Sie sind auf Seite 1von 5
WISSEN

WISSEN

Die neue Macht des Auges

VON Gero von Randow | 31. März 1995 - 14:00 Uhr

Wissen existiert in drei Formen: Sätze, Ziffern, Bilder. Angenommen, es gelänge, eine Statistik der Speicherbelegung in sämtlichen von Wissenschaftlern benutzten Computern anzufertigen - welche Dateien würden wohl den größten und am schnellsten wachsenden Raum einnehmen? Die Bilder natürlich.

Mit ungeahnter Macht treten sie neben die beiden anderen Existenzformen des Wissens. Aufnahmen des Weltraums und der Erdoberfläche, der biologischen und physikalischen Mikrowelten oder des Gehirns vermitteln neue Erkenntnis. In Trickfilme umgesetzte Computersimulationen von Verbrennungsvorgängen, Ozonlöchern oder Supernovae erwecken den Eindruck, sie stellten die Realität selbst dar. Symbolisierte Schalter, Schieberegler und Druckknöpfe, wie sie die Bildschirme uns vorführen, versetzen den Computerbenutzer in ein dem Alltag nachgebildetes Technorama, das sich mit leichter Hand bedienen läßt, obwohl die graphische Benutzeroberfläche mit dem Rechner nicht mehr gemein hat als das Innenleben eines Lamborghinis mit seiner schicken Karosserie.

Was bedeutet das für die Wissenschaft, für die Bildung, für das Weltbild? Was ist überhaupt ein gutes Bild? Welche Methoden der Bildverarbeitung und des Speicherns, der Analyse und Darstellung müssen in Zukunft vorrangig erkundet werden? Wie weit erstrecken sich die mathematischen Grundlagen wie Fourier-Optik, binäre Morphologie, Statistik, worin sollten die Beiträge von Informatik und Psychologie zur Bilderwelt der Zukunft bestehen? Welche Irrtümer, welche Manipulationen werden möglich, und vor allem: welches neue Verhältnis von Wissen und Macht wird die Bilderwelt mit sich bringen, die derzeit über das Internet heraufzieht? Mit genau solchen Fragen beschäftigt sich ein neu entstehender Wissenschaftszweig. Seine Pioniere in den Vereinigten Staaten nennen ihn imaging science. Wir könnten ihn vielleicht Visualistik nennen oder Abbildungswissenschaft.

Die Wissenschaftshistoriker, nach der Rolle des Bildes für die Forschung befragt, konstatieren einen seltsamen Widerspruch. Seit der Antike von Plato bis Plinius mißtrauen Europas Gelehrte dem Bild. Sie sind misovisuell, sehfeindlich, und ehren nur das Wort und die Zahl: Dem Philosophen ist der Begriff das Höchste; dem Naturwissenschaftler wird gemeinhin das Geschäft mit Quantitäten zugewiesen. Jahrtausendelang wurden Wort und Zahl bevorzugt durch die Technik unterstützt: mit Schrift, Druck, Rechenhilfen.

Und doch wurden die neuzeitlichen Wissensfortschritte kräftig durch bildgebende Verfahren angestoßen.

Zuerst durch die Malerei der Renaissance. Sie zeigte die Details der Natur, bildete die Dreidimensionalität perspektivisch ab, verwissenschaftlichte damit die Beobachtung von Mensch und Welt, von Anatomie und Natur. Im 16. Jahrhundert trieb Georgius Agricola

WISSEN

WISSEN

die Verfahren des technischen Zeichnens voran. Später schlossen kartesische Koordinaten Bild und Zahl zu höchster Effizienz zusammen. Noch viel dramatischer befeuerten die ersten Sehtechniken, nämlich Mikroskope und Teleskope, und schließlich die Entdeckung der Röntgenstrahlen die Wissensproduktion. Wie ein Treibsatz wirkte die Photographie, die beispielsweise in ihren Sonderformen wie astronomische Langzeitphotographie und biometrische Kurzzeitphotographie bis dahin Unsichtbares dem Auge zugänglich machte, von fernen Galaxien bis zum Geheimnis des Pferdegalopps.

Autoren aus der "SSK" genannten Denkschule, der einflußreichen sociology of scientific knowledge, wiesen in den vergangenen Jahren nach, daß die Visualisierung oftmals zur Mehrheitsbildung, Begriffsherrschaft, Forschungsprogrammierung und damit zur Formation von Wissenschaftslinien beitrug - in der Geologie etwa, in der Medizin oder der modernen Immunologie, wie sie von Paul Ehrlich mit seinen anschaulichen Bildern vom Funktionieren der Antikörper nach der Methode "Schlüssel-und- Schloß" begrü ndet wurde. Unvermeidlich wurde an der Verbildlichung der Wissenschaft immer wieder Kritik geübt, doch sie war nicht selten bloß vorgeschoben wie im Fall von Ehrlichs Kontrahenten, die seine anschaulichen Bilder als "kindisch" bezeichneten. Durchgesetzt haben sie sich trotzdem.

