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Philotheos der Sinaite

P hilotheos war Mönch im Kloster vom brennenden Dorn-


busch am Sinai; er war wohl auch Hegumenos (Abt) und
lebte dort zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert. Weitere
Einzelheiten über sein Leben sind nicht bekannt.

Seine Spiritualität schließt sich eng an Hesychios an, der einst im sel-
ben Kloster wie Philotheos gelebt hatte.
Über die Nüchternheit
von unserem heiligen Vater
Philotheos dem Sinaiten

E
s findet in uns ein geistiger Krieg statt, der schlimmer ist als
der sichtbare. Es muß der Vollbringer der Frömmigkeit im
Geiste laufen und dem Ziel entgegenjagen 1, um das Geden-
ken Gottes vollkommen in seinem Herzen wie eine Perle oder einen
Edelstein zu bergen2. Wir müssen alles fahrenlassen, auch den Leib,
und sogar das gegenwärtige Leben geringachten, damit wir Gott allein
im Herzen erwerben. Es genügt nämlich, wie der göttliche Chrysos-
tomos sagt, die Schau Gottes im Geist, um die Bösewichter zugrunde
zu richten.

2 Mit aller Kraft also müssen die geistigen Kämpfer geistliche Tä-
tigkeiten aus den göttlichen Schriften auslesen und wie heilbringende
Umschläge dem Geist auflegen. Und vom Morgen an muß man, so
heißt es, mit sorgfaltigem Gedenken Gottes und ununterbrochenem
Jesusgebet in der Seele mutig und schroff an die Tür des Herzens tre-
ten, mit der geistigen Wachsamkeit alle Sünder der Erde töten 3, und
in der Verzückung und Anspannung des gläubigen Gedenkens Gottes
um des Herrn willen die Häupter der Machthaber4 und die Anfänge
feindlicher Gedanken zerschlagen. Denn wir kennen ja auch in den
geistigen Anstrengungen eine gewisse gottbegeisterte Tätigkeit und
Ordnung. Und so müssen wir gewaltsam verfahren, bis der Zeitpunkt
des Mahles da ist;

1. Vgl Phil3,14a 2. Vgl. Mt 13,44-46 3. Vgl. Ps 100(101),8 4. Vgl Hab3,14a(G)


Über die Nüchternheit

danach aber sollen wir dem Herrn danken, der uns einzig aus seiner
Menschenliebe heraus sowohl im Geist als auch dem Körper nach
mit doppelter Speise nährt, uns daraufhin dem Gedenken und der
Betrachtung des Todes widmen und uns am nächsten Tag von neu-
em kraftvoll an das morgendliche Werk halten. Wenn wir nämlich
Tag für Tag auf diese Weise vorgehen, werden wir endlich einmal im
Herrn imstande sein, den Netzen des geistigen Feindes zu entrinnen.

Bestehen diese Tätigkeiten lange Zeit in uns, bringen sie folgende drei
hervor: Glaube, Hoffnung und Liebe,5 Der Glaube bereitet uns darauf
vor, in Wahrheit Gott zu fürchten. Die Hoffnung aber schreitet über die
knechtische Furcht hinweg und verbindet dadurch denMenschen mit
der Liebe Gottes .Denn die Hoffnung läßt nicht zuschandenwerden,6
da sie die doppelte Liebe hervorzubringen versteht, an der das Gesetz
und die Propheten hängen.7 Die Liebe aberhört niemals auf 8und wird
zudem zur Ursache dafür, daß derjenige, welcher an ihr Anteil hat, in
dieser Zeit und in der kommenden die göttlichen Satzungen erfüllt.9

3 Sehr selten aber kann man Menschen finden, welche mit ihrer-
Verstandeskraft ruhen. Allein jenen ist dies gegönnt, die durch die-
ses (erwähnte) Verhalten darauf aus sind, daß sich ihnen die göttliche
Gnade und Tröstung nähert. Wenn wir daher die christusgemäße Phi-
losophie - die geistige Tätigkeit - in der Bewachungund Nüchternheit
des Geistes beschreiten wollen, so beginnen wir diesen Weg einstwei-
len durch die Enthaltung von vielen Speisen,

5. Vgl 1. Kor 13,13a 6. Röm 5,5.a 7. Vgl Mt 22,40 8. 1 Kor 13,8a


9. Vgl. Röm 13,10b
Philotheos der Sinaite

indem wir Speise und Trank soweit möglich abgewogen zu unsneh-


men. Man kann nämlich die Nüchternheit mit Recht einerseits als
den Weg bezeichnen, der zum Königreich führt - in jenes, welches in
uns ist,10 und zum künftigen; andererseits als geistige Tätigkeit, da sie
das charakterliche Wesen des Geistes gestaltet und strahlend macht
und es vom leidenschaftlichen zum leidenschaftslosen Zustand um-
wandelt. Sie gleicht ja einem hellen Fenster, aus welchem Gott her-
vorschaut und so dem Geist sichtbar wird.

4 Wo sich Demut, Gedenken Gottes, bestehend aus Nüchternheit


und Aufmerksamkeit, sowie andauerndes, wider die Feinde errich-
tetes Gebet befinden, dort ist folglich der Ort Gottes11 oder auch der
Himmel des Herzens, wo sich die dämonische Schlachtreihe fürchtet,
noch weiter zu verweilen - Gottes wegen, der an diesem Ort wohnt.

5 Nichts ist verwirrender als Geschwätzigkeit, nichts schlimmer


als eine unbeherrschte Zunge, und nichts vermag den Zustand der
Seele mehr zugrunde zu richten. Was wir nämlich Tag für Tag auf-
bauen, reißt die Seele durch Redseligkeit nieder, und was wir unter
Mühen sammeln, zerstreut sie. Denn was ist schlimmer als die Zunge?
Sie ist ein nicht zu bändigendes Übel.12 So muß man ihr denn eine Be-
schränkung auferlegen, ihr Gewalt antun und sie sozusagen würgen,
damit sie uns nur in den nützlichen Dingen dienstbar ist. Und wer
könnte wohl all den seelischen Schaden nennen, der von der Zunge
stammt?

10. Vgl. Lk 17,21b 11. Vgl. Gen 28.,16-17


12. Jak 3,8b (nach einer bestimmten Lesart)
Über die Nüchternheit

6 Das erste Tor, welches in das geistige Jerusalem, die Aufmerk-


samkeit des Geistes, hineiführt, ist das bewußte Schweigen des Mun-
des, auch wenn der Geist einstweilen noch nicht in Ruhe lebt. Das
zweite Tor ist die maßvolle Enthaltung von Speise und Trank, und
das dritte das ununterbrochene Gedenken und Betrachten des Todes,
welches Geist und Leib reinigt. Ich allerdings, nachdem ich dessen
Schönheit einmal gesehen hatte - und zwar im Geiste, nicht mit den
Augen -, ich ward verwundet und erfreut und bekam den Wunsch, es
für das ganze Leben als Gefährten zu erwerben, da ich es liebgewon-
nen infolge seiner Anmut und Erhabenheit.

