentiellen Flüssigkeiten (tsa, lung, tigle) zusammengesetzt. Es gibt drei Hauptkanäle im Körper: der zentrale Kanal und die beiden Seitenkanäle. In Abhängigkeit von diesen drei Kanälen entstehen fünf Hauptnetzwerke von Kanälen (Chakras) in den fünf Hauptorten innerhalb des Körpers. Insgesamt gibt es 72.000 von diesen Kanälen im Körper. In den Kanälen fließen verschiedene Substanzen. Blut, das seinen Ursprung im ursprünglichen Blut hat, das wir von unserer Mutter bei der Empfängnis erhalten haben, fließt in 24.000 der Kanäle. Samenflüssigkeit, vom Samen, den wir von unserem Vater zum Zeitpunkt der Empfängnis erhalten haben, fließt durch 24.000 Kanäle. Durch die verbleibenden 24.000 Kanäle fließt das absolute Bodhicitta-Tigle, welches die absolute Wesensessenz ist; dies sind die 72.000 Kanäle (tsa). Zusätzlich gibt es eine Bewegung der Luft oder Winde (lung), die in zwei Kategorien eingeteilt wird: reine und unreine. Gewöhnlich bewegt sich der innere Wind 100.000 Mal während eines Zeitabschnitts von 24 Stunden durch die Kanäle und der unreine Wind wird 21.600 Mal in und aus dem Körper gebracht. Der uranfängliche Wind bewegt sich 1.000 Mal im Körper.

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In unseren Kanälen haben wir männliche und weibliche Flüssigkeiten, die mit der Hauptessenz korrespondieren, die wir von unserem Vater und unserer Mutter zum Zeitpunkt der Empfängnis erhalten haben. Die subtilste Essenz der Vereinigung von männlicher und weiblicher Essenz hat sich in unserem Körper ausgebreitet und hat die Gestalt von unterschiedlichen Silben, wie die Vokale und Konsonanten des Sanskrit (Ali-Kali) angenommen. Dieser Tropfen, diese männliche und weibliche Essenz, durchdringt unseren ganzen subtilen Körper in Form dieser Silben. Es ist genau diese Beschaffenheit der Kanäle, Winde und essentiellen Flüssigkeiten des Körpers, die fühlende Wesen untereinander hinsichtlich ihrer Fähigkeiten unterscheidet. Jene, die eine sehr reine Essenz der Kanäle, Winde und Flüssigkeiten aufweisen, haben höchste Fähigkeit oder Kapazität. Jene, die nicht eine solch reine Anordnung haben, verfügen über mittlere Fähigkeiten und jene, noch weniger rein sind, haben niedrige Fähigkeiten. Dies sind die drei allgemeinen Kategorien, aber eigentlich befinden sich die fühlenden Wesen irgendwo in diesen dreien, indem sie eine gewisse Kapazität des Verständnisses haben. Dies ist demgemäß, wie ihre Kanäle, Winde und essentiellen Flüssigkeiten beschaffen sind und wie sie diese in ihrem Körper erfahren. Es gibt Aspekte der Kanäle, Winde und Flüssigkeiten, die äußerst rein, angeboren rein und andere, die wir auch erfahren, die unrein sind. Wenn wir sie tatsächlich in ihrer reinen Natur erfahren, dann erfahren wir die drei Kayas. Wenn wir durch die Macht unseres Trainings fähig sind, die unreinen Bedingungen der Kanäle, Winde und Flüssigkeiten in die ursprüngliche reine Natur zu verwandeln, werden wir die drei Kayas verwirklichen. Wenn es keine Praxis gibt, kein Training, gibt es keine Macht der Übung, dann gibt es keine Verwirklichung. Die neun Fahrzeuge sind neun aufbauende Stufen, wobei eine jede zur Buddhaschaft führt, jede führt zur Verwirklichung der grundlegenden Buddha- Natur. Die Unterschiede zwischen ihnen liegen in den verwendeten Methoden. Unterschiedliche Methoden existieren, weil die Grade der Verwirrung bei den fühlenden Wesen verschieden sind. Beispielsweise versucht ein blinder Mensch zu verstehen, wie ein Elefant aussieht und mag glauben, dass dieser wie ein Seil aussieht, weil er nur seinen Schwanz berührt hat. So würde er

