Seine Spiritualität schließt sich eng an Hesychios an, der einst im sel-
ben Kloster wie Philotheos gelebt hatte.
Über die Nüchternheit
von unserem heiligen Vater
Philotheos dem Sinaiten
E
s findet in uns ein geistiger Krieg statt, der schlimmer ist als
der sichtbare. Es muß der Vollbringer der Frömmigkeit im
Geiste laufen und dem Ziel entgegenjagen 1, um das Geden-
ken Gottes vollkommen in seinem Herzen wie eine Perle oder einen
Edelstein zu bergen2. Wir müssen alles fahrenlassen, auch den Leib,
und sogar das gegenwärtige Leben geringachten, damit wir Gott allein
im Herzen erwerben. Es genügt nämlich, wie der göttliche Chrysos-
tomos sagt, die Schau Gottes im Geist, um die Bösewichter zugrunde
zu richten.
2 Mit aller Kraft also müssen die geistigen Kämpfer geistliche Tä-
tigkeiten aus den göttlichen Schriften auslesen und wie heilbringende
Umschläge dem Geist auflegen. Und vom Morgen an muß man, so
heißt es, mit sorgfaltigem Gedenken Gottes und ununterbrochenem
Jesusgebet in der Seele mutig und schroff an die Tür des Herzens tre-
ten, mit der geistigen Wachsamkeit alle Sünder der Erde töten 3, und
in der Verzückung und Anspannung des gläubigen Gedenkens Gottes
um des Herrn willen die Häupter der Machthaber4 und die Anfänge
feindlicher Gedanken zerschlagen. Denn wir kennen ja auch in den
geistigen Anstrengungen eine gewisse gottbegeisterte Tätigkeit und
Ordnung. Und so müssen wir gewaltsam verfahren, bis der Zeitpunkt
des Mahles da ist;
danach aber sollen wir dem Herrn danken, der uns einzig aus seiner
Menschenliebe heraus sowohl im Geist als auch dem Körper nach
mit doppelter Speise nährt, uns daraufhin dem Gedenken und der
Betrachtung des Todes widmen und uns am nächsten Tag von neu-
em kraftvoll an das morgendliche Werk halten. Wenn wir nämlich
Tag für Tag auf diese Weise vorgehen, werden wir endlich einmal im
Herrn imstande sein, den Netzen des geistigen Feindes zu entrinnen.
Bestehen diese Tätigkeiten lange Zeit in uns, bringen sie folgende drei
hervor: Glaube, Hoffnung und Liebe,5 Der Glaube bereitet uns darauf
vor, in Wahrheit Gott zu fürchten. Die Hoffnung aber schreitet über die
knechtische Furcht hinweg und verbindet dadurch denMenschen mit
der Liebe Gottes .Denn die Hoffnung läßt nicht zuschandenwerden,6
da sie die doppelte Liebe hervorzubringen versteht, an der das Gesetz
und die Propheten hängen.7 Die Liebe aberhört niemals auf 8und wird
zudem zur Ursache dafür, daß derjenige, welcher an ihr Anteil hat, in
dieser Zeit und in der kommenden die göttlichen Satzungen erfüllt.9
3 Sehr selten aber kann man Menschen finden, welche mit ihrer-
Verstandeskraft ruhen. Allein jenen ist dies gegönnt, die durch die-
ses (erwähnte) Verhalten darauf aus sind, daß sich ihnen die göttliche
Gnade und Tröstung nähert. Wenn wir daher die christusgemäße Phi-
losophie - die geistige Tätigkeit - in der Bewachungund Nüchternheit
des Geistes beschreiten wollen, so beginnen wir diesen Weg einstwei-
len durch die Enthaltung von vielen Speisen,
Siege und Niederlagen auf beiden Seiten. In einer Hinsicht aber un-
terscheidet sich dieser geistige Krieg, von dem wir sprechen, von dem
sichtbaren, nämlich im festgesetzten Zeitpunkt des Krieges. Beim
sichtbaren Krieg wird nämlich gewöhnlich ein Zeitpunkt und eine
Ordnung festgesetzt; jener andere aber stürmt unversehens und
plötzlich heran, und indem er im Umkreis des Herzinnern tödliche
Hinterhalte legt, tötet er die Seele durch die Sünde, Warum und wes-
halb entbrennen dieser Kampf und dieses Ringen wider uns? Damit
durch uns nicht der Wille Gottes geschehe, um den wir beten, indem
wir sprechen: „Dein Wille geschehe in uns“ 13 Dieser aber besteht in
den Geboten Gottes. Und wenn jemand (auch nur) ein wenig seinen
Geist im Herrn in seinem Irrtum nüchtern zum Stillstand brächte
und die Eingebungen und Einflechtungen der Dämonen, welche sich
aus Wahngebilden zusammensetzen, sorgfältig überwachte, würde
er aus Erfahrung zu diesem Schluß gelangen. Darum hat der Herr
auch, da er als Gott ihre Absichten voraussah, wider die frevlerischen
Dämonen ein Ziel festgesetzt, indem er, ihrem Ziel entgegengesetzt,
seine Gebote festlegte zusammen mit einer Drohung für jene, die sie
übertreten.
