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Einfach! Architektur aus Österreich

Die Wahl der Kritiker

Just! Architecture from Austria

Critics’ Choice

Kritiker Just! Architecture from Austria Critics’ Choice Walter Chramosta Manuela Hötzl Bart Lootsma Antje Mayer Jan

Walter Chramosta Manuela Hötzl Bart Lootsma Antje Mayer Jan Tabor Ute Woltron

Einfach! Architektur aus Österreich

Die Wahl der Kritiker

Just! Architecture from Austria

Critics’ Choice

Walter Chramosta Manuela Hötzl Bart Lootsma Antje Mayer Jan Tabor Ute Woltron

Inhalt / Contents

Gernot Guth

5

Zu diesem Buch / About this book

Manuela Hötzl

7

Fragmente von Baukunst aus Österreich: Die Wahl der Kritiker /

Antje Mayer

Fragments of Architecture from Austria: Critics’ Choice

Walter Chramosta

14

Volksschule Doren / Primary School, cukrowicz.nachbaur

20

Probelokal / Rehearsal space, Marte.Marte Architekten ZT GmbH

26

Skihütte Schneggarei / Ski chalet, Philip Lutz Architektur, Allmeinde Architecture

Bart Lootsma

36

Glaustrianer / Glaustrians

38

Leben im Heu, Einfamilienhaus / Single-family House, Martin Scharfetter

44

KIGA – Kindergarten, AllesWirdGut

50

Wohnirritation, Wohn-Hotel-Büro / House-Hotel-Office, Weichlbauer/Ortis

Jan Tabor

56

Produktionsanlage Guttmann / Industrial building, Pichler & Traupmann

64

Hängende Gärten Wienerbergcity / Residential building, Günter Lautner und Nicolaj Kirisits

72

Technologiezentrum Eisenstadt / Technology center, Sepp Müller

Ute Woltron

82

Unit Birkensee, Einfamilienhaus / Single-family house, Eichinger oder Knechtl

90

EFAFLEX, Betriebsgebäude / Manufacturing company building, ARTEC Architekten

Redaktionsbuero Manuela Hötzl und Antje Mayer

100

Leise und Laute – Ein Aufruf zur Selbstbestimmung / Softly and Loudly – A Call for Self-determination

104

Pavillon IGS 2000 / Pavilion, ARGE Eisenköck / Zinganel

112

Haus Mittermaier, Einfamilienhaus / Single-family house, Adolph H. Kelz

122

Homebase, Wohnhaus / Housing, INNOCAD

128

mobile 01, fahrbare Jugendinfobase / Mobile youth information base, HOLODECK.at

Jan Tabor

134

Über den Megastau der kritikwürdigen Architektur oder Die Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit der österreichischen Architekturkritik / About the mega-backlog of architecture that deserves reviews, or the truthfulness and mercifulness of Austrian architectural criticism.

Zu diesem Buch

Der vorliegende Band ist ein Dankeschön an die vielen Architekten Österreichs, die immer wieder zum jeweils aktuellsten FSB-Handbuch greifen und daraus ihre Wahl treffen. Darum kann man auch in Brakel mit Recht Friedrich Achleitner zitieren: „Was kann ich dafür, dass meine Freunde gute Architekten sind?“ Als vor längerer Zeit bei FSB die Idee für die- ses Buch geboren wurde, trug es den Arbeits- titel „Die Offenbarung von unbekannter Archi- tektur aus Österreich“. Das Wort Offenbarung er- scheint unberechtigt angesichts der großen und vielfältigen österreichischen Architekturszene. Aber gerade in dieser Vielfalt wollte man bewusst Architekten beziehungsweise deren Werke vor- stellen, die (noch) nicht so bekannt sind wie die Stars der Szene – Domenig, Peichl, Holzbauer und Co – und die vielleicht doch eine überra- schende Vortrefflichkeit offenbaren. Inzwischen haben sich viele Protagonisten dieses Buches auch einen hervorragenden Namen gemacht. Also sollte man annehmen, dass die vorlie- gende Publikation nur Bauten zeigt, in denen Türbeschläge der entsprechenden Marke auf- scheinen. Weit gefehlt. Für FSB gibt es keine Zensur. Einige unabhängige Architekturkritiker wählten die Werke und Entwerfer aus, ohne durch das FSB-Schlüsselloch zu gucken. Trotz- dem werden Sie in einigen Bauten Türklinken aus dem Weserbergland finden. Das hat natür- lich seinen Grund: Qualität gesellt sich zu Qualität. Was macht Architektur wertvoll? Es ist die Konzentration auf das Wesentliche – das Ein- fache. Was nicht heißt, dass das einfach ist. Damit hat FSB den Titel gefunden: „Einfach! Architektur aus Österreich“. So oder ähnlich könnte man auch die Pro- dukte von FSB bezeichnen. Denn „Hand-Werk- zeuge“ von FSB – Türdrücker, auch Klinken genannt, Knöpfe, Griffe und seit einiger Zeit auch Accessoires – sind nichts anderes: Ein- fach! Türklinken aus Brakel. Besonders empfehlen möchte ich noch un- seren Epilog, in dem der Architekturkritiker Jan Tabor meisterlich versucht, nicht über den Schatten seiner eigenen Arbeit zu stolpern; ganz im Sinne der letzten Seite dieses Buches, auf der der Philosoph Peter Sloterdijk für alle FSB-Freunde formuliert, dass der Mensch das Tier sei, das mit den Händen staunen könne.

Gernot Guth Spezialist für Türbeschläge aus Linz

About this book

Vorwort | Gernot Guth

This book is an expression of gratitude to the many architects who regularly turn to the current version of the FSB handbook when selecting their door furniture. Therefore we here in Brakel can empathise with Friedrich Achleitner when he says: “How can I help the fact that my friends are good architects?” When the idea for this book was conceived

some time ago at FSB it was given the provi- sional working title “the revelation of unknown architecture in Austria.” But, given the large and diverse Austrian architecture scene, the word “revelation” seemed inappropriate. The conscious aim was, against the background

of this rich diversity, to introduce architects or

their works that are not (yet) as well known as stars of the scene such as Domenig, Peichl, Holzbauer, etc. and to perhaps thereby reveal an unsuspected excellence. In the meantime many of the protagonists in this publication have established an excellent name for them- selves. But to assume that this book features only buildings in which our range of door furniture

is used would be completely incorrect. FSB

does not impose censorship; a number of in- dependent architecture critics selected the buildings and their designers, without, as it were, having to peer through an FSB keyhole in making their choice. Nevertheless, in a number of these fine buildings you will indeed find the excellent door handles from Weser- bergland and, clearly, the reason for this is:

like will to like. What constitutes good architecture? It is the concentration on the essential, the simple. And that is how FSB found the title for this book “Just! Architecture from Austria.” FSB products can be described in a similar way. For the “hand tools” produced by FSB, whether it be door handles, knobs, levers or, more recently, a number of accessories, are no different: Just! Door handles from Brakel. I particularly wish to recommend our epilogue

in which architecture critic Jan Tabor undertakes

a masterly attempt to avoid stumbling over the

shadows of his own work, much in the same sense as the final page of this book, where phil- osopher Peter Sloterdijk formulates for all friends of FSB that Man is the animal that can marvel with his hands.

Gernot Guth Door furniture specialist from Linz

Fragmente von Baukunst aus Österreich: Die Wahl der Kritiker

Welche Bedeutung hat das Regionale im inter- nationalen Kontext? Für die Produktion von Architektur waren der Standort und seine Iden- tität immer ein wesentlicher Faktor und Initial für ihre Entstehung. Architektur kommt aus einem kulturellen Kontext, der stark von natio- nalen Umständen wie Ökonomie, Politik und Geschichte beeinflusst ist. Ohne Zweifel hat die zeitgenössische österreichische Architektur einen hohen internationalen Stellenwert erlangt. Doch was ist spezifisch an Österreich und der österreichischen Architektur? Und von wem wird sie repräsentiert? Das sind die Fragen, die wir mit diesem Buch zu beantworten versucht haben. Kleine, feine Projekte und nicht Altbe- kanntes stehen dabei im Vordergrund und re- präsentieren Fragmente von Baukunst aus Öster- reich. Nicht vollständig zwar, aber ein wesent- liches Abbild mit Geschichten von Land und Leuten.

Jetzt erst recht nicht!

In einem Lande, dessen Bewohner ständig zwischen rührseliger Unterschätzung und grenzenlosen Grandiositätsgefühlen hin und her schwanken! (Erwin Ringel, „Die österreichische Seele“)

In einem Interview anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Architekturzentrums Wien im Jahr 2004 stellte dessen Direktor Dietmar Stei- ner fest, dass die österreichische Architektur- szene für ihn „unüberblickbar“ geworden sei und: „Es könnten alle Architekten gut, aber genauso alle schlecht sein.“ Eine polemische Aussage, die an sich das österreichische Phä- nomen einer im europäischen Vergleich unbe- stritten außerordentlich vielschichtigen und viel- fältigen Architekten- und Architekturlandschaft klar definiert. (Auch) polemisch gefragt: Welches Potenzial entsteht aus dieser„Vielfalt“? Ein Über- blick über diese breit gefächerte Szene ist in der Tat schwierig geworden. Konkreter: Was haben Coop Himmelb(l)au und Hermann Czech, Günther Domenig und Helmut Richter, Adolf Krischanitz und Hans Hollein, Henke Schreieck und Delugan Meissl, Riegler Riewe und Quer- kraft, ARTEC und Baumschlager Eberle – die Liste ließe sich fast endlos weiterführen – über- haupt gemeinsam? Fünf Generationen von Ar- chitekten leben, arbeiten und bauen in Öster- reich, sind Lehrer, Schüler, Kollegen und Kon- kurrenten und finden – was bei der Menge und Vielfalt erstaunlich ist – „ihren“ Markt. Wenn auch längst nicht mehr nur in Österreich. Vielleicht ist das auf den ersten Blick wesent- lichste Merkmal, die Vielfalt, über die sich eben-

Vorwort | Manuela Hötzl, Antje Mayer

Fragments of Architecture from Austria:

Critics’ Choice

What is the significance of regional develop- ments in the international context? For the pro- duction and development of architecture loca- tion and identity have always been an important factor and impetus. Architecture develops with- in a cultural context that is strongly influenced by local and national circumstances such as economics, politics and history. There can be no doubt that contemporary Austrian architec- ture has achieved a high international ranking. But what is specifically Austrian about Austrian architecture? And who is representative of it? These are among the questions that we have attempted to answer in this book, but rather than using the familiar examples we have con- centrated on small, excellent projects that repre- sent fragments of the art of building in Austria. Although not presenting the complete picture they are nevertheless an important description augmented with histories of the country and its people.

Now less than ever!

In a country whose inhabitants constantly sway between a maudlin underestimation of their own importance and unbounded feelings of grandeur! (Erwin Ringel, “Die österreichische Seele”)

In an interview that he gave in 2004, on the occasion of the tenth anniversary of the Archi- tekturzentrum Wien, the director Dietmar Steiner stated that for him the Austrian architecture scene had become “diffuse” and that: “All the architects could be good but could, quite equally, be bad.” A polemical statement that essentially defines the Austrian phenomenon of

a landscape of architects and architecture that,

seen in the European context, is undoubtedly extremely diverse and complex. But to put a polemical question: what potential develops out

of this diversity? One could say that it is becom-

ing increasingly difficult to acquire an overview

of this extensive scene or, to put it more con-

cretely, what in fact do Coop Himmelb(l)au and Hermann Czech, Günther Domenig and Helmut Richter, Adolf Krischanitz and Hans Hollein, Henke Schreieck and Delugan Meissl, Riegler Riewe and Querkraft, ARTEC and Baumschlager Eberle – we could continue the list ad infini- tum – have in common? Five generations of architects live, work and build in Austria, they are teachers, students, colleagues and rivals and

they find “their” market (remarkable in itself given their number and diversity) although, for some time now, they no longer confine them- selves to the borders of the country.

Vorwort | Manuela Hötzl, Antje Mayer

falls die jüngere Generation definiert, auch ein Hindernis und impliziert Schnittmengenverluste? Eine umfassende Datenbank und Architektur- führer bietet Österreich für Architekturtouristen zur Genüge. In der Reflexion bedient man sich vielleicht eher regionaler Grenzziehungen, wie der „Grazer Schule“ oder der „Vorarlberger Baukultur“, einer Generationenförderung, wie „Emerging Architecture“ (1) – und manchmal auch programmatisch, wie in der Ausstellung „Transmodernity“ (2) . In der Rezeptionsland- schaft steht die Masse den Einzelevents bezie- hungsweise Projekten gegenüber, die Architek- turtheoretiker und Kulturpublizist Jan Tabor in seinem Essay als „Megastau der kritikwürdigen Architektur“ bezeichnet. Es fehlt an beiden Medien-Fronten. Ein umfassender, aber ausge- wählter Überblick über die österreichische Ar- chitekturszene ist ebenso wenig vorhanden wie Möglichkeiten des „genauer Hinsehens“. Der Anspruch, der diesem Buch zugrunde liegt, ist zugegeben hoch: Eine kleine Auswahl von 15 Projekten soll das Architekturland Öster- reich näher bringen. Nicht die bekannten „Wahr- zeichen“, wie das Haas-Haus von Hans Hollein in Wien, die Sprungschanze von Zaha Hadid in Innsbruck, das Kunsthaus von Peter Cook in Graz, das Bankgebäude von Morphosis / Thom Mayne in Klagenfurt oder das Museumsquartier von Ortner & Ortner in Wien werden fokussiert – sie bilden vielmehr den Hintergrund –, sondern österreichische Architekten, die über dem Ap- plaus für diese Projekte und Objekte zu wenig ins öffentliche Blickfeld rückten. Projekte, die an der Aktualitätsklausel, einem Bekanntheits- gradmesser, der Funktionsattraktivität oder einem Marketingmangel irgendwie vorbeigeschlittert sind oder deren regionaler wie überregionaler Bedeutung bisher nicht genügend Aufmerksam- keit geschenkt wurde. Natürlich sind unsere Protagonisten zum Teil längst keine Unbekann- ten mehr – die Gesamtauswahl der Projekte scheint aber auf den ersten Blick unspektaku- lär. Deswegen ist in diesem Buch manchmal ein zweiter Blick nötig. Dieser zweite Blick und die nun erfolgte Aufmerksamkeit hinsichtlich dieser Projekte kommt nicht alleine von uns:

Die Architekturkritiker Walter Chramosta, Jan Tabor, Bart Lootsma und Ute Woltron haben sich, ebenso wie wir, auf die Suche nach in- dividuellen (österreichischen) Positionen ge- macht. Ergeben hat das ein Textbuch über Fragmente von Baukunst aus Österreich, teil- weise persönlich, kritisch, humorvoll – und vielleicht gerade wegen regionaler Kriterien auch mit Anspruch auf Internationalität. „Österreich“ bleibt als Identitätsstifter im Hintergrund immer vorhanden. Doch was ist eigentlich „österrei- chisch“? „Jetzt erst recht nicht!“ (3) ist nach Erwin Ringel, der wie kein anderer Autor bisher der österreichischen Seele auf den Grund ging, einer der heimlichen Leitsätze des Landes und Zeichen für dessen grundsätzliche Ambivalenz:

dem Schwanken zwischen Unterschätzung des Selbst und Grandiositätsgefühl.

Perhaps what seems, at first glance, the most important characteristic, the diversity through which the younger generation defines itself, is also a handicap and results in losses due to overlapping areas. Austria offers a comprehen- sive architecture data bank and sufficient ar- chitecture guides for architecture tourists. In the analysis of Austrian architecture regional boundaries are often used, such as “Graz School” or “Vorarlberg Culture of Building” or a particular generation is promoted as in “Emerging Architecture” (1) – sometimes also in a programmatic way as in the exhibition “Transmodernity” (2) . In the reception of archi- tecture the mass is contrasted with individual events or projects that architecture theorist and culture journalist Jan Tabor describes in his essay as “the huge backlog of architecture de- serving of critical appreciation”. What is lacking is a comprehensive but selective overview of the Austrian architecture scene, as well as a possibility to “take a closer look”. The aim of this book is admittedly a rather ambitious one: to communicate an understand- ing of Austrian architecture using a small selec- tion of 15 projects. The focus is not on the famil- iar “symbols” such as Hollein’s Haas Haus in Vienna, the ski-jump by Zaha Hadid in Inns- bruck, Peter Cook’s Kunsthaus in Graz, the bank building by Morphosis / Thom Mayne in Klagenfurt or the Museumsquartier by Ortner & Ortner – they tend to form the background – instead we focus on Austrian architects who somehow or other “slipped through the net” when projects and buildings were being praised. This can be due to lack of topicality, because the architects were not household names, be- cause the function of the buildings they design is not particularly attractive or simply because of poor marketing. Whatever the case these architects have often been ignored and their regional and supra-regional significance has not, so far, been given sufficient attention. Naturally, at this stage our protagonists are no longer com- pletely unknown figures but at first glance the overall selection of projects may seem unspec- tacular. Therefore a second glance is sometimes necessary. In taking this second glance and focussing attention on these projects we are joined by architecture critics Walter Chramosta, Jan Tabor, Bart Lootsma and Ute Woltron who assisted us in undertaking a search for indi- vidual (Austrian) positions. The result is a text- book – yes, it’s true, we require our readers to make an effort – about fragments of architec- ture from Austria, partly personal, critical and humorous and perhaps, due precisely to the regional criteria, also with a certain claim to international validity. “Austria” remains in the background as a source of identity. But what is, in fact, “Austrian”? According to Erwin Ringel, who scrutinised the depths of the Austrian soul like no other author before him, “Now less than ever!” (3) is one of the secret guiding principles of the country and a symbol of its essential ambiva-

In diesem Ausruf steckt eine Hingabe, eine Lei- denschaft, eine Auflehnung gegenüber Erwartun- gen – besonders wenn Erfolg in Aussicht steht – und fast eine Lust, mit dem Versagen zu spie- len. All das ist Teil der österreichischen Seele. „Jetzt erst recht nicht!“ bezog Erwin Ringel auf die damalige österreichische Fußballmann- schaft, eigentlich ein erfolgreiches Team, das immer, wenn es „darauf ankam“, verlor. Unter dem Druck der Erwartung entsteht ein unbe- wusster Protest, nach Ringel ein typisch öster- reichischer Handlungsmechanismus. In allem „Österreichischen“ liegt ein Widerstand. Un- bewusster Protest ist demnach der Misserfolg, bewusster Protest ein Erfolg. Günther Domenig etwa beschreibt seine Be- rufslaufbahn als „immer vermeintliche“ Kampf- situation, „eine Aggressivität im Unterbewusst- sein, sich verteidigen zu müssen, wenn man etwas Neues macht“ (4) . Auch ein Erfolgsge- heimnis? Kampf gegen Unterschätzung? Um in Österreich Aufmerksamkeit zu bekom- men, muss behauptet, aufgefallen oder gar schockiert werden. Regeln werden umgangen, Gesetze „ausgelegt“, die Geschichte verdreht – und das bewusst und manchmal gar mit Stolz. Erst wenn genügend Provokation aufgekommen ist, erst dann, und das ist das Erstaunliche, wird man beachtet. Das trifft auf Kunst wie Politik gleichermaßen zu. Schlagzeilen werden ebenso wenig hinterfragt wie die eigene Historie. Der Schriftsteller Robert Menasse drückt es noch drastischer aus: „Kein Land der Welt hat sich selbst öffentlich so wenig problematisiert und grundsätzlich reflektiert wie die Zweite österrei- chische Republik.“ (5) Und das wird tagtäglich praktiziert. Auch wenn sich mittlerweile einiges verändert hat. Schauen wir auf die aktuelle Si- tuation Österreichs, so könnte Sie nicht besser sein. Als europäisches Land profitiert Österreich momentan wie kein anderer Staat von der EU- Erweiterung und Europa an sich. Doch in den Medien wird ein völlig anderes Bild vermittelt. Umfragen, die den Pessimismus der Landsleute belegen, werden unkommentiert den Lesern präsentiert, Unternehmensgründungen mit Plei- temeldungen kombiniert, aktuelle EU-Verhand- lungen, wie viel Österreich zukünftig an die EU zahlen muss, als Schreckensmeldungen gehan- delt, anstatt deren Bedeutung als wirtschaftli- chen Erfolg darzustellen. Das alles sind Anzei- chen für eine permanente Unterschätzungs- Politik, die nicht nur eine Reflexion, sondern vor allem eine Zukunftsvision unmöglich macht. Und zwar eine, die sich nicht nur mit „morgen“, sondern auch mit „übermorgen“ beschäftigt. Woher soll ein Selbstbewusstsein kommen, das es möglich macht, auch nicht offensichtliche Positionen zu diskutieren? Positionen, die kom- plex oder einfach, strategisch oder ungewöhn- lich, jedenfalls aus irgendeinem Grund nicht sofort schlagzeilenverdächtig sind? Oder umge- kehrt: Hält jedes vordergründig auffällige Bild auch den Erwartungen stand? Das betrifft nicht nur die Architekturszene des Landes Österreich. Aber längerfristige Strategien, ob städtebauliche,

Vorwort | Manuela Hötzl, Antje Mayer

lence: self-underestimation combined with feel- ings of grandeur. This outburst conceals a dedication, a passion, and the rejection of expectations – especially when there is a chance of success – as well as an almost perverse delight in speculating with failure. All this is part of the Austrian soul. “Now less than ever!” was also applied by Erwin Ringel to the Austrian football squad of his day that, in fact, was a good team one but which seemed always to lose the crucial matches. Under the pressure of expectations a subconscious protest develops, according to Ringel a typically Austrian type of behaviour. There is resistance in everything “Austrian”. According to this definition, subconscious pro- test is failure, conscious protest a success. Günther Domenig, for example, describes his career as a “constantly assumed” battle situation and “a subconscious aggressiveness based on having to defend yourself whenever you make something new” (4) . Is this also the secret of success? The struggle against under- estimation? To attract attention in Austria you must make an assertion, do something striking or even shocking. Ways are found around regulations, laws are “interpreted”, the story is twisted – and this is done consciously, at times even with pride. The amazing thing is that you are noticed only when you are sufficiently provocative. This applies equally to art and politics. Headlines are as little questioned as personal biographies. The writer Robert Menasse puts it even more drastically: “no country in the world has exam- ined its problems and reflected upon them as little as the Second Austrian Republic.” (5) And this is an everyday situation. Although it is true that a number of things have changed more re- cently. If we take a look at the current situation in Austria things, in fact, could hardly be better. As a European country Austria profits like few others from the expansion of the EU and from Europe as a whole. But what is reported in the media presents a very different picture. Surveys confirming the pessimism of the Austrians are presented to readers without further comment, news about the founding of new companies is combined with reports of bankruptcies, current EU negotiations about future Austrian contribu- tions to the EU are treated as horror stories, in- stead of presenting them as a sign of the coun- try’s economic success. These are all indications of a permanent policy of self-underestimation that not only makes reflection impossible but also prevents the development of any vision of the future, especially the kind of vision that deals not only with “tomorrow” but also with “the day after tomorrow”. Where should the self-confidence come from that would make it possible to discuss problems that are not so obvious, positions that are complex or simple, strategic or unusual or, for some reason or other, not immediate headline material? Or to put it the other way around: does every superficially striking image live up to the expectations made

Vorwort | Manuela Hötzl, Antje Mayer

raumplanerische oder gesellschaftspolitische, sind in einer „Hopp oder dropp“-Mentalität ver- nachlässigbar. Sicher ist, dass Österreich sich gerne mit „lauten“ Formen schmückt und auf eine archi- tektonische Vielfalt Wert legt. Zum Verständnis der momentanen Situation der Architekturszene ist ein Blick in die jüngste Vergangenheit not- wendig. Gruppen wie Coop Himmelb(l)au oder Ortner & Ortner (noch als Haus-Rucker-Co) haben eine antihistorische Periode eingeleitet, haben sich neuen Medienkonzepten, Berufs- bildern, Themen gestellt. Die fünfziger bis sieb- ziger Jahre waren eine Zeit der Manifeste, der Demokratisierung, eine Zeit des Architekten als Künstler, und Architektur galt als Utopie für eine sich rasant verändernde Gesellschaft. Die Bauten kamen langsamer nach, aber sie kamen. Und eine neue Generation wurde „Lehrer“:

Günther Domenig an der Technischen Univer- sität Graz, Helmut Richter an der Technischen Universität Wien, Wolf D. Prix an der Univer- sität für Angewandte Kunst in Wien sind Weg- weiser, Begleiter, bilden aber keine Antiautori- tät. Eine Revolte, die es den Jüngeren erlauben würde, sich als Auflehnung zu definieren, kann nicht vollzogen werden. „Vatermord“, wie Wolf D. Prix es selbst definiert, findet nicht statt. Warum auch? Nur: Woher kommt eine Selbst- Definition, wenn sie mit Widerstand aufgebaut ist und dieser langsam wegbröckelt? Gleichzeitig wurde auch ein Teil der Geschich- te, die diese Generation hinter sich gelassen hat, für die Jüngeren ausgelöscht. Diese bewegen sich – um es einmal pauschal zusammenzufas- sen – in einer Grauzone. Die Geschichte wurde von den Lehrern ausgelöscht und der Markt hat sich geöffnet. Vielfalt findet endlich statt. Formal modisch bis rational modern pragma- tisch. Als Dienstleistung alleine, wie sich eine ganze Generation nun versucht, kann sich Ar- chitektur aber nicht definieren. Einerseits will man damit die Architektur aus dem Bereich des Künstlertums heben, einem Status, der zuvor hart erkämpft wurde, andererseits schließt man gerade damit an die Vergangenheit der media- len Strategien der sechziger Jahre an und „ver- kauft“ bloß einen anderen Begriff damit. Was nichts anderes bewirken soll als Öffentlichkeit, Marketing und Aufträge. Nichts anderes wollte eine Generation davor. Und nichts anderes als die Möglichkeit einer Umsetzung. Anders ist die modische Komponente des Dienstleisters, der neben einer Kostengarantie auch ein wenig Lifestyle etc. mitverkauft.

Aber da war doch noch etwas?