Ist es doch demütig, betrübt über Ausgelassenheit, bedächtig, furcht-


sam über das künftige gerechte Verhör und ängstlich gegenüber der
Sorge um das Leben, Aus den sichtbaren Augen läßt es lebendiges hei-
lendes Wasser fließen; aus den geistigen Augen jedoch eine strömen-
de Quelle weisester Einsichten, welche, Überfließend und sprudelnd,
das Gemüt erfreut. Diese Tochter Adams, nämlich die Erinnerung an
den Tod, wollte ich, wie gesagt, sehnlichst stets als Gefährtin erwer-
ben, mit ihr schlafen, mit ihr verkehren und mit ihr danach forschen,
was nach dem Ablegen des Leibes geschehen wird. Doch ließ es oft die
verruchte Vergessenheit nicht zu, die finstere Tochter des Teufels.

7 Es findet nämlich im verborgenen ein Krieg statt, welcher von


den Geistern der Bosheit durch die Gedanken mit der Seele ausge-
tragen wird. Denn da sie unsichtbar ist, stürmen auch jene böswilli-
gen Heerscharen ihrem Wesen entsprechend durch den unsichtbaren
Krieg auf sie ein, Und man kann zwischen ihnen und der Seele Waffen
sehen, Schlachtreihen, listige Täuschungsmanöver, einen furchtbaren
Krieg, einen Zusammenstoß in der Schlacht,
Philotheos der Sinaite

Siege und Niederlagen auf beiden Seiten. In einer Hinsicht aber un-
terscheidet sich dieser geistige Krieg, von dem wir sprechen, von dem
sichtbaren, nämlich im festgesetzten Zeitpunkt des Krieges. Beim
sichtbaren Krieg wird nämlich gewöhnlich ein Zeitpunkt und eine
Ordnung festgesetzt; jener andere aber stürmt unversehens und
plötzlich heran, und indem er im Umkreis des Herzinnern tödliche
Hinterhalte legt, tötet er die Seele durch die Sünde, Warum und wes-
halb entbrennen dieser Kampf und dieses Ringen wider uns? Damit
durch uns nicht der Wille Gottes geschehe, um den wir beten, indem
wir sprechen: „Dein Wille geschehe in uns“ 13 Dieser aber besteht in
den Geboten Gottes. Und wenn jemand (auch nur) ein wenig seinen
Geist im Herrn in seinem Irrtum nüchtern zum Stillstand brächte
und die Eingebungen und Einflechtungen der Dämonen, welche sich
aus Wahngebilden zusammensetzen, sorgfältig überwachte, würde
er aus Erfahrung zu diesem Schluß gelangen. Darum hat der Herr
auch, da er als Gott ihre Absichten voraussah, wider die frevlerischen
Dämonen ein Ziel festgesetzt, indem er, ihrem Ziel entgegengesetzt,
seine Gebote festlegte zusammen mit einer Drohung für jene, die sie
übertreten.

8 Wenn wir zu einer gewissen Gewohnheit in der Enthaltsamkeit


und der Enthaltung von sichtbaren Übeln gelangen, welche durch
die fünf Sinne wirksam sind, so werden wir, wie ich meine, in Zukunft
fähig sein, mit der Hilfe Jesu auch das Herz vor ihnen zu bewahren,
im Herzen von ihm erleuchtet zu werden und mit einer gewissen hei-
ßen Sehnsucht durch den Geist seine Güte zu kosten.

13 Vgl. Mt 6.10b
Über die Nüchternheit

Denn aus keinem anderen Grund haben wir das Gesetz erhalten, un-
ser Herz zu reinigen, als darum, daß die Wolken der Schlechtigkeit
aus dem Luftraum des Herzens verschwinden und zerstreut werden
durch die fortwährende Aufmerksamkeit und wir danach fähig sind,
Jesus, die Sonne der Gerechtigkeit, 14 wie bei klarem Wetter in reiner
Weise zu sehen, und damit die Wesenszüge seiner Herrlichkeit in un-
serem Geist zu einem gewissen Grad aufstrahlen können. Nicht allen
nämlich werden sie gewöhnlich sichtbar, sondern nur jenen, welche
in ihrem Denken rein sind.

9 Wir müssen uns Tag für Tag so gestalten, wie wir vor dem An-
gesicht Gottes erscheinen müssen, Es spricht ja der Prophet Osee:
„Erbarmen und Recht wahre, und nähere dich Gott ohne Unterlaß.“15
Und wiederum sagt Malachias im Namen Gottes: „Ein Sohn ehrt den
Vater und ein Knecht seinen Herrn.“ Und wenn ich Vater bin, wo
ist meine Ehre? Und wenn ich Herr bin, wo ist die Furcht vor mir?
spricht der Herr, der Allherrscher. 16 Und der Apostel: „Reinigen wir
uns von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes.“17 Und hin-
wiederum die Weisheit: Mit aller Wachsamkeit behüte dein Herz.
Denn aus seinen Quellen geht ein Strom des Lebens hervor.“ 18 Und
der Herr Jesus Christus sprach: „Reinige das Innere des Bechers, da-
mit auch das Äußere rein werde“ 19

10 Unangebrachte Gespräche verschaffen uns einmal Abscheu von


Seiten unserer Zuhörer, ein andermal Schmähungen und Gelächter
von denen, welche die Torheit unserer Worte erkennen;

14 Vgl Mal 3,20a 15. Hos 12,7bc (G) 16. Mal 1,6abc
17. 2 Kor 7,1b 18. Spr 4,23 (G) 19. Mt 23,26bc
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manchmal aber Befleckung des Gewissens, und manchmal die Verur-


teilung Gottes und die Betrübnis des Heiligen Geistes 20 Dies(es letz-
te) ist entsetzlicher als alle anderen Möglichkeiten.

11 Wer sein Herz reinigt, im Herrn die Sünde mit der Wurzel aus-
reißt, sich um göttliche Erkenntnis müht und im Geist erblickt, was
den meisten unsichtbar ist, darf sich deshalb über niemanden erheben.
Nichts nämlich ist unter den geschaffenen Dingen reiner als das Un-
körperliche, nichts mehr mit Erkenntnis bedacht als ein Engel. Doch
nachdem er sich erhoben hatte, wurde er wie ein Blitz vom Himmel
herabgeschleudert 21 So sehr wurde ihm bei Gott seine Überheblich-
keit als Unreinheit angerechnet Offenbar aber sind die (Dämonen),
welche das Gold ausgraben.

12 Es spricht der Apostel: „DerWettkämpfer enthält sich von allem“


22
Denn es ist nicht möglich, daß mit gesättigtem Magen den Fürsten
und den unsichtbaren und böswilligen Mächten entgegentritt, wer
mit diesem elenden Fleisch verbunden ist, welches stets wider den
Geist begehre 23 „Nicht nämlich ist das Reich Gottes Essen und Trin-
ken; 24 „die Gesinnung des Fleisches ist Gott feind, denn sie unterwirft
sich nicht dem Gesetz Gottes, da sie es auch nicht kann 25 „ spricht
(der Apostel). Es ist offensichtlich, daß es dies deshalb nicht vermag,
weil es als etwas Irdisches aus Körpersäften, Blut und Schleim be-
steht, stets nach unten fällt, daher den irdischen Dingen fortwährend
leidenschaftlich verhaftet ist und sich der vergänglichen Freuden der
gegenwärtigen Zeit erfreut.