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Was die drei inneren Tantras von Maha, Anu und Ati betrifft, wenn man nicht fähig ist die Sicht sicherzustellen oder wenn man versucht die Sicht zu verwirklichen, ist die wichtigste Sache dabei, dass man immer Vertrauen in sie haben muss. Auf welche Ebene man sich auch bezieht, ob es nun die Wahrnehmung aller Erscheinungen als Weisheitsmandala ist und alle Wesen männliche und weibliche Gottheiten sind, oder was immer auch, man sollte vertrauen, dass die Sicht wahr ist und man muss dem vertrauen. Man sollte niemals daran zweifeln.Auf der Ebene desAnuyoga werden die Kanäle, Winde und essentiellen Flüssigkeiten als die drei Kayas wahrgenommen. Man sollte immer vertrauen, dass dies stimmt. Man sollte niemals darüber eine falsche Sicht entwickeln. Wenn man auf der Ebene der Großen Vollkommenheit Klar- Licht Atiyoga nicht in der Lage ist, wirklich die Sicht der uranfänglichen Buddha-Natur zu verwirklichen, dann sollte man mit Vertrauen daran glauben, dass diese Natur man selbst und alle lebenden Wesen ist. Wenn man Vertrauen und reine Hingabe in die Ebenen des Mantra bewahrt auf die man sich bezieht, und wenn man die eigentliche Praxis ausführt, dann wird man mit all diesen drei Fahrzeugen Befreiung erlangen, bevor man aus diesem Leben scheidet – solange man nicht das Vertrauen verliert. Falls nicht, dann wird man Befreiung im Bardo des Todes erlangen oder während des Bardos der angeborenen Wirklichkeit, der nachfolgt, oder während des Bardos der Konzentration. Wenn nicht dann, dann wird Befreiung während des Bardos des Erblickens der Wiedergeburt eintreten. Abhängig von der Praxis, der Macht der Praxis in diesem Leben, wenn jemand ein überragender Praktizierender ist, wird dieser Befreiung noch vor dem Tode erlangen. Es gibt also all diese Möglichkeiten, Befreiung sehr rasch durch diese drei inneren Yogas zu erlangen. Selbst wenn man sie nicht praktiziert und man dennoch mit diesen Lehren zusammengetroffen ist, sollte man immer eine reine Verbindung halten, indem man niemals irgendeinen Zweifel darüber hat. Man soll starkes Vertrauen in die Wahrheit der Worte des Buddhas haben, weil sie wirklich wahr sind. Wenn man überhaupt keinen Zweifel hat, besonders wenn es sich um die Praxis handelt, dann wird man die letztendliche Wahrheit sehr rasch verwirklichen. Dies war jetzt eine sehr kurze Ausführung über die neun Fahrzeuge.

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Tödgal selbst. Im Atiyoga gibt es drei Klassen. Sie beziehen sich auf äußere, innere und geheime Ebenen des Verständnisses. Die äußere Klasse wird „Geistklasse“ (semde) genannt, die innere Klasse ist die „Klasse des Raums“ (longde) und die geheime Klasse wird „Klasse der essentiellen Kernanweisungen“ (menagde) genannt, welche die Klasse der Herzensanweisungen ist. In der äußeren Klasse, der Geistklasse, gibt es einen Anteil an der Klarheit von Rigpa. Sie legt ihren Wert darauf, das Maß der Klarheit von Rigpa aufrecht zu halten. In der inneren, der Raum-Klasse, gibt es einen Anteil des Leerheitsaspekts von Rigpa. Sie betont den Leerheitsaspekt. In der geheimen Klasse der essentiellen Kernanweisungen, sind Klarheit und Leerheit untrennbar, nondual. Es wird zu dem, was man als „Fahrzeug des Klar-Licht der Großen Vollkommenheit“ bezeichnet. In diesem Zusammenhang gibt es noch eine vierte Klasse, welche die Tödgal-Praxis ist, der Pfad der Praxis des Klaren Lichts, welches als der unübertreffliche Pfad genannt wird, die höchste Dzogchen-Praxis. Bei der Tödgal-Praxis erfährt man viele verschiedene Visionen, alle davon sind