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Die Suche nach den Narben der Kindheit

Anna Katharina Braun erforscht an Ratten, wie Gefühle das Gehirn formen. Schon wollen Lehrer und Psychologen die Erkenntnisse nutzen

VON Annette Lessmoellmann | 31. Oktober 2002 - 13:00 Uhr

Niedlich sind sie, diese Strauchratten. "Rättchen", sagt Anna Katharina Braun zu ihnen. Sie ist im Hessischen aufgewachsen und hat eine Vorliebe für Verkleinerungsformen. Die Tiere tollen munter durch den Käfig in der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität, und die Verhaltensbiologin schaut lächelnd zu. Manchmal schaut sie allerdings ein wenig nachdenklich drein.

Denkt sie daran, dass sie ihren "Rättchen" das Gehirn herausnehmen muss, wenn sie Erkenntnisse sammeln will?

Die hamsterähnlichen Nager mit den großen Ohren sind ein Tiermodell für soziales Verhalten. Sie teilen viele Eigenschaften mit dem Menschen: Sie leben in Gemeinschaften und verständigen sich mit Lauten. "Auch der Mensch", sagt Braun, "ist ein vokales Tier." Erwachsene Strauchratten gehen monogame Beziehungen ein und kümmern sich gemeinsam um den Nachwuchs. Die Kleinen können von Geburt an sehen, riechen und hören. Anders als typische Labortiere, zum Beispiel Mäuse, "kriegen sie von Anfang an alles mit - genauso wie die Menschenkinder".

Und da setzt Anna Katharina Brauns Neugierde an. Sie will herausfinden, wie frühe emotionale Erfahrungen das kindliche Gehirn beeinflussen. Die kleine Strauchratte hört die Fiepser ihrer Eltern, spürt ihre Wärme und weiß: Hier bin ich sicher. Sie lernt sehr schnell, wer ihre Eltern sind, und dieses Lernen ist mit guten Gefühlen verbunden. "Filialprägung" nannte es der Verhaltensforscher Konrad Lorenz , wenn sich tief in den Gefühlshaushalt des Tieres eingräbt, bei wem es geborgen ist. "Prägung" deshalb, weil dieser Vorgang kaum mehr rückgängig zu machen ist.

Aber welche Spuren hinterlässt dieser Prägungsvorgang im Gehirn? Anna Katharina Braun will beweisen, was der Alltagsverstand längst zu wissen glaubt: dass frühe traumatische Erfahrungen das Verhalten eines Menschen sein ganzes Leben lang beeinflussen können. In der klinischen Psychologie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Verdacht geäußert, dass solche Traumata "Narben" im Gehirn hinterlassen. Damit war der Schritt getan von der Verhaltensforschung zur Hirnbiologie. Den Einfluss der Umwelt auf die Entwicklung des Gehirns haben die Amerikaner David Krech und David Rosenzweig von der University of California in Berkeley in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an Ratten nachgewiesen: Eine attraktive Umwelt und soziale Interaktion lassen die Verschaltungen

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zwischen den Neuronen der Großhirnrinde sprießen. Ödnis und Isolation hemmen die Entwicklung der Hirnrinde.

Ihre Methode sei "ein bisschen hart", sagt Braun mit der für sie typischen Mischung aus Pragmatismus und Mitgefühl. Systematisch wird die Beziehung zwischen Eltern und Kind unterbrochen und gestört. Denn kaum sind die Rattenkinder auf der Welt, schlägt das Schicksal in Form einer gummibehandschuhten Hand zu und setzt sie in ein Kistchen:

dreimal täglich für eine Stunde Isolationshaft. Dort "schmoren sie dann", hören und riechen ihre Anverwandten, aber sehen sie nicht - jeglicher Kontakt ist unterbunden.

"Das ist Stress für die Tiere", sagt Anna Katharina Braun - die solche Experimente nicht ungern auch einmal ihren Mitarbeitern überlässt. Und tatsächlich: Die Vernachlässigung wirkt sich auf das Gehirn aus. Anders als Krech und Rosenzweig vor mehr als dreißig Jahren konzentrierte sich Braun bei ihren Untersuchungen nicht auf die Hirnrinde, sondern auf das limbische System tief im Innern des Gehirns. Bei den "deprivierten Rättchen" fand sie Veränderungen in dieser Hirnregion, die für Emotionen, Lernen und Gedächtnis zuständig ist. Die Gehirnzellen der isolierten Tiere waren in dieser Region viel intensiver verschaltet als bei Artgenossen, die ungestört in ihrer Familie aufwuchsen.

Ein auf den ersten Blick verwirrender und den Daten von Krech und Rosenzweig widersprechender Befund. Schließlich hatten die vernachlässigten Tiere weniger Reize von außen zu verarbeiten und deswegen auch weniger Verschaltungen zwischen Zellen zu knüpfen. Aber zur Hirnentwicklung gehört nicht nur, dass Verbindungen geschaffen und durch Reizverarbeitung verstärkt werden, sondern auch, dass sie reduziert werden.

Das sei wie bei einem Bildhauer, der etwas wegschlagen müsse, damit sich aus der rohen Steinmasse ein Kunstwerk schälen kann, erklärt Braun: "Auch das Gehirn ist ein solches Kunstwerk, und wenn zu viele Verknüpfungen bestehen bleiben, dann rauscht es wie bei einer übersteuerten Stereoanlage." Auch bei Schizophreniepatienten habe man festgestellt, dass sie zu viele Synapsen haben.

