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Hoimar von Ditfurth

Der Geist fiel nicht vom Himmel


- Die Evolution unseres Bewusstseins -

Das grün-rote Ornament auf dem vorderen und hinteren Inneneinband (s. Abbildung 17) dient nicht etwa
dekorativen Zwecken. Es gibt vielmehr Gelegenheit, sich eine der zentralen Informationen dieses Buchs vor
Augen zu führen: Die Tatsache, dass unser Gehirn die Welt nicht etwa so abbildet, »wie sie ist«, sondern als
das Ergebnis eines komplizierten Verarbeitungsprozesses. Man betrachte den farbigen Teil des Musters bei
heller Beleuchtung mindestens 3 Minuten lang aus etwa 60 cm Entfernung. Während dieser Zeit müssen die
Augen ständig wandern und etwa gleich lange auf den roten bzw. den grünen Flächen ruhen.
Wenn man anschließend die ungefärbten Teile des Musters betrachtet, sieht man (ganz schwache) Farben,
die von der Orientierung der schrägen Linien abhängen: wo diese sich nach rechts neigen, sieht man ein
fahles Rot, und wo sie nach links geneigt sind, ein blasses Grün. Man braucht das Muster nur um 90° zu
drehen (oder den Kopf um den gleichen Betrag seitlich zu neigen), dann sind die vorher grün erscheinenden
Gebiete plötzlich rot und umgekehrt.
Dieser Wechsel zeigt, dass es sich nicht um ein gewöhnliches »Nachbild« handelt, sondern um eine im
Gehirn erfolgte Assoziation zwischen Schraffurverlauf und Färbung. Der (unbedenkliche) Effekt kann
wochenlang anhalten, wenn man das farbige Muster länger - etwa 6 bis 8 Minuten - betrachtet.
Die Bedeutung dieses erst vor wenigen Jahren entdeckten Effekts ergibt sich aus der Einsicht, dass das
Abbild der Welt, das unser Gehirn liefert, ganz sicher durch eine Fülle ähnlicher - von uns zum größten Teil
noch gar nicht durchschautet - Phänomene geprägt ist.

Meinem Freund Gottlieb v. Conta

1. bis 100. Tausend 1976


© Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1976
Abbildungen: E. Poell und Jörg Kühn, Heidelberg

ISBN 3-455-08967-4

1
Einleitung
Der Geist fiel nicht vom Himmel

Eine der zentralen Entdeckungen der modernen Wissenschaft ist die Einsicht, dass die
Beständigkeit, in der sich die Welt unserem Erleben präsentiert, nur scheinbar ist. Sie ist nichts als
eine optische Täuschung, hervorgerufen durch die relativ zu kurze Lebensdauer des menschlichen
Beobachters. Alles, was im Universum existiert, ist das vorläufige Ergebnis einer seit unvorstellbar
langer Zeit ablaufenden Entwicklung, die wir neuerdings bis zu jenem fernen Punkt
zurückzuverfolgen gelernt haben, der als der Anfang der Welt anzusehen ist.
Was vor diesem Punkt war, bleibt uns verschlossen. Warum es einen Anfang gab, ist eine
unbeantwortbare Frage. Auch der Ursprung der Struktur der Urmaterie, der Bau des
Wasserstoffatoms, ist für uns in dem Geheimnis dieses Anfangs und seiner Ursache verborgen.
Alles das aber, was sich aus diesem Anfang ergeben hat, ist ein legitimer und grundsätzlich
zugänglicher Gegenstand naturwissenschaftlicher Untersuchung.
Der nächste Schritt der Erkenntnis bestand in der Entdeckung, dass die Entwicklung kontinuierlich
ist, in sich geschlossen. Es gibt nicht, wie wir zuerst glaubten, eine kosmische Entwicklung der
toten Dinge, der Gase, Sonnensysteme und Spiralnebel, und daneben eine unabhängig vom
kosmischen Geschehen auf der Oberfläche unseres - und anderer Planeten sich vollziehende
biologische Evolution. Aus der rasch anwachsenden Fülle fast unübersehbar vieler Einzelbefunde
aus den verschiedensten naturwissenschaftlichen Disziplinen ergab sich in den letzten Jahren ein
ganz anderes Bild.
Wir beginnen heute zu begreifen, dass die Aufeinanderfolge ganzer Fixsterngenerationen die
Ursache gebildet hat für die sich im Ablauf von Jahrmilliarden abspielende Erzeugung der 92
Elemente, aus denen alles besteht, was uns umgibt. Die Astrophysiker und Chemiker haben
herausgefunden, dass die Eigenschaften der durch diesen kosmischen Prozess aus dem Wasserstoff
des Anfangs hervorgegangenen Elemente ihren Zusammenschluss zu Molekülen immer
komplizierterer Struktur unausweichlich zur Folge haben mussten. Das geschieht, wie moderne
radioastronomische Beobachtungen beweisen, sogar heute noch im freien Weltraum. Um so rascher
vollzog sich der Prozess auf der Oberfläche von Planeten, deren Gravitation die Moleküle auf
engstem Raum konzentrierte.
Biochemiker und Entwicklungsforscher haben in den vergangenen Jahren auf vielfältige Weise die
Einwände widerlegt, die jahrzehntelang gegen die Wahrscheinlichkeit ins Feld geführt worden sind,
dass der Zusammenschluss der Moleküle aus der gleichen, inneren Gesetzlichkeit weiter
fortschreiten musste bis zu einem Niveau der Kompliziertheit, das den Beginn der biologischen
Phase der Entwicklung einleitete. Zwar kolportieren mangelhaft oder einseitig Gebildete statistische

2
»Gegenargumente« gegen diesen Schritt bis auf den heutigen Tag. Wer jedoch bereit ist, die
vorliegenden experimentellen Ergebnisse und Beobachtungsdaten zur Kenntnis zu nehmen, kann
sich leicht davon überzeugen, dass die Materie unter dem Einfluss der Naturgesetze nicht nur
Sonnen- und Milchstraßensysteme, sondern auch lebende Strukturen hervorbringen musste. So, wie
die Naturgesetze sind, und so, wie die Materie beschaffen ist, war die Entstehung von Leben -
genügend große Zeiträume vorausgesetzt - nicht nur wahrscheinlich, sie war unausbleiblich.
In diesem Buch wird die Ansicht vertreten, dass das auch für unseren Geist gilt. Ich bin überzeugt,
dass das heute vorliegende wissenschaftliche Material bei aller Lückenhaftigkeit unseres Wissens
ausreicht, um nachzuweisen, dass die Materie im Verlaufe des gleichen Entwicklungs-Prozesses
auch psychische Phänomene - Empfindungen und Gefühle, Wahrnehmungsvorgänge und
schließlich ein Bewusstsein - mit Notwendigkeit hervorbringen musste.
Wenn man die Tatsache der chemischen und einer sich an diese Phase anschließenden biologischen
Evolution anerkennt und voraussetzt, ebenso die Tatsache des Fortschreitens dieser Evolution zu
immer komplizierteren Strukturen und Leistungen, dann erweist sich auch das Auftreten
psychischer Phänomene im Verlaufe der biologischen Weiterentwicklung als unausbleibliches
Ereignis.
Mir ist klar, dass eine solche These zunächst mehr Vorurteile und Missverständnisse wecken kann,
als sich in einer kurzen Einleitung ausräumen lassen. Nur auf zwei werde ich kurz eingehen. Das
erste betrifft den Vorwurf des »Materialismus«. Wer ihn gegen den hier vertretenen Aspekt - die
Einbeziehung der psychischen Dimension in den naturgeschichtlichen Evolutionsprozess - erhebt,
zielt auf jene Ideologie, die Ernst Bloch als »Klotzmaterialismus« verspottete.
Nun lässt sich nicht leugnen, dass diese primitive Variante im naturwissenschaftlichen Denken
vorübergehend eine gewisse Rolle gespielt hat. Das gilt allerdings für eine Epoche, die inzwischen
seit drei Generationen überwunden ist. Man sollte der Naturwissenschaft diese Jugendsünde der
ohnehin auch in der schlimmsten Zeit nur ein Teil ihrer Vertreter verfallen war heute daher nicht
länger vorhalten. Vor allem aber: diese Primitivideologie ist hier nicht gemeint.
Nicht ohne Grund habe ich eben die Anerkennung der Tatsache einer chemischen und biologischen
Evolution als Voraussetzung der Möglichkeit genannt, den hier gemeinten Aspekt verstehen zu
können. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass wir - aus geistesgeschichtlich leicht
rekonstruierbaren Gründen - die Materie jahrhundertelang in groteskem Maß unterschätzt haben.
Dieser Umstand hat die Einsicht in die Natur dieser Welt unnötig lange aufgehalten.
Wer sich darauf versteift, die Materie materialistisch misszuverstehen, wer diesen Begriff nur von
ideologischen Assoziationen belastet denken kann, der allerdings muss bei der Betrachtung
moderner naturwissenschaftlicher Befunde schon sehr früh in Schwierigkeiten kommen, spätestens
beim Übergang von der chemischen zur biologischen Evolution. Wer die Entwicklung in Gedanken
aber bis an den Anfang zurückverfolgt, dem geht auf, in welchem Maße wir der Materie unrecht
3
getan haben. Er entdeckt in der Struktur des Wasserstoffatoms - als der Materie des Uranfangs, aus
der alles hervorgegangen ist, was heute existiert - den unübersehbaren Hinweis auf eine jenseits
unserer Wirklichkeit gelegene Ursache der Welt 1.
Ist es dann aber womöglich »Biologismus«, wenn man die Ansicht vertritt, dass es im Ablauf der
Evolution eine Stelle gegeben haben muss, an der die biologische Weiterentwicklung die
Entstehung psychischer Erscheinungen zur Folge hatte? Doch nur dann, wenn man gleichzeitig
bestritte, dass sich damit erstmals eine grundsätzlich neue Dimension der Wirklichkeit auftat. Wer
biologistisch denkt, wer also meint, Seelisches durch Biologisches erklären zu können - etwa als
lediglich besonders komplizierte Form physiologischer Prozesse -, der hat nicht verstanden, was
Evolution ist.
Das Wesen dieser universalen Entwicklung, die identisch ist mit der Geschichte der Welt, ist es
gerade, dass sie mit naturgeschichtlicher Unausweichlichkeit Schicht auf Schicht Neues
hervorbringt. Eben: Schicht auf Schicht. Da fällt nichts vom Himmel. Da ist nichts unvermittelt
plötzlich da, was es vorher nicht gab. Da entsteht in einem kontinuierlichen Schöpfungsprozess das
Neue aus dem Alten: Da schließen sich Elemente zu Molekülen zusammen, mit neuen, bis dahin
unbekannten Eigenschaften, die Möglichkeiten eröffnen, die sich nicht vorhersagen ließen. Eine
dieser Möglichkeiten war der Zusammenschluss bestimmter dieser Moleküle zu Strukturen, welche
die Regeln, nach denen sie selbst aufgebaut waren, in sich enthielten. Das führte zu der grundlegend
neuartigen Fähigkeit der Selbstverdoppelung und damit für unser nachträgliches Verständnis zum
fließenden und zeitraubenden Übergang von toter zu belebter Materie.
Hier entsteht also fortwährend Neues. Wäre es nicht so, dann wäre die Welt heute noch leer. Aber
das Neue bildet sich in jedem Falle, ohne jede Ausnahme, auf dem Fundament des Gegebenen. Es
geht aus dem Alten hervor, es entsteht auf jeder Stufe durch eine Verwandlung des Alten. Jeder
einzelne Schritt für sich bildet so etwas wie einen Abschluss. Jede einzelne Stufe der Entwicklung
wirkt in sich geschlossen, scheinbar vollkommen. Es ist bei aller Großartigkeit der Evolution
vielleicht ihr faszinierendster Aspekt, dass sie so nie zum Stillstand kam, weil jede Stufe, die sie
erreichte, gleichbedeutend war mit neuen Möglichkeiten, durch die sie stets von neuem in Gang
gesetzt wurde.
Auch unser Geist also, das ist die These dieses Buches, muss aus dieser Entwicklung
hervorgegangen sein. Woher sonst sollte er stammen? Den Inhalt dieses Buches bildet der Versuch,
den Weg, den die Entwicklung an der für diesen Übergang entscheidenden Stelle genommen haben
muss, an Hand des bis heute vorliegenden wissenschaftlichen Materials nachzuzeichnen. Das ist
keineswegs lückenlos möglich, sondern nur in der Form einer Skizzierung der wichtigsten
Entwicklungslinien. Das Bild ist aber deutlich genug, um dem, der es unvoreingenommen
1
Wer sich für Einzelheiten interessiert, den muss ich auf mein Buch »Am Anfang war der Wasserstoff « (1972) verweisen, in dem der Prozess der
Entfaltung der Materie vom Wasserstoff des Ur-Anfangs bis zur Entwicklung der höheren Lebewesen auf der Erde eingehend und unter
Berücksichtigung der wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen und Argumente dargestellt ist.

4
betrachtet, die befriedigende Einsicht zu verschaffen, dass es bei der Entstehung unseres
Bewusstseins mit natürlichen Dingen zugegangen ist.
Noch ein wichtiger Punkt: Im ersten Augenblick scheint es zu genügen, wenn man für unseren
Zweck einfach den Aufbau unseres Gehirns und vor allem seine stammesgeschichtliche
Entwicklung betrachtet, um zu erfahren, auf welche Weise die Evolution von der biologischen zu
einer psychischen Ebene aufsteigen konnte. Wir werden uns dieser wichtigen Quelle auch
fortwährend bedienen. Das wird jedoch nur mit Vorsicht und nur in loser Anlehnung an anatomische
und physiologische Gegebenheiten geschehen. Denn wer die Evolution des Psychischen aus der
Anatomie unseres Zentralnervensystems abzuleiten versucht, der ist ständig in der Gefahr, die
Ursache mit der Wirkung zu verwechseln. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wurzeln des
Bewusstseins älter sein müssen als alle Gehirne.
Den Entwicklungsschritt, von dem dieses Buch handelt, kann man nur dann verstehen, wenn man
sich klarmacht, dass das Gehirn das Werkzeug des Denkens ist und nicht seine Ursache. Nicht unser
Gehirn hat das Denken »erfunden«, eher ist es umgekehrt. So, wie auch Beine nicht das Gehen
erfunden haben und Augen nicht das Licht. Die Entstehung von Beinen in der Evolution war die
Folge des Bedürfnisses nach schneller Fortbewegung auf dem trockenen Land. Die Ausbildung von
Augen war eine Reaktion auf die Möglichkeit, sich des Lichts der Sonne zur Orientierung zu
bedienen.
In genau der gleichen Weise sind auch die einzelnen Abschnitte unseres Gehirns, Stufe für Stufe
und Schritt für Schritt, eine Antwort der Evolution auf Möglichkeiten gewesen, die sich aus dem
jeweils verwirklichten Entwicklungsstand neu ergaben. Die funktionell - und in ihrem Alter - so
außerordentlich voneinander verschiedenen drei Hauptabschnitte unseres Gehirns spiegeln daher
zwar bis auf den heutigen Tag die drei wichtigsten Schritte wider, mit deren Hilfe die Evolution von
der biologischen zur psychischen Ebene emporstieg. Sie sind aber das Ergebnis dieser Entwicklung
und nicht etwa ihre Ursache.
Vorsorglich noch eine letzte Bemerkung: Selbstverständlich ist es auch auf diesem
naturgeschichtlich-genetischen Weg, auf dem wir uns hier dem Phänomen des Psychischen nähern
wollen, gänzlich unmöglich, etwa eine Antwort auf die Frage zu finden, was Geist oder
Bewusstsein oder Gefühl »ist«. Die Dimension des Psychischen bildet die oberste Stufe, die die
Evolution - jedenfalls auf der Erde - bisher erreicht hat. Damit handelt es sich bei ihr aber im
Unterschied zu allen anderen, älteren Entwicklungsebenen um die einzige Stufe, die wir nicht
gewissermaßen »von außen« betrachten können. Es fehlt uns, wie der Evolutionstheoretiker sagen
würde, eine nächsthöhere, eine »Meta-Ebene«, von der aus allein wir umfassend überblicken
könnten, was Psychisches »ist«.
Eines aber wird auf dem Wege, den wir vor uns haben, mit ungewohnter Deutlichkeit sichtbar
werden: Wenn man den psychischen Bereich im wahrsten Sinne des Wortes »von unten angeht«,
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wenn man also den gleichen Weg abschreitet, auf dem sich in den letzten Jahrmilliarden auf der
Erde aus biologischen Möglichkeiten und Bedürfnissen Schritt für Schritt psychische Funktionen
entwickelt haben, dann wird mit einem Male die historisch gewachsene Natur auch unseres eigenen
Bewusstseins erkennbar. Wie alles andere, was es auf dieser Welt gibt, so ist auch dieses
Bewusstsein in allen seinen Besonderheiten das Produkt einer realen Geschichte, die Summe der
Abfolge ganz bestimmter und konkreter Ereignisse, die es hervorgebracht haben. Unser Denken und
Erleben, unsere Ängste und Erwartungen sind von den Spuren dieser Geschichte bis auf den
heutigen Tag geprägt.

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Erste Stufe

Das biologische

Fundament

7
1. Einzeller als Hirnsonden

Vom Spürsinn der Mikroben

Die besondere Funktion des ältesten Hirnteils wurde kurz nach der Jahrhundertwende von einem
außerhalb der Fachkreise gänzlich unbekannt gebliebenen Würzburger Psychiater mit der Hilfe
einer Waage entdeckt. Martin Reichardt, damals Direktor der Würzburger Nervenklinik, bediente
sich bei seinen Untersuchungen zusätzlich aber der besonderen Fähigkeiten eines winzigen
Mikroorganismus, dem die Wissenschaftler den Namen Spirochaeta pallida gegeben hatten. Spiro-
chaeta pallida ist der Erreger der Syphilis.
Ich muss hier einen kurzen allgemeinbiologischen Exkurs einschieben, um erklären zu können, in
welcher Weise die Mikroben dem Würzburger Gelehrten nützlich sein konnten.
Infektionskrankheiten sind, wie jeder heute weiß, die Folge der Besiedelung eines mehrzelligen
Lebewesens durch einzellige Organismen. Das Wort »Besiedelung« ist dabei ganz wörtlich zu
verstehen. Das Eindringen der winzigen Keime hat in keinem Falle etwa die Schädigung des
Wirtsorganismus zum Ziel, nicht einmal dann, wenn es sich um Choleravibrionen oder die Erreger
einer anderen bösartigen Krankheit handelt 2. Die Mikroben folgen, wie alle anderen Lebewesen
auch, allein den unerbittlichen Regeln der Evolution. Unter ihrem Einfluss haben sie sich im Laufe
der Zeit in immer neue Arten und Rassen aufgesplittert, die immer neue Lebensräume auf der Erde
zu besetzen in der Lage waren, genau so, wie es im großen Reich der Vielzeller ebenfalls geschah.
Im Zuge dieser Entwicklung musste früher oder später auch der Warmblüterorganismus als
möglicher Lebensraum entdeckt werden. Die von ihm dargestellte Konzentration organischer
Materie, die in ihm vereinigte Vielzahl verschiedenster Gewebearten, die als Nährboden und
Lebensraum in Betracht kamen, das alles machte ihn für mikroskopisch kleine Einzeller zur fast
idealen biologischen Umwelt.
Als Folge davon werden wir alle vom Augenblick unserer Geburt an von einer fast unübersehbar
großen Vielfalt der verschiedensten Keimarten »bewohnt«. Sie sitzen, unsichtbar und unspürbar, auf
unserer Haut, in unseren Haaren, auf unseren Schleimhäuten und in unserem Darm. Fast alle sind
harmlos, einige sogar längst unentbehrlich für uns geworden. So gehören zu der normalen »Flora« -
Bakterien rechnen biologisch zu den Pflanzen! - unseres Darms auch Keime, die das
lebensnotwendige Vitamin B12 produzieren, das unser Organismus selbst nicht synthetisieren kann.
In diesem Falle ist es also zu einer echten Symbiose gekommen, zu einer Lebensgemeinschaft, aus
der beide Partner ungeachtet ihrer extremen Unterschiede ihren Vorteil ziehen. Ohne Vitamin B12

2
Man braucht nur zu bedenken, dass der Tod eines infizierten Patienten unvermeidlich auch den Tod der die Infektion verursachenden
Mikroorganismen zur Folge hat, um einzusehen, dass ein solcher Verlauf der »Begegnung« auch aus der Perspektive der Erreger biologisch nachteilig
und daher, unter einem evolutionären Aspekt, als Symptom einer noch nicht wirklich gelungenen Anpassung anzusehen ist.
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könnten wir nicht existieren, und die mikroskopisch kleinen Einzeller, die diese unentbehrliche
Substanz in unserem Darm produzieren, sind ihrerseits auf unser Wohlergehen als Voraussetzung
der Beständigkeit ihrer Umwelt angewiesen. Jedoch hat die Entwicklung nicht in jedem Falle zu
dem Idealzustand einer solchen wechselseitigen Kooperation oder wenigstens zu gegenseitiger
Verträglichkeit geführt.
In immer wieder vorkommenden Ausnahmefällen - es gilt wirklich nur für einen verschwindend
kleinen Prozentsatz aller Keime - führt das Eindringen des Mikroorganismus zu mehr oder weniger
heftigen Reaktionen des Wirtskörpers. Hier ist die Anpassung zwischen den beteiligten Partnern so
unvollständig geblieben, dass die Stoffwechselprodukte der Mikroben auf die Zellen der von ihnen
besetzten Gewebe giftig wirken oder dass die Keime bis in die Blutbahn des Wirtsorganismus
vordringen und sich dort hemmungslos vermehren. Das führt zu den entsprechenden
Abwehrreaktionen des Wirts, durch die den Eindringlingen das Leben so schwer wie möglich
gemacht werden soll. Die äußerlich sichtbaren und nachweisbaren Anzeichen dieser
Auseinandersetzung bilden die ärztlich bekannten Symptome einer »Infektionskrankheit«.
Diagnostisch besonders hilfreich ist dabei die ärztliche Erfahrung, dass es nicht nur allgemeine,
sondern auch spezifische, für die Infektion mit einer bestimmten Erregerart charakteristische
Symptome gibt.
Bei ihnen handelt es sich bezeichnenderweise fast immer um Hinweise auf die Schädigung
bestimmter Organe: Um Halsschmerzen oder Husten, um Hautausschläge, eine Gelbsucht als Folge
des Befalls der Leber, Durchfall oder Nierenschmerzen. Die Kombination der allgemeinen
Symptome - Fieber, Kopfschmerzen, Vermehrung der weißen Blutkörperchen usw. - mit derartigen
lokalen Krankheitserscheinungen erst macht das typische klinische Bild einer klassischen
Infektionskrankheit aus. Sie erlaubt dem erfahrenen Arzt in den meisten Fällen schon ohne
Blutuntersuchung oder Benutzung eines Mikroskops einen zuverlässigen Rückschluss auf die Art
der für die Erkrankung verantwortlichen Erreger. So nützlich dieser Umstand klinisch ist, uns
interessiert hier im Zusammenhang mit der Entdeckung Martin Reichardts allein der biologische
Aspekt des Phänomens. Dass bestimmte Erreger mit so großer Zuverlässigkeit immer wieder ganz
bestimmte Organe oder Gewebsarten befallen, unterstreicht den »Umwelt-Charakter«, der dem
befallenen Organismus aus dem Blickwinkel der Mikroben zufällt, und ebenso den Charakter des
Infektionsvorgangs insgesamt als des Resultats einer evolutionistischen Anpassung: Wie die
Lebewesen der äußeren Welt, so haben sich auch die an unser Körperinneres als ihre Umwelt
angepassten Mikroben unter dem ständigen Druck der Konkurrenz ihrer Artgenossen auf ganz
spezifische »ökologische Nischen« innerhalb unseres Körpers spezialisiert.
Artkonkurrenz ist in der Praxis des »Kampfs ums Dasein« fast immer Futterkonkurrenz. Eine Art,
die unter Konkurrenzdruck gerät, wird daher dazu tendieren, sich durch zunehmende
Spezialisierung in der Futterwahl auf eine bislang noch ungenutzte Nahrungsquelle umzustellen,
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deren sie sich bedienen kann, ohne durch allzu ähnlich veranlagte Konkurrenten übermäßig
belästigt zu werden.
Ein klassisches Beispiel: Die Finken der Galapagos-Inseln, deren Beobachtung für den jungen
Darwin zum entscheidenden Schlüsselerlebnis wurde, haben das getan, indem sie im Laufe der
Generationen die Formen ihrer Schnäbel so vielseitig variierten, wie es nur ging. Auf diesen Inseln,
auf denen keine anderen Vögel als Konkurrenten vorkommen, existieren heute daher Finken mit
feinen, spitzen Schnäbeln, die ihre Besitzer als Insektenfresser kennzeichnen, neben Finken mit
sperlingshaft derben Schnäbeln, die sich bevorzugt von Körnern ernähren.
Wie mächtig noch ungenutzte Möglichkeiten eine solche erbliche Spezialisierung fördern, zeigt das
kaum mehr überbietbare Beispiel jener Finken-Variante auf den Galapagos, die, um mit Konrad
Lorenz zu sprechen, den »Beruf des Spechts« ergriffen hat, die sich also von den von niemandem
sonst begehrten Insekten ernährt, die tief unter der Rinde oder in Astlöchern von Bäumen stecken.
Bei ihnen haben sich offenbar trotz erheblichen Konkurrenzdrucks durch die anderen, nahe
verwandten Finken die Mutationen nicht rechtzeitig eingestellt, die die für diese Art der
Nahrungssuche wünschenswerte Schnabelform hätten hervorbringen können. Dafür haben Mutation
und Selektion dieser auf der Erde einzigartigen Finkenvariante eine Instinkthandlung angezüchtet,
die es ihren Vertretern ermöglicht, das gleiche Ziel mit anderen Mitteln zu erreichen: Die
»Spechtfinken« der Galapagos-Inseln brechen mit ihren unzulänglichen Schnäbeln Kakteenstacheln
ab und stochern mit diesen erfolgreich in den Ritzen und Wurmlöchern nach ihrer Beute.
Was für die Darwin-Finken gilt, gilt im Prinzip für alle anderen Lebewesen auch und daher auch für
die Einzeller. Das ist der Umstand, dem Reichardt seine wichtige Entdeckung verdanken sollte.
Auch die krankheitserregenden Mikroorganismen haben seit langer Zeit damit begonnen, sich in
ihrer Umwelt, in unserem Körper also, an immer spezialisiertere Nischen anzupassen, an ganz
bestimmte Gewebe oder Zellarten, in denen sie sich, von Artverwandten möglichst unbehelligt,
vermehren können. Dieser evolutionistische Prozess, in dessen Verlauf sich eine immer größere
Zahl auf ganz bestimmte Körpergewebe spezialisierter Mikrobenarten entwickelt hat, ist also die
eigentliche Ursache für die Existenz klinisch wiedererkennbarer Infektionskrankheiten.
Nun kann man, und damit wird endlich auch der Grund für unseren evolutionistischen Exkurs
erkennbar, diese Spezialisierung der Erreger unter einem ganz anderen Aspekt sehen. Man kann sie
als eine besondere Fähigkeit interpretieren, unter den Tausenden und Abertausenden von Zellarten
eines Großorganismus mit unfehlbarer Zielsicherheit einen ganz bestimmten Gewebetyp
herauszufinden.
Wie außerordentlich entwickelt die Fähigkeit von Infektionserregern ist, das zu tun, lässt sich
ermessen, wenn man berücksichtigt, dass alle Zellen, aus denen sich ein Wirtsorganismus
zusammensetzt, ungeachtet ihrer vielseitigen Differenzierungen zu Bausteinen ganz bestimmter
Organe, grundsätzlich doch vom gleichen Typ sind. Sie alle bestehen aus Kern und
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Protoplasmaleib, sie alle enthalten die gleichen Organelle (Ribosomen, Mitochondrien und viele
andere), mit denen sie Eiweißkörper herstellen, atmen und die vielen anderen Funktionen
vollbringen, die ihnen ebenfalls gemeinsam sind.
Die einzigen zwischen ihnen bestehenden Unterschiede beziehen sich auf die Funktionen, die sie im
Rahmen des Ganzen übernommen haben. Ob sie bestimmte Enzyme nach außen abgeben oder
Hormone, ob sie Fibrillen ausgebildet haben, die sich kontrahieren können, oder Fortsätze, die
elektrische Impulse leiten, das hängt davon ab, ob sie ein Teil der Leber sind oder einer Drüse, ob
sie Bausteine eines Muskels sind oder Teil des Nervensystems. Mit diesen Unterschieden ihrer
Funktionen sind nun aber auch geringfügige Unterschiede ihres Stoffwechsels verbunden. Die
Verteilung der Moleküle, die sie umsetzen oder als Endprodukte ihres Stoffwechsels abgeben, ist
von Fall zu Fall geringfügig verschieden.
Diese minimalen chemischen Differenzen, die sich in vielen Fällen sicher nur auf einige wenige
Moleküle beziehen, sind es nun offensichtlich, die den Mikroorganismen zur Orientierung dienen
und die es ihnen ermöglichen, exakt jene besondere Zellart zu finden, an die als Umwelt sie sich
angepasst haben. Da es sich um chemische Unterschiede handelt, ist es zulässig, zu sagen, dass die
verschiedenen Gewebe unseres Körpers offenbar unterschiedlich »riechen« und dass die
Mikroorganismen in der Lage sind, unter den Tausenden von Gerüchen unserer Körpergewebe
jenen einen herauszufinden und zu erkennen, der von der Gewebeart ausgeht, die sie zum
Überleben benötigen.
Ein Orientierungsvermögen von solcher Spürsicherheit stellt auch heute noch alles in den Schatten,
was unsere moderne Chemie trotz aller technischen Raffinessen zuwege zu bringen vermag. Man
stelle sich vor, welche Revolution der Behandlungsmöglichkeiten es mit sich bringen würde, wenn
wir in der Lage wären, Substanzen zu entwickeln, die eine chemische Affinität nur zu einer ganz
bestimmten Gewebeart hätten und die daher, wenn wir sie schluckten oder injiziert erhielten, nur
von dieser einen Gewebeart aufgenommen und dort angereichert würden. Man könnte derartige
Substanzen dann als »Vehikel« für bestimmte Arzneimittel benutzen.
Die therapeutischen Substanzen würden sich dann nicht »auf gut Glück«, ungezielt wie eine
Flaschenpost, im ganzen Körper verteilen. Die Probleme der Arzneimittelverträglichkeit würden
kaum noch eine Rolle spielen. Die zur Behandlung benötigten Mengen würden sich nämlich auf
Bruchteile reduzieren lassen. Heute müssen wir in der Regel ja den ganzen Organismus mit relativ
gewaltigen Mengen des jeweiligen Medikaments überschwemmen, um sicher zu sein, dass an dem
Ort, wo ihre Wirkung allein benötigt wird, überhaupt noch ausreichende Konzentrationen
ankommen.
Versuche, derartige »Vehikel-Substanzen« zu finden, sind seit längerer Zeit im Gange. Manche
Arzneistoffe reichern sich auch auf Grund besonderer Stoffwechselwege bei ihrem Abbau

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vorwiegend in bestimmten Organen an. Von der hochgradigen, gezielten Gewebsspezifität, welche
bestimmte pathogene Keime aufweisen, sind alle diese Versuche aber noch meilenweit entfernt.

Woran stirbt ein Paralytiker?

Dieser unserer Wissenschaft noch gänzlich unerreichbaren Zielsicherheit der Mikroben beim
Auffinden einzelner Körpergewebe bediente sich kurz nach der Jahrhundertwende nun der
Würzburger Psychiater Reichardt. Er tat es sicher nicht bewusst oder gar planmäßig, denn von den
theoretischen Überlegungen und Vorstellungen, von denen eben die Rede war, wusste man damals
noch so gut wie nichts. Reichardt war aber ein außerordentlich guter klinischer Beobachter und
dazu ein besonders geduldiger Forscher. Diese Eigenschaften, zusammen mit der Intuition, die
richtige Fragestellung zu finden, führten ihn mit geradezu lächerlich einfachen Mitteln zu einer
bedeutsamen Entdeckung.
Reichardt stellte sich einfach die Frage, woran ein Paralytiker eigentlich stirbt. Man wusste damals
schon, dass die sogenannte progressive Paralyse die Spätfolge einer syphilitischen Infektion ist. Bei
etwa 3-5 Prozent aller Patienten, die sich syphilitisch infizieren, entwickelt sich 10, 20 oder 30
Jahre später diese zur Zeit Reichardts noch unheilbare Hirnerkrankung. Man kannte den Erreger der
Krankheit, die korkenzieherartig gewundene Spirochaeta pallida, seit 1905, und 1911 gelang es
schließlich auch, den winzigen Keim im Gehirn von Patienten nachzuweisen, die an einer Paralyse
gestorben waren.
Warum aber führte diese furchtbare Krankheit eigentlich mit solcher Regelmäßigkeit zum Tode?
Der Befall des Gehirns verriet sich zunächst durch eine zunehmende Vergesslichkeit. Im weiteren
Verlauf entwickelte sich bei den Patienten eine eigenartig heitere und sorglose Stimmung. In den
anschließenden Monaten kam es zu einem fortschreitenden Verfall ihrer Intelligenz, sie
»verblödeten«. Die Stimmung wurde dabei immer kritikloser und euphorischer. Beides zusammen
führte dann früher oder später zu grotesken Fehlbeurteilungen der eigenen Möglichkeiten und in
vielen Fällen zu dem für die klassische Paralyse typischen Größenwahn.
Die Patienten fassten unsinnige Entschlüsse und abenteuerliche Pläne. Sie erklärten, sie wollten die
Regierung übernehmen und alle Krankheiten ausrotten. Sie waren überzeugt, dass ihre
ungewöhnliche Tüchtigkeit es ihnen ermöglichen würde, in kürzester Zeit gewaltige Reichtümer zu
erwerben. Andere erklärten, sie wollten Weltmeister im Sport werden oder sich an die Stelle des
Papstes setzen, um die Religionen der Welt zu vereinigen. In diesem Stadium war ihr Zustand schon
so furchtbar, dass ganz sicher keiner dieser abstrusen Einfälle jemals einen der behandelnden
Psychiater zum Lachen gereizt hat. Die Menschen, die da von künftigen Reichtümern und
sportlichen Rekorden phantasierten, waren psychisch und körperlich nur noch Wracks, die keinen
zusammenhängenden Satz mehr schreiben konnten und ihre Notdurft ins Bett verrichteten.

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Der geistige Verfall schritt im Laufe eines Jahres schließlich so weit fort, dass die Patienten nur
noch unverständlich lallen und ihre Umgebung nicht mehr erkennen konnten. Apathisch lagen sie
im Bett. Essen, Schlafen und Verdauen waren ihre einzigen Aktivitäten. Und dann starben sie.
Mitunter kündigte sich das Ende einige Wochen vorher an. Die Patienten begannen trotz
unverändert guten Appetits rasch bis zum Skelett abzumagern. Andere wurden in diesen letzten
Wochen plötzlich fett. In wieder anderen Fällen trat ohne erkennbaren Grund hohes Fieber auf.
Ausnahmslos alle aber starben.
Warum eigentlich? Der Prozess spielte sich im Gehirn ab, dementsprechend waren die Symptome
auch psychischer Natur. Mit Vergesslichkeit begann es, es folgten krankhafte Veränderungen der
Stimmung, Verblödung, Größenideen, schließlich der Zerfall der Sprache. Alle diese Erscheinungen
waren als Folge einer Zerstörung von Hirngewebe verständlich. Wieso aber konnte eine
fortschreitende »Verblödung« eigentlich tödlich sein? Herz und Kreislauf waren in fast allen Fällen
bis zum letzten Augenblick völlig intakt. Das gleiche galt für die Leber der Patienten und alle
anderen inneren Organe, die Reichardt untersuchte oder von den entsprechenden Spezialisten
untersuchen ließ. Trotzdem war das Ende unaufhaltsam.
Es lag auf der Hand, dass die Todesursache ebenfalls im Gehirn liegen musste. Das war damals, vor
dem Ersten Weltkrieg, noch eine äußerst kühne Hypothese. Das Gehirn war der Sitz des
Bewusstseins und aller anderen psychischen Phänomene. Einige von ihnen, so etwa bestimmte
Teilfunktionen des Sprachvermögens, hatte man sogar bereits an bestimmten Stellen der
Großhirnrinde lokalisieren können. Wie aber sollte eine Störung psychischer Funktionen zum Tode
führen können?
Nachdem Reichardt auf das Problem erst einmal aufmerksam geworden war, ging er ihm mit der
denkbar einfachsten Methode und unbeirrbarer Konsequenz nach. Er begann, bei seinen
Paralyse-Patienten systematische Gewichtsmessungen vorzunehmen und Gewichtskurven
anzulegen. Er hielt tagtäglich, bis zu ihrem Tode, fest, wie viel sie aßen. Mit der gleichen Pedanterie
verzeichnete er die Flüssigkeitsmengen, die sie zu sich nahmen, und das tägliche Urinvolumen.
Mit diesen Daten in der Hand begannen dann nach dem Tode des Patienten neue Wiegeprozeduren.
jetzt zerlegte Reichardt die Gehirne der Toten, und zwar trennte er mit möglichst großer Präzision
das Großhirn von den darunter gelegenen Abschnitten des Hirnstamms (siehe Abb. 1). Ebenso
verfuhr er vom Beginn seiner Untersuchungen an über Jahre hinweg mit den Gehirnen aller anderen
Patienten, die in seiner Klinik seziert wurden. Er entwickelte sich dabei zu einem Spezialisten für
die natürlich vorkommenden Variationen durchschnittlicher Hirngewichte. Vor allem aber erwarb er
eine zuverlässige Übersicht über das Verhältnis, das normalerweise zwischen dem Gewicht des
Großhirns und dem der verschiedenen Teile des Stammhirns besteht 3. Die über Jahre hinweg

3
Als Grundlage für die Bestimmung des normalen Gewichtsverhältnisses zwischen Großhirn und Stammhirn dienten Reichardt die Untersuchungen
der Gehirne gestorbener schizophrener Patienten. Die Schizophrenie geht ohne anatomisch fassbare Veränderungen am Gehirn einher, insbesondere
ohne eine »Hirnschrumpfung«, also eine Minderung des Hirngewichts als Folge einer Zerstörung von Hirngewebe.
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fortgesetzte Mühe führte zu einer bemerkenswerten Feststellung: Der Tod der paralytischen
Patienten war offensichtlich die Folge des Übergreifens des paralytischen Prozesses auf bestimmte
Abschnitte des unteren Stammhirns. Hier kamen Reichardt nun die für die verschiedenen Stämme
der Spirochaeta pallida charakteristischen Gewebsvorlieben zugute. Zwischen ihnen bestehen so
feine Unterschiede, dass bestimmte Rassen des Erregers sogar noch zwischen Einzelteilen des
unteren Hirnstamms unterscheiden und damit Grenzen ziehen, die im Mikroskop, auch bei der
Anwendung spezieller Färbetechniken oder anderer moderner Hilfsmittel, bis heute nicht zu
erkennen sind.
Auch die Spirochaeta pallida aber wählt, wie alle anderen Erreger, letztlich nach chemischen
Gesichtspunkten. Die Grenzen, die eine bestimmte Erregerrasse im Hirngewebe respektiert, sind
daher Grenzen zwischen Hirngebieten unterschiedlicher biochemischer Aktivität. Es sind, anders
ausgedrückt, für das Auge normalerweise unsichtbare Grenzen zwischen Hirngebieten
unterschiedlicher Funktion. So, wie eine Entwicklerflüssigkeit auf einem belichteten Photopapier
die bis dahin unsichtbaren Grenzen zwischen Hell und Dunkel sichtbar macht, so markieren
folglich die von verschiedenen Spirochaetenrassen in das Hirngewebe hineingefressenen
Zerstörungsgebiete Hirnareale gemeinsamer Funktion. Die in die Hirne der Patienten
eingedrungenen Spirochaeten verrichten ihre Zerstörungsarbeit demnach wie mikroskopisch
winzige Hirnsonden, die mit einer auf andere Weise gar nicht denkbaren Präzision
funktionsspezifische Regionen sichtbar machen. Welche Funktion die bei der mikroskopischen
Untersuchung des befallenen Gehirns entdeckten Zerstörungsgebiete zu Lebzeiten des Patienten
hatten, ergibt sich dann rückblickend aus seiner Krankengeschichte.
Reichardt war, mit anderen Worten, auf den glänzenden und dabei im Grunde furchtbar einfachen
Gedanken gekommen, das Nervengewebe des Hirnstamms mit der Hilfe von Mikroorganismen zu
»kartographieren«. Was dabei herauskam, war eine zu seiner Zeit revolutionäre Feststellung. Mit
seinen Krankengeschichten und Gewichtskurven einerseits und seinen mikroskopischen
Hirnpräparaten andererseits konnte der Würzburger Wissenschaftler unwiderleglich beweisen, dass
das Gehirn keineswegs ausschließlich der Sitz der Seele war.
Immer waren es ganz bestimmte Stellen im Hirnstamm, die sich bei der Sektion als zerstört
erwiesen, wenn die Patienten vor ihrem Tode abnorm stark zugenommen hatten. Andere, aber
ebenfalls immer wieder die gleichen Stellen waren es dann, wenn die Erkrankten rapide
abgenommen hatten. Und wieder andere Areale waren bei den Patienten in Mitleidenschaft
gezogen, bei denen es in den letzten Lebenswochen zu unerklärlichen Temperaturen gekommen
war.
Die Schlussfolgerung war unabweichlich, als sich diese und ähnliche Fälle im Laufe der Jahre
häuften. Im unteren Hirnstamm waren, wie es schien, überhaupt keine seelischen Funktionen
lokalisiert. Das Gehirn diente, so unglaublich es den Ohren von Reichardts Zeitgenossen auch
14
klingen mochte, keineswegs einzig und allein der Aufrechterhaltung des Bewusstseins und anderer
psychischer Vorgänge. Zumindest für den Hirnstamm galt das nicht. Hier existierten offenbar
Zentren, die nicht psychische, sondern vegetative Prozesse steuerten.
Man wusste damals schon, dass es im obersten Teil des Rückenmarks Steuerungszentren für die
Herztätigkeit und die Atmung gab. Ferner war bekannt, dass das Kleinhirn (s. Abb. 1) nichts mit
psychischen oder Bewusstseinsvorgängen zu tun hatte, sondern auf irgendeine Weise für die
Abstimmung, die »Koordination« der Muskelinnervierung bei allen Bewegungen verantwortlich zu
sein schien. Beides aber waren Teile des Nervensystems, die schon dem Namen nach und erst recht
anatomisch vom Hirn selbst deutlich abgegrenzt waren.
Jetzt gab auch der unweigerlich tödliche Verlauf der Paralyse keine Rätsel mehr auf. Die Patienten
starben gar nicht als Folge des Zusammenbruchs ihrer psychischen Fähigkeiten. Dieser
Zusammenhang war es ja gewesen, der Reichardt von vornherein so unwahrscheinlich
vorgekommen war. Als Folge des Eindringens der Spirochaeten in das Gehirn kam es eben nicht nur
zu psychischen Symptomen, sondern dann, wenn die Entzündung auf den Hirnstamm übergriff,
auch zur Störung körperlicher Funktionen. Dieser Hirnteil stellte ganz offensichtlich ein
Regelungsorgan für lebensnotwendige Stoffwechselprozesse dar. Das Gehirn war also nicht nur für
psychische Abläufe verantwortlich, sondern auch für das biologische Funktionieren des
menschlichen Organismus.

15
2. Biologische Vorentscheidungen

Ein Akt der Abgrenzung

Die Evolution ist eine einzige Kette von staunenswerten und wunderbaren Ereignissen. Kein
einziger der unzähligen Schritte, aus denen sie sich zusammensetzt, ist ohne jeden einzelnen der
vorangegangenen Schritte verständlich und denkbar. Trotzdem möchte ich hier zwei Entwicklungs-
sprünge aus einem sehr frühen Zeitpunkt der Entwicklung hervorheben, weil ihre nähere
Betrachtung uns im weiteren Verlauf unseres Gedankengangs helfen wird, zu verstehen, wie es
möglich war, dass die biologische Entwicklung psychische Phänomene hervorbringen konnte.
Es handelt sich bei den beiden Entwicklungssprüngen nicht etwa um »die« Wurzeln unseres
Bewusstseins. Wegen des kontinuierlichen Charakters der Evolution ließe sich das gleiche von
jedem beliebigen anderen, dem Auftauchen des Bewusstseins vorangehenden Punkt der
Entwicklung auch sagen. Die beiden Fälle, mit denen wir uns in den folgenden Kapiteln näher
beschäftigen wollen, stellen rückblickend aber doch so etwas wie entscheidende Weichenstellungen
dar.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Evolution an diesen beiden - zeitlich weit voneinander
getrennten - Stellen jeweils vor einer Aufgabe stand, die, jede auf ihre besondere Weise, paradox
genannt werden musste. jedenfalls ist nicht zu übersehen, dass es die von der Paradoxie der
jeweiligen Situation erzwungenen Kompromisse gewesen sind, die den speziellen weiteren Ablauf
ausgelöst haben, der uns hier interessiert.
Die erste Entscheidung fiel im Augenblick der Entstehung des Lebens selbst. Nach allem, was wir
heute über den Übergang von der chemischen zur biologischen Evolution wissen, kann es sich bei
der ersten Lebensform, dem ersten lebenden Organismus auf unserer Erde, nur um eine Art
»Ur-Zelle« gehandelt haben. Die lange Zeit für diese Rolle favorisierten Viren scheiden ganz sicher
aus, weil sie von den beiden grundlegenden Leistungen, die für »Leben« konstitutiv sind, nur eine
beherrschen: Sie können zwar ihren eigenen Bauplan speichern, verfügen aber nicht über die zur
praktischen Anwendung dieses Plans, also zur Vermehrung, notwendige Apparatur, weshalb sie
dazu auf das Vorhandensein lebender Zellen angewiesen sind.
Der erste Organismentyp dieser Erde war daher mit größter Wahrscheinlichkeit eine primitive
Ur-Zelle. Eine Zelle also, die ganz ohne Zweifel noch nicht über die reiche Ausstattung mit
spezialisierten Organellen verfügte, die für eine höhere Zelle typisch sind. Auch einen Zellkern gab
es sicher noch nicht. In dem Inneren ihres Protoplasmaleibs muss diese Ur-Zelle jedoch das
Ribonukleinsäure-Molekül enthalten haben, in dem ihr Bauplan gespeichert war, sowie eine Reihe
von Enzymen, die in der Lage waren, die Anweisungen dieses Bauplans praktisch durchzuführen.
Vor allem aber muss das »Innere« dieser Ur-Zelle durch eine deutliche Grenze von der
»Außenwelt« abgeschirmt gewesen sein.
16
Überleben konnte diese erste Zelle nur, wenn die in ihrem Inneren geordnet ablaufenden
chemischen Prozesse, mit Hilfe derer sie ihre Struktur regenerierte und aus denen sie ihre Energie
bezog, von den chaotischen, gänzlich ungeordneten physikalischen und chemischen Vorgängen
ihrer nichtbelebten Umwelt getrennt blieben. Nur eine solche saubere Scheidung zwischen »innen«
und »außen« gab ihr eine Chance, die eben erst mühsam erworbene innere Ordnung bewahren zu
können.
Moleküle mit Eigenschaften, die eine Speicherung des Bauplans und seine Kopierung ermöglichten,
Enzyme zur Ausführung der Anweisungen dieses Plans, Aminosäuren und Eiweißkörper als
Bausteine, das alles hatte »abiotisch«, ohne die Anwesenheit lebender Zellen, entstehen können.
Der erste Schritt des Lebens muss in der Zusammenfassung dieser Elemente im Inneren einer wie
auch immer gearteten Hülle bestanden haben, welche die zwischen ihnen möglichen
Kreislaufprozesse dadurch schützte, dass sie sie von der zufälligen Willkür der in der toten
Außenwelt ablaufenden chemischen und physikalischen Vorgänge trennte.
Der erste Schritt des Lebens war somit ein Akt der Verselbständigung, des Absetzens von der
Umgebung, die damit objektiv zur Außenwelt wurde. Ein Schritt der Abgrenzung. Lebende Systeme
sind winzige Oasen der Ordnung, verstreut in einer weitgehend - wenn auch keineswegs total -
ungeordneten Umwelt. Sie müssen sich von dieser Umwelt abschließen, wenn sie die funktionelle
Ordnung bewahren wollen, die sie zu lebenden Systemen macht.
Dieser fast selbstverständlichen Forderung steht nun jedoch in einer paradox anmutenden Weise
eine genau entgegengesetzte Notwendigkeit gegenüber, die dazu zwingt, die Verbindung zu der
gleichen Außenwelt ununterbrochen aufrechtzuerhalten. Diese entgegengesetzte Forderung ergibt
sich mit absoluter Unerbittlichkeit aus einem physikalischen Grundgesetz, dem der Entropie. In
vereinfachter Form besagt dieses Gesetz, dass in einem geschlossenen System alle
Energiedifferenzen dazu tendieren, sich auszugleichen, bis alles »Gefälle« verschwunden ist.
Das Gesetz gilt für alle Systeme, für die Welt im ganzen ebenso wie für die Erde oder eine einzelne
Zelle. Die Geschichte der Erde und alles dessen, was sie trägt, ist nur deshalb auch nach 5
Milliarden Jahren noch nicht zum Stillstand gekommen, weil die Erde eben kein geschlossenes
System darstellt. Unsere irdische Umwelt ist bekanntlich »offen« für die Sonne, die in diesem
Zusammenhang als gewaltiger kosmischer Atomreaktor anzusehen ist, welcher der Erde laufend
gewaltige Energiemengen zustrahlt. Solange die Sonne lebt - aber eben nur so lange -, wird daher
auf der Erde immer von neuem das Energiegefälle erzeugt, das für alle auf ihrer Oberfläche sich
abspielenden Prozesse unentbehrlich ist.
Der Kosmos als ganzes erst ist - soweit wir wissen - ein »in sich geschlossenes System«.
Tatsächlich wird er ja auch, wie wir heute zu wissen glauben, in einer fernen Zukunft ein Ende
haben. In einer für unsere Maßstäbe allerdings unvorstellbar fernen Zukunft. Denn je größer ein

17
System ist, um so länger dauert es verständlicherweise, bis sich die in ihm vorhandenen
Energiedifferenzen ausgeglichen haben.
Damit wären wir wieder bei der Zelle. Eine Zelle, die es fertig brächte, sich von ihrer Umwelt total
abzukapseln, wäre innerhalb kürzester Zeit nicht mehr am Leben. Ihr Vorrat an »Energiegefälle«
trägt sie nicht über einen längeren Zeitraum. Auch die Zelle muss daher, unabdingbares Erfordernis
schon aus energetischen Gründen, »offen« bleiben zur Außenwelt hin, die allein den Nachschub
liefern kann, den sie braucht.
Dem Zwang zur Abgrenzung steht also die ebenso unausweichliche Notwendigkeit einer Öffnung
zur Außenwelt gegenüber. Welcher Kompromiss ist angesichts dieser beiden einander
widersprechenden Forderungen denkbar? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Lösung kann nur in
der Herstellung einer ausgesprochen »qualifizierten« Verbindung zur Außenwelt bestehen. Es muss
sich um eine Verbindung handeln, die selektiven, auswählenden Charakter hat. Benötigte
Substanzen oder Energiemengen müssen Zugang zum Inneren der Zelle finden. Gleichzeitig dürfen
aber die ungeordneten Schwankungen in der unbelebten Umwelt nicht auf die biochemischen
Prozesse im Zellinneren einwirken oder gar übergreifen. Anders ausgedrückt: Die Zelle muss es
fertig bringen, zwischen den verschiedenen Eigenschaften der Umwelt auf irgendeine Weise zu
»unterscheiden«. Die Faktoren der Außenwelt - seien sie nun stofflicher oder energetischer Natur -
müssen ausgeschlossen bleiben mit der alleinigen Ausnahme jener wenigen Stoffe oder
Energieformen, die die Zelle zu ihrem Überleben benötigt. Das jedenfalls ist die Forderung. Je
besser sie erfüllt ist, um so besser steht es um die Lebensfähigkeit der betreffenden Zelle.
Das mag für den Laien immer noch reichlich paradox klingen, für den Fachmann, den Biologen, ist
das eine sozusagen alltägliche Situation. Wir würden die Lage jedoch verkennen, wenn wir
übersähen, dass in diesem Falle der Laie im Recht ist. Die Aufgabe ist paradox. Ohne ihre Lösung
ist Leben jedoch aus den genannten chemischen und physikalischen Gründen nicht möglich. Die
Evolution hat folglich den Kompromiss gefunden, sie hat die Aufgabe gelöst, sonst gäbe es keine
Zellen und damit kein Leben auf der Erde. Es ist daher nur die Gewohnheit als Folge einer
täglichen Beschäftigung mit lebenden Organismen, die den Biologen gewöhnlich vergessen lässt,
wie widersprüchlich die Ausgangssituation in der Tat war, die am Anfang allen Lebens stand.
Der Kompromiss besteht in der Entwicklung semipermeabler (»halbdurchlässiger«) Membranen als
Zellumhüllung. Der Ausdruck »semipermeabel« gibt die erstaunlichen Fähigkeiten der dünnen
Häutchen nur höchst unvollkommen wieder. Diese Grenzmembranen - die bis heute in keinem
lebenden Gewebe fehlen: die Aufgabenstellung ist bis in unsere Gegenwart die gleiche geblieben -
selektieren nämlich keineswegs einfach nach quantitativen Gesichtspunkten. Es handelt sich bei
ihnen um eine Art molekularen Grenzzauns, der weit mehr leistet als ein Maschendraht oder ein
Filter.

18
Mechanische Siebe taugen lediglich dazu, materielle Teilchen oberhalb einer bestimmten
Durchmessergröße abzufangen und alle kleineren Partikel passieren zu lassen. Eine so simple
Sortierung in zwei verschiedene Größenklassen genügt den Ansprüchen einer lebenden Zelle aber
bei weitem nicht. Sie bedarf zu ihrem Gedeihen einer Vielzahl verschiedener Moleküle sehr
unterschiedlicher Größe, und sie ist gleichzeitig darauf angewiesen, dass eine große Zahl anderer
Moleküle »draußen« bleibt, die teils größer, teils kleiner, zu einem nicht geringen Teil aber auch
von genau der gleichen Größe sind wie andere Substanzen, die sie in ihrem Inneren braucht.
Eine biologische Grenzmembran bringt dieses Kunststück ohne Schwierigkeiten fertig. Sie sortiert
nicht nach der Partikelgröße, sondern nach der Partikelart, sie siebt also nach qualitativen
Gesichtspunkten. Das ist fraglos eine höchst staunenswerte, eine geradezu wunderbare Eigenschaft,
die heute aber auch schon weitgehend erklärt werden kann. Das molekulare Gitter der Membran
sortiert die verschiedenen eintreffenden Moleküle nach ihren elektrischen Eigenschaften, und zwar
in Abhängigkeit von ihrer eigenen molekularen Struktur. Es ist sogar schon seit längerer Zeit
möglich, derartige semipermeable Membranen mit unterschiedlichen qualitativen Filter-
eigenschaften künstlich herzustellen.
Das ist nun wieder insofern nicht so überraschend, wie es im ersten Augenblick klingt, als ja die
biologisch wirksamen Grenzmembranen, mit deren Hilfe sich die ersten Ur-Zellen von ihrer
Umwelt »halbdurchlässig« abtrennten, ebenfalls abiotisch entstanden sein müssen. Das heißt aber,
dass die Entstehung derartiger Trennhäute oder Trennschichten aus allgemeinen chemischen und
physikalischen Ursachen, auf Grund einfach bestimmter Eigenschaften der Materie, unter
geeigneten Bedingungen sogar spontan erfolgt. In seiner Geburtsstunde standen dem Leben
ausschließlich Bausteine zur Verfügung, für die das zutraf.
Wir können die allgemein-biologischen Überlegungen an diesem Punkt abbrechen. Die für unseren
Gedankengang wesentlichen Punkte sind bereits erwähnt. Von einiger Bedeutung scheint mir dabei
der Umstand zu sein, dass es offensichtlich nicht möglich ist, die ersten Schritte, die das Leben auf
diesem Planeten getan hat, ohne Formulierungen zu beschreiben, die wir im allgemeinen
bewussten, willentlichen Entscheidungen, also psychischen Funktionen, vorbehalten.
Vom ersten Augenblick ihrer Existenz an mussten die lebenden Systeme in der Lage sein, zwischen
verschiedenen Eigenschaften ihrer Umwelt zu unterscheiden. Lebensfähig waren sie nur insoweit
und nur so lange, wie sie es fertig brachten, die Umweltfaktoren zu erkennen, von denen sie zur
Aufrechterhaltung ihres Stoffwechsels abhängig waren. Diese Faktoren (etwa energieliefernde
Großmoleküle wie Zucker oder Eiweiße) mussten sie schließlich aus der großen Zahl aller übrigen
Moleküle, die für sie nutzlos waren oder sogar gefährlich (weil sie als »Gifte« ihren Stoffwechsel
chemisch aus dem Geleise brachten), auf irgendeine Weise auswählen können.
»Vom ersten Augenblick an« - das heißt aber nun keineswegs etwa, dass alle in dieser frühen
Epoche entstandenen Urzellen über alle diese Fähigkeiten verfügt hätten. Alles, was wir über die
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Evolution wissen, macht es im Gegenteil wahrscheinlich, dass das nur für eine verschwindende
Minderheit von ihnen galt. Diese wenigen Ausnahmefälle aber waren die einzigen, die überlebten.
Die Evolution ist, das ist unbestreitbar, eine einzige Kette von unwahrscheinlichen Ereignissen.
Dessen ungeachtet ist sie trotzdem unaufhörlich weitergelaufen, weil bei jedem ihrer Einzelschritte
das Unwahrscheinliche dadurch zur Regel wurde, dass allein der »zufällig passende Glücksfall«
überlebte.
Tatsache ist jedenfalls, dass die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit einer vom Organismus
abgegrenzten Außenwelt, und im Rahmen dieser Auseinandersetzung die Fähigkeiten zur
Unterscheidung, zum Erkennen und zur Auswahl angesichts verschiedener Eigenschaften der
Außenwelt primäre biologische Funktionen sind, ohne die Leben in der uns bekannten Form
undenkbar wäre. Ich bin davon überzeugt, dass die sich in diesen Formulierungen ausdrückende
Analogie zu den psychischen Leistungen des Unterscheidens, des Erkennens und der Auswahl alles
andere als zufällig ist.
Wir neigen verständlicherweise immer dazu, die Situation von unserem eigenen, gegenwärtigen
Standpunkt aus zu beurteilen. Das ist natürlich, keineswegs aber selbstverständlich. Im weiteren
Verlauf wird uns noch aufgehen, dass auch diese uns angeborene psychische Tendenz, die Probleme
stets unter der egozentrischen Perspektive des eigenen Standpunkts zu betrachten, eine Folge
unserer »Natur« ist, der biologischen Geschichte also, die uns hervorgebracht hat. In dem
Augenblick, in dem wir über ein bestimmtes Phänomen objektiv etwas wissen wollen (und das
heißt eben »unabhängig vom eigenen Standpunkt«), müssen wir versuchen, uns von dieser uns
angeborenen Perspektive freizumachen.
Deshalb müssen wir uns im vorliegenden Fall davor hüten, einfach anzunehmen, die genannten
biologischen Grundfunktionen seien lediglich aus äußerlichen Gründen mit den verwendeten
Begriffen zu beschreiben. Es wäre falsch, wenn wir davon ausgingen, dass das lediglich die Folge
davon sei, dass unsere heutige Sprache nun einmal über diese Begriffe verfüge und wir sie daher
gewissermaßen gleichnishaft auch zur Beschreibung der biologischen Vorgänge benutzten. Die
falsche Annahme also, dass zwischen diesen Begriffen und den mit ihnen hier gemeinten objektiven
Vorgängen kein innerer Zusammenhang bestehe.
In Wirklichkeit ist es umgekehrt. Unsere Sprache (und das gilt bezeichnenderweise nicht nur für
unsere, sondern für alle anderen Sprachen auch, die auf der Erde gesprochen werden) enthält die
Begriffe »unterscheiden«, »erkennen« und »auswählen« ja deshalb, weil uns allen die entsprechen-
den Denkkategorien angeboren sind. Das aber ist seinerseits die Folge davon, dass diese Kategorien
das Verhältnis zwischen einem lebenden Organismus und seiner Umwelt von Anfang an bestimmt
haben. Mit anderen Worten: Schon Jahrmilliarden vor dem ersten Auftauchen psychischer
Phänomene, Jahrmilliarden noch vor dem Augenblick, in dem es die erste Nervenzelle gab, stand
fest, dass das Verhältnis zwischen dem lebenden Individuum und seiner Umwelt von diesen drei
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wiederholt genannten Kategorien bestimmt wird. Hinter der Bedeutung, die diese Begriffe heute für
uns haben, bleibt in der Regel verborgen, dass die von ihnen bezeichneten Beziehungen primär
biologischer Natur sind. Alles andere, was später folgte, ist von ihnen geprägt. Es ist, noch präziser
ausgedrückt, ihre Folge.
Wer Naturgeschichte als einen realen Vorgang begreift, als einen seit dem Anfang der Welt
ablaufenden Entwicklungsprozess, dem leuchtet sofort ein, dass es anders gar nicht sein kann. Die
Macht der Gewohnheit ist jedoch so groß und die Betrachtung der Welt aus der objektiv einzig
zutreffenden, nämlich einer historisch-genetischen Perspektive, noch immer so wenig verbreitet,
dass ich versuchen will, diesen Zusammenhang noch an zwei weiteren Beispielen etwas konkreter
darzustellen, obwohl dazu ein Vorgriff auf sehr viel spätere Abschnitte unseres Gedankengangs
notwendig ist.
Die Frage nach der Todesursache der paralytischen Patienten war damit überzeugend beantwortet.
Wie stets in der Wissenschaft hatte sich damit die Zahl der Probleme insgesamt aber keineswegs
verringert. Sofort erhob sich eine Reihe neuer Fragen, von denen die wichtigste lautete: Wie kommt
es eigentlich, dass das Gehirn zwar zum ganz überwiegenden Teil ein »Organ der Seele« ist, dass es
dennoch gleichzeitig aber auch vegetative Zentren enthält?
In den seit Reichardts Untersuchungen vergangenen Jahrzehnten wurden im Hirnstamm unter
anderem Zentren zur Regelung des Blutdrucks, der Körpertemperatur und der Flüssigkeitsbilanz
entdeckt. Das alles sind Funktionen, die ganz offensichtlich frei sind von irgendwelchen »psychi-
schen« Qualitäten. Wie ist es zu erklären, dass sie und andere ähnliche Funktionen dennoch
zusammen mit unserer Psyche in ein und demselben Organ untergebracht sind? Welche Geschichte,
welcher eigentümliche Gang der Entwicklung hat die Vereinigung so unterschiedlicher Phänomene
in unserem Gehirn bewirkt?
Die Suche nach der Antwort auf diese Frage führt uns zurück bis zu jenem Punkt in der
Vergangenheit, an dem der Grundstein gelegt wurde für die Entwicklung, welche sehr viel später
die Grenze zum Bewusstsein überschritt. Wir müssen zurückgehen bis zu dem Augenblick der
Entstehung des Lebens und uns dann jener frühen Phase der Entwicklung zuwenden, in der die
Natur vor der Aufgabe stand, das Problem des Übergangs zu mehrzelligen Lebewesen zu lösen. In
dieser fernen Vergangenheit fielen die Entscheidungen, die dann, sehr viel später und gänzlich
unvorhersehbar, zum Auftauchen der psychischen Dimension in der Geschichte des Lebens führen
sollten.

So wenig Außenwelt wie möglich

Bei der Erörterung der elementaren Voraussetzungen für die Existenzfähigkeit einer Zelle waren wir
als erstes auf die Notwendigkeit der Abgrenzung gegenüber der Außenwelt gestoßen. Erst
gewissermaßen in einem zweiten Schritt hatte es sich dann herausgestellt, dass die Abgrenzung

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keineswegs vollständig sein durfte. Im Endergebnis lief das auf die Forderung hinaus, dass alle
Eigenschaften der Außenwelt am Eindringen in das Zellinnere gehindert werden mussten, mit der
einzigen Ausnahme der wenigen Faktoren, die von der Zelle als Bausteine oder Energiespender
benötigt wurden.
Als Charakteristikum des Kompromisses in der geschilderten Situation wurde also eine Tendenz
sichtbar, die darin bestand, nur das unbedingt notwendige Minimum an Außenweltfaktoren
zuzulassen. »So wenig Außenwelt wie möglich und nur so viel Außenwelt, wie unbedingt
notwendig«, so etwa lässt sich die Maxime formulieren, unter deren Regiment die Urzellen das
Kapitel des Lebendigen in der Geschichte der Erde eröffneten.
In dieser Formulierung wird nun sogleich sehr viel anschaulicher, dass diese Regel der ersten
Stunde im weiteren Ablauf der Geschichte grundsätzlich nicht an Geltung verlor, dass sie überall
ihre Spuren hinterlassen hat. Man könnte sagen, dass sie einen Rahmen setzte, der die Entwicklung
auch noch sehr viel später und auch dann noch prägte, als es nicht mehr um biologische
Grundvoraussetzungen, sondern um die Eroberung einer neuen Ebene, der Dimension des
Psychischen, ging.
Im Verlaufe der vor uns liegenden Kapitel wird sich noch zeigen, wie unvorstellbar gering - von
unserem heutigen Standpunkt aus gesehen -die Zahl der Umweltqualitäten tatsächlich ist, die bei
einem primitiven, urtümlichen Organismus überhaupt »ankommen«. Wir werden an einigen
repräsentativen - vor allem für unsere heutige, menschliche Art des »Erlebens« repräsentativen -
Beispielen sehen, in wie mühevoller Langsamkeit die Zahl dieser vom Individuum zugelassenen
Eigenschaften der Außenwelt im Laufe der Entwicklung vermehrt wurde. Immer nur in kleinsten
Schritten und immer nur unter dem Druck eines aktuellen biologischen Bedürfnisses, im Interesse
also eines unmittelbar eintretenden Vorteils. Und wir werden sehen, wie die von einer zunächst
geradezu lächerlich geringen Zahl von »Reizen« gebildete spezifische Umwelt des niederen
Organismus dabei immer reichhaltiger und bunter wird, wie sie gleichzeitig immer eigenständiger
und gegenständlicher wird, bis hin zu der von uns erlebten Umwelt, die wir so selbstverständlich für
»die« Welt schlechthin zu halten pflegen, für identisch mit der objektiven Wirklichkeit.
Schon bei dieser stichwortartigen Vorwegnahme lässt uns die naturgeschichtliche Perspektive
ahnen, dass diese Gleichsetzung auf eine maßlose Überschätzung unserer Rolle hinausläuft.
Unbestreitbar ist unsere, die die reichhaltigste und umfassendste »Welt«, menschliche Erlebniswelt,
die es auf der Erde gibt. Unbestreitbar ist wohl auch, dass sie objektive Elemente enthält, Stellen
also, an denen sie in einer allerdings kaum genau beschreibbaren Weise zur Deckung zu kommen
scheint mit der objektiven Realität, die wir hinter den Erscheinungen der uns gewohnten Umwelt
anzunehmen haben.
Anders wäre es kaum erklärbar, dass wir Naturwissenschaft betreiben können. Immerhin verkörpern
wir schon eine Stufe der Entwicklung, auf der nachprüfbare Aussagen über objektive, von unserer
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sinnlichen Erfahrung unabhängige oder diesen Horizont sogar übersteigende Eigenschaften der uns
umgebenden Welt möglich sind. Aber es ist eine Illusion, wenn wir immer stillschweigend davon
ausgehen, als sei mit uns der Gipfel des Möglichen erreicht und das Ende der Evolution gekommen.
Die Gegenwart, in der wir leben, ist nichts anderes als ein durch den zufälligen Zeitpunkt unserer
Existenz willkürlich herausgegriffener Moment der Entwicklung, die über uns hinaus weiter
fortschreiten wird. Es ist nicht der geringste Grund erkennbar, der zu der Annahme berechtigte, dass
ausgerechnet unser Gehirn, so wie es heute ist, einen Stand der Entwicklung repräsentiert, der es als
erstes von allen Gehirnen, die es in der Evolution bis heute gab, in den Stand setzte, die ganze Welt
mit allen ihren Eigenschaften in sich aufzunehmen. Bei Licht betrachtet liefert gerade unsere
Wissenschaft, unsere Fähigkeit also, nach objektiven Eigenschaften dieser Welt zu fragen, den
handgreiflichen Beweis für das Gegenteil. Denn überall dort, wo wir dem Augenschein auf den
Grund gehen, stoßen wir auf Zusammenhänge, die sich für uns im Unanschaulichen , im nicht mehr
Vorstellbaren verlieren.
Als objektiven Grund der Materie entdecken wir Elementarteilchen, die weder ausschließlich als
Korpuskeln noch allein als Energiequanten zu verstehen sind. Und in der gleichsam
entgegengesetzten Richtung, bei der Frage nach dem Bau und den Grenzen des Universums,
bekommen wir die Antwort, dass dieses Universum einen Raum darstellt, der mit dem
dreidimensionalen Raum unserer Vorstellung keine Ähnlichkeit hat.
Aber wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. In unserer alltäglichen Umwelt benutzen wir
fortwährend Eigenschaften der Welt, die für unsere sinnliche Wahrnehmung gar nicht existieren.
Wir bedienen uns elektrischer Energie, wir lassen uns röntgen und wir halten es längst nicht mehr
für erstaunlich, dass Radio und Fernsehen mit der Hilfe von »Wellen« zu uns kommen, für die wir
neben mathematischen Symbolen auch nur ein willkürlich gewähltes Wort haben.
Manche Tiere hören Ultraschall, andere sehen Farben, die es für uns nicht gibt, kurz, wir wissen,
dass der Welt eine Fülle von Qualitäten zukommt, die uns nicht fassbar oder vorstellbar sind. Wir
wissen das mit solcher Gewissheit, weil wir in einigen Fällen indirekt auf das Vorhandensein dieser
Qualitäten schließen können. Wie groß ihre Zahl insgesamt ist, wie weit der Raum ist, den die Welt
jenseits unseres Wahrnehmungs- und Vorstellungshorizonts ausfüllt, können wir jedoch nicht
einmal ahnen. Man braucht nur daran zu denken, wie winzig der Anteil ist, den das »sichtbare
Licht« im Gesamtspektrum der elektromagnetischen Wellen einnimmt, um am Beispiel eines
einzigen unserer Sinne ablesen zu können, dass das, was wir als Wirklichkeit erleben, nur einen
Ausschnitt der Welt bildet.
Der namhafte englische Wahrnehmungsphysiologe Richard L. Gregory stellte im Verlaufe ähnlicher
Überlegungen ebenso kurz wie prägnant fest: »Eigentlich sind wir so gut wie blind.« Genau so ist
es. Wir denken nur nie daran. Unser Wahrnehmungsapparat gleicht einem Rundfunkempfänger, der
mit größter Trennschärfe unveränderlich auf eine bestimmte Wellenlänge festgelegt ist, während die
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Luft um uns herum erfüllt ist von einer unübersehbaren Vielzahl der verschiedensten Programme.
Wie die Welt für uns aussähe, wenn wir alle diese Programme ebenfalls zu empfangen in der Lage
wären, kann keine menschliche Phantasie ausmalen. Wir sind von dieser Möglichkeit genauso
hoffnungslos getrennt wie ein Insekt von der Chance, auf irgendeine Weise eine Vorstellung davon
haben zu können, wie wir Menschen diese Welt erleben. Auch die Ursache der Unmöglichkeit ist in
beiden Fällen die gleiche.
Kein Zweifel, die Maxime »So wenig Außenwelt wie möglich, nur so viel, wie unbedingt
notwendig«, hat der Entwicklung ihren Stempel aufgeprägt. Sie gilt für alle Nachkommen der
Urzelle und damit auch für uns selbst. Der Horizont der fassbaren Umwelteigenschaften ist im
Laufe der Zeit ohne Zweifel immer weiter geworden. Grundsätzlich aber sind auch unserem
Wahrnehmungsapparat nur die Qualitäten der Außenwelt zugänglich, die wir auf der inzwischen
erreichten Entwicklungsstufe als lebende Organismen benötigen. Auch unser Gehirn ist
ursprünglich kein Organ zum Verstehen der Welt, sondern ein Organ zum Überleben.

Die Anziehungskraft des Bekömmlichen

Es gibt noch andere Beispiele, die in einer von uns nur aus täglicher Gewohnheit übersehenen
Deutlichkeit an jenen frühen Augenblick der Geschichte des Lebens erinnern, von dem wir
inzwischen durch einen so unvorstellbar langen Zeitraum getrennt sind. Eines davon ist unser
Geschmackserleben. Das Quartett der Empfindungen süß, sauer, bitter und salzig ist eine jener noch
heute existierenden Spuren, welche die biologischen Startbedingungen des irdischen Lebens in
unserem Bewusstsein hinterlassen haben. Zugleich stellt gerade der Geschmacksinn ein besonders
überzeugendes und konkretes Beispiel für die biologische Abstammung der psychischen Fähigkeit
des Auswählens dar.
Wir brauchen, um das zu erkennen, nur die verblüffende und auf den ersten Blick geradezu
unerklärlich scheinende Entsprechung zu bedenken, die zwischen der geschmacklichen Wertung
durch unser Erleben und der biologischen Bedeutung der jeweils von uns geschmeckten Substanz
besteht. Es beginnt bereits damit, dass nur wasserlösliche Stoffe überhaupt einen Geschmack haben
können. Nur wasserlösliche Stoffe aber haben auch für den sich in dem wässrigen Milieu unseres
Körpers abspielenden Stoffwechsel eine biologische Bedeutung. Nur Stoffe, für die das gilt, können
nützlich oder schädlich für uns sein.
Die Erklärung für diesen zweckmäßigen Zusammenhang ist noch recht trivial. Dass eine Substanz
von den Sinnesrezeptoren unserer Zunge wahrgenommen wird, ist bereits identisch mit einem
»Eingriff« dieser Substanz in das chemische System unseres Körpers. Zwar sind die Vorgänge, die
sich bei der Berührung an den Geschmackspapillen abspielen, heute noch weitgehend unbekannt.
So viel aber ist sicher: Die Reizung dieser Empfänger unseres Geschmacksinns kommt durch

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chemische Einwirkung zustande (und nicht etwa, wie zum Beispiel bei den Rezeptoren des
Tastsinns, durch mechanische Einwirkung).
Unter diesen Umständen ist es selbstverständlich, dass nur Substanzen geschmeckt werden können,
die wasserlöslich sind und deshalb einen Einfluss auf chemische Abläufe an unserer
Körperoberfläche - in diesem Falle auf der Zungenschleimhaut - ausüben können. Erstaunlich wird
die Angelegenheit jedoch, wenn wir bedenken, dass die unbestreitbare Attraktivität der
Geschmacksqualität »süß« sich mit einem verblüffend hohen Grad an Zuverlässigkeit auf
Substanzen beschränkt, die als die wichtigsten biologischen Energiespender anzusehen sind:
chemisch zum Teil ganz unterschiedlich aufgebaute Zucker, ferner bestimmte Alkohole und
Aminosäuren.
Man muss hier einräumen, dass allerdings auch Bleiacetat, Chloroform, Berylliumsalze und einige
andere chemische Verbindungen »süß« schmecken, für die das nicht gilt. Zu ihnen gehört auch der
»Süßstoff« Saccharin. Die Unfähigkeit unseres Geschmacksinns, diese kalorisch bedeutungslosen
oder in einigen Fällen sogar schädlichen chemischen Verbindungen von Zucker unterscheiden zu
können, erscheint jedoch verzeihlich, wenn wir bedenken, dass sie unter natürlichen Bedingungen
nicht vorkommen, Beim Saccharin übrigens nutzen wir diese Unfähigkeit unter den modernen
zivilisatorischen Lebensbedingungen mit ihrem kalorischen Überangebot bekanntlich gezielt aus.
Dass eine Unterscheidung auch in diesem Fall grundsätzlich möglich ist, zeigt das Beispiel der
Bienen. Im Unterschied zum Menschen kann man diese Insekten mit künstlichem Süßstoff, der sich
chemisch vom echten Zucker unterscheidet, nicht hereinlegen. Saccharin ist für sie völlig
unattraktiv.
Diese Entsprechung zwischen dem »guten« Geschmack und der biologischen Nützlichkeit eines
Zuckermoleküls ist nun keineswegs mehr trivial und in unserem Zusammenhang außerordentlich
aufschlussreich. Dass sich dahinter ein biologisches Prinzip verbergen muss, erscheint als über
jeden Zweifel erhaben, sobald wir die anderen drei Geschmacksqualitäten in die Betrachtung
miteinbeziehen. Für sie gilt bezeichnenderweise grundsätzlich das gleiche. Zwar ist »salzig« für
sich allein oder gar in konzentrierter Form kein angenehmer Geschmack. Als Zutat jedoch ist diese
Komponente fast unentbehrlich, wie insbesondere Erfahrungen in Hungerzeiten belegen. In
derartigen Extremsituationen stellt sich heraus, dass das als Energiespender völlig bedeutungslose
Kochsalz im Urteil des Menschen nicht weniger hoch rangiert als die klassischen Grundnah-
rungsmittel.
Die chemische Zuverlässigkeit (»Spezifität«) unseres Geschmacksinns ist in diesem Fall sogar noch
größer als beim Zucker. Es gibt nur eine einzige Verbindung, die uns rein salzig schmeckt:
Natriumchlorid, das wir deshalb »Kochsalz« nennen. Dabei haben sich die Chemiker seit langer
Zeit bemüht, eine Verbindung zu finden oder herzustellen, die Kochsalz als Geschmacksstoff in
ähnlicher Weise ersetzen könnte wie das Saccharin den Zucker. Zum Kummer der zahlreichen
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Menschen, die auf eine salzfreie Diät angewiesen sind, ist das bisher noch nicht wirklich
befriedigend gelungen.
Dem ausgeprägten Bedürfnis nach einer salzigen Geschmackskomponente entspricht objektiv nun
die Unentbehrlichkeit von Natrium (das die eine Hälfte des Kochsalzmoleküls bildet) für jeden
lebenden Organismus. Während Zucker (vor allem in der Form von Traubenzucker oder Glukose)
zwar die Rolle des wichtigsten, aber keineswegs die des einzigen Energielieferanten spielt, ist
Natrium absolut unersetzlich. Seine sehr komplizierten biologischen Aufgaben im Zusammenhang
mit dem Flüssigkeitsgehalt des Zellinneren und dem elektrischen Ladungszustand der Zellmembran
brauchen uns im einzelnen hier nicht zu interessieren. Wichtig ist allein die Feststellung, dass keine
Zelle ohne Natrium auch nur für kurze Zeit existieren kann und dass das uns angeborene Bedürfnis
nach Kochsalz gewährleistet, dass es dazu nicht kommt 4.
Ähnlich, wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen, verhält es sich mit den beiden restlichen
5
Geschmacksqualitäten . Der Widerwille gegen bittere Substanzen ist biologisch insofern
bedeutsam, als eine große Zahl giftiger Naturstoffe, vor allem pflanzlicher Alkaloide, bitter
schmeckt. Neuere Untersuchungen sprechen sogar dafür, dass die meisten dieser Stoffe für uns um
so bitterer schmecken, Je giftiger sie für uns sind. Weniger handgreiflich sind die Verhältnisse beim
sauren Geschmack. Konzentrierte Säuren sind zwar unbestreitbar ätzend und giftig, kommen unter
natürlichen Verhältnissen aber nicht vor. Verdünnte organische Säuren können bekanntlich sogar
erfrischenden Charakter haben (Zitronensaft). Aber immerhin ist es fast eine Regel, dass die für uns
als Nahrung in Frage kommenden Früchte und Beeren unangenehm sauer schmecken, solange sie
unreif und schlecht bekömmlich sind, und dass sich ihr Geschmack ins Süße verwandelt, sobald das
nicht mehr der Fall ist.
Es ist nicht zu übersehen, dass alle diese Entsprechungen außerordentlich zweckmäßig sind. Dass
bekömmliche Nahrung gut, notwendige Kost ausgesprochen attraktiv schmeckt, und dass
umgekehrt potentiell schädliche Pflanzen bitter oder sauer schmecken (jedenfalls unter natürlichen
Verhältnissen), ist Ausdruck einer biologischen Orientierungshilfe, die in der Vergangenheit
wahrscheinlich lebensnotwendig gewesen ist. Die modernen Ernährungsphysiologen haben uns
unter anderem die Augen dafür geöffnet, wie kompliziert unsere Nahrung zusammengesetzt sein
muss, wenn wir gesund bleiben sollen. Wie hätten wir ohne den Rat dieser Spezialisten in der
langen hinter uns liegenden Geschichte das Richtige tun können, wenn uns nicht angeborene
Neigung - gesteuert in erster Linie durch unseren »Geschmack« - die uns bekömmliche Kost
»instinktiv« hätte finden helfen?

4
Die Tatsache, dass sehr viele Menschen notgedrungen mit einer salzfreien Diät auskommen müssen, widerspricht der Feststellung einer absoluten
Unentbehrlichkeit von Kochsalz als Bestandteil unserer Nahrung keineswegs. Auch eine »salzfreie« Diät enthält immer noch nennenswerte Mengen
von Natriumchlorid als natürlichen Bestandteil der Nahrungsmittel selbst.
5
Es gibt tatsächlich nur die vier Geschmacksqualitäten süß, sauer, bitter und salzig. Ein »scharfer« Geschmack kommt durch eine Reizung von
Schmerzsinneszellen zustande. Die große Fülle unserer Geschmackserlebnisse darüber hinaus ist das Ergebnis einer Mischung der vier
Grundqualitäten und einer sehr ausgeprägten Mitwirkung des Geruchssinns.
26
Über die außerordentliche Zweckmäßigkeit einer solchen Abstimmung zwischen dem Individuum
und seiner Umwelt brauchen wir kein Wort mehr zu verlieren. Was uns interessiert, ist die
Entstehung solcher Entsprechungen. Wem verdanken wir diese glückliche Fügung? Niemandem
natürlich, denn so ist die Frage falsch gestellt (übrigens wieder, der alten Gewohnheit folgend,
»anthropozentrisch«, von unserer heutigen Situation aus). Wer hier eine glückliche Fügung
vermutet, der stellt sich die Dinge so vor, als ob es da erst den Menschen gegeben hätte, fix und
fertig, so, wie er heute ist, mit seiner Vorliebe für Süßes und einem Widerwillen gegen Säuren.
Wer an die Frage so herangeht, der steht im nächsten Augenblick dann allerdings vor der unlösbaren
Aufgabe, erklären zu müssen, wie es dazu kommen konnte, dass sich der biochemische Prozess des
Reifens eines Apfels der vorgegebenen Skala unseres Geschmacksinns so zweckmäßig hat anpassen
können. Glücklicherweise sind wir nicht darauf angewiesen, uns mit dieser unbeantwortbaren Frage
abzuquälen.
Die Glukose und andere Zucker waren selbstverständlich längst unentbehrliche Energielieferanten,
bevor es höher entwickelte Zellen gab, von höheren Lebewesen ganz zu schweigen. Natrium, und
damit das von uns heute »Kochsalz« genannte Natriumchlorid, war für die einwandfreie Funktion
der Zellmembran bereits unentbehrlich, als das Leben auf der Erde noch allein von den ersten
primitiven Einzellern repräsentiert wurde. Mit anderen Worten: selbstverständlich hat sich nicht der
Apfel angepasst, sondern der Mensch. Vorgegeben war nicht die Sinnesleistung unserer Zunge,
sondern das Angebot der Umwelt, aus dem wir, wie jedes andere Lebewesen auch, zu wählen
hatten.
Um es kurz zu machen: Die Bewertungsskala unseres Geschmacksinns ist eine mittelbare Folge des
Zwangs zur Auswahl, der schon das Leben der ersten erfolgreichen Urzelle diktiert hat. Sie durfte
aus dem Angebot ihrer Umwelt nur die unbedingt benötigten Moleküle in sich aufnehmen. Da alle
Zellen, die heute auf der Erde existieren, und so auch die Zellen unseres Körpers, die Nachkommen
der Urzelle sind, die diese Aufgabe erstmals löste, ist die Auswahl, die damals getroffen wurde, bis
auf den heutigen Tag gültig. »Geschmack« ist, zugespitzt formuliert, als Ausdruck einer
auswählenden Verbindung zur Umwelt ursprünglich keine psychische, sondern eine biologische
Funktion.
Es ist zwar wunderbar, aber alles andere als rätselhaft, dass sich dann, als sich unausdenkbar lange
Zeiträume später ein »Bewusstsein« entwickelte, in diesem Bewusstsein als »angenehm« spiegelte,
was bis dahin schon Jahrmilliarden lang richtig und bekömmlich gewesen war. Dass Geschmack
eine biologische Funktion ist (und nicht nur hat), dass Geschmack grundsätzlich auch dann
funktioniert, wenn er gar nicht mit psychischem Erleben einhergeht, wird zusätzlich durch eine
seltene Missbildung belegt.
Der deutsche Psychiater Gamper untersuchte vor einigen Jahrzehnten ein Kind, das ohne Großhirn
auf die Welt gekommen war. Diese schwere, von den Wissenschaftlern als Anencephalie
27
bezeichnete Missbildung ist bei Menschen - man möchte hinzufügen: glücklicherweise - nicht für
längere Zeit mit dem Überleben vereinbar. Auch bei sorgfältigster Pflege gelingt es allenfalls, die
Kinder einige Wochen, höchstens Monate am Leben zu erhalten, weil immer auch Abschnitte des
Hirnstamms missgebildet sind, die für die schon genannten lebensnotwendigen Körperfunktionen
verantwortlich sind.
Wenn Gamper nun dem von ihm untersuchten Kind mit einem kleinen Wattebausch vorsichtig eine
Zuckerlösung auf die Zunge tropfte, dann löste das sofort wohlig wirkende Schmatzlaute und
Schluckbewegungen aus. Wenn er das gleiche mit einer bitteren Lösung tat, erfolgten reflektorisch
abwehrende Bewegungen der Lippen und der Zunge. Selbst bei diesem Kind also, das mit
Sicherheit nicht die für ein bewusstes Erleben notwendigen Hirnteile besaß, lösten die objektiv
vorhandenen Geschmacksstoffe reflektorisch die sich normalerweise in unserem Erleben
widerspiegelnden Tendenzen zur Aufnahme oder zur Ablehnung aus.
Im Falle des Geschmacks ist also nicht das bewusste »Ich« die handelnde Instanz. Die Aktion findet
auf einer sehr viel elementareren, archaischeren Ebene statt. Was dabei in unserem Bewusstsein
auftaucht, ist nur der Widerschein des biologischen Vollzugs. Wir können gewissermaßen nicht
umhin, mitzuerleben, was sich da an unserem Leib abspielt. Sobald ein Organismus über ein
Bewusstsein verfügt, ist unausbleiblich, dass sich die Funktionen, auf denen seine biologische
Existenz beruht, in diesem Bewusstsein zu spiegeln beginnen.
Soweit sich in diesen Funktionen eine Festlegung gegenüber bestimmten Eigenschaften der Umwelt
ausdrückt, erscheint die Richtung dieser Festlegung im Bewusstsein in der Form einer
entsprechenden Gefühlsqualität. Das ist der Grund dafür, dass wir über unsere Gefühle nicht frei
verfügen, dass wir ihnen nicht befehlen können. Wir können uns »beherrschen«, indem wir uns
ihrem richtenden Einfluss widersetzen. Aber wir haben nicht die Wahl, etwa die
Geschmacksqualität »bitter« angenehm oder den Geschmack »süß« als abstoßend zu empfinden.
Das Vorzeichen auf der Bewertungsskala ist unserem Einfluss entzogen. Als das Bewusstsein
auftauchte, war die Entscheidung seit undenkbar langer Zeit gefallen. Wir sind gewissermaßen
»biologische Opportunisten«, die gelernt haben, aus der Not eine Tugend zu machen: »Süß« ist für
uns aus dem einzigen Grund ein angenehmes Geschmackserlebnis, weil Zucker biologisch für uns
notwendig ist.
Was damit über so elementare leibliche Gefühle wie die mit dem Geschmack verbundenen gesagt
ist, gilt für alle anderen emotionalen Regungen auch. »Gefühl« ist immer der Widerschein einer
grundsätzlich autonomen, außerhalb der psychischen Ebene selbständig ablaufenden biologischen
Funktion. Das sei hier zunächst in dieser vorläufigen Weise stichwortartig festgehalten. Verstehen
können wir das erst bei der Besprechung der zweiten Stufe, dann, wenn sich die psychische Ebene
selbst zu erschließen beginnt. Schon mit der bloßen Erwähnung des »Gefühls« haben wir den
Ereignissen wiederum weit vorgegriffen.
28
Aber dieser Vorgriff war hier unvermeidlich. Es ging ja, wie wir uns erinnern wollen, darum, an
einem anschaulichen Beispiel zu belegen, wie weitreichend - in des Wortes ursprünglichster
Bedeutung - die Entscheidungen gewesen sind, die hinsichtlich des Rahmens der weiteren
Entwicklung schon im Augenblick der Entstehung der ersten Zelle fielen. Unser
Geschmackserleben erwies sich für eine solche Beweisführung als besonders geeignet. Bevor wir
diesen Ansatz weiterverfolgen können, müssen wir jedoch die Beschreibung der biologischen
Grundlagen fortführen, von denen aus die Entwicklung zu psychischen Phänomenen vorstieß.

29
3. »Paläontologie der Seele«

Eine aufschlussreiche Zusammensetzung

Unsere Frage lautet nach wie vor: Wie kommt es, dass vegetative und psychische Funktionen in
dem gleichen Organ untergebracht sind, in unserem Gehirn? Alle anderen Organe unseres Körpers
sind ganz offensichtlich auf einen in sich geschlossenen Funktionskreis spezialisiert: Die Leber
entgiftet das aus dem Verdauungstrakt eintreffende Blut, speichert Teile der in ihnen enthaltenen
Nahrungsstoffe und produziert die zu deren Verarbeitung notwendigen Enzyme sowie
Verdauungssäfte. Die komplizierte Struktur der Nieren dient einzig dem Zweck der Reinigung des
Bluts von Abbauprodukten unseres Stoffwechsels. Analoges gilt von den Lungen, dem Herz oder
unserer Milz.
Wie ist es unter diesen Umständen zu erklären, dass ausgerechnet das bei weitem komplizierteste
und am höchsten entwickelte unserer Organe in dieser Hinsicht so total aus dem Rahmen zu fallen
scheint? Welcher Zusammenhang verbirgt sich hinter der eigenartigen Tatsache, dass das gleiche
Gehirn, mit Hilfe dessen wir logische Überlegungen anzustellen in der Lage sind, auch für die
Regulation unseres Blutdrucks oder die Einhaltung unserer Körpertemperatur verantwortlich ist?
Die halbe Antwort haben wir bereits gefunden, auch wenn das ohne zusätzliche Erklärung nicht
gerade auf der Hand liegt. Der erste Teil der Antwort besteht in der Einsicht, dass vegetative
Funktionen und psychische Phänomene nicht so total oder besser: nicht für alle Zeiten so total
voneinander getrennt sein müssen, wie es uns gewöhnlich scheint. Für die uns eigene - und unserer
Lebensspanne angemessene - statische Betrachtungsweise klafft hier ein Abgrund. Eine
Momentaufnahme der gegenwärtig vorliegenden Situation lässt keinen Zusammenhang erkennen.
Zwischen den sich an einer Zellmembran abspielenden physikalisch-chemischen
Austauschprozessen und den psychischen Fähigkeiten des Erkennens oder Unterscheidens besteht
für uns, wenn wir beides nebeneinander betrachten, kein Zusammenhang. Der Eindruck änderte
sich jedoch, als wir zu einer historisch-genetischen Betrachtungsweise übergingen. Zunächst könnte
es dabei noch so scheinen, als ob die Ähnlichkeit zwischen dem auswählenden Umgang der Zelle
mit ihrer Umwelt und den psychischen Kategorien des Unterscheidens oder Erkennens nur sprach-
lich-formaler Natur sei. Als ob es sich lediglich um eine äußerliche Analogie handele.
Unser Vorgriff auf die unserem Geschmackserleben zugrunde liegenden biologischen Funktionen
hat uns dann jedoch eines Besseren belehrt. Hier waren wir auf ein erstes Beispiel dafür gestoßen,
dass vegetative Funktionen im Verlaufe langer Entwicklungszeiten sehr wohl einen psychischen
Charakter erhalten können und dass bei diesem Prozess die grundlegenden formalen Kategorien
erhalten bleiben: Zwischen der selektiven Bevorzugung von Natriumionen durch die lebende Zelle
und unserem Bedürfnis nach einer salzigen Geschmackskomponente unserer Speisen besteht mehr

30
als ein äußerlicher Zusammenhang. Beide Phänomene sind durch einen kontinuierlichen
Entwicklungsprozess miteinander verknüpft 6.
Wie dieser Entwicklungsprozess abgelaufen sein könnte, wie die Verbindung zwischen den beiden
Ebenen beschaffen ist, d. h. also, welcher konkrete Weg die Entwicklung von der einen zur anderen
geführt hat, das werde ich im weiteren Ablauf dieses Buches nachzuzeichnen versuchen. Die
Rekonstruktion ebendieses Weges macht ja seinen wesentlichen Inhalt aus. An dieser Stelle ist es
nur wichtig, festzuhalten, dass vegetative Funktionen und psychische Phänomene, so
wesensverschieden sie bei der üblichen Betrachtungsweise auch erscheinen mögen, nicht in jedem
Falle zusammenhanglos nebeneinander stehen. Wenn man unter einem entwicklungsgeschichtlichen
Aspekt an die Frage herangeht, stellt sich heraus, dass sie, wenigstens in bestimmten Fällen, nicht
ihrem Wesen nach, sondern nur durch - wenn für unsere Begriffe auch gewaltige -
Entwicklungsspannen voneinander getrennt sind.
Wenn das aber so ist, liegt dann nicht in unserer Ausgangsfrage vielleicht sogar die ganze Antwort
schon verborgen? Wenn vegetative und psychische Phänomene in bestimmten Fällen nur durch
einen zeitlichen Abstand voneinander getrennt sind, sollten wir dann nicht die räumliche Nähe, in
der sie durch unser Gehirn zusammengefasst sind, als einen Hinweis darauf ansehen können, dass
dieser grundsätzlich mögliche entwicklungsgeschichtliche Zusammenhang hier vorliegt? Wenn er
überhaupt möglich ist - und unser Exkurs über unser Geschmackserleben hat das ergeben -, dann
müsste es in diesem Falle sinnvoll sein, nach ihm zu suchen. Wenn es ihn schon gibt, dann erscheint
es vernünftiger davon auszugehen, dass sich auch unser Zentralnervensystem allem Augenschein
zum Trotz so, wie die anderen Organe unseres Körpers, auf einen, in sich geschlossenen
Funktionskreis spezialisiert hat.
Wir werden daher die Vereinigung vegetativer und psychischer Funktionen in unserem Gehirn, die
uns eben noch so willkürlich zu sein schien, zum Ausgangspunkt unseres weiteren Vorgehens
machen. Eben die Tatsache, dass die Regelung unseres Blutdrucks oder die unserer
Körpertemperatur durch das gleiche Organ erfolgt, das auch die biologische Grundlage unserer
Fähigkeit zum Ziehen logischer Schlüsse bildet, dient uns als Grundlage für die Vermutung, dass
beide Funktionsebenen nur durch zeitliche, entwicklungsgeschichtliche Abläufe voneinander
getrennt sind.
Einfacher ausgedrückt: Der Bau und die eigentümliche Zusammensetzung unseres Gehirns liefern
unter diesem Aspekt einen unübersehbaren Hinweis darauf, dass sich im Verlauf der Evolution aus
6
Hier ist immer von Funktionen, Bevorzugungen oder Phänomenen die Rede und ganz bewusst nicht von bestimmten Sinnesorganen, Nerven-
verbindungen oder Hirnzentren. An dieser Stelle wird wieder besonders deutlich, wie irreführend es sein kann, wenn man bei einer entwicklungs-
geschichtlichen Betrachtung vom Apparat (oder Organ) ausgeht, anstatt von der Funktion (oder dem biologischen Bedürfnis). Wer vom menschlichen
Gehirn in seiner heutigen Form ausgeht, hat es schwer, den im Text diskutierten Zusammenhang zu sehen. Denn im Gehirn stehen für die Feststellung
der Ionenkonzentration im inneren Milieu unseres Körpers selbstverständlich andere Rezeptoren bereit als die in der Schleimhaut unserer Zunge. Und
ebenso selbstverständlich sind die Hirnareale, die das Erlebnis des »Angenehmen« beim Eintreffen eines Zuckermoleküls auf den Geschmacks-
papillen der Zunge auslösen, nicht mit denen identisch, die für die beschriebenen motorischen Reaktionen des Schmatzens und Schluckens oder Aus-
speiens verantwortlich sind. Aber auch hier gilt eben wieder, dass sich das biologische Bedürfnis den Apparat schafft und nicht umgekehrt. Daher sind
die »auswählenden« Vorgänge an der Zellmembran und die Annehmlichkeit eines süßen Geschmacks nur verschiedene (von unterschiedlichen
Apparaten, die im Ablauf der Entwicklung nach und nach entstanden, verwirklichte) Erscheinungsformen des gleichen biologischen Sachverhalts.
31
vegetativen Funktionen psychische Phänomene entwickelt haben müssen. Die drei übereinander
liegenden Abschnitte, in die sich unser Gehirn - unter funktionellen Gesichtspunkten - einteilen
lässt (s. Abb. 1), entsprechen dann drei entscheidenden Stufen, mit Hilfe derer die Evolution den
Abstand zwischen der biologischen und der psychischen Ebene überwunden hat. Man könnte
genauso gut sagen, dass diese drei Hirnteile - der untere Hirnstamm, das Zwischenhirn und das
Großhirn - die drei Organe sind, die sich die Evolution nacheinander schuf, um die sich von der
jeweils erreichten Stufe aus anbietenden Möglichkeiten zur Verbesserung der Überlebenschancen
des Individuums auszunützen.
Um einem naheliegenden, wenn letztlich vielleicht auch unausrottbaren Missverständnis
entgegenzutreten, sei hier betont, dass in keinem Augenblick der Evolution die psychische
Dimension etwa das »Ziel« der aufeinanderfolgenden Einzelschritte gewesen ist. Es gab
niemanden, der hätte zielen können. Die Möglichkeit des Psychischen war unvorhersehbar. Auch
die Evolution ist keine handelnde Person. Sie verläuft unbewusst und lenkt sich nicht selbst. Dass
sie dessen ungeachtet nicht ins Chaos führt, ist allein eine Folge der Struktur der Materie und ihrer
wunderbaren Entfaltungsmöglichkeiten.
Ich kann darauf hier nicht weiter eingehen. Es ist nicht möglich, in jedem Buch von neuem alle
notwendigen Voraussetzungen zu wiederholen. Ich muss daher den, der sich für Einzelheiten der
Begründung interessiert, nochmals auf mein vorangegangenes Buch verweisen.

Lebende Fossilien

In unserem Gehirn liegen also drei »Teilorgane« übereinander, die drei verschiedenen Stufen auf
dem Wege zum Bewusstsein entsprechen. Ihre relative Selbständigkeit, ihre noch näher zu
besprechenden funktionellen Eigentümlichkeiten und sogar eine - wenn auch nur unscharfe -
anatomische Abgrenzbarkeit lassen sie als eine Art Fossilien erscheinen, welche die Entwicklung
hinterlassen hat. Der Vergleich hinkt weniger, als man denken könnte. Ganz so wie bei der
Paläontologie, jener Wissenschaftsdisziplin, die sich der Auffindung und Untersuchung
vorzeitlicher Lebensspuren (Fossilien) verschrieben hat, so liegt auch in unserem Gehirn Schicht
über Schicht, das jüngere jeweils auf dem Alten.
Der Hirnstamm - gleichsam das unterste und damit älteste Sediment - ist, grob geschätzt, etwa 1,5
Milliarden Jahre alt. Aus Gründen, die wir im nächsten Kapitel kennen lernen werden, fällt dieser
Termin mit dem Auftauchen der ersten mehrzelligen Lebewesen zusammen.
Wie viele heute existierende primitive Organismen beweisen, kann man als Mehrzeller auf dieser
Erde auch mit dem Hirnstamm allein im Grunde auskommen. Für die Geborgenheit einer rein
biologischen Existenz ist diese Ausstattung absolut ausreichend. Die analoge Feststellung lässt sich
bezeichnenderweise für jeden beliebigen anderen Schritt der Evolution ebenfalls treffen. Es ist kein
Grund erkennbar, warum die Entwicklung nicht schon auf einer sehr viel früheren Stufe, etwa nach

32
der Entstehung von Sternen und Milchstraßensystemen, zum Stillstand gekommen ist. Warum sie es
mit der Hervorbringung der kosmischen Ordnung des Fixsternhimmels nicht genug sein ließ.
Wir wissen nicht, warum es immer weiterging, warum jede Ebene der Entwicklung immer nur als
Stufe für einen nächsten Schritt zu dienen hatte. Wir wissen nur, dass es ausnahmslos so gewesen
ist. Und so war auch mit dem Hirnstamm nicht das Ende der Entwicklung gekommen. Über ihm
entstand das Zwischenhirn. Auf die Stufe der vegetativen Geborgenheit folgte die der nach außen,
auf die Außenwelt gerichteten Programme. Das Alter der Neuerwerbung, dieses zweiten Hirnteils in
der »paläontologischen Schichtung« unseres Zentralnervensystems, ist auf höchstens 1 Milliarde
Jahre zu veranschlagen. Das alles sind natürlich nur Größenordnungen. Die absoluten Zahlen
schwanken in weiten Bereichen, je nachdem, welchen Entwicklungsstand - erste Anfänge oder
vollständige Ausreifung - man zugrunde legt.
Auch das aber war noch immer nicht alles. Vor etwa 500 Millionen Jahren erfolgte der - bisher -
letzte Schritt: über dem jetzt voll entwickelten Zwischenhirn entstanden neue, vorerst nur
knospenartige Konzentrationen von Nervenzellen. Sie waren die ersten Ansätze der Ausbildung des
obersten, jüngsten Hirnteils, den wir heute »Großhirn« nennen. Mit ihm ist eine Stufe erreicht, die
wir an dieser Stelle vorläufig mit den Stichworten Bewusstsein, individuelles Lernvermögen und
Wahrnehmung einer objektiven Außenwelt charakterisieren können.
Es handelt sich hier übrigens nicht nur um die bisher faktisch letzte, sondern auch um eine Stufe,
die uns als ein »Non plus ultra« erscheint, eine Stufe der Entwicklung über die wir nicht um einen
Millimeter, hinauszudenken vermögen. Dass diese Unfähigkeit keine Rückschlüsse auf die reale
Zukunft der Entwicklung zulässt, dürfte nach allem, was bisher gesagt wurde, selbstverständlich
sein. Die Möglichkeit, dass unser Großhirn den Endpunkt der bisherigen Geschichte bilden könnte,
ist von so astronomischer Unwahrscheinlichkeit, dass wir auch die von uns selbst erreichte Ebene
getrost als nur vorläufig, als Übergangsstufe ansehen können. Immerhin sind wir die ersten
Lebewesen auf diesem Planeten, die ihre eigene Rolle in dieser Weise zu relativieren fähig sind.
Was aber auf die Stufe des Bewusstseins folgen wird, das bleibt dem Bewusstsein für immer
verschlossen.
Angesichts der chronologischen Schichtung unseres Gehirns und des fossilen Charakters der
unterhalb des Großhirns gelegenen älteren Teile lässt sich das, was wir in diesem Buch vorhaben,
mit Recht als eine Art »Paläontologie der Seele« bezeichnen. Neben der schon genannten Parallele,
der altersgemäßen Schichtung, gilt hier noch eine weitere Entsprechung. Der Paläontologe schließt
aus der räumlichen Anordnung seiner Fundstücke auf eine zeitliche Abfolge. Das gibt ihm die
Möglichkeit, die zwischen verschiedenen Fossilien festzustellenden Unterschiede als Stichproben
einer zusammenhängenden Entwicklung zu deuten und die Lücken zwischen ihnen entsprechend zu
rekonstruieren.