Bauen bleibt für Architekten die Anfertigung von maßgeschneiderten Einzelobjekten – oder im größeren Maßstab: städtebauliche oder visionäre Konzepte. Erst Wilhelm Holzbauer, der selbst ernannte Markteroberer und Vorläufer eines Architektur-Dienstleisters, musste kommen, um auf eine soziale Verantwortung von Architektur

of it? This question does not only apply to the architecture scene in Austria. But longer-term strategies, whether in the areas of urban and country planning or socio-political policy can safely be neglected where the dominant men- tality is “do or die”. It is obvious that Austria likes to use “loud”

forms and values architectural diversity. To un- derstand the current situation of the architec- ture scene a look at the recent past is useful. Groups such as Coop Himmelb(l)au or Ortner & Ortner (when still known as Haus-Rucker-Co) introduced an anti-historical period, and ad- dressed new media concepts and new images of the profession. The 1950s to 1970s were

a time of manifestos, of democratisation, of ar-

chitects as artists and architecture as a utopia for a rapidly changing society. The buildings followed more slowly but they did eventually follow. And a new generation became “teachers”:

Günther Domenig at the TU-Graz, Helmut Rich- ter at the TU-Vienna, Wolf P. Prix at the Univer-

sity of Applied Arts point the way and are their students’ companions along it but do not form an anti-authority. The kind of revolt that might allow the younger ones to define themselves through insurgency can not occur. Patricide, as Wolf P. Prix defines it, does not happen. Why should it? But the question is: how can the self

be defined if it is built on a resistance that is slowly crumbling away? At the same time a part of the history that this older generation chose to leave behind has been extinguished for the younger generation. To put

it in a more general way this new generation

operates in a kind of grey zone. Their teachers have extinguished history and the market has

opened up. Diversity is finally occurring: formal-

ly fashionable to rationally modern and pragma-

tic. But architecture cannot be defined purely

as a service, which is what an entire genera-

tion is attempting to do. On the one hand there

is an attempt to remove architecture from the

area of art, a status that, ironically, architecture struggled hard to attain in earlier times, on the other hand this move is essentially a way of link- ing up with media strategies from the 1960s, but merely using them to “sell” a different notion. The intention is still to create publicity, improve marketing and attract commissions. What the earlier generation wanted was no different and they also wanted nothing more than a chance to implement their projects. But the fashion component of the service provider, who, in addition to guaranteeing costs also sells a slice of lifestyle etc., is something different.

But wasn’t there something else?

For architects building remains the production of made-to-measure individual objects – or at the larger scale urban planning or visionary concepts. We had to wait for the arrival of Wil- helm Holzbauer, the self-proclaimed conqueror

aufmerksam zu machen. Die Postmoderne hat sich in Österreich vielleicht von ihrer Ge- schmacklosigkeit befreit und sich dem Mate- rialkitsch der achtziger Jahre entzogen. Das Land der Visionäre ist es aber längst nicht mehr. Und die, die sich in der großen Masse von österreichischer Architektur nicht laut durchzusetzen vermögen, die, die sich nicht über einen Widerstand definieren, die, die sich, auf welcher Ebene auch immer, reflexiv verhalten, bleiben unbeachtet. Und um zu übertreiben: Beide Pole laufen Gefahr, sich gegenseitig aufzulösen. Projekte bleiben Ein- zelevents und nachhaltige Konzepte reduzie- ren sich auf Einzelobjekte. Wir Kritiker sind ein wesentlicher Teil davon und können uns in dem medialen Kreislauf nicht ausnehmen. Somit ist auch ein wenig Selbstanalyse angebracht. Wenn nicht wirklich eine gegenseitige Kritikfähigkeit (zwischen Pro- duzenten und Vermittlern) entstehen kann – und das möglichst bald –, ist die Architektur- debatte in diesem Land seiner Größe entspre- chend provinziell und trotz so vieler Lorbeeren im Einzelnen unbedeutend. Und wahrschein- lich auch uninteressant für diese und nächste Generationen. Vielleicht ist dieses Buch, und dafür danken wir FSB, die wunderbare Gelegenheit, die Chance, die Kette, zumindest kurz, zu unter- brechen. Zwar auch Projekte zu diskutieren, Eigenheiten zu bearbeiten, Personen herauszu- stellen – aber eben nicht die offensichtlichen. „Jetzt erst recht nicht!“ sollte eine Aufforde- rung sein, seine Vorbilder ebenso neu zu deu- ten wie seine Zukunft. Und sich dabei manch- mal dem scheinbar Unprätentiösen zuzuwen- den. Denn „Jetzt erst recht nicht!“ und das Wissen um die eigene Identität können auch eine gewisse Normalität erzeugen, einen Alltag, in dem Architektur vor allem stattfindet – wie auch von Hermann Czech gefordert? Und wir sind sicher, auch da gibt es Überraschungen. Solche zu finden, das wünschen wir den Lesern und Betrachtern der folgenden Seiten.

Manuela Hötzl, Antje Mayer Redaktionsbuero

Hinweis:

(1) Emerging Architecture: eine „österreichische Trilogie“ (von 2000 bis 2003), Ausstellungen im Architekturzentrum Wien, Publikation und Werk- vorträge, Kurator Otto Kapfinger (2) Transmodernity war eine Ausstellung im Austrian Cultural Forum New York, in der das Architektur- zentrum Wien drei österreichische Architekten- teams aus der Generation „unter 50“ präsentierte. Literatur:

(3) Erwin Ringel, Die österreichische Seele, Europa Verlag (4) die Architektur und ich, Eine Bilanz der österrei- chischen Architektur seit 1945 vermittelt durch ihre Protagonisten; Maria Welzig / Gerhard Steixner, Böhlau Verlag (5) Robert Menasse, Das Land ohne Eigenschaften, Essay zur österreichischen Identität, Suhrkamp

Vorwort | Manuela Hötzl, Antje Mayer

of the market and precursor of the architect as a service provider, to point out architecture’s social responsibility. Perhaps it is true that post- modernism freed itself from its tastelessness in Austria and distanced itself from the kitschy use of materials in the 1980s, but Austria is no longer a land of visionaries nor has it been one for quite some time. And those who cannot assert themselves loudly in the broad mass of Austrian architecture, who do not define them- selves in terms of resistance, who, on whatever level, remain reflective are mostly ignored. And to exaggerate somewhat: both extremes run the danger of eliminating each other. Projects remain individual events and sustainable con- cepts are reduced to individual objects. We critics are a significant part of the whole system and cannot exclude ourselves from the media cycle. And this means that a certain amount of self-analysis is called for. If a capac- ity for positive mutual criticism (between pro- ducers and mediators) cannot develop sooner rather than later, the architecture debate in this country will become provincial, matching the size of the country, and, despite the many accolades, will become unimportant – and probably also irrelevant for this generation and the next one. Perhaps (and here we must thank FSB for this wonderful opportunity) this book is a chance to interrupt the chain, even if only briefly. A chance also to discuss projects, to look at specific qual- ities and introduce personalities – but in this case, as we said above, not the obvious ones. “Now less than ever!” should be a challenge to reinterpret the models as well as the future. And, in the process, to occasionally turn towards what is seemingly unpretentious. For “now less than ever” and a knowledge of one’s own identi- ty can also produce a certain normality, the kind of everyday state in which architecture can take place – as called for by Hermann Czech. We are certain that there are also a number of sur- prises there, our hope is that those who leaf through and study the following pages will find them.

Manuela Hötzl, Antje Mayer Redaktionsbuero

References:

(1) Emerging Architecture: an “Austrian trilogy” (from 2000 to 2003), exhibitions in the Architekturzen- trum Wien, publication and lectures, curator Otto Kapfinger (2) Transmodernity was an exhibition in the Austrian Cultural Forum New York in which the Architek- turzentrum Wien presented three teams of Austri- an architects from the generation “under 50”. Bibliography:

(3) Erwin Ringel, Die österreichische Seele, Europa Verlag (4) die Architektur und ich, a survey of Austrian architecture since 1945 presented by the protagonists; Maria Welzig / Gerhard Steixner, Böhlau Verlag (5) Robert Menasse, Das Land ohne Eigenschaften, an essay on Austrian Identity, Suhrkamp

Walter Chramosta

Walter Chramosta (geb. 1956) studierte Archi- tektur, Bauingenieurwesen und Philosophie. 1988 gründete er die interdisziplinäre Planungs- gruppe Pontifex Partnership. Neben der Planung und Durchführung mehrerer Industrie- und Wohnbauten in Österreich leistet er internatio- nale Vermittlungsarbeit in Sachen Architektur, Ingenieurbau sowie Landschaftsgestaltung und arbeitet als Architekturkritiker für in- und aus- ländische Tageszeitungen und Fachzeitschriften. Weiters ist er Mitgestalter der österreichischen Fachmedien Bauforum und UmBau, Vorsitzen- der der Österreichischen Gesellschaft für Archi- tektur (ÖGfA) und Konsulent der Sektion Archi- tekten, Kammer der Architekten und Ingenieur- konsulenten für Wien, Niederösterreich und Burgenland. Publikationen: Das neue Schul- haus / The New Schoolhouse, Springer, Wien 1996; Helmut Richter (Monografie), Birkhäuser Verlag, 2000; Positionen. Beiträge zur Moder- nen Architektur im Burgenland, Österreichi- scher Kunst- und Kulturverlag, 1993.

Walter Chramosta (born in 1956) studied ar- chitecture, civil engineering and philosophy. In 1988 he founded the interdisciplinary plan-

ning group, Pontifex Partnership. In addition to designing and constructing a number of indus- trial and residential buildings in Austria he is also active in international communication in the fields of architecture, engineering and landscape design and works as an architecture critic for national and foreign daily newspapers and specialist journals. He is, additionally, involved in the design and production of the Austrian architecture publications Bauforum and UmBau. He is chairman of the Austrian Society for Architecture – ÖGfA and consultant to the architects’ section of the Chamber of Architects and Consultant Engineers for Vienna, Lower Austria and Burgenland. Publications:

Das neue Schulhaus / The New Schoolhouse, Springer, Vienna 1996; Helmut Richter (mono- graph), Birkhäuser Verlag, 2000; Positionen. Beiträge zur Modernen Architektur im Burgen- land, Österreichischer Kunst- und Kulturverlag,

1993.

Volksschule Doren

Funktion / Function

Schulgebäude / School building

Ort / Place

Doren, Vorarlberg

Fertigstellung / Completion

2003

Architekturbüro / Architects

cukrowicz.nachbaur

Probelokal

Funktion / Function

Probelokal / Rehearsal space

Ort / Place

Zwischenwasser-Batschuns, Vorarlberg

Fertigstellung / Completion

2002

Architekturbüro / Architects

Marte.Marte Architekten ZT GmbH

Skihütte Schneggarei

Funktion / Function

Skihütte / Ski chalet

Ort / Place

Lech am Arlberg, Vorarlberg

Fertigstellung / Completion

2002

Architekturbüro / Architects

Philip Lutz Architektur, Allmeinde Architecture

/ Completion 2002 Architekturbüro / Architects Philip Lutz Architektur, Allmeinde Architecture 13
/ Completion 2002 Architekturbüro / Architects Philip Lutz Architektur, Allmeinde Architecture 13
/ Completion 2002 Architekturbüro / Architects Philip Lutz Architektur, Allmeinde Architecture 13

Walter Chramosta | Volksschule Doren, cukrowicz.nachbaur

Bildungsanker im Wohlstands- gefälle. Der Volksschuldirektor von Doren

Exemplarische Bauherrenkonstellationen in alpinen Lagen von Vorarlberg, Nr. 1

Doren: ein exponiertes Dorf im vorderen Bregen- zerwald auf 700 Meter Seehöhe. Eine ruhige Auspendlergemeinde im Sog der wirtschafts- dynamischen Rheintalstadt. In die Landeshaupt- stadt benötigt man eine halbe Autostunde. Das Gemeindegebiet umfasst 14,2 Quadratkilome- ter, davon sind 60 Prozent landwirtschaftlich nutzbar. Etwa 1.000 Personen haben in Doren ihren Hauptwohnsitz, ungefähr 40 einen Zweit- wohnsitz. Bei der Nationalratswahl 2002 waren die ÖVP (74 Prozent), die FPÖ (11 Prozent) und Die Grünen (6 Prozent) die stimmenstärks- ten Parteien; bei der Gemeinderatswahl 2005 erhielt die als Einzige kandidierende Bürgerliste 97 Prozent der Stimmen. Man befindet sich im Bregenzerwald in kon- servativ-ruraler Verfassung, zugleich ist man punktuell urban-innovativ aufgeschlossen. Das erzeugt merkwürdige Konstanzen und stimmige Brüche im Raum wie in den Lebensabläufen; Land und Stadt greifen ineinander. Ein findiger Menschenschlag prägt den „Wald“, diesen In- begriff einer entwicklungsträchtigen Randlage. Weltoffenheit und Weltverschlossenheit verbin- den sich hier so widerspruchsarm wie in keiner anderen alpinen Region Österreichs. Die kataly- tische Koexistenz von bäuerlicher Bautradition und heutigem Architekturschaffen ist ein deut- liches Anzeichen. Doren ist Teil einer alten Welt und hat doch unleugbare Partikel einer neuen. Die Volksschule ist für Doren der Ankerpunkt des Wandels. Sie ergibt die Urbanisierung des Ortszentrums und eine glückliche Neufassung der kommunalen Grundschule. Sie ist umstrit- ten wie jede zeitgenössische Architektur, sper- rig in ihrer gestalterischen Konsequenz, schwer akzeptabel in ihrer harten Materialität, aber mittlerweile hat man sie sich angeeignet – zu- mindest jene Personen, die die Sinnlichkeit des Inneren erlebt haben. Oder die den Initiator kennen gelernt haben: den Lehrer und Direktor Bernd Dragosits. Autoren des Bauwerks sind selbstredend die Architekten, die den Wettbe- werb gewannen. Autor und Motor des Projektes war aber der Direktor, er war Bauherr im eigent- lichen Sinn, beharrlich qualitätsorientiert, tak- tisch geschickt im Umgang mit der Gemeinde- führung und mit dem Stammtisch. Kein gutes öffentliches Bauwerk entsteht ohne solch eine Kristallisationsfigur der Interessen, kein siegrei- ches Wettbewerbsprojekt kann ausreifen, ohne dass den Planern ein perfektionistischer Nutzer gegenübersteht. Eine exemplarische Randbe- dingung der Architekturproduktion. „Ich war Schulreferent in Bregenz, habe dann geglaubt, hier wichtig zu sein“, berichtet

Educational Anchor in the Wealth Divide. The Head- teacher in Doren

Exemplary architect/client configurations in Alpine regions of Vorarlberg, no. 1

Doren: an exposed village at the edge of the Bregenz Forest, situated 700 meters above sea level. A peaceful commuter community in the catchment area of the economically dynamic city of Bregenz in the Rheintal valley. The pro- vincial capital is half an hour’s drive away. The municipality covers 14.2 square kilometers. Sixty percent of this usable for agriculture. About 1,000 people have their main place of residence in Doren, about forty have their second home there. At the National Assembly elections in 2002, the ÖVP [People’s Party] (74%), the FPÖ [Freedom Party] (11%) and the Greens (6%) received the most votes; at the municipal elections in 2005, the Citizens’

List (Bürgerliste), the only one to run, received 97% of the votes. In the Bregenz Forest, the general mood is conservative and rural. At the same time, there

is an urban, innovative attitude to be found in

some places. This produces strange constancies and coherent ruptures both in the region and in the way people live; country and city are inter- twined. A resourceful breed of people dominates the “forest”, that epitome of a developing mar-

ginal area. Cosmopolitanism and provinciality are combined here with fewer contradictions than in any other Alpine region of Austria. The catalytic coexistence of rural architectural tradi- tion and contemporary architectural creation is

a clear sign. Doren is part of an old world, yet has undeniable particles of a new one. For Doren, the Volksschule [primary school]

is the anchor of the transformation. It brings

about the urbanisation of the town centre and

a successful new version of the municipal pri-

mary school. It is as controversial as every other piece of contemporary architecture, unwieldy in the rigor of its design, hard to accept in its hard materiality. But it has now been accepted – at least by those people who have experienced the sensuousness of the interior. Or those who have met the initiator: the teacher and headteacher, Bernd Dragosits. The creators of the building are of course the architects who won the tender. But the instigator and motor behind the project was the headteacher; he was the real client,

persistent in his demands for quality, tactically skilful in dealing with the municipal authorities and popular opinion. No good public building is ever created without there being such a figure around whom interests crystallize; no tender- winning architectural project can grow to ma- turity unless the planners have a perfectionist user as partner. An exemplary secondary condi- tion for the production of architecture.

Volksschule Doren, cukrowicz.nachbaur | Walter Chramosta

Volksschule Doren, cukrowicz.nachbaur | Walter Chramosta 1 Zwei Terrassen als Aufwertung des Dorfzentrums: lapidare

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Zwei Terrassen als Aufwertung des Dorfzentrums: lapidare Asphaltebenen vor den Schuleingängen, Stützmauern aus regionalem Kalkstein, ein Brunnen und eine Dorflinde als Attraktoren alltäglicher Aneignung. Two terraces enhance the village centre: simple asphalt surfaces in front of the school entrances, retaining walls of regional limestone, a fountain and a village lime tree encourage acceptance on a daily basis.

Dragosits. „Seit 1994 war ich in Doren Schul- direktor, in einem verbrauchten Haus mit einer schlimmen räumlichen Situation: kein Werk- raum, kein Turnsaal, Direktor und Lehrer auf 12 Quadratmeter zusammengezwungen, regel- mäßige Ausfälle der Heizung. Die Diskussion um einen Schulneubau ging sechs Jahre! Aber der Fußballplatz und die Feuerwehr wurden vorgezogen. Den Kindergarten habe ich in das Projekt integriert, was der Verwirklichung der Schule geholfen hat.“ Der Direktor argumentierte gegen die teure Renovierung des Bestandes, schrieb das Raum- und Funktionsprogramm, war im Preisgericht des Wettbewerbes und bereit, den Bürgern den Bau zu „verkaufen“, indem der Entwurf von

“I was a district school administrator in Bre- genz; then I thought it was important for me to be here,” says Dragosits. “I had been head- teacher in Doren since 1994 in a run-down house with terrible facilities: no work room, no gym, the principal and teachers squashed to- gether in 12 square meters, heating that kept on breaking down. The discussion about build- ing a new school went on for six years! But the football pitch and the fire service were given precedence. I integrated the kindergarten into the project and that helped get the school built.” The principal argued against renovating the existing building at great expense, drew up the space and function program, was on the competition jury and was willing to “sell” the

Walter Chramosta | Volksschule Doren, cukrowicz.nachbaur

Walter Chramosta | Volksschule Doren, cukrowicz.nachbaur 2 Neu in Bezug gesetztes Dreigestirn Bürgermeister – Lehrer

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Neu in Bezug gesetztes Dreigestirn Bürgermeister – Lehrer – Pfarrer: Gemeindeamt, Schule und Pfarrhof beziehungsweise Kirche bilden als Solitäre in räumlicher Nahbeziehung die traditionelle dörfliche Machttrias ab. Newly organized triumvirate of mayor – teacher – parish priest: municipal offices, school and the priest’s house or church are freestanding buildings in a spatially close relationship depicting the traditional allocation of power in the village.

Anfang an immer kommuniziert wurde. Die Be- dürfnisse der Lehrer ließ er in Grundriss und Ausstattung einfließen. Der Traum der Lehrer hat sich erfüllt: Es gibt Arbeitsplätze nach Wunsch, das Gebäude funktioniert in allen Aspekten, es hat die beste pädagogische Ausstattung in Vor- arlberg, sogar der anfangs zurückhaltende Bür- germeister ist stolz. Überzeugend die strukturelle Lösung: In der steilen Hangsituation war ein horizontaler Dorf- platz, der zugleich Pausenhof ist, willkommen, die frei stehende Volksschule bildet mit Gemein- deamt und Kirche eine Trias. Die Schule steckt bergseitig zweieinhalb Geschosse im Hang, wahrt trotz ihres Volumens den Maßstab des Ortsge- füges. Die Geschossgliederung ist nicht minder

building to the village residents by communi- cating the design to them from the start. He ensured that the needs of the teachers influ- enced the ground plan and the facilities. The teachers’ dream has been fulfilled: there are enough workplaces, all aspects of the building function, and it has the best teaching facilities in Vorarlberg. Even the mayor, hesitant at first, is proud. The structural solution is convincing: as the site is on a steep slope, a horizontal village square, which also acts as the schoolyard, was welcome. The free-standing Volksschule forms a trinity with the local administrative office and the church. The school stands on the mountain side two-and-a-half storeys high. Despite its

Volksschule Doren, cukrowicz.nachbaur | Walter Chramosta

Volksschule Doren, cukrowicz.nachbaur | Walter Chramosta 3 Klassenzimmer mit Wohnqualität: komplette Auskleidung in

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Klassenzimmer mit Wohnqualität: komplette Auskleidung in unbehandelter Weißtanne, leichtes, anpassungsfähiges Mobiliar, beste Ausstattung mit Unterrichtsmaterial, der Bregenzerwald als flankierendes Ereignis. Classroom with a living-room quality: completely clad in untreated silver fir, light, adaptable furniture, excellently equipped with teaching material and the Bregenz Forest as a flanking experience.

stringent, sie folgt dem Gelände: die Turnhalle zur Hälfte im Boden, ihr Oberlicht und der Haupteingang samt Winterfoyer orientiert zum Platz, im ersten Obergeschoss der Nebenein- gang mit der Aula, die Direktion, das Lehrer- zimmer und die Kindergartengruppe, im zweiten und dritten Obergeschoss jeweils zwei Klassen- zimmer und ein Werkraum mit Sanitär- und Nebenräumen. Es ist ein extrem optimierter Grundriss, ohne Gang, bestenfalls mit einer Garderobenschicht, die eigentlich zum Klassen- zimmer gehört. Kompositorische Techniken sind das Über- lagern und Drehen von Raumschichten in der Horizontalen und Vertikalen. Durch den Wechsel der Orientierungen der Schichten im

volume, it stays within the general scale of the rest of the village. The way the various floors are arranged is no less logical; it follows the terrain: the gym half in the ground, its transom and the main entrance as well as the winter foyer facing the square; the first floor with the second entrance, the assembly hall, principal’s office, staff room and the kindergarten group; and the second and third floors each with two classrooms and a work room with sanitation facilities and side rooms. It is an extremely efficient ground plan, without a corridor, just a cloakroom that really is part of the classroom. The compositional techniques used are the superimposition and turning of spatial strata on the horizontal and vertical planes. The change

Walter Chramosta | Volksschule Doren, cukrowicz.nachbaur

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Bewegen, spielen, lernen: Die Gänge im zweiten und dritten Obergeschoss sind nutzungs- neutrale Raumschichten, den angrenzenden Klassenzimmern zuzurechnende, wärmende, wohl- riechende Holzfutterale, von Sichtbetonportalen gegliedert. Movement, playing, learning: the corridors on the second and third floors are functionally neutral spatial layers, ascribed to the adjoining classrooms, warming, pleasantly scented wood-lined spaces, articulated by portals of exposed concrete.

spaces, articulated by portals of exposed concrete. Erdgeschoss und in den beiden Obergeschossen entsteht ein

Erdgeschoss und in den beiden Obergeschossen entsteht ein Spiel, das sich an den tragenden Außenwänden abbildet. Raumhohe Träger über- spannen die gesamte Gebäudetiefe. Die Trag- struktur aus Sichtbeton ist an den Fassaden und im Gebäudeinneren ablesbar. Für die nicht tragenden Teile wurde nur unbehandelte Weiß- tanne verwendet, an den Wänden glatt gehobelt, auf den Böden fein gesägt. Ein in seiner Einheit- lichkeit und Klarheit bestechendes Ambiente von hoher Praktikabilität, schlüssig auf allen Ebenen der Wahrnehmung: visuell, akustisch, olfaktorisch und taktil. Das Credo des Direktors, dass man nicht auf Kosten der Schüler „für“ die Gemeinde sparen kann, hat sich bewährt. Im neuen Gebäude gibt es weniger Streit, höhere Konzentration und weniger Erkrankungen bei Lehrern und Schü- lern. Durch den weichen Holzteppich und das flexible Schülermobiliar präsentiert sich das ganze Haus als Lernort. Vielfältige Nutzungen erobern das Raumpotenzial der Schule. Bernd Dragosits kann den Erfolg seiner höchstpersön- lichen Schulpolitik auf den Punkt bringen: „Die Ministerin würde nach Noten fragen, aber die Noten sind hier nicht besser als anderswo. Die Atmosphäre ist besser!“

in the orientation of the strata on the ground floor and the two upper floors creates an inter- action that is reflected in the load-bearing outer walls. Supporting beams span the entire depth of the building. The load-bearing construction of exposed concrete is reflected in the façades and in the interior of the building. For the non- load-bearing parts, only untreated silver fir is used, smoothly planed for the walls, finely sawn for the floor. An ambiance of high practicality, impressive in its unity and clarity, coherent at all levels of perception: visual, acoustic, olfac- tory and tactile. The principal’s credo of not saving “for” the municipality at the pupils’ cost has proven its worth. In the new building, there is less quar- relling, more concentration and both teachers and pupils are less often sick. The soft wood mat and the flexible furnishings for the pupils make the whole building look like a place of learning. A variety of usages exploits the school’s spatial potential to the full. Bernd Dragosits can sum up the success of his own personal school policy: “The minister would ask about pupils’ marks, but the marks here are not better than anywhere else. It’s the atmosphere that is better!”