20. Vgl. Eph 4,30a 21. Vgl. Jes 14,12-15; Lk 10,18 22. 1 Kor 9,25a
23. Vgl. Ga15,17a 24. Röm 14,17a 25. Röm 8,7
Über die Nüchternheit

Die Gesinnung des Fleisches bedeutet nämlich Tod 26 und jene, die im
Fleische sind, können Gott nicht gefallen. 27

13 Großer Demut aber bedürfen wir - zunächst Gott und (dann)


auch den Meschen gegenüber - wenn wir uns im Herrn um die Wach-
samkeit des Geistes bemühen. Überhaupt müssen wir in vielfältiger
Weise das Herz mit Zerknirschung erfüllen, indem wir auf die voll-
ständige Verdemütigung bedacht sind. Das Herz mit Zerknirschung
zu erfüllen und zu verdemütigen aber vermag das Gedenken unseres
ehemaligen Lebens in der Welt, wenn wir es uns sorgfältig in Erinne-
rung rufen; ebenfalls das Gedenken all unserer Sünden von Kindheit
an, indem sie der Geist im einzelnen noch einmal betrachtet - abgese-
hen von den Sünden des Fleisches; ihre Erwägung nämlich ist schäd-
lich.

Dieses Gedenken vermag uns zu verdemütigen, Tränen hervorzuru-


fen und uns mit ganzem Herzen zur Dankbarkeit Gott gegenüber zu
bewegen, ebenso wie das stete und deutliche Gedenken des Todes.
Dieses nämlich gebiert Trauer im Verein mit einer gewissen Süßigkeit
und mit Freude sowie Nüchternheit des Geistes. Stark aber verdemü-
tigt ebenfalls unsere Gesinnung und läßt sie auf die Erde blicken das
Gedenken der Leiden unseres Herrn Jesus Christus, wenn wir auch
sie uns im einzelnen ins Gedächtnis rufen und uns an sie erinnern;
und auch Tränen verleihen uns ebenfalls diese Leiden. Zudem verde-
mütigen auch die zahlreichen Wohltaten Gottes, die er uns erwiesen
hat, in Wahrheit die Seele, wenn wir sie im einzelnen aufzählen und
von neuem betrachten. Haben wir doch mit stolzen Dämonen zu rin-
gen.

26. Röm 8,6a 27. Röm 88


Philotheos der Sinait

14 Weise nicht aus Eigenliebe diese so gearteten heilbringenden


Heilmittel der Seele zurück, mein Bester. Denn dann bist du fürderhin
kein Jünger Christi mehr- nein, niemals - und auch kein Nachahmer
des Paulus, der da sagt: „Ich bin es nicht wert, Apostel genannt zu
werden“28 und wiederum: „Der ich zuvor ein Gotteslästerer, Verfolger
und Frevler war.“29

Siehst du, du Hochmütiger, wie der Heilige sein früheres Leben nicht
vergessen hatte? Und alle Heiligen vom Beginn der Schöpfung an bis
jetzt legten ebenfalls diesen erhabensten heiligen Mantel Gottes an.
Denn auch unser Herr Jesus Christus selbst - unfaßbarer, unerkenn-
barer und unaussprechlicher Gott - wollte dennoch den Weg zum
ewigen Leben und zur Heiligkeit aufzeigen, und legte darum die De-
mut während seines ganzen Lebens im Fleische an. So muß die heili-
ge Demut also mit Recht auch eine göttliche Tugend, ein Gebot und
Kleid des Herrn genannt werden. Auch die Engel und alle jene strah-
lenden und göttlichen Mächte üben sich gründlich in dieser Tugend
und bewahren sie, da sie wissen, mit welchem Fall Satan gefallen ist,
nachdem er sich überhoben hatte. Und (nun) liegt der Böse als ein Bei-
spiel der Furcht vor dem Fall für Engel und Menschen im Abgrund,
nachdem er von Gott aufgrund seines Hochmuts schmählicher als
die ganze übrige Schöpfung gemacht wurde. Wir wissen aber auch,
mit welchem Fall Adam aus Hochmut gefallen ist.

Da wir nun solch gewichtige Beispiele der für die Seele nützlichen De-
mut besitzen, wollen wir uns stets auf vielfältige Weise verdemütigen,
indem wir uns diese (Beispiele) nach Kräften zunutze machen“

28. 1 Kor 15,9b 29. 1 Tim 1,13a


Über die Nüchternheit

Wir wollen uns verdemütigen mit der Seele, dem Leib, der Gesinnung,
dem Willen, den Worten, den Gedanken und unserem Äußeren, äu-
ßerlich und innerlich. Dies ist vor allem zu erstreben, damit wir nicht
Jesus Christus, den Sohn Gottes und Gott, welcher für uns ist, gegen
uns haben. Der Herr widersetzt sich nämlich den Hochmütigen, den
Demütigen aber verleiht er Gnade.30 Und unrein ist in den Augen
des Herrn ein jeder, der im Herzen hochmütig.31 Und wer sich selbst
erniedrigt wird erhöht werden. 32 Und auch: „Lernt von mir, denn ich
bin sanftmütig und demütig von Herzen.“ 33 Darum müssen wir (auf
die Demut) achthaben.

15 „Seht zu,“ spricht unser Erlöser, „daß eure Herzen nicht be-
schwert werden 34 und das Folgende. Der Wettkämpfer aber enthält
sich von allem. 35 Da wir also wissen, daß dies alles von der göttlichen
Schrift zu uns gesagt worden ist, wollen wir das Leben enthaltsam
führen, vor allem hinsichtlich reichlicher Nahrung; wir wollen den
Leib an eine tugendhafte Ordnung und Gepflogenheit gewöhnen, in-
dem wir ihm die Nahrung mit Maß gewähren. Auf diese Weise näm-
lich werden auch die Sprünge selbst des begehrlichen Teils (der See-
le) leichter eingeschläfert und der leitenden Vernunft untergeordnet;
und wenn man glaubwürdig und wahrhaft sprechen soll, auch jene
des Ungestüms. Aber auch von den übrigen Verfehlungen halten wir
uns (dann) mühelos fern. Denn es wird von jenen, die in der Tugend
Erfahrung besitzen, auch als Tugend beurteilt, sich umfassend zu be-
herrschen, d. h. sich von jeder Form des Bösen zu enthalten.36

30. Spr 3,34 (G); Jak 4 6cd 31. Spr 16,5 32. Mt23,12b
33. Mt 11,29bc 34. Lk 21,34a 35. 1 Kor 9,25a
36. Vgl. 1 Thess 5,22
Philotheos der Sinait

Ist doch die Ursache für die Reinheit zwar zuallererst Gott, der Ur-
heber und Spender aller Güter; dann aber auch die gleichbleibende,
tägliche und abgemessene Enthaltsamkeit von reichlicher Nahrung.