33
Genau das ist die Methode, nach der auch ich vorgehen möchte. Vegetative Regulationen, die
Verhaltensprogramme des Zwischenhirns und die durch das Großhirn ermöglichte Wahrnehmung
einer objektiven Außenwelt markieren aufeinander folgende Stufen ein und derselben
Entwicklungslinie. Die zwischen ihnen bestehenden Unterschiede erscheinen auf den ersten Blick
zwar als grundsätzlich. Die Tatsache jedoch, dass alle diese Funktionen »am selben Fundort«, eben
in unserem Gehirn, in unmittelbarer räumlicher Nachbarschaft in einer Anordnung nachzuweisen
sind, die einer zeitlichen Abfolge entspricht, legitimiert den Versuch, die zwischen ihnen
bestehenden Lücken durch rekonstruierte Entwicklungsschritte auszufüllen.
Unsere Frage danach, wie es zu erklären sein könnte, dass vegetative Regulationen und die
Fähigkeit etwa zur Wahrnehmung der Außenwelt oder anderen Leistungen bewussten Denkens im
gleichen Organ vereinigt sind, hat damit eine Antwort gefunden. Befriedigend erscheint diese
Antwort deshalb, weil sie uns die beruhigende Gewissheit verschafft, dass wir unser Thema nicht
verfehlen, wenn wir uns im nächsten Kapitel etwas eingehender mit der Funktion des Stammhirns
beschäftigen. Wir können, anders gesagt, sicher sein, dass wir es mit dem ersten Schritt auf dem
Wege zum Bewusstsein zu tun haben, wenn wir uns jetzt der Frage zuwenden, welches biologische
Bedürfnis den ältesten Teil unseres Gehirns, das Stammhirn, hat entstehen lassen.
Abschließend hier nur noch eine Bemerkung zum Begriff der »Paläontologie der Seele«. Wie alle
anderen Bilder oder Vergleiche, so hat auch dieser seine Grenzen. Bei allen Parallelen dürfen wir
einen entscheidenden Unterschied nicht übersehen: Auf dem Gebiet, mit dem wir uns hier
beschäftigen, sind alle Fossilien noch am Leben. Ungeachtet seines archaischen Alters erfüllt der
Hirnstamm auch in unserem Gehirn noch die elementaren Funktionen, deren Beherrschung die erste
Stufe der uns interessierenden Entwicklung gebildet hat. Das gleiche gilt für das Zwischenhirn.
Beider Funktionen aber spiegeln die längst vergangenen Bedingungen wider, denen das Leben zur
Zeit ihrer Entstehung unterworfen war. Unser Gehirn besteht folglich aus Teilen höchst
unterschiedlichen Alters. Es ist ein anachronistisch zusammengesetztes Organ. Von den Folgen
dieses meist übersehenen Umstands wird in der zweiten Hälfte dieses Buches noch ausführlicher zu
reden sein. Denn von all den Erklärungen, die sich für die unbestreitbare Irrationalität menschlichen
Verhaltens ins Feld führen lassen, ist dies ganz sicher die wichtigste.

34
4. Bewusstlose Geborgenheit

Ein neues Bauprinzip und seine Folgen

Etwa vor 1.500.000.000 Jahren muss es irgendwo auf der Erde geschehen sein, in irgendeinem der
damaligen Urozeane. Vielleicht wiederholt, in mehreren, zunächst vergeblichen Anläufen an
verschiedenen Stellen. Wie noch jedes Mal bei früheren Anlässen und später bei jeder
vergleichbaren Gelegenheit nahm sich die Angelegenheit zunächst relativ belanglos aus. Die Fülle
der Konsequenzen war dem Ereignis jedenfalls nicht anzusehen. In dieser so ungeheuer lange
zurückliegenden Periode der Erdgeschichte begannen die ersten Einzeller, sich zu mehrzelligen
Organismen zusammenzuschließen. Das geschah nicht übergangslos. Die ersten Verbindungen
umfassten wahrscheinlich jeweils nur 16 Zellen. Genaugenommen handelte es sich auch nicht um
Zusammenschlüsse, weil die beteiligten Zellen zu keiner Zeit etwa getrennt existiert hatten.
Die »16-Zeller«, um die es sich in den ersten paar Jahrhunderttausenden dieser Phase gehandelt
haben dürfte, entstanden vielmehr dadurch, dass die Zellen sich nach ihrer Teilung nicht vollständig
voneinander trennten. Dass diese ersten Mehrzeller aus 16 Untereinheiten zusammengefügt waren
und nicht aus 10 oder 12 oder 14, ist ganz einfach dadurch zu erklären, dass sie das Produkt der
4maligen Teilung einer einzelnen Ursprungszelle waren 7.
Das Auftreten dieser Zellbündel war im Grunde ganz sicher das Ergebnis einer Panne. Vor dem
Hintergrund aller bis dahin existierenden einzelligen Lebensformen wirkten die neuen Zellhaufen
grotesk. Es waren Missbildungen. Resultate einer Mutation. Fast immer ist das eine Katastrophe. In
diesem Falle wirkte es sich als Vorteil aus.
Die noch ungefügen und kaum organisierten Zellhaufen begannen verhältnismäßig rasch an Zahl
zuzunehmen. Offensichtlich verschaffte ihr Zusammenhalt ihnen Vorteile. Wir können nur
vermuten, worin ihre Überlegenheit bestanden haben könnte: ihre Größe mochte sie davor schützen,
gefressen zu werden, die vereinigte Kraft ihrer Geißeln ließ sie schneller vom Fleck kommen, ob als
Jäger oder als Beute. jedenfalls wurde ihre Zahl immer größer.
Und da die Evolution opportunistisch taktiert und mit Vorliebe dort weiterarbeitet, wo sie ohnehin
erfolgreich ist, wurden die Zellaggregate größer und größer. Daraus aber ergaben sich bestimmte
Konsequenzen. Die Art und Weise, in der die Zellen aneinander hingen und miteinander oder auch
nebeneinander agierten, hatte kaum eine Rolle gespielt, solange ihre Zahl innerhalb des

7
Woher wissen wir das- alles? Die Antwort ist leicht. Auch heute existieren noch Organismen, die diese Übergangsformen verkörpern. Der primitive,
aus nur 16 Zellen bestehende und noch halb kolonieartige Mehrzeller, von dem im Text die Rede ist, lebt heute noch in Gestalt der Alge Pandorina. Es
ist - zum Glück für die Paläontologen, die es sonst noch schwerer hätten - in der Evolution ja nicht so, dass jeder Fortschritt oder jede
Neuentwicklung alle bisherigen Organismentypen etwa auslöschte. Wenn das so wäre, dann gäbe es heute keine Einzeller und keine niederen Tiere
mehr.
Die Tatsache des Überlebens aller dieser, den höchstentwickelten heutigen Formen scheinbar hoffnungslos unterlegenen Lebewesen unterstreicht
übrigens nochmals die grundsätzlich geltende Abgeschlossenheit, die jeder der zurückliegenden Entwicklungsschritte für sich in Anspruch nehmen
kann. Jede dieser Stufen ist in sich vollendet. Das Geheimnis des ständigen Fortschreitens der Evolution erscheint vor dieser Tatsache nur noch
größer.

35
gemeinsamen Verbandes gering geblieben war. Das aber änderte sich jetzt und erforderte neue
Anpassungen.
Ich will hier nicht im Einzelnen auf die Veränderungen der Form eingehen, denen die einzelnen
Zellen Schritt für Schritt unterworfen wurden, je nach der Stelle des Organismus, an der sie sich
befanden. Auch nicht auf ihre ebenso schrittweise sich vollziehende Spezialisierung auf ganz
bestimmte arbeitsteilige Funktionen innerhalb des Ganzen. Von entscheidender Bedeutung ist bei
diesem Wandel für unseren Gedankengang vor allem die Tatsache, dass im Zuge dieser
Entwicklung zwangsläufig die Zahl der Zellen immer kleiner werden musste, die an der Oberfläche
des neuen Organismentyps lagen.
Das aber beschwor eine einschneidende Komplikation herauf. Die Oberfläche jeder einzelnen Zelle
war bis dahin, weit mehr als zwei Jahrmilliarden lang, die direkte Grenze zur Außenwelt gewesen.
Eben deshalb besaß die Zellmembran, die Membran, die diese Oberfläche bildete, jene kunstvolle
»semipermeable« Struktur, von der die Rede war. Und die selektiven, auswählenden Fähigkeiten
dieser Membran - oder, anders ausgedrückt, ihre komplizierte molekulare Zusammensetzung -
hatten sich in dieser Phase an das von der Außenwelt präsentierte Angebot längst optimal angepasst.
Sie hatten mehr als zwei Milliarden Jahre Zeit dazu gehabt.
Durch die Entwicklung zur Mehrzelligkeit musste deshalb das entstehen, was die
Entwicklungsforscher eine »Sackgasse der Evolution« nennen. Ein immer größerer Anteil der
Zellen der neuen »Individuen« wurde vom direkten Kontakt mit der Umwelt abgeschlossen. Der
eben noch so erfolgreiche und daher mit besonderem Nachdruck verfolgte Trend zur Vergrößerung
der Zellzahl der neuen »Individuen« drohte damit, den im Körperinneren verschwindenden Zellen
die Lebensgrundlage abzuschneiden. Dadurch entstand das zweite, schon angekündigte Paradoxon,
dem sich das Leben an diesem Punkt konfrontiert sah: Der weitere Fortschritt konnte nur in einer
konsequenten Weiterverfolgung des Prinzips der Mehrzelligkeit der Organismen bestehen.
Ebendieses Prinzip aber musste den inneren Bausteinen des neuen Organismentyps die
Lebensgrundlage entziehen. Die aufwendige Antwort der Evolution auf dieses Dilemma bestand in
der Entwicklung von Regelmechanismen. Die Zellen, die da im Inneren verschwanden, stellten
nach wie vor die gleichen Ansprüche wie in den zurückliegenden Jahrmilliarden. Ihnen stand als
»Außenwelt« jetzt aber nicht mehr die praktisch unbegrenzte Weite eines Ozeans zur Verfügung,
sondern nur noch der schmale Flüssigkeitsspalt, der sie von der Membran der Nachbarzelle trennte.
Die dadurch entstehenden Probleme waren gewaltig.
Eine isoliert im Weltmeer dahintreibende Zelle kann ihrer Umgebung so viele Zuckermoleküle oder
Natrium entnehmen, wie sie mag. An der Zusammensetzung des Ozeans wird sich dadurch nichts
ändern. Auch die laufende Ausscheidung von Abfallprodukten ihres Stoffwechsels führt nicht zur
spürbaren Verunreinigung ihrer Umgebung. Die Lebensnotwendigkeit einer Konstanz des »inneren
Milieus« der Zelle war von Anfang an offensichtlich gewesen. Fast die ganze komplizierte Ausstat-
36
tung jeder lebenden Zelle diente allein dem Zweck, diese Konstanz unter allen Umständen zu
gewährleisten.
Dass das für die Konstanz des äußeren Milieus - die Zusammensetzung der »extrazellulären
Flüssigkeit«, in der die Zellen schwammen -grundsätzlich in dem gleichen Maße galt, hatte bislang
dagegen keine Rolle gespielt. Um die Unveränderlichkeit der Zusammensetzung des umgebenden
Wassers hatten sich die Zellen sozusagen nicht zu kümmern brauchen. Sie wurde durch Faktoren
außerhalb der Lebensprozesse automatisch gewährleistet.
Die geologischen und meteorologischen Prozesse aber, um die es sich dabei in erster Linie handelte,
spielten sich in einem vergleichsweise gewaltigen Rahmen ab, und auch die Menge des
»extrazellulären Wassers« war so unermesslich groß, dass die lebendige Aktivität der Zellen das
Gleichgewicht nicht in Gefahr bringen konnte. Das änderte sich mit dem Auftauchen des neuen,
mehrzelligen Konstruktionstyps, und zwar einschneidend. Die Menge der »extrazellulären
Flüssigkeit« reduzierte sich mit einem Male um astronomische Größenordnungen.
Dass das keine Übertreibung ist, wird deutlich, wenn wir zum Vergleich die Situation in unserem
eigenen Körper heranziehen. Das Verhältnis zwischen intrazellulärer und extrazellulärer Flüssigkeit
ist beim Einzeller im Ozean identisch mit der Relation zwischen dem wässrigen Inhalt der
einzelnen, mikroskopisch kleinen Zelle und der Menge des Wassers im Weltmeer. Das Verhältnis
beträgt in diesem Falle somit fast 1 zu unendlich.
Die sich in dieser Proportion ausdrückende Unerschöpflichkeit der extrazellulären Flüssigkeit wird
beim Mehrzeller nun nicht einfach nur einschneidend beschränkt. Bemerkenswerterweise verkehrt
sich das Verhältnis bei ihm sogar ins Gegenteil. Beim erwachsenen Menschen stehen rund 30 Litern
intrazellulärer Flüssigkeit (= der Inhalt aller unseren Körper bildenden Zellen) nur etwa 10 Liter
extrazellulärer Flüssigkeit (Blutserum, Gewebsflüssigkeit, Lymphe) gegenüber. In uns selbst ist das
»Weltmeer« also nur noch ein Drittel so groß wie der Inhalt aller der Zellen, die aus diesem
Reservoir versorgt werden müssen. Das gleiche gilt - mit geringfügigen Abweichungen - für alle
anderen mehrzelligen Lebewesen dieser Erde. Man braucht kein Fachmann zu sein, um zu ahnen,
wie ungeheuer groß die Probleme und Aufgaben sind, die gelöst werden müssen, wenn die
Lebensfähigkeit der Zelle auch unter solchen Umständen weiterhin gewährleistet bleiben soll.
Die Tatsache, dass es uns gibt, beweist, dass die Natur mit der Aufgabe fertig geworden ist. Sie
bestand, konkret formuliert, darin, die seit den ersten Anfängen des Lebens über rund 2 Milliarden
Jahre hinweg konstant gebliebene Zusammensetzung des äußeren Milieus auch dann noch
aufrechtzuerhalten, als das Volumen der extrazellulären Flüssigkeit von den Dimensionen eines
Weltmeers auf weniger als die Hälfte des Zellinhalts schrumpfte.
Es war die einzige Möglichkeit, die es gab, die Klippe zu umschiffen. Die Natur kann in jedem
einzelnen Augenblick nur mit den Elementen bauen, die sie schon hat. Keine einzige der Zellen, aus
denen sie mehrzellige Individuen aufzubauen sich abmühte, war fähig, die Ansprüche nennenswert
37
abzumildern, an die eine seit dem Beginn des Lebens gleichbleibende Umwelt sie »gewöhnt« hatte.
Diesen Ansprüchen hatte die Entwicklung sich folglich zu fügen, so groß die Anstrengungen auch
immer sein mochten.
Einige Daten, wieder aus unserem eigenen Organismus, können zeigen, mit welch atemberaubender
Präzision das scheinbar Unmögliche gelang. Bis auf den heutigen Tag entspricht die
Zusammensetzung der extrazellulären Flüssigkeit unseres Körpers bis in Einzelheiten der
Zusammensetzung des Meerwassers. Das erstaunlichste Beispiel betrifft das wechselseitige
Mengenverhältnis zwischen den biologisch bedeutsamen Salzen Natriumchlorid (Kochsalz),
Kaliumchlorid und Kalziumchlorid. Biologisch bedeutsam sind alle drei und auch das
Mengenverhältnis zwischen ihnen, weil, wie schon kurz angedeutet, die Bestandteile aller drei
Verbindungen die elektrischen Eigenschaften der Zellmembran und damit ihre Filterqualität
maßgeblich beeinflussen.
Im Meerwasser beträgt das Verhältnis zwischen den drei Molekülen nun 100 zu 2 zu 2. Das heißt,
auf 100 Moleküle Kochsalz kommen jeweils 2 Moleküle der anderen zwei Verbindungen. In
unserer extrazellulären Körperflüssigkeit lautet die Relation 100 zu 2 zu 1, sie ist also praktisch
identisch. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Natur seinerzeit das Meerwasser gleichsam in
das Körperinnere mitgenommen hat, als es galt, die Ansprüche der infolge der Vielzelligkeit dorthin
verschlagenen Zellen auch weiterhin zu befriedigen.
Aber das ist noch nicht das Erstaunlichste an der ganzen Geschichte. Am erstaunlichsten ist die
Tatsache, dass dieses in unserem Körper eingeschlossene »innere Meer« sauber und in seiner
Zusammensetzung konstant bleibt, obwohl es die Versorgung einer Zellmenge übernommen hat,
deren Inhalt insgesamt sein eigenes Volumen um rund das Dreifache übersteigt.
Der Aufwand, der hinter diesen Zahlenproportionen steht, ist enorm. Die höheren Lebewesen auf
der Erde, und so auch wir selbst, haben eine große Zahl spezialisierter Organe entwickelt, die durch
komplizierte und vielfältig miteinander verschlungene Funktionen dafür zu sorgen haben, dass trotz
ständig wechselnder Aktivitäten unseres Körpers die Ähnlichkeit zwischen seiner
Gewebsflüssigkeit und dem Meerwasser stets erhalten bleibt.
Zwar sind bei den höheren Lebewesen zu den mineralischen Komponenten im Laufe der Zeit viele
andere Substanzen hinzugekommen - etwa Zucker und bestimmte Fettsäuren -, aber auch für diese
gelten durchschnittliche »Normwerte«. Schon relativ geringfügige Abweichungen nach oben oder
unten registrieren wir als spürbare Beeinträchtigung unseres Wohlbefindens. Bleibende
Veränderungen - eine konstante Erhöhung des Blutzucker-Spiegels oder des Fettsäuregehalts - sind
Ausdruck von Störungen, die von den Ärzten den Stoffwechselkrankheiten zugerechnet werden.
Zur Regelung dieser und unzähliger anderer Faktoren existieren nicht weniger zahlreiche
biologische Einrichtungen. Einige wenige Beispiele, wieder aus unserem eigenen Körper: Spezielle
Hormone aus der Rinde unserer Nebennieren bewirken eine Zurückhaltung von Natrium durch das
38
Blutfilter unserer Nieren und gleichzeitig eine Erleichterung der Ausscheidung von Kalium. Der
Kalzium-Spiegel in unserem Blut wird dagegen durch mindestens zwei Hormone der
Nebenschilddrüsen eingepegelt, von denen das erste eine den Kalziumgehalt steigernde, das andere
die gegenteilige Wirkung hat. Beiden Hormondrüsen übergeordnet ist der Vorderlappen der
Hypophyse (Hirnanhangsdrüse), deren Hormone die Aktivität dieser und aller anderen
innersekretorischen Drüsen regelt. Der Hypophysenhinterlappen wiederum greift in diese Prozesse
durch eine Steuerung der allgemeinen Konzentrationsleistung unserer Nieren ein.
Das auf diese Weise entstehende Netz vielfältiger und sich untereinander noch durch
Rückkoppelung beeinflussender Regelmechanismen ist von unübersehbarer Kompliziertheit.
Obwohl die Fülle der bekannten Details heute schon ausreicht, einen Medizinstudenten zur
Verzweiflung zu bringen, sind seine Maschen auch von der modernen physiologischen Forschung
noch keineswegs auch nur annähernd vollständig entwirrt. Wir sollten dabei aber beachten, dass
dieses unser »inneres Milieu« regelnde Netzwerk, soweit wir es bisher beschrieben haben, nicht aus
festen Maschen gewirkt ist. Alle bisher als Beispiele skizzierten Einzelheiten bezogen sich auf Fälle
hormonaler Steuerung. Flüssige Wirkstoffe waren es dann also immer, die sich in unserer
Gewebsflüssigkeit ausbreiteten und dort, wo sie schließlich eintrafen, den Effekt auslösten, der ihrer
chemischen Besonderheit entsprach.
Dass das für alle bisher erwähnten Beispiele galt, ist alles andere als Zufall. Zwar sind an der
kunstvoll abgestimmten Regelung unseres inneren biologischen Gleichgewichts auch Nerven,
sogenannte »vegetative« Nerven, beteiligt. Die Ausschüttung von Adrenalin zum Beispiel aus den
Nebennieren wird auch durch Impulse vermittelt, die nicht von Hormonen, sondern von Nerven
übertragen werden. Aber alles in allem ergibt sich bei einem Überblick doch der Eindruck, dass die
Nervenleitung als Signalträger bei dieser Art der »Binnenabstimmung« eine zweite Geige zu
spielen scheint.
Das ist außerordentlich interessant. Die Feststellung, dass bei der urtümlichsten und ganz sicher
ältesten Form der Regelung, die sich in unserem Körper abspielt, humorale (flüssige)
Überträgermechanismen gegenüber festen Nervenverbindungen eine Vorrangstellung einnehmen,
bildet, wie mir scheint, einen unübersehbaren Hinweis auf die biologische Entstehungsgeschichte
der Nervenleitung. Die Vermutung, die sich hier aufdrängt, wird weiter durch die Tatsache gestützt,
dass gewisse primitive Mehrzeller, wie etwa die Schwämme, trotz eines zum Teil schon recht
komplizierten Körperbaus mit vielfältig arbeitsteiliger Funktion bis auf den heutigen Tag sogar ganz
ohne Nervenleitung auskommen. All das legt den Gedanken nahe, dass die »Verständigung«
zwischen den verschiedenen Mitgliedern der ersten Mehrzellerverbände zunächst ausschließlich auf
humoralem Wege erfolgt ist, also durch die Vermittlung von flüssigen, hormonähnlichen
Wirkstoffen. Die Vorstellung leuchtet unmittelbar ein. Man glaubt an dieser Stelle sogar zu
verstehen, wie es zur Bildung der ersten Hormone gekommen sein könnte: jede Zelle produziert bei
39
jeder ihrer Tätigkeiten jeweils ganz bestimmte Stoffwechsel-Endprodukte, die sie als Abfall nach
außen abstößt. Bei einem Mehrzeller gelangen diese Sekrete in den extrazellulären Raum, in dem
sie sich verteilen, bis sie früher oder später unweigerlich auch in Kontakt mit benachbarten Zellen
kommen. Da diese Produkte nun aber charakteristisch für die Art der Zellaktivität sind, die sie hat
entstehen lassen, stellen sie mehr dar als bloß Abfall. Sie sind ganz unvermeidlich zugleich auch
potentielle Signale, eine Art von Stoffwechsel-»Fall-out«, der auf den Ablauf einer ganz bestimmten
Zelltätigkeit in der Umgebung mit der gleichen Präzision schließen lassen kann, wie die
Anreicherung bestimmter radioaktiver Isotope in der Erdatmosphäre auf die Art eines
Atomwaffenversuchs, der in großer Entfernung stattgefunden hat.
Es wäre ein Wunder, wenn die Evolution von dieser sich aus der Lage der Dinge von selbst
anbietenden Gelegenheit keinen Gebrauch gemacht haben sollte. Natürlich ist das heute noch eine
Spekulation. Aber die nächstliegende, die sich denken lässt. Ich vermute, dass diese mögliche
Signalfunktion spezifischer Stoffwechselprodukte evolutionistisch den Ausgangspunkt für die
Entstehung der meisten heute bekannten Hormone gebildet haben dürfte 8.

Die Erfindung der Nervenleitung

So können wir uns den Typ des ersten Mehrzellers also als einen im Wasser treibenden Verband von
einigen hundert, höchstens einigen tausend Einzelzellen vorstellen. Das Ganze hatte kugelförmige
Gestalt, ähnlich wie der heute noch lebende Volvox (Abb. 2). Ein Nervensystem gibt es noch nicht.
Die Abstimmung der Aktivität der vielen Zellen auf einen harmonischen Zusammenklang oder,
wissenschaftlicher formuliert: die funktionelle Integration der Zellen zu einem einheitlich
agierenden Individuum erfolgt durch flüssige Stoffwechselprodukte, die die kleine Kugel in
langsam aufeinander folgenden Wellen durchströmen und alle ihre Mitglieder den jeweils gleichen
chemischen Reizen unterwerfen.
Über lange Zeiten hinweg, während vieler kleiner Schritte der Weiterentwicklung, dürfte sich daran
grundsätzlich nichts geändert haben. Das System funktionierte ausgezeichnet. Noch war die Zahl
der Zellen so klein, dass die meisten von ihnen ausreichenden Kontakt mit der »extrazellulären
Flüssigkeit« des Meeres hatten, in dem ihr Verband schwamm. Die Erfordernisse der gegenseitigen
Abstimmung beschränkten sich daher vorerst noch auf die Notwendigkeit einer Synchronisation der
Geißelaktivität, um eine geordnete Fortbewegung des Ganzen zu ermöglichen, und vielleicht auf
die im Interesse des Ganzen ebenfalls notwendige synchrone Einstimmung aller Mitglieder auf den
rhythmischen Wechsel von Ruhe und Aktivität im Gefolge des äußeren Rhythmus von Tag und
Nacht.

8
Es gibt immerhin schon Befunde, die zeigen, dass ein derartiger Entstehungsweg biologisch vorkommt. So weiß man heute, dass bestimmte
»Abfallprodukte« des Muskelstoffwechsels (Adenosinabkömmlinge) die Herzkranzgefäße erweitern. Da eine Verbesserung der Durchblutung des
Herzmuskels bei erhöhter allgemeiner Muskelaktivität biologisch sinnvoll und notwendig ist, scheint hier ein Zusammenhang von der Art
vorzuliegen, wie er im Text geschildert wird.
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Ich habe schon begründet, warum es damit auf die Dauer nicht sein Bewenden haben konnte.
Immer kleiner wurde der Anteil des extrazellulären Mediums, des »inneren Meeres«, aus dem alle
Zellen sich zu ernähren hatten. Unweigerlich kam so im Verlaufe des weiteren Wachstums der
Augenblick, in dem besondere Einrichtungen »erfunden« werden mussten, welche die
Reinerhaltung dieses Binnenmeeres zu übernehmen hatten, also eine nierenartige Funktion, und
andere, die es künstlich mit neuen Nährstoffen anreichern mussten.
Damit aber genügte die bisherige, hormonale Form des Zusammenhalts nicht mehr. Der nunmehr
erreichte Grad der Kompliziertheit machte es notwendig, verschiedene Zellgruppen des Verbandes
gleichzeitig in unterschiedlichem Sinn beeinflussen zu können. Mit einem flüssigen Signal, das den
ganzen Organismus überschwemmte, war das unmöglich. Je komplizierter die neuen Individuen
wurden, um so größer wurde außerdem das Bedürfnis nach einer schnelleren Übermittlung von
steuernden Impulsen auch in relativ entfernte Zellgebiete.
Eine gezielte anstelle einer diffusen und eine möglichst schnelle Signalübermittlung, das also waren
die aus dem Stand der Dinge ganz natürlich sich ergebenden Bedürfnisse. Aus dem Rückblick wird
klar, dass dies die Geburtsstunde der Nervenleitung gewesen sein muss. Ein elektrischer Impuls, der
auf vorgezeichneter Bahn einem festliegenden Ziel zustrebt - das ist die Antwort auf beide
Forderungen. Nun besteht aber auch in der Natur keine unmittelbare Verbindung zwischen einem
Bedürfnis und seiner Erfüllung. Wie also ist es zur Entstehung von Nervenbahnen für die
Signalübermittlung gekommen?
Wieder sind wir auf Vermutungen angewiesen. Wieder können wir uns aber auch auf gewisse
Anhaltspunkte stützen. Es erscheint mir plausibel, davon auszugehen, dass die ersten Nervenzellen -
oder »Ganglienzellen«, wie der Wissenschaftler sie nennt - ihre leitenden Fortsätze entgegen der
Richtung des Konzentrationsgefälles der bei ihnen eintreffenden hormonalen Reize haben wachsen
lassen (s. Abb. 3). Dass die ersten Nervenleitungen die bisherige hormonale Nachrichtenverbindung
insofern also ganz buchstäblich und konkret ersetzt haben, als sie den von Hormonen zwischen
Absender und Empfänger zurückgelegten Weg durch ihre leitenden Fortsätze nachzeichneten.
Natürlich ist dazu bereits eine wenn auch noch so bescheidene Einschränkung der ursprünglich
absoluten Ziellosigkeit der hormonalen Botschaft vorauszusetzen. Dies aber können wir ohne
Bedenken tun. Dieser Nachteil der hormonalen Nachrichtenübertragung ist heute, bei den modernen
Hormonen, weitgehend gemildert. Zwar ist dieser Form der Übermittlung die geradezu
punktförmige Zielgenauigkeit, welche die nervöse Impulsübertragung auszeichnet, nach wie vor
verschlossen. In vielen Fällen gibt es heute aber doch immerhin gezielte hormonale Beziehungen
zumindest zwischen ganz bestimmten einzelnen Organen. Dies gilt in erster Linie für die
Beziehungen zwischen den hormonproduzierenden endokrinen Drüsen selbst.
So war schon davon die Rede, dass der Vorderlappen der Hypophyse oder Hirnanhangsdrüse die
Aktivität der Nebennieren steuert. Er regiert in gleicher Weise als übergeordnete Zentrale aber auch
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über die Tätigkeit aller anderen endokrinen Drüsen unseres Körpers: die der Schilddrüse, der
Keimdrüsen, der Bauchspeicheldrüse und so fort. Jeder dieser Verbindungen dient ein besonderes
spezielles Hormon. Und der jeweils gemeinte Empfänger, das »Erfolgsorgan«, verfügt
offensichtlich über ebenso spezifische Rezeptoren, die nur auf das auf ihn selbst gemünzte Hormon
ansprechen.
Auch heute noch verbreitet sich jedes Hormon gänzlich ungerichtet. Es wird von der extrazellulären
Flüssigkeit aufgenommen und diffundiert im ganzen Körper. Daran hat sich nichts geändert. Aber
längst gibt es bestimmte, lokalisierte Zellkomplexe - die »endokrinen Drüsen« -, die als »Sender«
fungieren, indem sie ganz bestimmte, chemisch eindeutig charakterisierte Nachrichtensubstanzen
ausscheiden. Ihnen stehen »Empfänger« gegenüber, Zellareale, die allein diese eine Nachricht zu
lesen im Stande sind, während alle übrigen Zellen des Körpers beim Eintreffen des Hormonsignals
gleichsam taub bleiben.
Nichts hindert uns nun, anzunehmen, dass das hormonale Nachrichtensystem bereits die allerersten
Fortschritte in dieser Richtung gemacht hatte, als die ersten Nervenleitungen gezogen wurden. Dass
es also schon umschriebene Zellkomplexe gab, die Stoffe produzierten, welche nicht mehr bloßen
»Fall-out«-Charakter hatten, deren chemischer Aufbau schon geringfügig abgeändert war, so dass er
sich als vage erkennbare Nachricht abhob von dem Hintergrund des Einerlei der übrigen
Körpersäfte. Und dass es Zellen gab, die dieser Nachricht mehr als ihre Nachbarn bedurften und die
daher eine geringfügig vermehrte Sensibilität ihr gegenüber entwickelt hatten.
Sobald es eine solche, noch so lose Beziehung zwischen Sender und Empfänger gab, bestand eine
eindeutig definierte Richtung, das, was die Wissenschaftler einen »Gradienten« nennen. Sender und
Empfänger waren jetzt durch ein abnehmendes Konzentrationsgefälle des flüssigen Signals
miteinander verbunden, das als Leitlinie für die Wachstumstendenz von Nervenzell-Fortsätzen bzw.
als Selektionskriterium für entsprechende Mutationen dienen konnte.
Es gibt Hinweise, die einen solchen Ablauf plausibel erscheinen lassen. Trotz aller Unterschiede in
der Funktionscharakteristik und im Übertragungsmodus stehen beide Methoden der
Nachrichtenverbindung bis auf den heutigen Tag in einer erstaunlich engen Beziehung zueinander,
die eigentlich nur historisch erklärbar erscheint. So gibt es Hinweise, die dafür sprechen, dass die
Vorfahren der heutigen Nervenzellen Drüsenzellen gewesen sind, dass sich also die eine aus der
anderen Zellart entwickelt haben könnte.
Bei näherer Betrachtung erweist sich ferner die nervöse Verbindung zwischen der einen Impuls
aussendenden Instanz und dem Erfolgsorgan nicht als lückenlos. Das Netz unserer Nerven
entspricht nicht dem Bild einer festen »Verdrahtung«. Zwischen dem äußersten Ende des Fortsatzes
der einen und dem Leib der nachfolgenden Nervenzelle, die den Impuls weiterreichen soll, besteht
bemerkenswerterweise kein direkter körperlicher Kontakt.

42
Wie elektronenmikroskopische Untersuchungen in den letzten zwei Jahrzehnten gezeigt haben,
klafft an dieser »Synapse«, wie die Verbindungsstelle zwischen zwei Nervenzellen in der Sprache
der Wissenschaft heißt, in jedem Falle ein winziger Spalt. Die Lücke ist nur mit vieltausendfacher
Vergrößerung sichtbar zu machen. Sie ist aber groß genug, um das Überspringen des elektrischen
Impulses von der einen Zelle auf die andere zu verhindern (Abb. 4).
Wie kommt die kontinuierliche Nervenleitung dann aber zustande? Die Antwort ist heute ebenfalls
schon bekannt: dadurch, dass die Impulse von sogenannten »Überträgersubstanzen« zur nächsten
Zelle weitergeleitet werden. In unserem Zusammenhang besonders interessant ist dabei die
Feststellung der Biochemiker, dass es sich bei diesen Überträgersubstanzen um hormonartige
Wirkstoffe handelt, in mindestens einem Fall um ein echtes Hormon, und zwar Adrenalin, ein
Hormon des Nebennierenmarks.
Genaugenommen stellen die Bahnen, auf denen in unserem Nervensystem die Impulse hin und her
laufen, mit Hilfe derer wir uns bewegen, empfinden und denken können, also keine durchgehenden
»Leitungen« dar. In einem stafettenartigen Wechsel werden die Impulse auf jeder dieser Strecken,
ob im Gehirn oder im Rückenmark, immer abwechselnd von Nervenzell-Fortsätzen und von
hormonalen Substanzen weitergetragen. Die Nerven haben also, so könnte man das auch
beschreiben, die ursprünglichen hormonalen Verbindungswege keineswegs total ersetzt. Unter
einem technischen Aspekt betrachtet hat die Evolution sich hier so verhalten wie ein Konstrukteur,
der versucht hat, zwei grundverschiedene Systeme miteinander zu verbinden.
Solchen Aufwand treibt ein Konstrukteur aber nur dann, wenn er sich einen entsprechenden Vorteil
erhofft. Das gleiche gilt für die Evolution. Worin besteht hier der Vorteil? Sehr wahrscheinlich
darin, dass auf diese Weise die Möglichkeit geschaffen wird, die Aktivität des Nervensystems durch
chemische - hormonale - Einflüsse ständig steuernd regeln zu können, etwa zwischen den Polen
äußerster Aktivität oder Entspannung. Außerdem zeigt die genauere Überlegung, dass eine
tatsächlich lückenlose Nervenleitung allen bis dahin erreichten Fortschritt wieder illusorisch
gemacht hätte. jeder einmal ausgelöste Signalreiz würde sich in einem so gebauten System
ungehindert und bis zur Erschöpfung nach allen Seiten ausbreiten. Eine gezielte Steuerung
bestimmter Einzelteile des Organismus wäre unmöglich. Auch bei der Unterbrechung von
Impulsen, vereinfacht ausgedrückt: bei der An- oder Abschaltung einzelner Teile unseres
Nervensystems, spielen die Synapsen als Schaltelemente eine unentbehrliche Rolle.
Am Rande sei hier schließlich angemerkt, dass diese zwitterhafte oder »hybride« Natur unseres
Nervensystems, bei dem jedes Signal immer sowohl durch elektrische als auch durch chemische
Reize weitergetragen wird, der Grund ist für die Wirksamkeit der modernen Psychopharmaka.
Unsere computerselige Epoche neigt ganz sicher dazu, unser Gehirn allzu einseitig als eine mit
elektrischen Impulsen arbeitende Verrechnungsmaschine großer Kompliziertheit anzusehen. Es

43
besteht jedoch Grund zu der Annahme, dass gerade die kompliziertesten sich in unserem Denkorgan
abspielenden Prozesse auf chemischen Vorgängen beruhen.
Der Optimierungscharakter der Kombination eines chemischen mit einem elektrischen
Signalsystem wird bei einem anderen Beispiel besonders augenfällig. Ich habe eben schon erwähnt,
dass in manchen Fällen, so bei der Nebenniere, elektrischer und chemischer Reiz hintereinanderge-
schaltet sind: Die Ausschüttung von Adrenalin, dem Hormon des Nebennierenmarks, wird durch
einen vegetativen Nerv, den sogenannten »Sympathikus«, ausgelöst. Hier wird also die
Schnelligkeit und Zielsicherheit der nervösen Signalübermittlung dazu eingesetzt, um schließlich
ein sich diffus im ganzen Körper ausbreitendes Hormon auszuschütten. Wie optimal das unter
biologischen Gesichtspunkten ist, wird sofort klar, wenn man sich die Funktion von Adrenalin vor
Augen führt: Dieses Hormon hemmt die Darmbewegungen und stoppt die Verdauungsvorgänge.
Dadurch wird eine beträchtliche Blutmenge zur zusätzlichen Versorgung der Muskulatur
freigestellt. Gleichzeitig wird der Herzschlag beschleunigt und der Blutdruck erhöht. Die Bronchien
der Lunge weiten sich und erleichtern dadurch die Sauerstoffversorgung. Der Zuckergehalt des
Blutes steigt an, womit den Muskeln zusätzliche Energie zugeführt wird. Schließlich erweitern sich
noch die Pupillen und erhöhen dadurch die Empfindlichkeit der Augen auf optische Reize.
Wenn man alle diese höchst verschiedenartigen Einzelfunktionen im Zusammenhang betrachtet,
fügen sie sich zu einem geschlossenen Bild: Adrenalin bewirkt im Endeffekt eine »Alarmierung«
des Organismus. Die Physiologen sprechen sehr anschaulich von einer »Notfallfunktion« dieses
Hormons. Es wirkt an sehr vielen verschiedenen Stellen des Organismus auf sehr unterschiedliche
Weise. Alles in allem ergibt sich aus der Summe aller Einzeleffekte eine erhöhte
Leistungsbereitschaft, sei es zur Flucht, sei es zur Abwehr oder zum Angriff.
Die Zweckmäßigkeit des Zusammenspiels beider Nachrichtensysteme ist unter diesen Umständen
offensichtlich: Die Schnelligkeit der Auslösung eines Alarms ist von gleicher Bedeutung wie die
Verwendung eines Hormons zur Ausführung eines Befehls, der eine Erfassung und
»Gleichschaltung« möglichst des gesamten Organismus zum Ziel hat.

Vollkommenheit im Kleinen

Aber kehren wir wieder zu unserem Mehrzeller im Urozean zurück. Wir dürfen ihn uns jetzt mit
einem primitiven Nervennetz ausgerüstet vorstellen. Die Signale, die seinen Leib bisher in flüssiger
Form durchströmten, laufen nunmehr wenigstens zu einem Teil auf festgelegten Bahnen. Das geht
schneller und vor allem zielsicherer. Die Folge ist die Möglichkeit, immer kleinere Zellanteile
gesondert »ansprechen« und zu immer spezielleren Aufgaben heranziehen zu können.
Die mit bloßem Auge jetzt eben sichtbare Kugel ist auf solche Fähigkeiten inzwischen immer
dringender angewiesen. Sie hat in den zurückliegenden Jahrhunderttausenden im Ablauf der
Generationenfolge mit unmerklicher Langsamkeit die Größe überschritten, Jenseits derer die

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Versorgung der Zellen ihres Körperinneren nicht länger ohne zusätzliche Leistungen erfolgen kann.
Die Reaktion der Evolution auf die sich daraus ergebenden Forderungen war zwiefach gewesen.
Durch eine Einstülpung der Oberfläche war an einer Stelle der Kugel eine Öffnung entstanden. Eine
Art Ur-Mund, der allerdings nicht nur der Einfuhr nährstoffhaltigen Wassers aus der Umgebung ins
Innere, sondern auch der Ausstoßung abgebauter Reste in der umgekehrten Richtung zu dienen
hatte. Im Innern gab es jetzt eine Höhlung, deren Wandzellen weiterhin mit dem Umgebungswasser
Kontakt hatten, soweit dieses durch den Ur-Mund eindringen konnte.
Es hatte aber nicht nur derartige bauliche, sondern Hand in Hand damit auch funktionelle
Änderungen gegeben, ohne die die Neuerungen sinnlos gewesen wären. Die 10 oder 20.000 Zellen,
aus denen die lebende Kugel jetzt bestehen mochte, glichen einander längst nicht mehr wie ein Ei
dem anderen. Je nach dem Ort, an dem sie sich befanden, war ihre Lage auch im übertragenen
Sinne eine andere, und ihr Aussehen hatte begonnen, sich diesen Unterschieden anzupassen.
Die Zellen an der äußeren Oberfläche zeichneten sich unter anderem durch besonders kräftige und
lange Geißeln aus, deren Schlag die Mobilität des Ganzen garantierte. Die Zellen der inneren
Oberfläche dagegen, die neu hinzugekommen waren, hatten ihre Geißeln stark verkürzt. Sie dienten
nicht länger der Fortbewegung. Ihre Aufgabe war es jetzt, den Flüssigkeitsstrom, der das
Kugelinnere mit dem äußeren Meer erband, aufrechtzuerhalten, und zwar in beiden Richtungen. So
einleuchtend und einfach das auch erschien, es hatte eine gewaltige Konsequenz.
Das neue Bauprinzip konnte nur funktionieren, wenn es gelang, die damit neu entstandenen beiden
Arten geißeltragender Zellen auch funktionell voneinander zu trennen. Bisher hatte eine Steuerung
vom globalen Typ ausgereicht. Bisher war es immer richtig und zweckmäßig gewesen, wenn alle
Oberflächenzellen ihre Geißeln im gleichen Takt und in der gleichen Richtung bewegt hatten. Das
aber hatte sich, ebenso wie die Intensität der jeweils erwünschten Geißelarbeit, mit einer deren
Bewegung aktivierenden oder hemmenden Substanz einwandfrei besorgen lassen.
Diese einfache Lösung genügte jetzt nicht mehr. Nehmen wir an, ein glücklicher Zufall habe unsere
Organismenkugel in ein günstiges Milieu treiben lassen. An einen Ort, an dem die flüssige
Umgebung besonders reich ist an gelösten Nährstoffen und Mineralien, von angenehmer
Temperatur und auch von der Sonne gerade richtig bestrahlt. Dann ist es erforderlich, dass unser
Organismus seine äußeren Geißeln abstellt oder ihren Schlag doch möglichst verlangsamt, um den
Glücksfall ausnutzen zu können. Eine Suche muss abgebrochen werden, wenn ihr Ziel erreicht ist.
Für die Geißeln der inneren Oberfläche gilt in der gleichen Lage aber ein ganz anderes Gebot. Die
Gunst des Augenblicks kann nur genutzt werden, wenn sie jetzt mit höchster Aktivität dafür sorgen,
dass der Strom des so besonders nahrhaften Mediums in das Körperinnere so stark wie möglich
fließt. Wenn die Kugel überleben will, ist sie daher auf ein inneres Signalsystem angewiesen, das
eine gezielte, isolierte Ansprache bestimmter spezialisierter Zellgruppen erlaubt.

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Die Entstehung von Nervenbahnen, die allein diese Aufgabe lösen können, ist auf dieser
Entwicklungsstufe folglich eine elementare biologische Notwendigkeit gewesen. Der größte Vorteil
des Prinzips der Vielzelligkeit, die Perfektionierung biologischer Leistungen durch die Entwicklung
entsprechend spezialisierter Zellen, die schließlich zu bestimmten »Organen« zusammengefasst
wurden, kann ohne die gleichzeitige Entwicklung eines Nervennetzes nicht genutzt werden. Der -
eine unerhörte Neuheit - aus Zellen schließlich ganz unterschiedlicher Art zusammengesetzte
Mehrzeller könnte keinen Augenblick überleben, wenn die sehr unterschiedlichen Funktionen seiner
zahlreichen Bausteine nicht laufend aufeinander abgestimmt würden.
Welche Formen biologischer Existenz auf dem damit erreichten Organisationsniveau immerhin
schon möglich sind, zeigt Hydra, der Süßwasserpolyp. Hydra ist ein besonders ursprünglicher,
primitiver Vertreter der Mehrzeller des Entwicklungsstadiums, das wir nunmehr erreicht haben. Sie
ist kaum mehr als ein 1-2 Zentimeter langer Schlauch, dessen Wandung aus einer doppelten
Zellschicht besteht, und der auf der einen Seite in einer »Fußplatte« endet, auf der anderen dagegen
mit einem »Mund« versehen ist, den 6-10 Tentakel umgeben (Abb. 8). Aber welch erstaunliches
Repertoire zweckmäßiger Verhaltensweisen lässt sich an dem winzigen Hohltier beobachten!
Der Polyp sitzt meist, mit der Fußplatte an eine Unterlage geheftet, fest an Ort und Stelle. Die
Tentakel treiben scheinbar passiv im Wasser. Sobald aber nur einer von ihnen mit »etwas« in
Kontakt kommt, krümmen sich alle mit erstaunlicher Geschwindigkeit in Richtung auf den
gemeinsamen Mittelpunkt. Das Ganze ist ein gewöhnlicher Reflex. Jede Berührung an einer Stelle
irgendeines der Tentakel löst den gleichen Bewegungsablauf aus. Der Zweck liegt auf der Hand:
Ein Gegenstand, der in die Reichweite der Tentakel gelangt, soll zu der in ihrer Mitte gelegenen
Mundöffnung befördert werden.
Die genauere biologische Untersuchung zeigt weiter, dass Hydra mit dieser Reaktion keineswegs
etwa jeden beliebigen Gegenstand meint, sondern Nahrung, noch genauer: ausschließlich lebende
Nahrung. Denn der Tentakelreflex lässt sich zwar durch jeden körperlichen Kontakt auslösen, also
auch durch die Berührung mit einer feinen Sonde oder durch ein kleines Plastikstückchen. Die
Tentakel sind jedoch außer mit den zu ihrer Bewegung erforderlichen Muskelzellen an ihrer
Oberfläche noch mit giftigen Nesselkapseln ausgerüstet, die bei der leisesten Berührung platzen.
Nun ist es offensichtlich sinnlos, ein Stück Plastik oder auch leblose Nahrung, also etwa
Pflanzenreste, vergiften zu wollen. Die bis hierhin beschriebene Ausstattung von Hydra zielt
erkennbar auf eine andere Beute. Ihre zelluläre Ausstattung allein befähigt Hydra folglich zur
Auswahl einer ganz bestimmten Kost. Die Beobachtung ergibt, dass es sich dabei um lebende
Wasserflöhe und andere kleine Krustentiere handelt.
Die Auswahl dieser für den Polypen einzig bekömmlichen Kost unter all dem, was sonst im Wasser
treiben und an seine Tentakel anstoßen kann, ist auch im weiteren Ablauf mit einfachsten Mitteln
minuziös gewährleistet. Auch ein Bröckchen Kunststoff wird von Hydra nach erfolgter Berührung
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zum Mund transportiert - dieser öffnet sich dann jedoch nicht. Nach langen und geduldigen
Untersuchungen haben die Wissenschaftler herausgefunden, woran das liegt. Auch die Öffnung des
Mundes von Hydra wird durch einen Reflex besorgt. Der einzig passende »Schlüssel«, der diesen
Reflex auslösen kann, ist aber zweckmäßigerweise nun nicht etwa ein Berührungsreiz, sondern ein
chemisches Signal.
Um welchen chemischen Schlüssel es sich handelt, fanden mehrere Gruppen amerikanischer und
englischer Biologen in jahrelangen, mühsamen Untersuchungen heraus , indem sie dem Polypen
alle überhaupt in Frage kommenden chemischen Verbindungen, die in Wasserflöhen enthalten sind,
der Reihe nach als Lockmittel vorsetzten. Am Ende des Mammutunternehmens stand fest, dass
Glutathion den Mundöffnungs-Reflex auslöst, und zwar nur in reduzierter, nicht dagegen in
oxydierter Form. Glutathion ist ein ganz primitiver Eiweißbaustein, der nur aus drei Aminosäuren
zusammengesetzt ist, ein sogenanntes Tripeptid.
Die verblüffende Zweckmäßigkeit dieses chemischen Schlüssels brauchte den Wissenschaftlern
niemand zu erklären: Reduziertes Glutathion ist in der Haut aller Wasserflöhe enthalten - aber nur,
so lange sie leben. Nach dem Tod der Tiere wird es in kürzester Zeit oxydiert, womit es seinen
Schlüsselcharakter für Hydra verliert. Wenn die Süßwasserpolypen sich weiterentwickelt hätten,
wenn es von ihnen Nachfahren gäbe, die es bis zu einem Großhirn und bewusstem Erleben gebracht
hätten, dann würden diese, soviel ist sicher, den Geschmack von reduziertem Glutathion ganz
gewiss als außerordentlich angenehm und appetitanregend empfinden, während oxydiertes
Glutathion für sie einen widerwärtigen Geschmack haben würde.
Warum das so wäre, diese scheinbar triviale Frage würde sich diesen hypothetischen Nachkommen
gar nicht stellen. Es sei denn, sie brächten es noch weiter, bis zur Entwicklung einer Wissenschaft,
die nach den Ursachen der Welt forscht, und die begonnen hätte, ihre eigene Vergangenheit
aufzudecken, so, wie es bei unserem eigenen Geschlecht gekommen ist.
Hydra kann noch viel mehr. Der kleine Polyp kann sich zu einer winzigen Kugel zusammenziehen
oder zur Seite strecken (auch das alles in Form von Reflexen auf ganz bestimmte Reize hin).
Vielleicht am überraschendsten wirkt die Fähigkeit des primitiven Organismus, seinen Standort zu
verlassen und neue Regionen aufzusuchen, wenn das Nahrungsangebot an Ort und Stelle zu
versiegen droht. Hier scheint ein längeres Ausbleiben der kompletten erfolgreichen Reflexfolge, die
von der Tentakelberührung bis zum Schlucken der Beute führt, seinerseits als Signal zu wirken, das
die Haftfähigkeit der Fußplatte aufhebt.
Trotz einfachsten Baus ist schon bei Hydra die Art und Weise, in der diese und noch einige andere
Reflexketten durch chemische und elektrische Signale aufgebaut und aufeinander abgestimmt sind,
so kompliziert, dass die Biologen sie bisher nicht vollständig haben aufklären und verstehen
können. Ungeachtet ihrer scheinbaren Primitivität und der geringen Zahl festliegender

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Möglichkeiten, auf spezifische Reize mit bestimmten Reflexen zu antworten, ist Hydra auf ihre
Weise unzweifelhaft ein vollendeter Organismus.
Wie harmonisch und verlässlich der kleine Polyp an seine Umwelt angepasst ist, ergibt sich
mittelbar aus dem Alter seiner Art. Mehrere 100 Millionen Jahre ist eine bescheidene Schätzung. So
ist Hydra ein lebendes Dokument für die Tatsache, dass es sich auf dieser Erde auch ohne
Zentralnervensystem, ohne Gehirn, ausgezeichnet leben lässt, von einem »Bewusstsein« ganz zu
schweigen. Die Geborgenheit auf dieser, der vegetativen Organisationsstufe ist so groß, dass man
dieser Polypengattung auch für die Zukunft noch eine ähnliche Lebenserwartung zutrauen möchte,
wie es ihrem Alter in der Vergangenheit entspricht - eine Aussicht, die bei weitem alles übertrifft,
was wir in dieser Hinsicht unserem eigenen, von so vielen Risiken bedrohten Geschlecht zu
prophezeien uns getrauen würden.
Es ist eine bewusstlose Geborgenheit, in der Hydra und ebenso die Quallen die Muscheln und viele
andere Tierarten vergleichbarer Organisationsstufe aufgehoben sind. Wir neigen immer dazu, bei
dem Begriff »Nerven« gleich an psychische Phänomene zu denken. Hydra und ihre vegetativen
Genossen erinnern uns daran, dass diese Gedankenverbindung allzu menschlich ist. Nervenzellen
haben mit psychischen Vorgängen ursprünglich nicht das Geringste zu tun.
Die Entstehung von Nerven ist die Antwort der Evolution auf die eingehend geschilderten Probleme
gewesen, die sich aus dem Wachstum der Mehrzeller für die innere Abstimmung dieses
zukunftsträchtigen neuen Organismentyps ergaben. Die Konstanterhaltung des inneren Milieus und
die Abstimmung der Aktivitäten der einzelnen Teile der rasch komplizierter werdenden neuen
»Individuen« 9 machte die Entwicklung neuer Signalverbindungen notwendig.
Nervenzell-Fortsätze lösten die Aufgabe . Die von ihnen gebildeten Verbindungswege waren eine
biologische Antwort auf biologische Bedürfnisse. Von psychischen Erscheinungen ist weit und breit
nichts zu sehen. Und doch steckt in Hydra schon der Keim für alles Kommende. Gänzlich
unbeabsichtigt - wer sollte hier geplant haben? - und wie nebenbei, aber auch ganz unausweichlich
ließ die zunehmende Perfektion der inneren, vegetativen Abstimmung der Mehrzeller eine Sprosse
entstehen, die sich als tragfähig genug erwies, um der Evolution eine ganz neue Ebene zu
erschließen.

9
»Individuum« heißt: das Unteilbare. Die ersten, noch kolonieartig organisierten Mehrzeller wurden dadurch zu echten Individuen, dass sich die
Zellen, aus denen sie bestanden, immer spezifischer arbeitsteilig spezialisierten. Auf diesem Wege wurde dann sehr bald ein Punkt erreicht, an dem
die Zellen sich so weit spezialisiert hatten, dass keine von ihnen außerhalb des Organismus aus eigener Kraft mehr lebensfähig war, was den noch
unspezialisierten Mitgliedern einer Zellkolonie ohne weiteres möglich ist.
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5. Vorzeichen des Kommenden

Nervennetze speichern Programme

Vor einigen Jahren führten amerikanische Physiologen ein etwas makaber wirkendes Experiment
mit einem Affen durch, dessen entscheidende Phasen auf einem Film festgehalten wurden. Das
völlig zahme Tier saß zu Versuchsbeginn entspannt um sich blickend friedlich auf einem kleinen
ledergepolsterten Stuhl. Dann zog ein Wissenschaftler einige Kubikzentimeter Wasser in einer
kleinen Spritze auf und ließ den Inhalt in ein Plastikröhrchen tropfen, dessen Öffnung aus einer
kleinen Operationswunde am Kopf des Affen herausragte.
Wenige Sekunden später begann der Affe sichtlich zu frieren. Er rutschte unbehaglich auf seinem
Stuhl umher, zog Arme und Beine fröstelnd an sich und fing an zu zittern. Auf dem Höhepunkt
»schnatterte« er vor Kälte, dass es im ganzen Zimmer zu hören war. Die Raumtemperatur betrug
unverändert weiterhin 25° C.
Nach einigen Minuten war der Spuk vorüber. Der Affe hatte sich wieder entspannt und fühlte sich
wohl. Wieder griff der Wissenschaftler zu der kleinen Spritze. Das Wasser, das er jetzt aufzog,
entnahm er einem anderen Gefäß. Es folgte die Füllung des Plastikschlauchs im Kopf des Tieres.
Sekunden später reagierte der Affe erneut. Diesmal aber streckte er alle viere weit von sich.
Entspannt und schlaff legte er sich in seinem Stühlchen zurück. Und dann begann er, mit
heraushängender Zunge, laut zu hecheln. Es war nicht zu übersehen: dem Tier war es in dem mäßig
temperierten Raum plötzlich zu warm geworden.
Des Rätsels Lösung ergibt sich aus dem Sitz des Plastikröhrchens im Affenkopf. Die
Wissenschaftler hatten es in einem kleinen Eingriff (den der Affe folgenlos überstand) ganz gezielt
placiert. Sein Ende lag im Stammhirn des Tiers an einer Stelle, an der die Experimentatoren ein
Regelungszentrum vermuteten, das sie anschaulich »Temperaturauge« getauft hatten. Bei diesem
tief im Stammhirn vergrabenen »Auge« handelt es sich um eine nur stecknadelkopfgroße
Anhäufung von Nervenzellen, die darauf spezialisiert sind, die Temperatur ihrer unmittelbaren
Umgebung zu registrieren. Der unterschiedliche Ablauf des ersten im Vergleich zum zweiten
Versuch kam einfach dadurch zustande, dass die Experimentatoren dieses Zentrum beim ersten Mal
mit kaltem, beim zweiten Mal dagegen mit heißem Wasser gereizt hatten.
Um die Bedeutung dieses Experiments zu verstehen, müssen wir uns darauf besinnen, was sich in
unserem Körper - oder dem eines anderen Warmblüters - abspielt, wenn wir frieren. Wir alle sehen
bei Kälte blasser aus als bei sommerlicher Hitze. Das kommt daher, dass sich bei Kälte die
Kapillaren, die feinen Äderchen in unserer Haut, eng zusammenziehen. Da ihre Zahl sehr groß ist,
wird dadurch die Blutmenge, die aus dem Inneren unseres Körpers zur Haut und zurück strömt,
beträchtlich verringert. Unser Blut aber ist, neben seinen vielen anderen Funktionen, auch noch der
wichtigste Wärmetransporteur unseres Körpers, vereinfacht ausgedrückt: eine Art Klimaanlage.
49
Die Präzision, mit der ein Warmblüter seine Eigentemperatur auf 1/10° C genau halten kann,
unabhängig von der Außentemperatur und seiner eigenen Aktivität, ist das Ergebnis einer
ausgeklügelten Regelung, an der viele verschiedene Organsysteme beteiligt sind. Die Körperwärme
wird in allen Geweben durch die biologischen Verbrennungsvorgänge erzeugt, aus denen die Zellen
ihre Betriebsenergie beziehen, exakt ausgedrückt: durch oxidativen Abbau von Nahrungsstoffen.
Besonders ins Gewicht fällt dabei die Rolle der Muskulatur. Muskelzellen haben sich eigens darauf
spezialisiert, in möglichst kurzer Zeit große Energiebeträge freizusetzen. Entsprechend groß sind
die von ihnen produzierten Wärmemengen.
Damit die Körpertemperatur trotz der damit unvermeidlich in weiten Grenzen schwankenden
Wärmeproduktion konstant gehalten werden kann, muss es Einrichtungen geben, die in präziser
Anpassung an das jeweilige Ausmaß der Wärmeerzeugung für eine mehr oder minder rasche
Beseitigung dieser Wärme sorgen. Eine dieser Einrichtungen ist, wie schon erwähnt, das
Kreislaufsystem. Es hat, zu allem anderen, die Aufgabe übernommen, die im Körperinneren
entstandene Wärme in das ausgedehnte Kapillarnetz unserer Haut zu transportieren, von wo sie in
die Umgebung abgestrahlt werden kann.
Wenn wir bei Kälte blass werden, so also deshalb, weil in dieser Situation ein erhöhter
Wärmebedarf besteht. Die Hautkapillaren kontrahieren sich, der Wärmetransport an die Oberfläche
wird vermindert, die Wärmeabstrahlung geht auf einen Bruchteil zurück. Der größere Anteil des im
System umlaufenden Bluts ist in dieser Situation im Körperinneren wie in einer Thermosflasche
konzentriert. Umgekehrt bei großer Hitze. Das gerötete Gesicht eines Menschen, dem es »heiß
geworden« ist, beruht auf dem gleichen Regelmechanismus, nur sind die Vorzeichen umgekehrt.
Dem Ausgleich der Wärmebilanz unseres Körpers dienen, wie jeder weiß, noch zahlreiche andere
Organsysteme, welche, wie der Kreislauf, die sich aus ihren jeweiligen Hauptaufgaben ergebenden
funktionellen Möglichkeiten in den Dienst der Wärmeregulation stellen. So machen wir die
Erfahrung, dass wir bei beginnender Auskühlung zu »zittern« anfangen. Dieses Zittern ist schon
äußerlich betrachtet insofern eine wesensfremde muskuläre Aktivität, als es intensive Muskelarbeit
mit völliger Bewegungslosigkeit vereint. Aber in der geschilderten Situation wird eben die
Nebenwirkung - Wärmeproduktion als Folge von Muskelarbeit -vorübergehend zur Hauptsache
gemacht: beim Zittern arbeiten unsere Muskeln allein zu dem Zweck, Wärme zu erzeugen.
In beiden Fällen, der Änderung der Kapillarenweite und beim Muskelzittern, erfolgt die Regelung
»automatisch«, ohne unser Zutun, ja sogar unserem Willen entzogen. Wir können nicht zittern,
wann wir wollen. Und wir können das Zittern auch nicht völlig unterdrücken. Es handelt sich um
automatische, reflexartig ablaufende Funktionen auf vegetativern Niveau, um Regelungen oder
Abstimmungen unseres »inneren Milieus« auf Stammhirnebene.
Das gleiche gilt für die Funktionen der anderen Organe, soweit sie ebenfalls für die
Wärmeregulation eingespannt werden. Es gilt für die Schilddrüse, deren wichtigste Hormone das
50
Tempo der Stoffwechselvorgänge in allen Geweben steigern können. Deshalb haben Menschen, die
an einer Überfunktion der Schilddrüse leiden, auch oft »erhöhte Temperatur«, ohne sonst an einer
Krankheit zu leiden. Es gilt schließlich auch für das sprichwörtliche Phänomen der »Gänsehaut«,
die wir beim Frieren bekommen können.
Diese Gänsehaut ist deshalb besonders interessant, weil sie mit unübersehbarer Deutlichkeit das
ehrwürdige Alter vor Augen führt, das für alle derartigen autonomen oder vegetativen Funktionen
charakteristisch ist. Wir reden ja nach wir vor von den ersten und damit ältesten Aufgaben
überhaupt, welche die Nerven im Zuge der »inneren Abstimmung« der Vielzeller zu bewältigen
hatten. Die archaische Natur der »Gänsehaut« ist nun unmittelbar daran erkennbar, dass die dabei
an unserer Haut sich abspielende Veränderung auf das Wirksamwerden einer Hautbedeckung
abzielt, die wir Menschen schon vor vielen Jahrhunderttausenden verloren haben: auf ein Fell.
Die kleinen pickelartigen Vorwölbungen, die dem Phänomen seinen Namen verschafft haben, sind
die sonst unsichtbaren Haarbälge, die von kleinen, reflektorisch innervierten Muskeln so
aufgerichtet werden, dass die zugehörenden Haare senkrecht stehen. So können zwar auch uns noch
»die Haare zu Berge stehen«. Die von diesem Reflex ursprünglich bewirkte biologische Leistung
verpufft bei uns jedoch mangels Masse: Sie bestand darin, dass durch das Aufrichten der Haare
eines dichten Fells die wärmeisolierende Luftschicht über der Haut vergrößert und die Wärme-
abstrahlung damit reduziert wurde.
Das alles war den Wissenschaftlern seit langer Zeit bekannt. Eines aber blieb rätselhaft, und das war
die Methode, mit der ein Organismus es fertig bringt, so viele verschiedene Organsysteme und
Funktionen einem gemeinsamen Ziel unterzuordnen. Bisher hatte man es nur mit gewöhnlichen
Reflexen zu tun gehabt, die allenfalls wie die Glieder einer Kette hintereinandergeschaltet waren.
Wenn eine als Nahrung geeignete Substanz die Geschmackspapillen der Zunge berührt, so löst das
reflektorisch die Tätigkeit der Speicheldrüsen aus. Gleichzeitig werden die Drüsen der
Magenschleimhaut aktiviert. Dieser Effekt wiederum wirkt als spezifischer Reiz, der eine
Aktivierung der sich anschließenden Darmabschnitte auslöst und so fort.
Das, was sich am Körper eines frierenden Menschen abspielt, ist offensichtlich ein Vorgang ganz
anderer Art. Das Zittern der Muskeln ist nicht die auslösende Ursache der Kontraktion der
Blutgefäße. Und die von der Schilddrüse bewirkte Erhöhung der Verbrennungsgeschwindigkeit in
allen Geweben hat ebenso sicher mit dem Auftreten einer »Gänsehaut« nichts zu tun. Das heißt: »zu
tun« haben alle diese einzelnen, auf den Kältereiz hin reflektorisch auftretenden Effekte eben doch
miteinander. Ihre gegenseitige Beziehung ist jedoch nicht die von Ursache und Wirkung. Sie treten
unabhängig voneinander auf, und doch stehen sie, unter einem übergeordneten Gesichtspunkt, in
einem engen Zusammenhang: sie alle tragen, jeder auf seine Weise, dazu bei, die Wärmebilanz des
Organismus im Gleichgewicht zu halten.

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Aus dem Blickwinkel der Entwicklungsgeschichte betrachtet ist das eine revolutionierende
Neuerung. Man stelle sich das vor: Zur Aufrechterhaltung der lebenswichtigen Wärmebilanz - in
der absoluten Skala formuliert: bei + 310 Kelvin fühlen wir uns wohl, bei nur 4 Kelvin mehr oder
weniger müssen wir sterben! - werden Organsysteme, die ursprünglich zu ganz anderen Funktionen
entwickelt worden sind, gleichsam »zweckentfremdet« eingesetzt. Nebenwirkungen, die rein
zufällig mit ihrer eigentlichen Tätigkeit verbunden sind, werden in den Dienst eines zentralen
Bedürfnisses gestellt. Das ist ein grundsätzlich neuer Weg, mit den sich aus der zunehmenden
Kompliziertheit eines Mehrzellers ergebenden Möglichkeiten zu spielen. je vielfältiger seine
Einrichtungen und Organe wurden, um so größer wurden die Chancen, auf ihnen wie auf einer
Klaviatur zu spielen, sie zu einer immer größeren Zahl der verschiedenartigsten »Programme«
zusammenzufassen. Aber wer spielte hier eigentlich? Anders ausgedrückt: Wie war das
Zusammenspiel der Einzeleffekte organisiert? Welche Instanz ordnete das Ganze so, dass
schließlich alle Phänomene unter den gemeinsamen Hut eines ganz bestimmten Funktionsziels
gerieten?
Hier traten offenbar die reflektorischen Einzeleffekte nicht hintereinander, sondern nebeneinander,
»parallel-geschaltet« auf. Es musste daher irgendeinen zentralen Auslöser geben, der sie in Gang
setzte und der - wichtigstes Erfordernis - die beteiligten Einzelorgane, jedes für sich, so aktivierte,
dass sich aus ihrem Zusammenspiel eine einheitliche Leistung ergab. Im Falle unseres Beispiels
also eine Erhöhung der inneren Wärmeproduktion, die exakt so dosiert werden muss, dass sie die
drohende Auskühlung genau kompensiert.
In der Sprache der Wissenschaft: Das »Syndrom des Frierens« - die Summe der Einzelsymptome
einer Unterkühlung - erweist sich bei genauerer Betrachtung als das Resultat einer funktionellen
Integration, als eine Ordnung, die viele verschiedene Leistungen zu einer einheitlichen Funktion
zusammenfasst. Die Frage war also, auf welche Weise diese Ordnung hier zustande kam. Wer oder
was die »Integration« besorgte. Es konnte sich dabei nur um einen »Nervenknoten« handeln, eine
Art von Zentrale, von der die aktivierenden Impulse gleichzeitig und parallel zu all den Organen
liefen, die an dem jeweiligen »Syndrom« beteiligt waren.
Zwei weitere Voraussetzungen mussten zusätzlich erfüllt sein: Das vermutete Zentrum, das für die
Auslösung des »Fröstel-Syndroms« verantwortlich ist, muss über einen Rezeptor verfügen, der kalt
und warm zu erkennen und voneinander zu unterscheiden in der Lage ist. Nur dann ist es möglich,
dass dieses Zentrum das genannte Syndrom nur auf den Reiz »kalt« in Gang setzt. Nun ist »kalt«
selbstredend ein höchst relativer Begriff. Das System braucht deshalb einen Nullpunkt. Als dieser
dient, wie bei jedem regelnden System, der »Sollwert«, in unserem Falle also die für den
betreffenden Organismus »normale« Körpertemperatur.
Das Ganze ist grundsätzlich nicht anders aufgebaut als die Regelung einer modernen
Öl-Zentralheizung mit automatischer Steuerung. Das Zentrum, die »Zentrale«, von der die
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Steuerimpulse ausgehen, ist bei ihr der Raumthermostat. Er muss zunächst auf den Null-Punkt
eingestellt werden, also auf die gewünschte Raumtemperatur. Funktionieren kann die Sache auch
hier nur, wenn der Thermostat »kalt« und »warm« erkennen und unterscheiden kann. Deshalb ist in
ihm ein Thermometer eingebaut, das Abweichungen der Raumtemperatur vom eingestellten
Sollwert registriert. Sinkt die Temperatur unter den eingestellten Betrag, so wird ein Kontakt
ausgelöst, und auf »festliegenden Bahnen« - den in den Mauern verlegten elektrischen Leitungen -
laufen Impulse zu den »Organen«, die dazu ausersehen sind, der drohenden Auskühlung
vorzubeugen: ein Ölbrenner springt an, Pumpen fördern Brennstoff, und in den Heizungsrohren
kreist kurz darauf Wasser höherer Temperatur. Was das auslösende Zentrum bewirkt, hängt also von
zwei Voraussetzungen ab. Zum ersten davon, auf welchen Reiz es »geeicht« ist. Es gibt bekanntlich
Regelungssysteme, die nicht auf thermische, sondern auf optische oder akustische Signale
ansprechen. Die zweite Voraussetzung ist die Verbindung zu den Effektoren, den ausführenden
»Organen«. Man könnte einen Thermostaten ja auch an eine Kühlanlage anschließen, was unter
bestimmten Bedingungen durchaus sinnvoll sein kann.
über die Art der Wirkung entscheidet also neben der Spezifität des zentralen Messfühlers die Art
und Weise, in der Zentrum und ausführende Organe miteinander verknüpft sind. Das Wirkungsbild
hängt naturgemäß einmal davon ab, welche Organe in die Schaltung überhaupt einbezogen sind.
Dann aber auch von der Art, in der im Rahmen der jeweiligen Schaltung von den einzelnen
Organen Gebrauch gemacht wird. Ein Muskel, der »zittert«, erfüllt eine andere Funktion als ein
Muskel, der sich gleichmäßig zusammenzieht und dabei eine Extremität bewegt. Unter diesen
Umständen rollt dann jedes Mal das gleiche, mitunter recht komplizierte Programm ab, wenn ein
bestimmter zentraler Rezeptor oder Messfühler von seinem spezifischen Reiz getroffen wird.
An dieser Stelle können wir endlich das, was wir auf den letzten Seiten mit einiger Ausführlichkeit
erörtert haben - weil es für das Verständnis der weiteren Entwicklung von fundamentaler Bedeutung
ist -, auf eine sehr viel kürzere und handlichere Formel bringen: »Frieren« ist, biologisch
gesprochen, ein Syndrom vegetativer Einzelfunktionen, die zu einer funktionellen Einheit integriert
sind mit dem Ziel, einer drohenden Auskühlung des Organismus vorzubeugen. Das Syndrom ist als
ein in der Struktur des Nervensystems fertig bereitliegendes Programm anzusehen, das abläuft,
wenn das auslösende Zentrum von einem spezifischen Reiz aktiviert wird.
Wir sollten besonders beachten, dass diese wissenschaftliche Definition mit keiner Silbe
irgendwelche psychischen Phänomene erwähnt. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass die
Empfindungen, an die wir aus eigener Erfahrung sofort und fast ausschließlich denken, wenn das
Wort »frieren« fällt, nicht unmittelbar zu dem geschilderten Syndrom selbst gehören. Zwar erleben
wir als die Besitzer eines Großhirns jedes Mal und ganz unvermeidlich die bekannten
unangenehmen Gefühle, wenn unser Körper auszukühlen droht. Die Feststellung »ich friere« besagt
genau genommen aber lediglich, dass ich registriere, wie mein Körper auf eine beginnende
53
Auskühlung reagiert. Das aber tut er auch dann, und in der gleichen Weise, wenn ich bewusstlos
bin.
Und er tut es auch noch - eben weil das Programm festliegt -, wenn der Reiz »kalt« oder »warm«
künstlich, durch ein Plastikröhrchen, an die Stelle des Stammhirns gebracht wird, an der das
auslösende Zentrum liegt. Das funktioniert ohne Rücksicht darauf, ob der Affe, der bei dem
Experiment als Versuchstier dient, wach ist oder schläft, ob man ihn narkotisiert hat oder nicht. Das
wache Tier erlebt im Unterschied zum bewusstlosen zwar, dass es friert. Das Frieren selbst erweist
sich jedoch als eine biologische Funktion, deren Ablauf gänzlich unabhängig davon ist, ob
psychische Phänomene, also das Erleben des Frierens, mit ihr einhergehen oder nicht.
Auf das »Nervennetz« folgt in der Entwicklung das »Strickleitersystem«. Die Gleichberechtigung der Nervenzellen hat hier schon

einer gewissen Hierarchie Platz gemacht.

Auch unsere Zentralheizung funktioniert ja ohne jede psychische Komponente. Und hier, bei den
vegetativen Programmen, die in unserem Stammhirn bereitliegen, ist die technische Analogie nun
wirklich zulässig. Hier dienen die Nervenzellen und ihre Fortsätze wie elektrische Leitungen zur
Verbindung zwischen den beteiligten Organen und zu nichts anderem. Dass das Ganze ein
biologisches Wunderwerk ist, in den Einzelheiten der Zellfunktionen gänzlich unerklärt und durch
keinen noch so ausgeklügelten technischen Apparat nachahmbar, das steht auf einem anderen Blatt.
Wir sind aber immer noch auf einer rein biologischen Ebene ohne jede Spur eines Bewusstseins.
Andererseits erweisen sich diese bloßen Verbindungen schon auf diesem Organisationsniveau als
erstaunlich entwicklungsfähig. Sie stellen eben nicht einfach nur Verbindungen zwischen Auslösern
und Empfängern her. Sie synchronisieren nicht nur voneinander getrennte Teile zu der
Gleichzeitigkeit gemeinsamer Funktion. Ihre Netze oder Muster fassen darüber hinaus
Tellaktivitäten zu bestimmten Aktionsprogrammen zusammen und unterwerfen die Organsysteme
des Individuums einer zentralen Lenkung.

54
Die Entwicklung primitiver Nervensysteme lässt sich noch heute aus einem Vergleich niederer Tiere
unterschiedlicher Organisationshöhe rekonstruieren. Die Grundtypen der Systeme, die es gibt,
lassen meist schon auf den ersten Blick erkennen, welcher Leistungen ihr Besitzer fähig ist und
welcher nicht.
Die erste Stufe ist ein einfaches »Nervennetz«. Die bloße Form seines Musters zeigt, dass es hier
keine Hierarchie geben kann, sondern nur »Gleichschaltung«. Ein symmetrischer Schaltplan
schließt die Möglichkeit von Aktionen aus, die einen unterschiedlichen Einsatz verschiedener Teile
des Organismus erfordern. Das Netz harmonisiert den Körper seines Besitzers, es lässt ihn als
geschlossene Einheit agieren, und es spiegelt die Symmetrie seines Baus wider, etwa den von Hydra
oder den einer Meduse.
Schon bei den Würmern sieht die Sache anders aus. Das typische »Strickleitersystem« ist in seiner
bilateralen Symmetrie und der ständigen Wiederholung der gleichen Schaltelemente zwar auch
nicht mehr als die Widerspiegelung des ebenso monotonen Baus seines Trägers, also etwa eines
Regenwurms. Aber hier gibt es am vorderen Ende doch schon eine kleine Ansammlung von
Ganglienzellen: Zellen, denen ohne weiteres anzusehen ist, dass sie sich in einer anderen Lage
befinden als die Zellen des übrigen Systems. Eine Konzentration von Zellen, deren Impulsen die
Schwesterzellen in der »Strickleiter« zu folgen haben. Die erste, noch knospenartige Andeutung
einer übergeordneten Zentrale und damit die erste Chance zur Entwicklung eines, wenn auch noch
primitiven Programms.
Das vorläufige Ende dieser Entwicklung auf der Ebene der vegetativen Ordnung ist das Stammhirn
der heute lebenden höheren Tiere - und des Menschen. Der unvergleichlich höheren Kompliziertheit
ihres Körpers entspricht die auch für unsere heutige Wissenschaft noch undurchschaubare
Kompliziertheit der in diesem untersten, ältesten Hirnteil konzentrierten Zusammenballung
nervöser Regelungszentren. So kunstvoll und bewundernswert der Bau unseres Körpers auch immer
ist, er wäre nicht für einen Augenblick lebensfähig, wenn das Zusammenspiel seiner Organe unter
fortwährend wechselnden Anforderungen und mit ständig wechselnden Zielen nicht in jeder
Sekunde unseres Lebens von den Zentren unseres Stammhirns optimal und unter Berücksichtigung
einer unübersehbaren Vielzahl von Bedingungen und Erfordernissen gewährleistet würde. Aus dem
Großhirn kann man auch einen Tumor noch herausoperieren, ohne den Patienten damit
umzubringen. Eine noch so kleine Verletzung des Stammhirns dagegen ist absolut tödlich.

Abbilder der Außenwelt

In den vergangenen Jahrzehnten ist es den Neurophysiologen gelungen, eine große Zahl vegetativer
Stammhirnzentren zu entdecken, von denen jedes für ein bestimmtes »vegetatives Programm«
verantwortlich ist. Zwei von ihnen habe ich schon erwähnt: das »Fröstel-Programm« und die
»Notfallfunktion«, die ebenfalls vom Stammhirn aus in Gang gesetzt wird. Daneben gibt es u. a.

55
noch ein Zentrum zur Regelung unseres Wasserhaushalts. Unter seiner Kontrolle werden in einem
äußerst komplizierten Zusammenwirken vegetativer und hormonaler Verbindungen die
Konzentrationsleistung der Nieren, Schweißproduktion, Flüssigkeitsaufnahme und die Verteilung
bestimmter Blutbestandteile (Ionen, Minerale und Eiweißkörper vor allem) so aufeinander abge-
stimmt, dass unser »inneres Meer«, die kostbaren 10 Liter extrazellulärer Flüssigkeit in unserem
Körper, biologisch intakt bleibt. Andere Zentren und Programme regeln die Verteilung des Bluts in
unserem Kreislaufsystem, die Energiebilanz, also den Ausgleich zwischen der Speicherung und
dem Verbrauch der mit der Nahrung aufgenommenen Energievorräte, bestimmte Abwehrreaktionen
auf das Eindringen körperfremder Eiweißverbindungen - im Regelfall in der Form von Bakterien
oder anderen Krankheitserregern - und zahlreiche andere Funktionen, die für ein hochentwickeltes,
aus einigen hundert Milliarden unterschiedlich spezialisierter Zellen aufgebautes Lebewesen
existenznotwendig sind. Wir dürfen als sicher voraussetzen, dass die Wissenschaftler bis heute nur
einen relativ kleinen Teil aller in unserem Hirnstamm steckenden vegetativen Programme entdeckt
haben.
Interessant und für den weiteren Ablauf der Ereignisse wichtig ist schließlich noch eine
gemeinsame Besonderheit aller, diese vegetativen Syndrome auslösenden Reize. Es scheint so zu
sein - jedenfalls sprechen alle bisher geklärten Fälle dafür dass sie identisch sind mit der
Umwelteigenschaft, auf die das jeweilige »Programm« gemünzt ist. Einfacher ausgedrückt: das
Zentrum für die Wärmeregulation wird durch Temperaturänderungen aktiviert, das »Fresszentrum«
durch den Zuckergehalt des Bluts usw. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es im ersten
Augenblick scheinen könnte.
Alle diese Zentren liegen ja tief unter der Körperoberfläche im Stammhirn versteckt. Unter diesen
Umständen hatten die Wissenschaftler ursprünglich mit einer ganz anderen, sehr viel
näherliegenden Möglichkeit gerechnet. Sie hatten bis vor kurzer Zeit geglaubt, dass die Aktivierung
eines solchen Zentrums indirekt erfolge, durch einen Nervenreiz, der von einem in einer ganz
andern Körperregion gelegenen Rezeptor ausginge. Im Fall des für die Energiebilanz zuständigen
»Fresszentrums« hatte man an bestimmte Magen- oder Darmbewegungen gedacht, die, bewirkt
durch ein »Leeregefühl« des Organs, an das Stammhirn gemeldet würden und entsprechende
vegetative Reaktionen auslösen sollten. Seit einigen Jahren weiß man, dass das nicht stimmt. Im
Stammhirn selbst steckt der entscheidende Messfühler. Er registriert den Zuckergehalt des Bluts,
aus dem er selbst sich ernährt, und steuert je nach dessen Konzentration die vom zugehörigen
Zentrum abhängigen vegetativen Funktionen.
Das eingangs dieses Kapitels geschilderte Affen-Experiment hat vor einigen Jahren bewiesen, dass
die Dinge im Fall des Wärmezentrums grundsätzlich gleich geregelt sind. Es hatte bis dahin viel
nähergelegen, daran zu denken, dass das von der Außenwelt mit ihren Temperaturschwankungen so
weitab im Stammhirn gelegene Wärmezentrum indirekte Nachrichten erhielte. Dass es über die
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Erfordernisse seines Aufgabenbereichs also durch Nervenimpulse informiert würde, die etwa von
Rezeptoren in der Haut der Körperoberfläche ausgingen. Aber auch hier ist es, wie sich
herausstellte, kein in einen Nervenimpuls übersetztes Signal, sondern die Kälte selbst, die die
Reaktion auslöst: Der Messfühler orientiert sich in diesem Falle direkt an der Temperatur des ihn
umströmenden Bluts.
Das ist wichtig. Das ist ein Beweis mehr dafür, wie weit wir, aller bisher erreichten wunderbaren
Kompliziertheit zum Trotz, noch immer von der psychischen Ebene entfernt sind. Der Reiz, der ein
vegetatives Syndrom in Gang setzt, hat mit dem, was wir »Wahrnehmung« nennen, noch nichts
gemein. Es ist die Außenwelt selbst, die hier am Organismus angreift. Nicht irgendein von ihr
ausgehendes Signal, geschweige denn ein Abbild. Hier findet noch immer eine unmittelbare
Konfrontation statt zwischen dem Individuum und den Eigenschaften der Umwelt, die biologisch
bedeutsam sind.
Wie Nahrungsmittel oder Gifte, so gehören auch Kälte und Wärme zu den Eigenschaften der
Außenwelt, die biologisch relevant sind und auf die der lebende Organismus daher reagieren muss.
Sie gehören zu den »Ausnahmen«, vor denen sich ein Lebewesen nicht abschließen kann, da es nun
einmal nicht autark ist. Das Feld aber, auf dem die Auseinandersetzung stattfindet, ist nach wie vor
das Individuum selbst. Keine der Informationen, auf die es reagiert, reicht über die Grenze des
eigenen Leibes hinaus. jede seiner Aktionen ist eine Antwort auf Änderungen, die an ihm selbst
bereits eingetreten sind. Das ist das eigentliche Charakteristikum allen Geschehens auf der
vegetativen Ebene.
Und dennoch ist während all dieser rein biologischen Aktionen und Reaktionen unversehens und
bisher ganz unbemerkt ein - wenn auch höchst rudimentäres - Abbild der Außenwelt in das Innere
des Stammhirnwesens geraten. Wer durchdenkt, wie es dazu kam, dem bietet sich ein lehrreicher
Einblick in die Werkstatt der Evolution. Ohne jeden Plan und ohne alle Absicht, die es hätten
herbeiführen können, erweist sich das Auftauchen eines Widerscheins der Außenwelt im Inneren
des immer selbständiger werdenden Individuums rückblickend als ganz
unvermeidlich. Seine Entstehung ist nichts anderes als die Kehrseite der Ausbildung der vegetativen
Programme, von denen zuletzt so ausführlich die Rede war. Eine Folge der immer größeren
Zweckmäßigkeit, mit der diese Programme an die biologischen Aufgaben angepasst wurden, die sie
zu bewältigen hatten. Denn es ist, ob man nun darauf achtet oder nicht, völlig unmöglich,
angesichts irgendeiner Aufgabe zweckmäßige Lösungen zu entwickeln, ohne dass in diesen
Lösungen dann ein Abbild der Gegebenheiten steckt, denen die Aufgabe entspringt.
Bedenken wir noch einmal die Situation eines frierenden Organismus. Ein Physiologe, der in dessen
Stammhirn säße, würde aus der Beobachtung aller sich dort abspielenden vegetativen Abläufe und
Regelungen nicht nur den Schluss ziehen können, dass der Besitzer dieses Stammhirns friert. je
präziser die vegetative Regelung den biologischen Bedürfnissen angepasst ist, je vollkommener die
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Lösung der Aufgabe gelingt, mit um so größerer Zuverlässigkeit würde der stille Beobachter
außerdem auch Rückschlüsse darauf ziehen können, um wie viele Grade es in der Umwelt des
frierenden Lebewesens kälter geworden sein muss.
Das gleiche gilt sinngemäß für alle anderen vegetativen Syndrome auch. Die Anpassung an
bestimmte Umweltbedingungen ist ohne eine »Abbildung« dieser Bedingungen schlechthin
unmöglich. Dadurch allein, dass ein Lebewesen sich anpasst, »erfährt« es schon etwas über seine
Umwelt. Das gilt bereits für anatomische Anpassungen des Körperbaus. Mit vollem Recht sagt
Konrad Lorenz, dass die Flosse eines Fischs in dem gleichen Sinne ein »Abbild« des Wassers sei, in
dem der Flügel eines Vogels die Eigenschaften der Luft »abbilde«, an die er sich bei der Aufgabe
angepasst habe, seinem Besitzer das Fliegen zu ermöglichen 10. Die in den vegetativen Programmen
des Stammhirns steckenden »Bilder« sind zwar von extremer Detailarmut und Unschärfe. Denn
jedes dieser Programme greift ja aus der Umwelt wie einen herausgestanzten Punkt nur eine einzige
Qualität heraus. Und nach dem Prinzip »so wenig Außenwelt wie möglich« ist auch die Zahl dieser
Punkte insgesamt auf das biologisch unbedingt notwendige Maß beschränkt. Angesichts dieser
Ausgangsbedingungen ließen sich daher auch schon an dieser Stelle die ersten grundsätzlichen
Zweifel formulieren hinsichtlich der Objektivität des »weltabbildenden« Wahrnehmungsapparats,
den die weitere Entwicklung auf so schmaler Basis errichtet hat. Aber wir wollen diese Überlegung
für den Augenblick noch zurückstellen.
Für unseren Gedankengang von entscheidender Bedeutung ist hier die trotz all der genannten
Einschränkungen unbestreitbare Tatsache, dass die zwangsläufig auch abbildende Natur der
vegetativen Programme im Stammhirn gänzlich absichtslos eine Sprosse hervorgebracht hat, von
der aus eine neue Ebene sichtbar wird. Unversehens gab es jetzt ein Abbild der Außenwelt. Das
aber räumte, 2 Milliarden Jahre nach der Entstehung der ersten Zelle, erstmals die Möglichkeit ein,
sich an diesem Abbild zu orientieren.
Die Möglichkeit war revolutionär. Erstmals bestand die Chance, die eigenen Aktionen nach außen
zu verlegen. Auf Forderungen der Umwelt im Vorgriff, gleichsam prophylaktisch, zu reagieren,
bevor noch sie als konkrete »Reize« einen selbst erreicht hatten und eine physische
Auseinandersetzung erforderten. Bisher war alles Leben Reaktion auf solche Reize gewesen. Nach
unvorstellbar langer Zeit gab es jetzt, wie von Zauberhand geschaffen, die Möglichkeit, in der
Außenwelt selbst zu agieren.
Noch fehlten alle Voraussetzungen, die notwendig waren, um von dieser Möglichkeit auch
Gebrauch machen zu können. Das aber war nur eine Frage der Zeit.

10
In: Über die Wahrheit der Abstammungslehre, n + in (Naturwissenschaft und Medizin) 1 (1964), Seite 5.
58
Zweite Stufe

Programme für die

Außenwelt

59
6. Die Karriere eines Fehlers

Bussarde und Küken

Vor 25 Jahren machte der berühmte holländische Zoologe Nikolaus Tinbergen ein scheinbar sehr
einfaches Experiment. Er schnitt aus dicker schwarzer Pappe ein Kreuz, dessen einen Balken er
kürzte. Das Ganze befestigte er an einem langen Strick.
Tinbergen brachte diese Pappfigur mit Hilfe des Stricks und zweier Rollen über einem kleinen,
umzäunten Rasenstück so an, dass er sie von einem Versteck aus in etwa 3 Meter Höhe vorwärts
und rückwärts bewegen konnte. Nachdem diese Vorbereitungen abgeschlossen waren, ließ er
Putenküken in den kleinen Auslauf.
Als die Tiere sich nach einigen Minuten an die Ortsveränderung gewöhnt hatten und eifrig nach
Futter zu suchen begannen, ließ der Wissenschaftler von seinem Versteck aus das schwarze
Balkenkreuz langsam über sie hinweggleiten. Sobald die Küken die schwarze Silhouette an ihrem
Himmel vorüberziehen sahen, stellten sie laut und ängstlich piepend die Futtersuche ein, um dann
nach allen Seiten auseinanderstiebend unter kleinen Sträuchern Deckung zu suchen. Befriedigt
notierte Tinbergen eine typische »Fluchtreaktion auf einen Luftfeind«.
Eine halbe Stunde später hatten die Tiere den Schreck längst vergessen. Erneut betätigte der
Beobachter die Kurbel, die den Strick bewegte, und wieder erschien das ominöse schwarze Kreuz
am Putenhimmel, diesmal jedoch zwangsläufig in der entgegengesetzten »Flugrichtung«. Bemer-
kenswerterweise blieb die Panik bei dieser Wiederholung aus. Die Küken bemerkten das seltsame
Objekt sofort. Sie legten den Kopf schief und verfolgten es einige Augenblicke aufmerksam. Dann
aber wandten sie sich wieder der Futtersuche zu und beachteten es nicht länger. Wieder war der
Forscher in seinem Versteck höchst befriedigt, denn auch dieses Resultat hatte er als erfahrener
Tierbeobachter vorhergesagt.
Selbstverständlich war es nicht die geänderte Flugrichtung des Objekts, die den Unterschied
ausmachte. Tinbergen konnte das leicht beweisen, indem er sein asymmetrisches Balkenkreuz
umgekehrt montierte und den Versuch wiederholte. Ob das Kreuz von links oder von rechts her die
Küken überflog, hatte keinen Einfluss auf ihr Verhalten. Entscheidend war ein anderes Detail: Panik
erfolgte immer dann, wenn der kürzere Balken des Kreuzes in dessen scheinbarer Flugrichtung lag,
also »vorn«. Zog das simple Gebilde dagegen mit dem längeren Arm vorweg über die Köpfe der
Küken dahin, so irritierte es die Tiere überhaupt nicht. Kein Zweifel, Tinbergen war es gelungen,
eine »Attrappe« zu entwerfen, die so stark vereinfacht war, dass sie Rückschlüsse auf den Reiz
zuließ, der für die Auslösung der Fluchtreaktion in der durch den Versuch simulierten Situation
normalerweise verantwortlich ist. Die Antwort auf die Frage nach der Natur dieses Reizes war jetzt
60
einfach: Die Konstellation »kurzes Ende vorn« wirkte fluchtauslösend, die Konstellation »langes
Ende in Flugrichtung« beunruhigte die Tiere dagegen in keiner Weise.
Die Bedeutung des Versuchsergebnisses lag für den erfahrenen Zoologen auf der Hand. Sie geht
auch einem Laien sofort auf, wenn er die Gelegenheit bekommt, die Flugsilhouetten einiger
einheimischer Großvögel nebeneinander zu betrachten.

Oben die von Tinbergen benutzte Attrappe, darunter die typischen Flugsilhouetten einheimischer Großvögel. Das von den
untersuchten Küken registrierte unterscheidende Merkmal ist offensichtlich die »Kurzhälsigkeit« bzw. »Langhälsigkeit« der
verschiedenen Vögel.

Der Vergleich ergibt eine erstaunlich einfache Einteilungsmöglichkeit, die zwar den wenigsten
Menschen von selbst aufgegangen sein dürfte, von der die Küken aber offensichtlich systematisch
Gebrauch machen. Aus welchen Gründen auch immer, Tatsache ist, dass von den bei uns vor-
kommenden Großvögeln - und nur sie bilden eine potentielle Gefahr -, alle, die einen langen Hals
haben, harmlos sind, während unsere heimischen Raubvögel ausgesprochen kurzhälsig gebaut sind.

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Wenn man das erst einmal weiß, dann ist es nicht länger rätselhaft, warum die Küken vor einer
Silhouette »mit kurzem Hals« fliehen, während die gleiche Kontur in umgekehrter Flugrichtung sie
kalt lässt.
Dass die Reaktion zweckmäßig ist, bedarf damit keiner weiteren Diskussion. Aber wie kommt sie
zustande? Woher »wissen« die Küken, dass ein kurzer Hals Gefahr bedeutet und umgekehrt?
Tinbergen selbst war nach endlosen Wiederholungen des Experiments schließlich davon überzeugt,
dass es sich um eine angeborene Reaktion handeln müsse. Zahlreiche Kollegen, die den rasch
berühmt gewordenen Versuch nachahmten, pflichteten ihm bei.
Die Deutung lief folglich darauf hinaus, dass den Küken das Flugbild eines Raubvogels angeboren
sein müsse, dass der Anblick der charakteristischen Silhouette die Fluchtreaktion also so selbsttätig
auslöse, wie ein passender
Reiz das mit einem bestimmten Reflex tut. Ein »Bild«, ein bestimmter Umriss als eine Art
angeborener Erinnerung im Gehirn, das war zwar auch für die Verhaltensforscher ein nicht ganz
leicht zu schluckender Brocken. Eine andere Deutung schien aber den Beobachtungen nicht gerecht
zu werden.
Man hatte sich große Mühe gegeben, die ungewöhnliche These zu kontrollieren. Man hatte die
Küken künstlich ausgebrütet und sie von erwachsenen Tieren streng isoliert gehalten, um die
Möglichkeit auszuschließen, dass sie von älteren Artgenossen auf irgendeine Weise lernen konnten.
Man hatte sich durch ununterbrochene Beobachtung rund um die Uhr vergewissert, dass sie keine
Gelegenheit gehabt hatten, sich von der Gefährlichkeit »kurzhalsiger Flugobjekte« durch eigene
Erfahrung zu überzeugen. Trotzdem beherrschten die Küken das Pensum, selbst wenn sie erst 1-2
Tage zuvor geschlüpft waren.
Aber ungeachtet aller dieser Mühen stellte sich 10 Jahre später heraus, dass die bis dahin für
unabweislich gehaltene Erklärung falsch war. Das so erstaunlich zweckmäßige Verhalten der Küken
kam auf eine ganz andere Weise zustande, als man geglaubt hatte. Da wurde kein »Bild« vererbt -
ein Vorgang, den sich konkret vorzustellen die Genetiker unter den beteiligten Wissenschaftlern
ohnehin die größten Schwierigkeiten gehabt hatten. Die Natur war zum Schutz der jungen Küken
einen ganz anderen Weg gegangen. Die Mechanismen, deren sie sich bediente, waren sehr viel
einfacher, aber gerade in ihrer verblüffenden Einfachheit im Endeffekt nur um so staunenswerter.
Die Sache kam ans Licht, als ein anderer Verhaltensforscher, Wolfgang Schleidt, damals noch
Mitarbeiter von Konrad Lorenz, seinen verblüfften Fachkollegen eines Tages Küken vorführte, die
vor jeder »langhalsigen« Attrappe mit lautem Angstgeschrei die Flucht ergriffen. Aus dem Labor ins
Freie versetzt, nahmen sie auch vor jeder vorüberfliegenden Ente in panischer Angst Reißaus,
während sie einen über ihnen kreisenden Bussard nicht beachteten. Ließ man sie im Freien, dann
hielt ihr abnormes Betragen allerdings nur einen oder zwei Tage an. Von da ab benahmen sie sich
wieder so wie normale Küken.
62
Schon dieser Wandel im Verhalten der von Schleidt demonstrierten Küken widerlegte die bis dahin
vorherrschende Meinung von der angeborenen Natur der Fluchtreaktion auf bestimmte
Flugsilhouetten. Der junge Wissenschaftler hatte das Experiment Tinbergens ebenfalls wiederholt,
im Unterschied zu seinen Vorgängern aber streng darauf geachtet, dass seine Versuchstiere nicht nur
von älteren Artgenossen, sondern von allen natürlichen Reizen ausgeschlossen blieben, die geeignet
sein könnten, ihr Verhalten zu beeinflussen. Da sich vor dem Beginn der Kontrollexperimente nicht
mit Sicherheit angeben ließ, welche Reize dafür in Frage kamen, hatte Schleidt die Tiere von ihrer
natürlichen Umgebung radikal isoliert. Er experimentierte in einem großen, fensterlosen Raum bei
künstlicher Beleuchtung.
Dort schlüpften die Küken, ausgebrütet von einem Brutautomaten, und dort blieben sie bis zum
Ende der Versuche. Unter diesen Bedingungen stellte Schleidt zunächst fest, dass wirklich
erfahrungslose, frisch geschlüpfte Küken einfach vor allem fliehen, was sich über ihnen (»am
Himmel«) bewegt: vor schwarzen runden Scheiben ebenso wie vor kreuzförmigen Attrappen, ganz
unabhängig davon, ob diese ein kurzes und ein langes Ende haben und wohin dieses gerichtet ist.
Zu Unterschieden im Verhalten kam es nur - dann aber sofort -, wenn man den Küken verschieden
aussehende Attrappen mit unterschiedlicher Häufigkeit vorführte. Die Tiere hatten offenbar ein
vorzügliches optisches Gedächtnis, und sie gewöhnten sich an ihnen häufiger gezeigte Attrappen
bemerkenswert rasch.
Mit diesen Feststellungen aber war das Geheimnis des Tinbergenschen Experiments gelöst. Schleidt
bewies das jetzt durch folgendes Vorgehen: Er führte seinen Küken die berühmte kreuzförmige
Attrappe mehrere Tage lang nur noch in einer einzigen Richtung vor, nämlich mit dem kurzen Ende
vorn. Das genügte, um die Tiere an dieses »Flugbild« vollkommen zu gewöhnen. Sie reagierten auf
diese Demonstration schon nach kurzer Zeit überhaupt nicht mehr. Umgekehrt aber ergriffen die so
dressierten Tiere jedes Mal mit Entsetzen die Flucht, wenn man ihnen dann einmal den ihnen
ungewohnten Anblick der Attrappe in der Richtung »langes Ende vorn« verschaffte. Und was noch
mehr war: Verpflanzte man diese Küken ins Freie, so versetzte sie der Anblick jeder fliegenden Ente
in Panik, bis sie sich nach ein oder zwei Tagen an die Häufigkeit dieser Tiere in ihrer Umgebung
gewöhnt hatten.

Auch ein Mangel hat zwei Seiten

In der Natur ist ausnahmslos alles genial. Dennoch ist dies einer der Fälle, in denen auch der an
mancherlei Wunder Gewöhnte dazu neigt, einen Augenblick verblüfft innezuhalten, um sich zu
fragen, ob noch alles mit rechten Dingen zugeht. Es geht. Die Art und Weise aber, in der die Natur
es hier verstanden hat, die Not zur Tugend zu machen und mit einfachsten Mitteln ein äußerst
verzwicktes biologisches Problem zu lösen, rechtfertigt jeden Grad des Erstaunens.

63
»Aus der Not eine Tugend«: Der Mechanismus, auf dem die erstaunliche Fähigkeit frisch
geschlüpfter Küken beruht, gefährliche von harmlosen Flugobjekten zu unterscheiden, ist nichts
anderes als der schlichte Vorgang der »Gewöhnung«. Als biologisches Phänomen scheint Gewöh-
nung im ersten Augenblick aber lediglich ein Mangel zu sein, ein dem Nervensystem immanentes
Funktionsdefizit.
Es bereitet keine Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wie es auf der Ebene der gewöhnlichen
Reizregistrierung zur Gewöhnung kommt. Auch ein Rezeptor, ein Reize aufnehmender
»Messfühler« an irgendeiner Stelle des Organismus, besteht ja aus Zellen oder Zellteilen. Auch er
hat also einen Stoffwechsel, synthetisiert Eiweiß und verbraucht Energie. Wenn er das Eintreffen
seines spezifischen Schlüsselreizes registriert und an das mit ihm verbundene Zentrum
weitermeldet, wobei er den Reiz in ein elektrisches Signal umwandelt, so kostet ihn das Arbeit. Er
verbraucht zusätzlich Glukose, ATP 11 und andere Energielieferanten. Da sein Vorrat an ihnen nicht
beliebig groß ist, kann der Rezeptor seine Arbeit nur noch unvollständig und schließlich überhaupt
nicht mehr leisten, wenn er innerhalb einer kurzen Zeitspanne wieder und wieder von dem gleichen
Reiz getroffen wird.
Das Resultat kennen wir alle aus alltäglicher eigener Erfahrung. Ein schlechter Geruch in einem
Zimmer fällt uns nach kurzer Zeit nicht mehr auf. An die abnorme Gesichtsfarbe unserer
Mitmenschen bei farbiger Beleuchtung - in einer Bar, bei einem Faschingsball - haben wir uns nach
kurzer Zeit »gewöhnt«. Und wer sich sorgfältig selbst beobachtet, kennt auch die folgende
Erfahrung: Mitunter kommt es vor, wenn wir längere Zeit unbeweglich still gesessen oder gelegen
haben, dass wir uns über die augenblickliche Lage irgendeines unserer passiv ruhenden Körperteile
nicht im klaren sind, etwa die Stellung eines Fingers oder die Lage eines Fußes. Ganz automatisch
machen wir in einem solchen Augenblick dann eine kleine Bewegung mit dem betreffenden Glied,
und sofort ist die Orientierung wieder da.
In diesem Falle hat die Information durch den Tast- und Bewegungssinn in Haut und Muskeln
vorübergehend ausgesetzt. Unsere Unbeweglichkeit hatte zu der Monotonie einer über längere Zeit
hinweg identischen Reizsituation geführt. Eine identische Reizsituation aber hat »Gewöhnung« zur
Folge: Die Informationen der Tastrezeptoren in der Haut blieben aus. Eine winzige Bewegung aber
genügte - wegen der Fülle der neuen Reize, die sie erzeugte -, um den Informationsfluss sofort
wiederherzustellen.
Das alles sieht zunächst eindeutig nach einem Mangel aus. Nach einer negativen Eigenschaft
speziell biologischer Informationssysteme. Technische Nachrichtensysteme z. B. ermüden ja nicht
in dieser Weise. »Gewöhnung« ist auch, objektiv betrachtet, eine aus den geschilderten Gründen
gänzlich unvermeidbare Eigenschaft biologischer Systeme. Um so erstaunlicher und lehrreicher ist

11
ATP ist die wissenschaftlich übliche Abkürzung für Adenosintriphosphat, eine chemische Verbindung, die sich leicht aufspalten lässt und die dabei
relativ viel Energie abgibt. Alle lebenden Zellen speichern daher die ihnen mit der Nahrung zufließende Energie vorwiegend dadurch, dass sie ATP
aufbauen, um dieses Molekül dann im Bedarfsfall wieder zu zerlegen.
64
die Einsicht, dass die Natur es fertiggebracht hat, diesen gänzlich unvermeidbaren
»systemimmanenten« Fehler in einen Vorteil zu verwandeln.
Das ist wieder charakteristisch für die Evolution. Sie kann immer nur mit dem Material arbeiten,
das gerade zur Verfügung steht. Sie muss es akzeptieren, wie es ist, mit allen seinen Fehlern,
Grenzen und Mängeln. Alle ihre Erfindungen sind das Ergebnis der Kompromisse, die sie zwischen
den durch diese Fehler charakterisierten Ausgangsbedingungen und den biologischen Bedürfnissen,
die sie zu befriedigen sich bemüht, arrangiert. Wir sind, wie alle anderen Lebewesen, das, was wir
sind, nicht als das Ergebnis eines vorgefassten Plans, sondern einer kontinuierlichen und immer erst
nachträglich erfolgten Fehlerkorrektur.
Fehler aber werden in der Evolution - ein weiterer grundlegender Unterschied zu allen technischen
Entwicklungen - in keinem Falle dadurch korrigiert, dass der bisherige Weg verlassen und eine neue
Methode entwickelt wird. Diese Möglichkeit scheidet schon aus logischen Gründen aus. Denn sie
setzt ja ein von vornherein festliegendes Ziel voraus. Erst ein solches Ziel würde unter den vielen
sich anbietenden anderen Möglichkeiten eine auszuwählen gestatten, die sich angesichts dieses
Ziels als weniger fehlerhaft erweist. Ziele dieser Art aber gibt es in der biologischen Entwicklung
nicht.

Strategie der Evolution

In der Evolution werden die Dinge - jedenfalls von dem uns gewohnten Standpunkt aus - auf den
Kopf gestellt. In der biologischen Entwicklung werden Fehler oder Beschränkungen nicht dadurch
behoben, dass sie ausgemerzt werden, sondern dadurch, dass der Versuch gemacht wird, »aus der
Not eine Tugend zu machen«. Hier bestimmt nicht der Weg die Methode, sondern die sich aus den
Eigentümlichkeiten der vorliegenden Funktionen ergebende Methode den weiteren Weg. Wo das
nicht gelingt, wird der Versuch abgebrochen. In der Praxis heißt das: die betreffende Art stirbt aus.
Es steht uns, die wir aus der mit diesen Regeln arbeitenden Entwicklung hervorgegangen sind, nicht
zu, die Methode zu kritisieren. Wir verdanken ihr die Freiheit, unser bewusstes Handeln mit der
Hilfe anderer Strategien planen zu können, die uns flexibler erscheinen und die weniger Zeit
beanspruchen. Außerdem können wir nicht umhin, den geradezu phantastischen Einfallsreichtum,
mit dem die Evolution ihre uns so blind und gewaltsam erscheinende Methode handhabt, mit
ehrlichem Staunen zur Kenntnis zu nehmen.
Wie phantastisch diese eigentümliche Methode einer »Fehlerkorrektur« funktionieren kann, lehrt
die Betrachtung der näheren Umstände, die mit der Gewöhnung an einen bestimmten Reiz
verbunden sind. Sie zeigt, dass dieser sich aus den Eigenheiten biologischer Systeme ergebende,
gewissermaßen auf physikalisch-chemischen Gründen beruhende Mangel von der Evolution längst
zu einer fundamentalen Orientierungshilfe für alle Organismen »umfunktioniert« worden ist.