Erfahrungen der eigenen grundlegenden Natur, der eigenen Buddha- Natur. Das Ergebnis der Atiyoga-Praxis ist einfach das: die Erfahrung der Buddha-Natur. Die Basis des Pfades ist die Buddha-Natur, der Pfad ist die Verwirklichung der drei Kayas und das Ergebnis ist die Buddha- Natur. Die Basis, der Pfad und das Ergebnis sind alle dasselbe. Ein Ati- Praktizierender ist sich die ganze Zeit über der Buddha-Natur gewahr, ihrer vollständig präsent. Der Grund, warum es ein Hindernis überhaupt gibt, wird gemäß der Unwissenheit oder dem Mangel an Gewahrsein verstanden. Wenn Gewahrseinsmangel auftritt, bedeutet dies, dass man nicht länger reines Gewahrsein wahrnimmt. Daher kehrt man sofort zurück zu reinem Gewahrsein. Beispielsweise ist die Sonne immer am Himmel präsent, wird aber von unserer Sicht durch das Vorhandensein von Wolken verdunkelt. Die edlen Eigenschaften des Strahlens der Sonne sind uranfänglich perfekt und spontan präsent, obwohl die Wolken vorhanden sind. Im Geist des Ati- Praktizierenden geht die Sicht der Buddha-Natur niemals verloren. Sie ist die ganze Zeit über und in allen Situationen spontan präsent. Dies ist der entscheidende Faktor des Atiyoga, des Gipfels aller Pfade.

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ihn wahrnehmen. Was die Wahrnehmung der grundlegenden Buddha-Natur angeht, haben fühlende Wesen unterschiedliche Arten des Sehens basierend auf ihren Verblendungen, weil sie durch ihren Mangel an Gewahrsein blind sind. Weil es verschiedene Ebenen der verblendeten Wahrnehmung gibt, existieren die neun Fahrzeuge. Versteht bitte, dass das Folgende nur die grundlegendsten Ausführungen der Sicht sind. Es gibt viele verschiedene Arten, sich der Sicht anzunähern und viele verschiedene Arten, wie diese Sicht praktiziert wird, wodurch Praktizierende am Ende dann ankommen. Weil wir so wenig Zeit für diese Belehrung über die neun Fahrzeuge haben, werde ich nur ein paar der wichtigsten Merkmale darlegen. Das Dzogchen Atiyoga, das neunte Fahrzeug, ist jenes Fahrzeug, das für jene gedacht ist, die wirklich überragend sind, die über die höchsten Fähigkeiten verfügen. Diese Individuen werden fähig sein, die grundlegende Buddha- Natur genau so zu sehen, wie sie ist, sie genauso wahrnehmen, wie sie in ihrer angeborenen Natur ist. Individuen, die sich auf die acht Fahrzeuge unter Dzogchen beziehen, werden die Buddha-Natur noch immer mit verblendeter Wahrnehmung sehen. Diese Wahrnehmung wird in zwei Kategorien eingeteilt:

Sutra und Tantra. Die Sutrapfade werden ursächliche Pfade, die Pfade der Merkmale, genannt und die tantrischen Pfade werden Ergebnismethoden oder –Pfade genannt. Gewöhnlich sind jene, die sich auf den Sutrapfad beziehen nur in der Lage zu verstehen, dass der Geist die Ursache für das Begründen der Buddhaschaft ist, und dass Buddhaschaft etwas ist, was durch Ursachen erlangt wird. Jene, die sich auf das Tantra beziehen, sind fähig zu verstehen, dass das Ergebnis der Buddhaschaft schon jetzt präsent ist. Obwohl sie noch nicht fähig sind, dies zu verwirklichen, verstehen sie, dass sie durch ihre eigene Unwissenheit behindert sind, ihren eigenen Mangel an Gewahrsein und sie halten die Sicht aufrecht, dass die Natur des Geistes eben die Buddhaschaft ist: die Natur der drei Kayas und der fünf uranfänglichen Weisheiten. Praktizierende Tantriker sind in der Lage, das Ergebnis in der Gegenwart zu praktizieren, anstatt darauf zu warten, dass das Resultat durch das Hervorbringen von Ursachen erzeugt wird. Im Sutra gibt es drei Fahrzeuge, drei Pfade: den Pfad der Shravaka, den Pfad