16 Es widersetzt sich ja Satan Gott, damit sein Wille, der in den


Geboten besteht, nicht geschehe, und führt so durch uns Krieg mit
Gott, indem er seinen Willen zu verderben sucht Genauso will Gott
andererseits, daß sein allheiliger Wille durch uns zur Ausführung
komme - welcher, wie gesagt, in den göttlichen und lebenspendenden
Geboten besteht -, wobei er durch uns und durch seine Einwirkung
das verderbliche Ziel des Bösen vereitelt.
Denn die unnütze Absicht des Feindes, welche meint, sich Gott durch
jene Machenschaften zu widersetzen, die zur Übertretung seiner Ge-
bote führen, bringt Gott selbst hinwiederum durch die menschliche
Schwäche zum Scheitern. Sieh, ob es sich nicht so verhält Alle Gebote
des göttlichen Evangeliums scheinen die drei Bereiche der Seele zu
belehren und heil zu machen durch das, was sie vorschreiben; oder
vielmehr scheinen sie es nicht nur zu tun, sondern sie heilen sie auch
wahrhaftig.
Diese drei Bereiche der Seele bekriegt nun auch der Teufel offenkundig
Tag und Nacht. Und wenn der Satan diese drei Bereiche bekriegt, so
bekriegt er offensichtlich die Gebote Christi; unterweist doch Chris-
tus die drei Bereiche der Seele durch seine Gebote. Diese Bereiche
aber sind das Ungestüm, die Begehrlichkeit und die Vernunft.

Und sieh: Wer seinem Bruder grundlos zürnt, wird dem Gericht ver-
fallen sein,37 sowie seine übrigen Weisungen.

37. Mt 5,22a Der Zusatz; „grundlos“ findet sich in einigen Handschriften


Über die Nüchternheit

Es handelt sich hier also um Heilung des Ungestüms. Der Feind wie-
derum versucht dieses und die nebenstehenden Gebote durch Ge-
danken der Streitsucht, des Grolls und des Neides im Innern zu
zerstören. Es weiß ja auch der Widersacher selbst, daß die Vernunft
Führerin des Ungestüms ist Indem er die Vernunft, wie gesagt, mit
Gedanken beschießt, mit Vermutungen des Neides, der Streitsucht,
des Zankes, der List und der eitlen Ehrsucht, überredet er sie, die ihr
eigene Herrschaft aufzugeben, dem Ungestüm die Zügel in die Hand
zu geben und es ohne Leitung zu lassen.

Doch das Ungestüm läßt, nachdem es gleichsam seinen Lenker abge-


schüttelt hat, durch den Mund in Worten ertönen, was es im Herzen
bereits besaß und durch die Gedanken des Feindes und die Nachläs-
sigkeit des Geistes im Herzen angehäuft worden ist. Dann kann man
sehen, daß das Herz anstelle des göttlichen Geistes und göttlicher Er-
wägungen mit Schlechtigkeit erfüllt ist, wie der Herr gesagt hat: „Aus
der Fülle des Herzens spricht der Mund. ,,38 Wenn es nämlich der
Böse fertigbringt, was im Innern erwogen wird, durch Worte kund-
zutun, wird der überführte Bruder nicht nur, wenn er den Bruder
einen Dummkopf oder einen gottlosen Narren nennt, sondern auch
aufgrund anmaßender Worte oft sogar dem Morden verfallen. 39 Sie
benutzt der Böse um Gottes willen, der das Gebot gegeben hat, nicht
ohne Grund zu zürnen. Sie könnten nicht als anmaßende Worte er-
tönen und zu dem werden, was darauf folgt, wenn sie gleich bei der
Einflüsterung durch Gebet und innerliche Aufmerksamkeit sofort
aus dem Herzen vertrieben worden wären.

38. Mt 12,34b 39. Vgl. Mt 5,21 22bc


Philotheos der Sinait

Auf diese Weise erreicht der Frevler sein Ziel, wenn er nämlich fest-
stellt, daß das, was er durch Gedanken dem Herzen eingegeben, das
göttliche Gebot zerstört.

17 Was aber ist auch der Begehrlichkeit vom göttlichen Gebot des
Herrn aufgetragen? „Wer eine Frau begehrlich angeblickt hat, hat be-
reits in seinem Herzen die Ehe mit ihr gebrochen.“ 40 Nachdem der
Unhold also gesehen hat, daß dieses Gebot gegeben wurde, flicht er
in unserem Geist gleichsam ein Netz wider dieses. Er entfernt näm-
lich den Krieg wider es weit von der aufreizenden Ursache und leistet
dann im Innern Widerstand. Dann kann man im Geist von ihm ge-
malte unzüchtige Gestalten und Bilder sehen und Worte hören, die
einen zur Leidenschaft reizen, sowie anderes, was jene ja kennen, die
Erfahrung im Bereich des Geistes besitzen.

18 Welches aber ist zudem das Gebot, welches die Vernunft er-
mahnt? „Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht. Euer Wort
sei Ja und Nein“ 41 und: „Wer nicht auf alles verzichtet hat und mir
nachfolgt, ist meiner nicht wert“ 42 sowie: „Geht hinein durch die
enge Türe.“ 43 Dies sind die Weisungen für die Vernunft, Der Gegner
will also hinwiederum den Verstand wie einen trefflichen Feldherrn
in seine Gewalt bringen und vertreibt ihn daher mit Gedanken der
Völlerei und Gleichgültigkeit aus dem Sinn, verspottet ihn wie einen
betrunkenen Feldherrn und entreißt ihm den Oberbefehl. Und dann
benützt der Drache das Ungestüm und die Begehrlichkeit als Diener
seiner eigenen Absichten.

40. Mt 5,28bc 41. Mt 5.34a 37a 42. Vgl. Mt 10,37f 43. Mt7,13a
Über die Nüchternheit

Diese Kräfte aber, nämlich die Begehrlichkeit und das Ungestüm, ge-
brauchen, da sie von der Vernunft freigekommen sind, unsere fünf
Sinne als Helfershelfer, um sichtbar zu sündigen. Darin besteht der
Fall. Dann also gibt es vorwitzige Augen, ohne daß sie innerlich vom
Geist gebunden werden; ein Ohr, welches eitle Dinge zu hören liebt,
einen verweichlichten Geruchssinn, einen unbeherrschten Mund
und Hände, welche Unstatthaftes berühren.