65
Wir brauchen dazu lediglich zu bedenken, was ein Reiz in der Realität der Welt eigentlich ist. Es
verhält sich ja nicht so, wie selbst die Physiologen früher wirklichkeitsfremd annahmen, dass
einfach jede von außen kommende Einwirkung auf den Organismus als Reiz registriert und in
irgendeiner Weise beantwortet wird. Wäre es so, dann hätte Leben in der uns bekannten Form nicht
entstehen können. Die Welt wäre dann nichts als ein chaotisches Trommelfeuer von Reizen.
Leben ist aber etwas anderes als nur das permanente Reagieren auf ein derartiges Chaos. Leben ist
unter biologischem Aspekt unter anderem die Fähigkeit, in den statistisch regellosen Abläufen der
anorganischen Welt eine sich selbst - wenigstens vorübergehend - erhaltende Ordnung aufzubauen.
Ordnung als sichtbare in der Zeit andauernde Form und als Funktion, als in sich abgestimmte,
geschlossene Einheit des Agierens und Reagierens.
Wenn man sich in dieser Weise behaupten will, braucht man ein Bezugssystem, so etwas wie einen
Nullpunkt, an dem man sich im ständigen Wechsel des äußeren Geschehens orientieren kann. Wo
dieser Wechsel regellos zu sein scheint, ist dieser Nullpunkt als fester, verlässlicher Halt nur auf
eine einzige Weise zu gewinnen: als Mittelwert oder statistischer Durchschnitt. Ordnung lässt sich
dem Chaos nur durch einen Kunstgriff abtrotzen. Man muss so tun, als ob alle statistisch regellose
Veränderung gar nicht existierte, und nur das registrieren oder beachten, was von diesem
künstlichen Nullpunkt des durchschnittlichen Geschehens abweicht.
Genau das leistet nun das Phänomen der Gewöhnung! Es sorgt auf ganz elementarer Ebene und als
Folge ganz unvermeidlicher Stoffwechselprozesse dafür, dass die überwältigende Mehrzahl der
durch eine gegebene Umweltsituation verursachten Einwirkungen auf den Organismus als Reiz
»verschwindet«. Sie werden, eben weil und so lange sie unverändert anhalten, nicht mehr
registriert. »Gewöhnung« eliminiert sie.
Wirksam als Reiz bleibt infolgedessen nur eine ganz bestimmte Auswahl aller von der Umgebung
stammenden Faktoren, und zwar die, welche neu auftretend die bisherige Situation verändern. Jeder
Augenblick, den ein Organismus erlebt, ist identisch mit der Tatsache, dass er es fertiggebracht hat,
sich an die Bedingungen der Umwelt, wie sie im jeweiligen Augenblick sind, optimal anzupassen.
Im Interesse der Erhaltung dieser lebensnotwendigen Anpassung genügt es daher, wenn nur die
Veränderungen der funktionell bereits bewältigten Situation registriert werden, um sie in die
Anpassung einbeziehen zu können. Die wirksam werdenden Reize rekrutieren sich, vereinfacht
ausgedrückt, nicht aus dem jeweils gegebenen Zustand der Welt, sondern aus dessen
Veränderungen.
Mit welchem Erfolg es der Evolution gelungen ist, den ursprünglich auf der Ebene der einfachen
Reizregistrierung als systembedingten Nachteil auftretenden Faktor »Gewöhnung« zum
orientierenden Auswahlkriterium zu machen, zeigt die Tatsache, dass sie sich später die denkbar
größte Mühe gegeben hat, das Prinzip beizubehalten. Auch dann, als es in späteren Stadien der
Entwicklung längst nicht mehr unvermeidbar war, hat sie an der Gewöhnung als Orientierungshilfe
66
für das Individuum festgehalten. Sie hat dann sogar äußerst komplizierte Regelungsmechanismen
eigens zu dem Zweck entwickelt, den Effekt, der sich auf höherer Ebene nicht mehr von selbst
durch die Erschöpfung des Apparats einstellen wollte, künstlich hervorzurufen.
Eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür bildet unsere Farbwahrnehmung. Dass »weiß« nicht
identisch ist mit der Abwesenheit aller Farben, hat zuerst Newton mit seinem berühmten
Prismenversuch gezeigt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Qualität »weiß« nehmen wir immer dann
wahr, wenn ein Gegenstand alle im Spektrum des sichtbaren Lichts enthaltenen Wellenlängen in
gleichem Maße zurückstrahlt. Mit seinem Prisma konnte Newton dieses weiße Licht in die Farben
des Regenbogens zerlegen und damit beweisen, dass es deren Mischung ist, die wir als weiß
empfinden.
»Weiß« gibt es in der Natur selbst in Wirklichkeit also gar nicht. Da draußen in der Welt existieren
nur wechselnde Verteilungen der Wellenlängen des sichtbaren Lichts, und eine gleichmäßige
Verteilung dieser Frequenzen dann, wenn wir den Eindruck »weiß« haben. Am gleichmäßigsten
sind diese Frequenzen im Sonnenlicht verteilt. Und da die Sonne die natürliche Beleuchtungsquelle
ist, in deren Licht wir die Welt sehen, haben unsere Augen und die Sehzentren in unserem Gehirn
die im Sonnenlicht vorliegende Mischung gleichsam zum Nullpunkt gemacht. Die häufigste
vorkommende Beleuchtung - und das ist selbst heute noch die durch die Sonne - stellt statistisch
betrachtet die Durchschnittsnorm dar. Es ist daher zweckmäßig, nur die von dieser Norm
abweichenden Fälle als »farbig« zu interpretieren.
Auch hier also wird das alte Prinzip noch benutzt, den Durchschnittsfall als Nullpunkt zu setzen.
Auch hier geschieht das in der Weise, dass die Qualität, um die es geht - in diesem Falle also die
Farbigkeit des Gesehenen -, dann, wenn der Durchschnittsfall vorliegt, gleichsam annulliert wird.
Wir empfinden dann die farblose Qualität »weiß«. Aber es bedarf wohl kaum der Begründung, dass
das im Falle der Farbwahrnehmung nicht mehr die automatische Folge simpler Gewöhnung im
ursprünglichen Sinne ist, etwa die Folge einer Erschöpfung der Farbrezeptoren in der Netzhaut
unserer Augen. Die Sinnesphysiologen haben vielmehr allen Grund zu der Annahme, dass die
Entstehung des farbneutralen Eindrucks »weiß« unter wechselnden Beleuchtungsverhältnissen das
Ergebnis außerordentlich komplizierter Verrechnungsprozesse darstellt, die sich in verschiedenen
Hirnzentren und in der Netzhaut abspielen (siehe dazu Abb. 9).
Für das alles gibt es zahlreiche weitere Beispiele und Belege. Wie kunstvoll das Prinzip im Laufe
der Jahrmillionen weiterentwickelt worden ist, zeigt ein anderer Versuch, der ebenfalls von Schleidt
stammt. Wenn man Puten immer wieder durch den gleichen, physikalisch reinen Ton alarmiert oder
erschreckt, kommt es in kurzer Zeit selbstverständlich auch zu einer Gewöhnung. Die Tiere
reagieren immer weniger und schließlich gar nicht mehr auf den gleichbleibenden Reiz. Wenn man
dann aber genau den gleichen Ton wesentlich leiser wiederholt, alarmiert er die Tiere unvermittelt
wieder in voller Stärke.
67
Dieser Versuch ist deshalb so wichtig, weil er auf einfachste Weise zeigt, dass die Gewöhnung in
solchen Fällen mit einer Erschöpfung oder Ermüdung nicht das Geringste zu tun haben kann. Der
objektiv und physikalisch schwächere Reiz löst in der geschilderten Situation allein deshalb eine
stärkere Reaktion aus, weil er neu ist, weil er eine Veränderung der bisherigen Situation signalisiert.
Hier ist die Gewöhnung vom Odium des Negativen endgültig befreit und in einer phantastischen
Kehrtwendung in den Dienst der Umweltorientierung, gestellt worden.
Auch dafür gibt es in unserem eigenen Erleben Parallelen. Auch wir erschrecken nicht nur vor der
Plötzlichkeit eines lauten Knalls. Als alarmierendes Signal kann auch eine Konstellation auf uns
wirken, die, objektiv betrachtet, reizärmer ist als die vorangegangene Situation, an die wir gewöhnt
waren. Das gilt etwa für eine unerwartet eintretende Stille. Dass der plötzliche Wegfall der bis dahin
gar nicht beachteten Umgebungsgeräusche alarmierend wirken kann, dass er in der Lage ist, unsere
innere Spannung zu erhöhen, ist eine Tatsache, von der die Regisseure guter Kriminalfilme
gelegentlich einen wohlweislich sparsamen Gebrauch machen.
Das Ganze ist so etwas wie der erstaunliche Aufstieg eines speziellen biologischen
Erschöpfungsphänomens, eines Fehlers, der im Verlauf seiner evolutionistischen Karriere
schließlich in den Rang eines revolutionierend neuartigen Orientierungsmechanismus erhoben
worden ist. Bisher hatten die Zellen des Organismus dank der besonderen Eigenschaften ihrer
Membranen aus den Bestandteilen der Umwelt ausgewählt. Sie hatten die Moleküle und
Energieformen in das Innere passieren lassen, die zur Aufrechterhaltung der Stoffwechselarbeit
benötigt wurden.
Jetzt gab es eine neue, an Möglichkeiten darüber weit hinausreichende Form der Auswahl. Das
biologische Grundphänomen der Gewöhnung greift aus den Eigenschaften der Umwelt jene heraus
die eine Veränderung anzeigen. Das ist kein kleiner Fortschritt. Erstmals wird nicht Materie oder
Energie in das Zellinnere transportiert, sondern Information über Vorgänge, die sich außerhalb der
den Organismus abgrenzenden Membran abspielen. Wie zweckmäßig und kunstvoll das Individuum
durch einen Informationsmechanismus so simpler Abstammung in die von seiner belebten Umwelt
gebildete Ordnung eingefügt wird, hat uns die nähere Betrachtung des Tinbergenschen Experiments
gezeigt.
Zu diesem Versuch muss hier abschließend noch eine letzte Bemerkung nachzutragen werden. Wie
kam es eigentlich, dass Tinbergens Küken auf die Attrappe mit dem langen Hals nicht mit Flucht
reagiert hatten? Und dies schon so kurz nach dem Schlüpfen, dass der erfahrene Verhaltensforscher
zu dem irrigen Schluss verleitet wurde, diese Silhouette müsse den Tieren angeborenermaßen
bekannt sein?
Die Antwort ist, im nachhinein, sehr einfach. Tinbergen hatte seine Küken zwar vom Kontakt mit
ihren Artgenossen isoliert. Auf dem Gelände, auf dem er seine Versuche durchführte, wimmelte es
aber von Enten und Gänsen in solcher Fülle, dass die Versuchstiere leicht Gelegenheit hatten, sich
68
an deren Aussehen, auch im Flug, raschestens zu gewöhnen. Das aber genügte. Denn die Küken
reagierten eben nicht, wie die ersten Beobachter fälschlich vorausgesetzt hatten, nach dem Krite-
rium »harmlos« oder »gefährlich«. Die einzige Information, von der ihr Verhalten gesteuert wurde,
war die durchschnittliche Häufigkeit des Reizes.
Dass diese rein quantitative Information ausreicht, um unter natürlichen Verhältnissen innerhalb von
kaum mehr als 24 Stunden nach dem Schlüpfen eine zweckmäßige, biologisch sinnvolle
Verhaltensweise entstehen zu lassen, ist nur auf Grund einer zweiten quantitativen Gegebenheit
möglich, die ganz andere Ursachen hat. Die Fähigkeit zur Gewöhnung kann in diesem konkreten
Fall nur dann zu einem biologisch zweckmäßigen Resultat führen, wenn Bussarde seltener sind als
Enten.
Das aber ist nicht mit Naturnotwendigkeit so. Oder doch? Pflanzliche Kost steht weitaus reichlicher
zur Verfügung als Fleisch. Pflanzenfresser können sich daher bis zu einer sehr großen
Populationsdichte vermehren, bevor die Nahrung knapp wird. Umgekehrt brauchen Bussarde als
Fleischfresser ein großes Revier, um satt werden zu können. Sie sind daher zwangsläufig seltener.
Und selbstverständlich können jemandem, der selbst aus Fleisch besteht, nur Fleischfresser
gefährlich werden.
Ist der Kreis damit wirklich lückenlos geschlossen? Es scheint so. Aber allzu sicher sollten wir nicht
sein. Wenn wir darüber nachdenken, was wir bei solchen Zusammenhängen zwischen dem
Individuum und seiner Umwelt für banal halten sollen und was für erstaunlich, dann urteilen wir
immer als Befangene, ohne die geringste Chance zu haben, das Maß unseres Vorurteils abschätzen
zu können. Denn die Grundlagen unserer Unterscheidungsfähigkeit wurden von der Evolution einst
mit der Hilfe von Mechanismen der gleichen Art gelegt, wie der es ist, über dessen
Zustandekommen wir uns hier den Kopf zerbrechen.

69
7. Wettlauf der Sinne

Pflanzen haben keine Augen

Dafür, dass Pflanzen nicht sehen können, gibt es eine ganze Reihe einleuchtender Gründe. Am
simpelsten scheint der Hinweis zu sein, dass sie ihrer Bewegungslosigkeit wegen keine Augen
brauchen. So banal das klingt, die Erklärung führt weiter, als man im ersten Augenblick glaubt. Die
Unbeweglichkeit der Pflanzen hängt offensichtlich mit ihrer Ernährungsweise zusammen. Als
einzige irdische Lebewesen ernähren sie sich, ohne dabei anderes Leben zu vernichten.
Das kann niemand sonst. Allein die Pflanzen sind in der Lage, mit anorganischen Substanzen
auszukommen, die sie dem Boden und der Atmosphäre entnehmen. Die Energie, die sie für deren
Weiterverarbeitung und ihre übrigen Stoffwechselfunktionen benötigen, entnehmen sie bekanntlich
dem Sonnenlicht. Genaugenommen muss man eigentlich umgekehrt sagen: Alle irdischen
Lebewesen, die das können, nennen wir »Pflanzen«. Es gehört zu ihrer Definition. Alle anderen
sind »Tiere«: Sie ernähren sich tierisch, indem sie Pflanzen fressen oder andere Tiere, die Pflanzen
gefressen haben. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, da ihnen die Sonnenstrahlung als
Energiequelle verschlossen ist.
Die Pflanzen bilden daher, wie man sagt, den »Anfang der Nahrungskette«. Sie sind die
unentbehrlichen Antennen, mit deren Hilfe allein die von der Sonne kommende Energie für alles
auf der Erde existierende Leben nutzbar gemacht werden kann. Diese spezielle Rolle der Pflanzen
sollte unsere Aufmerksamkeit nun auf die Möglichkeit lenken, dass Pflanzen vielleicht deshalb
nicht sehen können, weil sie das Licht schon für einen anderen, für ihre und unser aller Existenz
noch sehr viel notwendigeren Zweck verwenden.
Wer auf Licht als Energiequelle angewiesen ist, kann das gleiche Medium offenbar nicht auch noch
als Vehikel zur Abbildung seiner Umwelt benutzen - so etwa ließe sich diese Vermutung
formulieren. So gesehen ist der Zusammenhang zwischen der Unbeweglichkeit der Pflanzen und
dem Fehlen pflanzlicher Sehorgane mit einem Mal gar nicht mehr trivial. Die Augenlosigkeit der
Pflanzen könnte, wie es scheint, die Folge davon sein, dass die biologische Bedeutung, die eine
Eigenschaft der Umwelt für ein bestimmtes Lebewesen hat, die Möglichkeit ausschließt, diese
Eigenschaft als Quelle von Informationen über die Außenwelt zu benutzen.
Ich glaube, dass wir hier ein Prinzip vor uns haben, das in der langen Entwicklung, die von der
Reaktion auf einen »Reiz« bis zur Entwicklung echter Wahrnehmung führte, eine außerordentlich
wichtige Rolle gespielt hat. Die Konsequenzen werden anschaulich, sobald wir - dem Ablauf der
Ereignisse wieder einmal vorgreifend - das Resultat am bisherigen Endergebnis, also bei uns selbst,
etwas genauer betrachten.
Die Eigenschaften, die unsere verschiedenen Sinnesorgane an unserer Umwelt feststellen können,
unterscheiden sich bemerkenswerterweise nicht nur in ihrer »Modalität«, wie die
70
Wahrnehmungsphysiologen das nennen. Da gibt es also nicht nur den gänzlich unbeschreibbaren,
nur unmittelbar erfahrbaren Unterschied, der zwischen einem Helligkeitseindruck und einem Ton
besteht oder zwischen einem Geruch und dem Erleben von Schmerz. Alle diese verschiedenen
Modalitäten unterscheiden sich grundsätzlich auch noch durch den Grad ihrer »Zuständlichkeit«
voneinander. Was die Psychologen mit diesem Fachausdruck meinen, ist sofort klar, wenn wir uns
die Extreme vor Augen führen: Schmerz und optisches Erleben.
Jeder kann sich daran erinnern, wie es ist, wenn man eine stark schmerzende Verletzung erleidet,
etwa eine Schnittwunde oder eine kleine Verbrennung. Ganz ohne Zweifel ist es eine
Sinnesempfindung, die wir in diesem Augenblick erleben. Aber dennoch wird jeder zugeben, dass
die höchst unangenehme Empfindung mir weit mehr über meinen eigenen Zustand verrät als über
irgendeine Eigenschaft der Außenwelt. Wie das Messer aussah, das die Verletzung hervorrief, diese
Information ist im Schmerzerlebnis nicht enthalten.
Sozusagen genau umgekehrt verhält es sich beim Sehen. Hier fallen die vom eintreffenden Licht an
meinem Körper bewirkten Zustandsänderungen für das Erleben völlig unter den Tisch. Da passiert
in Wirklichkeit ja allerlei: Meine Pupille verengt und erweitert sich je nach der Intensität des
Lichteinfalls. In den Netzhäuten beider Augen werden verwickelte chemische Prozesse ausgelöst,
gefolgt von elektrischen Impulsen, die vom Sehnerv weitergeleitet werden. Nichts davon wird
gespürt. Was im Erleben auftaucht, ist in diesem Falle nicht die durch die Umwelt bewirkte
Veränderung an meinen Augen, sondern etwas ganz anderes: der Eindruck eines außerhalb, jenseits
der Grenzen meines Körpers existierenden Gegenstandes.
Wer diese beiden Extremfälle miteinander vergleicht, dem geht alsbald auf, dass sie die beiden
Endpunkte eines Entwicklungsweges markieren, der zur Entstehung von »Wahrnehmungsorganen«
geführt hat. Am Anfang steht der unmittelbare Eingriff der Umwelt in den Organismus: Der passiv
erlittene Reiz, der für den Betroffenen identisch ist mit einer Veränderung des eigenen Zustands.
Am - bisherigen - Ende steht das Eintreffen eines Umweltreizes, der als Vehikel dient zur Erlangung
von Informationen über die Außenwelt.
Selbstverständlich besteht auch im zweiten Falle eine direkte, unmittelbare Verbindung zwischen
Organismus und Außenwelt, in diesem Falle hergestellt durch einen Lichtstrahl. Wie anders sonst
sollte die Informationsbrücke zustande kommen? Schließlich geht es in der Natur ganz gewiss nicht
übernatürlich zu. Der entscheidende Unterschied ist ein anderer: Der List der Evolution ist es im
Verlaufe riesiger Zeiträume gelungen, die vom eintreffenden Reiz bewirkte Zustandsänderung unter
einem ganz neuen Gesichtspunkt zu verwenden. Die am Organismus erfolgende Änderung wird
gleichsam »heruntergespielt«. Sie wird ihres biologischen Gewichts nach Möglichkeit entkleidet.
Für den Organismus kommt das einer Entlastung gleich. Er braucht auf die von der Außenwelt
verursachte Veränderung nicht mehr unmittelbar zu reagieren. Sie hat ihre biologische Dringlichkeit
verloren. Daher kann jetzt anders mit ihr umgegangen werden, freier über sie verfügt werden. Zum
71
Beispiel in der Weise, dass aus der Besonderheit der Prozesse, aus denen sie jeweils besteht,
12
rückgeschlossen wird auf den äußeren Vorgang, der sie hervorrief .
Es leuchtet ein, dass dieser Weg nicht bei jeder beliebigen Modalität beschritten werden konnte. Es
gibt Umwelteigenschaften, deren biologische Bedeutung sich beim besten Willen nicht
»herunterspielen« lässt. Die auf diese Eigenschaften spezialisierten Sinne werden daher auch
während noch so langer Entwicklungszeiten nicht aufhören, die am eigenen Organismus selbst
hervorgerufene Zustandsänderung als vordringlich zu behandeln 13. Das ist der Grund, warum wir
bis auf den heutigen Tag sowohl mit überwiegend »zuständlichen« (oder »leiblichen«) als auch mit
»gegenständlichen« Sinnen ausgestattet sind.

Wer nicht hören kann, muss fühlen

Der Startpunkt muss, vor etlichen Jahrmilliarden, für alle Sinne der gleiche gewesen sein. Ihr
Ursprung war, wie wir uns hier erinnern wollen, die Notwendigkeit, zu der vom eigenen »Inneren«
ausgeschlossenen Umwelt einen auf das biologisch unvermeidbare Minimum beschränkten Kontakt
herzustellen. Die geringe Zahl unserer Sinne - gemessen an der ungeheuer großen Zahl von
Eigenschaften, die wir der Welt außerhalb unserer Wahrnehmungsfähigkeit zubilligen müssen - ist
die unaufhebbare Folge dieser Beschränkung.
Wenn man die Weiterentwicklung zum Wahrnehmungsorgan als Beurteilungsmaßstab nimmt, dann
hielte unser Gesichtssinn nach vier Milliarden Jahren zweifellos den absoluten Rekord. Er allein hat
14
sich zu einem (fast) ausschließlich »gegenständlichen« Sinn entwickeln können . Das war nur
deshalb möglich, weil Licht eine für uns in unserer heutigen Verfassung biologisch relativ
unwichtige Eigenschaft der Welt ist. Das gilt jedenfalls dann, wenn man unsere Situation mit der
der Pflanzen vergleicht.
Wir brauchen uns um Licht als biologische Größe gewissermaßen nicht zu kümmern. Diese Sorge
haben uns die Pflanzen mit ihrer Position am Anfang der Nahrungskette abgenommen. So
betrachtet, verdanken wir es den Pflanzen, dass wir Augen haben entwickeln können. Wie sich im

12
Wir sollten uns an dieser Stelle an die Geschichte der Entstehung der Hormone erinnern, an den »Fall-out«-Charakter der ersten Protohormone. jede
zelluläre Tätigkeit produziert Stoffwechselprodukte, deren besondere Zusammensetzung gleichsam den »Abdruck« der spezifischen Zelltätigkeit
darstellt, der sie entstehen ließ. Das ist ganz unvermeidbar. Damit aber stellt dieser »Zellabfall« in jedem Falle auch so etwas wie ein Signal dar, das
über das Ablaufen einer ganz bestimmten Zellfunktion informiert. Auf eine ähnliche Situation stößt man offensichtlich bei der Frage nach der
Entstehung der ersten Wahrnehmungsfunktionen: jede beliebige Einwirkung der Außenwelt ruft am Organismus eine bestimmte Zustandsänderung
hervor. Diese aber lässt sich grundsätzlich sowohl als Folge der Einwirkung auffassen, als auch als Hinweis auf eine bestimmte Umweltqualität. Der
Grund für diesen Janus-Charakter ist alles andere als geheimnisvoll. Jede Ursache hat eine Wirkung, und jede Wirkung enthält selbstverständlich eine
Information über die hinter ihr stehende Ursache. Dessen ungeachtet ist es faszinierend zu sehen, mit welcher phantastischen Anpassungs- und
Erfindungsgabe die Evolution diese logische Trivialität in der biologischen Realität je nach den Umständen im Interesse der Überlebenschancen ihrer
Geschöpfe ausgenützt hat.
13
Es ist interessant, sich klarzumachen, dass »biologische Dringlichkeit« selbstverständlich ein relativer Begriff ist. Er muss von Spezies zu Spezies
von neuem konkret definiert werden. Eine Eigenschaft der Umwelt, die für den einen Organismus biologisch von existentieller Bedeutung ist, spielt
für den einer anderen Art womöglich keine nennenswerte Rolle. Siehe unser Beispiel: die so unterschiedliche Rolle, die das Licht im Leben der
Pflanzen und in unserem eigenen Leben spielt. Daher aber sind auch die Möglichkeiten, sich dieser oder einer anderen »Modalität« als
Informationsquelle über die Außenwelt (als »Wahrnehmungsfenster«) zu bedienen, bei Lebewesen verschiedener Arten auch grundsätzlich und von
vornherein unvergleichbar. Diese Überlegung führt zu der Vermutung, dass die Art und Weise, in der die Welt von Lebewesen verschiedener Spezies
erlebt wird, weitaus vielfältiger und für unsere Vorstellung fremdartiger sein dürfte, als wir das unter dem Eindruck unserer alltäglichen
Wahrnehmung einer konstanten und scheinbar objektiven Außenwelt für möglich halten.
14
Andererseits hat gerade die wissenschaftliche Untersuchung des Gesichtssinns gezeigt, dass es auch ihm nicht gelungen ist, seine biologische
Vergangenheit vollständig abzuschütteln. Auch bei uns erfüllt er noch immer ganz bestimmte biologische, vegetative Funktionen. Einzelheiten an
späterer Stelle.
72
folgenden Kapitel noch herausstellen wird, gilt diese hier vielleicht noch etwas gewaltsam
scheinende Feststellung aus einem zweiten Grunde ganz konkret und wortwörtlich.
Gegenüber der optischen Wahrnehmung fallen unsere anderen Sinne ab. Sie alle sind im
Evolutions-Rennen mehr oder weniger zurückgeblieben. Das gilt auch für das Gehör, dem bei
unserem Vergleich der zweite Platz zukommt. Es wird von den Wahrnehmungsforschern zwar auch
noch und mit Recht zu den »höheren« Sinnen gerechnet, da es überwiegend gegenständliche
Informationen vermittelt. Zum typischen Hörerlebnis gehört aber bereits eine ganz wesentliche
»zuständliche« Komponente.
Unsere Ohren übertragen uns nicht nur die akustischen Symbole, die wir »Sprache« nennen, und
daneben zahlreiche andere »gegenständliche« Informationen aus unserer Umwelt. Das Sprechen ist
ja kein abstrakter Vorgang, sondern immer das Sprechen eines bestimmten Menschen. Zum Erleben
des Hörens von Sprache gehört daher nicht nur die Wahrnehmung der akustischen Symbole
sprachlicher Begriffe, sondern auch der Klang einer individuellen Stimme. Klänge aber sind
Empfindungen, die überwiegend als Beeinflussung des eigenen Zustands - in der Form der
Auslösung bestimmter Gefühle - erlebt werden. Das Erleben von Musik ist ein besonders deutliches
Beispiel für das, was hier gemeint ist.
Ich muss an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass wir im Augenblick dem Ablauf der
Dinge weit vorauseilen. So war im letzten Absatz plötzlich vom Auslösen von Gefühlen die Rede,
obwohl wir an dieser Stelle eigentlich noch gar nicht »wissen dürfen«, was Gefühle sind. Ebenso
betrachten wir das Spektrum unserer Sinne hier von der Plattform bewussten Erlebens aus, ohne
Rücksicht darauf, dass wir diese Ebene erst am Ende dieses Buchs erreichen werden.
Alle diese Lücken werden in den kommenden Kapiteln nach und nach ausgefüllt werden, soweit
das heute schon möglich ist. Ein starres Festhalten an der chronologischen Reihenfolge würde aber
das Verständnis der ohnehin schwierigen Materie nur zusätzlich und unnötig erschweren. So ist ein
wirkliches Verständnis des hochinteressanten Weges, der in der Evolution von der biologischen
Wirkung des Lichts zur optischen Wahrnehmung führte, ohne einen Vorgriff auf das Resultat dieser
Entwicklung einfach nicht möglich. Man versteht nicht, was da geschehen ist, wenn man nicht
weiß, wohin es schließlich führte. Ich werde deshalb auch im weiteren Ablauf die strikt
chronologische Darstellung immer wieder verlassen, wenn das Verständnis des Ganzen es erfordert.
Damit zurück zu unserem Gehör und zu seiner eigentümlichen Zwitterstellung zwischen
gegenständlichem und zuständlichem Erleben. Wie es dazu kommen konnte, warum sich dieser
Zwittercharakter im Verlaufe der Entwicklung geradezu unausbleiblich einstellen musste, wird klar,
wenn wir uns die »Geschichte« dieses Sinnes einmal vor Augen halten.
Das Hörorgan ist ohne Zweifel ein arrivierter Abkömmling der Haut. Das Trommelfell am Ende
unserer Gehörgänge ist nichts anderes als ein Stückchen Haut, allerdings ein sehr besonderes

73
Stückchen. Zu Beginn der Entwicklung aber waren Haut und Hörvermögen noch nicht voneinander
geschieden.
Als Träger von Sinnesempfindungen kommt unserer Haut allein auf Grund ihrer körperlichen
Lokalisation eine Übergangsrolle zu. Sie ist identisch mit der Grenze zwischen dem eigenen
Organismus und der Außenwelt. Dazu ist sie auf mechanische körperliche Berührung als
auslösenden Reiz spezialisiert, im Unterschied zum Gesichtssinn, der bekanntlich auf
elektromagnetische Wellen einer bestimmten Frequenz anspricht. Damit aber ist jeder Reiz, den
unsere Haut signalisiert, identisch mit einer Situation, in der die Außenwelt ganz konkret »schon da
ist«, in der irgendein »Ding« aus der Außenwelt schon an der Grenze meines Körpers angekommen
ist.
Das aber ist eine Situation, an deren biologischer Dringlichkeit sich verständlicherweise bis auf den
heutigen Tag nichts hat ändern können. Deshalb »ertasten« wir bei einer solchen Berührung nicht
nur die Form, die Konsistenz, die Oberflächenbeschaffenheit und andere Eigenschaften des an
unserer Körperoberfläche angekommenen Gegenstands. In jedem Falle erleben wir dabei auch
zuständliche Empfindungen.
Ein ganzes Spektrum spezialisierter Hautsinne registriert den Druck der Berührung, der bis zum
Schmerz gehen kann, und lässt uns den Kontakt in jedem Fall als unangenehm oder angenehm
temperiert erleben. Unter bestimmten Umständen kommt dazu das Gefühl unangenehmen Kitzels
oder auch Juckens. All das sind zuständliche Empfindungsqualitäten. Sie verraten uns nichts über
den auslösenden Reiz. Ohne hinzusehen, können wir nicht einmal entscheiden, ob ein plötzlich
auftretendes Jucken vom Stich einer Mücke hervorgerufen wird oder von einer Hautreizung aus
innerer Ursache.
Sehr bezeichnend für die biologischen Ursachen dieser Differenzierung unseres Hautsinns sind die
unterschiedlichen Spezialisierungen unserer Haut in verschiedenen Körperregionen. So überwiegt
die gegenständliche Komponente des Tastsinns bekanntlich im Bereich der Hände bzw. Finger.
Diese aber liegen eben an der Spitze beweglicher Extremitäten. Diese Teile unseres Körpers können
wir daher aktiv in die Umgebung vorstrecken - oder auch vor dieser Umgebung zurückziehen.
Diese Freiheit mildert - in unserem Zusammenhang gesehen - den Dringlichkeitsgrad der hier
registrierten Reize immerhin so sehr, dass das gegenständliche Tasterlebnis sich an diesen
Körperstellen besonders entfalten konnte. Man vergleiche das mit der Art und Weise, in der
Berührungen am Rumpf erlebt werden, die in der Regel eben passiven Charakter haben. Bei ihnen
überwiegt die zuständliche Komponente bei weitem. Mütter kitzeln ihre Kinder beim Spiel
bekanntlich auf dem nackten Bauch, während die Finger, bevor sie zum Rechnen benutzt werden,
eine darstellende Funktion beim Aufsagen von Abzählreimen zu übernehmen haben (»... der
schüttelt die Pflaumen!«).

74
Die sprichwörtliche Kitzligkeit der Fußsohle ist natürlich eine biologische Erinnerung an die
ungezählten Jahrmillionen, während derer das Ertasten einer kleinen - und womöglich noch aktiv
beweglichen! -Unebenheit unter dem nackten, eben niedergesetzten Fuß eine Situation von
äußerster Dringlichkeit signalisierte. Analog verhält es sich mit dem aufdringlichen überwiegen der
gleichen zuständlichen Empfindung in der unmittelbaren Umgebung unserer Körperöffnungen,
etwa der Lippen oder der Nasenlöcher, aber auch an anderer Stelle.
Nun war gerade eben davon die Rede, dass die Möglichkeit einer aktiven Bewegung auf die
Außenwelt zu - und damit von der eigenen Oberfläche weg -, wie sie unseren Händen gegeben ist,
die Entwicklungschancen gegenständlicher Empfindungen, also einer echten Tastwahrnehmung,
offensichtlich fördern kann. Der Zusammenhang lässt sich auf vielerlei Weise verständlich machen.
Dahinter stehen sicher auch mehrere zusammenwirkende Ursachen. Im Rahmen unseres
Gedankengangs möchte ich hier den Aspekt hervorkehren, dass eine zunehmende Distanz des
Reizes von der Oberfläche eines Organismus gleichbedeutend ist mit einer Abnahme des wiederholt
betonten Dringlichkeitsgrades der auslösenden Ursache. Was mir noch fern ist, braucht mich als
Lebewesen vorerst noch weniger akut zu beschäftigen als das, was mir schon »auf die Pelle
gerückt« ist - so könnte man die Situation salopp, aber anschaulich beschreiben.
Dieser banale Sachverhalt ist die Ursache dafür, dass Psychologen und Physiologen die höheren,
gegenständlichen Sinne seit jeher auch als die »Fernsinne« bezeichnen konnten, denen sie die
niederen, zuständlichen »Nah-Sinne« gegenüberstellten. Dieser Gesichtspunkt der Einteilung ist
neuerdings wieder etwas aus der Mode gekommen. Mit Recht, muss man hinzufügen. Es dürfte
deutlich geworden sein, dass den bisher besprochenen Sinnen in wesentlichen Punkten eine
Zwitterstellung zukommt. Diese wichtige Erkenntnis wird aber bei der scheinbar so glatten
Einteilung in Nah- und Fernsinne einfach unterschlagen.
Trotzdem trifft der Begriff Fernsinn etwas Wesentliches. Und dies nicht allein deshalb, weil
»Wahrnehmung« ihrem Wesen nach gleichbedeutend ist mit der Herstellung einer Beziehung zu
von mir noch entfernten Dingen der Außenwelt, sondern ursprünglich vor allem deshalb, weil die
Distanz des einen Reiz aussendenden Dings aus den geschilderten Gründen die Voraussetzung ist,
den Reiz nicht als Eingriff in den eigenen Organismus, sondern als Information über die Umwelt
behandeln zu können.
Wenn das aber so ist, wie konnte dann ausgerechnet der Tastsinn zum Vorfahr des Gehörs werden?
Ungeachtet aller zuständlichen Komponenten ist dieses doch der Prototyp eines überwiegend
gegenständlich informierenden Fernsinns. Die Antwort ist leicht. Es konnte so kommen, weil auf
der von einer Lufthülle bedeckten Oberfläche der Erde Formen einer indirekten körperlichen
Berührung über große Entfernungen hinweg möglich sind.
Sie werden durch atmosphärische Druckwellen vermittelt. Auf diese, die einzige über größere
Distanz hinweg indirekt übertragene Form der »Berührung« hat sich ein Teil des Tastsinns -
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innerhalb sehr langer Zeiträume und auf mancherlei Wegen - spezialisiert. Der Aufwand hat sich,
wie wir nachträglich bestätigen können, gelohnt. Es ergaben sich Möglichkeiten und
Informationsquellen, die gänzlich unvorhersehbar gewesen waren.
Der auf zunehmend schnellere atmosphärische Longitudinalwellen, auf elastische Schwingungen
der umgebenden Luft spezialisierte Teilsinn unserer Haut entwickelte sich schließlich zu einem so
differenzierten Empfangsorgan, dass er seinerseits wiederum die Entstehung entsprechender
Sendeorgane auslöste. Das Ohr ist die Ursache der Entstehung der Stimmlippen und des Kehlkopfs,
der Syrinx, mit welcher die Vögel ihren »Gesang« produzieren, des Schrillapparats der Grillen und
all der vielen anderen lauterzeugenden Organe, welche die belebte Natur hervorgebracht hat.
Es gibt mehrere Indizien, an denen man ablesen kann, dass der hier skizzierte Weg der historischen
Realität entspricht. Die Entwicklungsforscher haben z. B. herausgefunden, dass das Cortische
Organ unserer Innenohren sich in der Entstehungszeit vor der Geburt aus einem Hautstück des
Embryos bildet. Das Cortische Organ ist das eigentliche nervöse Empfangsorgan am Ende der Kette
von Hörknöchelchen, die das Trommelfell mit dem Innenohr verbinden. Es spielt für die Ohren die
gleiche Rolle wie die lichtempfindliche Netzhaut für die Augen.
Ferner grenzt in der Großhirnrinde das kleine Areal, in dem die vom Cortischen Organ zum Gehirn
führenden Nervenbahnen enden, das »Hörzentrum«, unmittelbar an die sensible Zentralwindung.
Diese aber bildet die Endstation für die vom Tastsinn stammenden Impulse.
Ein letzter Hinweis ist allen bekannt, die ein Radio benutzen. Allerdings dürften sich die wenigsten
über den Zusammenhang klar sein. Wie jeder weiß, stellt man den Lautsprecherklang bei
Musiksendungen anders ein als bei Nachrichten oder bei einem Vortrag. Im ersten Fall bevorzugt
jeder instinktiv eine tiefere Tonlage, umgekehrt ist es bei Sprachsendungen. Die meisten Geräte
haben sogar eine besondere Taste, die mit »Musik« oder »Sprache« bezeichnet ist und mit der man
die Änderung vornehmen kann. Jugendliche, die ihre Platten mit einer modernen Stereoanlage
abspielen können, neigen unfehlbar dazu, die Bässe »voll aufzudrehen«. Sie können die Musik
dann, wie sie sagen, intensiver genießen. Umgekehrt gibt es keine Meinungsverschiedenheit
darüber, dass eine Nachrichtensendung in der gleichen Tonlage fast unverständlich wäre. Wie lässt
sich diese Alltagserfahrung erklären? Auch sie ist, wie ich glaube, eine Folge der Abstammung
unseres Gehörs.
Tiefe Töne entsprechen niedrigen Frequenzen. Das sind elastische Schwingungen der Luft, die so
langsam erfolgen, dass wir sie im Extremfall schon nicht mehr nur hören. Einen sehr lauten, sehr
tiefen Bass nehmen wir nicht mehr nur mit den Ohren wahr, sondern auch als Vibration mit der
übrigen Haut, vor allem der Bauchhaut. Sehr langsame Schallwellen erleben wir also auch heute
noch nicht nur als Ton, sondern auch noch als »Berührung«.
Im Bereich niedriger Frequenzen scheint unser Gehör seiner Herkunft vom Hautsinn folglich noch
näher zu sein. Entsprechend größer ist hier daher auch das Gewicht der zuständlichen,
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gefühlsmäßigen Komponente im Hörerlebnis. Kein Zweifel, dass das den Genuss steigern kann,
wenn man es darauf anlegt, sich von Musik emotional »anrühren« zu lassen.
Ebenso einleuchtend ist es unter diesen Umständen, dass im Falle der Sprache das Umgekehrte gilt.
Dann, wenn es nicht auf Emotion, sondern auf Information ankommt - nicht im Sinne der
Nachrichtentheorie, sondern in dem der Alltagssprache -, fällt der gegenständlichen, der echten
Wahrnehmungskomponente die größere Bedeutung zu. Unser Hörorgan scheint sich tatsächlich
nach dieser Faustregel entwickelt zu haben und ebenso unsere Sprachwerkzeuge. Beim Sprechen
sowohl als auch beim Hören von Sprache spielen die höheren Frequenzen die entscheidende Rolle.
Bei dieser Art der Kommunikation mit der Umwelt arbeitet unser Gehör also in einem Bereich, der
von den niederen, der Berührungsempfindung noch verwandten Frequenzen möglichst weit
entfernt15.

Aus dem Objekt -wird ein Subjekt

Am Anfang aller Sinne steht also der Reiz. Ein Reiz, der gebildet wird von einer Eigenschaft der
Umwelt, die unbeachtet zu lassen die Ur-Zelle sich nicht hatte leisten können. Sei es, dass seine
Qualität eine potentielle Gefahr darstellte, sei es aber auch, dass er eine Umwelteigenschaft
repräsentierte, die für das überleben unentbehrlich war. Nur in diesen beiden Fällen und in keinem
anderen sonst wurde die Außenwelt zugelassen, konnte auf einen wirksamen Kontakt nicht
verzichtet werden. Deshalb spüren wir nichts von den Scharen von Neutrinos, die uns, von der
Sonne kommend, in jeder Sekunde durchfliegen. Wir haben auch keinen Sinn, keinen
physiologischen Detektor, für die Kraftlinien des irdischen Magnetfeldes entwickelt. Es fehlt uns
ein Organ zur Wahrnehmung der radioaktiven Strahlung der Erdkruste, denn auch diese ist - in ihrer
natürlich vorkommenden Dosis - für unser tägliches Überleben als Organismen ohne aktuelle
Bedeutung. In all diesen Fällen wissen wir heute immerhin von diesen Lücken in unserer
Wahrnehmungswelt, da die wissenschaftliche Forschung an einigen Stellen den Horizont unserer
Sinne überschreiten konnte. Wie viele Eigenschaften der Welt wir darüber hinaus noch übersehen,
das können wir nur ahnen.
Allein an diesem höchst begrenzten Repertoire zugelassener, von der Ur-Zelle ausnahmsweise
registrierter Reize konnte die Evolution aber ansetzen, als sie begann, ihre Geschöpfe mit
Wahrnehmungsorganen auszustatten. Sie hatte, ganz wörtlich, keine andere Wahl. Und dann zeigte
15
Hierher gehört auch die neuere Entdeckung der Physiologen, dass wir das für die Sprache eines bestimmten Menschen charakteristische akustische
Spektrum offenbar an dessen Obertönen identifizieren. Zum Erkennen einer bestimmten Stimme werden also die höchsten Frequenzen benutzt. Das
geschieht übrigens ganz automatisch, ohne bewusstes Zutun, in der Form einer - in ihren Einzelheiten noch in keiner Weise durchschauten -
selbsttätigen »Verrechnung« im Gehirn. Eben deshalb hat es so lange gedauert, bis diese Tatsache überhaupt entdeckt wurde.
Diese Erkenntnis von der besonderen Bedeutung hoher Frequenzen für die Stimmidentifizierung liefert wahrscheinlich auch die Erklärung für ein seit
langem bekanntes Phänomen, dessen Ursache bisher völlig im dunkeln lag. Es handelt sich um den sogenannten »Party-Effekt«. Mit diesem Begriff
ist eine sehr typische Leistungseinbuße des Hörvermögens älterer Menschen gemeint. Sie besteht in einem zunehmenden Verlust der akustischen
»Einstellfähigkeit« in einer Situation mit allgemeinem Stimmengewirr (also z. B. auf einer Party). Die meisten Menschen, welche die 50 überschritten
haben, kennen die Konsequenzen aus eigener Erfahrung. Während sie in jüngeren Jahren keine merkliche Mühe hatten, sich auch in der geschilderten
Situation mit einem bestimmten Partner zu unterhalten, gelingt das jetzt mit einem Male nicht mehr. Obwohl sie keineswegs schwerhörig sind, geht
die Stimme des Gegenüber für sie in dem akustischen Durcheinander der allgemeinen Unterhaltung unter. Bei der ohrenärztlichen Untersuchung
findet sich in einem solchen Fall regelmäßig der für eine beginnende Altersschwerhörigkeit typische Ausfall des Hörvermögens für die obersten
Frequenzen. Diese Frequenzen aber benutzen wir offenbar nicht nur, wie erwähnt, zur Identifizierung einer bestimmten Stimme, sondern anscheinend
auch dazu, diese Stimme aus einem allgemeinen akustischen »Wellensalat« auf irgendeine Weise und ebenfalls ganz unbewusst herauszufiltern.
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sich noch, dass keineswegs jeder Reiz aus der beschränkten Zahl des Angebots für das Projekt in
Frage kam. In den meisten Fällen blieb der Versuch, sie dem Organismus als Informationsquelle
nutzbar zu machen, im Ansatz stecken.
Wie schon erörtert, war das immer dann ganz unvermeidlich, wenn der Reiz, der den
Ausgangspunkt der Entwicklung hätte bilden können, mit einer biologischen Qualität von
besonders akuter und vitaler Bedeutung identisch war. Bei einem kleinen Teil des von vornherein so
beschränkten Angebots verlief der Versuch jedoch erfolgreich. Hier gelang es der Entwicklung, die
biologische Relevanz des Reizes in winzigen Schrittchen immer mehr in den Hintergrund zu
drängen. An seine Stelle trat ein Abbild der Welt.
Das ist eine als wunderbar zu bezeichnende Entwicklung. Bisher war nur passive Ergebung denkbar
gewesen, bedingungslose Anpassung an das, was von der äußeren Welt auf den Organismus zukam.
Jetzt aber erwarb dieser die Fähigkeit, sich der auf ihn zukommenden Eigenschaften der Welt zu
bemächtigen und die Welt zu zwingen, sich ihm zu zeigen. Eine phantastische Umkehrung der
Rollen. Aus dem Objekt wird ein Subjekt. So gesehen setzen die Wahrnehmungsorgane auf einer
höheren Ebene fort, was mit der Entstehung der ersten Zellmembran seinen Anfang genommen
hatte: Die Verselbständigung des Organismus gegenüber seiner Umwelt.
Aber so großartig diese Entwicklung auch ist, an deren bisherigem Endpunkt wir als die Nutznießer
stehen, wir sollten hier doch auch den anderen Aspekt nicht übersehen: Die Welt, die wir um uns
wahrnehmen, erschließt sich uns als das Ergebnis der Verarbeitung eines kleinen Teils eines von
vornherein äußerst beschränkten Angebots an äußeren Reizen. Es ist nicht die Welt selbst, die wir
wahrnehmen. Es ist ihr Abbild. Und wer sich die Geschichte der Entstehung dieses Abbilds vor
Augen hält, der kann nicht umhin, Zweifel zu verspüren hinsichtlich der Vollkommenheit seiner
Übereinstimmung mit dem Original.
Damit haben wir den Rahmen abgesteckt, in dem sich die Karriere eines Reizes abspielt, der die
Laufbahn bis zur Wahrnehmung erfolgreich absolviert. Wir wissen jetzt, dass dieser Weg vom Reiz
über zuständliche Gefühle bis zu den gegenständlichen Empfindungen verläuft, mit deren Hilfe sich
die Außenwelt abbildet. Damit können wir unseren vorwegnehmenden Exkurs abbrechen. Wir
haben mit ihm die Voraussetzungen gewonnen, die unerlässlich sind, um verstehen zu können,
welcher konkrete Entwicklungsweg zu diesem oder jenem Wahrnehmungsorgan geführt hat. Um
vor allem verstehen zu können, wie dieser Ablauf aus biologischer Ursache, unter dem Einfluss der
Evolutionsgesetze zustande kam.
Das wollen wir jetzt in den Details, die heute bekannt sind, am Beispiel eines Sinnes, und zwar des
Gesichtssinns, näher untersuchen. Unser Sehvermögen ist als Beispiel besonders geeignet, weil der
Weg, den es in der Evolution zurückgelegt hat, weiter gewesen ist als der aller anderen Sinne. Seine
Geschichte ist daher auch besonders aufschlussreich bei unserem Versuch, den Übergang von der
biologischen zu einer psychologischen Ebene zu rekonstruieren.
78
8. Vom Lichtempfänger zum Sehorgan

Euglena macht den Anfang

Auch wenn es nach all dem, was bisher zur Sprache kam, im ersten Augenblick noch so paradox
klingt, so steht dennoch fest, dass die Augen von den Pflanzen erfunden wurden. Nicht Augen, wie
wir sie heute im Kopf tragen, versteht sich. Wohl aber die entwicklungsgeschichtlichen Vorfahren
dieser Augen. Die erste Sprosse, ohne welche die Leiter nicht hätte gebaut werden können, auf
welcher die Evolution bis zur Fähigkeit des Sehens emporstieg
Bei näherer Betrachtung ist dieser Umstand natürlich alles andere als paradox. Der Grund ist genau
der gleiche wie der, der die Pflanzen anschließend daran hinderte, den gelungenen Ansatz bis zur
Herausbildung von Sehorganen weiterzuentwickeln. Er besteht in der außerordentlich großen,
buchstäblich existentiellen Bedeutung, die das Licht für die Pflanzen hat.
Ihr sehr besonderer, auf der Erde einzigartiger Stoffwechsel macht es den Pflanzen ein für alle Male
unmöglich, mit Licht anders umzugehen, dem Licht eine andere Rolle zuzuweisen als die einer
unentbehrlichen, vitalen Energiequelle. Das hat seine Vorteile. Schließlich brauchen die Pflanzen
ihrer Nahrung nicht hinterherzulaufen, Wo immer die Sonne scheint - Luft, ein Minimum an
Feuchtigkeit und Mineralien vorausgesetzt - werden Pflanzen satt. Diese besondere Beziehung zum
Licht hat es den Pflanzen aber auch unmöglich gemacht, über die von der Sonne kommende
Strahlung für andere Zwecke verfügen zu können.
Wegen des gleichen Sachverhalts konnte jedoch der Startpunkt für die Evolution von Augen nur im
Pflanzenreich liegen. Nur dort, wo dem Licht eine wichtige biologische Rolle zufiel, konnten
Lichtrezeptoren, konnten die ersten primitiven Lichtempfangsorgane entstehen. Nur dort wurde das
Licht ja in den eng begrenzten Satz von Umweltreizen einbezogen, von denen die Zellen sich eben
aus biologischen Gründen nicht verschließen konnten. Dies ist der zweite Grund, aus dem wir es
den Pflanzen verdanken, dass wir Augen haben.
Der Anfang nimmt sich bescheiden aus. Wir kennen ihn, weil es ihn heute noch gibt. Zum Glück für
die Entwicklungsforscher haben nicht alle Arten von den Möglichkeiten Gebrauch gemacht, die die
Evolution ihnen bot. Auch die Entwicklung des Sehvermögens ist durch heute noch lebende Tiere
der unterschiedlichsten Entwicklungshöhe in allen Phasen dokumentiert.
Am Anfang aber steht ein Einzeller, der zu den Pflanzen zu rechnen ist. Ich habe eben begründet,
warum es nicht anders sein konnte. Euglena, wie die Biologen das mikroskopische Gebilde nennen,
trägt im Deutschen zwar den Namen »Augentierchen«. Das ist verständlich, aber falsch.
Verständlich deshalb, weil Euglena zu den Flagellaten zählt und im Wasser frei und aktiv hin und
her schwimmt. Diese lebhafte Beweglichkeit verführte die frühen Beobachter zu der falschen
Annahme, sie hätten ein Tier vor sich.

79
Euglena besitzt jedoch Chloroplasten, jene Organelle, mit deren Hilfe die Pflanzen das Sonnenlicht
anzapfen können. Euglena vermag sich deshalb durch Photosynthese zu ernähren, durch die für
Pflanzen charakteristische Zusammenfügung anorganischer Moleküle zu organischen Bausteinen
mit Hilfe von Lichtenergie. Euglena ist also eine einzellige Pflanze. Wie viele andere pflanzliche
Einzeller verfügt auch sie jedoch über Geißeln und eine entsprechende aktive Beweglichkeit.
Den Namen Augentierchen trägt der mikroskopische Organismus wegen eines winzigen roten
Punktes, der dicht am Vorderende des länglichen Gebildes liegt und auf Anhieb den Eindruck eines
Auges hervorruft. Seltsamerweise handelt es sich tatsächlich um den Bestandteil eines rudimentären
Lichtsinnesorgans. Seltsam deswegen, weil der unbefangene Eindruck, der diese Annahme nahe
legt, ebenfalls falsch ist. Es sieht immer so aus, als ob man Euglena von der einen Seite betrachtet
und dabei ein seitliches Auge sieht. Die Zelle hat aber nur diesen einen roten Punkt. Er ist unpaarig
angelegt. Man sieht ihn nur deshalb aus jeder Richtung, weil das »Augentierchen« so durchsichtig
ist wie Glas (s. Abb. 10). Falsch ist der Eindruck schließlich auch deshalb, weil der rote Fleck selbst
gar nicht der lichtempfindliche Teil des optischen Rezeptors ist, um den es sich hier handelt. Er ist
einfach eine Pigmentansammlung, eine Anhäufung gefärbter und daher undurchsichtiger Körnchen
in dem sonst glasklaren Leib der kleinen Zelle. Er wirft einen Schatten. Das ist alles. Erstaunlich
aber ist, was die Zelle mit diesem Schatten anfängt.
Euglena bewegt sich mit der Hilfe einer kleinen, in ihrem Vorderende - in der Schwimmrichtung
gesehen - steckenden Geißel durchs Wasser. Mal schlägt die Geißel schneller und energisch, dann
wieder mit verringerter Kraft. Mal schlägt sie so, dass die Zelle auf geradem Kurs vorwärtsgetrie-
ben wird, dann wieder so, dass Euglena eine Kurve nach rechts oder links beschreibt. Das alles
sieht, wenn man es im Mikroskop betrachtet, ganz regellos und zufällig aus.
Auch dieser Eindruck ist falsch. Zwar ist der Kurs der Zelle wirr und ohne System. Ganz vom
Zufall allein wird sie jedoch nicht gesteuert. Wer geduldig beobachtet, kann sich davon
Überzeugen, dass Euglena die Tendenz hat, ihre Körperachse möglichst parallel zum einfallenden
Licht auszurichten, so dass das begeißelte Vorderende zum Licht strebt. Das gelingt zwar nur sehr
unvollkommen. Immerhin genügt die bloße Tendenz, um die Zelle auf ihrem scheinbar regellosen
Kurs der Lichtquelle langsam, aber sicher näherkommen zu lassen. Euglena verhält sich »positiv
phototaktisch«, wie der Biologe das nennt. Sie wird »vom Licht angezogen«.
Es liegt auf der Hand, dass diese Eigenschaft oder Fähigkeit für ein Lebewesen, das seine
Stoffwechselenergie aus dem Sonnenlicht bezieht, von großem Vorteil ist. Aber wie bringt die
hirnlose und primitive Zelle das Kunststück eigentlich fertig? Genau hat das bisher noch niemand
herausgefunden. Ein wesentlicher Teil des Rätsels ist nach langen und komplizierten
Untersuchungen inzwischen aber gelöst. Hier zeigt der »Augenfleck«, der nichts tut, als einen
Schatten zu werfen, mit einem Male seine Bedeutung.

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Dieser Schatten nämlich fällt, während die Zelle auf gut Glück umherschwimmt und sich dabei
noch um ihre Längsachse dreht, bei jeder Umdrehung einmal auf die Wurzel der Geißel - so lange
jedenfalls, wie die Zelle nicht schnurstracks auf die Lichtquelle zuschwimmt. Bei jeder Beschattung
aber ändert sich deren Aktivität. Noch hat niemand genau klären können, welcher Art die Änderung
ist und ob es verschiedene Variationen davon gibt. Fest steht jedoch, dass bei Euglena auf diese
äußerst simple Art die Richtung des Lichteinfalls und die Aktivität des Geißelschlags miteinander in
Verbindung gebracht werden. Und fest steht weiter, dass die Lage des roten »Augenflecks« zur
Geißelwurzel in Verbindung mit der Form der ganzen Zelle, der Länge und Schlagrichtung der
Geißel insgesamt das Resultat haben, die Zelle, wenn auch langsam und auf gewaltigen Umwegen,
der Lichtquelle langsam zustreben zu lassen.
Schematische Darstellung des Vorderendes von Euglena mit Geißelwurzel und Augenfleck. Die Geißel steckt in einem kleinen

Trichter im Leib des Einzellers. Eine Verschattung des knotenförmig verdickten unteren Endes der Geißel durch die Pigmentkörner
des Augenflecks bewirkt eine Änderung des Geißelschlags und damit der Schwimmrichtung des winzigen Organismus.

Niemand wird hier schon von einem »Auge« sprechen wollen. So verblüffend zweckmäßig das
Phänomen des Schattenwurfs hier auch genutzt sein mag, mit der Fähigkeit zum Sehen hat das
Ganze gewiss noch nichts zu tun. Für viele mag der Abstand sogar groß genug sein, um sie daran
zweifeln zu lassen, ob die phototaktische Lichtreaktion von Euglena und die kleine, diese Reaktion
bewirkende Apparatur von mir überhaupt mit Recht als evolutionäre Vorstufe sehender Augen
angeführt werden.
Für die Berechtigung dieser Auffassung sprechen aber zwei äußerst interessante Entdeckungen. Mit
der Hilfe verfeinerter spektralanalytischer Verfahren ist es in den vergangenen Jahren an einigen
europäischen und amerikanischen Laboratorien gelungen, der Aufklärung der chemischen Natur des
Augenflecks von Euglena schrittweise näherzukommen. Bei der Winzigkeit des Objekts steht die
endgültige chemische Diagnose zwar noch aus. Die bisher vorliegenden Befunde (Absorptions-
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spektren) machen es jedoch wahrscheinlich, dass die rote Farbe des Flecks durch ein Pigment aus
der Gruppe der sogenannten Carotinoide hervorgerufen wird.
Das aber ist eine wahrhaft aufregende Entdeckung. Von all den unzähligen Verbindungen, die in
Frage gekommen wären, einen Schatten zu werfen - und mehr wird bei Euglena nicht verlangt -,
ausgerechnet diese eine komplizierte Kohlenwasserstoffkette. Aufregend ist das deshalb, weil alle
Sehpigmente der höheren Tiere zu dieser chemischen Gruppe gehören, auch der Sehpurpur in der
Netzhaut unserer Augen. Seine rote Farbe und die des Augenflecks von Euglena haben die gleiche
chemische Ursache! Verblüffender könnte sich der historische Zusammenhang zwischen diesen
beiden extremen Enden der Entwicklung kaum dokumentieren.
Es gibt noch einen zweiten Hinweis. Genaue elektronenmikroskopische Untersuchungen der
lichtempfindlichen Zellen in der menschlichen Netzhaut - der »Stäbchen« und »Zapfen« - haben
einen Aufbau ergeben, dessen Besonderheiten kaum einen anderen Schluss zulassen als den, dass
diese hochspezialisierten Sehzellen von Geißelzellen abstammen müssen. Darauf aber konnte sich
bisher niemand einen Vers machen. Zwar hatten die Biologen Anlässe genug, die Erfindungsgabe
und Phantasie zu bestaunen, mit der die Evolution bei jedem ihrer Schritte das Material, das sie
vorfand, umbaute und für neue Zwecke einsetzte. Da wurden aus Schwimmblasen Lungen und aus
Kiemenöffnungen Gehörgänge gemacht, wenn der Zweck es erforderte. Aber in diesen und allen
anderen bekannten Fällen wusste man wenigstens wie und unter welchen äußeren Bedingungen der
Funktionswechsel zustande gekommen war. Was jedoch eine Geißel, also ein der mechanischen
Fortbewegung dienendes Zellorganell, eine Extremität sozusagen, zum Ausgangspunkt der Entste-
hung einer Sinneszelle - und ausgerechnet einer Sehzelle! - hätte prädestinieren können, das
erschien schlechterdings unerfindlich.
Euglena scheint eine Antwort auch auf dieses Rätsel zu geben, Bei ihr ist eben nicht der Augenfleck
die lichtempfindliche Stelle, sondern das Wurzelende der Geißel. Dieses ist auf dieser primitiven
Stufe gewiss noch kein eigentlicher Lichtrezeptor, sondern eben nur der motorische Antriebsteil für
die aus der Zelloberfläche herausragende Geißel. Aber offensichtlich wird der Chemismus dieses
Antriebsteils durch den Wechsel von Hell zu Dunkel und umgekehrt in seiner Aktivität beeinflusst.
Euglena »benutzt« diesen Einfluss nun zur automatischen, am Licht orientierten Steuerung ihres
Antriebs. Wer hätte bei dem von diesem kleinen Organismus verkörperten Stand der Entwicklung
wohl daran gedacht, wie viele Möglichkeiten in diesem simplen Arrangement von
schattengebendem Pigment und durch Licht beeinflussbarem Chemismus steckten? Die Evolution
aber hat an der einmal gemachten Erfindung unbeirrbar festgehalten. Der Augenfleck bei Euglena
und der menschliche Sehpurpur bestehen aus dem gleichen Stoff. Und die Stäbchen und Zapfen der
menschlichen Netzhaut erinnern in ihrem Aufbau auch heute noch an die Geißel von Euglena.
Deren Wurzel nämlich ist das erste lichtempfindliche Zellorganell gewesen, dessen die Evolution
sich zum Aufbau eines lichtorientierenden Apparats bediente.
82
Ein lichtempfindlicher Teil und ein schattengebendes Pigment, das sind, wie sich im weiteren
Verlauf zeigen sollte, die Elemente, mit denen sich ein Sehorgan aufbauen lässt. Licht allein genügt
dazu keineswegs. Dass ein glühendes Stück Eisen in der hellen Glut eines Kohlefeuers unsichtbar
werden kann, weiß jeder, der einmal einem Schmied bei der Arbeit zugesehen hat. Sichtbar werden
die Dinge erst durch den Kontrast. Nicht ohne Grund ist das Innere unserer Augen durch dichte
Lagen von Pigmenten abgedunkelt. Wäre es in unseren Augen nicht finster, dann könnten wir nichts
sehen.
Ganz haben übrigens auch die höheren Pflanzen nicht auf die Anwendung des Prinzips verzichtet.
Bekanntlich haben die meisten Pflanzen die Fähigkeit, ihre Blätter oder Stiele dem Licht
zuzuwenden. Sie bleiben also zwar an Ort und Stelle, aber ihre Körperteile verhalten sich »positiv
phototrop«. Auch negative Phototropie kommt bei bestimmten Pflanz enteilen vor. Zum Beispiel
bei den Wurzeln. Auf diese Weise gelangen sie auch bei ungünstiger Lagerung eines keimenden
Saatkorns in die Erde.
Besonders raffiniert muten bestimmte Pflanzen mit wechselndem Phototropismus an. So gibt es
zum Beispiel efeuartige Klettergewächse, die während der Blütezeit positiv auf Licht reagieren,
nach dem Ausreifen des Samens aber negativ. Das hat dann die überaus zweckmäßige Folge, dass
die samentragenden Stiele sich jetzt der Mauer zuwenden und die Samen in Ritzen oder Nischen
regelrecht ablegen, an Stellen also, wo sie eine Chance haben, ihrerseits Fuß zu fassen.
Der in Pasadena arbeitende Nobelpreisträger Max Delbrück untersucht diese und andere
Fähigkeiten der Pflanzen, auf äußere Reize zu reagieren, seit über 10 Jahren an einem primitiven,
einzelligen Pilz mit dem Namen Phocomyces. Er hat dabei herausgefunden, dass sein
Versuchsobjekt bei der Lichtreaktion sogar schon von einer Art Linseneffekt Gebrauch macht. Er
hat noch etwas anderes herausgefunden, was in unserem Zusammenhang noch interessanter ist.
Phocomyces benutzt für seine am Licht orientierten Bewegungsreaktionen nur einen scharf
begrenzten Ausschnitt des Spektrums. Nur blaues Licht veranlasst den kleinen Pilz zu
Wachstumsänderungen. Rotem Licht gegenüber ist Phocomyces, wie Delbrück wörtlich schreibt,
»total blind«. Das Versuchsobjekt des Nobelpreisträgers erweist damit seine Verwandtschaft zu den
Pflanzen. Auch diese bedienen sich unterschiedlicher Wellenlängen bei ihren unterschiedlichen
Beziehungen zum Licht. Die langwelligeren Frequenzen, für die Phocomyces blind ist, sind es vor
allem, die von den Pflanzen als Energiequelle benutzt werden. In diesem Bereich des Spektrums,
das gilt also vor allem für rotes Licht, aber auch für einen kleinen Ausschnitt im Bereich des gelben,
ist das Licht für die Pflanzen in erster Linie die ihnen gemäße Energieform, »Betriebsstoff«. Licht
dieser Wellenbereiche hält die Photosynthese in Gang. Phototropische, also am Licht orientierte
Bewegungsreaktionen, werden dagegen durch andere, kurzwelligere Teile des Spektrums bewirkt.
Mir scheint dies eine sehr überzeugende Bestätigung des biologischen Prinzips zu sein, von dem im
letzten Kapitel so ausführlich die Rede war und das besagte, dass die biologische Bedeutung eines
83
Reizes für den eigenen körperlichen Zustand und seine Rolle als mögliche Quelle von
Informationen über die Außenwelt sich gegenseitig ausschließen. Wie unausweichlich die
Alternative in der Tat ist, zeigt diese unterschiedliche Bevorzugung verschiedener Wellenlängen des
Lichts je nach der Funktion, auf die es ankommt. Nur dadurch, dass sie sich zur Energiegewinnung,
auf einen Teil des Spektrums beschränken, haben die Pflanzen, so könnte man sagen, sich noch
einen anderen Wellenbereich des Lichts ausgespart, den sie für orientierende Reaktionen benutzen
können.

Die Entstehungsgeschichte des Auges

Weiter als bis zu derartigen Bewegungsreaktionen haben die Pflanzen es allerdings nicht gebracht.
Was in der Kombination von lichtempfindlichem Element und schattengebender Struktur für
Möglichkeiten steckten, das zeigte sich erst, als die Evolution der Tiere mit diesen Bausteinen zu
spielen begann. Wie die Grundausrüstung aus dem Reich der Pflanzen, in dem sie erfunden worden
war, in das der Tiere gelangte, darüber brauchen wir uns nicht groß den Kopf zu zerbrechen. In
diesen frühen Tagen der Weltherrschaft der Einzeller war die Zugehörigkeit zu dem einen oder
anderen Reich noch unbestimmt und sogar schwankend. Nicht nur einzelne Arten, sogar einzelne
Individuen pendelten noch als »Grenzgänger« zwischen beiden Reichen hin und her 16. Deshalb war
die Verschleppung der Erfindung nur eine Frage der Zeit.
Als das aber geschehen war, da ging es gewissermaßen Schlag auf Schlag. Der erste Schritt dürfte
in einer mehr oder weniger wahllosen Streuung lichtempfindlicher Zellen über die ganze
Körperoberfläche primitiver Mehrzeller bestanden haben. Der Regenwurm liefert dafür heute noch
ein anschauliches Beispiel. Außerdem gibt es bei ihm noch zwei Besonderheiten, eine negative und
eine positive, die nicht ohne Interesse sind.
Die negative Besonderheit besteht darin, dass bei diesem primitiven Wurm die eine Hälfte der von
den Pflanzen so mühelos ererbten Errungenschaft verlorengegangen ist: die Anhäufung
schattenwerfender Pigmentkörnchen. In der Haut des Regenwurms sind die Lichtsinneszellen
gleichsam „nackt“ verstreut. Als Mehrzeller und immerhin schon Besitzer eines Nervensystems
vom Strickleitertyp kann der Wurm sich die Vereinfachung leisten. Sie wird mehr als wettgemacht
durch die zweite Besonderheit. Untersucht man die Verteilung der Lichtsinneszellen in der Haut
eines Regenwurms genauer, dann stellt man fest, dass sie nicht ganz so regellos ist, wie es im ersten
Augenblick scheint. Die Zellen sind am dichtesten am Vorderende des Wurms konzentriert, deutlich
geringer ist ihre Zahl am Hinterende, und die wenigsten Zellen finden sich in den mittleren
Körperregionen.

16
Auch das gibt es heute noch. Euglena selbst ist auch hierfür wieder ein besonders eindrucksvolles Beispiel. Ihre noch gänzlich unverbindliche
Spezialisierung als Pflanze verrät sich, sobald man eine Kultur der Zellen im Dunklen hält. Pflanzen, deren Rolle endgültig festgelegt ist, würden das
auf die Dauer nicht überstehen können. Anders Euglena. Macht man das Experiment mit ihr, so verkümmern die Chloroplasten, in denen die
Photosynthese sich abspielt, und die. Zellen gehen unbeschadet zu einer tierischen (»heterotrophen«) Ernährungsweise über, indem sie ihre
Lebensenergie jetzt durch den Verzehr von Bakterien und anderem organischen Material decken.
84
Die Verteilung hat sich hier also schon der Bewegungsweise des primitiven Organismus angepasst.
Dem Wurm genügt diese Einrichtung zum Überleben. Ihm dienen die Zellen einzig und allein dazu,
dem Licht auszuweichen. Ihm, der kaum mehr ist als ein zu kriechender Fortbewegung befähigtes
Stück Darm, drohen an der freien Oberfläche nicht nur Fressfeinde, sondern der Tod durch
Austrocknung.
Die Konzentration der Sinneszellen am Vorderende bereitete den nächsten großen
Entwicklungsschritt vor. Es bedarf wohl kaum der Begründung, dass Rezeptoren für Reize, die von
der Außenwelt eintreffen, hier am dringendsten benötigt werden. Dass sie dort zusammenrückten,
begünstigte aber ihren zukünftigen Zusammenschluss.
Bevor es dazu kam, wurde auf irgendeiner Entwicklungslinie, die den Regenwurm umgangen haben
muss, das Pigment wieder eingeführt. Jetzt sah das Arrangement im ganzen etwa so aus, wie es sich
uns heute noch bei bestimmten Plattwürmern darbietet (siehe Abbildung). »Augenflecken« gibt es
da nur noch im Kopfbereich. Und diese sind im Prinzip ebenso aufgebaut wie bei Euglena. Die
Konstruktion ist jetzt aber wesentlich verfeinert, den erweiterten Möglichkeiten des Bauens
entsprechend, die einem Vielzeller zu Gebote stehen.
Der wichtigste Vorteil, der eine solche, auf einer Seite in einer Pigmentschale steckende
Lichtsinneszelle auszeichnet, ergibt sich aus der Tatsache, dass sie nur noch auf einer, und zwar der
nicht vom Pigment zugedeckten Seite von Licht getroffen werden kann. Wenn nun mehrere
derartige Zellen symmetrisch rechts und links am Vorderende angebracht und zusammengeschaltet
sind, so erspart das aus unmittelbar einsichtigen Gründen die noch bei Euglena ganz
unvermeidlichen Umwege, wenn es gilt, sich auf eine Lichtquelle auszurichten.
Auch dieses schon deutlich verbesserte Stadium trägt in sich wiederum die Ursachen für den
nächsten Schritt. Es leuchtet ein, dass so hoch spezialisierte Zellen wie Lichtrezeptoren verletzlicher
sind und auch weniger einfach zu ersetzen als beispielsweise Hautzellen. Außerdem können sich
diese Sinneszellen zu ihrem Schutz nicht ohne Beeinträchtigung ihrer Leistungsfähigkeit einfach
mit einer derberen Oberfläche überziehen.

Strudelwurm (Planarie) mit zwei im Vorderende gelegenen Pigmentbecheraugen, deren jedes bis zu 1.000 Lichtsinneszellen enthalten
kann.

Gleichzeitig ist unbestreitbar, dass diese Zellen gerade am Vorderende zwar am dringendsten
gebraucht, aber auch am ehesten durch Verletzungen gefährdet sind. Gerade hier kommt es bei der
Fortbewegung unvermeidlich immer wieder zu Zusammenstößen mit der Außenwelt.
85
Wo ist ein Ausweg? Wieder braucht man nur einen Blick auf eine ein wenig weiter entwickelte
Tierart zu werfen, um zu sehen, wie es weitergegangen ist. Die Lösung des Problems bestand darin,
dass die lichtempfindlichen Zellen zusammenrückten und dass die Stelle der Oberfläche, an der sie
nunmehr konzentriert waren, sich einsenkte (hierzu und zum folgenden siehe Abb. auf S. 88). Die
Funktion wurde davon in keiner Weise beeinträchtigt. Aber mechanische Verletzungen wurden
immer unwahrscheinlicher, je tiefer der Boden des entstehenden Augenbechers einsank.
Es stellte sich überdies heraus, dass die Funktion dadurch nicht nur keinen Schaden litt, sondern
sogar noch gewann. Niemand hatte es vorhersehen können, und niemanden auch gab es, der das
Ergebnis etwa gezielt hätte ansteuern können. Es ist charakteristisch für die Evolution, dass sie ohne
einen solchen Plan auskommen muss. Und gerade die Geschichte der Entwicklung des Lichtsinns
liefert besonders lehrreiche und eindrucksvolle Beispiele dafür, wie großartig sie ohne ihn
auskommen kann.
Der unvorhersehbare, zugleich aber auch unausbleibliche Vorteil ergab sich in diesem Falle einfach
aus den geometrischen Eigenschaften des Bechers, der entstanden war. Je tiefer er wurde, um so
präziser musste ein Lichtstrahl in der Richtung seiner Mittelachse einfallen, wenn nicht an einer der
Seitenwände ein Schatten entstehen sollte. Geringe Abweichungen von dieser Einfallslinie führen
gesetzmäßig zu einer Verdunklung der Wandabschnitte, die der Lichtquelle näher liegen.
Damit aber war erstmals ein Lichtrezeptor entstanden, der mehr konnte als nur zu melden, ob es
hell oder dunkel war. Das »Becherauge« etwa einer Schnecke meldet auch Bewegungen, und zwar
nicht nur deren Richtung, sondern auch deren Geschwindigkeit. Eine bewegliche Lichtquelle
erzeugt einen im Becher wandernden Schatten. Dabei werden die hier sitzenden Sinneszellen eine
nach der anderen gereizt. Die zeitliche Abfolge dieser Reizung und ihre Richtung im Auge bilden
die Messwerte, die an das Schlundganglion des Strickleiternervensystems gemeldet werden und das
Verhalten der Schnecke steuern.
Der Rest der Geschichte ist rasch erzählt. Auch hier war es bei jedem Schritt bemerkenswerterweise
so, dass die bloße Fortführung der einmal eingeschlagenen Entwicklungstendenz immer wieder
gänzlich neue physikalisch-optische Möglichkeiten eintreten ließ. Unvorhersehbar kam es so als
Folge allmählicher Veränderungen zu sprunghaft auftretenden Fortschritten.
Wir haben keine Möglichkeit, zu entscheiden, woran das lag. Ob es bloßer Zufall war, was heißen
würde, dass die Zahl der ungenutzten - und uns unvorstellbaren - möglichen Fortsetzungen in jedem
Augenblick groß genug war, um die Entwicklung nicht abreißen zu lassen. Oder ob es - ketzerischer
Gedanke! - vielleicht doch eine uns heute noch unbekannte Gesetzlichkeit gibt, die dazu beitrug,
dass die Entwicklung nicht vom schmalen Pfad der existierenden Möglichkeiten abirrte.
Wie dem auch sei, jedenfalls begann die Öffnung des Augenbechers sich im Verlaufe der folgenden
Jahrmillionen langsam zu verengen. Der Grund war klar: je kleiner die Öffnung wurde und um so

86
tiefer der Becher, um so präziser ließ sich die Richtung bestimmen, aus der das Licht einfiel. Kein
anderer Faktor war, wie es scheint, am Werke.
Konsequente Selektion durch die Umwelt las aus den Besitzern von Augenbechern Generation für
Generation die Individuen aus, bei denen die Einfallsöffnung besonders eng geworden war. Eine
überdurchschnittlich zuverlässige Orientierung am Licht erleichterte ihnen das Überleben. Sie vor
allem waren es daher auch, von denen die Individuen der folgenden Generation jeweils
abstammten. So ging es weiter, über uns endlos erscheinende Zeiträume hinweg. Die Öffnung
wurde immer enger. Der Becher formte sich zur Hohlkugel. So entstand der nächste Augentyp, das
»Lochauge« des Nautilus (siehe Abb. auf S. 88). Von einem neuen Typ zu sprechen, ist man vor
allem deshalb berechtigt, weil dieses »Lochauge«, das Ergebnis einer stufenlosen Weiterentwick-
lung bestehender Tendenzen, in seiner Funktion eine übergangslos auftretende Neuerung darstellt.
Die allmähliche quantitative Abwandlung der Form hat hier zu dem qualitativen Sprung einer total
neuartigen Verarbeitung von Licht geführt: Erstmals bildet die Außenwelt sich im buchstäblichen
Sinne ab.

Schematische Darstellung der Augenentwicklung. Die Aufdeckung der Entstehungsgeschichte des komplizierten Wirbeltierauges
stellt einen der Überzeugendsten Belege für die Fruchtbarkeit der Darwinschen Entwicklungslehre dar. Einzelheiten im Text.

Die Gesetze der Physik - von denen die Evolution doch nichts wissen konnte - brachten es mit sich,
dass in der durch eine Pigmentschicht verdunkelten Hohlkugel die Bedingungen einer Camera
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obscura entstanden waren. Die kleine Öffnung an der Vorderseite sonderte aus dem eintreffenden
Licht Strahlenbündel aus, die das, was es vor dem Auge in der Welt an hellen und dunklen Stellen
gab, unter Beibehaltung seiner Anordnung auf die Rückwand projizierten.
So verblüffend der Sprung zu einer abbildenden Funktion des Lichtempfindungsapparats aber auch
war - wer hätte ihn schon vorhersagen können? -, die nächste, scheinbar endgültige Sackgasse
schien wieder einmal bevorzustehen. Die Eigenschaften einer Camera obscura nämlich und damit
auch die des Lochauges schließen ein unaufhebbares Dilemma ein. Die Abbilder, die ein so
gebautes Auge entwirft, sind entweder nur unscharfe Schemen oder so dunkel, dass sie kaum zu
erkennen sind.
Jeder kann den Grund dafür selbst nachprüfen. Das Prinzip des Lochauges ist so einfach, dass dazu
ein möglichst würfelförmiger Karton genügt. Wenn man die Rückwand durch ein Blatt Pauspapier
als »Mattscheibe« ersetzt und in die Vorderwand ein kleines Loch schneidet, beginnt die Camera
obscura bereits zu funktionieren. Und jetzt hat man die Wahl: Wenn man ein ausreichend helles Bild
haben will, muss man das Loch, durch das das Licht eintritt, vergrößern. Dann aber verschwimmt
das Bild auf der Mattscheibe sofort zu unerkennbarer Unschärfe. Das lässt sich leicht beheben, je
mehr man das Loch wieder verkleinert, um so schärfer wird das projizierte Bild. Längst bevor die
Schärfe befriedigend ist, hat man dann aber einen Punkt erreicht, an dem durch das jetzt schon sehr
kleine Loch nur noch so wenig Licht einfallen kann, dass das Bild fast nicht mehr zu erkennen ist.
Vor dem gleichen Dilemma stand die Natur, als sie das Lochauge erfunden hatte. Die geniale und
überraschende Erfindung eines abbildenden Auges, die sich aus der ganz anderen Ursachen
folgenden Weiterentwicklung einer Zusammenballung lichtempfindlicher Zellen am vorderen
Körperende ergeben hatte, schien im Ansatz stecken bleiben zu müssen. Denn wie sollte das Auge
der Paradoxie der einander widersprechenden Forderungen nach Helligkeit und ausreichender
Bildschärfe jemals entrinnen können? Wir wissen, wenn wir die Gesetze der Optik noch in
Erinnerung haben, dass die Lösung in der Einführung einer Linse besteht. Dann kann das Loch groß
genug sein für ein lichtstarkes Bild, und dieses ist dennoch scharf. Aber die Evolution ist ja kein
Physiker.
Wieder kam die einzig mögliche Lösung auf einem Weg zustande, der ganz andere Ursachen hatte.
Das durch die Vorteile einer Verbesserung des Richtungssehens herausgezüchtete Lochauge hatte
nämlich den ursprünglichen Zweck der Einstülpung des Augenbechers, die Verringerung der
Verletzungsgefahr, wieder zunichte gemacht. Die für die Verbesserung der Funktion so vorteilhafte
Verengung der Einfallsöffnung führte immer häufiger zu deren Verstopfung durch Fremdkörper.
Nautilus könnte ein Lied davon singen.
Aus diesem ganz äußerlichen, eigentlich nur mechanischen Grund wurden von der Selektion jetzt
Mutanten begünstigt, bei denen das Loch des Lochauges vom Rand her durch eine Fortsetzung der

88
Körperhaut verschlossen wurde. Natürlich nur dann, wenn das Häutchen sehr dünn und pigmentarm
war, so dass es immer noch Licht hindurchließ.
Trotzdem muss an diesem Punkt die Funktion des Lochauges vorübergehend beeinträchtigt
gewesen sein. Dass ein solcher häutiger Verschluss in seinen Anfangsstadien den Camera
obscura-Effekt nicht herabgemindert haben sollte, ist nicht vorstellbar. Die Verschlechterung der
Funktion wurde offensichtlich aber wettgemacht durch den Schutz des bis dahin so anfälligen
Auges. Die Vorteile für die Besitzer »geschlossener Lochaugen« müssen sogar von Anfang an
überwogen haben, sonst wäre die Entwicklung an dieser Stelle unweigerlich abgebrochen.
Damit aber trieb die Evolution ein weiteres Mal aus einer im Grunde gänzlich sachfremden Ursache
auf einen Sprung nach vorn zu. Als der heutige Verschlussdeckel erst einmal existierte, bekamen
individuelle Varianten und Mutationen einerseits und die richtende Kraft der Selektion andererseits
die Gelegenheit, ihn - nun wieder ausschließlich im Dienst einer Verbesserung der Funktion - zu
einer Linse weiterzuentwickeln, die das Auge aus seiner paradoxen Situation befreite.
Damit wären wir bei dem Augentyp angekommen, mit dem wir selbst ausgestattet sind. Es scheint
folglich, als könnten wir dieses Thema abschließen. Nichts jedoch wäre voreiliger. Denn die
Evolution der Anatomie, die Geschichte der Entstehung des Organs, ist es ja gar nicht, was uns in
erster Linie interessiert. Dieser rote Faden wurde hier aus zwei ganz anderen Gründen gespannt:
Auch im Falle der Augen ist das konkret vorliegende Produkt der Entwicklung in jeder Hinsicht
leichter zu fassen. Es vermittelt wegen des unbestreitbaren Zusammenhangs zwischen Form und
Funktion immerhin auch schon einen ersten Eindruck von der Leistung, die das Werkzeug erfüllt.
Die Erleichterung der Übersicht in einem schwierigen Gebiet, das also war der eine Grund dafür,
dass hier die Entstehung des Organs vorangestellt wurde, obwohl die Entwicklung der Funktion für
unseren Gedankengang eigentlich wichtiger ist. Notwendig aber war diese Betrachtung der
Geschichte des Auges deshalb, weil nur sie uns die Einsicht verschaffen konnte, wie überraschend
klein der Anteil ist, den in dieser Geschichte das einnimmt, was wir »Sehen« nennen.
Zwischen dem Augenfleck von Euglena und unserem optischen Welterleben liegen - mindestens - 3
Milliarden Jahre. Von diesem gewaltigen Zeitraum vergingen mehr als 2 ½ Milliarden Jahre bis zur
Entstehung des ersten, dem unseren verwandten Linsenauges. Die noch rudimentäre Ausbildung des
Großhirns seiner ersten Besitzer machte aber ein »Sehen« in dem von uns heute gemeinten Sinn
ganz sicher noch nicht möglich. Ich behaupte, dass die Art des Welterlebens, die wir mit diesem
Wort meinen, auf dieser Erde erst seit etwa 30 Millionen Jahren verwirklicht ist.
Allerhöchstens ein Zehntel also und aller Wahrscheinlichkeit nach sogar nur ein Hundertstel der
Zeit, die während der ereignisreichen und immer wieder revolutionierenden Entwicklung vom
Augenfleck der Einzeller bis zu unserem Sehorgan verfloss, hat mit dem etwas zu tun gehabt, was

89
wir »Sehen« nennen 17. Damit aber erhebt sich die Frage, wozu Augen denn geschaffen wurden,
wenn »Sehen« gar nicht das ursprüngliche Funktionsziel gewesen ist.

17
Natürlich kann man sich hier in lange Diskussionen darüber stürzen, was denn unter »Sehen« zu verstehen sei, und, je nach dem Ergebnis, dann
auch ganz andere Zeiträume zugrunde legen. Das wäre aber nichts als ein Streit um Worte. Ich will mich hier auch keineswegs an bestimmte Zahlen
klammern, deren genaue Bestimmung in diesem Falle weder möglich noch wichtig ist. Worauf es allein ankommt, ist die Tatsache, dass zwischen
dem, was wir »Sehen« nennen, und den Funktionen, um die es während des weitaus längsten Teils der Entwicklung von Lichtsinnesorganen gegangen
ist, ein grundsätzlicher Unterschied besteht.
90
9. Augen, die nicht sehen

Astronauten sehen mehr

Die Vorstellungen, die wir mit den Begriffen Auge und Sehen verbinden, sind aus lebenslanger und
unentrinnbarer Gewohnheit so sehr von dem uns allein bekannten optischen Erleben der Welt
geprägt, dass man es einmal deutlich und provozierend aussprechen muss: Allerhöchstens 10, bei
genauer Betrachtung jedoch wahrscheinlich nur ganze 1 Prozent der gesamten Zeit, in der die
Evolution sich um die Entwicklung und die Verbesserung der Aufnahme und Verarbeitung optischer
Reize bemüht hat, entfallen auf das, was wir Sehen nennen. Mehr als 90 Prozent dieser
Entwicklung waren bereits verstrichen, bevor die Evolution den Sprung von der biologischen auf
die psychische Ebene tat.
Bis dahin ist die Geschichte des Auges biologischer Natur. Das Sehen als bewusstes optisches
Erleben ist aus dieser Entwicklung ganz zuletzt genau so unvorhersehbar und unbeabsichtigt
hervorgegangen wie das Lochauge mit seinem Camera obscura-Effekt aus dem Becherauge. Wie in
allen vorangegangenen Fällen auch waren es aus biologischer Notwendigkeit erzwungene
Verbesserungen, die Konstellationen mit qualitativ neuartigen Möglichkeiten entstehen ließen.
Der Sprung von der Hell-dunkel-Unterscheidung zur optischen Richtungsorientierung oder der von
der Funktion des Becherauges zu der des Lochauges ist um nichts weniger übergangslos erfolgt und
in seiner Natur als qualitativer Sprung um nichts weniger rätselhaft als der nach fast 3
Jahrmilliarden langem Anlauf erfolgte Sprung des optischen Sinns auf eine psychische Ebene.
Soweit das überhaupt möglich ist, müssen wir daher versuchen, zu verstehen, welche Konstellation
diesen Sprung auslöste. Zur Vorbereitung dieses Verständnisses wollen wir in diesem Kapitel
zunächst näher betrachten, wie weit die Evolution die Entwicklung unterhalb der
Bewusstseinsebene getrieben hat.
Wir bekommen das Ende dieses Fadens am leichtesten in die Hand, wenn wir versuchen uns
klarzumachen, welchem Zweck ein Linsenauge eigentlich dienen kann, wenn auch dieser Augentyp
- und das war die Behauptung - ursprünglich nicht der Abbildung der Welt in der uns
selbstverständlich erscheinenden Weise gedient hat. Es ist schwer, aus der eigenen Haut zu
schlüpfen. Es bedarf einer gewissen geistigen Anstrengung und Phantasie, um einsehen zu können,
dass nicht jeder Besitzer eines Linsenauges die Welt so sieht wie wir. Da sich Gewohnheiten des
Denkens leichter überwinden lassen, wenn man sie nicht frontal auf die Hörner nimmt, sondern
listig umgeht, will ich an dieser Stelle wieder einen Umweg einschlagen.
Dass der Gedankensprung, der hier erfolgt, an einer Erfahrung der ersten Astronauten anknüpft, hat
keine modischen Gründe. Aber es ist wohl kein Zufall, dass wir auf bestimmte Eigentümlichkeiten
unseres Erlebens erst in einer vom Gewohnten möglichst weit abweichenden Situation aufmerksam
werden.
91
Vor etwa 10 Jahren sahen sich die Piloten der ersten Gemini-Raumkapseln nach ihren erfolgreichen
Erdumkreisungen dem Verdacht ausgesetzt, über ihre Beobachtungen unkritisch zu berichten.
Vorübergehend wurde sogar die Frage diskutiert, ob bei ihnen unter der Belastung der Flüge und
durch die unnatürliche Situation der Schwerelosigkeit womöglich Halluzinationen ausgelöst worden
sein könnten. Der Grund dieser Zweifel bestand darin, dass die Männer mehr gesehen zu haben
behaupteten, als zu sehen ihnen theoretisch möglich gewesen sein konnte. So erzählten sie nach
ihren Flügen von bestimmten Objekten, Schiffen oder großen Lastwagen, die sie während des
Fluges noch als kleine Punkte auf der Erdoberfläche hätten erkennen können.
Das aber wollte ihnen niemand glauben. Das Auflösungsvermögen des menschlichen Auges beträgt
unter günstigen Umständen nämlich nur etwa 1 Bogenminute. Das heißt, dass wir bei optimaler
Beleuchtung und dem Ausschluss - oder Ausgleich - jeden Brechungsfehlers aus 5 Meter
Entfernung 2 Punkte dann noch als voneinander getrennt erkennen können, wenn zwischen ihnen
ein Abstand von mindestens 1,5 Millimetern besteht. Das ist dann aber schon eine hervorragende
Leistung. Alle Gegenstände oder Distanzen, die kleiner sind, verschwinden für uns im »Korn«
unserer Netzhaut, im dann für eine Abbildung zu grob werdenden Raster der Zapfen, die an der
Stelle des schärfsten Sehens die lichtempfindlichen Elemente der Netzhaut bilden.
Als man die Behauptungen Glenns und seiner Nachfolger unter diesem Gesichtspunkt überprüfte,
ergab sich, dass die scheinbare Größe der von ihnen angeblich gesehenen Objekte mit Sicherheit
unterhalb des genannten Wertes lag. Man wusste, wie groß Schiffe oder Lastzüge waren, und man
kannte die Entfernung, aus der die Astronauten sie gesehen zu haben behaupteten: aus einer
Umlaufbahn in mehr als 150 Kilometer Höhe. Das aber war unmöglich, wie die zugezogenen
Experten bestätigten.
Trotzdem wiederholte sich das Unmögliche bei den anschließenden Flügen. Und als man daraufhin
den Piloten Beobachtungsaufgaben stellte, die eine Kontrolle ihrer Angaben ermöglichten - sie
mussten unter anderem bestimmte künstliche Bodenmarkierungen entdecken -, da zeigte sich, dass
die Männer die Wahrheit sagten. Das Auflösungsvermögen ihrer Augen schien deutlich größer zu
sein als das ihrer Mitmenschen.
Das galt allerdings nur für die Zeit, in der sie schwerelos über der Erdoberfläche schwebten. Wenn
man sie auf dem festen Boden untersuchte, waren die Werte normal. Es musste also irgendeinen
Faktor geben, der nur während des Fluges wirksam wurde und der in der Lage war, die Sehschärfe
eines Menschen zu erhöhen. Es war schwer, sich einen solchen Faktor vorzustellen. Denn das
Auflösungsvermögen der Netzhaut hängt von deren »Raster« ab, der Größe und dem gegenseitigen
Abstand der Zäpfchen also. Diese aber bilden ein anatomisch festliegendes Muster. Welcher
Einfluss hätte es verändern können?
So rätselhaft das Phänomen im ersten Augenblick auch zu sein schien, die wahrscheinliche
Erklärung war bald gefunden. Man brauchte sich nur an bestimmte Entdeckungen der
92
Wahrnehmungsphysiologen zu erinnern, Entdeckungen, die längst bewiesen hatten, dass das Auge
keineswegs wie ein Photoapparat funktioniert. Zum Teil stimmte der Vergleich zwar:
Verschlussöffnung, Linse und Bildprojektion funktionierten wie bei einer Kamera. Die Netzhaut
aber hatte mit einem Film nicht mehr die geringste Ähnlichkeit. Das zeigte sich am deutlichsten, als
sich beweisen ließ, dass die Netzhaut nur funktioniert, solange sie ständig in Bewegung ist.
Während bei einem Film völlige Bewegungslosigkeit eine unbedingte Voraussetzung zur
Entstehung scharfer Bilder ist, stellt die Netzhaut unter den gleichen Bedingungen innerhalb von
Sekunden ihre Funktion ein. Dieses gänzlich unerwartete Resultat wurde durch einen in der Sache
harmlosen, im Ergebnis allerdings dramatisch verlaufenden Versuch bewiesen. Augenärzte hatten
ihn angestellt, nachdem sie entdeckt hatten, dass unsere Augen ständig sehr feine und schnelle
Zitterbewegungen - etwa 50 pro Sekunde - ausführen 18.
Wir merken davon überhaupt nichts. Die Bewegungen erfolgen auch so schnell, dass man sie ohne
spezielle Untersuchungstechniken nicht sehen kann. Natürlich hatte man sich sofort gefragt, worin
wohl der Zweck dieses Augenzitterns bestehen könne. Um das herauszufinden, bedienten sich die
Wissenschaftler eines für derartige Fragestellungen charakteristischen »Ausschaltversuchs«, Bei
dieser Methode wird die Funktion, deren Zweck aufgeklärt werden soll, auf irgendeine Weise außer
Kraft gesetzt. An den Folgen des Ausfalls kann man dann, wenn man Glück hat, erkennen, welche
Aufgabe sie normalerweise erfüllt.
Zur Ausschaltung des ultrafeinen Augenzitterns bediente man sich einer ebenso einfachen wie
ingeniösen Technik. Auf die anästhesierte Hornhaut einer Versuchsperson wurde eine Kontaktlinse
gesetzt, die an einem seitlich abstehenden Halter einen kleinen, sehr exakt geschliffenen Spiegel
trug. Das andere Auge wurde zugebunden. Nachdem der Versuchsraum abgedunkelt war, projizierte
man ein Farbdia auf den kleinen Spiegel. Der warf das Bild auf eine vor der Versuchsperson
stehende Leinwand, so dass diese das Dia jetzt betrachten konnte.

Schematische Darstellung der im Text beschriebenen Versuchsanordnung. Die Kontaktschale auf der anästhetisierten Hornhaut trägt
einen winzigen Spiegel, der das Bild eines Projektionsapparats auf eine Wand vor dem Auge wirft, das so alle Augenbewegungen
mitmacht.

18
Dieser physiologische Augentremor ist mit einer Frequenz von ca. 50 Hz und Ausschlägen von höchstens einer Bogenminute zu schnell und zu fein,
um ohne besondere Beobachtungstechniken gesehen werden zu können. Er hat mit dem deutlich sichtbaren, sehr viel gröberen Augenzittern
(»Nystagmus«), das bei bestimmten Krankheiten, gelegentlich aber auch als harmlose angeborene Anomalie auftreten kann, nichts zu tun.
93
Dazu hatte sie bemerkenswerterweise allerdings nur wenige Sekunden Gelegenheit. Dann meldete
die Versuchsperson verblüfft, dass das Bild immer blasser zu werden beginne. Nach etwa einer
halben Minute sah sie überhaupt nichts mehr. Ihr Auge war praktisch erblindet. Sobald man das
Licht wieder anknipste oder das Dia direkt vorführte, ohne den Umweg über den kleinen, am Auge
befestigten Spiegel, war der Effekt wieder verschwunden, und das Auge funktionierte so normal
wie zuvor.
Was war geschehen? Die Analyse zeigte, dass es sich um einen Gewöhnungseffekt handelte. So wie
eine Tast- oder Riechsinneszelle, so ermüden selbstverständlich auch die Zapfen und Stäbchen der
Netzhaut. Und da diese Lichtsinneszellen besonders hoch spezialisiert sind, erschöpft sich ihre
Leistungsfähigkeit bei gleichbleibender Reizsituation außerordentlich rasch 19.
Der durch die Kontaktlinse fest mit der Hornhaut verbundene Spiegel aber führt das projizierte Bild
bei dem geschilderten Versuch natürlich in jedem Augenblick immer exakt synchron mit allen
Bewegungen des Augapfels hin und her. Damit hebt der Spiegel aber auch den Effekt des
Augenzitterns auf. Während des ganzen Versuchs fällt jeder Punkt des Bildes exakt immer auf die
gleiche Zelle der Netzhaut. Das unvermeidliche Resultat: Alle vom Abbild getroffenen
Netzhautzellen stellen ihre elektrische Aktivität als Folge von »Gewöhnung« ein. Die zum Sehnerv
führenden Zellfortsätze erhalten keine Impulse mehr. Das Auge ist so lange blind, bis eine
Änderung der Reizkonstellation eintritt.
Jetzt wusste man, welchem Zweck das zunächst so unerklärliche Augenzittern dient. Es stellt einen
kunstvollen Regelungstrick dar, mit dem die nervöse Zentrale unseres Gehirns, die für die
entsprechenden Steuerkommandos an die Augenmuskeln verantwortlich ist, die Möglichkeit einer
unverändert bleibenden Reizkonstellation auf der Netzhaut verhindert. Das Zittern genügt, um das
Abbild auf der Netzhaut so schnell von einer zur benachbarten Sinneszelle hin und her springen zu
lassen, dass keine Gewöhnung eintreten kann.
Die merkwürdige Verbesserung der Sehschärfe bei den Astronauten kommt unter diesen Umständen
wahrscheinlich dadurch zustande, dass dieses Augenzittern im Zustand der Schwerelosigkeit in
seinem Ausmaß und seiner Schnelligkeit zunimmt. Denn während die Stärke der Augenmuskeln in
der Umlaufbahn gleich bleibt und ebenso unverändert die vom Gehirn kommenden
Steuerkommandos, ist der Augapfel dort schwerelos geworden. Das aber heißt, dass seine
»Reibung« in der Augenhöhle um den entsprechenden Teilbetrag geringer ist. Weitere Ausschläge -
das ist gleichbedeutend mit der Einbeziehung von mehr Netzhautzellen bei der Registrierung des
auf den Augenhintergrund fallenden Bildes. Offenbar wirkt sich das förderlich auf die Sehschärfe
aus. Man kann die so überraschend große Ermüdbarkeit der Netzhaut bei identischer Reizsituation

19
Das ist, wie ich gern zugebe, wieder eine stark vergröbernde Vereinfachung. Genauer genommen müsste man bei der Erklärung von den
vorwiegend auf zeitliche Veränderungen ansprechenden rezeptiven Feldern ausgehen, die in den letzten Jahren auch in der Säugetiernetzhaut entdeckt
worden sind. Diese Felder werden in einem etwas anderen Zusammenhang auch noch zur Sprache kommen.
94
noch durch ein anderes Experiment eindrucksvoll nachweisen. Seine Durchführung ist zwar für die
Versuchspersonen sehr viel unangenehmer. Dafür ist das Resultat aber noch aufschlussreicher, weil
der Versuch bei normalem Tageslicht angesichts der natürlichen Umgebung durchgeführt werden
kann. Die Wissenschaftler spritzen sich dabei gegenseitig Novocain in die Augenmuskeln - eine
zwar ungefährliche, aber doch recht unangenehme Prozedur.
Danach sind die Augenmuskeln für einige Stunden gelähmt. Der Augapfel ist folglich total
unbeweglich. Auch das feine Augenzittern mit der Frequenz von 50 Hertz hat aufgehört. Wenn man
nun noch den Kopf der Versuchsperson durch ein Gestell fixiert, kommt es in kürzester Zeit
ebenfalls zur vorübergehenden »Erblindung« des stillgelegten Auges jetzt aber, vor der natürlichen
Kulisse, mit einer dramatischen Änderung des Resultats.
Was bei dem Versuch provoziert wird, ist ja nicht eine wirkliche Erblindung. In der experimentell
herbeigeführten Situation stellen lediglich die Netzhautteile ihre Funktion ein, die über längere Zeit
hinweg von ein und demselben identischen Reiz getroffen werden. Das gilt aber natürlich nicht für
die Abbilder all dessen, was sich vor dem Auge bewegt. Auch wenn der Augapfel fixiert ist, führt
eine Eigenbewegung des Abgebildeten selbstverständlich zu einem Wandern des zugehörigen
Netzhautbildes und damit zu einem raschen Wechsel der jeweils gereizten Lichtsinneszellen.
Aus dem hellen Nebel, den die Versuchsperson bei dem Experiment nur noch sieht, tauchen daher
jetzt abrupt immer wieder bewegte Dinge und Gestalten auf: ein Vogel, der plötzlich durch das
Gesichtsfeld fliegt, ein Blatt, das sich im Winde bewegt, eine Hand, die vor dem Auge gestikuliert.
Sehr schwer zu erkennen, all dies, losgelöst aus dem Zusammenhang und in der Plötzlichkeit seines
Auftretens und Verschwindens eher erschreckend als informierend.
Wenn man sich in die Situation der Versuchsperson hineindenkt, dann geht einem blitzartig eine
Ahnung auf von der Art und Weise, in der die meisten Besitzer von Linsenaugen ihre Umwelt sehen
dürften. Auch noch die meisten höheren Wirbeltiere. Sie sehen »die Welt« überhaupt nicht. Was sie
sehen, das ist eine Auswahl von all dem, was vor ihren Augen liegt.
Eine Auswahl, die wiederum von dem uns jetzt schon geläufigen Prinzip diktiert wurde, dem
Organismus nur die Daten aus der Außenwelt zu vermitteln, die für seine biologische
Weiterexistenz möglicherweise bedeutsam sind.
Es bedarf kaum einer Erläuterung, worin sich bewegte von unbewegten Dingen unter diesem
Aspekt unterscheiden. Die Selektion hatte Jahrmilliarden lang Zeit, allen lebenden Organismen
beizubringen, dass es ratsam ist, alles, was sich in der eigenen Umgebung bewegt, als potentiellen
Feind oder potentielle Beute zu betrachten. Dass es daher ungemein zweckmäßig ist, wenn das
Linsenauge bewegte Dinge vor dem relativ unwichtigeren Hintergrund einer unbewegten Kulisse
isoliert, ist offensichtlich.
Der Kreis schließt sich in dem Augenblick, in dem einem aufzugehen beginnt, dass diese Art des
»Bewegungssehens« die ursprüngliche, primäre Aufgabe des Linsenauges gewesen sein muss und
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nicht die bei uns Menschen realisierte Abbildungsfunktion. Wie bei allen anderen vergleichbaren
Gelegenheiten, so schließen wir auch hier allzu rasch und kritiklos von der eigenen Situation auf die
anderer Lebewesen. Und außerdem entfaltet hier die aufdringliche Analogie zum Photoapparat eine
verheerende Wirkung.
Diesen Missverständnissen und diesen durch gedankenlose Übertragung des eigenen Standpunkts
bewirkten Vorurteilen ist selbstredend auch ein Wissenschaftler ausgesetzt. Deshalb ist die
Entdeckung einer nicht-abbildenden Funktion des Linsenauges, eben weil sie uns so ungewohnt und
befremdlich erscheint, auch erst neueren Datums. Naturwissenschaft kann man wesentlich
definieren, indem man sie als eine Tätigkeit beschreibt, bei der sich der Mensch durch die
Anwendung objektivierender, experimenteller Methoden Schritt für Schritt von der ihm von der
Evolution angezüchteten anthropozentrischen Weltsicht zu befreien versucht.
Das erste war die Feststellung, dass das physiologische Augenzittern von etwa 50 Hz nur bei den
Augen der Säugetiere zu beobachten ist. Weder bei den Fischen noch bei den Amphibien, Reptilien
oder Vögeln tritt es auf. Offenbar handelt es sich bei dem Phänomen also um einen ausgespro-
chenen Späterwerb, den Ausdruck einer besonders weit fortgeschrittenen Spezialisierung.
Aber dürfen wir aus dieser Tatsache wirklich folgern, dass demnach also die überwiegende
Mehrzahl aller Wirbeltiere ihre mit einer Linse ausgerüsteten Augen noch gar nicht zur Abbildung
ihrer Umwelt, also nicht zum Sehen in dem uns geläufigen Sinne benutzen? Beweisen lässt sich das
zwar bis heute noch nicht. Auch auf diesem Gebiet übersteigen die Lücken unseres Wissens noch
bei weitem den Bereich, den wir schon übersehen. Das aber, was bisher bekannt und erforscht ist,
spricht überzeugend für diese Vermutung.

Was denn, wenn kein »Bild«?