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der Pratyekabuddhas und den Pfad der Bodhisattva. Auf dem Shravaka-Pfad, ein ursächlicher Pfad, dem Pfad der „Hörer“, nimmt man an, dass der Geist die Ursache für die Buddhaschaft ist. Bis zu diesem Ende werden die drei Zustände der Genügsamkeit aufgebaut: man muss damit zufrieden sein, dass man genug Essen für sich selbst hat, dass man genug Kleidung hat um angenehm zu leben und man muss sich mit einfachem Schutz zufrieden geben. Ohne zuviel Anhaftung an die Objekte der fünf Sinne erfährt das Individuum Befriedigung, Zufriedenheit auf eine einfache Weise. Gemäß der Shravakas ist dies die Hauptursache für das Erlangen der Buddhaschaft. Die Pratyekabuddhas oder „Allein-Verwirklicher“ wie sie auch genannt werden, glauben, dass alle fühlenden Wesen ein Kontinuum, einen Geistesstrom besitzen. Wenn man fähig ist, den Geistesstrom auf solche Weise zu kontrollieren, dass man heilsame Taten ausführt und unheilsame Taten unterlässt, dann wird man positive Gewohnheiten oder gewohnheitsmäßige Neigungen pflanzen. Diese Neigungen werden für das Erlangen der Buddhaschaft stufenweise reifen. So nähern sich die Pratyekabuddhas dem Pfad von der Sichtweise der Ursache an. Die Bodhisattvas haben eine leicht verschiedene Annäherung, die auf der Ursache gründet, bei der behauptet wird, dass die grundlegende Natur des Geistes leer, vollkommen offen und frei von jeglicher Begrenzung oder extremer Sicht (Eternalismus, Nihilismus, beiden und weder noch) ist. Dieser Pfad begründet die mittlere Sicht oder den mittleren Weg, bei dem man in der Mitte bleibt. Bei diesem Pfad wird angenommen, dass diese Sicht möglicherweise in der Verwirklichung der Buddhaschaft mündet. Der mittlere Weg, das Gewahrsein der Leerheit, ist nicht das letztendliche Ergebnis, sonder es ist die Ursache für das letztendliche Resultat, welches die Buddhaschaft ist. Bodhisattvas verwirklichen die Natur der Leerheit. Sie verwirklichen die Natur des Geistes als gänzlich offen oder leer, frei von jeglicher Begrenzung des begrifflichen Intellekts. Sie ist leer, sie ist strahlend und sie ist ungehindert mitfühlend. Dies ist die grundlegende Buddha-Natur, die Natur von Samsara und Nirvana. Sie realisieren sie so wie sie ist. Was sie jedoch nicht verwirklichen ist die reine Vision hinsichtlich der phänomenalen Existenz.

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ungehindert durch den Körper. Um diese Erfahrung zu gewährleisten, hält man die Luft im Nabelzentrum, indem man entweder die große oder kleine Vase ausführt. Dann lernt man die Bewegungen der essentiellen Flüssigkeiten durch das Kontrollieren der Luft zu beherrschen. Wenn die Reinigung vollständig ist, werden die Kanäle als der Nirmanakaya erfahren, der Wind oder die Luft wird als der Sambhogakaya verwirklicht und die essentiellen Flüssigkeiten werden als der Dharmakaya realisiert. Dies ist die letztendliche Verwirklichung des Anuyoga-Praktizierenden und dies sind dann wie schon ausgeführt die drei Mandalas. Alle diese Fahrzeuge bis herauf zum Anuyoga beinhalten höhere und niedere Sichtweisen. Ihnen gemeinsam ist, dass sie das Gewahrsein des Geistes als solches aufrecht halten. Die Erfahrung der Leerheit ist die leere Natur des Geistes. Klarheit ist die strahlende Natur des Geistes. Daher ist die Ebene der Verwirklichung noch immer eine mentale Erfahrung. Die Erfahrung von Samsara und Nirvana ist die reine Wahrnehmung der Gottheiten und des Mandalas, wie dies vom Geist wahrgenommen wird. In den verwendeten Begriffen ist dies das Spiel des Geistes oder der innewohnenden Natur des Geistes. Dies