Fotos / Photos © 4 Hanspeter Schiess

Volksschule Doren / Primary school Doren Doren
Volksschule Doren /
Primary school Doren
Doren

Architekturbüro / Architects cukrowicz.nachbaur

Typ / Type Schulgebäude / School building

Adresse / Address Kirchdorf 2 A-6933 Doren (Vorarlberg)

Fertigstellung / Completion

2003

Bauherr / Client Gemeinde Doren / Community Doren

Nutzfläche / Usable floor area

1.400 m 2 / 1,400 m 2

Kubatur / Cubage

7.500 m 3 / 7,500 m 3

Mitarbeiter / Assistants

DI

Georg Bechter,

DI

Markus Cukrowicz

Statik / Structural engineers Mader & Flatz

Baukosten / Construction costs ¤ 2.200.000 / ¤ 2,200,000

Türklinke / Lever handle

¤ 2.200.000 / ¤ 2,200,000 Türklinke / Lever handle Volksschule Doren, cukrowicz.nachbaur | Walter Chramosta 1
Volksschule Doren, cukrowicz.nachbaur | Walter Chramosta 1 Querschnitt / Cross section M 1:250 2 Grundriss
Volksschule Doren, cukrowicz.nachbaur | Walter Chramosta
1 Querschnitt / Cross section
M 1:250
2 Grundriss OG / First floor plan
M 1:250

Walter Chramosta | Probelokal, Marte.Marte

Ein Hintergrundrauschen in der Dorfmusik. Der Bürger- meister von Zwischenwasser

Exemplarische Bauherrenkonstellationen in alpinen Lagen von Vorarlberg, Nr. 2

Zwischenwasser: der gemeindepolitische Zu- sammenschluss von Muntlix, Dafins, Buche- brunnen und Batschuns, Ortschaften in der Region Vorderland des Rheintals. Die Fraktion Muntlix ist der dispersen Rheintalstadt zuzu- rechnen, die übrigen sind Bergdörfer auf den Sonnenterrassen im ersten alpinen Oberge- schoss. Namensgebend ist die Lage zwischen den Flüssen Frutz und Frödisch. Sogar eine kommunalpolitische Intention klingt hierbei an:

Eine Gemeinde sucht ihre Linie zwischen Indi- vidualisierungstendenzen und Gemeinwohl. Man ist bekannt als Gewerbestandort, als Vor- zugswohnlage, als Solarmusterkommune und Hort der Baukultur. 2001 waren anlässlich der Volkszählung 3.050 Einwohner festzustellen; 1.406 Personen waren erwerbstätig, 86 Prozent mussten auspendeln. Bei der Gemeinderats- wahl 2005 erhielt die Österreichische Volkspar- tei 43 Prozent der Stimmen, die Unabhängige Namensliste 20 Prozent und die Freie Wähler- liste 37 Prozent; bei der gleichzeitig abgehalte- nen Direktwahl des Bürgermeisters wurde Josef Mathis (ÖVP) mit 72 Prozent wiedergewählt. Batschuns ist nach wie vor ein Dorf. Bauern- höfe und Einfamilienhäuser gruppieren sich um Kirche, Pfarrhaus und Volksschule. Die Kirche bestimmt die Ortsmitte. Räumlich gefasst ist der Sakralbezirk seit 2002 einerseits durch die in Lehm gebaute Aufbahrungshalle und die Friedhofserweiterung, andererseits durch das gleichzeitig entstandene Probelokal des Musik- vereins Cäcilia. Beide Bauten sind kongenial zum starken Kirchenbau des Clemens Holz- meister von 1923. Beide würden ohne die Ini- tiative von Bürgermeister Josef Mathis nicht existieren. Wer einen Beleg für die zentrale Be- hauptung jeder Baukulturdebatte sucht, dass ein öffentlicher Auftraggeber nur dann gute Architektur erhält, wenn er eine Galionsfigur stellt, die als Bauherr ein Projekt personifizie- ren und „verkaufen“ kann, der findet ihn in diesem Ensemble und in Bürgermeister Mathis. Ein Musikheim ist Indikator des Vereinslebens, des sozialen und kulturellen Kitts im gesellschaft- lichen Gefüge. Die Probelokalität für die Bürger- musik in Batschuns wird als öffentlicher Ort par excellence eingeschätzt, mit Erwartungen der Bürger überfrachtet. Dass der jahrzehntelang ersehnte Nachfolgebau für das „Musighüsle“ der zwanziger Jahre eine derart radikale archi- tektonische Fassung annehmen konnte, ist die Folge eines langfristig verfolgten Projektes des Bürgermeisters zur Qualitätssicherung im Bauen. Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit der Ge- meindeführung wurden auf die Probe gestellt.

Background Sound to the Village Music. The Mayor of Zwischenwasser

Exemplary architect/client configurations in Alpine regions of Vorarlberg, no. 2

Zwischenwasser: a community created by local political decisions, is made up of Muntlix, Da- fins, Buchebrunnen and Batschuns, all places in the Vorderland region of the Rheintal valley. The district of Muntlix can be reckoned as part

of the dispersed Rheintal urban agglomeration, while the other constituent parts of the new community are mountain villages on sun-facing terraces on the first upper level of the Alps. The location between the rivers Frutz and Frödisch

is what gave the new compound community its

name, Zwischenwasser [literally “between the waters”], and indeed the name even suggests

a certain intention in terms of local politics: a community seeks a direction of its own between

the common weal and individualist tendencies.

It

residential area, a model solar-energy commu- nity and a place with a developed culture of ar-

chitecture. The census of 2001 recorded 3,050 residents. 1,405 persons were in gainful em- ployment, 86% of them had to commute to work. In the municipal elections in 2005 the ÖVP [People’s Party] won 43% of the votes, an independent list of names (Unabhängige Namensliste) got 20% and the Free Voters List (Freie Wählerliste) received 37%. In the direct election for mayor held at the same time Josef Mathis (ÖVP) was re-elected with 72% of the votes. Batschuns remains a village. Farmhouses and single-family dwellings are grouped around the church, the priest’s house and the primary school. The church forms the village centre. Since 2002 the religious core has been spatially defined on the one hand by the chapel of rest (built of rammed earth) and the extension to the cemetery and, on the other, by the rehearsal room of the Musikverein Cäcilia [the local music association] that was built at the same time. Both these new buildings are respectful towards Cle- mens Holzmeister’s powerful church building from 1923. Without the initiative of the mayor Josef Mathis neither of them would exist. Those looking for proof of a central assertion in the architectural debate that a public client only receives good architecture when it can provide

a figurehead to personify the project and “sell”

is known as a commercial location, a desirable

it, will find their thesis confirmed by this en- semble and mayor Mathis.

A music building is an indicator of commun-

ity life and of social and cultural cohesion in the social system. The rehearsal building for the musicians of Batschuns is regarded as a public place par excellence, and thus local residents had great expectations of it. A project aimed at

Probelokal, Marte.Marte | Walter Chramosta

Probelokal, Marte.Marte | Walter Chramosta 1 Ein begehbares Holzinstrument: elementar in seiner Grundform, homogen

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Ein begehbares Holzinstrument: elementar in seiner Grundform, homogen bekleidet mit collageartig verarbeitetem Sperrholz, akzentuiert durch ausgestülpte Fensterelemente, trotz seiner bescheidenen Dimensionen ein starkes Artefakt. An accessible wooden instrument: with an elementary basic form, homogeneously clad with a collage-like use of plywood, accentuated by projecting window elements, despite its modest dimensions a powerful artefact.

Der geladene Wettbewerb über das Probelokal brachte ein klares Ergebnis: einen hölzernen Klangkörper von Marte.Marte. „Meine Entschei- dung fiel sofort“, betont Mathis, „ein revolutio- närer Entwurf“, aber die Bürger konnten ihm nicht so rasch beipflichten. „Die Architektur passt nicht an den Ort“, „Klingt nicht“ waren die Vorbehalte vor allem der Älteren; sie wurden argumentativ ausgeräumt, vor allem der ge- plante Innenraum überzeugte. In der Gemein- devertretung fand sich schließlich eine klare Mehrheit für das Projekt. Etwa 2.000 Stunden Eigenleistung wurden beim Bau eingebracht. „Jetzt sind alle stolz“, resümiert Mathis die Reaktionen des überwiegend aus jungen Musi- kern bestehenden Vereins. Nach mehr als einem Jahrzehnt im Amt ortete Mathis Anfang der neunziger Jahre eine Stag- nation der Qualitätsentwicklung im Baugesche- hen seiner Gemeinde: Die „Volksmeinung“ konnte seiner Überzeugung nach nicht oberste

securing architectural quality pursued by the mayor over the years was responsible for the fact that the successor to the old 1920s “Mu- sighüsle” [music house], keenly awaited for years, could assume such a radical architectural form. The invited entry competition for the re- hearsal space brought a clear result: a wooden “resonating volume” by Marte.Marte. “I made my decision immediately,” Mathis emphasises, in favour of “a revolutionary design” but the local residents were not able to agree with his choice so quickly. “The architecture does not suit here,” “it doesn’t resonate,” were some of the objections, above all from older members of the community. These objections were dispelled as a result of debate, the clearly planned interior was primarily what convinced everyone. In the local community council there was finally a clear majority in favour of the project. The build- ing required 2,000 hours of work by the locals. “Now everyone is proud of it,” says Mathis,

Walter Chramosta | Probelokal, Marte.Marte

Walter Chramosta | Probelokal, Marte.Marte 2 Eine überraschend abstrakte Repräsentation gelebten Volkstums: Das

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Eine überraschend abstrakte Repräsentation gelebten Volkstums: Das Musikheim des dörflichen Traditionsvereins entschlägt sich aller regionalistischen Attribute, transportiert das gefestigte Selbstverständnis der Betreiber über eine kompromisslose Architektur. A surprisingly abstract representation of living folklore: the music building of the village tradition association strips itself of all regional attributes, translating the organisers’ secure image of themselves into an uncompromising architecture.

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Konfrontative Nahbeziehung des Artefakts zum benachbarten Schulhaus. Confrontationally close relationship between the artefact and the neighbouring schoolhouse.

between the artefact and the neighbouring schoolhouse. 4 In Wechselwirkung mit der kongenialen Holzmeister-Kirche.

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In Wechselwirkung mit der kongenialen Holzmeister-Kirche. Interplay with the congenial Holzmeister church.

4 In Wechselwirkung mit der kongenialen Holzmeister-Kirche. Interplay with the congenial Holzmeister church. 22

Probelokal, Marte.Marte | Walter Chramosta

Probelokal, Marte.Marte | Walter Chramosta 5 Der Proberaum bestimmt die äußere Gestalt, aber nach innen, zu

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Der Proberaum bestimmt die äußere Gestalt, aber nach innen, zu den Musizierenden, dringt nur streifendes Tageslicht. The rehearsal room determines the external form, but only strips of daylight penetrate inside where the musicians play.

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Aufstieg im Holzgefäß: vom Vereins- zum Proberaum. Stairs in a wooden container: from the association room to the rehearsal room.

container: from the association room to the rehearsal room. 7 Ort der Musikantengeselligkeit: minimalistisch gefasst,

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Ort der Musikantengeselligkeit: minimalistisch gefasst, aber immer im Angesicht des Dorfes. A place for sociable music making: defined in a minimalist way, but always facing the village.

Angesicht des Dorfes. A place for sociable music making: defined in a minimalist way, but always

Walter Chramosta | Probelokal, Marte.Marte

Richtschnur sein. Seit 1992 unterstützt ihn da- her ein Fachbeirat für Architektur und Gemein- deentwicklung im Baugenehmigungsverfahren. Bauherren werden schon im Vorfeld einer Ein- gabe beraten. Wer Emotionen rationalisieren, von Vorurteilen zu Fachurteilen kommen will, ruft aber leicht Enttäuschungen bei Bauwer- bern und Planern hervor. Der Fachbeirat gilt durch die Transparenz seiner Beurteilungskri- terien und seine Serviceorientierung als erfolg- reich. Selbst skeptische Gemeindevertreter haben den Beirat akzeptiert. Die gestalterische Qualität privater wie öffentlicher Bauten konnte gehoben, der Blick der Bürger auf das Ortsbild von manchem Klischee befreit werden. Um die verlockendste Scheinlösung der Ortsbildproble- matik, um Gestaltungssatzungen, die Architektur auf einen Kodex von Materialien und Geome- trien verkürzen, ist die Gemeinde dank intensi- ver Diskussionen mit dem Fachbeirat herum- gekommen. Andere Gemeinden haben das Beratungsmodell übernommen. Das Probelokal will kein Nebengebäude sein, sondern ein solitärer „Klangkörper“. Gerade weil es selbstbewusst auftritt, kann es mit den gewichtigen Nachbarn konkurrieren. Dem kon- ventionellen Schulhaus widersteht es als strikt kubistisch geordnete Finesse in bedrängender Nahbeziehung, zur Kirche hält es sich als klei- ne, brisante Masse, am langen baukünstleri- schen Hebelsarm, in Balance. Das freie Umfeld von Kuhweide, Obstwiese und Kinderspielplatz verleiht ihm eine Präsenz als Artefakt – stimmig für einen Ort der Musik. Seine äußere Erschei- nung folgt der inneren Organisation. Die Nutz- werte sind optimal, der Proberaum lebt von okularartigen Ausblicken und fokussierten Licht- einfällen. Raum und Musik im Einklang, eine revidierte architektonische Moderne als Hinter- grundrauschen der Traditionspflege. Gebaute Architektur kann nur einen Autor haben, wenn es einen Besteller gibt. Mathis ist ein überzeugter Demokrat, kennt gerade des- halb die Grenzen der Demokratie beim Verwirk- lichen von Architektur. Er hat für seine Gemein- de gut bestellt, weil er mit dem Diktat der Bau- kunst politisch umgehen kann. Josef Mathis ist kein Populist, er popularisiert individuelle Wert- maßstäbe für das Gemeinwohl: „Ich bin nicht Bürgermeister der breiten Masse, um dem Volks- willen zu genügen.“

summarising the reactions of the association which is made up primarily of young musicians. At the beginning of the 1990s, after more than

a decade in office, Mathis began to register a

certain stagnation in building activity in his com- munity. He was convinced that “popular opinion”

should not be the ultimate authority and guide- line on matters of planning and building. There- fore since 1992 he has been assisted in asses- sing building projects by an expert advisory committee for architecture and community development. Prospective builders are offered advice in the initial stages of a planning per- mission application. But someone who wishes to rationalise emotions can easily provoke dis- appointments among both those who wish to build and planners. The advisory committee is regarded as successful thanks to the criteria it employs in making its judgements and its focus on providing a service. Even sceptical local re- presentatives have accepted the committee. The design quality of private and public buildings has been raised, the local residents’ view of their town has been freed from a number of clichés, and, thanks to intensive discussions with the ad- visory committee, the community has managed to avoid that most tempting but illusory solution to the problems of a town’s appearance, design rules that reduce architecture to a code of ma- terials and geometries. Other communities have subsequently adopted this model. The rehearsal space is not an ancillary build- ing but a free-standing “resonating volume”.

Precisely because of the self-confident way it presents itself it can compete with its weighty neighbours. It counters the conventional school building, in perilously close proximity, as a strict-

ly cubic and subtly organised building. It is a

striking, small mass that keeps its balance in relation to the church by employing a long ar- chitectural lever. The open surroundings of

pastures, orchards and children’s play area lend

it a presence as an artefact – most harmonious

for a place where music is made. Its external appearance reflects the internal organisation. The rehearsal space functions ideally and de- rives its life from views outside (like through eyes), and the focussed entry of light. Space and music are in harmony, a revised architec- tural modernism here provides background sound for the cultivation of a musical tradition.

Built architecture can have an author only if

it also has an orderer. Mathis is a democrat by

conviction, which is precisely why he is aware of the limitations of democracy in creating and producing architecture. He has ordered well for his community, as he can politically handle the dictates of architecture. Josef Mathis is not a populist, he popularises individual scales of value for the common good. “I am not the mayor of the broad mass of the population with just a mandate to satisfy popular opinion.”

Fotos / Photos © 7 Ignacio Martínez

Probelokal Musikverein Cäcilia Batschuns / Rehearsal space Musikverein Cäcilia Batschuns Zwischenwasser- Batschuns
Probelokal Musikverein Cäcilia
Batschuns / Rehearsal space
Musikverein Cäcilia Batschuns
Zwischenwasser-
Batschuns

Architekturbüro / Architects Marte.Marte Architekten ZT GmbH

Typ / Type Probelokal / Rehearsal space

Adresse / Address Furxstraße 1 A-6832 Zwischenwasser- Batschuns (Vorarlberg)

Fertigstellung / Completion

2002

Bauherr / Client Gemeinde Zwischenwasser / Community Zwischenwasser

Nutzfläche / Usable floor area 195 m 2 / 195 m 2

Kubatur / Cubage 1.023 m 3 / 1,023 m 3

Team

DI

Stefan Marte

DI

Bernhard Marte

DI

Robert Zimmermannn

DI

Britta Wohlgenannt

DI

Alexandra Fink

DI

Davide Paruta

Statik / Structural engineer

DI Paul Frick

Türklinke / Lever handle

Structural engineer DI Paul Frick Türklinke / Lever handle Probelokal, Marte.Marte | Walter Chramosta 1 Grundrisse

Probelokal, Marte.Marte | Walter Chramosta

1 Grundrisse EG/OG / Ground and first floor plan

M 1:250

Marte.Marte | Walter Chramosta 1 Grundrisse EG/OG / Ground and first floor plan M 1:250 2
Marte.Marte | Walter Chramosta 1 Grundrisse EG/OG / Ground and first floor plan M 1:250 2

2 Schnitt / Section

M 1:250

Marte.Marte | Walter Chramosta 1 Grundrisse EG/OG / Ground and first floor plan M 1:250 2

Walter Chramosta | Skihütte Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde

Ein Brettspiel im Heimat- schutzbezirk. Die Tourismus- utopisten von Lech

Exemplarische Bauherrenkonstellationen in alpinen Lagen von Vorarlberg, Nr. 3

Lech am Arlberg: eine Premiumdestination des Skisports, eine saisonale Wertschöpfungsma- schine, die auch Heimat sein soll. Lech strebt offiziell „Qualitätsführerschaft“ an, will „das führende Skidorf in den Alpen“ werden. Seit den fünfziger Jahren hat sich die Einwohner- zahl verdoppelt, die Zahl der Nächtigungen ver- zehnfacht. Die Volkszählung 2001 ergab 1.466 Einwohner, in der Hauptsaison halten sich bis zu 14.000 Menschen in Lech auf. Mit 9.000 Gästebetten werden etwa 1 Million Nächtigun- gen pro Jahr erzielt. Der Gemeindesteuerertrag pro Kopf liegt fünfmal höher als der Vorarlberger Landesschnitt. Bei der Gemeindevertretungswahl 2005 erhielt die Bürgerliste Lech-Zürs 70 Pro- zent der Stimmen, die Liste „Zukunft Lech/mit- denken – umdenken“ 30 Prozent. Durch die Rodung des Tannbergs entstand jene hochmontane Passlandschaft, die jahr- hundertelang karges Bauernleben sicherte und sich dann für Skiterrainzwecke prädestiniert er- wies. Das gepflegte Gelände ist gewissermaßen das „Eigenkapital“ von Lech. Der Arlbergtou- rismus löste einen unumkehrbaren Gestaltwan- del aus: vom Walserdorf zum heutigen disper- sen Gefüge architektonisch unbedeutender Gewerbebauten, keine Belege regionaler Bau- tradition, nichts Originäres oder Originelles, ver- wechselbare Rustikalität gibt den Ton an. Der Baubestand ist das „Fremdkapital“ von Lech. Ein Jahrhundert Tourismuswachstum wirft Existenzfragen auf. Das erste politische Ziel im Räumlichen Entwicklungsleitbild 2000 lautet:

„Lech soll Dorf bleiben.“ Man ersehnt einen Heimatschutzbezirk, obwohl längst ein Gewer- begebiet vorherrscht und dieses mit Erwartun- gen der Einheimischen an ihren Wohnort bezie- hungsweise der Gäste an ihren Erholungsort kollidiert. Stereotyp zitierte, alpidische Baufor- men haben ein Ortsbild des kleinsten gemein- samen Nenners erschaffen: zu wenig radikal in der Sache, um wegweisend, zumal unter Schnee zu kompakt, um geschäftsstörend zu sein. Vom seit drei Jahrzehnten währenden Phä- nomen der „Baukunst in Vorarlberg“ hat sich Lech fern gehalten. Mancher Mächtige in Lech hält das für einen Erfolg. Wegen der „gewissen Zurückhaltung bei modisch ‚schmückenden‘ Details bietet Lech insgesamt ein ansprechen- des und überzeugendes Bild mit wenig großen ‚Bausünden‘“, konstatiert das Leitbild. Und man will offen sein, „keine Bauten verhindern, die vom ‚bisher Gewohnten‘ abweichen, son- dern darauf achten, dass sich diese möglichst gut in den vorhandenen Baubestand integrie- ren lassen.“

A Board Game in the Heimat- schutzRegion. Utopian Concepts of Tourism in Lech

Exemplary architect/client configurations in Alpine areas of Vorarlberg, no. 3

Lech am Arlberg: a premium ski destination,

a seasonal value-creation machine that is also

meant to be “home”. Lech officially aspires to be a “quality leader” and aims to become “the top skiing village in the Alps”. Since the fifties, the population has doubled and the number of overnight stays has increased tenfold. The 2001 census put the number of inhabitants at 1,466; in the peak season, there are up to 14,000 people staying in Lech. There are bed places for 9,000 visitors and about one million overnight stays per year. The tax revenue taken in by the municipality is five times higher per capita than the average in Vorarlberg. At the municipal elections in 2005 the Citizens’ List (Bürgerliste) Lech-Zürs received 70%, the list Zukunft Lech / mitdenken – umdenken won 30%. The clearing of the Tannberg mountain pro- duced the high-montane pass landscape that for centuries provided farmers with a meagre existence and then turned out to be predes- tined as a skiing terrain. The carefully tended terrain is, so to speak, Lech’s “personal capital”. Tourism on Arlberg triggered an irreversible

face change: from the Walser village to today’s diffuse collection of architecturally insignificant commercial buildings. There is no evidence of

a regional building tradition, nothing innovative

or original; undiversified rusticality predomina- tes. The buildings are Lech’s “outside capital”. A century of growing tourism has raised exis-

tential questions. The first political objective in the Guidelines for Planning and Develop- ment 2000 is: “Lech should remain a village.” People long for a Heimatschutz [homeland

conservation] district, even though an industrial area has long predominated, something which

is at odds both with the expectations of the in-

habitants with regard to their place of residence, and those of visitors with regard to their holiday location. Stereotyped, unoriginal, Alpidic archi- tectural forms have given the village an appear- ance that derives from the lowest common denominator: not radical enough to be revolu- tionary and, especially under snow, too com- pact to disturb business. Lech has kept its distance from the pheno- menon of “architecture in Vorarlberg” that has existed for three decades now. Many of those in power in Lech consider that as a success. Because of a “certain restraint with regard to fashionably ‘decorative’ details, Lech as a whole has an attractive and convincing appearance with few big ‘architectural sins’,” say the Guide- lines. And the aim is to be open and “not pre- vent any buildings that deviate from what has

Skihütte Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde | Walter Chramosta

Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde | Walter Chramosta 1 Après-Ski-Disko am „Hauptplatz“ von Lech: Ursache

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Après-Ski-Disko am „Hauptplatz“ von Lech: Ursache einer ortsbildlichen Erregung in Gemeindepolitik und -verwaltung. Ein Grundsatz dieser Debatte um Bauformen: „Nicht für Vieh bauen, sondern für Menschen.“ Ein Beleg dafür, dass die Erinnerung an die verschwundenen Walserbauten bereits von Heimatklischees überlagert ist. Après-ski disco on the “main square” in Lech: its appearance was the cause of an uproar in local community politics and administration. A basic principle in this debate on building forms: “Don’t build for cattle, but for people.” Proof that the memory of the vanished buildings of the Walser has already been encrusted with clichés about native culture.

Die Intentionen der Gemeinde als Baubehörde sind aber restriktiv. 2003 wurde eine Gestal- tungssatzung zum Bebauungsplan erlassen,

die Integration am Harmoniebegriff festmacht. Stand der Technik ist, solche öffentlichen Dok- trinen, willkürgefährdet in der Handhabung und dem Wesen der Baukunst widersprechend, zu vermeiden: „Alle Bauvorhaben sind hinsicht- lich Gliederung, Materialwahl und Farbe so zu gestalten, dass unter Bezugnahme auf die bauliche Umgebung ein harmonisches Sied- lungsgefüge entsteht. Die Baukörper müssen ohne zusätzliche modische Gestaltungselemen- te schlicht ausgeformt sein. Die Dächer sind

als Sattel- und Pultdächer auszuführen (

Als Mindestmaß der Vordächer sind einzuhal-

ten (

).

).“

been ‘previously familiar’, but to make sure that they are optimally integrated into the existing architecture.” But the intentions of the municipal authorities are restrictive as far as building is concerned. In 2003, the development plan was made sub- ject to rules on design that made the concept of harmony the benchmark for integration. The state of the art is to avoid such public doctrines, which are at risk of being arbitrarily applied and contradict the very nature of architecture. “The structure, materials and colours used in all building projects are to be such that they refer to and harmonise with the surrounding architecture. The main body must be plain, without any additional fashionable design elem- ents. The roofs must be built as saddle roofs

Walter Chramosta | Skihütte Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde

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„Schönstes Dorf Europas 2004“:

Lech erhielt dieses Prädikat von der „Entente Florale“ wegen sei- ner vorbildlichen Entwicklung in Einklang mit Natur und Umwelt. Aufschlussreich ist dieses Foto,

mit dem das „schönste Dorf“ offi- ziell präsentiert wird. Es zeigt eine motivisch geschickt konstruierte, dörfliche Idylle, aber faktisch nichts von der realen räumlichen Verfassung von Lech. Das wirft Fragen auf: Welches „Dorf“ wurde ausgezeichnet? Die für jeden Gast sichtbare Siedlung? Oder vielmehr das von nicht wenigen Bürgern imaginierte Lech? “Europe’s prettiest village 2004”:

Lech received this accolade from the “Entente Florale” for its model development in harmony with nature and the environment. This photograph used for the official presentation of the “prettiest village” is informative. It shows

a village idyll with cleverly com-

posed motifs but practically nothing of the real spatial con- ditions in Lech. This raises the question: which “village” was given the award? The settlement that is visible to guests, or rather the Lech imagined by more than just a few of its citizens?

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„Bergverbundener Baustil, tra- diert, aber nicht traditionell“: Kon- struktive und gestalterische Ele- mente der Skihütte greifen auf gestrickte Wirtschaftsbauten der Walser im Montafon zurück. De- ren Merkmale: nagellose, unten dicht, oben locker gefügte Kon- struktionen, liegende Strukturen, unbehandeltes, teils unbesäumtes

Holz, Ausnutzung aller Teile des Baumquerschnitts, kein zimmer- mannsmäßig abgebundener Dachstuhl, Holzdeckung, geringer Dachüberstand “A building style that relates to

the mountains, but is not traditio- nal”: the constructive and design elements of this ski chalet provide

a reference to the farm buildings

of the Walser in Montafon. Their characteristics: no nails, compact structure below with more loosely assembled construction above, horizontal structures, timber at places with untrimmed edges, exploitation of all parts of the tree’s cross-section, roof trusses not tied in the usual carpenter’s way, wooden roof covering, slight roof projection

cross-section, roof trusses not tied in the usual carpenter’s way, wooden roof covering, slight roof projection
cross-section, roof trusses not tied in the usual carpenter’s way, wooden roof covering, slight roof projection

Skihütte Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde | Walter Chramosta

Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde | Walter Chramosta 4 Unmittelbar erlebbare, raue Rus- tikalität: Auch im
Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde | Walter Chramosta 4 Unmittelbar erlebbare, raue Rus- tikalität: Auch im

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Unmittelbar erlebbare, raue Rus- tikalität: Auch im Inneren sind Konstruktion, Ausstattungsdetails und Materialbehandlung beherr- schend, ohne Umweg über die in Lecher Tourismusbauten allgegen- wärtigen geglätteten, sich anbie-

dernden Zitate bäuerlicher Kultur. Die Offenheit des Raums, die Schwere des Mobiliars, nicht zu- letzt Speis, Trank und Musik ver- vollständigen das Ambiente. Ar- chitektonische Ahnen sind in der alpinen Moderne Tirols um 1930, etwa in den Werken von Siegfried Mazagg oder Franz Baumann, zu erkennen. Die Schneggarei ist ar- chitekturtheoretisch einem form- vergnügten, materialbejahenden, konstruktionspragmatischen Maxi- malismus zuzurechnen, der eine kontrapunktische Entwicklungs- linie in der „Vorarlberger Bau- schule“ werden kann.