Es begann mit Untersuchungen, die der amerikanische Physiologe Lettvin mit seinen Mitarbeitern
Ende der 60er Jahre am Froschauge durchführte. Die Forscher verfügten über eine Technik, die es
ihnen erlaubte, die von der Netzhaut des Tiers ausgehenden elektrischen Impulse, das sogenannte
Elektroretinogramm, aufzuzeichnen. Sie zeigten ihren Fröschen unterschiedliche optische Muster in
wechselnden Anordnungen und Bewegungszuständen und beobachteten, welche elektrischen
Signale deren Abbilder auf der Netzhaut auslösten.
Das Ergebnis war gänzlich unerwartet und höchst bemerkenswert. Zunächst einmal stellte sich
heraus, dass das Prinzip einer Punkt-für-Punkt-Wiedergabe des auf die Netzhaut projizierten Bildes,
wie sie als Voraussetzung von dessen »Weiterleitung« an das Gehirn erwartet worden war,
überhaupt nicht existierte. »Was das Froschauge dem Gehirn des Froschs erzählt« (so formuliert es
wörtlich der humorvolle Titel der berühmt gewordenen Originalarbeit), ist etwas ganz anderes.
Lettvin und seine Kollegen konnten 5 verschiedene »Klassen« von Meldungen unterscheiden. Was
auch immer sich auf der Netzhaut des Froschauges abbildete, registriert wurde davon nur, was in

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das enge Korsett dieser 5 Meldungstypen hineinpasste. Eine lebhafte elektrische Signaltätigkeit
registrierten die Forscher etwa dann, wenn im Gesichtsfeld des Tieres eine ausgeprägte
Kontrastgrenze hell-dunkel vorhanden war, ob bewegt oder nicht.
Vielleicht darf man vermuten, dass dem unter natürlichen Verhältnissen die Fähigkeit zum
Erkennen des Horizonts, der Trennungslinie zwischen Erde und Himmel, entspricht. Deren Lage
und Verlagerung fällt bei eigenen Bewegungen zweifellos eine eminente Orientierungsrolle zu.
Mehr als eine Vermutung kann das aber natürlich nicht sein. Bei den übrigen Meldungsklassen tappt
man in dieser Hinsicht noch mehr im ungewissen, obwohl sich in jedem Einzelfall naheliegende
Deutungen anbieten.
Da gibt es Zellverbände in der Netzhaut des Tiers, die sehr lebhafte elektrische Impulse
auszusenden beginnen, sobald sich ein Schatten von einer bestimmten Größe in irgendeiner
Richtung durch das Gesichtsfeld bewegt - aber auch nur dann. Andere registrieren Bewegungen in
noch abstrakterer Form: da spielt die Art des Bewegten - also seine Größe oder Kontur - überhaupt
keine Rolle, da werden nur die Richtung des Bewegungsablaufs und ihre Geschwindigkeit
gemeldet. Und der in unserem Zusammenhang wichtigste Befund: Wenn sich gar nichts bewegt -
und wenn auch der Frosch stillsitzt -, dann herrscht totale elektrische Ruhe in der Netzhaut des
Tiers. Dann sieht der Frosch nichts.
Dass das nicht als Unvermögen, als Mangel anzusehen ist, wie es uns aus unserer
anthropozentrischen Perspektive sofort wieder erscheinen will, wird durch weitere Untersuchungen
auf sehr verblüffende Weise belegt. Sie zeigen, dass die Evolution auf dieser Stufe der Entwicklung
sogar sehr aufwendige Regelungssysteme hervorgebracht hat, nur um sicher zu stellen, dass die
Netzhaut des Froschs beim Fehlen von Bewegung im Gesichtsfeld keine Meldungen durchgibt.
Der holländische Wissenschaftler Schipperheyn fand heraus, dass dann, wenn man den Kopf des
Froschs bei den Untersuchungen nicht fixiert, schon die Atembewegungen des Tiers genügen, um
die Netzhaut wieder aktiv werden zu lassen. Dann verschiebt sich das Bild auf der Netzhaut im
Rhythmus der Atmung, und diese Bewegung genügt bereits, um sofort wieder Signale der
lichtempfindlichen Zellen auszulösen. Schipperheyn entdeckte aber noch mehr: Schon 15 Sekunden
später ist der alte Zustand wiederhergestellt. Die Signale auf der Netzhaut erlöschen erneut, auch
wenn der Frosch weiteratmet.
Die genaue Untersuchung zeigte, dass es in der Netzhaut eine Regelungseinrichtung geben muss,
die auch periodisch sich wiederholende Bewegungen, wie die der Atmung, als »Nichtbewegung«
interpretiert und die Sinneszellen daran hindert, sie an das Gehirn weiterzumelden. Dieser Aufwand
ist nur verständlich, wenn man davon ausgeht, dass hier in der Tat nicht die Abbildung einer
objektiv gegebenen Umwelt, sondern die isolierte Erfassung bewegter Dinge innerhalb der Umwelt
das Funktionsziel darstellt.

97
Das Beispiel der Vögel zeigt, wie lange es in der Evolution dabei blieb. Auch bei ihnen gibt es das
feine Augenzittern noch nicht, das erst bei den Säugetieren dafür sorgt, dass die ganze Netzhaut in
jeder Situation ununterbrochen aktiv bleibt. Zwar liegen ähnlich detaillierte Untersuchungen, wie
die eben geschilderten, bei Vögeln bislang nicht vor. Allgemein bekannte Besonderheiten des
Verhaltens dieser Tiere lassen aber annehmen, dass auch bei ihnen die Abbildungsfunktion noch
immer nicht die eigentliche Aufgabe des Auges bildet.
Wer Vögel im Freien beobachtet oder gezähmte Vögel hält, weiß, dass viele von ihnen beim
»Sichern« zu einer Bewegungslosigkeit erstarren, die durch sehr charakteristische ruckartige
Kopfbewegungen unterbrochen wird. Manche Arten - besonders auffällig bei Rotschwänzchen, aber
auch bei Amseln und Bachstelzen - führen in dieser Situation in Abständen von einigen Sekunden
knicksartige Verbeugungen aus. Wieder andere - zum Beispiel Hühner - reagieren mit
Pendelbewegungen des Kopfes. In allen diesen Fällen dürfte es sich um Reaktionen handeln, die
eine bei diesen Arten anders nicht zu bewirkende Aktivierung der ganzen Netzhaut in
Alarmsituationen zum Ziel haben.
Aber auch bei uns selbst können wir noch Spuren der Tatsache entdecken, dass unsere Augen
ursprünglich nicht Abbildungsapparate gewesen sind, sondern Alarmeinrichtungen. Nicht Organe
zur unvoreingenommenen, gleichsam wertneutralen Wiedergabe dessen, was vor ihnen lag, sondern
optische Filter, die mit Hilfe ausgeklügelter, noch innerhalb der Netzhaut gelegener
Verrechnungsschaltungen unter dem optischen Reizangebot eine Vorauswahl zu treffen hatten.
Nur das sollte diese optische Zensurstelle passieren, was auf Grund seiner Beweglichkeit eine
Reaktion notwendig machen konnte. Wir erkennen auch hier wieder die Spur der uns schon
bekannten Maxime: »So wenig Außenwelt wie irgend möglich«. Die zusätzliche Übermittlung auch
noch all der übrigen im Netzhautbild enthaltenen Informationen hätte lediglich zu einer Überflutung
des Gehirns mit - von einem biologischen Standpunkt aus - überflüssigen Daten geführt. Zum
Funktionsziel hätten diese nicht mehr das geringste beitragen können. Die wirklichkeitsgetreue
Wahrnehmung einer »objektiven Welt« ist auf dieser Stufe der Entwicklung für die Verbesserung
der Überlebenschance noch ohne Bedeutung.

Es gilt noch für uns selbst

Wenn wir einmal darauf achten - im allgemeinen wird es wieder von der Gewohnheit zugedeckt -,
dann können wir uns davon überzeugen, dass auch unsere Netzhäute es eigentlich nur mit einem
sehr kleinen Ausschnitt bis zu einer echten Abbildungsleistung gebracht haben. Wer die Buchstaben
dieses Textes daraufhin betrachtet, wird feststellen, dass wir eigentlich immer nur einen einzigen
von ihnen zur gleichen Zeit scharf abbilden können. Schon die unmittelbaren Nachbarn rechts und
links beginnen zu verschwimmen, von noch mehr in der Richtung auf die Peripherie des
Gesichtsfeldes gelegenen Objekten ganz zu schweigen. Wir überspielen das im alltäglichen Leben

98
unbewusst dadurch, dass wir durch ständige Augenbewegungen den Fixationspunkt die Umwelt
ununterbrochen regelrecht abtasten lassen.
Die der Pupille direkt gegenüberliegende fovea centralis, der Bereich der Netzhaut, mit der allein
unser Auge scharf abbilden kann, hat einen Durchmesser von nicht mehr als 2/10 Millimetern (0,2
mm). Nur in diesem winzigen Ausschnitt sind zwar auch keineswegs alle, aber doch die meisten
Lichtsinneszellen mit einer einzelnen, nur ihr zugeordneten weiterleitenden Nervenzelle verbunden.
Nur hier also findet sich das Punkt-für-Punkt-System der Übertragung, das wir ohne großes Nach-
denken meist in der ganzen Netzhaut als verwirklicht voraussetzen. je weiter man sich von dieser
Stelle entfernt, um so größer wird die Zahl der lichtempfindlichen Zellen, die sich gemeinsam in
eine einzige weiterleitende Nervenfaser teilen müssen. Am Netzhautrand sind es schon mehr als
100 Zellen, deren Signale auf diese Weise jeweils »in einen Topf« geworfen werden, bevor sie die
Netzhaut in Richtung Gehirn verlassen. Dass ein Verbund dieser Art höchst unzweckmäßig wäre,
wenn es auf Abbildung ankäme, bedarf keiner Erklärung. Diese - an Ausdehnung so enorm
überwiegenden! - Teile der Netzhaut sind aber auch auf eine ganz andere Funktion spezialisiert. Sie
leisten etwas, was die Physiologen als »räumliche Summation« von Reizen bezeichnen. Die
zusammenfassende »Verdrahtung« dieser Zellen hat die einleuchtende Folge, dass die
weiterleitende Faser die Summe ihrer Reizantworten insgesamt zusammenfasst und weitermeldet.
Das aber ist typisch für ein System, bei dem es vor allem auf hohe Empfindlichkeit ankommt. Und
das wieder entspricht der ursprünglichen Funktion des Linsenauges in der geschichtlichen
Entwicklung. Das, was die Evolution da herauszuzüchten sich abmühte, war keine Kamera, sondern
eine optische Alarm- und Orientierungsapparatur. Mit welch unüberbietbarem Erfolg ihr das
gelungen ist, beweist die Lichtempfindlichkeit eben jener peripheren Netzhautabschnitte. Sie
bringen das Kunststück fertig, uns noch das Eintreffen von nur 20-70 Lichtquanten als eben noch
wahrnehmbare Lichtempfindung erleben zu lassen. Diese Leistung übertrifft die Empfindlichkeit
der fovea centralis um mehr als das 10.000fache.
Am äußersten Rand der Netzhaut begegnet man dann der ältesten Funktion dieses
Lichtsinnesorgans auch noch bei unseren eigenen Augen. Wer sich selbst gut beobachtet, dem ist
vielleicht bei irgendeiner Gelegenheit schon einmal aufgefallen, dass rasche Bewegungen am
äußersten Rand unseres Gesichtsfeldes - z. B. das Wippen eines Fußes - auf eine eigenartig
unangenehme Weise irritieren können. Man verspürt dann den deutlichen Antrieb, sich so weit
herumzudrehen, dass man den bewegten Gegenstand »besser im Blick« hat.
Dieser Erfahrung entspricht eine in unserem Zusammenhang sehr interessante Entdeckung der
Wissenschaftler. Am äußersten Rand der Netzhaut nämlich sitzen Sinneszellen, die gar keine
optischen Empfindungen mehr auslösen, sondern reflektorisch, also »unbewusst« erfolgende
Blickwendungen in Richtung auf die bewegten Gegenstände. Dieser Teil der Netzhaut ist also bis
auf den heutigen Tag ein reines Alarmorgan geblieben, das spezifisch und ausschließlich auf
99
Bewegungen anspricht. Dass der Rand unseres Gesichtsfelds, die Grenze also, jenseits derer wir auf
Grund der Stellung unserer Augen im Schädel nichts mehr sehen können, ringsum von einem
solchen System besetzt ist, leuchtet in seiner biologischen Zweckmäßigkeit wieder unmittelbar ein.
All diesen aus der Funktion sich ergebenden Überlegungen entspricht schließlich auch der
anatomische Sachverhalt. Die nervösen Anteile unserer Augen - also Netzhaut und Sehnerv - sind
zur Körperoberfläche ausgestreckte Teile des Gehirns, und zwar des Zwischenhirns. Das »primäre
Sehzentrum«, in dem die von den beiden Netzhäuten kommenden Nervenleitungen enden und an
der die von diesen Leitungen übertragenen Meldungen zentral verarbeitet werden, liegt im
Thalamus, einer mächtigen Anhäufung von Nervenzellen im obersten Stock des Zwischenhirns
(siehe Abb. 1) 20.
Mit anderen Worten: Die »Sehbahn« endet - zunächst jedenfalls - in einem archaischen Hirnteil, der
ein bewusstes Erleben und so etwa auch die optische Wahrnehmung einer gegenständlichen Umwelt
noch gar nicht ermöglicht. Nach all dem, was wir so eingehend erörtert haben, dürfte das jetzt nicht
mehr überraschen. Auf welche Weise dieses System dann Äonen später durch die nachträgliche
Hinzufügung einer Großhirnrinde mit ihrem übergeordneten - »sekundären« - Sehzentrum zu einem
echten Wahrnehmungsorgan regelrecht »umfunktioniert« worden ist, das wird im dritten Abschnitt
dieses Buchs noch zur Sprache kommen.
Wir sollten uns abschließend hier aber noch einmal an den indirekten und gänzlich ungeplanten
Weg erinnern, auf dem bereits auf der vegetativen Stufe Informationen über die Außenwelt in den
Organismus hineingelangten. Bei der Analyse des Frierens hatte sich gezeigt, dass eine solche
vegetative Anpassung nicht möglich ist, ohne dass gleichzeitig Informationen über den
Temperaturzustand der Außenwelt und seine Veränderungen in den Organismus geraten. Der
vegetativen actio der Anpassung an die Außenwelt entspricht hier gleichsam eine reactio in Gestalt
der Entstehung bestimmter Informationen im Inneren.
Für das Verständnis der Stufen, deren die Evolution sich bei ihrem Fortschreiten bedient, ist es von
fundamentaler Wichtigkeit, sich immer wieder klarzumachen, dass diese reactio in keinem einzigen
Fall ein von der Evolution angezielter Zweck gewesen ist. Die Zweckmäßigkeit derartiger
Konsequenzen ist immer erst nachträglich auf genau die umgekehrte Weise zustande gekommen:
Nicht dadurch, dass sie als von vornherein zweckmäßig von der Entwicklung angestrebt worden
wäre. Sondern dadurch, dass ihr Vorhandensein die Evolution veranlasste, sich ihrer als Sprosse für
die nächsten Entwicklungsschritte zu bedienen. Das erst lässt sie dann nachträglich zweckmäßig
werden.

20
Im Tierexperiment hat sich kürzlich nachweisen lassen, dass auch dieses im Zwischenhirn gelegene »primäre« Sehzentrum bei einem
Großhirnbesitzer noch immer funktioniert. Affen, bei denen die Sehrinde des Großhirns - das »sekundäre« Sehzentrum - zerstört worden war,
verhielten sich spontan zwar so, als ob sie absolut blind wären. Im systematischen Futter-Dressurversuch gelang es jedoch, sie dazu zu bringen,
bewegten Gegenständen mit den Augen zu folgen. Sie lernten es sogar, größeren Hindernissen auszuweichen. Die mikroskopische Kontrolle nach
dem Tode ergab einwandfrei, dass diese optischen Leistungen nur von dem archaischen Sehzentrum im »Kniehöcker« des Thalamus erbracht worden
sein konnten. In keinem Fall gelang es auch, die Versuchstiere so weit zu bringen, dass sie bestimmte Gegenstände erkannten und von anderen
Objekten unterschieden, auch dann nicht, wenn die betreffenden Gegenstände ihnen durch täglichen Gebrauch grundsätzlich bekannt waren.
100
So ließ die Vervollkommnung des Auges als eines Organs zur automatischen Erfassung von
Bewegungen in der Umwelt aus physikalischen Gründen ein Bild auf der Augenrückwand
entstehen. Das war nicht nur nicht beabsichtigt. Es war nicht einmal zweckmäßig. Die Evolution
war auf dieser Entwicklungsstufe sogar gezwungen, die Netzhaut mit höchst komplizierten
zusätzlichen Einrichtungen auszustatten, die für nichts anderes zu sorgen hatten als dafür, dass alles
an diesem Bild, was unbeweglich war, unterdrückt wurde. Dass dieses gänzlich unbeabsichtigt
entstandene Bild, um es noch deutlicher zu sagen, daran gehindert wurde, die eigentliche Funktion,
auf die es ankam, zu beeinträchtigen.
Aber das Bild war da. Und es blieb, über Hunderte von Jahrmillionen hinweg. Bis sich schließlich
eine Großhirnrinde zu entwickeln begann, die mit ihm etwas anfangen konnte.
Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass dieses so vollkommen unbeabsichtigte Netzhautbild
unter diesen Umständen als eine der Ursachen anzusehen ist, welche die Entstehung des Großhirns
ausgelöst haben. Es ist nicht so, dass das Großhirn das Sehen erfunden hätte. Die konkrete Existenz
eines Abbildes der Umwelt auf der Rückwand von Augen, die damals noch eine ganz andere
Funktion zu erfüllen hatten, hat der Evolution vielmehr die Möglichkeit eröffnet, ein Organ zu
entwickeln, nämlich die Großhirnrinde, die imstande war, sich dieses Bildes zu bedienen.

101
10. Ererbte Erfahrungen

Erlebnisse auf Knopfdruck

Die besondere Funktion des Zwischenhirns (s. Abb. 11) innerhalb der Hierarchie unseres
Zentralnervensystems ist im Experiment heutzutage sehr einfach zu demonstrieren. Elektrische
Reizversuche in diesem Hirngebiet lösen nicht, wie bei den übrigen Teilen des Nervensystems - also
bei den Nervenbahnen, aber auch in der Großhirnrinde -, »reizanaloge« Reaktionen aus, sondern
etwas ganz anderes: zusammengesetzte, zum Teil äußerst komplizierte Handlungen. Der
Unterschied ist so wichtig, dass ich hier auf diese Versuche näher eingehen muss.
Eine Hirnsonde ist nichts anderes als ein haarfeiner Draht. Dieser ist in seiner ganzen Länge mit
einer möglichst glatten Isolierschicht versehen, etwa mit einem Lacküberzug. Ausgenommen davon
ist nur die Spitze. Sie bleibt blank. Sie ist die Stelle, an der der Reiz, ein schwacher elektrischer
Strom, aus der Sonde in das Hirngewebe übertritt.
Schiebt man einen so präparierten Draht durch ein feines Bohrloch im Schädeldach eines
Versuchstiers vorsichtig in das Hirngewebe vor - eine völlig schmerzlose Prozedur, da das Gehirn
ein schmerzunempfindliches Organ ist -, so kann man das Nervengewebe Punkt für Punkt elektrisch
abtasten. Immer dann, wenn man den elektrischen Kontakt schließt, wird die Stelle des Gehirns, an
der die blanke Sondenspitze gerade liegt, von einem elektrischen Impuls getroffen.
Da dieser so gewählt ist, dass er sich in nichts von einem elektrischen Nervenimpuls unterscheidet,
reagiert die gereizte Hirnstelle »normal«. Das heißt, sie leitet den Impuls auf den anatomisch
vorgegebenen Bahnen weiter und löst dadurch die Funktionen aus, für die sie von der Natur
geschaffen worden ist.
Selbstverständlich gibt es viele Reizpunkte im Gehirn, die »stumm« sind, jedenfalls im Experiment.
Das sind die Stellen, an denen vielleicht ein Gefühl ausgelöst wird oder nur die Bereitschaft zu
einer bestimmten Aktivität oder ein anderer »innerer« Vorgang, der sich an einem Versuchstier nicht
feststellen lässt 21. Wenn man jedoch einen motorischen, einen für die Auslösung von Bewegungen
verantwortlichen Punkt trifft, also einen »motorischen« Nerv oder ein »motorisches« Zentrum im
Gehirn, sieht man sofort einen entsprechenden Bewegungseffekt.
Bei diesen Untersuchungen machten die Hirnforscher nun vor etwa 50 Jahren - der Schweizer
Physiologe W. R. Hess bekam dafür später, 1949, den Nobelpreis - eine sehr seltsame Entdeckung.
Sie hatten sich bis dahin vorwiegend mit der elektrischen Bestandsaufnahme der Großhirnrinde
beschäftigt. Dabei hatten sie sich daran gewöhnt, dass sie immer dann, wenn sie auf ein motorisches
21
Versuchstiere können über ihre Erlebnisse ja nicht berichten. Angaben erhält man nur in den seltenen Ausnahmefällen, in denen sich anlässlich von
Hirnoperationen die Gelegenheit zur Reizung bestimmter Hirnareale beim Menschen ergibt. Da ein solcher Eingriff wegen der
Schmerzunempfindlichkeit des Gehirns meist in örtlicher Betäubung durchgeführt wird, können die Patienten derartige innere Reizeffekte dann
bewusst erleben und über sie berichten. Dabei kommt es mitunter zu recht verblüffenden Beobachtungen. Es gibt Protokolle, nach denen Patienten als
Reizeffekt - übrigens im Bereich des Stammhirns! - ein Glücksgefühl erlebten, das sie auch noch nach der Operation als das intensivste Glück
beschrieben, das sie in ihrem Leben jemals empfunden hätten. Einer der Patienten versicherte seinem Chirurgen nachträglich sogar ausdrücklich, dass
der Tag seiner Hirnoperation ungeachtet aller mit ihm verbundenen Ängste und Unannehmlichkeiten aus diesem Grunde der schönste Tag sei, an den
er sich überhaupt erinnern könne.
102
Areal stießen, einen reizanalogen Bewegungseffekt in einer ganz umschriebenen, meist sehr kleinen
Muskelgruppe beobachten konnten.
»Reizanalog«, das heißt, dass der Ablauf der Bewegung genau dem Ablauf des Reizes entsprach:
War der Reiz schwach, so kam es zu einem kaum merklichen Muskelzucken. Verstärkte man ihn
langsam, so nahm auch die ausgelöste Bewegung an Intensität zu. Schaltete man den Reiz ab, so
entspannte sich der betreffende Muskel sofort wieder. Die Physiologen konnten mit Hilfe ihrer
Reizpunkte bald eine genaue Karte der Großhirnrinde aufstellen. Von ihr wird im dritten Teil dieses
Buchs noch näher die Rede sein. Mit der Hilfe dieser Karte konnten sie ein Versuchstier, etwa einen
Affen, nach Belieben dazu bringen, etwa das rechte oder linke Auge zuzukneifen, eine Hand zur
Faust zu ballen oder die linke große Zehe zu heben.
Jede Stelle im motorischen Teil der Großhirnrinde war also offensichtlich mit einem ganz
bestimmten Muskel eindeutig verbunden und für seine Innervation verantwortlich. Das System
erschien höchst durchsichtig und erlaubte auf einfachste Weise voraussagbare Reizeffekte. Um so
verblüffter waren die Fachkollegen daher mit einigem Recht, als sich herausstellte, dass die
Reizeffekte immer komplizierter und anhaltender wurden, sobald sie mit ihren Sonden die
Großhirnrinde durchstießen und in die tieferen Teile des Gehirns bis ins Zwischenhirn vordrangen.
Da gab es keine reizanalogen Effekte mehr. Da bestand das Resultat des Knopfdrucks, der den
Strom fließen ließ, auch nicht mehr in der Innervation eng umschriebener Muskelpartien. Wenn die
blanke Sondenspitze das sogenannte »Zwischenhirn« erreicht hatte, erfasste jeder Reiz das
Versuchstier insgesamt. Was die Experimentatoren jetzt sahen, waren zusammengesetzte
Handlungsabläufe, oft von großer Kompliziertheit. Bei gleichbleibendem Reiz an der gleichen
Stelle kamen erst diese, dann
andere Muskelgruppen in Gang, und das jedes Mal so genau dosiert und aufeinander abgestimmt,
dass daraus ein vollkommen natürlich wirkendes »Verhalten« des Versuchstiers resultierte.
Am bedeutsamsten und erstaunlichsten erwies sich gerade die Tatsache, dass diese künstlich
ausgelösten Verhaltensweisen nicht nur natürlich wirkten, sondern offensichtlich in gewissem Sinne
sogar natürlich waren. Sie alle erschienen sinnvoll und waren den Wissenschaftlern aus dem
natürlichen Leben ihrer Versuchstiere ausnahmslos bekannt. In keinem Fall trat ein Reizeffekt auf,
der sich mit der grotesken Unnatürlichkeit vergleichen ließ, wie sie für die Großhirnversuche
charakteristisch gewesen war. Wenn ein Affe, der gerade beim Fressen ist, ohne sich dabei stören zu
lassen, plötzlich ein Auge zukneift oder den linken Daumen in dem Rhythmus hebt und wieder
senkt, in dem der Versuchsleiter auf einen Knopf drückt, dann sieht man diesem »Verhalten« seine
Künstlichkeit auch als Laie unmittelbar an.
Gänzlich anders ist das auf der nächsttieferen Ebene. Wenn eine Reizung im Zwischenhirn
überhaupt zu einer sichtbaren Reaktion führt - wenn der Reizpunkt also nicht »stumm« ist -, dann
entspricht die Reizantwort stets einem Element aus dem natürlichen Verhaltensrepertoire des
103
jeweiligen Versuchstiers. Ein Wissenschaftler, der die Art, mit der er experimentiert, genau genug
kennt, kann in jedem Fall angeben, welchem Zweck die ausgelöste Reaktion in der natürlichen
Umwelt des Tiers dient. Am besten untersucht ist das bei Hühnern. Dieses Tier hatte sich der
deutsche Zoologe und Verhaltensforscher Erich v. Holst in den fünfziger Jahren ganz bewusst
ausgesucht, als er selbst mit Hirnreizversuchen zu arbeiten begann. Im Gegensatz zur Katze, an der
W. R. Hess seine ersten Entdeckungen gemacht hatte, ist das Huhn ein ausgesprochen soziales, mit
seinesgleichen eng zusammenlebendes Tier. Primitiver als die Katze verfügt es dabei nur über einen
recht beschränkten, leicht erkennbaren Satz von Verhaltensweisen. Die Auswertung der Versuche
wird dadurch erheblich erleichtert.
Holsts Hühner begannen nun auf Knopfdruck Körperpflege zu treiben oder zu fressen. Sie balzten
oder kämpften miteinander oder gegen imaginäre Feinde. Sie setzten sich hin und begannen
einzuschlafen, oder sie flohen plötzlich mit ängstlichem Gegacker, bis der Experimentator den
bewussten Knopf wieder losließ. Welches Programm ablief, das hing allein davon ab, wo die blanke
Spitze der Sonde in ihrem Zwischenhirn eingehellt war. Manche von ihnen liefen jahrelang mit
mehreren Drähten in ihrem Hirn herum, ohne dass es ihnen geschadet hätte. Sobald der Stromkreis
geschlossen wurde, wiederholte sich die immergleiche Szene von neuem.
Beobachtung und Filmaufnahmen zeigten dabei jedoch deutlich, dass die Tiere sich unter dem
Einfluss dieser elektrischen Manipulationen ihrer Gehirne zwar wie Roboter benahmen, aber nicht
wie gewöhnliche Automaten. Ich will damit sagen, dass das künstlich ausgelöste Verhalten von
Wiederholung zu Wiederholung keineswegs absolut identisch war. Es lief nicht immer von neuem
»der gleiche Film« ab. Die künstlich in Gang gesetzten Handlungsabläufe erwiesen sich vielmehr
als ausgesprochen umweltorientiert und insofern durchaus als »plastisch«.
Ein Hahn, den der Sitz der Elektrode mit unfehlbarer Regelmäßigkeit in Kampfstimmung bringt,
attackiert nicht blindwütig jeden toten Gegenstand. Auf den Filmaufnahmen sieht man sehr
deutlich, dass erst einige Sekunden vergehen, während derer sich - am Sträuben des Gefieders und
einem zunehmend aufgeregten Hin- und Hertrippeln erkennbar - so etwas wie eine »aggressive
Stimmung« in dem Tier aufzubauen scheint.
Am Ende dieser Anlaufzeit blickt der Hahn immer hastiger um sich. Man kann nicht umhin,
anzunehmen, dass er jetzt ein Objekt für den Zorn sucht, der ihn erfüllt.
Was er dann tut, hängt davon ab, was sich ihm bietet. Ein ausgestopftes Wiesel wird besonders
rasch und bereitwillig angenommen. Der »Erbfeind« passt zu der das Tier erfüllenden Stimmung
offenbar besonders gut. Notfalls, aber wirklich nur dann, wird jedoch auch der Kopf der Pflegerin
mit Krallen und Sporen angeflogen, der gegenüber das Tier sonst völlig zahm ist.
Eine Henne, die, obwohl längst gesättigt, durch Knopfdruck immer von neuem in »Fressstimmung«
versetzt werden kann, richtet ihr Verhalten nach der Art des Futterangebots. Sie fällt begierig über
ein Schälchen mit Maiskörnern her, sucht aber auch geduldig Körner zusammen, die man über den
104
Versuchstisch verstreut hat. Und sie frisst auch dann, wenn gar kein Futter da ist: In diesem Falle
beginnt sie nach den kleinen dunklen Flecken zu picken, die auf der Oberfläche des Holztischs zu
sehen sind, auf dem das Experiment stattfindet.
Das alles steht in einem totalen Gegensatz zu der Art des Reizerfolgs, den man zu sehen bekommt,
wenn die Reizpunkte in der Großhirnrinde liegen. Zunächst scheint es ja ganz paradox zu sein, dass
die ausgelösten Effekte dort vergleichsweise so primitiv sind, so durchsichtig, isoliert und
unnatürlich. Dass sie so viel komplizierter, zusammengesetzter, »szenischer« und natürlicher sind,
wenn die Reizorte in dem sehr viel älteren, archaischen und, im Vergleich zum Großhirn, primitiven
Zwischenhirn liegen.
Warum das alles andere als paradox ist, aus -welchem Grunde genau diese Besonderheiten einer
Großhirnreizung Ausdruck der Fortschrittlichkeit dieses Jüngsten, modernsten Hirnteils sind, kann
erst in einem späteren Kapitel erläutert werden. Wir müssen das Funktionsprinzip des
Zwischenhirns genauer kennen lernen, bevor wir verstehen können, warum gerade die Zerlegung,
die »Atomisierung« ursprünglich geschlossener Handlungsabläufe in der Hirnentwicklung den -
bisher - letzten entscheidenden Fortschritt dargestellt hat.

Geborgen, aber unfrei

Charakteristisch für die Funktion des Zwischenhirns ist offensichtlich die Bereitstellung einer Reihe
ganz natürlich wirkender Verhaltensweisen. Das schreibt sich so leicht hin. Hinter dieser
Feststellung steckt aber ein atemberaubendes philosophisches, genauer: erkenntnistheoretisches
Problem. Die Entdeckung dieser im Gehirn fix und fertig bereitliegenden Verhaltensprogramme, die
an natürlich vorkommende Umweltbedingungen optimal angepasst sind, hängt auf eine sehr
hintergründige Weise mit unserem Weltverständnis zusammen. Sie relativiert auf eine ganz
unerwartete Weise unsere naive Vorstellung von dem, was wir die »Wirklichkeit« nennen. Dazu
gleich noch mehr.
Gehen wir der Reihe nach vor. Die beschriebenen Resultate der Versuche von Hess und von Holst,
denen zahlreiche gleichartige Versuche vieler anderer Wissenschaftler aus aller Welt an die Seite
gestellt werden könnten, lassen nur eine Deutung zu: Im Zwischenhirn existieren offensichtlich
nicht, wie in der Hirnrinde, die Ausgangspunkte zur Erregung bestimmter einzelner Muskeln,
sondern komplexe, fest in sich geschlossene »Schaltkreise« von Nervenbahnen, die immer nur zur
Gänze erregt werden können, wobei die Erregung eines bestimmten Schaltprogramms das Auftreten
eines ebenso bestimmten Verhaltensmusters zur Folge hat.
Zur Veranschaulichung der gleiche Tatbestand noch einmal in einem sehr vereinfachenden
Vergleich: Die Großhirnrinde entspricht, jedenfalls in ihrem motorischen Anteil, gleichsam der
Tastatur eines Klaviers. jede Taste lässt sich einzeln drücken. Das Ergebnis ist dann ein einzelner -
und in seiner Isoliertheit »sinnloser« - Ton (= die Auslösung der Bewegung eines einzelnen

105
Muskels). Sinn, eine erkennbare »Melodie« (= eine sinnvoll auf die Umwelt bezogene Handlung)
entsteht erst durch die Betätigung vieler verschiedener Tasten zugleich oder nacheinander, wobei
der Vielfalt der Kombinationen und Variationen keine Grenzen gesetzt sind.
Im Zwischenhirn gibt es eine solche Klaviatur aus einzelnen Tasten dagegen nicht. An ihrer Stelle
existiert hier - um bei unserem Vergleich zu bleiben - gleichsam eine bestimmte Anzahl von
Tonbandkassetten. Die auf ihnen gespeicherten Programme sind von Tierart zu Tierart verschieden.
Ihre Zahl ist relativ beschränkt. Einzelne Töne sind nicht spielbar. jeder Knopfdruck lässt eines der
fertig vorliegenden Programme von A-Z ablaufen.
So beschränkt die Zahl der Programme auch ist, ihre Zusammenstellung ist bei jeder Tierart so
beschaffen, dass sie dem Individuum die Bewältigung der in seiner natürlichen Umwelt
artspezifisch vorkommenden Aufgaben ermöglicht. Auf dem Niveau eines »Zwischenhirnwesens«
geht der Kreis dieser Aufgaben über Schlafen, Futter- oder Beutesuche, Körperpflege und
Verteidigungsreaktionen, den sexuellen Verhaltensbereich und die Brutpflege kaum hinaus, wobei
bei einzelnen Arten noch spezielle Leistungen - Beispiel: Zugvogelorientierung - hinzukommen
mögen.
Der Begrenztheit der Wahlmöglichkeiten zwischen den verschiedenen Programmen entspricht also
die Begrenztheit des Aufgabenkreises. Bei dieser in einem so wörtlichen Sinne noch übersichtlichen
Lage ist die Aufgabenlösung durch die Bereitstellung präfabrizierter Programme unbestreitbar
optimal. Der größte Vorteil besteht darin, dass ein auf ein Zwischenhirndasein beschränktes
Lebewesen grundsätzlich außerstande ist, sich zu irren oder einen sein Leben gefährdenden Fehler
zu machen. jede für die Umwelt eines solchen Lebewesens typische Aufgabe wird mit einem
Programm beantwortet, das in Hunderten von Generationen von unzähligen Individuen der gleichen
Art schon auf seine Wirksamkeit getestet und in dem gleichen riesigen Zeitraum durch Selektion
laufend verbessert worden ist.
Wir nennen derartige angeborene, artspezifische Programme im allgemeinen »Instinkte«. Instinkte
sind angeborene Erfahrungen. Erfahrungen, die nicht das Individuum gemacht hat, dem sie zugute
kommen, sondern die Art, der es angehört. Daran ist nichts Übernatürliches oder Metaphysisches,
Wir sind nur von dem durch die Besonderheiten unserer geistesgeschichtlichen Tradition
hervorgebrachten Vorurteil, dass die körperliche und die psychische Entwicklung zwei total
voneinander geschiedenen Dimensionen zuzurechnen seien, so beeinflusst, dass es vielen schwer
fällt, das einzusehen.
Die Evolution hat die Gestalt, die Körperlichkeit der Lebewesen, von den Ausgangsformen der
Urzeit her immer weiter entwickelt und immer spezialisierteren Lebensräumen angepasst. Das ist
unzweifelhaft wunderbar. Nicht weniger gilt das für die Tatsache, dass das uns heute immer
durchschaubarer werdende Zusammenspiel von Mutation und Selektion zu genügen scheint, um auf

106
diese Weise die Fülle der existierenden Lebensformen hervorzubringen. Aber das alles geht,
wortwörtlich, mit »natürlichen Dingen« zu.
Es sollte uns möglich sein, einzusehen, dass das auch für die Entwicklung des Verhaltens gilt,
angefangen von den einfachsten Reaktionsweisen der Urzelle bis hin zu den Programmen der
Holstschen Hühner. Selbstverständlich hat die Evolution zugleich mit der Anpassung der äußeren
Form auch die anpassende Weiterentwicklung der Reaktionsmöglichkeiten vorantreiben müssen.
Eins funktioniert nicht ohne das andere. Gestalt und Funktion sind zwei Seiten der gleichen
Medaille. Was nützten dem Vogel seine Flügel ohne die Beherrschung fliegerischen Verhaltens?
Wozu könnten einem Krebs seine Scheren dienen, wenn nicht auch seine Reaktionsmöglichkeiten
an die gleiche Umwelt angepasst wären, auf die diese charakteristische Spezialisierung seines
Körperbaus zielt?
Beides ist, wie alles in der Natur, fraglos über alle Maßen wunderbar. Auch eine Diskussion
darüber, ob die Produktion von Zufallsvarianten durch mutative Erbsprünge und die systematische,
ordnungstiftende Selektion unter diesen Varianten durch die tote und belebte Umwelt wirklich die
einzigen Faktoren sind, die das Faktum der Evolution erklären können, würde ich noch für legitim
halten. Der verbreiteten Neigung jedoch, die beiden Seiten der Medaille voneinander zu trennen,
muss energisch widersprochen werden. Wer die Anpassung und Weiterentwicklung des Körperbaus
durch Evolution akzeptiert, der muss hinsichtlich der Entwicklung des Verhaltens die gleichen
Regeln gelten lassen.
Vielleicht sind die psychologischen Schwierigkeiten, die dieser Einsicht erfahrungsgemäß so oft im
Wege stehen, leichter zu überwinden, wenn man die Vorstellung von einer »Vererbung von
Erfahrungen« durch die von der Vererbung bestimmter Hirnstrukturen ersetzt. Schon zu Anfang
dieses Buchs, als von den ersten urtümlichen Nervensystemen in der Geschichte des Lebens die
Rede war, habe ich begründet, warum sich bestimmte Reaktionsmöglichkeiten eines primitiven
Organismus und ebenso auch deren Grenzen aus der Form etwa eines »Strickleitersystems«
unmittelbar ablesen lassen. Diese Möglichkeit dürfte niemandem problematisch erschienen sein.
Um grundsätzlich nichts anderes aber handelt es sich auch noch auf der Ebene des Zwischenhirns.
Der Ausfall der Holstschen Hühnerversuche ist gar nicht anders zu erklären als durch die Annahme,
dass die blanke Sondenspitze bei den positiven Versuchen jeweils einen Ast einer
Nervenverknüpfung getroffen haben muss, deren Muster oder »Verdrahtung« identisch ist mit dem
Programm für ein ganz bestimmtes Verhalten. Anders ausgedrückt: Hier sind bestimmte
Nervenbahnen im Zwischenhirn der Tiere ganz offensichtlich so miteinander verbunden, dass ihre
Reizung automatisch ein ganz bestimmtes Verhalten in Gang setzt. Die bei aller auf die Umwelt
bezogenen Plastizität unübersehbare Identität der Reaktion bei beliebig zahlreichen
Wiederholungen lässt nur diesen Schluss zu. Das anatomische Muster einer bestimmten Anordnung

107
von Nervenbahnen aber ist letzten Endes auch nur ein Sonderfall der Spezialisierung des
Körperbaus.

Zwei Methoden, etwas »zu lernen«

Diese im Zwischenhirn anatomisch gespeicherten Programme sind, wie schon erwähnt, als
Erfahrungen anzusehen, die die Art gemacht hat. Es ist für das Verständnis der weiteren
Entwicklung von entscheidender Bedeutung, sich ganz klar darüber zu werden, was damit gemeint
ist. Eine Art ist kein Individuum. Deshalb hat der Vorgang, den wir mit der Redewendung
»Erfahrungen machen« meinen, hier noch keinen subjektiven Aspekt. Auf dem Entwicklungsniveau
des Zwischenhirns gibt es noch immer kein handelndes Subjekt.
Das aber ist der einzige Unterschied zwischen dem uns geläufigen Sinn der Vokabel und dem
Prozess, der in der Evolution dazu geführt hat, dass Lebewesen über »Instinkte« verfügen. Dass sie
in der Lage sind, sich mit der Hilfe angeborener Erfahrungen zu behaupten, die von Geburt an
maßgeschneidert auf eine Umwelt passen, in der sie eigene individuelle Erfahrungen noch gar nicht
haben machen können.
Eine Jungschwalbe, der die Verhaltensforscher nach dem Wachsen der ersten Federn die Flügel
fixieren, fliegt sofort mit aller Eleganz, die diesen Vögeln eigen ist, wenn die Fesseln Wochen
später nach Abschluss der Wachstumsphase gelöst werden. Sie kann es, von einem Augenblick auf
22
den anderen. Es ist ihr angeboren . Der mühsame und langwierige, unglaublich verlustreiche
Lernprozess selbst liegt schon Jahrmillionen zurück. Gelernt wurde die Lektion seinerzeit von den
ersten hunderttausend Generationen baumlebender Reptilien. Von keinem einzelnen von ihnen,
wohlgemerkt. Jedes von ihnen starb mit den gleichen Fähigkeiten, mit denen es aus dem Ei
geschlüpft war, mit keinem Deut mehr.
Aber im Ablauf der Generationenfolge bevorzugte die Selektion aus einsichtigen Gründen die
Individuen, deren Luftsprünge besonders gut gesteuert und weit waren. Ihre Fähigkeit wurde
»ausgelesen« mit der Folge, dass Äonen später der erste Archäopteryx, der reptilienähnliche
Urvogel, entstanden war (mit dessen Erscheinen die Entwicklung selbstredend aber keineswegs
zum Stillstand kam).
Auch dieser Ablauf ist nichts anderes als das Erwerben einer Erfahrung, in unserem Beispiel der
Erfahrung, »wie man fliegt«. Man versuche nur einmal, auf andere Weise zu beschreiben oder zu
definieren, was da vor sich gegangen ist. Die Unterschiede zu dem, was wir heute mit dem Begriff

22
Was wir beobachten, wenn Jungvögel es im Verlaufe einiger Tage vom ersten unbeholfenen Herumhüpfen auf dem Nestrand über ein unsicheres
Flattern bis zum richtigen Fliegen bringen, hat mit »lernen«, wie dieses und zahllose andere Experimente gezeigt haben, in Wirklichkeit nichts zu tun.
Der äußerlich sichtbare Fortschritt ist in diesen und vergleichbaren Fällen nachweislich nicht die Folge des Sammelns individueller Erfahrung nach
dem Prinzip »Versuch, Irrtum und Erfolg«, sondern einfach die Folge der Tatsache, dass in einer bestimmten Phase nach dem Schlüpfen die
Hirnstrukturen anatomisch ausreifen und damit funktionsreif werden, in denen die Erfahrung »wie man fliegt« erblich niedergelegt ist.
Ebenso verhält es sich übrigens auch bei einem Kleinkind, das » gehen lernt«. Auch bei ihm ist in Wirklichkeit von »lernen« gar keine Rede. Auch der
zweifüßige Gang des Menschen ist ein arteigenes angeborenes Programm. Unsere Fähigkeit zu gehen ist eine uns angeborene Erfahrung. Wir
erwerben diese Fähigkeit folglich nicht durch individuelles Lernen, auch wenn es so aussieht, sondern durch die endgültige Ausreifung der Teile
unseres Stammhirns nach der Geburt, in denen dieses Programm gespeichert ist.
108
meinen, betreffen nur zwei Punkte, von denen der eine belanglos, der andere jedoch interessant und
wichtig ist.
Der erste besteht in dem viele Größenordnungen betragenden Unterschied des zeitlichen Maßstabs.
Ein Lebewesen, das über das Niveau des reinen Zwischenhirndaseins hinausgelangt und damit des
individuellen Sammelns von Erfahrungen fähig geworden ist - wir nennen das gewöhnlich »lernen«
-, kann unter Umständen innerhalb von Sekunden aus einer einzigen Erfahrung anpassende
Konsequenzen für sein künftiges Verhalten ziehen. Die Art dagegen lernt innerhalb von Zeiträumen,
die sich nach Jahrzehntausenden bemessen.
Der zweite Unterschied betrifft die Tatsache, dass das Lernen der Art ein bewusstloses Lernen ist.
Es gibt noch kein Subjekt, das den Prozess miterleben könnte, der sich hier überindividuell im
Verlaufe des Generationenwechsels abspielt. Aber dieses Fehlen des subjektiven Aspekts berührt
die Tatsache nicht, dass die Prozesse, die auf den beiden verschiedenen Ebenen der Entwicklung
ablaufen, und ebenso ihre Konsequenzen formal identisch sind. Es wäre daher auch hier nur ein
Vorurteil auf Grund der Perspektive unseres eigenen Standpunkts, wenn wir daraus allein, ob der
Vorgang, den wir mit »Sammeln von Erfahrungen« meinen, bewusst erlebt wird oder ohne
Bewusstsein verläuft, den Schluss ziehen sollten, dass in der Sache selbst ein Unterschied bestehe.
Mancher wird hier vielleicht noch einen dritten Unterschied zu sehen glauben. Im ersten
Augenblick scheint doch auch der dem Sammelprozess zugrunde liegende Mechanismus in beiden
Fällen verschieden zu sein. Die genauere Betrachtung ergibt jedoch, dass das nicht der Fall ist. Die
Bereitwilligkeit oder gar Selbstverständlichkeit, mit der wir davon auszugehen pflegen, dass es sich
auf der einen Ebene um einen biologischen, durch Mutation und Selektion an der DNS
angreifenden Prozess, auf der anderen, individuellen Ebene dagegen um einen psychologischen
Vorgang und damit um etwas grundsätzlich anderes handeln müsse, zeugt auch nur wieder von
unserer Voreingenommenheit zugunsten einer grundsätzlichen Trennung von »Physischem« und
»Psychischem«.
Die Realität sieht anders aus. In Wirklichkeit haben biochemische Untersuchungen der dem
individuellen Lernen zugrunde liegenden hirnphysiologischen Prozesse in den letzten Jahren
erstmals greifbare Befunde ergeben. Diese aber stützen die hier vertretene Behauptung von der
prinzipiellen Identität der beiden Vorgänge zusätzlich.
Wir wissen seit der Aufdeckung des genetischen Codes, dass die Evolution durch Veränderungen an
der DNS genannten »Erbsubstanz« in den Kernen lebender Zellen zustande kommt. Deren
Resultate werden mit Hilfe einer von den Wissenschaftlern RNS genannten Trägersubstanz an
bestimmte Stellen des Zell-Leibes (Plasmas) transportiert. Dort werden dann die die Zelle
aufbauenden und erhaltenden Eiweißstrukturen den Anordnungen des eingetroffenen Codes
entsprechend gebildet. Die Bezeichnungen DNS und RNS sind einfach Abkürzungen der exakten

109
chemischen Namen der beiden Substanzen, auf deren zungenbrecherische Vollständigkeit wir in
unserem Zusammenhang ohne Nachteil verzichten können.
Grundsätzlich nicht anders scheint das aber auch im Falle des individuellen Lernens, des
»Gedächtniserwerbs«, zu sein. Aufsehenerregende Experimente im Laboratorium von Georges
Ungar in Houston, USA, sprechen neuerdings dafür, dass bestimmte Gedächtnisinhalte in der Form
komplizierter Eiweißkörper im Gehirn gespeichert werden. Auch diese Eiweißmoleküle werden
durch das Zusammenspiel von DNS und RNS aufgebaut. Wie komplizierte Schlüssel schließen sie
bestimmte, mehr oder weniger flüchtige oder auch dauerhafte Kontakte zwischen verschiedenen
Nervenbahnen und lösen dadurch das aus, was man eine »Erinnerung« nennt.
Es würde zu weit führen, hier die Einzelheiten dieser Forschungsrichtung zu schildern 23. Worauf es
ankommt, ist die Tatsache, dass die wissenschaftliche Erforschung der zugrunde liegenden
Mechanismen die Auffassung von der prinzipiellen Identität der beiden hier diskutierten Leistungen
sogar noch zusätzlich unterstützt.

23
Wer an Einzelheiten der modernen biochemischen Gedächtnisforschung interessiert ist, sei auf folgende Originalarbeiten verwiesen: Domagk, G. F.,
und H. P. Zippel: Biochemie der Gedächtnisspeicherung. Naturwissenschaften 57, 152 (1970). Ungar, G.: Molecular coding of information in the
nervous system. Naturwissenschaften 59, 85 (1972).
110
11. Hierarchie von unten nach oben

Auslösungsschwellen stiften Ordnung

Wenn wir die Rolle des Zwischenhirns vereinfacht als die eines Programmspeichers für
Verhaltensmuster betrachten und jetzt rückblickend mit der des darunter liegenden unteren
Hirnstamms vergleichen, dann zeigt sich, dass sich grundsätzlich nichts Neues ereignet hat. Auf
höherer Ebene wurde von der Evolution wiederholt, was ihr zuvor auf der unteren schon gelungen
war.
Erinnern wir uns nochmals daran, was geschieht, wenn wir »frieren«. Zu Beginn von Kapitel 5
wurden die zahlreichen unterschiedlichen, an ganz verschiedenen Organsystemen ablaufenden
vegetativen Funktionen ausführlich erörtert, die dann einsetzen, wenn »uns kalt wird«. Wir hatten
gesehen, auf welche Weise alle diese Funktionen, von der Verengung der kleinen Hautgefäße, dem
Zittern der Muskulatur über das Entstehen einer Gänsehaut bis zu einer Verstärkung der
Schilddrüsentätigkeit, jede auf ihre eigene Art - durch Vermehrung der Wärmeproduktion oder
Verringerung der Wärmeabstrahlung - zur Aufrechterhaltung der normalen Körpertemperatur
beitragen.
Dabei hatte sich gezeigt, dass ein Zusammenwirken so vieler verschiedener Teilfunktionen eine
koordinierende Instanz voraussetzt. Die »Integration« aller Einzelfunktionen im Hinblick auf das
gemeinsame Ziel erfordert eine übergeordnete Steuerung. Als die Instanzen dieser Steuerung oder
Regelung hatten wir die im unteren Hirnstamm von Reichardt bei seinen Paralyse-Patienten
nachgewiesenen vegetativen Zentren identifiziert.
Diese Zentren sprechen auf spezifische Reize an. Im Falle des Temperaturzentrums, das die
Wissenschaftler auch »Temperaturauge« nennen, ist das die Temperatur des vorbeiströmenden
Bluts. Sobald diese vom Sollwert abzuweichen beginnt, setzt das Zentrum die mit ihm verbundenen
Organsysteme, in diesem Falle also die kleinen Muskeln in der Haut,
Blutgefäße, Skelettmuskulatur und Schilddrüse, zur Gegensteuerung in Gang. Dieses harmonisch
abgestimmte Zusammenspiel hatten wir, wie das auch in der Wissenschaft üblich ist, als »Syndrom«
bezeichnet.
»Vegetative Syndrome« also sind es, die sich in unserem Körper abspielen, wenn wir hungern,
frieren, müde oder durch einen Schreck »alarmiert« werden. Auch das sind Programme, die in der
Gestalt bestimmter Nervenverbindungen fertig vorliegen und durch spezifische Reize aktiviert
werden, wenn die Situation eintritt, zu deren Bewältigung sie entwickelt wurden. Insofern also sind
die Verhaltensprogramme, die Hess und von Holst bei ihren Versuchstieren eine Etage höher, im
Zwischenhirn, entdeckten, keine grundsätzlich neue Erfindung der Evolution.
Dem Fortschritt der Entwicklung entsprechend, den das Zwischenhirn dem unter ihm liegenden
älteren Stammhirn voraus hat, gibt es aber doch einen wichtigen und für unsere Betrachtung
111
aufschlussreichen Unterschied. Er bezieht sich auf den spezifischen Reiz, den »Schlüssel«, der das
jeweilige Programm in Gang setzt. Auf der vegetativen Ebene kommt die Auslösung, wie schon
besprochen, einfach dadurch zustande, dass die jeweilige Bedarfssituation selbst direkt auf den
auslösenden Mechanismus des Programms, also auf das betreffende vegetative Zentrum, einwirkt.
Im Falle des Frierens ist das ein Absinken der Bluttemperatur um einen winzigen Betrag. Im Falle
der Regelung des Wasserhaushalts ist es ein Abweichen der physikalischen und chemischen
Zusammensetzung der Blutflüssigkeit vom biologisch festgelegten Sollwert. Bei der Überwachung
des Kalorienbedarfs des Organismus, der Nahrungsbilanz, besteht der Schlüsselreiz im Absinken
des Hauptenergielieferanten im Blut, also des Blutzuckers, usw.
Das ist auf der Ebene des Zwischenhirns anders. Hier ist es nicht mehr die Bedarfssituation selbst,
die als Auslöser wirkt, sondern ein »Signal«. Nicht mehr ein »Reiz« - im Sinne eines direkten
Eingriffs der Umwelt in den Organismus -, sondern ein biologisch in sich selbst indifferenter
Informationsträger mit einer mehr oder weniger willkürlich, gleichsam durch Konvention
festgelegten Bedeutung.
Hier, auf der Ebene des Zwischenhirns, ist die Beziehung zwischen Organismus und Umwelt
erstmals nicht mehr rein physikalisch-chemischer Natur. Hier erhebt sich diese Beziehung erstmals
über die Kategorien von Ursache und Wirkung empor zu einer Kommunikation, die durch
»Zeichen« vermittelt wird. Durch Reizkonstellationen, deren Bedeutung nicht durch eine kausale
Wirkung eindeutig und von vornherein festgelegt ist, sondern die ihre Bedeutung »historisch«, im
Ablauf der Evolution erhalten haben.
Die ungeheuren Konsequenzen dieser Ablösung von der ursprünglich rein kausalen Beziehung zur
Umwelt zeigen sich in ihrem ganzen Umfang erst bei dem letzten Schritt der Hirnentwicklung, der
Ausbildung des Großhirns. Um so wichtiger ist die Einsicht, dass sie schon hier, beim Übergang
von der vegetativen zur nächsthöheren Ebene der Verhaltensprogramme, erfolgt ist. Wie die
Reizkonstellationen, die auslösenden Faktoren, auf dieser Ebene aussehen, das wird uns im
übernächsten Kapitel anhand einiger konkreter Beispiele eingehend beschäftigen. Vorher sind aber
noch einige Bemerkungen über die Art der Beziehung zwischen oberer und unterer Funktionsebene
notwendig.
Die im Zwischenhirn gespeicherten Verhaltensprogramme sind in einer zum Teil recht
komplizierten Weise von der Funktion der darunter liegenden vegetativen Programme abhängig.
Wir stoßen hier erstmals auf die ganz zu Anfang schon erwähnte Tatsache, dass die Hierarchie der
verschiedenen Hirnabschnitte nicht eindeutig festgelegt ist. Es ist eben nicht so, wie man zunächst
glauben könnte, dass ein jüngerer, in seiner Funktion weiter entwickelter Teil des Gehirns immer
und in unbeschränktem Maße das Übergewicht über ältere, archaische Hirnabschnitte hat. Die Welt
sähe anders aus, wäre das tatsächlich der Fall.

112
Im Grunde weiß das jeder. Es ist aber für das Verständnis des Ganzen so wichtig, dass hier anhand
einiger Beispiele noch einmal daran erinnert werden soll. Auf der Hand liegt als erstes, dass jedes
Zwischenhirnzentrum von jedem vegetativen Zentrum insofern abhängt, als dieses seine Aufgabe
erfolgreich gelöst haben muss, damit jenes überhaupt in Funktion treten kann.
Einfacher und konkreter: Wenn die Aufrechterhaltung der kalorischen Bilanz - aus welchen
Gründen auch immer - nicht gelingt, wird die Auslösbarkeit der hierarchisch übergeordneten
Verhaltensprogramme zunehmend gefährdet und schließlich unmöglich. Noch einfacher. Bei
Hunger und im Verlaufe zunehmender Unterernährung fallen Balz- oder Verteidigungsreaktionen
schließlich unter den Tisch.
Man darf sich diese Abhängigkeit der oberen von der unteren Etage aber nicht nur so banal
vorstellen, wie es nach diesem bewusst gewählten simplen Beispiel im ersten Augenblick aussehen
könnte. Selbstverständlich ist die Aktion auf der oberen Ebene abhängig davon, dass die Zentren
auf der unteren Ebene die elementaren Voraussetzungen für jegliche Aktion überhaupt schaffen,
indem sie in unserem Beispiel also die unentbehrlichen Energievorräte zur Verfügung stellen. Es
bedarf keiner Begründung, dass die vegetativen Elementarfunktionen die unentbehrliche Grundlage
für alle übergeordneten Lebensvorgänge sind.
Aus ebendiesem trivialen Grunde ging Ja auch in der Evolution die Entstehung des vegetativen
Hirnstamms der Entwicklung des Zwischenhirns voraus. Das eine ist die Voraussetzung des
anderen. Bis an das Ende der Tage wird das Zwischenhirn seine Aufgaben nur erfüllen können,
solange das Stammhirn seine Pflicht tut. Dieser höchst simple Sachverhalt ist der Grund für den
folgenschweren Umstand, dass in der langen Geschichte der Hirnentwicklung die »Fossilien« am
Leben bleiben mussten. Der Grund dafür, dass unser Gehirn ein aus anachronistischen Elementen
zusammengesetztes Organ ist, dessen voneinander abhängige Teile aus ganz verschiedenen
Erdzeitaltern stammen. Die Konsequenzen dieses eigentümlichen Sachverhalts werden uns noch
eingehend beschäftigen.
Aber die Abhängigkeit der oberen von den unteren Instanzen des Gehirns gilt nicht nur in dieser
groben Form. Es gibt weitaus subtilere Varianten von größter Bedeutung. Am wichtigsten ist der
Fall der »inneren Bereitschaft«, wissenschaftlich gesprochen: die Steuerung der Schwellen für die
Auslösung bestimmter Verhaltensweisen. Wir wollen das am Beispiel des sexuellen
Verhaltensbereichs genauer betrachten.
Holst konnte bei seinen Hähnen von einer bestimmten Stelle des Zwischenhirns aus mit großer
Regelmäßigkeit Bewegungsabläufe auslösen, die eindeutig Bestandteile des für diese Tierart
charakteristischen Balzverhaltens waren. Die Hähne begannen bei jedem Knopfdruck sich
aufzuplustern, sie gaben die typischen quarrenden und glucksenden Laute von sich, mit denen sie
einer Henne auch auf dem Hühnerhof signalisieren, dass sie in Hochzeitsstimmung geraten. Dann
trippelten sie im Kreise und spreizten dabei den innen gelegenen Flügel so stark, dass seine Spitze
113
schließlich auf der Tischplatte schleifte. Mit einer solchen »Balzspirale« umkreisen sie
normalerweise die umworbene Henne. Eine Henne war bei den Experimenten jedoch weit und breit
nicht zu sehen. Wodurch wird das gleiche Programm, das Holst bei seinen Experimenten durch
einen elektrischen Stromstoß mobilisierte, nun eigentlich unter normalen Umständen ausgelöst? Die
scheinbar nächstliegende Antwort: »durch den Anblick einer Henne«, ist aus mindestens zwei
Gründen mit Sicherheit total falsch. Beide Gründe sind äußerst lehrreich.
Die Formulierung »durch den Anblick der Henne« legt zunächst einmal erneut Zeugnis ab für die
fast unausrottbare Naivität, mit der wir alle immer und immer wieder arglos dazu neigen, alles, was
sich in der belebten Natur abspielt, durch unsere eigene Brille zu sehen. In anderem Zusammenhang
war im vorhergehenden Kapitel schon eingehend von der nur für unseren anthropozentrischen
Mittelpunktswahn befremdlichen Erkenntnis die Rede, dass »Sehen« für die allermeisten
Augenbesitzer auch unter den höheren Tieren etwas ganz anderes bedeutet als für uns. Wir sollten
das hier nicht gleich wieder vergessen.
Mit dem, was wir den »Anblick einer Henne« nennen, hat das, was der Hahn erlebt, mit Sicherheit
kaum noch irgendeine Ähnlichkeit. Was der Hahn wahrscheinlich »sieht«, wenn eine Henne in
seinem Gesichtsfeld auftaucht, das wird uns, zusammen mit vergleichbaren Fragen, im
übernächsten Kapitel beschäftigen, in dem wir uns mit der Frage auseinandersetzen müssen, was
»Welt« und »Welterleben« von der Ebene des Zwischenhirns aus, also für ein
»Zwischenhirnwesen«, eigentlich bedeuten 24.
Aber auch das wie hahnenhaft auch immer beschaffene Abbild einer Henne kann, zweitens, unter
keinen Umständen der allein wirksame Auslöser des Balzverhaltens sein. jeder, der in seinem Leben
auch nur ein einziges Mal einen Hühnerhof gesehen hat, müsste das wissen. Es ist nämlich ganz im
Gegenteil die Regel, dass Hähne und Hühner in größter Gelassenheit nebeneinander scharren und
nach Futter picken, ohne aneinander das geringste sexuelle Interesse zu zeigen.
Was also ist der Auslöser? Machen wir es kurz: Es ist schon die Henne -oder das, was der Hahn von
der Henne wahrnimmt -, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Die wichtigste dieser
Voraussetzungen ist eine »innere Bereitschaft« des Hahns, sich von sexuellen Signalen ansprechen
zu lassen. Es gibt so etwas wie eine innere »Schwelle«, die überwunden werden muss, wenn das
sexuelle Verhaltensprogramm des Zwischenhirns anspringen soll.
Dieses Phänomen der »Schwelle« gilt für alle anderen Verhaltensprogramme auch und weit darüber
hinaus für sehr viele andere biologische Vorgänge. Die Schwelle kann hoch sein. Dann bedarf es
eines besonders starken auslösenden Reizes, das betreffende Programm in Gang zu setzen. Im

24
Selbstverständlich ist es eine Abstraktion, wenn hier und an anderen Stellen von »Zwischenhirnwesen« die Rede ist oder in anderer Form so getan
wird, als ob es eine scharfe Grenze zwischen den drei Entwicklungsschritten (vegetativer Hirnstamm, Zwischenhirn, Großhirn) gäbe, an denen sich
die Darstellung orientiert. In der Realität der Natur gibt es alle überhaupt nur denkbaren Übergänge zwischen ihnen und nur in Ausnahmefällen
Organismen, deren Nervensystem sich tatsächlich nur auf einen Hirnstamm oder die Kombination Hirnstamm/Zwischenhirn beschränkt. Die sich aus
der Mehrzahl der Übergangsformen ergebende Vielfalt würde die Darstellung jedoch unübersichtlich machen und das Verständnis außerordentlich
erschweren. Eine »idealtypische« oder generalisierende Abstraktion auf drei theoretisch voneinander abgegrenzte Typen ist unter diesen Umständen
ein legitimes Verfahren, das übrigens auch in der wissenschaftlichen Forschung angewendet wird.
114
Extremfall wird die Auslösung sogar unmöglich. Die Schwelle kann auch stark erniedrigt sein.
Dann genügen winzige äußere Anlässe zur Auslösung. Im Falle dieses Extrems kann das Programm
sogar, als sogenannte »Leerlaufhandlung«, ohne entsprechenden Reiz und unter Umständen in einer
ganz und gar nicht passenden Umweltsituation »Spontan« in Gang kommen.
Um die außerordentliche Zweckmäßigkeit dieses biologischen Prinzips einzusehen, braucht man
nur einmal zu überlegen, was die Folge wäre, wenn es derartige regelbare Schwellen nicht gäbe.
Das Resultat wäre ein funktionelles Chaos. Denn dann würden alle Verhaltensprogramme, die in
einem Individuum überhaupt bereitliegen, grundsätzlich jederzeit und gleichzeitig in Gang kommen
können. Die Schwellen, die die Evolution vor die Auslösung der verschiedenen Verhaltensmuster
gesetzt hat, verhindern, dass es dazu kommt. Ihre Regelbarkeit ermöglicht eine Abstimmung unter
den verschiedenen Programmen im Sinne wechselnder »Prioritäten«, eine Anpassung an die
wechselnden Anforderungen durch die Umwelt und damit Ordnung.

Sicherheit »von unten«

Wer aber stiftet diese Ordnung? Wer regelt die Schwellen? Mit dieser Frage sind wir wieder bei der
besonderen Form der Abhängigkeit der oberen, durch das Zwischenhirn repräsentierten, von der
unteren Instanz angelangt. Die Antwort: Die Regelung der Schwellen und damit die Entscheidung
über die relative Auslösbarkeit der verschiedenen Verhaltensrepertoires erfolgt ebenfalls durch die
vegetativen Zentren des Hirnstamms.
Verhältnismäßig übersichtlich sind die Beziehungen im Falle des Fressverhaltens. Es leuchtet
unmittelbar ein, dass eine Verschlechterung der Energiebilanz - des Ernährungszustands - das
entsprechende vegetative Zentrum nicht nur veranlasst, die in den Körpergeweben (Fettgewebe,
Muskulatur und Leber) noch gespeicherten Energiereserven zu mobilisieren. Gleichzeitig wird auch
die Schwelle der im Zwischenhirn parat liegenden Verhaltensprogramme erniedrigt, die der
Futtersuche, dem Beutefang oder anderen arteigenen Methoden der Beschaffung neuer
Energievorräte - »Nahrung« - dienen.
Gerade weil die Verhältnisse hier so relativ einfach sind, kann man sich am Beispiel des
Fressverhaltens leicht klarmachen, in welcher Weise durch die Regelung der Auslöseschwellen auch
Prioritäten für die Aktionen auf der Ebene des Zwischenhirns geschaffen werden. Ein
Verhaltensprogramm, dessen Schwelle in einem gegebenen Augenblick besonders niedrig ist, wird
sich in der Regel gegen alle anderen Programme durchsetzen. In der Praxis heißt das, dass bei
akutem Kalorienmangel alle Verhaltensmuster, die zur Behebung dieses Zustands beitragen können,
schon bei dem geringsten Anstoß in Aktion treten, während gleichzeitig alle anderen Möglichkeiten
ruhen.
Wenn dann als unausbleibliche, aber auch erstrebte Folge der Konzentration auf diesen einen
Bereich die Energiereserven des Organismus wieder auf gefüllt sind, tritt »Sättigung« ein. Das aber

115
heißt nichts anderes, als dass die Schwellen des Fressverhaltens jetzt maximal heraufgesetzt sind,
womit zugleich die Möglichkeit der Auslösung anderer Programme wieder freigegeben wird. Es ist
ohne weiteres zu verstehen, dass diese Art der Regelung die Aktionen des Zwischenhirns gleichsam
präjudiziert.
Der biologische Sinn dieses regulatorischen Zusammenhangs oder »Regelkreises« ist offensichtlich.
Er stellt auf die denkbar einfachste und zuverlässigste Art und Weise sicher, dass die höheren
Zentren, die die Aktivität eines Organismus steuern, in keinem Augenblick eines der elementaren
biologischen Bedürfnisse »übersehen« können, von denen die Existenz des Individuums abhängt.
Die »von unten«, von der vegetativen Ebene aus erfolgende Regelung der Schwellen, deren Höhe
über die Auslösbarkeit der Aktionen des Zwischenhirns entscheidet, hindert diesen oberen Hirnteil
daran, den biologischen Ast zu gefährden, von dem es selbst getragen wird.
Eine auch im Zustand bereits eingetretenen Kalorienmangels ungebremst fortlaufende motorische
Aktivität sexuellen oder aggressiven Charakters würde unvermeidlich zur totalen Erschöpfung und
im Extremfall sogar bis zum Tode führen können. Die Tatsache, dass die vegetativen Zentren die
Zügel in der Hand haben, mit denen sie die Auslösbarkeit der verschiedenen Verhaltensprogramme
in der oberen Etage steuern können, verhindert, dass der Rahmen des für die biologische Existenz
Zumutbaren überschritten wird. Solange der Hunger herrscht, »beherrscht« er das betreffende
Lebewesen. In diesem Zustand sind die Schwellen für die übrigen Verhaltensmöglichkeiten so
erhöht, dass alle Aktivität sich auf das eine Ziel der Nahrungsbeschaffung konzentriert.
Man trifft diesen Sachverhalt in einem sehr wichtigen Punkt auch dadurch, dass man sagt, die
Steuerung und Abstimmung der Schwellen lege den »Spielraum« für alle Aktionen des
übergeordneten Zentrums fest. Die Freiheit des Zwischenhirns ist nicht absolut. Vor seine Aktionen
hat die Evolution buchstäblich Schwellen gesetzt, deren ständig wechselnde Höhe vorgegebene,
sich ständig ändernde Prioritäten auf der übergeordneten Aktionsebene schafft.
Dieser Sachverhalt ist außerordentlich wichtig. Die eigentümliche Art der Abhängigkeit des jeweils
oberen vom unteren Hirnteil ist für das Verständnis aller Hirnfunktionen grundlegend. Wir werden
diese Abhängigkeit auch beim nächsten Schritt, im Verhältnis zwischen dem Zwischenhirn und der
Großhirnrinde, wieder vorfinden. Auch das Großhirn ist nicht souverän. Die hier beschriebene
Gesetzlichkeit setzt sich - in abgewandelter Form - bis zur obersten Instanz durch. Ihre Kenntnis
wird sich daher als Voraussetzung zum Verständnis charakteristischer Besonderheiten der
menschlichen Psyche erweisen, die sonst unerklärlich wären 25.
25
Hier im Vorgriff auf den letzten Abschnitt des Buchs der Hinweis auf ein triviales, aber amüsantes Beispiel aus dem Bereich kindlichen Verhaltens,
auf das der deutsche Psychiater Rudolf Bilz aufmerksam gemacht hat. Wer Kinder daraufhin beobachtet, kann immer wieder einmal feststellen, dass
sich das Verhaltensprogramm »Nahrungsaufnahme« und das Programm »Gehen« (auch der Zweifüßergang ist ein unterhalb der Großhirnrinde
gespeichertes Programm motorischen Verhaltens) gegenseitig im Wege sein können. Wenn ein Kind auf dem Heimweg vom Kindergarten oder bei
einer ähnlichen Gelegenheit ein mitgebrachtes Stück Brot zu essen beginnt, bleibt es nicht selten unvermittelt stehen. Wer länger zusieht, kann
manchmal registrieren, dass sich die Sequenz »abbeißen – stehen bleiben« und »kauen - weitergehen« anschließend mehrfach wiederholt. Hier
scheint die Herabsetzung der Schwelle für den einen Verhaltensbereich die für den anderen relativ zu erhöhen. In späteren Jahren ist das nicht mehr so
deutlich, weil sich im Laufe der Zeit bestimmte Gewöhnungen und »Dressuren« durch die Umwelt stärker durchsetzen. Wer sich jedoch genau zu
beobachten imstande ist, wird auch an sich selbst die Tendenz feststellen können, etwa bei einem Spaziergang einen Augenblick stehen zu bleiben, um
in ein mitgenommenes Brot »in Ruhe« hineinbeißen zu können!
116
Licht bindet an die Umwelt

Zum Abschluss dieses Kapitels muss jetzt aber noch die Frage beantwortet werden, welcher
Mechanismus es ist, der »von unten her« die Höhe der Schwelle für die Auslösung sexuellen
Verhaltens bestimmt. Die Bereitschaft zum Fressen wurde bei unserem Hahn durch die
Schwankungen des Blutzuckers reguliert. Welcher Faktor steuert nun seine Bereitschaft, sich für die
neben ihm pickende Henne sexuell zu interessieren?
Die Antwort kennt jeder, der im Biologieunterricht aufgepasst hat: bestimmte Hormone, die eben
deshalb, weil sie - und das nicht nur bei den Hühnern - spezifisch zu einer Schwellenerniedrigung
für sexuelles Verhalten führen, Sexualhormone genannt werden. Die Tatsache ist also bekannt.
Hinter ihr verbirgt sich jedoch ein weit weniger bekannter Zusammenhang, den wir abschließend
noch erörtern müssen.
Dass die Bereitschaft zum Fressen beim Hahn über den Blutzuckergehalt direkt mit den aktuellen
Energiereserven des Tiers gekoppelt ist, stellt ganz offensichtlich die zweckmäßigste denkbare
Lösung dar. Wie steht es damit aber nun im Falle des Sexualhormons? Welche objektiven
Bedürfnisse oder biologischen Notwendigkeiten werden von seinen Schwankungen
widergespiegelt? Oder erfolgen diese etwa ohne jede Zweckmäßigkeit rein zufällig?
Beim Nachdenken über diese Frage muss man das sexuelle Verhalten des Menschen völlig
ausklammern. Dieser Bereich ist bei uns selbst in solchem Maße von nichtbiologischen,
insbesondere zivilisatorischen und kulturellen Einflüssen, aber auch von rationalen Faktoren -
Beispiel: »Familienplanung« - überformt und geprägt, dass seine biologischen Eigentümlichkeiten
dahinter fast verschwinden.
Betrachtet man dagegen die Verhältnisse im Tierreich, so lässt sich nicht übersehen, dass die
Schwankungen der die Balzzeit oder Brunst auslösenden Hormone ganz wie die des Blutzuckers an
die Schwankungen einer biologisch für den betreffenden Bereich höchst wichtigen Größe gekoppelt
sind. Diese liegt hier allerdings nicht im Organismus selbst, sondern in der Außenwelt. Es sind die
jahreszeitlichen Schwankungen der klimatischen Verhältnisse.
Als Folge der hormonalen Schwankungen ist die Zeit, in der eine Empfängnis allein möglich ist, bei
allen wildlebenden Tieren auf eine ganz bestimmte jahreszeitliche Frist beschränkt. Betrachtet man
die Verhältnisse bei den einzelnen Arten näher, so ergibt sich, dass die Geburt der jungen in eine
Jahreszeit fällt, die ihnen möglichst lange möglichst günstige Umweltbedingungen bietet.
Besonders interessant sind die Fälle, in denen dabei der ganze Winter »in die Rechnung
einbezogen« wird, in denen also, wie bei fast allen wildlebenden Großsäugern, die Brunst in den
Spätsommer fällt. Niemand, der die Ordnung des Kalenders kennt und mit ihr rechnen kann, hätte
den Termin günstiger legen können. Denn die Tragzeiten sind bei diesen Arten so lang, dass die

117
jungen dann im darauffolgenden Frühjahr zur Welt kommen. Wie ist solche »Vorausschau«
möglich?
Weder Reh noch Hirsch haben eine Ahnung von der strengen Periodik, in der die Jahreszeiten
infolge der astronomischen Situation unseres Planeten einander abwechseln. Auch hier wieder
kommt dem Individuum eine Erfahrung zugute, die es selbst nicht gemacht hat und die es selbst
auch gar nicht hätte machen können. Auch hier handelt es sich wieder um eine nicht bewusst
werdende Erfahrung, die angeboren ist.
Woher aber »weiß« das zuständige vegetative Zentrum, wann es Zeit ist, die Ausschüttung von
Sexualhormonen in den Blutkreislauf zu veranlassen? Welcher Zeitgeber informiert es über den
richtigen Termin? Auch die Antwort darauf ist heute bekannt: Nach allem, was wir wissen, ist es die
Dauer des Tageslichts.
Wieder fällt die enorme Zweckmäßigkeit der Koppelung an gerade diese Umweltgröße auf. Eine
Bindung an bestimmte Temperaturgrenzen wäre, wenn man die unberechenbaren Schwankungen
des Klimas bedenkt, sehr viel riskanter gewesen. Ein langer warmer Herbst oder, umgekehrt, ein
vorzeitig kühler Spätsommer würden dann den ganzen Terminplan gefährden können. Die einzige
Größe, die sich im Zusammenhang mit dem Wechsel der Jahreszeiten wirklich streng periodisch
ändert, das ist in der Tat die Dauer der Tageshelligkeit.
Nun mag mancher bezweifeln wollen, dass die für unser bewusstes Erleben so unmerklich langsam
und auch absolut nur Minutenbeträge pro Woche ausmachende Verkürzung der Tageslänge im
Herbst einen brauchbaren biologischen Zeitgeber abgeben kann. Es ist jedoch experimentell
erwiesen, dass schon niedere Tiere und sogar Pflanzen die Dauer der Tageslänge - oder in anderen
Fällen die Dauer der nächtlichen Dunkelheit - auf Minuten genau »messen« können. Zwar kennt
man das Uhrwerk, das hier als Zeltnehmer fungiert, bisher noch nicht. Vermutet werden molekulare
Prozesse im Zellkern. An der Tatsache selbst besteht jedoch nicht mehr der geringste Zweifel.
Die vielleicht wichtigste Einsicht, die sich für uns aus dem damit vorliegenden Zusammenhang
ergibt, besteht darin, dass die Funktion der vegetativen Zentren sich offensichtlich nicht auf die
Herstellung und Bewahrung der biologischen Ordnung im Inneren des Organismus beschränkt. Im
Falle unseres Beispiels - und es gibt noch eine ganze Reihe anderer ähnlicher Fälle - führt die
Tätigkeit des vegetativen Zentrums darüber hinaus auch zur Einordnung des Organismus in die
Außenwelt. Das ist eine sehr wichtige, für unsere naive Vorstellung eigentlich ganz unerwartete
Entdeckung. Man muss sich klarmachen, was das heißt: Das Gehirn ordnet ein Lebewesen also
nicht allein dadurch in die Außenwelt ein, dass es ihm die Möglichkeit zur Aktion in dieser - und
gegenüber dieser - Außenwelt eröffnet. Es ist erst recht nicht so, dass das Gehirn diese Möglichkeit
etwa einem Lebewesen einräumte, das seiner Umwelt gegenüber absolut frei und selbständig wäre.
Viel früher schon, Hunderte von Jahrmillionen bevor diese Möglichkeit überhaupt denkbar wurde,
hat das gleiche Gehirn im ersten Anfang seiner Entwicklung etwas ganz anderes, für alle Zukunft
118
Unaufhebbares getan. Es hat auf seiner untersten, der vegetativen Stufe ein für alle Male dafür
gesorgt, dass das Individuum sich bei seiner Verselbständigung nicht total von der Umwelt
abtrennte. Wie eine Pflanze mit ihren Wurzeln, so unauflöslich ist seitdem auch jeder höhere
Organismus durch die vegetativen Zentren seines Hirnstamms konkret und körperlich - eben:
»vegetativ« - an seine Umwelt gebunden.
26
Bindemittel ist in unserem Beispiel - und in noch vielen anderen Fällen - das Licht. Es überträgt
den jahreszeitlichen Rhythmus der Außenwelt auf den Organismus und unterwirft ihn seiner
Frequenz. Das Empfangsorgan ist dabei, wie anders, das Auge. Ist das nicht ein abermaliger Beleg
für die Behauptung, dass Augen mit dem, was wir mit »Sehen« meinen, ursprünglich gar nichts zu
tun hatten?
Beispiele für diese den Organismus mit seiner Umwelt weit unterhalb der Bewusstseinsebene
verknüpfende Funktion des Lichts gibt es auch noch in anderen biologischen Bereichen. Und da die
Abhängigkeit von den fundamentalen Rahmenbedingungen, die die unteren Zentren festlegen, bis
zur obersten Instanz gilt, da sie also auch das Großhirn noch einbezieht, gilt diese vegetative,
»pflanzliche« Verknüpfung mit der Umwelt auch noch für uns selbst.
Im letzten Krieg stellten Ärzte bei deutschen Soldaten, die auf Stützpunkten in der Nähe des
Nordkaps stationiert waren, Anomalien des Wasserhaushalts und des Zuckerstoffwechsels fest. Die
Abweichungen waren harmlos und verschwanden bald nach der Rückkehr in die Heimat. immerhin
klagten einige der Betroffenen für die Dauer der Störung auch über Abgeschlagenheit, verdrossene
Stimmung und Appetitlosigkeit.
Damals wurde der Verdacht laut, dass es sich um Auswirkungen des ungewohnten
Hell-Dunkel-Rhythmus handeln könnte, wie er für diese hohen nördlichen Breiten charakteristisch
ist. Für diese damals noch höchst spekulative Vermutung sprach unter anderem auch der Umstand,
dass die Befunde vor allem im Verlauf der langen Polarnacht immer häufiger auftraten. Einen
Beweis gab es aber nicht.
Erst später kamen Augenärzte, die von diesen Beobachtungen erfahren hatten, auf die naheliegende
Idee, bei Blinden nach ähnlichen Stoffwechselanomalien zu fahnden. Tatsächlich war die Suche
erfolgreich, wenn auch keineswegs bei der Mehrzahl der Fälle. Anscheinend entwickeln Blinde im
26
Gesichert ist auf diesem wissenschaftlich noch jungen Gebiet z. B. eine Steuerung der Verpuppungsstadien bei Insekten. Auch die Wanderaktivität
der Zugvögel hat sich als abhängig von der Tageslänge erwiesen. Von Lichtreizen abhängig sind ferner der Reproduktionszyklus von Forellen sowie
der Tag-Nacht-Rhythmus bei vielen (vielleicht allen) höheren Tieren.
In den meisten Fällen wird das diese und wahrscheinlich noch viele andere biologische Reaktionen bewirkende Licht - oft Licht nur einer ganz
bestimmten Wellenlänge - durch die Augen aufgenommen. Bei manchen Arten (Fischen, Fröschen, Eidechsen) gibt es dagegen zusätzlich noch das
sogenannte Parietalorgan oder »Scheitelauge«. Dabei handelt es sich um ein einzelnes, meist sehr kleines und primitives Auge auf dem Schädeldach.
Es stellt, wie die »echten« Augen, einen vorgeschobenen Teil des Zwischenhirns dar und leitet den Lichtreiz an Hormondrüsen weiter, in erster Linie
an die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse). Der Vergleich zwischen Arten unterschiedlicher Entwicklungshöhe legt die Annahme nahe, dass sich dieser -
dem Himmel zugewandte! - »Lichtreizempfänger« in dem Maße zurückbildete, in dem sich die höheren Tiere im weiteren Verlauf des Lichts als eines
Mediums zur »optischen Wahrnehmung« bemächtigten. Ein starr zum Zenit gerichtetes »Auge« visiert dann, wenn diese Funktion die überhand
gewinnt, natürlich nicht mehr in die richtige Richtung und wird deshalb überflüssig. Die neuen, horizontal justierten Augen haben sicher die gleiche
Vorgeschichte -sie sind in den späteren Stadien der Entwicklung lediglich ihrer jetzt günstigeren Position im Schädel wegen von der Evolution
bevorzugt worden - und können daher die archaischeren Funktionen der vegetativen Verarbeitung und Weiterleitung von Lichtreizen ebensogut
weiterhin aufrechterhalten. Sie sind auch bei unseren Augen noch immer vorhanden und nachweisbar (siehe im weiteren Text).
Auch unsere vormenschlichen Urahnen haben offensichtlich ein solches im hinteren Schädeldach gelegenes »drittes Auge« besessen. Welche
Funktion es erfüllt haben dürfte und wie diese mit der der Zirbeldrüse verwandt ist, zu der sich unser »Scheitelauge« umgewandelt hat, habe ich
ausführlich auf den Seiten 293 bis 297 meines in der Anmerkung 1 genannten Buchs beschrieben.
119
Laufe der Zeit andere Möglichkeiten der Anpassung an den normalen Hell-Dunkel-Rhythmus.
Immerhin sprachen auch diese Untersuchungen dafür, dass unsere Augen neben ihrer Funktion als
Seh-Organ noch immer vegetative Aufgaben als »Lichtempfänger« erfüllen.
Die genauere anatomisch-mikroskopische Untersuchung des menschlichen Gehirns lieferte
schließlich den endgültigen und handgreiflichen Beweis. Es zeigte sich nämlich, dass keineswegs
alle von der Netzhaut unserer Augen ausgehenden Nervenfasern zu jenem »Feld« der Großhirnrinde
ziehen, das als »Seh-Rinde« bezeichnet wird, weil dort die Verarbeitung der Netzhautsignale zu
unseren optischen Wahrnehmungen erfolgt. Ein kleiner Teil endet bereits im Zwischenhirn.
An der Endstelle dieser Fasern liegt eine kleine Zusammenballung von Nervenzellen - ein »Kern«,
wie die Hirnforscher das nennen -, welche die von der Netzhaut hier eintreffenden Meldungen
sammeln, in irgendeiner noch unbekannten Weise verarbeiten und anschließend bezeichnenderweise
an die Hirnanhangsdrüse, die alle Hormondrüsen unseres Körpers steuert, sowie an bestimmte
vegetative Zentren und andere Stellen des Zwischenhirns und Hirnstamms leiten, über deren
Funktion wir heute noch nichts wissen. Um was für Meldungen von der Netzhaut es sich handelt,
ist vorläufig auch noch weitgehend unbekannt. Dass diese Meldungen und Signale mit dem
»Sehen« nichts zu tun haben, ergibt sich jedoch mit Sicherheit schon aus der Endstation, an der sie
hier im Zwischenhirn eintreffen.
Auch unsere Augen sind also nicht nur zum Sehen da. Auch sie erfüllen daneben eine noch sehr viel
elementarere, archaische Aufgabe. Auf irgendeine bisher noch weitgehend unverstandene Weise
verknüpfen sie mit Hilfe des Lichts unseren Körper mit seiner Umwelt. Wir wissen nicht, zu
welchem Zweck, und wir haben kaum herausgefunden, auf welche Weise. Aber wir spüren die
Verbindung mitunter deutlich und ganz körperlich. Etwa dann, wenn uns an einem unvermutet
sonnigen Tag plötzlich ein Glücksgefühl erfüllt, für das es psychologisch keine Erklärung gibt.
Zwischenhirns und Hirnstamms leiten, über deren Funktion wir heute noch nichts wissen. Um was
für Meldungen von der Netzhaut es sich handelt, ist vorläufig auch noch weitgehend unbekannt.
Dass diese Meldungen und Signale mit dem »Sehen« nichts zu tun haben, ergibt sich jedoch mit
Sicherheit schon aus der Endstation, an der sie hier im Zwischenhirn eintreffen.
Auch unsere Augen sind also nicht nur zum Sehen da. Auch sie erfüllen daneben eine noch sehr viel
elementarere, archaische Aufgabe. Auf irgendeine bisher noch weitgehend unverstandene Weise
verknüpfen sie mit Hilfe des Lichts unseren Körper mit seiner Umwelt. Wir wissen nicht, zu
welchem Zweck, und wir haben kaum herausgefunden, auf welche Weise. Aber wir spüren die
Verbindung mitunter deutlich und ganz körperlich. Etwa dann, wenn uns an einem unvermutet
sonnigen Tag plötzlich ein Glücksgefühl erfüllt, für das es psychologisch keine Erklärung gibt.

120
12. Die Welt steckt im Gehirn

Das Abbild geht dem Original voraus

So, wie die Stammhirnzentren vegetative Funktionen zu einheitlichen Syndromen zusammengefasst


hatten, die der Befriedigung elementarer biologischer Bedürfnisse dienen, so organisieren die
Zentren des Zwischenhirns bestimmte Bewegungskoordinationen des Organismus. Von sicher
äußerst einfachen Ansätzen ausgehend gelang es der Evolution auf diesem Wege schließlich, eine
Reihe stereotyper Verhaltensprogramme zu entwickeln und in diesem neuen Hirnteil zu speichern,
mit denen das Individuum die ihm von seiner Umwelt routinemäßig immer wieder gestellten
Aufgaben bewältigen kann.
Der Fortschritt, den diese neue Möglichkeit darstellt, lässt sich unter verschiedenen
Gesichtspunkten beschreiben. Auf der vegetativen Ebene war jeder Reiz noch gleichbedeutend mit
einem Eingriff der Umwelt in den Organismus. Die Auseinandersetzung zwischen dem auf seine
Selbständigkeit bedachten Organismus und der Umwelt, von der er hinsichtlich bestimmter vitaler
Bedürfnisse dennoch abhängig blieb, fand an der Körperoberfläche statt. Sie spielte sich immer
noch in der Form einer direkten, unmittelbar körperlichen Konfrontation ab.
Das hat sich auf der Ebene des Zwischenhirns grundlegend geändert. Ausschlaggebend dürfte der
Umstand gewesen sein, dass das Licht für die Tiere seine ursprüngliche Rolle als Energiequelle fast
völlig verloren hatte. Daraus ergab sich, wie bereits erörtert, die Möglichkeit, die vom Licht am
Organismus selbst bewirkten biologischen Prozesse außer acht zu lassen und sich einer Analyse der
das Licht aussendenden bzw. reflektierenden Quellen zuzuwenden. Die Folge war, Schritt für
Schritt, die Entstehung eines optischen Fernsinns.
Diesem gesellte sich später ein akustischer Fernsinn hinzu. Dessen Entstehung wurde ermöglicht
durch die Tatsache, dass der Tastsinn der Haut nicht nur die unmittelbare Berührung eines bereits an
der Körperoberfläche eingetroffenen Objekts registriert. Elastische Druckwellen, die sich in der
Atmosphäre - oder unter Wasser- fortpflanzen, übertragen die Spuren auch räumlich entfernter
Ereignisse. Das Cortische Organ im Innenohr ist ein später Abkömmling der Haut, der sich auf
diese Signale spezialisiert hat.
Räumliche Entfernung aber ist für den Organismus gleichbedeutend mit zeitlichem Aufschub. Mit
dem ursprünglichen Reiz war die Außenwelt immer schon da. Er war in jedem Falle ein Eingriff.
Entweder ein schädliches Agens, auf das mit Abwehr zu reagieren war, oder benötigtes Material,
etwa Nahrung. Seine Bedeutung stand immer von vornherein fest.
Das alles gilt nicht mehr für die Beziehung zur Umwelt, die ein Fernsinn herstellt. Ein »Reiz«, der
von einem biologisch selbst neutralen Medium übertragen wird - von Licht- oder Luftwellen - und
der Informationen enthält über » etwas« in der Außenwelt, das räumlich von mir noch getrennt,
»noch nicht da« ist, das ist etwas ganz Neues. Hier kündigt sich die mögliche biologische
121
Auseinandersetzung im voraus an. Und die Information, die ihr vorausgeht, ist nicht identisch mit
dem, was sie ankündigt. Deshalb steht auch ihre Bedeutung keineswegs von vornherein fest,
sondern bedarf der Auslegung durch Erfahrung, die auf dieser Stufe noch immer eine
überindividuelle, angebotene Erfahrung ist.
Damit aber fehlen dieser Information die eben noch für den »Reiz« in seiner ursprünglichen Form
angeführten Charakteristika: Die Identität mit einer aktuellen biologischen Auseinandersetzung und,
damit einhergehend, die a priori festliegende Natur seiner Bedeutung. Deshalb soll, um
Verwechslungen und Missverständnisse auszuschließen, diese indirekte, von einem Fernsinn
übertragene Information - die noch immer weit unterhalb der Ebene echter Wahrnehmung liegt –
von jetzt ab als »Signal« bezeichnet werden.
Diese von den Fernsinnen geschaffene Möglichkeit, mit der Umwelt nicht nur in der Form direkter
Reize - diese ursprünglichere Beziehung existiert selbstverständlich auch weiterhin -, sondern
daneben auch durch die Vermittlung von »Signalen« zu kommunizieren, lässt eine ganz neue
Situation entstehen: Die Aktion verlagert sich von der Oberfläche des Organismus hinaus in die
Umwelt.
Das alles sind bemerkenswerte Fortschritte. Trotzdem gilt, dass die Entstehungsprinzipien, die sie
hervorbrachten, nicht grundsätzlich neu waren. Verhaltensprogramme sind nichts anderes als
»Syndrome von Bewegungskoordinationen«. Was das Stammhirn mit den ihm erreichbaren
vegetativen organischen Prozessen tat, wiederholte das Zwischenhirn mit den
Bewegungsmöglichkeiten des Organismus. Der Schritt erfolgte, sobald Fernsinne dem
Zwischenhirn die Chance gaben, auf Reize, die noch nicht eingetroffen waren, vorwegnehmend zu
reagieren.
Die Parallele zwischen beiden Funktionsebenen schließt aber noch einen anderen Aspekt ein,
dessen Behandlung dieses Kapitel gewidmet sein soll, weil er ebenso interessant wie wichtig ist. Es
ist der Aspekt, dass alle an die Umwelt angepassten biologischen Gestalten und Funktionen auch
Abbildungscharakter haben. Hier, auf der Ebene des Zwischenhirns, hat dieser uns schon bekannte
Umstand mit einem Male revolutionierende Konsequenzen für unser Weltverständnis.
Bei der Erörterung des vegetativen Syndroms »Frieren« habe ich ausführlich beschrieben, auf
welche Weise als Folge der Anpassung dieser Leistung an wechselnde Umweltbedingungen ganz
unvermeidlich, gewissermaßen ohne jede Absicht, auch Information über die Umwelt in den
Organismus hineingerät. Wenn im Stammhirn eines Frierenden und sich eben durch sein Frieren
gegen die drohende Auskühlung vegetativ wehrenden Lebewesens ein Physiologe säße, so hatten
wir an der betreffenden Stelle festgestellt, so wäre dieser imstande, an den dort ablaufenden
Regelungsvorgängen zu erkennen, dass es in der Welt außerhalb des Organismus kälter geworden
sein muss.

122
Anpassung ist nicht möglich, ohne dass sich die Umwelteigenschaft, der die Anpassung gilt, in der
angepassten Gestalt oder Funktion abbildet. In diesem Sinne ist, mit den Worten von Konrad
Lorenz, die Flosse ein Abbild des Wassers und der Flügel eines Vogels ein Abbild der
charakteristischen Eigenschaften der Luft. In dem gleichen Sinne aber bilden sich auch im
Stammhirn eines Lebewesens, das weit genug entwickelt ist, um seine vegetativen Reaktionen
zweckmäßig auf biologisch relevante Umweltbedingungen einstellen zu können, ebendiese
Umwelteigenschaften ab.
Das gleiche gilt nun genauso auf der Ebene des Zwischenhirns. Auch hier besteht die gleiche
komplementäre Beziehung zwischen Anpassung und Abbildung. Da hier aber, der höheren Stufe der
Entwicklung entsprechend, die Anpassung an die Umwelt bereits ungleich detaillierter und
differenzierter erfolgt, ist auch die Abbildung in dem gleichen Maße vollständiger.
Das hat hier, im Zwischenhirn, eine höchst eigentümliche, unser übliches Verständnis über die
Beziehungen zwischen Hirn und Welt revolutionierende Konsequenz. Denn da die auf die Umwelt
zielenden und an ihre Besonderheiten angepassten Aktionen des Organismus auf dieser Stufe als
fertige Programme angeboren sind, heißt das nichts anderes, als dass das Abbild der Umwelt im
Zwischenhirn bereits vorhanden ist, bevor der Organismus dieser Umwelt überhaupt begegnet. Er
hat auch das »Abbild« als die Kehrseite der Erfahrungen seiner Art von Geburt an mitbekommen.
Diese Erkenntnis stellt die Vorstellung, die wir uns gewöhnlich von dem Verhältnis zwischen
unserem Gehirn und der uns umgebenden Welt machen, buchstäblich auf den Kopf. Diese übliche
Vorstellung geht doch davon aus, dass das Gehirn gleichsam »leer« ist, eine lediglich zur Abbildung
im alltäglichen, konkreten Sinn dieses Wortes befähigte biologische Struktur. Eine Art
Aufnahmeeinrichtung, in der die Welt sich spiegeln, eben: »abbilden« kann. Auf der einen Seite die
»Wirklichkeit«, objektiv gegeben, auf der anderen das Gehirn, das diese Wirklichkeit um so
wahrheitsgetreuer, um so »richtiger« zu erfassen in der Lage ist, je höher sein Entwicklungsstand
ist.
Hier stoßen wir zum ersten Male darauf, dass diese von uns meist für selbstverständlich gehaltene
Vorstellung der Realität nicht entspricht. So ungewohnt oder gar paradox es uns auch erscheinen
mag, die Analyse der Funktion des Zwischenhirns mit seinen Verhaltensprogrammen zwingt uns zur
Anerkennung der Tatsache, dass auf dieser Ebene der Hirnentwicklung das Abbild früher existiert
als das Original.

Ein Wiesel im Gehirn des Hahns

In welcher Weise sich das in unserem Erleben niederschlägt, also in der Psyche von Lebewesen, die
neben dem Zwischenhirn noch über ein Großhirn verfügen, das können wir sinnvollerweise erst im
letzten Teil dieses Buchs untersuchen. Dass diese Erkenntnis unsere Vorstellung von dem, was wir
»die Wirklichkeit« zu nennen pflegen, in Jedem Fall betrifft und in Mitleidenschaft ziehen muss,

123
liegt auf der Hand. Ich will daher versuchen, die so revolutionär und widersprüchlich erscheinende
Tatsache an einigen konkreten Beispielen möglichst anschaulich zu machen.
Am einfachsten gehen wir auch dabei wieder von den Experimenten aus, die der deutsche
Verhaltensforscher Erich von Holst mit seinen Hühnern durchgeführt hat. Eines der dabei
beobachteten Resultate, die Auslösung von Balzverhalten bei einem Hahn, ist schon ausführlich
beschrieben worden. Dass sich daneben auch Aggressions-»Programme«, Fressverhalten und
Verhaltensweisen auslösen ließen, die der Körperpflege dienen, wurde ebenfalls erwähnt. Für das
Verständnis des Problems, auf das wir hier eingehen wollen, erscheint es nützlich, hier die etwas
ausführlichere Schilderung noch eines anderen »Programms« folgen zu lassen, das bisher nicht
genannt worden ist.
Bei einigen seiner Versuche stieß Holst auf eine Stelle im Zwischenhirn, an der das Muster der
Nervenbahnen offensichtlich ein aggressives Verhalten besonders spezifischer Art gespeichert hat.
Reizung an diesem Punkt löste nicht einfach Aggression allgemeiner Natur aus, die sich je nach
dem Angebot der Umwelt dann irgendein Objekt suchte. Das Programm, das sich in diesem Fall bei
jedem Knopfdruck wiederholte, bestand vielmehr im Ablauf einer ganzen Szene, die die Zoologen
als Reaktion auf den Angriff eines »Bodenfeindes« wiedererkannten.
Beim Einsetzen des elektrischen Reizes begann der Hahn auf dem Versuchstisch plötzlich zu
sichern. Er blieb stehen, machte einen »langen Hals« und sah sich ängstlich um. Dann senkte er
langsam den Kopf, als ob er irgend etwas mit seinen Blicken verfolgte, das sich langsam näherte,
bis er schließlich wie gebannt auf einen Punkt der Tischplatte neben sich starrte. Das Gefieder
sträubte sich, der Hahn fing an, laute Alarmschreie von sich zu geben, wobei er langsam um den
Punkt herumstelzte, der seine Aufmerksamkeit so sehr fesselte, obwohl es dort für die um den Tisch
versammelten Wissenschaftler gar nichts zu sehen gab.
Von einem Augenblick zum anderen ging das Tier dann zum Angriff über. Mit Sporen und
Schnabelhieben attackierte es die leere Stelle der Tischplatte, die es in kurzen Sprüngen immer
wieder anflog. Wenn der Versuchsleiter in diesem Stadium den bewussten Knopf nicht losließ,
geriet der Hahn wenige Sekunden später in blinde Panik. Mit lautem Angstgeschrei erhob er sich in
die Luft und flatterte ziellos vom Tisch, womit er den Versuch dann jedes Mal selbst dadurch
beendete, dass er die Drähte aus seinem Kopf herausriss.
Gab der Experimentator, um das zu verhindern, den Knopf rechtzeitig frei, dann beruhigte sich der
Hahn sehr schnell. Er blickte verblüfft auf und sah sich um, als sei plötzlich etwas verschwunden,
was ihn eben noch in Angst versetzt hatte. Er schüttelte sich erleichtert, glättete sein Gefieder und
gab dann, gewissermaßen als Abschluss der ganzen Sequenz, mit gerecktem Hals einen lauten
Siegesruf von sich.
Kein Zweifel, der Hahn spielte bei diesem Versuch eine Szene durch, die der Verteidigung gegen
einen Bodenfeind unter natürlichen Umständen entsprach. Auch die Wissenschaftler waren
124
verblüfft, dass selbst eine so komplizierte Abfolge noch als festes Programm im Gehirn des Tiers
gespeichert war. Daran aber gab es keinen Zweifel. jeder erneute Knopfdruck produzierte eine
Wiederholung des gleichen Ablaufs sichern, Beobachtung, Warnung der Artgenossen, schließlich
Attacke und, wenn der »Feind« auch dann nicht weichen wollte, blinde Flucht.
Wie groß muss die Bedrohung der Art über Hunderttausende von Jahren hinweg gewesen sein, wie
tief muss die Angst sitzen, bis sich das Verhalten und die typische Angriffsweise des »Erbfeindes«
in allen seinen Einzelheiten in die ererbten Strukturen individueller Hirne eingraben konnte! Denn
um nichts anderes handelt es sich hier. Das vom Hahn bei diesem Versuch vorgeführte »Programm«
ist nichts anderes als das Spiegelbild dessen, was er bei einem Angriff durch einen Bodenfeind
erlebt.
Dieser beginnt für den Hahn offensichtlich mit einem noch entfernten Geräusch oder einem
Schatten, der sich nicht eindeutig identifizieren lässt. Seine Bedrohlichkeit verrät er dadurch, dass
er sich stetig nähert, dass der Hahn sich selbst also als das Ziel der von außen kommenden Aktion
erleben muss. Wird bei der Annäherung eine bestimmte Grenzentfernung unterschritten, dann ist der
Augenblick gekommen, in dem es geboten ist, die eigenen Artgenossen durch Warnrufe
aufmerksam zu machen.
In der letzten, dem eigentlichen Angriff unmittelbar vorangehenden Phase umkreist der Feind den
Hahn offensichtlich auf der Suche nach einer schwachen Stelle seiner Verteidigung. Um ebendiese
nicht zu bieten, macht der Hahn seinerseits die Kreisbewegung mit - das ist das einzige, was die
Experimentatoren in diesem Augenblick sehen -, wobei er den Gegner sorgfältig im Auge behält.
Dann kommt es zum Angriff, der entweder mit dem Tod oder der Flucht eines der beiden
Kontrahenten endet.
Man muss sich einmal klarmachen, was es heißt, dass das alles angeboren ist. Es bedeutet unter
anderem, dass auch ein Hahn, der von seiner natürlichen Umgebung und allen Artgenossen getrennt
von einem Brutautomaten ausgebrütet und aufgezogen worden ist, das Repertoire in allen
Einzelheiten beherrscht.
Es bedeutet, dass ein Hahn, der in seinem Leben erstmals einer Ratte, einem Iltis oder einem Wiesel
begegnet, nicht vor einer unbekannten Situation steht. Er erkennt den Feind, den er nie gesehen hat,
sofort wieder. Nicht nur das: Er weiß, was der Feind tun wird, und er beginnt sofort und im voraus
darauf zu reagieren, was dieser erst im nächsten Augenblick unternehmen wird.
Zu dieser totalen und scheinbar paradoxen Umkehrung der zeitlichen Relation zwischen Ursache
und Wirkung - oder Reiz und Reaktion - kommt es deshalb, weil der Feind im Gehirn des Hahns
schon vorhanden ist, bevor noch der eine dem anderen zum erstenmal in seinem Leben begegnet.
Das reale Wiesel ist deshalb schon bei dieser ersten Begegnung keine neue Erfahrung, sondern
sozusagen nur die Bestätigung einer Erwartung, die der Hahn seit dem Schlüpfen aus dem Ei mit
sich herumgetragen hat.
125
Das reale Wiesel hat in der Zwischenhirn-Welt des Hahns nur die Funktion eines spezifischen
Auslösers. Sein konkretes Erscheinen ruft in der Umwelt des Hahns die Signale hervor, welche die
Auslösungsschwelle für das Programm »Abwehr eines Bodenfeindes« herabsetzen. Mit der
Spezifität eines Schlüssels, der unter vielen verschiedenen Fächern nur ein ganz bestimmtes
aufschließt, löst die vom Wiesel in der Welt des Hahns hervorgerufene Signal-Konstellation das zur
Abwehr eines sich am Boden anschleichenden Feindes bereitliegende Verhaltensprogramm aus.
Für alle anderen Zwischenhirnprogramme gilt das in genau der gleichen Weise. Und da das
Verhalten eines Organismus sich auf diesem Entwicklungsniveau so gut wie ausschließlich aus
derartigen Programmen zusammensetzt, ist die gewiss ungewohnte Feststellung zulässig, dass ein
»Zwischenhirnwesen« die Welt, in der es lebt, nicht etwa mit seinen Sinnesorganen erst entdeckt.
jedes von ihnen trägt ein Abbild dieser Welt von Anfang an in seinem Gehirn mit sich herum.
Da auch ein Hahn auf eine Zwischenhirn-Existenz beschränkt ist - mit den unwesentlichen
Ausnahmen, wie sie in der Realität immer einzuräumen sind -, gilt diese Feststellung auch für ihn.
Nun ist die Welt, die ein solcher Hühnervogel in seinem Kopf mit sich herumträgt, gewiss sehr viel
ärmer als die von uns Menschen erlebte Welt. Dennoch sind beide Sphären nicht absolut
unvergleichbar.