berührt nicht Rigpa, reines Gewahrsein, weil dieses Gewahrsein nicht verwirklicht wird, solange der Verstand tätig ist. In allen acht Fahrzeugen bis zum Anuyoga gibt es immer noch die Spur einer Präsenz des Verstandes. Dies jedoch unterscheidet Atiyoga von den acht als den Gipfel aller Pfade. Es kommt nur imAtiyoga vor, dass eine klare Unterscheidung zwischen Geist und uranfänglicher Weisheit gemacht wird. Bei der Erfahrung der uranfänglichen Weisheit, wobei der Geist aufhört zu bestehen, bestehen auch die Konzepte der drei Zeiten nicht länger. Ohne jegliche begriffliche Konstrukte zu vermischen, existiert Rigpa in ihrer eigenen nackten spontanen Präsenz. Dies wird nur durch die Herzensanweisungen eines geeigneten Lamas, jemanden, der selbst Rigpa verwirklicht hat, erlangt. Die Anweisungen werden mündlich gegeben, von einem Lama, der das volle Gewahrsein dieser Anweisungen hat und dies einem Schüler darlegt. Dann praktiziert man die Erfahrung von Rigpa als die Natur des Geistes, aber man verwendet den Geist nicht mehr länger für die Erfahrung, welche Rigpa ist. Dies wird durch die Praxis von Trekchöd gemacht, die die Basis des Pfades ist und dann durch den Pfad von

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der Vollendungsaspekt von ihr: Leerheit. Am Ende der Praxis löst sich die gesamte Erscheinung oder Projektion der Selbstnatur, die die Gottheit und das Universum als uranfängliches Weisheitsmandala oder der Palast ist, in die eine Essenz und dann in nicht-begriffliches Gewahrsein auf. Das ist die Vollendungsstufe von der Erzeugungstufenpraxis. Indem man diese beiden vereint, verwirklicht man Buddhaschaft. Die eigene Buddha-Natur wird verwirklicht. Dies ist die Art der Erzeugungsstufe Mahayoga. Die nächste innere Mantra-Praxis ist Anuyoga, die wiederum etwas anders ist. Die entscheidende Faktor hier ist, dass das äußere Universum als das Spiel oder der Ausdruck der grundlegenden Buddha-Natur erfahren wird. Betrachtet man dies etwas näher, wird die grundlegende Buddha-Natur, die Natur des Geistes, als leer begründet und frei von jeglichen Begrenzungen des begrifflichen Intellekts. Sie ist völlig offen und diese Offenheit ist die Sphäre der uranfänglichen Mutter, Kuntuzangmo. Die Erscheinung dieser Sphäre ist jegliche Erscheinung: phänomenale Existenz, äußerlich und innerlich. Der eigene Geist und alle Gedanken und Konzepte, die im Geist erscheinen werden als das Spiel des Mandalas des Vaters, Kuntuzangpo, des uranfänglichen Buddhas, erfahren. Diese beiden sind in Vereinigung: die leere Natur und die Klarheit, der Ausdruck der Erscheinung, die aus dieser leeren Natur entstehen. Die Vereinigung dieser beiden ist der Sprössling, das Kind der Großen Wonne, das dritte Mandala. Um diese drei Mandalas des Vaters, der Mutter und des Ausdrucks der Vereinigung der beiden, das Kind, zu verwirklichen, praktiziert man mit den Kanälen, Winden und essentiellen Flüssigkeiten. Um das Gewahrsein des Spiels der angeborenen Buddha- Natur zu realisieren, muss der Praktizierende des Anuyoga die Kanäle, Winde und Tropfen bis zu dem Punkt reinigen, wo diese als die drei Kayas verwirklicht werden. Dies wird durch das Ausführen der inneren Yoga- Techniken gemacht. Zuerst einmal muss man die Kanäle durch das Einnehmen einer korrekten Sitzhaltung strecken. Wenn die Kanäle gerade sind, sind die essentiellen Flüssigkeiten in der Lage, ganz rein, ohne Behinderung zu fließen. Auf diese Weise öffnen sich die Chakras, die Netzwerke der Kanäle und die essentielle Flüssigkeiten von Vater und Mutter, männliche und weibliche, fließen

