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SOZIALDEBATTE

Verschämte Klassengesellschaft

Unterschicht - darüber spricht man in Deutschland nur ungern. Doch durch Verschweigen werden soziale Unterschiede nicht kleiner.

VON Hans-Ulrich Wehler | 23. November 2006 - 13:00 Uhr

In den vergangenen Wochen hat die bundesrepublikanische Öffentlichkeit ein bizarres Schauspiel erlebt: Die von ihren internen Konflikten gebeutelte Große Koalition war sich in einem verblüffenden Punkt plötzlich einig, nämlich dass es hierzulande keine Unterschicht gebe. Der SPD-Parteivorsitzende Kurt Beck hatte diesen Begriff gebraucht und damit eine heftige Debatte ausgelöst. Sie lief im Kern darauf hinaus, die – eigentlich unbestreitbare – Existenz schlichtweg und wortreich zu leugnen. Nur eine Studie der Friedrich-Ebert- Stiftung zu politischen Einstellungen und Wertemustern erlaubt unter dem Kunstbegriff des »Prekariats« einen Blick, der die Schichtungspyramide wenigstens streift.

Eine Vogel-Strauß-Taktik, die einem den Atem verschlägt: Denn nirgendwo auf der Welt hat es bisher, in welchem Kulturkreis auch immer, Gesellschaften ohne ausgeprägte Sozialhierarchie gegeben, zu der auch stets Oberklassen, Eliten und Unterschichten gehören. Warum nur darf in Deutschland nicht darüber geredet werden? Hofft man, dass Beschweigen unser Land davor bewahrt, ein System der sozialen Ungleichheit, eine in oben und unten gegliederte Stratifikationsordnung auszubilden?

Die zeitgeschichtlich interessierte Soziologie hat sich in drei vorzüglichen Handbüchern von Rainer Geißler, Bernhard Schäfers und Stefan Hradil (die alle in hoher Auflage, dazu als Taschenbücher erschienen sind) durchaus darum bemüht, ein möglichst exaktes Bild der westdeutschen, später der gesamtdeutschen Sozialstruktur zu präsentieren. Doch alle wissenschaftlichen Anstrengungen waren offenbar für die Katz – was die Aberhunderte von Volksvertretern im Bundestag angeht. Außer den Abgeordneten des Steinzeitmarxismus der Linkspartei hat keiner sachkundige Kritik an dieser entschlossenen Leugnung der Wirklichkeit angemeldet.

Ob wirklich Leute an die nivellierenden Wirkungen der »Sozialpartnerschaft« glauben? Hat die auffällige Konfliktarmut in den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften die Sinne derart eingelullt, dass die Empirie der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr wahrgenommen wird? Ist den Deutschen das Reden in Klassenbegriffen besonders zuwider? Aber wie soll eine realitätsangemessene Gesellschaftspolitik betrieben werden, wenn die strukturellen Unterschiede in der deutschen Gesellschaft ignoriert, verdrängt, rundheraus bestritten werden?

Die Bundesrepublik kennt kein militantes Klassenbewusstsein

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Zu den Ergebnissen einer erfolgreich durchgesetzten Marktwirtschaft gehört nun einmal auch die Ausbildung einer Marktgesellschaft, in welcher die Organisationsprinzipien des Marktes weithin die sozialen Beziehungen regieren – das mag man beklagen, aber durch Verschweigen ändert man es nicht. Auf Arbeitsmärkten wird zum Beispiel die Leistungskapazität der Individuen zu Marktpreisen abgerufen (oder eben nicht honoriert). Dadurch entstehen große Sozialverbände mit einer gemeinsamen Mentalität: Max Weber hat sie treffend »marktbedingte Klassen« genannt. Das aggressiv aufgeladene Klassenbewusstsein von Proletariat und Bourgeoisie ist nur ein extremer, vergänglicher Sonderfall dieser Mentalität gewesen.

Die marktwirtschaftlich durchstrukturierte Bundesrepublik hat selbstverständlich, wenn auch in milderer Form, ebenfalls Marktklassen hervorgebracht, und wen der Markt ausspie, den hat sie mit Transferleistungen in die sozialstaatlichen Versorgungsklassen befördert. Allerdings hat die Bundesrepublik als Folge der Nivellierungstendenzen im »Dritten Reich« sowie in der Kriegs- und Nachkriegszeit kein militantes Klassenbewusstsein gefördert.