Das heutige Wissen wird vielfach durch Techniken gespeist, die dem Forscher erst vor Augen führen, was er ohne Hilfsmittel nicht zu sehen vermag, weil es zu klein oder zu groß ist, zu weit weg, zu schnell oder zu langsam, durchsichtig oder von anderen Objekten verdeckt. Bildtechniken nutzen das gesamte elektromagnetische Spektrum, beuten Länge, Amplitude und Phase der Wellen aus, horchen akustische Schwingungen ab oder setzen Teilchenstrahlen ein, um ihren Objekten Informationen zu entlocken. Chemische und physikalische Kräfte, die zwischen Objektoberflächen und molekülwinzigen Nadelspitzen auftreten, sie dienen heute ebenso zur Konstruktion von Abbildungen wie die Verfahren, die Objekte mit picosekundenkurzen Laserpulsen reizen, um sie zu aufschlußgebendem Verhalten zu verführen.

Seit Röntgens Entdeckung vor hundert Jahren sprudeln die Quellen für Bildinformationen immer üppiger. Und in den vergangenen Jahrzehnten entstand der Forschung ein mächtiges Instrument, um Daten zu Bildern zu fügen: der Computer.

In seinem Innern arbeitet der Rechner nicht mit Bildern, sondern mit Ketten von Zahlen. Wie sich der Wert jeder Ware unterschiedslos in Geld ausdrücken läßt, so ist dem Computer jedes Bild nur eine einzige Parade von Nullen und Einsen. Just das ist seine Stärke, denn mit formalen Operationen auf diesen Zahlen lassen sich Bilder beliebig verändern: komprimieren beispielsweise, auch analysieren, arrangieren, präsentieren. Dem Computer ist es gleichgültig, ob die Zahlenkette das Bild eines Licht- oder Elektronenmikroskops codiert, eine Röntgenaufnahme oder ein Kernspinresonanzbild. Damit wird es möglich, Bilder unterschiedlicher Herkunft miteinander zu vergleichen und zu vermischen.

WISSEN

WISSEN

Das Grundmuster der heutigen Bildtechnik lieferte bereits das Fernsehen. Denn im Innern der Geräte rast ein rasternder Strahl, und jeder Bildpunkt ist der Manipulation zugänglich. Es stimmt schon, wir leben im Fernseh- und Videozeitalter, doch das umschließt nicht nur den Konsum bewegter Bilder: Wir erleben eine Zeit der Bildmanipulation, Punkt für Punkt.

In diesem Metier bewegen sich Virusforscher und Astrophysiker, Geologen und Materialforscher, Chiptechniker und Gerichtsmediziner. Nicht selten arbeiten sie mit ähnlicher oder gar derselben Mathematik, Informatik und Computerhardware - etwa, wenn sie wie in der Hirnforschung und der Fernerkundung Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammenrechnen; wenn sie wie in der Elektronenmikroskopie aus vielen schlechten Teilbildern ein gutes stricken; wenn sie es mit Symmetrieannahmen vervollständigen, störende Oszillationen herausrechnen oder Kanten zwischen Hell und Dunkel verstärken; wenn sie abwägen müssen zw ischen Auflösung und Vergrößerung. Viele ihrer Probleme sind miteinander eng verwandt, weshalb es tatsächlich an der Zeit ist, die gemeinsame Wissenschaftsbasis zu festigen.

Die Universität von Chicago hat ein Center for Imaging Science eingerichtet, am Institute of Technology in Rochester ist es möglich, in dieser Disziplin zu promovieren. Der American Association for the Advancement of Science (AAAS), der größten Wissenschaftlerorganisation der Welt, war die neue imaging science auf ihrer Jahrestagung im vergangenen Februar gar ein zweitägiges Seminar wert; nur wenigen anderen Themen räumte sie auf ihrer Mammutkonferenz in Atlanta so viel Platz ein.

Robert N. Beck, der Direktor des Chicagoer Visualistik-Zentrums, vergleicht den heutigen Stand der imaging science mit dem Anfangsstadium der Informatik vor vierzig Jahren. Damals waren die Rechner zwar bereits in die Wissenschaft eingezogen, aber niemand bezeichnete sich als Computerwissenschaftler. Viele Forscher meinten, der Rechner sei zwar Instrument, nicht aber Gegenstand der Forschung. Ohnehin, glaubt Beck, ähnele imaging science der computer science in mancherlei Hinsicht: Beide haben mathematische Grundlagen und gründen auf fortgeschrittener Technik, beide haben einen konstruktiven Ansatz, indem sie neue Methoden und Architekturen entwerfen. Und beide weisen über die reine Technizität hinaus, sind zugleich Wissenschaften des Umgangs mit Artefakten, seien es nun programmierbare Maschinen oder die Bilder, die sich der Mensch von der Welt macht.