A rusticity that can be directly

experienced: in the interior, too, the construction, fittings and treatment of materials predomi- nate without any excursions in the

direction of the bland, eager-to- please parodies of peasant culture

to be found everywhere in tourism

buildings in Lech. The openness

of the space, the weight of the

furnishings, and, not least impor- tantly, the food, drink and music complete the ambiance. The ar- chitectural ancestors are to be found in the Alpine modernism of Tyrol around 1930, in the works

of Siegfried Mazagg or Franz Bau-

mann. In terms of architectural theory the Schneggarei can be described as a kind of maxima- lism that delights in form, cele- brates materials, takes a pragma- tic approach to construction, and that could become a contrasting line of development in the “Vorarl- berg School of Architecture”.

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Stampfbeton gegen Waldkante:

Die unveredelte Weißtanne gibt den Innenräumen Rauheit, die vor allem in den Sanitärbereichen von den Beton- und Natursteinober- flächen unterstützt wird. Beschläge, Armaturen und Leuchten wirken an der Konstruktion eines robus- ten, weil auf skischuhbewehrte, nachdampfende Touristen zuge- schnittenen Lokals mit. Rammed concrete at the edge of the woods, the untreated silver fir gives the interiors a certain rough-

ness, that above all in the sanitary areas is strengthened by the use

of concrete and natural stone.

Door furniture, taps and light fit- tings contribute to the impression

of

a robustly designed club ready

to

cope with steaming tourists in

heavy ski boots.

Walter Chramosta | Skihütte Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde

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Sägeraue, unbesäumte Weißtannen- Bretter aus Mellau: die Bekleidung aller Fassaden. Unplaned, silver fir boards from Mellau with untrimmed edges are used to clad all the façades.

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Konstruktives Prinzip oder Brettspiel an den Schauseiten: die ursprüng- lich geplante Ausführung der Außenwände aus tragenden Brett- stapeln erwies sich als bautech- nisch nicht beherrschbar; daher er- hielt eine Holzständerkonstruktion mit vorgelegtem Witterungsschutz aus Brettstapeln den Vorzug.

A principle of construction or a

board game played on the façades:

the original plan to make the exter-

nal walls out of load-bearing stacks

of boards turned out to be impos-

sible in technical terms; therefore the architects chose a timber frame structure with stacks of boards in front to provide protection against the elements.

boards in front to provide protection against the elements. Diese Verordnung geht sogar über das Vorarl-

Diese Verordnung geht sogar über das Vorarl-

berger Baugesetz hinaus, wo liberaler normiert

)

sen, dass sie sich in die Umgebung, in der sie optisch in Erscheinung treten, einfügen oder auf andere Art der Umgebung gerecht werden.“ Anlass war offenbar die Formgebung der 2002 fertig gestellten Skihütte „Schneggarei“ im Herz des Lecher Après-Ski-Geschäfts, ein Gastrono- miebetrieb der alteingesessenen Familie Schnei- der. Sie führt erfolgreich den Almhof, das erste Haus am Platz, weil ihre jüngste Generation eine über die Standards der Gemeinde hinaus gehen- de Qualitätsutopie von Tourismus verfolgt, die nicht nur die Dienstleistung einschließt, sondern auch den Raum, in dem sie erbracht wird, den privaten wie den öffentlichen. Als ein Vordenker der Familie und Planungs- beteiligter hat Gerold Schneider eine klare Haltung: „Wenn Ort und Funktion eines neuen Bauwerks Rustikalität als Gestaltungsprinzip nahe legen, dann muss es, gemessen an der regionalen Bautradition, eine mutig-moderne

ist, dass „Bauwerke (

so gestaltet sein müs-

Auslegung sein, keine ängstlich-nachahmende.“ Die Familie Schneider beantwortet mit ihrer skandalisierten Skihütte letztlich Fragen des Gemeinwohls, der öffentlich-räumlichen Verfas- sung, die die Gemeindevertretung zu stellen sich bisher nicht zutraute. Der mit unbesäumten Brettern verkleidete Holzständerbau mutet umgebungsgerecht an. Trotzdem hat er die Gemeindeverantwortlichen erbost, weil er von der stillen Konvention ab- ging, durchschnittlich zu sein. Als Gewerbebau vor der Bezirkshauptmannschaft Bludenz ver- handelt, konnte der Bürgermeister nach einer positiven raumplanerischen Stellungnahme des Landes die Errichtung nicht unterbinden. Man kann die „Niederlage“ der Gemeindevertreter in diesem „Brettspiel“ aber auch als Sieg der

in diesem „Brettspiel“ aber auch als Sieg der or pent roofs. (…) The size of the

or pent roofs. (…) The size of the canopies must be at least (…).” This ordinance goes even further than the Vorarlberg building law, in which the standards are more liberal: “Buildings (…) must be de-

signed in such a way that they fit into the sur- roundings in which they appear, or do justice to their surroundings in a different way.” It was apparently prompted by the design of the ski lodge “Schneggarei”, finished in 2002, in the heart of the après-ski business area in Lech. It

is a restaurant belonging to the old-established

Schneider family. This family successfully runs the “Almhof”, the top hotel in the village square, because its youngest generation pursues a uto-

pian concept of quality tourism that goes beyond the standards imposed by the local authorities,

a concept that includes not only service, but

also the space in which it is given, both private and public. As mentor of the family involved in the plan- ning, Gerold Schneider has a straightforward attitude: “If the site and function of a new build- ing suggest rusticality as a design principle, then this rusticality has to be interpreted, with due respect to the regional traditions of archi- tecture, in a bold and modern way, not timidly or in merely imitative fashion.” With their con- troversial ski lodge, the Schneider family has given an answer to questions about public welfare and the attitude to public space that the community council has until now not dared to address. The timber-post construction, covered with waney-edged boards, seems to fit well into its surroundings. But it angered the local author- ities because it departed from the unspoken convention of being average. It was treated as a commercial building before the district administration in Bludenz, and the mayor was

Skihütte Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde | Walter Chramosta

Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde | Walter Chramosta 8 Haptik und Olfaktorik: In der Nahbeziehung des

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Haptik und Olfaktorik: In der Nahbeziehung des Nutzers zum Bauwerk spielen Tast- und Geruchssinn eine wichtige Rolle. Die Schneggarei ist ein saisonaler Gewerbebau; weil synästhetisches Raumerleben Teil des Tourismusgeschäfts ist, wird in den Details auf das Feinstoffliche, die „Begreifbarkeit“ der Architek- tur, eingegangen. Tactile, olfactory: the senses of feeling and smell play an important role in the close relationship between the users and the building. The Schneggarei is a seasonal commercial building: as a synaesthetic experience of space is part of the tourism business the details explore the subtlety and the “understand- ability” of architecture.

subtlety and the “understand- ability” of architecture. 9 + 10 Beschläge sind Baukunst: Maßgefertigte Drücker und
subtlety and the “understand- ability” of architecture. 9 + 10 Beschläge sind Baukunst: Maßgefertigte Drücker und

9 + 10 Beschläge sind Baukunst: Maßgefertigte Drücker und Griffe sind hier unverzichtbare Mikroarchitekturen, auf der kleinsten der für Architektur relevanten Maßstabsebenen. Door furniture is part of the art of building: custom-made door handles are here indispensable micro-architectures, on the smallest level of scale relevant for architecture.

Walter Chramosta | Skihütte Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde

Chramosta | Skihütte Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde 11 Traditionsbruch oder Kontinuität der Haltung: Ob diese

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Traditionsbruch oder Kontinuität der Haltung: Ob diese Skihütte, so die Sorge der Gemeindevertretung von Lech, die Prinzipien tourismusbezogener Ortsbildpflege verletzt oder doch eine baukünstlerische Weiterführung ortsüblicher Bauweisen und regionaler Baukultur darstellt, darüber wird die

Architekturgeschichte zu befinden haben. Heute schon ist evident, dass die Schneggarei einen konstruktiven Beitrag zum in banaler Routine erstarr- ten Tourismusbau am Arlberg leistet. Dieser Erfolg wird eher an Verköstigungs- und Nächtigungszahlen zu messen sein.

A break with tradition or a continuity of approach: whether this ski chalet infringes the principles of tourist-related conservation of the village’s

appearance (which was the worry of the local politicians) or whether it represents a continuation of the local methods of building and of regional

architectural culture will ultimately be decided by architectural history. Today it is already clear that the Schneggarei makes a constructive contribution

to the tourism architecture in Arlberg, which is stuck in a banal routine. The measure of its success will tend to be the number of people who eat

and spend the night there.

Gemeinde auf dem wichtigen Weg zu einem neuen Selbstbild von Lech sehen. Vorrangig wäre, die manifesten Tendenzen zur Segregation von Wirtschafts-, Lebens- und Naturraum annehmen und steuern zu lernen, indem die Erlösungsfigur Dorf, jetzt mehr eine politische Sprachregelung als eine nachvollzieh- bare Eigenschaft des Lecher Gemeinwesens, entweder mit Inhalten gefüllt oder zugunsten eines funktionsteiligen Stadtmodells verabschie- det wird. Gewerbezonen könnten von Wohnge- bieten differenziert, mehr Dichtestufen zugelas- sen, Gestaltungsvielfalt und Planungsqualität institutionell gesichert, Lech eine erlebbare Mitte gegeben werden. Wer an der Harmonie des prekären Status quo festhält, riskiert langfristig alles: Das vom Hausrudel Zürs in die Arlberg- idylle gestanzte Sommerloch ist ein Menetekel.

unable to prevent its construction when it was given the official go-ahead by the province. But this “defeat” of the community council in this “board game” can also be seen as a victory of the community on the important path to a new self-image for Lech. The most important thing would be to accept the manifest trends towards the segregation of economic, living and natural spaces and learn to guide them. This can be done by taking the figure of redemption, the village, now more a political term than a recognizable characteristic of the Lech community, and either filling it with content or abandoning it in favour of an urban model divided according to function. Industrial areas could be differentiated from residential areas, more degrees of density allowed, the variety of design and quality of planning could be officially guaranteed and Lech be given a recognized centre. Anyone who wants to hold on to the harmony of the precarious status quo risks losing everything: the mockery of the Arlberg idyll represented by the meaningless façades in Zürs is a portent.

Fotos / Photos © 5 Robert Fessler, 1 Lech Zürs Tourismus GmbH

Skihütte Schneggarei / Ski Chalet Schneggarei Lech am Arlberg
Skihütte Schneggarei /
Ski Chalet Schneggarei
Lech am Arlberg

Architekturbüro / Architects Philip Lutz Architektur, Allmeinde Architecture

Typ / Type Skihütte / Ski chalet

Adresse / Address Tannberg 629 A-6764 Lech am Arlberg (Vorarlberg)

Fertigstellung / Completion

2002

Bauherr / Client Geschwister Schneider

Nutzfläche / Usable floor area 530 m 2 / 530 m 2

Kubatur / Cubage 2.231 m 3 / 2,231 m 3

Mitarbeiter / Assistant DI Wolfgang Braungardt

Statik / Structural engineers Mayrhofer & Galehr

Baukosten / Construction costs ¤ 1.800.000 / ¤ 1,800,000

Türklinke / Lever handle Architektenentwurf (vergleiche Seite 31, Abbildungen 9 und 10) / Design by the architects (see page 31, illustrations 9 and 10)

Skihütte Schneggarei, Philip Lutz und Allmeinde | Walter Chramosta

1 Grundriss EG / Ground floor plan

M 1:250

2 3 5 4 1 6
2
3
5
4
1
6

1 Windfang / Draught lobby

2 Stube / Parlour

3 Offener Kamin / Open fireplace

4 Eisbar / Ice bar

5 Bar / Bar

6 Sonnenterrasse / Sun-bathing terrace

Ice bar 5 Bar / Bar 6 Sonnenterrasse / Sun-bathing terrace 2 Ansichten Ost und Nord

2 Ansichten Ost und Nord /

Elevations east and north

M 1:250

bar 5 Bar / Bar 6 Sonnenterrasse / Sun-bathing terrace 2 Ansichten Ost und Nord /

Bart Lootsma

Bart Lootsma (geboren 1957) lebt in Wien und arbeitet als Historiker, Kritiker und Kurator in den Bereichen Architektur, Design und Visuelle Kunst. Er ist Gastprofessor an der Technischen Hochschule Zürich (ETH) und Studio Basel. Da- vor war er Gastprofessor an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, Gastprofessor für Architekturgeschichte und Theorie an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und „Thesis-Tutor“ am Berlage Institut in Rotterdam. Als Autor schreibt er für ARCHIS und GAM, ist Mitglied des Wissenschaftskommitees von ar- chilab in Orléans und Gastkurator von archilab 2004, Kurator der Schneider Forberg Stiftung in München und Vorstandsmitglied des Hollän- dischen Kultur Beirats (Dutch Culture Council). Zusammen mit Dich Rijken veröffentlichte er das Buch Media and Architecture (VPRO/Berlage Institute, 1998). Sein Buch SuperDutch über die jüngste Architektur in den Niederlanden wurde von Thames & Hudson, Architectural Press, DVA und SUN im Jahr 2000 publiziert. archilab 2004 The Naked City wurde 2004 und Body & Globe, eine Sammlung von Essays, 2005 von HYX in Orléans publiziert.

Bart Lootsma (born 1957) lives in Vienna and is a historian, critic and curator in the fields of architecture, design and the visual arts. He is a guest professor at the ETH Zürich, Studio Basel. Before, he was a visiting Professor at the Academy of Fine Art in Nürnberg, a visiting Professor for Architectural History and Theory at the University of Applied Arts in Vienna and thesis-tutor at the Berlage Institute in Rotter- dam. He is an editor of ARCHIS and GAM, member of the Scientific Committee of archilab in Orléans and guest curator archilab 2004, curator of the Schneider Forberg Foundation in Munich and Crown Member of the Dutch Culture Council. Together with Dich Rijken he published the book Media and Architecture (VPRO/Berlage Institute, 1998). His book SuperDutch, on recent architecture in the Netherlands, was published by Thames & Hudson, Princeton Architectural Press, DVA and SUN in the year 2000. archilab 2004 The Naked City and Body & Globe a collection of essays, were published by HYX in Orléans in 2004 and 2005.

Leben im Heu

Funktion / Function

Einfamilienhaus / Single-family House

Ort / Place

Lans, Tirol / Tyrol

Fertigstellung / Completion

2003

Architekturbüro / Architect

Martin Scharfetter

KIGA – Kindergarten

Funktion / Function

Kindergarten / Kindergarten

Ort / Place

St. Anton am Arlberg, Tirol / Tyrol

Fertigstellung / Completion

2004

Architekturbüro / Architects

AllesWirdGut

Wohnirritation

Funktion / Function

Wohn-Hotel-Büro / House-Hotel-Office

Ort / Place

Graz, Steiermark / Styria

Fertigstellung / Completion

1998

Architekturbüro / Architects

Reinhold Weichlbauer, Albert Josef Ortis

Fertigstellung / Completion 1998 Architekturbüro / Architects Reinhold Weichlbauer, Albert Josef Ortis 35
Fertigstellung / Completion 1998 Architekturbüro / Architects Reinhold Weichlbauer, Albert Josef Ortis 35
Fertigstellung / Completion 1998 Architekturbüro / Architects Reinhold Weichlbauer, Albert Josef Ortis 35

Bart Lootsma

Glaustrianer

Es ist merkwürdig, dass die gegenwärtige Blüte der österreichischen Architektur vom Ausland fast vollkommen unbemerkt geblieben ist. Natür- lich kennt man überall auf der Welt die großartige Tradition des prächtigen Barock und Bieder- meier, ebenso die Architektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts und besonders der damaligen Jahrhundertwende. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es die monumentalen Wohnbauprojekte des „Roten Wien“. In jüngerer Zeit, in den sechziger Jahren, gehörte Österreich neben Florenz und London zu jenen Orten, die eine neue radikale Avantgarde hervorbrachten. Auch wenn es in der österreichischen Architek- tur immer wieder Perioden einer stärker verdich- teten Kultur gegeben hat, bei der Architektenge- nerationen unmittelbar aufeinander folgten und einander direkt beeinflussten, so ist sie doch in erster Linie durch ausgesprochen individuelle Positionen gekennzeichnet. Man denkt an Na- men wie: Johann Bernhard Fischer von Erlach, Otto Wagner, Josef Hoffmann und Adolf Loos; Hans Hollein, Haus-Rucker-Co. oder Coop Him- melb(l)au. Viele von ihnen waren und sind un- mittelbar mit Wien verbunden. Heute ist dies weniger der Fall, auch wenn Hans Hollein und Coop Himmelb(l)au nach wie vor dominant prä- sent und international erfolgreich sind. Hoch- qualitative Architektur wird im ganzen Lande ver- wirklicht und es ist nicht mehr nur Wien allein, das den anderen die Show stiehlt. Ernsthafte Konkurrenz kommt aus Städten wie etwa Graz, Linz und Salzburg, während das Bundesland Vor- arlberg als echtes Phänomen gilt, was die Vielzahl der dort entstandenen interessanten Gebäude betrifft. Österreich ist zudem ein Land, das inter- nationale Stars anzieht, so etwa Zaha Hadid, Dominique Perrault, Ben van Berkel, Morphosis und andere, die hier bauen und lehren. Aber das Wichtigste ist, dass es eine fast endlose Lis- te kleinerer und größerer Architekturbüros gibt, die vielleicht kleinere, aber dennoch fantastische Gebäude in die Welt setzen. Die Liste ist auf der ausgezeichneten Website www.nextroom.at nachzulesen, eine Menge dieser Projekte kön- nen dort eingesehen werden. Ich glaube nicht, dass viele Länder auf der Welt mit einem ver- gleichbar breit gefächerten Spektrum an Archi- tekturbüros aufwarten können wie Österreich. Zugleich mag diese breit gestreute Vielzahl als Erklärung dafür dienen, warum das Erblühen österreichischer Architektur so unbemerkt blieb. Denn es ist nicht leicht, sie auf einen gemein- samen Nenner zu bringen, ihr eine charakteristi- sche kulturelle Identität zuzuschreiben, die sich leicht zusammenfassen und in einem Magazin oder in einem umfassenden Buch darbieten ließe. Was für Österreich spezifisch sein mag, ist viel- leicht, dass die Architektur sich bis jetzt den Prozessen der Privatisierung und Deregulierung von Wohnbausystemen relativ gut entzogen hat. Kooperative Bauträger und einzelne Firmen über- nahmen die Rolle der Regierung auf nationaler und kommunaler Ebene, ebenso wie die der Siedlungsbaugesellschaften, und erwiesen sich als Förderer einer hochqualitativen, modernen

Glaustrians

It is strange that the current blossoming of

Austrian architecture goes almost unnoticed outside the country. Of course, all over the world people are aware that Austria has a great tradition with its splendid baroque, Bieder- meier, the architecture from the late nineteenth century and particularly the period around the nineteenth century fin-de-siècle. In the nine- teen twenties there are the monumental housing projects of Red Vienna. More recently, in the

nineteen sixties, Austria was one of the places, along with London and Florence, that produced

a new radical avant-garde. Austrian architecture,

even if it has always known periods charac- terized by a more condensed culture, where architects followed one another but also react- ed to each other, has always been an architec- ture of outspoken individual positions: Fischer von Erlach; Otto Wagner, Josef Hoffmann and Adolf Loos; Hans Hollein, Haus-Rucker-Co and Coop Himmelb(l)au. Many of them were immediately related to Vienna. Today, even if Hans Hollein and Coop Himmelb(l)au are still dominantly present and successful internation- ally, this is less the case. High-quality archi-

tecture is realized all over the country and it is not just Vienna that steals the show but it has serious competition from cities like Graz, Linz and Salzburg, while the province of Vorarlberg

is considered a real phenomenon in terms of

the multitude of interesting buildings that have

been realized there. Austria is also a country that attracts international stars like Zaha Hadid, Dominique Perrault, Ben van Berkel, Morphosis and others to build and to teach. But the most important thing is that today there is an almost endless list of smaller and larger architectural offices that realize maybe smaller but still fan- tastic buildings. The list can be found on an excellent website, www.nextroom.at, and many of these projects can be seen there. I do not think that many countries in the world could compete with the broad spectrum of architec- tural offices Austria has to offer. At the same time, this multitude and broadness may explain why the blossoming of Austrian architecture goes unnoticed, as it is not easy to characterize its common denominator as a cultural identity that can easily be summarized and presented in a magazine or comprehensive book. What

is maybe specific to Austria is that, until now,

architecture managed to get through the pro- cesses of privatisation and deregulation of housing systems relatively well. Developers and individual firms have taken over the role of local and national governments and housing corporations as patrons of a high-quality, mod- ern architecture. A good example of this is the regional MPREIS supermarket chain whose buildings were presented at the Austrian pavilion of the Venice Biennale in 2004. A large part of the better part of the architectural production consists of individual houses. It seems that in Austria there is still a wealthier part of the popu- lation that has an interest in cultural quality. What certainly plays a role as well is that many

Architektur. Ein gutes Beispiel dafür ist die regio- nale Supermarktkette MPREIS, deren Gebäude 2004 im österreichischen Pavillon auf der Bien- nale in Venedig zu sehen waren. Indes besteht ein großer Part des besseren Teils der architekto- nischen Produktion aus einzelnen Wohnhäusern. Es scheint, als ob es in Österreich noch einen eher wohlhabenden Bevölkerungsanteil gibt, der an kultureller Qualität interessiert ist. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt jedenfalls, dass viele Projekte im Wettbewerb realisiert werden, selbst wenn das bedeutet, dass viele kleinere österrei- chische Büros unglaublich hart arbeiten müssen, um auch nur ein bescheidenes Auskommen zu finden. Was ebenfalls zählt, ist, dass der Bil- dungsstand der Architekten einen beträchtlichen Grad aufweist, und weil Österreich zum Gutteil den maschinellen Produktionszuwachs der sech- ziger und siebziger Jahre nicht miterlebt hat, ist der Standard der handwerklichen Fähigkeiten immer noch unglaublich hoch. Aber dennoch erklärt dies alles nicht die starke kulturelle Eigen- heit der österreichischen Architektur, auch wenn viele österreichische Kritiker noch auf so etwas wie einen gebrochenen Regionalismus verweisen. Es lässt sich eben nicht alles einfach auf eine lokale, regionale oder nationale Tradition redu- zieren. Heutzutage haben Architekten in jedem Land Zugang zu allen internationalen Magazinen, Büchern und Katalogen über Architektur. Dieser Zugang ist womöglich in Österreich besser als in den meisten anderen Ländern, da viele interna- tionale Stararchitekten hierzulande bauen, Vor- lesungen abhalten, selber unterrichten und in kleineren oder größeren Ausstellungen präsen- tiert werden. Die verschiedenen „Häuser der Ar- chitektur“ auf Stadt- und Landesebene, in denen ständig neue Debatten aufgeworfen werden, ebenso wie das Wiener Architektur Zentrum, spielen hier eine entscheidende Rolle. Sie alle schärfen das Bewusstsein der Architekten und halten es wach und dies führt zu einer Architek- tur die, bei aller ausladenden Breite, oft ebenso wagemutig und provokant wie gemütlich und gut gemacht ist. Ich habe drei junge Architekten- teams ausgesucht, die eine neue Art der Praxis exemplifizieren, wie sie jetzt im Kommen ist und die zugleich international inspiriert ist. Die Archi- tekten haben ihren Sitz in Wien, Innsbruck und der Steiermark. Zwei von ihnen, Martin Scharfet- ter und das Kollektiv AllesWirdGut, haben früher im Ausland studiert und gearbeitet, wie es für ambitioniertere Studenten mittlerweile Brauch geworden ist. Scharfetter studierte zunächst bei Nasrine Seraji an der Akademie der bildenden Künste in Wien, später am international renom- mierten Berlage Institut in Rotterdam unter Pro- fessoren wie Raoul Bunschoten und Toyo Ito, während die Mitglieder von AllesWirdGut, von denen einige aus Italien stammen, in Wien, Lon- don, Montreal und Ann Arbor studiert haben. Etliche von ihnen haben bereits zuvor in den Niederlanden mit NL Architects zusammengear- beitet. Bei Weichlbauer/Ortis handelt es sich um ein Team von Medien-Junkies, die alles lesen, was sie in die Hände bekommen können, zu- gleich aber auch sorgsam eine eigene theoreti- sche Position aufbauen.

Bart Lootsma

projects are realized in competitions, even if this also means that many smaller Austrian offices have to work incredibly hard to make only a modest living. What also counts is that the level of education of the architects is high and, because Austria largely misses the increase in scale of production of the nineteen sixties and seventies, the level of handcraft is still incredibly high. But still, all of this does not explain the strong cultural identity of Austrian architecture – even if many Austrian critics themselves still insist on a kind of critical regionalism. It cannot simply be reduced to a local, regional or national tradition, as today in any country architects have access to all the international magazines, books and catalogues on architecture. Maybe this access is even better in Austria than in most other countries, as many international stars build here, lecture here, teach here and are presented in larger and smaller exhibitions. The local and regional “Häuser der Architektur” that constantly initiate debates and the Architekturzentrum Wien play a crucial role here. They keep the architects awake and sharp and all of this results in archi- tecture that, even in its broadness is often as daring and provocative as it is comfortable and well-made. I selected three young architectural offices that exemplify a new kind of practice that is up and coming and also internationally inspired. They are based in Vienna, Styria and Innsbruck, Tyrol. However, two of them, Martin Scharfetter and the AllesWirdGut collective, studied and worked abroad before, as it has become customary for more ambitious students:

Scharfetter studied first with Nasrine Seraji at the Academy of Fine Arts in Vienna and after that at the internationally renowned Berlage Institute in Rotterdam with professors like Raoul Bunschoten and Toyo Ito, while the members of AllesWirdGut, some of whom were born in Italy, studied in Vienna, London, Montreal and Ann Arbor. Several of them have worked in the Netherlands with NL Architects before. Weichl- bauer/Ortis are media-junkies, reading every- thing they can get their hands on and carefully build up a theoretical position as well.

