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Der Körper denkt mit

VON Ulrich Schnabel | 05. April 1996 - 14:00 Uhr

Das Gehirn, das Hanna Damasio vor sich auf dem Bildschirm betrachtet, ist ein verwirrendes Labyrinth von verschlängeltem, zerfurchten Gewebe. "Ich kann einen ganzen Tag damit zubringen, so ein Gehirn zu betrachten", meint die Neurologin mit stiller Begeisterung.

"Es ist komplex - aber nicht unmöglich zu begreifen." Sie sollte es wissen. Seit über zwanzig Jahren beschäftigt Hanna sich mit der grauweißen Schwabbelmasse. Und zusammen mit ihrem Mann, Antonio Damasio, herrscht sie in der amerikanischen Universitätsklinik Iowa über die größte Sammlung lebender Gehirne auf der Welt.

Über zweitausend digitalisierte Denkorgane ihrer Patienten haben die Damasios in ihren Computern gespeichert. Jedes ist zusammengesetzt aus rund hundert Einzelbildern, aufgenommen in Scheiben von nur 1,6 Millimetern Abstand. Zusammengesetzt ergeben sie jeweils ein dreidimensionales, nahezu naturgetreues Abbild des Gehirns und ermöglichen den Damasios, wovon Ärzte und Hirnforscher jahrhundertelang geträumt haben: die Schaltzentrale in unserem Kopf am lebenden Menschen zu untersuchen, ohne ihm dabei auch nur ein Haar krümmen zu müssen.

"Ich kann dasselbe sehen wie bei einer Autopsie - und habe noch einige Vorteile", erklärt die Neuroanatomin. Mit Hilfe der Maus dreht Hanna Damasio das Hirn auf ihrem Monitor in verschiedene Richtungen, entfernt mit einem Klicken die äußerste Gewebeschicht und schneidet es in der Mitte durch, so daß man dessen Inneres erblickt. Dann setzt sie das Gehirn mit einem Tastendruck am Bildschirm wieder zusammen und wiederholt die "Autopsie" unter anderen Blickwinkeln.

Hanna und Antonio Damasio untersuchen nicht nur spezielle Hirnverletzungen.

Das portugiesische Ehepaar, vor über zwanzig Jahren in die Vereinigten Staaten eingewandert, versucht, das Funktionieren des Geistes zu enträtseln. Während die eher reservierte, selbstkritische Hanna dazu die Daten und gründlichen Analysen liefert, versucht ihr lebhafter, eloquenter Mann, diese zu einem umfassenden Theoriengebäude zusammenzufassen. Beide ergänzen sich ideal. Mit einem kleinen, aber kompetenten Team, in dem Neuropsychologen, Software-Experten und eine Neuroanthropologin zusammenarbeiten, hat das Hirnforscherpaar in Iowa seiner Disziplin mittlerweile eine einmalige empirische Basis verschafft.

Ihnen steht das gesamte Arsenal der modernen bildgebenden Verfahren zur Verfügung:

Computer-, Magnetresonanz- und Positronen-Emissionstomographie.

Damit lassen sich Hirnschäden noch bis zur Größe eines Millimeters sichtbar machen und der Einfluß einzelner Hirnregionen auf Verhalten oder Denkfähigkeit studieren.

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Überdies erlaubt ihnen ihr Gehirnarchiv, diese Ergebnisse mit ähnlichen Fällen aus ihrer riesigen Patientenkartei elektronisch zu vergleichen. So liefern die einzelnen, oft tragischen Fallgeschichten nach und nach die Puzzlesteine zum Verständnis des menschlichen Bewußtseins.

Einer ihrer bekanntesten "Patienten" ist Phineas Gage, ein amerikanischer Sprengmeister, der sich 1848 ein gewaltiges Loch in den Kopf schoß (ZEIT Nr. 24/1994). Als Gage eine Sprengladung mit einer Eisenstange feststampfen wollte, explodierte das Gemisch, und das drei Zentimeter dicke und ein Meter lange Eisen durchbohrte seine linke Wange, das Auge, Teile des Gehirns und durchbrach schließlich die Schädeldecke.

Doch Gage überlebte und avancierte zur medizinischen Sensation - er erholte sich relativ schnell und konnte sprechen, lernen und denken wie zuvor. Allerdings änderte sich seine Persönlichkeit.