Dem folgt auf dem Fuß Unrecht anstelle von Gerechtigkeit, Tor-
heit statt Klugheit, Ausschweifung anstatt Selbstbeherrschung und
Knechtschaft anstelle von Tapferkeit. Denn diese vier Kardinaltugen-
den, nämlich Gerechtigkeit, Klugheit, Selbstbeherrschung und Tap-
ferkeit, leiten, wenn sie gesund sind, die drei Bereiche der Seele, Wer-
den diese drei Bereiche aber in rechter Weise gelenkt, halten sie die
Sinne von den unangebrachten Dingen fern, Und dann befindet sich
der Geist offensichtlich in der Ruhe, da seine Kräfte durch göttlichen
Einfluß gelenkt werden und gehorsam sind, und erweist sich so im
geistigen Krieg mühelos als wackerer Kämpfer, Bringt er seine Kräfte
aber aus Unachtsamkeit in Verwirrung, da er sich von den Angriffen
des Bösen überwältigen läßt, übertritt er die göttlichen Gebote. Der
Übertretung folgt nun in jedem Fall entweder entsprechende Um-
kehr oder Bestrafung in der Zukunft. Gut ist es also, wenn der Geist
stets nüchtern ist Dadurch dem Naturgemäßen zugewendet, wird er
zu einem wahren Beobachter der göttlichen Vorschriften“

19 Die Seele ist von den Geistern der Bosheit eingeschlossen und
eingeengt sowie mit Ketten der Finsternis gebunden. Sie kann wegen
der sie umgebenden Finsternis nicht beten, wie sie will; wird sie doch
im verborgenen gefesselt,
Philotheos der Sinait

da sie blind ist mit ihren inneren Augen. Wenn sie nun beginnt, zu
Gott zu beten und durch das Gebet nüchtern zu sein, dann wird sie
durch das Gebet von der Finsternis befreit werden. Anders ist nämlich
ihre Befreiung nicht möglich. Denn dann vermag die Seele zu erken-
nen, daß im Innern des Herzens zum einen ein Ringen, zum anderen
verborgener Widerstand und schließlich ein Krieg mit den Gedanken
der Geister der Bosheit stattfindet, wie auch die heiligen Schriften be-
zeugen, Es heißt ja: „Wenn der Geist des Mächtigen über dich kommt,
dann verlasse deinen Platz nicht“ 44 Der Platz des Geistes aber ist sein
festes Stehen in der Tugend sowie die Nüchternheit. Man kann ja in
der Tugend oder in der Schlechtigkeit stehen. Es heißt nämlich: „Selig
der Mann, der nicht dem Rat der Frevler gefolgt und nicht auf den
Weg der Sünder trat“ 45 Und der Apostel sagt: „So steht also, eure Len-
den umgürtet mit der Wahrheit“46

20 Halten wir Christus ganz kräftig fest - um derentwillen, welche


stets bemüht sind, ihn der Seele zu entreißen. Jesus soll sich ja nicht
zurückziehen, da sich eine Menge von Gedanken am Ort der Seele
befinden 47 Denn man kann ihn nicht ohne Anstrengung der Seele
kräftig festhalten. Berühren wir auch sein Leben im Fleisch, 48 damit
wir das unsrige demütig führen. Halten wir auch seine Leiden fest,
damit wir die Widerwärtigkeiten geduldig ertragen, indem wir ihm
nacheifern. Und kosten wir seinen geheimnisvollen und herablassen-
den Heilsplan, der um unseretwillen besteht, damit wir aus dem sü-
ßen Kosten der Seele erkennen, daß der Herr gütig ist 49

44. Koh 10,4ab (G) 45. Ps 1,1 (bcs G) 46. Erh 6,14a
47. Vgl. Joh 5, 13bc 48. Vgl 1.Joh 1,1e 49. Vgl Ps 33(34)9a
Über die Nüchternheit

Zu alledem aber- oder auch vor allem - wollen wir ihm ohne Beden-
ken glauben in dem, was er sagt, seine Fürsorge, die sich auf uns er-
streckt, Tag für Tag erwarten und sie, wie sie auch kommt, dankbar,
freudig und bereitwillig aufnehmen. So sollen wir lernen, auf Gott
allein zu blicken, der das All mit göttlichen Worten der Weisheit re-
giert Wenn wir dies alles tun, dann sind wir nicht irgendwo weit weg
von Gott Denn die Frömmigkeit ist unvollendete Vollkommenheit,
wie einer der Gott-tragenden und im Geiste vollkommenen Männer
gesagt hat.

21 Wer nämlich sein Leben in rechter Weise loskauft, indem er sich


stets der Erwägung und dem Gedenken des Todes widmet und seinen
Geist weise den Leidenschaften entzieht, der vermag infolge dieses
Verhaltens auch die stündlich eintreffenden Angriffe der Dämonen
auf alle Fälle schneller wahrzunehmen als jener, der sich entschlossen
hat, ohne das Gedenken des Todes zu leben. Dieser reinigt sein Herz
allein um der Erkenntnis willen und schützt es nicht fortwährend
durch trauernde Erwägung.

Manchmal meint ein solcher, er beherrsche geschickt alle verderb-


lichen Leidenschaften, und ist doch von einer gefesselt, ohne daß er
es weiß, und zwar von der schlimmsten von allen. Und so verfällt er
manchmal der Überheblichkeit, da er fern von Gott ist Ein solcher
muß äußerst nüchtern sein, damit er nicht in seinem Dunkel seinen
Sinn aufbläht. Es ist ja, wie Paulus sagt, natürlicherweise so, daß See-
len, welche hier und dort nach Erkenntnis haschen, sich denen gegen-
über aufblähen, die, wie sie glauben, unter ihnen stehen 50

50 Vgl 1Kor 4.6be


Philotheos der Sinait

In ihnen findet sich, wie ich meine, kein Funke der auferbauenden
Liebe51 Wer sich aber den Tod vor Augen hält und seiner eingedenk
ist, erblickt die Angriffe der Dämonen schneller als jener, um den es
anders steht, und darum schlägt er sie zurück und vereitelt sie.

22 Das freudige Gedenken Gottes, nämlich Jesus, besitzt die Eigen-


schaft, zusammen mit dem Ungestüm des Herzens und mit schützen-
der Erbitterung jegliche Gaukeleien der Gedanken aufzulösen, all ihre
Absichten, Worte, Wahngebilde, finstere Vorspiegelungen und - um
es kurz zu sagen - alles, wodurch sich der Allverderber zum Kampf
anschickt und sich erdreistet, die Seelen zu verschlingen, indem er
sie berührt. Wird aber Jesus gerufen, setzt er alles mühelos in Brand.
In keinem anderen nämlich ist unser Heil, außer in Christus Jesus.
Dies hat ja auch der Heiland selbst gesagt: „Denn ohne mich könnt
ihr nichts tun.“52

23 Mit aller Wachsamkeit also wollen wir zu jeder Stunde unser


Herz und wenigstens den winzigen Spiegel unserer Seele vor fins-
teren Gedanken bewahren. 53 In ihm wird ja Christus, die Weisheit
und Kraft Gottes des Vaters, 54 von Natur aus abgebildet und licht-
voll gezeichnet Auch wollen wir im Innern des Herzens unaufhör-
lich das Himmelreich suchen 55 das Senfkorn, 56 die Perle 57 und den
Sauerteig 58. Und dann werden wir auch all das andere auf mystische
Weise in unserem Innern finden, sofern wir das Auge des Geistes
reinigen.