Bart Lootsma | Leben im Heu, Martin Scharfetter

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Martin Scharfetter hat asiatische, traditionell heimatlich-österreichi- sche und moderne Elemente auf subtilste und überzeugendste Weise in dem Haus miteinander verschmolzen. Nach außen dringt die asiatische Lebensphi- losophie nur gelegentlich, so in dem partiell verglasten Würfel, der ein japanisches Esszimmer enthält. In this house Martin Scharfetter has blended Asian, traditional vernacular Austrian and modern elements with each other in a most subtle and convincing way. The Asian philosophy of life emerges externally only at places, for example in the partially glazed cube containing a Japanese dining room.

the partially glazed cube containing a Japanese dining room. Leben im Heu Auf manche Weise ist

Leben im Heu

Auf manche Weise ist das Haus, das Martin Scharfetter in Lans in Tirol erbaut hat, exempla- risch für den Wandel in der österreichischen Architektur. Für ein erstes verwirklichtes Projekt ist es unwahrscheinlich ausgeglichen und reif, selbst dort, wo es sich mit schwierigen Pro- blemstellungen auseinander setzt, die leicht in Kitsch hätten abgleiten können. Internationalis- mus war hier buchstäblich von Anfang an das vorgegebene Thema. Die Familie des Klienten besitzt seit Generationen ein Bauernhaus am Lanser See, er selbst wohnt aber fast das ganze Jahr über in China. Aus diesem Grunde wünsch- te er sich die Umwandlung und Anpassung eines der alten und denkmalgeschützten Ge- bäude seines Landguts an den Lebensstil, der von seiner zweiten Heimat und von Ostasien im Allgemeinen beeinflusst ist, um auch dort diese Atmosphäre einzuatmen. Scharfetter gelang es, asiatische, traditionell heimatlich-österreichische und moderne Ele- mente auf subtilste und überzeugendste Weise miteinander zu verschmelzen. Gewiss, ihm standen dabei die Materialien selbst zur Seite, deren Qualitäten einander ergänzten. Das alte, dunkle Holz des Holzschuppens harmonisierte auf natürliche Weise mit dem Holz, Stein und Tatami, das den asiatischen Einfluss signalisiert, während rote Dachschindeln aus Keramik in allen Kulturen beheimatet sind. Die Abnutzungs- erscheinungen und Materialfehler des alten Holzschuppens erinnern dabei an die Art und Weise, wie in der traditionellen japanischen Ar- chitektur bewusst unregelmäßige Elemente ein- gesetzt werden. Scharfetter spielt indes diese Elemente nicht einfach auf die simpelste Weise aus: Er entwarf sorgsam eine Schichtung des

Living in the Hay

In many ways, the house Martin Scharfetter built in Lans in Tirol is exemplary of the changes in Austrian architecture. For a first realised project it is incredibly balanced and mature, even if it deals with difficult issues that could easily derail into kitsch. Internationalisation is its very theme. The client’s family has owned a farmhouse on the Lanser See for many gen- erations. However, the client himself lives in China now for most of the year. Therefore, he wanted the conversion of one of the old and landmarked buildings belonging to this farm to be able to accommodate his lifestyle that has been largely influenced by his second home- land and East Asia in general, and to breathe the atmosphere of it. Scharfetter managed to merge Asian, tradi- tional vernacular Austrian and modern elem- ents in the most subtle and convincing way. Certainly, he was helped by the way the materi- als blend into each other. The old, dark wood of the haystack naturally harmonizes with the wood, stone and tatami that he used to bring in the Asian influence, while red ceramic roof tiles are from all cultures. The imperfections, wear and weathering of the old haystack there- by become reminiscent of the way irregular elements are consciously introduced in tradition- al Japanese architecture. However, Scharfetter does not play this out in the simplest possible way. He carefully designed a layering of old and new materials that never appear on the same plane together but always slightly in front or behind each other. This layering is produced by the fact that the conception of space in a traditional Austrian stable and in Asian archi- tecture is very different. The Asian interior is

Leben im Heu, Martin Scharfetter | Bart Lootsma

Leben im Heu, Martin Scharfetter | Bart Lootsma 2 Das Haus ist in Schichten aufgebaut und

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Das Haus ist in Schichten aufgebaut und wird nach innen immer „asiatischer“. Die äußerste Schicht zeigt das alte, dunkle Holz des denkmalgeschützten Bauernhofs. The house is built up in layers and towards the inside it grows increasingly more Asian. The outermost layer shows the old, dark wood of the farmhouse which is a listed building.

Bart Lootsma | Leben im Heu, Martin Scharfetter

Bart Lootsma | Leben im Heu, Martin Scharfetter 3 Das alte, dunkle Holz des Hauses harmonisiert

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Das alte, dunkle Holz des Hauses harmonisiert auf natürliche Weise mit dem Holz, Stein und Tatami, das den asiatischen Einfluss signalisiert. The old, dark wood of the house harmonizes naturally with the wood, stone and tatami that reveal the Asian influence.

4 + 5 Bei diesem Haus geht es niemals bloß um das Aufeinanderprallen von österreichischer Ländlichkeit und asiatischem Traditionalismus. In seiner Gesamtheit ist es auch unmissverständlich modern in der Verwendung großer Glasflächen, industriell gefertigter Fliesenböden und bemalter Außen- seiten, die einen Gegenpol zu der traditionell minimalistisch lackierten chinesischen und japanischen Möblierung bilden. This house is never merely the encounter between Austrian rusticity and Asian traditionalism. As a whole it is unmistakably modern, in the use of large areas of glazing, industrially produced ceramic flooring and painted exteriors that form a counterpoint to the traditionally minimalist lacquered Chinese and Japanese furnishings.

painted exteriors that form a counterpoint to the traditionally minimalist lacquered Chinese and Japanese furnishings. 40
painted exteriors that form a counterpoint to the traditionally minimalist lacquered Chinese and Japanese furnishings. 40

Leben im Heu, Martin Scharfetter | Bart Lootsma

Leben im Heu, Martin Scharfetter | Bart Lootsma 6–8 Zwischen dem alten Holzhaus und dem neuen

6–8

Zwischen dem alten Holzhaus und dem neuen Holzhaus im Inneren wird eine Schicht als

Übergangszone eingesetzt. Damit sind die Grenzen zum modernen, asiatisch inspirierten Wohnstil fließend.

A layer is introduced as a transitional zone between the old timber house and the new timber

house in the interior. Consequently, the boundaries between the modern, Asian inspired style

of living are flowing.

house in the interior. Consequently, the boundaries between the modern, Asian inspired style of living are
house in the interior. Consequently, the boundaries between the modern, Asian inspired style of living are

Bart Lootsma | Leben im Heu, Martin Scharfetter

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Nachts werden die Schichtungen des Hauses transparent. Was tagsüber von innen einen herr- lichen Blick über das Tal und auf den See ermöglicht, lässt nachts jenen traditionellen „Ritus des Übergangs“ zwischen Wohnhaus und Garten anklingen, der für die japanische Architektur von so grundlegender Bedeutung ist. At night the layers of the house become transparent. What during the day allows a magnificent view across the valley and of the lake, at night suggests the traditional “rite of transition” between house and garden that is of such funda- mental importance in Japanese architecture.

of such funda- mental importance in Japanese architecture. alten und neuen Materials, das niemals auf der

alten und neuen Materials, das niemals auf der gleichen Ebene, sondern stets vor- oder hinter- einander versetzt erscheint. Diese Schichtung entsteht dadurch, dass die Vorstellungen von Raum in einem traditionellen österreichischen Stall und in der asiatischen Architektur sehr unterschiedliche sind. Ein asiatisches Interieur ist in den österreichischen Stall hineingebaut worden und dringt nur gelegentlich einmal nach draußen, so in dem partiell verglasten Würfel, der ein japanisches Esszimmer enthält und an der Seite des Gebäudes hervorscheint. Sich von innen nach außen öffnend schafft diese Schichtung eine Reihe von seitlichen Abschir- mungen, die dem herrlichen Blick über das Tal und auf den See eine zusätzliche Tiefendimen- sion hinzufügen. Darüber hinaus lassen sie, in Kombination mit den abgestuften, hölzernen Terrassen, jenen traditionellen „Ritus des Über- gangs“ zwischen Wohnhaus und Garten anklin- gen, der für die japanische Architektur von so grundlegender Bedeutung ist. Bei diesem Haus geht es niemals bloß um das Aufeinanderprallen von österreichischer Ländlichkeit und asiatischem Traditionalismus. In seiner Gesamtheit ist es auch unmissver- ständlich modern in der Verwendung großer Glasflächen, industriell gefertigter Fliesenböden und bemalter Außenseiten, die einen Gegenpol zu der traditionell minimalistisch lackierten chi- nesischen und japanischen Möblierung bilden. Ebenfalls unmissverständlich modern ist die Vertikalität des Raums, der entfernt an einige von Richard Meiers frühe Villen erinnert. Wenn man Scharfetters frühe Arbeiten bei Raoul Bunschoten am Berlage Insitut kennt, die cine- matisch inspiriert waren und eine starke ästhe- tische und metaphysische Komponente besa- ßen, ist es erstaunlich zu sehen, wie es ihm trotz allem gelungen ist, auch dieser besonde- ren, ästhetisch wie stilistisch komplexen Auf- gabe seine eigene Handschrift zu verleihen.

built within the Austrian stable and just some- times comes out, as in the partly-glazed cube containing a Japanese dining room that comes out at the side of the building. From inside out, this layering produces a series of side-screens creating depth in the magnificent views of the valley and the lake. Also, in combination with the stepped wooden terraces, they recreate the traditional “rite de passage” between home and garden so crucial to traditional Japanese archi- tecture. The house is never just about the confronta- tion between rural Austria and traditional Asia. As a whole, it is also unmistakably modern in the use of large glass planes, industrially-pro- duced concrete floor tiles and painted surfaces, which create a counterpoint to the traditionally minimalist lacquered Chinese and Japanese furniture. It is also unmistakably modern in the verticality of the space that distantly reminds one of some of Richard Meier’s early villas. Knowing Scharfetter’s earlier work with Raoul Bunschoten at the Berlage Institute, which was cinematically inspired and had a strong aesthetic and metaphysical component; it is amazing how he was still able to enter his own handwriting into this particular aesthetic and stylistic complexity.

Fotos / Photos © 10 Günther R. Wett

Leben im Heu, Martin Scharfetter | Bart Lootsma

1 Grundriss OG / Upper floor plan M 1:200 Terrasse 1. Obergeschoss mit den Maßen
1 Grundriss OG / Upper floor plan
M
1:200
Terrasse
1. Obergeschoss mit den
Maßen der Tatamimatten /
Upper floor with the dimensions
of the tatami mats
Wohnen im Heu / Living in the hay Lans
Wohnen im Heu /
Living in the hay
Lans

Architekturbüro / Architect Mag. Arch. Martin Scharfetter

Typ / Type Einfamilienhaus / Single-family house

Adresse / Address Seehof Lanser See 75 A-6072 Lans (Tirol / Tyrol)

Fertigstellung / Completion

2003

Bauherr / Client KR Ing. Arthur Rhomberg

Nutzfläche / Usable floor area 130 m 2 / 130 m 2

Kubatur / Cubage 5.550 m 3 / 5,550 m 3

Statik / Structural engineer DI Alfred Brunnsteiner

Türklinke / Lever handle

engineer DI Alfred Brunnsteiner Türklinke / Lever handle 2 Schnitt und Nordansicht / Section and north

2 Schnitt und Nordansicht /

DI Alfred Brunnsteiner Türklinke / Lever handle 2 Schnitt und Nordansicht / Section and north elevation

Section and north elevation

M 1:200

Bart Lootsma | KIGA, AllesWirdGut

Bart Lootsma | KIGA, AllesWirdGut 1 Von außen zeigt sich der Kindergarten von AllesWirdGut, realisiert 2004,

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Von außen zeigt sich der Kindergarten von AllesWirdGut, realisiert 2004, noch von seiner „grauen“, unprätentiösen Seite. From outside the kindergarten completed in 2004 by AllesWirdGut presents a rather “grey” and unpretentious face.

AllesWirdGut

Das Kollektiv AllesWirdGut begann zunächst mit einer Serie von Projekten, die sich der Moderne in schamlosester Weise verschrieben hatten. Mit seiner Installation turnOn, die in vielen Ausstellungen gezeigt wurde, legte das Kollektiv ein Lippenbekenntnis zu jener experi- mentellen und optimistischen Architektur- und Designpraxis der sechziger und siebziger Jahre ab, die von der Raumfahrt und Filmen wie Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum beeinflusst waren. Ein Polyesterzylinder von drei Metern Länge enthält verschiedene Möbel- stücke, sodass er sich durch eine Drehung vom Wohnzimmer in ein Schlafzimmer und weiter in die Küche und das Badezimmer verwandelt. Andere konzeptionelle Projekte glorifizieren die Ästhetik des Asphalts und der Infrastruktur auf eine Weise, die an die Schule von Rem Koolhaas erinnert. Recht bald allerdings begann AWG einige Wettbewerbe zu gewinnen und die ent- sprechenden Projekte zu verwirklichen. Man trennte sich nie völlig von den eigenen moder- nistischen Ansichten, aber bei ihrer Umsetzung bediente man sich gemäßigterer Mittel, beson- ders bei der Wahl des Materials. Das Atmosphä- rische, oftmals wie in der Werbung eingesetzt,

AllesWirdGut

The collective AllesWirdGut started out with a series of projects that confessed to modernity in the most outspoken way. With their installa- tion turnOn, which was shown in many exhib- itions, they paid lip service to the experimental and optimistic architecture and design of the nineteen sixties and seventies that was inspired by space travel and films like Stanley Kubrick’s 2001. A polyester cylinder of three meters’ length contains different pieces of furniture, so that by rolling it, the rooms can change from living room to bedroom to kitchen to bathroom. Other conceptual projects glorify the aesthetic of asphalt and infrastructure in a way that puts one in mind of the school of Rem Koolhaas. Very soon however, AWG managed to win some competitions and realize the ensuing projects. They never completely gave up their modern beliefs but in the execution milder elements were soon introduced, particularly in the choice of materials. Atmosphere, introduced in a way that is often reminiscent of the way atmosphere is introduced in advertising, became an import- ant element of their work. This seems no co- incidence in the series of fashion shops AWG designed for the franchise chain Don Gil. Style

KIGA, AllesWirdGut | Bart Lootsma

KIGA, AllesWirdGut | Bart Lootsma 2 Im Inneren ist alles kindergerecht. So sind die Bullaugen nur

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Im Inneren ist alles kindergerecht. So sind die Bullaugen nur für Durchblicke der „Kleinen“ gedacht. Das ohnehin helle, lichtdurchlässige Gebäude wird durch die Sheddächer noch gesteigert. Inside everything is ideally designed for children. The porthole windows are intended to allow only the “little ones” views through the space. The building is bright and light-flooded, qualities heightened by the sawtooth roofs.

Bart Lootsma | KIGA, AllesWirdGut

Bart Lootsma | KIGA, AllesWirdGut 3 Auch das Kirchenzentrum in St. Anton am Arlberg wurde von

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Auch das Kirchenzentrum in St. Anton am Arlberg wurde von den Architekten AllesWirdGut geplant. Mit dem Kindergarten entsteht eine gestalterische Einheit. The church centre in St. Anton am Arlberg was also planned by architects AllesWirdGut. Together with the kindergarten it creates a design ensemble.

Together with the kindergarten it creates a design ensemble. 4 Nach Nordwesten öffnet sich das „Tantenhaus“

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Nach Nordwesten öffnet sich das „Tantenhaus“ ebenfalls mit einer großzügig verglasten Wand. The “aunties’ house” opens to the northwest, also through a generously glazed wall.

to the northwest, also through a generously glazed wall. 5 Zwischen den Gruppenräumen befinden sich Wintergärten

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Zwischen den Gruppenräumen befinden sich Wintergärten mit Galerien als Bauhäuser, die wetterunabhängig die Spielzonen differenzieren. Die drei in den Garten orientierten Gruppenräume sind mit großen Schaufenstern ausgestattet. The winter gardens are located between the group rooms, with galleries as tree houses that differentiate the play zones independent of the weather. The three group rooms facing onto the garden have large display windows.

KIGA, AllesWirdGut | Bart Lootsma

wurde ein wichtiger Bestandteil der Arbeit. Bei der Reihe von Modegeschäften, die AWG für die Franchise-Kette Don Gil schuf, war das denn auch kaum zufällig. Stil und Atmosphäre sind schließlich wichtige Aspekte der Mode. Verblüffend bleibt dabei allerdings, dass AWG bei diesen Läden den Akzent weniger auf ein modernes, offenes Konzept legte, sondern eher auf die Intimität einer Art von begehbaren Schränken abzielte. Vom Eingang her lassen sich wohl Ausmaß und Maßstab des Geschäftes im Ganzen erkennen, dennoch gewinnt man keinen kompletten Überblick. Man muss ein- treten und sich in den zahlreichen einzelnen Kabinetten verlaufen. Natürlich passt dieses

and atmosphere are important aspects of fash- ion. It is intriguing, though, that AWG distanced itself from a more modernist, open concept for these shops in favour of a concept that em- phasizes the intimacy of a kind of walk-in cup- board. From the entrance way, one can per- ceive the size and scale of the shop as a whole but one does not have a complete overview. One has to go in and lose oneself in the many cabinets. Of course, this concept perfectly fits the commercial idea behind Don Gil that de- mands all clothes to be always immediately available in all sizes and all colours inside the shop, which accordingly needs lots of storage space. But at the same time it seems a return

Konzept aufs Vortrefflichste zu der kommerziel-

to

a more traditional kind of men’s fashion shop,

len Idee, die hinter Don Gil steht und besagt, dass alle Kleidungsstücke jederzeit und in allen Größen griffbereit im Laden vorhanden sein müssen, weshalb dieser auch Unmengen von Lagerraum benötigt. Zugleich wirkt es aber auch wie eine Rückkehr zu einer traditionelle- ren Art von Herrenbekleidungsgeschäft, ein Eindruck, der von den dominanten dunklen Holztönen und tiefen Farben noch unterstrichen wird, die hier Verwendung fanden. Faszinierenderweise überschneidet sich die Entwicklung, bei der die Atmosphäre in den Arbeiten von AWG an Bedeutung gewann, mit der Einführung intimerer, geschlossener Räu- me innerhalb der größeren, modernistischen Strukturen, derer man sich immer noch in An- lehnung an Koolhaas und seine Nachfolger bedient.

which is underpinned by the predominantly dark wood and deep colours that have been used. Intriguingly, the development in which at- mosphere becomes more important in the work of AWG goes hand in hand with the intro- duction of more intimate, closed spaces in the larger modernist structures they still borrow from Koolhaas and his followers. The KIGA Kindergarten in St. Anton am Arlberg balances even more carefully and convincingly between a hardcore modernist approach and the willingness to compromise. Indeed, the building allows two readings. Form- ally, the building consists of a flatter, lower part – a box with shed roofs – with a bended rectangular tube next to it. On the other hand, because of the way these elements are posi-

Der KIGA Kindergarten in St. Anton am Arl- berg in Tirol hält noch behutsamer, aber auch

tioned, it is almost an example of contextualism. The highest part of the tube almost works like

überzeugender die Balance zwischen einem

a

pitched roof and blends in with the pitched

knallharten modernistischen Zugang und der Bereitschaft, Kompromisse einzugehen. Tat- sächlich lässt sich das Gebäude auf zwei ver- schiedene Weisen interpretieren. Formal gese- hen besteht es aus einem flacheren, niedrige- ren Teil – einer Schachtel mit schoberartiger Überdachung – und daneben einem geboge- nen, rechteckigen Schlauch. Andererseits ist diese Kombination, wegen der Art, wie die Ele-

roofs in the surrounding village. The lower build- ing, with its reference to the shed roofs, so typ- ical of industrial buildings, blends in with the small industrial and agricultural buildings that can be found in these villages just as well. The grey abstract panels that cover the façades are clearly modernist, but they are countered by oversized window frames in wood, as a kind of Baudrillard-like simulacrum faintly reminiscent

mente aufeinander bezogen sind, geradezu ein

of

the traditional window frames and balconies

kontextualistisches Musterbeispiel. Der höchs-

in

the neighbourhood and at the same time

te Punkt des Schlauchs wirkt beinahe wie ein Steildach und fügt sich damit mühelos in die Szenerie der schrägen Dächer des übrigen Dorfes ein. Das niedrigere Gebäude mit seinem abgeflachten und gerippten Dach, das an das eines Industriebaus erinnert, passt vom Typus her zu den kleinen industriellen und landwirt- schaftlichen Schuppen, die man ebenfalls in diesen kleinen Ortschaften antrifft. Die grau- abstrakten Vertäfelungen an den Fassaden sind eindeutig modernistisch, aber der Ein- druck wird durch übergroße Fensterrahmen aus Holz wieder wettgemacht, wie ein Baudril- lard-artiges Simulakrum, das vage an die tra- ditionellen Fensterrahmen und Balkons in der Nachbarschaft gemahnt und zugleich eine war- me Gemütlichkeit im Inneren des Gebäudes suggeriert.

suggesting a warm cosiness on the inside of the building. Once inside, this cosiness does not quite as immediately come from the materials (such as wood) as it is suggested on the outside. Again, there is a subtle play with both modernist ab- straction and atmosphere-suggesting simulacra. The corridors suggest, again, a factory-like typology: After all, the kids go to work here! White walls and wooden floors produce a light atmosphere, sometimes brightened up by coloured walls, furniture and lamps. Indoor winter gardens with bamboo, gravel and in- formally placed stones faintly suggest a Japan- ese tradition reminiscent of some of Francine Houben’s work for Mecanoo; while at the same time functional elements such as a climbing wall play a decorative role as well.

Bart Lootsma | KIGA, AllesWirdGut

Bart Lootsma | KIGA, AllesWirdGut 6 Das sonst eingeschossige Gebäude passt sich im Nordosten mit einem

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Das sonst eingeschossige Gebäude passt sich im Nordosten mit einem weiteren Geschoss den Höhen der umgebenden Bauten an. Die Treppe dient dort gleichzeitig als Zuschauertribüne. The building is for the most part single-storey but in the north-west it has a further floor to match the heights of the surrounding buildings. The stairs there can also be used as a spectators stand.

Indessen stellt sich die Heimeligkeit, die man von der äußeren Erscheinung her erwartet, drinnen keineswegs sofort ein, etwa aufgrund der verwendeten Materialien, wie beispielsweise Holz. Im Inneren gibt es zunächst wiederum eine subtile Interaktion zwischen modernisti- scher Abstraktheit und atmosphärisch dichten Simulakren. Der Korridor gemahnt an eine fa- brikmäßige Typologie, hier gehen die Kinder schließlich zu Werke! Weiße Wände und hölzer- ne Fußböden schaffen eine helle Atmosphäre, die gelegentlich durch Farbakzente an den Wänden, Möbeln oder Lampen aufgeheitert wird. Nach innen verlegte Wintergärten mit Bambus, Kiesel und scheinbar zufällig platzier- ten Steinen erinnern entfernt an die japanische Tradition wie bei manchen von Francine Hou- bens Arbeiten für das Delfter Architekturbüro Mecanoo. Gleichzeitig übernehmen funktionale Elemente, wie beispielsweise eine Kletterwand, auch eine dekorative Rolle. Letztere erinnert an die Arbeit von NL Architects, insbesondere an das WOS 8 Gebäude von Leidsche Rijn im niederländischen Utrecht. In Momenten wie diesen besitzt die Arbeit von AWG einen gera- dezu eklektischen Anstrich.

The latter reminds one of the work of NL Archi- tects, notably their WOS 8 building in Leidsche Rijn in the Netherlands. It is at such moments that the work of AWG becomes almost eclectic.

Fotos / Photos © 7 Hertha Hurnaus

KIGA – Kindergarten St. Anton am Arlberg
KIGA – Kindergarten
St. Anton am Arlberg

Architekturbüro / Architects AllesWirdGut

Typ / Type Kindergarten

Adresse / Address A-6580 St. Anton am Arlberg (Tirol / Tyrol)

Fertigstellung / Completion

2004

Bauherr / Client Gemeinde St. Anton am Arlberg / Community St. Anton am Arlberg

Nutzfläche / Usable floor area 625 m 2 / 625 m 2

Kubatur / Cubage 3.400 m 3 / 3,400 m 3

Mitarbeiter / Assistant Jan Schröder

Statik / Structural engineer DI Georg Pfenninger

Baukosten / Construction costs ¤ 950.000 / ¤ 950,000

Türklinken / Lever handles

costs ¤ 950.000 / ¤ 950,000 Türklinken / Lever handles 1 Grundriss EG / Ground floor

1 Grundriss EG / Ground floor plan

M 1:500

2 Grundriss OG / Upper floor plan

M 1:500

3 Längsschnitt / Longitudinal section

M 1:500

KIGA, AllesWirdGut | Bart Lootsma

OG / Upper floor plan M 1:500 3 Längsschnitt / Longitudinal section M 1:500 KIGA, AllesWirdGut
OG / Upper floor plan M 1:500 3 Längsschnitt / Longitudinal section M 1:500 KIGA, AllesWirdGut
OG / Upper floor plan M 1:500 3 Längsschnitt / Longitudinal section M 1:500 KIGA, AllesWirdGut

Bart Lootsma | Wohnirritation, Weichlbauer/Ortis

Weichlbauer/Ortis

Weichlbauer/Ortis

Echter Hardcore-Modernismus in der Tradition der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ist heute rar in Österreich. Das ist ein Teil der Entwicklung österreichischer Kultur, der fast vollkommen ausgelöscht wurde. Die interes- santesten Modernisten, darunter Namen wie Frank, Schindler, Neutra, Plischke, Kiesler und

Real hardcore Modernism in the tradition of the nineteen twenties is rare in Austria. It is the part of the development in Austrian culture that has been almost completely cut out. The most interesting modernists, like Frank, Schindler, Neutra, Plischke, Kiesler and others had left the country, some of them in fear of persecution

andere, hatten das Land verlassen, zum Teil um

by the Nazis. Of course, the radical architecture

der Verfolgung durch die Nazis zu entgehen.

of

the nineteen sixties continued a tradition of

Gewiss, die radikale Architektur der 1960er

modernism, but not where the formal aspects

Jahre bildete eine Fortsetzung des Modernis-

are concerned. It is intriguing that, setting aside

mus, aber nicht, was seine formalen Aspekte

a

rather curious and clumsy attempt by Arnulf

betrifft. Es ist auffallend, dass – einmal abgese- hen von dem eher kuriosen und unbeholfenen Versuch Arnulf Rainers, zu einem Verständnis von Piet Mondriaan zu gelangen – österreichi- sche Künstler, in ihrem Bemühen, nach dem Zweiten Weltkrieg die Moderne einzuholen, sich ihre Inspirationen eher beim Surrealismus und Abstrakten Expressionismus als bei den mehr

Rainer to understand Piet Mondriaan, in the process of catching up with modernism after the Second World War, Austrian artists rather looked for inspiration in surrealism and abstract ex- pressionism than in the more “industrial” and geometrical traditions of modernism. That seems to fit the Austrian tradition better. Weichlbauer/Ortis are a rare exception here.