13 Vgl. Mt 6.10b
Über die Nüchternheit
Denn aus keinem anderen Grund haben wir das Gesetz erhalten, un-
ser Herz zu reinigen, als darum, daß die Wolken der Schlechtigkeit
aus dem Luftraum des Herzens verschwinden und zerstreut werden
durch die fortwährende Aufmerksamkeit und wir danach fähig sind,
Jesus, die Sonne der Gerechtigkeit, 14 wie bei klarem Wetter in reiner
Weise zu sehen, und damit die Wesenszüge seiner Herrlichkeit in un-
serem Geist zu einem gewissen Grad aufstrahlen können. Nicht allen
nämlich werden sie gewöhnlich sichtbar, sondern nur jenen, welche
in ihrem Denken rein sind.
9 Wir müssen uns Tag für Tag so gestalten, wie wir vor dem An-
gesicht Gottes erscheinen müssen, Es spricht ja der Prophet Osee:
„Erbarmen und Recht wahre, und nähere dich Gott ohne Unterlaß.“15
Und wiederum sagt Malachias im Namen Gottes: „Ein Sohn ehrt den
Vater und ein Knecht seinen Herrn.“ Und wenn ich Vater bin, wo
ist meine Ehre? Und wenn ich Herr bin, wo ist die Furcht vor mir?
spricht der Herr, der Allherrscher. 16 Und der Apostel: „Reinigen wir
uns von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes.“17 Und hin-
wiederum die Weisheit: Mit aller Wachsamkeit behüte dein Herz.
Denn aus seinen Quellen geht ein Strom des Lebens hervor.“ 18 Und
der Herr Jesus Christus sprach: „Reinige das Innere des Bechers, da-
mit auch das Äußere rein werde“ 19
14 Vgl Mal 3,20a 15. Hos 12,7bc (G) 16. Mal 1,6abc
17. 2 Kor 7,1b 18. Spr 4,23 (G) 19. Mt 23,26bc
Philotheos der Sinaite
11 Wer sein Herz reinigt, im Herrn die Sünde mit der Wurzel aus-
reißt, sich um göttliche Erkenntnis müht und im Geist erblickt, was
den meisten unsichtbar ist, darf sich deshalb über niemanden erheben.
Nichts nämlich ist unter den geschaffenen Dingen reiner als das Un-
körperliche, nichts mehr mit Erkenntnis bedacht als ein Engel. Doch
nachdem er sich erhoben hatte, wurde er wie ein Blitz vom Himmel
herabgeschleudert 21 So sehr wurde ihm bei Gott seine Überheblich-
keit als Unreinheit angerechnet Offenbar aber sind die (Dämonen),
welche das Gold ausgraben.
20. Vgl. Eph 4,30a 21. Vgl. Jes 14,12-15; Lk 10,18 22. 1 Kor 9,25a
23. Vgl. Ga15,17a 24. Röm 14,17a 25. Röm 8,7
Über die Nüchternheit
Die Gesinnung des Fleisches bedeutet nämlich Tod 26 und jene, die im
Fleische sind, können Gott nicht gefallen. 27
Siehst du, du Hochmütiger, wie der Heilige sein früheres Leben nicht
vergessen hatte? Und alle Heiligen vom Beginn der Schöpfung an bis
jetzt legten ebenfalls diesen erhabensten heiligen Mantel Gottes an.