Der Mann, der vormals als ausgesprochen zuverlässig galt, wurde verlogen, launisch und mitunter grob ausfallend.

Mehr als 140 Jahre später untersuchten die Damasios noch einmal das Gehirn von Gage, das im Anatomiemuseum der Universität Harvard ausgestellt ist. Sie simulierten die Flugbahn der Eisenstange und rekonstruierten, welche Regionen des Sprengmeistergehirns in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Der zerstörte vordere Teil des Stirnhirns, so folgerten sie, stellt offenbar so etwas wie das "moralische Zentrum" in unserem Kopf dar. Die intakt gebliebenen seitlichen Teile sind dagegen an abstrakten Denkvorgängen wie Sprache oder Rechnen beteiligt.

Antonio Damasio kann ein gutes Dutzend weiterer Patienten benennen, die ähnliche Hirnschäden wie Gage aufweisen - und sich ähnlich danebenbenehmen. In seinem Buch "Descartes' Irrtum" (List Verlag) schildert der Neurologieprofessor einige besonders dramatische Fälle und zieht daraus die Schlußfolgerung, daß die traditionellen Auffassungen über das Wesen der Rationalität nicht stimmen können.

So trennte René Descartes den mechanisch arbeitenden "Körperstoff" radikal vom ungreifbaren "Geiststoff" und schuf damit eine Vorstellung, die bis heute fortwirkt. Der cartesianische Irrtum des "körperlosen Geistes", so meint Damasio, sei unter anderem für die künstliche Trennung der westlichen Medizin von körperlichen und psychischen Krankheiten verantwortlich. Der Hirnforscher aus Iowa dagegen ist überzeugt, daß man mit dem ganzen Körper "denkt", nicht nur mit dem Gehirn.

In seinem Buch schildert Damasio das Zusammentreffen mit Elliot, einem "modernen Phineas Gage". Elliots Gehirn war durch einen Tumor teilweise zerstört - und damit auch seine Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Er konnte sich die Arbeitszeit nicht mehr einteilen, scheiterte an den einfachsten Aufgaben und ließ sich am Ende nur noch treiben.

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Dabei war Elliot offensichtlich geschickt, in guter körperlicher Verfassung und erwies sich als überdurchschnittlich intelligent.

Wie Damasio und sein Team in ausgeklügelten Tests entdeckten, waren Elliot durch seine Hirnschäden allerdings die Gefühle abhanden gekommen. Als ihm Bilder mit stark emotionalen Inhalten gezeigt wurden - beispielsweise von Opfern grauenhafter Verkehrsunfälle, von brennenden Häusern oder ertrinkenden Menschen - zeigte er keine Reaktionen. Obwohl er sich über die Bedeutung der gezeigten Bilder im klaren war, empfand er nichts mehr, er "wußte, ohne zu fühlen" - und genau aus diesem Grund war er zu vernünftigen Entscheidungen nicht mehr in der Lage.

"Die einzelnen Regionen in unserem Gehirn sind ziemlich dumm", erklärt Damasio. "Keine weiß alles. Aber jede Komponente weiß, wie sie auf einen bestimmten Stimulus reagieren muß. Das ist wie ein Stromkreis. Wird zum Beispiel ein bestimmter Nukleus in der Amygdala aktiviert, einer Region, die für Furcht und Aggression zuständig ist, dann wird dieser Stimulus an den Hypothalamus weitergegeben, dann an den Hirnstamm, und schließlich reagiert der Körper. Man wird etwa bleich, fühlt sein Herz rasen, die ganze ,Landschaft` des Körpers ändert sich. Und weil das Gehirn sehr genau beobachtet, was der Körper tut, ändert sich auch die Wahrnehmung des Gehirns - es entsteht ein Gefühl. Wir haben Tausende von solchen Kreisläufen, und alle zusammen konstruieren das, was wir Realität nennen."

Die menschliche Vernunft, so meint der 52jährige Neurologe, hänge eben nicht nur von einem Hirnzentrum ab, sondern entstehe aus dem Zusammenwirken vieler Ebenen der neuronalen Organisation.

Der Körper sei dabei direkt in die Kette der Denkvorgänge einbezogen.

Entgegen der allgemeinen Auffassung, daß "rationales Denken" sich möglichst wenig von Gefühlen leiten lassen solle, sei das Gehirn auf emotionale und körperliche Rückkopplungen angewiesen, wie etwa Elliots Krankengeschichte beweist.