„industriellen“ geometrischen Traditionen des Modernismus holten. Das passte wohl besser zur österreichischen Tradition. Weichlbauer/Ortis sind in diesem Fall die rare Ausnahme. Besonders mit ihrer provozierend knallgelben Wohnhausanlage Wohn DNA, die in der Welt der Architektur recht berühmt gewor- den ist, hängten sie sich an eine amerikanisch inspirierte Revitalisierung des Modernismus an, wie er von Colin Rowe, John Hejduk und ins- besondere Peter Eisenman ins Leben gerufen wurde. Gerade die Nachdrücklichkeit, mit der Letzterer auf einer post-humanistischen Archi- tektur besteht, die einzig aus ihrer internen, formalen Kohärenz heraus lebt, ist grundlegend für ein Verständnis der Arbeiten von Weichl- bauer/Ortis, ebenso wie es wichtig ist, ihre Rückkehr zu den Wurzeln der modernen Ar- chitektur zu verstehen, namentlich Theo van

Particularly with their provocative bright yellow housing project Wohn DNA, which has become quite famous in the architectural world, they attach to an American-inspired revitalization of modernism as it was initiated by Colin Rowe, John Hejduk and notably Peter Eisenman. The latter’s emphasis on a post-humanistic type of architecture that lives from its internal, formal coherence is crucial to understanding the work of Weichlbauer/Ortis, just as it is important to understand their return to the sources of mod- ern architecture, notably Theo van Doesburg and “De Stijl”. In the work of Weichlbauer/Ortis, architecture is reduced to its most basic elem- ents: shapes, planes and primary colours that play their own game together. But it is not a completely abstract architecture; it is indeed, as Manuela Hötzl writes, a “concrete abstrac- tion”. Knowing the technological ins and outs

Doesburg und „De Stijl“. Im Werk von Weichl-

of

the building process perfectly – Weichlbauer

bauer/Ortis wird Architektur auf ihre grundle-

teaches at a professional school and Ortis con-

gendsten Elemente reduziert, primär Farben,

tinues to run a building company besides their

Formen, Flächen, die ihr eigenes Spiel mitein-

joint architectural practice – the basic elements

ander treiben. Aber es ist keine vollkommen

of

their work are the elements with which a

abstrakte Architektur. Es ist eher , wie Manuela Hötzl schreibt, eine „konkrete Abstraktion“ oder eine „Abstraktion in Beton“. Da die beiden Part- ner die technologischen Griffe und Kniffe des Bauprozesses aus dem Effeff beherrschen – Weichlbauer unterrichtet an einer Berufsschule und Ortis betreibt neben der gemeinsamen Ar-

building is constructed: walls, floors, windows, etcetera. They treat these elements as a kind of DNA that can be refigured over and over again, adapting to functional and organizational de- mands while still maintaining an internal co- herence. Even if their work does not look like blobby computer-generated architecture, its

chitekturpraxis weiterhin eine Baufirma – sind die fundamentalen Teile ihrer Arbeit jene Ele- mente, aus denen ein Bauwerk besteht: Wände, Fußböden, Fenster und so weiter. Sie behan- deln diese Elemente wie Bausteine einer Art DNA, die ständig neu umfiguriert werden kann,

configurations are developed with the help of the computer, or one might even say that the program that organizes them is a computer it- self. With their interest in contemporary develop- ments in science Weichlbauer/Ortis connect to an international group of architects that seeks

die sich an Funktions- und Organisationsbedürf-

to

find a new discourse enabling them to work

nisse anpasst und dabei dennoch stets eine

in

an international context without having to adapt

innere Stimmigkeit bewahrt. Auch wenn ihre Arbeiten nicht wie klumpenförmige Architektur

to

the specifics of a local situation in detail. The Wohnirritation is a typical example of

aus dem Computer aussehen, so wurden ihre

their work. It is a cheap building for student

Wohnirritation, Weichlbauer/Ortis | Bart Lootsma

Wohnirritation, Weichlbauer/Ortis | Bart Lootsma 1 „Echten Hardcore-Modernismus“ beweist der Büro- und Wohnbau von

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„Echten Hardcore-Modernismus“ beweist der Büro- und Wohnbau von Weichlbauer/Ortis. Kontext negieren die Architekten auch an diesem Gebäude. The office and residential building by Weichlbauer/Ortis demonstrates a “genuinely hardcore modernism”. The architects negate the context with this building also.

The architects negate the context with this building also. 2 Detail der hermetisch abgeschlossenen Fassade. Detail

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Detail der hermetisch abgeschlossenen Fassade. Detail of the hermetically closed façade.

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Das Äußere der Wohnirritation ist eine einfache, blaue Kiste, durchbrochen von Fenstern, die ebenfalls mit Fassadenputz überzogen ist. The outside of Wohnirritation is a simple, dark blue, rendered box, perforated with window openings that can be closed by sliding panels covered in the same material.

blue, rendered box, perforated with window openings that can be closed by sliding panels covered in

Bart Lootsma | Wohnirritation, Weichlbauer/Ortis

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Das Gebäude rückt von der stark befahrenen Straße ab. Fahr-, Park- und Grünstreifen sowie „Eingangs- tunnel“ schaffen Distanz. The building withdraws from the busy street. Traffic and parking lanes as well as strip of greenery and an “entrance tunnel” establish the requisite distance.

an “entrance tunnel” establish the requisite distance. Konfigurationen doch mit Hilfe des Computers erstellt, oder

Konfigurationen doch mit Hilfe des Computers erstellt, oder man könnte sogar sagen, dass das Programm, das sie organisiert, selbst ein Computer ist. Ihr Interesse an all den neues- ten wissenschaftlichen Entwicklungen verbin- det Weichlbauer/Ortis mit einer internationalen Gruppe von Architekten, die nach einem neuen Diskurs Ausschau halten, der es ihnen erlau- ben würde, in einem internationalen Kontext zu arbeiten, ohne sich den spezifischen Gegeben- heiten einer Situation vor Ort im Einzelnen un- terwerfen zu müssen. Die Wohnirritation ist ein typisches Beispiel ihrer Arbeit. Es ist ein billiges Gebäude, das einerseits Studentenwohnungen, andererseits Teilzeitbüros beherbergt und an eine verkehrs- reiche Straße in den Außenbezirken von Graz angrenzt. Das Äußere ist eine einfache, dunkle, blaue Kiste, durchbrochen von Fenstern, die sich mit dem gleichen Material verschließen lassen, aus dem auch die Fassade besteht. Das Innere lässt sich nach Bedarf umstrukturieren. Selbst wenn man daraus eine immanente Kri- tik des kitschigen Dekors der umliegenden Gebäude ablesen könnte, so ist doch die Wohn- irritation alles andere als ein Beispiel für kriti- schen Regionalismus. Im Prinzip könnte sie überall auf der Welt stehen und dennoch ihre Kraft unter Beweis stellen.

Martin Scharfetter, AllesWirdGut und Weichl- bauer/Ortis beweisen, dass sich auch in Öster- reich Architekten darüber Gedanken machen, wie sie in dem neuen Kontext der Architektur arbeiten können, die durch sowohl lokale wie globale Bedingungen definiert wird, und nicht etwa nur durch eine der beiden unter Aus- schluss der anderen. Architekten arbeiten heute definitionsgemäß unter „glo-kalen“ Bedingun- gen, und wenn sie Österreicher sind, werden wir sie vielleicht ab jetzt als „Glaustrians“ oder „Glaustrianer“ titulieren können.

housing mixed with temporary offices next to a noisy road in the periphery of Graz. The outside is a simple dark blue box, perforated with win- dows that can be closed with the same material as the façade. The inside can be restructured according to demand. Even if one could read an immanent criticism about the kitschy deco- ration of the surrounding buildings from it, the Wohnirritation is definitely not an example of critical regionalism. In principle, it could stand anywhere in the world and still maintain its strength.

Martin Scharfetter, AllesWirdGut and Weichl- bauer/Ortis show that also in Austria architects think about working inside the new context of architecture that is defined by both local and global conditions – and not by either one of the two. Architects today, by definition, work under “glocal” conditions. If they happen to be Aus- trians, we might as well call them “Glaustrians” from now on.

Fotos / Photos © 4 Peter Eder

Wohnirritation / Living Irritation

Graz
Graz

Architekturbüro / Architects Architekten DI Reinhold Weichl- bauer / DI Albert Josef Ortis

Typ / Type Wohn-Hotel-Büro / House-hotel-office

Adresse / Address St. Veiter-Straße 20 A-8045 Graz (Steiermark / Styria)

Fertigstellung / Completion

1998

Bauherr / Client

DI Christian Soos

Nutzfläche / Usable floor area 945 m 2 / 945 m 2

Kubatur / Cubage 4.500 m 3 / 4,500 m 3

Statik / Structural engineer

DI Gerhard Fidler

Baukosten / Construction costs ¤ 1.100.000 / ¤ 1,100,000

Türklinke / Lever handle

¤ 1.100.000 / ¤ 1,100,000 Türklinke / Lever handle Wohnirritation, Weichlbauer/Ortis | Bart Lootsma 1 Lageplan

Wohnirritation, Weichlbauer/Ortis | Bart Lootsma

1 Lageplan / Site plan M 1:2000 2 Grundriss EG / Ground floor plan M
1 Lageplan / Site plan
M 1:2000
2
Grundriss EG / Ground floor plan
M
1:500
3 Schnitt / Section
M 1:500
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Ansichten / Elevations
M 1:500

Jan Tabor

Jan Tabor (geb. 1944 in Podebrady/CZ) stu- dierte an der TU Wien und ist heute als Archi- tekturtheoretiker, Kulturpublizist (Kurier, Falter) und Ausstellungsmacher tätig. Er lehrt an ver- schiedenen Hochschulen (Universität für an- gewandte Kunst, Institut für Entwerfen, Zaha M. Hadid, Akademie der bildenden und ange- wandten Künste, Bratislava, und Architektur Fakultät, Brünn) und war Kurator bei diversen Ausstellungen wie Den Fuß in der Tür: Manifes- te des Wohnens (2000) und mega: manifeste der anmaßung (2002), beide im Künstlerhaus, Wien. 1994 gab er den Katalog zur Ausstellung Kunst und Diktatur / Architektur, Bildhauerei, Malerei in Österreich, Deutschland, Italien und Sowjetunion 1922–1956 heraus. Weitere Publi- kationen: Otto Wagner. Die Österreichische Postsparkasse / The Austrian Postal Savings Bank, Falter Verlag; Architektur und Industrie. Betriebs- und Bürobauten in Österreich 1950– 1991, Brandstätter Verlag.

Jan Tabor (born in 1944 in Podebrady/CZ) studied at the TU Vienna and today works as an architecture theorist, cultural affairs journalist (Kurier, Falter) and exhibition maker. He teaches at a number of third-level educational institu- tions (Institute for Design, Zaha M. Hadid at the University of Applied Arts, Vienna; Academy of Fine and Applied Arts, Bratislava; School of Architecture, Brno) and was the curator of various exhibitions such as Den Fuß in der Tür: Manifeste des Wohnens (2000) and mega:

manifeste der anmaßung (2002), both in the Künstlerhaus, Vienna. In 1994 he produced the catalogue to the exhibition Kunst und Diktatur / Architektur, Bildhauerei, Malerei in Österreich, Deutschland, Italien und Sowjetunion 1922– 1956. Further publications include: Otto Wag- ner. Die Österreichische Postsparkasse / The Austrian Postal Savings Bank, Falter Verlag; Architektur und Industrie. Betriebs- und Büro- bauten in Österreich 1950–1991, Brandstätter Verlag.

Produktionsanlage

Guttmann

Funktion / Function

Produktionsanlage / Production building

Ort / Place

Güssing, Burgenland

Fertigstellung / Completion

2002

Architekturbüro / Architects

Pichler & Traupmann

Hängende Gärten, Wienerbergcity

Funktion / Function

Wohn- und Geschäftsbau / Residential and commercial building

Ort / Place

Wien / Vienna

Fertigstellung / Completion

2003

Architekturbüro / Architects

Günter Lautner, Nicolaj Kirisits

Technologiezentrum

Eisenstadt

Funktion / Function

Büro-, Werkstätten- und Lagergebäude / Office, workshop and warehouse building

Ort / Place

Eisenstadt, Burgenland

Fertigstellung / Completion

1998

Architekturbüro / Architect

Sepp Müller

Eisenstadt, Burgenland Fertigstellung / Completion 1998 Architekturbüro / Architect Sepp Müller 55
Eisenstadt, Burgenland Fertigstellung / Completion 1998 Architekturbüro / Architect Sepp Müller 55
Eisenstadt, Burgenland Fertigstellung / Completion 1998 Architekturbüro / Architect Sepp Müller 55

Jan Tabor | Produktionsanlage Guttmann, Pichler & Traupmann

Tabor | Produktionsanlage Guttmann, Pichler & Traupmann 1 Die Fabrik ist in drei Phasen zwischen 1990

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Die Fabrik ist in drei Phasen zwischen 1990 und 2002 entstanden. Den Anfang, die erste Phase, bildet der Bürotrakt mit zwei Produktionshallen. Es war der erste große Bauauftrag für das Büro Pichler & Traupmann.

The factory developed in three stages between 1990 and 2002. The start, the first phase, was the office wing with the two production halls. This was Pichler & Traupmann’s first major commission.

Verherrlichung von Rolltüren:

Zum Beispiel die Falte

Architektur verewigt und verherrlicht etwas. Darum kann es Architektur nicht geben, wo nichts zu verherrlichen ist. (Ludwig Wittgenstein, 1920er Jahre)

Kein Zitat mochte erst so richtig passen, keines, das der Industriehalle von Pichler & Traup- mann in Güssing (1992–2002) gerecht gewor- den wäre. Ich wollte mit einem monumentalen Satz von einem allseits geschätzten Baudenker dieses vorzügliche Bauwerk adeln, das in der Provinz errichtet wurde und unscheinbar wirkt. In einer Provinz, in der vor kurzem noch kaum zeitgenössische Architektur anzutreffen war und die nun im Begriff ist, Musterregion einer neuen Baukultur zu werden: im österreichischen Bundesland Burgenland. Burgenland, architek- tonisch ein neues Vorarlberg – das wäre schön, das ist denkbar, das zeichnet sich ab. Ein technisches Bauwerk wollte ich mit dem Ausspruch loben, das versteckt in einer der üb- lichen, anonymen, rasch auf einer grünen Wiese entstandenen Vorstadt-Industriezonen liegt und das eine bemerkenswerte architektonische Leis- tung in einer Sparte darstellt, die in Österreich nur wenige – sehr wenige – Spitzenwerke vor- weisen und auf keine andere Tradition zurück- blicken kann – außer auf die der Ignoranz in der Architekturrezeption. Dass sich die Indus- triearchitektur bei den österreichischen Archi- tekturkritikern keiner Zuneigung erfreut, lässt

Glorifying Sectional Doors:

the Fold as an Example

Architecture immortalises and glorifies some- thing, therefore architecture cannot exist where there is nothing to glorify. (Ludwig Wittgenstein, 1920s)

At first no quotation seemed fitting for Pichler

& Traupmann’s industrial building in Güssing

(1992–2002): I had wanted to borrow an im- pressive statement by a universally acclaimed architectural theorist to honour this excellent building that initially seems so unspectacular and has been erected in the provinces, in a

part of the country where, until recently, con- temporary architecture was hardly to be found at all but which now is about to become a model region of a new culture of building: the Austrian federal state of Burgenland, in archi- tectural terms a new Vorarlberg. That would be a good thing, it is conceivable, it is about to happen. I wanted to use this quote to praise a tech- nical building that lies hidden in one of those everyday anonymous industrial zones that spring up so quickly outside our towns now- adays, a building that represents a remarkable architectural achievement in a branch of archi- tecture that, in Austria, boasts few, very few excellent works and that cannot look back on

a tradition (other than one of ignorance) in

the reception of its architecture. The fact that industrial architecture enjoys little favour with

Produktionsanlage Guttmann, Pichler & Traupmann | Jan Tabor

Guttmann, Pichler & Traupmann | Jan Tabor 2 Die Falte, oder besser gesagt: die gefaltete Fläche,

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Die Falte, oder besser gesagt: die gefaltete Fläche, ist ein Thema, mit dem sich Pichler & Traupmann sowohl formal als auch konstruktiv besonders intensiv beschäftigen. So gut wie jedes Bauwerk von ihnen baut auf Falte. So auch im Entwurf der Produktionshalle Guttmann in Güssing. The fold, or to put it more accurately, the folded surface is a theme that Pichler & Traupmann deal with particularly intensively, in terms of both form and construction. Almost every one of their buildings uses folds. So too the design for the Guttmann production building in Güssing.

sich auf viele Ursachen zurückführen. Ich nenne zwei: die feudale – also aristokratisch- bauerhafte – Abneigung in Österreich gegen Industrie, Technik und Technologie seit der Zeit der industriellen Revolution und den dort weiter- hin wirksamen Einfluss des diese Abneigung teilenden Urvaters der österreichischen Moderne Otto Wagner – trotz seiner legendären Vorliebe für allerneueste Errungenschaften der Bautech- nologie und Baustoffindustrie und trotz seiner Pionierleistung der Verwendung von Aluminium. 1911, also mehr als ein Jahrzehnt, nachdem er einige technische Bauwerke wie die Stadtbahn- brücken oder die Donaukanalschleuse in Wien- Nussdorf fulminant und mustergültig in die allerhöchste Baukunst eingepackt hatte, rief er nämlich auf, „den die Schönheit vernichtenden Einfluss des Ingenieurs für immer zu brechen“.

Architektur als Fall

Rund ein Jahrhundert später – und die Indus- triearchitektur im Speziellen und die technolo- gisch-konstruktive Ästhetik im Allgemeinen sind keine Nebensächlichkeiten in der österreichi- schen Baukultur der Gegenwart mehr. Allein in der bereits erwähnten Industriezone an der Wienerstraße nächst Güssing errichtete das Büro Pichler & Traupmann zwei Industriebau- ten: 1997 die Glaserei Ebner und in drei Aus- baustufen zwischen 1992 und 2002 die Pro- duktionsanlage Guttmann Torsysteme (um die es hier geht), die als bemerkenswerte Beispiele des zeitgenössischen europäischen Bauens gel- ten können: Otto Kapfinger nahm sie in seinen

Austrian architecture critics can be ascribed to a number of causes. I will mention only two here: the feudal i.e. the distaste of both aristo-

cratic and peasant in Austria for industrial tech- nology ever since the time of the industrial re- volution, and, secondly, the powerful influence

of the father of Austrian modernism, Otto Wag-

ner, who shared this dislike – despite his legen- dary preference for the most modern achieve-

ments of building technology and the building materials industry, and despite his pioneering achievements in the use of aluminium. In 1911,

that is more than a decade after he had wrapped

a number of technical buildings such as the

bridges for the Stadtbahn [urban railway sys- tem] or the Danube Canal lock in Vienna-Nuss- dorf in the most artistic of packaging, Wagner called for the permanent elimination of “the in- fluence of the engineer that is so destructive of beauty.”

Architecture as a Case

Around a century later industrial architecture in particular and the technological and structural aesthetic in general are no longer side issues in contemporary Austrian architecture. Alone in the industrial zone mentioned above on Wiener- strasse, near Güssing, Pichler & Traupmann have erected two industrial buildings, in 1997 the Ebner glazier’s workshop and, between 1902 and 2002 in three development phases, the Guttmann Torsysteme production works (the building dealt with here), which represent re- markable examples of contemporary European

Jan Tabor | Produktionsanlage Guttmann, Pichler & Traupmann

vorzüglichen, 2004 erschienenen Architektur- führer Neue Architektur in Burgenland und Westungarn auf. Verglichen mit der Zeit um 1990, der fröhli- chen Endungszeit der Noch-immer-und-schon- nicht-mehr-Postmoderne, steht es besser um die Industriearchitektur in Österreich, viel bes- ser. Damals, 1991, haben Regina Haslinger und ich an dem Buch „Architektur und Industrie 1950–1990“ gearbeitet und uns dabei fürch- terlich angestrengt, wenigstens ein paar vor- zeigbare Industriebauten zu finden. Würden wir heute ein Buch zu diesem Thema produzie- ren, hätten wir allein von Pichler & Traupmann mindestens eine Hand voll vorzeigbare Baubei- spiele zu bieten. Und dies gar aus der einstigen „archaischen Provinz“ Burgenland. Das Büro Pichler & Traupmann befindet sich in der Kundmanngasse Nr. 39 in Wien, in der sich nur wenige Schritte entfernt, auf Haus- nummer 19, das so genannte Wittgensteinhaus befindet. Es ist ein höchst bemerkenswertes Bauwerk, „ein Unikat von besonderem Rang“, wie Friedrich Achleitner schrieb, ein Wohn- haus, das der Philosoph Ludwig Wittgenstein für seine Schwester Margarete Stonborough mit seinen Freunden, dem Architekten Paul Engelmann und dem Bauingenieur Jacques Groag, 1928 gemeinsam entworfen und errich- tet hat. Erstaunlich, wie unzeitgemäß, unscharf und eingeschränkt der Wiener Sprachpräzisionsden- ker Wittgenstein über den Zweck und Sinn der Architektur nachgedacht hat. Gänzlich in den Denkdimensionen des 19. Jahrhunderts, die sich um die Begriffe Verherrlichung und Ver- ewigung drehen. Ich meine, alles kann verherr- licht werden, durch Architektur oder ohne Ar- chitektur. Ganz im Sinne von Wittgensteins be- rühmtestem Zitat: „Die Architektur ist alles, was der Fall ist.“ Der antibürgerlich denkende, handelnde und lebende Philosoph wollte offensichtlich das Großbürgerliche am neuen Domizil seiner no- blen Schwester nicht bloß nicht verherrlichen, er wollte das Großbürgerliche durch seine Ar- chitektur eliminieren, gar entherrlichen. Mani- festartig. Daher zeichnet sich die Villa sowohl nach außen als auch nach innen durch über- betonte Zweckmäßigkeit aus. Sie ist eine Art Behälter, dessen Inhalt beliebig ausgetauscht werden kann. Das aber ist, wie alles, was die rätselhafte Gestalt des Hauses Wittgenstein be- trifft, eine Spekulation. Diese Beliebigkeit des unmittelbaren Inhalt- lichen ist ein wesentliches Charakteristikum der Industriearchitektur. Das unmittelbar Inhaltliche kann als das verstanden werden, was es zu verherrlichen oder zu verewigen gilt. Die Ver- herrlichung oder Verewigung erfolgt durch ein mit dem unmittelbar Inhaltlichen abgestimmtes Bauen, das im Sinn der Wittgenstein’schen De- finition dadurch, und nur dadurch, zur Archi- tektur werden kann. Wo nichts zu verherrlichen ist, dort kann keine Architektur entstehen, meint Wittgenstein. Was Verherrlichungswertes aber

building. Otto Kapfinger has included these buildings in his excellent architecture guide Neue Architektur in Burgenland und West- ungarn [New Architecture in Burgenland and Western Hungary], which was published in 2004. Compared with the time around 1990, the

cheery end-phase of still-around-but-actually- over-postmodernism, things in the field of in- dustrial architecture are now better, far better. Around that time, in 1991, Regina Haslinger and I were working on the book Architektur und Industrie 1950–1990 and had to make enormous efforts to find even a few presentable industrial buildings. If we were to produce a similar book now, from the practice of Pichler

& Traupmann alone we would have at least a

handful of suitable examples. And this in the former “archaic province” of Burgenland. The office of Pichler & Traupmann is located at 39 Kundmanngasse in Vienna, only a few steps away from the so-called Wittgenstein House, which is at number 19. The Wittgen- stein House is a highly remarkable building, “a unique example with a particular status,” as Friedrich Achleitner writes, a dwelling house

which the philosopher Ludwig Wittgenstein designed and built in 1928 together with his friends, architect Paul Engelmann and civil en- gineer Jacques Groag, for his sister Margaret Stonborough. It is extraordinary in what an outmoded, im- precise and restricted way the linguistic philo- sopher Wittgenstein, noted for the precision of his language, reflected upon the purpose and meaning of architecture. Entirely within the intellectual framework of the 19th century, re- volving still around notions of glorifying and im- mortalising. I mean everything can be glorified, either through architecture or without it. Entire- ly in the sense of Wittgenstein’s most famous quotation: “Architecture is everything that is the case.” Clearly this philosopher, who in the way he thought, acted and lived was completely op- posed to bourgeois concepts, did not want merely to avoid glorifying the upper-middle class aspects of his noble sister’s new residence, he wanted to eliminate these aspects through his architecture, to de-glorify it as it were, much in the sense of a manifesto. Therefore the villa is characterised both inside and out by an (over) emphatic functionality. It is a kind of container whose contents can be exchanged as required. However, like everything concerning the puzzling design of the Wittgenstein House this too is just

a speculation. This arbitrariness of the current contents is a

significant characteristic of industrial architec- ture. The current contents can be understood as that which is to be glorified or immortalised. Glorification or immortalisation is achieved by

a building that harmonises with its contents,

which, in the sense of Wittgenstein’s definition,

can happen through (and only through) archi- tecture. According to Wittgenstein where glori- fication is not required architecture cannot be

Produktionsanlage Guttmann, Pichler & Traupmann | Jan Tabor

Guttmann, Pichler & Traupmann | Jan Tabor 3 Vereinfacht dargelegt geht es dabei um die Kontinuität

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Vereinfacht dargelegt geht es dabei um die Kontinuität des Raumes durch die Kontinuität der den Raum herstellenden und definierten Fläche sowie durch die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Wand, Decke und Dach. To put it simply the issue is achieving the continuity of space through the continuity of the surfaces that create and define the space, as well through eliminating the opposition between wall, ceiling and roof.