Denn auch unser Herr Jesus Christus selbst - unfaßbarer, unerkenn-
barer und unaussprechlicher Gott - wollte dennoch den Weg zum
ewigen Leben und zur Heiligkeit aufzeigen, und legte darum die De-
mut während seines ganzen Lebens im Fleische an. So muß die heili-
ge Demut also mit Recht auch eine göttliche Tugend, ein Gebot und
Kleid des Herrn genannt werden. Auch die Engel und alle jene strah-
lenden und göttlichen Mächte üben sich gründlich in dieser Tugend
und bewahren sie, da sie wissen, mit welchem Fall Satan gefallen ist,
nachdem er sich überhoben hatte. Und (nun) liegt der Böse als ein Bei-
spiel der Furcht vor dem Fall für Engel und Menschen im Abgrund,
nachdem er von Gott aufgrund seines Hochmuts schmählicher als
die ganze übrige Schöpfung gemacht wurde. Wir wissen aber auch,
mit welchem Fall Adam aus Hochmut gefallen ist.
Da wir nun solch gewichtige Beispiele der für die Seele nützlichen De-
mut besitzen, wollen wir uns stets auf vielfältige Weise verdemütigen,
indem wir uns diese (Beispiele) nach Kräften zunutze machen“
Wir wollen uns verdemütigen mit der Seele, dem Leib, der Gesinnung,
dem Willen, den Worten, den Gedanken und unserem Äußeren, äu-
ßerlich und innerlich. Dies ist vor allem zu erstreben, damit wir nicht
Jesus Christus, den Sohn Gottes und Gott, welcher für uns ist, gegen
uns haben. Der Herr widersetzt sich nämlich den Hochmütigen, den
Demütigen aber verleiht er Gnade.30 Und unrein ist in den Augen
des Herrn ein jeder, der im Herzen hochmütig.31 Und wer sich selbst
erniedrigt wird erhöht werden. 32 Und auch: „Lernt von mir, denn ich
bin sanftmütig und demütig von Herzen.“ 33 Darum müssen wir (auf
die Demut) achthaben.
15 „Seht zu,“ spricht unser Erlöser, „daß eure Herzen nicht be-
schwert werden 34 und das Folgende. Der Wettkämpfer aber enthält
sich von allem. 35 Da wir also wissen, daß dies alles von der göttlichen
Schrift zu uns gesagt worden ist, wollen wir das Leben enthaltsam
führen, vor allem hinsichtlich reichlicher Nahrung; wir wollen den
Leib an eine tugendhafte Ordnung und Gepflogenheit gewöhnen, in-
dem wir ihm die Nahrung mit Maß gewähren. Auf diese Weise näm-
lich werden auch die Sprünge selbst des begehrlichen Teils (der See-
le) leichter eingeschläfert und der leitenden Vernunft untergeordnet;
und wenn man glaubwürdig und wahrhaft sprechen soll, auch jene
des Ungestüms. Aber auch von den übrigen Verfehlungen halten wir
uns (dann) mühelos fern. Denn es wird von jenen, die in der Tugend
Erfahrung besitzen, auch als Tugend beurteilt, sich umfassend zu be-
herrschen, d. h. sich von jeder Form des Bösen zu enthalten.36
30. Spr 3,34 (G); Jak 4 6cd 31. Spr 16,5 32. Mt23,12b
33. Mt 11,29bc 34. Lk 21,34a 35. 1 Kor 9,25a
36. Vgl. 1 Thess 5,22
Philotheos der Sinait
Ist doch die Ursache für die Reinheit zwar zuallererst Gott, der Ur-
heber und Spender aller Güter; dann aber auch die gleichbleibende,
tägliche und abgemessene Enthaltsamkeit von reichlicher Nahrung.
Und sieh: Wer seinem Bruder grundlos zürnt, wird dem Gericht ver-
fallen sein,37 sowie seine übrigen Weisungen.
Es handelt sich hier also um Heilung des Ungestüms. Der Feind wie-
derum versucht dieses und die nebenstehenden Gebote durch Ge-
danken der Streitsucht, des Grolls und des Neides im Innern zu
zerstören. Es weiß ja auch der Widersacher selbst, daß die Vernunft
Führerin des Ungestüms ist Indem er die Vernunft, wie gesagt, mit
Gedanken beschießt, mit Vermutungen des Neides, der Streitsucht,
des Zankes, der List und der eitlen Ehrsucht, überredet er sie, die ihr
eigene Herrschaft aufzugeben, dem Ungestüm die Zügel in die Hand
zu geben und es ohne Leitung zu lassen.