Dieses Wechselspiel von Denkvorgängen, Gefühlen und körperlichen Zuständen könnte auch erklären, wie wir oft intuitiv "richtige" Entscheidungen treffen, ohne besonders nachzudenken. Antonio Damasio drückt solche Schlußfolgerungen allerdings gern vorsichtig und wissenschaftlich-korrekt aus: "Im Idealfall lenken uns Gefühle in die richtige Richtung, führen uns in einem Entscheidungsraum an den Ort, wo wir die Instrumente der Logik am besten nutzen können."

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Daniel Goleman versimpelte Damasios Erkenntnisse zu einem Bestseller über "Emotionale Intelligenz" und wurde prompt damit berühmt. Der Hirnforscher dagegen macht sich aus Golemans modischen Lebensweisheiten eher wenig. Dessen Buch hat er nicht einmal gelesen, da ihm das Thema zu oberflächlich erschien. Auch von dem Erfolgsautor Oliver Sacks und dessen paradoxen neurologischen

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Geschichten ("Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte") grenzt sich Damasio höflich, aber bestimmt ab. Sacks sei eben ein Schreiber, kein Forscher.

Die Damasios sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Unter Kollegen genießen sie dafür einen ausgezeichneten Ruf. Zwar stimmen nicht alle Antonios Theorieentwurf zu, manche bezeichnen den geistreich-spritzigen Hirnforscher gar mit respektvollem Spott als "Toscanini der Neuropsychologie" - doch die empirischen Daten, die er und seine Frau zusammentragen, werden auch von Kritikern gelobt. Die experimentellen Analysen und der kürzlich von Hanna Damasio veröffentlichte Hirn-Atlas gehören wahrscheinlich mit zum Besten, was die Hirnforschung heute zu bieten hat.

Zum Erfolg des Forscherpaares trägt auch das Umfeld in Iowa bei.

Der moderne Krankenhauskomplex, der sich auf einem Hügel über dem Kleinstädtchen Iowa-City erhebt, beherbergt das größte universitäre Lehrhospital des Landes. Allein in die neurologische Klinik kommen pro Jahr rund 14 000 Patienten. Und die Menschen in diesem eher langweiligen Landstrich Amerikas sind verläßlich. "99 Prozent unserer registrierten Patienten kommen zu Nachfolgeuntersuchungen, wenn wir sie anrufen", meint Antonio, und seine Frau ergänzt: "In New York könnten wir eine solche Arbeit nicht machen. Hier dagegen haben die Menschen noch Verantwortungsgefühl."

Die Damasios selbst sind dagegen eher Großstadtbürger. Beide lieben Kunst und Musik und flüchten am Wochenende oft in ihre Chicagoer Zweitwohnung. Ihr Haus in Iowa beherbergt eine ganze Galerie zeitgenössischer Malerei, auf dem Wohnzimmertisch stapeln sich neurologische Bücher, und kleine liebevolle Skulpturen zeugen vom bildhauerischen Talent Hannas. Hier gesteht Antonio Damasio auch ein, daß ihm eigentlich bei "Descartes' Irrtum" gar nicht so wohl sei. "Schließlich gibt es in Descartes' Werk Irrtümer, die viel spektakulärer sind. Vor allem in Frankreich befürchtete ich einen Sturm der Entrüstung und den Vorwurf, ich hätte den großen Denker völlig falsch verstanden.

Aber nichts davon. Meine Thesen wurden teilweise geradezu enthusiastisch aufgenommen, das Magazin Science et Vie schrieb sogar, ich hätte endlich Sigmund Freud und die Wissenschaft versöhnt", lacht Damasio.

"Aber es gab auch sehr merkwürdige Reaktionen. Eine englische Zeitung schrieb zum Beispiel, mein Buch beweise, daß Freud völlig unrecht hatte. Es ist unglaublich, was die Leute daraus machen", wundert sich der Hirnforscher.

Doch Hanna Damasio beweist, daß sie die Mechanismen des menschlichen Gehirns nicht nur auf dem Computermonitor durchschaut: "Die Leute verstehen immer nur das, was sie hören wollen - egal, was du ihnen erzählst."

COPYRIGHT: DIE ZEIT, 15/1996 ADRESSE: http://www.zeit.de/1996/15/Der_Koerper_denkt_mit