Archaische Erinnerungen

Aus den uns schon bekannten Gründen - Unentbehrlichkeit der Weiterexistenz von untergeordneten
Hirnteilen auch nach der Entstehung fortschrittlicherer Hirnabschnitte, Abhängigkeit der oberen
Instanzen von der unteren Ebene - gibt es gewisse Überschneidungen zwischen unserer Welt und
der des Hahns. Auch unter unserem Großhirn liegt ein noch immer funktionierendes Zwischenhirn.
Deshalb ist uns nicht alles fremd, was dem Hahn widerfährt.
Erinnern wir uns doch einmal daran, wie uns zumute ist, wenn wir gezwungen sind, einen
unbekannten Weg nachts zu Fuß allein zurückzulegen. Unser führender Sinn ist der Gesichtssinn.
Dieser fällt in der Dunkelheit weitgehend aus. Deshalb ist unsere Angstbereitschaft in dieser
Situation erhöht. Das gilt ausnahmslos für jeden geistesgesunden Menschen, ob Kind oder
Erwachsener. Wer bestreitet, dass er im dunklen Wald angstbereiter ist als am helllichten Tage, der
ist nicht mutiger, sondern nur unehrlicher als seine Mitmenschen.
Im Zustand dieser erhöhten Angstbereitschaft machen wir nun eine sehr interessante Erfahrung: Wir
beginnen, »Gespenster« zu sehen. Mal ist es ein Busch, dessen schwach erkennbarer Umriss uns
wie der Schatten eines lauernden Menschen erscheinen will. Dann glauben wir, ein Knacken von
Zweigen zu hören, das eine sich uns nähernde Gefahr ankündigt. Aber auch dann, wenn weder
Schatten noch Geräusch uns einen Anlass liefern, wittern wir in unserer Lage hinter jedem Baum
und in jedem möglichen Versteck eine Bedrohung.

126
Da helfen kritische Einsicht und Besonnenheit nur in Grenzen. In dieser Lage erfahren wir am
eigenen Leibe, was es bedeutet, wenn ein untergeordnetes Zentrum sich durchzusetzen versucht.
Denn was mit uns da geschieht, ist einfach folgendes: Unsere Abhängigkeit vom Gesichtssinn ist so
groß, dass die Dunkelheit unsere Auslöseschwellen für ängstliche Reaktionen herabsetzt. Unsere
Angstbereitschaft ist im Dunklen erhöht. Interessanterweise aber enthält die geschilderte Situation
-unbekannte Umgebung nachts unter freiem Himmel - darüber hinaus auch für uns ganz
offensichtlich noch wirksame spezifische »Auslöser« für ein auf diese besondere Lage gemünztes
uraltes Programm.
Dieses mag ein wenig abgeblasst sein und im Kopfe eines Großhirnbesitzers zu wirklich freier
Entfaltung auch nicht mehr imstande. Aber wie anders als durch die Auslösung eines solchen
spezifischen Programms soll man unsere »Gespensterseherei« in der geschilderten Situation
eigentlich erklären? Wie anders als durch die Annahme, dass im Verlaufe unzähliger Generationen
auch bei unserer Art die urzeitliche Erfahrung ihren erblichen Niederschlag gefunden hat, dass es
Feinde gibt, die uns vor allem nachts gefährlich werden können, weil sie, anders als wir selbst, im
Dunklen ausgezeichnet sehen? »Das Gespenst ist die Projektion des nächtlich jagenden Raubtiers«,
hat Konrad Lorenz gesagt.
So ist es. Ich zweifle nicht daran, dass die Phantome, die wir in unserer Dunkelangst in den
Schatten nächtlicher Büsche projizieren, aus unserem Zwischenhirn stammen. Dass auch sie die
Signale, die eine real aus dem Dunkel auf uns zukommende Bedrohung anzeigen würden,
vorwegnehmen und insofern dem Wiesel-Phantom analog sind, mit dem der Hahn in dem Labor
von Erich von Holst auf der leeren Tischplatte kämpft. Und ist es nicht auch so, dass wir dann,
wenn plötzlich ein wirklicher Räuber aus einem Schatten auftauchte und uns bedrohte, zwar ganz
sicher erschrecken würden, dennoch aber zugeben müssten, dass sein reales Auftreten uns
keineswegs überrascht, sondern ganz im Gegenteil nur bestätigt habe, womit wir im voraus schon
gerechnet hätten?
Ich will diesen Gedanken hier abbrechen und mich an dieser Stelle vorläufig auch auf dieses eine
Beispiel beschränken, mit dem wir dem Gang der Ereignisse erneut weit vorausgeeilt sind. Der
Vorgriff sollte lediglich zeigen, dass hier nicht nur von Hühnern die Rede ist, sondern immer auch
schon von uns selbst. Alles, was wir bisher besprochen haben, dient allein der Vorbereitung des
Verständnisses unseres eigenen Gehirns.

Ein Gedankenexperiment

Zurück also zum Hahn und unserer unerwarteten Entdeckung, dass er seine Welt - oder doch ein
»Bild« von ihr - in seinem Kopf mit sich herumträgt. Prüfen wir einmal an einem gedanklichen
Modell, wie wörtlich diese außerordentlich wichtige, uns aber immer noch befremdlich klingende
Behauptung zu verstehen sein könnte. Nehmen wir dazu einmal den utopischen Fall an, dass es

127
einer hochintelligenten außerirdischen Zivilisation gelänge, eine unbemannte Robotersonde zur
Lebenssuche auf unserer Erde zu landen. Nehmen wir weiter an, dass diese Sonde einen Hahn finge
und mit ihm an Bord wieder zu ihrer Heimat zurückkehrte. Wie viel könnten die Wissenschaftler
des fremden Planeten durch die Untersuchung des Hahns über dessen irdische Umwelt erfahren?
Sie würden, das ist sicher, mit einer Analyse der Besonderheiten des Körperbaus bei ihrem
Fundobjekt beginnen. Die Auskünfte, die sie dabei gewinnen würden, liegen auf der Hand:
Volumen und Masse des Hahnenkörpers erlauben in ihrer Relation zur mechanischen Stabilität des
Skelettsystems präzise Rückschlüsse auf die Anziehungskraft und damit die Masse seines
Heimatplaneten.
Das Gewicht, das der Hahn folglich in seiner natürlichen Umwelt haben muss, lässt sich nunmehr in
Beziehung setzen zum Bau seiner Flügel und der Kraft und Ausdauer der sie bewegenden Muskeln.
Daraus lassen sich Informationen über die Dichte der Atmosphäre ziehen, in der das Tier
herumflattern konnte. Aber auch über die chemische Zusammensetzung der fremden Lufthülle
würden die außerirdischen Untersucher Einzelheiten erfahren. Sie brauchten dazu nur die Lungen
des Tiers mikroskopisch und biochemisch zu untersuchen und den Zusammenhang ihrer Tätigkeit
mit dem Blutkreislauf und dem Stoffwechsel der Gewebe aufzuklären.
Bau und Funktion der Augen des Hahns geben Auskunft über wesentliche Eigenschaften des
Zentralgestirns, dessen Strahlung die Umwelt des Tiers erfüllt. Denn Augen sind zum Sehen in
ebendieser Strahlung entwickelt und daher »sonnenhaft« gebaut. Magen, Leber und andere
Verdauungsorgane, die Krallen der Füße, Bau und Stärke des Schnabels, aus all diesen und vielen
anderen körperlichen Merkmalen lassen sich weitere Folgerungen ziehen 27,
Alle diese Untersuchungen machen sich lediglich immer neue Variationen des Prinzips zunutze,
nach dem die Flosse ebenso ein Abbild des Wassers ist wie der Huf eines Pferdes das des
Steppenbodens. Se r vie interessanter wird die Angelegenheit, wenn unsere utopischen Wissen-
schaftler sich, nachdem sie alle sich aus dem Bau des übrigen Körpers ergebenden Möglichkeiten
ausgeschöpft haben, schließlich dem Gehirn des Hahns zuwenden.
Es ist sehr wichtig, sich darüber völlig klar zu sein, dass sich der Charakter der Untersuchung dabei
in keiner Weise ändert. Es wird kein neues Prinzip eingeführt. Argumentation und logisches
Fundament aller Schlussfolgerungen bleiben die gleichen. Denn auch das Gehirn verdankt die
Einzelheiten seines Baus und seiner Funktion einzig und allein dem Zwang zur Anpassung an die

27
Andererseits dürfen wir beim augenblicklichen Stand unseres Wissens annehmen, dass keineswegs etwa der ganze Hahn nach diesem Prinzip
optimaler Anpassung an seine artspezifische Umwelt restlos determiniert ist. So wäre z. B. zu vermuten, dass die außerirdischen Untersucher in
unserem Gedankenexperiment, die also über den Besitz des Hahns hinaus über keinerlei Informationen über die Erde verfügen, auf ihre Frage nach
der Ursache für die konkrete Färbung des Tiers keine befriedigende Antwort finden würden. Dass die Zeichnung der Körperoberfläche für die
Beziehung zu den Artgenossen Bedeutung hat, würde die Untersuchung noch zeigen können. Warum diese Zeichnung in Farbe und Kontur aber
gerade so und nicht anders beschaffen ist, bleibt unbeantwortet. Deshalb eben, weil diese konkreten Einzelheiten innerhalb eines bestimmten
Rahmens - etwa dem ihrer Eignung zur Signalfunktion - gewissermaßen beliebig sind. Es wäre auch anders gegangen.
Soweit wir wissen, ist wohl kein irdisches Lebewesen kausal oder biologisch durch und durch determiniert. Ganz sicher können wir in diesem Punkt
allerdings nicht sein.
128
Umwelt. Es bildet die Welt nicht ab, wie wir es, ohne viel nachzudenken, immer als
selbstverständlich voraussetzen. Es ist, ganz im Gegenteil, selbst ein »Abbild« der Welt.
Nur deshalb ist es den Forschern in unserem Beispiel - und ebenso den sehr viel realeren
Verhaltensforschern in unseren irdischen Laboratorien - überhaupt möglich, bei der elektrischen
Durchmusterung des Zwischenhirns etwas über die Umwelt des untersuchten Tiers zu erfahren.
Wäre das Gehirn in allen seinen Teilen wirklich ein »Spiegel der Welt«, dann gäbe es diese
Möglichkeit nicht. Dann wäre das Gehirn »in Abwesenheit von Umwelt« leer. Kein Spiegel bewahrt
das Bild eines Gegenstands auch in dessen Abwesenheit. Genau das aber tut das Zwischenhirn mit
der Welt. Deswegen träumen wir. Deshalb fand Erich von Holst bei seinen elektrischen
Reizversuchen das Bild des Wiesels - oder doch das eines wieselartigen Bodenfeindes - im
Zwischenhirn seiner Hühner. Und deshalb würde auch der außerirdische Untersucher im Hirn eines
erbeuteten irdischen Lebewesens Auskunft finden über den Todfeind, mit dem die betreffende Art
es auf ihrem Heimatplaneten zu tun hat. Er würde selbst dann noch Erfolg haben, wenn es ihm nur
gelungen wäre, ein befruchtetes Ei zu erbeuten, das er in seinem Laboratorium erst noch künstlich
ausbrüten müsste. Denn die Welt steckt nicht nur im Zwischenhirn eines jeden von uns, sondern
sogar schon im erblichen Bauplan der befruchteten Eizelle, die dieses Gehirn aus unbelebter
Materie aufbaut.

129
13. Die Welt vom Zwischenhirn aus betrachtet

Welt und Wirklichkeit

Das Gehirn ist bis zu diesem Augenblick alles andere als ein Spiegel. Viel eher könnte man es auf
dieser Stufe der Entwicklung mit einer Hypothese über die Welt vergleichen28, mit einem
fleischgewordenen Entwurf der ein Lebewesen umgebenden Wirklichkeit. Es ist ein Muster von
Nervenverknüpfungen, das in der Gestalt möglicher Verhaltensweisen vorwegnimmt, was in der
Konfrontation mit der Außenwelt verlangt werden wird.
Das hat allerlei Konsequenzen. Die erste besteht darin, dass ein solches Repertoire notgedrungen
nur von sehr beschränktem Umfang sein kann. Die Zahl der Verhaltensprogramme, die sich in
einem Zwischenhirn speichern lassen, ist nicht nur endlich, sondern sogar relativ klein. Da die
Programme in der Form materieller Zellverbindungen vorliegen, ist das allein schon eine bloße
Frage des Volumens. Eine bestimmte Menge von Nervengewebe enthält nur eine beschränkte
Anzahl von Nervenzellen als »Schaltelemente«.
Das ist leicht einzusehen, hat aber eine höchst bedeutsame Konsequenz. Denn da die Beziehung
zwischen einem Individuum und der Außenwelt auf der Ebene des Zwischenhirns noch
ausschließlich durch derartige festgelegte Programme hergestellt wird, folgt daraus, dass die
Wirklichkeit eines »Zwischenhirnwesens« nur einen vergleichsweise winzigen Ausschnitt aus der
objektiv vorhandenen Realität darstellt.
Ich habe hier absichtlich den Begriff »Wirklichkeit« benutzt, anstelle des in diesem Zusammenhang
29
seit Jakob von Uexküll meist verwendeten Worts »Umwelt« . Das Wort »Wirklichkeit« enthält
etymologisch, aufgrund der Verwandtschaft des Wortstamms, einen unübersehbaren Hinweis auf
das, worauf es mir hier ankommt: die »Wirklichkeit« eines Individuums ist die Gesamtheit aller
Reize, Einflüsse und Faktoren, die aus der Außenwelt auf dieses Individuum dadurch wirken, dass
es sie mit der Hilfe spezifischer Rezeptoren (Sinnesorgane) registriert. Die Einsicht, dass diese
Wirklichkeit in jedem Falle enger oder ärmer sein muss als die Welt, in der sich das jeweilige
Lebewesen objektiv befindet, ist für uns nicht neu. Einer unserer Ausgangspunkte war die
Erkenntnis, dass schon die erste lebende Zelle ihren Kontakt mit der Außenwelt, von der sie sich
buchstäblich abgekapselt hatte, aus Gründen der Selbsterhaltung auf das unbedingt notwendige
Minimum reduziert hatte.
»So wenig Außenwelt wie möglich«, diese Maxime hatte, aus Gründen der biologischen
Selbsterhaltung - dies im vollen Sinn des Wortes -, die Weiterentwicklung über Jahrmilliarden
28
Ich benutze hier eine Formulierung Karl R. Poppers, der in seinen Schriften wiederholt den Gedanken ausgedrückt hat, dass unsere Sinnesorgane
die Welt nicht entdeckten, sondern dass sie Hypothesen über diese Welt darstellten, die durch den Wahrnehmungsakt jeweils verifiziert würden.
29
In seinem 1909 in Berlin erschienenen berühmten Buch »Umwelt und Innenwelt der Tiere« hat der Hamburger Biologe J. v. Uexküll erstmals in
wissenschaftlicher Form die Argumente dafür zusammengetragen, dass die »Umwelt«, auf die ein niederes Tier sich bezieht, an Merkmalen und
Eigenschaften sehr viel ärmer ist als die das Tier objektiv umgebende Wirklichkeit. Seine Feststellungen sind nach wie vor wichtig und interessant,
auch wenn man heute nicht mehr alle Argumente und insbesondere nicht mehr alle Teile der von Uexküll aus seinen Überlegungen abgeleiteten
Theorien akzeptieren kann. Auch das von diesem Autor verwendete Begriffspaar »Umwelt« bzw. »objektive Wirklichkeit« ist heute aus
verschiedenen, darunter umgangssprachlichen Gründen nicht mehr geeignet, den Unterschied, auf den es ankommt, unmissverständlich zu erfassen.
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hinweg geprägt. Ihre Folgen mögen uns jetzt, da wir auf der Ebene des Zwischenhirns angelangt
sind, als Ausdruck einer Verarmung an Möglichkeiten erscheinen. Aufzuheben sind sie dennoch
nicht. jetzt, wo es dem Individuum schließlich nach uns endlos erscheinenden Zeiträumen gelungen
ist, die Auseinandersetzung von der eigenen Oberfläche fort hinaus in die Außenwelt zu verlegen,
erschiene das mit einem Male wünschenswert.
Fernsinne sind entstanden und erlauben einen distanzierteren Umgang mit den von außen
kommenden Einflüssen. Es gibt nicht mehr nur Reize, die identisch sind mit konkreten Eingriffen,
auf die aus biologischer Notwendigkeit sofort zu reagieren ist. Die Wirklichkeit enthält jetzt auch
schon Signale, die noch bevorstehende physische Kontakte vorweg ankündigen. So ist Zeit
gewonnen. Die Möglichkeit der Wahl, der abwägenden Entscheidung darüber, ob der
bevorstehenden Begegnung standgehalten oder ob ihr ausgewichen werden Soll, tut sich auf.
Das alles aber bleibt ungenutzt. Die Möglichkeiten, die sich hier unvorhergesehen und ganz sicher
unbeabsichtigt - von wem schon? - ergeben, lassen uns einen freieren, die engen Grenzen des
biologisch absolut Notwendigen überschreitenden Umgang mit der Außenwelt nunmehr als erlaubt,
sogar als vorteilhaft erscheinen.
Aber nichts dergleichen geschieht. Noch wird keine dieser Möglichkeiten genutzt. Das
Zwischenhirn steht noch unter dem Gesetz der Vergangenheit. Es hat, durch die Entwicklung von
Fernsinnen und fest programmierten Verhaltensweisen, die ungeheure Leistung vollbracht, das
Individuum vom Druck der unmittelbaren biologischen Konfrontation mit seiner Umwelt zu
befreien. Um die sich daraus ergebenden Möglichkeiten auszuschöpfen, bedarf es jedoch, wie schon
auf allen früheren Stufen der Entwicklung, eines erneuten Schritts, einer abermaligen Antwort der
Evolution. Von dieser aber sind wir an dieser Stelle noch immer 500 Millionen Jahre entfernt.
Immerhin sollten wir nicht übersehen, dass der Horizont der subjektiven Wirklichkeit auf dem
langen Weg vom Einzeller bis zum Zwischenhirnbesitzer an Umfang bereits gewaltig zugenommen
hat. Es ist bewundernswert, mit welcher Erfindungsgabe die Evolution es fertig brachte, aus dem
von der Urzelle so unerbittlich reduzierten Satz »zugelassener« Umwelteigenschaften ein
Maximum an Informationen zu gewinnen. Eines der erstaunlichsten Beispiele war die verblüffende
Wendung gewesen, mit Hilfe derer das von bestimmten Zelltypen ursprünglich aus energetischen
Gründen in ihre »Wirklichkeit« einbezogene Sonnenlicht als Medium der Richtungsorientierung
und, in einem weiteren Schritt, zur Abbildung der Umwelt genutzt worden war.
Aber auch sonst wurde die Wirklichkeit parallel zur Höherentwicklung des Bauplans und der
Verhaltensmöglichkeiten allmählich reichhaltiger. Wir wollen uns die Variationsbreite, die in dieser
Hinsicht zwischen niederen und höheren Tieren besteht, einmal an einem Beispiel vor Augen
führen. Den Fall einer nahezu unglaublich armen Wirklichkeit hat der Klassiker Jakob von Uexküll
seinerzeit selbst beschrieben. Sein Beispiel war die Zecke. Das ist jene blutsaugende Milbe

131
(»Holzbock«), die vor allem Hundehaltern, aber auch den Besitzern von Hühnern unliebsam
bekannt ist.
Die Zecke hat einen recht komplizierten und auch risikoreichen Lebenslauf, vor dessen Gefahren
sie allerdings durch ein entsprechendes Verhaltensrepertoire optimal geschützt wird. Das begattete
Weibchen muss sich mit dem Blut eines Warmblüters voll saugen können, weil nur dann ihre Eier
ausreifen. Die Art und Weise, in der dieses für die Art zum Überleben notwendige Ziel erreicht
wird, ist ebenso erstaunlich wie lehrreich.
Als erstes erklettert das winzige Tier einen Busch, um auf der Spitze eines kleinen Astes
haltzumachen. Seinen Weg dorthin findet es mit Hilfe des Lichts. Es hat zwar keine Augen, sondern
nur einen diffusen Lichtsinn der Haut - aber das genügt. An Ort und Stelle angelangt-, tritt das
Programm »Abwarten« in Aktion. Es kann nur durch ein einziges Signal abgebrochen werden:
durch den Geruch von Buttersäure, wie ihn die Schweißdrüsen eines Warmblüters produzieren.
Die Zecke muss jetzt ausharren können, bis der Zufall ein warmblütiges Tier so exakt unter ihrem
Warteplatz vorbeiziehen lässt, dass sie sich in dessen Fell herabfallen lassen kann. Zecken können
in dieser Situation mindestens 18 Jahre lang warten. Vielleicht noch viel länger - bis zu 18 Jahren
haben die Wissenschaftler es bisher kontrolliert. In dieser ganzen Zeit verharrt das Tier in absoluter
Regungslosigkeit. Es nimmt keine Nahrung zu sich. Von all den unzähligen äußeren Geschehnissen
und Reizen kommt kein einziger bei dem Tier an, »wirkt« kein einziger auf die Milbe ein.
Erst dann, wenn womöglich nach mehr als einem Jahrzehnt der Geruch von Buttersäure die Milbe
erreicht (»wie ein Lichtsignal aus dem Dunkel«, schreibt Uexküll), erwacht sie aus ihrer Starre, um
sich blitzschnell fallen zu lassen. Spürt sie im nächsten Augenblick Wärme, dann tastet sie, bis sie
eine haarfreie Hautstelle findet, in die sie sich einbohrt. Damit hat ihr Lebenszweck sich erfüllt.
Einige Zeit später fällt sie ab, legt ihre Eier und stirbt.
»Die ganze reiche, die Zecke umgebende Welt schnurrt zusammen und verwandelt sich in ein
ärmliches Gebilde« (von Uexküll), eben die »Wirklichkeit« des Tiers, die in diesem ganzen langen
Zeitraum allenfalls den Eindruck »hell«, den Geruchsreiz der Buttersäure, die Empfindung »warm«
und den Tasteindruck einer haarfreien Hautstelle enthält, eine Wirklichkeit, die mit anderen Worten
also fast während der ganzen langen Zeit »leer« ist.
Ich brauche sicher nicht in gleicher Ausführlichkeit zu begründen, dass die Wirklichkeit höherer
Tiere, dass also die Erlebniswelt etwa eines Vogels oder eines Hundes außerordentlich viel reicher
und bunter zusammengesetzt ist. Sehr wohl der Begründung bedarf allerdings die Feststellung, dass
auch die Wirklichkeit dieser Tiere immer noch sehr viel ärmer ist als die von uns selbst erlebte Welt.
In dieser Hinsicht gehen wir alle in unserer naiven Vorstellung von gänzlich falschen
Voraussetzungen aus.
Zwar nähert sich die Wirklichkeit eines Tiers der von uns selbst erlebten Welt um so mehr an, je
näher es mit uns verwandt ist. Dies ist ein Grund dafür, warum es leichter ist, sich mit einem Hund
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anzufreunden als mit einem Vogel, und mit einem Hamster leichter als mit einer Eidechse. Zur
Deckung kommen die Wirklichkeiten der verschiedenen Arten aber in keinem Fall. Auch für einen
Hund oder einen Menschenaffen liegt die Mehrzahl der von uns wahrgenommenen Eigenschaften
der Welt außerhalb des Horizonts der eigenen Wirklichkeit.
Und auch das, was von der Welt »wahrgenommen« wird, erscheint im Erleben eines Huhns oder
eines niederen Säugers in einer uns letztlich nicht mehr zutreffend vorstellbaren Weise anders, als
wir es kennen. Wie wenig die tierische Wirklichkeit mit dem Ähnlichkeit hat, was wir uns meist
unter ihr vorstellen, das haben die sogenannten Attrappenversuche der Verhaltensforscher gelehrt
(siehe Abb. 12 ).
Ein Rotkehlchen-Hahn in Hochzeitsstimmung balzt ohne zu zögern ein an einem Blumendraht
flüchtig befestigtes Büschel roter Federn an - und lässt den daneben sitzenden weiblichen Jungvogel
- der noch kein rotes Brustgefieder hat! - unbeachtet. Ein Stichlingsmännchen versucht in der
gleichen Situation eine monströse Weibchen-Attrappe zum Ablaichplatz zu locken und ignoriert das
für diesen Zweck einzig taugliche Original. Ein männlicher Kaisermantel-Schmetterling flattert bis
zur Erschöpfung hinter einer rotierenden Walze her, bloß weil deren Streifenmuster das
abwechselnde Hell-Dunkel des Auf- und Abschlags eines fliegenden Weibchens kopiert. Für unsere
Augen, »in unserer Welt«, ist diese Kopie von wahrhaft erbärmlicher Qualität. Dem Kaisermantel
jedoch erscheint sie in seiner Wirklichkeit attraktiver als das Vorbild selbst - offenbar deshalb, weil
sie ein entscheidendes »Schlüsselsignal« noch reiner und prägnanter aussendet als das Weibchen.
Die walzenförmige Vorrichtung stellt eine »Über-Attrappe« dar 30.

30
Angesichts der Tendenz und Fähigkeit der Evolution zur Optimierung ist zunächst nicht ohne weiteres einzusehen, wie es möglich sein kann, dass
eine so simple von Menschen gebaute Attrappe wirksamer ist als das natürliche Signal. Aber die Evolution berücksichtigt - wie es bei jeder echten
Optimierung geschieht - eben nicht nur einen einzigen Aspekt. Die Wirksamkeit eines Signals ist so gut wie immer gleichbedeutend mit seiner
Auffälligkeit.
Eine maximal erhöhte Auffälligkeit würde aber den das Signal aussendenden Organismus auch maximal gefährden, weil er von seinen Feinden um so
leichter entdeckt werden könnte. Aus diesem Grunde, so nehmen die Verhaltensforscher an, sind die natürlich vorkommenden Signale in der Regel
nicht bis zur höchsten möglichen Wirksamkeit entwickelt worden. Sie sind vielmehr Ausdruck eines Kompromisses zwischen der Wirksamkeit für
den Artgenossen und der Unauffälligkeit für den Artfeind. Wenn das so ist, lässt sich leicht einsehen, dass Attrappen dann, wenn es erst einmal
gelungen ist, den »Schlüsselreiz« zu identifizieren, wirksamer gemacht werden können als die biologischen Vorbilder. Bei dieser Gelegenheit sei auch
an die Tatsache erinnert, dass Über-Attrappen dort, wo es im mitmenschlichen Bereich noch heute überwiegend instinkthafte Beziehungen gibt
(Beziehungen also, die wesentlich durch das Wechselspiel von angeborenem Verhalten und dieses spezifisch auslösenden Signalen bestimmt werden)
ebenfalls mit nachweisbarer Wirksamkeit eingesetzt werden können. Man denke, um ein einziges Beispiel zu nennen, nur an die erprobte
Wirksamkeit massiver sexueller Signale in der Werbung.
Wer mit den Bildern halbentkleideter Mädchen für Zigarillos wirbt, sieht sich leicht dem Vorwurf gegenüber, er argumentiere irrational, denn beides
habe nichts miteinander zu tun. Den Werbepsychologen berührt der Einwand nicht. Er hat gar nicht die Absicht, den Betrachter mit seiner Anzeige
rational anzusprechen. Worauf es ihm ankommt ist, einzig die Aufmerksamkeit potentieller Zigarrenraucher durch ein instinktiv wirksames Signal auf
die Anzeige zu richten. Und da besteht durchaus ein Zusammenhang, beides hat insofern durchaus miteinander zu tun, als Zigarren fast ausschließlich
von Männern geraucht werden.
Wer solche Praktiken kritisieren will, muss an einer ganz anderen Stelle einhaken. Er kann z. B. auf die Analogie hinweisen, die zwischen einer
solchen Werbemethode und dem Vorgehen eines Biologen besteht, der die Männchen einer bestimmten Schmetterlingsart mit einem spezifischen
Sexual-Lockstoff (Pheromon) ködert, um mit ihnen dann irgendwelche Experimente durchführen zu können. Ein Kritiker könnte vor dem
Hintergrund dieser Parallele etwa die Frage aufwerfen, ob es wünschenswert ist und geduldet werden soll, dass in einer Gesellschaft, die sich um
möglichst rationale, vernünftige Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern bemüht, bestimmte Gruppen durch Appelle an instinktive Verhaltensweisen
andere Menschen für ihre Interessen einzuspannen versuchen.
Naturwissenschaftlich gesehen lassen sich beide Fälle, der der Werbung und die Methode des Schmetterlingsfängers, übrigens als »räuberische
Mimikry« interpretieren: In beiden Fällen werden die Mitglieder einer bestimmten Art durch spezifische Signale motiviert, deren sich jemand bedient,
der mit diesen Signalen einen total anderen Zweck verfolgt, als es der Signalbedeutung unter natürlichen Umständen entspricht.
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Provozierende Experimente

Der von uns meist übersehene Abgrund, der zwischen den Erlebniswelten, den »Wirklichkeiten«
unterschiedlicher Arten klafft, kann auch auf umgekehrtem Wege sichtbar gemacht werden:
dadurch, dass man dem »Original« auf irgendeine Weise das entscheidende Schlüsselsignal - den
»Auslöser«, wie die Verhaltensforscher sagen - nimmt und abwartet, was dann passiert. Wenn man
dabei tatsächlich einen Auslöser erwischt, ist das Resultat in der Regel eine Katastrophe. Wer
bedenkt, was hie vor sich geht, den wird das nicht überraschen. Als Folge des experimentellen
Eingriffs »stimmt« die Wirklichkeit des Versuchstiers nicht mehr.
Auch hierfür ein Beispiel: Eine auf ihren frisch ausgebrüteten Küken sitzende Truthenne ist aus
biologisch einsichtigen Gründen besonders angriffslustig. In der Sprache der Verhaltensforscher:
Bei der Henne sind in der geschilderten Situation die Schwellen für aggressives Verhalten stark
erniedrigt. Alles, was sich dem Nest nähert, wird mit wütenden Schnabelhieben angegriffen. Nicht
so ein Küken, das, aus welchen Gründen auch immer - etwa deshalb, weil der Experimentator es
herausgenommen hat -, aus dem Nest geraten ist und nun mit lautem Piepsen zurück ins warme
Versteck unter dem mütterlichen Federkleid strebt. Mit beruhigenden Lockrufen dirigiert die Henne
es in ihre Nähe, um es dann mit Kopf und Schnabel behutsam unter ihr Gefieder zu schieben.
Nichts scheint natürlicher zu sein. Keine Situation scheint weniger einer Erklärung zu bedürfen, als
das, was sich da abspielt. Ist es nicht selbstverständlich, dass die Henne »ihr« Küken anlockt,
anstatt es zu attackieren, wenn sie es vor sich sieht? Aber indem wir so argumentieren, haben wir
schon wieder die - zugegeben mühsame - Abstraktionsleistung vergessen, der wir uns im
Zusammenhang mit dem »Sehen« bei den Tieren unterziehen mussten. Auch hier hätten wir an die
Möglichkeit denken müssen, dass das, was die Henne sieht, mit dem, was wir in der gleichen
Situation wahrnehmen, keine Ähnlichkeit hat.
Wie angebracht unser Misstrauen hier gewesen wäre, das können uns Experimente lehren, erdacht
und durchgeführt von Wissenschaftlern, deren Beruf es ist, mit Abstraktionen dieser Art zu leben.
Nachdem seit längerem bekannt war, dass das Piepsen des Kükens in der Brutsituation das
entscheidende Schlüsselsignal darstellt, dachte sich der Lorenz Schüler Wolfgang Schleidt zwei
ganz einfache Experimente aus. In beiden Fällen war das Resultat dramatisch.
Im ersten Falle hinderte er die Henne daran, das Piepsen »ihres« Kükens zu hören, und zwar
einfach dadurch, dass er ihr die Ohren sorgfältig verklebte. Als er daraufhin und nachdem die
Henne Zeit genug gehabt hatte, sich wieder zu beruhigen, den Versuch wiederholte, als er also
wiederum ein Küken laut piepsend dem Nest zustreben ließ, kam es prompt zur Katastrophe: mit
ein paar kräftigen Schnabelhieben wurde das unglückliche Tier innerhalb von Sekunden von der
eigenen Mutter tot gehackt.

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Fast noch grotesker nimmt sich - jedenfalls im Licht unserer Vorurteile - das Resultat des zweiten
Experiments von Schleidt aus. Bei ihm näherte er dem Nest mit Hilfe einer verborgenen
Vorrichtung ein ausgestopftes Wiesel - in dessen Bauch er einen winzigen Lautsprecher
hineinpraktiziert hatte. Aus diesem ertönte, gespeist von einem Tonband, laut vernehmbar das
jämmerliche Piepsen eines sich verlassen fühlenden Putenkükens.
Zwar schien es der Henne bei dieser Variante nicht ganz geheuer zu sein. Man konnte buchstäblich
sehen, wie hier zwei verschiedene Verhaltensprogramme in Widerstreit miteinander gerieten:
»Brutpflege« und »Nestverteidigung«. Es kam auch zu einigen Schnabelhieben, die aber, nur
gehemmt, gleichsam unentschlossen ausgeführt, als Lufthiebe im Leeren endeten. Schließlich ließ
die Pute sich, wenn auch mit deutlichen Anzeichen von Unsicherheit und »Nervosität« den - zu
ihrem Glück ausgestopften! - Todfeind widerstandslos ins Nest schieben. Das akustische
Schlüsselsignal, das für das Tier das eigene Küken »bedeutete«, hatte sich durchgesetzt.
Wer diese Versuche miterlebt - die Wiesel-Variante des Experiments hat mir Schleidt einmal
vorgeführt - oder die Phantasie besitzt, sie sich realistisch genug vorzustellen, auf den wirken sie
wie ein Schock. Es ist, bei näherer Betrachtung, ein heilsamer Schock. Zwar geht dabei eine ganze
Anzahl romantischer Illusionen über das Innenleben von Tieren zu Bruch. Idyllische Vorstellungen
über eine unseren eigenen Gefühlen ähnliche Beziehung zwischen Tiermutter und Küken.
Heroische Vorstellungen von der »Heldenhaftigkeit«, mit der eine Pute »ihre« Küken gegen Feinde
verteidigt.
Wie total diese und andere verbreitete Vorstellungen über tierisches Umwelterleben die Wirklichkeit
des Tiers verfehlen, das zeigen zahllose derartige Experimente. Aber es sind eben Illusionen, die
dabei von den Wissenschaftlern zerstört werden. Wer sich von ihnen freimacht, soweit das
überhaupt gelingt, der entdeckt andere, legitimere Anlässe zum Staunen und zur Bewunderung.
Erst dann, wenn man sich von den verbreiteten und wahrscheinlich unausrottbaren anthropomorph-
vermenschlichenden Illusionen über das »Innenleben« von Tieren freigemacht hat, kann man die
Möglichkeit, mit ihnen eine Beziehung anzuknüpfen, mit manchen von ihnen - Hunden,
Menschenaffen - sogar eine partnerartige Bindung eingehen zu können, ganz unmittelbar als
Ausdruck einer Verwandtschaft erleben, die eben auch den Abgrund zwischen verschiedenen
Wirklichkeiten - wenigstens partiell - zu überbrücken vermag.
Aber wie sieht denn nun die Wirklichkeit des Tiers aus, wenn sie so total verschieden ist von der
unseren? Oder, bescheidener und an den Ablauf unseres Gedankengangs angepasst: Wie ist die
Wirklichkeit eines »Zwischenhirnwesens« beschaffen, wie sieht die Welt, »vom Zwischenhirn aus
betrachtet«, aus? (24)
Da wir uns nicht in den Kopf eines Vogels oder eines Fisches versetzen können, da wir, was für das
Verständnis noch hinderlicher ist, nicht einmal aus unserem eigenen Kopf herauszuschlüpfen
vermögen, ist diese Frage nicht so konkret zu beantworten, wie unsere Neugier es gern hätte. Aber
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unsere Wissenschaft hat es auch an anderen Stellen fertiggebracht, den Horizont der von uns
erlebten Wirklichkeit um ein geringes Maß zu erweitern.
So untersuchen wir mit der Hilfe gewaltiger Beschleuniger subatomare Materieteilchen. Wir
bedienen uns elektromagnetischer Wellen und anderer Eigenschaften der objektiven Realität, die
ursprünglich nicht zur Wirklichkeit unserer Welt gehörten. So hat auch die biologische
Wissenschaft, so haben die Verhaltensforscher einige Antworten zutage gefördert auf die Frage nach
der Beschaffenheit der Wirklichkeit des Zwischenhirns. Nach jener Wirklichkeit, die sich den
irdischen Lebewesen erschloss, die etwa 2 ½ Milliarden Jahre nach dem Beginn der biologischen
Evolution die Stufe des Zwischenhirns erklommen hatten. Was das für eine Wirklichkeit gewesen
sein muss und heute noch für alle die Organismen ist, die über diese Stufe nicht wesentlich
hinausgelangt sind, lässt sich ebenfalls aus den Attrappen-Versuchen erschließen. Man muss dazu
allerdings wissen, wonach man in den Resultaten zu suchen hat. Auch die Verhaltensforscher haben
jahrelang Resultat auf Resultat häufen müssen, bis sich aus der Fülle der Einzelheiten das
Grundsätzliche herausschälte.

Rekonstruktion einer archaischen »Welt«

Vom Zwischenhirn aus gesehen hat die Welt mit dem, was wir als unsere gewohnte Umwelt
erleben, keine Ähnlichkeit mehr. Es ist eine Welt mit Eigenschaften und Gesetzen, die uns fremd
geworden sind, eine Welt, der wir seit einigen hundert Jahrmillionen so weit entwachsen sind, dass
sie uns gespenstisch erscheinen würde. Ein Zwischenhirn-Organismus ist dort optimal geborgen. Es
ist seine Welt. Der Besitzer eines Großhirns aber würde sich in dieser Wirklichkeit in einen
Alptraum versetzt glauben.
Das ist mehr als eine bloße Metapher. Aus den wiederholt erläuterten Gründen ist auch unser
Zwischenhirn noch immer voll in Funktion. Die Welt unserer biologischen Urahnen steckt daher als
lebendes Fossil auch noch in unseren Köpfen. Normalerweise wird sie von der übergeordneten
Instanz des Großhirns beherrscht, wenn auch niemals gänzlich unterdrückt. Es gibt jedoch Fälle, in
denen eine biologische Katastrophe auch einen heutigen Menschen noch in diese archaische
Wirklichkeit zurückstürzen lässt. Wir werden sehen, dass sich bestimmte Formen geistiger
Erkrankungen, zum Beispiel das, was die Psychiater einen schizophrenen Beziehungswahn nennen,
am plausibelsten auf diese Weise erklären lassen.
Aber so weit sind wir noch nicht. An dieser Stelle müssen wir uns sogar davor hüten, das
Entwicklungsniveau des Zwischenhirns vom Großhirn aus zu betrachten. Im Augenblick ist der
entgegengesetzte Standpunkt der einzig richtige. Wir müssen die nunmehr erreichte Stufe von der
Vergangenheit aus anvisieren, vom Anfang der Entwicklung aus. Nur aus dieser Perspektive können
wir den ungeheuren Fortschritt erkennen, den sie in der Evolution dargestellt hat.

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Die Welt des Zwischenhirns ist nicht mehr die primitive Wirklichkeit physikalischer und
chemischer Reize. Buchstäblich auf Gedeih und Verderb sieht sich das noch rein vegetativ
organisierte Lebewesen unausweichlich den Gefährdungen durch eben die Umweltfaktoren
ausgeliefert, vor denen es sich aus biologischen Gründen nicht hat verschließen können.
Das Zwischenhirn hat den Druck spürbar gemindert. Die Wirklichkeit besteht jetzt nicht mehr nur
aus konkreten Reizen. Fernsinne erschließen in der Außenwelt Signale. Diese haben für den
Organismus den Charakter spezifischer Auslöser, die im Organismus bereitliegende Verhaltenspro-
gramme in Gang setzen. Der der Außenwelt zugehörende Auslöser und das im Organismus
gespeicherte Programm sind aufeinander gemünzt. Die Evolution hat sie so aufeinander
abgestimmt, dass sie zueinander passen wie Schlüssel und Schloss.
Einer, und nur dieser eine Auslöser - der mitunter aus der Kombination von zwei oder drei Signalen
bestehen kann - setzt eine ganz bestimmte und nur diese Verhaltensweise in Gang. Und umgekehrt
wird jedes Einzelprogramm aus dem Gesamtrepertoire nur dann in Aktion treten, wenn »sein«
spezifischer Auslöser auf den Organismus »wirkt« 31.
Wenn damit aber die ganze Situation schon beschrieben wäre, dann wäre für den betroffenen
Organismus fortwährend die Hölle los. Bei grundsätzlich permanenter Anwesenheit aller
wirksamen Auslöser in der Umwelt würden alle in ihm bereitliegenden Verhaltensweisen in jedem
Augenblick aktiviert und ununterbrochen um die Vorherrschaft streiten. Wir müssen uns deshalb
daran erinnern, was auf Seite 153 bereits über die »innere Bereitschaft« zur Auslösung bestimmter
Reaktionen gesagt wurde. Darüber, dass für verschiedene Reaktionsprogramme verschiedene und in
unterschiedlichem Sinn schwankende Auslösungsschwellen existieren, von denen Prioritäten
hinsichtlich des Verhaltens festgelegt werden.
Für das Verständnis der Beziehung zwischen Organismus und Außenwelt auf dieser Stufe ist ferner
die Erinnerung daran wichtig, dass diese Schwellen nicht nur durch innere Prozesse im Organismus
selbst reguliert werden. Also nicht nur, um wieder den einfachsten Fall als Beispiel heranzuziehen,
dadurch, dass etwa die Auslösbarkeit von Fressverhalten erleichtert wird, wenn die kalorische
Stoffwechselbilanz, sprich: die Menge der in den Geweben gespeicherten Nahrungsreserven, sich
verringert. Die Schwellen, die über das Wirksamwerden potentieller Auslöser in der Umwelt
entscheiden, sind vielmehr ihrerseits wieder von bestimmten Umweltfaktoren abhängig.
In Kapitel 11 wurde das am Beispiel des Zusammenhangs zwischen Licht und Sexualität
ausführlicher begründet. Das Licht erwies sich dabei als eines von sicher mehreren - darunter
wahrscheinlich auch heute noch unbekannten - Medien, die den Organismus in einer ganz
elementaren, noch weit unterhalb der Ebene von Reiz und Reaktion sich abspielenden Beziehung

31
Für den Kenner: Selbstverständlich ist das in dieser Verallgemeinerung ebenfalls wieder eine »idealtypische Abstraktion«. In der Realität gibt es
sehr wohl triebhafte Programme, die infolge einer aus inneren Gründen immer weiter absinkenden Schwelle schließlich in Gestalt einer sogenannten
Leerlaufhandlung »spontan«, also in Abwesenheit des zugehörigen Auslösers, ablaufen. Und ebenso bekannt ist es, dass unter bestimmten Umständen
ein Auslöser mittelbar auch einmal eine »unpassende« Instinktreaktion (in Gestalt einer »Übersprunghandlung«) in Gang setzen kann. In unserem
Zusammenhang kommt es jedoch auf die Regel an und nicht auf die Ausnahmen.
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mit seiner Umwelt verknüpfen. Ein anderes Beispiel für diesen Zusammenhang wäre der
sogenannte circadiane Rhythmus, die 24stündige Periodik, der, wie es scheint, alle körperlichen
Funktionen bei allen bisher daraufhin untersuchten Organismen unterliegen.
Dieser 24-Stunden-Rhythmus ist uns wie allen anderen irdischen Lebewesen bis hinunter zu den
Einzellern angeboren. Er spiegelt natürlich die 24stündige Periodik wider, in der infolge der
Erdumdrehung Tag und Nacht auf unserem Planeten einander abwechseln. Dieser Wechsel von Hell
und Dunkel stellt auch den Gleichtakt zwischen der inneren biologischen Periodik des Organismus
und dem äußeren Ablauf von Tag und Nacht her. Er verhindert, dass beide »asynchron« werden,
dass die »innere Uhr« vom Tag-Nacht-Rhythmus abweicht. Diese »Zeitgeber-Funktion« des
Tag-Nacht-Rhythmus wirkt auf den Organismus, wie sich experimentell nachweisen lässt, über die
Augen. Diese erweisen sich dabei einmal mehr als Organe, die ursprünglich nicht zum Sehen
erfunden wurden.
Als Folge dieser Beziehungen sind unsere physiologischen Körperprozesse auf den periodischen
Wechsel der Umweltbedingungen funktionell abgestimmt. Konkret und vereinfacht ausgedrückt
heißt das zum Beispiel, dass wir morgens nicht passiv von der Sonne aus dem Schlaf gerissen
werden, sondern dass unsere Bereitschaft zum Wachwerden und der Aufgang der Sonne harmonisch
aufeinander abgestimmt sind. Das jedenfalls ist der ursprüngliche Sinn dieser evolutiven
Errungenschaft. Wobei einzuräumen ist, dass wir mit den Bedingungen unserer Zivilisation seit
einiger Zeit drastisch in diese harmonische Umweltbeziehung eingegriffen haben.
Was das eben zitierte Beispiel betrifft, ist das vor allem durch die Erfindung der künstlichen
Beleuchtung geschehen. Nicht die unwichtigste Ursache der heute so verbreiteten Schlafstörungen
dürfte in der Tatsache zu sehen sein, dass ein Jahrmillionen alter endogener Rhythmus, der zu
seinem Funktionieren auf das Umweltsignal eines strikt 24stündigen Wechsels von Helligkeit und
Dunkel angewiesen ist, angesichts der Elektrifizierung unserer Behausungen keine Entsprechung
mehr in unserer Umwelt findet. So gesehen ist es vielleicht kein Zufall, dass die Glühbirne und die
Schlaftablette von ein und derselben Generation erfunden worden sind.
Alle die Eigentümlichkeiten, die ich genannt habe, sind in den Attrappenversuchen der
Verhaltenswissenschaftler wiederzufinden. Das Rotkehlchen-Männchen kümmert sich um den
Jungvogel nicht. Signal für die Auslösung von Balzverhalten ist für das Tier die Kombination von
»Federhaftigkeit« und roter Farbe. Die plumpe Drahtattrappe, die beide Merkmale vereinigt, kann
als Auslöser wirken. Der Artgenosse tut es in diesem Falle nicht.
Aber noch etwas gehört dazu: das Rotkehlchen muss in »Balzstimmung« sein. Seine innere
Bereitschaft ist eine unentbehrliche Voraussetzung. Die Schwelle, die vor die Auslösbarkeit von
Balzverhalten gesetzt ist, muss erniedrigt sein, damit die von der Attrappe gebildete
Merkmalskombination Signalcharakter annehmen kann. Es hängt von der inneren Bereitschaft, von
der »Stimmung« des Tiers ab, ob bestimmte Umwelteigenschaften wirksam werden.
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Diese innere Bereitschaft ist nun ihrerseits wiederum, wie ausführlich erläutert, abhängig von der
Jahreszeit. Das Signal der jahreszeitlich wechselnden Tageslänge steuert die Schwelle des sexuellen
Verhaltensprogramms. So dass letztlich also die Umwelt darüber entscheidet, ob bestimmte
Merkmale der Außenwelt für das Tier zu Signalen (Auslösern) werden können, ob sie auf sein
Verhalten »wirken«! Das aber heißt nichts anderes, als dass die Umwelt vermittels der Stimmung
des Tiers darüber entscheidet, welche ihrer Merkmale jeweils zu dessen Wirklichkeit gehören und
welche nicht.
Die Besonderheit, der wir hier begegnen, ist es vor allem, welche die Wirklichkeit des
Zwischenhirns entscheidend von der Art und Weise trennt, in der wir die Welt erleben. Sie ist, wie
mir scheint, charakteristisch für die Erlebniswelt der Tiere. Das gilt auch noch für alle höheren
Tiere. Auch bei ihnen hat die Entwicklung und Ausreifung des Gehirns noch immer nicht den Grad
erreicht, der diesem jüngsten Hirnteil eine eindeutige funktionelle Dominanz über das Zwischenhirn
einräumen würde.
Die Besonderheit, auf die wir hier gestoßen sind, lässt sich aus unserer Perspektive am besten durch
die Formulierung treffen, dass die Wirklichkeit auf der Entwicklungsstufe des Zwischenhirns noch
keine konstante Wirklichkeit ist. Das ist der entscheidende Unterschied. Unsere Umwelt »besteht«,
und zwar aus objektiv vorliegenden »Gegenständen«. Wir können die Objekte unserer Umwelt
beachten oder übersehen, sie sind in jedem Falle ganz unstreitig da und in ihrer Gegenwart
unabhängig vorn Grade unseres Interesses an ihnen.
Das ist radikal anders auf der Stufe der Hirnentwicklung, die uns an dieser Stelle beschäftigt. Der
Unterschied ist so fundamental, dass wir im ersten Augenblick Mühe haben, ihn für möglich zu
halten. Eine Welt unabhängig von uns selbst existierender Objekte ist für uns in solchem Maße
selbstverständlich, dass wir allzu leicht übersehen, dass dieser Sachverhalt nur durch unsere
Gewohnheit legitimiert ist. Im verhaltensphysiologischen Experiment können wir uns mit eigenen
Augen davon überzeugen, dass das Stichlingsweibchen ungeachtet seiner objektiven Gegenwart in
der Wirklichkeit des Stichlingsmännchens nur und erst dann auftaucht, wenn zwei zusätzliche
Bedingungen erfüllt sind. Von diesen aber hat mindestens die eine - die »innere Bereitschaft« des
Männchens, sexuelle Auslöser überhaupt zu registrieren - einen durchaus subjektiven Charakter.
So taucht der potentielle Sexualpartner in der Wirklichkeit eines solchen Tiers in Abhängigkeit von
subjektiven Faktoren auf - oder auch nicht. Er »verschwindet« also buchstäblich auch wieder,
sobald die sexuelle Begegnung vorüber ist. Denn diese verzehrt als »Endhandlung«, wie die
Verhaltensforscher sagen, die Triebspannung. Damit aber ist die Stimmung verschwunden, die die
spezifischen Schwellen herabsetzte. Es fehlt jetzt folglich eine der entscheidenden Voraussetzungen
dafür, dass sexuelle Signale wirksam werden, zu einem Bestandteil der »Wirklichkeit« des Tiers
werden können.

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Mag sein, dass der objektiv weiterhin anwesende Artgenosse im nächsten Augenblick in anderer
Form wieder auftaucht, als Futterrivale, als Revierkonkurrent, in welchem Zusammenhang auch
immer. Aus der Perspektive des Tiers, um dessen Wirklichkeit es sich handelt, wird man hier von
einer Identität dieses - objektiv und für uns gleichen - Partners nicht gut sprechen können.
Dieses Verschwinden und Auftauchen, diese fortlaufende Verwandlung des für uns jedenfalls
objektiv gleichen Artgenossen oder Umweltdinges je nach der eigenen Verfassung und dem
Kontext, dem Verhaltensbereich, innerhalb dessen die Begegnung erfolgt, das ist andererseits nur
möglich, weil in dieser Welt noch alles, was begegnet, nur indirekt, durch austauschbare Merkmale
repräsentiert ist.
Wie groß auch in dieser Hinsicht der Unterschied ist, das zeigen die Experimente Schleidts. Deren
für uns schockierendes Resultat kommt eben dadurch zustande, dass es auf Zwischenhirnebene so
etwas wie »Gegenstände« oder »Wahrnehmungsdinge«, die objektiv vorliegen und die ihre Identität
behalten, einfach noch nicht gibt. An ihrer Stelle existieren Merkmalskombinationen.
Diese stehen zwar, gleichsam nach dem Prinzip pars pro toto, für die Objekte der uns gewohnten
Umwelt. Sie repräsentieren diese Objekte auch ganz konkret insofern, als sie ihnen »angeheftet«
sind, als sie Teile oder Teileigenschaften der Gegenstände unserer Welt sind.
Aber keines dieser Merkmale und keine der von ihnen gebildeten Merkmalskombinationen ist
konstant. Sie tauchen auf in der Wirklichkeit des Tiers, und sie verschwinden, und dies nicht nur als
Folge des Kommens und Gehens der Merkmalsträger in der objektiven Umwelt, sondern auch als
Folge sich ständig ändernder »innerer Bereitschaften« oder Stimmungen des Subjekts. Und für
dieses ändert sich mit dem Merkmal auch die Bedeutung des Signals. Auf der Ebene des Zwischen-
hirns werden Änderungen von Merkmalskombinationen nicht als Veränderungen grundsätzlich
identischer Dinge interpretiert, sondern als übergangsloser Wechsel zwischen verschiedenen
Bedeutungen.
Deshalb helfen dem Küken seine »Federhaftigkeit«, seine Kontur, Größe und all die anderen
Eigenschaften, die für uns sein Aussehen ausmachen, überhaupt nichts, sobald es durch den
Experimentator des einzigen Merkmals beraubt ist, durch das es in der Wirklichkeit der Hühnerwelt
als Objekt des Verhaltensprogramms »Brutpflege« identifiziert werden kann. Fehlt dieses eine
Schlüsselsignal, dann verkehrt sich seine Bedeutung in verhängnisvoller Weise zu dem von
»fremd«, was in der beschriebenen Situation gleichbedeutend ist mit feindlich oder gefahrvoll. Aus
dem gleichen Grunde verfolgt der Kaisermantel bis zur Erschöpfung eine quergestreifte rotierende
Walze. Allein deshalb, weil sie für ihn keine rotierende Walze ist, sondern Träger eines
Schlüsselsignals, das von der Attrappe in einer Reinheit und mit einer Penetranz ausgeht, welche
die Möglichkeiten der Evolution - die im Interesse der Unauffälligkeit ihrer Kreaturen zu
Kompromissen gezwungen ist - weit übertreffen.

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Gesetze der Urzeit

Bei allen Versuchen, die fremdartige Wirklichkeit dieser archaischen Stufe der Umweltbeziehung zu
rekonstruieren, sie sich wenigstens indirekt in ihrer Eigentümlichkeit vor Augen zu führen, lauert
für unser Verständnis wieder die alte Gefahr: dass wir die Dinge aus der Perspektive unseres
eigenen Standpunkts beurteilen. Es ist nicht möglich, das, was wir da entdecken, richtig zu
würdigen, wenn wir es allein unter dem Gesichtspunkt des Mangels betrachten. So anschaulich die
Uexküllsche Metapher vom »Zusammenschnurren zu einem ärmlichen Gebilde« sein mag, so
einseitig ist sie auch.
Denn die Weltbeziehung, die sich auf der Stufe des Zwischenhirns eröffnet, könnte als »ärmlich«
nur gelten, wenn sie als das Resultat einer Reduktion der von uns selbst verkörperten Beziehung zur
Welt anzusehen wäre. Das aber würde die Dinge auf den Kopf stellen. Die Wirklichkeit des
Zwischenhirns ist nicht das Produkt einer Verarmung unserer menschlichen Bewusstseinsebene,
sondern deren Vorläufer. Es ist der naturgeschichtliche Grund, auf dem unser Welterleben ruht. Sie
ist nicht die Folge einer Verkümmerung dessen, was wir Wahrnehmung nennen, sondern dessen
historischer Anfang.
Wenn man die Dinge so sieht, geht einem auf, was für eine revolutionierende Leistung hier von der
Evolution vollbracht worden ist: Der fortgeschrittene Nachfahre jener Urzelle, die sich biologisch
ihrer unbelebten Umwelt gegenüber hatte »verselbständigen« können, beginnt, sich von dieser
Umwelt auch auf einer höheren Ebene zu distanzieren. An die Stelle biologisch relevanter Reize
sind Signale getreten und an die Stelle stoffwechselphysiologischer Reaktionen zunehmend
kompliziertere, auf die Außenwelt zielende Verhaltensprogramme.
Es ist zuzugeben, dass die Distanzierung, die Verselbständigung auf dieser höheren Ebene noch
keineswegs vollständig gelungen ist. Die Trennung zwischen Subjekt und Objekt ist noch immer
nicht wirklich erfolgt. Die An- oder Abwesenheit eines bestimmten Signals oder einer anderen
wirksamen Umwelteigenschaft hängt immer noch auch vom Zustand des Subjekts selbst ab, von
seiner »Stimmung«, und diese wiederum von bestimmten Bedingungen der Umwelt, etwa der
jahreszeitlichen Tageslänge, in einem geschlossenen Kreis. Noch immer ist der Organismus ein Teil
der Umwelt, aus der er durch den Äonen umfassenden Prozess der Evolution hervorgegangen ist.
Noch immer bilden beide eine Einheit.
Aber die Bruchlinie der noch in der Zukunft liegenden Trennung ist schon zu erkennen. jedenfalls
für uns, im Nachhinein, wenn man weiß, wozu alles letztlich geführt hat. Schon existiert im Auge
des Organismus das Abbild einer objektiven Welt. Entstanden ist es im Verlaufe der
Weiterentwicklung eines Licht-Sinnesorgans letztlich aus physikalischer Zufälligkeit oder
Unvermeidlichkeit. jedenfalls nicht, das steht fest, aus biologischer Zweckmäßigkeit. Diese hat im
Nervensystem des Organismus ganz im Gegenteil sogar eine komplizierte Verrechnungseinrichtung

141
entstehen lassen, die allein dem Zweck dient, dieses »Bild« zu unterdrücken. Denn biologisch
zweckmäßig ist es allein, das Auge für das Erkennen von Hell-Dunkel-Wechseln, von Bewegung in
der Umwelt und anderen vergleichbaren elementaren Signalen freizuhalten. Deren Erfassung ist
nach wie vor ihre eigentliche, biologisch einzig wichtige Funktion.
Noch auf eine dritte, nicht weniger wichtige Besonderheit der Umweltbeziehung auf dieser Stufe ist
aufmerksam zu machen. Auch sie bezeichnet einen fundamentalen und folgenschweren Unterschied
im Vergleich zu unserer Weise des Welterlebens. Sie besteht - wie sich indirekt übrigens ebenfalls
aus den hier beschriebenen Versuchen ableiten lässt - in dem absoluten Fehlen von belanglosen
Inhalten in der vom Zwischenhirn vermittelten Wirklichkeit.
Eigentlich ergibt sich das schon aus der Definition, die wir dem Wort »Wirklichkeit« gegeben
haben. Oder, in den logisch richtigen Zusammenhang gebracht: Wir hätten diesen Begriff in dem
hier ausführlich erläuterten Sinn gar nicht einführen und verwenden können, wenn es anders wäre.
Denn ein Signal, Merkmal oder »Auslöser« gehört ja eben nur dann zur »Wirklichkeit« eines Tiers,
wenn es auf das Tier - auf seine innere Verfassung oder sein Verhalten - auf irgendeine Weise
»wirkt«. Tut es das nicht, so taucht es, wie ausdrücklich gesagt wurde, in dieser Wirklichkeit
definitionsgemäß eben nicht auf.
Die Welt des Zwischenhirns ist folglich auch dadurch charakterisiert, dass es sich um eine Welt
handelt, in der nichts existiert, was ohne Bedeutung für das Subjekt wäre. Alles, was in dieser
Wirklichkeit auftaucht, tut das ja dadurch, dass es auf den Organismus einwirkt. Deshalb ist jeder
Teil, jeder Inhalt dieser Wirklichkeit, ohne jeden Rest, auf das Subjekt hin zentriert. Die Welt des
Zwischenhirns ist, so kann man den gleichen Sachverhalt beschreiben, auf das erlebende Subjekt
hin perspektivisch geordnet.
Das ist deshalb besonders interessant, weil uns dieses Charakteristikum einer archaischen
Weltstruktur nun wieder aus eigener Erfahrung geläufig ist. Der deutsche Psychiater Rudolf Bilz,
der für das Phänomen den Fachausdruck »Subjektzentrismus« prägte, weist in diesem
Zusammenhang mit Recht auf den Hund hin, der sich bei einem lauten Gewitter winselnd unter
dem Sofa verkriecht, weil er sich »gemeint« fühlt. Aber auch für das Kleinkind gilt das noch, das
bei einem lauten Streit im Nebenzimmer aus dem gleichen Grunde zu weinen anfängt. Erwachsen
zu werden, das heißt eben auch, zu lernen, dass das meiste von dem, was um uns herum vorgeht,
uns nicht angeht, belanglos für uns ist.
Die Fähigkeit, im Gedränge einer Straße durch ein Meer von Gesichtern zu gehen, die einem
gleichgültig bleiben und die man nicht beachtet, weil sie »unbekannt« sind - das ist eine weitere
Besonderheit, durch die sich unser Welterleben grundlegend von dem auf der Zwischenhirnstufe
unterscheidet. Wir können an dieser Stelle noch nicht wirklich verstehen, welche revolutionierende
Änderung, welche außerordentliche Leistung sich hinter dieser Fähigkeit verbirgt. Aber wir können

142
konstatieren, dass der Unterschied zwischen der Art der Beziehung zur Umwelt auf beiden Stufen
der Entwicklung auch in dieser Hinsicht radikal ist.
Damit wäre die Beschreibung der Wirklichkeit des Zwischenhirns im wesentlichen abgeschlossen.
Bevor wir uns jetzt aber der Frage zuwenden, welche Anlässe und welche Möglichkeiten es für
einen an sie anschließenden und über sie hinausführenden weiteren Schritt der Evolution gegeben
haben könnte, muss noch kurz eine uns allen geläufige psychische Erfahrung erwähnt werden, die
in diesen Zusammenhang gehört. Sie ist vor allem deshalb wichtig, weil sie einen ersten Beleg
dafür bildet, dass wir von der archaischen Wirklichkeit, die hier so ausführlich geschildert wurde,
auch heute noch keineswegs vollständig getrennt sind. Ich meine die Erfahrungen, die wir machen,
wenn wir träumen. Wem fielen die Parallelen nicht auf, wenn wir die Art der Erlebnisse, die wir in
unseren Träumen haben, mit den Eigentümlichkeiten vergleichen, welche die archaische Welt des
Zwischenhirns auszeichnen? Auch den Personen und Dingen, die in der Wirklichkeit unserer
Träume auftauchen, fehlt jene objektive Beständigkeit, die wir im wachen Zustand als
selbstverständlich empfinden,
Da wechseln Personen von einem Augenblick zum anderen - und ohne dass uns das, so lange wir
träumen, im mindesten verwunderte - ihre Identität, da verschmelzen die Persönlichkeiten uns
vertrauter Menschen miteinander oder verwandeln sich unvermittelt in einen Fremden. Auch die
Dinge und die Örtlichkeiten der Traumszenerie sind alles andere als beständig.
Und ist es nicht auch ein typisches Merkmal dieser Traumwelt, dass alles, was geschieht, mit uns zu
tun hat, auf uns zielt? Dass wir in jedem Augenblick mit absoluter Gewissheit spüren, dass noch ein
Fahrzeug am fernen Horizont oder ein unbekannter Mensch im Fenster eines fremden Hauses
einbezogen ist in das, was uns im nächsten Augenblick begegnen wird? In einer positiven oder,
meist, einer bedrohlichen, ausnahmslos und in jedem Fall aber in irgendeiner Bedeutung, niemals
gänzlich neutral oder belanglos?
Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Ähnlichkeiten in diesem Falle alles andere als’ zufällig
sind. Wie sie zustande kommen, auch das ist leicht zu erklären. »Wenn die Katze aus dem Haus ist,
tanzen die Mäuse auf dem Tisch«, sagt das Sprichwort. Was in unseren Träumen tanzt, ist das
Zwischenhirn. Wenn unser Bewusstsein im Schlaf erlischt, ist es von der Dominanz des Großhirns
vorübergehend befreit.
Dann demonstriert es uns, wie groß unser Irrtum war, als wir es für einen »Spiegel« hielten. Dann
zeigt es uns die Welt, deren Abbild es ist. An die es vor unermesslichen Zeiträumen von der
Evolution angepasst wurde. Dann zeigt es sich, dass diese Welt nicht unsere heutige Welt ist,
sondern deren archaische Vorstufe.
Die Dinge und Personen, die sichtbar in unseren Träumen auftreten, die freilich entstammen den
optischen Erinnerungen unseres Wachbewusstseins, gleichsam der Requisiten-Kammer des
Großhirns. Die Regeln des Spiels jedoch, die Gesetze, die den Handlungsablauf bestimmen, die
143
stammen aus einer anderen Welt. Aus einer Welt, die für uns in einer unvorstellbar fernen
Vergangenheit liegt. Bedarf es einer Erklärung, dass wir uns in unseren Träumen so oft fürchten?
Wie sollten wir uns heimisch fühlen in einer Wirklichkeit, die seit Jahrmillionen nicht mehr die
unsere ist?
Ein Traum hat etwas von einem Zeitsprung an sich. Er versetzt unsere Psyche, wenn das Großhirn
schläft, real und ohne Übergang in jene Epoche zurück, in der unsere biologischen Vorfahren
überleben mussten, die in der endlos langen Kette unserer Ahnenreihe eben die Stufe des
Zwischenhirns erklommen hatten. Das ganze Geheimnis dieser ohne allen Zweifel höchst
staunenswerten Möglichkeit beruht in der bereits wiederholt erwähnten Tatsache, dass dieser Teil
unseres Gehirns in jedem Sinne des Wortes ein lebendes Fossil darstellt 32.
Aber auch davon, dass diese Traumwirklichkeit uns so fremdartig und oft genug unheimlich
erscheint, dürfen wir uns nicht in die Irre führen lassen. Wir sind dieser archaischen Welt
entwachsen. Daran besteht kein Zweifel. Wenn wir sie erleben, erleben wir sie als Fremde.

32
Ein Alptraum, er mag noch so furchtbar sein, geht wenigstens rasch vorüber. Leider gilt das meist nicht für jene geistige Erkrankung, die von den
Psychiatern »Schizophrenie« genannt wird. Diese psychische Störung muss hier kurz besprochen werden, weil die Besonderheit ihrer Symptomatik es
wahrscheinlich macht, dass auch sie die Folge einer Störung der normalen hierarchischen Ordnung in unserem Zentralnervensystem ist. Die
Krankheit wäre damit in Analogie zu den Verhältnissen beim Traum zu sehen, eine Möglichkeit, die in der Psychiatrie angesichts bestimmter
traumartiger Eigentümlichkeiten schizophrenen Erlebens seit langem diskutiert worden ist.
Eine Vorbemerkung: Die Schizophrenie hat mit einer »Bewusstseinsspaltung« (oder einem »Spaltungsirresein«) so viel zu tun wie eine Galaxie mit
einem Milchprodukt - nämlich überhaupt nichts. Dies in so deutlicher Form festzustellen, ist deshalb notwendig, weil viele gebildete Laien
verständlicherweise meinen, dass die beiden deutschen Übersetzungen des medizinischen Krankheitsnamens so etwas wie eine Kurzbeschreibung des
Krankheitsbildes darstellten. Davon aber kann keine Rede sein. Das Wort »Schizophrenie« wurde zu Anfang des Jahrhunderts aufgrund einer
inzwischen längst überholten psychologischen Theorie geprägt. Es ist also lediglich historisch zu verstehen - ebenso wie der astronomische
Fachausdruck »Galaxie«, der. sich von dem griechischen Wort für »Milch« ableitet, ohne dass seine wörtliche Übersetzung etwa eine Anschauung
von der wirklichen Natur eines Milchstraßensystems vermitteln könnte.
Den Kern einer schizophrenen Störung bildet eine ganz andere Art der Abweichung vom Normalen, als ihr Name es anzudeuten scheint. Von einer
»Beziehungssetzung ohne Anlass« hat man gesprochen. So vielfältig und äußerlich zum Teil sogar gegensätzlich die Störungen sein mögen, die der
Psychiater unter dem Oberbegriff »Schizophrenie« zusammenfasst, ihnen allen gemeinsam ist eine sehr eigentümliche, sehr charakteristische Störung
des Verhältnisses zur Umwelt. Die einen Patienten halluzinieren, andere nicht. Manche sind unruhig und erregt, andere ganz im Gegenteil wortlos
erstarrt. Immer dann jedoch, wenn es gelingt, von ihnen zu erfahren, was sie erleben, zeigt es sich, dass die Welt für sie eine gänzlich neue, eine auf
unheimliche Weise veränderte Bedeutung angenommen hat.
Es fällt den Patienten bezeichnenderweise schwer, die Veränderung zu beschreiben, denn diese ist nicht sichtbar. Es sieht alles noch so aus wie früher.
Und doch hat alles sich auf unheimliche Weise verändert. Es hat eine andere, eine unmittelbar auf den Patienten zielende Bedeutung angenommen,
die sich nicht greifen lässt. Plötzlich erscheint alles bedrohlich, beziehungsvoll: ein Flugzeug am fernen Himmel, ein halb geöffneter Fensterflügel,
die zufällige Geste eines Passanten. Gerade im Anfang der Erkrankung schildern einem die Patienten derartige Belanglosigkeiten in allen Details mit
einer Erschütterung und Angst, die zu der (für uns!) absoluten Banalität ihrer Berichte in einem bezeichnenden Gegensatz steht.
Betroffen von dieser so schwer zu beschreibenden und vom Gesunden offenbar kaum nachzuerlebenden Veränderung sind auch die Gesichter der
Mitmenschen. Sie erscheinen als »Masken«, deren wirklichen Ausdruck der Patient mit einem Male nicht mehr versteht. Fremde Gesichter werden
bedeutungsvoll, scheinbar bekannt, fremde Menschen scheinen dem Erkrankten mimisch Zeichen geben zu wollen, an deren Sinn verzweifelt
herumgerätselt wird. Nichts gibt es schließlich mehr, was nicht auf den Patienten gemünzt wäre, auf ihn abzielte, ihn in irgendeiner (meist
bedrohlichen) Weise »meinte«.
Es ist hier nicht der Ort, das Thema weiter auszubreiten. Das Gesagte kann aber vielleicht genügen, um verständlich zu machen, warum sich der
Gedanke aufdrängt, schizophrene Störungen könnten sich eines Tages als die Folge einer abnormen Dominanz vom Zwischenhirn ausgehender
Einflüsse herausstellen. Analog zu den Verhältnissen, die herrschen, wenn wir träumen. Beim Traum ist die Umkehrung der in unserem Gehirn
waltenden hierarchischen Funktionsstrukturen insofern normal, als die uns periodisch befallende Bewusstlosigkeit des Schlafs normal ist. Ein
Hirnteil, der, wie das Großhirn während des Schlafs, die ihm zustehende Dominanz vorübergehend nicht wahrnimmt, räumt untergeordneten, älteren
Hirnabschnitten einen erweiterten Spielraum ein.
Vielleicht ist es bei der Schizophrenie ähnlich. Nur, dass die Umkehrung der hierarchischen Verhältnisse im Gehirn des Patienten nicht durch den
Schlaf hervorgerufen würde, sondern bei wachem Bewusstsein durch Ursachen, die wir heute noch nicht kennen. Das, was die Patienten schildern
und erleben, scheint mir jedenfalls eine präzise Beschreibung der Situation zu sein, die entstehen müsste, wenn der Besitzer eines Großhirns in die
archaische Welt des Zwischenhirns zurückversetzt würde: Das Fehlen belangloser Inhalte. Die perspektivische Anordnung, in der alles auf den
Erlebenden ausgerichtet zu sein scheint. Der Verlust der Identität der Mitmenschen, der sich in dem Bekanntheitscharakter der Gesichter Fremder
ebenso auszudrücken scheint wie in der maskenhaften Unverständlichkeit der Mimik Nahestehender. Ganz allgemein: das Auftauchen
magisch-archaischer Formen der Beziehung zur Welt, wie es ohne jeden Gedanken an eine bestimmte Theorie von vielen Beobachtern immer wieder
beschrieben worden ist.
Die Möglichkeit einer solchen Entgleisung der Hierarchie ist grundsätzlich kaum zu bestreiten, um so weniger, als schon normalerweise vom
Zwischenhirn Einflüsse auf das Großhirn ausgehen und in bestimmten Extremsituationen (z. B. im Zustand eines übermächtigen Affekts, etwa dann,
wenn jemand »in Panik gerät«) eine vorübergehende Dominanz tieferer Hirnabschnitte vorkommen kann. Dass ein heutiger Mensch, der in der
biologischen Katastrophe einer Schizophrenie in die archaische Welt seiner evolutionären Urahnen zurückstürzt, sich dort nicht heimisch fühlen kann,
bedarf keiner Begründung. Ein von diesem Schicksal betroffener Mensch säße mit seiner Erkenntnis- und Erlebnisfähigkeit existentiell zwischen
sämtlichen Stühlen. Zu Anfang der Erkrankung (bevor die Prozesse einer gewissen Gewöhnung, der nie vollständig gelingende Versuch der
Verarbeitung und Anpassung an die neue Situation, einsetzen) beschreiben die Patienten das, was ihnen da widerfährt, nicht selten als das Erlebnis
eines Weltuntergangs. Mir scheint, dass diese Metapher den Sachverhalt mit bemerkenswerter Präzision trifft.
144
Unvoreingenommen betrachtet jedoch, ohne das Vorurteil, zu dem unser Standort uns verleitet, sind
die positiven Seiten einer solchen Einordnung in die Umwelt nicht zu übersehen.
Denn auch der auf dieser archaischen Stufe angelangte Organismus ist in sich vollendet. Es gehört
zu den Wundern der Evolution, dass das für alle ihre Hervorbringungen gilt, gleich auf welcher
Stufe, gleich in welcher Zeit. Keine einzige ihrer Kreaturen ist unvollständig oder mangelhaft, nicht
einmal im Vergleich zu ihren weiterentwickelten stammesgeschichtlichen Nachfahren. Dass
trotzdem Weiterentwicklung erfolgt und Höherentwicklung möglich ist, gehört -jedenfalls für
unseren Verstand - zu den Paradoxien dieser Geschichte.
So ist das »Zwischenhirnwesen« in einer Weise in seiner Welt geborgen, die uns nicht mehr
erreichbar ist. Mit einer unbefragbaren Selbstverständlichkeit, in einer Harmonie, die uns zu
ständiger Entscheidung gezwungenen und in jedem Augenblick vor der Möglichkeit eines Irrtums
stehenden Großhirnbesitzern paradiesisch erscheinen muss.
Den Zwang zu individueller Entscheidung, die Möglichkeit des Irrtums, das alles gibt es in der
Wirklichkeit des Zwischenhirns noch nicht. Der Zugvogel, der bei einer bestimmten Tageslänge
33
vom Wandertrieb erfasst und vom bloßen Anblick des Sternhimmels geleitet seinem südlichen
Winterquartier zustrebt, weiß nichts von Zweifeln und kann sich nicht irren.
Die vom Individuum und seiner Umwelt gebildete Einheit ist auf dieser Stufe so vollkommen, dass
sich - wieder einmal - die Frage erhebt, warum es bei ihr nicht geblieben ist. Warum die Evolution
nach all dem Ungeheuren, was sich seit dem Anfang des »Big Bang« ereignete, auch jetzt nicht zur
Ruhe kam. Wie es zu verstehen sein könnte, dass sich ein weiterer Schritt anschloss, obwohl das
Erreichte in sich vollendet erschien. Unsere Mythen geben darauf die Antwort, dass es die Fähigkeit
zur Erkenntnis gewesen sei, zur individuellen Freiheit im Umgang mit der Umwelt und der damit
verbundenen Möglichkeit von Irrtum und Schuld, die uns aus dem Paradies einer solchen
Übereinstimmung mit der übrigen Natur vertrieben hätte. Diese Auskunft gehört für mich zu den
eindrucksvollsten Beispielen für die Bedeutung mythologischer Aussagen als
außer-wissenschaftlicher Erkenntnisquelle. Denn heute, Jahrtausende nach der Zeit, in der diese
Antwort formuliert wurde, beginnen wir zu entdecken, dass es genau so gewesen ist.

33
Neuere Untersuchungen sprechen dafür, dass die Spezialisierung des Vogelauges auf die Fähigkeit zum Entdecken von Bewegungen so weit
getrieben ist, dass auch für diese Tiere der Polarstern eine Sonderstellung am nächtlichen Himmel einnimmt: Sie erkennen ihn als den
einzigen Stern, der die scheinbare Drehung des Himmelsgewölbes nicht mitmacht, und bedienen sich seiner zur Richtungsorientierung.
145
14. Aufbruch

Die Grenzen der Geborgenheit

Vor etwa 6-800 Millionen Jahren - eine scharfe Grenze gibt es bis auf den heutigen Tag nicht -
begannen die ersten Organismen, die paradiesische Geborgenheit der bis dahin erreichten
Entwicklungsstufe aufzugeben, um in neue, bislang unbekannte Dimensionen aufzubrechen. Die
Frage, wie es dazu kam, hat ganz offensichtlich zwei Seiten. Die erste ist die nach dem Anlass oder
Grund, der sich dafür anführen ließe, dass die Evolution zu einer erneuten Anstrengung ansetzte.
Die Frage, welcher Mangel, welche Lücke im Arsenal überlebenswichtiger Eigenschaften eines
durch seine »Instinkte« mit der Umwelt verbundenen Lebewesens bestehen mochte. Denn die
Evolution greift nur dort an, wo Verbesserung möglich ist.
Die zweite Frage wäre die nach dem konkreten Weg, den die Evolution einschlug, als sie über die
Stufe des Zwischenhirns hinaus fortschritt. Denn auch in der Natur ist das Vorliegen einer
Verbesserungsmöglichkeit allein noch nicht gleichbedeutend mit der Existenz einer Lösung. Außer
nach dem Grund müssen wir daher auch nach den Möglichkeiten fragen, die sich der Entwicklung
anboten, als sie zum nächsten Sprung ansetzte. Auch auf diese zweite Frage gibt es heute schon eine
Antwort. Sie ist um so interessanter, als ihre Bedeutung über das hier diskutierte Problem weit
hinausreicht.
Aber beginnen wir mit dem ersten Punkt: Wo liegt der Mangel, wo ist in der eben noch als
»paradiesisch« bezeichneten Situation des »Zwischenhirnwesens« die schwache Stelle zu
entdecken, die eine Weiterentwicklung provozierte? Worin besteht die Gefahr, die groß genug ist,
um das Risiko eines neuen Anfangs zu rechtfertigen?
Die Antwort darauf ist nicht schwer zu finden. Die Gefährdung eines durch angeborene
Verhaltensprogramme (»Instinkte«) mit seiner Umwelt verbundenen Organismus hat, so paradox
das im ersten Augenblick
klingen mag, die gleiche Ursache wie seine uns so beeindruckende Geborgenheit. Sie ist eine
unausweichliche Konsequenz der Tatsache, dass das Verhalten auf dieser Stufe noch nicht auf
eigener individueller Erfahrung beruht.
Der Vorteil dieser Situation besteht darin, dass allen Anforderungen und Aufgaben mit
Verhaltensrezepten begegnet werden kann, die nicht bloß von einem einzelnen, sondern von den
unzähligen Mitgliedern Hunderter und Tausender von Generationen der eigenen Art auf ihre
Brauchbarkeit durchprobiert worden sind. Und die tödliche Gefahr dieser gleichen Situation ergibt
sich daraus, dass diese so überaus sorgfältig getesteten Rezepte in dem gleichen Augenblick wertlos
werden, in dem sich die Umweltbedingungen ändern, auf die sie mit solcher Sorgfalt - und dem
entsprechenden Zeitaufwand - zugeschnitten worden sind.

146
Für dieses doppelte Gesicht der vom Instinkt bewirkten Einordnung in die Umwelt gibt es eine
ganze Reihe zum Teil dramatischer Beispiele. Einige seien hier zur Veranschaulichung des
grundsätzlichen Problems geschildert.
Das erste betrifft eine bestimmte Art von Meeresschildkröten in der Südsee. Diese Tiere legen ihre
Eier am Strand ab, 20, 30, höchstens vielleicht 50 Meter von der Wassergrenze entfernt. Die
Weibchen schaufeln mit ihren ungelenken Pfoten flache Gruben, legen ihre Eier hinein, schütten
wieder Sand darüber und kehren ins Wasser zurück.
Auch das ist eine, sogar recht kompliziert zusammengesetzt-, Instinkthandlung. Kein
Schildkrötenweibchen kümmert sich nach der Ablage jemals wieder um seinen Nachwuchs. Keines
von ihnen hat jemals aus einem seiner Eier eine junge Schildkröte schlüpfen gesehen. Aber so, als
ob sie wüssten, was sich einige Wochen später im Gelege abspielen wird, und als ob sie
vorhersehen könnten, was in diesem Falle Not tut, legen sie die Eier dort ab, wo der Sand nicht
mehr feucht, sondern trocken und von der Sonne erwärmt ist. Aber doch auch wieder nicht so weit
von der Brandung entfernt, dass ein Schildkrötenbaby unmittelbar nach dem Schlüpfen zu große
Mühe hätte, das Wasser zu erreichen.
Selbstverständlich wissen die Weibchen von all dem nichts. Sie werden vom Instinkt gesteuert,
einem angeborenen Verhaltensprogramm, das, wie ausführlich begründet, als der Niederschlag von
Erfahrungen anzusehen ist, welche nicht das einzelne Individuum, sondern seine Art gemacht hat.
Aber das ist noch nicht das ganze Beispiel, das uns hier weiterhelfen kann. Interessant werden die
Dinge, wenn wir uns ansehen, wie es den jungen Schildkröten ergeht, wenn sie, vom warmen Sand
ausgebrütet und ganz auf sich allein gestellt, aus dem Ei schlüpfen.
Die Szene ist dramatisch. Ohne Zögern und Zaudern strampeln sich die winzigen Tiere vom Sand
frei, um anschließend mit unfehlbarer Zielstrebigkeit auf die Brandungszone loszumarschieren, in
Richtung auf das Wasser, das sie noch nie gesehen haben. Das geschieht in sichtlicher Hast. Die
Eile hat einen guten Grund. Einen Grund übrigens, den die jungen Schildkröten, erst einige Minuten
auf der Welt, mangels eigener Erfahrung auch nicht kennen dürften. In der Luft über ihnen beginnen
sich in diesem Stadium, angelockt von dem von Minute zu Minute zunehmenden Gewimmel im
Sand, Möwenschwärme zu sammeln.
Nach einigem Kreisen und Beobachten schießt endlich die erste Möwe im Sturzflug herunter und
erlegt mit ihrem mächtigen Schnabel das erste Opfer auf seinem Eilmarsch zwischen Gelege und
rettendem Wasser. Augenblicke später ist der ganze Strand bedeckt von Möwen, die sich flatternd
und kreischend um die wehrlosen Schildkrötenjungen streiten. Ihre Streitlust allein führt dazu, dass
wenigstens ein kleiner Teil der Beute in dem allgemeinen Durcheinander schließlich doch noch das
rettende Wasser erreicht und entkommen kann.
Wer den Ablauf dieses sich jährlich wiederholenden Dramas einmal durchdenkt, der wird die
Kehrseite »instinktiver Geborgenheit« nie wieder vergessen. Dass die jungen Schildkröten sofort
147
nach dem Schlüpfen zielbewusst dem Wasser zustreben, dass sie also gleichsam wissen, wohin sie
gehören, obwohl niemand es ihnen gesagt hat, das ist die eine Seite. Das ist die Seite der Medaille,
angesichts derer wir mit heimwehartigen Gefühlen an eine Harmonie, eine Übereinstimmung mit
der Natur zurückzudenken versucht sind, die uns paradiesisch erscheint und die uns für alle Zeiten
verloren gegangen ist.
Aber die Möwenschlacht, die sich im nächsten Augenblick entwickelt, sollte genügen, uns von
nostalgischen Anwandlungen dieser Art zu kurieren. Denn diese Katastrophe ist ebenfalls eine
direkte Folge davon, dass sich die ganze Szene ausschließlich auf dem Boden angeborener
Erfahrung abspielt.
Man wird die Vermutung wagen dürfen, dass die Schildkröten sich die Eiablage auf dem trockenen
Land in einer Epoche der Vergangenheit »angewöhnt« haben, als es dort noch keine
ernstzunehmenden Feinde ihrer Art gab. Vögel gibt es erst seit höchstens 150 Millionen Jahren,
Schildkröten sind fast doppelt so alt. Die Selektion begünstigte diese Tendenz durch den
Überlebenserfolg der Nachkommen jener Weibchen, die so verfuhren.
Nach einiger - für unsere Maßstäbe: sehr langer - Zeit bestand die Art daher schließlich nur noch
aus Tieren, die auf Grund genetischer Veranlagung auf eine Eiablage im trockenen Sand in einer
bestimmten Entfernung von der Wassergrenze programmiert waren. Dies ist die einzige Methode,
nach der eine Art »lernen« kann. Dabei werden alle Individuen geopfert, die genetisch nicht in die
von der Selektion jeweils vorgezeichnete »Schablone« passen.
Anders geht es nicht, da vorerst noch kein einziges Individuum in der Lage ist, selbst Erfahrungen
zu machen, zu »lernen«, was nichts anderes heißt als: sein Verhalten auf Grund von Erfahrungen zu
ändern. Von Generation zu Generation bleiben bevorzugt die übrig, die durch den Zufall einer
passenden Mutation den Anforderungen der Selektion -ihrem »Suchschema« - ein klein wenig
näherkommen als der Durchschnitt. Dadurch verschiebt sich ganz allmählich der Durchschnitt
selbst, bis schließlich eine Art mit neuen Eigenschaften entstanden ist. Die Art hat dann »etwas
Neues gelernt«.
Die Schildkröten haben das bisher ganz offensichtlich nicht zum zweiten Mal geschafft. Die
Bedrohung des eigenen Nachwuchses durch das unvorhersehbare Auftauchen von Möwen in dem
für die Eiablage bis dahin idealen Areal stellt eine Änderung der Umweltbedingungen dar, an die
eine erkennbare Anpassung bis heute nicht erfolgt ist. Und da keine einzelne Schildkröte in der
Lage ist, aus dem Desaster, das sich da Jahr für Jahr wiederholt, etwas zu lernen und ihr Verhalten
entsprechend zu ändern, wird das Gemetzel auch in Zukunft andauern.
Beispiele wie dieses sind sehr selten. Das ist einfach zu erklären. In der Regel besteht die Quittung
für das Ausbleiben einer Anpassung an die Änderung lebenswichtiger Umweltbedingungen im
Aussterben der betreffenden Art. Damit aber sind die »warnenden Beispiele« nach kürzester Zeit
buchstäblich vom Erdboden verschwunden. Im Falle der Schildkröten scheint ein glücklicher Zufall
148
es so gefügt zu haben, dass die durch die »Uneinsichtigkeit« der Möwen überlebende Quote gerade
noch groß genug ist, den Bestand der Art zu sichern.
Denn auch die Möwen sind ja lernunfähig. In ihrem triebhaften Jagdinstinkt und als Folge des ihnen
ebenfalls angeborenen Futterneids bringen sie es nicht fertig, auf zeitraubende
Auseinandersetzungen zu verzichten und von dem plötzlichen Überangebot einen in ihrem Sinne
optimalen Gebrauch zu machen. So dass hier die durch die Starrheit instinktiven Verhaltens
heraufbeschworene Gefahr durch den gleichen Mangel beim Kontrahenten wieder ausgeglichen
wird.
Grotesker und damit noch handgreiflicher zeigt sich die Kehrseite instinktiver Geborgenheit beim
folgenden Beispiel. Das ist deshalb so, weil es sich dabei offenbar um einen historisch
außerordentlich jungen Fall handelt, um eines jener Beispiele, die sich nur über einen relativ kurzen
Zeitraum hinweg beobachten lassen, weil sie mit dem überleben der Art nicht vereinbar sind.
Ich habe die Geschichte in einem meiner früheren Bücher in anderem Zusammenhang schon einmal
beschrieben 34, will das aber hier erneut tun, weil sie besonders instruktiv ist. Es handelt sich um das
aufschlussreiche Schicksal, das einen von sowjetischen Zoologen in Sibirien entdeckten Stamm von
Wildgänsen betroffen hat. Noch eben war von der Geborgenheit die Rede, die in der
jahreszeitlichen Wanderung eines Zugvogels zum Ausdruck kommt. Die Gänse der sibirischen
Barabasteppe können uns lehren, die Grenzen dieser Geborgenheit zu erkennen.
Die Katastrophe ergibt sich in diesem Falle daraus, dass es keine Macht der Erde gibt, die die Gänse
dieses Stamms davon abhalten könnte, in jedem Herbst zwei Wochen zu früh in ihr 3 ½ tausend
Kilometer weiter im Süden gelegenes Winterquartier aufzubrechen. Katastrophal ist das deshalb,
weil das unwiderstehliche Signal einer unteren Grenze der Tageslänge den Zugtrieb bei den Tieren
auslöst, bevor sie ihre Mauser abgeschlossen haben. Die Federn sind noch nicht so weit wieder
nachgewachsen, dass die Gänse fliegen könnten, wenn der »Befehl« kommt.
Da man sich jedoch einem instinktiven Befehl auf gar keine Weise widersetzen kann, solange man
nicht über ein ausreichend entwickeltes Großhirn verfügt, haben die Gänse keine Wahl. Sie brechen
auf. Da sie noch nicht fliegen können, setzen sie sich zu Fuß in Marsch. Und so wälzt sich in jedem
Herbst eine Armee von einigen zehntausend Gänsen zielstrebig nach Süden durch die Steppe, in
Richtung auf das mehrere tausend Kilometer entfernte Ziel. Erschöpfung und Raubtiere dezimieren
die Kolonne, bis endlich, zwei Wochen später und nur etwa 16o Kilometer weiter südlich, die
Federn groß genug sind. Die überlebenden der mörderischen Strapaze können sich jetzt in die Luft
erheben und den »Rest« der Strecke in der für einen Zugvogel üblichen Weise ohne besondere
Schwierigkeiten hinter sich bringen.
In diesem Falle scheint ein zivilisatorischer Eingriff in die Landschaft, möglicherweise ein großes
Flussregulierungsprojekt, die Gänse vor einigen Dutzend Jahren aus ihrem angestammten Quartier
34
»Kinder des Weltalls«, 1970, S. 175 ff.
149
vertrieben zu haben. Erst einige hundert Kilometer weiter südlich fanden sie eine neue, ihnen
zusagende Heimat. Diese Ortsveränderung hatte jedoch eine fatale Konsequenz, von der eine Gans
nichts wissen kann. Dort unten, weiter südlich, stimmt das den Zugtrieb auslösende Signal nicht
mehr. Die kritische Tageslänge wird im neuen Quartier ganz offensichtlich zu früh erreicht.
Wenn die Gänse nur 14 Tage warten könnten, wäre alles gut. Aber gerade das geht eben nicht. Die
»Geborgenheit« auf instinktiver Stufe, die Sicherung durch Verhaltensweisen, die man von Geburt
an als Erbe mitbekommen hat, schließt die Möglichkeit aus, das eigene Verhalten auf Grund
individueller Erfahrung revidieren zu können, kürzer gesagt: »lernen« zu können. Deshalb wird
dieser Gänsestamm, daran besteht kein Zweifel, in absehbarer Zeit nicht mehr existieren.
Hier treten die Grenzen instinktiver Geborgenheit in aller Deutlichkeit hervor. Die Kehrseite der
Medaille heißt »Lernunfähigkeit«. Das Wesen des Instinkts, der ein verlässliches Rezept für immer
wiederkehrende Aufgaben darstellt, setzt die absolute Stereotypie dieser Aufgaben voraus. Extremer
Konservativismus aber wirkt sich auch in der belebten Natur verheerend aus, sobald die
Anforderungen sich ändern.
Als letztes sei hier noch ein besonders anschauliches und vergleichsweise harmloses Beispiel
angeführt, das von Charles Darwin stammt. Er hat es in dem Tagebuch festgehalten, das er während
seiner berühmten Weltreise mit der »Beagle« führte, auf der er als junger Mann von ganzen 22
Jahren alle die Beobachtungen machte, aus denen er später seine revolutionierende
Abstammungslehre ableitete. Darwin beschreibt an der betreffenden Stelle das eigenartige Verhalten
einer in Südamerika heimischen Vogelart, die die Eingeborenen »Casarita« nennen.
Die Tiere graben bis zu zwei Meter lange Röhren in Lehmhänge, an deren Ende sie ihre Eier legen
und ausbrüten. Nun kann aber ein Instinktprogramm kurzfristige Umweltänderungen nicht
berücksichtigen. Im Falle der Casarita gilt das insbesondere für die relativ dünnen Lehmmauern,
mit denen die Eingeborenen in der dortigen Gegend ihre Grundstücke einzufrieden pflegen.
Deshalb graben die Vögel sich immer wieder auch in die Wände dieser Mauern ein. Dabei sind sie
natürlich spätestens nach 30 oder 40 Zentimetern auf der anderen Seite wieder im Freien. Aus
dieser Erfahrung lernt die Casarita aber nichts. Daher gab es dort zur Zeit von Darwins Besuch
Mauern, die von solchen von den Vögeln gegrabenen Löchern förmlich durchsiebt waren.
In dem Tagebuch Darwins heißt es dazu: »Es ist wohl merkwürdig zu sehen, wie unfähig diese
Vögel sein müssen, irgendeinen Begriff von Dicke zu erlangen, denn obwohl sie beständig über die
niedrigen Mauern fliegend gesehen werden, fahren sie doch immer vergebens fort, sie zu
durchbohren, in der Meinung, dass es eine ausgezeichnete Stelle für ihre Nester sei.«
Die Casarita wird es niemals lernen. Ebenso wenig wie ein Igel jemals begreifen wird, dass er durch
seine Stacheln vor einem Autoreifen nicht mit der gleichen Verlässlichkeit geschützt wird wie gegen
alle anderen Bedrohungen, mit denen seine Art auf diese Weise seit Jahrmillionen fertig geworden
ist. Aus dem gleichen Grunde werden Forellen auch in Zukunft weiter nach metallenen »Blinkern«
150
schnappen, und Kuckuckskinder werden auch in tausend Jahren noch bis zur Erschöpfung von
»Stiefeltern« aufgezogen werden, deren eigene junge sie vorher umgebracht haben.
Dabei verraten alle diese Beispiele allein durch die Tatsache, dass es sie gibt, dass sie im Grunde
noch harmlos sind. Bezahlt wurde die Rechnung im wesentlichen von all den unzähligen Arten, die
im Verlaufe der langen Geschichte des irdischen Lebens untergegangen sind, weil ihre Mitglieder
unfähig waren, sich kurzfristigen Umweltveränderungen mit der Hilfe individuell erworbener
Erfahrungen anzupassen.

Gegensätze, die sich nicht ausschließen

Dass es grundsätzlich wünschenswert ist, das starre Muster angeborener Erfahrungen zugunsten der
Möglichkeit individuellen Lernens aufzubrechen, um sich aktuellen Entwicklungen anpassen zu
können, ist folglich leicht einzusehen. Aber das ist erst die eine Seite. Welche Möglichkeiten boten
sich denn der Evolution, Organismen »das Lernen beizubringen«, die bis dahin über unvorstellbar
große Zeiträume hinweg darauf gedrillt worden waren, sich fix und fertig angeborenen
Verhaltensprogrammen anzuvertrauen?
Zuerst sieht das wieder verdächtig nach einer Sackgasse aus, oder doch nach einer Kehrtwendung,
die den bisherigen Kurs der Entwicklung um 18o Grad änderte. Das wäre, da die Evolution in
jedem Augenblick darauf angewiesen ist, mit dem Vorhandenen weiterzumachen, ein ernstes
Hindernis. Und so war dieser Übergang von der Anpassung durch Instinkte zur Fähigkeit
individuellen Lernens in den Augen der Evolutionsforscher bis vor kurzer Zeit auch noch eine in
wesentlichen Punkten höchst dunkle Phase der Stammesgeschichte.
Bis sie dann die aufsehenerregende und wahrhaft erstaunliche Entdeckung machten, dass
angeborene und erworbene Erfahrung einander keineswegs so radikal ausschließen, wie alle Welt
geglaubt hatte. Hier lag in Wirklichkeit offensichtlich wieder einmal einer jener - gerade in der
Biologie gar nicht seltenen - Fälle vor, in dem man auf Grund psychologischer
Voreingenommenheit einfach mit einer falschen Fragestellung an das Problem herangegangen war.
Wieder einmal hatte man zu sehr in alternativen Kategorien gedacht, war man an das Problem allein
unter der Perspektive »entweder - oder« herangegangen. In der belebten Natur aber wird die
Entwicklung immer wieder gerade durch das Zusammenwirken von Tendenzen vorangetrieben, die
sich nach den Regeln unserer Logik gegenseitig ausschließen.
Das gilt, wie die Untersucher schließlich herausfanden, auch für das Verhältnis zwischen Instinkt
und Lernvermögen. Sobald man erst einmal darauf gekommen war, häuften sich die Fälle, in denen
der experimentelle Nachweis gelang, dass bestimmte Fähigkeiten, obwohl ohne allen Zweifel
angeboren, zu ihrer Verwirklichung dennoch auf Lernprozesse angewiesen waren. Da das zunächst
völlig paradox klingt, müssen wir uns anhand einiger dieser Untersuchungen vor Augen führen, was
das in der Praxis bedeutet.

151
Die erste und schwierigste Aufgabe eines Verhaltensforschers besteht darin, herauszufinden, welche
der Verhaltensäußerungen eines Tiers angeboren und welche, etwa durch die Nachahmung
erwachsener Artgenossen, erlernt sind. Der klassische Versuch zur Klärung dieser Frage ist das
sogenannte Kaspar-Hauser-Experiment. Wie es bei dem geheimnisvollen Findelkind gewesen sein
soll, das dem Experiment seinen Namen gab, werden die Versuchstiere so früh wie möglich nach
der Geburt von ihren Artgenossen getrennt und isoliert aufgezogen. Der Sinn der Prozedur ist klar:
Die für die eigene Art charakteristischen Verhaltensweisen, die ein Tier auch unter diesen
Bedingungen noch an den Tag legt, müssen angeboren sein. Denn was man beherrscht, ohne es
gelernt zu haben, kann nur genetisch erworben sein.
Angeboren ist, wie sich mit dieser Methode sehr rasch nachweisen ließ, etwa der typische »
Gesang« vieler Vogelarten. Dorngrasmücken, die man künstlich ausbrütete und in einer
schalldichten Kammer aufzog, produzierten, als sie ausgewachsen waren, alle 25 Rufe, die für ihre
Art typisch sind, und darüber hinaus noch drei nicht weniger charakteristische zusammenhängende
»Gesänge«. Ohne Frage ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was alles erblich gespeichert werden
kann. In diesem Falle die zeitlich korrekte Abfolge der Innervationen aller Organe, die an der
Lauterzeugung beteiligt sind.
Mit Haushühnern und Kernbeißern machte man die gleiche Erfahrung. Als man die Verhältnisse bei
Buchfinken überprüfte, ergab sich jedoch eine kleine Besonderheit, die sich als außerordentlich
interessant erwies. Schallisoliert aufgezogene Buchfinken produzieren zwar einen Gesang, der
hinsichtlich der Silbenzahl und Länge »normal« ist. Aber diesem Gesang fehlt die für natürlich
aufgewachsene Buchfinken charakteristische Gliederung in drei »Strophen«. Diese Unterteilung
muss also gelernt werden.
Das ist noch nichts Besonderes. Interessant wurde die Angelegenheit jedoch, als der englische
Zoologe W. H. Thorpe auf den Einfall kam, den von ihm aufgezogenen Buchfinken das Pensum,
das sie zu lernen hatten, mit »falschen« Vorbildern vermischt anzubieten. Er spielte seinen
Versuchstieren nacheinander Tonbänder vor, von denen eines den »richtigen« Buchfinkengesang,
alle anderen aber die ähnlichen Gesänge verwandter Vogelarten wiedergaben.
Während er das täglich mehrmals wiederholte, lernten seine Vögel tatsächlich. Auch das ist nicht
überraschend. Bemerkenswert war jedoch der Umstand, dass die Finken sich bei jedem dieser
Versuche aus dem Angebot mit unfehlbarer Sicherheit den »echten« Buchfinkengesang
heraussuchten. Nur ihn nahmen sie zum Vorbild. Die übrigen Beispiele wurden von ihnen ignoriert.
Damit war eine Art der Verschränkung von Instinkt und Lernfähigkeit nachgewiesen, von der man
bis dahin noch nichts gewusst hatte. Den Buchfinken war, anders ließ das Resultat sich nicht
deuten, die Fähigkeit angeboren, etwas ganz Bestimmtes lernen zu können. Zu den ihnen
angeborenen Programmen, zu den ihnen von ihrer Art genetisch mitgegebenen Fähigkeiten gehört
es, dass sie auf das Angebot des für Buchfinken typischen Gesangs mit einem Lernprozess
152
reagieren. Angeboren ist die Fähigkeit, diesen einen Gesang als einzigen von allen sonst denkbaren
akustischen Äußerungen individuell zu speichern.
Diese sehr erstaunliche angeborene Fähigkeit zu selektivem Lernen ist inzwischen bei vielen
verschiedenen Arten in bezug auf ganz verschiedene Leistungen nachgewiesen und gesichert. Das
komplizierteste und erstaunlichste Beispiel lieferte ein Versuch mit einem jungen Rhesus-Äffchen,
dem der amerikanische Zoologe G. P. Sackett die Gelegenheit gab, aus einem Angebot von Farbdias
seine eigene Auswahl zu treffen.
Wieder handelte es sich um einen »Kaspar-Hauser-Versuch«. Das Äffchen, das man gleich nach der
Geburt von seiner Mutter getrennt hatte, wuchs von allen Artgenossen isoliert in einem Spezialkäfig
auf. Wie viele andere Tiere, so ist auch ein Rhesus-Affe während seiner Kindheit außerordentlich
neugierig und stets darauf aus, sich neue Eindrücke zu verschaffen. Diesem Bedürfnis des Tiers
kam der Experimentator auf eine sorgfältig ausgeklügelte Weise entgegen. In dem Käfig waren vier
Knöpfe angebracht. Durch deren Bedienung konnte das Affenkind sich vier verschiedene
Diapositive auf eine Wand seiner Behausung projizieren.
Ein Druck auf den ersten Knopf ließ das Bild eines drohenden Affenmännchens auftauchen. Knopf
Nummer 2 produzierte das Bild eines Rhesuskindes, Nummer 3 das eines sich neutral verhaltenden
Artgenossen, der letzte Knopf ein Landschaftsbild. Das Tier konnte sich dieser Knöpfe nach
Belieben bedienen und machte davon auch regen Gebrauch, um sich in der Eintönigkeit des
Käfigdaseins Abwechslung zu verschaffen. Eine Registrierapparatur verzeichnete präzise, wie oft
und wie lange die verschiedenen Knöpfe bedient wurden, welche Bilder das Affenkind also mit
Vorliebe zu sehen wünschte.
Die Häufigkeitskurven, mit denen das Resultat festgehalten wurde, nahmen einen sehr
bemerkenswerten Verlauf. In den ersten Lebenswochen ließ das Tier, das in seinem Leben niemals
Erfahrungen außerhalb des eigenen Käfigs hatte sammeln können, keinerlei Bevorzugung des einen
oder anderen Bildes erkennen. Alle vier Knöpfe wurden gleich häufig benutzt. Keines der Bilder
also, so darf man folgern, rief in dem Affen irgendwelche besonderen Regungen hervor.
Das änderte sich zweieinhalb Monate nach der Geburt ziemlich plötzlich. jetzt wurde der erste
Knopf fast gar nicht mehr benutzt. Während das Tier sich durch den häufigen Anblick der übrigen
drei Bilder weiterhin zu zerstreuen suchte, mied es von nun an den Anblick des drohenden
Artgenossen. Wenn man es bei den seltenen Ausnahmen beobachtete, in denen es das doch tat, war
deutlich zu erkennen, dass es sich vor diesem Anblick jetzt plötzlich fürchtete. Das dauerte aber
ziemlich genau nur drei Monate, dann schien dieses Drohbild seinen Schrecken wieder verloren zu
haben. Von da ab jedenfalls bediente das Affenkind sich wie zuvor unbekümmert wieder aller vier
Knöpfe in gleicher Häufigkeit.
Dieses Resultat ist deshalb geradezu aufregend, weil die Verhaltensforscher herausgefunden hatten,
dass ein Rhesus-Äffchen exakt in der Zeit zwischen 2 ½ und 5 ½ Monaten nach seiner Geburt die
153
Einordnung in die soziale Ordnung der Affengesellschaft lernen muss. Genauer: dass es sie nur in
dieser Phase lernen kann. Wird sie in der Entwicklung des Kindes verpasst, etwa durch Isolation bis
zum 6. Lebensmonat, bleibt der Affe für den ganzen Rest seines Lebens ein Außenseiter, unfähig,
sich in die Gemeinschaft der Affenhorde einzufügen.
Die Ursache besteht darin, dass ein solches Tier die Struktur der Horde nicht mehr zu erkennen in
der Lage ist, weil es nicht weiß, was die Drohgebärde »bedeutet«, mit der ein ranghöheres Tier ihm
seine überlegene Stellung signalisiert. Während normalerweise die bloße Drohgebärde genügt, um
die Reihenfolge beim Fressen, die Verteilung der Schlafplätze und alle anderen komplizierten
Abläufe innerhalb der Gruppe zu regeln, wird ein für dieses Signal »blindes« Tier fortwährend in
konkrete Auseinandersetzungen verwickelt. Das dauert so lange, bis das Unglücksgeschöpf
schließlich resigniert und auf weitere Anschlussversuche verzichtet.
Das alles wusste man schon vor dem Experiment. Es war auch bekannt, dass der junge Rhesus-Affe
innerhalb des genannten Zeitraums den Sinn von Drohgebärden - die sich auf Andeutungen des
mimischen Ausdrucks beschränken können - durch konkrete Erfahrung lernen muss. Man hielt das
Verstehen dieses gesellschaftlich so wichtigen Signals daher selbstverständlich für erlernt. Dass die
Dinge so einfach jedoch nicht sind, beweist der hier ausführlich geschilderte Versuch.
Er zeigt, dass das Affenkind innerhalb eines ganz bestimmten Zeitraums die Bedeutung einer
Drohgeste plötzlich auf Grund angeborener Erfahrung versteht. Das weitere Schicksal des
Kaspar-Hauser-Tiers beweist aber mit der gleichen Eindeutigkeit, dass dieses angeborene Verstehen
gleichsam der Bestätigung durch einen konkreten Lernprozess bedarf, um das Verhalten an die
Bedingungen des Lebens in der Gruppe anpassen zu können.
Eine solche wechselseitige Abhängigkeit angeborener von erworbenen Leistungen und umgekehrt
widerspricht allen Vorstellungen, die wir uns, und das gilt auch für die meisten Wissenschaftler
heute noch, über das Wesen dieses »Gegensatz«-Paares zu machen pflegen. Die in uns allen
steckende Tendenz, in »entweder - oder« -Kategorien zu denken, lässt uns immer davon ausgehen,
dass eine angeborene Eigenschaft unabhängig von allen äußeren Einflüssen sei und dass umgekehrt
das, was ein Organismus lernen kann, in weiten Grenzen beliebig ist.
Man braucht nur an die leidenschaftliche Einseitigkeit zu denken, mit der »Milieu-Theoretiker« und
»Anlage-Theoretiker« heute noch immer auf den verschiedensten Gebieten einander bekämpfen.
Während die einen felsenfest davon überzeugt sind, dass der Mensch überwiegend das Produkt von
Umweltfaktoren sei, die sich grundsätzlich beliebig manipulieren lassen - sei es durch
Erziehungseinflüsse, sei es durch eine Änderung der ökonomischen Bedingungen -, neigt die
Gegenseite zum Fatalismus, da sie mit der gleichen Einseitigkeit der Überzeugung anhängt, dass die
Veranlagung des Menschen letztlich sein angeborenes, unentrinnbares Schicksal sei.
Das eigentliche Problem besteht darin, dass beide Seiten konkrete Beweise für ihre Position
anführen können. Und da für beide nichts weniger auf dem Spiel steht als das Schicksal der
154
Menschheit, lauert stets die Versuchung, zumindest die »theoretische«, aber notfalls eben auch die
reale Vernichtung des jeweiligen Kontrahenten für die unumgängliche Voraussetzung allen Heils zu
halten. Aber vielleicht kann uns die moderne Hirnforschung auch lehren, dass der Gegensatz, auf
den die feindlichen Parteien sich beziehen, so absolut gar nicht ist, wie er es in unserer Vorstellung
zu sein scheint. Womöglich ist das Dilemma gar nicht so ausweglos: Vielleicht haben beide Seiten
recht - so paradox sich diese Möglichkeit in unserer Vorstellung auch ausnehmen mag.
Die Untersuchungen, von denen hier die Rede ist, lassen es geraten erscheinen, auch an diese
Möglichkeit zu denken. Erinnern wir uns doch daran, dass der größte Fortschritt der Physik in
diesem Jahrhundert durch die Einsicht Albert Einsteins ermöglicht wurde, dass die reale Welt in
ihrem Innersten von Gesetzen zusammengehalten wird, die unserer Vorstellung nicht mehr
einleuchten. Vielleicht ist es in unserer Lage hilfreich, diese Möglichkeit auch dann in Betracht zu
ziehen, wenn das Objekt der Forschung nicht der Kosmos ist, sondern wir selbst.
Aber zurück zu unserer Ausgangsfrage. Sie galt den Möglichkeiten, die der Evolution zur
Verfügung gestanden haben könnten, als sich zeigte, dass es einen Fortschritt bedeuten würde, die
Organismen mit der Fähigkeit zum individuellen Erwerb von Erfahrungen, zum »Lernen« also,
auszustatten. Die Antwort, auf die wir jetzt gestoßen sind, ist verblüffend einfach. Sie läuft darauf
hinaus, dass die auf der Entwicklungsstufe des Zwischenhirns angekommenen Lebewesen über
diese Fähigkeit grundsätzlich längst verfügten - wenn auch noch in einem spezifisch
eingeschränkten Sinn.
Die Einschränkung gilt, verglichen mit dem, was wir unter »Lernen« verstehen, gleich in
mehrfacher Hinsicht. Die Lektion, die gelernt werden kann, ist auf dieser Entwicklungsstufe noch
nicht beliebig. Es sind ganz im Gegenteil sehr spezifische Elemente, gewissermaßen einzelne
Teilglieder, die in eine sonst fest angeborene Instinkt-Kette durch Lernprozesse passend eingefügt
werden müssen.
Ein weiterer Unterschied besteht in einer zeitlichen Befristung. In der Verschränkung mit
instinktivem Verhalten tritt die spezifische Begabung, »etwas Bestimmtes lernen zu können«,
anscheinend immer nur vorübergehend, während einer zeitlich relativ scharf begrenzten
Entwicklungsepoche auf, um dann wieder zu verschwinden. Wird diese »sensible Phase« verpasst,
dann kann die Lektion niemals mehr nachgeholt werden.
Der biologische Sinn dieser zeitlichen Limitierung ist leicht einzusehen. Auf dieser
Entwicklungsstufe steht die Sicherung durch möglichst stabile Verhaltensprogramme noch ganz im
Vordergrund. Wenn es dann schon unvermeidlich ist, Teilelemente dieser Programme durch
Lernprozesse zu ergänzen, dann empfiehlt es sich, die Wirksamkeit dieser Prozesse sofort wieder zu
eliminieren, sobald das fehlende Element erworben ist. Andernfalls würde die Dauerhaftigkeit des
Erworbenen sogleich wieder aufs Spiel gesetzt und damit auch die gleichbleibende Stabilität des
Programms, auf die es hier noch allein ankommt.
155
Mit diesem Erfordernis hängt auch ein dritter Unterschied zusammen: Die Irreversibilität eines
gelernten Instinktgliedes. Während für unsere Erfahrung zum Lernen das Vergessen gehört oder,
umgekehrt ausgedrückt, das Behalten von Gelerntem eine besondere Leistung darstellt, lässt sich an
einem durch Erfahrung erworbenen Instinktelement nach der Beendigung der sensiblen Phase
lebenslänglich nicht mehr rütteln. Dieser Eigentümlichkeit wegen hat man ja überhaupt erst so spät
entdeckt, dass es erworbene Elemente im Gefüge von Instinkthandlungen gibt, denn nach ihrem
Erwerb unterscheiden sie sich in nichts mehr von den angeborenen Teilen des »Programms« 35. Die
unter bestimmten Umständen außerordentlich einschneidenden Folgen dieser Besonderheit für
unsere eigene Persönlichkeitsentwicklung werden noch zur Sprache kommen.