Auf diese Weise erreicht der Frevler sein Ziel, wenn er nämlich fest-
stellt, daß das, was er durch Gedanken dem Herzen eingegeben, das
göttliche Gebot zerstört.
17 Was aber ist auch der Begehrlichkeit vom göttlichen Gebot des
Herrn aufgetragen? „Wer eine Frau begehrlich angeblickt hat, hat be-
reits in seinem Herzen die Ehe mit ihr gebrochen.“ 40 Nachdem der
Unhold also gesehen hat, daß dieses Gebot gegeben wurde, flicht er
in unserem Geist gleichsam ein Netz wider dieses. Er entfernt näm-
lich den Krieg wider es weit von der aufreizenden Ursache und leistet
dann im Innern Widerstand. Dann kann man im Geist von ihm ge-
malte unzüchtige Gestalten und Bilder sehen und Worte hören, die
einen zur Leidenschaft reizen, sowie anderes, was jene ja kennen, die
Erfahrung im Bereich des Geistes besitzen.
18 Welches aber ist zudem das Gebot, welches die Vernunft er-
mahnt? „Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht. Euer Wort
sei Ja und Nein“ 41 und: „Wer nicht auf alles verzichtet hat und mir
nachfolgt, ist meiner nicht wert“ 42 sowie: „Geht hinein durch die
enge Türe.“ 43 Dies sind die Weisungen für die Vernunft, Der Gegner
will also hinwiederum den Verstand wie einen trefflichen Feldherrn
in seine Gewalt bringen und vertreibt ihn daher mit Gedanken der
Völlerei und Gleichgültigkeit aus dem Sinn, verspottet ihn wie einen
betrunkenen Feldherrn und entreißt ihm den Oberbefehl. Und dann
benützt der Drache das Ungestüm und die Begehrlichkeit als Diener
seiner eigenen Absichten.
40. Mt 5,28bc 41. Mt 5.34a 37a 42. Vgl. Mt 10,37f 43. Mt7,13a
Über die Nüchternheit
Diese Kräfte aber, nämlich die Begehrlichkeit und das Ungestüm, ge-
brauchen, da sie von der Vernunft freigekommen sind, unsere fünf
Sinne als Helfershelfer, um sichtbar zu sündigen. Darin besteht der
Fall. Dann also gibt es vorwitzige Augen, ohne daß sie innerlich vom
Geist gebunden werden; ein Ohr, welches eitle Dinge zu hören liebt,
einen verweichlichten Geruchssinn, einen unbeherrschten Mund
und Hände, welche Unstatthaftes berühren.
Dem folgt auf dem Fuß Unrecht anstelle von Gerechtigkeit, Tor-
heit statt Klugheit, Ausschweifung anstatt Selbstbeherrschung und
Knechtschaft anstelle von Tapferkeit. Denn diese vier Kardinaltugen-
den, nämlich Gerechtigkeit, Klugheit, Selbstbeherrschung und Tap-
ferkeit, leiten, wenn sie gesund sind, die drei Bereiche der Seele, Wer-
den diese drei Bereiche aber in rechter Weise gelenkt, halten sie die
Sinne von den unangebrachten Dingen fern, Und dann befindet sich
der Geist offensichtlich in der Ruhe, da seine Kräfte durch göttlichen
Einfluß gelenkt werden und gehorsam sind, und erweist sich so im
geistigen Krieg mühelos als wackerer Kämpfer, Bringt er seine Kräfte
aber aus Unachtsamkeit in Verwirrung, da er sich von den Angriffen
des Bösen überwältigen läßt, übertritt er die göttlichen Gebote. Der
Übertretung folgt nun in jedem Fall entweder entsprechende Um-
kehr oder Bestrafung in der Zukunft. Gut ist es also, wenn der Geist
stets nüchtern ist Dadurch dem Naturgemäßen zugewendet, wird er
zu einem wahren Beobachter der göttlichen Vorschriften“
19 Die Seele ist von den Geistern der Bosheit eingeschlossen und
eingeengt sowie mit Ketten der Finsternis gebunden. Sie kann wegen
der sie umgebenden Finsternis nicht beten, wie sie will; wird sie doch
im verborgenen gefesselt,
Philotheos der Sinait