Jan Tabor | Produktionsanlage Guttmann, Pichler & Traupmann

Tabor | Produktionsanlage Guttmann, Pichler & Traupmann 4 Bei der Produktionsanlage Guttmann Torsysteme handelt es

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Bei der Produktionsanlage Guttmann Torsysteme handelt es sich um die Faltung des Daches in Licht spendende Sheds. Am Äußeren der Halle erscheint die Falte, das gefaltete Dach, als eine Abfolge von miteinander nicht verbundenen, jeweils dreimal gebrochenen Flächen, die sie wie riesige Klappen aufgeben, als würde sie aus der Horizontale in die Vertikale (oder umgekehrt) übergehen. In the case of the Produktionsanlage Guttmann Torsysteme the main aspect is the folding of the roof to create shed-type roofs that allow light to flood the interior. From outside the building the fold, i.e. the folded roof, looks like a series of surfaces, broken three times and not connected with each other, like gigantic flaps that move from the horizontal to the vertical or the other way around.

müsste ein Industriebau enthalten, damit mit und in ihm Architektur im Sinn von Wittgenstein entsteht? Welche Art der Produktion, welche Art der Produkte, welche Arbeitsbedingungen usw. muss es geben? Daher muss gelten, was Hans Hollein um 1960 postuliert hat: „Alles ist Architektur.“ Demnach kann sogar Architektur, egal welche, auch Industriearchitektur, Architektur sein. Auch kann alles, sofern man das Bedürfnis da- zu hat, durch Architektur verherrlicht werden. Und es wird alles, was es gibt, durch Architek- tur verherrlicht. Durch gute Architektur auch dann, wenn man es gar nicht zu verherrlichen gedenkt. Zum Beispiel Arbeit, Produktions- stätten oder Produkte. Pichler & Traupmann haben die Fabrikation von Rolltüren verherr-

made. But what contents worthy of glorification must an industrial building house so that, in Wittgenstein’s sense, architecture is created with it and in it, what kind of production, what working conditions etc. must exist there? Therefore what Hans Hollein postulated around 1960 must be taken as valid: “Every- thing is architecture.” According to this defi- nition every kind of architecture, no matter which, even industrial architecture, can be architecture. And, as long as there is a need, everything can be glorified through architec- ture. And everything that exists is glorified through architecture, through good architec- ture even when there is no specific intention to glorify something, for example work, places of production or products. Pichler & Traupmann

Produktionsanlage Guttmann, Pichler & Traupmann | Jan Tabor

Guttmann, Pichler & Traupmann | Jan Tabor 5 Detail des Daches. Detail of the roof. licht.

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Detail des Daches. Detail of the roof.

licht. Gut möglich, dass sie ein Denkmal ge- baut haben. Manche Fabriken sind zu Ikonen der moder- nen Architektur geworden, zum Beispiel die Hochspannungsfabrik der AEG von Peter Beh- rens (1910) oder die Faguswerke von Walter Gropius (1910) oder die Tabakfabrik in Linz von Peter Behrens (1935). Viele Fabriken, vor allem die aus der Gründerzeit, also aus jener Zeit, in der es galt, Industriebauten das Aus- sehen von Schlössern oder die Würde von Tempeln zu verleihen, wurden zu so genannten Industriedenkmälern erklärt und unter Denk- malschutz gestellt. Dadurch wird auch etwas verewigt und so der Ausspruch von Wittgen- stein bestätigt – allerdings post priori, nicht a priori.

have glorified the production of sectional doors. It is even conceivable that they have built a monument. A number of factories have become icons of modern architecture, for example the AEG high voltage factory by Peter Behrens (1910) or the Fagus Works by Walter Gropius (1910) or the tobacco factory in Linz by Peter Behrens (1935). Many factories, above all those from the Gründerzeit (late 19th century), a time when it was believed that industrial buildings should be given the appearance of palaces or the dig- nity of temples, have been declared so-called industrial monuments and placed under a pre- servation order. In this way too something can be immortalised, thus confirming Wittgenstein’s saying, but post priori and not a priori.

Jan Tabor | Produktionsanlage Guttmann, Pichler & Traupmann

Architektur als Falte

Man kann auch ein spezifisches architektoni- sches Thema verherrlichen, das vorher ein weit verbreitetes, aber kaum beachtetes, sowohl natürliches als auch kulturelles Phänomen war und ist. Zum Beispiel die Falte. Zum Beispiel im Barock. Zum Beispiel seit den 1990er Jah- ren, nachdem Gilles Deleuze seinen einflussrei- chen philosophischen Essay über das Barocke und die Falte veröffentlicht hatte. Die Falte – oder besser gesagt: die gefaltete Fläche – ist ein Thema, mit dem sich Pichler & Traupmann sowohl formal als auch konstruktiv besonders intensiv beschäftigen. So gut wie je- des Bauwerk von ihnen baut auf Falte. So auch im Entwurf der Produktionshalle Guttmann in Güssing. Vereinfacht dargelegt geht es dabei um die Kontinuität des Raumes durch die Kon- tinuität der den Raum herstellenden und defi- nierten Fläche sowie durch die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Wand, Decke und Dach. Im Fall der Produktionsanlage Guttmann Torsysteme, so die offizielle Bezeichnung der 2002 errichteten Fabrikhalle, handelt es sich um die Faltung des Daches in Licht spendende Sheds. Am Äußeren der Halle erscheint die Falte, das gefaltete Dach, als eine Abfolge von miteinander nicht verbundenen, jeweils dreimal gebrochenen Flächen, die sie wie riesige Klap- pen aufgeben, als würde sie aus der Horizon- tale in die Vertikale (oder umgekehrt) überge- hen. Besonders deutlich ist dieses gestalterische Prinzip der (erstarrten) Bewegung zum Gefalte- ten als Übergang von der Wand zum Dach an dem ersten Segment zu sehen. Dieser Teil, der den Anfang des Gebäudes darstellt, besteht aus einem Paneel, das drei- mal so gefaltet ist, als wäre das Dach zur Wand oder die Wand zum Dach geknickt. Die vertika- le Fläche bildet die westwärts orientierte Haupt- wand der Halle, die dann in die flache Schräge des Pultdaches übergeht und nach unten wie hinuntergehängt wirkt, weil hier ein hoher Spalt als Bandfenster ausgebildet ist. Der ganze Teil sieht wie aufgehoben aus. Noch etwas ist an der Produktionsanlage Guttmann in Güssing interessant. Die Fabrik ist in drei Phasen zwischen 1990 und 2002 ent- standen. Den Anfang, die erste Phase, bildet der Bürotrakt mit zwei Produktionshallen. Es war der erste große Bauauftrag für das Büro Pichler & Traupmann, der Entwurfsbeginn fiel mit der Bürogründung zusammen. Man kann die Betriebsanlage abschreiten und sehen, wie sich talentierte Jung- zu virtuosen Profi-Archi- tekten in nur drei Schritten entwickelt haben. Mann kann hier dem Werden des Fortschritts zuschauen. Und an das Dilemma denken, in dem man steckt.

Architecture as a Fold

One can also glorify a specific architectural theme, something that is a widespread but rarely noticed phenomenon, either natural or cultural. For example the fold, for example in the Baroque period, for example since the 1990s following the publication of Gilles Deleuzes’ influential essay about the fold, Leibniz and the Baroque. The fold, or to put it more accurately, the folded surface is a theme that Pichler & Traup- mann deal with particularly intensively, in terms of both form and construction. Almost every one of their buildings uses folds. So too the design for the Guttmann production building in Güssing. To put it simply the issue is achieving the con- tinuity of space through the continuity of the surfaces that create and define the space, as well through eliminating the opposition between wall, ceiling and roof. In the case of the Produktionsanlage Gutt- mann Torsysteme, the official name of the fac- tory building erected in 2002, the main aspect is the folding of the roof to create shed-type roofs that allow light to flood the interior. From outside the building the fold, i.e. the folded roof, looks like a series of surfaces, broken three times and not connected with each other, like gigantic flaps that move from the horizontal to the vertical or the other way around. This design principle is shown particularly clearly in the (frozen) movement of the folded surface that forms the transition between wall and roof in the first segment. This part, the beginning of the building, con- sists of a panel that is folded three times as if the roof were bent towards the wall or the wall towards the roof. The vertical surface that forms the west-facing main wall of the hall is contin- ued as a gently inclined mono-pitch roof, it looks as if it is hanging down on one side, be- cause a tall gap is used to make a continuous ribbon window. This entire part of the building looks as if it has been raised. But there is something else also interesting about the Guttmann production building in Güssing. The factory developed in three stages between 1990 and 2002. The start, the first phase, was the office wing with two production halls. This was Pichler & Traupmann’s first major commission, the start of the design work coincided with the setting-up of their practice. One can walk along the complex and see how talented young architects have developed into virtuoso professionals in only three stages. One can observe the development of progress and reflect on the dilemma in which one finds one- self.

Fotos / Photos © 6 Paul Ott

Produktionsanlage Guttmann Torsysteme, Bauabschnitt 5 / Production Building Guttmann Torsysteme, Phase 5

Güssing
Güssing

Architekturbüro / Architects Pichler & Traupmann Architekten

Typ / Type Industriehalle / Industrial building

Adresse / Address Wienerstraße 58 A-7540 Güssing (Burgenland)

Fertigstellung / Completion

2002

Bauherr / Client Fa. Guttmann Torsysteme GmbH

Nutzfläche / Usable floor area 4.778 m 2 / 4,778 m 2

Kubatur / Cubage 32.676 m 3 / 32,676 m 3

Mitarbeiter / Assistant Barbara Aull, Christian Domin- kovits, Rosa Fellner

Statik / Structural engineer DI Harald Weiss

Baukosten / Construction costs ¤ 1.700.000 / ¤ 1,700,000

Türklinke / Lever handle

¤ 1.700.000 / ¤ 1,700,000 Türklinke / Lever handle Produktionsanlage Guttmann, Pichler & Traupmann | Jan

Produktionsanlage Guttmann, Pichler & Traupmann | Jan Tabor

1 Lageplan / Site plan

o. M.

& Traupmann | Jan Tabor 1 Lageplan / Site plan o. M. 2 Schnitt / Section

2 Schnitt / Section

o. M.

5m 10 20 3 Grundriss / Ground floor plan o. M. M L K J
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Jan Tabor | „Hängende Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits

Der Sieg über die Gravitation

Er baute für seine Gemahlin den so genannten Hängenden Garten Eden, denn sie geriet in diese flache Landschaft aus Medie und sehnte sich sehr nach den Bergen. (Josephus Flavius, 1. Jahrhundert n. Chr.)

Semiramis hieß die schöne Bergsüchtige aus Medie. Neuerdings gibt es in Wien mindestens drei neue Wohnhausanlagen, denen die viel versprechende Produktbenennung zu den höheren Ehren der iranischen Prinzessin Se- miramis umgehängt wurde: die Hängenden Gärten in der Wiedner Hauptstraße, errichtet 2003 von Rüdiger Lainer, die Hängenden Gär- ten von Wien von Günter Lautner und Nicolaj Kirisits, errichtet 2004 auf dem Wienerberg, und die Hängenden Gärten von Favoriten, Alxingergasse, von Kenyaeh und Markus Geis- winkler (Fertigstellung 2005). Wenn man noch die 2004 von Michael Schluder errichtete Wohnanlage in Wien-Simmering mit den echten Schrebergärten am Dach dazunimmt, sind es sogar vier. Auch Schluder hätte wohl den schö- nen Namen angehängt, wäre der nicht bereits mehrmals besetzt gewesen. Der verwandte Begriff „Schwebende Schrebergärten“ stünde noch zur Verfügung. „Hängende Gärten“ dienen nicht zu höheren Ehren der Semiramis allein, sondern auch zu jenen des Wiener Wohnbauerneuerers Harry Glück und des österreichischen Eiferers gegen die Gottlosigkeit des rechten Winkels und der geraden Linie Friedensreich Hundertwasser. Die Verbindung von Wohnung und Grün ist ohne Frage ein Werbegag, aber sie ist auch Pro- gramm, spätestens seit der Gartenstadtbewe- gung sozial-ästhetische Maxime vieler Architek- ten und Urbanisten. Entfernt erinnert die blumige Etikette an den Wohnpark Alterlaa des Architekten Glück. Der „Wohnpark“ ist eine Gruppe von Terrassen- hochhäusern, die, so sein Erfinder Harry Glück, aus „gestapelten Einfamilienhäusern“ bestehen. In einigen Büchern, in denen Glück sein Kon- zept der durchgegrünten Stapelung erläutert und verteidigt hat, verwendet er Bilder aus der Geschichte der Terrassenhäuser, darunter das Bild einer der zahlreichen zeichnerischen Re- konstruktionen der Hängenden Gärten der Se- miramis, den berühmten Stich von Pater Atha- nasius Kircher aus dem 17. Jahrhundert. Von Kircher zu Le Corbusier und Harry Glück: das flache Dach als Wohn- und Lebensraum, so alt ist die klassische Moderne. Auf einem der vier Terrassendächer der Hängenden Gärten der Semiramis zeichnete der geniale Jesuit ein rie- siges Wasserbecken. Schwimmen auf dem Dach. Wohnen im Park. Wohnen in Gärten, die noch dazu hängen. Wun- dervoll. Pure Fantasie. Pure Poesie. Der Duft der Jugend. Jules Verne. Der Sieg über die Gravi- tation. Schwimmende Insel. Fliegende Häuser. Schwebende Städte. Das sind jene geglückten

The Triumph over Gravity

He built the so-called Hanging Gardens of Eden for his wife, because she came to this flat landscape from Media and longed so much for the mountains. (Josephus Flavius, 1st century AD)

Semiramis was the name of the beautiful wo- man from Media who pined for the mountains. Recently at least three new residential housing complexes in Vienna have been given a highly promising product description commemorating the Persian Princess Semiramis: the Hanging Gardens in Wiedner Hauptstrasse, built in 2003 by Rüdiger Lainer, the Hanging Gardens of Vienna by Günter Lautner and Nicolaj Kirisits, built in 2004 on the Wienerberg, and the Hanging Gardens of Favoriten, in Alxinger- gasse, by Kenyaeh and Markus Geiswinkler (completion 2005). If one adds the residential housing complex built by Michael Schluder in the Simmering district of Vienna in 2004, which has real gardens on the roof, then there are four of them. Schluder too might probably have employed this beautiful name had it not already been used several times over. Perhaps the re- lated term “Hovering Gardens” is still available? “Hanging gardens” are not in honour of Semiramis alone, but also of the Viennese rejuvenator of housing design, Harry Glück, and that Austrian zealot in the fight against the godlessness of the right angle and the straight line, Friedensreich Hundertwasser. The connection between housing and greenery is without question an advertising gag, but it is also part of an agenda, at the latest since the days of the garden city movement and the social-aesthetic maxims of many architects and urbanists. The flowery label vaguely reminds one of Wohnpark Alterlaa [Alterlaa “Residential Park”] by architect Glück. The “Wohnpark” is a group of high-rise buildings with terraces, which, according to its inventor Harry Glück, consists of “single-family homes piled one on top of the other”. In some of the books in which Glück explains and defends his concept of greenery and stacking, he uses pictures from the history of buildings with terraces, among them one of the numerous drawings of the reconstruction of the Hanging Gardens of Semiramis, the famous engraving by the Jesuit priest Athanasius Kircher, dating from the 17th century. From Kircher to Le Corbusier and Harry Glück: the flat roof as a habitable living space, that is how old classical modernism is. On one of the four terraced roofs of the Hanging Gardens of Semiramis the in- genious Jesuit has drawn a huge pool of water. Swimming on the roof. Living in a park. Living in gardens, and hanging ones at that! Wonder- ful stuff, pure fantasy, pure poetry. The scent of youth. Jules Verne. A triumph over gravity. Swimming islands. Flying houses. Suspended cities. Those are the felicitous collocations that

„Hängende Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits | Jan Tabor

Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits | Jan Tabor 1 Die Architekten haben das Glück gehabt, in

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Die Architekten haben das Glück gehabt, in der 1999 geplanten Mustersiedlung auf dem Wienerberg eine Bauparzelle am Rand des Geländes und der topografischen Kante zu bekommen. The architects had the good fortune that their plot within the model housing estate planned in 1999 for Wienerberg was located at the periphery of the site and along a topographical edge.

Wortpaarungen, welche die Einbildungskraft der jungen Männer meiner Generation im Über- gangsalter zwischen Kindheit und Adoleszenz uferlos zu beflügeln vermochten. Die Hängen- den Gärten habe ich mir damals als wirklich hängend vorgestellt – an dicken, aus Kokospal- menfäden geflochtenen Tauen. Auf Haken? Im Himmel? Wo sonst! Wie enttäuscht war ich, als ich in einem populärwissenschaftlichen Buch über die sieben Weltwunder auf ein Bild stieß, das eine der zahlreichen Rekonstruktionen dar- stellte. Vielleicht war es der Stich von Kircher. Demnach hingen die Hängenden Gärten der Semiramis nicht, sie standen. Es sind Terrassen. Möglicherweise handelt es sich ohnehin um einen Übersetzungsfehler.

Anti-urbane Ideale des Wohnens

Die neuen „Hängenden Gärten“ in Wien, der Wohnpark Alterlaa inbegriffen, stellen verschie- dene Versuche dar, das Wohnen mit der Natur zu verknüpfen. Es handelt sich um alte und un- verwüstliche, im Prinzip anti-urbane Ideale des Wohnens und des Bodenbesitzes und um die ur-urbane Sehnsucht nach dem Sieg über die Natur: die Gartenstadt, das Haus im Grünen, die Dachwohnung mit Dachterrasse, das Pent- house, das Haus mit Wintergarten, die Sommer- hütte auf Stelzen usw., sozusagen den Ausblick zum Kurfürstendamm auf der einen, auf die Alpen auf der anderen Seite der Wohnung, wie es in einem Gedicht von Kurt Tucholsky heißt.

were able to fire the boundless imagination of the young men of my generation in the tran- sitional period between childhood and adoles- cence. At that time I could only imagine the hanging gardens as really hanging from thick threads made from coconut palm fibres. On hooks? From the heavens? Where else! How disappointed I was when I read in a book of popular science about the Seven Wonders of the World and came across a picture of one of the numerous reconstructions. Perhaps it was Kircher’s engraving. According to that the Hanging Gardens of Semiramis did not hang, they were standing. They are terraces. In any case, it may have something to do with an error in translation.

Anti-Urban Housing Ideals

The new “hanging gardens” in Vienna, includ- ing the Wohnpark Alterlaa, represent various attempts to link housing and nature. These are old and apparently indestructible ideals (that are, in principle, anti-urban) about housing, the ownership of land and the ancient urban desire to triumph over nature: the garden city, the house among greenery, the rooftop apart- ment with a roof terrace, the penthouse, the house with a winter garden, the summer hut on stilts, etc., so to speak a view of Kurfürsten- damm from one side of the flat and of the Alps from the other side, as described in Kurt Tucholsky’s poem.

Jan Tabor | „Hängende Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits

„Hängende Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits 2 Der Innenhof mit Erschließung und Laubengängen. The

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Der Innenhof mit Erschließung und Laubengängen. The internal courtyard with circulation and access decks.

„Hängende Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits | Jan Tabor

Auf eine wunderbare Weise ist es Hundert- wasser gelungen, die Essenz vieler derartiger Vorstellungen in einem einzigen kommunalen Wohnhaus zu verwirklichen – und die Menschen von nah und fern können sich daran nicht satt- wundern. Der Erfolg dieses bewohnten Groß- blumentopfes in der Löwengasse im dritten Wiener Bezirk veranschaulicht, wie exorbitant die Sehnsucht der Menschen nach begrünten Hügeln ist. Diese Sehnsucht kann die von Lautner und Kirisits errichtete Wohnanlage ihren meisten Bewohnern bereits allein durch die Lage erfül- len. Die Architekten haben das Glück gehabt, in der 1999 geplanten Mustersiedlung auf dem Wienerberg eine Bauparzelle am Rand des Geländes und der topografischen Kante zu bekommen. Angeblich wurden die Baugründe an verschiedene gemeinnützige Gesellschaften verlost, die dann mit den von ihnen gewählten Architekten an einem Wettbewerb teilnahmen. Lauter namhafte Architekten: Coop Himmel- b(l)au, Delugan-Meissl, Albert Wimmer usw. Die neue Siedlung an den einstigen Betriebs- gründen des Ziegelkonzerns Wienerberger ist meiner Meinung nach eines der fragwürdigsten urbanistischen Großvorhaben, die in Wien je verwirklicht wurden. Ein Musterbeispiel für einen miserablen Masterplan. Verwirklicht mit Wohn- anlagen, die zum Teil hohe architektonische Qualität haben. Der wohl größte von den zahl- reichen städtebaulichen Fehlern ist die unbe- gründbare Situierung der einzelnen Wohnhaus- anlagen, die dazu führt, dass der hier vorhan- dene einzigartige Ausblick auf die Berge des Wienerwaldes und die Weiten des Wiener Beckens für einen wesentlichen Teil der Woh- nungen versperrt wurde. Die an den Rand der Geländekante und damit der parkartigen Hang- landschaft gestellten Häuser bilden eine Art Chinesische Mauer. Die einmalige Gunst des Standortes wurde fahrlässig vergeudet. Dass dies von den teilnehmenden Architekten nicht erkannt oder nicht beanstandet wurde, stellt eine ernste berufliche Verfehlung dar. Den Vorwurf der urbanistischen Fahrlässig- keit muss man auch dem Architekten Günter Lautner machen – das wäre aber der einzige. Sonst hat er die ihm zugewiesene außerordent- liche landschaftliche Gunst der Lage perfekt genutzt. Das gilt auch für das nicht optimal zu- geschnittene Baugrundstück. Nur die schmale Seite des Vierecks ist direkt zur freien Land- schaft hin orientiert. Mehr als optimal, also bereits innovativ, ist das Konzept der von ihm entworfenen Wohn- anlage mit 101 Wohnungen und der schönen Bezeichnung „Hängende Gärten von Wien“. Es ist kein Terrassenhaus. Bis auf einige Teile stellt es einen gewöhnlichen Block dar, viereckig, an allen vier Seiten geschlossen, mit einem Innen- hof, der geräumig und mit Arkaden versehen ist. Bei den Gärten, die also nicht hängen, son- dern liegen, handelt es sich um einen Park, einen Flachdachpark, um eine 2.600 Quadrat- meter große, allen Bewohnern des Hauses

In an extraordinary way Hundertwasser managed to achieve the essence of many such ideas in one single municipal residential building – and people from far and near never tire of admiring it. The success of this large-scale inhabited flowerpot in Löwengasse in the 3rd district of

Vienna illustrates how exorbitant the desire for green hills really is. For most residents of the residential block by Lautner and Kirisits this desire is already catered for through the location alone. The architects had the good fortune that their site within the model housing estate planned in 1999 for Wienerberg was located at the periphery

of the area and along a topographical edge.

Apparently the building lots were distributed among various non-profit housing societies, which then, with their chosen architects, took part in a competition. Many renowned architects were involved: Coop Himmelb(l)au, Delugan- Meissl, Albert Wimmer etc. The new complex on the site of the former Wienerberger brick factory is in my opinion one of the most questionable large-scale urban projects ever implemented in Vienna: a model

example of a miserable master plan. Imple- mented, it should be said in fairness, with re-

sidential developments that in some cases offer

a high degree of architectural quality. Probably

the worst of the numerous urban development mistakes is the inexplicable placing of individu- al residential buildings, which has blocked a unique view of the hills of the Vienna Woods and the distant Vienna Basin for a considerable number of the apartments. The buildings placed along a natural edge in the terrain and there- fore in front of the park-like sloping landscape form a kind of Wall of China. The favourable aspects of the location have been criminally wasted. That the competing architects did not recognize or complain about this fact repre- sents a serious breach of professional respon- sibility. The architect Günter Lautner must also be accused of a kind of urbanist negligence, al- though not of anything else. Otherwise he has perfectly utilised the favourable position in the landscape of the area allotted to him. This also applies to the less than optimally shaped build- ing site – only a short end of the quadrilateral faces directly towards the open landscape.

More than optimal, and in fact already inno- vative, is the concept for the residential com- plex, which has 101 apartments and the beau- tiful name of the Hanging Gardens of Vienna.

It is not a building with terraces. With the ex-

ception of a few elements it is a fairly standard block, rectangular, closed off on all four sides, with a spacious, arcaded courtyard. As for the gardens (which do not hang but lie) they are essentially a park, a flat roof park, a terrace that is 2,600 square metres in size, accessible to all the residents of the building, complete

with greenery, benches, fountains, a children’s playground and art in the public space (by the American artist Matt Mullican).

Jan Tabor | „Hängende Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits

„Hängende Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits 3 Bei den Gärten handelt es sich um einen Park,

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Bei den Gärten handelt es sich um einen Park, einen Flachdachpark, um eine 2.600 Quadratmeter große, allen Bewohnern des Hauses zugängliche, begrünte, mit Sitzbänken, Springbrunnen, Kinderspielplatz und Kunst im öffentlichen Raum (von dem amerikanischen Künstler Matt Mullican) ausgestattete Terrasse. As for the gardens, they are essentially a park, a flat roof park, a terrace that is 2,600 square metres in area, accessible to all the residents of the building, complete with greenery, benches, fountains, a children’s playground and art in the public space (by American artist Matt Mullican).

art in the public space (by American artist Matt Mullican). 4 Die eine Seite des Wohnblocks,

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Die eine Seite des Wohnblocks, die östliche, die teilweise noch in die weite Landschaft orientiert ist, ist mit aquariumartigen Glaskasten-Loggien aus- gestattet, die als kleine Wintergärten verwendet werden können. Sie ermöglichen einen noch immer passablen freien Ausblick in die Landschaft und damit das Gefühl, im Grünen zu wohnen. The east of the residential block, which is partly oriented towards the expansive landscape, has aquarium-like glazed loggias that can be used as little winter gardens. They allow a reasonably unimpeded view of the landscape, thus giving one the feeling of living amidst the greenery of nature.

„Hängende Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits | Jan Tabor

Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits | Jan Tabor 5 Die glücklichen Bewohner der Lautner’schen

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Die glücklichen Bewohner der Lautner’schen „Hängenden Gärten” können von ihrer Terrasse auf der einen Seite bis zu den Alpen, auf der anderen fast bis zum Stephansdom sehen. The fortunate residents of Lautner’s “Hanging Gardens” can see as far as the Alps from one side of their terrace and St. Stephen’s cathedral from the other.

their terrace and St. Stephen’s cathedral from the other. 6 Körperhafte Fassade mit Glasloggien. Voluminous façade

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Körperhafte Fassade mit Glasloggien. Voluminous façade with loggias.