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In den sechs Tantras, die nun folgen, den sechs Mantra-Fahrzeugen, wird die Sicht von Shunyata, der Verwirklichung der Natur der Leerheit in alle sechs Pfade aufgenommen. Diese Sicht wurde durch die Bodhisattvas auf der Sutra-Stufe verwirklicht und ins Mantra aufgenommen. Auf dem Mantra-Pfad integriert man die Verwirklichung der Leerheit mit der reinen Wahrnehmung, welche die Wahrnehmung der phänomenalen Existenz in ihrer alles durchdringenden ursprünglichen Reinheit ist. Mantra arbeitet mit den Erscheinungen vom Standpunkt der Leerheit aus und die sechs verschiedenen Mantra-Klassen haben etwas verschiedene Annäherungen. Die drei äußeren Mantra-Klassen sind Kriya-, Upa- und Yoga-Tantra. Im Kriya-Tantra wird die Natur des Geistes als leer angesehen und frei von jeglicher Begrenzung, verwirklicht gemäß dem Bodhisattva-Sutra-Pfad. In diesem Gewahrsein der Leerheit verwirklicht man, dass aller Ausdruck der relativen Wahrheit Äußerungen der leeren Natur sind. Wenn dann die Methode des Gottheiten-Yoga dafür angewandt wird, beginnt man die Gottheiten anstelle von gewöhnlichen Erscheinungen zu visualisieren und dies verringert die Macht der relativen Erscheinungen, sodass diese nicht länger als unrein erfahren werden. Der Kriya-Yogi beginnt sie als rein zu erfahren, aus einer Sichtweise der reinen Wahrnehmung. Dies ist eine Idee davon, wie Verwandlung auf der Stufe des Kriya-Yoga stattfindet; es ist wie die Verwandlung von Eisen in Gold. Im Upayoga ist die Sicht gemäß dem Yoga-Tantra und das Verhalten ist entsprechend dem Kriya-Tantra. Es ist eine Art Kombination dieser beiden. Die Sicht ist, dass alle objekthaften Erscheinungen als der Ausdruck des Geistes erkannt werden, dass sie nur aus dem Geist entstammen. Weil die Natur des Geistes leer ist, erfährt der Praktizierende des Yoga-Tantra Erscheinungen und den Geist, Phänomene und der Geist sind untrennbar von einem Geschmack. Dadurch kommen sie zur Erfahrung der reinen Wahrnehmung auf einer Mantra-Ebene. Kriya, Upa und Yoga-Yanas werden als die allgemeinen Pfade des Mantras angesehen. Sie werden von den Schulen der späteren Übersetzung genauso akzeptiert wie von den ursprünglichen Schulen. Sie beziehen sich ebenso auf die Erzeugungsstufe Mahayoga, die Vollendungsstufe Anuyoga und die

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Stufe der Großen Vollkommenheit Atiyoga. Sie werden auch in Vater-Tantra und Mutter-Tantra eingeteilt. Diese drei inneren Tantra-Schulen oder Mantra- Klassen sind Pfade, durch die Buddhaschaft in einem Körper in einem Leben verwirklicht wird; sie sind äußerst geschwind. Betrachten wir einmal die erste mit ihren besonderen Merkmale etwas näher, welche die Erzeugungsstufe Mahayoga ist, bei der eine äußerst reine Sicht verwirklicht wird. Die phänomenale Existenz wird als das uranfängliche Mandala der Weisheitsgottheiten erfahren. Es gibt keine Trennung zwischen Samsara und Nirvana mehr. „Phänomenale Existenz“ bezieht sich auf Samsara und Nirvana. Beide werden als der ursprüngliche Ausdruck des himmlischen Palastes der Weisheitsgottheiten erfahren, was eigentlich das Universum ist oder die Erscheinungen und die fühlenden Wesen, alle körperlichen Formen erscheinen als männliche und weibliche Weisheitsgottheiten. Der Grund, warum der Praktizierende nicht fähig ist, die reine Sicht ohne Praxis zu erfahren, ist nur wegen des Mangels an Gewahrsein und dem Zustand der Verschleierung, die gemäß diesem Gewahrseinsmangel entstanden ist. Auf dieser Stufe der Mantra-Praxis beseitigt man die Verdunklungen durch das direkte