Wegen der Wohlstandsexplosion während des »Wirtschaftswunders« (1950 bis 1973) mit seiner Vervierfachung des Einkommens, wegen der Expansion der materiell abgepolsterten mittleren Klassenlagen (in welche die Angestellten- und Facharbeiterschaft längst aufgestiegen ist) und aufgrund des »Fahrstuhl-Effekts« (Werner Sombart), der den Lebensstandard der westdeutschen Wachstumsgesellschaft ganz allgemein angehoben hat, tritt soziale Ungleichheit bei uns nicht mehr so verletzend, so provokativ ins allgemeine Bewusstsein wie etwa im 19. Jahrhundert.

Dennoch gibt es hinter der Fassade des Aufstiegs schroffe und unübersehbare Disparitäten. Die klassischen Kriterien der Ungleichverteilung von Macht- und Herrschaftschancen, von Einkommen, Vermögen und sozialem Prestige sind längst durch Merkmale wie Alter, Geschlecht und Herkunft aus ethnischen Verbänden, von Wohnlage und Gesundheitszustand ergänzt worden.

Einige Beispiele: Eine neubürgerliche Oberklasse, die allerdings durch zahlreiche Kontinuitätslinien mit älteren Familiendynastien verbunden ist, repräsentiert einen bemerkenswerten Anteil der Vermögens- und Einkommenswerte. Die obersten zwölf Prozent aller bundesdeutschen Haushalte besaßen zum Beispiel 1986 60 Prozent aller statistisch erfassten Vermögenswerte; einem Viertel aller Haushalte gehörten 80 Prozent des Privatvermögens. Die unteren 30 Prozent erreichten dagegen nur sage und schreibe 1,5 Prozent. 1990 besaß das reichste Fünftel der Haushalte 63 Prozent des Nettogeldvermögens, die unteren 40 Prozent kamen dagegen auf nur mehr 4,5 Prozent.

Die Verteilung des Geldvermögens ist in den ersten vier Jahrzehnten der Bundesrepublik auffallend stabil geblieben. Bereits in den sechziger Jahren hatte der Ökonom Wilhelm Krelle in einer sorgfältigen Analyse ermittelt, dass die winzige Minderheit von 1,7 Prozent aller Haushalte über 74 Prozent des Produktivvermögens und 35 Prozent des

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Gesamtvermögens verfügte. Dreißig Jahre später ergab seine Kontrolluntersuchung einen nahezu identischen Befund.

Auch die Grundstruktur der Einkommensverteilung ist über die Jahrzehnte hinweg (während sich der statistische Durchschnitt der Bezüge vervierfachte) erstaunlich konstant geblieben. 1950 erhielt das oberste Fünftel 45,2 Prozent. 1990 waren es 43,5 Prozent; das unterste Fünftel hatte zuerst 5,4, nach vierzig Jahren egalitärer Transferpolitik 7,4 Prozent. Die Lage der drei mittleren Fünftel blieb mit 49,6 Prozent stabil.

Die Aufteilung des Einkommens auf die Haushalte bestätigt mithin in einem verblüffenden Maße die Kontinuität dieser Distributionsordnung. Auch die neueste Einkommensanalyse, die für 1995 40 Millionen Steuerpflichtige erfasst hat, bestätigt die eklatante und dauerhafte Ungleichverteilung: Danach bezogen die reichsten zehn Prozent 30,5 Prozent des Nettogeldeinkommens – das Achtundzwanzigfache der unteren zehn Prozent.

Im Übrigen hat sich, wie seit Ronald Reagan in den USA und seit Margaret Thatcher in England, auch in der Bundesrepublik der Trend weiter verfestigt, dass an der Spitze der Sozialhierarchie Vermögen und Einkommen so drastisch zunehmen, dass bereits im gehobenen Bürgertum die sich vergrößernde Kluft, die es von dieser Plutokratie trennt, scharf empfunden wird. Die Reichen werden auch in Deutschland immer reicher. Der Einkommens- und Vermögensabstand zwischen der Spitzenposition und den Arbeitern hat sich kontinuierlich vergrößert. Soeben hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung diesen Befund erneut bestätigt: In den letzten zehn Jahren hat das unterste Zehntel der Bundesbürger 5 Prozent seines Anteils am Gesamtvermögen verloren, das oberste Zehntel dagegen mehr als 1 Prozent hinzugewonnen. In Ostdeutschland beträgt der Verlust sogar 14 Prozent, der Gewinn 5 Prozent.