50 Vgl. 1 Kor 4.6bc 51 Vgl. 1 Kor 8, 1 b-2 52 Joh 15,5c


53 Vgl. Spr 4.23 (bes G) 54 Vgl. 1 Kor 1.24b 55 Vgl Mt 6,33
56 Vgl Lk 13,19 57 Vgl Mt 13,45 58 Vgl Mt 13.33
Über die Nüchternheit

Gerade darum hat unser Herr“ Jesus Christus gesagt: „Das Himmel-
reich ist in euch“ 59 und damit gezeigt, daß die Gottheit im Innern
des Herzens weilt.

24 Die Nüchternheit reinigt zunächst das Gewissen in lichtvoller


Weise. Ist dieses aber gereinigt, strahlt es plötzlich auf wie ein (bisher)
verborgenes Licht und vertreibt sodann die große Finsternis.
Ist diese aber vertrieben, zeigt das Gewissen infolge andauernder un-
verfälschter Nüchternheit wieder, was verborgen ist. Und durch den
Geist lehrt es infolge der Nüchternheit das unsichtbare Ringen und
den geistigen Kampf; wie man Lanzen im Zweikampf schleudern und
wie man mit gutgezielten gedanklichen Speeren treffen, doch verhin-
dern muß, daß der Geist mit Speeren getroffen wird, indem er sich
bei Christus verbirgt, dem anstelle der schädlichen Finsternis ersehn-
ten Licht. Wer dieses gekostet hat, hat verstanden, wovon ich spreche.
Das Kosten dieses Lichtes bedrängt die Seele noch mehr mit Hunger,
welche zwar genährt, doch niemals gesättigt wird.

Je mehr sie hingegen ißt, desto mehr leidet sie wiederum Hunger Die-
ses Licht zieht den Geist an wie die Sonne die Augen; da man es nicht
darlegen kann, behaupte ich nicht, es würde (von mir) erklärt; viel-
mehr heißt mich die Erfahrung eines solchen, der es erlebt hat - oder,
um es treffender zu sagen, der (von ihm) verwundet worden ist -, zu
schweigen, doch auf das Drängen des Geistes hin zu schwelgen, in-
dem ich ausspreche, worüber (der Apostel) spricht: „Strebt mit allen
Menschen nach Frieden sowie nach Heiligung, ohne die niemand den
Herrn schauen wird.“ 60 Um des Erwerbs von Liebe und Reinheit wil-
len ist hier nämlich von Frieden und Heiligung die Rede.

59 Lk 17,21b 60 Hebr 12,14


Philotheos der Sinait

25 Man muß das Ungestüm einzig wider die Dämonen bewaffnen.


die uns in Gedanken anfeinden und gegen uns wüten. Die Art und
„Weise des stündlich in uns stattfindenden Krieges aber höre und be-
folge: Verbinde das Gebet mit Nüchternheit; denn die Nüchternheit
reinigt das Gebet, dieses aber die es reinigende (Nüchternheit). Indem
die Nüchternheit nämlich unaufhörlich umherblickt, erkennt sie die
Eindringlinge. Während sie diese aber für kurze Zeit am Eintritt hin-
dert, ruft sie den Herrn Jesus Christus zu Hilfe, die bösen Feinde zu
vertreiben. Die Aufmerksamkeit jedoch hindert sie, indem sie ihnen
widerspricht. Wird aber Jesus angerufen, vertreibt er die Dämonen
zusammen mit ihren Wahngebilden.

26 Bewache sehr sorgfältig deinen Geist! Wenn du nun einen Ge-


danken erkennst, widersprich ihm“ Sogleich aber rufe schnell Chris-
tus, damit er gegen ihn einschreite. Und der süße Jesus wird sprechen,
während du noch redest: „Siehe, hier bin ich, um dir Hilfe zu entbie-
ten.“ Du aber habe von neuem auf deinen Geist acht , nachdem alle
diese Feinde insgesamt durch das Gebet beruhigt worden sind. Siehe,
da kommen von neuem gewaltigere Wogen als vorher, ein unentweg-
ter Seegang, worauf die Seele schwimmt. Doch siehe da, wiederum
wird Jesus von dem Jünger aufgeweckt, und er droht den bösen Win-
den, 61 als Gott. Geht es dir aber daraufhin vielleicht für eine Stunde
oder einen Augenblick gut, preise den, der dich gerettet hat, und ge-
denke des Todes.

27 Mit jeglicher Aufmerksamkeit des Herzens wollen wir mit be-


wußter Seele einhergehen. Werden nämlich Aufmerksamkeit und
Gebet Tag für Tag verbunden,

61 Vgl Mt 8.24-26
Über die Nüchternheit

sind sie fast dem feurigen Wagen des Elias gleich, da sie denjenigen,
welcher an ihnen Anteil hat, zur Höhe des Himmels erheben. 62 Und
was sage ich? Das selige Herz dessen, der die Nüchternheit vollbringt
oder zu vollbringen bemüht ist, ist nämlich zu einem geistigen Him-
mel mit Sonne, Mond und Sternen geworden, es wird zum Aufent-
haltsort des unfaßbaren Gottes durch die mystische Beschauung und
Erhebung. Wer also von der göttlichen Tugend Kunde erhält, der soll
sich dazu entschließen, zusammen mit der Einwirkung des Herrn und
mit Bereitwilligkeit die Worte zu Taten werden zu lassen.

Und indem er unter einer gewissen Gewaltanwendung der Fünfzahl


der ihm eigenen Sinne, durch welche die Seele gewöhnlich geschädigt
wird, Widerstand leistet, macht er seinem Geist den Kampf und Krieg,
welcher sich im Herzen abspielt, in jedem Fall leichter. Wehre also
alle Gedanken, die sich außerhalb befinden, durch gewisse scharfsin-
nige Einfälle ab, und bekriege die Gedanken, die aus jenen im Innem
geboren werden, mit unkörperlichen göttlichen Kunstgriffen, Durch
die Mühe des Wachens verscheuche die fleischlichen Lüste, und halte
hinsichtlich Speise und Trank enthaltsam stand. Auch schwäche den
Leib zur Genüge, damit du dir den im Herzen stattfindenden Krieg
mühelos leicht machst und dadurch dir selbst und keinem anderen
Wohltaten erweist.

Zudem züchtige deine Seele mit dem Gedanken an den Tod. Mit dem
Gedenken Jesu Christi sammle deinen Geist, wenn er zerstreut ist
In der Nacht nämlich ist der Geist gewöhnlich klarer für strahlende
Schauungen Gottes und der göttlichen Dinge.