Die »Nachfolgeprägung« als Schlüsselphänomen

Alle diese Kriterien lassen sich am leichtesten an der sogenannten »Nachfolgeprägung« studieren,
einer der wichtigsten Entdeckungen, die die Verhaltensforscher überhaupt gemacht haben. Sie geht
auf Konrad Lorenz zurück und stammt schon aus dem Jahre 1935. Heute, nachträglich, zeigt sich,
dass sie so etwas wie ein Grundmodell darstellt für das uns hier interessierende Phänomen: die
Verschränkung von angeborener und erworbener Erfahrung.
Der Sachverhalt, den die Verhaltensforscher »Prägung« nennen, muss hier aber vor allem deshalb
noch als letztes Beispiel geschildert werden, weil ich bei ihm am leichtesten die Antwort auf eine
Frage finden lässt, die ich bisher stillschweigend übergangen habe: die Frage, warum die Ergänzung
angeborener Erfahrung durch individuell gelernte Teilelemente denn überhaupt notwendig gewesen
ist.
Zunächst ist ja gar nicht einzusehen, warum die Evolution, die so verblüffend komplizierte und
detaillierte Verhaltensweisen in der Erbanlage unterzubringen verstanden hatte, von diesem
bewährten Verfahren hier mit einem Male in einigen Punkten abwich. Warum sie zusätzlich ein
ganz neues, äußerst kompliziertes Prinzip entwickelte - die angeborene Fähigkeit, »etwas ganz
Bestimmtes zu lernen« -, anstatt den so viel einfacher erscheinenden Weg einzuschlagen, das noch
Fehlende ebenfalls im Genom, in der Erbanlage, zu speichern.
Das Phänomen der »Prägung« kann einem die Augen dafür öffnen, warum das aus biologischen
Gründen nicht ging. Wir kommen damit zu einer Stelle, die einen der entscheidenden Wendepunkte
der ganzen Entwicklung bildet, die uns in diesem Buch beschäftigt. Die Ursache, aus der die
Evolution gezwungen war, bei der »Nachfolgeprägung« die angeborenen Verhaltenselemente durch
erlernte Tellglieder zu ergänzen, stellt, wie ich glaube, eine der entscheidenden Sprossen dar, auf
denen die Entwicklung über die Ebene des Zwischenhirns hinaus weiter vorstieß. jetzt aber zu dem
Phänomen selbst: Ein eben aus dem Ei geschlüpftes Gänseküken - das gleiche gilt für viele andere,
35
Hier muss daran erinnert werden, dass in dem Kapitel »Bussarde und Küken« bereits von einer noch elementareren Form des Erwerbs individueller
Erfahrung ausführlich die Rede gewesen ist. Es handelte sich dabei um die Möglichkeit, Erfahrungen in Gestalt von Gewöhnungseffekten zu
erlangen, also als sekundäre Folge eines ganz elementaren physiologischen Prozesses. Es erscheint plausibel, sich die Entwicklung der Fähigkeit zum
Lernen als Abfolge der Stufen: Gewöhnung - »Prägung« (siehe die anschließenden Textabschnitte) - echtes Lernen (im Sinne der Fähigkeit zum
Erwerb unspezifischer Inhalte) vorzustellen.
156
vielleicht alle anderen Nestflüchter - »prägt« sich innerhalb von Minuten das erste bewegte Objekt
ein, das es vor sich sieht, um ihm von diesem Augenblick an auf Schritt und Tritt unbeirrbar zu
folgen. Diese Nachfolgeprägung ist unter natürlichen Umständen deshalb äußerst zweckmäßig, weil
es in allen normalen Fällen die eigene Mutter ist, der das Küken nach seinem Schlüpfen zuerst
begegnet.
Der künstliche Eingriff des Wissenschaftlers aber kann diesen Normalfall fast beliebig abwandeln.
Die Folge sind verblüffende, mitunter groteske »Prägungseffekte«: Wenn das erste Objekt, das sich
dem Küken nach dem Schlüpfen präsentiert, ein Holzkistchen ist, das der Experimentator an einem
Faden hinter sich herzieht, dann wird das Küken diesem toten Objekt mit der gleichen
Beharrlichkeit folgen, als wenn es sich um seine Mutter handelte. Ist der erste optische Eindruck
dagegen ein Mensch - auch dann genügen zur Prägung nachweislich wenige Minuten -, dann wird
dieser unfehlbar »als Mutter (oder Artgenosse) akzeptiert«.
Der berühmte Zoologe Karl v. Frisch hat den Fall eines jungen Kollegen geschildert, der einen
Reiher in dieser Weise »auf sich prägte«. Das Tier verteidigte den Zoologen später gegen jede
Annäherung eines fremden Menschen. Herangewachsen balzte es ihn an und errichtete mit ihm
gemeinsam ein Nest, wobei der Forscher die Zweige heranholen und zureichen musste, die der
Vogel dann verbaute. Als das Werk vollendet war, versuchte der Reiher schließlich
unmissverständlich, seinen menschlichen Partner dazu zu bewegen, sich zu ihm ins Nest zu setzen
-»womit«, wie Karl v. Frisch lakonisch bemerkt, »das Verhältnis an die Grenze des Möglichen
gelangt war«.
Die sich in einem solchen Verlauf dokumentierende Endgültigkeit und Irreversibilität des
Prägungseffekts hat unter natürlichen Umständen gute Gründe. Ein Nestflüchter, der in der freien
Wildbahn seine Mutter verliert oder, erwachsen geworden, das Aussehen der eigenen Artgenossen
»vergisst«, ist verloren. Auch die scharfe Begrenzung der sensiblen Phase - bei der
Nachfolgeprägung des Entenkükens ist sie spätestens 24 Stunden nach dem Schlüpfen vorüber - ist
biologisch sinnvoll. Nur in den ersten Stunden nach dem Schlüpfen ist die Wahrscheinlichkeit, dass
das die Prägung auslösende Objekt die eigene Mutter ist, groß genug. jede Verlängerung der Phase
würde ähnlich groteske Folgen heraufbeschwören, wie sie der künstliche Eingriff des
Experimentators nach sich zieht. In dieser Situation sind nun aber auch die Verhältnisse
übersichtlich genug, um die Gründe erkennbar werden zu lassen, aus denen die Evolution hier mit
einem Male dazu übergegangen ist, den Erfolg einer angeborenen Reaktion - der
Nachfolge-Reaktion - von einem Lerneffekt abhängig zu machen. Die Funktion dieses Lerneffekts
besteht in dem »Erkennen« der eigenen Mutter. Wobei »erkennen« hier durchaus auch noch in dem
ursprünglichen Wortsinn zu verstehen ist, der die Bedeutung »anerkennen« einschließt.
Wenn man bedenkt, welcher Art die Entscheidung ist, die hier durch »Prägung« getroffen wird,
dann geht einem sofort auf, warum die Evolution in diesem speziellen Falle mit angeborener
157
Erfahrung allein unmöglich hat auskommen können. Die Nachfolge-Prägung soll eine hinreichend
stabile Beziehung zwischen dem jungen und seiner Mutter stiften, der es nach dem Schlüpfen
erstmals begegnet. Das aber bedeutet den Sonderfall der Beziehung zu einem ganz konkreten, in
seiner Individualität einzigartigen Lebewesen. Instinkte - angeborene Erfahrungen - sind aber, wie
ausführlich auseinandergesetzt, auf die Bewältigung typischer, »regelmäßig wiederkehrender«
Aufgaben (Begegnungen, Situationen) zugeschnitten. Sie sind damit ihrer Natur nach Anpassungen
an generalisierte Fälle. Damit sind sie per se außerstande, individuelle Einzelfälle zu erfassen.
Das ist auf dieser Stufe sonst ein unschätzbarer Vorteil. Dadurch, dass Dinge und Lebewesen in der
Wirklichkeit des Zwischenhirns auf möglichst einfache (»ärmliche«) Merkmalskombinationen
reduziert sind, werden sie einander ähnlich und grundsätzlich austauschbar. Dieser Umstand erst
lässt sie überhaupt als Auslöser für eine begrenzte Zahl angeborener Verhaltensreaktionen tauglich
werden.
Das Rotkehlchen fällt auf das rote Federbüschel deshalb herein, weil es unmöglich gewesen ist, im
Zwischenhirn des Tiers das Aussehen aller Rotkehlchenweibchen zu speichern, denen es in seinem
Leben begegnen könnte. Unmöglich nicht nur aus quantitativen Gründen, sondern grundsätzlich
deshalb, weil die Vorwegnahme individuellen Aussehens einen logischen Widerspruch darstellt.
»Fellige« Beschaffenheit und die Bewegung des »Anschleichens unten auf dem Boden« - das sind
die Merkmale, die für den brütenden Hühnervogel identisch sind mit einem Bodenfeind. Es steckt
eine ungeheure Ökonomie - und damit ein entsprechend hoher Sicherheitsgrad - darin, dass diese
generalisierende Kombination eben nicht nur bestimmte konkrete Individuen, sondern alle Wiesel,
Füchse und Iltisse dieser Welt einschließt. Wie fehlerlos das Prinzip funktioniert, ergibt sich indirekt
auch daraus, dass es des künstlichen experimentellen Eingriffs in die natürlichen Verhältnisse
bedurfte, um es überhaupt zu entdecken.
Alle diese Vorzüge aber werden naturgemäß nun zunichte, wenn sich genau die umgekehrte
Aufgabe stellt: wenn es nicht darauf ankommt, die für eine große Zahl einzelner Organismen
geltenden Gemeinsamkeiten als Merkmale zu erfassen, sondern die Besonderheit eines konkreten
Individuums.
Die Evolution ist in dieser Situation den einzigen Weg gegangen, der offen stand. Als
revolutionierende Neuerung wurde bei den am höchsten entwickelten Lebewesen - auf Brutpflege
angewiesenen Nestflüchtern -in das Verhaltensprogramm, das die sehr alte Leistung der
»Nachfolge« gewährleistete, eine »Leerstelle« eingefügt. Man kann sogar angeben, an welcher
Stelle des Programms das geschah. Es muss an dem Teil der »Nervenverdrahtung« im Zwischenhirn
gewesen sein, dessen besonderes Muster bis dahin den »angeborenen auslösenden Mechanismus« -
den »AAM« in der Sprache der Verhaltensforscher - gebildet hatte.
Ein AAM ist so etwas wie der »Zünder« des zugehörigen Programms. Eine Art Sensor, der das
spezifische Umweltsignal, das als Auslöser den »Schlüssel« darstellt, erkennen und bei seinem
158
Eintreffen das Programm in Gang setzen kann. An seiner Stelle muss im Fall der
Nachfolgereaktion, bildlich gesprochen, eine Art »Wachstafel« eingesetzt worden sein. Eine Tafel
allerdings mit sehr besonderen Eigenschaften. Um im Bild zu bleiben: Sie ist so. beschaffen, dass
sich in ihr nur ein einziges Mal eine Form abdrücken kann. Ist das geschehen, so erstarrt sie und
hält den Abdruck für alle Zeiten fest. Damit aber ist sie selbst zum AAM geworden, der von jetzt ab
das Programm jedes Mal, aber nur dann, in Gang setzt, wenn das Vorbild des Abdrucks als Auslöser
auftaucht.
Auf diese Weise hat die Evolution eine Aufgabe gelöst, die in sich widerspruchsvoll zu sein schien:
Sie hat es fertiggebracht, ein angebotenes Programm zu entwickeln, das nicht auf eine ganze
Gruppe von »Merkmalsträgern« anspricht, sondern auf ein konkretes Individuum als einzigen
Auslöser. Um diese Aufgabe lösen zu können, war die Evolution gezwungen, das »Lernen« zu
erfinden - in der bereits beschriebenen noch sehr eingeschränkten Art und Weise.
Mit diesem von biologischer Notwendigkeit erzwungenen Schritt bereitet sich eine fundamentale
Wende im Verhältnis zwischen dem Organismus und seiner Umwelt vor. Während dieser es bis
dahin ausschließlich mit den verschwommenen Schemen austauschbarer Merkmalsträger zu tun
hatte, denen er mit der Hilfe ebenso überindividueller Standardprogramme begegnete, wird er jetzt
mit einer neuen Erfahrung konfrontiert. Ihm gegenüber steht zum ersten Male ein in seiner Identität
unverwechselbares Individuum: die eigene Mutter.

159
15. Das Gehirn wird plastisch

Hirnstrukturen erweisen sich als manipulierbar

Bisher habe ich nur die Evolution der Funktion an dieser entscheidenden Stelle dargestellt. Am
Rande vermerkt: Wieder einmal läuft sie unseren geläufigen Vorstellungen zuwider. Während wir
den induktiven Weg, den Schluss vom Einzelfall auf eine generalisierende, gesetzmäßige Aussage
für die höhere Leistung zu halten pflegen, bestand der Fortschritt hier in genau dem umgekehrten
Ergebnis: in der Erfassung des Individuums.
Wie sieht dieser Fortschritt nun aber anatomisch aus, welcher Prozess liegt ihm in der Organisation
des Gehirns zugrunde? Die letzten Jahre der Hirnforschung haben auch darüber bereits einige
Auskunft gegeben. Von dem, was man heute darüber weiß, soll in diesem Kapitel die Rede sein.
Aller Lückenhaftigkeit unseres Wissens zum Trotz verdient das Thema ein eigenes Kapitel, weil
sich hier Entdeckungen abzuzeichnen beginnen, die für die Entwicklung jedes einzelnen von uns
von einschneidender Bedeutung zu sein scheinen.
Den ersten Hinweis gaben Untersuchungen, die der australische Neurophysiologe John C. Eccles
1958 veröffentlichte. Er erhielt 5 Jahre später für seine hirnphysiologischen Arbeiten den
Nobelpreis. Schon seit mehr als einem Jahrhundert hatten Wissenschaftler an die Möglichkeit
gedacht, dass das Training bestimmter Leistungen entsprechend dem Übungsgewinn zu
nachweisbaren Veränderungen im Gehirn führen müsse. Noch älter waren die Ideen der
sogenannten Phrenologen über Zusammenhänge zwischen speziellen angeborenen Begabungen und
der Entwicklung bestimmter Hirnteile.
Keinem dieser Forscher war es jedoch gelungen, Nachweise für seine Vermutungen zu erbringen.
Mit Schädelmessungen, aus denen er auf die besondere Ausbildung bestimmter Hirnabschnitte
schloss, versuchte der badische Arzt und Naturforscher Franz Joseph Gall schon vor fast 200
Jahren, das Begabungsprofil und den Charakter von Menschen zu bestimmen. Trotz mancher
anderer Verdienste - er entdeckte bei seinen Untersuchungen die sogenannten Hirnnerven - blieben
diese Thesen reine Spekulation.
Nicht besser erging es seinen Nachfolgern, darunter dem berühmten französischen Chirurgen Paul
Broca. Dieser errang zwar berechtigten Ruhm durch die Entdeckung eines »motorischen
Sprachzentrums« in der Großhirnrinde. Seine Bemühungen, mit dem Mikroskop Unterschiede der
Entwicklung dieses Hirnabschnitts in Abhängigkeit von der sprachlichen Fähigkeit Verstorbener zu
finden, blieben jedoch erfolglos.
Das Gehirn ist eben in keiner Weise einem Muskel vergleichbar, dessen Entwicklung sich durch
regelmäßige Übung sichtbar fördern lässt. Andererseits müssen sich aber auch im Gehirn
irgendwelche Prozesse abspielen, wenn wir »denken«. Und es müssen dort irgendwelche
bleibenden Veränderungen erfolgen, wenn wir durch Übung irgend etwas »gelernt« haben. Diese
160
Folgerungen ergeben sich zwingend aus der heute von niemandem mehr in Zweifel gezogenen
Voraussetzung, dass das Gehirn die körperliche, materielle Grundlage unserer psychischen
Erlebnisse und Aktivitäten ist.
Welcher Art diese Prozesse und Veränderungen sind, das allerdings war die Frage. Seit etwa 100
Jahren weiß man, dass die Hirntätigkeit mit elektrischen Impulsen einhergeht, die von den
Fortsätzen der Nervenzellen weitergeleitet werden. In den letzten 10 Jahren sind, nicht zuletzt auf
Grund der Forschungsarbeiten von Eccles und seinen Mitarbeitern, sehr detaillierte Erkenntnisse
über die chemischen und molekularen Vorgänge dazugekommen, die dieser Aktivität zugrunde
liegen. Seit neuestem glaubt man ferner zu wissen, dass dem psychischen Vorgang, den wir mit dem
Begriff »Gedächtnis« meinen, in der körperlichen Dimension biochemische Prozesse zugrunde
liegen, und zwar die »Prägung« ganz bestimmter Eiweißkörper im Gehirn (23),
Von all dem war schon die Rede (siehe Ende von Kapitel 10). Wir können es hier ergänzen durch
neuere Entdeckungen, die grundsätzlich den Befunden vergleichbar sind, nach denen Gall und
Broca gesucht hatten. Veränderungen der Art, wie diese beiden Forscher sie vermuteten, existieren
im Gehirn zwar nicht. Aber unter ganz bestimmten Bedingungen schlagen sich »Erfahrungen« im
Gehirn eben doch in sichtbaren Veränderungen nieder. Der entscheidende Punkt war, neben einer
entsprechend hochgezüchteten Untersuchungstechnik, wieder einmal die richtige Fragestellung. Der
Erfolg war gebunden an die Existenz von Elektronenmikroskopen mit ihrem optischen
Mikroskopen unerreichbaren Auflösungsvermögen, und daran, dass man wusste, wonach man
suchen sollte.
Auf die richtigen Fragen aber verfiel man erst durch die Entdeckung der Prägung. jetzt wusste man,
dass es »sensible Phasen« gab, bestimmte, scharf begrenzte Phasen in der Entwicklung höherer
Lebewesen, in denen diese ganz bestimmte Lektionen lernen konnten, die dann unwiderruflich
fixiert waren. Als erstes suchte man daher nach weiteren » Lektionen«, für die das galt. Welche
anderen Fähigkeiten, die man bisher für angeboren gehalten hatte, waren außer der
Nachfolgereaktion in Wirklichkeit ebenfalls »geprägt«?
Die Suche dauert noch immer an. Sie stellt an die Erfahrung, die Beobachtungsgabe und den
methodischen Scharfsinn der Wissenschaftler außerordentliche Ansprüche. Im Laufe der Zeit wurde
die Liste dennoch immer länger. Und immer häufiger stieß man dabei auf Fähigkeiten, auf deren
»Prägbarkeit« ohne diese konsequent betriebene Suche ganz sicher kein Mensch jemals gekommen
wäre.
John C. Eccles publizierte 1958 Untersuchungen, die dafür sprachen, dass bei der elektrischen
Reizung von Nervenbahnen im Gehirn in den zugehörigen Nervenzell-Zentren neue »Synapsen«
entstanden, also Schaltverbindungen zwischen benachbarten Nervenzellen (vgl. Kapitel 3). Als
Folge der Reizung schien es in diesen Fällen also zu einer Änderung des »Verdrahtungsmusters« zu
kommen. Eccles stellte die Hypothese auf, dass derartige Neubildungen von Synapsen und die
161
durch sie bewirkten Veränderungen des Schaltplans im Gehirn die körperlichen Vorgänge sein
könnten, die dem zugrunde lägen, was wir in der psychischen Sphäre mit »Lernen« bezeichnen.
Einige Jahre später stellte ein kanadischer Hirnanatom fest, dass er in der Lage war, die Zahl der
Synapsen im »Sehzentrum« junger Katzen, dort also, wo die von den Augen kommenden
Nervenfasern im Gehirn enden, nach Belieben zu vergrößern oder zu verringern. Es war ganz leicht.
Die Zahl hing einfach davon ab, ob und wie lange er die Katzen im Dunklen oder im Hellen aufzog.
Wurden die Tiere von Geburt an mehrere Wochen lang nur im Dunklen gehalten, so blieb die Zahl
dieser synaptischen Querverbindungen bis zu 100mal geringer, als wenn sie normal aufwuchsen.
Systematische Untersuchungen von Wissenschaftlern in sehr vielen Laboratorien haben diesen
Befund in den letzten Jahren genauer analysiert. Unter normalen Bedingungen steigt die Zahl der
Synapsen etwa vom 5. Tag nach der Geburt - also von dem Tag ab, an dem die jungen Kätzchen
ihre Augen öffnen - steil an. Nach einigen Wochen haben sie den »Sollwert« erreicht.
Und was noch wichtiger ist: Wenn die neugeborenen Tiere bis zur endgültigen Ausreifung ihrer
Gehirne ständig im Dunklen bleiben, dann bleibt auch die Zahl der Nervenverbindungen in ihren
Sehzentren unwiderruflich und zeitlebens abnorm gering. Der ganze Umfang und die weitreichende
Bedeutung dieser Entdeckung ergibt sich aus den verhaltensphysiologischen Variationen der
Versuche, die in den letzten 5 Jahren durchgeführt worden sind. Bei ihnen wurden die
Versuchstiere, in der Regel wieder Katzen, nicht einfach im Hellen oder Dunklen aufgezogen,
sondern in der entscheidenden Phase der Hirnreifung einer »optischen Diät« unterworfen. Die
Experimentatoren versetzten die Tiere in eine »optisch einseitige« Umgebung und untersuchten
anschließend nicht ihre Gehirne, sondern ihr Verhalten.
Ein in Fachkreisen berühmt gewordenes und seinerseits wieder unzählige Male abgewandeltes
Experiment spielt sich etwa folgendermaßen ab: Eine neugeborene Katze wird von ihren
Geschwistern getrennt und im Dunklen gehalten, mit der Ausnahme von täglich 30 bis 40 Minuten,
die sie in einem Metallzylinder verbringt, dessen Innenwand mit senkrecht verlaufenden schwarzen
Streifen austapeziert ist. Dieses Streifenmuster ist das einzige, was die Katze in der für ihr
Sehzentrum entscheidenden Reifungsphase zu sehen bekommt.
Mit einer anderen Katze des gleichen Wurfs geschieht dasselbe, mit dem einzigen Unterschied, dass
der Zylinder, in dem sie die hellen Unterbrechungen der mehrwöchigen Dunkelhaft verbringen darf,
mit horizontal verlaufenden Streifen verziert ist. So geht das viele Wochen Tag für Tag, bis die
beiden Tiere wieder unter ihre normal aufgewachsenen Geschwister versetzt werden. jedes Mal,
wenn die Wissenschaftler nach dem Abschluss eines solchen Experiments das Verhalten der beiden
Versuchstiere beobachteten, stellten sie fest, dass der vorangegangene, relativ harmlos erscheinende
Eingriff einschneidende Folgen gehabt hatte.
Bei flüchtiger Betrachtung fiel zwar nichts Besonderes auf. Die Versuchstiere spielten und fraßen
wie ihre Geschwister und alle anderen kleinen Kätzchen. Aber die genauere Beobachtung enthüllte
162
bald einen alarmierenden Befund: Katze Nr. 1 erwies sich als unfähig, andere als senkrecht
verlaufende Konturen wahrzunehmen, bei der Katze Nr. 2 war es genau umgekehrt. Hielt man den
Tieren etwa ein Stöckchen zum Spielen hin, dann kam es ganz darauf an, wie das Objekt ihnen
präsentiert wurde. Hielt der Experimentator den Stock waagerecht, dann begann Nr. 2 mit ihren
Pfötchen danach zu greifen, während Katze Nr. 1 neben ihr den gleichen Gegenstand überhaupt
nicht zu sehen schien. Man brauchte den Stock aber nur um 90 Grad in die Senkrechte zu drehen,
dann blickte sich Nr. 2 verdutzt um, als ob der Stock für sie verschwunden wäre, und Nr. 1 begann
mit ihm zu spielen.
Aber die Störung machte sich auch im spontanen Verhalten bemerkbar. So hatte Katze Nr. 1
sichtlich Schwierigkeiten, eine ganz normale Treppe hinaufzulaufen, bei der eben, Stufe für Stufe,
eine waagerechte Kontur auf die andere folgt. Dafür erwies sich Nr. 2 als nahezu unfähig, einen
senkrechten Baumstamm emporzuklettern.
Am alarmierendsten jedoch erschien den Wissenschaftlern die Tatsache, dass sich die Katzen bei
keinem einzigen der vielen Male, in denen dieses oder ähnliche Experimente durchgeführt wurden,
jemals wieder von der Störung erholten. Durch bloße Manipulation ihrer Umwelt in einer
entscheidenden Entwicklungsphase war ihr Gehirn, endgültig und für die Dauer ihres Lebens,
irreversibel geprägt worden.

Biologische Rahmenbedingungen und menschliche Gesellschaft

Alarmierend erschienen diese Befunde aus dem ganz einfachen Grunde, weil sich die Möglichkeit
nicht ausschließen ließ, dass die Zusammenhänge, auf die man da gestoßen war, auch beim
Menschen vorhanden und wirksam sein konnten. Daraus aber ergaben sich, wenn man berücksich-
tigte, wie vielfältig die Eigenschaften waren, die sich bei den Versuchstieren prägen ließen, bisher
kaum bedachte Schlussfolgerungen.
jetzt erst verstand man, warum in den wenigen Fällen, in denen es auf Grund besonderer Umstände
gelungen war, Blindgeborenen durch einen operativen Eingriff im höheren Lebensalter das Sehen
zu ermöglichen, der Erfolg rätselhafterweise ausgeblieben war. Die Patienten konnten zwar nach
der Operation erstmals in ihrem Leben ganz unzweifelhaft »sehen«. Es nützte ihnen aber nichts. Im
Gegenteil, die neue Fähigkeit verwirrte sie nur. Sie wurden depressiv und verstört und zogen sich
mit Vorliebe in ein verdunkeltes Zimmer zurück. Nicht wenige von ihnen begingen sogar
Selbstmord.
Einer dieser tragischen Fälle wurde von dem englischen Physiologen Richard L. Gregory untersucht
und über Jahre hinweg verfolgt. Gregory konnte nachweisen, dass der erfolgreich operierte Mann
zwar sehen konnte - er war z. B. in der Lage, das, was er sah, auf einem Stück Papier unbeholfen
nachzuzeichnen. Er lernte es aber nie, mehrere bewegte Objekte in einen Zusammenhang zu
bringen, Entfernungen unmittelbar wahrzunehmen und die optisch um ihn herum aufgetauchte Welt

163
mit dem in Übereinstimmung zu bringen, was er von dieser gleichen Welt auf die ihm von Geburt
an geläufige Art und Weise erfuhr: mit seinen Gehörsund Tasteindrücken. Sobald die Situation
schwierig wurde, zum Beispiel dann, wenn er eine belebte Straße überqueren musste, schloss der
Patient die Augen - weil er sich nur dann sicher und der Situation gewachsen fühlte.
Was ein solcher Patient eigentlich sieht oder wie der optische Eindruck, den er von seiner Umwelt
hat, sich von dem uns gewohnten Anblick unterscheidet, ist in keinem dieser Fälle wirklich
festzustellen. Unsere Sprache ist in Anpassung an »normale« menschliche Erfahrungen entstanden.
Zur Mitteilung der von dem geschilderten Patienten gemachten Erfahrungen fehlen ihr sowohl die
Begriffe als auch die diesen Erfahrungen entsprechenden syntaktischen Möglichkeiten.
Aber die für alle Beteiligten erschreckende Enttäuschung, die für das Resultat derartiger
Operationen leider kennzeichnend ist, erscheint uns heute wenigstens nicht mehr unerklärlich.
Diese Fälle sind der Beweis dafür, dass auch wir selbst in einer frühen Phase unserer Kindheit
bestimmte Gesetze des Sehens erst lernen müssen und dass wir das später niemals mehr nachholen
können, wenn es in dieser Epoche versäumt wurde.
Wenn es also, was damit bewiesen wäre, das Phänomen der »Prägung« mit allen seinen
Besonderheiten - zeitliche Begrenzung der »sensiblen Phase«‚ Unabänderlichkeit des Resultats -
auch bei uns gibt, dann ist die wichtigste Frage natürlich die, welche anderen unserer Fähigkeiten
und Eigenschaften auf die gleiche Weise zustande gekommen sein mögen. Die Antwort darauf ist
heute noch mehr als mager. Hier klafft in unserem Wissen über uns selbst noch immer eine der
größten und vielleicht auch bedenklichsten Lücken.
Die Folgen unserer Unwissenheit über diesen Punkt dürften uns nur dann gleichgültig sein, wenn
wir sicher sein könnten, dass die Umwelt, in der unsere Kinder aufwachsen, noch als natürlich
anzusehen ist. »Natürlich« wäre unsere Umwelt in diesem Zusammenhang dann zu nennen, wenn
sie gewährleistet, dass während der »sensiblen Phasen«, die für die in Frage kommenden
Leistungen charakteristisch sind, die spezifischen Lektionen auch gelernt werden können. Wer aber
vermöchte zu entscheiden, ob und in welchen Fällen diese Bedingung in unserer heutigen
Gesellschaft noch erfüllt ist.
In den letzten Jahren haben sich Beweise dafür finden lassen, dass das zumindest in einem sehr
wichtigen Punkt offensichtlich nicht mehr immer gilt: hinsichtlich des Erwerbs der Fähigkeit,
normale mitmenschliche Kontakte knüpfen, sich emotional an andere Menschen binden zu können.
Aufbauend auf schon länger zurückliegenden Beobachtungen des Wiener Psychoanalytikers Ren~
Spitz haben Untersuchungen, die in den letzten Jahren vor allem von Christa Meves und Bernhard
Hassenstein durchgeführt worden sind, eindeutig gezeigt, dass diese für die Einordnung in die
menschliche Gesellschaft fundamentale Fähigkeit von Jedem einzelnen Menschen in einer
bestimmten Kindheitsphase ebenfalls durch einen prägungsartigen Effekt erworben werden muss.

164
In den letzten Jahren hat sich - spät genug! - auch außerhalb der Fachkreise die Entdeckung
herumgesprochen, dass Kleinkinder spätestens vom zweiten Lebensmonat ab bis mindestens zum
Abschluss ihres zweiten Lebensjahres die Möglichkeit haben müssen, sich an eine ganz bestimmte
»Bezugsperson« binden zu können. Im Normalfall ist das die eigene Mutter. Deren Rolle kann im
Notfall aber sehr wohl auch von einer anderen Person übernommen werden. Voraussetzung ist
allein deren Identität, die Tatsache, dass die Bezugsperson während der entscheidenden
Lebensphase die gleiche bleibt.
Dass dieser für unsere individuelle Entwicklung entscheidende Zusammenhang erst so spät entdeckt
worden ist, dürfte im Grunde positiv zu bewertende Ursachen haben. Bis vor relativ kurzer Zeit -
bis vor wenigen Generationen - entsprach die Struktur unseres gesellschaftlichen Lebens offenbar
noch weitgehend dieser Forderung. In einer »natürlichen« Gesellschaft werden Bedürfnisse dieser
Art zwar in der Regel überhaupt nicht erkannt, offenbar aber durch Besonderheiten der
Gesellschaftsform - in diesem Falle die traditionelle Familienstruktur - gleichsam instinktiv
befriedigt.
Seit den Anfängen der Industrialisierung sind diese Strukturen nun aber in Bewegung gekommen.
Die Einzelheiten dieser gesellschaftlichen Entwicklung und auch der ganz unbestreitbar höchst
problematische Begriff einer »natürlichen« menschlichen Gesellschaft gehören nicht mehr zu
unserem Thema. An dieser Stelle unseres Gedankengangs ist jedoch die Entdeckung von
Bedeutung, dass das Bedürfnis des Kleinkinds nach einer identischen Bezugsperson in unserer Zeit
der berufstätigen Mütter, der Kinderhorte und der »Tagesmütter« anscheinend nicht mehr mit der
gleichen Sicherheit befriedigt wird, wie es in der Vergangenheit der Fall gewesen ist.
Wie erschütternd und irreparabel die Folgen für die seelische Entwicklung sein können, wenn das
Pensum in der entscheidenden Phase nicht gelernt wird, kann man bei Meves und Hassenstein
nachlesen 36. Hier sind Biologen und Verhaltensforscher auf einen Zusammenhang gestoßen, eine
Konsequenz zivilisatorischer Veränderungen unserer Umwelt, an deren Vorhandensein noch vor
wenigen Jahrzehnten niemand auch nur theoretisch gedacht hätte. Denn was bei den von den
genannten Autoren geschilderten Fällen in der Gestalt folgenschwerer Störungen des psychischen
und sozialen Verhaltens ans Tageslicht kam, war die bis dahin nicht ernsthaft in Betracht gezogene
Tatsache, dass auch wir mit einem Großhirn ausgestatteten Menschen nicht so frei, nicht so gänzlich
unabhängig sind von der Umwelt, wie wir geglaubt hatten.

36
Eine ausgezeichnete Zusammenfassung des augenblicklichen Wissens auf diesem Gebiet liefert das Buch von Erwin Lausch, »Mutter, wo bist du?«
(1974).
Wie völlig anders Wissenschaftler, selbst hervorragende Wissenschaftler, noch vor kurzer Zeit über diese Fragen urteilten, sei an einem der
prominentesten Beispiele belegt. Kein geringerer als Konrad Lorenz schrieb in seiner erstmals 1950 veröffentlichten Abhandlung »Ganzheit und Teil
in der tierischen und menschlichen Gemeinschaft« wörtlich: »Was die Psychopathologie als Gemütsarmut oder Wertblindheit bezeichnet, beruht ganz
sicher auf genetischen Grundlagen (»Gesammelte Abhandlungen«, 1965, S. 192). Heute wissen wir, dass »asoziale« Persönlichkeitsmerkmale gerade
dieses Typs zu den charakteristischen Spätschäden gehören, die der Entzug der Möglichkeit einer individuellen Bindung in der entscheidenden
Entwicklungsphase hinterlassen kann. Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass das angeführte Zitat ausgerechnet von dem Mann stammt, der
das Phänomen der Prägung seinerzeit (1935) entdeckt hat.
Lorenz wurde übrigens kürzlich unter anderem auch diese Zitats wegen von Schmidbauer in dessen sehr lesenswertem Buch »Biologie und
Ideologie« (1973) angegriffen. Der Sache nach geschah das in diesem Punkt sicher zu Recht. Schmidbauer hätte aber vielleicht erwähnen sollen, dass
die Lorenzsche Behauptung aus einer Zeit stammt, in der die Befunde von Meves etc. noch nicht bekannt waren.
165
Wir wären wahrscheinlich gut beraten, wenn wir die Warnung nicht übersehen würden, die in dieser
Entdeckung steckt. Denn wer könnte die Möglichkeit bestreiten, dass der gleiche Zusammenhang
auch für andere unserer Eigenschaften und Fähigkeiten gilt, ohne dass es heute schon irgend
jemanden gäbe, der uns sagen könnte, um welche es sich dabei handelt. Und ohne dass es daher
auch jemanden gäbe, der uns sagen könnte, auf welche Umweltfaktoren unsere Kinder in den
entscheidenden ersten beiden Lebensjahren angewiesen sind, um diese Eigenschaften und
Fähigkeiten erwerben zu können.
Wer sich die möglichen Konsequenzen dieser Feststellung einmal klarzumachen versucht und dann
daran denkt, mit welcher Unbekümmertheit und Glaubensgewissheit heute aus den
unterschiedlichsten Motiven Eingriffe in die frühkindliche Umwelt entweder als unbedenklich
vorausgesetzt oder gar als empfehlenswert propagiert werden, der muss sich beunruhigt fühlen. Ich
denke unter anderem an die heute von engagierten Verfechtern des Emanzipationsgedankens mit so
großer Bestimmtheit verkündete Lehre von der Austauschbarkeit der mütterlichen und väterlichen
Rollen innerhalb der Familie.
Ich stimme der Ansicht zu, dass es notwendig ist, die Aufgabenvertellung zwischen den
Geschlechtern sowohl innerhalb der Familie als auch sonst in der Gesellschaft neu zu überdenken.
Hier soll auch keineswegs etwa einer »nostalgischen Reaktion« das Wort geredet werden. Es ist
nicht nur unmöglich, das Rad zurückzudrehen, es ist vor allem auch naiv zu glauben,
zurückliegende Zustände seien besser gewesen. Aber die totale Blindheit gegenüber der
Möglichkeit eines Verstoßes gegen biologische Rahmenbedingungen unserer Existenz, mit der die
meisten unserer modernen Gesellschaftsreformer geschlagen sind, ist besorgniserregend.
Viele von ihnen scheinen übrigens der bestehenden Familienstruktur gegenüber gerade deshalb von
einem tiefen Misstrauen erfüllt zu sein, weil diese nicht rational begründet, sondern geschichtlich
gewachsen ist. Aber so berechtigt eine solche Einstellung in vielen anderen Fällen auch sein mag,
hier ist sie ganz sicher fehl am Platz. Denn hier ist immer und grundsätzlich an die Möglichkeit zu
denken, dass die traditionell gegebene Ordnung die Folge einer Anpassung an Bedingungen und
Bedürfnisse sein könnte, die wir vorerst einfach deshalb noch nicht rational handhaben können,
weil wir von ihnen noch nichts - oder zu wenig - wissen.
Dafür aber, dass es überhaupt derartige biologische Rahmenbedingungen geben könnte, gegen die
sich nicht ungestraft verstoßen lässt, für diese Möglichkeit sind fast alle unsere Feministinnen und
Reformer blind. Von dieser Möglichkeit wissen sie nichts. Man kann es ihnen nicht einmal zum
Vorwurf machen, denn es hat ihnen niemand beigebracht.
Daran wird sich auch nichts ändern, solange unsere Kinder in der Schule allenfalls mit
Nacktsamern, Blütenständen und Aminosäuresequenzen gelangweilt werden, ohne von den
Grundlagen der modernen Humanethologie jemals etwas zu hören. So lange nicht, wie unsere
Bildungspolitiker weiterhin unbeirrt von dem Grundsatz ausgehen, dass weder die Biologie, noch
166
die Naturwissenschaften ganz allgemein zu den eigentlichen Bildungsgütern zu rechnen sind. Und
solange die Mehrzahl der Gebildeten unserer Gesellschaft glaubt, sich unbeschadet einen Grad
naturwissenschaftlicher Ahnungslosigkeit leisten zu können, dessen sie sich auf jedem anderen
Wissensgebiet zutiefst schämen würde.
Deshalb werden wir auch in den kommenden Jahren weiterhin Zeugen eines ungebrochenen
Reformeifers sein, der mit einleuchtenden und durchaus »vernünftigen« Argumenten Eingriffe in
die familiäre Struktur durchzusetzen sich bemühen wird, um bestehende Ungleichheiten, rational
nicht begründbare Unterschiede und andere »offensichtliche« Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Um
endlich »der Vernunft« auch in diesem Bereich zum Durchbruch zu verhelfen. Das alles in bester
Absicht und sicher auch nicht in allen Fällen ohne Berechtigung. Dennoch kann
einem angesichts solcher Unbekümmertheit angst und bange werden. Denn hier soll auf einem
Gebiet darauflos experimentiert werden, das wir rational in Wirklichkeit überhaupt noch nicht
durchschauen 37.
Weil das Thema sowohl aktuell als auch außerordentlich wichtig ist, möchte ich es mit der kurzen
Schilderung eines weiteren Beispiels abschließen. Die verblüffende Sorglosigkeit, die aus manchen
der erwähnten Reformvorschläge spricht, ist zweifellos eine Folge davon, dass es sehr schwer ist,
sich einen Einfluss der hier diskutierten Art auf die individuelle Entwicklung und sogar die
anatomische Struktur bestimmter Hirnabschnitte vorzustellen, bevor man die Beweise in den
Händen hält. Wer von uns würde wohl den Gedanken ernst nehmen, dass einige Wochen
»Dunkelhaft« in einer bestimmten Lebensphase genügen, um einer jungen Katze bleibenden
Schaden zuzufügen, wenn nicht hieb- und stichfest bewiesen wäre, dass man das optische
Wahrnehmungsvermögen des Tiers auf diese simple Weise irreparabel ruiniert. Deshalb ist es
angebracht, hier anhand eines weiteren Beispiels zu zeigen, dass die Vielfalt der Risiken, die auf
diesem Gebiet lauern, bei unserem heutigen Wissensstand noch ganz unübersehbar ist 38.

Herzschläge stiften Vertrauen

Vor einigen Jahren machte der amerikanische Kinderpsychologe Lee Salk - ein jüngerer Bruder des
bekannten Erfinders des Kinderlähmungs-Impfstoffs - die Beobachtung, dass Rhesusaffen ihre
neugeborenen jungen fast ausnahmslos im linken Arm tragen. Er kam auf die Idee, dass die mit
37
Es ist nur billig, daran zu erinnern, dass der Psychoanalyse das unbestreitbare Verdienst zukommt, erstmals die Behauptung aufgestellt zu haben,
dass Erlebnisse in der frühen Kindheit die Persönlichkeitsentwicklung entscheidend beeinflussen. Allerdings muss man im gleichen Atemzug
hinzusetzen, dass es ihr bis heute trotz eines bemerkenswerten Aufwandes nicht gelungen ist, die ursächlichen Faktoren und die Gesetzmäßigkeiten
ihrer Wirkung in einer Sprache darzustellen, die in der Wissenschaft unumstritten wäre. Auch den Beweis für die weitere Behauptung, sie sei mit der
ihr eigenen Methode - rückerinnernde Bewusstmachung schädigender Einflüsse und deren nachträgliche rationale Verarbeitung - imstande, die
negativen Folgen frühkindlicher Erfahrungen im späteren Leben wieder rückgängig zu machen, ist die Psychoanalyse in den Augen kritischer
Beobachter bis heute schuldig geblieben.
38
Eine Reihe wichtiger Indizien spricht dafür, dass zu den Bereichen menschlichen Verhaltens, die durch prägungsartige Lerneffekte entscheidend
und bleibend geformt werden, die sexuelle Sphäre gehört. Bei Tieren, vor allem bei Vögeln, ist die Möglichkeit einer irreversiblen Prägung auf
bestimmte, auch artfremde Sexualpartner in vielen Fällen nachgewiesen. Besonders bedeutsam erscheinen Experimente des Lorenz-Schülers F.
Schutz, der Erpel durch Prägung auf männliche Artgenossen irreversibel homosexuell werden ließ. Die Mehrzahl der Fachleute neigt heute zu der
Annahme, dass vergleichbare Umweltfaktoren auch bei der Entstehung der menschlichen Homosexualität beteiligt sein dürften. Unser Strafrecht
berücksichtigt diese Möglichkeit durch die Strafandrohung bei homosexuellen Beziehungen zu Minderjährigen, während gleichgeschlechtliche Be-
ziehungen zwischen Erwachsenen in der Regel straffrei bleiben. Dabei ist jedoch einzuräumen, dass gesicherte Kenntnisse über die eine
entsprechende Prägung beim Menschen bewirkenden Faktoren bisher ebensowenig vorliegen wie über den für ihre Wirkung entscheidenden
Entwicklungszeitraum (die spezifische »sensible Phase«).
167
dieser Haltung verbundene »Nähe zum Herzen der Mutter« von Bedeutung sein könnte, und begann
mit systematischen Untersuchungen. Seine Beobachtungen auf Entbindungsabteilungen ergaben,
dass auch menschliche Mütter dazu neigen, ihre Neugeborenen mit dem linken Arm zu halten - mit
bezeichnenden Ausnahmen. Die »Händigkeit« der Mütter erwies sich bemerkenswerterweise zwar
als gänzlich belanglos. Sowohl rechtshändige als auch linkshändige Mütter hielten ihre Babies
links. Als bedeutungsvoll stellte sich unerwarteterweise dagegen der Reifungsgrad des
Neugeborenen heraus. Die Seitenbevorzugung galt nur bei reif geborenen Säuglingen. Bei
Frühgeburten streute das Verhalten der Mütter rein zufällig: Bei ihnen hielt die Hälfte ihre Kinder
im linken, die andere Hälfte die Säuglinge im rechten Arm.
Geduldige Untersuchungen und abgewandelte Fragestellungen führten schließlich zu einer ebenso
überraschenden wie aufschlussreichen Erklärung für diesen anfangs völlig rätselhaft erscheinenden
Zusammenhang. Entscheidend war einzig und allein die Frage, ob und wie lange Mutter und
Neugeborenes nach der Geburt voneinander getrennt worden waren. Reife Säuglinge werden in den
meisten Entbindungsstationen den Müttern spätestens innerhalb von 24 Stunden erstmals zum
Stillen
übergeben. Frühgeburten verbringen ihre ersten Lebenstage in einer modernen Klinik dagegen bei
künstlicher Ernährung in Brutkästen.
Die zeitliche Grenze, auf die er hier bei der Suche nach den Gründen für das Verhalten der Mütter
stieß, lenkte Salks weitere Beobachtungen in eine ganz bestimmte Richtung. Es sah so aus, als ob
bei den Frauen ein Instinkt wirksam sei, der sie veranlasste, ihre neugeborenen Kinder auf den
linken Arm zu nehmen. Diese instinktive Tendenz bestand allem Anschein nach allerdings nur für
relativ kurze Zeit, etwa in den ersten 24 Stunden nach der Geburt.
Hatte die Mutter die Gelegenheit bekommen, sich mit ihrem Kind erstmals innerhalb dieser Frist zu
beschäftigen, dann war diese Seitenbevorzugung fast ausnahmslos festzustellen. Sie blieb dann
auch im weiteren Verlauf erhalten. Erfolgte der erste Kontakt zwischen Mutter und Kind jedoch erst
zwei oder noch mehr Tage nach der Geburt, dann blieb es, wie die Auswertung zeigte, dem Zufall
überlassen, welcher Arm das Baby hielt (siehe dazu Abb. 13).
Erinnerte diese Entdeckung nicht an die strenge zeitliche Limitierung einer »sensiblen Phase«?
Zwar ließ sich im vorliegenden Fall, in dem es sich um Besonderheiten des Verhaltens Erwachsener
handelte, nicht ohne Zwang von »Prägung« sprechen. Die Parallelen waren andererseits aber doch
unübersehbar. Deshalb schien es berechtigt, hinter dieser Besonderheit die Wirksamkeit eines
echten Instinkts, eines angeborenen Verhaltensprogramms zu vermuten.
Salk war in diesem Stadium seiner Untersuchungen sicher, dass die Tendenz der Mütter, ihre
neugeborenen Kinder im linken Arm zu halten, einer - den Frauen selbst gar nicht bewusst
werdenden - biologischen Ursache entsprang. Aber welcher? Welchen biologischen Sinn konnte die

168
Bevorzugung der linken Körperhälfte als »Ruheplatz« für die Neugeborenen haben? War es etwa
die durch diese Tendenz bewirkte Nähe des Kindes zum Herzen der Mutter?
Die Erklärung klang ohne Zweifel plausibel. Salk aber war Wissenschaftler und wusste daher, dass
das allein nicht genügte. Eine Theorie, die nicht plausibel ist, ist zwar von vornherein nichts wert.
Aber Plausibilität allein genügt auch nicht, um über den Wert einer Theorie zu entscheiden. Das
offensichtlich instinktive Verhalten der Mütter mochte sehr wohl mit der Lage des Herzens im
menschlichen Körper zusammenhängen. Welche andere körperliche Asymmetrie hätte sich zur
Erklärung auch schon angeboten? Aber der Zusammenhang musste bewiesen werden.
An diesem Punkt seiner jahrelangen Untersuchungen musste der Kinderpsychologe an die Rolle
denken, die der Ton des mütterlichen Herzschlags für das Kind in den letzten Monaten vor der
Geburt spielt. Sein gleichmäßiger Rhythmus ist der erste und für Monate der einzige Ton, den das
noch ungeborene Kind hört. Die unveränderliche Monotonie der vorgeburtlichen Umwelt weicht
mit der Geburt dann jäh einer Situation, in der das Neugeborene plötzlich dem Wechsel von Hell
und Dunkel, von Hunger und Sättigung, drastischen Temperaturschwankungen und einer
vergleichsweise überwältigenden Fülle anderer Umwelteinflüsse ausgesetzt ist.
Lag es nicht nahe, an die Möglichkeit zu denken, dass der mütterliche Herzschlag in dieser
Situation einen beruhigenden Einfluss ausübt? Dass er die Schroffheit des Wechsels abzumildern
imstande ist, den die Geburt herbeiführt? Vielleicht ist der altgewohnte Rhythmus dieses
Pulsschlags für das Neugeborene in seiner neuen Lage so etwas wie ein Signal, das ihm das Gefühl
der Kontinuität vermittelt, das ihm Vertrauen in einer sonst radikal neuen Situation ermöglicht.
Auch das war selbstverständlich eine bloße Theorie. Sie aber ließ sich nachprüfen. Salk zeichnete
dazu den normalen, nicht beschleunigten Herzschlag mit einem Tonbandgerät auf und ließ die
Wiedergabe in einem Raum laufen, in dem Neugeborene untergebracht waren, die aus
irgendwelchen Gründen von ihren Müttern hatten getrennt werden müssen. Das Ergebnis war
eindeutig. Im Vergleich zu Kontrollgruppen schrieen die Säuglinge, denen diese akustische
Sonderbehandlung zuteil wurde, nicht nur sehr viel weniger, sie tranken auch besser und nahmen
wesentlich schneller an Gewicht zu.
Es ist folglich heute kein Zweifel mehr möglich daran, dass der Klang des mütterlichen Herzschlags
einen Säugling beruhigt. Dass seine die radikale Grenze der Geburt übergreifende Beständigkeit
eine vertrauenstiftende Funktion hat. Die Bedeutung für das Gedeihen des Neugeborenen muss groß
sein. Anders wäre es nicht zu erklären, dass im Verhalten der Mutter Jene »Linksbevorzugung«
biologisch verankert ist, die dem Säugling eine Position möglichst nahe an der Quelle des
angstlindernden Geräuschs sichert.
jedenfalls gilt das unter »natürlichen« Umständen. Damit sind wir wieder bei der alten Frage.
Niemand weiß, wie groß der Schaden ist, den wir der Entwicklung unserer Säuglinge womöglich

169
dadurch zufügen, dass die Organisation unserer Krankenhäuser dieser noch kaum bekannt geworde-
nen Bindung zwischen der Mutter und ihrem neugeborenen Kind keine Chance lässt.
Um Missverständnisse auszuschließen, sei hier wiederholt: Aus dieser und ähnlichen Entdeckungen
wird kein vernünftiger Mensch die utopische -und in ihren Konsequenzen letztlich inhumane -
Forderung ableiten, den zivilisierten Menschen wieder »natürlichen Bedingungen« auszuliefern.
Erkenntnisse wie die von Lee Salk sollten uns aber eine Mahnung sein. Eine Erinnerung daran, dass
wir uns bei noch so gut gemeinten Eingriffen in unsere mitmenschliche Umwelt mit jedem Schritt
auf einem Gelände bewegen, das wir nur mit äußerster Vorsicht betreten sollten, weil seine Gesetze
uns heute noch immer so gut wie gänzlich unbekannt sind.

Eine revolutionierende Wende

Aber zurück zum roten Faden unseres eigentlichen Gedankengangs. Neben ihrer eminenten
praktischen Wichtigkeit haben alle in diesem Kapitel angeführten Beispiele auch eine nicht minder
große grundsätzliche Bedeutung. Sie alle sind Beispiele und Belege dafür, dass das
Zentralnervensystem in der letzten Phase der Ausbildung des Zwischenhirns »plastisch« zu werden
beginnt.
Das ist ganz wörtlich zu verstehen. Die konkrete, mit besonderen mikroskopischen Techniken
sichtbar zu machende »Verdrahtung« bestimmter Nervenzell-Zentren im Gehirn ändert sich unter
dem Einfluss bestimmter Erfahrungen. Training und andere gezielte Einflüsse führen zur
Entstehung neuer Synapsen, zu neuen Querverbindungen zwischen verschiedenen Nervenzellen in
den Hirnarealen, die die Einflüsse zu verarbeiten haben. Die Veränderungen sind auf dieser
Entwicklungsstufe noch bleibend. Was einmal gelernt ist, gilt unwiderruflich für die ganze
Lebenszeit.
Die nur durch die Fähigkeit zum Vergessen, zum »Verlernen«, erreichbare Freiheit nachträglicher
Korrekturen, fortlaufender Anpassung des Verhaltens an neue Erfahrungen oder Veränderungen der
Umwelt, liegt noch in der Zukunft. »Lernen«, wie wir es kennen, gibt es noch nicht. Trotzdem ist
mit dieser im Verhalten sich als »Prägbarkeit« dokumentierenden Plastizität des Gehirns eine
entscheidende Schwelle überschritten. Bis dahin war die Entwicklung noch immer von der Tendenz
zur Ausschließung gerade der zufälligen, nicht charakteristischen (nicht stereotypen)
Umweltfaktoren bestimmt worden. Wir erinnern uns: Am Anfang hatte die revolutionierende
Leistung der ersten Zellen gestanden, die es fertig gebracht hatten, sich ihrer Umwelt gegenüber zu
verselbständigen. Sich von der Umwelt abzugrenzen, um die mühsam gewonnene Ordnung im
eigenen Inneren angesichts des anorganischen Chaos der Umgebung bewahren zu können.
Energetische Bedürfnisse hatten andererseits eine totale Abschließung von vornherein unmöglich
gemacht.

170
»So wenig Umwelt wie möglich« auf die lebensnotwendigen Prozesse im eigenen Inneren sich
auswirken zu lassen, das war dennoch auch weiterhin die Devise gewesen. Auch dann noch, als die
Evolution längst begonnen hatte, ihren Nutzen aus dem Umstand zu ziehen, dass »aus Versehen«,
als unvermeidliche Folge der naturgesetzlichen Entsprechung von actio und reactio, mehr und mehr
Informationen über die Umwelt in den Organismus gerieten.
Auch dann, als Fernsinne das Individuum bereits von dem Druck einer in jedem Augenblick
aktuellen Auseinandersetzung mit der Umwelt befreit hatten, sperrte sich dieses Individuum noch
gegen die sich objektiv längst anbietende Möglichkeit, die Umwelt in ihrer Gegen-Ständlichkeit zur
Kenntnis zu nehmen. Höchst aufwendige zentralnervöse Einrichtungen wurden entwickelt einzig
und allein zu dem Zweck, das Abbild der Umwelt zu unterdrücken, das aus physikalischer
Unvermeidlichkeit in den noch auf eine Funktion als Bewegungsdetektoren festgelegten Augen mit
zunehmender Schärfe entstanden war.
Noch immer war die Organisation des Hirns darauf abgestellt, allein die für das Individuum
biologisch bedeutsamen Eigenschaften der Umwelt zu erfassen. Dieses Funktionsziel wurde mit
solcher Konsequenz verfolgt, dass die Objekte der Umwelt, Dinge ebenso wie andere Organismen
aus der Wirklichkeit des Individuums eliminiert wurden in dem Augenblick, in dem eine Änderung
der »inneren Bereitschaft« oder »Stimmung« sie biologisch bedeutungslos werden ließ. Sie
gehörten dieser Wirklichkeit folglich nicht kraft ihrer objektiven Existenz an, sondern allein als
Folge ihrer subjektiven Bedeutung. je nach deren Kommen und Gehen tauchen sie in der
Erlebniswirklichkeit auf oder verschwinden wieder aus ihr.
Für das alles gibt es gute Gründe. Die Selbständigkeit des Individuums steht noch immer auf
unsicheren Füßen. Wer alle Kräfte für das bloße Überleben einzusetzen hat, muss sich auf die
Faktoren konzentrieren, die über diese Frage entscheiden. Dass die Welt in ihrer Fülle dabei zu
einer extrem merkmalsarmen Wirklichkeit »zusammenschnurrt« (j. v. Uexküll), ist biologisch
gesehen nicht Ausdruck von Ärmlichkeit. Dahinter verbirgt sich ein fundamentales biologisches
Prinzip.
Die Reduktion der Welt in ihrer Fülle auf die Wirklichkeit des Zwischenhirns ist Ausdruck der
Ökonomie. Sie bedeutet Entlastung des Individuums zugunsten seiner Überlebenschancen. Noch ist
das Gehirn ausschließlich ein Organ zum Überleben, nicht zum Gewinn von Erkenntnis über »die
Welt«. Nicht auf Wahrnehmung kommt es an, nicht auf die Erfassung einer objektiven Welt in ihrer
Gegenständlichkeit, sondern allein auf die möglichst frühzeitige und fehlerlose Erfassung und
Bewertung der Umweltfaktoren, die, sei es in positivem, sei es in negativem Sinne, für die
physische Existenz bedeutsam sind.
Dieser Aufgabenstellung entspricht die Arbeitsweise des bis zu dieser Stufe gelangten Gehirns.
Augen, Ohren und andere Sinne sind noch nicht zu Wahrnehmungsorganen entwickelt. Ihre
Aufgabe ist es noch nicht, die Umwelt abzubilden. Sie filtern aus dem Angebot die bedeutsamen
171
Informationen heraus - und unterdrücken alle anderen. Die Situationen, die sie auf diese Weise
signalisieren, werden mit festliegenden Programmen bewältigt.
Der Spielraum für das Verhalten des Individuums ist gleich Null. Angeborene auslösende
Mechanismen sprechen auf spezifische Schlüsselreize an und setzen angeborene Programme in
Gang, die überindividuell entwickelt und erprobt wurden. Auch die Bewertung der jeweiligen
Situation erfolgt nicht durch den Organismus selbst. Die Maßstäbe liegen fest und sind gleichfalls
angeboren.
Ob eine Kost bekömmlich (»angenehm«) oder bedenklich ist, ob die Temperatur, die
Ionenkonzentration der Umgebung oder andere Milieufaktoren positiv oder negativ zu beurteilen
sind, auch darüber entscheidet nicht das Individuum. Seine Reaktion ist in keinem Falle Ausdruck
eigener Wahl, sondern die Folge der Wirksamkeit angeborener Programme, in denen die
Erfahrungen seiner Art ihren Niederschlag gefunden haben.
Es ist wichtig genug, um es noch einmal zu wiederholen: Das Gehirn ist bis zu dieser
Entwicklungsstufe kein »Spiegel« der Welt, nicht abbildendes Organ, sondern selbst Abbild. Nicht
der ganzen, der »objektiven« Welt, sondern derer ihrer Bedingungen und Anforderungen, auf die es
physisch ankommt. Vereinfacht (und auf das Wesentliche zugespitzt) kann man sagen: Das
Zwischenhirn ist eine fleischgewordene Hypothese über die Welt, die Materialisation eines Plans zu
ihrer Bewältigung.
Der Zuverlässigkeit dieses Plans entspricht die Starrheit, die Unveränderlichkeit der Verdrahtung,
deren Muster den Plan konkret enthält. Die Erfahrung, auf die es ankommt, ist in der Gestalt dieses
Musters von Geburt an da, längst vor der ersten Begegnung mit der Welt. Es ist eine Erfahrung a
priori. Aus der Perspektive des Individuums ist das Abbild früher da als das Original. Das erste
Wiesel, dem der Hahn begegnet, ist für ihn keine neue Erfahrung, sondern nur eine Bestätigung
dessen, was er von der Welt »erwartet«.
Paradox, als eine Umkehrung der logischen Beziehung zwischen Ursache und Wirkung, erscheint
das nur so lange, wie man die Situation einseitig aus der Perspektive des Individuums betrachtet.
Diese Perspektive aber ist hier noch falsch. Denn das Individuum hat sich bisher nur in seiner
sichtbaren Gestalt von der Umwelt abgelöst. Seine Selbständigkeit ist vorerst noch rein physischer
Natur.
Funktionell, in seinen Reaktionen und den Möglichkeiten seines Verhaltens, ist der Organismus
immer noch ein Teil seiner Umwelt. Ich habe ausführlich begründet und erläutert, in welcher Weise
das konkret zutrifft. Deutlichstes Beispiel war die Abhängigkeit der »inneren Bereitschaft« vom
Einfluss äußerer Faktoren und deren Bedeutung für die Zusammensetzung der jeweiligen
Wirklichkeit des Individuums -so, dass die Außenwelt letztlich mit darüber entscheidet, welche
ihrer Teile zur Erlebniswirklichkeit gehören und welche nicht.

172
Es ist leicht einzusehen, dass der Wirkungskreis, in dem das Individuum mit seiner Umwelt auf
dieser Stufe noch unauflösbar zusammengeschlossen ist, die Unveränderlichkeit des vom Gehirn
repräsentierten Schaltplans zur Voraussetzung hat. Die Überlebensstrategie dieser Stufe setzt die
möglichst vollkommene Übereinstimmung von Gehirn und Wirklichkeit voraus. Diese aber ist nur
gewährleistet, wenn der Plan nicht weniger stabil ist als die Eigenschaften der Welt, deren
Widerschein er bildet. Wenn jede Zufallsschwankung, jedes nur einmalige, individuelle Geschehnis
auf ihn wirkte, ihn beeinflusste, wäre er bald so verschwommen, dass er als Abbild nicht mehr
taugte. Lernfähigkeit hat auch ihre Nachteile. So lange jedenfalls, wie die Art mehr gilt als das
Individuum.
Deshalb ist das Gehirn bis zu diesem Augenblick grundsätzlich nichts anderes als ein in der
Schädelkapsel möglichst kompakt zusammengedrängtes Knäuel unveränderlicher Pläne. Es enthält
sie nicht. Es besteht aus ihnen. jedes einzelne der komplizierten Nervennetze, die sein Gewebe
bilden, ist identisch mit der Möglichkeit zu einer ganz bestimmten Reaktion. jedes von ihnen stellt
eine Antwort dar, die dem Organismus auf konkrete Anforderungen aus der Umwelt zur Verfügung
steht.
Fragen, auf die keine Antworten vorgesehen sind, werden gar nicht erst vernommen. Da die Zahl
der auf diese Weise materiell gespeicherten Pläne zwangsläufig endlich ist und relativ zu der
objektiven Mannigfaltigkeit der Welt winzig klein, resultiert daraus eine entsprechend »ge-
schrumpfte« Erlebniswirklichkeit. Der Vorteil besteht in der optimalen Übereinstimmung zwischen
Plan und Wirklichkeit. Lebensfähig ist der Organismus unter diesen Umständen allerdings nur in
einer für seine Art spezifischen Umwelt, deren wesentliche Eigenschaften als »Merkmale« in den
Plan einbezogen sind.
Das alles gilt nun mit einem Male nicht mehr ohne Ausnahme. Der Überlebensvorteil, der beim
Nestflüchter mit dem individuellen Kennenlernen der eigenen Mutter verbunden ist, ist so gewaltig,
dass die Evolution durch ihn veranlasst wird, eine Fingerbreite vom bisherigen Wege abzuweichen.
Die Selektionsprämie war so hoch, dass die Korrumpierung nicht ausbleiben konnte.
Das Zugeständnis schien geringfügig. Es bewirkte jedoch eine Kettenreaktion. Es bestand in nichts
weiter als dem Auftauchen eines winzigen Areals im Gehirn, das nicht identisch war mit
irgendeinem konkreten Plan oder dem Teil eines Plans. Erstmals gab es jetzt eine kleine
Ansammlung von Nervenzellen, die nicht Bestandteile eines festliegenden, angeborenen
Programms waren, sondern frei verfügbar! Es handelte sich dabei um jene Stelle, die wir
gleichnishaft als »Wachstafel« bezeichnet hatten.
Seit dem Beginn der Evolution, seit den ersten Schritten der Hirnentwicklung, hatte jeder neu
entstehende Teil des Nervensystems a priori einer konkreten, festliegenden Aufgabe gedient. Jede
Nervenzelle, jede Nervenfaser war der Teil eines Geflechts gewesen, dessen Muster gleichbe-
deutend war mit der Möglichkeit zu einer und nur einer ganz bestimmten Verhaltensweise. Jetzt gab
173
es erstmals eine Stelle im Gehirn, die gleichsam »plastisch« war. Ein Stückchen Nervengewebe, das
nicht eine überindividuelle (Art-)Erfahrung zur Verfügung des Individuums stellte, sondern diesem
die Möglichkeit gab, wenigstens eine Erfahrung individuell zu machen: die eigene Mutter
kennenzulernen.
»Frei verfügbar« war auch diese so total neuartige Zellgruppe im Gehirn anfänglich in einem nur
höchst bescheidenen Sinn. Die Schritte der Evolution sind bei aller Fähigkeit zur Neuerung klein
und voller Vorsicht. Die »Prägbarkeit« des neuartigen Zellhäufchens war auf eine möglichst kurze
Frist der individuellen Entwicklung, die »sensible Phase«, beschränkt. Darüber hinaus war sie durch
die feste Einbeziehung in ein unveränderlich angeborenes Programm, die »Nachfolge-Reaktion«,
auch qualitativ eng begrenzt. Erlernbar war nur eine einzige, unwiederholbare Lektion: das
individuelle Aussehen des ersten nach dem Schlüpfen im Gesichtsfeld auftauchenden beweglichen
Objekts.
Wie eng die Einschränkung war, ergibt sich indirekt aus der Mühe, die es gekostet hat, bis das
Phänomen »Prägung« überhaupt entdeckt wurde. Wie groß die Verfügbarkeit des neuartigen
Hirnteils immerhin ist, erweist sich andererseits in aller Deutlichkeit an der grotesken
Austauschbarkeit der Objekte, auf die die Nachfolgereaktion im Experiment geprägt werden kann.
Aber für wie groß oder klein man den Schritt auch immer halten mag, er leitete eine Revolution in
der Geschichte der Hirnentwicklung ein. Die Bedeutung der Wende, deren Ursache er ist, wird
sofort offensichtlich, wenn wir uns die Funktion klarmachen, an deren Anfang er steht: jetzt gibt es
erstmals einen Hirnteil, der tatsächlich das kann, was wir, »vom Großhirn her gesehen«, irrtümlich
meist für das Wesensmerkmal der Hirnfunktion insgesamt zu halten pflegen. Die »Wachstafel«, die
da im Gehirn entstanden ist, hat erstmals jene abbildende Funktion, die das Gehirn bis zu diesem
Augenblick noch nie gehabt hat.
Noch könnte die eminente Bedeutung dieses Umstands übersehen werden. Noch sorgt die feste
Einbeziehung dieses winzigen »beliebig verfügbaren« Hirnteils in den starren Rahmen einer
angeborenen Reaktion dafür, dass die Freiheit seiner Funktion so beliebig nun auch wieder nicht ist.
Unter natürlichen Umständen ist es stets das Bild der eigenen Mutter, das sich auf der »Wachstafel«
bleibend eingräbt. Das Experiment zeigt andererseits, was sonst noch alles möglich ist.
Grundsätzlich aber ist mit diesem Schritt der Rahmen aufgebrochen, in den das Zwischenhirnwesen
bis dahin endgültig und für alle Zeiten eingeschlossen schien. Grundsätzlich taucht mit der neuen
Funktion die bis dahin undenkbare, wahrhaft revolutionierende Möglichkeit auf, beliebige Daten
aus der Umwelt registrieren und verarbeiten zu können. Bisher war, wie sich aus allem bisher in
diesem Buch Gesagten ergibt, die Aufnahmefähigkeit des Gehirns auf jene Umwelteigenschaften
beschränkt, die Merkmals- oder Signal-Charakter hatten.
Das aber heißt nichts anderes, als dass ihnen ihm Gehirn ein angeborener auslösender Mechanismus
mit einem zugehörigen Verhaltensprogramm zu entsprechen hatte. Eigenschaften oder Teile der
174
Umwelt, die diese Bedingung nicht erfüllten, existierten für das Gehirn nicht. Sei es, dass sie in
keines der vorliegenden Programme passten, sei es, dass die »innere Bereitschaft« des Organismus
das ihnen entsprechende Programm stillgelegt hatte - was nicht seine vorgegebene Entsprechung im
Zwischenhirn fand, tauchte in der Erlebniswirklichkeit nicht auf. Erkenntnistheoretisch gesprochen:
Die Welterfahrung a priori war mit der a posteriori noch identisch.
Die durch diesen Zusammenhang bewirkte Einheit von Individuum und Umwelt wird durch das
Phänomen der Prägung überschritten. Die revolutionierende Besonderheit des Auslösers für die
Nachfolgereaktion besteht in der unerhörten Neuerung, dass das Umweltsignal unspezifisch,
beliebig ist. Wenn vorerst auch nur zu einem ganz bestimmten Zweck und in dem eng begrenzten
Verband eines angeborenen Programms, wird in die Funktion des Gehirns hier doch erstmals ein
Stückchen Freiheit, eine vorerst noch winzige Öffnung gegenüber der objektiven Umwelt eingefügt.
Die Öffnung mag noch so klein sein, die Folgen sind nicht aufzuhalten. Auch die Evolution neigt
dazu, die ganze Hand zu ergreifen, wo immer sich ihr auch nur ein Finger entgegenstreckt. Das
Ganze war zwar -wieder einmal - ganz gewiss »nicht so gemeint«. Die Aufgabe war lediglich die
aus biologischen Gründen wünschenswerte Einprägung des Aussehens der Mutter. Aber die sich aus
dem Abweichen vom bisherigen Prinzip einer lückenlosen Entsprechung von innerem Programm
und äußeren Signalen ergebenden Möglichkeiten waren so gewaltig, dass die weitere Entwicklung
des Gehirns von diesem Augenblick an eine völlig neue Richtung einschlägt.

175
Dritte Stufe

An der Schwelle

zur Vernunft

176
16. Eine Landkarte psychischer Funktionen

Das Gehirn ändert seine Strategie

Man braucht eigentlich nur einen Blick auf den allgemeinen Verlauf der im Gehirn eintreffenden
und von ihm ausgehenden Nervenfasern zu werfen, um zu erkennen, welch radikale Wende in der
Entwicklung dieses Organs beim Übergang vom Zwischenhirn zum Großhirn erfolgt ist. Schon
äußerlich ist das Zwischenhirn als der Ort maximaler Konzentration des eintreffenden und
ausgehenden Impulsstroms erkennbar.

Die Pfeile markieren die Verlaufsrichtung der Nervenbahnen im menschlichen Zentralnervensystem. Bis zum Zwischenhirn werden
die eintreffenden Informationen offensichtlich nach Möglichkeit konzentriert. Erst im weiteren Verlauf zum Großhirn kommt es dann
zu einer extremen Auffächerung.

Die aus dem Körper und den Sinnesorganen auf diesen Hirnteil zustrebenden Bahnen verlaufen
sämtlich konvergierend. Die von ihnen transportierten Informationen wurden damit zwangsläufig
mehr und mehr kondensiert, unter Verzicht auf die ursprüngliche Detailfülle vereinfacht,
gewissermaßen »eingeschmolzen«. Die Skizze oben zeigt, was gemeint ist. Sie zeigt außerdem,
dass diese Tendenz beim weiteren Verlauf des Nachrichtenstroms, beim Übergang vom
Zwischenhirn zum Großhirn, in das Gegenteil umschlägt.
Auf dieser anschließenden Teilstrecke ist eine exzessive Auffächerung der vom Zwischenhirn
weiter nach oben führenden Bahnen festzustellen. Die im Zwischenhirn auf kleinstem Raum
zusammengedrängten Informationen werden - so weit sie an das Großhirn weitergegeben werden -
dort auf ein Rindenareal ausgebreitet, das eine Fläche von nahezu einem Viertel Quadratmeter
einnimmt und daher nur stark gefaltet in unserer Schädelkapsel Platz findet.
Dieser sich aus dem bloßen Anblick ergebende Eindruck lässt sich durch neuere wissenschaftliche
Daten untermauern. Informationstheoretiker und Wahrnehmungsphysiologen schätzen, dass unsere

177
Augen in jeder Sekunde eine Informationsmenge von 200 Millionen bit (bit = kleinste mögliche
Informationseinheit) aufnehmen können. Die Zahl der lichtempfindlichen Sinneszellen in unseren
Netzhäuten ist so groß, dass dieser gewaltige Betrag herauskommt.
Im Sehnerv jedoch, der die von der Netzhaut registrierten Daten an das »erste optische Zentrum«
im Zwischenhirn, im sogenannten »Kniehöcker«, weiterleitet, gibt es nur mehrere hunderttausend,
höchstens vielleicht 1 Million Fasern. Das heißt, dass für 200 Millionen Informationseinheiten pro
Sekunde überhaupt nur eine Million Leitungen zur Verfügung stehen. Selbst dann also, wenn man
annimmt, dass es infolge besonderer Raffinements der biologischen Nachrichtenübertragung
möglich ist, in jeder Sekunde mehrere verschiedene Informationen in der gleichen Nervenfaser zu
transportieren, können von den in den Netzhäuten eintreffenden Informationen bestenfalls nur
wenige Prozent überhaupt bis ins Gehirn gelangen 39.
Diesem Sachverhalt entsprechen die Befunde, die bei sogenannten elektroretinographischen
Untersuchungen gefunden werden. Dabei werden die in den Sinneszellen der Netzhaut beim Sehen
entstehenden elektrischen Impulse mit haarfeinen Elektroden abgeleitet, technisch verstärkt und in
Kurvenform aufgezeichnet. Die Auswertung ergibt, dass bereits in der Netzhaut eine intensive
»Nachrichtenverarbeitung« erfolgt.
Was an das Gehirn weitergeleitet wird, ist längst nicht mehr die ursprüngliche Botschaft, sondern
das Ergebnis einer komplizierten Verrechnungsarbeit, bei der die Meldungen von sehr vielen, im
Einzelfall bis zu 100.000 Netzhautzellen zusammengefasst werden.
Auf den Bildcharakter des Umweltausschnitts, der sich jeweils am Augenhintergrund auf die
Netzhaut projiziert, nimmt diese Verrechnungsarbeit, so kompliziert und raffiniert sie in jeder
anderen Hinsicht sein mag, nicht die geringste Rücksicht. Was das Auge dem Zwischenhirn
weiterreicht, hat mit einem »Bild« nicht mehr die geringste Ähnlichkeit. Das sollte uns nicht mehr
überraschen, denn wir erinnern uns, dass die Aufgabe, zu deren Lösung die Augen entwickelt
wurden, nicht die war, ein Bild der Umwelt zu liefern.

39
Hier ein einziges Beispiel für die Tricks, mit denen die Natur auf diesem Gebiet arbeitet: Die Übertragung mehrerer verschiedener Farbwerte erfolgt
im Bereich des genannten »Kniehöckers« wahrscheinlich innerhalb der gleichen Nervenfaser in der Weise, dass die Impulse, die verschiedene
Farbtöne signalisieren, um Bruchteile von hundertstel Sekunden zeitlich versetzt sind. Dabei informiert dann die zuerst eintreffende Impulsfolge über
die Intensität etwa des Rotwertes, die anschließende über Blautöne und eine dritte über Helligkeiten im grünen Spektralbereich.

178
Höchstens 1 Prozent der von unseren Sinnen aufgenommenen Informationen wird ins Gehirn weitergeleitet. Die Aufstellung gibt die
entsprechenden Schätzungen der Informationstheoretiker wieder. Für die rd. 200 Millionen »bit« (elementarste Informationseinheit),
die unsere Augen in jeder Sekunde aufnehmen, stehen in den Sehnerven z. B. nur 2 Millionen Leitungsfasern zur Verfügung. Noch
hundert- bis tausendfach geringer ist die Aufnahmekapazität bei den anderen Sinnesformen. Vom Ergebnis der Verarbeitung aller
Informationen durch die 10 Milliarden Nervenzellen unseres Großhirns »passen« schließlich nur noch 10 bit pro Sekunde in unser
Bewusstsein.

Die Botschaft, die schließlich im optischen Zentrum des Zwischenhirns, im Kniehöcker, eintrifft, ist
also nicht mehr »objektiv«. Sie ist eine nach sehr vielen Gesichtspunkten erfolgte, äußerst
beschränkte Auswahl aus der Informationsfülle, die in den Netzhäuten eintraf. Aber das nicht allein:
diese Auswahl ist auch noch nach festliegenden, durch die Struktur des verarbeitenden
Nervengewebes vorgegebenen Kriterien verarbeitet. Wir merken davon unter natürlichen
Umständen nichts. Wie sollten wir uns auch selbst über die Schulter sehen können? Aber in
bestimmten, künstlich herbeigeführten optischen Situationen können wir gelegentlich indirekt
feststellen, wie viel uns beim Sehen offensichtlich unbemerkt untergeschoben wird. Der größte Teil
der Phänomene, die wir »optische Täuschungen« zu nennen pflegen, gehört hierher. Auf der
nächsten Seite sind Beispiele abgebildet. Bei ihnen kommt eine Tendenz zum Ausdruck, die darauf
abzielt, durch eine Übertreibung von Helligkeitsunterschieden an »Grenzen« im Gesichtsfeld
Konturen besonders deutlich und augenfällig zu machen. Dass das ein biologisch äußerst sinnvoller
Trend der Verarbeitung optischer Eindrücke ist, bedarf keiner besonderen Begründung.

179
Zwei Beispiele für »Simultankontrast«: An den Überkreuzungsstellen der weißen Linien scheinen graue Punkte aufzutauchen. Der

graue Ring der oberen Figur sieht im Bereich der schwarzen Fläche heller aus als im weißen Feld. Der Effekt wird im zweiten Fall
deutlicher, wenn man einen Bleistift oder Faden entlang der Schwarz- Weiß- Grenze über den Ring legt.

Wichtig und nachdenkenswert ist die Einsicht, dass wir diese und andere Verrechnungseffekte unter
natürlichen Umständen nicht etwa deshalb nicht bemerken, weil sie da nicht wirksam seien. Das
Gegenteil ist der Fall. Wir müssen davon ausgehen, dass die Effekte, die wir uns in Gestalt
»optischer Täuschungen« ausnahmsweise vor Augen führen können, weitaus in der Minderzahl
sind. Dass sie und viele andere, von denen wir noch keine Ahnung haben, uns beim Sehen nicht als
Besonderheit auffallen, ist einzig und allein dadurch zu erklären, dass das Ergebnis dieser
Verrechnungsarbeit untrennbar und permanent in dem uns gewohnten Anblick steckt, in dem sich
die Welt unseren Augen darbietet. Schon diese einfache Überlegung liefert einen unwiderleglichen
Hinweis darauf, dass wir »die« Welt ganz gewiss nicht so sehen, wie sie »ist«. Andererseits haben
wir aber auch nicht die geringste Möglichkeit, uns eine Vorstellung davon zu verschaffen, wie die
Welt aussähe, wenn sie sich ohne den selbständig verarbeitenden Einfluss unserer optischen
Wahrnehmungsorgane unserem Gehirn präsentierte. Bei genauer Betrachtung ist bereits die bloße
Frage nach einer solchen Möglichkeit widersinnig. Denn sobald wir nach dem »Aussehen« der Welt
fragen, meinen wir ja bereits wieder eine optische Beziehung zu unserer Umwelt - und die existiert
nun einmal allein in der uns bekannten Art und Weise.
Aber stellen wir diesen Gedanken hier noch zurück. Der Gesichtspunkt, der uns beschäftigt, ist die
Tatsache, dass alles für eine fortlaufende »Einengung« - Konzentration, Verdichtung, wie immer
180
man das nennen will - der vom Auge zum Gehirn geleiteten Sinnesinformationen spricht. Das gilt
für alle anderen Sinnesorgane und alle vom Körper über das Rückenmark im Zwischenhirn
eintreffenden Informationen ebenso.
Sobald das Zwischenhirn aber erreicht ist, kehrt sich die Tendenz um: über dem Zwischenhirn wölbt
sich die vergleichsweise gewaltige Masse des Großhirns, dessen aktiver Teil, rund 10 Milliarden
Nervenzellen, in der nur 3-4 Millimeter dicken Rinde konzentriert ist, während seine übrige Masse
aus zu- und abführenden Leitungsbahnen besteht. Wie eine Halbkugel stülpt sich die Großhirnrinde,
der jüngste und fortgeschrittenste Teil des Hirns, von oben über das Zwischenhirn und die übrigen
Abschnitte des archaischen Hirnstamms. Man ist versucht, an einen Hohl- oder Parabolspiegel zu
denken, in dessen Brennpunkt das Zwischenhirn liegt. Wie Strahlen gehen von diesem aus Bahnen
nach allen Seiten und nach oben zu allen Punkten der Rinde.
Was ist von einem solchen Verlauf der Nachrichtenwege im Gehirn zu halten? Ich glaube, dass die
von der Peripherie - von »außen« - bis zum Zwischenhirn festzustellende Konvergenz oder
Verdichtung der Bahnen anatomisch die Strategie widerspiegelt, die für die Entwicklung des
Zentralnervensystems bis zur Stufe des Zwischenhirns maßgeblich war. Wir haben sie im bisherigen
Teil dieses Buchs so ausführlich erörtert, dass hier einige Stichworte genügen, um die Parallelen
anzudeuten:
Reduzierung der in der Umwelt existierenden Mannigfaltigkeit auf eine möglichst beschränkte Zahl
von Standardsituationen, denen eine gleiche Anzahl fix und fertig parat liegender
Reaktionsprogramme entspricht. Generalisierende Kennzeichnung aller zu einer dieser Situationen
gehörenden Objekte und Partner durch ein Minimum an Merkmalen, deren Konstellation das
betreffende Objekt oder den Partner nach dem Prinzip pars pro toto vertritt. Dabei werden
individuell kennzeichnende Besonderheiten konsequent unterschlagen. In der Realität heißt das: Sie
werden durch ohne Zweifel höchst komplizierte Verarbeitungsprozesse, die uns noch so gut wie
unbekannt sind, eliminiert. Die im Interesse der Zuverlässigkeit der Instinktprogramme erwünschte
Folge ist die Austauschbarkeit aller individuellen Partner und konkreten Objekte gleichen Typs.
Diese Strategie findet ihr Ende mit dem Abschluss der Entwicklung des Zwischenhirns. Die in ihr
steckenden Möglichkeiten für die Vervollkommnung der Beziehung zwischen dem Organismus und
seiner Umwelt waren, wie es scheint, nunmehr ausgeschöpft. Die weitere Entwicklung setzt den
Hebel an einer ganz anderen Stelle an. Jetzt, da die physische Existenz mit der Vollendung des
Zwischenhirns optimal gesichert erscheint, knüpft die Evolution mit schlafwandlerischer Sicherheit
an dem einzigen Punkt an, der eine Chance bietet, über das bisher Erreichte hinauszugelangen: an
der »Leerstelle«, der - relativ - frei verfügbaren Nervenzellgruppe, die auf Grund der besonderen
Bedingungen bei der Nachfolgereaktion der Nestflüchter in das Zwischenhirn geraten war.
Das Ergebnis war - einige hundert Jahrmillionen später - die Großhirnrinde. Die explosiv wirkende
Auffächerung der Bahnen, die vom Zwischenhirn zu diesem obersten Hirnteil führen, spiegelt
181
ihrerseits die neue Aufgabenstellung wider, die von nun an die Entwicklung diktiert. Jetzt, da es
möglich geworden ist, die Welt abzubilden, wäre es widersinnig, die ankommenden Informationen
weiterhin zu verdichten. »Die Welt spiegeln«, das heißt doch nichts anderes, als sie nach
Möglichkeit so wiederzugeben, wie sie selbst ist. Ohne eigene Zutat, ohne Verarbeitungsprozesse,
die die Perspektiven in irgendeiner Weise unter dem Gesichtspunkt des biologischen Vorteils
verändern. Die Welt abbilden, das heißt, sie in allen ihren Besonderheiten, mit allen individuellen,
womöglich einmaligen Einzelheiten erfassen zu können.
Dazu aber muss das Gehirn leer sein. So leer, wie es ein Spiegel ist, solange sich nichts in ihm
abbildet. Die Großhirnrinde erfüllt diese Bedingung - wenigstens in Ansätzen - erstmals in der
langen Geschichte der Hirnentwicklung. Es gibt, verglichen mit den Reizeffekten, die bei der
Durchmusterung des Zwischenhirns zu beobachten sind, nichts Langweiligeres als die Auswertung
elektrischer Reizversuche an der Rinde 40.
Da bewegt sich womöglich das Endglied eines Fingers im Takt des einsetzenden und wieder
verschwindenden Reizes. Da berichtet ein Patient von Lichtblitzen, wenn der Untersucher die
Sonde an der »Sehrinde« ansetzt. Muskelzuckungen, Kitzelgefühle auf der Haut, an ganz
bestimmten Stellen des Körpers, je nach dem Ort der Rindenreizung, das ist in der Regel alles.
Nichts, was sich mit den szenenartigen, komplizierten Handlungsabläufen vergleichen ließe, auf die
man bei der Reizung des Zwischenhirns gestoßen war.
Der Grund für den Unterschied liegt auf der Hand. Im Großhirn sind keine Programme gespeichert
und keine anderen »Erfahrungen a priori« . In diesem Hirnteil wird die Welt nicht mit Hilfe
standardisierter Erfahrungen der Art vorweggenommen. Ein wesentlicher Teil der Rinde ist
vielmehr eine einzige »Leerstelle« im Gehirn, eine riesige »Wachstafel«, bereit, den Abdruck der
Welt in sich aufzunehmen. Jetzt, aber auch erst jetzt wird mit einem Male das vor so langer Zeit
schon zufällig auf dem Augenhintergrund entstandene »Bild«, bisher ein beiläufiges, wenn nicht gar
lästiges Nebenprodukt der Sammlung optischer Informationen, nutzbar und sogar zum Motor
weiteren Fortschritts!
Die Vervollkommnung dieses Prinzips dokumentiert sich nicht allein in der gewaltigen Ausdehnung
des neuen Hirnteils. Beim Menschen macht das Großhirn nicht weniger als 7/8 der gesamten Masse
des Zentralnervensystems aus. Auch funktionell wurde die neue Strategie weiterentwickelt. Als der
entscheidendste Fortschritt in dieser Hinsicht ist die unbegrenzte Wiederholbarkeit anzusehen, mit
der sich fortlaufend immer neue Eindrücke in der Rinde abbilden können.
Nicht mehr lediglich ein einziges Mal, wie im Falle der Prägung, sondern in stetigem Wechsel,
getreu auch in der Wiedergabe aller Veränderungen, werden die äußeren Vorgänge in der Rinde

40
Die Tatsache, dass Hirnoperationen in der Regel in örtlicher Betäubung durchgeführt werden (vgl. Fußnote 21), gibt den Hirnchirurgen die
Möglichkeit, durch die elektrische Reizung der freiliegenden Hirnabschnitte (aufgrund der dabei auftretenden oder vom Patienten berichteten
Reizeffekte) mit großer Präzision zu bestimmen, welche der Zentren oder Bahnen des Gehirns (die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind) sie vor sich
haben. Ein gewaltiges Beobachtungsmaterial hat sich ferner bei den Untersuchungen der Hirnverletzten beider Weltkriege angesammelt. Die
Großhirnrinde gehört daher heute zu den am gründlichsten untersuchten Teilen des menschlichen Gehirns.
182
abgebildet. Allerdings ist jedem von uns geläufig, dass unser Gehirn nicht jedem beliebigen
Ablaufstempo zu folgen vermag. Die Unsichtbarkeit einer abgefeuerten Pistolenkugel ist dafür das
bekannteste Beispiel.
Dieses Unvermögen ist eine Folge der körperlichen, materiellen Natur unseres Gehirns. Es ist eine
Erinnerung daran, dass unsere Gedanken und Eindrücke, so unkörperlich sie selbst sein mögen,
dennoch auf eine uns undurchschaubare Weise getragen werden von körperlichen Prozessen, die
sich im Inneren unseres Gehirns abspielen. Bei diesen handelt es sich letztlich um molekulare
Vorgänge innerhalb der Hirnzellen, die zwar mit sehr großer Geschwindigkeit, aber eben doch nicht
unendlich schnell ablaufen. Erst recht gilt das für die über noch größere und dementsprechend
zeitraubendere Entfernungen hin erfolgenden ständig wechselnden Schaltungen zwischen
verschiedenen Nervenzellen.
Es ist klar, dass ein Organ mit solchen Eigenschaften, mit einer gegenüber allem Bisherigen so
radikal veränderten Aufgabenstellung, keinen Vorteil aus einer weiteren Verdichtung der
eintreffenden Informationen ziehen könnte. Auf die Stufe der Integration folgt nunmehr die der
Analyse. Dazu werden die zur Verfügung stehenden Daten von der Großhirnrinde wie von einer
gewaltigen Lupe - wieder bietet sich der vergrößernde Hohlspiegel als Metapher an - möglichst weit
auseinandergezogen, auf einer möglichst großen Fläche ausgebreitet.
Da diese Fläche - unsere Hirnrinde - mit einer Gesamtausdehnung von rund 250.000 Quadrat-
millimetern und einer Dicke von 3 - 4 Millimetern aus etwa 10 Milliarden Nervenzellen
zusammengesetzt ist, bedeutet das im Endeffekt, dass an der Auswertung jeder einzelnen
Teilinformation eine möglichst große Zahl von Zellen beteiligt wird. Jetzt genügt es nicht mehr,
durch die Erfassung einiger weniger charakteristischer Signale eine typische Situation zu
diagnostizieren, um die zu ihrer Bewältigung vorgesehene Standardantwort in Gang setzen zu
können. Jetzt gilt es, aus jeder einzelnen Detailinformation so viele Einzelheiten wie möglich
herauszuholen.

Die »Zentren« der Hirnrinde

Wenn die Großhirnrinde auch leer ist wie ein blankgeputzter Spiegel - und dies aus dem gleichen
Grunde -, so ist sie doch nicht ohne Struktur. Der Spiegelvergleich hat uns bis zu diesem Punkt
geholfen, den fundamental wichtigen Unterschied zu erfassen, der zwischen dem Bau und der
Aufgabe des Zwischenhirns und denen der Großhirnrinde besteht. Wir würden uns das weitere
Verständnis aber erschweren, wenn wir dieses Beispiel weiter strapazierten. So ist für das
Verständnis der Funktion der Hirnrinde die Einsicht wichtig, dass diese äußerste Umhüllung unseres
Gehirns nicht, wie es beim Spiegel der Fall ist, an jedem Punkt die gleiche Beschaffenheit hat.
In dem Faltenteppich der Hirnrinde gibt es bestimmte Gebiete unterschiedlicher Spezialisierung.
Nicht jedes ihrer Areale ist für die Aufarbeitung jeder beliebigen Information in gleichem Maße

183
geeignet. Besondere Felder erweisen sich als spezialisiert für den Umgang mit Informationen
besonderer Art. Dies gilt auch für den relativ kleinen Teil der Rinde, in dem, was bisher nicht
ausdrücklich erwähnt wurde, nicht eintreffende Informationen empfangen werden, sondern
steuernde Impulse entstehen, die als »Befehle« an bestimmte Muskelgruppen weitergeleitet werden.
Diese spezialisierten Areale der Hirnrinde sind die altbekannten und berühmten »Zentren«, in denen
- in der Sprache der älteren Hirnforschung - bestimmte Leistungen oder Fähigkeiten »lokalisiert«
sind. Beiläufig erwähnt wurde schon das in der Rinde des Hinterkopfs gelegene zweite, dem ersten
im Kniehöcker des Zwischenhirns übergeordnete optische Zentrum, meist kurz »Sehrinde« genannt.
Weitere Zentren existieren für das Sprach- und Hörvermögen, die Bewegungsfähigkeit einzelner
Körperteile und noch einige andere, zum Teil sehr viel kompliziertere psychische Leistungen.
Ich brauche diese Rindenzentren, die heute bereits in jedem größeren Konversationslexikon
beschrieben werden, hier nicht im einzelnen und vollständig aufzuzählen. Es genügt, wenn sie in
der Abbildung 15 dargestellt sind. Um Missverständnisse zu vermeiden: Keines dieser Zentren ist
auf der realen Hirnrinde zu erkennen, keines durch irgendein Merkmal oder eine sichtbare
Besonderheit hervorgehoben (vgl. dazu Abb. 14). Sie alle sind nur aus den Befunden jahrzehntelang
geduldig fortgesetzter Reizversuche und der Symptomauswertung bei Unfall- und Kriegsopfern zu
erschließen.
Äußerst interessant ist die Verteilung dieser auf den Umgang mit bestimmten Informationen
spezialisierten Areale. Wir brauchen dazu auch hier nur den genetisch-historischen Aspekt zugrunde
zu legen, dem der Gedankengang dieses Buchs insgesamt folgt. Selbstverständlich war auch die
Rinde nicht mit einem Male fertig da. Selbstverständlich ist auch sie das bisherige Resultat eines -
in ihrem Falle schätzungsweise 500 Millionen Jahre währenden - Entwicklungsablaufs. Das heißt
unter anderem aber auch, dass sicher nicht alle der heute in ihr nachweisbaren Zentren von Anfang
an vorhanden gewesen sind. Dies gilt offensichtlich vor allem für die Areale, die sich auf relativ
hoch entwickelte und geschichtlich gesehen daher junge, »typisch menschliche« Leistungen
spezialisiert haben.
Betrachtet man die in der Abbildung 15 dargestellte »Landkarte unserer geistigen Leistungen«
einmal unter diesem Gesichtspunkt, dann stößt man auf einige aufschlussreiche Zusammenhänge.
Zunächst einmal ergibt sich eine grobe Zweiteilung der Rinde insgesamt, wenn man davon ausgeht,
ob die einzelnen Zentren der Analyse eintreffender Meldungen oder der Aussendung von
»Befehlen« an die Körperperipherie dienen. Wie die Abbildung zeigt, stellt der vordere Teil der
Rinde unter diesem Aspekt gewissermaßen einen »Sender« dar, der größere hintere Teil dagegen
einen »Empfänger«.
Die Grenze verläuft zwischen den beiden langgestreckten Arealen, die für die Innervation der
Muskulatur des Skeletts (»willkürliche Bewegungen«, vorn, in Abb. 15 orange gezeichnet) und die
genaue Ortung von Berührungsreizen (»Körperfühlsphäre«, hinten, lila eingezeichnet) zuständig
184
sind. In beiden Rindenarealen ist der ganze Körper Punkt für Punkt »abgebildet«, und zwar auf dem
Kopf stehend. Das heißt, dass man, wenn man mit der elektrischen Reizung oben, in der Gegend
des Schädeldachs, beginnt, Muskelbewegungen (oder ein Kitzelgefühl) im zugehörigen Fuß auslöst.
Lässt man die Sonde langsam schläfenwärts, nach unten also, wandern, folgen Reizeffekte im
Unterschenkel, Oberschenkel, Gesäß, Bauch usw. aufeinander, bis man am unteren Ende des
jeweiligen »Zentrums« angelangt, Bewegungen - oder, wenn es sich um das hintere Areal handelt,
Berührungsempfindungen - in den Lippen, der Zunge, Nase oder Stirnhaut auslöst. In diesem
Rindenbereich ist folglich die ganze Körperoberfläche Punkt für Punkt repräsentiert. Man kann sich
daher auch den Scherz erlauben, durch eine Einzeichnung der jeweiligen lokalen Zuständigkeit die
Umrisse nachzuziehen, innerhalb derer der Menschliche Körper in diesem Rindengebiet vertreten
ist.

Die verschiedenen Teile unseres Körpers sind in der Hirnrinde in sehr unterschiedlicher Ausdehnung vertreten, je nach dem
Steuerungsaufwand, den sie erfordern. Eine maßstäbliche Wiedergabe der zuständigen Rindengebiete ergibt daher ein sehr
ungewohntes Bild.

Das Resultat ist ein sogenanntes »Rindenmännchen«, wie es die Zeichnung auf der vorhergehenden
Seite wiedergibt. Sein bizarres Aussehen rührt daher, dass die Repräsentation unseres Körpers in
unserer Hirnrinde nicht den Regeln einer Abbildung oder gar ästhetischen Gesetzen, sondern
biologischen, genauer: regelungstechnischen Notwendigkeiten unterliegt, Hier sind nicht die
Gesetze der optischen Projektion im Spiel gewesen, sondern die sich aus der jeweiligen Funktion
ergebenden Erfordernisse des Steuerungsaufwands.