Zu den typischen, viele Wissenschaftszweige vereinenden Fragen gehört etwa, wie die in einem Bild enthaltene Information zu ermitteln ist. Dafür gibt es viele Verfahren. Der Computer kann geometrische Figuren, Wiederholungen, fraktale Selbstähnlichkeiten, Symmetrien herausfinden. Aber was bedeuten diese Signale? Oft ist es besonders wichtig, wirkliche Bildinformationen von künstlichen zu unterscheiden: Manch eine mit Aplomb publizierte Struktur, gefunden auf Bildern aus Satelliten, Teleskopen, Mikroskopen oder anderen Aufnahmegeräten, erwies sich später als bloße Störung oder Gerätefehler.

WISSEN

WISSEN

Das nächste Problem ist die Speicherung und Übertragung. Wie soll die Flut bewältigt werden, die sich aus Erdbeobachtungssatelliten in die Empfangsschüsseln ergießt, wie der Berg an Fingerabdrücken, aufgehäuft in gewaltigen Gebäuden von FBI und Interpol, wie die ungeheuren Stapel medizinischer Aufnahmen, die im Zuge der Telemedizin die Krankenhaus- und Arztcomputer füllen werden, wie die in Wissenschaftsblättern und Internet-Rechnern wuchernde Bildermasse, die uns die räumliche Anordnung von Molekülen zeigt? Bildkompression, Bildverwaltung und nicht zuletzt Theorien der Bildvernichtung und des Bildervergessens zu entwickeln, sind drängende Forderungen an eine Technik, die alles und jedes in Pixeln präsentiert und damit zum speicherfähigen Dokument macht.

Und schließlich: die Darstellung. Nur wenige Wissenschaften wie die Geographie haben bislang die bildliche Darstellung ihres Wissens zum Gegenstand systematischer Überlegung gemacht. Welches Bild ist für welchen Gegenstand, für welchen Zweck, für welchen Betrachter geeignet, was ist wahr und was ist praktisch? Auch diese Fragen sind nicht neu, schon Galileo Galilei hat seine Mondportraits modifiziert, damit sie bestimmten Zwecken dienten: Sie sollten zeigen, daß die Mondoberfläche zerklüftet ist, und deshalb übertrieb er diesen Aspekt. War das richtig? Die US-Raumfahrtbehörde Nasa hat Radaraufnahmen und Höhenmessungen zu bunten 3-D-Computersimulationen von Flügen durch die Täler der Venus verbunden. Doch wieviel Realität steckt darin?

Der Computer ist ein viel raffinierteres Retuschierwerkzeug als der Stift oder der Pinsel. Er kann die Bildelemente unmerklich ändern, ohne daß ihr realistischer Eindruck schwindet. Der Extremfall des Pseudorealismus ist die Simulation, von der ihre Propagandisten behaupten, sie sei neben Theorie und Experiment zur dritten Säule der Wissenschaftsmethodik geworden. Das mag schon sein. Aber um so dramatischer ist es, daß es keine methodenorientierte Theorie der Simulation, geschweige denn ihrer Visualisierung gibt. Sie wäre gerade jetzt vonnöten, denn die Simulation wird schier allgegenwärtig mit der "Multimedia" genannten Bilder- und Videowelle, die über Hochgeschwindigkeitsnetze in die Computer hineinrauscht - farbenfroh, glanzvoll.

Wer weiß schon Genaues über den Informationsgehalt und die kulturellen Konnotationen von Farbdarstellungen? Die Kartographen immerhin. Sie berichten vom Widerspruch zwischen der dekorativen und der funktionalen Rolle von Farben, von irreführenden Farbverläufen und von optischen Täuschungen. Doch ihr Wissen ist bei anderen Disziplinen kaum gefragt, und Mikroskopiker, Satelliten-Fernerkundler, Materialforscher färben ihre Computerbilder munter ein, als zählte bei Farben nur die Tatsache, daß sie sich auffällig voneinander unterscheiden.

Was für Farben gilt, das gilt nicht minder für 3-D-Darstellungen, für interaktive Bildschirmoberflächen oder für virtual reality: Die computerisierten Präsentationsmodi sind beeindruckend, ihre theoretische Durchdringung ist dürftig.

WISSEN

WISSEN

In der Tat, wir brauchen eine Visualistik. Wenn die Wissensbilder der Zukunft unser Weltbild beeinflussen, dann muß das Wissen über die Verbildlichung vermehrt und auf seriöse Basis gestellt werden. In Zukunft wird der kritische Umgang mit visueller Information eine Haupteigenschaft menschlicher Intelligenz sein. Die Visualistik muß sich damit beschäftigen, wie die Erziehung zu dieser Fähigkeit in den Bildungskanon eingebaut werden kann und auch jene zu ihrem Recht und Wissen kommen, deren Fähigkeit eher auf akustischem oder haptischem Gebiet liegt. Es mag ja noch Zukunftsmusik sein, doch es gibt kein prinzipielles Argument dagegen, daß wir alles, was wir sichtbar, auch hör- oder fühlbar machen können.

So wird die Visualistik vielleicht der Prototyp einer umfassenderen Disziplin sein: der digitalen Darstellungskunst, mit der das Wissen in ein neues Zeitalter tritt.

COPYRIGHT: DIE ZEIT, 14/1995 ADRESSE: http://www.zeit.de/1995/14/Die_neue_Macht_des_Auges