Fassade mit Glasloggien. Voluminous façade with loggias. 7 Sonne oder Schatten: Auch regnerische Tage können die

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Sonne oder Schatten: Auch regnerische Tage können die Bewohner geschützt auf der Terrasse verbringen. Sun or shade. The residents can spend even the rainy days on the terrace.

Jan Tabor | „Hängende Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits

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Außenfassade mit verglasten Loggien. External façade with glazed loggias.

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Innenhof mit Erschließungsgängen und zweigeschossigen Pent- Reihenhäusern über dem Dach- garten. Internal courtyard circulation and two-storey terraced penthouses above the roof garden.

and two-storey terraced penthouses above the roof garden. zugängliche, begrünte, mit Sitzbänken, Spring- brunnen,

zugängliche, begrünte, mit Sitzbänken, Spring- brunnen, Kinderspielplatz und Kunst im öffent- lichen Raum (von dem amerikanischen Künstler Matt Mullican) ausgestattete Terrasse. Die glücklichen Bewohner der Lautner’schen Hängenden Gärten können kommen, ihre Sehnsüchte nach Im-Grünen-Sitzen oder nach den Bergen – bis zu den Alpen sieht man hier auf der einen und fast bis zum Stephansdom auf der anderen Seite – stillen, in der Sonne oder im Schatten sitzen oder dies und das tun, auch wenn es regnet. Denn über den Dachpark hat Lautner auf hohen, schlanken Stelzen sechs zweigeschossige Pent-Reihenhäuser aufgetürmt, ohne die vermutlich der Dachgarten nicht funk- tionieren würde, weil es hier sonst zu windig, auf jeden Fall zu heiß wäre. Die aufgestelzten Häu- ser bilden eine Art Super-Dachpergola, einen riesigen Altan, wie die hölzernen Tribünen auf den Hausdächern von Venedig heißen. Die eine Seite des Wohnblocks, die östliche, die teilweise noch in die weite Landschaft orien- tiert ist, ist mit aquariumartigen Glaskasten- Loggien ausgestattet, die als kleine Wintergärten verwendet werden können. Sie ermöglichen einen noch immer passablen freien Ausblick in die Landschaft und damit das Gefühl, im Grü- nen zu wohnen. Falls jemandem auffallen sollte, dass ich mit dem Begriff „Hängende Gärten“ allzu redundant umgegangen bin, betone ich, dass dies eine ar- chitekturkritische Absicht ist. Durch die pene- trante Wiederholung des Begriffes hoffe ich zu erreichen, dass es bei den drei Nennungen in Wien vorerst bleibt.

dass es bei den drei Nennungen in Wien vorerst bleibt. The fortunate residents of Lautner’s Hanging

The fortunate residents of Lautner’s Hanging Gardens can come and satisfy their longing to sit among the greenery or pine for the moun- tains – here you can see as far as the Alps on one side and almost as far as St. Stephen’s Cathedral on the other side – to sit in the sun or in the shade or do this or that, even if it is raining. Because above the roof park Lautner has placed six two-storey terraced penthouses on tall slender struts, without which the roof garden would presumably not work, as it would be too windy, or at any rate too hot. The houses on stilts form a kind of super roof pergola, a huge altan, as the wooden structures on the roofs of buildings in Venice are called. The east of the residential block, which is partly oriented towards the expansive landscape, has aquarium-like glazed loggias that can be used as little winter gardens. They allow a reasonably unimpeded view of the landscape, thus giving one the feeling of living among the greenery of nature. If anyone has noticed that I have used the term “hanging gardens” in a rather excessive manner, I would like to emphasise that this was my intention as an architectural critic. Through the insistent repetition of the term I hope to en- sure that, at least for the time being, there will be no more than just these three uses of the name in Vienna.

Fotos / Photos © 9 Manfred Seidl

„Hängende Gärten“

Wienerbergcity /

”Hanging Gardens“

Wienerbergcity Wien
Wienerbergcity
Wien

Architekturbüro / Architects

DI Günter Lautner,

DI Nicolaj Kirisits

Typ / Type Wohn- und Geschäftsbau / Residential and commercial building

Adresse / Address Hertha-Firnberg-Straße 7 A-1100 Wien / Vienna

Fertigstellung / Completion

2003

Bauherr / Client

Buwog – Bauen und Wohnen

GmbH

Nutzfläche / Usable floor area 8.200 m 2 + 2.400 m 2 / 8,200 m 2 + 2,400 m 2 (Garten / Garden)

Kubatur / Cubage 32.855 m 3 / 32,855 m 3

Mitarbeiter / Assistant

Michaela Pammer, Arzu Atmaca,

DI Wolfgang Prader

Statik / Structural engineers Vorstatik Novotny & Bauer, Mischek ZT, DI Straka

Baukosten / Construction costs ¤ 10.000.000 / ¤ 10,000,000

Türklinke / Lever handle

¤ 10.000.000 / ¤ 10,000,000 Türklinke / Lever handle „Hängende Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits

„Hängende Gärten“ Wienerbergcity, Lautner und Kirisits | Jan Tabor

1 Garten / Garden

o. M.

1 Ballspielplatz, Gymnastik / Ball games area, gymnastics

2 Wasserbecken / Pool

3 Spielplatz mit Sandkiste / Play area with sandpit

4 Wintergarten / Winter garden

5 Japanischer Garten / Japanese garden

6

Innenhof / Internal courtyard

Matt Mullican “25 gardens”

Matt Mullican “25 gardens”

2 Regelgeschoss / Standard floor

o. M.

Veranda / Veranda Veranda

Innenveranda / Internal veranda Internal veranda

3 5 1 4 66 2
3
5
1
4
66
2

3 Querschnitt / Cross section

o. M.

floor o. M. Veranda / Veranda Innenveranda / Internal veranda 3 5 1 4 66 2

Jan Tabor | Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller

Wir stecken in der Klemme

Der Modernismus frisst sich in die archaische Provinz wie ein Schneidbrenner. (Alfred Schmeller, 1965)

Ein Fortschrittsdilemma: Obzwar Landeshaupt- stadt Burgenlands, ist Eisenstadt doch eine ländliche Kleinstadt geblieben. Um sie herum aber ist eine echte Großstadtperipherie entstan- den. Gemessen am Zuwachs der Einwohner und an der Zunahme der verbauten Fläche pro Einwohner, breitet sich diese prä-urbane Peri- pherie viel schneller aus, als die Landeshaupt- stadt in ihrem eigentlichen Kernbereich zu wachsen vermag. Die moderne Peripherie von Eisenstadt frisst sich in die pannonische Land- schaft wie ein Schneidbrenner. Wir stecken in der Klemme. Einerseits be- dauern wir den entsetzlichen Landverlust, an- dererseits freuen wir uns über den wirtschaft- lichen Fortschritt, der überall in diesem einst armen, bis vor kurzem noch im k. und k. Feu- dalismus stecken gebliebenen Land sichtbar geworden ist. In einem Bundesland, das der aus Deutschland stammende Kunsthistoriker, Burgenlandliebhaber und dort langjährig tätige Landeskonservator Alfred Schmeller (1920 – 1970) im Jahr 1965 zutreffend und wehmütig als „archaische Provinz“ bezeichnet hat. Noch 1965! Und dies, obwohl Schmeller als Kunstkri- tiker und späterer Direktor des Museums des 20. Jahrhunderts in Wien ein leidenschaftlicher Verfechter der radikalen Moderne war. Neben- bei bemerkt: Er war mit dem Wiener Architek- ten und Burgenlandbewohner Sepp Müller eng befreundet, um den es hier geht. Mit der „burgenländischen Archaik“ ist es heute vorbei. Der Zerfall des sowjetischen Imperiums und die Beseitigung des Eisernen Vorhanges an der österreichisch-ungarischen Grenze im Herbst 1989 sowie der Beitritt Öster- reichs zur Europäischen Union 1995 und die daraus resultierende intensive EU-Förderung Burgenlands als eine der durch ihre Randlagen benachteiligten zentraleuropäischen Regionen zeitigten alsbald deutlich sichtbare wirtschaft- liche Auswirkungen. Sichtbar vor allem dort, wo Autobahnanschlüsse unmittelbar vorhanden sind. Denn der wirtschaftliche Fortschritt wird vor allem auf LKWs „abgeliefert“. Im südlichen Teil des urbanisierten Bebau- ungs- und Zersiedelungsringes von Eisenstadt wurde 1995 ein Gewerbe- und Handelspark gegründet. Der übliche Anblick einer Gewerbe- zone, die in den Weichbildern vieler mitteleuro- päischer Städte als ubiquitäre Symbole des hastig und kleinlich domestizierten Globalka- pitalismus entstanden sind. Würden sich die privaten und öffentlichen Investoren und ihre Helfer in den öffentlichen Ämtern städtebaulich ein wenig mehr anstrengen und ein wenig mehr auf die Architektur achten, so könnte eine Art ästhetische Suburb-Substitution entstehen und uns Landschafts- und Stadtliebhaber aus der

We are in a tight spot

Modernism is cutting through the archaic province like a blowtorch. (Alfred Schmeller, 1965)

The dilemma of progress: even though it is the capital of the Federal State of Burgenland, Eisenstadt has nevertheless remained a small rural town. All around it, however, a real metro- politan periphery has developed. Measured in terms of the increase in population and the increase in the amount of developed area per capita, this pre-urban periphery is expanding much faster than the central zone. The modern outskirts of Eisenstadt are eating into the Pan- nonian landscape faster than a blowtorch. We are in a tight spot. On the one hand we regret the terrible loss of the countryside, but on the other hand we are glad to see visible signs of the economic progress being made throughout this once poor region, which not so very long ago was still trapped in a feudalism dating from Habsburg times. A Federal State which in 1965 was aptly and wistfully described as an “archaic province” by art historian Alfred Schmeller (1920–1970), originally from Germany, who was a great admirer of Burgen- land and served as the Province’s official cura- tor for many years. And this remark was made in 1965! Furthermore it was made despite the fact that, as an art historian and later director of the Museum of the 20th Century in Vienna, Schmeller was a passionate proponent of radical modernism. Incidentally, he was also a close friend of Sepp Müller, the Viennese architect and a resident of Burgenland, who is the actual subject of this essay. The “archaism of Burgenland” has long since become a thing of the past. The decay of the empire of the Soviet Union and the dismantling of the Iron Curtain along the border between Austria and Hungary in autumn 1989, as well as Austria’s entry into the European Union in 1995 and the resulting intensive EU subsidisa- tion of Burgenland as a region of central Europe disadvantaged by its peripheral position, soon produced clearly visible economic effects, visible above all in those places with good connections to the motorway network. After all, these days economic progress is mostly delivered on the back of a truck. In 1995 a commercial and business park was established in the southern part of the ring of development and urban sprawl around Eisen- stadt. In appearance it does not differ from the other commercial zones that have developed outside so many central European towns and cities: a ubiquitous symbol of a hasty and small- minded domesticated global capitalism. If private and public investors and their helpers in public office would make a little more effort in relation to urban development and pay a little more attention to the architecture, then a kind of aesthetic suburb-substitution could occur,

Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller | Jan Tabor

Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller | Jan Tabor 1 Die Bürotrakte sind zweigeschossig, wobei die Erdgeschosse

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Die Bürotrakte sind zweigeschossig, wobei die Erdgeschosse höher (vier Meter) und mehr verglast sind als die Regelgeschosse mit Vollfassaden mit großen Bandfenstern. The office wings are two storeys high, although the ground floor levels are higher (four metres) and have more glazing than the regular storeys, with their solid façades and large continuous strip windows.

their solid façades and large continuous strip windows. 2 Der Gebäudekomplex besteht aus einem Gangtrakt, an

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Der Gebäudekomplex besteht aus einem Gangtrakt, an den sieben Trakte senkrecht angekoppelt wurden; vier hinten auf der Nordseite und drei vorne auf der Südseite. The complex of buildings consists of a corridor block to which seven other blocks are connected at right angles, four of them at the rear, on the north side, and three of them at the front, on the south side.

Jan Tabor | Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller

Jan Tabor | Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller 3 Der Haupteingang mit einem geräumigen Foyer samt Informations-

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Der Haupteingang mit einem geräumigen Foyer samt Informations- und Portierlobby. The main entrance with its spacious foyer and information and reception lobby.

Fortschrittsklemme helfen. Statt eines Stückes hübscher Naturlandschaft bekämen wir dann ein Stück anregender Urbanität mit spannender neuer Architektur. Was qualitätsvolle Architektur betrifft, ist sie dort in Ansätzen vorhanden, in zwei bemer- kenswerten Fällen sogar: Erstens beim Stu- dienzentrum für Informationstechnologie und Wirtschaftsbeziehungen, errichtet 2003 vom Linzer Architekturbüro Riepl Riepl, eine Fach- hochschule für rund tausend Studenten, offen- sichtlich von der Form einer weich gefalteten Fläche inspiriert, wie sie zum Beispiel das Educatorium zeigt, die das OMA für die Uni- versität Utrecht 1997 baute. Das weithin sicht- bare und durch seine außerordentliche archi- tektonische Qualität und prägnante Gestalt auffallende Campusgebäude wurde 2004 mit dem Landes-Architekturpreis ausgezeichnet. Zu Recht. Das Campusgelände schließt an den oben genannten 18.000 Quadratmeter großen Ge- werbe- und Handelspark an, in dem sich der zweite bemerkenswerte Bau befindet: ein Tech-

helping us out of the tight spot in which we find ourselves as lovers of both the countryside and the city: instead of a piece of pretty, natural landscape we would be given a piece of thril- ling urbanity with exciting new architecture. As far as high-quality architecture is con- cerned, the first signs are already visible in two remarkable buildings: first of all, in the Study Centre for Information Technology and Eco- nomic Relations, a specialist higher education college for about one thousand students, con- structed in 2003 by the architectural practice of Riepl Riepl in Linz and evidently inspired by the form of a gently folded surface, such as used, for example, in OMA’s Educatorium for the University of Utrecht in 1997. The campus building, which is visible from a great distance and is conspicuous for its exceptional architec- tural quality and concise form, was awarded the 2004 Regional Prize for Architecture. And quite rightly so. The campus itself adjoins the above-men- tioned 18,000-square-metre commercial and business park, in which the second remarkable

Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller | Jan Tabor

Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller | Jan Tabor 4 Die dem Glasgang angeschlossenen Stirnfassaden weisen

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Die dem Glasgang angeschlossenen Stirnfassaden weisen verschiedene Färbungen in Elementarfarben auf und dienen der Orientierung. The end façades of the office wings that meet the glazed circulation building employ a variety of different shades of primary colours and serve internal orientation.

nologiezentrum. Es wurde zwischen 1996 und

1998 nach einem im Rahmen eines Wettbe-

werbs prämiierten Entwurf des Wiener Architek-

ten Sepp Müller errichtet und gewann 2002 zu Recht ebenfalls den Landes-Architekturpreis.

Otto Kapfinger, Kenner der regionalen Architek- turen in Österreich, ist begeistert. „Ein Nutzbau auf der Höhe der Zeit, extrem preiswert, auch städtebaulich modellhaft“, schrieb er in seinem

2004 erschienenen Führer Neue Architektur in

Burgenland und Westungarn. Gegenwärtig gibt es in Österreich kaum einen zweiten Architekten, der so hoch angesehen und so wenig bekannt ist wie Sepp Müller. Angesehen vor allem bei vielen namhaften Architektenkollegen, für die er häufig die Bau- abwicklung übernimmt. Zum Beispiel für das ORF-Studio Burgenland von Gustav Peichl (1979). Bauabwicklung heißt, dass die Planung der Architekt behält; für die Ausführung wird gern ein Fachkollege wie Sepp Müller enga- giert. Weil er als kongenialer, besonders erfin- derischer und zugleich konstruktiv denkender Architekt gilt. Obwohl diese „Bauabwicklungs-

building is to be found: the Technology Centre. This was constructed between 1996 and 1998 to a prize-winning design by Viennese architect Sepp Müller. In 2002 it too won the Regional Prize for Architecture, also entirely fittingly. Otto Kapfinger, an authority on regional architecture in Austria, is full of enthusiasm. “A cutting-edge functional building, extremely economical and also exemplary in terms of urban development“, he writes in his guide Neue Architektur in Bur- genland und Westungarn [New Architecture in Burgenland and Western Hungary], which was published in 2004. There is hardly any other architect working in Austria at present who is so highly esteemed and so little known as Sepp Müller. He is esteemed above all by many well-known fellow architects, for whom he frequently takes on the job of con- struction management. One such case was Gustav Peichl’s ORF Stu- dio Burgenland (1979). Construction manage- ment means that the designing architect retains control of the planning but employs an architect such as Sepp Müller for the implementation of

Jan Tabor | Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller

Mittätigkeit“ für die letztendliche Qualität vieler Bauwerke von enormer Bedeutung ist, bleiben die ausführenden Architekten (die oft in den Architekturbüros als Partner mitarbeiten) den- noch meist weitgehend unbekannt. Dies könnte erklären, warum das auch bei Sepp Müller so ist, wäre er nicht selbst als pla- nender und ausführender Architekt für eine große Menge interessanter Bauten verantwort- lich. Für die neue Eissporthalle in Wien-Kagran aus dem Jahr 1995 zum Beispiel. Aber die meisten der ausgeführten Bauvorhaben von Sepp Müller stellen eben Industrie- und Ge- werbeanlagen dar. Für diese aber haben die österreichischen Architekturkritiker traditionell nicht viel übrig. Sie bevorzugen bekannterma- ßen Lokale, Portale und Einfamilienhäuser.

Barockes Repertoire im Gewerbegebiet

Das architektonische Konzept des Technologie- zentrums von Sepp Müller ist denkbar einfach. Der Gebäudekomplex besteht aus einem Gang- trakt, an den sieben Trakte senkrecht angekop- pelt wurden; vier hinten auf der Nordseite und drei vorne auf der Südseite. Vorne, weil dort der Haupteingang mit einem geräumigen Foyer samt Informations- und Portierlobby situiert ist. Zwei Trakte wurden ein wenig breiter von- einander entfernt gestellt, dadurch ist aus dem Zwischenhof ein dreiseitig geschlossener Vorhof entstanden, der eigentlich ein Platz ist. Da der Verbindungsriegel leicht gebogen ist und die Krümmung an der Eingangsseite konvex verläuft, weist der Vorplatz eine perspektivische Verjün- gung auf. Ausschließlich – sieht man von dem kleinen Flugdach ab – durch diesen barocken Trick wurde die Eingangssituation betont und erkennt- lich gemacht. Man merkt, Sepp Müller kennt sich nicht nur im barocken Repertoire gut aus, sondern auch in der klassischen Moderne. Dort wurde das einfache, räumlich wirksame Prinzip der seriellen Ankoppelung von gleichen Nutz- gebäudetrakten an einen leicht gekrümmten Gang erfunden. Ein schönes Beispiel dafür ist der 1947 von Franz Schuster in dem Park vor dem Technischen Museum in Wien errichtete Behindertenkindergarten Schweizer Spende. In der Auffassung und Ausführung von Sepp Müller ist die Andockung beiderseitig, der schmale, deutlich überhöhte und vollständig transparente Gang führt wie eine Glaspassage durch und verbindet die alternativ gestellten Bürotrakte: Dem angedockten Gebäude auf der einen Seite entspricht der Innenhof zwischen zwei Trakten auf der anderen Seite. Wegen der Art der Verbindung und der Leichtigkeit der Er- scheinung könnte man den Gang auch als „in- nere Pawlatschen“ bezeichnen. Die Bürotrakte sind zweigeschossig, wobei die Erdgeschosse höher (vier Meter) und mehr verglast sind als die Regelgeschosse mit Voll- fassaden mit großen Bandfenstern. Die dem Glasgang angeschlossenen Stirnfassaden wei-

his design because Müller is seen as a kindred spirit, a particularly inventive architect with a positive and constructive approach. Although this “involvement in construction management” is of enormous importance for the final quality of many buildings, the architects who do this work (and who often also work as a partner in the architectural practices) usually remain large- ly unknown. That might explain why Sepp Müller is so little known, were it not for the fact that he has both carried out the site management and designed a large number of interesting build- ings. For example, the new ice sports hall in the Kagran district of Vienna, which was built in 1995. However, most of Sepp Müller’s build- ing projects have been industrial and commer- cial complexes. And, traditionally, Austrian ar- chitectural critics show little interest in such buildings. As is well known, they tend to prefer bars, shop-fronts and single-family homes.

A Baroque Repertoire in a Commercial Area

The architectural concept behind Sepp Müller’s Technology Centre is remarkably simple. The complex of buildings consists of a corridor block to which seven other blocks are connected at right angles, four of them at the rear, on the north side, and three of them at the front, on the south side. We call this the front, because that is where the main entrance is situated, with its spacious foyer and information and re- ception lobby. Two of the blocks were placed slightly further apart from each other, making an intermediate courtyard into a forecourt en- closed on three-sides, which is actually more like a square. Since the connecting circulation block is slightly curved and the curve runs convex on the entrance side, the square seems to taper in perspective. Apart from a small canopy this Baroque trick alone serves to underline and indicate the en- trance situation. One notices that Sepp Müller is familiar not only with the Baroque repertoire, but also with that of classical modernism, which is the source of the simple but spatially effective principle of serially connecting similar functional building blocks to a slightly curved corridor. A fine example of this is the Schweizer Spende, a nursery school for handicapped children designed by Franz Schuster in 1947 and located in the park opposite the Technical Museum in Vienna. In Sepp Müller’s concept and implementation the docking occurs on both sides, the narrow, taller and completely transparent corridor runs through like a glass passage, connecting the alternately placed office wings: a docked build- ing on one side of the corridor corresponds to an inner courtyard between two blocks on the other side. Because of the way in which the blocks are connected and the simplicity of the appearance, one might describe the corridor as an interior Pawlatsche, or access gallery.

Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller | Jan Tabor 5 + 6 Der beidseitig verglaste, galerieartige Erschließungstrakt

Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller | Jan Tabor

Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller | Jan Tabor 5 + 6 Der beidseitig verglaste, galerieartige Erschließungstrakt

5 + 6

Der beidseitig verglaste, galerieartige Erschließungstrakt besteht aus einer Stahlhängekonstruktion, die Luftraum über allen Ebenen frei lässt. Die Gänge sind von den Dachträgern abgehängt. The gallery-like circulation block, which is glazed on both sides, consists of a steel structure from which the access corridors are hung in a void.

from which the access corridors are hung in a void. 7 + 8 Der schmale, deutlich
from which the access corridors are hung in a void. 7 + 8 Der schmale, deutlich

7 + 8

Der schmale, deutlich überhöhte und vollständig transparente Gang führt wie eine Glaspassage durch das Gebäude und verbindet die alternativ gestellten Bürotrakte. Wegen der Art der Verbindung und der Leichtigkeit der Erscheinung könnte man den Gang auch als „innere Pawlatschen“ bezeichnen. The narrow, taller and completely transparent corridor runs through the building like a glass passage, connecting the alternately placed office wings. Because of the way in which the blocks are connected and the simplicity of the appearance, one might describe the corridor as an interior Pawlatsche, or access gallery.

Jan Tabor | Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller

Jan Tabor | Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller 9 Der leicht gekrümmte Gang führt durch das ganze

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Der leicht gekrümmte Gang führt durch das ganze Gebäude. The slightly curved corridor conducts through the whole building.

sen verschiedene Färbungen in Elementarfar- ben auf, was einerseits der inneren Orientie- rung dient, andererseits schimmert die Farbig- keit durch, wodurch der ganze weitgehend monochrom grau gehaltene Gebäudekomplex eine heitere Note bekommt, ohne bunt zu wir- ken. Der beidseitig verglaste, galerieartige Er- schließungstrakt besteht aus einer Stahlhänge- konstruktion, die Luftraum über allen Ebenen frei lässt. Die Gänge sind von den Dachträgern abgehängt.

The office wings are two storeys high, although the ground floor levels are higher (four metres) and have more glazing than the regular storeys with their solid façades and large continuous strip windows. The end façades of the office wings that meet the glazed circulation building employ a variety of different shades of primary colours, on the one hand as an aid to internal orientation, while on the other hand the way the colours shimmer through the space adds a cheerful note to the monochrome grey that otherwise dominates the building complex, with- out making it seem overly colourful. The gallery- like circulation block, which is glazed on both sides, consists of a steel structure from which the access corridors are hung in a void.

Fotos / Photos © 10 Anna Blau

Technologiezentrum Eisenstadt / Technology Centre Eisenstadt

Eisenstadt
Eisenstadt

Architekturbüro / Architects DI Mag. Arch. Sepp Müller

Typ / Type Büro-, Werkstätten- und Lagerge- bäude / Office, workshop and warehouse building

1 Lageplan / Site plan

o. M.

2 Ansicht SO/NW / Elevations south-east/north-west

Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller | Jan Tabor
Technologiezentrum Eisenstadt, Sepp Müller | Jan Tabor
o. M.
o. M.
Eisenstadt, Sepp Müller | Jan Tabor o. M. Adresse / Address Marktstraße 3 A-7000 Eisenstadt
Adresse / Address Marktstraße 3 A-7000 Eisenstadt (Burgenland) 3 Grundriss EG / Ground floor plan
Adresse / Address
Marktstraße 3
A-7000 Eisenstadt (Burgenland)
3 Grundriss EG / Ground floor plan
o. M.
Fertigstellung / Completion
1998
Bauherr / Client
Technologiezentrum Eisenstadt
GmbH
6
6
6
6
Nutzfläche / Usable floor area
10.586 m 2 (nach Erweiterung
1 + 2 = 14.859 m 2 ) /
10,586 m 2 (after extension 1 + 2 =
14,859 m 2 )
5
5
3
5
Kubatur / Cubage
46.898 m 3 (nach Erweiterung
1 + 2 = 67.325 m 3 ) /
46,898 m 3 (after extension 1 + 2 =
7
7
67,325 m 3 )
7
7
7
7
7
7
Mitarbeiter / Assistant
Peter Donner, Katrin Keintzel,
Leslie Jordan
8
8
8
8
1 8
8
2
2
2
5
5
1
4
Statik / Structural engineers
Vasko & Partner
4
1
Foyer/Empfang / Foyer/reception
Baukosten / Construction costs
¤ 12.400.000 / ¤ 12,400,000
2
Erschließungszone / Circulation zone