Wahrnehmen der reinen Natur wie sie ist und schon immer gewesen ist. Der Praktizierende dieser Stufe sieht Erde oder Wasser oder Feuer oder Luft nicht mehr als gewöhnliche Elemente, sondern vielmehr als die fünf Dakinis. Wasser ist die Dakini Mamaki; Feuer ist die Dakini Gökarmo usw. Der Praktizierende sieht Form nicht mehr auf gewöhnliche Weise oder hört Klang auf gewöhnliche Weise oder erfährt Geruch oder Geschmack oder Berührung auf gewöhnliche Weise. Vielmehr werden die Sinne als die fünf Buddhas in ihrer reinen Natur erfahren. Die Kanäle, Winde und essentiellen Flüssigkeiten werden als die drei Kayas erfahren. Diese Art von Erfahrung kommt durch die Übung in der Selbstnatur als Weisheitsgottheit und dem Erzeugen des Gewahrseins vom Universum als das Mandala der Gottheiten. Der Hauptfokus in der Praxis des Mahayoga ist die Erzeugung, das hervorbringende Gewahrsein, welchem die Auflösung dessen in die Natur der Leerheit folgt: Erzeugung gefolgt von Auflösung. Wenn man Gewahrsein erzeugt, sieht man nichts Neues, das durch das Gewahrsein als neue Erfahrung hervorgebracht hat. Man erzeugt Gewahrsein von der ursprünglichen Natur

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wie sie schon immer war. Grundlegend sind dies die Hauptmerkmale des Mahayoga. Es gibt viele Gepflogenheiten für die Meditation über die Gottheiten und ihre Abstammung wird entsprechend der Zeit, der Klasse und der Fähigkeit oder Kapazität klassifiziert. Zeit bezieht sich auf Zeitalter, jenen Zeitaltern, während dieser die Buddhas diese Lehren dargelegt haben. In verschiedenen Zeitaltern haben die Buddhas verschiedene Methoden für die Meditation über die Gottheiten gelehrt. Dies ist einer der Gründe für die Unterschiede. Ein weiterer Grund ist entsprechend der Klassenunterschiede zwischen den Wesen. DenAngehörigen der Königsklasse hat der Buddha die Lehren auf eine bestimmteArt dargelegt, den Kriegern auf eine andereArt und den Brahmanen wieder auf eine andere Art usw. Und wie ich schon ausgeführt habe, aufgrund der verschiedenen Fähigkeiten, den verschiedenen Gewahrseinsfeldern der Wesen, wurden die Lehren dementsprechend dargebracht. Ein anderer Grund für die verschiedenen Arten der Meditation über Gottheiten entsprechend dem Mahayoga besteht, weil es verschiedene Arten der Wiedergeburt im Daseinskreislauf gibt. Es gibt nur vier Arten, wie Bewusstsein in einen Körper von jemandem der sechs Klassen der zyklischen Existenz eintreten kann. Wiedergeburt entsteht aus einem Schoß, aus einem Ei, aus der Vereinigung von Hitze und Feuchtigkeit oder spontan. Es muss eine dieser vier sein. Wenn wir auf die Gottheiten meditieren, gibt es verschiedene Methoden abhängig von den Bedürfnissen des Individuums, die gewohnheitsmäßige Neigung eine dieser vier Arten der Wiedergeburt zu ergreifen, zu reinigen. Dies sind einige der Gründe, warum es viele verschiedene Arten der Erzeugungsstufe in den Mahayoga-Praktiken gibt. Weiters müssen wir immer bedenken, dass die Erzeugungsstufe Mahayoga untrennbar von der Vollendungsstufe ist. Wenn wir die Selbstnatur als Gottheit visualisieren, haben wir das Gewahrsein von der Präsenz der Gottheit. Zur gleichen Zeit müssen wir ein Gewahrsein von der Natur haben, leer zu sein, wie eine Spiegelung, die in einem Spiegel erscheint. Obwohl die Gottheit sehr deutlich erscheint, ist ihre Natur leer. Daher ist der Aspekt der Erzeugung die Erscheinung, die Gottheit, welche deutlich, lebendig, aber dennoch leer in ihrer Natur ist. Die Eigenschaft, die diese Reflexion im Spiegel hat, ist

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