da sie blind ist mit ihren inneren Augen. Wenn sie nun beginnt, zu
Gott zu beten und durch das Gebet nüchtern zu sein, dann wird sie
durch das Gebet von der Finsternis befreit werden. Anders ist nämlich
ihre Befreiung nicht möglich. Denn dann vermag die Seele zu erken-
nen, daß im Innern des Herzens zum einen ein Ringen, zum anderen
verborgener Widerstand und schließlich ein Krieg mit den Gedanken
der Geister der Bosheit stattfindet, wie auch die heiligen Schriften be-
zeugen, Es heißt ja: „Wenn der Geist des Mächtigen über dich kommt,
dann verlasse deinen Platz nicht“ 44 Der Platz des Geistes aber ist sein
festes Stehen in der Tugend sowie die Nüchternheit. Man kann ja in
der Tugend oder in der Schlechtigkeit stehen. Es heißt nämlich: „Selig
der Mann, der nicht dem Rat der Frevler gefolgt und nicht auf den
Weg der Sünder trat“ 45 Und der Apostel sagt: „So steht also, eure Len-
den umgürtet mit der Wahrheit“46
44. Koh 10,4ab (G) 45. Ps 1,1 (bcs G) 46. Erh 6,14a
47. Vgl. Joh 5, 13bc 48. Vgl 1.Joh 1,1e 49. Vgl Ps 33(34)9a
Über die Nüchternheit
Zu alledem aber- oder auch vor allem - wollen wir ihm ohne Beden-
ken glauben in dem, was er sagt, seine Fürsorge, die sich auf uns er-
streckt, Tag für Tag erwarten und sie, wie sie auch kommt, dankbar,
freudig und bereitwillig aufnehmen. So sollen wir lernen, auf Gott
allein zu blicken, der das All mit göttlichen Worten der Weisheit re-
giert Wenn wir dies alles tun, dann sind wir nicht irgendwo weit weg
von Gott Denn die Frömmigkeit ist unvollendete Vollkommenheit,
wie einer der Gott-tragenden und im Geiste vollkommenen Männer
gesagt hat.
In ihnen findet sich, wie ich meine, kein Funke der auferbauenden
Liebe51 Wer sich aber den Tod vor Augen hält und seiner eingedenk
ist, erblickt die Angriffe der Dämonen schneller als jener, um den es
anders steht, und darum schlägt er sie zurück und vereitelt sie.
Gerade darum hat unser Herr“ Jesus Christus gesagt: „Das Himmel-
reich ist in euch“ 59 und damit gezeigt, daß die Gottheit im Innern
des Herzens weilt.
Je mehr sie hingegen ißt, desto mehr leidet sie wiederum Hunger Die-
ses Licht zieht den Geist an wie die Sonne die Augen; da man es nicht
darlegen kann, behaupte ich nicht, es würde (von mir) erklärt; viel-
mehr heißt mich die Erfahrung eines solchen, der es erlebt hat - oder,
um es treffender zu sagen, der (von ihm) verwundet worden ist -, zu
schweigen, doch auf das Drängen des Geistes hin zu schwelgen, in-
dem ich ausspreche, worüber (der Apostel) spricht: „Strebt mit allen
Menschen nach Frieden sowie nach Heiligung, ohne die niemand den
Herrn schauen wird.“ 60 Um des Erwerbs von Liebe und Reinheit wil-
len ist hier nämlich von Frieden und Heiligung die Rede.
61 Vgl Mt 8.24-26
Über die Nüchternheit
sind sie fast dem feurigen Wagen des Elias gleich, da sie denjenigen,
welcher an ihnen Anteil hat, zur Höhe des Himmels erheben. 62 Und
was sage ich? Das selige Herz dessen, der die Nüchternheit vollbringt
oder zu vollbringen bemüht ist, ist nämlich zu einem geistigen Him-
mel mit Sonne, Mond und Sternen geworden, es wird zum Aufent-
haltsort des unfaßbaren Gottes durch die mystische Beschauung und
Erhebung. Wer also von der göttlichen Tugend Kunde erhält, der soll
sich dazu entschließen, zusammen mit der Einwirkung des Herrn und
mit Bereitwilligkeit die Worte zu Taten werden zu lassen.