62 Vgl. 2Kön2,11
Philotheos der Sinait

28 Weisen wir nicht die Mühen auch der leiblichen Askese von
uns! Aus der Erde nämlich sprießt Getreide, aus jenen aber geistli-
che Freude und Erfahrung von Glück. Lassen wir aber das Gewissen
nicht unberücksichtigt, wenn es uns das Heilsame und zu Vollbrin-
gende mitteilt sowie das Erforderliche und Geschuldete unaufhörlich
sagt vor allem, wenn es etwa durch wirksame, tätige und feinsinnige
Nüchternheit des Geistes gereinigt wird. Es tut dann nämlich seine
scharfsichtigen Urteile infolge seiner Reinheit gewöhnlich passend
und unzweifelhaft kund. Darum dürfen wir es also nicht unberück-
sichtigt lassen; kündet es uns doch im Innern das Leben, welches Gott
gefällt, und überführt die Seele in schroffer Weise, wenn sie in ihrem
Sinn einmal durch Sünden getrübt worden ist. Es zeigt von neuem die
Berichtigung des Fehlers auf, indem es das Herz nach seiner Verfeh-
lung zur Umkehr mahnt und ihm dabei das Heilmittel mit angeneh-
mem Ratschlag vor Augen hält.

29 Steigt vom Holz Rauch auf, wird er lästig für die Augen, doch
läßt er ihnen Licht sichtbar werden und erfreut jene, die er zuvor be-
trübt hat. Auch die Aufmerksamkeit verursacht Beschwerde, wenn
sie unaufhörlich um sich blickt. Ist aber Jesus - im Gebet gerufen -
herbeigekommen, erleuchtet er das Herz. Sein Gedenken nämlich
gewährt zugleich mit der Erleuchtung das Beste aller Güter.

30 Es besitzt unser Feind gewissermaßen die Eigenschaft, unseren


Geist herauszuzerren, Auch trachtet er danach, daß auch wir zu-
sammen mit ihm Staub fressen, 63 und er erstrebt es, daß der,

63 Vgl. Gen 3, 14d


Über die Nüchternheit

welcher nach dem Bild Gottes geschaffen ist, 64 auf dem Bauch kriecht.
65
Darum spricht Gott: „Feindschaft will ich setzen zwischen dich und
ihn. 66 Aus diesem Grund müssen wir uns stets nach Gott sehnen,
damit wir dadurch unverwundet von den brennenden Pfeilen des
Teufels 67 einenjeden Tag durchlaufen, „Ich will ihn schützen,“ heißt
es, „weil er meinen Namen kennt“ 69 sowie: „Doch nahe ist sein Heil
denen, die ihn fürchten.

31 Der selige Apostel, das Gefäß der Auserwählung, 70 der in Chris-


tus spricht, 71 besaß große Erfahrung im unsichtbaren und geistigen
Krieg, welcher sich im Innern unserer selbst abspielt. So schrieb er in
seinem Brief an die Epheser: „Wir haben ja nicht gegen Fleisch und
Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten, gegen die Gewalten, ge-
gen die Weltbeherrscher der Finsternis dieser Zeit, gegen die Geister
der Bosheit des himmlischen Bereichs. 72 Der Apostel Petrus aber sagt:
„Seid nüchtern und wachsam, denn unser Widersacher, der Teufel,
geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen
könnte, Leistet ihm Widerstand mit festem Glauben. 73

Doch unser Herr Jesus Christus sagte, als er über verschiedene Gesin-
nungen der Hörer der Worte des Evangeliums sprach: „Dann kommt
der Teufel und nimmt das Wort aus dem Herzen,“ - indem er den
Raub offensichtlich durch verruchtes Vergessen durchführt - „damit
sie nicht glauben und gerettet werden.“ 74

64 Vgl. Gen 1,27ab 65 Vgl. Gen 3.14c 66 Vgl. Gen 3,15ab


67 Vgl. Eph 6.16b 68 Ps 90(91 ),14b 69 Ps 84(85) 10a
70 Vgl. Apg 9,15c 71 Vgl.2Kor2,17b 72 Eph6,12
73 Vgl. 1Petr 5,8-9a 74 Lk 8,12bc
Philotheos der Sinait

Und wiederum der Apostel: „Denn ich freue mich dem inneren
Menschen nach am Gesetz Gottes; doch sehe ich ein anderes Ge-
setz, welches dem Gesetz meines Geistes widerstreitet und mich
gefangennimmt.“75 Sie haben dies aber gesprochen, um uns zu beleh-
ren und uns kundzutun, was verborgen ist.

32 Die Erkenntnis besitzt in gewisser Weise die Eigenschaft, sich


aufzublähen, 76 da sie meint, sie sei angeblich über viele erhaben; und
zwar dann, wenn sie sich der Selbstkritik und der Demut berauben
läßt. Wir also, die wir die Erkenntnis unserer eigenen Schwäche be-
sitzen, wollen dies bedenken, indem wir auf den hören, der da sagt:
„Brüder, ich meine nicht, es bereits ergriffen zu haben. Eines aber tue
ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich aus nach dem,
was vor mir liegt Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis
der himmlischen Berufung in Christus Jesus.“ 77

Und wiederum: „Ich laufe so, daß ich nicht ins Ungewisse renne; ich
führe so den Faustkampf, daß ich keine Lufthiebe setze. Vielmehr miß-
handle ich meinen Leib und unterwerfe ihn, damit ich nicht, indem
ich anderen predige, selbst untauglich werde.“ 78 Weißt du (nun), wie
sehr die Demut zugleich auch ein Wettlauf um die Tugend ist? Siehst
du, wie die Demut des heiligen Paulus geartet ist, eines so bedeuten-
den und betagten Mannes? „Christus“, so sagt er, „kam in die Welt, die
Sünder zu retten, deren erster ich bin.“79 Es ist also notwendig, daß wir
uns verdemütigen, sofern wir die Armseligkeit der Natur besitzen.

75 Röm 7. 22-23ab 76 1 Kor8.1b 77 Phil 3,13f


78 1 Kor 9,26f 79 1 Tim 1,15bc
Über die Nüchternheit

Denn was ist armseliger als Lehm? Und wir müssen uns an Gott er-
innern, da wir ja aus diesem Grund geschaffen wurden . Aber auch
Enthaltsamkeit müssen wir üben, damit wir unbeschwert in unse-
rem Herrn dahinlaufen.

33 Unmöglich ist es, daß jemand, der sich bösen Gedanken hinge-
geben hat, sich dem inneren Menschen nach von Sünden rein hält.
Und nicht möglich ist es, daß man, wenn man die bösen Gedanken
nicht mit der Wurzel aus dem Herzen ausreißt, diese nicht zu bösen
Werken werden läßt. Die Ursache für den ehebrecherischen Blick be-
steht darin, daß das innere Auge buhlt und verfinstert wird; und die
Ursache für den Wunsch, Schandbares zu hören, darin, daß man mit
den Ohren der Seele auf die schändlichen Dämonen hört, welche sich
im Innern befinden, (und man darauf achtet,) was sie zu unserem
Schaden zischeln.