185
Das heißt, ganz einfach ausgedrückt, dass Hände, Lippen und Zunge als Werkzeuge des Hantierens
und Sprechens ebenso wie die Füße, deren Bewegungen und Rückmeldungen für die
Aufrechterhaltung des labilen Gleichgewichts eines aufrechtgehenden Zweibeiners wichtig sind,
einer sehr viel differenzierteren Steuerung - oder, was die Rückmeldungen betrifft: einer sehr viel
detaillierteren Auswertung - bedürfen als etwa Rumpf oder Oberarme. Deshalb sind in die
Steuerung dieser Körperteile auch überdurchschnittlich viele Hirnrindenzellen einbezogen - auf
Kosten anderer Körperregionen, die mit einem geringeren Regelungsaufwand beherrscht werden
können. Entsprechend groß oder klein sind daher die jeweils zuständigen Rindenanteile.
Dass das motorische und das sensible Zentrum unmittelbar benachbart sind, ist, genetisch
betrachtet, wieder leicht verständlich. Beide konnten sich nur »Hand in Hand«, in strenger
funktioneller Parallelität, zu ihrer heutigen Kompliziertheit entwickeln. Jeder, der schon einmal
versucht hat, mit einem fest »eingeschlafenen« Bein zu gehen, weiß, dass ein geordneter
Bewegungsablauf ohne die ständige sensible »Rückmeldung« über die jeweilige Stellung des
bewegten Gliedes unmöglich ist. Eines geht nicht ohne das andere.
Auch dass das als erstes dieser Zentren seinerzeit von Paul Broca entdeckte »motorische«
Sprachzentrum unmittelbar an jenes Rindenfeld grenzt, das für die differenzierte Steuerung von
Lippen- und Zungenbewegungen zuständig ist, leuchtet ohne weiteres ein. Immerhin ist
bemerkenswert, dass es mit der diese Körperteile steuernden Region nicht identisch ist. Sprache ist,
so ließe sich allein aus diesem Umstand schon ableiten, mehr als die bloße Fähigkeit, Lippen,
Zunge und Kehlkopfmuskulatur willkürlich und gezielt bewegen zu können, eine Schlussfolgerung,
für deren Richtigkeit jeder beliebige Affenkäfig im zoologischen Garten einen hinreichenden Beleg
bildet.
Bedeutsam ist daneben auch die Nachbarschaft dieses Zentrums auf der anderen Seite, an der
Grenze nach vorn. Die Fähigkeit, anwesende und - weitaus bedeutungsvoller! - gar nicht präsente
Objekte oder gar abstrakte Begriffe und logische Zusammenhänge in akustischen Symbolen äußern
und auf diese Weise mitteilen zu können - nichts anderes ist die vom »motorischen Sprachzentrum«
gesteuerte Leistung -, erweist sich auf dieser Seite als abhängig von der Rolle des »Stirnhirn«
genannten vordersten Rindenteils. Seine eigentümliche Sonderstellung wird uns gleich noch
eingehender beschäftigen. Hier sei nur schon daran erinnert, dass es ihn in dieser Ausbildung nur
beim Menschen gibt, ebenso wie echte Lautsprache in dem eben definierten Sinn.
Genetisch gesehen ist auch die Nachbarschaft der einzelnen »Empfängerfunktionen« in den
hinteren Rindenabschnitten einleuchtend. Dass das Hörzentrum an die sensible Kopfregion grenzt,
erinnert uns an die entwicklungsgeschichtliche Verwandtschaft zwischen den sensiblen Organen des
Innenohrs und der übrigen Haut. Der Gehörssinn ist, wie gesagt, ein arrivierter Abkömmling der
tastempfindlichen Haut. Verständlich, dass die Nähe der genetischen Verwandtschaft die räumliche
Nähe zwischen den zentralnervösen Repräsentationen beider Organe nach sich zieht.
186
Analog verhält es sich mit der Beziehung zwischen der »Körperfühlsphäre« in der hinteren
Zentralwindung der Rinde (lila) und der in der Abbildung 15 hellblau markierten Sehrinde. Im
ersten Augenblick mag es schwer fallen, an eine echte Verwandtschaft zwischen dem Sehen und
den durch die Sensibilität der Haut vermittelten Sinneseindrücken zu glauben. Dass beide innerhalb
des »Empfangsteils« der Rinde an entgegengesetzten Stellen liegen, unterstreicht in der Tat die
Ferne der Verwandtschaft.
Gänzlich bestreiten lässt sich diese aber nicht. Wir brauchen wieder nur an die Vergangenheit beider
Leistungen zu denken und daran, dass der »Lichtsinn« ursprünglich neben dem Tastsinn und
anderen sensiblen Funktionen ebenfalls einmal ein diffuser Hautsinn gewesen sein dürfte. Das liegt
allerdings schon so unvorstellbar lange Zeit zurück, dass die gemeinsame Abstammung nicht mehr
ohne weiteres erkennbar ist - und dass »Körperfühlsphäre« und »Sehzentrum« in der Großhirnrinde
bis zu der heute festzustellenden Distanz auseinander wandern konnten.
Das geschah mit der für alle evolutionistischen Fortschritte charakteristischen Langsamkeit. Es hat
jeweils mehrere Jahrmillionen gedauert, bis sich die Fläche der Hirnrinde wieder um einen Betrag
ausgedehnt hatte, der so groß war, dass wir den Unterschied mit bloßem Auge hätten erkennen
können. Im Laufe entsprechend gewaltiger Zeiträume aber löste sich die Sehrinde dabei allmählich
von der Körperfühlsphäre ab. In dem Maße, in dem das geschah, entstand zwischen den beiden,
immer weiter auseinanderrückenden Zentren neues Rindengewebe, Millionen, schließlich mehr als
eine Milliarde Rindenzellen, die es bisher nicht gegeben hatte.
Schließlich war so ein neues Rindenstück entstanden, frei für neue, bis dahin unbekannte
Funktionen. Welche Leistungen kamen für das neue Areal in Frage? Welche neue, bis zu diesem
Augenblick der Erdgeschichte nicht existierende und daher nicht einmal vorstellbare Art der
Aktivität konnte das neue »Zentrum« ermöglichen?
Wir würden darauf im voraus auch dann keine Antwort finden können, wenn wir berücksichtigen
würden, dass die neue Leistung auch hier wieder sowohl mit der benachbarten Körperfühlsphäre als
auch mit der auf der anderen Seite an sie angrenzenden Sehrinde zusammenhängen müsste. Eine
solche Verwandtschaft ist auch hier wieder vorauszusetzen, da ja beide »alten« Zentren an das neue
Areal angrenzen, das sie durch ihr Auseinanderrücken überhaupt erst haben entstehen lassen. Auch
im Gehirn entsteht Neues nicht aus dem Nichts.

Die Entstehung der Zahl

Aber wie soll man sich eine psychische Leistung ausmalen, deren »Eltern« die Sensibilität für den
eigenen Körper und die Fähigkeit sind, diesen Körper und die Umwelt, in der er existiert, sehen zu
können? Welche neuartige Leistung ist als das Resultat der fruchtbaren Verschmelzung so
heterogener Fähigkeiten denkbar? Wir kennen die Antwort auf diese Frage, jedoch nur deshalb, weil
unsere Position in der Entwicklung uns die Angelegenheit im nachhinein zu betrachten erlaubt.

187
Daher wissen wir, dass mit der Entstehung des Scheitellappens - in der Abbildung 15 braun
markiert - die Zahl und das Zählen in die Welt gekommen sind.
Selbst aus dem Rückblick aber ist dieses Resultat ohne einige zusätzliche Erklärungen nicht
sogleich verständlich. Diese zusätzlichen Informationen ergeben sich, wie so oft in der
Hirnforschung, aus der Untersuchung von Patienten, deren Scheitellappen bei einem Unfall oder
durch einen Hirntumor in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Untersucher stoßen in solchen Fällen
immer wieder auf eine sehr eigentümliche Kombination von Störungen.
Patienten mit einem typischen Scheitellappen-Syndrom - »Gerstmann Syndrom« nennen es die
Psychiater nach dem Kliniker, der es erstmals beschrieben hat - leiden an Ausfällen, die zunächst
nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Sie haben Schwierigkeiten mit der Unterscheidung
von rechts und links, sie verwechseln die Finger ihrer eigenen Hände untereinander, wenn sie sie
benennen oder auf Aufforderung zeigen sollen - den Zeige- mit dem Ringfinger etwa -, und sie
können nicht mehr oder nur noch mangelhaft kopfrechnen.
Der zweite Blick lehrt, dass diese Störungen, oder besser: die Leistungen, die sich hier als gestört
erweisen, natürlich doch etwas miteinander zu tun haben. Auf irgendeine Weise hängen sie alle mit
dem Erlebnis »Raum« zusammen, mit dem, was wir unsere »Raumvorstellung« nennen. Dass diese
entwicklungsgeschichtlich aus dem Gefühl für den eigenen Körper hervorgegangen ist, aus dem
bewussten Erleben der Stellung der verschiedenen Gliedmaßen zueinander und ihrer Veränderungen
im Ablauf unserer Bewegungen, leuchtet unmittelbar ein. Von hier aus ist die »Vaterschaft« der
Körperfühlsphäre angesichts der neuen Funktion »Raumerlebnis« verständlich.
Aber zum Erleben dieses Raums als dem Medium meiner eigenen Beweglichkeit gehört mit
gleicher Legitimität noch etwas anderes: die Wahrnehmung meiner örtlichen Position relativ zu den
Objekten der Außenwelt und deren Veränderung als Folge meiner Bewegungen. Dieser
Zusammenhang macht die Fähigkeit zur optischen Wahrnehmung, macht die Sehrinde zum anderen
legitimen Elternteil der neuen Funktion.
Der Raum, der damit im Bewusstsein auftaucht, ist schließlich, wenn auch wahrscheinlich nicht von
Anfang an, in drei Richtungen (» Dimensionen«) orientiert. Von diesen sind zwei ohne zusätzliche
Leistung, einfach aufgrund der in diesem entwicklungsgeschichtlichen Augenblick ohnehin
vorhandenen körperlichen Ausstattung eindeutig festgelegt. Die Senkrechte ist durch die
Einwirkung der Schwerkraft bestimmt, und ebenso die Richtungen »oben« bzw. »unten«. »Vorn«
und »hinten« ergeben sich mit gleicher Eindeutigkeit aus der Richtung meiner eigenen Bewegung.
Bis dahin gibt es also keine Probleme.
Weder die geophysikalischen Verhältnisse noch der eigene Körperbau helfen nun aber bei der
Orientierung in der letzten, übrigbleibenden Dimension. Weder die beiden Hälften des eigenen
Körpers noch die diesem zugewandten beiden Hälften der Außenwelt lassen sich durch
Gegensatzpaare mit gleicher Eindeutigkeit individuell kennzeichnen, wie es mit den Begriffen
188
oben/unten oder vorn/hinten in den beiden anderen Richtungen möglich gewesen war. Die »rechte«
und die »linke« Hälfte des eigenen Körpers sind ebenso wie die rechten und linken Seiten in der
Außenwelt spiegelbildlich symmetrisch und damit grundsätzlich, als Richtungen, beliebig
austauschbar.
Die Bezeichnungen rechts und links beziehen sich also, das ist der entscheidende Punkt, nicht wie
die beiden erstgenannten Begriffspaare auf objektiv vorliegende und eindeutig voneinander
unterscheidbare Besonderheiten der gemeinten Seiten. Sie sind vielmehr eine Zutat des den Raum
erlebenden Subjekts. Sie sind, anders ausgedrückt, eine eigene Leistung dieses Subjekts, das sich
den Raum auf diese Weise unterwirft. Erst dieser Willkürakt gliedert den Raum endgültig in einer
Weise, die bewusste Orientierung ermöglicht.
Das alles ist nicht etwa die Beschreibung einer logischen Ableitung. Es ist ganz im Gegenteil
schlichte Empirie. Wir können allein deshalb sicher sein, dass es so ist, weil die Fähigkeit zur
Unterscheidung von rechts und links an die Existenz eines funktionstüchtigen Scheitellappens
gebunden ist. Patienten mit einem ausgeprägten »Gerstmann-Syndrom« geben nur noch rein
zufällig gelegentlich auch richtige Antworten, wenn sie aufgefordert werden, bei anderen Menschen
die rechte oder die linke Hand zu zeigen. Bei sich selbst können sie das häufig aus reiner
»motorischer Gewohnheit« noch fehlerlos. Sie haben die größten Schwierigkeiten, nach einem
Blick auf die Uhr zu sagen, ob der große Zeiger kurz vor oder kurz nach der vollen oder halben
Stunde anzeigt. Und sie sind gänzlich außerstande, sich mit der Hilfe eines Stadtplans in der
Realität zurechtzufinden.
Der durch den Willkürakt der subjektiven Rechts-Links-Unterscheidung gegliederte Raum aber
scheint nun ebenso auch eine Voraussetzung zum Zählen zu sein. Man könnte sich das so erklären,
dass erst diese Gliederung die Möglichkeit dazu gibt, wiederholt vorkommenden Elementen, die bis
dahin untereinander austauschbar nur die Feststellung »viele« zulassen, einen bestimmten Ort
zuzuweisen und damit individuelle Identität zu verleihen. Erst in diesem Augenblick wird, so
scheint es, jedes von ihnen zu einem ganz bestimmten, wiedererkennbaren Einzelelement, das sich
deshalb auch mit einer Zahl belegen und so durch eine unverwechselbare Stellung in der Ordnung
des Ganzen aus der Menge der übrigen Elemente herausheben lässt.
Wie dem auch sei: Man muss einmal gesehen haben, wie ratlos ein Patient mit geschädigtem
Scheitellappen an seinen eigenen Händen herumfingert, wenn man ihn bittet, einem einen
bestimmten von ihnen - etwa den rechten Ringfinger - zu zeigen, natürlich nachdem man vorher
Eheringe oder ähnliche als Eselsbrücken dienende Markierungen entfernt hat. Der Patient hat die
Fähigkeit verloren, einander ähnliche Elemente durch räumliche Ordnung zu identifizieren.,
Interessanterweise geht damit nun die Unfähigkeit einher, mit Zahlen umgehen, »rechnen« zu
können.

189
Aber ist das eigentlich wirklich so überraschend? Ist nicht auch die Zahlenreihe zusammengesetzt
aus einander ähnlichen Elementen, die zueinander in einer ganz bestimmten räumlichen Ordnung
stehen? Es ist ganz offensichtlich nicht nur die Bequemlichkeit des Nächstliegenden, wenn sich der
Erstklässler beim Rechnen lernen der eigenen Finger als Hilfsmittel bedient, bevor er zum Umgang
mit vorgestellten Zahlen übergehen kann. Das Schicksal der Gerstmann-Patienten zeigt uns, dass
das Kind damit eine Entwicklung rekapituliert, die in der geschichtlichen Realität der Evolution
grundsätzlich ähnlich verlaufen sein dürfte.
Auch beim Erwachsenen ist der Zusammenhang zwischen Raum und Zahl psychologisch meist
noch nachweisbar, und zwar in Gestalt des sogenannten »Zahlenbaums«. Mit diesem nicht sehr
glücklichen Ausdruck haben die Psychologen die Tatsache bezeichnet, dass die meisten Menschen
die Zahlenreihe mit räumlichen Vorstellungen verbinden. Vielen ist das gar nicht bewusst. Wenn
man sie aber danach fragt, geben sie, mitunter überrascht, zu, dass es ihnen genauso geht.
»Von 1 bis 12 stelle ich mir das rund vor, so wie bei einer Uhr. Dann geht es schräg aufwärts, bei
100 ist eine Stufe. « Oder: »Wenn ich von 1.000 eine andere Zahl abziehen soll, etwa 127, dann
stelle ich mir vor, ich stände bei der 1.000 und blicke zurück bis 900 und ziehe von da aus auch
noch die 27 ab.« Solche und ähnliche Antworten sind charakteristisch. Sie sind eine heute noch
nachweisbare Folge der entwicklungsgeschichtlichen Verwandtschaft zwischen den Vorstellungen
von Raum und Zahl.

190
17. Das Problem der »stummen Zonen«

Eine lehrreiche Sackgasse

Man darf sich die im letzten Kapitel erörterten Rindenzentren nun auf keinen Fall als Bausteine
vorstellen, aus denen sich das Spektrum unserer psychischen Fähigkeiten mosaikartig
zusammensetzen ließe. Der Gedanke daran liegt zunächst nahe. Auch die Hirnforscher selbst haben
sich lange Zeit von ihm beeinflussen lassen, mit der Folge, dass sie auf gänzlich irreführende
Fragestellungen verfielen 41.
Sobald man diesem Gedanken nachgibt, fühlt man sich veranlasst, in der Hirnrinde nach den
übrigen Bruchstücken des Spektrums zu fahnden. Motorische Aktivität und Tastempfindung,
Sprechen, Hören und Sehen, dazu noch Raumvorstellung und Rechenvermögen - das allein hebt
den Menschen zwar weit empor über den Entwicklungsstand aller übrigen Lebensformen unseres
Planeten. Aber im Hinblick auf die Fülle unserer psychischen Möglichkeiten, angesichts der Breite
des Spektrums unserer psychischen Aktivitäten, wirkt die genannte Kombination doch nur wie ein
kärglicher Torso. Wo also sind die übrigen Leistungen versteckt?
Diese Frage hat in den Hirnforschungsabteilungen in aller Welt jahrzehntelang eine hartnäckige
Suche in Gang gehalten. Es war eine sehr mühsame Suche. Da sie der »Lokalisation« von
Fähigkeiten galt, über die nur der Mensch verfügt, schieden Tierversuche aus. Systematische
Experimente am Menschen aber kamen aus verständlichen Gründen ebenfalls nicht in Frage. Als
einziger Weg blieb die möglichst verfeinerte Untersuchung und »Testung« von Hirnverletzten in der
Hoffnung, im Laufe der Zeit gesetzmäßige Beziehungen zwischen der Lokalisation bestimmter Rin-
denschädigungen und möglichst isoliert auftretenden psychischen Leistungsdefekten zu finden.
Damit ist in großen Zügen der methodische Ansatz der sogenannten »Hirnpathologie«
gekennzeichnet, einer Disziplin, die die Hirnforschung jahrzehntelang beherrscht hat. Motor des
Unternehmens war, ausgesprochen oder unausgesprochen, die Erwartung, dass es möglich sein
müsse, die ganze Großhirnrinde Punkt für Punkt in eine Art Rasterbild aufzulösen. Jedem Punkt
würde dabei eine »elementare« psychische Leistung - was immer das sein mochte - entsprechen.
Fernziel war die Idee, durch wechselnde Kombinationen der endlichen Gesamtzahl aller dieser
41
Zwar gibt es im Aussehen der Hirnrinde zwischen verschiedenen Menschen geringfügige Unterschiede. Wenn die Windungen und Furchen der
Hirnoberfläche im großen und ganzen auch stets wiederkehren (und daher von den Anatomen auch mit festliegenden Namen bezeichnet werden
können), so ist doch - ohne jeden erkennbaren Zusammenhang mit der Intelligenz oder besonderen Begabungen bei den verglichenen Menschen - in
dem einen Fall eine Furche einmal etwas länger, eine Windung ein klein wenig breiter oder kürzer als in dem anderen. Diese Unterschiede gelten
jedoch nicht für die im Reizversuch nachweisbaren »Zentren«. Diese sind, unabhängig von Rasse, Körpergröße, Intelligenz oder Begabungen, bei
allen Menschen an der gleichen Stelle der Rinde und in gleicher Ausdehnung zu finden.
An dieser Stelle ergibt sich die Gelegenheit, kurz auf eine Frage einzugehen, die interessierte Laien gelegentlich beschäftigt: Ist es nicht möglich, dass
verschiedene Menschen bestimmte Gefühle oder Sinneseindrücke ganz verschieden erleben? Dass der eine, um ein ganz einfaches Beispiel
anzuführen, die Farbe »Grün« vielleicht so erlebt, wie ein anderer »Rot« sieht? Da Farbe ein rein subjektives Erlebnis ist (objektiv existieren lediglich
elektromagnetische Schwingungen unterschiedlicher Frequenzen), ist diese Möglichkeit logisch nicht grundsätzlich auszuschließen.
Trotzdem scheint mir sicher zu sein, dass nennenswerte Unterschiede hier mehr als unwahrscheinlich sind. Jedenfalls liegt hier kein Problem vor,
über das nachzugrübeln sich lohnt. Der Grund ist einfach die nahezu totale genetische Identität aller für diese subjektiven Erfahrungen maßgeblichen
Hirnstrukturen bei allen Menschen. Einfacher ausgedrückt: Alle heute existierenden Gehirne sind das Ergebnis der in der Abfolge unzähliger
Generationen ständig wiederholten genetischen Reduplikation des gleichen »Modells«. Unter diesen Umständen kann man sich mit großer Sicherheit
darauf verlassen, dass man, wenn man eines von ihnen kennt (das eigene), auch weiß, wie die anderen funktionieren. Das gilt natürlich nicht für
Leistungen, die auf Lernprozessen beruhen (wie z. B. das Sprachverständnis), es gilt nicht für individuelle Züge der Persönlichkeitsentwicklung oder
kulturelle Unterschiede des Werturteils usw., wohl aber für derart elementare Leistungen wie etwa die Farbwahrnehmung.
191
punktförmigen Leistungen eines Tages den gesamten Umfang unserer psychischen Existenz
synthetisch erklären und verstehen zu können.
Das Konzept war faszinierend. Die Entdeckung der im letzten Kapitel beschriebenen »Zentren«
schien an seiner Berechtigung keinen Zweifel zu lassen. Als die Resultate auf sich warten ließen,
bestand die einmütige Reaktion der beteiligten Spezialisten daher in einer immer weiter getriebenen
Verfeinerung der Leistungstests zur Erfassung der theoretisch erwarteten »punktförmigen«
Leistungsausfälle, deren Rindenlokalisation es aufzufinden galt.
Das Ergebnis war desillusionierend. Zwar gab es jetzt schließlich Resultate. Immer wieder kam aus
einer der zahlreichen Kliniken, die sich auf den Forschungsansatz der »Hirnpathologie«
konzentrierten, die Meldung von der Entdeckung eines neuen »Zentrums« in der Rinde, vom
Nachweis einer isolierten Leistung, die sich »lokalisieren« ließ. Da berichtete etwa jemand, dass er
einen Patienten untersucht habe, der seit einem Schädelunfall nicht mehr in der Lage sei, die
Gesichter ihm bekannter Menschen erkennen und unterscheiden zu können.
Sofort wurde ein Fachausdruck für die neu entdeckte Störung geprägt: »Prosopagnosie«
(Unfähigkeit zum Erkennen von Gesichtern) nannte man sie. Wichtig erschien auch dieser Befund
allein deshalb, weil man annehmen zu können glaubte, aus seinem isolierten Auftreten auf eine
spezielle psychische Funktion rückschließen zu können, die normalerweise für das Erkennen von
Gesichtern sorgt. Das zugehörige Rindenstück sollte - wie anders - an die Sehrinde grenzen.
Andere Untersucher beschrieben nach den gleichen Gesichtspunkten Patienten, bei denen sie eine
Störung des Nachahmens bestimmter Handbewegungen festgestellt hatten. Ganze
Zeitschriftenbände füllten sich im Laufe von Jahrzehnten mit Befunden ähnlicher Art: Störungen
des Erkennens von Melodien, der Verlust der Fähigkeit zum Lesen oder Schreiben, zum
Nachzeichnen einfacher geometrischer Figuren und eine Fülle ähnlicher Beobachtungen wurden
detailliert festgehalten. Je größer die Sammlung jedoch wurde, um so größer wurde auch die
Enttäuschung der beteiligten Forscher.
Der Grund: je größer die Befundsammlung wurde, um so deutlicher zeigte sich, dass es gänzlich
unmöglich war, in die Riesenmenge der Befunde irgendeine Ordnung, irgendein System zu bringen.
Im Widerspruch zu der Hoffnung, mit der man das anspruchsvolle Projekt in Angriff genommen
hatte, führte die immer weiter fortgesetzte Anhäufung von Einzelfällen nicht zu einer Wiederholung
gleichartiger Befunde. Dazu hätte es aber unweigerlich kommen müssen, wenn die Voraussetzung
stimmte. Früher oder später hätten dann Patienten auftauchen müssen, bei denen eine Verletzung
zufällig genau die gleiche Hirnstelle geschädigt hatten wie bei einem der bereits registrierten Fälle.
Einige Skeptiker begannen, sich Gedanken über die Ursachen dieses Verlaufs der Angelegenheit zu
machen. Sie wiesen darauf hin, dass, wenn man es ganz genau nahm, eigentlich kein einziger der
Patienten wirklich nur an der »isolierten« Störung gelitten hatte, derentwegen er in die Protokolle
der Hirnpathologen aufgenommen worden war. Auch die Spezialisten selbst bestritten keineswegs,
192
dass das schon deshalb von vornherein unmöglich war, weil selbstverständlich auch die
Verletzungen in keinem Falle wirklich nur punktförmig sein konnten und weil bei nahezu allen
Patienten auch noch andere Abschnitte des Gehirns in Mitleidenschaft gezogen waren.
Selbstverständlich also ließen sich bei dem Patienten, der keine Gesichter mehr erkennen konnte,
auch noch andere, ganz allgemeine Störungen des Sehens nachweisen - auch bei ihm war eben nicht
allein die für die »Prosopagnosie« verantwortlich gemachte Rindenstelle, sondern darüber hinaus
auch noch ein mehr oder weniger großer Bezirk der unmittelbar angrenzenden Sehrinde betroffen.
Das gleiche galt, wenn man die Dinge einmal kritisch betrachtete, in allen anderen Fällen auch. Die
»isolierten«, speziellen Funktionsstörungen waren in jedem Falle in die Symptome einer
»allgemeinen Hirnschädigung« eingebettet. Diese Allgemeinsymptome aber waren in den Proto-
kollen nur mehr oder weniger beiläufig angeführt worden. Sie interessierten ja nicht. Was die
Hirnpathologen zu entdecken hofften, waren allein »isolierte« Störungen und die sich durch sie
verratenden »elementaren psychischen Funktionen«.
Schließlich gingen die Kritiker zum Angriff über. Bei der »Einbettung« der beschriebenen
Funktionsausfälle in allgemeine Störungen handele es sich nicht, so erklärten sie, bloß um ein
methodisches, sondern um ein grundsätzliches Problem. Wenn eine Schädigung der Sehrinde
vorläge, dann habe der Patient selbstverständlich auch Schwierigkeiten beim Erkennen von
Gesichtern. Wer diesen einen Aspekt aber isoliert heraushebe und in den Vordergrund stelle, der
lasse sich einfach von seiner theoretischen Erwartung leiten und verfälsche den wirklich
vorliegenden Befund durch eine einseitige Darstellung.
Eine »Prosopagnosie« gebe es in Wirklichkeit überhaupt nicht als isoliertes Phänomen. Bei diesem
und allen anderen »Herdsymptomen«, die die Hirnpathologen mit solcher Geduld über Jahrzehnte
hinweg gesammelt hätten, handele es sich in Wahrheit lediglich um Teilaspekte allgemeiner
Schädigungen, die von ihren Beschreibern aus theoretischer Voreingenommenheit mehr oder
weniger willkürlich hervorgehoben und in den Vordergrund gerückt worden seien.
Da auch die Wissenschaft von Menschen getrieben wird, war die Reaktion der Kritisierten ebenso
wie der weitere Fortgang der Auseinandersetzung vorhersehbar. Es kam zu erbitterten Polemiken,
zur Entstehung von Schulen, die sich gegenseitig befehdeten, in Einzelfällen bis zum kaum
verhüllten Vorwurf des Betrugs bei der Befundabfassung. In diesem Stadium prägten die Kritiker
das bissige Wort von der »Hirnmythologie«, die man da in Wirklichkeit jahrzehntelang betrieben
habe.
Heute ist die Schlacht, von gelegentlich immer noch aufflackernden Einzelgefechten abgesehen, im
wesentlichen geschlagen. Das kühne Konzept der Hirnpathologen ist auf der Strecke geblieben.
Über die im letzten Kapitel beschriebenen spezifischen Rindenareale hinaus ist es trotz aller
Anstrengungen nicht in einem einzigen Fall gelungen, eine isolierte psychische Funktion in einem
ganz bestimmten Punkt der Rinde unwidersprochen zu lokalisieren.
193
Damit aber erhebt sich von neuem die Frage, wo denn dann die übrigen Funktionen, die die Weite
unseres psychischen Horizonts ausmachen, im Gehirn lokalisiert sein mögen. Die Antwort kann nur
lauten: nirgends, denn die Frage war von Anfang an falsch gestellt. Wie weit sie an den Tatsachen
vorbeigeht und wie sehr sie daher in die Irre geführt hat, das lehrt die Geschichte der Entdeckung
von »stummen Zonen« im Großhirn.
Mit diesem Ausdruck belegten die Hirnforscher jene zahlreichen Rindengebiete, in denen sich
überhaupt keine greifbare Funktion nachweisen ließ. Bei Unfallverletzten mit einer Zerstörung der
Rinde in einem solchen Gebiet konnten die Ärzte auch bei noch so gründlichen Untersuchungen
keine psychischen oder anderen Ausfälle finden. Und reizte man eines dieser Gebiete während einer
Hirnoperation mit der Elektrosonde, dann blieb es »stumm« - es passierte gar nichts.
Die Existenz solcher Zonen in der Rinde bedeutete in der Blütezeit der Hirnpathologie eine nicht
geringe Verlegenheit. Wenn diese Areale wirklich »stumm« waren, so widersprach das der
Vorstellung von der Hirnrinde als einem dichten, rasterartigen Muster punktförmiger Ele-
mentarfunktionen. Deshalb versuchte man lange Zeit, sich mit der Vermutung zu behelfen, dass in
diesen Zonen in Wirklichkeit ebenfalls bestimmte Funktionen lokalisiert seien, nur eben
Funktionen, die sich mit den zu Gebote stehenden Untersuchungstechniken nicht ohne weiteres
erfassen ließen.
Vielleicht, so fragten sich die Hirnpathologen, waren hier in Wirklichkeit gerade die höchsten
menschlichen Fähigkeiten repräsentiert? Vielleicht hatte man es hier mit Zentren zu tun, in denen
Eigenschaften wie Musikalität, Phantasie, logisches Denkvermögen und ähnliche Begabungen
untergebracht waren? Zu widerlegen war diese Annahme kaum. Denn wie sollte es in der Praxis
möglich sein, bei Patienten eine Einbuße an Phantasie, einen Verlust an musikalischer
Ausdruckskraft oder ein Nachlassen der Fähigkeit zum Ziehen logischer Schlussfolgerungen
nachzuweisen?

Ein Hirnteil »ohne Funktion«?

Das Problem stellte sich mit besonderer Schärfe angesichts des von den beiden Stirnlappen
gebildeten Stirnhirns (in der Abbildung 15 grün gezeichnet). Alle Befunde bestätigten immer
wieder aufs neue: das ganze Stirnhirn war eine einzige riesige »stumme Zone«. Auch wenn man
Patienten mit beträchtlichen Stirnhirnverletzungen genauestens untersuchte, Männer, denen bei
einer schweren Verwundung womöglich der rechte oder linke Stirnhirnlappen mehr oder weniger
vollständig zertrümmert worden war, fand man in den meisten Fällen nichts. Die Patienten konnten
rechnen, lesen, schreiben, sie übten ihren bisherigen Beruf mit voller Leistungsfähigkeit weiter aus,
kein Test brachte irgendeinen Defekt ans Licht.
Die scheinbare Funktionslosigkeit gerade des Stirnhirns aber musste deshalb besonders grotesk
wirken, weil dieser Teil des Großhirns entwicklungsgeschichtlich gesehen der menschlichste aller

194
menschlichen Körperteile ist. Er muss als die vorderste Front in der Entwicklung des Großhirns
gelten. Im Vergleich zwischen den Arten lassen sich knospenartige Vorläufer des Großhirns schon
bei den Fischen und Reptilien nachweisen. Erst bei den Halbaffen aber umhüllt es als massivster
Hirnteil die älteren Abschnitte des Zentralnervensystems (siehe Abb. 15). Der Teil jedoch, in dem
sich unser Großhirn auch von denen aller Affen am meisten unterscheidet, das sind die beiden
Lappen des Stirnhirns. Diesen Hirnteil gibt es nur beim Menschen. Und ausgerechnet er erwies sich
nun als stumm.
Hartnäckige Untersuchungen und Langzeitbeobachtungen stirnhirngeschädigter Patienten ergaben
schließlich doch noch einige Hinweise. Viel war es nicht. Wenn die Verletzung aber wirklich ganz
massiv war, wenn sie zu einer erheblichen Einbuße an Stirnhirnmasse geführt hatte, dann stieß man
in manchen Fällen auf Angaben über gewisse Persönlichkeitsveränderungen. Bei der ärztlichen
Untersuchung war auch in diesen Fällen zwar meist nichts zu finden. Befragte man aber die
Angehörigen, die Berufskollegen und früheren Freunde, dann erfuhr man gelegentlich, dass der
Patient seit dem Unfall »nicht mehr der alte« sei.
Er sei langsamer geworden, hieß es dann etwa, umständlicher. Er rede nicht mehr so viel, sei
überhaupt indolent, lasse sich gehen und nehme an seiner Umgebung weniger Anteil. In schweren
Fällen ging das so weit, dass die Patienten von Vorgängen in ihrer Familie, die sie normalerweise
hätten aufregen müssen, überhaupt nicht berührt zu werden schienen.
Umgekehrt nahmen sie dann auch selbst keine Rücksicht mehr: sie wurden ungepflegt, kleideten
sich nicht mehr ordentlich, und gelegentlich kam es ganz unerwartet auch zu groben Taktlosigkeiten
oder obszönen Handlungen.
Angesichts dieser Vorkommnisse glaubten die Hirnpathologen vorübergehend schon, das Rätsel
gelöst zu haben: Das Stirnhirn sei, so verkündeten sie nunmehr, in der Tat der »menschlichste« Teil
der Hirnrinde. Die Funktionen, die es beherberge, seien keine anderen als so schwer fassbare
Eigenschaften wie Taktgefühl, Selbstkritik, Empfindung für moralische Normen und die Fähigkeit
zum Altruismus, zur Anteilnahme am Schicksal anderer.
Damit schien die Welt der Hirnpathologen wieder in Ordnung zu sein - solange niemand kam, der
darauf hinwies, dass es sich bei den Eigenschaften, die man jetzt in diesem Hirnteil lokalisieren zu
können glaubte, um alles andere handelte als um »elementare psychische Leistungen«. Dass es,
deutlicher gesagt, einfach absurd war, davon auszugehen, dass eine so kompliziert
zusammengesetzte Verhaltensweise wie »Takt« als in sich geschlossene Funktion, gleichsam
präfabriziert, an einem bestimmten Ort der Hirnrinde lokalisiert sein könnte.
Wie groß die Ratlosigkeit der Wissenschaftler war, die sich mit der Aufklärung der Hirnfunktionen
abmühten, zeigt ein anderer Lösungsvorschlag. Noch kurz nach dem letzten Kriege brachte einer
der bekanntesten und verdientesten deutschen Hirnforscher allen Ernstes den Gedanken vor, das

195
Stirnhirn sei vielleicht deshalb »stumm«, weil es entwicklungsgeschichtlich noch so neu sei, dass es
vom Menschen bisher in Wirklichkeit noch gar nicht voll genutzt werde.
Die Erklärung lief also darauf hinaus, dass die Entwicklung des Gehirns der seiner Funktionen
möglicherweise vorauslaufe. Der am weitesten entwickelte Teil, das Stirnhirn, sei daher womöglich
als ein Organ der Zukunft anzusehen. Es werde vom Menschen in seinem heutigen
Entwicklungsstand anscheinend gar nicht voll genutzt und bilde mit seinem brachliegenden
Reservoir von psychischen Potenzen eben deshalb die Gewähr für eine ungeahnte geistige
Weiterentwicklung unseres Geschlechts.
Der Einfall schien faszinierend. Er nahm sich aber im Munde eines Biologen auch einigermaßen
befremdlich aus. Denn ein Organ ohne Aktivität, das gibt es nirgends im ganzen Reich des
Lebendigen. Das widerspräche allen Regeln über den unauflösbaren Zusammenhang von
42
anatomischer Struktur und Funktion . Die sonst mit Recht so oft beschworene Ökonomie der
Natur, die nichts Überflüssiges hervorbringt oder unterhält, wurde in diesem Zusammenhang
geflissentlich übersehen. So stark wirkte noch immer das Dogma, dass »eigentlich« jedem Punkt
der Hirnrinde eine ganz bestimmte Funktion entsprechen müsse.
Aber das Großhirn ist, wie wir heute zu wissen glauben, eben kein mit Spezialwerkzeugen
vollgepfropftes Magazin. Der Umfang unseres psychischen Horizonts lässt sich auch theoretisch
nicht als zusammengesetzt aus den wechselnden Kombinationen einer noch so großen Zahl
irgendwelcher »Elementarleistungen« erklären oder vorstellen. Und auch das Stirnhirn ist - welch
abenteuerlicher Einfall! - ganz sicher kein Präsentkorb, den wir nur deshalb in unserer
Schädelkapsel mit herumschleppen, um ihn an zukünftige Generationen weitergeben zu können,
ohne selbst seinen Inhalt antasten zu dürfen.
Was aber ist das Stirnhirn dann? Wenn wir uns an dieser Stelle rückblickend nochmals an den
langen Entwicklungsweg erinnern, der zu diesem Hirnteil geführt hat, erscheint mir die Antwort
eigentlich leicht: Das Stirnhirn ist in der Tat und unzweifelhaft der am weitesten fortgeschrittene
Teil des Großhirns, und zwar eben deshalb, weil es »stumm« ist! Es stellt nichts anderes dar als die
Vervollkommnung des Prinzips der »Leerstelle« (»Wachstafel«), das in der höchst bescheidenen
Form der Prägbarkeit des Auslösers einer bestimmten Instinkthandlung in der letzten Phase der Ära
des Zwischenhirns den Ansatzpunkt für den weiteren Fortschritt gebildet hatte.
Das Zwischenhirnwesen war geborgen, aber unfrei gewesen. Durch die Wirksamkeit angeborener
Programme und deren Abhängigkeit von spezifischen Schlüsselsignalen war es mit seiner Umwelt
in einem unauflöslichen Zirkel gegenseitiger Aktion und Reaktion zu einer Einheit verschmolzen.

42
Für diese als gesetzmäßig anzusehende Beziehung hier ein einziges eindrucksvolles Beispiel. Die Abhängigkeit der anatomischen Struktur von der
Funktion (das Umgekehrte bedarf keiner Begründung) geht bekanntlich so weit, dass ungenutzte Organe zurückgebildet werden. Im Falle eines
untätig bleibenden (untrainierten) Muskels scheint das nicht verwunderlich. Es handelt sich dabei aber allem Anschein nach um eine allgemeine Regel
der Biologie, die z. B. auch für die Funktion der Augen gilt. In einigen Fällen wurden Reptilien und Fische bekannter Arten gefunden, die eine
geologische Katastrophe in ein unterirdisches Höhlengewässer verschlagen hatte. Dort hatten die Individuen sich jahrtausendelang in absoluter
Dunkelheit als isolierte Population halten können. Die Tiere sind heute in jeder Hinsicht normal, mit einer bemerkenswerten Ausnahme: bei allen sind
die Augen zu rudimentären, funktionsuntüchtigen Kümmerorganen rückgebildet. Beim Grottenolm sind sie z. B. von der Körperhaut überwachsen.
196
Das Zwischenhirn bildete die Welt nicht ab, es war selbst ihr Abbild. Nicht das Abbild der ganzen,
der objektiv vorhandenen Welt, sondern das des Ausschnitts, der von den wirksamen Merkmalen
der Umwelt gebildet wurde. Nur diese »Wirklichkeit« existierte für das Zwischenhirn. Erst auf der
Stufe des Großhirns, nach einer Entwicklungsspanne, die bereits nach Jahrmilliarden zählt, taucht
die Möglichkeit auf, die Außenwelt abzubilden. Die Abbildung der Umwelt ohne deren
Vorwegnahme durch angebotene Erfahrung - Programme oder Instinkte -, das ist erstmals
gleichbedeutend mit der Erfassung der Außenwelt in all ihrer Besonderheit, in ihrer
unvorhersehbaren Individualität und Beliebigkeit. Es ist, mit anderen Worten, gleichbedeutend mit
dem erstmaligen Auftauchen einer objektiven Außenwelt im Gehirn.
Mit diesem Schritt erst ist die Abtrennung des Individuums von der Außenwelt, die von der Urzelle
undenkbare Zeiträume zuvor durch das Aufrichten einer trennenden Zellmembran eingeleitet
worden war, vollzogen. Das selbständige Individuum steht einer objektiv existierenden Außenwelt
gegenüber.
Das bis dahin herrschende Prinzip der fugenlosen Entsprechung von innerem Programm und
äußerer Wirklichkeit ist durchbrochen. In dem Maße, in dem das Großhirn Rindengebiete entstehen
lässt, die »leer« sind, nicht auf bestimmte Funktionen festgelegt und deshalb frei verfügbar,
erweitert sich der Aktionsspielraum um ein Feld offener, beliebiger Möglichkeiten eigenen
Verhaltens.
So gesehen ist das Stirnhirn das Organ unserer Freiheit. Gerade seine im Vergleich zur übrigen
Rinde bis an die Grenze des überhaupt Möglichen getriebene »Leere« weist es als das
menschlichste aller unserer Organe aus. Gerade deshalb, weil es keinem bestimmten Zweck dient,
steht es für alle Zwecke offen. Jetzt können wir auch verstehen, warum selbst massive
Schädigungen hier meist keine greifbaren Ausfälle zur Folge haben: Die Elastizität und
Anpassungsfähigkeit dieses auf keine bestimmte Aufgabe spezialisierten Teils der Großhirnrinde ist
so groß, dass die Funktionen zerstörter Areale in einem immer wieder überraschenden Umfang von
intakt gebliebenen Stirnhirnteilen mitübernommen werden können.
Dieser »stumme« Hirnteil, der uns einige Milliarden Nervenzellen zu beliebiger Verwendung zur
Verfügung stellt, ist der materielle Grund für die unerschöpfliche Vielfalt menschlicher
Verhaltensmöglichkeiten. Er hat deren Spektrum über jedes Maß hinaus erweitert, das bis vor
einigen Millionen Jahren auf dieser Erde denkbar gewesen wäre. Vom Entwurf metaphysischer
Systeme bis zum Bau von Konzentrationslagern, vom Kunstwerk bis zum kriminellen Akt, von der
freiwilligen Selbstaufgabe für ein Ideal oder andere Menschen bis hin zu der Fähigkeit, »tierischer
als jedes Tier zu sein« - es ist ein nahezu grenzenloses Feld an Möglichkeiten, das uns offen steht,
weil wir ein Stirnhirn haben.
Ein Warmblüter, dem es gelungen ist, in den Besitz eines so einzigartigen Organs zu kommen, sollte
zu den kühnsten Hoffnungen berechtigen. In dieser Hinsicht sind die Meinungen bekanntlich jedoch
197
geteilt. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Geschichte der Entwicklung des
Gehirns und ihrer Folgen an dieser Stelle noch keineswegs vollständig erzählt ist. Im Hinblick auf
den Menschen selbst fängt sie an dieser Stelle überhaupt erst an.
Wir haben uns bisher nämlich noch gar keine Gedanken über die Art und Weise gemacht, in der das
Stirnhirn ebenso wie das übrige Großhirn mit den anderen Abschnitten unseres
Zentralnervensystems zusammenhängt. Es ist jetzt an der Zeit, sich darauf zu besinnen, dass seine
Lebensfähigkeit und Funktionstüchtigkeit auf der ununterbrochenen Tätigkeit dieser älteren
Abschnitte beruht.
Das allein würde vielleicht noch nicht einmal allzu viel besagen. Die unumgänglichen Gesetze der
biologischen Evolution bringen aber eine weitere Konsequenz mit sich: Die Stufe für Stufe
ablaufende Entwicklung hatte zur Folge, dass heute alle Verbindungen zwischen dem Großhirn und
der Außenwelt durch die älteren Gebiete, durch das Zwischenhirn und den Hirnstamm, verlaufen.
Stirnhirn und übrige Hirnrinde mögen noch so hoch entwickelt und vervollkommnet sein. Sie haben
keinen direkten Zugang zur Außenwelt. Jede Information, die bei ihnen eintrifft, hat vorher das
Zwischenhirn mit seinen eigenen, archaischen Gesetzen gehorchenden Zentren passieren müssen.
Zwischen die Welt und die Großhirnrinde haben die Götter das Zwischenhirn gesetzt. Ich behaupte,
dass es unmöglich ist, menschliches Verhalten zu verstehen, wenn man diesen entscheidenden
Zusammenhang nicht durchschaut und seine Konsequenzen durchdacht hat.

198
18. Anachronistische Kooperation

Angeborene Erfahrungen bei uns selbst

Wenn sie Beispiele für die Irrationalität menschlichen Verhaltens anführen wollen, dann verweisen
die meisten Kritiker auf drastische Fälle offenbarer Unvernunft. Kriege, kriminelle Handlungen,
Fälle politischer Engstirnigkeit oder religiöser Fanatismus sind in diesem Zusammenhang immer
wieder zitierte Beispiele. Wer zu ihnen seine Zuflucht nimmt, verrät allerdings gerade dadurch, dass
er die wahre Natur des Phänomens nicht erkannt hat.
Wer die Vernunftwidrigkeit menschlichen Verhaltens nur mit Extremfällen belegt, bestärkt sich und
andere in der Illusion, dass es extremer Situationen oder mächtiger Emotionen bedarf, um die
Wirksamkeit von Einsicht und Vernunft zu beschränken. In Wirklichkeit liefern gerade scheinbar
belanglose Alltagserfahrungen die überzeugendsten und lehrreichsten Beispiele dafür, dass unser
Stirnhirn von der Welt durch ältere, archaische Teile unseres Zentralnervensystems getrennt ist.
Niemand von uns »erschrickt« durch einen Knall in größerer Entfernung. Was uns schreckhaft
»zusammenfahren« lässt, sind im Gegenteil unerwartete Geräusche in unserer unmittelbaren Nähe,
die nicht einmal besonders laut zu sein brauchen. Jeder hat diese Erfahrung unzählige Male
gemacht, ohne sich irgend etwas dabei zu denken. Wenn man aber gerade das einmal tut, aller
Alltäglichkeit und Gewohnheit zum Trotz, erkennt man leicht, dass diese so selbstverständlich
erscheinende Reaktion völlig widersinnig und unlogisch ist.
Die Möglichkeit einer realen Gefährdung ist in den beiden Situationen tatsächlich genau umgekehrt
gegeben. Die rechtsstaatliche Ordnung unserer Gesellschaft einerseits und die moderne
Waffentechnik mit ihren weitreichenden Geschossen auf der anderen Seite machen den entfernten
Knall mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit zu einem Signal möglicher Bedrohung als ein noch
so unerwartetes Geräusch hinter unserem Rücken. Trotzdem lässt das, was in der Ferne geschieht,
uns »kalt«, während niemand dem bekannten Erlebnis elementaren Erschreckens entgehen kann,
wenn hinter ihm ein Bild von der Wand fällt.
Wenn wir, eingedenk der Erfahrungsregel, dass nichts in der Natur ohne Sinn existiert, nach einer
Situation suchen, in der unsere Schreckreaktion und die sie bewirkenden Auslöser zweckmäßig sein
könnten, dann muss uns früher oder später der Dschungel einfallen. Unter seinen Bedingungen kann
ein plötzliches Geräusch in unmittelbarer Nähe, gar hinter dem eigenen Rücken, in der Tat höchste
Gefahr bedeuten. Und ebenso ist hier reaktionsloses Stillhalten die sicherste Taktik, wenn in
größerer Ferne Lärm ertönt, da man es so am ehesten vermeidet, einen möglichen Feind auf sich
aufmerksam zu machen.
Ohne jeden Zweifel sind es nun auch die Gesetze des Dschungels, an die unsere Schreckreaktion
angepasst ist. Es handelt sich sogar um einen ganz konkreten, zeitlich mit einiger Genauigkeit
lokalisierbaren Dschungel, nämlich um jene Urweltlandschaft, in der unsere vormenschlichen
199
Urahnen vor 3, 4 oder 500 Millionen Jahren erfolgreich überleben mussten, damit es uns heute
geben kann. jene unserer biologischen Vorfahren, deren Zentralnervensystem noch nicht wesentlich
über die Ebene des Zwischenhirns hinaus entwickelt war. Sie hätten ohne das auf das spezifische
Signal »unerwartetes Geräusch in unmittelbarer Nähe« ansprechende Verhaltensprogramm
»Erschrecken« keine Chance gehabt. Mit unserem Zwischenhirn aber haben wir unvermeidlich
auch die darin gespeicherten Verhaltensprogramme unserer biologischen Urahnen geerbt. Wir haben
unseren Vorgängern zwar unstreitig den Besitz eines Großhirns voraus. Das heißt aber lediglich,
dass diese alten Programme uns heute nicht mehr unentrinnbar beherrschen. Verschwunden, sozusa-
gen gelöscht, sind sie deshalb noch keineswegs.
Wir können sie uns, wie unsere Analyse des Phänomens »Erschrecken« zeigt, vor Augen führen,
wenn auch die meisten von ihnen uns aus Gewöhnung gar nicht erst zu Bewusstsein kommen
dürften. Wir können die Entstehungsbedingungen dieser Verhaltensprogramme rekonstruieren und
ihre Besonderheiten durch Selbstbeobachtung aufklären. Wir können sogar den Versuch machen,
uns »zu beherrschen«, d. h. versuchen, uns ihrem Einfluss durch bewusste Willensanstrengung zu
widersetzen. Eines aber ist uns gänzlich unmöglich: Wir können die Existenz dieser angeborenen
Verhaltensweisen oder »Instinkte« auf gar keine Weise aufheben. Wir können sie weder durch
Willenskraft spurlos unterdrücken, noch durch Übung (Erfahrung) »abtrainieren«.
Das ist mit einfachen Worten die Situation, in der wir uns in der von uns als Gegenwart erlebten
Phase der Evolution vorfinden. Das ist die Konsequenz der Tatsache, dass unser Gehirn ein aus
Teilen unterschiedlichen Alters und unterschiedlichen Entwicklungsniveaus anachronistisch
zusammengesetztes Organ ist. Die Möglichkeiten der Evolution mögen noch so überwältigend sein.
Auch sie finden ihre Grenzen an den Gesetzen biologischer Entwicklung. Zu diesen aber gehört es,
dass die Natur bei keinem ihrer Schritte das Bisherige einfach verwerfen kann. Stets ist sie daran
gebunden, auf dem aufzubauen, was sie bereits hervorgebracht hat.
Die Erfindungsgabe, mit der die Evolution dieses Handicap überspielt, muss immer von neuem
unser Erstaunen und unsere Bewunderung erregen. Die Phantasie, mit der die Schöpfung mit dem
ihr zur Verfügung stehenden Material umgeht, Funktionen austauscht, vorhandene Strukturen durch
geringfügige Abänderungen völlig neuen Aufgaben anpasst - wobei dann aus Schwimmblasen
Lungen, aus Kiefergelenken Ohrknöchelchen, aus Kiemen Gehörgänge werden -, übersteigt alles
menschliche Maß.
Eines aber kann die Evolution nicht: Sie kann in keinem Augenblick radikal von neuem anfangen.
Fortschritt ist bei lebenden Strukturen nur unter einer Auflage denkbar, angesichts derer jeder
menschliche Konstrukteur resignierend aufgeben würde: nur in der Form, dass das jeweils
Vorhandene Schritt für Schritt in einer Weise umgebaut und erweitert wird, die die Funktion des
Organismus insgesamt in keinem Augenblick behindert oder gar für noch so kurze Zeit unterbricht.

200
Diese biologische Regel ist unter anderem der Grund dafür, dass wir hier den Versuch machen
können, die Entstehungsgeschichte des Gehirns anhand seines Aufbaus zu rekonstruieren. Die
Fossilien der Frühstadien des Organs sind eben noch vorhanden und, wie schon festgestellt, sogar
noch am Leben. Bis auf den heutigen Tag und bis in alle Zukunft erfüllt der untere Hirnstamm die
vegetativen Aufgaben im Dienste des Kreislaufs, der Atmung, der hormonellen Regelung und aller
anderen Funktionen, die in einem Mehrzellerorganismus der Regelung und Koordination bedürfen.
Ebendiese Notwendigkeit hat seine Entstehung ja erst provoziert und damit den Ausgangspunkt
gebildet für die Entwicklung, von der dieses Buch handelt. Jeder weitere Schritt - und wir werden
niemals wissen, welche Schritte in welchen Richtungen alternativ zu denen, die die Evolution getan
hat, ebenfalls möglich gewesen wären - hatte daher die ununterbrochene und ungestörte Funktion
dieses ältesten Hirnteils zur Voraussetzung - bis heute und bis in alle Zukunft der weiteren
Entwicklung unseres Gehirns.
Wir alle erleben täglich, auch wenn wir uns vielleicht nur in Ausnahmefällen über die Bedeutung
dieser Erfahrung im klaren sind, mit welcher Unentrinnbarkeit die Funktionsgesetze dieses ältesten
Teils unseres Gehirns den Rahmen unseres bewussten Verhaltens vorzeichnen. Hunger oder Durst,
Müdigkeit oder das Gefühl der Frische erweitern, je nach dem, den Spielraum unseres »freien«
Verhaltens oder schränken ihn ein. Wir dürfen vermuten, dass das zu unserem Wohl geschieht. Die
Grenzen, die uns auf diese Weise gezogen werden, dürften den je nach unserer aktuellen Verfassung
wechselnden Grenzen entsprechen, jenseits derer wir, wäre unser Verhalten wirklich oder gar
absolut frei, gegen vitale Bedingungen unserer biologischen Existenz verstoßen würden.
Der Hirnstamm also ist eine biologische Voraussetzung für die Existenz des Zwischenhirns, und
beide sind ihrerseits wieder das biologische Fundament, auf dem das Großhirn ruht. Da nun weder
der Hirnstamm noch das Zwischenhirn lernfähig sind - diese Leistung taucht, wie wir sahen, erst
beim Übergang zum Großhirn auf -, ist die unausbleibliche Folge eine anachronistische Kluft
zwischen den verschieden alten Abschnitten unseres Gehirns.
Diese klafft vor allem zwischen dem Großhirn und dem darunter gelegenen Zwischenhirn. Der
Grund ist leicht einzusehen. Infolge ihrer Lernunfähigkeit sind in den beiden älteren
Hirnabschnitten die Aufgabenstellungen und -lösungen mehr oder weniger unverändert fixiert, die
in der Epoche galten, in der die Evolution diese Regelungsorgane hervorbrachte. Im Falle des
Hirnstamms sind die Folgen dieser extrem konservativen Fixierung belanglos. Hinsichtlich der
elementaren vegetativen Aufgaben, zu deren Bewältigung dieser älteste Hirnteil hervorgebracht
wurde, ist auch in der seit seiner Entstehung vergangenen Jahrmilliarde keine wesentliche
Änderung eingetreten. Die elementaren biologischen Bedürfnisse eines Vielzellers haben sich auch
in diesem gewaltigen Zeitraum nicht grundlegend geändert.
Ganz anders liegen die Dinge hinsichtlich des Verhältnisses zwischen dem Zwischenhirn und der
Großhirnrinde. Hier ist die Kluft gewaltig. Zwar ist der zeitliche Abstand, der die Epochen ihrer
201
Entstehung in der Erdgeschichte voneinander trennt, naturgemäß kleiner als eine Jahrmilliarde.
Nach unserem heutigen Wissen dürfte er vielleicht nur 300, höchstens etwa 500 Millionen Jahre
betragen. Dieser Umstand wird aber bedeutungslos angesichts der Tatsache, dass mit der
Entstehung des Großhirns die bis dahin rein biologische Geschichte unseres Geschlechts sich um
eine soziale und historische Dimension erweitert.
Die Kluft zwischen der Funktion des Zwischenhirns und der des Großhirns ist deshalb abgrundtief,
weil das Großhirn die Bedingungen und Möglichkeiten unserer Existenz radikal geändert und
erweitert hat. Anachronismus ist nicht so sehr eine Funktion des objektiven zeitlichen Abstands, als
vielmehr eine Folge der in dem betreffenden Zeitraum erfolgten Veränderungen. Sie könnten in
diesem Fall, vergleicht man die Wirklichkeit des Zwischenhirns mit der objektiven,
gegenständlichen Welt, die sich dem Großhirn erschließt, kaum gewaltiger sein.
Dementsprechend waren es auch nicht in einem Zeitraum von 300 Millionen Jahren immerhin
denkbare und sicher auch nachweisbare objektive Änderungen in der uns umgebenden Welt, die die
Bedingungen, welche unsere angeborene Schreckreaktion auslösen, so widersinnig hatten
erscheinen lassen. Bezeichnenderweise waren es vielmehr soziale Faktoren, mit denen wir unser
Urteil begründet hatten: rechtsstaatliche Ordnung und bestimmte Fortschritte der Waffentechnik.

Nicht mehr Tier und noch nicht Engel

So deutlich der Anachronismus im Falle unseres Erschreckens auch ist, so harmlos ist er im Grunde.
Vor allem deshalb, weil die Gefahr, auf die dieses instinktive Verhaltensprogramm gemünzt ist, für
die Teile der menschlichen Gesellschaft, die dem Dschungel entronnen sind, bedeutungslos
geworden ist. Das gilt aber nicht für alle Konsequenzen der hier erörterten Kluft. Weniger harmlos
sind sie schon bei dem folgenden Beispiel, das ebenfalls unser aller alltäglichen Erfahrung
entstammt 43. Gemeint ist die wohl den meisten Menschen banal erscheinende Tatsache, dass uns
das »Wasser im Munde« auch dann »zusammenläuft«, wenn der die Reaktion auslösende Geruch
einer verlockenden Speise aus dem Fenster einer fremden Wohnung stammt. Das Ganze ist wieder
der klassische Fall einer vom Zwischenhirn vermittelten Reaktion mit all den uns nun schon
hinlänglich geläufigen Kriterien eines solchen angeborenen Programms.
Voraussetzung für das Zustandekommen ist zunächst wieder einmal eine spezifische innere
Bereitschaft: »Verlockend« ist der Geruch der Speise für mich nur dann, wenn ich hungrig bin. Nur
dann kann er als Auslöser wirksam werden. Interessant und wichtig ist an dieser Stelle die Tatsache,
dass wir diese Aussage jetzt, von der Ebene des Großhirns aus, auf zwei Ebenen zugleich betrachten

43
Die Frage nach der »Freiheit« unseres Verhaltens ist aus der biologischen Perspektive verhältnismäßig einfach zu beantworten. Der Spielraum
unseres Verhaltens ist ganz offensichtlich durch konkret angebbare und erfahrbare Grenzen eingeengt: Wir können nicht hungrig, müde oder gut
gelaunt sein, wann wir wollen. Unsere Leistungsfähigkeit, Entschlusskraft und der Reichtum unserer Einfälle hängen von diesen unserem Einfluss
nicht unmittelbar zugänglichen vitalen Zuständen unbestreitbar ab. Auf der anderen Seite aber sind wir, wie eben diese fortwährenden Schwankungen
der Weite (und der Dimensionen) unseres Handlungsspielraums zeigen, ganz sicher auch nicht absolut unfrei. Denn wäre das der Fall, dann könnte
eine schlechte vitale Verfassung (eine Krankheit, Unterernährung, starke Erschöpfung) unsere Freiheit nicht spürbar verringern, da einem nur
genommen werden kann, was man bis dahin besaß.
202
müssen, und dass wir das, was sich abspielt, auf diesen beiden Ebenen auch zugleich erleben
können.
Das eine ist die Auslösung vermehrten Speichelflusses, wenn ich dem spezifisch auslösenden Signal
»Essensgeruch« im Zustande des Hungers begegne. Hier finden wir alle die Kriterien wieder, die
wir bei der Betrachtung der typischen Funktionsweise des Zwischenhirns schon eingehend erörtert
haben: Auslöser, angeborenes Programm, innere Bereitschaft. Jetzt kommt aber noch etwas zweites
hinzu: der Geruch der Speise erscheint uns »verlockend«.
Das mit diesem Wort bezeichnete anziehende Gefühl tritt zwar ebenfalls nur dann auf, wenn die
innere Bereitschaft, also das Hungergefühl, vorhanden ist. Es ist also an das Ingangkommen der
Zwischenhirnreaktion gebunden. Es gehört jedoch nicht zu ihren Voraussetzungen: die Reaktion
tritt auch dann auf - der Speichelfluss lässt sich auch dann auslösen -, wenn das Schlüsselsignal
einen Menschen trifft, der die Qualität »verlockend« nicht erleben kann, etwa deshalb nicht, weil
sein Großhirn zerstört ist (vergleiche die in Kapitel 2 geschilderten Untersuchungen des deutschen
Psychiaters Gamper).
Wir müssen daher jetzt zwei Ebenen unterscheiden: die vom Zwischenhirn in Gang gesetzte
Reaktion selbst, und das mit dieser Reaktion in unserem Bewusstsein einhergehende
Gefühlserlebnis. Die Qualität »verlockend« ist nichts anderes als ein Beispiel für die Art und Weise,
in der wir eine bestimmte Eigenschaft der Umwelt dann erleben, wenn sie infolge einer spezifischen
inneren Bereitschaft als auslösendes Signal für eine im Zwischenhirn bereitliegende Reaktion
wirksam wird.
Das ist eine außerordentlich folgenschwere Feststellung. Als Besitzer eines bewusst erlebenden
Großhirns können wir nicht umhin, auch die Reaktionen zu erleben, die sich an uns selbst auf
Grund der Aktivität unseres Zwischenhirns abspielen. »Verlockend« ist der Geruch der Speise in
unserem Beispiel aber nur dann, wenn die entsprechende innere Bereitschaft vorliegt und die
Reaktion in Gang kommt. Wenn, anders ausgedrückt - von der Ebene des Zwischenhirns aus
betrachtet -, der Geruch der Speise als Auslöser »wirksam« wird. Ohne diese Bereitschaft, das
wissen wir nun schon, geschieht nichts, gehört der Geruch also nicht zu der auf dieser archaischen
Ebene erfassten »Wirklichkeit«.
Die eigentliche Bedeutung der Angelegenheit besteht darin, dass diese Abhängigkeit der
Zusammensetzung der Wirklichkeit von der jeweiligen inneren Bereitschaft sich in strenger
Parallelität auch in bewussten Erleben widerspiegelt. Hinter der scheinbar banalen Erfahrung, dass
uns Essensgeruch nicht als verlockend erscheint, wenn wir satt sind - dass wir ihn dann unter
Umständen gar nicht wahrnehmen oder dass er uns gar als abstoßend erscheint -, verbirgt sich
nichts weniger als die Tatsache, dass die Programme des Zwischenhirns mit ihren archaischen
Gesetzen auch innerhalb der von uns bewusst erlebten gegenständlichen Welt noch immer wirksam
sind.
203
Was in diesem Buch bisher gesagt wurde, ließ immer noch die Möglichkeit offen, dass das
Zwischenhirn ein zwar aus biologischen Gründen auch heute noch funktionstüchtiger alter Hirnteil
sei, dass seine Aktivität jedoch die unseres Großhirns grundsätzlich nicht berühre. Es war zwar
gerade eben noch davon die Rede, dass die Funktion der älteren Hirnteile unseren bewussten
Handlungsspielraum in einem Rahmen ständig wechselnder Weite begrenzt - zu unserem Nutzen als
biologische Organismen, wie wir festgestellt hatten. Erstmals stoßen wir hier aber auf ein Beispiel
für einen Einfluss, der darüber noch weit hinausgeht.
Die archaischen Teile unseres Gehirns setzen der Freiheit unseres Verhaltens nicht nur Grenzen.
Ihre Funktion färbt darüber hinaus bis auf den heutigen Tag auch noch das Bild der Welt, das sich
dem Großhirn darbietet. Die Wirklichkeit des Zwischenhirns steckt nicht nur tief in den untersten
Schichten unseres Bewusstseins. Seine Gesetze bestimmen nicht nur den Ablauf unserer Träume.
Das Beispiel, auf das wir hier gestoßen sind, lässt uns erstmals eine Ahnung davon aufgehen, dass
die Wirklichkeit des Zwischenhirns auch in unserem wachen Bewusstsein, in der von uns bewusst
erlebten Welt immer noch lebendig ist: Ob uns eine Speise attraktiv erscheint oder nicht, darüber
wird nicht auf der Ebene des Großhirns entschieden, sondern auf der des Zwischenhirns.
Natürlich genügt ein einziges Beispiel noch nicht als Beleg für eine so folgenschwere Behauptung.
Der Verdacht, der sich in uns angesichts der von uns immer so arglos als »objektiv« angesehenen
Welt mit einem Mal zu regen beginnt, ist viel zu gravierend, als dass wir uns mit diesen wenigen
Bemerkungen zufrieden geben könnten. Ich will diesen Gedankengang hier zunächst abbrechen. Er
ist für unser Selbstverständnis und unser Weltverständnis von so grundlegender Bedeutung, dass
ihm ein ganzes eigenes Kapitel gewidmet werden muss. Bevor wir uns den hier aufgetauchten
Fragen erneut zuwenden, müssen wir aber zunächst unsere Überlegungen über den
anachronistischen Charakter des Zusammenwirkens der verschiedenen Abschnitte unseres Gehirns
zu Ende bringen.
Was also ist nun eigentlich so anachronistisch daran, wenn der aus einer fremden Küche in unsere
Nase gelangende Essensgeruch unsere Speichelproduktion anregt? Die Antwort ist einfach: Die
Tatsache, dass wir, ob wir es wollen oder nicht - eben unter dem Zwang eines angeborenen
Programms -, auf die Nähe einer Speise reagieren, die nicht die unsere ist. Damit erweist sich, am
Rande bemerkt, die Wurzel des Zwiespalts auch in diesem Falle als ein zivilisatorischer Faktor.
Nicht gänzlich harmlos ist der Sachverhalt hier deshalb, weil mit dem Erleben eines verlockenden
Geruchs die ebenfalls unwillkürliche Tendenz einhergeht, sich der Quelle der Verlockung, der den
Geruch aussendenden Speise, zu bemächtigen. Jeder wird diese Feststellung aus eigener Erfahrung
bestätigen können. Dabei hängt die Intensität des unwillkürlichen Handlungsantriebs wieder vom
Grade der inneren Bereitschaft ab. Bei starkem, schon längere Zeit anhaltendem Hunger kann die
Verlockung übermächtig werden. Dann setzt sich das archaische, dem Nahrungserwerb dienende
Programm gegen die bewusste Kritik unwiderstehlich durch, ein Ablauf, dessen tatsächlichen
204
Ursachen unsere Rechtsprechung durch den Tatbestand des »Mundraubs« bekanntlich gerecht zu
werden versucht 44.
Kein Zweifel, unsere Urväter hätten ohne eine solche instinktive Orientierungshilfe in ihrer
natürlichen Umwelt kaum überleben können. Kein Zweifel aber auch, dass das gleiche Programm
uns heute in einer mit möglichst verlockend aufgemachten Selbstbedienungsläden ausgestatteten
Umwelt höchstens noch in peinliche Situationen bringen kann.
Dieser Zwiespalt zwischen der von unserem Großhirn entworfenen zivilisierten, künstlichen
Umwelt und den Antriebstendenzen unseres an eine ganz andere, längst untergegangene Urwelt
angepassten Zwischenhirns ist kein bloßes Kuriosum. Er ist auch mehr als nur eine jener
Nahtstellen, an denen wir plötzlich einen Einblick bekommen in die Arbeitsweise unseres
Zentralnervensystems, an denen wir uns, sozusagen, geistig selbst über die Schulter gucken können.
Weil diese beiden aus biologischen Gründen auf gegenseitige Kooperation angewiesenen Hirnteile
aus Welten stammen, die durch Hunderte von Jahrmillionen voneinander getrennt sind, ist der
zwischen ihnen bestehende Gegensatz unaufhebbar. Und deshalb, weil es sich bei ihnen um Teile
unseres eigenen Gehirns handelt, ist dieser Gegensatz eine uns Menschen zentral charakterisierende
Eigenschaft.
Selbstverständlich ist der Zwiespalt nicht absolut. Wären Zwischenhirn und Großhirn nichts als
Kontrahenten, dann wären wir längst ausgestorben. Die Kreativität der Evolution hat vielmehr das
unvorstellbare Kunststück fertiggebracht, beide, all ihrer Gegensätzlichkeit zum Trotz, zu
kooperierenden Bestandteilen des gleichen Organs zu machen. Die Kooperation überwiegt im
wechselseitigen Verhältnis bei weitem. Wir leben nicht nur. Wir sind durch den Besitz ebendieses
besonderen Organs sogar zu der die Erde beherrschenden Lebensform geworden.
Dennoch sind die Spuren des Gewaltakts, zu dem die Evolution hier gezwungen war, unübersehbar.
Sie manifestieren sich in der Irrationalität, in der von uns immer wieder ratlos konstatierten
Widersprüchlichkeit und Unvernunft menschlichen Verhaltens. Wer aber könnte Einsicht und
Rationalität von einem Wesen verlangen, das in zwei verschiedenen Welten zugleich zu existieren
gezwungen ist?
44
Ein weiteres von vielen möglichen Beispielen sei hier noch kurz erwähnt, weil ihm heute eine gewisse Aktualität zukommt. Auch unsere Essbegier
scheint vom Zwischenhirn nach archaischen Regeln gesteuert zu werden. Die Tatsache, dass so viele Menschen heute »mit ihrem Gewicht zu
kämpfen haben«, wie es so anschaulich und völlig zutreffend heißt, ist auf keine andere Weise ähnlich überzeugend zu erklären. Man muss sich den
Zusammenhang wie bei einer Rückkopplung mit Hilfe eines Thermostaten vorstellen. Eine automatisch arbeitende Zentralheizung ist ein guter
Vergleich. Die Wärme der geheizten Räume (die Kalorienmenge, die die Heizung in die Wohnung transportiert) hängt von der Einstellung des
Thermostaten ab. Unterschreitet die Raumtemperatur den an diesem Steuergerät eingestellten Sollwert, dann wird der Ölbrenner zur erneuten
Wärmeproduktion automatisch eingeschaltet.
Es hat nun den Anschein, als ob der in unserem Zwischenhirn steckende »Thermostat«, jenes nervöse Regelungszentrum, das die Kalorienbilanz
unseres Körpers überwacht, auf einen etwas zu hohen Wert eingestellt ist. Das eine erneute Kalorienzufuhr bewirkende Programm »Esstrieb« (von
uns als Hunger erlebt) springt zu früh an, nämlich schon dann, wenn objektiv gesehen noch ausreichende Energiereserven im Körper gespeichert sind.
Das ist zunächst einmal der sehr einfache Grund dafür, dass so viele von uns heute »zu dick« sind.
Wenn wir diesen Zusammenhang nun ebenfalls vor dem Hintergrund des an dieser Textstelle erörterten Zwiespalts zwischen Groß- und Zwischenhirn
betrachten, dann stoßen wir auch hier wieder auf die Folgen der zwischen den beiden Hirnteilen bestehenden Altersdifferenz. Denn warum ist denn
der »Kalorien-Thermostat« bei so vielen Menschen zu hoch eingestellt? Vermutlich doch deshalb, weil das Zwischenhirn mit seiner Lernunfähigkeit
bis heute einen Wert beibehalten hat, der in der Epoche, in der er einst festgelegt wurde, zweckmäßig oder präziser: lebensnotwendig war.
Es ist ohne weiteres einzusehen, dass in einer Zeit, in der die Beschaffung von Nahrung noch identisch war mit einer langwierigen und strapaziösen
Jagd und in der die Vorratshaltung noch nicht erfunden war, der Nahrungstrieb schon ausgelöst werden musste, solange noch ausreichende
Energiereserven vorhanden waren, um den mühsamen Beschaffungsprozess durchhalten zu können. Und umgekehrt ist ebenso leicht einzusehen,
welche Folgen es unvermeidlich haben muss, wenn diese Regelung in einer Umwelt beibehalten wird, in der einige Schritte zum Eisschrank genügen,
um die Ernährung sicherzustellen.
205
Vielleicht die größte und wahrscheinlich die gefährlichste Illusion, die wir uns über uns selbst
machen, ist die seit Urzeiten genährte Überzeugung, dass wir uns durch den Besitz von Vernunft
von allen anderen Lebewesen grundsätzlich und radikal unterscheiden. Gewiss sind wir die einzige
irdische Lebensform, die über Vernunft verfügt. Unbestreitbar ist ebenfalls, dass wir uns, jedenfalls
auf diesem Planeten, als die »Krone der Schöpfung« betrachten dürfen. Das aber ist erst die eine
Hälfte der Wahrheit.
Nicht minder gewiss und nicht weniger unbestreitbar ist die Tatsache, dass wir uns - unter einem
evolutionistischen Aspekt - in einem Übergang befinden. Dass wir, schon im Besitz von Einsicht
und Vernunft, dennoch das Tier-Mensch-Übergangsfeld noch immer nicht vollständig durch-
schritten haben. Dass unsere Gedanken und Handlungen nicht nur vom Großhirn, sondern immer
noch auch von einem Zwischenhirn beeinflusst werden, das wir von unseren biologischen
Vorgängern geerbt haben. Dass unsere Gedanken und unsere Weltsicht folglich von einem Hirnteil
mitbestimmt werden, der nachweislich lernunfähig und unfähig zu rationaler Einsicht ist und der
seine Handlungsmaximen aus der fixierten Anpassung an eine archaische Wirklichkeit bezieht, die,
in einer fernen Urvergangenheit gelegen, noch nicht »menschlich« zu nennen ist.
Die Weisen aller Epochen haben das seit jeher gewusst. »Nicht mehr Tier und noch nicht Engel«, so
hat Blaise Pascal die Position des Menschen beschrieben. Ich hege die Vermutung, dass auch der
mit dem uralten Begriff der »Erbsünde« gemeinte Sachverhalt sich mit der fatalen Situation
zumindest überschneidet, von der hier die Rede ist: »Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist
schwach.« Das Wort gibt den Zwiespalt unverkennbar wieder. Schuld als Erbteil, das kann nur dem
widersinnig erscheinen, der von dem anachronistischen Aufbau seines Gehirns nichts weiß.
Es ist ein seltsamer Gedanke, dass diese für den heutigen Menschen so charakteristische Situation
unter einem biologischen Aspekt einfach aus der Stelle resultiert, bis zu der die Evolution im
Augenblick unserer Existenz gerade vorgestoßen ist. Dass es sich bei ihr folglich, in einem größeren
Rahmen gesehen, um eine vorübergehende Situation handelt.
Der Rahmen, innerhalb dessen eine solche Voraussage möglich wird, ist allerdings gewaltig.
Evolution vollzieht sich mit einer für unsere Begriffe so unvorstellbaren Langsamkeit, dass sie für
unser Erleben zum Abstraktum wird. Die Zeit der Welt steht für uns still. Nur unsere eigene,
persönliche Zeit vergeht. Deshalb scheint uns auch »der Mensch« schlechthin den Bedingungen
unterworfen zu sein, die der von uns vorgefundenen besonderen Struktur des menschlichen Gehirns
entspringen.
Der stete Widerspruch zwischen unserer Einsicht und unseren Antrieben erscheint uns deshalb nicht
nur als spezifisch menschlich, sondern auch als endgültig. Unübersehbar ist, dass dieser Zwiespalt
den Motor alles dessen bildet, was wir unsere »Kultur« nennen, dass er uns die gewaltige Leistung
unserer Selbstdomestikation abverlangt hat. Das alles ist über alle Maßen bewundernswert. Es ist
aber bekanntlich auch gleichbedeutend mit einer ebenfalls über alle Maßen gefährdeten Situation.
206
Man braucht nur zu bedenken, dass es sich bei der Mehrzahl der Gebote, die den moralischen
Grundstein unserer Zivilisation bilden, in Wirklichkeit bezeichnenderweise um Verbote handelt
(»Du sollst nicht ... «).
Die biologische Betrachtung ermöglicht uns die Einsicht, dass diese unsere Situation grundsätzlich
vorübergehender Natur ist. Das zwiespältige biologische Erbe braucht nicht bis in alle Zukunft das
Schicksal unseres Geschlechts zu bestimmen. Der Gedanke stimmt tröstlich, auch wenn wir wissen,
dass uns von dieser zukünftigen Möglichkeit ein nach Jahrhunderttausenden zu bemessender
Zeitraum trennt. Haben diese Überlegungen vielleicht eine Beziehung zu dem, was auf jener
anderen Ebene, in einer anderen sprachlichen Dimension, als »Erlösung« bezeichnet wird? Ich kann
auf die Frage hier nicht weiter eingehen, ich möchte sie aber doch in allem Ernst stellen: Vollzieht
Evolution letzten Endes womöglich »Erlösung«?
Es ist ganz unvermeidlich, dass man auch dann, wenn man sich mit dem Menschen unter einem
biologischen Aspekt beschäftigt, auf Fragen und Probleme stößt, wie sie auf den letzten Seiten
angedeutet worden sind. Mir erscheint dieser Exkurs - es wird nicht der letzte bleiben - auch
deshalb nicht nur als legitim, sondern sogar als notwendig, weil mir daran liegt, deutlich zu machen,
dass auch eine biologische Betrachtung des Menschen - und auf nichts anderes läuft eine
Untersuchung der biologischen Geschichte des Gehirns hinaus - bis hin zu anthropologischen,
moralischen und philosophischen Fragen führt.
Es ist unbestreitbar richtig, dass man das Wesen des Menschen biologisch nicht erfassen kann. Aber
ebenso wenig lässt sich bestreiten, dass eine biologische Betrachtung wie die, die ich in diesem
Buch durchzuführen versuche, zur Einsicht in die Bedingungen menschlicher Existenz beiträgt. Der
Versuch einer einseitig biologischen Betrachtung des Menschen würde dessen Wesen verfehlen.
Aber Einseitigkeit führt in jedem und daher auch im umgekehrten Falle in die Irre: Eine einseitig
anthropologisch-geisteswissenschaftliche Wesensbestimmung des Menschen ist erfahrungsgemäß
immer in Gefahr, jene unserer Eigenschaften zu übersehen, die Ausdruck und Folge unserer
biologischen Geschichtlichkeit sind.

207
19. Die große Illusion

Das Großhirn ist nicht souverän

Göttlichem Geist bleibt es vorbehalten, frei über den Wassern zu schweben. Das, was wir unseren
Geist nennen, erweist sich als gebunden an die Struktur unseres Gehirns. Damit aber ist dieser unser
Geist auch bestimmten Bedingungen materieller Existenz unterworfen. Es klingt nur paradox und
ist in Wirklichkeit jedem von uns aus alltäglicher Erfahrung längst selbstverständlich: Unsere
Psyche ist in nicht wenigen ihrer typisch menschlichen Besonderheiten durch ebendiese
Bedingungen entscheidend geprägt.
Müdigkeit und Erschöpfung sind, auch und gerade als psychische Phänomene, letztlich nichts
anderes als die Folgen energetischer Unausweichlichkeiten. Das gleiche gilt, umgekehrt,
selbstverständlich ebenso für Unternehmungslust und vermehrten Antrieb als ihre Gegenpole. Es
gilt aber nicht nur in dieser Weise für den quantitativen Rahmen unserer psychischen Existenz,
sondern, wie wir uns erinnern wollen, auch noch für seinen qualitativen Inhalt. Auch das Gefühl
von Hunger und die mit ihm einhergehende spezifische Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit und
Aktivität auf ganz bestimmte Eigenschaften und Möglichkeiten unserer Umwelt hat seine letzte
Ursache in der materiellen Dimension.
Das gilt auch noch für sexuelle Antriebe oder die Auslösung von Angst mit ihren nicht weniger
spezifischen Formen der Ausrichtung von Interesse und Aktivität. Hier sind energetische Abläufe
(Stoffwechselsituationen) zwar nur Mittel zum Zweck und nicht letzte Ursache. Was wir in beiden
Fällen erleben, sind aber doch Folgen unseres Eingebundenseins in jenes vom Zwischenhirn
hergestellte Netz, das uns vermittels der Wechselwirkung von äußeren Signalen und angeborenen
Programmen, von inneren Bereitschaften und spezifischen Auslösern unaufhebbar mit unserer
Umwelt verbindet. Ein Netz vegetativer Beziehungen, dessen Fäden und Verknüpfungsmuster sich
objektiv beschreiben und analysieren lassen und das wir daher noch nicht der psychischen Ebene
zuzurechnen haben.
Umgekehrt aber bleiben diese, ihre Muster fortwährend wechselnden vegetativen Beziehungen
keineswegs ohne Einfluss auf unser Erleben. Ja, wir erleben sie nicht nur und sprechen dann von
bestimmten Gefühlen, Antrieben oder Stimmungen, die wir hätten oder in denen wir uns befänden.
Unser Großhirn verhält sich in dieser Lage keineswegs bloß wie ein passiver Zuschauer gegenüber
dem Geschehen auf der unteren Ebene. Hier wirkt sich vielmehr das Prinzip einer »Hierarchie von
unten nach oben« aus, dessen biologische Unvermeidbarkeit wir in einem vorangegangenen Kapitel
bereits ausführlich begründet haben.
Was wir als unsere Stimmungen, Antriebe und Gefühle erleben, das ist zunächst einmal der
Widerschein der Aktivitäten unseres Zwischenhirns in unserem zu bewusstem Erleben, auch
Selbsterleben befähigten Großhirn. Dass sich das, was wir da erleben, auf einer vegetativen Ebene
208
außerhalb der eigentlichen Dimension unserer Psyche abspielt, erklärt bestimmte, jedem geläufige
Besonderheiten, die für unsere Stimmungen, Antriebe und Gefühle charakteristisch sind.
Alle diese Erlebnisse sind unserem willentlichen Einfluss entzogen. Wir können nicht vergnügt,
müde oder hungrig werden, wann wir wollen. Es liegt nicht in unserem Belieben. Unsere Gefühle
und Antriebe kommen und gehen ohne unser Zutun. Das ist deshalb so, weil sie alle eben nicht
Aktivitäten unserer Psyche selbst sind, sondern nur das von unserem Bewusstsein registrierte
Agieren untergeordneter Zentren. Wir können höchstens den Versuch machen, Menschen und
Situationen aus dem Weg zu gehen, von denen wir wissen, dass sie unerwünschte Stimmungen oder
Gefühle bei uns auszulösen pflegen und umgekehrt.
Aber das ist noch immer nicht alles. Unsere Stimmungen und Gefühle kommen aus den
geschilderten Gründen nicht nur ohne unser Zutun. Wie jeder weiß, beeinflussen sie darüber hinaus
unser Tun und Denken. Wir sind ihnen unausweichlich ausgesetzt. Freude kann uns mitreißen,
Angst kann uns überfallen. Zorn lässt uns »blind« werden, ebenso Liebe oder auch Hass, wie jedes
andere Gefühl, das stark genug ist, um uns zu »überwältigen«.
Grundsätzlich gilt diese Abhängigkeit in allen Fällen, nicht nur in denen eines extrem starken
Gefühls. Jede Stimmung, jedes Gefühl, richtet uns in ganz bestimmter Weise auf unsere Umwelt
aus. Hunger führt, ob wir es wollen oder nicht, ob wir es bewusst registrieren oder uns gedankenlos
treiben lassen, dazu, dass wir die Umgebung mit zunehmendem Interesse und bei stärker
werdendem Hunger mit zunehmender Ausschließlichkeit - auf essbare Objekte hin untersuchen.
Sexuelle Gestimmtheit lässt andere, nicht weniger spezifische Umweltsignale in unserem
Bewusstsein in den Vordergrund treten. Angst lässt uns die Wirklichkeit unserer Welt anders sehen
als eine freudige Stimmung.
Das alles erscheint uns, durch tägliche Gewohnheiten abgestumpft, nur allzu leicht als trivial. Vor
dem Hintergrund unseres bisherigen Gedankengangs sollten wir jedoch misstrauisch sein angesichts
der scheinbar so selbstverständlichen Feststellung einer stimmungsabhängigen Veränderlichkeit der
Wirklichkeit unserer Welt. In Wahrheit enthält sie eine ernüchternde, eine unser gewohntes
Selbstverständnis revolutionierende Aussage: Sie schließt nichts weniger ein als die Erkenntnis,
dass auch die uns von unserem Großhirn erschlossene, die von uns bewusst erlebte Welt noch
immer nicht »die« Welt schlechthin sein kann.
Die Formulierung »noch immer« ist hier im Rahmen eines evolutionären Zeitmaßstabs gemeint.
Die Feststellung, dass die von uns erlebte Welt »noch immer nicht« identisch ist mit der von uns
vorausgesetzten objektiven Welt schlechthin, läuft folglich auf die Behauptung hinaus, dass sich - in
verdeutlichend zugespitzter Ausdrucksweise gesagt - unsere Situation von jener der Uexküllschen
Zecke (vgl. S. 174) bisher noch immer nur dem Grade, nicht jedoch dem Grundsatz nach
unterscheidet.

209
Die Berechtigung einer solchen Behauptung bedarf eines ausführlicheren Belegs. Als Beispiel
eignet sich, wiederum der Deutlichkeit halber, ein Extremfall, und zwar der des Hungers. Hunger ist
primär eine objektive körperliche Situation: die eines Mangels an den für die Aufrechterhaltung des
Stoffwechselbetriebs notwendigen Energiereserven. Wie ein mehrzelliger Organismus auf diese
Situation reagiert, ist uns inzwischen geläufig: durch die Herabsetzung der Auslösungsschwellen für
die dem Nahrungserwerb und der Verwertung von Nahrung dienenden angeborenen
Verhaltensweisen - vereinfacht: für das angeborene Programm »Nahrungserwerb«.
Auch die Folgen einer solchen spezifischen Schwellenerniedrigung haben wir ausführlich erörtert.
Sie bestehen, global gesehen, in einer Neuordnung der Prioritäten des Verhaltens: die Schwellen für
alle anderen vorhandenen Verhaltensprogramme sind im gleichen Augenblick zumindest relativ
erhöht. Im einzelnen resultiert daraus eine spezifische innere Bereitschaft, die die Ansprechbarkeit
für die zugehörenden auslösenden Umweltsignale erhöht, während alle auf andere Verhaltens-
bereiche gemünzten Signale wirkungslos bleiben. Die »Wirklichkeit« des Zwischenhirnorganismus
ändert sich dadurch entsprechend seiner vegetativen Verfassung. Im Zustand des Hungers etwa,
aber auch in dem der sexuellen Befriedigung, »verschwindet« z. B. ein Sexualpartner buchstäblich
und ganz konkret aus seiner Wirklichkeit. In beiden Fällen nämlich gehen die Schwellen für die
Auslösbarkeit sexueller Verhaltensprogramme hinauf, so dass alle sexuellen Signale - oder
»Auslöser« - wirkungslos bleiben.
Das alles ist uns an dieser Stelle nicht mehr neu. Neu und auf eine womöglich gar bestürzende
Weise neu könnte hier jedoch die Einsicht wirken, dass sich das alles auch auf der Ebene des
Großhirns, auf der Stufe bewussten Erlebens, noch immer im Prinzip in genau der gleichen Weise
abspielt.
Denn: Erweitert sich nicht auch für uns, wenn wir ernstlich Hunger leiden, der Kreis des noch für
genießbar gehaltenen auf eine im satten Zustand gänzlich unvorstellbare Weise? Haben wir Älteren
in den Hungerjahren nach dem Kriege etwa niemals Nahrung zu uns genommen, vor deren
Beschaffenheit oder Qualität wir uns heute mit »normalen« Hungerschwellen ekeln würden? Und
vor allem: Reduziert sich im Zustand des Verhungerns die Welt nicht auch für uns noch immer auf
eine Wirklichkeit, die schließlich nur noch aus genießbaren oder ungenießbaren Objekten besteht?
Und ist die Armseligkeit einer auf diesen Umfang geschrumpften Erlebniswirklichkeit von der von
Uexküll beschriebenen Wirklichkeit der Zecke wirklich so weit und vor allem prinzipiell entfernt?
Gewiss, wir haben es, relativ betrachtet, weit gebracht. Der jämmerliche Torso der Welt, in den die
Zecke auf Grund ihres Entwicklungsstands zeitlebens eingesperrt bleibt, droht uns allenfalls in der
extremen Lage einer vegetativen Notfallsituation als enger Käfig, in den wir nur vorübergehend
verbannt werden können. Aber ebnet diese Möglichkeit allein nicht schon die Kluft ein, die uns von
der kleinen Milbe trennt, und die wir für grundsätzlich zu halten gewohnt sind?

210
Der Abstand ist, dem Grade nach, astronomisch. Wer wollte das bestreiten. Es trennen uns, ganz
konkret und wörtlich, Welten voneinander. Angesichts der »Seinsebene« einer Zecke und der eines
Menschen ist, so scheint es, nicht einmal der bloße Gedanke an einen Vergleich zulässig. Aber wir
mögen den Unterschied mit noch so großem Nachdruck herausstreichen, er bleibt ein Unterschied
dem Grade, nicht dem Grunde nach. Es bleibt die Tatsache bestehen, dass eben nicht nur in der Welt
der Zecke, sondern auch in unserem Fall die Wirklichkeit sich als veränderlich erweist, als abhängig
von der inneren, vegetativen Verfassung des Subjekts, dessen Umwelt sie ist. Haben wir nicht
gerade eben noch die Feststellung, dass Angst uns die Welt anders sehen lässt als Freude, für ganz
selbstverständlich, für eigentlich trivial gehalten?
Wir könnten in dieser Lage versucht sein, uns auf die Ausflucht zurückzuziehen, dass diese
Gemeinsamkeit eben offenbar alle Lebewesen einbeziehe und daher überhaupt nichts besage.
Sowenig wie die Gemeinsamkeit des Aufbaus aus grundsätzlich gleichartigen Zellen oder die
Identität des genetischen Codes für alle lebenden Organismen. Der Hinweis ist richtig. Wenn wir
uns mit ihm hier aber zufrieden geben wollten, wäre das Heuchelei. Denn ausgesprochen oder
unausgesprochen gehört zu unserem naiven Selbstverständnis vor allem anderen die über jeden
Zweifel erhabene Überzeugung, dass wir im Unterschied zu allen anderen Lebewesen der Erde in
einer objektiven Welt leben. Dass wir die einzigen sind, die einen Entwicklungsstand erreicht haben,
der sie in die Lage versetzt, die Welt in ihrer wahren Beschaffenheit zu erkennen, »so wie sie ist«.
Jetzt endlich sind wir in unserem Gedankengang an dem Punkt angekommen, an dem uns
aufzugehen beginnt, wie groß die Illusion ist, der wir uns mit diesem Vorurteil anheim geben.
Ungeachtet wiederholter Hinweise und Anspielungen hat wahrscheinlich auch der Inhalt dieses
Buchs bisher eher dazu beigetragen, diese Illusion noch zu bestärken. Das war nicht nur deshalb
kaum zu vermeiden, weil man erst das notwendige Material zusammengetragen haben muss, bevor
man mit Aussicht auf Erfolg darangehen kann, ein Vorurteil abzubauen. Es ergab sich vor allem
auch aus der Logik der Darstellung.
Bis hierhin bestand diese in dem Versuch der Rekonstruktion einer geschichtlichen Entwicklung, in
der Wiedergabe eines chronologischen Ablaufs, des Ablaufs der Evolution unseres Gehirns. Dabei
kam es vor allem darauf an, das zu beschreiben und zu erklären, was sich im Verlaufe des
Fortschreitens dieser Entwicklung jeweils an Neuem ergab. Von Schritt zu Schritt und von Stufe zu
Stufe lag der Schwerpunkt schon der Anschaulichkeit halber auf dem Unterschied zwischen alten
und neuen Funktionen.
Trotz aller Hinweise und Vorgriffe konnte dabei noch immer der Eindruck bestehen bleiben, als ob
auch in dieser Geschichte das Neue jeweils das Alte ablöste oder doch wenigstens bedeutungslos
werden ließ. Trotz aller Hinweise auf die Existenz lebender Fossilien in unserem Kopf und trotz der
vorwegnehmenden Beschreibung der Phantome, die unsere Dunkelangst uns in die Schatten

211
nächtlicher Büsche projizieren lässt, wurde das Vorurteil von einer letztlich doch zu konstatierenden
Souveränität des Großhirns bisher nicht ausdrücklich angesprochen.
Jetzt aber sind wir an einem Punkt angekommen, an dem sich diese Frage nicht länger
hinausschieben lässt. Bei der Darstellung der Hirnentwicklung sind wir nunmehr »oben« angelangt,
auf der letzten Etage, dort, wo jedenfalls für uns und den durch unsere Existenz markierten
Augenblick der Evolution die Entwicklung endet. Dass es keinen Grund für die Annahme gibt, dass
die Evolution unseres Gehirns ausgerechnet auf der von uns Heutigen verkörperten Stufe zum
Stillstand kommen sollte, steht auf einem anderen Blatt. Angesichts der völligen
Unvorhersehbarkeit evolutionärer Verläufe sind Gedanken über ihre mögliche Zukunft jedoch
müßig.
Damit aber ändert sich die Art unserer Betrachtung von jetzt an grundlegend. Nicht mehr von
Geschichte ist jetzt die Rede, sondern von der Gegenwart. Von jetzt an kann es nicht mehr um die
Schilderung und Erklärung entwicklungsgeschichtlicher Verläufe gehen, sondern nur noch um die
Betrachtung und das Verständnis des von diesen Prozessen hervorgebrachten Produkts. Was wir auf
dieser letzten, der dritten Stufe der Hirnentwicklung beschreiben, das existiert gleichzeitig
nebeneinander. Damit aber tritt von nun an die Frage, wie sich die aus den verschiedenen Epochen
dieser Entwicklung stammenden Teile des Produkts zueinander verhalten, ganz von selbst in den
Vordergrund.
Im vorhergehenden Kapitel war, ohne dass wir uns über die Problematik dieser Beziehung
besondere Gedanken gemacht hätten, von konkreten Beispielen für die Folgen eines solchen
Nebeneinanders bereits die Rede. Bei den dort behandelten Fällen war der Zusammenhang aber
noch relativ leicht zu übersehen, war der Kern des Problems eigentlich auch noch gar nicht erreicht.
In allen diesen Fällen »anachronistischer Kooperation« waren die Rollen von Zwischenhirn und
Großhirn noch deutlich voneinander unterscheidbar.
Bei jedem der untersuchten Beispiele schien es sich lediglich um einen vorübergehenden Einbruch
der archaischen Funktionsgesetze des Zwischenhirns in unser Bewusstsein zu handeln; um
vorübergehende Momente einer gleichsam auf den Kopf gestellten Hierarchie unseres
Zentralnervensystems. Vor allem blieben beide Sphären, die archaische des Zwischenhirns und die
der bewusst von uns erlebten Welt, auch in diesen Augenblicken noch immer säuberlich
voneinander getrennt und unterscheidbar.
Der Kern des Problems, dem wir hier auf der Spur sind, wird sichtbar, sobald wir einzusehen
beginnen, dass es in der Realität unserer Psyche keineswegs dabei bleibt. Dass archaische
Wirklichkeit und bewusst erlebte Welt eben nicht, wie es bei diesen ihrer Handgreiflichkeit wegen
ausgewählten ersten Beispielen noch der Fall zu sein schien, zwar immerhin gleichzeitig, aber doch
bloß nebeneinander existieren können. Dass sie sich vielmehr durchdringen, dass sie ein

212
»Amalgam« bilden, dass die von uns erlebte »Welt« in Wirklichkeit ein Zwittergebilde ist, zu
dessen Existenz beide Hirnteile grundsätzlich zugleich beitragen.
Unser in den Kategorien von »entweder-oder« befangener Verstand mag sich gegen die Annahme
dieser Möglichkeit noch so sehr sträuben. Wieder einmal haben wir ein unwiderlegliches Indiz
dafür in Händen, dass wir - unter einem evolutionistischen Aspekt - eine Übergangsform darstellen.
Die nähere Betrachtung unserer Schreckreaktion und ihrer Auslösung hatte uns - ebenso wie eine
Analyse der Bedingungen zur Auslösung unserer Nahrungsappetenz - zu dem Zugeständnis
veranlasst, dass wir das Tier-Mensch-Übergangsfeld noch nicht vollständig durchschritten hätten.
Die genauere Betrachtung des Wesens unserer Stimmungen bringt uns jetzt eine andere Facette des
gleichen Sachverhalts zu Gesicht: den Umstand, dass wir, nachdem unser Geschlecht eine
unvorstellbar Zeiträume währende Vorgeschichte in Bewusstlosigkeit zurückgelegt hat, im
Augenblick noch immer damit beschäftigt sind, zum Bewusstsein zu erwachen. In der Evolution
vollzieht sich nichts mit übergangsloser Plötzlichkeit. Der Prozess des Erwachens zum Bewusstsein
vollzieht sich mit quälender Langsamkeit. Er beansprucht Jahrhunderttausende.

Die Welt bleibt unerreichbar

Betrachten wir die Tatsachen. Gefühle und Stimmungen sind, wie bereits begründet, der
Widerschein der in unserem Zwischenhirn jeweils aktiv werdenden angeborenen Programme. Als
Besitzer eines Großhirns können wir, so hatten wir festgestellt, gewissermaßen nicht umhin, die
sich an uns selbst abspielenden Auswirkungen dieses angeborenen Verhaltensrepertoirs zu erleben,
auch wenn es auf Grund seiner Lokalisation im Zwischenhirn unserem willentlichen Zugriff
entzogen bleibt. Gefühle und Stimmungen sind, anders ausgedrückt, nichts anderes als die Art und
Weise, in der wir unsere Instinkte erleben. Es ist also Unfug, wenn gelegentlich behauptet wird, der
Mensch verfüge im Unterschied zu den Tieren nicht mehr über Instinkte 45. Wir werden von ihnen
nur nicht mehr ausschließlich beherrscht, seit wir das Niveau des »Zwischenhirnwesens« hinter uns
gelassen haben.
Die biologische Unentbehrlichkeit des Zwischenhirns, die Lebensnotwendigkeit seines
permanenten Funktionierens, bringt es unter solchen Umständen mit sich, dass wir permanent in
irgendeiner Weise gestimmt sind. Selbstverständlich gilt das in höchst unterschiedlichem Maße.
Keineswegs immer, womöglich nur in den selteneren Fällen, ist unser Bewusstsein von einer
spezifischen Stimmung so durchtränkt, wie in den aus Gründen der Anschaulichkeit bisher
benutzten Beispielen.

45
Hier muss ein banales Missverständnis kurz erwähnt werden, weil es selbst unter Gebildeten immer wieder Verwirrung stiftet. »Instinkt« und
»instinktiv« sind Termini mit einer ganz bestimmten, präzise definierten Bedeutung. Wo immer sie in der Wissenschaft gebraucht werden, da ist von
angeborener Erfahrung, von ererbten Verhaltensprogrammen die Rede. »Instinktiv« bedeutet dann stets die Auslösung eines solchen Programms
durch spezifische Auslöser einschließlich aller anderen mit diesem automatischen Vorgang verbundenen Kriterien, wie sie ausführlich besprochen
wurden. Es führt nur zu ständigen Missverständnissen, wenn diese Definition nicht strikt beachtet wird und von »instinktivem« Verhalten oder
Urteilen auch dann geredet wird, wenn in Wirklichkeit intuitives Reagieren oder Urteilen gemeint sind. Beides hat unmittelbar nichts miteinander zu
tun.
213
Vor allem mit zunehmendem Alter mag der Einfluss von Stimmungen bei den meisten Menschen
mehr und mehr in den Hintergrund treten. Gänzlich frei von irgendeiner Stimmung aber ist ein
geistesgesunder Mensch in keinem Augenblick seines Lebens. Damit aber sind wir alle in jedem
Augenblick unserer wachen Existenz unter dem Einfluss der in unserem Zwischenhirn
gespeicherten Programme in irgendeiner Weise auf unsere Umwelt ausgerichtet. Das bedeutet
zugleich, dass wir in unserer Gestimmtheit in ebenso spezifischer Weise für bestimmte - eben von
unserer Stimmung ausgewählte - Besonderheiten dieser Umwelt empfänglicher sind, als es für
andere in dem gleichen Augenblick gilt.
Das ist selbstverständlich nur in Ausnahmefällen in so krasser Weise der Fall, wie etwa in dem
Beispiel des Verhungernden. Auch in unserer Gestimmtheit ist die von uns erlebte Welt in der Regel
noch immer von einer für uns unübersehbaren Fülle und Mannigfaltigkeit. Aber sie ändert doch,
wenn auch oft unmerklich, ihren Charakter. Es ist unbestreitbar, dass wir im Unterschied zum
»Zwischenhirnwesen« in einer gegenständlichen, einer uns objektiv gegenüberstehenden, von uns
getrennten Welt existieren. Aber als ebenso unbestreitbar erweist sich bei genauerer Betrachtung,
doch auch die Tatsache, dass dieser Unterschied nicht absolut, sondern ungeachtet seines
unbestreitbaren Ausmaßes im Grunde nur relativ ist.
Unserer Logik erscheint diese Behauptung abermals als unzumutbar. Wie hat man sich denn eine
nur relative Gegenständlichkeit oder gar eine »relative Objektivität« vorzustellen? Die Antwort ist
einfach, wenn auch bedeutsam: so, wie unsere psychische Existenz in ihrer charakteristischen
Eigenart und Zwiespältigkeit. Denn wenn wir nur aufmerksam und unvoreingenommen genug nach
ihnen suchen, dann finden wir auch in der von uns bewusst erlebten gegenständlichen und
objektiven Welt als Resultat unserer Stimmungen alle die Kriterien wieder, die wir als
charakteristische Wesensmerkmale der archaischen Wirklichkeit des Zwischenhirns kennengelernt
haben. Zugegeben: In unserer Welt »verschwindet« ein Sexualpartner nicht mehr, wenn wir
befriedigt sind, und auch keine Speise, wenn wir unseren Hunger gestillt haben. Zugegeben auch,
dass wir es in ihr nicht mehr mit austauschbaren, in ihrer einmaligen Besonderheit schemenhaft
bleibenden Merkmalsträgern zu tun haben, sondern mit konkreten Individuen und konstant
bleibenden Objekten. Aber dennoch müssen wir einräumen, dass sich in der Wirklichkeit unserer
Welt noch immer auch die archaischen Spielregeln des Zwischenhirns nachweisen lassen.
Seine Regeln beherrschen unsere Welt nicht mehr. Aber sie bestimmen - im denkbar wörtlichsten
Sinne - auf subtile Weise ihren Charakter. Da lässt der Wechsel unserer »inneren Bereitschaften«
andere Individuen nicht mehr auftauchen oder verschwinden. Aber die Rolle, die ein bestimmter
Partner in einem gegebenen Augenblick für mich spielt, hängt unaufhebbar auch von meiner
Gestimmtheit in diesem Augenblick ab.
Da reduziert sich die Wirklichkeit im Regelfall zwar nicht mehr auf essbare oder ungenießbare
Dinge. Dafür ändern die Speisen selbst ihren Charakter: Sie erscheinen, je nach meiner eigenen
214
Verfassung, verlockend oder uninteressant oder, im Zustand der Übersättigung, gar abstoßend. Was
in unserem Erleben auftaucht und verschwindet, sind nicht mehr Dinge und Partner, sondern
Anmutungen unterschiedlichen Charakters. Unsere Welt ändert nicht mehr ihre Zusammensetzung,
sehr wohl aber noch ihre Qualität.
Auch in solch verdünnter, solch fortentwickelter Form widerspricht dieser Sachverhalt
selbstverständlich unserer üblichen Illusion von der »Objektivität« der Welt, in der wir zu leben
glauben. Die Behauptung, dass wir die Welt sähen, »wie sie ist«, bleibt, wenn man die Dinge nur
genau genug nimmt, ohne Sinn in einer Welt, deren Beschaffenheit sich im Gleichklang mit unserer
eigenen Verfassung fortwährend ändert. Selbst die bloße Frage nach der eigentlichen, der »wahren«
Natur unserer Welt erweist sich als unbeantwortbar, wenn wir zugeben müssen, dass diese Welt sich
uns in der Dunkelheit einer schlaflosen Nacht unüberbietbar anders präsentiert als an einem
ausgeruht erlebten Sommertag.
Zu jeder Zeit entsprechen dabei der Charakter der Welt und unsere eigene Gestimmtheit einander.
Niemals kommt es zum Widerspruch. Die scheinbare Selbstverständlichkeit dieser alltäglichen
Erfahrung darf uns nicht blind machen gegenüber der Tatsache, dass auch diese im Positiven wie im
Negativen gewährleistete Harmonie Ausdruck einer archaischen Komponente unseres Welterlebens
ist. In Widerspruch zu unserer Welt kann uns nur das Großhirn bringen. In unseren Stimmungen ist
die unserem Verstand so selbstverständlich erscheinende Trennung von erlebendem Subjekt und
objektiver Welt noch nicht vollzogen. Auf der Stufe des Zwischenhirns ist die urtümliche Einheit
beider noch nicht wirklich aufgehoben.
So erweist sich die meist als selbstverständlich vorausgesetzte Objektivität unserer Welt, ihre
fraglos erscheinende Eindeutigkeit als Illusion. Gewiss, der Fortschritt ist, wenn wir den Abstand
zur Zecke ins Auge fassen, phantastisch zu nennen. Aber angekommen sind wir noch keineswegs.
Niemandem ist es möglich, aus der Bewusstlosigkeit des Schlafs unvermittelt, von einem
Augenblick zum anderen, zur vollen Klarheit zu erwachen. Wie sehr gilt das erst nach einem Schlaf,
der Jahrmilliarden gedauert hat. Wir alle sind noch immer dabei, uns seine Spuren aus den Augen zu
reiben.