Zudem züchtige deine Seele mit dem Gedanken an den Tod. Mit dem
Gedenken Jesu Christi sammle deinen Geist, wenn er zerstreut ist
In der Nacht nämlich ist der Geist gewöhnlich klarer für strahlende
Schauungen Gottes und der göttlichen Dinge.
62 Vgl. 2Kön2,11
Philotheos der Sinait
28 Weisen wir nicht die Mühen auch der leiblichen Askese von
uns! Aus der Erde nämlich sprießt Getreide, aus jenen aber geistli-
che Freude und Erfahrung von Glück. Lassen wir aber das Gewissen
nicht unberücksichtigt, wenn es uns das Heilsame und zu Vollbrin-
gende mitteilt sowie das Erforderliche und Geschuldete unaufhörlich
sagt vor allem, wenn es etwa durch wirksame, tätige und feinsinnige
Nüchternheit des Geistes gereinigt wird. Es tut dann nämlich seine
scharfsichtigen Urteile infolge seiner Reinheit gewöhnlich passend
und unzweifelhaft kund. Darum dürfen wir es also nicht unberück-
sichtigt lassen; kündet es uns doch im Innern das Leben, welches Gott
gefällt, und überführt die Seele in schroffer Weise, wenn sie in ihrem
Sinn einmal durch Sünden getrübt worden ist. Es zeigt von neuem die
Berichtigung des Fehlers auf, indem es das Herz nach seiner Verfeh-
lung zur Umkehr mahnt und ihm dabei das Heilmittel mit angeneh-
mem Ratschlag vor Augen hält.
29 Steigt vom Holz Rauch auf, wird er lästig für die Augen, doch
läßt er ihnen Licht sichtbar werden und erfreut jene, die er zuvor be-
trübt hat. Auch die Aufmerksamkeit verursacht Beschwerde, wenn
sie unaufhörlich um sich blickt. Ist aber Jesus - im Gebet gerufen -
herbeigekommen, erleuchtet er das Herz. Sein Gedenken nämlich
gewährt zugleich mit der Erleuchtung das Beste aller Güter.
welcher nach dem Bild Gottes geschaffen ist, 64 auf dem Bauch kriecht.
65
Darum spricht Gott: „Feindschaft will ich setzen zwischen dich und
ihn. 66 Aus diesem Grund müssen wir uns stets nach Gott sehnen,
damit wir dadurch unverwundet von den brennenden Pfeilen des
Teufels 67 einenjeden Tag durchlaufen, „Ich will ihn schützen,“ heißt
es, „weil er meinen Namen kennt“ 69 sowie: „Doch nahe ist sein Heil
denen, die ihn fürchten.
Doch unser Herr Jesus Christus sagte, als er über verschiedene Gesin-
nungen der Hörer der Worte des Evangeliums sprach: „Dann kommt
der Teufel und nimmt das Wort aus dem Herzen,“ - indem er den
Raub offensichtlich durch verruchtes Vergessen durchführt - „damit
sie nicht glauben und gerettet werden.“ 74
Und wiederum der Apostel: „Denn ich freue mich dem inneren
Menschen nach am Gesetz Gottes; doch sehe ich ein anderes Ge-
setz, welches dem Gesetz meines Geistes widerstreitet und mich
gefangennimmt.“75 Sie haben dies aber gesprochen, um uns zu beleh-
ren und uns kundzutun, was verborgen ist.
Und wiederum: „Ich laufe so, daß ich nicht ins Ungewisse renne; ich
führe so den Faustkampf, daß ich keine Lufthiebe setze. Vielmehr miß-
handle ich meinen Leib und unterwerfe ihn, damit ich nicht, indem
ich anderen predige, selbst untauglich werde.“ 78 Weißt du (nun), wie
sehr die Demut zugleich auch ein Wettlauf um die Tugend ist? Siehst
du, wie die Demut des heiligen Paulus geartet ist, eines so bedeuten-
den und betagten Mannes? „Christus“, so sagt er, „kam in die Welt, die
Sünder zu retten, deren erster ich bin.“79 Es ist also notwendig, daß wir
uns verdemütigen, sofern wir die Armseligkeit der Natur besitzen.
