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KULTUR

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Mensch, das Hirn

VON Ulf von Rauchhaupt | 26. Juli 2001 - 14:00 Uhr

Detlef Linke: Einsteins Doppelgänger - Das Gehirn und sein Ich

C. H. Beck Verlag , München 2000

158 S., 28,- DM

Was macht den Menschen zum Menschen? Die meisten Zeitgenossen dürften die Antwort auf diese Frage in jenem Kilo grauweißer Substanz in unserer Schädelkapsel suchen. Detlef Linke, Hirnforscher und Neurophysiologe an der Universität Bonn , möchte uns das gar nicht ausreden. In seiner eigenwilligen Essaysammlung Einsteins Doppelgänger bürstet er den gängigen neuronalen Materialismus allerdings etwas gegen den Strich. So wird etwa deutlich, dass unsere Persönlichkeit, unser Ich, sich kaum ohne die restlichen ein bis zwei Zentner Zellgewebe des menschlichen Körpers denken lässt. An diesem Sachverhalt aber, so stellt Linke fest, läuft die gegenwärtige Bioethikdebatte konsequent vorbei - was freilich auch daran liegt, dass uns Eingriffe wie etwa Kopftransplantationen erst noch bevorstehen. Doch auch dazu wird es bald kommen - da ist Linke Prophet und erlaubt sich unsentimentale Warnungen: "Mit dem Argument, es handele sich bei den meisten biotechnischen Szenarien um bloße Science-fiction, wird verhindert, daß ethische Diskussionen rechtzeitig stattfinden."

Dabei mutet Linke seinen Lesern einiges zu - leider mitunter auch stilistisch. Nun kann assoziatives Argumentieren ja durchaus anregend sein.

Doch im mittleren Teil seines Buches wird es manchmal ärgerlich. Den scheint Linke überhaupt nicht für Laien - oder gar Ungläubige - auf dem Gebiet der Psychoanalyse gedacht zu haben. Das ist schade, denn dort geht es um jenes spannende Grenzgebiet zwischen kontinentaleuropäischer Psychologie und moderner Hirnforschung, das Linke "Neuropsychoanalyse" nennt.

Zum Glück sind diese hermetischen Exkurse keine Voraussetzung für die Lektüre der übrigen Essays. Vor allem im letzten Drittel des Buches hat Linke nämlich viel Bedenkenswertes zu sagen - gerade auch zu den bioethischen Aporien der Gegenwart. Sein Denkstil bleibt dort angenehm sokratisch: fragend und auf Widersprüche hinweisend. Was an Antworten angeboten wird, ist dagegen nicht immer konsistent. So polemisiert Linke einerseits gegen eine transzendental argumentierende, "formalisierende" Ethik, kommt andererseits in seiner Verteidigung der Menschenwürde an keiner Stelle über Kant hinaus. Vielleicht muss er das auch gar nicht. Kant rettete vor 200 Jahren unser - sehr viel älteres - Menschenbild vor dem Rationalismus des heraufdämmernden naturwissenschaftlichen Zeitalters. Wenn dieses Menschenbild heute wieder in Gefahr ist, wird man es erneut auf einen Begriff bringen müssen, der es - so irreduzibel, wie es eben ist - in die Cyborg-Zukuft

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weitertransportiert. Auf dass wir, wie Linke sich ausdrückt, "auf jeden Fall mit Anstand in die neue Welt treten".

COPYRIGHT: DIE ZEIT, 31/2001 ADRESSE: http://www.zeit.de/2001/31/Mensch_das_Hirn