Aber nicht nur die Synapsenzahl gerät bei den gestressten Rattenkindern aus dem Gleichgewicht, auch die Chemie zwischen den Zellen ist gestört. So genannte Neurotransmitter übertragen ein Signal von einer Zelle in die nächste. Wenn es dabei um Gefühle geht, dann tritt vor allem der Transmitter Dopamin auf den Plan - ein Stoff, der offenbar für intensive Emotionen zuständig ist. Braun hat einen Versuch durchgeführt, bei dem die kleinen Strauchratten vom achten Lebenstag an zweimal täglich einzeln für drei Minuten aus dem Elternnest herausgenommen wurden und das drei Tage hintereinander - eine "relativ milde Deprivationssituation" also. Eine andere Gruppe wurde genauso behandelt, allerdings konnten sie während dieser Zeit ihre Mutter hören. Braun fand, dass bei der ersten Gruppe auch einige Tage nach der Vernachlässigung noch wesentlich mehr Dopamin fließt als bei Tieren, die behütet aufwachsen: "Dass selbst so kleine Störungen derartige Auswirkungen haben, hat uns überrascht." Überraschend war auch, dass von den

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Tieren, die in der Einsamkeit ihre Mutter hören konnten, sich nur die Weibchen von der Stimme beruhigen ließen

bei ihnen wurde der Dopamin-Ausstoß heruntergeregelt. Die männlichen Strauchratten aber blieben untröstlich, trotz Mutters Stimme. Woran das liegt, weiß Anna Katharina Braun noch nicht

eine ihrer Studentinnen erforscht das Phänomen derzeit. Der wichtige Befund für Braun ist:

Emotionale Vernachlässigung verändert das Gehirn nachweisbar.

Und was heißt das für den Menschen? "Das heißt", sagt Braun, "dass ich den Frust vieler klinischer Psychologen gut verstehen kann." Viele psychische Erkrankungen sind mit Gesprächstherapien nicht zu behandeln. Medikamente stellen den Patienten zwar ruhig, heilen ihn aber nicht. Wenn man genau wüsste, was in den Hirnen vernachlässigter Kinder abläuft und was davon der Mensch bis ins Erwachsenenalter mitnimmt, wenn klar wäre, welche Fehlschaltung im Gehirn dazu führt, dass der ausgewachsene Mensch, irgendwann, urplötzlich, psychisch krank wird - "vielleicht kann man da ja doch irgendwann eingreifen und das Gehirn wieder auf normal drehen"? Anna Katharina Braun gerät ins Träumen. "Schreiben Sie das lieber nicht, das sind Utopien!"

Ebendie Utopien sind es, die ihre Arbeit antreiben. Viele kleine neurobiologische Ergebnisse in internationalen Fachjournalen publizieren, das ist ihr nicht genug. Anna Katharina Braun geht es um die Vision. Und diese Vision fasziniert auch andere. Manchmal mehr, als der Biologin lieb ist. "Die Psychologen rennen mir die Bude ein", sagt sie, und auch immer mehr Lehrer wollten ganz genau wissen, wie das denn sei mit dem Gehirn, wie man es pädagogisch formen und prägen könne.

"Ich habe ja auch mal auf Lehramt studiert", sagt Braun und dreht vielsagend die Augen zur Decke. Desillusionierend fand sie das, denn: "Was kann ein Lehrer eigentlich bewirken?" Nach drei Wochen Referendariat ging sie zurück in die Verhaltensforschung.

Aber das Verhalten alleine reichte ihr nicht mehr, irgendwann wolle man ja auch "ins Hirn schauen" und sehen, was das Verhalten dort anrichtet. Der Forschungsansatz ist nicht neu. Doch mit ihrem Wunsch nach Einblicken liegt Anna Katharina Braun voll im Trend. Verzweifelte Pädagogen haben die Hirnforschung entdeckt. Wann sollen sie was lehren? Mit welcher Methode? Wie weit reicht Erziehung? Die Frage, was im Kopf ihrer Sprösslinge vorgeht, nehmen Eltern immer öfter wörtlich. Das Feld der "Neurodidaktik" boomt.

Anna Katharina Braun hat schon das nächste Forschungsziel im Blick: Wie verhalten sich erwachsene Tiere, die als Kinder vernachlässigt wurden? Braun hat ausgewachsene Ratten in einer unbekannten Umgebung ausgesetzt, die sie nach Belieben auskundschaften konnten. Ergebnis: "Die deprivierten Rättchen liefen viel hektischer herum als die normalen." Sie verhalten sich hyperaktiv.

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Hyperaktiv? Das klingt in manchen Ohren nach ADS, dem Aufmerksamkeits-Defizit- Syndrom, das Kinder zu Zappelphilipps werden lässt und Eltern zur Verzweiflung treibt. Gibt es eine hirnphysiologische Erklärung? Eine ursächliche Therapie? Braun kann da nur beschwichtigend die Hände heben. So weit ist man noch lange nicht - auch wenn es verlockend klingt. Noch ist das erst mal einfach nur ein Befund. Ein Rättchen-Befund.