Denn was ist armseliger als Lehm? Und wir müssen uns an Gott er-
innern, da wir ja aus diesem Grund geschaffen wurden . Aber auch
Enthaltsamkeit müssen wir üben, damit wir unbeschwert in unse-
rem Herrn dahinlaufen.
33 Unmöglich ist es, daß jemand, der sich bösen Gedanken hinge-
geben hat, sich dem inneren Menschen nach von Sünden rein hält.
Und nicht möglich ist es, daß man, wenn man die bösen Gedanken
nicht mit der Wurzel aus dem Herzen ausreißt, diese nicht zu bösen
Werken werden läßt. Die Ursache für den ehebrecherischen Blick be-
steht darin, daß das innere Auge buhlt und verfinstert wird; und die
Ursache für den Wunsch, Schandbares zu hören, darin, daß man mit
den Ohren der Seele auf die schändlichen Dämonen hört, welche sich
im Innern befinden, (und man darauf achtet,) was sie zu unserem
Schaden zischeln.
Wir müssen uns also im Herrn innerlich und äußerlich reinigen, und
ein jeder von uns muß seine Sinne beobachten und sein tägliches Le-
ben von leidenschaftlichen und sündhaften Taten reinigen. Und ganz
so, wie wir ehedem, als wir uns in unserer Unwissenheit in der Ei-
telkeit unseres Geistes in der Welt aufhielten, mit unserem ganzen
Geist und unseren Sinnen der Täuschung der Sünde dienstbar waren,
so müssen wir dagegen (jetzt), zum gottgefälligen Leben bekehrt, mit
unserem ganzen Geist und unseren Sinnen dem lebendigen und wah-
ren Gott dienen, 80 der Gerechtigkeit Gottes und seinem Willen.
Zustimmung jedoch liegt dann vor, wenn sich die Seele voller Vergnü-
gen dem Erblickten zuneigt. Gefangenschaft hingegen ist das gewalt-
same und unfreiwillige Wegführen des Herzens oder das beharrliche
Zusammensein mit dem eben Aufgetretenen, welches zudem unse-
ren vortrefflichen Zustand verschwinden läßt. Als Leidenschaft aber
bezeichnen die Väter im eigentlichen Sinn, was sich lange Zeit in lei-
denschaftlicher Weise in der Seele einnistet. Von alledem ist das erste
frei von Sünde, das zweite nicht unbedingt; beim dritten richtet sich
dies nach dem Zustand des Streitenden. Der Kampf aber ist die Ursa-
che entweder von Kränzen oder von Strafen.
36 Denn die Gefangenschaft verhält sich anders zur Zeit des Ge-
betes und anders, wenn man nicht betet. Die Leidenschaft aber ist
unstreitig entweder der entsprechenden Umkehr oder der zukünfti-
gen Strafe unterworfen. Wer also dem ersten, d. h. der Einflüsterung,
Widerstand leistet oder sie frei von Leidenschaft in Erwägung zieht,
hat alles Schandbare mit einem Mal abgeschnitten.
Über die Nüchternheit
37 Viele unter den Mönchen kennen nicht die Täuschung des Geis-
tes, welche er von seiten der Dämonen erduldet. Sie widmen sich dem
praktischen Tugendleben, ohne sich um ihren Geist zu kümmern,
denn sie sind einfältig und einfach. Sie durchfahren das Leben, wie
ich meine, ohne die Reinheit des Herzens gekostet zu haben; kennen
sie doch in keiner Weise die Finsternis der Leidenschaften, welche
sich im Innern befinden, So beurteilen denn alle, die den Kampf nicht
kennen, von welchem Paulus spricht 82 - sind sie doch wahrschein-
lich auch nicht vom Guten aus Erfahrung geprägt worden -, einzig
die Tatsünden als Vergehen, ohne die gedanklichen Niederlagen und
Siege in Rechnung zu stellen.
Sieht diese ja von Natur aus auch kein Auge, da sie geheim sind und
allein von Gott, dem Kampfrichter, und vom Gewissen des Streiten-
den erkannt werden. An sie ist meiner Meinung nach jenes Schrift-
wort gerichtet:
83 Ez 13,10a(G)
Über die Nüchternheit