Angesichts solcher Daten fragt man sich, wie sich das Ungleichheitsgefälle, und mithin auch die Existenz von Unterklassen, überhaupt leugnen lässt. Die Armut, die maximal neun Prozent der Erwerbstätigen (keineswegs also das oft beschworene »abgehängte« Drittel) erfasst, lenkt den Blick ja nur auf eine ganz spezifische Dimension der Ungleichheit – aber materielle Armut ist eben bei weitem nicht ihr einziger Aspekt. Der Ausschluss von Herrschaftspositionen, von Vermögen und sozialer Ehre, die Diskriminierung auf dem Feld der Gesundheitsfürsorge, des Wohnens, der Freizeitgestaltung oder des Bildungszugangs für Kinder – sie betreffen ja noch ungleich mehr Unterklassenangehörige.

Betrachtet man nicht nur Reichtum und Einkommen, sondern soziale Herkunft, Sprachkompetenz, Schul- und Universitätsausbildung, also – mit Pierre Bourdieu gesprochen – soziales und kulturelles Kapital der Familien, dann fördert die Elitenforschung zusätzliche aufschlussreiche Daten über Ungleichheit zutage. Die administrative Elite zum Beispiel stammte bis zum Ende der achtziger Jahre zu 44 Prozent aus den Familien höherer Beamter.

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Die offenere politische Elite, in die das Schleusenwerk der Parteien und Verbände auch Außenseiter hineinträgt, rekrutierte sich ebenfalls zur Hälfte aus Familien von höheren Beamten und Angestellten, mithin aus den oberen Mittelklassen. An Homogenität wurde sie von der Justizelite weit übertroffen, die durch eine massive Dominanz des Beamtentums, vor allem durch eine hohe Selbstrekrutierung aus Juristenfamilien bestimmt ist. Am weitesten fortgeschritten ist, entgegen dem Mythos von der »offenen Leistungsgesellschaft«, die elitäre Schließung in der Wirtschaftselite der Vorstände und Aufsichtsräte. Bis 1995 stammten ihre Angehörigen zu 80 Prozent aus dem Großbürgertum und dem gehobenen Bürgertum, namentlich aus Unternehmerfamilien.

Auch eine zielbewusste Sozialpolitik kommt nur millimeterweise voran

Es entspricht übrigens diesen Rekrutierungskanälen, dass auch die Heiratsmärkte überwiegend homogen sind, denn die soziale Schließung führt dazu, dass 60 bis 80 Prozent der Ehen im selben sozialen Milieu geschlossen werden. Die Klassenhierarchie reguliert noch immer weithin die Eheschließungen. Auch die Liebe führt an erster Stelle unter Klassengleichen zu einer formellen Bindung.

Die Einkommens- und Vermögensverteilung, der Zugang zu mächtigen, gut dotierten Positionen im Staatsapparat und in der Wirtschaftsverwaltung beruhen auf dem Ergebnis langlebiger Prozesse. All diese Phänomene besitzen eine erstaunliche Kontinuität und sind auch im Sinn der verbesserten Chancengerechtigkeit nur äußerst schwer zu korrigieren. Eine zielbewusste Sozialstaatspolitik vermag auf diesem Feld beim besten Willen nur millimeterweise voranzudringen.

Offene Diskussionen, auch über Reichtum, sind notwendig: Völlig verfehlt ist in diesem Zusammenhang der immer wieder auftauchende Vorwurf des Sozialneids, wenn nüchterne Daten zur sozialen Ungleichheit angeführt werden. Ebenso kurzatmig ist freilich die Anklage aus der SPD-Linken, dass die Wurzel allen Übels in Schröders Agenda 2010 liege:

Die hat die »Unterschicht«, über die endlich gesprochen werden muss, nun wirklich nicht geschaffen.

Besaß die Linke bisher eine honorige Tradition der Sozialkritik, ignoriert sie jetzt vollständig die historische Tiefendimension der Probleme, welche in der Sozialstruktur der Bundesrepublik gespeichert sind.

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler ist Emeritus der Universität Bielefeld und arbeitet am Abschluss des fünften Bandes seiner »Deutschen Gesellschaftsgeschichte« in der Zeit von 1949 bis 1990

COPYRIGHT: DIE ZEIT, 23.11.2006 Nr. 48 ADRESSE: http://www.zeit.de/2006/48/Unterschicht