Wir müssen uns also im Herrn innerlich und äußerlich reinigen, und
ein jeder von uns muß seine Sinne beobachten und sein tägliches Le-
ben von leidenschaftlichen und sündhaften Taten reinigen. Und ganz
so, wie wir ehedem, als wir uns in unserer Unwissenheit in der Ei-
telkeit unseres Geistes in der Welt aufhielten, mit unserem ganzen
Geist und unseren Sinnen der Täuschung der Sünde dienstbar waren,
so müssen wir dagegen (jetzt), zum gottgefälligen Leben bekehrt, mit
unserem ganzen Geist und unseren Sinnen dem lebendigen und wah-
ren Gott dienen, 80 der Gerechtigkeit Gottes und seinem Willen.

34 Zunächst findet die Einflüsterung statt, dann die Verbindung;


schließlich die Zustimmung,

80 Vgl. 1 Thess 1.9d


Philotheos der Sinait

danach die Gefangenschaft, dann die Leidenschaft, welche durch Ge-


wohnheit und Dauerhaftigkeit gekennzeichnet ist. Sieh also den Sieg
des wider uns entbrannten Kampfes! So wird es nämlich auch von
den heiligen Vätern erklärt.

35 Die Einflüsterung, so sagen sie, besteht in einem bloßen Gedan-


ken oder in einem Bild einer bestimmten Sache, welches im Herzen
vielleicht anscheinend neu erzeugt worden ist und dem Geist vor Au-
gen geführt wird. Verbindung aber bedeutet, daß man sich mit dem
Erschienenen unterhält - mit Leidenschaft oder leidenschaftslos.

Zustimmung jedoch liegt dann vor, wenn sich die Seele voller Vergnü-
gen dem Erblickten zuneigt. Gefangenschaft hingegen ist das gewalt-
same und unfreiwillige Wegführen des Herzens oder das beharrliche
Zusammensein mit dem eben Aufgetretenen, welches zudem unse-
ren vortrefflichen Zustand verschwinden läßt. Als Leidenschaft aber
bezeichnen die Väter im eigentlichen Sinn, was sich lange Zeit in lei-
denschaftlicher Weise in der Seele einnistet. Von alledem ist das erste
frei von Sünde, das zweite nicht unbedingt; beim dritten richtet sich
dies nach dem Zustand des Streitenden. Der Kampf aber ist die Ursa-
che entweder von Kränzen oder von Strafen.

36 Denn die Gefangenschaft verhält sich anders zur Zeit des Ge-
betes und anders, wenn man nicht betet. Die Leidenschaft aber ist
unstreitig entweder der entsprechenden Umkehr oder der zukünfti-
gen Strafe unterworfen. Wer also dem ersten, d. h. der Einflüsterung,
Widerstand leistet oder sie frei von Leidenschaft in Erwägung zieht,
hat alles Schandbare mit einem Mal abgeschnitten.
Über die Nüchternheit

Dieser Kampf der bösen Dämonen betrifft Mönche und NichtMön-


che; und genauso die Niederlage und der Sieg, wie wir (es bereits) er-
klärten, Und aus dem Sieg ergeben sich entweder Kränze oder - für
jene, die gefallen sind und nicht bereut haben - Strafen. Streiten wir
also geistig wider sie, damit wir nicht ihre bösen Ratschläge zu sünd-
haften und sichtbaren Werken werden lassen. Indem wir hingegen die
Sünde aus dem Herzen werfen, werden wir das Himmelreich in uns
selbst finden. 81 Die Reinheit unseres Herzens aber und die Zerknir-
schung wollen wir uns fortwährend bewahren, wie es Gottes würdig
ist, durch eine derartige vortreffliche Tätigkeit.

37 Viele unter den Mönchen kennen nicht die Täuschung des Geis-
tes, welche er von seiten der Dämonen erduldet. Sie widmen sich dem
praktischen Tugendleben, ohne sich um ihren Geist zu kümmern,
denn sie sind einfältig und einfach. Sie durchfahren das Leben, wie
ich meine, ohne die Reinheit des Herzens gekostet zu haben; kennen
sie doch in keiner Weise die Finsternis der Leidenschaften, welche
sich im Innern befinden, So beurteilen denn alle, die den Kampf nicht
kennen, von welchem Paulus spricht 82 - sind sie doch wahrschein-
lich auch nicht vom Guten aus Erfahrung geprägt worden -, einzig
die Tatsünden als Vergehen, ohne die gedanklichen Niederlagen und
Siege in Rechnung zu stellen.

Sieht diese ja von Natur aus auch kein Auge, da sie geheim sind und
allein von Gott, dem Kampfrichter, und vom Gewissen des Streiten-
den erkannt werden. An sie ist meiner Meinung nach jenes Schrift-
wort gerichtet:

81 Vgl. Lk 17.21b 82 Eph 6,12


Philotheos der Sinait

„Und sie sprachen: ‚Friede!‘, doch es war kein Friede“ 83 So verhalten


sie sich also unter den Brüdern aufgrund ihrer Einfalt derart, daß sie
diese nach Kräften anflehen und belehren, sich von den tatsächlich
ausgeführten bösen Taten zu enthalten, Doch für jene, welche die
göttliche Sehnsucht besitzen, das Auge der Seele zu reinigen, gibt es
eine andere Tätigkeit und ein anderes Geheimnis Christi.

38 Das klare Gedenken des Todes schließt wirklich viele Tugenden


in sich. Es ist die Mutter der Trauer, eine Aufforderung zur Enthalt-
samkeit von allen Dingen, eine Erinnerung an die Hölle, die Mutter
des Gebetes und der Tränen, die Bewachung des Herzens, Leiden-
schaftslosigkeit gegenüber dem Lehm, (aus dem wir gebildet,) da er
schlammig ist, eine Quelle des Scharfsinns vereint mit Unterschei-
dung. Kind davon ist die zweifache Furcht Gottes. Auch die Reini-
gung des Herzens von leidenschaftlichen Gedanken umfaßt viele Ge-
bote des Herrn, In ihr wird der stündliche Kampf geschaut, welcher
äußerst schwer zu führen ist und den meisten Athleten Christi am
Herzen liegt.

39 Ein unvorhergesehenes Ereignis oder Unglück beeinträchtigt


durch sein Kommen nicht wenig die Aufmerksamkeit des Denkens.
Und hat es den Geist vom Hinneigen zum vortrefflichen, tugendhaf-
ten und guten Zustand abspenstig gemacht, wendet es ihn ab zu sünd-
haftem Zank und Streit. Der Grund für dieses Unheil aber besteht
darin, daß wir durchweg ohne Sorge um die Angriffe angetroffen wer-
den.

83 Ez 13,10a(G)
Über die Nüchternheit

40 Nichts vom täglichen Ungemach, welches gegen uns anstürmt,


wird uns Schaden zufügen noch auch betrüben, wenn wir es einmal
erkannt und stets zu unserer Betrachtung gemacht haben. Darum
spricht der göttliche Apostel Paulus: „Ich habe Freude an Schwächen,
Mißhandlungen und Nöten 84 sowie: „Alle, welche in Christus Jesus
ein frommes Leben fuhren wollen, werden verfolgt werden, 85 Ihm sei
die Ehre in alle Ewigkeit. Amen. 86

84 2 Kor 12,10a 85 2 Tim 3,12 86 Röm 11 36b