215
20. Aus der Not eine Tugend

Der Mensch als »unfertiges Wesen«

Bisher habe ich die Situation einseitig nur unter dem Aspekt des Mangels beschrieben. Das war
notwendig, weil es mir darauf ankam, das Vorurteil von der Objektivität, von einer absoluten
Gegenständlichkeit der von uns erlebten Welt sichtbar zu machen und nach Möglichkeit abzubauen.
Die Sache hat aber noch eine andere, gerade vor dem Hintergrund dieses negativen Aspekts
besonders interessante Seite.
Dieser anderen Seite der Angelegenheit kommt man auf die Spur, sobald man eine Frage stellt, die
an dieser Stelle sehr nahe liegt, die sich dennoch als total falsch gestellt erweist und die gerade
deshalb eine außerordentlich wichtige Einsicht vermittelt. Die Frage lautet: Wie ist es eigentlich
möglich, dass unsere Welt in sich geschlossen »aufgeht«, obwohl unser Großhirn, das sie uns
erschließt, aus den im letzten Kapitel angeführten Gründen als gewissermaßen noch nicht fertig, als
noch nicht endgültig ausgereift angesehen werden muss?
Dass ein ausschließlich auf vegetative Reflexe angewiesener Organismus - wie etwa ein Schwamm
oder eine Qualle - mit seiner biologischen Umwelt eine geschlossene, funktionstüchtige Einheit
bilden kann, lässt sich einsehen. Das gleiche gilt für das »Zwischenhirnwesen« in seiner von
spezifisch auslösenden Merkmalen erfüllten Wirklichkeit. Aber wenn wir selbst, um es einmal so zu
formulieren, auf dem von mir hier als dritte Stufe bezeichneten Niveau der Entwicklung, noch gar
nicht endgültig angekommen sind, wenn wir diese oberste Stufe noch gar nicht vollständig
erklommen haben, wie ist es dann zu erklären, dass unser Bewusstsein uns dennoch schon eine Welt
erleben lässt, die uns als »fertig« und in sich geschlossen erscheint und in der wir
zusammenhängend, »sinnvoll«, agieren können?
So nahe die Frage zu liegen scheint, sie ist aus mindestens drei Gründen falsch gestellt. Der gröbste:
Die Einteilung der Hirnentwicklung in drei Stufen, von denen ich in diesem Buch ausgehe, ist nicht
die einzig denkbare. Sie lehnt sich lose an eine von mehreren möglichen anatomischen
Gliederungen unseres Gehirns an. Die Darstellung der gleichen Geschichte wäre also, wenn auch
sicher weniger anschaulich und zwanglos, anhand einer anderen Gliederung möglich gewesen.
Nicht zufällig habe ich ferner im vorletzten Absatz den Begriff »Zwischenhirnwesen« in
Gänsefüßchen gesetzt, und das nicht zum erstenmal in diesem Buch. Dieses Wesen existiert,
genaugenommen, überhaupt nicht. Es ist ein theoretisch abstrahierter Idealtyp, der die
Wesensmerkmale eines bestimmten Entwicklungsniveaus in reinerer und daher übersichtlicherer
Form aufweist, als ein Lebewesen aus Fleisch und Blut es könnte, das vom »Typischen« immer
mehr oder weniger abweicht. All das, die Gliederung in eine bestimmte Anzahl von Stufen oder die
Verwendung typisierter Idealformen, sind Beispiele für Hilfskonstruktionen unseres Geistes.
Beispiele für die in der Wissenschaft, insbesondere in der Biologie, unentbehrlichen
216
Ordnungssysteme, die wir der Welt der Erscheinungen überwerfen, um nicht die Übersicht zu
verlieren. Sie sind nicht nur nützlich, sondern auch legitim - solange wir nicht vergessen, dass sie
Erfindungen unseres Geistes sind.
Sobald wir das aus den Augen verlieren und beginnen, sie für reale Eigenschaften der Außenwelt zu
halten, machen wir uns genauso und aus dem gleichen Grunde lächerlich wie der Schiffsjunge, der
sich bei seiner ersten Atlantiküberquerung dazu verleiten lässt, mit dem Fernglas nach dem Äquator
Ausschau zu halten, weil der doch auf allen Seekarten so dick eingetragen ist. Genau diesen Fehler
begehen wir nun in dem Augenblick, in dem wir uns zu fragen beginnen, ob die Lebenstüchtigkeit
eines Organismus von seiner entwicklungsgeschichtlichen Entfernung von einer dieser willkürlich
festgelegten Stufen abhängen könnte.
Der zweite Einwand gegen unsere Frage ist hintergründiger. Er besteht in der Gegenfrage, ob denn
diese unsere Welt wirklich so in sich geschlossen, so »fertig« ist und ob unsere Aktionen in ihr das
Urteil »sinnvoll« denn wirklich so uneingeschränkt verdienen, wie hier vorausgesetzt wird. Ist es
nicht wieder nur die abstumpfende Folge der Gewöhnung, wenn wir uns erst darauf besinnen
müssen, wie groß der Anteil unserer Welt tatsächlich ist, der unergründlich und rätselhaft bleibt,
obwohl wir ihn leibhaftig vor Augen haben oder konkret erleben?
So gehört unsere leibliche Schwere zu den elementaren Erfahrungen unserer Körperlichkeit. Was es
aber mit der dieses Erlebnis verursachenden Schwerkraft auf sich hat, welcher Natur diese absolut
unerklärte Kraft ist und warum sie neben Ausdehnung, Dichte und Masse zu den
Grundeigenschaften aller Materie gehört, auf diese Fragen bleiben uns auch die klügsten unserer
Wissenschaftler die Antwort schuldig. Das gleiche ist es, um nur noch ein einziges weiteres Beispiel
anzuführen, mit unserem Bewusstsein, von dem in diesem Buch fortwährend die Rede ist. Auch
dieses Bewusstsein, also das Wissen von unserer eigenen Identität, das, was wir die »Subjektivität
unseres Welterlebens« nennen könnten, ist eine elementare Erfahrung eines jeden von uns.
Niemanden aber gibt es, der uns sagen könnte, welcher Natur das Phänomen ist.
Und ist Naturwissenschaft insgesamt etwa nicht der Versuch, mit Hilfe artistischer Abstraktionen
und hochgezüchteter Instrumentarien dem eigentlichen Wesen dieser Welt auf die Spur zu kommen,
das offenbar erst jenseits, erst hinter der Fassade zu finden ist, die sie unserem naiven Erleben
präsentiert? Und besteht das Ergebnis unserer äußersten Anstrengungen auf diesem Gebiet letztlich
nicht in der Einsicht, dass die Zahl der Rätsel mit jedem Schritt der Erkenntnis nur immer weiter
zunimmt?
Ich bin überzeugt davon, dass in allen diesen Phänomenen das Missverhältnis zum Ausdruck
kommt, das zwischen unserem Anspruch, wir existierten in einer durch und durch objektiven, in
einer eindeutig gegenständlichen Welt, und der Realität unserer Situation besteht. Ich bin ferner
davon überzeugt, dass das gleiche ebenso für die nicht immer und nie vollständig rationalen
Wurzeln menschlichen Verhaltens gilt, für die Beispiele anzuführen sich erübrigt. Beides sind nur
217
die beiden verschiedenen Seiten der gleichen Medaille. Beides folgt aus der naturgeschichtlichen
Tatsache, dass die Evolution des Großhirns bis zur Gegenwart, also bis zu uns, zwar sehr weit, aber
eben doch nicht so weit fortgeschritten ist, dass wir die dritte der in diesem Buch definierten Stufen
schon vollständig erklommen hätten.
Der dritte Einwand gegen die Berechtigung der Frage, warum unser »unfertiges« Großhirn uns
dennoch eine scheinbar fertige Welt erleben lässt, ist der wichtigste. Er besteht in der Erinnerung
daran, dass eine Übergangsposition im Ablauf der Evolution nicht die Ausnahme darstellt, sondern
ganz im Gegenteil die Regel. Jeder lebende Organismus erscheint uns in seiner Anpassung an die
ihm gemäße Umwelt als vollendet. Höchst bemerkenswerterweise trifft das, woran ebenfalls
erinnert sei, auch auf die nicht mehr existierenden Organismen zu, die uns nur noch als die
Vorläufer der heute lebenden Art bekannt sind.
Bemerkenswert muss dieser Umstand vor allem erscheinen, wenn wir uns darüber klar werden, dass
das sogar in erster Linie für diese ausgestorbenen Urahnen der heutigen Lebewesen gilt. Wieder
klingt paradox, was nichts anderes ist als eine Beschreibung der biologischen Realität: Nur die
ausgestorbenen Vertreter einer vergangenen Tierwelt, die zu Vorfahren anderer, weiter entwickelter,
fortgeschrittener Arten wurden, verdienen das Prädikat ausgereift oder gar vollendet ohne jede
Einschränkung. Bei denen, die es nicht wurden, sind in dieser Hinsicht offensichtlich
Einschränkungen angebracht. Denn sie wurden es deshalb nicht, weil sie, eben mangels
ausreichender Anpassung, ohne Nachfahren ausstarben, die am Evolutionsspiel weiter hätten
teilnehmen können.
So gehen in der Evolution vollendete Angepasstheit und die Fähigkeit zu fortschreitender
evolutionärer Verwandlung durchaus Hand in Hand - ein Beispiel mehr für jene Paradoxien, die
offenbar nur für unseren Verstand existieren, nicht aber in der Realität der Natur. Mit aller
angesichts dieser Erfahrung angebrachten Vorsicht sei die Vermutung geäußert, dass hier nun auch
der Umkehrschluss zulässig ist: dass der nachweisliche Übergangscharakter einer bestimmten
Lebensform - ins Positive gewendet: ihre Fähigkeit zu zukünftiger Weiterentwicklung - ihrer
vollendeten Angepasstheit nicht von vornherein widerspricht. Die Tatsache, dass wir nicht verstehen
können, wie das möglich ist, braucht uns nicht daran zu hindern, anzuerkennen, dass es sich so
verhält.
Wenn diese Vermutung richtig ist, dann trifft sie auch auf den Menschen zu. Es braucht uns daher
nicht in Erstaunen zu versetzen, dass wir, obwohl wir »Wesen des Übergangs« sind - oder, wieder in
positiver Formulierung: zu weiterer Entwicklung fähig -, dennoch in einer Welt leben, die einen
»Sinn« ergibt. Es ist ohnehin nur ein »relativer Sinn«, wie wir gesehen haben, denn unsere Welt
geht rational nicht ohne Rest auf. Die Naturwissenschaftler hätten es leichter, wenn das der Fall
wäre.

218
Hier ist auch der Ort, auf ein Phänomen kurz einzugehen, das uns in der Regel wieder als ganz
banal erscheint, das aber, von dieser Stelle unseres Gedankengangs aus betrachtet, uns wie mit
einem Schlage ein Licht aufgehen lassen kann über das Ausmaß, in dem wir uns über unsere
Situation täuschen. Ich meine unsere Reaktion auf die Manifestationen menschlicher Unvernunft.
Unsere Ratlosigkeit angesichts bestimmter Formen der Kriminalität. Unser Erschrecken, wenn die
politische Berichterstattung wieder einmal erfüllt ist von Nachrichten über mörderische
Auseinandersetzungen aus ideologischen, konfessionellen, rassischen Motiven. Unsere
Fassungslosigkeit gegenüber Akten blanken, emotionslosen Terrors.
Die Gründe sind - an der Oberfläche - zwar in allen Fällen rasch genannt. Kein Krieg, keine noch so
blutige Schreckenstat, für die sich nicht eine auslösende Situation, ein einleuchtendes Motiv
angeben ließe. Aber der Anlass unserer Angst sitzt viel tiefer.
Was uns beunruhigt, ist die Erfahrung, dass der Mensch unfähig zu sein scheint, seine Konflikte
friedlich und rational zu lösen. Was uns ängstigt, ist der Umstand, dass der Mensch allzu oft als das
Opfer, das passive Objekt unentrinnbarer anonymer Zwänge erscheint in Situationen, in denen er
theoretisch Herr des Geschehens sein sollte. Was uns ratlos macht, ist die sich ständig
wiederholende Konfrontation mit Krisen, die von uns selbst hervorgerufen werden und die zu
beheben wir uns dennoch als unfähig erweisen.
Da suchen wir dann verzweifelt nach den Ursachen. Da treiben wir »Friedensforschung« und
entwickeln komplizierte Theorien über die Wurzeln der menschlichen Aggressivität. Denken wir
dabei aber eigentlich auch einmal an die Probleme, die sich aus dem Übergangscharakter unserer
evolutionären Position ergeben könnten, an die möglichen Auswirkungen der »Unfertigkeit«
unserer rationalen Konstitution?
Vielleicht wundern wir uns doch allzu selten darüber, dass wir uns nach dem Auftauchen aus dem
Dunkel einer endlos erscheinenden rein biologischen Vorgeschichte überhaupt als fähig zur
Gesellschaftsbildung erweisen. Als fähig zur Aufstellung von moralischen Verhaltensnormen und
von Theorien, die die in unserem Bewusstsein mit einem Male sich abbildende Welt wenigstens
zum Teil zu beschreiben in der Lage sind. Vielleicht unterschätzen wir einfach die sich aus unserer
biologischen Situation ergebende Hypothek für unsere Freiheit.
Wenn wir aufhören würden, uns dagegen zu sträuben, biologische Faktoren als
Rahmenbedingungen auch für unsere, die menschliche Freiheit anzuerkennen - vielleicht würde
eine solche realere Einschätzung unserer Möglichkeiten uns toleranter werden lassen können,
weniger ungeduldig, weniger unbescheiden. Vielleicht würden dann auch einige der Krisen seltener
werden, deren hartnäckige Wiederkehr uns bisher immer wieder aufs neue überrascht.
Unser Erschrecken vor den Ausdrucksformen menschlicher Irrationalität ist ohne allen Zweifel
berechtigt. In seinem Ausmaß aber ist es auch eine Folge der Tatsache, dass wir uns für rationaler,
für vernünftiger zu halten pflegen, als wir es in Wahrheit sind, als wir es bei unserer Vorgeschichte
219
heute schon sein können. Wer allzu viel erwartet, ist selbst mit daran schuld, wenn er allzu leicht
enttäuscht wird.
Es wird Zeit, dass wir zu dem biologischen Leitfaden zurückfinden, der das Rückgrat unserer
Überlegungen bildet. Bevor das geschieht, trotzdem noch eine weitere kurze Abschweifung. In
diesem Kapitel soll, nachdem die Mangelhaftigkeit, die unter dem hier angelegten evolutionären
Maßstab nicht zu übersehende Unfertigkeit unserer biologischen Konstitution so ausführlich
erörtert wurde, vom positiven Aspekt der Angelegenheit die Rede sein. Von den positiven Seiten
also, welche die Evolution, so unglaublich sich das anhören mag, gerade dieser Mangelhaftigkeit
unserer Verfassung abzugewinnen vermochte, indem sie - wie es ihrer Strategie nun einmal
entspricht - wieder einmal aus der Not eine Tugend machte.
Bevor wir zur Erörterung dieses erstaunlichen Sachverhalts auf die biologische Ebene
zurückkehren, kann ich mir hier den Hinweis darauf nicht versagen, dass sich ein erstes Beispiel für
ihn vielleicht schon in einer Sphäre finden lässt, die uns der biologischen ganz entgegengesetzt zu
sein scheint. Ich meine die Sphäre künstlerischer Betätigung. Wo wären denn, so möchte ich einmal
fragen, die Künste, die darstellenden vor allem, aber auch die Dichtkunst, wenn unsere Welt
wirklich so objektiv wäre, wenn sie wirklich so absolut und mit so eindeutigem Sinn feststände, wie
wir es immer voraussetzen? Wo bliebe denn der Raum für diesen menschlichsten aller
menschlichen Bereiche, wenn nicht ganz im Gegenteil die Möglichkeit, ja die Notwendigkeit
gegeben wäre, die Wirklichkeit unserer Welt immer aufs neue zu deuten und auszulegen? Wenn wir
nicht gezwungen wären, der Wandelbarkeit und Vielzahl ihrer niemals endgültig fassbaren
Bedeutungen und Zusammenhänge immer wieder von neuem nachzugehen und den Versuch zu
machen, sie zu entschlüsseln? Dieser Spielraum würde auf ein Nichts zusammenschrumpfen in
einer Welt, die in Wahrheit »objektiv« wäre. Die uns wirklich absolut, losgelöst also von unserer
eigenen Verfassung, in selbständiger Eindeutigkeit gegenüberstände.
Die Besinnung auf diesen Zusammenhang kann uns noch ein Weiteres lehren: Wir würden unsere
Situation auch dann verkennen, wenn wir, nachdem wir unsere Übergangssituation durchschaut
haben, etwa auf den Gedanken kommen sollten, uns an einen späteren, einen zukünftigen Punkt der
Evolution unserer Art zu wünschen. Etwa in der Hoffnung, dann die aus der Unfertigkeit unserer
gegenwärtigen Konstitution unausbleiblich entstehenden Konflikte hinter uns zu wissen, und
womöglich die entspanntere Harmonie einer rationaleren, objektiveren Wirklichkeit genießen zu
können.
Ein solcher Wunsch steckt voller Denkfehler. Denn der vollendete Grad auch unserer Anpassung
drückt sich auch darin aus, dass diese unsere Wirklichkeit, all ihrer unleugbaren Mängel zum Trotz,
die einzige Welt darstellt, in der wir es aushalten können 46. Auf Grund des Zufalls-Charakters der
46
Wir müssen hier selbstverständlich hinzufügen: auch die einzige, in der wir existieren können. Denn wir könnten unsere Wirklichkeit auf gar keine
Weise verlassen, auch nicht mit der utopischen Hilfe einer Zeitmaschine, die uns die Möglichkeit zu einer Reise in die Zukunft gäbe. Deshalb nicht,
weil sie ein subjektives und nicht ein objektiv existierendes, etwa unabhängig von uns selbst sich entwickelndes Phänomen ist. Mehr darüber in den
letzten Kapiteln.
220
Naturgeschichte - Geschichtlichkeit beginnt eben nicht, auch das ein Denkfehler, erst mit dem
Menschen - ist die Zukunft der Evolution zwar unvorhersehbar. Dennoch dürfen wir angesichts be-
stimmter Tendenzen des bisherigen Verlaufs einige Vermutungen äußern. Zu diesen gehört, dass
sich aus der objektiveren Welt evolutionär fortschrittlicherer Nachkommen unserer Art nicht nur
Dichtung und darstellende Künste, sondern auch die Wärme des Gefühls verflüchtigt haben
könnten. Wie auch immer, dorthin versetzt würden wir uns ausgesetzt vorkommen. In der Welt der
Zukunft wären wir nicht weniger Fremdlinge, als in der Wirklichkeit des Zwischenhirns, in die uns
ein Alptraum gelegentlich auch heute noch - zum Glück nur für kurze Augenblicke - zurückfallen
lassen kann.
Aber jetzt endlich zurück auf den verlässlichen Boden biologischer Fakten. Angekündigt war der
Beweis für die Behauptung, dass die Evolution es fertiggebracht habe, aus der mangelhaften
Objektivität, aus dem Fehlen einer »qualitativen Identität« unserer Wirklichkeit einen Vorteil zu
ziehen. Aus der Not der Unzulänglichkeit wieder einmal die Tugend einer positiven Leistung
werden zu lassen.

Die Zeitstruktur des Lebendigen

Erinnern wir uns noch einmal an das erste Beispiel eines solchen Falls, das wir genauer untersucht
hatten. Es handelte sich um das elementare biologische Phänomen der »Gewöhnung«. Als dessen
letzte Ursache hatten wir ebenfalls einen funktionellen »Mangel« entdeckt: die aus energetischen
Gründen resultierende Unfähigkeit biologischer Reizempfänger, beliebig lange unverändert gut zu
funktionieren. Als wir die Folgen betrachteten, hatten wir mit wachsendem Staunen davon Kenntnis
genommen, was alles an positiven Leistungen die Evolution aus dieser unüberwindlichen
Leistungsgrenze herausgeholt hat. Der Mangel des Reizempfängers war dabei zum Ausgangspunkt
für die Entwicklung einiger der raffiniertesten Orientierungssysteme geworden, über die ein höherer
Organismus verfügt.
Angelpunkt dieser Wendung ins Positive war die Ausnützung der Ermüdbarkeit des Reizempfängers
zur Ausschaltung gleichbleibender Informationen aus der Umwelt. Der durchschnittliche
Reizzustrom aus der Umgebung ließ sich auf diese Weise definieren und filtern. Dadurch aber
wurde das Besondere, das Neue, das vom bisherigen Abweichende mit um so größerer Deutlichkeit
erkennbar. Das Phänomen der Ermüdung hatte sich als verwendbar für eine gezielte Auswahl unter
den von außen kommenden Reizen erwiesen. Das aber bedeutete seine Eignung als
Funktionselement neuartiger Orientierungssysteme.
Wir hatten das an zwei Beispielen aus dem Bereich optischer Sinneswahrnehmungen weiter
verfolgt. Das eine waren Küken gewesen, denen »Gewöhnung« die Möglichkeit gab, die häufiger
auftauchenden Flugsilhouetten harmloser Großvögel von den aus biologischer Notwendigkeit
selteneren Silhouetten von Raubvögeln zu unterscheiden. Das zweite Beispiel waren wir selbst. Es

221
stellte sich heraus, dass die Besonderheiten unserer Farbwahrnehmung auf dem gleichen Prinzip
beruhen: das uns unfarbig erscheinende »Weiß« als das Erleben einer durchschnittlichen Mischung
der von der Sonne kommenden sichtbaren Strahlung und »Farbigkeit« als das Abweichen von
dieser Durchschnittssituation in je nach dem Überwiegen der verschiedenen Anteile des
Wellenbandes unterschiedlichen Tönungen.
Ich habe das noch einmal kurz rekapituliert, weil wir jetzt auf einer höheren Stufe, an einer
besonders interessanten Stelle, vor einem analogen Sachverhalt stehen. Die Abhängigkeit der
Beschaffenheit unserer Welt von unseren Stimmungen erscheint auf den ersten Blick um so
bedenklicher, als diese sich in einem fortwährenden Auf und Ab ständig ändern. Auch diese
»Dünung« unserer Stimmungen beruht in letzter Ursache auf der unumgänglichen Leistungsgrenze
eines elementaren biologischen Prinzips. Und auch in diesem Falle hat die Evolution es
fertiggebracht, den Mangel zu einer Quelle zusätzlicher Informationen über die Umwelt werden zu
lassen.
Wir müssen, um das zu verstehen, noch einmal in die Tiefe des vegetativen Fundaments
hinabsteigen, auf der unser bewusstes Erleben auf Grund seiner Entstehungsgeschichte ruht. Hier,
auf der Ebene der ersten Stufe unserer Geschichte, ist der Mangel zu finden, von dem alles seinen
Ausgang nahm. Wieder besteht er in der aus naturgesetzlichen Gründen unübersteigbaren Grenze
einer bestimmten Leistung. Deren Unüberwindlichkeit beruht in diesem Falle jedoch nicht auf den
handgreiflichen Zusammenhängen von Leistung und Energieverbrauch, sondern auf den subtileren
Gesetzlichkeiten biologischer Regelung. Auch diese aber erwiesen sich als unüberwindlich. Auch
sie stellten Gegebenheiten dar, die die Evolution hinzunehmen hatte.
Erinnern wir uns also daran, worum es hier, auf der untersten Etage der biologischen Entwicklung,
vom ersten Augenblick an und bis auf den heutigen Tag geht: um die Aufrechterhaltung des für
einen geordneten Ablauf der komplizierten Stoffwechselvorgänge lebensnotwendigen inneren
Milieus. Die Urzelle hatte sich verselbständigt, hatte sich von ihrer Umgebung abgetrennt. Aus der
Tatsache, dass die Isolierung nicht vollständig sein konnte - Nahrung war aufzunehmen, Abfall
musste ausgeschieden werden -, resultierte die für alles Leben bezeichnende elementare Aufgabe:
die eigene innere Ordnung zu behaupten gegenüber dem relativen Chaos der unbelebten
Umgebung.
Eine ganz bestimmte Konzentration dieser und jener Moleküle und Atome muss gewährleistet sein,
so und so viele Ionen dieses Metalls, diese oder eine andere Menge jenes Salzes oder Radikals. All
das hat mit größter Präzision zu geschehen. Schon minimale Abweichungen lassen das komplizierte
Gleichgewicht der vielfältig ineinander verschlungenen chemischen Abläufe zusammenbrechen.
Wir hatten Beispiele genannt.

222
Die ungeheure Aufgabe ist nur mit Hilfe eines ihrer Kompliziertheit entsprechenden
47
Regelungssystems zu bewältigen. Dessen Grundprinzip ist das der Rückkopplung . Das heißt
nichts anderes, als dass die verschiedenen »Sollwerte« des Zellstoffwechsels sich selbst
kontrollieren. Sobald die Konzentration einer bestimmten Substanz von dem Wert abweicht, der das
biologische Optimum darstellt, löst ebendiese Abweichung eine Gegenregulation aus, die den
ursprünglichen erwünschten Zustand wiederherstellt. Das gilt nicht nur auf der untersten Ebene,
sondern auch noch auf der der vegetativen Syndrome: Ein Absinken der Körpertemperatur löst über
vielfältige Verbindungen, in die die Schilddrüse und die Muskulatur einbezogen sind, eine
vermehrte Wärmeproduktion aus. Ein Absinken des Zuckergehalts im Blut bewirkt eine
Herabsetzung, der Auslöseschwellen für jene Programme, die im Dienste des Nahrungserwerbs
stehen. Und so weiter.
Was ich bisher aber noch nicht erwähnt habe, ist die an dieser Stelle der Geschichte mit einem Male
bedeutungsvoll werdende Tatsache, dass dieses Prinzip der Regelung durch Rückkopplung bei aller
Genialität einen zentralen Mangel aufweist: Es ist grundsätzlich außerstande, auch nur einen
einzigen der Sollwerte, deren Einhaltung es überwacht, wirklich konstant zu stabilisieren, auch nur
für eine noch so kurze Zeit auf gleicher Höhe zu halten. Alle durch Rückkopplung kontrollierten
Größen »schwingen« vielmehr um den angestrebten Wert. Diese Eigentümlichkeit ist deshalb
gänzlich unaufhebbar, weil sie »systemimmanent« ist. Das heißt nichts anderes, als dass sie
Ausdruck und Folge des gleichen Prinzips ist, auf Grund dessen Rückkopplung überhaupt
funktioniert. Denn diese beruht ja gerade darauf, dass es die Abweichung selbst ist, die den
Ausgleich durch Gegenregulation herbeiführt. Das Prinzip einer solchen Selbstkontrolle
biologischer Werte mag daher noch so genial sein. Bei seiner Anwendung hat man unweigerlich in
Kauf zu nehmen, dass die Abweichung immer schon eingetreten sein muss, bevor die Maßnahmen
zur Wiederherstellung des erwünschten Zustands einsetzen können.
Konkret heißt das ganz einfach, dass der Regelungsmechanismus zur Aufrechterhaltung des
Blutzuckerspiegels erst in Gang kommen kann, wenn der Traubenzuckergehalt unseres Blutserums
um einen nennenswerten Betrag vom biologischen Optimum abgewichen ist. Sinkt er um diesen
Betrag, dann werden, soweit vorhanden, Reserven mobilisiert. Aus Glykogen-Depots in der Leber
wird vermittels enzymatischen Abbaus Traubenzucker freigesetzt und ins Blut abgegeben. Zugleich
wird die Schwelle für das Programm »Nahrungserwerb« herabgesetzt. Wir beginnen, Hunger zu
spüren, der sich mit zunehmender Dringlichkeit des Bedarfs mehr und mehr in unserem
Bewusstsein durchsetzt und die Richtung unseres Interesses zunehmend zu beherrschen beginnt, bis
wir dem Trieb nachgeben, etwas zu essen. infolge dieser inneren und äußeren Aktivitäten beginnt
der Blutzuckerspiegel alsbald wieder anzusteigen. Aber auch auf diesem Rückweg in Richtung auf

47
Regelung durch Rückkopplung gibt es nicht nur in lebenden Organismen, sondern in außerordentlich vielen Bereichen der belebten und unbelebten
Natur einschließlich der menschlichen Technik. Die Fülle der Beispiele ist fast beliebig groß. Das Prinzip aber ist in allen Fällen das gleiche, und
deshalb treffen die im Text behandelten Besonderheiten auch in der gleichen Weise sowohl auf technische als auch auf biologische Systeme zu.
223
die biologisch erstrebenswerte Zuckerkonzentration in unserem Blut erweist das diese Funktionen
steuernde System sich als »träge«. Der Anstieg kommt keineswegs in dem Augenblick zum
Stillstand, in dem der Sollwert erreicht ist. So augenblicklich lassen sich die an dem Prozess
beteiligten Hormone gar nicht aus dem Blut entfernen. So plötzlich ist die Freisetzung von
Glykogen in der Leber nicht zu stoppen. Und so unvermittelt setzt auch unser Hungergefühl nicht
»im richtigen Augenblick« aus.
Vor allem aber gilt auch für diesen umgekehrten Ablauf wieder die Regel, dass die Mechanismen,
die den weiteren Anstieg beenden sollen, erst auf den Plan treten können, wenn sie dazu
aufgefordert werden. Das Erreichen der idealen Marke des Sollwerts kann dieses Signal für sie
logischerweise aber nicht darstellen. Denn das Vorliegen dieses Werts ist identisch mit dem
angestrebten Ziel mit der einzigen Situation also, an der nichts geändert werden soll. Wieder muss
also das ganze System erst erneut über das Ziel hinausschießen, bis abermals eine Gegenregulation
in Gang kommt, mit der das gleiche Spiel dann wieder von neuem beginnt.
Das gilt auch dann, wenn wir gesättigt sind. Es gilt immer und ausnahmslos, solange wir am Leben
sind. Auch dann, wenn die Schwankungen so gering bleiben, dass sie in unserem Bewusstsein nicht
als spezifische Gefühls- oder Trieberlebnisse auftauchen. Auch dann hebt und senkt sich unser
Blutzuckerspiegel wie in dem langsamen Rhythmus einer Meeresdünung. Er »schwingt«, wie ein
Regelungstechniker sagen würde, unter den Einflüssen von Regulation und Gegenregulation um
den Sollwert. Anders ist diese Steuerung gar nicht zu bewerkstelligen. Regelung durch
Rückkopplung kann anders nicht erfolgen.
Ein »Mangel« ist das, am Rande bemerkt, auch nur in den Augen eines perfektionistischen
Vorstellungen anhängenden Theoretikers. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, die dafür
sprechen, dass diese Form einer labilen »Homöostase«, eines labilen funktionellen Gleichgewichts
also, für die Reaktionsmöglichkeiten eines lebenden Organismus weitaus bessere und flexiblere
Voraussetzungen schafft, als eine perfekte Starrheit der inneren Verfassung es vermöchte. Der
wertneutrale Begriff der »Leistungsgrenze« ist angesichts dieser charakteristischen Eigentümlich-
keit einer Steuerung durch Rückkopplung jedoch zulässig.
Eben deshalb, weil es sich um eine ganz unvermeidbare Besonderheit handelt, gilt das alles nicht
nur für die Regelung unseres Blutzuckers, sondern ausnahmslos für alle anderen inneren,
vegetativen Funktionen unseres Körpers und die aller anderen lebenden Organismen auch: von der
Körpertemperatur bis zur Konzentration bestimmter Mineralien in unserer Blut- oder
Gewebsflüssigkeit, und von der Aktivität unserer Nieren bis zu der unserer Bauchspeicheldrüse.
Selbst die bei normalem, nicht krebsig entartetem Gewebswachstum selbstverständlich ebenfalls
geregelte Teilungsrate unserer Körperzellen unterliegt einem - in diesem Falle relativ langsamen,
nämlich etwa 24stündigen - Rhythmus.

224
Diese regeltechnische Eigentümlichkeit scheint der Konstruktion der Organismen auch da ihren
Stempel aufgeprägt zu haben, wo andere funktionelle Lösungen denkbar gewesen wären. Aber das
Prinzip der Schwingung durch rückkoppelnde Regelung muss zusammen mit der Verselbständigung
der ersten reduplikationsfähigen Zelle eingeführt worden sein. Es hat somit, auch im Licht eines
evolutionären Maßstabs, ein ehrwürdiges Alter. Als Prinzip der ersten Stunde bestimmte es die
Weiterentwicklung. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass wir kaum einen physiologischen Prozess
kennen, der nicht in der Form einer Schwingung mit meist charakteristischer Frequenz abläuft.
Da haben wir an dem einen, dem kurzwelligen Ende, den Rhythmus der Impulsaktivität der
Nervenzellen unseres Gehirns. Die Frequenz liegt hier in der Größenordnung von Zehntelsekunden.
48
Am anderen Ende des Spektrums stoßen wir auf den Rhythmus von Wachen und Schlafen -
Dazwischen liegen Puls und Atmung, periodische Schwankungen des Blutdrucks und der
Durchblutung sowie, mit einer ungefähr 6-stündigen Frequenz, rhythmische Änderungen der
motorischen, muskulären Aktivität.
Dass Wachen und Schlafen innerhalb eines 24-stündigen Wechsels aufeinander folgen, hat
bekanntlich nicht nur innere Gründe. Die Übereinstimmung dieses Rhythmus mit der zeitlichen
Aufeinanderfolge von Tag und Nacht ist so offensichtlich, dass man es noch bis vor wenigen
Jahrzehnten für selbstverständlich hielt, dass das eine die Ursache des anderen sei. Heute wissen
wir, dass das so nicht stimmt. Wachen und Schlafen sind nicht einfach die Folge des Wechsels von
Tageshelligkeit und nächtlichem Dunkel. Auch sie sind, wie Isolationsversuche bei künstlicher
Beleuchtung über allen Zweifel bewiesen haben, Ausdruck einer endogenen, inneren
»Schwingung«.
Andererseits aber hat sich bei diesen Versuchen auch gezeigt, dass der 24-stündige Rhythmus von
Wachen und Schlafen der optischen Steuerung durch den äußeren Helligkeitswechsel bedarf. Wird
dessen Zeitgeberfunktion im Isolationsexperiment ausgeschaltet, beginnt die »innere Uhr«, der
angeborene Rhythmus von der exakten 24-stündigen Frequenz abzuweichen, meist mit spürbaren
Folgen für das subjektive Wohlbefinden. Dieser Umstand ist auf Grund vieler Veröffentlichungen
der letzten Jahre den meisten Menschen heute schon geläufig. Er verdient hier dennoch eine
ausdrückliche Erwähnung, weil er ein erneutes und besonders anschauliches Beispiel für die schon
diskutierte wichtige Erkenntnis darstellt, dass unser Organismus auf der vegetativen Stufe noch
immer eine funktionelle Einheit mit unserer biologischen Umwelt bildet.

48
Dass es noch wesentlich langwelligere biologische Schwingungen gibt, wird durch den vierwöchigen Menstruationszyklus belegt. Vielleicht gibt es
darüber hinaus Schwingungen mit noch langsamerer Frequenz. Manche Wissenschaftler halten es für wahrscheinlich, dass auch der zeitlichen
Regelung von Wachstum, geschlechtlicher Reifung und Alterung langperiodische biologische Rhythmen zugrunde liegen. Im Falle des Menschen
fiele die längste mögliche Wellenlänge biologischer »Schwingung« dann mit unserer genetisch fixierten Lebensspanne zusammen. Alle diese Fragen
sind bisher aber noch kaum erforscht.
225
Tabellarische Zusammenstellung der wichtigsten biologischen Rhythmen, Schraffiert: Säugetiere, weiß: Mensch. Die 4 senkrechten
Linien entsprechen den wichtigsten Perioden in der Umwelt: Gezeitenrhythmik, Tagesperiodik, Mondumlauf und Jahr.

Alle diese rhythmischen Funktionen sind nun offenbar auf vielfältige Weise miteinander gekoppelt.
Das ist gewiss wunderbar, andererseits aber auch keineswegs verwunderlich. Denn wäre es nicht so,
dann wäre unser Organismus funktionell ein Chaos. Alle lebende Struktur ist geordnete Struktur,
wenn auch meist von einem Grad der Komplexität, der diese Ordnung für unsere Augen schwer
erkennbar werden lässt. So steht die Erforschung der »zeitlichen Ordnung« lebender Organismen
heute auch noch immer in den Anfängen.
Die Wissenschaftler aber, die sich auf diesem Gebiet abmühen - mit der Erforschung der
biologischen Rhythmen also, der »Chronophysiologie«, die Disziplin hat noch nicht einmal einen
allgemein anerkannten Namen -, zweifeln längst nicht mehr daran, dass Lebensfähigkeit auch eine
geordnete Zeitstruktur voraussetzt. So wie sich spezialisierte Zellen zu Organen und diese bei einem
lebenden Individuum zu einer anatomisch fassbaren Ordnung zusammenfügen, so müssen auch die
zahllosen und ganz unterschiedlichen Einzelrhythmen unserer inneren Funktionen in einer
zeitlichen Ordnung harmonisch aufeinander abgestimmt sein. Das wenige, was wir über ihren
Zusammenhang bisher wissen, spricht für die Vermutung, dass sie in einem ganzzahligen Verhältnis
49
zueinander stehen (siehe Abb. oben, sowie Fußnote ).

49
Ein indirekter Hinweis auf die Existenz einer solchen inneren zeitlichen Ordnung ergibt sich aus einer bekannten Erfahrung unseres technischen
Zeitalters. Bei Flugreisen in ostwestlicher (oder umgekehrter) Richtung werden wir mit den heutigen Flugzeugen so schnell in andere Zeitzonen (in
Gebiete mit anderer Ortszeit) versetzt, dass unsere »innere Uhr« mehrere Tage benötigt, bis der Anschluss an die vom Abflugort abweichende
Tag-Nacht-Periodik des neuen Aufenthaltsorts wiederhergestellt ist. Während der Tage der Umstellung fühlen sich die meisten Menschen mehr oder
weniger unwohl: Schlaflosigkeit während der Nacht und Mattigkeit am Tage sind die häufigsten und einleuchtendsten Klagen. Hinzu kommen aber
nicht weniger häufig Verdauungsstörungen, Schweißneigung, allgemeines Schwächegefühl, schlechte Stimmung und andere Formen eines
allgemeinen körperlichen Unbehagens. Diese können den Wiedereintritt eines normalen, der neuen Ortszeit angepassten Schlafrhythmus
bezeichnenderweise noch um Tage überdauern. In diesen Fällen übernimmt offenbar der langwellige 24-Stunden-Rhythmus von Wachen und
Schlafen unter dem Einfluss der äußeren Tag-Nacht-Periodik der neuen Umgebung als Zeitgeber die Führung bei der Umstellung. Die anderen,
kurzwelligeren Funktionen aber hinken mehr oder weniger nach. Während der Umstellung kommt es folglich zu einer Desynchronisation, einem
Zerfall der normalerweise bestehenden inneren »Zeitstruktur«. Die Physiologen vermuten, dass die erwähnten Formen des Unbehagens das Erleben
ebendieser vorübergehenden vegetativen Asynchronizität darstellen.
226
Stimmungen legen die Welt aus

Soweit unser Ausflug zurück in die Tiefe des vegetativen Details. Wie wirkt sich die funktionelle
Eigentümlichkeit, die wir dabei kennengelernt haben, nun oben, an der Spitze der Pyramide aus?
Was sich auf der Ebene des Zwischenhirns abspielt, so hatten wir festgestellt, erleben wir als
Gefühle, Stimmungen oder Antriebe. Je nach dem Wechselspiel ständig sich ändernder Schwellen
oder Bereitschaften treten diese oder jene Eigenschaften der Umwelt als hervorgehobene Qualitäten
und »Anmutungen« für unser Erleben mehr oder weniger aufdringlich hervor.
Die Senkung der Hungerschwelle führt dazu, dass aus dem Informationsangebot der Umwelt
selektiv jene Signale ausgewählt werden, die als potentielle Auslöser in Frage kommen und daher
mit den Kategorien essbar und ungenießbar in Beziehung stehen. Eine auf analoge Weise erhöhte
sexuelle Bereitschaft lässt andere, ebenso spezifische Signale aus der Umwelt mit zunehmender
Aufdringlichkeit ins Bewusstsein treten. Angstbereitschaft macht für wieder andere, jetzt mit der
Vergänglichkeit oder Bedrohlichkeit der Welt zusammenhängende Informationen besonders
empfänglich. Mit jeder neuen Stimmung ändert sich der Charakter der von uns erlebten Welt. Jede
unserer Stimmungen legt die Welt auf eine andere, auf ihre besondere Weise aus.
Wie also spiegelt sich im Rahmen dieser Zusammenhänge nun die Besonderheit der biologischen
Regelung aller vegetativen Funktionen in unserem erlebenden Bewusstsein? Worin besteht das
psychologische Korrelat der Tatsache, dass die Regelung nur in der Zeitgestalt periodischer
Schwingungen zu verwirklichen ist? Ich behaupte, dass dieses Korrelat von dem ständigen,
psychologisch nicht begründeten Auf und Ab unserer normalen täglichen Stimmungsschwankungen
gebildet wird. Dass die erläuterte regeltechnische Besonderheit der vegetativen Basis in dieser Form
bis zur obersten Stufe unseres bewussten Welterlebens durchschlägt.
Das Schema skizziert anhand einiger weniger Beispiele die langsame Entstehung des Großhirns auf
dem Fundament älterer, auch bei uns noch existierender Hirnteile.
Hier sind zur Vermeidung, von Missverständnissen einige zusätzliche Anmerkungen notwendig.
Was heißt in diesem Zusammenhang »psychologisch nicht begründet«? Greifen wir zum
Verständnis noch einmal auf den Begriff der »Zeitstruktur« zurück, als den wir den lebenden
Organismus eben beschrieben haben. Die geordnete Hierarchie harmonisch aufeinander
abgestimmter periodischer Funktionen macht jedes Lebewesen - und so auch uns selbst - zu einem
»schwingungsfähigen System«. In anschaulicherer und poetischer Redeweise könnte man an einen
Vergleich mit einer Glocke denken.

227
Der Vergleich zwischen den Gehirnen unterschiedlich weit entwickelter Arten liefert auch heute noch Hinweise auf den

Entwicklungsweg, den unser eigenes Gehirn hinter sich gebracht hat. Die neuropbysiologische und ethologische Untersuchung von
Gehirnen und Tieren unterschiedlicher Entwicklungshöhe erlaubt darüber hinaus auch Rückschlüsse auf die Entstehungsgeschichte
bestimmter Funktionen, Leistungen und Fähigkeiten.

Wie diese, so ist auch der Organismus fähig zur Resonanz. Fähig also, sich durch ganz bestimmte
»Frequenzen« von außen zum Mitschwingen anregen zu lassen. Von der eigenen Abstimmung hängt
es ab, welche »Frequenzen« diesen Effekt haben und welche anderen wirkungslos bleiben - bei der
Glocke und ebenso auch bei uns selbst. Je nach unserer eigenen Stimmung können bestimmte
Erlebnisse, Menschen oder Nachrichten uns »zum Mitschwingen« bringen - oder »kalt lassen«,
können Menschen oder Geschehnisse uns mit ihrer Stimmung »anstecken« oder nicht.

228
Das ist wieder nur ein anderer Aspekt eines Sachverhalts, der uns bereits geläufig ist: der Einheit
von Subjekt und Umwelt auf der Ebene der Stimmungen. Aber hüten wir uns, den simplen
Vergleich mit der Glocke zu weit zu treiben. Im Unterschied zu einem solchen mechanischen
Schwingungssystem ist ein lebender Organismus auch aus sich selbst heraus, »endogen« anregbar.
Was wir bisher genannt hatten, das waren alles Beispiele für eine von außen erfolgende Anregung.
Für eine »Ansteckung« durch Faktoren in der Umwelt, die unsere Stimmung so oder so stimulieren.
Dabei handelt es sich stets um das, was der Psychologe als eine »motivierte«, psychologisch
einfühlbare Stimmungsbeeinflussung bezeichnet.
Es gibt aber auch das andere. Wir erleben oder erfahren an uns tagtäglich auch Stimmungen, für die
es psychologisch einfühlbare Anlässe gibt. Stimmungen oder Schwankungen unserer Stimmung, die
eben nicht »motiviert«, sondern das Resultat endogener Faktoren sind. Zwar neigen wir stets dazu,
solche endogenen Schwankungen als psychologisch ausgelöst anzusehen. Anlässe finden sich ja
immer, im Positiven wie im Negativen. Oft ist es, eben wegen der Entsprechung zwischen der
eigenen Stimmung und dem, was mich an der Umwelt vor allem beeindruckt, tatsächlich kaum
noch möglich, zu unterscheiden, was Anlass und was Folge war.
Trotzdem besteht kein Zweifel daran, dass die innere Abstimmung eines lebenden Organismus auch
von endogenen Faktoren abhängt. Die unbefangene Selbstbeobachtung lehrt uns, dass wir nicht nur
als Folge von Erlebnissen, aus psychologischer Ursache, verstimmt sein können, sondern ebenso
auch, ohne dass sich ein Grund finden ließe. Natürlich gibt es auch in diesen Fällen einen Grund.
Aber er lässt sich nicht finden, nicht im bewussten Selbsterleben jedenfalls. Das kommt daher, dass
er in den hier gemeinten Fällen nicht aus der Dimension des Erlebens, nicht aus dem Bereich
psychologischer Erfahrung stammt, sondern aus den darunter gelegenen Schichten des biologischen
Fundaments.
Das Gefühl gedrückter Lustlosigkeit, in das wir nach einer schweren Enttäuschung verfallen
können, unterscheidet sich für uns in nichts von dem gleichen Gefühl, das wir als Folge einer
körperlichen Unpässlichkeit erleben können, die sich sonst vielleicht noch durch kein anderes
Anzeichen verrät. Ebenso gibt es, seltener, vor allem im höheren Lebensalter seltener, auch das
Umgekehrte: das unvermittelte Aufsteigen einer freudigen, angeregten Stimmung, für die es keinen
äußeren, keinen psychologisch verständlichen Anlass gibt.
Wer sich selbst gut beobachten kann, wird bestätigen, dass mit einer solchen aus dem »endogenen
Untergrund« aufsteigenden gehobenen Stimmung mitunter sogar eine gewisse Ratlosigkeit
einhergeht: man sucht dann nach dem Anlass für diese unerklärliche Beschwingtheit und glaubt, ihn
vergessen zu haben, weil er sich nicht finden lässt. In Wahrheit gibt es ihn nicht, jedenfalls nicht in
der psychischen Dimension. Auch dieses vorübergehende Erleben eines grundlosen Glücksgefühls
hat seine Entsprechung im biologischen Fundament. In diesem Falle offenbar in dem immer nur

229
vorübergehend erreichbaren Zustand einer besonders gelungenen, besonders harmonischen
Abstimmung aller vegetativen Einzelfunktionen des eigenen Körpers 50.
So sind wir folglich ständig auf irgendeine Weise gestimmt. Die Vorzeichen wechseln, ebenso die
Intensität. Aber wir alle bewegen uns während unseres ganzen Lebens fortwährend zwischen den
Polen gedrückter, besorgter, selbstunsicherer Zaghaftigkeit und optimistischer, hoffnungsvoller, zu
Aktivität drängender Unternehmungslust hin und her. Präziser sollte es vielleicht heißen: Wir
werden zwischen diesen Polen hin und her bewegt. Denn es geschieht ohne unser Zutun.
So lange wir psychisch gesund sind, ist niemand davon ausgenommen. Die Intensität und die
Häufigkeit der Schwankungen bilden für uns sogar ein wesentliches Charakteristikum eines
bestimmten Menschen. Dass es so ist, verrät schon unsere Sprache: Wenn wir eine konkrete, in ihrer
Individualität nicht austauschbare Persönlichkeit meinen, sprechen wir eben deshalb wie
selbstverständlich von einem ganz »bestimmten« Menschen, weil ihre emotionale Eigenart eine
Person in unseren Augen offenbar charakteristischer kennzeichnet als jede andere ihrer Eigen-
schaften.
Das ist durchaus berechtigt. Die emotionale Konstitution eines Menschen, also seine
durchschnittliche Grundstimmung, die Häufigkeit und das Ausmaß der bei ihm auftretenden
Stimmungsschwankungen, bilden in mehr als einem Sinne die Basis für alle seine psychischen
Aktivitäten. Als der psychische Ausdruck einer individuellen vegetativen Konstitution ist diese
Basis letztlich im Erbgefüge verankert und damit angeboren.
Neben der Bandbreite - dem Ausmaß der Schwankungen - und dem Ort im Spektrum - der
durchschnittlichen Grundstimmung - gehört zu dieser psychischen Basis schließlich auch noch die
emotionale Stabilität: der eine ist durch psychische Einflüsse schnell und intensiv aus dem
Stimmungsgleichgewicht zu bringen, ein anderer weniger oder kaum jemals.
Aber hier geht es nicht um eine Einführung in die Grundlagen der medizinischen Psychologie. Für
uns steht angesichts der mit den letzten Sätzen in Erinnerung gerufenen psychischen Allgegenwart
emotionaler Faktoren eine ganz spezielle Frage im Vordergrund: Was bedeutet diese unaufhebbare
und ununterbrochene Wirksamkeit von Stimmungen für unsere Beziehung zur Welt? Was bedeutet
sie vor allem, wenn wir gleichzeitig die schon ausführlich auseinandergesetzte Einsicht berück-
sichtigen, dass die von uns erlebte Welt ihr Gesicht im Einklang mit unseren Stimmungen ändert?
Nur in ihrer Dinglichkeit bleibt diese angeblich objektive Welt identisch, so hatten wir festgestellt,
keineswegs aber in ihrer Qualität.
Im ersten Augenblick glauben wir auch hier wieder nur einen negativen Aspekt entdecken zu
können. Im ersten Augenblick scheint uns die dem Ganzen zugrundeliegende Leistungsbegrenzung

50
Der handgreiflichste Beweis für die Beeinflussbarkeit unserer Stimmung »von innen«, von der vegetativen Basis her, ist die Wirkung
euphorisierender Drogen. Die Verführung zum Einnehmen derartiger Substanzen beruht gerade darauf, dass sie den unmittelbarsten und bequemsten
Zugang zu einem intensiven Glücksgefühl verheißen. Dass dieser Weg ein Kurzschluss im doppelten Wortsinn ist, zeigt der unausbleibliche Ruin
derer, die der Versuchung erliegen. Ihr Schicksal ist die Folge der Zerstörung des subtilen vegetativen Gefüges, das uns mit der Umwelt verbindet,
durch die brutale Wirkung des Suchtmittels.
230
der vegetativen Regelung auch hier »oben«, auf der Ebene bewussten Erlebens, lediglich einen
Mangel zu bewirken. Denn sind es etwa nicht unsere Stimmungen, die uns den Weg zur Erkenntnis
der »wahren« Natur der Welt versperren, der uns sonst womöglich offen stände? Und ist es etwa
nicht das aus den erläuterten Regelungsgesetzen unvermeidlich resultierende ständige Auf und Ab
unserer Stimmungen, das in dem gleichen Takt und dem gleichen Ausmaß auch das Aussehen dieser
Welt für uns zwischen den Polen des Bedrohlichen und des Verlockenden hin und her schwanken
lässt? »Verfälschen« also unsere Stimmungen etwa nicht die »wahre Beschaffenheit« der Welt?

Gemütsbewegungen als Überlebenshilfe

Aber allem Augenschein zum Trotz muss jemand, der so urteilt, sich vorhalten lassen, dass er
unsere Lage aus der falschen Perspektive betrachtet. Wie schon bei früheren Gelegenheiten, so ist
der Eindruck des Mangels, des Negativen, auch hier wieder lediglich die Folge eines falsch
gewählten Standorts. Auch dieses Mal dürfen wir die Angelegenheit nicht »von oben« betrachten,
sondern einzig aus der genetisch und historisch allein zulässigen Richtung. Das Urteil »Fälschung«
darf nur aussprechen, wer das Original kennt. Von Verfälschung, der Wirklichkeit unserer Welt zu
reden, wäre nur dann zulässig, wenn wir in der Lage wären, eine objektive Bedeutung der von uns
erlebten Welt festzustellen. Diese Möglichkeit aber liegt für unsere Spezies noch in der Zukunft.
Machen wir es kurz: Was uns den Eindruck suggeriert, unsere Stimmungen verlegten uns den
Zugang zur Wahrnehmung der Welt in ihrer wahren Beschaffenheit, ist wieder nur die im
vorhergehenden Kapitel schon zerpflückte Illusion. Hinter diesem Eindruck verbirgt sich der
Glaube, wir seien auf unserer evolutionären Wanderung aus der Welt des Zwischenhirns in die des
objektiven, rationalen Welterlebens schon am Ziel angekommen. In Wahrheit fehlt dazu, wie wir
sahen, noch ein nicht unbeträchtliches Wegstück. Wenn man das berücksichtigt, dann ändern sich
mit einem Male die Kategorien der Beurteilung grundlegend.
Dann geht uns auf, dass unsere Gemütsbewegungen, weit davon entfernt, uns den Anblick der Welt
zu versperren, in ihrer Gesamtheit ganz im Gegenteil ein Organ der Wahrnehmung bilden. Nicht zur
Wahrnehmung einer objektiven Welt allerdings, die uns, um es noch einmal mit Nachdruck zu
betonen, auch auf keine andere Weise zugänglich, die uns in Wahrheit nicht einmal vorstellbar ist.
Das aber, was diese Gemütsbewegungen uns auf eine unüberbietbar zuverlässige Weise verschaffen,
das ist der Anblick der uns gemäßen Wirklichkeit.
Das Vorurteil von der rationalen Natur unseres Welterlebens sitzt so tief, dass ich noch einmal daran
erinnern muss: unser Gehirn ist von der Evolution nicht dazu entwickelt worden, uns die Welt
erkennen zu lassen, sondern allein zu dem Zweck, uns in dieser Welt das Überleben zu
ermöglichen. Dass wir es seit einiger Zeit - vielleicht seit einigen Jahrhunderttausenden - auch zur
Erkenntnis der Welt benutzen können, ist auf den gleichen Grund zurückzuführen, aus dem man mit
einem Computer, der zu ganz anderen Zwecken entwickelt wurde, unter Umständen auch Schach

231
spielen kann. Von einem gewissen Grade der Komplexität an ergeben sich unvorhersehbar - in der
Technik wie schon seit jeher in der Evolution - neuartige Freiheitsräume.
Die Art und Weise, in der wir die Welt unter dem Einfluss unseres Gemüts wahrnehmen, mag vom
Standpunkt einer zu voller Rationalität entwickelten hypothetischen Intelligenz mangelhaft
erscheinen. Für uns jedoch, deren evolutionärer Standort von dieser Möglichkeit noch weit entfernt
ist, stellt sie, ebenso wie alle anderen Lösungen der Evolution, das Optimum dar.
Für uns ist die Welt primär noch immer nicht Objekt der Erkenntnis, sondern der Ort, an dem wir
überleben müssen. Deshalb sind die Eigenschaften der Welt für uns auch nicht zwischen den Polen
»wahr« oder »falsch«, sondern zwischen den Kategorien »lebensfreundlich« oder »lebensfeindlich«
angesiedelt. Genau diese Bedeutungen aber lässt uns unser unter dem ständigen Einfluss unserer
Stimmungen stehender Wahrnehmungsapparat unmittelbar erleben. Was immer auch uns in dieser
Welt begegnet, ist unter dieser Rubrik von vornherein für uns gekennzeichnet: Es ist angenehm oder
unangenehm, anziehend oder abstoßend, es gefällt uns oder flößt uns Angst ein. Diese Qualitäten
mögen nicht immer aufdringlich genug sein, um bewusst von uns registriert zu werden. Sie können
in jenen Augenblicken, in denen wir von der uns schon zur Verfügung stehenden Rationalität
Gebrauch machen, vorübergehend vielleicht auch einmal verblassen. Ganz verschwunden sind sie
niemals.
Die Natur sorgt für ihre Geschöpfe. Und so sorgt die Evolution auch für uns. Wir sind noch nicht
weit genug entwickelt, um zu voller Mündigkeit aus aller Obhut entlassen zu werden. Was uns in
dieser Welt frommt und was nicht, was gut für uns ist und was uns bedrohen könnte, darüber zu
entscheiden, wird nicht unserem Urteil überlassen. Es wird vorab für uns entschieden. Wir haben
nicht die Freiheit, darüber zu befinden, was uns angenehm oder widerwärtig schmeckt, was uns
Anlass zu Freude oder zu Angst sein soll. Alle diese Qualitäten erleben wir ganz unmittelbar als
Eigenschaften der Dinge selbst, die uns begegnen.
Die Entscheidung ist also nicht unserem Urteil anvertraut. Wessen Urteil dann? Hier haben wir
genau jene Stelle vor uns, an der auch wir noch auf Grund von Erfahrungen urteilen, die nicht wir
selbst gemacht haben, sondern unsere Art. Unsere individuelle Lernfähigkeit ist weit entwickelt.
Auch unser intellektuelles Urteilsvermögen hat uns hoch über das Niveau aller anderen irdischen
Lebewesen herausgehoben. Völlig selbständig aber stehen auch wir der Welt noch nicht gegenüber.
Unsere Stimmungen gewährleisten, dass wir mit ihr noch immer wie mit einer Nabelschnur
verbunden bleiben. Ganz ist die ursprüngliche Einheit von Organismus und Umwelt auch bei uns
noch nicht aufgehoben. Sie ist in unserem Erleben noch immer in Gestalt der harmonischen
Entsprechung wirksam, die zwischen unserer inneren Bereitschaft besteht und dem Anblick, den die
Welt uns bietet. Geht es uns miserabel, so ist er es auch. Je schlechter unser Befinden, um so
weniger attraktiv präsentiert sich uns die Welt. Wobei es wiederum gleichgültig ist, welche
Ursachen unser Missbefinden hat. Vergessen wir nicht, dass wir auch dann, wenn es sich nicht um
232
eine greifbare körperliche Unpässlichkeit handelt, sondern lediglich um ein medizinisch nicht
fassbares Stimmungstief, als Ursache eine Störung der vegetativen Harmonie, der »Abstimmung«
unserer vegetativen Körperfunktionen anzunehmen haben.
Der biologische Sinn dieser von unserem Gemüt hergestellten Übereinstimmung von Ich und Welt
liegt offen zutage. Einer mangelhaften Leistungsfähigkeit, dem Fehlen von Leistungsreserven,
entspricht ein die Versuchung zu solcher Leistung von vornherein ausschließender Anblick der
Welt. So wie im Falle der Sättigung aus der Umwelt die Qualitäten des verlockend Genießbaren
verschwinden, so verliert im Zustand der Unlust oder Depression die Welt insgesamt die
Eigenschaften, die sie für uns anziehend machen könnten. Selbstverständlich gilt auch das
Umgekehrte: Eine ungestörte Gesundheit, ein Zustand besonders guter körperlicher Verfassung,
eine optimale Harmonie aller vegetativen Funktionen, das kann sich psychisch in einer angeregten,
freudigen Stimmung ausdrücken, der sich die Welt als ein weites Feld offenstehender
Möglichkeiten präsentiert.
Keine Rede also davon, dass unsere Stimmungen uns den Blick auf die Objektivität der Welt
verstellten. Diese Objektivität gibt es auf der von uns erreichten Entwicklungsstufe noch nicht. Man
kann es nicht oft genug sagen. Richtig ist, dass unsere Stimmungen das Aussehen, die Beschaffen-
heit unserer Wirklichkeit »bestimmen«. Eben dadurch aber gewährleisten sie die Übereinstimmung
zwischen dem Ich und seiner Welt mit all den im Interesse unserer biologischen Geborgenheit
daraus sich ergebenden Vorteilen.
Jetzt lässt sich auch begründen, mit welchem Recht wir unserem Gemüt als der Gesamtheit unserer
Stimmungen und Affekte den Rang eines Organs der Erkenntnis zusprechen dürfen. Der
Gegenstand seiner Erkenntnis kann zwar nicht »die« Welt sein, wohl aber unsere Wirklichkeit. Am
Rande: Erkenntnis ist, wie unser Fall zeigt, keine nur rezeptive, bloß passive, sondern eine durchaus
aktive, kreative Leistung. Als Folge der aus den beschriebenen Gründen ganz unvermeidlichen
»normalen« Schwankungen unserer Stimmung tauchen in unserer Wirklichkeit in ständigem
Wechsel und immer von neuem alle die Eigenschaften der Welt auf, die für unsere Existenz
bedeutsam sind 51.
Getragen von diesem ständigen Auf und Ab unserer Stimmung durchmustern wir die Welt folglich
fortwährend auf ihre Möglichkeiten und Gefahren. Unser Gemüt ist einem Scheinwerferstrahl
vergleichbar, der das Spektrum der Bedeutungen, die die Welt für uns bereithält, ununterbrochen
abtastet und in unser Blickfeld rückt. Gehobene Stimmungen weisen uns auf noch ungenützte
Chancen hin und ermuntern uns dazu, neue Möglichkeiten zu versuchen. Aber auch die normalen
Tiefpunkte, die Depressionen unseres Alltags, haben ihre Funktion: Sie veranlassen uns, das
Erreichte selbstkritisch zu überprüfen und vor denkbaren Risiken zu sichern.

51
Es kann, aus krankhafter Ursache, geschehen, dass diese Schwingungsfähigkeit unserer Stimmungen erstarrt. Das Resultat einer solchen Störung ist
das, was die Psychiater eine »Gemütserkrankung« nennen. Rastet die Stimmung am unteren depressiven Pol ein, so ergibt sich daraus -das
Erscheinungsbild einer krankhaften, endogenen Depression. Im umgekehrten Falle resultiert eine »Manie«.
233
Ich brauche abschließend sicher nicht mehr im Detail auf alle die Besonderheiten einzugehen, an
denen abzulesen ist, in welchem Maße es hier, im Bereich unserer Stimmungen, auch bei uns noch
das Zwischenhirn ist, das unsere Beziehung zur Welt regelt: Die Einheit von Subjekt und Welt, das
Fehlen belangloser Inhalte, das Erleben von Bedeutungen als Eigenschaften der Dinge selbst, die
egozentrische Perspektive der in der Stimmung auftauchenden Wirklichkeit, in der alle
Bedeutungen auf das erlebende Subjekt zielen - das alles kennen wir inzwischen zur Genüge. So ist
dieses höchst eigentümliche Erkenntnisorgan, das von unseren Stimmungen gebildet wird, zugleich
auch ein erneuter Beleg für die Behauptung, dass wir das Tier-Mensch-Übergangsfeld noch nicht
vollständig durchschritten haben. Dass unser Geschlecht, anders gesagt, bei seiner evolutionären
Wanderung von der Wirklichkeit des Zwischenhirns zur objektiven Welt des Großhirns noch immer
unterwegs ist.
Vermutlich ist es wieder der naive Glaube, wir seien am Ziel schon angekommen, der uns die
Erkenntnisfunktion unserer Stimmungen meist übersehen oder als »Verfälschung« unseres Bildes
von der Welt beurteilen lässt. Mit der Freiheit der rationalen Begegnung mit einer unabhängig vom
erlebenden Subjekt existierenden objektiven Welt hat die Auslegung unserer Wirklichkeit durch
unsere Stimmungen tatsächlich auch nichts gemein. Aber diese Freiheit gibt es auf der von uns
erreichten Entwicklungsstufe eben ohnehin noch nicht.
So ist unsere Lage der des Moses vergleichbar, dem das »gelobte Land« aus der Ferne immerhin
gezeigt worden, ist, das er selbst nicht mehr erreichen sollte. Wobei noch die Frage zu stellen wäre,
ob uns dieses in einer evolutionären Zukunft gelegene Land, in dem ferne Nachfahren unseres
Geschlechts sich eines Tages vielleicht wirklich einer absoluten, objektiv gegebenen Welt in
rationaler Freiheit gegenüber sehen werden, ob dieses Land uns, so wie wir heute sind, auch aus der
Nähe noch verheißungsvoll erscheinen würde. Aber wir brauchen uns darüber den Kopf nicht zu
zerbrechen. Die Frage ist schon deshalb müßig, weil feststeht, dass wir dieses Land nie betreten
werden.

234
21. Die Wirklichkeit des Menschen

Vom Ursprung des Denkens

Unser Geist ist nicht fix und fertig vom Himmel gefallen. Man merkt es ihm an. Als unser Gehirn
vor - sagen wir - einer Million Jahren langsam zum Bewusstsein seiner selbst zu erwachen begann,
war es schon mindestens eine Milliarde Jahre alt. Als im Erleben des Subjekts erstmals das Abbild
der Außenwelt auftauchte, waren alle Entscheidungen längst gefallen, von denen das Aussehen
dieses Bildes abhing.
In allen Fällen hatte es sich um biologische Entscheidungen gehandelt. Keine von ihnen war etwa
unter dem Gesichtspunkt getroffen worden, dem Organismus möglichst objektive Informationen
über seine Umwelt zu liefern. Jeder Schritt hatte immer nur dem gleichen Zweck gedient: die
Chancen des Überlebens zu verbessern. Dass - in evolutionärem Maßstab gesehen - seit
allerjüngster Zeit dennoch eine Tendenz zu immer umfassenderer und gegenständlicherer
Erkenntnis der Außenwelt aus dieser Entwicklung resultiert, bedarf unter diesen Umständen der
Erklärung. Das gleiche gilt für die bei dieser Vorgeschichte unseres Wahrnehmungsapparats
dringend angebrachte Frage, wie ähnlich das Abbild dem Original ist: Wieweit die Wirklichkeit, die
wir erleben, der real existierenden Welt entspricht.
Ich möchte diese Überlegung mit einem letzten, besonders eindrucksvollen Beispiel für die
gänzliche Absichtslosigkeit evolutionären Fortschritts einleiten. Es stammt aus der
Entwicklungsgeschichte unserer optischen Wahrnehmung. Die Wahl ist nicht zufällig, wie sich
herausstellen wird. Die historische Beziehung dieses gegenständlichsten unserer Fernsinne zu dem
Phänomen, das wir »abstraktes Denken« nennen, ist größer, als mancher glauben möchte.
Der evolutive Fortschritt, der unser Beispiel bildet, ist der Übergang vom einäugigen
Bewegungssehen zur binokularen (zweiäugigen) Raumwahrnehmung. Abbildung 16 belegt an
einigen einfachen Beispielen die Tatsache, dass der eine Wahrnehmungstyp im Verlaufe der
Weiterentwicklung aus dem anderen hervorgegangen ist. Die stereoskopische Raumwahrnehmung
ist, wie nicht weiter begründet zu werden braucht, die fortschrittlichere Leistung.
Die Frage, welche Ursache sie aus der archaischeren monokularen (einäugigen) Sehweise
hervorgehen ließ, ist ein Schulbeispiel für die Urfrage aller Evolution. Was hat die langsame
Wanderung der Augen aus einer seitlichen in eine frontale Stellung im Schädel veranlasst? Ihre
Folge war die Überschneidung der Gesichtsfelder beider Augen, eine fundamentale Voraussetzung
zum stereoskopischen Sehen. Aber dieser Erfolg stand erst am Ende der Veränderung. Er kann, ehe
es ihn gab, logischerweise nicht ihre Ursache gewesen sein.
Was also ist der Grund dafür gewesen, dass sich die Augen bei unseren noch vormenschlichen
Urahnen zu einer langen, Tausende von Generationen währenden Wanderung im Schädel in
Bewegung setzten? Worin kann der Vorteil bestanden haben, wenn ihre Augen sich so nach vorn
235
verlagerten, dass deren Gesichtsfelder sich mehr und mehr überlappten? Der Vorteil muss, um als
Ursache gewirkt haben zu können, vom ersten Augenblick an spürbar gewesen sein.
Er muss so groß gewesen sein, dass er sogar den Nachteil überwog, der sich daraus ergab, dass bei
dieser Wanderung zwangsläufig ein immer größerer Anteil des rückwärtigen Gesichtsfelds der
optischen Kontrolle entzogen wurde. Wir müssen uns daran erinnern, dass die Augen auf dieser
Entwicklungsstufe noch nicht zum Sehen dienten. Dass sie nicht abbildende Organe waren, sondern
optische Bewegungsdetektoren. Dieser Aufgabe entsprach der Rundum-Horizont des archaischen
Gesichtsfeld-Typs ohne jeden Zweifel optimal. Welcher Gewinn ist denkbar, der den Organismus
veranlassen konnte, ihn aufzugeben?
Diese Frage gehörte bis vor kurzer Zeit zu jenen scheinbar unbeantwortbaren Problemen, die sich
eben deshalb bei den in der gebildeten Öffentlichkeit noch immer nicht ausgestorbenen
ideologischen Gegnern des Evolutionsgedankens so großer Beliebtheit erfreuen. Seit 1972 ist sie
jedoch als Argument für diesen Zweck nicht mehr geeignet. In diesem Jahr veröffentlichte der
englische Wissenschaftler John Fremlin eine überzeugende Erklärung: Die zunehmende
Überschneidung der Gesichtsfelder beider Augen erlaubte aus physikalischen Gründen eine
Steigerung ihrer Lichtempfindlichkeit um rund das Zehnfache. Daraus aber resultierten für
nachtaktive Lebewesen selbstverständlich entscheidende Überlebensvorteile.
In Kapitel 7 wurde schon erwähnt, dass die Lichtempfindlichkeit unserer Augen so groß ist, dass
schon 20-70 Lichtquanten eine subjektive Helligkeitsempfindung auslösen. Damit aber liegt ihre
Empfindlichkeit nachrichtentechnisch gesprochen bereits innerhalb des »Rauschpegels«. Was heißt
das?
Wenn man in völliger Dunkelheit beide Augen schließt, ist das Gesichtsfeld keineswegs
vollkommen schwarz. Man sieht dann vielmehr eine wolkenartige, hin und her wogende matte
Lichtzeichnung, die ständig ihre Form ändert. Sie entsteht aus inneren, in der Netzhaut gelegenen
Ursachen. Oberhalb des absoluten Nullpunkts der Temperaturskala ist es ganz unvermeidlich, dass
auch in der unbeleuchteten Netzhaut geringfügige molekulare und elektrische Vorgänge ablaufen.
Sie entstehen dort aus den prinzipiell gleichen Gründen, aus denen ein eingeschalteter Lautsprecher
vernehmlich rauscht, wenn kein Sender eingestellt ist. Er tut es auch dann, man hört es in der Regel
dann nur nicht mehr, weil die vom Sender kommenden Impulse »über dem Rauschpegel« liegen.
Die schwache Lichtempfindung, die wir bei völliger Dunkelheit wahrnehmen, ist nichts anderes als
das »optische Rauschen« unserer Netzhäute. Und nun leuchtet es ohne weiteres ein, dass dieses
physikalische Phänomen der Lichtempfindlichkeit unserer Augen eine äußerste Grenze setzt.
Lichteindrücke können nur so lange registriert, dass heißt, als mit Sicherheit aus der Außenwelt
stammende Informationen beurteilt werden, wie sie eindeutig vom »Eigenrauschen« der Netzhäute
zu trennen sind.

236
Das ist immer dann der Fall, wenn ein eintreffender Lichtreiz »über dem optischen Rauschpegel«
liegt. Wenn seine Energie also deutlich größer ist als die der Eigenaktivität der Netzhaut. Aber es
gibt, wenn man zwei Augen hat, noch eine ganz andere, viel raffiniertere Möglichkeit, innere und
äußere Erregungen voneinander zu trennen: den Vergleich. Und genau diese Möglichkeit ist nach
John Fremlin der Grund dafür gewesen, dass die Evolution die Entstehung eines gemeinsamen
Gesichtsfelds für beide Augen begünstigte.
Die Erklärung erscheint zwingend. Rauscherscheinungen, ob in der Technik oder der belebten
Natur, sind Schulbeispiele für statistisch regellose Phänomene. Die Lichtmuster, die wir infolge der
Eigenaktivität unserer Netzhäute sehen können, sind von völliger Zufälligkeit und Regellosigkeit.
Sie sind deshalb auch in beiden Netzhäuten stets verschieden. Für einen von außen kommenden
Reiz jedoch gilt selbstverständlich das Gegenteil. Jeder wirklich der Außenwelt zugehörige
Lichtreiz wird in beiden Netzhäuten im gleichen Augenblick an der gleichen Stelle registriert, wenn
er aus einem Teil des Gesichtsfelds stammt, das beiden Augen gemeinsam ist.
Das Gehirn braucht dann also nur die von beiden Augen kommenden Informationen miteinander zu
vergleichen und alle Meldungen zu verwerfen, die nicht von beiden Seiten bestätigt werden. Mit
diesem Prinzip ist es möglich, objektive Lichtreize selbst dann noch als solche zu erkennen, wenn
sie so schwach sind, dass sie sich vom Rauschpegel nicht mehr durch ihre Energie abheben. Dass
das Wörtchen »nur« im vorletzten Satz die Existenz staunenswerter, uns in ihrer Komplexität heute
noch gänzlich undurchschaubarer Verrechnungsapparaturen in unseren Netzhäuten und in den
Sehzentren unseres Gehirns voraussetzt, braucht kaum besonders betont zu werden.
Ein starkes Argument für die Richtigkeit der Erklärung Fremlins ergibt sich bei der
Berücksichtigung der Lebensgewohnheiten nah verwandter Arten. So sitzen bei fast allen Vögeln
die Augen seitlich im Kopf. Aber bei den Eulen zum Beispiel, die nachts auf Beutefang gehen,
stehen sie frontal im Gesicht - und verleihen diesen Tieren für unser Empfinden damit gleichzeitig
ihren sprichwörtlich »klugen Ausdruck«! Ähnliche Unterschiede hinsichtlich der Augenstellung
ergeben sich bei einem Vergleich zwischen den verschiedenen Großsäuger-Arten: Bei den
tagaktiven Pflanzenfressern unter ihnen überwiegt die seitliche Augenstellung, bei den nachtaktiven
Jägern, für die eine maximale Lichtempfindlichkeit wichtiger ist als das Erhaltenbleiben der
rückwärtigen Gesichtsfeldanteile, ist das Gegenteil zu beobachten 52.
Nachdem es auf diesem Wege - aus völlig anderen Gründen also! - dazu gekommen war, dass beide
Augen den gleichen Ausschnitt der Außenwelt erfassten, hatte die Evolution Gelegenheit, die neu
entstandene Situation auf neue Möglichkeiten hin zu durchmustern. Das Resultat bestand in der
Erfindung, der stereoskopischen Raumwahrnehmung, des unmittelbar »plastischen« Sehens. Wieder
wurde dabei »aus der Not eine Tugend« gemacht. Der Mangel bestand diesmal in der ganz

52
John Fremlin: »How stereoscopic vision evolved«. New Scientist vom 5. Oktober 1972, S. 26.
237
unvermeidlichen Randunschärfe, der Doppelkontur, die das binokulare, zweiäugig gewonnene
Abbild der Welt hatte.
Da beide Augen einen Punkt in der Umwelt nur aus einem geringfügig unterschiedlichen, ihrem
gegenseitigen Abstand entsprechenden Winkel fixieren können, waren die auf die beiden Netzhäute
projizierten Abbilder des gleichen Gesichtsfeldausschnitts niemals ganz identisch.
Dieser Nachteil fiel ursprünglich nicht ins Gewicht, da es auf das »Bild« selbst anfangs eben gar
nicht ankam. Und als die Entwicklung sich dieses Bildes dann lange Zeit später zu bedienen
begann, verkehrte sie den scheinbar ruinösen Nachteil der unvermeidlichen Unschärfe des ihr
vorliegenden Doppelbilds in einer atemberaubenden Wendung in den unschätzbaren Gewinn der
unmittelbaren Wahrnehmung räumlicher Tiefe und Körperlichkeit.
Nachdem das Subjekt auf diese Weise in den Besitz der unmittelbaren Raumerfahrung gelangt war,
konnte die Evolution abermals zu einem revolutionären und gänzlich unvorhersehbaren Schritt
ansetzen. Sie bediente sich jetzt der einer realen Handlung in diesem äußeren Raum vorangehenden
inneren Vorgänge. Durch die Ablösung der bloßen Intention zum Handeln vom konkreten
motorischen Vollzug ließ sie im Bewusstsein des Subjekts einen »inneren«, einen Vorstellungsraum
entstehen. In diesem konnte eine Handlung in der bloßen Vorstellung auf ihre Konsequenzen
überprüft werden, bevor diese real hingenommen werden mussten.
Dieser innere Vorstellungsraum ist der Ursprung allen »Denkens«. Konrad Lorenz hat diese hier nur
kurz skizzierte Entwicklungslinie, die sich von den einfachsten motorischen Orientierungsreflexen
bis zur Fähigkeit zu einsichtigem Handeln im Vorstellungsraum kontinuierlich ziehen lässt, schon
1943 in einer seiner brillantesten Veröffentlichungen beschrieben 53. Wenn unser Wissen über den
konkreten historischen Ablauf gerade hier, wo es um die höchsten Leistungen unserer Psyche und
deren Entstehung geht, naturgemäß auch noch besonders unvollständig ist, so kann doch an der
Realität dieses Entwicklungsweges kaum noch gezweifelt werden.
Auf diese Abstammung unserer Fähigkeit zum Denken vom Raumerlebnis unserer biologischen
Urahnen weist auch die Tatsache hin, dass wir gedankliche Prozesse bis auf den heutigen Tag wie
selbstverständlich mit Bildern und Begriffen beschreiben, die der räumlichen Dimension
entnommen sind: Wir wenden ein Problem, ungeachtet seiner abstrakten Natur, noch immer hin und
her, wir betrachten es von allen Seiten, um uns einen Überblick zu verschaffen, um es besser
erfassen und schließlich begreifen zu können. All das sind unübersehbare Spuren, welche die
geschilderte Entwicklung in unserer Sprache - die ja nichts anderes ist als der Ausdruck unseres
Denkens - hinterlassen hat.
Wie ist angesichts dieser Bedingungen und Umstände, unter denen allein evolutionärer Fortschritt
sich vollzieht, nun eine scheinbar zielstrebig auf die Vermittlung und Verbesserung der Kenntnis der
Welt zusteuernde Entwicklung zu erklären? Wie kommt es, anders ausgedrückt, dass ein dem
53
Konrad Lorenz: »Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung«. Zeitschrift für Tierpsychologie, Band 5 (1943), S. 235-409.
238
Zwang zu biologischer Anpassung an die Umwelt gehorchender Prozess eine, wie es scheint,
zunehmend objektive Erkenntnis der Umwelt zur Folge hatte?

Wie wahr sind unsere Wahrnehmungen?

Mit dieser Frage stehen wir vor dem klassischen Grundproblem der sogenannten Erkenntnistheorie:
Wie ist es zu erklären, dass die Strukturen unseres Denkens und die Funktionen unseres
Wahrnehmungsapparats so beschaffen sind, dass wir sinnvolle - nämlich widerspruchsfreie und
praktisch anwendbare - Aussagen über die Außenwelt machen können? Wir haben die Frage hier
jedoch, wie es sich aus unserem Gedankengang ganz natürlich ergibt, im Kontext eines
evolutionären Ablaufs formuliert. Und da zeigt es sich, dass das der klassischen Philosophie
unlösbar erscheinende Problem vor einem entwicklungsgeschichtlichen Hintergrund eine relativ
einfache, sich zwanglos anbietende Antwort erfährt.
Die klassische Philosophie war gezwungen, das Problem angesichts der Situation zu untersuchen,
wie sie heute vorliegt. Wer darauf angewiesen ist, der steht allerdings vor einer unbeantwortbaren
Frage. Wer vom evolutionären Prozess nichts weiß - den wir erst im Verlauf der letzten 100 Jahre
Schritt für Schritt entdeckt haben -, der geht, bewusst oder unbewusst, von einer Vorstellung aus,
die ich als das »Kulissen-Modell« der menschlichen Existenz bezeichnen möchte.
Für den steht der Mensch in seiner Einzigartigkeit der übrigen Welt - der Natur, der Erde, den
anderen Lebewesen - gegenüber, in die er wie in eine Bühne von außen hineingestellt ist und vor
deren Kulissenlandschaft er das Schauspiel seiner ureigensten Geschichte aufführt. Da ist dann in
der Tat rätselhaft, weshalb die Konstruktion der Bühne auf die vom Subjekt »von außen«
mitgebrachten Maßstäbe passend zugeschnitten scheint. Aus dieser Perspektive muss es wie ein
unerklärbares Wunder (oder wie ein Trug!) wirken, dass die Ideen des Handelnden eine Struktur
aufweisen, welche auf die objektiven Eigenschaften der Kulisse passt.
Seit wir die Evolution entdeckt haben, sieht die Situation weniger rätselhaft aus. Vor dem
Hintergrund der Entwicklungsgeschichte unserer Erkenntnisfähigkeit beginnt sich das Geheimnis
ein wenig zu lüften. Wenn man weiß, dass der Mensch nicht als ein gänzlich andersartiges Wesen in
die Natur hineinversetzt wurde, sondern dass er aus ihr hervorgegangen ist, verflüchtigt sich ein Teil
des Problems von selbst. Aus der Perspektive einer evolutionären Betrachtung passen Idee und
Realität, passen die Struktur unseres Wahrnehmungsapparats und die Eigenschaften der Umwelt aus
den gleichen Gründen zusammen, aus denen der Flügel eines Vogels an die Eigenschaften der Luft
oder unser Skelettsystem an die von der irdischen Schwerkraft verursachten Bedingungen angepasst
ist.
Wir dürfen nicht übersehen, dass der Vorgang des »Gewinns von Erkenntnis über die Umwelt« viel
älter ist als das Phänomen, das wir heute in einem sehr viel engeren, sehr viel spezielleren Sinn mit
diesem Begriff verbinden. Jedes Lebewesen, das sich im Ablauf der Evolution seiner Art mit

239
irgendeiner seiner körperlichen Eigenschaften an eine bestimmte Bedingung der Umwelt anpasst,
reagiert mit dieser Anpassung auf eine aus seiner Umwelt stammende »Information«. Jede
biologische Anpassung ist ein Akt der Erkenntnis (Konrad Lorenz). Das gilt auch schon auf den
Stufen der Entwicklung, auf denen allein die Art zu lernen in der Lage ist. Es gilt für alle Resultate
des Evolutionsprozesses. Und daher gilt es eben nicht nur für körperliche Merkmale und
Leistungen, sondern auch für die Funktionen, die wir psychische zu nennen pflegen. Und aus
ebendiesem Grunde sind auch unsere Wahrnehmungsorgane und die Strukturen unseres Denkens an
die objektiven Gegebenheiten der uns real umgebenden Welt von den gleichen Ursachen angepasst
worden, die unsere körperlichen Eigenschaften hervorgebracht haben.
Auch der Zweck war selbstverständlich der gleiche. Im einen wie im anderen Falle diente die
Anpassung der Verbesserung der Überlebenschancen. Das Hämoglobinmolekül ist allein deshalb
ein nahezu optimaler Sauerstoffüberträger, weil die Herauszüchtung dieser speziellen Leistung
durch die Evolution die Lebenstüchtigkeit Sauerstoff atmender Lebewesen seit einigen hundert
Jahrmillionen Schritt für Schritt verbessern konnte. Nichts anderes gilt für den Entwicklungsweg,
der vom Lichtrezeptor zum Auge geführt hat. Ein Wahrnehmungsapparat, der falsche Informationen
über die Außenwelt liefert, ist mit dem Überleben ebenso wenig vereinbar wie ein falsches Enzym
oder eine fehlerhaft gebaute Herzklappe. »Der Affe, der keine realistische Wahrnehmung von dem
Ast hatte, nach dem er sprang, war bald ein toter Affe« - und gehört daher nicht zu den Urahnen der
heute existierenden Primaten 54.
Die Frage nach dem Grund der Übereinstimmung zwischen unserem Verstand und der Welt, die die
Erkenntnistheoretiker von Plato bis zu Kant bewegte, hat damit durch die Entdeckung der Evolution
eine befriedigende Antwort durch die Naturwissenschaftler gefunden. Diese Antwort erklärt aber
nur einen einzigen, wenn auch fundamentalen Aspekt des Erkenntnisproblems. Die Frage, für wie
wahr wir halten dürfen, was wir wahrnehmen, ist damit noch nicht annähernd vollständig
beantwortet. Denn sofort stehen wir vor einem weitaus schwieriger zu lösenden Problem: Wie weit
reicht denn die Übereinstimmung, deren Vorhandensein und deren Ursachen wir soeben befriedigt
verstanden zu haben glaubten?
Auch die Informationen, die eine Ameise über ihre Umwelt erhält, sind ja objektiv richtig. Sonst
wäre ihre Art, die um ein Vielfaches älter ist als unser eigenes Geschlecht, längst ausgestorben.
Auch bei diesem Insekt also besteht - und ebenso bei allen anderen Lebewesen - eine Überein-
stimmung zwischen dem eigenen Wahrnehmungsvermögen und bestimmten Eigenschaften der
Welt. Das, was eine Ameise durch ihre Sinnesorgane aufnimmt, sind daher Informationen über real
vorhandene Eigenschaften der Welt. Dennoch können wir mit Recht behaupten, dass eine Ameise

54
Ich entnehme diese Feststellung des amerikanischen Evolutionsforschers George Gaylord Simpson dem ausgezeichneten Buch »Evolutionäre
Erkenntnistheorie« von Gerhard Vollmer (Stuttgart 1975), das allen empfohlen sei, die sich für die hier geschilderte Problematik und ihren
geschichtlichen Hintergrund näher interessieren.
240
von der Welt so gut wie nichts weiß. Es kommt eben nicht auf die Tatsache der Übereinstimmung
allein an, sondern auch auf die Weite des Horizonts, innerhalb dessen sie besteht.
Wie steht es in dieser Hinsicht nun mit uns selbst? Dass auch unsere Welt nicht in toto objektiv ist,
darauf sind wir bereits bei der Betrachtung unserer emotionalen, der durch unsere Stimmungen
hergestellten Beziehung zur Welt gestoßen. Dabei aber hat es sich um eine relativ archaische Weise
dieser Beziehung gehandelt, die denn auch noch unübersehbare Spuren einer Mitwirkung des
Zwischenhirns aufwies. Jetzt aber geht es doch um unsere »kognitive« Beziehung zur Welt, also die
Art und Weise des durch unsere höheren Sinne vermittelten Erlebens. Hier sind also die unserer
Wahrnehmungsorgane im Spiel, deren Informationen in der Rinde unseres Großhirns verarbeitet
werden. Entspricht das Bild, das sie uns vermitteln, in Art und Umfang dem Original?
Davon kann trotz allen Fortschritts ganz sicher nicht die Rede sein. Unsere Situation ist noch sehr
viel beschränkter, als unsere naive Erfahrung uns weismachen will. Auch auf der Ebene des
Großhirns sind wir vom Erleben einer objektiven Welt, oder, anders formuliert: von der
Möglichkeit, die Welt so zu erleben, »wie sie ist«, noch immer meilenweit entfernt. Was uns
sichtbar vor Augen liegt, ist allem Augenschein zum Trotz immer noch nicht »die Welt«, sondern
ein überwiegend subjektives Produkt: unsere menschliche Wirklichkeit.
Wieder müssen wir uns an die Lage des Moses erinnert fühlen. Was das Großhirn uns auf seiner
heutigen Entwicklungsstufe erschließen kann, ist lediglich die Einsicht in unsere Situation. Wir sind
die ersten und die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, die wissen, dass es eine reale, eine
objektive Welt geben muss. Eine Welt, deren objektive Eigenschaften unabhängig von uns selbst
existieren: die »Welt an sich« in der Sprache der Erkenntnistheoretiker. Darüber hinaus aber reicht
unser Verstand nur noch zu der Einsicht, dass wir außerstande sind, diese objektive Welt auf
irgendeine Weise zu erkennen.
Der äußerste Schritt unserer Vernunft besteht in der Einsicht, dass auch wir noch in einer
subjektiven Wirklichkeit leben. In einer Wirklichkeit also, die noch immer mehr durch die Zahl und
Art unserer Sinne geprägt wird als durch objektive, unabhängig von uns existierende Eigenschaften
der realen Welt, die wir hinter dem Augenschein unserer alltäglichen Erfahrungswirklichkeit
anzunehmen haben. Der Fortschritt ist, wenn wir unseren Erkenntnisstand mit dem der von Uexküll
beschriebenen Zecke (vgl. Kapitel 13) vergleichen, über alle Maßen phantastisch. Aber er
schrumpft, prinzipiell betrachtet, fast bis zur Bedeutungslosigkeit, sobald wir uns die
Einschränkungen vor Augen führen, die auch unserem Welterleben noch immer gesetzt sind.
Es fängt damit an, dass unsere Möglichkeiten, etwas über die Welt zu erfahren, unter dem Einfluss
biologischer Faktoren entstanden sind. Unser Gehirn ist, um es noch einmal zu sagen, ein Organ,
das von der Evolution nicht etwa zum Erkennen der Welt, sondern zum Überleben entwickelt
worden ist. Und ebenso ist die Funktion unserer Wahrnehmungsorgane unter dem einzigen
Gesichtspunkt entstanden, uns das Überleben in unserer aktuellen Umwelt zu erleichtern.
241
Die Regeln dieser Geschichte sind nicht ohne Folgen geblieben. Sie haben unter anderem die Folge
gehabt, dass unsere Wahrnehmung oder, ganz allgemein, unsere Anschauung von der Welt zwar
»richtig« ist, dies aber doch gerade nur so weit, wie es zum Überleben unbedingt notwendig ist. Es
gibt in der Evolution keine Ursache, welche die Anstrengung einer über dieses Erfordernis
hinausgehenden Weiterentwicklung bewirken könnte! Das ist der wahre Grund dafür, dass unsere
Vorstellungen und Anschauungen nur auf die durchschnittlichen Größenordnungen und Maßstäbe
passen, mit denen wir es in der von uns konkret erlebten alltäglichen Umwelt allein zu tun haben.
Dies ist die Erklärung dafür, dass sich die Welt für uns sofort im Unvorstellbaren zu verlieren
beginnt, sobald wir versuchen, diesen Rahmen zu überschreiten.
Wir brauchen, um das bestätigt zu finden, unseren Blick nur von dem Lebensraum unserer täglichen
Umgebung abzuwenden und den Sternhimmel zu betrachten. Eine kleine Kopfbewegung genügt.
Dann haben wir den Raum des Universums vor uns, einen Raum, dessen Unbegrenztheit wir uns
sowenig vorzustellen vermögen wie seine Endlichkeit. Wir haben dann - und bedenken wir doch,
was das heißt! - leibhaftig vor Augen, was sich dennoch unserer Anschauung entzieht. Eine reale
Eigenschaft des Kosmos, die wir uns nicht einmal vorzustellen vermögen, von ihrer Begreifbarkeit
einmal ganz zu schweigen.
Es macht ganz sicher nicht den geringsten Teil der Faszination aus, die der Anblick des
Sternhimmels seit je auf den Menschen ausgeübt hat, dass er - ob das dem Beobachter nun bewusst
ist oder nicht - die leibhaftige Begegnung mit einer für uns unaufhebbaren Paradoxie darstellt. Und
es gibt vielleicht kein drastischeres Beispiel für die bornierte Unbelehrbarkeit unseres naiven
Selbstverständnisses als die Tatsache, dass wir Jahrtausende gebraucht haben, bis uns auf dem
Umweg über eine äußerst komplizierte Beweisführung aufzugehen begann, dass der Raum unserer
Vorstellung nicht identisch ist mit dem Raum der realen Welt, obwohl wir in diesen mit den Köpfen
hineinragen, seit wir zum aufrechten Gang übergegangen sind.
Vor der gleichen Situation stehen wir bei einem »Blick nach unten«, sobald wir uns für die
Verhältnisse zu interessieren beginnen, die im Inneren des Atoms herrschen. Auch hier, im
subatomaren Bereich, wo wir es mit Proportionen und Maßstäben zu tun bekommen, die von denen
unserer Erfahrungswelt gleich weit entfernt sind wie die des Weltraums - nur gleichsam in der
umgekehrten Richtung -, gelten die Gesetze unserer Logik und Anschauung nicht mehr. Da erweist
sich ein Lichtquant als Welle oder als Korpuskel zugleich, abhängig allein von der Methode der
Beobachtung. Da lässt sich Materie selbst in körperlose Energie verwandeln und umgekehrt. Die
gleiche Erfahrung machen wir im Bereich von Geschwindigkeiten, die sehr viel größer sind als die
der Gegenstände und Lebewesen, denen wir in unserer Alltagswelt begegnen. Da ändert sich, wie
experimentell nachprüfbar ist, der Ablauf der Zeit für das bewegte Objekt.
Um verstehen zu können, was das alles für unseren Gedankengang an dieser Stelle bedeutet, dürfen
wir auf keinen Fall übersehen: Selbstverständlich ist der Raum, von dem ich in meinem Zimmer
242
umgeben bin, identisch - als ein willkürlicher Ausschnitt - mit dem realen Raum des Universums.
Selbstverständlich trifft deshalb auch auf ihn die Eigenschaft der »Krümmung« zu, die von der
Wissenschaft erst bei Räumen kosmischen Ausmaßes entdeckt wurde. Ohne allen Zweifel beruhen
wesentliche Eigenschaften der Materie, die wir alltäglich erleben und wahrnehmen, auf eben den
Bedingungen im subatomaren Bereich, die unserer Vorstellung entzogen sind. Und genau so sicher
ist, dass jede Bewegung bei jeder Geschwindigkeit, also auch schon eine Fahrt mit dem Fahrrad und
selbst ein Gang zu Fuß, den Ablauf der Zeit verändert. Die Effekte sind in der Alltagssituation
jedoch winzig. Sie sind so gering, dass sie ohne Gefährdung der Überlebenschancen
unberücksichtigt bleiben konnten. Eben deshalb sind sie für uns »unmerklich gering«!
Es gab für die Evolution keinen Grund, sich der Mühe zu unterziehen, auch diese Eigenschaften des
Raumes, der Materie und der Zeit noch für uns wahrnehmbar werden zu lassen. Unter den
Durchschnittsbedingungen unserer Alltagserfahrung treten sie nicht in solchem Maße in
Erscheinung, dass sie für uns biologisch bedeutsam wären. Unsere Überlebenschancen sind
unabhängig von der Frage, ob wir uns die »wahre« Struktur des Universums oder die im Atomkern
real herrschenden Bedingungen vorstellen können oder nicht. Keine Hypothese braucht präziser zu
sein, als es die Aufgabe verlangt, zu deren Lösung sie beitragen soll. Unser Gehirn und unser
Wahrnehmungsapparat sind Hypothesen über die Welt. Die Aufgabe, die sie zu lösen haben, ist die
Sicherung unserer biologischen Existenz. Das ist ihnen bisher optimal gelungen, wie daraus
hervorgeht, dass die Menschheit bis heute überlebt hat. Mehr wurde nicht verlangt.
Keine Hypothese leistet mehr als eine ausreichende Beschreibung des Phänomens, das sie erklären
soll. Das gilt auch für unser Gehirn und ebenso für die Struktur unseres Wahrnehmungsapparats.
Deshalb ist auch das Abbild der Welt, das unser Gehirn uns erschließt, dem Original zwar ähnlich,
aber ganz zweifellos nicht mit ihm identisch. Es deckt sich mit dem Vorbild an allen den Stellen,
deren Erfassung lebensnotwendig ist. An allen anderen Stellen lässt es uns im Stich 55.

An den Grenzen der Erkenntnis

Es gibt noch andere Beweisketten, die uns ebenso unwiderleglich zu dem gleichen Resultat
kommen lassen. Auf die wichtigste stoßen wir bei einer Besinnung auf die Grenzen unserer
Lernfähigkeit. Der entscheidende Unterschied zwischen der Stufe des Zwischenhirns und der des
Großhirns, so hatten wir gesagt, besteht in der Errungenschaft individueller Lernfähigkeit. Während
das »Zwischenhirnwesen« sich mit der Hilfe von Erfahrungen behauptet, die es nicht selbst,

55
Wenn die Welt unserer täglichen Erfahrung mit der objektiven Realität der »Welt an sich« wirklich so nahtlos übereinstimmte, wie unser naives
Welterleben es uns suggeriert, dann brauchten wir keine Naturwissenschaft. Die geistige Anstrengung, die wir mit diesem Begriff meinen, ist nichts
anderes als die Reaktion des Menschen auf die Erkenntnis, dass sich der Augenschein mit der Realität nicht deckt. Es ist, wenn man die Situation
einmal durchschaut hat, alles andere als erstaunlich, dass sich die Welt außerhalb des engen Rahmens unserer Anschauung unserem
Vorstellungsvermögen entzieht. Erstaunlich ist vielmehr, dass es uns auf dem indirekten Weg der Wissenschaft gelingt, über diesen Rahmen hinaus in
die Realität einzudringen. Zwar ist das nur auf den Krücken abstrakter, selbst unanschaulicher Formeln und Symbole möglich. Die Fachsprache des
Wissenschaftlers ist aus der Not geboren, Zusammenhänge beschreiben zu müssen, die außerhalb des Bereichs unserer Alltagserfahrung liegen und
für deren Beschreibung unsere aus dieser Alltagserfahrung entstandene Sprache daher weder Begriffe noch Syntax bereithält. Dass wir uns dabei aber
tatsächlich uns sonst unerkennbar bleibenden objektiven Eigenschaften der Welt annähern, wird durch überprüfbare Resultate am Ende derartiger
Formelketten bewiesen. Etwa dann, wenn sie uns die Auslösung einer Atomexplosion ermöglichen, mit der wir Materie in Energie umwandeln.
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sondern die seine Art gemacht hat, gewinnt der Organismus auf der Entwicklungsstufe des
Großhirns die Fähigkeit, eigene, individuelle Erfahrungen machen zu können.
Dass diese Freiheit nicht absolut ist, haben wir im letzten Kapitel eingehend erörtert. Auch auf der
obersten Stufe der Evolution steuern vorerst noch als eigene Stimmungen erlebte Vor-Urteile und
diesen entsprechende, scheinbar objektive Bedeutungen der Welt das Verhalten. Bis jetzt aber hatten
wir noch immer stillschweigend vorausgesetzt, dass die Freiheit zum Umgang mit der Welt auf
Grund eigener Erfahrung wenigstens auf der obersten Ebene, im Bereich der durch das Großhirn
vermittelten Wahrnehmungen, erreicht sei. Es ist daher an der Zeit, dass wir uns vor Augen führen,
welche Beschränkungen auch hier noch immer gelten.
Evolution ist ein realer Prozess. Ein sich in der Zeit bewegender Ablauf. Es wäre nun wieder nur
Ausdruck anthropozentrischer Naivität, wenn wir uns dem Gedanken überlassen würden, dieser
Prozess sei ausgerechnet heute, in unserer Gegenwart, zum Stillstand gekommen. Er habe
ausgerechnet in uns seinen Gipfel, seinen äußersten Endpunkt erreicht. Dies nach einem Ablauf,
der, mit dem Anfang der Welt beginnend, mindestens 13 Milliarden Jahre umfasst, die demnach zu
nichts anderem gedient hätten, als uns und unsere Gegenwart hervorzubringen.
So formuliert führt der Gedanke sich selbst ad absurdum. Auch wir sind in Wahrheit nur die
Neandertaler unserer biologischen Nachfahren. Es ist uns anzumerken, unter anderem an unserem
Wahrnehmungsapparat. Denn dessen Fähigkeit, die Welt in ihrer Beliebigkeit abzubilden, ist auf
einen Rahmen beschränkt, der auch auf der von uns verkörperten Entwicklungsstufe noch immer
durch Erfahrungen festgelegt ist, die nicht wir selbst gemacht haben.
Das gilt gleich in mehrfacher Hinsicht. Es gilt einmal im Hinblick auf die äußerst beschränkte Zahl
der Sinnesmodalitäten, der Pforten also, die unserer Wahrnehmung offen stehen. Es gilt ferner für
die Struktur des Apparats, der die eintreffenden Informationen aufnimmt. Und es gilt schließlich
auch für die Organisation der Hirnrinde, in der diese Informationen verarbeitet werden.
Zur ersten Beschränkung können wir uns kurz fassen. Von Anfang an war in diesem Buch die Rede
davon, dass die Entstehung von Leben eine Abgrenzung von der Umwelt voraussetzt. Dass die
innere Ordnung einer belebten Struktur gegenüber der relativen Unordnung der Außenwelt nur
unter ganz präzisen Bedingungen aufrechterhalten werden kann. Zu diesen gehört die
Beschränkung der vom Organismus »zugelassenen« Umwelteigenschaften auf das biologisch
absolut unerlässliche Mindestmaß. »So wenig Außenwelt wie möglich« hatten wir formuliert.
Als Folge dieser mehr als vier Milliarden Jahre zurückliegenden Entscheidung sind die Pforten
unserer Wahrnehmung, die uns für Informationen aus der Welt offen stehen, heute bekanntlich an
den Fingern einer Hand abzuzählen: Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch und Tastempfindung, das
ist im Grunde schon alles, da wir z. B. Schmerz und Kitzelgefühle ihres vorwiegend zuständlichen
Charakters wegen nicht mitrechnen können.

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Die Beschränkung gilt aber nicht nur der Zahl nach. Auch innerhalb der einzelnen »Modalitäten«
bleibt die Aufnahmefähigkeit der zuständigen Rezeptoren weit unterhalb des objektiv Möglichen.
Am auffälligsten ist das gerade bei dem am weitesten entwickelten unserer Sinne: bei unserer
optischen Wahrnehmung. Der Ausschnitt der Frequenzen des elektromagnetischen Wellenbands,
den wir als »sichtbares Licht« wahrnehmen können, ist vergleichsweise winzig.
Wir haben es neuerdings zwar gelernt, uns auch anderer Abschnitte dieses Spektrums zur Erlangung
von Informationen über die Außenwelt zu bedienen. Das ist uns aber nur indirekt, mit aus
naturwissenschaftlichen Einsichten abgeleiteten technischen Hilfsmitteln möglich. Beispiele sind
die modernen radioastronomischen Empfangsantennen, Thermokameras oder die in der Medizin
aber auch ganz allgemein zur »Materialprüfung« benutzten Röntgenstrahlen. Wenn wir den Umfang
des objektiv Möglichen mit unserer natürlichen Wahrnehmungsfähigkeit vergleichen, müssen wir
der Feststellung des englischen Physiologen Gregory beipflichten, dass wir »eigentlich so gut wie
blind« seien.
Hinzu kommt, zweitens, eine Verarbeitung der aufgenommenen Information. Diese ist das Ergebnis
angeborener struktureller Besonderheiten (»nervöser Schaltzentren«) in der Netzhaut und den
Sehzentren in Zwischenhirn und Großhirnrinde. Was unsere Augen aufnehmen, wird nicht etwa so
weitergegeben, »wie es ist«. Es wird in jedem Falle auf eine äußerst komplizierte Weise verarbeitet.
Die Abbildung auf der nächsten Seite liefert ein sehr typisches Beispiel.
Auch diese Verarbeitung erfolgt wieder nach dem Prinzip, uns die Orientierung in der Außenwelt zu
erleichtern, »um unsere Überlebenschancen zu vergrößern«. Diesem Ziel wird die Objektivität der
Information untergeordnet. Optische Täuschungen und die sogenannten Gestalt oder
Prägnanzphänomene lassen uns die Tricks, mit denen wir dabei gegängelt werden, in bestimmten
Ausnahmefällen durchschauen.
Aber wer ist es denn, der hier gängelt? Offensichtlich eine überindividuelle Instanz, unsere »Art«.
Der in unseren Wahrnehmungsapparat eingebaute Verarbeitungsmodus ist, wie nicht nochmals
begründet zu werden braucht, das Ergebnis einer im Verlauf der Stammesgeschichte erfolgten
Anpassung an die Anforderungen durch die Außenwelt. Damit ist auch in der Funktion unserer
Wahrnehmungsorgane wieder die Erfahrung niedergelegt, die unsere Art während dieser Geschichte
erworben hat. Genauer: Unsere Wahrnehmungsorgane sind diese Erfahrung.
Darum ist, noch bevor wir zum ersten Male die Augen aufschlagen, bereits darüber entschieden,
was wir sehen werden: Gestalten und Kontraste, Konturen und Bewegungen, räumliche Tiefe und
Farben. Es ist uns angeboren. Es geht unserer individuellen Erfahrung voraus, es handelt sich,
wieder in der Sprache der Erkenntnistheoretiker, um »Erfahrungen a priori«. Und ebenso steht fest,
wie nicht vergessen werden darf, was wir niemals sehen werden: Ultraviolett und Wärmestrahlung,
Bewegungen oberhalb - und unterhalb! - bestimmter Geschwindigkeitsgrenzen und ohne allen

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Zweifel unzählige andere Eigenschaften mehr, die der realen Welt zukommen, ohne dass wir
darüber jemals etwas wissen werden.
Hilfreich ist das alles ohne Frage. Dafür nochmals ein einziges eindrucksvolles Beispiel: Das
elektromagnetische Spektrum reicht von Wellen mit einer Länge in der Größenordnung von
mehreren Kilometern (Radiowellen) lückenlos bis zu Wellen, deren Länge nur noch billionstel
Millimeter beträgt (Höhenstrahlung). In diesem Rahmen ist der zwischen Wellen mit einer Länge
von 500 bzw. 700 millionstel Millimetern bestehende Unterschied innerhalb der objektiven Realität
der Welt buchstäblich verschwindend gering.
Anders für unsere subjektive Wahrnehmung: Unseren Augen erscheint der gleiche Unterschied als
grundsätzlich, als geradezu diametral. Denn wir erleben die genannten Wellenlängen als die
»Komplementärfarben« Grün und Rot. Hier vergrößert unser Wahrnehmungsapparat also eine
objektiv minimale Differenz wie ein Supermikroskop zu einem für unser Farberleben
unüberbietbaren Kontrast. Kein Zweifel, dass ein solcher angeborener »Mechanismus zur
Kontrastverstärkung« uns die Orientierung erleichtert. Kein Zweifel aber auch, dass das auf Kosten
der Objektivität der Abbildung geschieht.

Unser Sehapparat übersetzt diese aus Quadraten und Parallelogrammen bestehende zweidimensionale Figur unweigerlich in einen
perspektivisch dargebotenen Würfel, der seine Tiefenordnung ständig ändert, weil die Skizze keine ausreichende räumliche
Information enthält: mal ist die Vorderseite scheinbar links unten, mal rechts oben.

Es ist unmöglich, zu sagen, wie groß der Anteil der nur scheinbar objektiven Eigenschaften der Welt
ist, die in Wahrheit Zutaten unseres Gehirns sind. Ihre Zahl ist jedoch, davon müssen wir ausgehen,
sicher weitaus größer, als es der Zahl der Beispiele entspricht, die wir durch Zufall oder
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wissenschaftliche Forschung bisher entdeckt haben. Selbstverständlich beeinträchtigt diese
Arbeitsweise unserer Wahrnehmungsorgane die Allgemeingültigkeit dessen, was wir mit Hilfe
dieser Organe erl